Czytaj książkę: «Der Bauernknecht und andere Geschichten»

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen 5., aktualisierten Auflage 2021
© 2021 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelbild: © Matthias Riedinger – stock.adobe.com (oben) und RCsolutions – stock.adobe.com (unten)
Zeichnungen: Trude Richter, Tegernsee
Satz: Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
eISBN 978-3-475-54891-8 (epub)
Worum geht es im Buch?
Hans Ernst
Der Bauernknecht und andere Geschichten
Einen schweren, aber auch erfüllten Lebensweg ist der Dichter Hans Ernst gegangen, vom einfachen Bauernknecht zum bekannten Volksschriftsteller. In diesen Erzählungen breitet Hans Ernst die prägenden Erlebnisse eines begnadeten Menschenlebens aus: die armselige Kindheit in der Stadt, die Sehnsucht nach der Erde, erste unschuldige Kinderliebe, die glühende, verzehrende Leidenschaft des Heranwachsenden, die schwere Arbeit des Bauernknechts und das einfache Leben auf dem Lande.
Ob er das tragische Schicksal der Luiserbäuerin schildert oder die bisweilen nachdenklich stimmende Geschichte einer »Brautschau« - der beliebte Volksschriftsteller hat wieder einmal bewiesen, dass das die schönsten Geschichten sind, die das Leben selber schreibt.
Inhalt
Der Bauernknecht
Ein Schulaufsatz
Im Blick zurück
Firmungszeit
Meine ersten Ferien
Die Sommerfrischlerin
Das erste Herzklopfen
Mein erstes Fahrrad
Kammerfensterln
Meine erste Lederhose
Am Schlenklmarkt
Meine erste Schreibmaschine
Leben mit Büchern
Auf Brautschau
Der Bittgang
Das Kettenkarussell
Unterm Lindenbaum
Die Luiserbäuerin
Bahnwärters Else
Morgendliche Zwiesprache

Der Bauernknecht
Ganz zwangsläufig, weil es die Umstände, das Schicksal oder die Vorsehung so wollten, wurde ich ein Bauernknecht. Wahrscheinlich spielte da auch das Blut meiner Vorfahren mit, dass ich so an der Erde hing. Und wenn man so unverschämt jung ist und so fröhlichen Herzens, dass man über jeden Stein hätte lachen können, dann spürt man die Härte und die Plage eines langen Bauerntages nicht. Was einem zu schaffen macht, wenn man von den Knabenjahren ins Männliche hinaufsteigt, das ist die Liebe. Ich nahm nicht bedenkenlos, was sich bot und hatte damals schon einen Sinn für das Schöne. Es fehlte mir bloß die Erkenntnis, dass auch in einem weniger schönen Gesicht eine schöne Seele wohnen könnte.
Heute sagt man nicht mehr Bauernknecht, sondern landwirtschaftlicher Facharbeiter. Das Wort Knecht hat etwas Erniedrigendes. Man kann sich das gar nicht mehr vorstellen, denn heute kann so ein landwirtschaftlicher Facharbeiter zu seinem Herrn sagen: »Morgen Vormittag hab' ich keine Zeit für d' Arbeit, da muass ich mit meinem Wagn zum TÜV.«
Damals gehörten wir Bauernknechte mehr oder weniger zu den Ausgestoßenen. Im Wirtshaus durften wir nicht am Tisch der Bauern sitzen, wir hatten weit hinten am Ecktisch Platz zu nehmen. Auf dem Tanzboden durfte es kaum ein Knecht wagen, sich eine Bauerntochter zum Tanz zu holen. Mit ganz wenigen Ausnahmen bekam man da einen Korb. Und wenn mir heute einer käme und mir sagte, das stimmt nicht, dann könnte ich ihm tausendfach beweisen, dass es doch so war.
Ich war in die Jahre gekommen und hatte die Wanderung über verschiedene Bauernhöfe im Gebirg angetreten. Damals verdiente ein Bauernknecht in der Woche vier Mark. Wenn man bei einem Bauern den Dienst angetreten hatte, dann verlor man auch seinen Namen. So war ich über die vielen Jahre hinweg nicht mehr der Ernst Hans, sondern der Aumüller-Hans, der Hößentaler-Hans, der Lichtenegger-Hans, der Schwaiger-Hans usw. Man könnte so was auch Pseudonym nennen. Die Hauptsache war, dass man sich unter all den Decknamen seinen eigenen Namen ehrlich bewahrte. In den Zeugnissen stand ja auch jeweils: Er war ehrlich und fleißig. Weiterer Kommentare bedurfte es nicht, obwohl man auch dazuschreiben hätte können: Hat immer fleißig mitgebetet.
Das Gebet gehörte nun einmal jeden Tag vor dem Essen zur christlichen Hausordnung. Es wurde mit wenig Andacht heruntergeleiert. Ich glaube aber, dass der liebe Gott gar nicht so scharf darauf gewesen wäre, unser Gast zu sein, denn bei einem Bauern zum Beispiel, bei dem ich zwei Jahre war, gab es tagtäglich zu Mittag Knödl und Kraut und abends Kraut und Knödl. Das Kraut schmeckte immer so, als ob ein Stück Gselchtes mitgekocht worden wäre. Aber man fand nie ein Stückl Gselchtes darin. Das müssen die Heinzelmännchen rausgefischt haben oder, was noch eher anzunehmen ist, der Bauer hat es selbst gegessen, wenn wir wieder draußen waren.
Da konnte man dann am Sonntag schon wirklich andächtiger beten, weil es da Fleisch gab. So war ich langsam die Leiter der Berufssparte hinaufgestiegen, vom Bua zum Unterknecht, Oberknecht und Fuhrknecht. Die nächste Sparte wäre dann Baumeister auf einem größeren Gut gewesen. Aber das erreichte selten einer. Um Verwalter zu werden, bedurfte es bereits einer höheren Schule.
Bei allen Demütigungen, denen ich als Bauernknecht oft ausgesetzt war, verlor ich mich doch immer tiefer an die Schönheiten dieser Erde, an die Gräser, die da wuchsen, an das herrliche Blühen, wenn der Frühling kam, an das stille Reifen und das große Schweigen des Ackers, wenn der Pflug ihn durchschnitt. Ich fing an, alles mit anderen Augen zu betrachten und sammelte in jenen Jahren Erfahrungen mit Menschen und Tieren und allem, was die Erde trug, in so reichem Maße, dass es bestimmend wurde für mein späteres Leben. Es wuchs mir die Gabe zu, einen Menschen zu erkennen und zu erforschen bis auf seinen tiefsten Grund. Und es gab so prächtige Bauernmenschen darunter, als hätte Defregger den Männern die Seele eingehaucht und Leibl den Frauen. Ich lernte die Güte und die Liebe kennen, den Hass und bitterste Feindschaft. Dieses Sehen, Ahnen und Erkennen hat mich geprägt und nie mehr verlassen. Damals fing ich an, von meiner einstigen Kinderliebe, der Wurzi in München, zu schreiben. Manch Kluges war darunter, aber auch viel Dummes und Törichtes.
Thekla hieß einer der Kühe, ein breitgebautes Monstrum von Kuh mit sanften Augen, die ein Kälbchen erwartete, nachdem sie es tapfer ausgetragen hatte. Veronika war die Magd, die bei ihr wachen musste. Sie war sieben Jahre älter als ich, eine Magd am Hof mit zwei Mark Wochenlohn. Aber auch in einer Magd glutet das Verlangen nach Liebe, und als sie mich fragte, ob ich ihr nicht helfen wolle in der Nacht, da ahnte ich noch nicht, was sie mit mir im Sinn hatte.
Zuerst saßen wir hinter der Kuh auf einem Melkschemel. Die sind nicht breit, und wir saßen ziemlich eng zusammengepresst. Von ihren Hüften ging es so warm auf mich über.
Die Veronika richtete die Stricke her und einen Eimer mit Wasser und sagte dabei: »Hoffentlich geht's guat, dann brauch' ma neamd wecka.«
Dann saß sie wieder nah bei mir. Die Kuh dreddelte bereits unruhig umher, und die Veronika philosophierte:
»So a Kuah hat's eigentlich schee. De entbindet und braucht hernach ned auf ein Vormundschaftsgericht. So schee wia a Kuah möcht' ich's auch habn. Dann brauchet i bloß Milli gebn und fressn.«
»I bin scho' liaba a Mensch«, sagte ich.
»Und was für einer. Du bist allweil so z'ruckhälterisch. Woaßt du überhaupt, dass es zweierlei Leut gibt?«
Dann war es so weit. Die Veronika band die Stricke an die herausragenden Kälberfesseln, und wir zogen. Es war ganz einfach.
»Scho' wieder a Stierkaibl«, sagte die Veronika.
Dann wuschen wir uns die Hände. Daneben war eine leere Boxe, in der viel Stroh gelagert war. In diesem Stroh erwachte ich dann aus einem rauschähnlichen Zustand. Weil aber nicht bloß das Blut allein rauschig geworden war, sondern auch das Herz dabei einen gewissen Anteil hatte, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass jede Nacht eine Kuh kälbern möchte und die Veronika zu wachen hätte. Dabei fiel mir auch ein, dass mir einmal ein alter Korbflechter gesagt hatte:
»Bua, lass dir g'sagt sein, wenn's einmal so weit ist, dann nimm eine Ältere, weil die mehr Erfahrung hat.« Jedenfalls war ich dieser Veronika dankbar und ging mit ihr noch manches Mal ins Stroh, bis der Bauer dahinterkam. Das gab vielleicht einen Krach.
»In einem christlichen Haushalt ko so was ned geduldet werdn«, schrie er. »Hausbrot essn, des gang grad noch ab.«
Eins von uns musste den Hof verlassen. Die Veronika weinte bitterlich, denn sie wusste nicht, wohin unterm Jahr. Und so schnürte halt ich wieder einmal mein Bündl und suchte mir einen andern Platz. Später habe ich dann erfahren, dass der christliche Bauer das »Hausbrot« selber gegessen hat. Aber bei ihm war das anscheinend keine Sünde.
Ein Schulaufsatz
Während des Ersten Weltkrieges wurde unsere Schule an der Guldeinstraße zum Lazarett bestimmt, und wir mussten dafür nach Laim hinaus in die Fürstenrieder Schule gehen.
Der Weg dorthin war entschieden weiter. Neben dem Trambahngleis führte ein schwarzer Weg. Heute ist dort alles verbaut, aber damals dehnten sich noch weite Felder und Wiesen bis zu den Höfen an der Landsberger Straße hinüber.
Wenn man Glück hatte, konnte man sich, wenn die Linie 29 bei der Elsenheimer Straße die große Kurve etwas langsamer fahren musste, hinten auf die Puffer schwingen und bis Laim mitfahren, weil auf der ganzen Strecke sonst keine Haltestelle mehr war.
Im Laufe der Zeit brachte ich es beim Puffersitzen zu einer gewissen Fertigkeit und beherrschte es so perfekt wie die Ausreden, wenn ich die Schule schwänzte. Auf diese Puffer sich hinaufzuschwingen, das habe ich auch der Marille gelernt. Aber nicht umsonst. Ihre Mutter hatte eine Kramerei in der Elsenheimer Straße, und die Marille hatte immer etwas dabei: Bonbons, eine Wurstsemmel oder sonst was.
Mein erster Lehrer war ein junger, sehr feiner Mensch. Mein zweiter Lehrer hieß Wolf und war seiner ganzen Anlage nach auch ein halber. Er fraß die Kinder zwar nicht auf, aber er schlug uns wegen jeder Kleinigkeit erbärmlich. Auf mich hatte er es ganz besonders abgesehen. Erstens wegen der Pufferfahrten auf der Linie 29, zweitens wegen des Schulschwänzens und drittens, weil ich arm war. Sicherlich habe ich manche Prügel auch verdient. Er zwickte einem den Kopf zwischen die Beine und drosch drauflos. Einmal biss ich ihn beim dritten Schlag ganz herzhaft in den Oberschenkel. Da schrie er auf und vergaß, dass er noch drei Schläge zu geben gehabt hätte.
Daheim durfte man nie sagen, dass man in der Schule Schläge bekommen hatte. Da hieß es dann höchstens: »Der Lehrer wird schon gewusst haben, warum.« Der Lehrer hatte eben immer recht. Ich sagte also nichts. Aber der Lehrer ließ meinen Vater kommen und sagte ihm, dass ich ihn in den Oberschenkel gebissen hätte und dass er sich eine Tetanusspritze geben hat lassen müssen. Daraufhin bekam ich dann daheim auch noch Prügel.
In späteren Jahren habe ich mir oft gewünscht, diesem »Wolf« nochmal zu begegnen, vielleicht an einem Stammtisch oder sonst wo. Aber dieses Glück hatte ich nie, und so blieb alles im Konzept hängen, was ich ihm ganz friedsam hätte sagen sollen über Pädagogik und über die Jugenderziehung im Allgemeinen.
Nach ihm bekamen wir ein Fräulein. Der Wolf hatte auch einrücken müssen und verteidigte das Vaterland in einer Schreibstube, zum Glück für die armen Rekruten. Unser Fräulein hieß Elfriede Fuchs, und sie wusste wohl schon um den Opfergang, den ihre Versetzung in eine vierte Bubenklasse bedeuten mochte. Sie war ein wunderbarer, feiner Mensch mit einem Käthe-KrusePuppengesicht und einem runden Schopf im Nacken, über den immer ein feines Netz gespannt war. Sie schlug nicht, und wenn es wirklich einmal nicht anders ging, verabreichte sie zwei Tatzen, aber nicht mit dem spanischen Rohr, sondern mit dem Federhalter. Sie versuchte alles mit Güte und Geduld.
Ich weiß selber nicht warum, aber mich mochte sie besonders gern. Ich durfte die Aufsatz- und Rechenhefte in ihre Wohnung tragen, durfte ihr Holz und Kohlen aus dem Keller holen, und sie schenkte mir immer etwas. Meistens etwas zu essen, weil sie vielleicht schon bemerkt hatte, dass ich in der Pause nie etwas dabei hatte.
Doch einmal schenkte sie mir fünfzig Pfennige, damit ich mir die Haare schneiden lasse, die sich hinten im Nacken bereits ringelten. Sogar während der Schulzeit schickte sie mich hin. Dass ich dann hernach nicht mehr zum Unterricht kam, schluckte sie stillschweigend, obwohl sie vom Schulfenster aus hätte sehen müssen, dass ich in der gegenüberliegenden Kiesgrube spielte. Sie schluckte überhaupt viel, die Elfriede. Zweimal im Jahr kam der Herr Schulrat. Er hieß Landgraf und hatte einen weißen Spitzbart. Er sagte zu Fräulein Fuchs, wenn sie einen renitenten Schüler in der Klasse habe, dann solle sie es ihm sagen. Er werde dann schon ein Exempel statuieren.
Einmal schenkte mir das Fräulein Fuchs zwanzig Pfennige und schickte mich in die Apotheke. Dort sollte ich mir Borwasser kaufen, weil ich immer so entzündete Augen hatte. Ich kam aber bloß bis zum Kiosk an der Ecke. Dort gab es zwar kein Borwasser, dafür aber Minzkugeln und einen »Bärndreck« (Lakritzstangerln).
Damals geriet sie zum ersten Mal meinetwegen aus der Fassung. Ich sehe sie heute noch, wie sie droben stand neben dem Katheder und mit den Füßen stampfte, dass ihr die Strümpfe herunterrutschten, und wie sie mit weinerlicher Stimme schrie: »Ernst, du bringst mich noch ins Grab! Ich war immer gut zu dir, und alles ist vergebens. Bei dir ist Hopfen und Malz verloren. Aus dir wird nie was Gescheites im Leben.«
Das ging mir sehr nahe, und ich gelobte mir feierlich, sie nie mehr zu ärgern. Sie vergaß es dann auch bald wieder, sagte wieder Hansl zu mir oder Ernstl. Aber dann sollten wir einen Aufsatz schreiben. Jeder sollte etwas schreiben, das er selber erlebt oder beobachtet hatte. Im Aufsatz war ich gut, und es hätte gar nicht der Aufmunterung des Fräuleins bedurft, die mir sagte:
»Streng dich nur ein bisserl an, Hansi, du hast das Zeug in dir.«
Und ob ich's hatte. Ich fragte nur:
»Darf es auch was Lustiges sein?«
»Gerade lustig soll es sein.«
Ich dachte zuerst ein wenig nach. Dann schrieb ich:
Schulaufsatz
Jetzt haben wir eine Lehrerin, die wo Elfriede heißt, aber wir sagen ›Mopserl‹ zu ihr, weil sie so rundlich gebaut ist. Wir haben eine große Freude mit ihr, weil sie nicht so fest zuhaut wie ihr Vorgänger, weil sie ein weibliches Wesen ist und keine so große Kraft nicht hat wie der Lehrer Wolf. Sie hat himmelblaue Augen und einen runden Mund und einen Haarschopf im Nacken. Vor allem hatte sie auch eine feine Nase, denn wie sie einmal an meiner Bank vorbeigegangen ist, hat sie erschrocken den Kopf zurückgeworfen und hat zu mir ›Du Aas‹ gesagt. Ich sagte ihr gleich, dass wir mittags eine Bohnensuppe gehabt hätten, aber sie ließ mich trotzdem vor die Türe hinausstehen und sagte, dass ich so lange draußen stehenbleiben müsse, bis die Bohnensuppe draußen wäre.
Vor der Tür war es ganz schön. Ich stand natürlich dort nicht unbeweglich, sondern ging im Gang auf und ab und las die Namen der Lehrer an den Türen. Am Ende des Ganges war der Turnsaal, und ich überlegte gerade, ob ich nicht ein bisschen Barrenturnen üben sollte, aber dann hörte ich vom oberen Stockwerk her Getrampel. Es kam eine Mädchenklasse die Treppe herunter, die zum Turnsaal ging. Siedend heiß fiel mir ein, dass die Marille dabei sein könnte, und ich rannte in den Abort hinein, weil ich mich nicht schämen wollte. Im Abort habe ich lange geschussert. Wie ich mich dann einmal hinausschleichen wollte, ging gerade der Lehrer Stockerl aus seinem Klassenzimmer heraus und hustete zweimal hintereinander laut. Daraufhin kam auch das Mopserl heraus, und dann hat sie der Stockerl gleich in den Mund gebissen, was aber nicht weh getan hat, weil die Elfriede furchtbar kichern musste und zu ihm ›Xaverl‹ sagte, worauf er zu ihr ›Spatzerl‹ sagte. Dann hat sie ihn gebissen, und das hätte ihn beinahe umgeworfen, denn er hebte sich ganz fest an ihren Hüften ein.
Wie die Pausenglocke geläutet hat, sind sie schnell wieder auseinandergelaufen. Im Schulhof draußen, wo sie im Kreis der andern Lehrkräfte stand, gab es ihr plötzlich einen Riss, als sie mich sah. Sie kam auf mich zu und sah mich ängstlich an, bis sie mich fragte: »Hab' ich dich nicht vor die Türe stellen lassen? Ich hab' dich aber nicht gesehn.«
»Ich schon«, grinste ich.
Flammend rot ist sie geworden, das gute Fräulein, und sie hat mir schnell ihr Pausebrot geschenkt, wo eine Wurst drinnen war.
Hernach dann, als Fräulein Elfriede die Aufsätze durchlas und an den meinen kam, wechselte sie die Farbe. Bald wurde sie rot und dann wieder blass. Dann rannte sie schnell hinaus. Ich glaube, sie hat geweint. Und mir tat das so leid. Ich hätte mich am liebsten geohrfeigt. Aber ich hatte doch nur geschrieben, was ich beobachtet hatte.
In der Folgezeit war ich dann ehrlich bemüht, sie nicht mehr zu ärgern. Nach den Ferien kam sie nicht mehr zu uns. Sie war an eine andere Schule versetzt worden, und ich hörte nie mehr etwas von ihr.
Zu meinem fünfzigsten Geburtstag aber, über den der Rundfunk und auch die Presse berichteten, bekam ich einen Brief von Elfriede Fuchs. Sie schrieb mir, dass sie es wage, an mich zu schreiben. Sie hätte schon einige Bücher von mir gelesen und habe dabei immer an einen Schüler gleichen Namens denken müssen, den sie vor vierzig Jahren einmal in der vierten Klasse gehabt habe. Ob ich vielleicht mit dem identisch sei. Wenn nicht, so erlaube sie sich, mir trotzdem alles Gute zu meinem fünfzigsten Geburtstag zu wünschen und verbleibe mit freundlichen Grüßen, Elfriede Fuchs.
Die Fuchsin, dachte ich, mein Gott, die Fuchsin. Und mir fielen all meine Streiche wieder ein. Ich antwortete ihr, dass ich schon derjenige sei, den sie meine und dass ich mir gestatten würde, sie einmal zu besuchen, wenn es ihr recht sei.
Es wäre ihr sehr recht, schrieb sie zurück. Und so nahm ich eines meiner Bücher aus dem Regal und zwar den Roman »Der Lehrer von Tschamm« und schrieb als Widmung hinein:
»Meiner hochverehrten Lehrerin aus der vierten Volksschulklasse in der Fürstenrieder Schule, in Dankbarkeit von Ihrem Hans Ernst.«
Ich kaufte sieben Nelken und fuhr an einem sonnigen Märztag bei ihr vor. Sie wohnte noch in demselben Haus und in derselben Wohnung. Als ich läutete, klopfte tatsächlich mein Herz ein wenig schneller.
Es öffnete mir eine alte Frau mit schneeweißem Haar. Aber ich erkannte sie sofort. Aus ihren Augen strahlte immer noch diese wunderbare Güte. Nur ihre Hände waren welk geworden und zitterten ein wenig, als sie in meinen Händen lagen.
Dann saßen wir in ihrem Wohnzimmer. Nichts hatte sich verändert seit damals. Der große Ventilator hing noch an der Wand, der hohe, braune Kachelofen war noch da, unter den ich immer die Holzscheit' geschichtet hatte. Nur der Papagei war nicht mehr da. Wir sprachen von damals und nannten es die »goldene Zeit« womit wir wohl unsere entschwundene Jugend meinten, denn gar so golden war die Zeit damals auch nicht. Plötzlich fragte sie, ob ich mich noch manchmal an sie erinnert hätte.
»Ja«, sagte ich, »besonders an ihre Güte.«
»Nein, ich habe gemeint, ob du dich auch an meine Prophezeiung erinnert hast, dass doch niemals etwas Gescheites aus dir würde.« Plötzlich hielt sie sich die Hand vor den Mund, als sei sie über etwas erschrocken.
»Verzeihung, ich sag' da ganz einfach Du zu Ihnen.«
Im Blick zurück
Ich weiß nicht, ob es andern auch so ergeht. Aber je später ich in den Abend hineinkomme, desto klarer steigen die Bilder der Vergangenheit in mir auf, beginnen zu glänzen und bewegen mich mit starker Eindringlichkeit, so dass ich meine, dies oder jenes sei erst gestern gewesen. Zum Beispiel, dass es bei uns daheim recht arm zugegangen ist. Wenn größere Anschaffungen zu machen waren, dann studierte meine Mutter immer die Stellenangebote in der Zeitung nach einem Zugehplatz. Und so ging meine Mutter in die Häuser reicher Leute zum Putzen. Mich nahm sie als Kind immer mit.
Bei so feinen Leuten ging es viel nobler zu als bei uns. Die ließen uns schon spüren – nicht alle zwar, dass wir sozial unter ihnen standen. Aber es waren auch nette Leute darunter, die dem Buberl der Putzfrau auch einmal ein Bonbon schenkten.
Einmal waren wir im Haus eines Bankdirektors. Meine Mutter sagte, dass man zu der Frau auch Frau Direktor sagen müsse. So klein ich auch war, aber ich dachte doch darüber nach, warum man zu der Frau auch Frau Direktor sagen müsse, wenn doch ihr Mann diesen Beruf ausübte. Außerdem war diese Frau Direktor gar nicht schön. Sie hatte ein Doppelkinn und eine Stupsnase, und ich konnte sie vom ersten Moment an nicht leiden, weil sie meine Mutter gleich fragte, ob sie nicht auch meine, dass fünfzig Pfennige in der Stunde für eine Putzfrau zu viel wären.
Die Stupsnase hatte auch ein Töchterlein, das Mausi gerufen wurde. Die Mausi mochte mich und konnte so herzlich lachen, wenn ich sagte, sie solle nur Obacht geben, dass sie von keiner Katze gefressen werde, weil besonders die Kater die Mäuslein gern mögen zum Abendbrot. Aber ich würde sie schon in Schutz nehmen, wenn sie mir die Hälfte ihrer Schokoladentafel schenkte. Das tat sie dann auch.
Ich durfte meist in der Küche in einem Winkel sitzen. Die Mausi war viel bei mir, aber das sah ihre Mutter nicht gerne. Aber die Mausi beharrte eigensinnig darauf und schrie:
»Ich will beim Putzfraububi bleiben.«
Ich mochte sie auch und lehrte sie sagen: »Bis dich der Teifi holt.«
Damit meinte ich aber ihre Mutter, die ein rechter Geizkragen war. Der Bankdirektor war ein großer Mann mit einem dicken Bauch, einem blonden Vollbart, einer vaterländischen Gesinnung und einer tiefen Bassstimme. Manchmal setzte er sich ans Klavier, spielte und sang dazu »Es braust ein Ruf wie Donnerhall« oder »Fern bei Sedan, auf den Höhen«.
Einmal fragte er meine Mutter, welche Parteirichtung ihr Mann vertrete. Ob er vielleicht gar ein Sozialdemokrat wäre.
»Nein«, sagte meine Mutter, »mein Mann ist Eisenbahner.«
Meine Mutter verstand von der Politik nichts. Sie war mit der Lehre Christi zufrieden und mein Vater ein Königstreuer. Ihre Politik hieß Arbeit, Arbeit und wieder Arbeit. Sie kniete am Boden und schrubbte mit Wurzelbürste und Seifenlauge die Böden. Manchmal hing ihr eine Strähne ihres blonden Haares über das Gesicht. Dann schob sie die Unterlippe vor, blies die Strähne weg und kühlte damit auch ihre schweißtriefende Stirn. Sie tat mir immer in der Seele leid, meine schöne, zierliche Mutter, dass sie am Boden knien und fremder Leute Böden schrubben musste, und ich schwor mir, wenn ich einmal groß bin und Geld verdiene, dann braucht sie nie mehr zum Putzen gehen.
Dann fuhren die Bankdirektors vier Wochen in Urlaub auf die Insel Sylt. Die Mausi weinte, weil sie lieber bei mir geblieben wäre. Aber ihre Mutter sagte, dass sie jetzt dringend der Erholung bedürfe. Ich verstand zwar nicht, warum sie Erholung brauchte, denn alle Dreckarbeit musste doch meine Mutter tun. Meine Mutter sagte nie, dass sie einen Urlaub brauche.
Als ich mich von der Mausi verabschiedete, sagte ich zu ihr, dass sie nur Obacht geben solle, damit sie auf Sylt kein Kater fresse. In ihrer kleinen Herzensnot schenkte sie mir eine ganze Tafel Schokolade und bat, dass ich sie nicht vergessen solle, und sie würde mir aus Sylt schon was mitbringen, eine Muschel vielleicht oder ein Krebstierchen. Kinderliebe nennt man das. Manchmal ist so eine Kinderliebe sogar von Dauer. Manchmal fällt sie schnell wieder auseinander. Es ist auch schon vorgekommen, dass aus einem Kinderpaar ein Ehepaar geworden ist.
Mir wäre himmelangst gewesen, wenn ich die Stupsnase als Schwiegermutter bekommen hätte. Aber auch er, mit seinem ewigen »Es braust ein Ruf wie Donnerhall«, wäre nicht der richtige Schwiegervater gewesen. übrigens war die Stupsnase auch ein verlogenes Luder, denn sie sagte zu meiner Mutter, wenn sie während ihres Urlaubs in der Woche zweimal die Blumen gieße, bringe sie ihr von Sylt etwas mit. Sie hat aber nichts mitgebracht und holte meine Mutter auch nicht mehr zum Putzen. Vielleicht hatte sie eine gefunden, die das für vierzig Pfennig die Stunde machte. Bei Bankdirektors war es also nichts mehr. Aber meine Mutter hatte gleich wieder einen Zugehplatz. Sie fand in der Zeitung ein Inserat, wonach ein Dichter eine kräftige Zugehfrau suchte. Meine Mutter besaß auch Mut, denn sie meldete sich als kräftige Frau, obwohl sie klein und zierlich war.
Ich stellte mir unter einem Dichter einen Mann vor, der etwas dichtet, eine Wasserleitung oder so etwas. Was hat so ein Knirps schon für Berufsvorstellungen? Die Frau des Dichters sagte bei der Vorstellung, dass man als Dichter berufen sein müsse und begnadet zugleich. Zu meiner Mutter sagte sie auch noch: »Aber kräftig sind Sie auch nicht gerade, Frau Ernst. Bei uns muss nämlich eine Zugehfrau auch Holz und Kohlen aus dem Keller in den dritten Stock herauftragen.«
Meine Mutter traute sich das ohne Weiteres zu, obwohl das bei uns daheim immer der Vater machte. Aber ich wollte der Mutter helfen, soweit meine kindlichen Kräfte reichten. Dabei war die Frau des Dichters jung und stark. Aber sie muss immer sehr müd gewesen sein, denn sie lag viel auf einem Sofa und rauchte dauernd Zigaretten in einer langen Spitze. Dabei erzählte sie so nebenbei von ihrem Mann, den sie des Öfteren zu inspirieren habe. Er dichte oft, dass ihm der Kopf rauche, und dann lege sie ihm immer ein nasses Tuch um die Stirne. Dabei trage ihr Waldemar sie aber auch auf Händen. Ich dachte mir, wenn er sie einmal fallen lässt, dann ist sie hin.
Der Dichter selber war ein langer, dürrer Mann, ganz sicher doppelt so alt wie sein »Blümchen«, denn er hatte kaum mehr Haare, nur um die Ohren herum so einen grauen Kranz.
Sie schleckte auch immer viele Pralinen und las immer Bücher von der Courths-Mahler. Anscheinend gefielen ihr die besser als die Produkte ihres Mannes. Manchmal, wenn ich sie recht treuherzig anschaute, wurde sie gnädig und sagte: »Da, Knäblein, hast du auch eine Praline. Iss sie aber mit Verstand!« Knäblein, sagte sie zu mir, nicht Bubi.
Sie war so gottbegnadet faul, dass sie mitten unterm Pralinenknabbern ihren Mann aus seinem Dichtertempel rufen konnte.
»Ach, Waldemar, ich liege so schlecht. Kannst du mir nicht die Kissen richten?« Dazu hätte sie nicht ihren Waldemar gebraucht. Das hätte ich auch tun können.
Der Waldemar kam dann, sagte Blümchen zu ihr und richtete die Kissen. Dann sagte sie: »Ich danke dir, mein Schätzchen. Hoffentlich hast du jetzt den Faden nicht verloren.«
Ich dachte, wie kann man denn einen Faden verlieren, wenn man einer faulen Frau die Kissen unter den blonden Lockenkopf schiebt? Wozu braucht denn ein Dichter überhaupt einen Faden?
Der Blondschopf sagte, dass man das Dichten nicht erlernen kann. Dazu bedürfe es wirklich der Begnadung. Wenn die Begnadung über ihn kam, dann musste es in der Wohnung ganz still sein. Aber am Tag wurde er nur so zwischenhinein einmal für kurze Augenblicke begnadet, meistens in der Nacht, sagte seine Frau, so bis gegen drei Uhr in der Früh'. Und sie liege dann im Bett und warte auf ihn, bis ihn die Begnadung verlassen habe. Dann komme er ganz erschöpft zu ihr, und sie müsse ihm dann mit ganz zarten Fingern über die Dichterstirne streicheln. Und sie sprächen dann von einem neuen Stoff, den er verarbeiten müsse.
Das alles erzählte der Blondschopf meiner Mutter. Die erzählte es wieder meinem Vater. Und der sagte dann:
»Ja, ja, unser Herrgott hat an großen Tiergarten. Und überhaupt, um drei Uhr in der Früh', da möcht' i schlafen.«
Aber sonst war es ganz nett in dem Poetenhaushalt. Bloß schade, dass keine Kinder da waren, mit denen ich hätte spielen können wie mit der Mausi. Aber der Blondschopf meinte, Kinder verderben bei einer Frau bloß die Figur, und sie habe ja ihren Waldemar zu bemuttern. Einmal sagte meine Mutter, dass der tiefere Sinn einer Ehe doch Kinder wären. Was solle denn aus einem Volk werden, wenn es keine Kinder mehr gäbe? Das wisse sie nun allerdings nicht, meinte die Dichtersfrau. Im Übrigen erzeuge ihr Waldemar dauernd Kinder. Geistige Kinder halt. Und es sei eben die Frage, was wertbeständiger sei. Darüber könne ihr wohl die Putzfrau auch keine Auskunft geben.