Czytaj książkę: «Die schönsten Erzählungen von Guy de Maupassant»

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Guy de Maupassant

Die schönsten Erzählungen von Guy de Maupassant

Die Morithat + Rosa + Der Vater + Das Geständnis + Der Schmuck + Das Glück + Das Loch…


Books

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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-0655-1

Inhaltsverzeichnis

Tag-und Nachtgeschichten

Der Horla

Nutzlose Schönheit

Die kleine Roque

Tag-und Nachtgeschichten

Inhaltsverzeichnis

Timbuctu

Der Schmuck

Die Morithat

Rosa

Das Glück

Der Alte

Ein Feigling

Der Säufer

Die Blutrache

Coco

Die Hand

Elternmord

Der Lummen-Felsen

Der Kleine

Eine wahre Geschichte

Erinnerung

Der Vater

Das Geständnis

Die Beichte

Der Krüppel (Zweite Fassung)

Adieu

Timbuctu

Inhaltsverzeichnis

Der Boulevard, dieser Strom des Lebens, wimmelte von Menschen im Goldglanz der untergehenden Sonne. Der ganze Himmel war augenblendend purpurrot, und hinter der Madeleine warf eine riesige leuchtende Wolke einen flimmernden Strahlenregen auf die ganze Straße hinab, die wie vom Dunst eines Hochofens eingehüllt erschien.

Eine lustige Menge wallte auf und ab in diesem flammenden Nebel wie in einer himmlischen Wolke. Die Gesichter strahlten, die Cylinderhüte spiegelten und die schwarzen Röcke glänzten in purpurnem Schein; das Lackleder der Stiefel warf strahlenden Glanz auf den Asphalt der Bürgersteige.

Vor den Cafés saßen eine Menge Menschen und tranken glänzende farbige Getränke, die aussahen wie kostbare, in Krystall eingesetzte Edelsteine.

Mitten zwischen den Gästen, in leichten, dunkleren Anzügen, saßen zwei Offiziere in voller Uniform, und die Vorübergehenden mußten die Augen zukneifen, so glitzerte die Sonne auf dem Gold ihrer Röcke.

Sie plauderten vergnügt ohne besonderen Anlaß, im Strom dieses heiteren Lebens, in der Köstlichkeit dieses strahlenden Sommerabends, und betrachteten die Menschen, die vorübergingen, die langsam schlendernden Männer, die eilig trippelnden Frauen, deren Spur eine Wolke süßen, verwirrenden Duftes bezeichnete.

Plötzlich kam an ihnen ein riesiger Neger vorüber, schwarz gekleidet, wohlbeleibt, auf dessen heller Weste eine Menge Anhänger baumelten. Er sah sehr vergnügt aus, lachte die Vorübergehenden an, lachte den Zeitungsverkäufern zu, lachte in den strahlenden Himmel hinein, lachte auf ganz Paris.

Er war so groß, daß er alles überragte, und hinter ihm drehten sich die Menschen um, um ihn zu betrachten. Aber plötzlich gewahrte er die beiden Offiziere, drängte sich durch die Gäste, und sobald er vor ihrem Tisch stand, sah er sie strahlend, glückselig an, und seine Mundwinkel zogen sich breit bis zu den Ohren, daß man die weißen Zähne sah, hellleuchtend wie der Halbmond an einem dunklen Himmel.

Die beiden Männer waren erstaunt, betrachteten den schwarzen Riesen, ohne seine Heiterkeit zu verstehen, aber er rief mit einer Stimme, daß rundum alles lachte:

– Gute Tag! Gute Tag, Herr Leutnant!

Einer der Offiziere war Major, der andere Oberst. Der erste sagte:

– Ich kenne Sie nicht, ich weiß nicht, was Sie wünschen!

Der Neger antwortete:

– Ich liebe sehr Dich Leutnant Védié, belagert Bézi, viel Weintrauben gesucht ich!

Der Offizier war ganz erstaunt und betrachtete den Mann schärfer, suchte in seinen Erinnerungen und plötzlich rief er:

– Timbuctu Du?

Der Neger war glückselig, schlug sich auf den Schenkel, stieß einen seltsamen wilden Schrei aus und rief:

– Ja, ja, Herr Leutnant, erkennt Timbuctu o ja, gute Tag!

Der Major streckte ihm die Hand entgegen und lachte aus vollem Herzen. Da wurde Timbuctu ernst, und so schnell, daß der andere es nicht hindern konnte, küßte er dessen Hand nach Neger-und Araber-Art. Der Offizier sagte verlegen mit strengem Ausdruck:

– Timbuctu, wir sind nicht in Afrika, aber setz Dich mal her und erzähle mir, wie Du herkommst.

Timbuctu warf sich in die Brust und stammelte sich überstürzend, so schnell sprach er:

– Viele Geld gewonnen, viele Restaurant, gut Essen Preußen ich viel stehlen viel mehr französische Küche. Timbuctu Kaiser Koch 2000 Franki mich hahaha.

Und er wand sich vor Lachen und heulte vor Freude.

Doch der Offizier, der seine seltsame Sprechweise ganz gut verstand, sagte zu ihm, nachdem er noch ein paar Sachen gefragt hatte:

– Na, nun lebe wohl, Timbuctu. Auf Wiedersehen!

Der Neger erhob sich sofort, drückte diesmal die Hand, die der andere ihm reichte, lachte wieder und rief:

– Gute Abend! Gute Abend, Herr Leutnant!

Und er ging so fröhlich davon, daß er noch gestikulierte, als er sich entfernte, und die Leute ihn für verrückt hielten.

Der Oberst fragte:

– Was ist denn das für ein Kerl?

Der Major antwortete:

– Ein braver Kerl und ein guter Soldat. Ich will Ihnen erzählen, was ich von ihm weiß, komisch genug ist es.

Sie wissen, daß ich bei Beginn des 70er Krieges in Beziéres, das der Neger Bézi nennt, eingeschlossen war. Wir waren nicht eigentlich belagert, sondern blockiert. Die preußischen Linien umgaben uns überall; sie beschossen uns nicht, aber allmählich hungerten sie uns aus.

Ich war damals Leutnant. Unsere Garnison war aus Truppen aller Art zusammengesetzt, Überreste von dezimierten Regimentern, Flüchtlingen, Marodeuren der verschiedenen Armeecorps, kurz, es war eigentlich alles da, sogar eines Abends kamen, kein Mensch wußte woher, elf Turcos an.

Sie waren am Stadtthor erschienen, ganz heruntergekommen, abgelumpt und besoffen. Man überwies sie mir. Ich erkannte bald, daß sie keiner Disziplin zugängig waren, immer auswärts und immer betrunken. Ich versuchte, sie in Arrest zu stecken, sogar ins Gefängnis, es half alles nichts; die Kerle verschwanden ganze Tage hindurch, als ob sie in die Erde versunken wären; dann kamen sie wieder, total betrunken. Sie hatten kein Geld, wo besoffen sie sich denn? Wie und wovon?

Das intriguierte mich bald sehr, umsomehr als diese Wilden mit ihrem ewigen Lachen und ihrer Art, wirklich wie große, mutwillige Kinder, mich einigermaßen interessierten.

Da entdeckte ich, daß sie dem größten unter ihnen, den Sie eben hier gesehen haben, blindlings gehorchten. Er beherrschte sie vollkommen; er leitete ihre geheimnisvollen Unternehmen.

Ich ließ ihn kommen und befragte ihn. Unsere Unterhaltung dauerte wohl drei Stunden, so schwer war es, das Kauderwelsch zu verstehen, aber der arme Deubel machte alle möglichen Versuche, um sich verständlich zu machen, erfand Worte, gestikulierte, schwitzte vor Anstrengung, wischte sich die Stirn, schwieg, redete dann wieder los, wenn er meinte ein neues Verständigungs-Mittel gefunden zu haben.

Ich erriet, daß er der Sohn irgend eines großen Häuptlings sein mußte, so einer Art König aus der Nähe von Timbuctu. Ich fragte nach seinen Namen, er antwortete so etwas wie:

Chevaharibuhalikbranafotapola. Mir schien es einfacher, ihn nach seinem Lande Timbuctu zu nennen, und acht Tage später nannte ihn die ganze Garnison nicht anders.

Aber wir starben vor Neugierde zu erfahren, wie es der afrikanische Prinz a.D. fertig kriegte, sich zu betrinken, und das entdeckte ich auf ganz seltsame Weise.

Eines Morgens war ich auf den Wällen und sah in die Ferne hinaus, da gewahrte ich in einem Weinberg etwas, das sich bewegte. Es war zur Zeit der Weinlese, die Weintrauben waren reif, aber daran dachte ich kaum, ich meinte vielmehr, ein Spion nähere sich der Stadt, und ich stellte sofort eine Patrouille zusammen, um den Kerl zu erwischen.

Ich übernahm die Führung, nachdem ich vom General die Erlaubnis erhalten. Aus drei verschiedenen Thoren hatte ich drei kleine Trupps ausfallen lassen, die sich in der Nähe des verdächtigen Weinberges treffen und ihn umzingeln sollten. Um dem Spion den Rückzug abzuschneiden, mußte das eine Detachement mindestens eine Stunde marschieren. Ein Mann, den ich als Beobachtungsposten auf der Mauer gelassen, gab mir ein Zeichen, ob der Mensch den Weinberg auch noch nicht verlassen hätte.

Wir gingen stillschweigend, kletterten, schlichen beinahe auf dem Bauche hin, endlich kamen wir an den bezeichneten Punkt. Plötzlich gebe ich meinen Soldaten ein Zeichen, sie stürzen sich in den Weinberg und finden Timbuctu, der auf allen Vieren zwischen den Stämmen hinkriecht und Weintrauben ißt, oder vielmehr verschlingt wie ein Hund, der sein Fressen hinunterwürgt, mit vollem Mund vom Weinstock selbst, indem er jedes Mal mit den Zähnen die Traube abreißt.

Ich wollte ihn aufstehen lassen, es ging nicht, und nun begriff ich, warum er auf Händen und Knieen rutschte. Sobald man ihn auf die Beine gestellt hatte, schwankte er, streckte die Arme aus und schlug der Länge nach hin. Er war so betrunken, wie ich noch nie einen Menschen gesehen habe.

Wir schleppten ihn in die Stadt. Den ganzen Weg über lachte er und schlug um sich mit Armen und Beinen. Das war also das ganze Wunder: Die Kerle besoffen sich am Stock selbst; wenn sie dann betrunken waren, daß sie sich nicht mehr regen konnten, schliefen sie, wo sie gerade lagen, ihren Rausch aus. Timbuctus Leidenschaft für den Weinberg überstieg aber alle Maße und alles für möglich gehaltene, er lebte förmlich dort.

Eines Abends rief man mich. Auf der Ebene sah man etwas, das sich uns näherte. Ich hatte meinen Feldstecher nicht bei mir und konnte nichts erkennen, es war wie eine große Schlange, die sich fortrollte.

Ich schickte ein paar Mann der seltsamen Karawane entgegen, die bald im Triumph einzog. Timbuctu und seine neun Begleiter trugen auf einer Art Altar aus Feldstühlen gemacht, acht abgeschnittene, blutige, grinsende Köpfe; der zehnte Turco hielt ein Pferd am Schwanz, an den ein anderer gebunden war und sechs andere Tiere folgten in gleicher Weise.

Ich erfuhr folgendes: Als die Afrikaner wieder in den Weinberg gegangen waren, hatten sie plötzlich ein preußisches Detachement entdeckt, das sich dem Dorf näherte. Statt zu fliehen, hatten sie sich versteckt und dann, als die Offiziere am Wirtshaus abgesessen, um sich zu erfrischen, hatten sich die elf Kerle auf sie gestürzt.

Die Ulanen, die sich angegriffen wähnten, waren geflohen; die Afrikaner töteten zwei Posten und den Oberst und fünf Offiziere seines Stabes.

An diesem Tage umarmte ich Timbuctu. Aber ich bemerkte, daß er sich kaum schleppen konnte. Ich meinte, er sei verwundet, doch er begann zu lachen und sagte:

– Ich müssen für die Land!

Timbuctu führte nämlich Krieg nicht der Ehre halber, sondern wegen des Gewinnes. Alles was er fand und was ihm irgend einen Wert zu haben schien, vor allen Dingen, was glänzte, steckte er in die Tasche.

So hatte er das Gold von den preußischen Uniformen abgetrennt, die Beschläge der Helme, die Knöpfe u.s.w., und alles in die Tasche gesteckt, die beinahe platzte. Täglich stopfte er dort hinein jeden glänzenden Gegenstand, der ihm unter die Augen kam, ein Geldstück oder ein Stück Metall, so daß er manchmal ganz verrückt aussah.

Alles das wollte er später in das Land der Strauße mitnehmen, und was hätte er anfangen sollen ohne seine Tasche? Aber jeden Morgen war seine Tasche leer; er mußte also ein Hauptmagazin haben, wo er alle seine Reichtümer aufstapelte, aber wo, konnte ich nicht entdecken.

Der General, dem Timbuctus That gemeldet worden war, ließ sofort die Körper der Enthaupteten, die im nächsten Orte lagen, beerdigen, damit man nicht etwa merken sollte, daß ihnen der Kopf abgesäbelt worden. Am nächsten Tage kehrten die Preußen dorthin zurück. Der Ortsvorstand und sieben der angesehensten Einwohner wurden standrechtlich erschossen, zur Strafe, weil sie die Anwesenheit der Deutschen uns verraten hätten.

Der Winter war eingebrochen, wir waren vollständig verzweifelt; täglich fanden jetzt Gefechte statt. Nur die acht Turcos (einer war getötet worden) blieben dick und fett, kräftig und immer kampfbereit. Timbuctu war sogar ganz wohlbeleibt, er sagte mir eines Tages:

– Du viel Hunger, ich gute Fleisch!

Und in der That brachte er mir ein ausgezeichnetes Filet, aber woher? Wir hatten keine Ochsen mehr, keine Schafe, keine Ziegen, keinen Esel, keine Schweine, es war sogar unmöglich, sich ein Pferd zu verschaffen.

Nachdem ich meinen Braten verzehrt, dachte ich über all dies nach. Da kam mir ein furchtbarer Gedanke: Diese Neger waren geboren nicht weit von dem Lande, wo man Menschenfleisch ißt! Und täglich fielen soviele Soldaten in den Kämpfen um die Stadt.

Ich fragte Timbuctu, aber er wollte nicht antworten. Ich bestand nun nicht weiter darauf, aber fortan nahm ich von ihm nichts mehr zu Essen an.

Er liebte mich. Eine Nacht überraschte unsere Feldwache ein Schneegestöber. Wir saßen am Boden: mitleidig betrachtete ich die armen Neger, die unter diesem weißen weichen Staub klapperten. Da ich tüchtig fror, begann ich zu husten. Da fühlte ich etwas um die Schultern wie eine große, weiche Decke. Es war Timbuctu’s Mantel, den er mir um die Schultern hing.

Ich stand auf, gab ihm das Kleidungsstück zurück:

– Behalte Du’s mein Junge, Du brauchst’s nötiger als ich!

Er antwortete:

– Nein, Herr Leutnant, für Dir, ich nicht, ich heiß, heiß!

Und er betrachtete mich flehend. Ich antwortete:

– Also gehorche, behalte Deinen Mantel, ich befehle es Dir!

Da stand der Neger auf, zog seinen Säbel, den er scharf zu machen verstand wie eine Sense, und indem er mit der anderen Hand den großen Mantel, den ich nicht haben wollte, hielt, rief er:

–- Du nicht Mantel behalten, ich zerschneiden Mantel!

Er hätte es wirklich gethan, und ich gab nach.

Acht Tage darauf hatten wir kapituliert. Ein paar von uns hatten fliehen können, die anderen marschierten aus der Stadt in die Gefangenschaft der Sieger.

Ich begab mich zum Sammelplatz, da blieb ich ganz erstaunt vor einem riesigen, in weißes Leinen gekleideten Neger stehen, der einen Strohhut auf dem Kopf hatte, es war Timbuctu.

Er schien glückselig zu sein und lief, die Hände in den Taschen, vor einer kleinen Bude auf und ab, auf der als Aushängeschild zwei Teller und zwei Gläser prangten. Ich fragte ihn:

– Was treibst Du denn?

Er antwortete:

– Ich nicht fort, ich gut koch, haben Oberst essen gemacht in Allgier, ich essen Preuße, viel gestohlen, viel, viel.

Es waren zehn Grad Kälte; ich zitterte beim Anblick dieses Negers in seinem weißen Leinen-Anzuge. Da nahm er mich beim Arm und ließ mich eintreten.

Nun sah ich ein Riesenschild, das er vor die Thür hängen wollte, sobald wir abmarschiert wären, denn er schämte sich doch etwas, und ich las von der Hand irgend eines Mitschuldigen Folgendes geschrieben:

Militär-Restaurant des Herrn Timbuctu

Küchen-Chef Seiner Majestät des Kaisers.

Pariser Küche – Mäßige Preise.

Trotz der Verzweiflung, die ich im Herzen trug, konnte ich nicht anders, ich mußte lachen, und ich überließ meinen Neger seinem neuen Beruf, war das nicht besser, als ihn in die Gefangenschaft mit zu nehmen?

Sie haben eben gesehen, daß es ihm geglückt ist, dem Kerl. Heute gehört Béziéres Deutschland, aber das Restaurant Timbuctu ist der erste Schritt zur Revanche.

Der Schmuck

Inhaltsverzeichnis

Sie war eines jener bildhübschen, reizenden Mädchen, die, wie durch einen Irrtum des Schicksals, in einer kleinen Beamtenfamilie geboren sind. Sie besaß keine Mitgift, keine Hoffnungen, kein Mittel, um in der Gesellschaft bekannt, geliebt und von einem reichen, vornehmen Manne heimgeführt zu werden.

Und da ließ sie sich mit einem kleinen Beamten aus dem Unterrichtsministerium verheiraten. Sie war einfach, da sie sich nicht elegant anziehen konnte und fühlte sich unglücklich wie eine Deklassierte.

Denn die Frauen gehören weder einer Kaste noch Rasse an, ihre Schönheit, ihre Grazie, ihr Reiz, sind für sie Geburtsschein und Familie. Ihre natürliche Feinheit, ihre geistige Anschmiegsamkeit geben ihnen die einzige Anwartschaft zum Herrschen und stellen die Tochter aus dem Volk mit der größten Dame gleich.

Sie litt unausgesetzt, denn sie fühlte sich für allen Luxus und für alles Schöne des Lebens geboren. Sie litt unter der Armseligkeit ihrer Wohnung, dem Elend in ihren vier Pfählen, unter den abgetragenen Sesseln, der Häßlichkeit der Stoffe.

All diese Dinge, die einer anderen Frau ihrer Kaste vielleicht nicht einmal auffielen, quälten sie und empörten sie. Der Anblick ihres kleinen Bretonischen Dienstmädchens, die ihre einfache Wirtschaft besorgte, erweckte in ihr verzweifeltes Bedauern und jammervolle Träume. Sie dachte an Vorzimmer mit orientalischen Teppichen behangen, in denen hohe Bronceleuchter brannten und wo in tiefen Sesseln zwei Diener in Kniehosen warteten, bei der Wärme des großen, schweren Kamins.

Sie dachte an Salons, mit Seide bespannt, und mit zarten Möbeln, mit köstlichen Nippes und Nichtsen; an kleine, reizende, duftgeschwängerte Boudoirs, die eigens gemacht schienen für eine kleine Unterhaltung Nachmittags zur Theestunde mit den intimsten Freunden, bekannten und bedeutenden Männern, deren Aufmerksamkeit alle Frauen wünschen und neiden.

Wenn sie sich zu Tisch setzte, an den runden Tisch, auf dem das Tischtuch schon tagelang lag, ihrem Manne gegenüber, der den Deckel von der Terrine abnahm und schmunzelnd sagte:

– O, die gute Suppe, das bleibt doch das beste!

Dann dachte sie an großartige Diners, mit glänzenden Silbersachen, wo die Wände bespannt waren mit Gobelins, auf denen seltsame Vögel mitten in einem Feenwald herumflatterten. Sie dachte an außergewöhnliche, herrliche Speisen in köstlichem Geschirr angerichtet, dachte an die Galanterien, die zugeflüstert und angehört werden mit Sphinxartigem Lächeln, während man das rosige Fleisch einer Forelle kostet oder am Flügel eines Birkhuhns knabbert.

Sie hatte keine Toiletten, keinen Schmuck, nichts, und doch liebte sie nur das, sie fühlte sich dazu geschaffen, sie hätte so gern gefallen, beneidet, gesucht und verführerisch sein mögen.

Sie besaß eine reiche Freundin, mit der sie im Kloster erzogen worden, aber sie mochte sie nicht aufsuchen, denn so schrecklich war es ihr jedesmal, wenn sie von dort zurückkam; sie weinte dann tagelang vor lauter Kummer, Verzweiflung und Elend.

Da kam eines Abends ihr Mann mit Siegesmiene herein, einen großen Brief in der Hand.

– Da ist was für Dich! sagte er.

Sie riß schnell das Couvert auf und fand darin eine gedruckte Einladung folgenden Inhalts:

»Seine Excellenz der Unterrichtsminister und Frau Georg Ramponneau geben sich die Ehre Herrn und Frau Loisel für Montag den 18. Januar zur Soiree ergebenst einzuladen.«

Statt glücklich zu sein, wie ihr Mann es erhofft, warf sie die Einladung mit gerümpfter Nase auf den Tisch und murmelte:

– Was soll mir das nützen?

– Aber liebes Kind, ich dachte, Du würdest glücklich sein. Du kommst nie heraus, und da hast Du nun einmal eine schöne Gelegenheit dazu. Es war schwer genug, die Einladung zu kriegen, alle Welt will eine haben, und nicht alle Beamten kriegen eine. Alle offiziellen Persönlichkeiten werden da sein.

Sie sah ihn erregt an und sagte ungeduldig:

– Was soll ich denn anziehen, um dorthin zu, gehen?

Daran hatte er nicht gedacht und stammelte:

– Gott das Kleid, das Du zum Theater anziehst, das scheint mir doch ganz nett!

Er schwieg, auf den Mund geschlagen, ganz verzweifelt, als er sah, daß seine Frau weinte.

Zwei große Thränen rollten langsam aus den Augenwinkeln herab, und er stammelte:

– Was hast Du denn? Was hast Du denn?

Mit aller Gewalt kämpfte sie ihre Verzweiflung nieder und sagte mit ruhiger Stimme, indem sie ihre nassen Wangen abwischte:

– Garnichts! Aber ich habe kein Kleid und kann also auf das Fest nicht gehen. Gieb die Einladung nur irgend einem Kollegen, dessen Frau besser herausstaffiert ist als ich.

Er war traurig, er antwortete:

– Aber sei doch vernünftig, Mathilde. Wieviel soll denn eine anständige Toilette kosten, die Du vielleicht noch bei anderen Gelegenheiten benutzen könntest. Sie braucht ja nur ganz einfach zu sein!

Sie dachte ein paar Sekunden nach, rechnete und überlegte auch, welche Summe sie wohl verlangen könnte, ohne daß der sparsame Beamte sofort nein gesagt hätte und außer sich gewesen wäre.

Endlich antwortete sie zögernd:

– Ich weiß nicht recht, aber ich denke mit vierhundert Franken müßte es gehen.

Er war bleich geworden, denn er wollte gerade diese Summe bei Seite legen, um sich ein Gewehr zu kaufen und einmal auf die Jagd zu gehen, den folgenden Sommer in Nanterre, wo er mit ein paar Freunden Sonntags sich vergnügen konnte. Aber dennoch sagte er:

– Gut, Du sollst vierhundert Franken bekommen, Und nun sieh zu, daß Du ein schönes Kleid kriegst.

Der Tag des Festes rückte heran, aber Frau Loisel schien traurig, unruhig, ängstlich, obgleich ihre Toilette fertig war. Da sagte eines Tages ihr Mann zu ihr:

– Was hast Du denn, Du bist seit einiger Zeit so sonderbar!

Und sie antwortete:

– Ach, mir ist es so unangenehm, daß ich keinen Schmuck habe, keinen Stein, nichts anzuthun. Ich werde eine recht traurige Figur machen, ich möchte am liebsten garnicht hingehen.

Er antwortete:

– Nimm doch natürliche Blumen, das ist sehr chik jetzt, und für zehn Franken bekommst Du zwei oder drei prachtvolle Rosen.

Doch sie war nicht davon überzeugt:

– Nein, es giebt nichts Demütigenderes, als unter all den reichen Frauen so armselig aufzutreten!

Aber ihr Mann rief:

– Sei doch nicht dumm, geh doch mal zu Deiner Freundin Forestier und bitte sie, sie soll Dir irgend einen Schmuck borgen. Du kennst sie doch genau genug dazu.

Sie stieß einen Freudenschrei aus. Das war eine gute Idee, daran hatte sie nicht gedacht.

Am nächsten Tage ging sie zu ihrer Freundin und teilte ihr den Grund ihrer Niedergeschlagenheit, mit. Frau Forestier trat an ihren Spiegelschrank, nahm daraus einen großen Kasten, brachte ihn, öffnete ihn und sagte zu Frau Loisel:

– Bitte, such Dir etwas aus.

Sie sah zuerst Armbänder; dann ein Perlenhalsband, dann ein Venezianisches Kreuz aus Gold, eine wundervolle Arbeit, und all den Schmuck probierte sie vor dem Spiegel an. Sie zögerte, sie konnte sich nicht entschließen, die Sachen aus der Hand zu geben, und sie fragte immer:

– Hast Du noch etwas anderes?

– Aber gewiß, wühle nur, ich weiß ja nicht, was Dir gefällt.

Plötzlich entdeckte sie in einem Etui von schwarzem Satin eine wundervolle Diamanten-Riviere, und ihr Herz begann vor Sehnsucht danach zu schlagen. Ihre Hände zitterten, als sie den Schmuck in die Hand nahm sie legte ihn um den Hals auf dem geschlossenen Kleid, sie war ganz weg über sich selbst.

Dann fragte sie zögernd, voller Angst:

– Willst Du mir das borgen? Nur das?

– Aber gewiß, sehr gern!

Sie fiel ihrer Freundin um den Hals, küßte sie herzlich und lief mit ihrem Schatze davon.

Der Tag des Festes kam, Frau Loisel hatte einen großen Erfolg. Sie war hübscher als alle, elegant, graziös, lächelte und war vor Freude ganz verrückt.

Alle Herren blickten sie an, fragten, wer es wäre, ließen sich ihr vorstellen. Alle jungen Beamten wollten mit ihr tanzen, sogar der Minister ward auf sie aufmerksam. Sie tanzte wie trunken vor Freude und Glück, dachte an nichts mehr im Triumph ihrer Schönheit, in der Wonne ihres Erfolges, wie von einer Art Wolke umhüllt, aus all dieser Bewunderung, aus all diesem Courmachen gewoben, von all den geheimem Wünschen umgeben, durch diesen vollständigen Sieg, der den Frauenherzen so teuer ist.

Gegen vier Uhr Morgens ging sie fort. Ihr Mann schlief schon seit Mitternacht in einem kleinen verlassenen Salon mit drei anderen Herren, deren Frauen sich auch gut unterhielten.

Er warf ihr die Überkleider um die Schultern, die er vom Eingang geholt, bescheidene Alltagsgegenstände, deren Ärmlichkeit gegen die Eleganz der Balltoilette abstach. Sie fühlte es und wollte entfliehen, um von den anderen Frauen die sich in kostbare Pelze hüllten, nicht gesehen zu sein.

Loisel hielt sie zurück:

– Warte doch, Du wirst Dich draußen erkälten. Ich werde einen Wagen rufen.

Aber sie hörte nicht auf ihn und lief rasch die Treppe hinunter. Als sie auf der Straße standen, fanden sie keinen Wagen. Sie suchten und riefen die Kutscher an, die sie in der Ferne vorüberfahren sahen.

Frierend und verzweifelt gingen sie nach der Seine hinuter, endlich fanden sie am Quai eines jener alten Nachtcoupés, die man in Paris nur bemerkt, wenn es dunkel wird, als ob sie Tags über sich ihrer Armseligkeit geschämt hätten.

Das brachte sie bis an ihre Thür Rue des Martyrs, und traurig stiegen sie zu ihrer Wohnung hinauf. Für sie war es jetzt aus, und er ärgerte sich, daß er um zehn Uhr im Ministerium sein mußte.

Sie legte vor dem Spiegel die Kleidungsstücke ab, die sie um die Schultern gethan, um sich noch einmal in all ihrer Schönheit zu sehen, aber plötzlich stieß sie einen Schrei aus: Sie trug kein Halsband mehr um den Hals!

Ihr Mann, der sich schon halb ausgezogen hatte, fragte:

– Was hast Du denn?

Erschrocken wandte sie sich zu ihm:

– Ich habe … ich habe den Schmuck der Frau Forestier nicht mehr!

Er fuhr erschrocken herum:

– Was? Wie? Das ist nicht möglich!

Und sie suchten in den Falten des Kleides, in den Falten des Mantels, überall und fanden nichts.

Er fragte:

– Bist Du gewiß, daß Du ihn noch hattest, als wir den Ball verließen?

– Ja, ich habe ihn im Vorsaal, im Ministerium noch angefaßt.

– Aber wenn er auf der Straße verloren gegangen wäre, hätten wir ihn doch fallen hören müssen. Es muß im Fiaker geschehen sein.

– Sehr wahrscheinlich! Weißt Du die Nummer?

– Nein, hast Du sie Dir nicht gemerkt?

– Nein!

Sie blickten sich tötlich erschrocken an, endlich zog Herr Loisel sich wieder an:

– Ich will den ganzen Weg, den wir zu Fuß gegangen sind, noch einmal zurücklegen, um zu sehen, ob ich ihn nicht vielleicht finde.

Und er ging fort. Sie blieb in ihrer Toilette sitzen, sie hatte nicht die Kraft zu Bett zu gehen. Sie hockte auf einem Stuhl, ohne einen Gedanken fassen zu können.

Gegen sieben Uhr kehrte ihr Mann zurück, er hatte nichts gefunden. Er ging auf die Polizei, zu den Zeitungen, um eine Belohnung auszusetzen; ging zu der Droschken-Gesellschaft, kurz, überall hin, wohin ihn der Schimmer einer Hoffnung trieb.

Sie wartete den ganzen Tag in demselben verstörten Zustand, angesichts des furchtbaren Unglücks. Loisel kam am Abend wieder, mit eingefallenen Wangen, bleich, er hatte nichts gefunden.

Er sagte:

– Du mußt Deiner Freundin schreiben, Du hättest das Schloß kaput gemacht und müßtest es erst wieder herstellen lassen, damit wir Zeit haben, uns noch einmal umzusehen.

Und er diktirte ihr den Brief.

Nach einer Woche hatten sie keine Hoffnung mehr, und Loisel, der um fünf Jahre gealtert war, erklärte:

– Wir müssen sehen, daß wir einen anderem Schmuck schaffen.

Am nächsten Tage nahmen sie das Etui, worin der Schmuck gelegen hatte und gingen zu dem Juwelier, dessen Name sich darin verzeichnet fand. Er schlug in seinen Büchern nach:

– Gnädige Frau, ich habe diese Riviere nicht verkauft, von mir ist offenbar nur das Etui.

Da liefen sie von Juwelier zu Juwelier und suchten überall einen ähnlichen Schmuck und strengten ihr Gedächtnis an, beide ganz krank vor Kummer und Verzweiflung.

In einem kleinen Laden im Palais Royal fanden sie eine Brillant-Schnur, die ihnen ganz genau so zu sein schien, wie die, die sie suchten. Sie sollte vierzigtausend Franken kosten, aber man wollte sie ihnen für sechsunddreißigtausend lassen.

Sie baten also den Juwelier, ihnen drei Tage lang das Vorkaufsrecht zu lassen, und sie stellten die Bedingung, daß er ihn für vierunddreißigtausend Franken zurücknehmen mußte, wenn der erste Schmuck sich etwa vor Ende Februar wiederfände.

Loisel besaß achtzehntausend Franken, die er von seinem Vater geerbt, den Rest wollte er borgen. Er borgte ihn zusammen, von diesem eintausend, fünfhundert von jenem, fünf Zwanzigfrankstücke hier oder drei dort, er schrieb Wechsel, machte verzweifelte Geldgeschäfte und trat mit Halsabschneidern und Wucherern aller Art in Verbindung, er kompromittierte seine ganze Existenz und wagte es zu unterschreiben, ohne zu wissen, ob er je würde zahlen können und, unausgesetzt im Gedanken an die Entbehrungen, an die Zukunft, an das Elend, das über ihren Hausstand kommen würde, durch die in Aussicht stehenden leiblichen Entbehrungen, durch die moralischen Qualen, holte er endlich den neuen Schmuck und legte sechsunddreißigtausend Franken auf den Ladentisch.

Als Frau Loisel ihrer Freundin den Schmuck brachte, sagte diese etwas pikiert:

– Du hättest ihn mir auch früher bringen können, ich hätte ihn doch brauchen können!

Sie öffnete garnicht das Etui, wovor sich ihre Freundin gefürchtet. Wenn sie den Ersatz entdeckt, was hätte sie wohl gesagt? Hätte sie sie nicht für eine Diebin gehalten?

Frau Loisel lernte das Leben der Bedürftigen kennen. Sie fügte sich übrigens darein, wie eine Heldin. Diese furchtbaren Schuldscheine mußten eben bezahlt werden, und sie würden sie zahlen.

Sie schickte das Mädchen fort, sie nahm eine andere Wohnung, eine Mansarde unter dem Dach. Nun lernte sie die groben Hausarbeiten kennen, die entsetzlich groben in der Küche.

Ograniczenie wiekowe:
18+
Data wydania na Litres:
13 listopada 2024
Objętość:
620 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788027206551
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania: