Czytaj książkę: «Der Irrläufer»

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Gudmund Vindland
Der Irrläufer
Roman
Aus dem Norwegischen
von Gabriele Haefs

Lindhardt und Ringhof

Teil I
Knospen bersten

Der Jüngling

Über dem Wald liegt Dämmerung. Je heller das Licht wird, desto bleicher werden die Sterne am Himmel. Tief im Südwesten ist die Mondsichel noch schwach zu sehen. In der Rodung liegt wieder viel Schnee, unter den Bäumen nicht. Die ganze Woche lang hat es gleichmäßig geregnet. Kälteschwaden ziehen langsam ins Tal hinunter. In den Senken verdichten sie sich, und man kann nur die herausragenden Baumspitzen sehen.

Aus einem solchen Nebelpolster trottet ein kleines Geschöpf hervor. Ein Junge. Das bin ich. Ich heiße Yngve. Ich arbeite mich zielbewußt voran. Stapfe durch den klebrigen Schnee. Ich bin kaputt, schweißnaß. Die Haare kleben mir an der Stirn. Ich will oben auf den Hügel. Versuche, unter den Kiefern zu gehen, da ist weniger Schnee. Ich kämpfe mich über die weichen Schneewehen hinweg.

Endlich bin ich oben bei dem großen Stein. Unserem Stein. Ich taumle darauf zu und falle daneben, auf den Zweigen der Fichte krümme ich mich zusammen.

Mein keuchender Atem beruhigt sich nicht.

Bald heult es aus meinem Versteck, wie ein angeschossenes Tier.

Weinen ist schlecht, aber mir tut es gut. Nach einer Weile werde ich ruhiger und erhebe mich. Sehe, wie die Sonne durch die Baumwipfel auf den Bergrücken fällt. Ich schluchze noch ein bißchen, trockne mir mit der Hand das Gesicht ab und klettere auf den Stein. Auf unseren Stein. Dann setze ich mich auf ein Mooskissen und starre in das rotgelbe Licht, lasse die Sonne in mich eindringen, um alle Gefühle wegzupressen, alle Gedanken, alles. Aber das nützt nichts. Der Schrei baut sich auf. Ich muß das schreien, werfe mich über den Stein und schluchze: «Magnus, Magnus, Magnus ...»

Dann setze ich mich plötzlich auf und spreche, klar und verbissen: «Du bist feige, feige! Du hast mich immer gekannt. Ich kenne dich so gut wie du dich selbst. Du hast genauso mitgemacht wie ich. Wir waren immer zwei! Jetzt traue ich mich endlich, das beim Namen zu nennen, was wir seit zwei Jahren wissen, und da haust du ab, du Arsch. Mein schöner Arsch. Ich weiß ja, das ist wegen deiner scheinheiligen Familie und Gott und sonst wem und aller Welt. Du brauchst nur das Wort zu hören, das unaussprechliche Wort ‹homosexuell›, und schon donnert das Echo in deinem Kopf: Unnormal! Abnorm! Sünde! Ach, Herrgott, Magnus, mein Junge, was soll nur aus uns werden? Was soll aus dir werden? Und was soll ich mit mir anfangen? Ich liebe dich, Magnus, nur dich ...»

So liege ich da und wimmere, sehne mich und fluche.

Yngve Vilde heiße ich, und im Herbst werde ich sechzehn.

Die Sonne scheint kalt auf mich und den feuchten Stein. Unseren Stein.

Magnus

In der vierten Klasse wurden wir Freunde. Wir waren gerade von Toten, wo meine Mutter, mein Bruder und ich zwei Jahre lang allein gelebt hatten, nach Lambertseter umgezogen. Mein Vater arbeitete in Oslo, hatte zur Untermiete gewohnt und auf eine Wohnung gespart. Ich war froh, als die Familie wieder zusammen war, aber in der Schule hatte ich es zuerst verdammt schwer. Ich wurde ausgelacht und gehänselt, weil ich einen anderen Dialekt sprach. Niemand wollte mit mir zu tun haben. Aber einmal, als zwei von den starken Jungs mich ganz besonders piesackten, mischte Magnus sich ein. Er war der Sohn des strengsten und frömmsten Lehrers, und niemand traute sich an ihn heran. «Ihr seid feige, er ist doch kleiner als ihr», sagte Magnus.

Das reichte. Die starken Jungs verdrückten sich, und Magnus half mir hoch. Danach wurde ich ziemlich in Frieden gelassen, aber ich bekam weiterhin keinen richtigen Kontakt zur Klasse. Ich stand jetzt unter dem Schutz des «Schäferhündchens» und wurde verachtet. Aus Rache hatte ich immer die besten Noten, aber davon wurde die Sache auch nicht besser.

Unsere Freundschaft wuchs langsam. Magnus ging oft zum christlichen Jugendclub und schleifte mich mit. Damals gab es für mich keine andere Möglichkeit, mit Gleichaltrigen zusammenzusein, aber dort gefiel es mir nicht. Ich hatte nur wenig für Jesus und für Kirchenlieder übrig – eine Abneigung, die ich wohl schon mit der Muttermilch eingesogen hatte.

«Wenn du mit der einen Hand Gott um Speise bittest und in die andere hineinspuckst», sagte meine Mutter einmal, «was meinst du, in welcher Hand du nachher mehr hast?» Auch sie konnte in Gleichnissen reden, aber ihre waren sehr viel greifbarer als die aus der Heiligen Schrift. Ich ging weiter zum Jugendclub, Magnus zuliebe. Es dauerte länger als zwei Jahre, bis ich mir einzugestehen wagte, daß ich in ihn verliebt war. Diese Erkenntnis drängte sich mir unbarmherzig auf. Es war eine Katastrophe. Verwirrend und erschreckend. Einerseits die starken und warmen Gefühle. Guter Wille, Zärtlichkeit und Verlangen. Andererseits die Angst. Angst vor dem Unaussprechlichen. Vor der drohenden Verdammnis. Vor der eiskalten Einsamkeit. Ich konnte doch mit keinem darüber reden. Das war unvorstellbar.

Zum ersten Mal in meinem Leben betete ich abends. «Lieber Jesus, erlöse mich von dem Übel und von allen sündhaften Gedanken.»

Aber ich betete nur mit einer Hand – mit der anderen wichste ich. Ich konnte nicht schlafen, weil ich so geil war wie ein zum Platzen gefüllter Karnickelstall. Ich konnte einfach nicht anders. Ich dachte die ganze Zeit an Magnus, sah seinen Mund vor mir, seine Stupsnase, die großen braunen Augen und die dunklen Locken. Und seinen schönen Körper ... Ooooh! Danach betete ich weiter: «Lieber Gott und Jesus, Verzeihung! Bitte macht, daß ich nicht so bin, bitte macht, daß das vorbeigeht!» Aber es ging nicht vorbei. Die Wahrheit – die unveränderliche Wahrheit – legte sich um mich wie eine Zwangsjacke, immer enger, immer enger: Du bist homo!

Im Jugendclub sangen wir ein schönes Lied:

In der Jugend lernt man leicht,

Denk, wie diese Zeit verstreicht.

Wir gingen in Parallelklassen. Turnen hatten wir gemeinsam. Mit dreizehn wuchsen uns die ersten Haare über dem Pimmel, und im Sommer vor dem Konfirmandenunterricht kamen wir in den Stimmbruch. Wir trafen uns oft, lernten zusammen und brachten uns selber Gitarrespielen bei. Aber über vieles sprachen wir nicht. Ich traute mich einfach nicht, ihm zu sagen, wie es um mich stand. Denn was, wenn er mich dann nicht mehr sehen wollte? Dann wäre die Jugend jedenfalls vorbei. Für immer. Ich betete und wichste und weinte.

Als wir eines Herbstabends bei Magnus Hausaufgaben machten, kam sein Vater ins Zimmer. Er war ein großer, kräftiger Mann, hatte ein strenges Gesicht und viele Haare in den Nasenlöchern. Er befahl uns spazierenzugehen. Es sei ungesund, immer drinnen zu hocken. Und außerdem könnten wir dann eine Mappe holen, die er in der Schule vergessen hatte. Es sei nicht eilig. Wir bekamen einen Schlüssel und machten uns auf den Weg.

«Jetzt machen wir was Tolles!» rief Magnus. «Wir erforschen die Schule im Dunkeln. Das ist verboten, aber unheimlich spannend.»

Es war unheimlich spannend. Wir schlichen auf geheimer, gefährlicher Mission in Gängen, Winkeln und Ecken herum. Das Verbotene erregte uns sehr.

«Jetzt bin ich der Schurke, und du mußt mich fangen!» Magnus rannte in die Turnhalle, und ich hinterher. Wir waren überall, oben und unten. Tobten uns aus, so leise wie möglich. Schließlich fiel ich über ihn her und hielt ihn an den Beinen fest. Aber Magnus wand sich aus seiner Hose und entwischte. Ich mußte ihn sehr lange jagen, bis ich ihn in einer Ecke der Garderobe eingeklemmt hatte. Als ich ihn endlich festhielt, war er nackt. Unser Atem war warm, wir klammerten uns aneinander.

«Du mußt dich auch ausziehen, Yngve!» Er legte die Hände um meinen Kopf, während ich mir die Hose auszog. Dann zog er mich an sich. Nackte Haut an nackter Haut. Zum ersten Mal in unseren jungen Leben. Wir drückten uns hart und fest. Lange. Dann fingen wir an, uns anzufassen. Vorsichtig tastend, streichelten wir uns über den Rücken, durch die Haare. Die Tränen liefen. Keiner von uns wollte loslassen. Außer Atem legten wir uns auf die stinkenden Schweißturnmatten und liebten uns. Lange, lange. Lernten uns richtig gut kennen und lernten viel über uns selber.

«Ich hab mich so nach dir gesehnt!» sagte ich.

«Und ich mich nach dir!» sagte Magnus. Und wir küßten uns wieder und wieder. Lachten und weinten. Patschten einander ins Gesicht. Ich nahm seinen Schwanz in die Hand. Er war einfach schön. Und nicht größer als meiner.

«Sollen wir’s jetzt machen?» flüsterte ich.

«Was denn?»

«Kommen.»

«Wieso denn?»

Verstehen überflutete mich wie eine Welle von Zärtlichkeit. «Nein, aber, Magnus, o mein Junge, hattest du denn noch nie ... einen ... Orgasmus?»

«Nein ...» Er versteckte sein Gesicht an meinem Hals.

«Ach, Magnus, keinen Schreck kriegen, keine Angst haben, ich helf dir. Guck mal, es ist nicht gefährlich, nur schön.»

Wir halfen uns gegenseitig. Wir waren so geil, daß wir sofort kamen, gleichzeitig. Das war’s, wovon ich geträumt hatte; mit ihm, von dem ich geträumt hatte! Und diesmal war es kein Traum. Er war noch immer da – ich konnte ihn anfassen und fühlen. Er hing krampfhaft in meinen Haaren und stöhnte, ein kleines, überwältigtes Stöhnen.

«Geht’s dir gut, Magnus?»

«Ich weiß nicht, doch, gut, gut. Aber es ist bestimmt nicht gefährlich? Es war so ... stark.»

«Nein, ganz sicher nicht gefährlich. Sie sagen das nur, damit wir ... das nicht machen. Damit es uns nicht gutgeht.»

«Kannst du nicht das Licht anmachen? Ich möchte sehen, wie das aussieht. Der Schalter ist da hinten neben der Tür.»

«Da gibt’s nichts zu sehen. Es ist weiß und glänzt.»

«Ja, aber ich will es sehen. Du brauchst doch nur das Licht anzumachen. Niemand kann uns hier entdecken.»

Blink-blink-blink. Das Licht tat mir in den Augen weh. Aber jetzt konnte ich ihn auch sehen. Er lag noch mit dem Rücken auf der Gummimatte und schaute mit offenem Mund und mit erstaunten Augen über seinen glänzenden Bauch. Ich war sofort bei ihm und nahm seine Hand. Er hatte Angst.

«Wie kannst du überhaupt wissen, daß es nicht gefährlich ist?»

«Weil ich das jeden Tag mache, schon über ein Jahr, und weil es in Karl Evangs Arztbuch steht. Keine Angst, Magnus. War’s denn nicht schön?»

«Doch. O doch!» Sein ganzes Gesicht leuchtete auf, als er mich ansah.

Wir betrachteten uns lange.

«Ich finde dich schön», sagte er.

«Ich dich auch.»

Dann trockneten wir uns mit meiner Unterhose ab. Wir hatten nichts anderes. Als wir uns anzogen, umarmte er mich plötzlich hart und hatte wieder Angst. «Du sagst es doch keinem?»

«Nein, spinnst du? Natürlich sag ich’s keinem. Keiner Menschenseele. Das ist und bleibt unser Geheimnis ... und ... wir tun das doch wieder? Wir bleiben doch ... zusammen?»

Magnus hielt mich mit ausgestreckten Armen von sich ab. Ich sah in seinen glänzenden Augen die Stärke wachsen. Sein Entschluß leuchtete stark und schelmisch in seinem Blick. Mit einem «Jaaa!» warf er mich auf die Matte.

Ich war gerade vierzehn geworden. An diesem Abend fing mein Leben an. Auch innerlich wuchs ich – wuchs ich mich stark. Ich werde niemals vergessen, was da zwischen uns passiert ist. Magnus auch nicht, auch wenn er es mit aller Kraft versucht.

Von da an waren wir unzertrennlich. Aber wir verstanden instinktiv, daß wir uns in acht nehmen mußten. Vor allem in der Schule. Am meisten aber vor Magnus’ Vater. Wir wußten genau, daß etwas Schreckliches passieren würde, wenn man uns entdeckte. Die Erziehung der fünfziger Jahre hatte uns davon überzeugt, daß «nette Onkel» kein bißchen nett waren – und daß Wichser, Schwule, Arschficker und Exhibitionisten minderwertige gefährliche Tiere waren, vor denen brave Jungen sich hüten mußten. Das taten wir auch! Denn wir waren ja nicht so. Wir waren ineinander verliebt, mit den Kräften der Jugend in doppelter Potenz. Keine Macht der Welt hätte uns voneinander trennen können. Trotz der gründlichen Bearbeitung durch die Mächtigen und die Moral.

Ich hatte eine glückliche Hand gehabt bei der Wahl meiner Eltern. Gesundes Zusammenleben haben sie mich zwar nicht gerade gelehrt, aber sie versuchten auch nicht, die sexuellen Seiten des Lebens zu unterdrücken. Evangs Arztbuch stand bei ihnen im Regal, und darin las ich, bis meine Augen groß und feucht wurden – und mein Schwanz auch. Ich fand alles sozusagen auf eigene Faust heraus und brauchte nicht zu fragen.

Der arme Magnus hatte es da nicht so leicht. All sein Wissen über unsere Körperfunktionen verdankte er drohend gereckten Zeigefingern und einem «Gesundheitslexikon», das für armselige Knaben mit schmutzigen Lüsten und Lastern bestimmt war. Dort stand: «Onanie, siehe Selbstbefleckung». Und all die Ansteckungsgefahren, die im Pimmel lauerten, waren fürwahr kein Pappenstiel. Ich geriet völlig in Verzweiflung, als Magnus mir zeigte, was wir Selbstbeflecker für schicksalhafte Leiden zu erwarten hatten: Pickel, trockenes Haar, Schuppen, Haarausfall, bleiche Haut, unsteten Blick, Rückenmarkschwund. Und zum Schluß noch unheilbaren Irrsinn. Die einzige tröstliche von all den Prophezeiungen war: «Übersteigerte Reizung der Manneskraft führt zu übermäßigem Wachstum derselben.» Immerhin ein Trost! Aber erst nach einigen Monaten legte sich Magnus’ Angst vor Rückenmarkschwund und all den anderen Scheußlichkeiten. Ganz losgeworden ist er sie wohl nie. Es bleibt nicht ohne Folgen, wenn man seine ganze Kindheit hindurch mit den Händen auf der Bettdecke schlafen muß.

Aber nach und nach widerlegten wir gemeinsam diese blöden Behauptungen – durch theoretische und praktische Experimente. Leider zeigte es sich im Lauf der Zeit, daß wir uns mit einer gnadenlosen Übermacht angelegt hatten: mit dem Herrn und seinen eifrigen Dienern.

Bei Magnus zu Hause konnten wir nicht Zusammensein. Er war das vorletzte von sechs Geschwistern und teilte sein Zimmer mit einem älteren Bruder. Sein Vater hatte alle Kinderzimmerschlüssel eingezogen; also konnte, auch wenn Magnus’ Bruder nicht da war, jederzeit irgendwer hereinplatzen. Bei mir zu Hause ging alles leichter. Jedenfalls konnte ich meine Zimmertür abschließen. Aber diese Teure-Heimat-Blocks sind ja so verdammt hellhörig, daß wir einfach nicht zu wichsen wagten, wenn meine Eltern da waren. Zum Glück waren sie beide in der Gewerkschaft aktiv, wir hatten also meistens zwei oder drei Abende in der Woche für uns. Wir beide – allein. Ich war schon vorher krank vor Verlangen und Lust. Magnus auch. Was zwischen Magnus und mir entstand, gehörte nur uns, und ich bewachte es wie den kostbarsten Schatz der Welt – das war es ja auch.

In der Schule redeten wir so wenig wie möglich miteinander. Einfach, weil wir uns sonst verraten hätten. Ich war ganz sicher, wenn jemand gesehen hätte, wie Magnus mich verliebt anlächelte, hätte er sofort gewußt, was Sache war. Ich selber war bestimmt auch wie ein offenes Buch – also mußte ich mich schließen. Die meisten anderen Jungs wichsten zwar auch zusammen, aber niemand redete darüber. Statt dessen florierten Schwulen- und Arschfickerwitze, und wehe dem, der mit diesem Kainsmal gezeichnet war. Er bekam die Doppelmoral am eigenen Leib zu spüren. Natürlich wurden immer die Schwachen zu Sündenböcken gemacht – nach den Buchstaben der christlichen Moral. Die meisten warfen gern den ersten Stein. Lynchjustiz gab es schon damals oft. Seitdem ist es eher schlimmer geworden. Wir hatten Angst und lernten schon mit vierzehn Jahren, uns zu verstecken. Wir hatten ja auch etwas zu verbergen. Wir hatten ein Liebesverhältnis, das in uns und mit uns wuchs. Aber uns wurde beigebracht, daß dies unerwünscht und gefährlich war. Gefährlich für die anderen, wohlgemerkt. Für uns lagen darin alle Werte des Lebens, und die wollten wir um jeden Preis schützen.

Der Pastor Christian

Jeden Dienstagabend gingen wir zum Konfirmandenunterricht. Um auf die «Erneuerung unseres Taufgelöbnisses» vorbereitet zu werden, wenn ich mich recht entsinne. Wir waren hundertvierundzwanzig Jungen und Mädchen und hatten eine Menge Gemeinsames. Unter anderem wußten wir nicht mehr, was wir bei der Taufe gelobt hatten. Genau das hatte auch die Kirche kapiert, und sie benutzte die Gelegenheit, um ein Maximum an strenger Gottesfurcht und miefiger Sexualmoral in den Unterricht zu pferchen. Der Punkt war, daß das Taufgelöbnis für alle Zukunft gelten sollte. Als ob wir einmal einen Vertrag unterschrieben hätten, der jetzt plötzlich eine Menge Kleingeschriebenes auf dünnem Papier enthielt, ein paar tausend Seiten sogar. Im Grunde war das vergeudete Zellulose. Die Essenz von dem Ganzen war kurz und bündig: Alles, was guttut oder Spaß macht, ist Sünde!

Auch der Mammon war Sünde. Das mußten wir gründlich lernen, und das verstanden alle. Genau deswegen erschienen die meisten von uns, um mit dem Segen Gottes und der Kirche ihre Taufe zu konfirmieren. Im Jahr zuvor hatte Aages Bruder dreitausendsechshundert Kronen einkassiert. Das war der Rekord.

Ein junger und dynamischer Vikar namens Fuchsholm leitete den Grundkurs in Furcht und Sünde und bestand darauf, daß wir ihn Christian nannten. Er seinerseits hatte Augen für Magnus und mich. Es dauerte nicht lange, bis er uns zu sich rief. Mir war nicht ganz klar, was wir zu erwarten hatten, aber mir schwante Übles. Drohendes. Er war noch nicht lange in der Gemeinde, aber er kannte uns aus dem Jugendclub. Wir wurden zu ihm zum Essen eingeladen – um zu besprechen, wie wir die Konfirmanden in ein christlicheres Milieu bringen könnten.

Der Priester war schon mit Magnus’ Familie befreundet, und der Junge nahm die Einladung für uns beide dankend an. Ich hatte nicht die geringste Lust dazu. Aber es führte kein Weg daran vorbei. Ich konnte ja schließlich Magnus nicht allein gehen lassen. Die Pastorenwohnung lag bescheiden zurückgezogen in der besten Villengegend und unterschied sich durch nichts von den übrigen Häusern. Fünf vor fünf schellten wir an der Tür, aber niemand machte auf.

«Er ist wohl aufgehalten worden, er hat sicher viel zu tun», sagte Magnus.

Wir setzten uns auf die Treppe und warteten. Schlag fünf kam der Pastor in einem blauen Trainingsanzug den Gartenweg heraufgejoggt, ganz rotes Gesicht und weißes Lächeln.

«Nein so was, ihr seid ja zu früh, Jungs! Ja, ja, macht nichts, hoffich. Ich persönlich bin pünktlich. Immer pünktlich!»

Wir murmelten eine Art Entschuldigung, während der Pastor die schwere Eichentür weit aufmachte. «Wie ihr seht, schließe ich nicht ab, Jungs. Ihr hättet gleich reingehen können. Meine Tür steht immer offen für nette Jungs wie euch!»

Er schob uns in eine große Diele. «Hängt euch hier auf, Jungs, und zieht eure Schuhe aus. Ich hab was anderes zu tun, als Fußböden zu putzen, das könnt ihr euch bestimmt vorstellen. Ich hab ja keine Frau, die mich versorgt!»

Doch. Konnten wir uns vorstellen.

«Aber ihr müßt wissen, Jungs, daß ich eine sportliche Natur bin. An wirklich jedem Tag jogge ich ein paar Kilometer vor dem Essen ... außer sonntags natürlich ... und danach mach ich’s mir in der Sauna gemütlich. Das ist gesund und erhält jung, hehe, und hier im Haus gibt’s eine Sauna. Ihr könnt mir also Gesellschaft leisten, bevor wir essen. Ich habe einen schönen Lammbraten aus der Tiefkühltruhe genommen, in einer halben Stunde müßte der fertig sein. Also, kommt hier lang.»

Der Priester nahm uns beide um den Nacken und schob uns die Kellertreppe hinunter, hinein in einen großen Waschraum mit zwei Duschen. «Zieht euch schon mal aus, ich muß eben nach der Temperatur sehen», sagte er und verschwand durch eine Seitentür.

Ich sah Magnus skeptisch an, aber der zuckte nur mit den Schultern. «Keine Sorge. Das ist doch nicht gefährlich.»

«Natürlich nicht gefährlich, aber, um Gottes willen, was will er denn bloß von uns?»

«Nun mach dir doch keine Gedanken, er ist doch ein Pastor!» sagte Magnus und fing an, sich auszuziehen. Widerstrebend folgte ich seinem Beispiel. Und dann standen wir da, nackt. Ich sah auf den Körper meines Liebsten und mußte einen Klumpen im Hals hinunterschlucken.

«Na, kommt schon! Hier spielt die Musik!» Der Pastor steckte seinen Kopf durch die Saunatür. Wir gingen hinein. «Macht schnell die Tür zu. Hier sind jetzt über achtzig Grad. Setzt euch hier nebeneinander. Ich lauf am liebsten ein bißchen herum», sagte der Pastor Christian. Und das tat er. Magnus und ich saßen ganz blöd da. Wir waren beide ziemlich gleich und durchschnittlich ausgerüstet, aber der Priester hatte einen Hammer, wie wir noch nie einen gesehen hatten. Und auf den war er offenbar reichlich stolz. Er hüpfte und sprang herum und schüttelte sich und das Seine.

Ich fühlte mich unangenehm berührt, und mir wurde langsam ziemlich flau. Als ich mich umdrehte und Magnus ansah, bekam ich wirklich einen Schreck: Er saß da mit großen Augen und weit offenem Mund und starrte wie hypnotisiert den Riesenschlegel des Priesters an, der da vor ihm hin und her schwang. Er hatte sogar einen stehen und beugte sich vornüber, um das zu verbergen. In mir krampfte sich alles zusammen. Ich konnte kaum noch atmen. Ich war wütend und hatte Angst und verstand plötzlich, was Eifersucht ist. «Scheiß Pope, verdammter!» dachte ich, so laut ich konnte.

«Ihr müßt mich auf jeden Fall Christian nennen», sagte der Pastor. «Im Kurs gibt es anscheinend viele, die das nicht wollen, aber ihr kennt mich doch schon so gut, das fehlte gerade noch!» Er sah uns schelmisch auf Erwachsenenweise an und zeigte dann seine Zähne.

Wir sahen beide zu Boden. Magnus, weil er sich nicht wohl fühlte, und ich, weil ich mir überfahren vorkam und weil ich merkte, wie der Widerwille drohend immer mehr in mir wuchs.

«Wollt ihr euch denn nicht ein bißchen bewegen?» rief der Mann aufmunternd und setzte sein linkes Bein auf die Bank. Dann fing er an, sich vor und zurück zu strecken, und sein Schwanz bammelte einen halben Meter vor Magnus’ Gesicht.

Ich konnte keine Sekunde länger mehr ruhig sitzen und sprang auf – ich hatte jedenfalls keinen stehen. Meiner war aus lauter Protest total eingeschrumpft.

«Sieh mal!» rief der Pastor. Er griff nach einer alten Birkenrute, die auf der obersten Bank lag, und schlug mir damit über den Hintern, daß es brannte. Ganz automatisch riß ich sie ihm aus der Hand. «Toll!» rief er begeistert. «Jetzt kannst du mich ein bißchen peitschen!» Darum brauchte er mich nicht zweimal zu bitten. Ich schlug aus voller Wut und ohne nachzudenken auf ihn ein, und der Pastor drehte mir den Arsch zu und rief: «Aaaah! Schön ... mehr!» Okay, also machte ich weiter, bis der Mann seinen Hintern in die Luft streckte und wie ein Schwein grunzte.

Erst da konnte ich mich soweit zusammennehmen, daß ich die widerliche Birkenrute hinwarf. Was sollte ich damit? Was tat ich denn bloß hier?

Der Pastor war jetzt richtig geil und fiel über Magnus her. «Und jetzt massieren wir uns ein bißchen!» sagte er befehlend und fing an, meinem Liebsten mit der einen Hand über die Brust und mit der anderen über den Rücken zu reiben. Magnus richtete automatisch seinen Oberkörper auf, und sein niedlicher Schwanz stand in die Luft. Und der Pastor erzielte den Weltrekord in Blitzmassage und war schon bei Magnus’ Schritt angekommen.

Da reagierte ich spontan. Ich packte die schlaffe, schweißnasse Popenschulter, schleuderte ihn fast einen Meter weit weg auf die Bank und schrie: «Zum Teufel, nimm dich endlich zusammen, du geiler Idiot!»

Das hatte er nicht erwartet. Er war ganz überrascht und kam mit einem ziemlich zahmen und wirren Kommentar: «Aber, was ist denn mit dir los, junger Mann? Du hast doch nicht etwa Angst vor ein paar gesunden Leibesübungen?»

Ich konnte nicht antworten, Tränen und Wut saßen mir im Hals. Der Pastor kapierte offenbar, daß es mir ernst war. Er tarnte rasch, was er zwischen den Beinen hatte, und begann, alles wegzuerklären. Ich stand mit geballten Fäusten vor ihm.

«Jetzt beruhig dich doch und hör mir zu», sagte er eindringlich mit seiner salbungsvollen Stimme, die er sich auf dem Priesterseminar anstudiert hatte. «Ihr wißt beide gut, daß ich ein Anhänger des liberalen Christentums bin. Ich bin ein positiver Mensch. Ich bin gern richtig schön und gemütlich mit meinen Mitmenschen zusammen. Ich habe nun sieben, acht Jahre Theologie studiert und kann nicht einsehen, was daran falsch sein sollte, wenn wir Jungs uns auch ein bißchen ... zusammen amüsieren. In meinem innersten Gewissen bin ich davon überzeugt, daß Gott nichts dagegen hat, wenn Menschen sich untereinander Gutes tun! Stimmst du mir zu, Yngve?»

«Doch, schon», preßte ich mit belegter Stimme hervor. «Aber das wissen Magnus und ich schon lange, ganz von alleine.» Ich ging zu meinem Jungen hinüber und nahm seine Hand. Und brach in Tränen aus. «Wir sind zusammen, und du darfst dich da nicht einmischen! Wir haben uns gern, und wir kommen allein zurecht ... ohne fremde Hilfe.»

Ich hatte gehofft, daß Magnus auch etwas sagen würde, aber das tat er nicht. Er stand nur da und sah zu Boden.

«Ach so, ja. So ist das also. Ja, ja, dann versteh ich alles viel besser!» Der Pastor war wieder obenauf. Fast ein bißchen drohend. Langsam und eindringlich sprach er weiter: «Und ihr zwei jungen hübschen Knaben wollt alles für euch selber behalten. Ihr wollt mit keinem teilen ... am allerwenigsten mit einem ungeschickten dreißigjährigen Pastor, der ein bißchen menschlichen Kontakt braucht. Na gut, Jungs! Das ist eure Entscheidung!»

Magnus ließ mich los und versteckte sein Gesicht in den Händen. Ich war noch immer so sauer, daß die Moralpredigt von mir abprallte, aber trotzdem wußte ich nicht, was ich sagen sollte. «Ja, meinst du denn, daß ...»

«Ich meine nur eins, und merk es dir, Yngve: Jesu Gebot der Nächstenliebe gilt für alle. Auch für euch!»

In der schwülen Sauna herrschte gefährliche Stille. Das Atmen machte mir Mühe, und der Pastor musterte mich streng und gründlich. Ich versuchte, trotzig zurückzustarren. Zum Schluß befahl er: «Ihr könnt schon mal duschen gehen. Ich komm gleich nach!»

Wir beeilten uns. Magnus hatte Gott sei Dank keinen mehr stehen. Als wir glücklich draußen im Duschraum waren, blieben wir stehen und sahen uns an.

«Zum Teufel, so was Widerliches!» sagte ich.

«Aber du hättest doch nicht so böse zu werden brauchen?»

«Böse? Herrgott, Magnus, was hätten wir denn machen sollen?» Ich war ganz verzweifelt und wollte ihn berühren, aber er schob mich weg.

«Faß mich nicht an!» sagte er irritiert und stellte die Dusche an.

Ich merkte, wie meine Tränen stärker wurden als mein Zorn. Ich fühlte mich krank und zitterte am ganzen Körper, wollte nur noch weg von dort. «Können wir nicht gehen? Wir müssen doch darüber reden!»

Magnus sah mich ernst an und nickte. Der Pastor hatte sich noch nicht wieder blicken lassen. Als wir wieder im Erdgeschoß waren, fiel mir das Atmen leichter.

«Wolltest du wirklich so eine Orgie mit dem Typ veranstalten?»

«Quatsch, spinnst du? Aber er hat’s bestimmt auch nicht so leicht. Du hättest ruhig etwas freundlicher sein können. Hast du nicht gesehen, daß du ihn schrecklich verletzt hast ...»

«Aber, du hast doch gehört, was er gesagt hat! Nächstenliebe bedeutet, das mit ihm zu machen. Er will uns ausnützen! Findest du nicht, daß wir mit uns selbst genug haben?»

«Ja, klar, aber er hat doch auch recht, man soll nett zu seinen Mitmenschen sein und so ...»

Genau da kam der Pastor die Kellertreppe hochgejoggt, wieder so munter und dynamisch wie zuvor. «Ja, ja, Jungs. Jetzt lassen wir’s uns jedenfalls schmecken. Ihr mögt doch Lammbraten? Der muß jeden Augenblick fertig sein. Hilfst du mir den Tisch decken, Magnus?»

Ich war alles andere als hungrig. Mir war übel, und ich wollte nur weg – aber nicht ohne Magnus. Der wiederum war der nette, wohlerzogene Konfirmand zu Besuch beim Pastor und übernahm für uns beide die Unterhaltung. Ich konnte kein Theater spielen, war stumm und verschlossen, aber der Pastor ließ sich davon nicht beeinflussen. Er konzentrierte statt dessen alle Aufmerksamkeit auf Magnus und war richtig gut aufgelegt. Schließlich fühlte ich mich noch elender als in der Sauna – und aß gar nichts.

«Hast du denn keinen Hunger, lieber Yngve?» Der Pastor hatte eine aufrichtige, bekümmerte Miene aufgesetzt.

Und davon kamen mir erneut die Wut und die Tränen. «Mir ist der Appetit vergangen.»

«Also, wirklich, Yngve! Nimm das doch nicht so schwer. Du hast überhaupt keinen Gund, hier zu sitzen und zu schmollen. Wir werden schon noch wieder gute Freunde, wart’s nur ab.» Er nahm einen großen Bissen Fleisch, bevor er weitersprach. «Denk nur an Jesus und seine Jünger! Die moderne theologische Forschung ist zu dem Ergebnis gekommen, daß sie alles andere als nur platonische Freunde waren. Jesus mochte vor allem Johannes leiden. Ihr habt vielleicht gemerkt, daß sich Johannes in seinem eigenen Evangelium als ‹der Jünger, den Jesus liebte› bezeichnet? Das kann nur eins bedeuten, nämlich, daß sie buchstäblich ... äh, zusammen schliefen. Das sind historische Fakten, die natürlich nicht täglich in der Lehre der Kirche zu ihrem Recht kommen, und dagegen kann man ja auch nichts machen. Aber wir, die wir auf diese Weise fühlen, müssen wissen, daß wir von Gott nichts zu befürchten haben!» Der Pastor lächelte sein selbstsicheres Lächeln.

Magnus lächelte verlegen zurück und sagte unsicher: «Toll.»

Ich fühlte instinktiv, daß es jetzt gefährlich wurde. Wenn ich weiter opponierte – gegen den Pastor und gegen Gott –, würde ich eine schreckliche Niederlage erleiden. Also sagte ich: «Nein, es kann doch auch nicht falsch sein, wenn Leute sich mögen.»

«Nein, genau! Und daß wir ab und zu ein bißchen nett zueinander sind, ist nur gut und richtig! Ja, ja. Wenn ihr jetzt satt seid, räumst du vielleicht das Geschirr weg, Yngve, und dann setzen wir uns ins Wohnzimmer und trinken ein Glas Portwein zum Kaffee. Das lehnt ihr doch wohl nicht ab, Jungs! Auch Jesus trank Wein, wißt ihr. Mit Maßen natürlich. Alles mit Maßen, das ist mein Wahlspruch. Ihr werdet ja ohnehin bald zum Abendmahl gehen, da schadet es nicht, wenn ihr euch ein Gläschen gönnt. Ich persönlich rauche nach dem Essen auch gern eine Zigarre. Ein kleines Laster muß man sich doch ab und zu erlauben dürfen. Es ginge vielleicht zu weit, euch Tabak anzubieten, oder? Obwohl, an mir soll’s nicht liegen. Na gut, dann nicht. Nein, nein, das ist ja nur vernünftig, Jungs, aber wenn ihr probieren möchtet, könnt ihr ja einen Zug von meiner nehmen ...»

25,87 zł
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440 str. 1 ilustracja
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9788711331910
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Bookwire
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