Czytaj książkę: «Der verschwundene Kanzleirat»
Hans Scherfig
Der verschwundene Kanzleirat
Saga
Der verschwundene Kanzleirat Übersetzt vonRuth Stöbling Originaltitel Den forsvundne fuldmægtigCopyright © 1992, 2019 Hans Scherfig and und SAGA EgmontAll rights reservedISBN: 9788711842812
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk
– a part of Egmont www.egmont.com
Der Autor:
Der dänische Schriftsteller und Maler Hans Scherfig (1905-1979) erfreut sich in einer Heimat großer Popularität. Das liegt zum einen an seinen satirischen Kriminalromanen - die auch in mehrere Sprachen übersetzt wurden –, zum anderen an den großen Zeitromanen "Idealisten" und "Schloß Frydenholm", in denen Scherfig schonungslos die schmähliche Kapitulation der dänischen bürgerlichen Gesellschaft vor den deutschen Nazis beschreibt.
Bei GRAFIT sind außer dem vorliegenden Buch von Hans Scherfig bisher erschienen:
"Der versäumte Frühling", Krimi; "Schloß Frydenholm", Politthriller.
In Vorbereitung: "Der tote Mann", Kriminalroman.
Erster Teil
1
Anfang Oktober vorigen Jahres verschwanden in Kopenhagen zwei Männer. Ihr Verschwinden wurde der Polizei im Abstand von wenigen Tagen gemeldet. Sonst gab es zwischen den beiden Vermißten offensichtlich keinen Zusammenhang.
Der eine war ein Einsiedler und Sonderling, der in äußerst schwierigen finanziellen Verhältnissen lebte. Der andere ein Familienvater und Beamter, in jeder Beziehung gesichert und versorgt. Lebensweise und Charakter der beiden waren so verschieden wie nur denkbar.
Wenn die Polizei die beiden Fälle dennoch miteinander in Verbindung brachte, lag dies vor allem daran, daß es hier wie dort nicht möglich war, auch nur den geringsten Grund für das Verschwinden zu ermitteln. Ein anderer Umstand, der der Polizei auffällig erschien, war die Gleichaltrigkeit der beiden. Sie waren im selben Jahr geboren. Daß man dieser Kleinigkeit Beachtung geschenkt hatte, mochte wie ein Zufall aussehen, trug jedoch zur Aufklärung bei.
Es konnte ziemlich schnell ermittelt werden, daß zumindest einer der beiden Männer auf eine unheimliche und befremdende Weise Selbstmord begangen hatte. Aber es dauerte eine Zeitlang, bevor man herausbekam, welcher der beiden es war. Erst als der Abschiedsbrief des Selbstmörders eintraf, ließ sich die Identität des Toten feststellen, der auf dem Amager fælled gefunden worden war.
Daß die Polizei erst etliche Tage nach dem Selbstmord von diesem Abschiedsbrief Kenntnis erhielt, lag ausschließlich an dem Ordnungssinn und dem Pflichtgefühl eines Ministerialrats im Kriegsministerium. Man kann einem Beamten seinen Ordnungssinn nicht zum Vorwurf machen. Doch im vorliegenden Fall wurde aus diesem ungewöhnlichen Grund die Arbeit der Polizei und die Aufklärung der Affäre verzögert und erschwert.
Aber auch nachdem der erwähnte Abschiedsbrief bekannt war, blieb vieles dunkel und unerklärlich. Die Polizei brauchte fast ein ganzes Jahr, bis der Fall als endgültig geklärt betrachtet werden konnte. Man arbeitete in aller Stille mit dem vorliegenden, sehr dürftigen Material. Es war eine äußerst gewissenhafte und sorgfältige Arbeit, bei der kein noch so geringfügiger Umstand außer acht gelassen wurde. Einige anscheinend völlig bedeutungslose Hinweise, die die Polizei von Privatpersonen erhielt – vor allem von einem Friseur aus Nordseeland und von einem ehemaligen Oberstudienrat der Metropolitanschule –, erwiesen sich als von entscheidender Bedeutung.
Es war eine der schwierigsten Aufgaben, vor der die Polizei je gestanden hatte. Als das Ergebnis vorlag, rief es sowohl eine Sensation als auch allgemeine Bewunderung hervor. Und es hatte sicherlich seine Richtigkeit, wenn die Zeitungen schrieben, die Aufklärung dieses höchst sonderbaren Falles sei der vorbildlichen Organisation und der ausgezeichneten Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Abteilungen der Polizei zu verdanken.
In diesem Zusammenhang war sicherlich auch der neugeschaffene einheitliche Polizeiapparat von entscheidender Bedeutung.
2
Die erste Anzeige erhielt die Polizei von Frau Amsted.
Sie rief abends gegen acht im Polizeipräsidium an. Ihr Mann, Kanzleirat Teodor Amsted, war noch nicht aus dem Büro zurückgekehrt. Er pflegte sonst immer genau zwanzig Minuten nach fünf nach Hause zu kommen. Er war ein sehr pünktlicher Mann. Er verließ das Büro in dem roten Ministerialgebäude um fünf Uhr. Und für den Nachhauseweg bis zu seiner Wohnung auf Gammelholm brauchte er genau zwanzig Minuten. Er nahm stets den kürzesten Weg und behielt ein zügiges, gleichbleibendes Tempo bei.
Er legte darauf Wert, mitten auf die Gehwegplatten zu treten und die dazwischenliegenden Fugen zu meiden. Es war auch wichtig, daß er auf bestimmte Gullydeckel trat, die es auf seinem Weg gab. Und wenn es doch einmal vorkam, daß er, in Gedanken versunken, diese Pflicht vergaß, konnte er sich umdrehen, zurückgehen und fest auf den Gullydeckel treten. Er war ein Pflichtmensch und fühlte sich nicht wohl, wenn er versäumte, was er zu tun hatte.
Nur wenn das Wetter sehr schlecht war, fuhr er mit der Straßenbahn. Zeitlich gesehen machte das jedoch keinen Unterschied. Die Straßenbahnlinien lagen so unpraktisch. Er konnte nur zwei Haltestellen weit fahren. Er stieg bei dem Standbild Niels Juels aus und mußte dann die ganze Niels-Juelsgade und auch noch ein Stück die Herluf-Trollesgade hinuntergehen.
Frau Amsted hatte natürlich auch in der Dienststelle ihres Mannes angerufen. Und ein Regierungsassessor, der Überstunden machte, konnte ihr mitteilen, daß Kanzleirat Amsted bereits gegen zwei Uhr gegangen war. Er hatte einen Brief erhalten, der ihn offensichtlich stark beeindruckte. Der Kanzleirat war sehr nervös gewesen und hatte seine braune Aktenmappe und seinen Spazierstock vergessen.
Diese Auskunft verängstigte Frau Amsted sehr. Und nachdem Stunde um Stunde verging, wußte sie sich keinen anderen Rat, als die Polizei anzurufen.
Selbst wenn etwas Außergewöhnliches passiert war, hätte ihr Mann doch zu Hause anrufen können. Er hatte niemals Geheimnisse vor ihr gehabt. Ihre Ehe war vollkommen glücklich. Es war ganz undenkbar, daß einer von ihnen allein ausging. In den achtzehn Jahren ihrer Ehe waren sie unzertrennlich gewesen. Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wer ihrem Mann geschrieben haben mochte und warum der Brief an das Ministerium statt an die Adresse in der Herluf-Trollesgade gerichtet worden war.
Daß es eine andere Frau geben sollte, die er kannte und mit der er im Briefwechsel stand, ohne daß Frau Amsted etwas davon wußte, war völlig ausgeschlossen. Sie wußte alles über ihren Mann. In seinem Leben, in seiner Seele und an seinem Körper gab es nichts, was sie nicht kannte und kontrollierte.
»Ja, ja, warten wir erst einmal ab«, sagte man im Polizeipräsidium. Wenn er überfahren oder anderswie zu Schaden gekommen wäre, hätte man davon durch die Feuerwehr oder den Rettungsdienst Falck erfahren. Weder in den Krankenhäusern der Stadt noch der Umgebung war ein Verletzter eingeliefert worden, der Teodor Amsted hieß, oder irgend jemand, dessen Name unbekannt war.
Das beruhigte Frau Amsted jedoch ganz und gar nicht. Seit achtzehn Jahren war ihr Mann niemals später als zwanzig Minuten nach fünf zu Hause gewesen. Nur ein einziges Mal hatte er das Büro vorzeitig verlassen. Das war damals, als er ein Zahngeschwür bekam und die Schmerzen plötzlich so heftig wurden, daß er es nicht aushielt. Doch bevor er zum Zahnarzt ging, hatte er selbstverständlich zu Hause angerufen.
Der Brief an die Dienststelle war einfach unbegreiflich. Wer in aller Welt sollte ihm wohl schreiben?
Frau Amsted wußte, daß ihr Mann als sechzehnjähriger Gymnasiast höchst platonisch in eine Kioskverkäuferin verliebt gewesen war. Sie kannte sogar das Gedicht, das er für das junge Mädchen geschrieben hatte:
Dort sitzt du in des Kiosk engem Raum und bist durchs
Fenster frühlingshold anzuschaun.
Doch ich muß stehn in Schnee und Sturm hier draußen. Sie hatte ihm diese kleine Jugendtorheit längst verziehen. Wenn sie diese Episode ihm gegenüber dennoch einmal erwähnte, dann nur in scherzhaft neckender Weise, so daß er rot wurde und lachen mußte.
Nein. Er hatte keine Geheimnisse vor seiner Frau. Das Ganze war absolut unbegreiflich, wahnwitzig.
Frau Amsted hatte geweint. »Was mag bloß mit unserem Vati passiert sein? Was mag ihm zugestoßen sein?« wiederholte sie immer wieder.
Und ihr Sohn, der dreizehnjährige Leif, weinte ebenfalls und klapperte mit den Zähnen, als friere er. Es war ein schmächtiger, blasser Junge mit völlig weißem Haar.
Das Essen war schon mehrmals wieder aufgewärmt worden. Es gab Fleischklößchen in Selleriesoße. Für Leif gehörte Selleriesoße zum Widerwärtigsten, was er sich denken konnte. Mitten im Weinen empfand er plötzlich eine gewisse Befriedigung über den Aufschub des verhaßten Essens.
Diese Situation hatte überhaupt etwas sonderbar Wonnevolles und Prickelndes. Das Außergewöhnliche – die Sensation in einem sonst peinlich wohlgeordneten und regelmäßigen Leben.
Als das Essen endlich auf den Tisch kam, hatte die Mutter nicht die Kraft, ihn zu zwingen, seinen Teller auch leer zu essen. Sonst hieß es immer: »Wenn du nicht aufißt, wirst du nie groß und stark. Sellerie und Fleischklößchen sind das Gesündeste, was es gibt. Glaub mir, Leif der Glückliche hat seine Fleischklößchen in Selleriesoße immer aufgegessen!«
Leif der Glückliche – dieser berühmte Wiking und Seefahrer wurde ihm stets vorgehalten, wenn er seinen Teller nicht leer essen mochte oder seine Mathematikaufgaben nicht lösen konnte.
Frau Amsted räumte den Tisch ab, ohne die übriggelassenen Selleriestücke auf Leifs Tellerrand zu beachten. Sonst waren es gerade diese letzten kalten Bissen, die der Junge auf Biegen und Brechen in sich hineinzwingen mußte. Als er noch kleiner war, hatte er einmal einen ganzen Abend lang einen Essenrest im Mund behalten. Es war ihm einfach unmöglich gewesen, ihn hinunterzuschlukken. Er bewahrte ihn stundenlang in der einen Backentasche auf, und die Eltern wunderten sich über seine Schweigsamkeit. Als er den zähen Klumpen ins Taschentuch spucken wollte, wurde es entdeckt. Und dann gab es einen Heidenspektakel. Ihm wurden sowohl Leif der Glückliche als auch die vielen armen Kinder vorgehalten, die sich über das gute Essen gefreut hätten. Und wenn er sich weiter so betrage, würde man ihn einmal hungern lassen! Das muß herrlich sein, dachte Leif. Er machte sich nichts aus Essen.
An diesem Abend wurden auch die Schulaufgaben vergessen. Seine Mutter hörte ihn sonst immer in Geschichte und Geographie ab. Um Mathematik und Deutsch mußte sich der Vater kümmern.
Es waren aufreibende Kämpfe, die Abend für Abend in der Herluf-Trollesgade ausgefochten wurden. Dafür gehörte Leif jedoch zu den Besten der Klasse. Auch wenn es Tränen kostete. Sein Vater hatte ebenfalls zu den Besten der Klasse gehört. Und das hatte damals auch Tränen gekostet. Der Vater war in dieselbe alte graue Schule am Frue Plads gegangen, in die Leif ging und in die auch sein Großvater gegangen war. In der Familie Amsted hielt man auf Tradition.
Frau Amsted trat immer wieder ans Fenster und sah auf die dunkle, menschenleere Herluf-Trollesgade hinab. Dabei mied sie mit Bedacht die Stelle, wo der Teppich immer zuerst so abgetreten wurde.
Es regnete. Undes stürmte, daß das Thermometer vor dem Fenster klirrte. Man hörte die Straßenbahnen auf Kongens Nytorv. Und vom Hafen drang das Tuten der Dampfer herüber.
Es roch noch immer nach Sellerie. Und das gemusterte Linoleum hatte auch einen starken Eigengeruch. »Aber Linoleum läßt sich so leicht sauberhalten«, sagte Frau Amsted.
Die große Uhr auf dem Büfett tickte laut und deutlich. Wenn sie schlug, fuhr Frau Amsted jedesmal erschrocken zusammen. »Nein! – Und er ist noch nicht da. – Halb zehn! – Immer noch nicht . . .«
3
Die andere Vermißtenanzeige ging erst ein paar Tage später bei der Polizei ein.
Eine Dame aus der Rosengade – Frau Møller – teilte mit, ihr Untermieter Mikael Mogensen, der in einer zur Wohnung gehörenden Bodenkammer lebe, sei seit drei Tagen und Nächten nicht zu Hause gewesen. Sie vermute deshalb, daß ihm ein Unglück zugestoßen sei.
Er schulde ihr fünfzehn Kronen – die Miete des letzten Monats –, falls er flüchtig sein sollte, ersuche sie die Polizei, ihn ausfindig zu machen oder ihr zu gestatten, sich durch einen eventuellen Verkauf seiner Hinterlassenschaft schadlos zu halten.
Fünfzehn Kronen waren übrigens für die Bodenkammer, die sie Mikael Mogensen überlassen hatte, ein reichlich happiger Mietpreis. Die Kammer hatte nicht einmal eine richtige Tür, sondern nur eine aus Latten, durch die man vom Gang aus hineinsehen konnte. Und Möbel gab es auch nicht. Mogensen schlief auf dem Fußboden – auf einer Lage alter Zeitungen und mit einer alten schwarzen Mappe unter dem Kopf. In einer Ecke lag ein großer Stapel Bücher. In einer anderen ein Stapel Zeitungen. In der dritten Ecke befand sich die »Küche«, das heißt ein lebensgefährlicher Primuskocher, eine Bratpfanne, eine Kasserolle, Spiritus und Petroleum.
Mogensen war ein Original, er war im ganzen Viertel bekannt, vor allem unter den Kindern. Er hatte langes, ungeschnittenes Haar und einen Vollbart. Er trug ständig einen sehr alten, zerschlissenen Mantel und unter dem Arm eine abgegriffene schwarze Mappe. Niemand wußte, was sich in dieser Mappe befand, und man stellte deshalb die ausgefallensten Vermutungen an.
»Aber er war ein ruhiger und bescheidener Mann«, sagte Frau Møller. »Er konnte nicht mal einer Katze ein Haar krümmen.« Sie wollte wissen, daß er aus gutem Hause stamme und studiert habe. Aber irgend etwas müsse in ihm zerbrochen sein, und deshalb habe er es auch nie zu etwas gebracht. Er sei kein Trinker und triebe sich auch nicht mit Frauen herum. Er sei in keiner Beziehung ausschweifend. Ganz im Gegenteil, er sei der reinste Asket.
Er lese immer in dicken Büchern. Auch ausländischen, die sie, Frau Møller, nicht verstehe. Und er drücke sich gewählt und gebildet aus. Er hätte es weit bringen können, wenn er nur gewollt hätte. Aber irgend etwas müsse ihm zugestoßen sein, wodurch er so wunderlich geworden sei.
Bei den Bewohnern der Straße war er beliebt. Wenn er einem von ihnen begegnete, zog er höflich den Hut. Die kurze Straße glich einem Provinzstädtchen, wo jeder jeden kennt. Es war eine kleine, in sich abgeschlossene Gesellschaft. Die Leute hielten sich an ihre Straße und gingen nur selten und ungern in andere Gegenden.
Es waren meist kleinbürgerliche Menschen, die Pech gehabt hatten. Gescheiterte Existenzen. Schiffbrüchige, die in dieser Straße gestrandet waren. Sie war gleichsam eine Insel der toten Schiffe. In der Rosengade gingen jedoch auch dunkle und nicht ganz geheure Dinge vor sich. Sie war zwar kurz, hatte dafür aber viele Hinterhäuser, Seitenflügel und dunkle Höfe.
Dort gab es vier, fünf heimliche Kneipen, wo man auch noch nach der Polizeistunde Rotwein trinken konnte. Es gab ein Bordell, in dem die Paare in Kojen übereinander lagen. Es gab eine weise Frau, die unheimliche und verbotene Eingriffe vornahm. Und dort wohnte die Frau mit dem schwarzen Regenumhang, die ganz für sich allein mit einem großen Hund lebte.
Dort gab es auch mehrere Prostituierte unterschiedlichen Alters. Die blonde Dame aus dem Eisladen war um die Sechzig. Sie stammte noch aus der alten Zeit, als die öffentliche Prostitution noch nicht verboten war. Die kleine Maja dagegen war erst neun Jahre. Aber sie verdiente mehr als die dicke blonde Dame. »Ein nettes und wohlerzogenes kleines Mädchen«, sagten alle in der Straße. Sie knickste höflich und hielt jedem, der hineinoder hinausging, die Haustür auf. Sie hatte sehr blanke Augen. Und manchmal bekam sie epileptische Anfälle.
Mogensen grüßte sie höflich. Er hielt sich für sich und kümmerte sich nicht um das, was in der Straße vor sich ging. Er war ein Gentleman. Die geheimnisvolle Mappe unter dem Arm, schritt er in seinem alten, zerschlissenen Mantel und mit löchrigen Stiefeln würdevoll durch die Straße. Etwas vornübergebeugt, ein bißchen kurzsichtig und reichlich schmutzig, doch voller Ruhe und Würde. Und wenn er jemandem begegnete, zog er feierlich seine alte, schmierige Mütze.
Er redete zwar so merkwürdig und gebrauchte Worte, die Frau Møller und die anderen Bewohner der Straße nicht recht verstanden, doch dahinter steckte bestimmt nichts Schlechtes.
Deshalb war Frau Møller auch nicht der Meinung, Mogensen könne etwas Ungesetzliches getan haben und müsse sich aus diesem Grund versteckt halten. Und die fünfzehn Kronen, die er ihr für Miete schuldete, konnten gewiß auch nicht der Grund für sein Verschwinden sein. Er war ihr schon öfter für einen oder auch für zwei Monate die Miete schuldig geblieben. Aber nicht des Geldes wegen hatte sie der Polizei sein Verschwinden angezeigt. »So eine bin ich nicht. Ich bin doch kein Unmensch. Aber natürlich muß alles seine Ordnung haben, und unsereiner muß ja auch leben. Fünfzehn Kronen sind schließlich viel Geld.
Aber ich hab zu Mogensen gesagt: ›Ich weiß, daß Sie ein ordentlicher Mensch sind, Mogensen. Sie wollen mich nicht betrügen. Mir ist um meine fünfzehn Kronen nicht bange. ‹«
Und Mogensen hatte erwidert: »Das haben Sie auch nicht nötig. Dieser Betrag wird Ihnen im Laufe der nächsten Woche gezahlt werden, Frau Møller.«
Wenn es dann doch noch zu einem kleinen Streit zwischen ihnen gekommen sei, dann nur deshalb, weil sich herausstellte, daß Mogensen viel Geld hatte. Und damit, so meinte Frau Møller, sei ja wohl die Voraussetzung für die Mietstundung hinfällig geworden. Besonders, da Mogensen das Geld auf eine so unvernünftige und sinnlose Weise ausgab. Wenn man an einem einzigen Abend über tausend Kronen buchstäblich nur so rausschmeißt, kann man es sich nicht erlauben, die Miete schuldig zu bleiben. Das hatte ihm Frau Møller vorgehalten, und das hatte ihn gekränkt.
»Es ist außerordentlich bedauerlich«, hatte er entgegnet, »daß man offenbar nicht mehr auf eine Absprache bauen kann, Frau Møller. Ich habe ausdrücklich gesagt: nächste Woche. Und damit waren Sie einverstanden. Inzwischen gedenke ich das Geld für Zwecke zu verwenden, die ich für passend erachte.«
Und als sie ihm weitere Vorwürfe über das viele Geld gemacht hatte, das er so sinnlos vergeudet habe, hatte er die harten und verletzenden Worte fallen lassen: »Sie sind eine ungebildete Person, Frau Møller! Ein Mann wie ich kann sich mit Ihnen in kein Streitgespräch einlassen. Ich hege in hohem Maße Geringschätzung für Sie!«
Und das hatten viele Fremde mit angehört und darüber gelacht. Fau Olsen aus dem Eiskeller hatte ihm sogar zugerufen: »Das ist richtig, Mogensen! Geben Sie es ihr!« Und das in Frau Møllers eigener Stube! Das waren die letzten Worte, die sie von Mikael Mogensen gehört hatte.
Am nächsten Tag war er verschwunden. Das merkwürdige Fest, das so viel Geld gekostet hatte, war gleichsam sein Abschiedsfest gewesen.
4
Am 10. Oktober – einen Tag nachdem Frau Amsted das Verschwinden ihres Mannes angezeigt hatte, wurde auf dem Amager fælled ein entsetzlicher Fund gemacht.
Ein Soldat, der an dem Scharfschießen der Armee auf dem Fælled teilgenommen hatte, stieß auf die grauenvoll verstümmelten Reste eines Menschen, der buchstäblich in tausend Stücke gesprengt worden war.
Der Soldat hatte zusammen mit anderen den Befehl erhalten, nach einer Granate zu suchen, die beim Aufschlag nicht detoniert war und außerordentlich gefährlich werden konnte, wenn sie Kindern oder anderen Unkundigen in die Hände fiel.
Nicht weit von der Stelle entfernt, wo der Wall des Kalvebod-Strandes Amager erreicht, bemerkte er in der Erde einen Trichter wie nach einer Explosion. Und zu seinem Entsetzen entdeckte er Stoffetzen und die blutigen Überreste eines Menschen, den es gleichsam weitum zerspritzt hatte.
Selbstverständlich wurde sofort die Polizei alarmiert und gemeinsam mit Sprengstoffexperten der Armee eine umfassende Untersuchung eingeleitet.
Die Explosion mußte von außergewöhnlicher Gewalt gewesen sein. Wenn niemand sie gehört oder gesehen hatte, dann wohl nur, weil die Armee gerade zu diesem Zeitpunkt ein Scharfschießen mit schwerer Artillerie durchführte. Und das Krachen der Explosion war deshalb vermutlich mit einem Kanonenschuß verwechselt oder für die Detonation einer Granate gehalten worden.
Der Anblick, der sich den Polizisten bot, war so grauenvoll, daß sich selbst die Mittagszeitungen einer ausführlichen Beschreibung enthalten mußten.
Die Experten stellten fest, daß der Verunglückte überall am Körper mit Dynamit gespickt gewesen sein mußte. Die Taschen, der Hut, die Schuhe – alles schien voller Sprengstoff gewesen zu sein. Ja, sogar im Mund mußte er Dynamit gehabt haben.
Unter diesen Umständen konnte von einer Identifizierung des Toten überhaupt keine Rede sein. Ein paar winzige graue Stoffetzen wurden zwecks gründlicher chemischer Analyse eingeschickt. Auch die Reste einer Taschenuhr wurden genau untersucht.
Merkwürdigerweise war diese Uhr nicht völlig pulverisiert, sondern nur beschädigt, als habe sie jemand gegen einen Stein geschleudert oder darauf getreten. Sie wurde in ein paar Meter Entfernung von dem Trichter gefunden, den die Explosion in die Erde gerissen hatte.
Es war sogar noch möglich, auf der Außenseite der Uhrkapsel einen Fingerabdruck zu erkennen. Und es ließ sich auch mit Sicherheit nachweisen, daß die Uhr Vier Minuten nach halb drei stehengeblieben war. Doch all das konnte natürlich nicht darüber Aufschluß geben, um wen es sich bei dem Verunglückten handelte.
Die Polizei ging mit bewundernswürdiger Gründlichkeit vor. Rings um den Unglücksort wurde die Erde umgegraben und durchgesiebt. Es wurden Gipsabdrücke von Fußspuren angefertigt. Es wurde Pulver verstreut, und es wurde fotografiert. Jedes Überbleibsel von Knöpfen und Münzen, Lederstückchen und ähnlichem – selbst das winzigste Teilchen wurde gesammelt und einer systematischen Untersuchung unterzogen. Alle Methoden der modernen Technik kamen zur Anwendung.
Es dauerte fast eine Woche, bevor das Ergebnis dieser Untersuchungen vorlag. Was die gefundenen Stoffreste anging, so wurde ermittelt, daß sie aus grauem, reinwollenem, doppelfädigem Kammgarn eines englischen Fabrikats bestanden. Es gelang sogar, auf der linken Seite des Stoffes die Reste eines Stempels als ein C. D. zu rekonstruieren, was als Chestertown-Deverill – jene bekannte englische Tuchfabrik – ausgelegt wurde. Es traf sich so glücklich, daß in Kopenhagen nur ein Schneidermeister den Alleinvertrieb dieses Qualitätserzeugnisses besaß. Und die Polizei unterzog seine Kundenkartei einer eingehenden Überprüfung.
Zu den festen Kunden des Schneidermeisters gehörte der verschwundene Kanzleirat Teodor Amsted.
Aber bevor die Polizei die Wohnung des verschwundenen Kanzleirats aufsuchen und einen Vergleich zwischen dem Fingerabdruck auf der Uhr und eventuellen Fingerabdrükken in seiner Wohnung oder im Büro vornehmen konnte, wurde sie von einem Brief des Vermißten unterrichtet. Einem Brief, den die XIV. Abteilung des Kriegsministeriums erhalten hatte.
Dieser Brief war ein Abschiedsbrief, in dem Teodor Amsted seinen unglückseligen Entschluß mitteilte.
Insofern war alles klar. Es sollte sich jedoch später zeigen, daß der Selbstmord des unglücklichen Kanzleirates noch von vielen dunklen Punkten umgeben war.