Czytaj książkę: «Lügen haben spitze Zähne – Fantasy-Kurzgeschichte zur Glas-Trilogie»

Czcionka:


Originalcopyright © 2019 Südpol Verlag GmbH, Grevenbroich

Autor: Heiko Hentschel

Umschlaggestaltung und Illustrationen: Heiko Hentschel

E-Book Umsetzung: Leon H. Böckmann, Bergheim

ISBN: 978-3-96594-047-5

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Für die Schreibnacht


„Die Ente ist böse!“, rief Konstanze aufgeregt.

„Es ist eine Gans, keine Ente.“

„Ja! Eine gans, gans böse Ente!“

Moritz seufzte. Die Stimme seiner Schwester war in den letzten Minuten stetig lauter geworden. Sie drang durch den purpurnen Vorhang hinter ihm, direkt aus dem Wohnbereich des Dampfwagens, in dem es am Abend des 22. Dezember 1811 nach Tannenzweigen und Honigkerzen duftete.

„Hast du gehört, Moritz?“ Ihr leiernder Unterton machte überdeutlich, dass sich Konstanze tödlich langweilte.

„Lass das Tier einfach in Ruhe“, rief er und widmete sich wieder seiner Arbeit. Er war über und über mit etwas bedeckt, das man durchaus für Schnee hätte halten können. Doch es handelte sich um Holz. Sehr, sehr feines Holz. Es fehlte nicht mehr viel, dann wäre das Werk vollbracht. Wenn doch nur Helene endlich auftauchen würde …

Seit gut zwei Wochen schnitzten, feilten und hämmerten sie in den Untiefen des Dampfwagens an einem Weihnachtsgeschenk für Konstanze: einem Puppenzimmer.

Für Moritz war diese Beschäftigung nach den Ereignissen im November des ausgehenden Jahres eine willkommene Abwechslung. Er brauchte Zerstreuung, um nicht ständig an das schwarze Schiff, die unheimliche kindliche Komtesse mit ihrer Glasmaske und den Tod seines Freundes und Lehrmeisters Edgar van Lichtholm zurückzudenken. Er brauchte etwas Gutes, etwas Freundliches, etwas wunderbar Weihnachtliches, auf das er seine Gedanken richten konnte. Da kam ihm das Puppenzimmer gerade recht.

Leider hatte er bei all seiner Planung nicht mit Edgars Schwester Helene gerechnet. Die Schöne mit dem durchdringenden Blick hatte sein kleines Projekt und seine Geduld mehr als einmal auf eine harte Probe gestellt. Sie war schlimmer als jede Hauslehrerin. Mal waren die Stofftapeten nicht gerade genug angebracht, dann waren ihr die Vorhänge nicht sauber genug genäht, schließlich rümpfte sie die Nase über die Anordnung der einzelnen Gegenstände in dem Miniaturzimmer. Von den Kissen und Decken ganz zu schweigen.

Insgeheim verfluchte er sich, dass er Helene überhaupt in seine Pläne eingeweiht hatte. Doch sie hätte es früher oder später ohnehin herausgefunden. Sie verfügte über die besondere Gabe, die Gedanken, Wünsche und Gefühle ihres Gegenübers durch einen bloßen Blick in dessen Augen ergründen zu können. Eine Gabe, die mit ihrem Dasein als Untote zusammenhing. Eine wunderschöne, anmutige und äußerst pedantische Untote.

Wenn es nach Moritz gegangen wäre, hätte er die Arbeiten an dem Zimmer bereits vor zwei Tagen abgeschlossen. Doch Helene fand immer noch einen Makel und ließ nicht mit sich handeln. Letzter Punkt auf ihrer detaillierten Mängelliste war eine Puppe gewesen – besser gesagt das Fehlen einer solchen. Zu dumm, dass Moritz nicht daran gedacht hatte. Er war so beschäftigt gewesen das Zimmer einzurichten, dass er das Wichtigste vergessen hatte.

Deswegen war Helene heute am frühen Abend losgezogen. Sie wollte neuen Stoff für eine Puppe in der nahen Stadt holen. Die Elster, die eigentlich zu Moritz gehörte und ihn ständig begleitete, hatte sie einfach mitgenommen. So war Moritz nun allein mit Konstanze. Allein in dem großen kupfernen Ungetüm von Dampfwagen, obwohl, ganz allein waren sie nicht … Lautes Schnattern drang durch den Vorhang.

Die Gans. Das Weihnachtsgeschenk eines Bauern, dem Moritz, Helene, Konstanze und die Elster vor wenigen Tagen geholfen hatten. Ein Willborg hatte sich unter den Dielen seiner Scheune eingenistet.

Der gemeine Willborg, im Volksmund auch Zappler genannt, konnte erheblichen Schaden anrichten, indem er ein weit verzweigtes Netz an Tunneln unter Höfen, Scheunen oder Mühlen anlegte. Meist ging dieser Quälgeist im Winter zu Werke, wo er seine großen schaufelartigen Klauen in die feste kalte Erde schlagen konnte, auf der Suche nach Mehlsäcken und Kleie. Dann grub er sich durch bis zur Oberfläche und plünderte die Vorräte. Da der Willborg nicht nur kurzsichtig war, sondern auch über einen beängstigend schlechten Geruchssinn verfügte, wunderte es nicht, dass er auf der Suche nach ein paar Körnern ein Gebiet von mehreren Hektar Land untergrub. Die Katastrophe ereignete sich dann im Frühjahr. Wenn der Schnee schmolz und die gefrorene Erde sich lockerte, sackten Höfe urplötzlich mehrere Meter in die Tiefe oder eine Mühle kippte in den Fluss. Der Schaden war kaum zu beziffern.

Gut also, dass besagter Bauer sofort reagiert hatte, als er eines Morgens seltsame Geräusche unter den Brettern seiner Scheune vernommen hatte. Und besser noch, dass Moritz und seine Freunde sich zu diesem Zeitpunkt zufällig auf dem Nachbarhof aufgehalten hatten, um ein paar Eier und Milch zu erstehen. So bekamen sie Wind von der Sache und Moritz hatte sich gleich auf die Jagd gemacht. Allerdings ganz ohne Boogelbies – jene kleinen Kreaturen, die sonst beim Aufstöbern von Monstern so herrlich nützlich waren, da sie deren Anwesenheit schon früh spürten und sofort Alarm schlugen.

Die letzten beiden Exemplare hatte er auf dem Schiff der Komtesse im Hafen von Ravenbrück zurückgelassen. Nach ihrem gemeinsamen Abenteuer hatten sie sich die Freiheit mehr als verdient.

So musste Moritz diese Aufgabe ohne seine zuverlässigen Helfer meistern. Mittels einer Reuse und einem Sack Weizenkleie gelang es ihm tatsächlich, die bizarre Mischung aus Maulwurf und Fuchs zu fangen. Zum Dank hatte der Bauer ihnen sein bestes Geflügel überlassen: Gertrude, die Gans.

„Moritz, sie schaut mich schon wieder ganz böse an! Sie hat bestimmt etwas vor! Kann ich nicht zu dir reinkommen?“

Aha, dachte Moritz, das war also der eigentliche Grund für den Radau. „Darüber haben wir doch gesprochen. Dieses Zimmer ist gesperrt. Du weißt warum!“

Schweigen auf der anderen Seite. Nur ein leises Zetern der Gans.

Plötzlich eine Bewegung am Vorhang.

„Was hast du gesagt? Ich hab dich gar nicht verstanden, weil du so leise geredet hast.“

Moritz griff nach einem Tuch und warf es über das Puppenzimmer. Große Staubwolken und Holzspäne wirbelten durch die Luft.

„Konstanze, ich hab gesagt, du sollst draußen bleiben!“

Konstanze steckte den Kopf herein, um zu erkennen, was sich hinter Moritz auf dem Tisch befand. „Was ist das?“

„Nichts! Raus mit dir! Verschwinde und lass die Gans in Frieden. Hast du gehört?“

Konstanzes Gesicht verfinsterte sich. „Aber die hat irgendetwas vor. Sie guckt immer so gemein und hinternlistig. Sie bricht bestimmt gleich aus und will mich fressen …“, ein freches Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, „… und dich auch!“

Moritz schnaufte und lief zu ihr. „Also erstens heißt es hinterlistig und zweitens glaube ich dir deine Geschichte nicht.“ Mit einem geschickten Griff hob er seine Schwester auf den Arm und trug sie zurück in den von Dutzenden Kerzen erhellten Wohnraum.

„Doch, bestimmt!“, rief Konstanze. „Sie bricht jeden Moment aus!“

Moritz setzte sie in einem Meer bestickter Kissen ab; einige waren größer als das sechsjährige Mädchen. „Wenn du sie nicht ärgerst, dann passiert gar nichts.“