Czytaj książkę: «Ermordet in Kabul»

Czcionka:

SR. HEIDEMARIE FÜHRER

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

Aus Sicherheitsgründen wurden ab dem Kapitel »Afghanistan« die Namen der meisten Personen wie auch Bezeichnungen von Volksgruppen und Sprachen geändert. Das zur Illustration verwendete Ornament ist Dari und bedeutet Kabul.

ISBN 978-3-7751-7491-6 (E-Book)

ISBN 978-3-7751-5888-6 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

© 2021SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: info@scm-haenssler.de

Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Weiter wurden verwendet:

LUT 1956: Lutherbibel, revidiert 1956/1964, ©1974 Württembergische Bibel-anstalt Stuttgart.

NLB: Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.

ELB: Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.

HFA: Hoffnung für alle ® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis – Brunen Basel

NEÜ: NeÜ bibel.heute © 2001-2012 Karl-Heinz Vanheiden, www.kh-vanheiden.de. Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Erik Pabst, www.erikpabst.de

Titelbild: Foto Simone Beck: © privat; Foto Stadt: © Ali Yasser Arwand (pexels.com)

Bildteil: © Famile Beck; außerdem S. 3: Mit freundlicher Genehmigung von OM Ships, Mosbach

Autorenfoto: Studio 9 Photoatelier/Gudrun Eckert, VS-Villingen

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach

Für Anneliese, Christine und Magdalene,

für Jonas, Niklas und Lukas.

INHALT

Über die Autorin

Vorwort

Prolog

1. Träume. Wünsche. Schmerzen.

2. Eine große Aufgabe

3. Eine große Herausforderung

4. Meer, Wind und neue Ufer

5. Leinen los!

6. Theologisches und linguistisches Studium

7. Afghanistan – grandioses Land, geschundenes Volk

8. Kabul – ein brodelnder Schmelztiegel

9. Die Sprachschule

10. Revolution mit Wörtern

11. Aufbruch in den Norden

12. Im Tal der Berufung

13. Daheim. Nicht nur im Eckhaus

14. Vom Dach der Welt

15. Lehren und Lernen unter dem Hindukusch

16. Eiseskälte und unsichere Zukunft

17. Gebrochene Flügel

Nachwort von Pfarrer Harald Grimm

Simone Beck: Ein Gedicht über die Größe Gottes – Eine Andacht zu Jesaja 40,12–31

Worte von Weggefährten

Dank

Anmerkungen

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

ÜBER DIE AUTORIN


Sr. Heidemarie Führer (Jg. 1943) ist Diakonisse der Aidlinger Schwesternschaft, Krankenschwester und Musik- und Religionspädagogin. Seit ihrem Ruhestand ist sie aktiv für die Bibellese »Zeit mit Gott« tätig.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

VORWORT

Vor meinem Fenster spielt der Wind zärtlich in einer großen Blutbuche. Ohne Widerstand lösen sich die rostroten Blätter und fallen lautlos von Ast und Zweig. Der November regiert, mal kalt, mal mild.

Auch auf meinem Schreibtisch liegen Blätter: Briefe und ausgedruckte E-Mails von einer Frau, die lange Zeit in einem fremden Land in Asien arbeitete, kämpfte, litt. Sie teilte durch diese Blätter unzählige Erlebnisse, Erfolge und Rückschläge mit Verwandten und Freunden. Mit der Zeit lerne ich, zwischen den Zeilen ihrer Texte zu lesen. Das ist wichtig. Denn sie konnte nicht immer alles schreiben, was sie gern geschrieben hätte. Sie musste vorsichtig sein, um sich und andere nicht zu gefährden.

Fotos in großer Zahl, die ebenfalls vor mir liegen, veranschaulichen ihr Lebens-Bild, schwarz-weiß und bunt. Eine Fährtensuche, meist eine Gefährten-Suche von Neuseeland bis Kanada, von der Schweiz bis an die Nordsee beschäftigt mich und diejenigen, die mir dabei helfen: die nächsten Angehörigen, Freunde und Begleiter auf verschiedenen Wegstrecken. Ich sammle Erinnerungen wie verstreute Puzzleteile. Dabei nehme ich in Kauf, dass Erinnerungen von der persönlichen Deutung des Geschehens eingefärbt sind. Doch davon lebt diese Geschichte. Wir können nie alles in Augenschein nehmen. Das Unsagbare wissen wir nicht. Wir fühlen es.

Die vielen Länder, in denen Simone Beck unterwegs war, habe ich nie besucht. Ich muss deshalb mit Karten und Bildbänden vorliebnehmen, um die jeweilige Atmosphäre der Städte und Landschaften beschreiben zu können.

Ein kleines Aufnahmegerät, das einem Rasierapparat ähnelt, liegt bei den Papieren. Auf manchen Bildern hält Simone Beck ein solches Gerät in der Hand. Damit fing die Linguistin, die Sprachforscherin, in einem weltentrückten Hochtal unter dem Hindukusch Wörter, fremde Laute und unbekannte Geschichten ein, um die Sprache der Volksgruppe dort zu verschriftlichen. Es ist ein unscheinbares technisches Gerät, doch es stellt für mich eine winzige Verbindung zu einem Menschen her, den ich nicht persönlich gekannt habe, dessen Geschichte ich aber erzählen will. Und es verbindet mich noch etwas mit ihr: Die Liebe zu Gottes Wort, das lebendig, stark und tröstlich ist. Simone Beck hat einen hohen Preis dafür bezahlt, als Christin und Sprachforscherin irgendwo in Asien zu leben und zu arbeiten. Bescheiden, entschlossen und mit großer Hingabe lebte und wirkte sie unter den Menschen, die sie liebte. Sie arbeitete zäh und ausdauernd an einem großen Sprach- und Schriftprojekt.

Viele Frauen und Männer, allein oder mit ihren Familien, setzen in ähnlicher Weise ihre Kraft ein als Ärzte, Ingenieure, Brunnenbauer, Piloten, als Krankenschwestern und Hebammen. Und dies oft unter schwierigen Bedingungen an vielen Orten der Welt, auch in Westasien. Darum möchte ich diese Geschichte von Simone Beck stellvertretend auch für sie erzählen.

Wer dieses Buch liest, sollte es tun wie ein Bergsteiger: ruhig und gleichmäßig die Höhe gewinnen. Dort, das sei schon gesagt, wird er auf eines jener Rätsel stoßen, die auf Erden nicht gelöst werden können.

Ich wünsche mir, dass Gott jeden Leser segnen, berühren und ermutigen möge.

Sr. Heidemarie Führer

Villingen, im November 2019

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

PROLOG

Nun öffnete das Lamm das fünfte Siegel.

Da sah ich am Fuß des Altars die Seelen derer,

die umgebracht worden waren, weil sie an Gottes Wort festgehalten

und sich zur Botschaft von Jesus bekannt hatten.

Mit lauter Stimme riefen sie:

»Du heiliger und gerechter Herrscher!

Wie lange dauert es noch,

bis du über die Bewohner der Erde Gericht hältst

und sie dafür zur Rechenschaft ziehst,

dass unser Blut an ihren Händen klebt?«

Daraufhin

erhielt jeder von ihnen ein weißes Gewand,

und es wurde ihnen gesagt,

sie sollten noch eine kurze Zeit Geduld haben.

Ihre Zahl sei noch nicht vollständig;

denn auch unter ihren Geschwistern,

die wie sie Gott dienten, gebe es noch solche,

denen es bestimmt sei,

dasselbe Schicksal zu erleiden

und für ihren Glauben zu sterben.

Offenbarung 6,9-11 (NGÜ)

Mai 2017. Es ist Nacht in Kabul. Eine milde Wärme liegt über der dunklen Stadt. Kaltes Mondlicht fließt über die Hügel und die schneebedeckten Gipfel der Berge ringsum. Ein heftiger Wind rüttelt schon seit Stunden an den klapprigen Türen und Fensterläden der Häuser. Im siebten Polizeidistrikt haben sich die Bewohner eines Compounds in ihre Wohnungen zurückgezogen. Der Wachmann genießt hinter dem Tor, das zu dem Wohnkomplex führt, sein einfaches Abendbrot.

Ein Auto hält vor dem Tor. Türen werden zugeschlagen. Es wird energisch an die metallene, blau gestrichene Tür geklopft. Der Wächter öffnet. Sie töten ihn schnell und lautlos.

Zwei Frauen sitzen gemütlich beim Abendessen. Sie haben sich viel zu erzählen. Eine von ihnen hört verdächtige Geräusche, die andere meint, es sei der Wind. Doch schon stehen dunkle Gestalten im Türrahmen. Ein gellender Schrei zerreißt die Stille. Drei Schüsse aus nächster Nähe treffen eine der beiden Frauen tödlich, die andere wird betäubt und schnell weggeschleppt. Der Wagen fährt mit quietschenden Reifen davon.

Grauweiße Wolken schieben sich wie ein Schleier vor den bleichen Mond.

Es ist 19:30 Uhr, Ortszeit.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]


1. TRÄUME. WÜNSCHE. SCHMERZEN.

Denn ich weiß wohl,

was ich für Gedanken über euch habe,

spricht der Herr:

Gedanken des Friedens

und nicht des Leides, dass ich euch gebe

Zukunft und Hoffnung.

Jeremia 29,11

Sie lag schon eine Weile im Bett, als sie die Schritte der Mutter hörte. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Was würde die Mutter zu ihrem großen Traum sagen? Wie jeden Abend sprachen sie noch eine Weile über den vergangenen Tag. Dann beteten sie miteinander und wünschten sich eine gute Nacht. Die Mutter war schon auf dem Weg zur Tür, da sagte Simone plötzlich:

»Mama, ich will Missionarin werden. Darf ich das?«

Völlig überrascht machte die Mutter kehrt, setzte sich noch mal zu Simone ans Bett und nahm ihre Hand.

»Missionarin? Natürlich darfst du das, Simone. Aber wie kommst du denn darauf?«

In einigen Jungscharstunden war die Geschichte von Gladys Aylward erzählt worden. Die schottische Missionarin hatte mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, ehe sie nach China ausreisen konnte. Da Simone auch täglich mit vielen Schwierigkeiten kämpfen musste, wurde Gladys für sie mehr und mehr zum Vorbild. Eine Missionarin wie Gladys, das wollte sie werden. Davon träumte sie.

Simones Mutter lag in dieser Nacht noch lange wach. Sie war vom Wunsch ihrer Tochter berührt und bewegt. Wie in einem Film zogen die vergangenen Jahre an ihr vorbei. Sollte Gott ihre Gebete erhört haben?

Anneliese, die Mutter von Simone, stammt aus dem Hohenlohischen, aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Crailsheim. Als es um die Berufswahl ging, war sie unschlüssig, ob sie Kindergärtnerin oder Krankenschwester werden sollte. Ihr Konfirmator riet ihr eher zu Kindern als zu Kranken und vermittelte ihr einen Ausbildungsplatz bei den Großheppacher Diakonissen. Das Leitwort der Schwesternschaft: »Wir können Gott nur dadurch dienen, dass wir den Menschen dienen«, ist Anneliese Beck bis heute wichtig. Nach ihrer Ausbildung und einiger Erfahrung im Beruf wurde sie von der Oberin gebeten, einen Kindergarten in Dettingen an der Erms zu übernehmen. Dafür waren Pioniergeist, Durchhaltevermögen und Kreativität gefragt. Dies alles brachte die junge Frau reichlich mit. Trotzdem war die Aufgabe nicht einfach. Dass sie bald ihren Mann kennenlernte, versüßte die Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatte.

Es war damals üblich, dass auch die sogenannten Verbandsschwestern, die nicht der Diakonissen-Gemeinschaft angehörten, eine Tracht trugen. Deshalb erschien Schwester Anneliese an ihrem Dienstort im Outfit der Verbandsschwester. Walter Beck hatte als kleiner Junge von »seiner Großheppacher Kinderschwester Regine« geschwärmt. Inzwischen war er ein Industrie-Elektroniker, ein echter schwäbischer Tüftler. Sonntags besuchte er regelmäßig den Gottesdienst. Von der Empore aus, wo Anfang der 1960er-Jahre in der Dettinger Kirche noch alle Männer saßen, entdeckte er die Schwester mit ihrer weißen Haube. Die Dinge nahmen langsam, aber stetig, ihren Lauf.

Am 9. September 1967 war die Hochzeit, zwei Jahre später wurde Tochter Christine geboren, ein Jahr danach kam der Umzug ins eigene Haus. Und dann, im April 1973, wurde die Geburt des zweiten Kindes erwartet.

An einem regnerischen Mittwoch, es war der 25. April, setzten die Wehen ein, und Walter Beck fuhr seine Frau zur Entbindung ins Krankenhaus nach Bad Urach. Dort ging alles sehr schnell. Um 15:40 Uhr kam ein Mädchen auf die Welt, das schon längst die Stimme seiner Mutter gehört hatte. Doch als Anneliese Beck zum ersten Mal die Stimme ihres Kindes hörte, schrie es so sehr, dass sie bis heute diese nicht enden wollenden, verzweifelten Schreie im Ohr hat, sooft sie daran denkt. Das war nicht das erste natürliche Nach-Luft-Schnappen, damit sich die Lunge entfalten und das Neugeborene auf das Leben außerhalb des Mutterleibes einstellen kann. Nichts war, wie es sein sollte. Die kleine Simone schrie und schrie und schrie. Niemand wusste Rat, niemand vermochte das Kind zu beruhigen, niemand konnte sich erklären, was dem Kind fehlte.

Die Mutter durfte das Kind nicht lang in den Armen halten. Um sie herum schnelle Schritte, ernste Mienen, gedämpfte Gespräche; zuckendes Blaulicht spiegelte sich in den Fensterscheiben. Eilig wurde ein Inkubator vorbereitet, eine Box, in der das Kind unter bestmöglichen Bedingungen nach Reutlingen in die Kinderklinik transportiert werden konnte. Die erschütterte Mutter blieb fassungslos zurück und bekam zunächst wenig Auskunft über den Zustand ihres Babys. Auf wiederholtes inständiges, drängendes Fragen nach ihrem Kind sagte schließlich jemand: »Es sieht nicht rosig aus.«

Simone wurde zwei Tage später in die Kinderklinik der Universität Tübingen verlegt. Dort traf das kleine Menschlein schon sterbend ein. Die Chirurgen öffneten kurzerhand den Brustkorb, denn die schwere Atemnot des Kindes deutete auf einen Verdrängungsprozess hin, der die Lungenflügel einklemmte und zusammendrückte. Viel Zeit blieb nicht. Zwar war kein Tumor vorhanden, dafür aber Luft, die – laienhaft ausgedrückt – aus einem Riss in der Lunge in den Brustraum strömte. Die Ärzte sprachen von einem Pneumothorax. Das Kind wollte durch das Schreien Atem schöpfen und bekam doch nicht genügend Luft in die Lungen, weil die Luft durch den Spalt wieder in den Brustraum strömte. Was die Ärzte machen konnten, taten sie so schnell wie möglich, um das Leben von Simone zu retten.

Simones Mutter hatte beschlossen, Gott zu vertrauen, dass sein Plan für Simone gut war – wie auch immer der aussehen würde. Obwohl sie dunkle Stunden durchlebte und Zweifel an ihr nagten, betete sie für Simone genauso, wie sie es auch für Christine getan hatte: dass sie eines Tages Gott und seinen Sohn Jesus Christus erkennen und lieben und ihm ihr Leben anvertrauen würde.

Täglich besuchten die Eltern ihre Tochter in der Tübinger Kinderklinik. Sie mussten hilflos mit ansehen, wie ihr Kind ums Leben kämpfte, und durften es nicht einmal berühren und liebkosen. Das war hart. Und kein Arzt konnte ihnen sagen, ob Simone überleben und wieder gesund werden würde. Daheim konnte es die dreieinhalb Jahre ältere Christine kaum erwarten, endlich Simone zu sehen.

»Simone darf nicht besucht werden!«, lasen die erschrockenen Eltern eines Tages an der Tür zum Kinderzimmer. Wegen einer schweren, ansteckenden Lungenentzündung war das Baby isoliert worden. Wieder eine niederschmetternde Nachricht, noch eine Lebensbedrohung für das kleine Kind. Den Eltern blieb nichts anderes übrig, als wieder nach Hause zu fahren, zu beten, zu hoffen und zu bangen. Was kaum zu erwarten war, geschah: Simone überwand die Infektion und erholte sich langsam von ihrer schweren Erkrankung. Es lässt sich nicht einmal genau erklären, wie der Riss verheilte und die Atemluft endlich die Lungen füllte. Vermutlich verklebte die offene Stelle, und einwachsende Zellen heilten mit der Zeit den Schaden. Es war ein Wunder. Am 25. April war Simone geboren worden, am 29. Juni konnten die Eltern sie endlich nach Hause holen.

Beim Abschied meinte ein besorgter Arzt: »Sie müssen damit rechnen, dass Simone bleibende Schäden von dieser Erkrankung davongetragen hat. Die Sauerstoffversorgung des Gehirns war leider nicht immer gut.« Dies erfüllte die Eltern mit großer Sorge.

Versetzen wir uns in die Lage von Simone: Sie erlebte nach neun Monaten Leben ihre erste schmerzliche Ent-Bindung aus einem Raum der Geborgenheit und Sicherheit. Und anstatt von den Armen der Mutter aus ihre neue und fremde Umwelt betrachten zu können, brach plötzlich über sie eine unerwartet wilde, bedrohliche Welt herein. Im Gegensatz zu den Erwachsenen konnte sie nichts davon erzählen, wie sie in diesen Wochen gelitten, wie ungeborgen sie sich gefühlt hatte. Sie konnte niemandem sagen, welche Ängste sie durchlebt hatte, wie viele fremde Stimmen sie erschreckt, wie viele bedrohlich große Gesichter sich über sie gebeugt, welche Eingriffe ihr Schmerzen bereitet hatten. Da war nur ein stummer Schrei völliger Verlassenheit in ihr, der aus der Tiefe kam. Den hörte kein Mensch, nicht einmal sie selbst. Sie nahm einen verborgenen Riss mit in ihr Leben, von dessen Vorhandensein ihr nichts bewusst war.

Aber es gibt jemand, der stumme Schreie hört: ihr Schöpfer. Gott heilt auch die verborgenen Wunden. Hier scheint ein Grund zu liegen für eine enorme Stärke, für eine erstaunliche Willens-, Widerstands- und Schaffenskraft, die Simone in späteren Jahren an den Tag legen wird. Dazu kommen ihr der Pioniergeist und die Kreativität der Mutter und der Erfindergeist des Vaters zugute.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]


2. EINE GROSSE AUFGABE

Herr,

ich danke dir dafür, dass du mich so wunderbar

und einzigartig gemacht hast!

Als ich gerade erst entstand, hast du mich schon gesehen.

Alle Tage meines Lebens

hast du in dein Buch geschrieben –

noch bevor einer von ihnen begann!

Wie überwältigend

sind deine Gedanken für mich,

o Gott,

es sind so unfassbar viele!

Sie sind zahlreicher als der Sand am Meer;

wollte ich sie alle zählen,

ich käme nie zum Ende!

Psalm 139,14.16-18 (HFA)

Das unauffällige, mehrgeschossige Eckhaus der Familie Beck liegt an einer breiten Straße und hat eine Doppelgarage mit einer großzügigen Auffahrt davor. Rechts von der Haustür rankt sich Efeu an der Mauer hoch, manchmal verdeckt es die Hausnummer. Da das Anwesen an der Straße liegt, hat mich die Stille und der weite Blick auf der Rückseite des Hauses überrascht: Sanft ansteigende Streuobstwiesen, ein kleiner Bach murmelt munter den Hang herunter, ein schmaler Weg schlängelt sich hinauf bis zum Hochplateau der Schwäbischen Alb.

Christine hatte sich sehr über die Ankunft ihrer kleinen Schwester gefreut. Immer wieder schlich sie zu dem Stubenwagen, in dem Simone meistens schlief. Endlich hatte sie jemand, mit dem sie bald richtig spielen und sprechen konnte. Die Erwachsenen waren dazu nicht immer zu gebrauchen. Wenn sie mit der Mutter einkaufen ging, durfte sie sich meistens etwas aussuchen. So war es auch bald nach dem Einzug von Simone. Christine wählte diesmal zehn bunte Kaugummikugeln aus, die sie in den Einkaufswagen legte. Zu Hause angekommen, lief sie gleich zu ihrem Schwesterchen und schob ihr eine leuchtend rote Kugel in den Mund. Simone freute sich sichtlich darüber. Deshalb opferte Christine alle ihre Kugeln. Als gerade das letzte Objekt der Freude im Mund des Babys verschwand, kam die Mutter ins Zimmer und war hell entsetzt. Simone konnte – glücklicherweise – noch nicht kauen, nur lutschen und schlucken. Und so kamen die Kugeln einige Zeit später auf natürliche Weise wieder ans Tageslicht.

Ein Problem hatte die mangelnde Durchblutung des Gehirns nach Simones Geburt verursacht: Sie hatte das Gebiet, das für das Verhältnis von Hunger und Sättigung zuständig ist, aus dem Gleichgewicht gebracht. Simones Gehirn meldete nicht: Du bist satt! Die Mutter musste diese Aufgabe übernehmen. Umgekehrt muss Simone immer unter einem Hungergefühl gelitten haben. Wie soll das ein Kind verstehen? Außerdem fand ein Kinderarzt heraus, dass Simone unter starken Kopfschmerzen litt, deren Auslöser eine starke Sehschwäche war. Simone war zäh und ausdauernd, wenn sie trotz ihrer Einschränkungen etwas erreichen wollte. Das zeigte sich auch beim Klettergerüst auf dem Spielplatz. Sie ruhte nicht, bis sie – nach vielen Anläufen – die Spitze erreicht hatte.

Nach der Geburt von Magdalene war das Dreimädelhaus komplett. Rechnet man noch alle Freundinnen der drei hinzu, so ging es im Beck’schen Eckhaus meist lebhaft und lustig zu. Und hinter dem Haus war genügend Platz, um zu toben und zu spielen.

Die Familie konnte wenig zusammenhängenden Urlaub machen. Der Vater, der elektronische Steuerungen für Pressen, Zentrifugen, Förderbänder und Tunnelbohrmaschinen entwickelte, musste erreichbar sein. Falls eine Steuerung nicht richtig funktionierte und zum Beispiel ein Transportband ausfiel, musste der Schaden schnell behoben werden, um die Firma vor größeren Verlusten zu bewahren. Als Urlaubsersatz stand bei der Familie Zelten am Bodensee hoch im Kurs. Auch wenn es nur ein verlängertes Wochenende war, genossen es alle. Außerdem wurde viel und stramm gewandert. Die Mutter musste zwar manche Überredungskunst anwenden, um die Mädels dafür zu gewinnen, aber wenn erst einmal alle auf der Strecke waren, dann gab es kein Halten mehr. So wurde die nähere und weitere Umgebung erobert. Die Eltern erzählten vom »Stuttgarter Hutzelmännchen«, vom Blautopf und der »schönen Lau« und andere Geschichten, nicht nur vom Dichter Eduard Mörike. Schier unerschöpflich waren die Sagen um die Burgen und Schlösser auf der Schwäbischen Alb.

In Dettingen fanden immer wieder sogenannte Zelt-Evangelisationen statt, eine intensive Verkündigung des Evangeliums an mehreren Abenden hintereinander. In dieser Zeit wurde auch den Kindern ein spannendes extra Programm geboten. »Die Dettinger Kinder kamen in Scharen zu den Nachmittagen. Die waren einfach großartig«, erinnern sich Christine und Magdalene. Simone war auch eifrig dabei. Immer wieder sprach sie von ihrem großen Traum: »Ich will Missionarin in China werden!« Später erwähnte sie unter dem Stichwort »innerer Werdegang« die regelmäßige Teilnahme am Kindergottesdienst. Auch dort kann der Grund für die spätere Berufung gelegt worden sein. Die verborgenen Impulse, die Gott in ein Leben hineinsendet, sind immer die spannendsten. Simone erzählte weder damals noch später viel davon. Aber jede Biografie von Missionaren, die sie in die Hände bekam, verschlang sie; sie war dann kaum noch ansprechbar, so sehr fesselten sie diese Lebensbilder.

Simone wurde mit der Zeit selbstbewusster. Sie ging gern in die Schule, zumal sie immer mehr entdeckte, was sie alles konnte. Die Entwicklung des Säuglings, der – vom Lebenskampf gezeichnet – in seinem Bettchen lag, bis zu der fröhlichen Schulanfängerin ist beeindruckend. Rein äußerlich waren beim Schuleintritt die Zeichen des erlittenen Traumas überhaupt nicht mehr zu sehen. Vermutlich hat der Neurobiologe Gerald Hüther 1 recht, wenn er schreibt, dass der Mensch bei seiner Geburt noch über einen gro-ßen Überschuss an Nervenzellen verfügt. Dieses Reservoir kann vom Körper genutzt werden, um Verbindungen, die vor der Geburt noch nicht hergestellt wurden, danach doch noch zusammenzuschalten. Gott, unser Schöpfer, schickt uns also mit einem Überschuss auf die Welt! Er gibt uns mehr, als wir brauchen. Ein bedingungsloser Vorschuss der Liebe Gottes. Und wenn man es recht bedenkt, dann ist dieses großzügige Angebot an Möglichkeiten nicht nur auf die Nervenzellen im Gehirn beschränkt.

»Du bist unser Wunderkind«, sagte die Mutter oft zu Simone, die das gar nicht gerne hörte. Aber es wirkten viele wunderbare Dinge zusammen: offensichtliche, wie die aufmerksame Zuwendung der Mutter, die Gemeinschaft der Geschwister untereinander, die Ruhe des Vaters, der gesicherte Rückzugsort im Haus; dann auch verborgene, wie die geheimnisvolle Wirkungsweise des kindlichen Gehirns, das, richtig angeregt, erstaunliche Leistungen vollbringen kann. Und nicht zu vergessen, die Gebete der Mutter und die Fürbitte all derer, denen die Heilung von Simone auf dem Herzen lag.

Nach dem Besuch der Schillerschule (Grundschule) in Dettingen wechselte Simone 1984 ins Graf-Eberhard-Gymnasium in Bad Urach. Ein Mitschüler charakterisierte sie einmal mit einem kleinen Reim: »Simone spricht immer leise, aber was sie sagt, ist weise.« Sie gehörte zu den Besten ihrer Klasse.

Die Konfirmation und die Vorbereitung darauf nahm Simone sehr ernst. Sie war stiller als sonst, in sich gekehrt. Vielleicht machte sie es an ihrer Konfirmation noch einmal entschlossen fest: »Mein Gott, ich will dir als Missionarin unter fremden Völkern dienen. Und darauf will ich mich gut vorbereiten.« Ihr Konfirmationsspruch, den ihr Pfarrer Werner Beuerle zusprach, bestätigte diesen Wunsch und verstärkte ihn: Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben (Römer 1,16; LUT 1956). Dieses Bibelwort begleitete sie ihr ganzes Leben.

Obwohl sie das Abitur spielend geschafft hätte, ging Simone nach der zehnten Klasse vom Gymnasium ab. Ihr Argument: »Ich will Missionarin werden. Dazu brauche ich kein Abi, aber einen Beruf.« Zunächst ließ sie sich auf der Fachschule für Sozialpädagogik in Weinstadt zur staatlich anerkannten Erzieherin ausbilden und sammelte danach von 1994 bis 1998 Erfahrungen in ihrem Beruf. Diese Zeit war aber auch eine Zeit der Unsicherheit, eine Zeit des Fragens und Suchens: Wie soll es weitergehen? Soll ich wirklich Missionarin werden? Oder war alles doch nur ein kindlicher Einfall? Nur ein Traum? Wenn es aber kein Traum, sondern Gottes Ziel für mich ist, wie kann ich mich am besten dafür vorbereiten?

Durch Freunde kam sie in Kontakt mit Operation Mobilisation (OM) in Mosbach. In dieser idyllischen Kleinstadt im Odenwald ist das Missions- und Hilfswerk mit dem ungewöhnlichen Namen angesiedelt. Von einer zur Zentrale umgebauten alten Mühle aus werden die internationalen Aufgaben in aller Stille bearbeitet und organisiert. OM hat rund 3500 Mitarbeiter in über 110 Ländern.

1994 ging Simone nach London zu einem vierwöchigen Sommereinsatz mit OM England. Das tat nicht nur ihren englischen Sprachkenntnissen gut, sondern sie lernte auch die Arbeitsweise von OM näher kennen. Außerdem studierte sie gründlich Bücher und Broschüren der Organisation. Dabei faszinierte sie die weltweite Arbeit von OM Ships. Sie bekam auch die neu veröffentlichte schmale DIN-A4-Broschüre über die Geschichte dreier außergewöhnlicher Schiffe – Logos, Doulos, Logos II – in die Hand. Auf dem Klappentext las sie:

»Vor 30 Jahren konnte sich niemand vorstellen, dass es dieser internationalen Gruppe von jungen Menschen tatsächlich gelingen würde, dieses schier unmögliche Vorhaben zu verwirklichen: Ein Schiff zu kaufen, es umzubauen und damit die Häfen der ganzen Welt zu besuchen, um die gute Nachricht zu verkünden und den Menschen vor Ort direkte Hilfe zu leisten … Heute haben bereits mehrere Tausend Menschen nicht auf einem, sondern auf drei Schiffen gearbeitet … – zusammen haben sie mehr als 130 Länder besucht und über 26 Millionen Menschen beherbergt (oft mehrere Tausend Besucher pro Tag).«

Nun beschäftigte sich die junge Frau mit den klar umrissenen Bedingungen und den Möglichkeiten eines solchen Schiffseinsatzes, die dazu herausforderten, mehr aus dem eigenen Leben zu machen und anderen Menschen auf der Welt Bildung, Hilfe und Hoffnung zu bringen. Fand der Einsatz an Land statt, wurden Gemeinden unterstützt, Krankenhäuser, Altenheime, Schulen besucht, um auf die jeweilige Situation zugeschnittene evangelistische oder soziale Projekte durchzuführen. Das waren sehr breit gefächerte Angebote, die den eigenen Horizont erweiterten. Vorausgesetzt: Man hielt durch und kam in den Genuss all des Segens, der in dieser Arbeit steckte.

Was Simone über die Schiffs-Arbeit erfahren, was sie bei Besuchen von OM Deutschland in Mosbach an Gemeinschaft erlebt hatte, verstärkte in ihr den Wunsch, sich zu diesem Dienst und Wagnis aufzumachen. Sie betete um Gewissheit, besprach sich mit guten Freunden und ihrem Gemeindepfarrer. Bald war sie sicher, dass sie sich für einen zweijährigen Missionseinsatz auf der Doulos bewerben sollte. Dieses Schiff bereiste damals besonders die asiatische Welt, Indien, den Nahen Osten und Ostafrika. Es schreckte Simone nicht ab, dass sie mit äußerst harten Bedingungen konfrontiert werden könnte. Sie wollte die Nagelprobe machen: Tauge ich zur Missionarin? Kann ich Schwierigkeiten aushalten? Ertrage ich auch problematische klimatische Verhältnisse? Kann ich mich auf völlig anders geprägte Menschen um der Liebe Jesu willen einlassen? Oder träume und rede ich nur davon?

Nach verschiedenen Gesprächen mit der Personalführung in Mosbach wurde sie als Mitarbeiterin auf dem Missionsschiff Doulos angenommen. Nach und nach fand sie für den freiwilligen zweijährigen Schiffseinsatz auch einen Kreis, der sie während dieser Zeit verbindlich mit Gebeten und finanziell unterstützte.

Am 4. August 1996 war es so weit. Vor der versammelten Gemeinde in der Stiftskirche von Dettingen, in der sie konfirmiert worden war, wurde sie für den Dienst auf der Doulos ausgesandt und gesegnet. Hans-Jörg Dinkel, der Gemeindepfarrer, mit dem sie viel über ihren Einsatz gesprochen hatte, sagte unter anderem: »Gott hat Ihnen die Tür geöffnet für einen Dienst auf dem Missionsschiff Doulos … Dass dies kein normales Schiff ist, zeigt schon sein Name. ›Doulos‹ heißt Knecht, Sklave. Es stellt sich Gott ganz zur Verfügung zur Verbreitung des Evangeliums in der Welt. Ich meine, auch bei Ihnen die Bereitschaft zu erkennen, sich ganz dem Herrn Jesus Christus zur Verfügung zu stellen. Das ist großartig. Auch für eine Gemeinde, wenn sie solche jungen Leute in ihrer Mitte hat. Das bedeutet auch für uns ein bleibender Segen, auch wenn Sie von hier weggehen. Aber das macht anderen Mut, es auch so mit Gott zu wagen.«

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
03 kwietnia 2025
Objętość:
225 str. 42 ilustracji
ISBN:
9783775174916
Wydawca:
Hänssler
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki