Czytaj książkę: «Der Schatten»
Hans Christian Andersen
Der Schatten
Julius Reuscher
Saga
Der Schatten ÜbersetzerJulius Reuscher Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1847, 2019 Hans Christian Andersen und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726379761
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Der Schatten.
In den heissen Ländern brennt die Sonne ganz gewaltig, die Leute werden ganz schokoladenbraun, ja in den allerheissesten Ländern werden sie zu Negern gebrannt. Aber es war bloss nach den heissen Ländern, wohin ein gelehrter Mann von den kalten gelangt war; der glaubte nun, dass er dort ebenso umhergehen könne, als daheim, das wurde ihm aber bald abgewöhnt. Er und alle vernünftigen Leute mussten zu Hause bleiben, die Fensterladen und Türen waren den ganzen Tag über geschlossen; es sah aus, als ob das ganze Haus schlafe oder niemand zu Hause sei. Die schmale Strasse mit den hohen Gebäuden, wo er wohnte, war nun auch so gebaut, dass die Sonne vom Morgen bis Abend hineinschien; es war wirklich nicht auszuhalten! — Der gelehrte Mann aus dem kalten Lande war ein junger, kluger Mann, es kam ihm vor, als sässe er in einem glühenden Ofen; das griff ihn so an, dass er ganz mager wurde, selbst sein Schatten schrumpfte zusammen, der wurde viel kleiner, als er daheim war, die Sonne nahm auch den mit. — Sie lebten erst am Abend auf, wenn die Sonne untergegangen war.
Es war eine Freude, es mit anzusehen. Sobald das Licht in das Zimmer gebracht wurde, streckte der Schatten sich ganz gegen die Wand hinauf, so lang machte er sich; er musste sich strecken, um wieder zu Kräften zu gelangen. Der Gelehrte trat auf den Altan, um sich dort zu strecken, und sobald die Sterne in der herrlichen Luft erschienen, dann war es ihm, als ob er wieder auflebte. Auf allen Altanen in der Strasse — und in den warmen Ländern hat jedes Fenster einen Altan — kamen Leute zum Vorschein, denn Luft muss man haben, selbst wenn man gewöhnt ist, schokoladenbraun zu sein! Es wurde lebendig oben und unten. Schuhmacher und Schneider, alle Leute zogen auf die Strasse, da kamen Tisch und Stuhl, und das Licht brannte, ja über tausend Lichter brannten, und der eine sprach zum andern und sang, und die Leute spazierten, die Wagen fuhren, Maultiere gingen: klingelingeling, denn sie trugen Glocken. Da wurden Leichen mit Gesang begraben, die Strassenjungen brannten Sprühteufelchen ab, und die Glocken läuteten, ja es war recht lebendig unten auf der Strasse. Nur in dem einen Hause, welches dem, worin der fremde, gelehrte Mann wohnte, gerade gegenüber lag, war es ganz stille, und doch wohnte da jemand, denn es standen Blumen auf dem Altan, die wuchsen üppig in der Sonnenhitze, und das konnten sie nicht, wenn sie nicht begossen werden, und jemand musste sie doch begiessen; Leute mussten also da sein. Die Tür da drüben wurde auch gegen Abend geöffnet, aber es war finster darinnen, wenigstens im vordersten Zimmer, tiefer hinein ertönte Musik. Dem fremden, gelehrten Manne schien dieselbe ausserordentlich schön zu sein, aber es war auch möglich, dass er sich das nur einbildete, denn er fand alles vortrefflich da draussen in dert warmen Ländern, wenn nur die Sonne nicht so sehr gebrannt hätte. Der Wirt des Fremden sagte, dass er nicht wisse, wer das gegenüberliegende Haus gemietet habe, man erblicke ja keine Leute, und die Musik hielt er für langweilig. Es sei gerade, als ob jemand sässe und ein Stück übe, das er doch nicht herausbringen könne, immer dasselbe Stück. „Ich bekomme es doch heraus!“ meint er, aber es gelingt nicht, solange er auch spielt.
Einmal nachts erwachte der Fremde, er schlief bei offener Altantür, der Vorhang vor derselben wurde durch den Wind gelüftet, und es war ihm, als ob ein wunderbarer Glanz vom gegenüberliegenden Altan käme, alle Blumen leuchteten wie Flammen in den herrlichsten Farben, und mitten unter den Blumen stand eine schlanke, liebliche Jungfrau, es war, als ob sie auch leuchtete. Es blendete ihm förmlich die Augen, er riss sie aber auch gewaltig weit auf und kam eben aus dem Schlaf. Mit einem Sprung stand er auf dem Fussboden, ganz leise schlich er hinter den Vorhang, aber die Jungfrau war fort, der Glanz war fort; die Blumen leuchteten gar nicht, sondern standen sehr gut, wie immer, die Tür war angelehnt und tief aus dem Innern erklang Musik, so lieblich und schön, dass man wirklich in süsse Gedanken dadurch versenkt werden konnte. Es war doch wie ein Zauber, und wer wohnte da? Wo war der eigentliche Eingang? Im ganzen Erdgeschoss war Laden an Laden, und da konnten die Leute doch nicht immer hindurchlaufen.
Eines Abends sass der Fremde draussen auf seinem Altan, im Zimmer hinter ihm brannte Licht, und deshalb war es ganz natürlich, dass sein Schatten auf die gegenüberliegende Wand fiel, ja, da sass er gerade drüben zwischen den Blumen auf dem Altan; und wenn der Fremde sich bewegte, so bewegte sich der Schatten auch, denn das tut er. —
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