Czytaj książkę: «Astronauten»

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INSA THIELE-EICH & GERHARD THIELE

mit Deborah Weinbuch

ASTRONAUTEN

INSA THIELE-EICH & GERHARD THIELE

mit Deborah Weinbuch

ASTRONAUTEN

EINE FAMILIENGESCHICHTE


Originalausgabe

1. Auflage 2018

Verlag Komplett-Media GmbH

2018, München/Grünwald

www.komplett-media.de

E-Book ISBN: 978-3-8312-6972-3

Konzept und Umsetzung: Deborah Weinbuch

Lektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg

Korrektorat: Redaktionsbüro Julia Feldbaum, Augsburg

Illustrationen: Justo Polido

Credit Cover und Klappe: aschoffotografie.de

Umschlaggestaltung: HAUPTMANN & KOMPANIE Werbeagentur, Zürich

Satz: Daniel Förster, Belgern

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

Inhalt

Einleitung

Wie der Vater, so die Tochter?

1 Die Astronautin – Erste deutsche Frau im All?

Gleichberechtigung im All

Die Lücke füllen

Space 4.0 – kommerzielle Raumfahrt als Zukunftsmodell

»Die Astronautin« – ein Raumfahrt-Start-up

Interview mit Claudia Kessler: »Erfahrene Raumfahrtler klopfen bei uns an, um uns zu unterstützen.«

Plötzlich Vorbild?

Vater-Tochter-Gespräch: Insa, trittst du in die Fußstapfen deines Vaters?

2 Mit Astronauten aufwachsen

Die Raumfahrt-Community

Bedingungslose Unterstützung

Verantwortung übernehmen

Schwimm, oder geh unter

Wie ein Satellit

3 Nach den Sternen greifen

Space calling

Astronaut*in werden

Charakter – Wie sind Astronaut*innen denn so?

Vater-Tochter-Gespräch: Star Wars oder Star Trek?

4 Ausgewählt werden

Die Bewerbung – einfach mal probieren

Die kognitiven Tests – volle Konzentration

Teamplayer – führen und folgen können

Dranbleiben – Frust auch mal aushalten

Medizinische Tests – langfristig gesund

Abschlussinterviews – bei sich bleiben

5 Ein ganz normaler Beruf

Ausgewählt – und dann?

Training als Astronautin

Der »Prozedurenfresser«

In der eigenen Mitte bleiben

Vater-Tochter-Gespräch: Haben wir genug Zeit?

6 All-Tag 350 Kilometer über der Erde

Was ist eigentlich eine Weltraummission?

Crew Patch

Die Nerven bewahren. Immer

7 Erde, Mond, Mars und mehr

Es gibt keine Erde 2.0

Vater-Tochter-Gespräch: Flat Earth

Früher oder später fliegen Menschen zum Mars

Vater-Tochter-Gespräch: Gibt es Leben außerhalb der Erde?

Weltraumpolitik – Raum für Innovationen schaffen

Vater-Tochter-Gespräch: Stellen Asteroiden eine Gefahr für die Menschheit dar?

8 Forschen im All

Der Körper in der Schwerelosigkeit

Warum sind Astronauten überhaupt schwerelos?

Wie warm ist es auf der Raumstation?

Kollisionsgefahr durch Weltraumschrott

9 Astronauten: arbeiten im Team

Team Astronautin

Gelungene Kommunikation

Was ist Wahrheit? Die Macht der Wahrnehmungsfilter

Wie gehen wir miteinander um?

Vater-Tochter-Gespräch: Wie wichtig ist Pünktlichkeit?

10 Columbia – der 1. Februar 2003

11 Familie leben als Astronaut*in

Mutter und Vater sein

Bin ich Feminist*in?

Brauchen wir eine Frauenquote?

Vater-Tochter-Gespräch: Es gibt jetzt eine Astronauten-Barbie!

Familienleben unter Astronauten

Vater-Tochter-Gespräch: Wie entspannen wir?

Der (Un-)Ruhestand

12 Völlig losgelöst

Flugangst?

Papas Start ins All

Weit über den Wolken

Das perfekte Geschenk

Alltag im All

Blick aus dem Fenster

Zurückkommen

13 Aufs Fliegen warten

Familienausflug ins All?

Plötzlich auf der Ersatzbank

Zuversicht trotz Ungewissheit

Danksagung

Anhang

Frauen im All

Zum Weiterlesen

Ad astra – zu den Sternen!

Einleitung

Wie der Vater, so die Tochter?

»Mein Name ist Insa Thiele-Eich, und ich möchte Deutschlands erste Astronautin werden.« So verabschiedet sich die 35-jährige Meteorologin und Zweifach-Mama in ihrem Vorstellungsvideo auf YouTube. Die Floskel ist vorgegeben, alle Finalistinnen müssen sie sagen. Auch wenn sie an die diktierten Sätze bestimmter Castingshows erinnert, handelt es sich hierbei nicht um ein Medienevent, auch wenn das strenge Auswahlverfahren und harte Training der Frauen gern medial begleitet wird.

»Die Astronautin«, initiiert von Raumfahrtingenieurin Claudia Kessler, möchte die erste deutsche Frau ins All bringen. Denn insgesamt waren bereits 60 Frauen verschiedener Nationalitäten oben. Und obgleich Deutschland innerhalb Europas mit elf Astronauten die stärkste Raumfahrtnation ist, hat es bisher – trotz Bewerbungen – keine Frau in ihre Reihen geschafft. Tatsächlich begegnen Anwärterinnen auf der Fahrt ins All hierzulande Sätze, die beispielsweise in den USA undenkbar wären: »Wie, eine Frau kann das auch?« Dabei haben in den 80ern sogar schon zwei Frauen als Raumfahrtanwärterinnen trainiert: Renate Brümmer und Heike Walpot.

Mit Brillengestell aus Tiroler Holz auf der Nase und langen blonden Haaren ist die zierliche Insa vermutlich die größte Antithese zum Phantom des Astronauten-Alphamännchens, das immer noch durch die Köpfe ewig Gestriger schwebt. Ihre fünf- und siebenjährigen Töchter sitzen auf ihrem Schoß, wuseln um sie herum, haben ganz eigene Ideen, wo es nun langgehen soll. Geht Mama auf Reisen, begleiten sie jeweils zwei von den Mädchen ausgewählte Kuscheltiere, die dann am Zielort posieren und per WhatsApp das heimische Sofa wieder erreichen.

Doch wie kommt die ruhige Wissenschaftlerin mit der Tendenz, sehr schnell zu sprechen, dazu, jetzt eine der letzten gläsernen Decken Deutschlands zu durchbrechen, noch dazu mit Raketenantrieb?

Ihr Vater, Gerhard Thiele, umkreiste bereits im Jahr 2000 die Erde in dem Space Shuttle Endeavour und kartografierte dabei 80 Prozent der Landmasse in 3-D. Die Daten werden unter anderem für die Flugnavigation normaler Flugzeuge genutzt, für Funkwellenberechnungen – und von Insa in ihrer Promotionsarbeit über die Auswirkungen des Klimawandels in Bangladesch. Was hat sie sonst noch von ihm bekommen? Charakterzüge, besondere Fähigkeiten, etwa Tipps für das Auswahlverfahren? Nun ja. Die Fähigkeit, Sachverhalte punktgenau zu durchleuchten, scheint beiden naturgegeben. Der analytische Geist ist stark in beiden. Ansonsten prallen sie aber mit ihrer unterschiedlichen Art auch oft aufeinander, was sie feingeistig und liebevoll wieder ausgleichen. Einen praktischen Tipp von Papa gab es für den Abend vor den Tests: »Sieh zu, dass du eine ordentliche Mütze Schlaf kriegst.« Und: »Stay calm and have fun!«

Gerhard Thiele hatte seinen Raumfahrtkollegen im Auswahlkomitee für »Die Astronautin« bewusst nicht erzählt, dass seine Tochter unter den Bewerberinnen für dieses Projekt ist, um eine mögliche Bevorzugung zu vermeiden. Und ihr zu sagen, auf was sie bei den Tests zu achten habe, »hätte sie nur von der Aufgabe abgelenkt«, weshalb er komplett darauf verzichtete. Dennoch ist sein prägender Einfluss auf Insa nicht von der Hand zu weisen, wuchs sie doch durch ihn in der »Raumfahrtszene« auf, verdiente sich als Babysitterin für Kinder der NASA-Astronautinnen ein Taschengeld dazu. Kann ich Mutter sein und gleichzeitig Astronautin? Diese Frage hat sich für die junge Insa nie gestellt.

Wie Insa ihren Weg geht, wie zuvor ihr Vater und wie diese beiden Astronauten ticken, das erfahren Sie in diesem Buch. Beider größter Wunsch ist es, die Bevölkerung in Deutschland und besonders junge Frauen zu inspirieren, sich aktiv in Naturwissenschaften, Forschung und der Raumfahrt einzubringen. Momentan stellt es ein großes Event dar, dass 2020 endlich auch eine deutsche Frau ins Weltall kommen könnte. Die Hoffnung aller Beteiligten: dass so etwas in zehn bis 20 Jahren vollkommen normal sein wird.

1

Die Astronautin – Erste deutsche Frau im All?

Gleichberechtigung im All

INSA THIELE-EICH


• Geboren am 21. April 1983 in Heidelberg

• Verbrachte Teile ihrer Kindheit und Jugend in den USA, wo ihr Vater Gerhard Thiele für die ESA ins All flog und für die NASA arbeitete.

• Ist Meteorologin an der Universität Bonn und promovierte über die Auswirkungen des Klimawandels auf Bangladesch, mit speziellem Fokus auf Überschwemmungen.

• Ist verheiratet und steht bei Erscheinen dieses Buches kurz vor der Geburt ihres dritten Kindes.


Mir wäre es lieber, wenn ich die hundertste deutsche Frau im All wäre – und nicht die erste. Weil es bedeuten würde, dass wir über die Frage, ob eine Frau das überhaupt kann, gar nicht mehr diskutieren müssten. Ich verstehe sowieso nicht, warum wir das tun. Es ist nun bereits mehr als ein halbes Jahrhundert her, seit die Sowjetunion eine Frau ins All schickte, und mehr als 30 Jahre, seit die NASA nachgezogen hat.

Der erste Mensch im All war 1961 der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin. Schon zwei Jahre später flog allerdings Walentina Tereschkowa in die Erdumlaufbahn. Seither sind rund 550 Menschen im All gewesen. Davon zwar nur 60 Frauen, aber die Frage, ob das weibliche Geschlecht dazu in der Lage wäre, stellt sich nun wirklich nicht. Allerdings ist dieser Umstand in Deutschland relativ unbekannt. Tatsächlich werde ich immer noch direkt gefragt: »Wie, können Frauen das auch?« Unter anderem mag das daran liegen, dass zwar schon elf deutsche Männer im All waren – der zehnte war mein Vater –, aber noch keine einzige deutsche Frau. Auch gesamteuropäisch ist das Verhältnis gelinde gesagt unausgewogen. Die Astronautinnen aus Italien, Großbritannien oder Frankreich kann man an einer Hand abzählen: Aus jedem Land gab es exakt eine.

Deutschland ist eine Wissenschafts-, mehr noch eine Wissenschaftsexportnation. Dass wir noch keine Frau in den Weltraum entsendet haben, wirkt unter diesen Umständen eigentlich untragbar. Die Forschung im Weltall liefert uns Erkenntnisse darüber, wie es sein wird, wenn wir uns irgendwann von unserem Planeten hier verabschieden – kurzfristig oder dauerhaft. Dann werden sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Männer UND Frauen an Bord befinden. Momentan ist aber besonders in Europa die Datenlage zum weiblichen Körper mehr als überschaubar. Hier müssen wir also aktiv Wissenschaft betreiben – und das geht nur mit Frauen im All. Daneben lassen sich in gemischten Teams auch ganz banale Fragen leichter klären, wer beispielsweise die letzten m&ms gegessen hat – ohne die anderen zu fragen. Das wurde in mehreren Kommunikationsstudien, beispielsweise seitens der NASA, festgestellt.

Es ist nicht so, als ob die European Space Agency (ESA) Frauen prinzipiell ablehnen oder aktiv benachteiligen würde. Aber die Ausschreibungen für das Astronautenkorps finden sehr selten statt: Die letzte war 2008, wann die nächste stattfinden wird, ist unbekannt – wohl kaum vor 2020. 2016 rief deshalb die Luft- und Raumfahrtingenieurin Claudia Kessler die Privatinitiative »Die Astronautin« ins Leben. Ich las davon bei Spiegel Online und dachte: »Endlich! Das ist meine Chance.« Sofort begann ich, meine Unterlagen zusammenzusuchen. Nach vielen Überarbeitungen schickte ich vier Stunden vor Bewerbungsschluss meinen Lebenslauf, ein Anschreiben, Flugtauglichkeitszeugnis und ein 60-sekündiges Video, in dem ich mich und meine Ziele vorstellte, ein. Danach hörte ich lange erst einmal nichts mehr. »War wohl nichts«, war ein Gedanke, der mehrfach vorbeistreifte. Währenddessen wurden unsere Unterlagen gesichtet.

Hätte ich auch nur den leisesten Hauch eines Zweifels an der Seriosität dieses Projekts bekommen, hätte ich mich nicht weiter beteiligt. Tatsächlich war ich zu Beginn recht skeptisch und fuhr im September 2017 mit einer gesunden Vorsicht und meiner Schwester als Ratgeberin zu einem großen Event in Berlin, wo die Initiative und ein Großteil der 120 Kandidatinnen der Presse vorgestellt wurden. Für mich überraschend sprachen dort Experten und hochrangige Funktionäre aus der Raumfahrt, beispielsweise von der Berliner Charité, von Airbus und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Viele Kandidatinnen waren mit einer ähnlichen Einstellung wie meiner erschienen: Wir schauen uns das hier erst einmal in Ruhe an. Als dann klar war, dass dieselben Leute an Bord sind, die auch an der Auswahl der Astronauten Matthias Maurer und Alexander Gerst – ab September 2018 Kommandant der ISS – beteiligt waren, hatte ich mich gern auf den weiteren Prozess eingelassen.

Das weitere Auswahlverfahren verlief nach internationalen Standards und nahezu identisch zu dem der ESA. Zunächst wurden wir via Skype interviewt. 120 von uns erhielten dann vom DLR einen 20 Seiten starken Fragebogen zu unseren Lebensgewohnheiten und unserer medizinischen Vorgeschichte, 86 wurden daraufhin zur ersten Runde der kognitiven Tests ans Institut für Luft- und Raumfahrtpsychologie nach Hamburg eingeladen. Da musste man sich rückwärts Zahlenreihen merken, unter Zeitdruck Matheaufgaben und Physikprobleme lösen oder räumliches Denkvermögen beweisen (→ Seite 66).

In der nächsten Runde – ebenfalls beim DLR in Hamburg – wurden 30 Frauen gruppenpsychologisch und in Einzelinterviews getestet Nachdem acht von uns auch diese Runde überstanden hatten, folgten an drei Tagen im Januar 2017 körperliche Untersuchungen am Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin des DLR in Köln. Dabei wird von den Blutwerten über das Herz-Kreislauf-System bis zum Gehirn im Magnetresonanztomografen wirklich alles abgecheckt. Schlimme Allergien oder Gallensteine darf man beispielsweise als Astronautin nicht haben. Die Aufgabe der Mediziner war nicht nur, unseren derzeitigen Gesundheitszustand zu beurteilen, sondern auch abzuschätzen, wie gesund wir in den kommenden Jahren bleiben werden. Das hat etwas mit den hohen Kosten einer Astronautenausbildung zu tun. Man möchte vermeiden, hohe Summen zu investieren, wenn eine spätere Erkrankung bereits absehbar ist. So wusste ich nun zumindest, dass ich topfit bin – das ist schon einmal ein netter Nebeneffekt.

Neben einem gesunden Körper ist auch eine ausgeglichene Psyche extrem wichtig, weil man für einen bestimmten Zeitraum ziemlich eng aufeinanderhockt. Die Handlungen eines einzelnen Astronauten können schwerwiegende Konsequenzen für die ganze Mission haben, ein emotionaler Ausraster könnte fatal sein. Deshalb wird nach verlässlichen, professionell agierenden Charakteren gesucht.

Im April 2017 war es dann so weit: Mit Unterstützung des DLR, des Luft- und Raumfahrtkonzerns Airbus sowie von Ulrich Walter und Bundesministerin Brigitte Zypries (SPD) wählte die Initiative zwei von 408 Bewerberinnen aus. Unfassbar: Ich war eine davon! Die letzte Astronautin, die von der ESA auf die ISS geschickt wurde, war Samantha Cristoforetti, eine Italienerin. Sie ist derzeit die einzige Frau im europäischen Astronautenteam. 199 Tage blieb sie von November 2014 bis Juni 2015 auf der Außenstation und stellte damit den Rekord für die längste Zeit auf, die eine Frau bisher am Stück im All verbracht hat. Dagegen wirkt unsere Mission auf den ersten Blick sehr bescheiden: Zehn bis 14 Tage sind derzeit angesetzt. Warum das wissenschaftlich gesehen eine Menge ist, beschreibe ich in Kapitel 6 (→ Seite 99 ff.). Insgesamt waren bereits 230 Astronauten an Bord der Internationalen Raumstation ISS, allerdings bislang nur 37 Frauen. Nun könnten meine Kollegin Suzanna Randall und ich, die wir im Rahmen der Initiative ausgewählt wurden, zu den nächsten gehören.


European Space Agency (ESA)

Die Weltraumorganisation mit Sitz in Paris wurde 1975 gegründet. Ziel war es, der Sowjetunion und den USA gleichberechtigt gegenübertreten zu können. Laut Statut betreibt die ESA Weltraumerforschung ausschließlich zu friedlichen Zwecken. Die ESA ist allerdings nicht wie die NASA eine Regierungsbehörde, untersteht auch nicht der EU, sondern ist eine eigenständige Organisation. Dennoch finanziert sie sich aus dem Staatshaushalt ihrer Mitgliedsstaaten. Die ESA hat verschiedene Standorte in sieben europäischen Staaten, auch in Deutschland: das Europäische Astronautenzentrum in Köln, wo Gerhard Thiele arbeitete, sowie das Raumflugkontrollzentrum in Darmstadt. Durch verschiedene Projekte wie Rosetta, der ersten Mission, die auf einem Kometen gelandet ist, wurde ESA zu einer Größe in der Raumfahrt. ESA führt Missionen in Eigenregie wie auch mit internationalen Partnern durch. In den 80er- und 90er-Jahren standen Kooperationen mit der NASA mehr im Vordergrund, später wurde auch Russland ein immer wichtigerer Partner. In Französisch-Guyana betreibt die ESA einen europäischen Weltraumbahnhof, von dem aus die Ariane-Trägerraketen beispielsweise Satelliten ins All bringen.


National Aeronautics and Space Administration (NASA)

Die zivile US-Bundesbehörde für Luft- und Raumfahrt wurde 1958 gegründet. Ihre Vision: das Streben nach neuen Herausforderungen und das Unbekannte zum Wohle der Menschheit zu erforschen.

Hauptsitz der NASA ist in Washington, D.C., zu ihr gehören aber auch eine Vielzahl an Einrichtungen, die über die USA verstreut liegen. Eine davon ist das Johnson Space Center in Houston, Texas. Hier entwickelt Boeing gerade einzelne Bauteile eines Raumschiffs für die NASA, um Astronauten zur ISS zu bringen. Parallel arbeitet auch das private Unternehmen Space X in Los Angeles an einem diesbezüglichen Auftrag für die NASA.

Die Lücke füllen


Dass überhaupt die Eignung von Frauen für wissenschaftliche Arbeit im All zur Debatte gestellt wird, erscheint mir absurd So sehr, dass sich ein Teil von mir am liebsten gleich aus dieser Diskussion ausklinken würde. Geschlecht spielt für mich einfach keine Rolle. Gleichzeitig erkenne ich aber auch, wie wichtig es ist, dass ich mich hier einbringe. Denn wenn sich ein junges Mädchen interessiert Fotos von der Raumfahrt im Internet anguckt und dann hauptsächlich oder je nach Website ausschließlich männliche Köpfe sieht, ist es leicht für sie zu denken: Das ist nichts für mich. Oder: Ich weiß nicht, ob es nichts für mich ist, aber als Mädchen kann mich dieser Bereich zwar einschließen, vielleicht aber auch nicht.

Eine gesellschaftliche Debatte dieser Art lief vor einigen Monaten ja bezüglich eines Bankschreibens, bei dem sich eine Kundin eine weibliche Anrede gewünscht hatte. Viele hielten das für überzogen. Ich kann ihr Anliegen nachvollziehen. Die Sache ist die: Bei Schreiben, die im männlichen Neutrum formuliert sind, muss ich als Frau immer erst einmal überlegen, ob ich dabei auch gemeint bin. Als Mann weiß ich: Bei »der Kunde«, da bin ich gemeint, da kann ich mir sicher sein Lange war mir nicht aufgefallen, wie schlimm das eigentlich ist.

Denn wenn ich mich möglicherweise ausgeschlossen fühle und mich erst aktiv dafür entscheiden muss, gemeint zu sein oder auch nicht, bringt mich das in eine passive Rolle. Ich kann mich angesprochen fühlen, muss es aber nicht. »Der Astronaut macht einen Weltraumausflug« – wie leicht bekommt da eine Frau das Gefühl: Mich betrifft das nicht? Allein die Formulierung »bemannte Raumfahrt« stört mich: Ist ein mit Frauen besetztes Raumschiff unbemannt?

Unser Sprachgebrauch im Deutschen prägt unser Denken und baut automatisch Filter hinsichtlich der Befähigung verschiedener Menschen ein. Wenn ich mit amerikanischen Kollegen zusammensitze und man spricht über abstrakte Personen – wie zum Beispiel noch nicht definierte Professoren, die zu einer Veranstaltung eingeladen werden sollen –, wechseln sie immer wieder bei ihrer Wortwahl zwischen den Personalpronomen »he« und »she«. Auch bei Artikeln über Kinder ist das im US-amerikanischen Raum ganz oft so. In Deutschland hingegen, wenn wir darüber reden, welcher Professor eingeladen wird, dann wird immer die männliche Form benutzt. Immer. Ich sage dann oft: »Wollen wir nicht auch eine Frau einladen?« – »Oh, stimmt.« Und dann kommen die Ideen.

Mir geht das ja selbst auch so: Meine Töchter waren bei einem Event dabei, bei dem auch Bundesministerin von der Leyen anwesend war. Sie sollte mir kurz vorgestellt werden – also erklärte ich meinen beiden eisverschmierten Töchtern, dass es jetzt um absolutes Benehmen geht. »Wer ist das denn?«, fragte meine Ältere. »Das ist der Chef von der Bundeswehr«, war meine Antwort. Was für ein Blödsinn. Es ist »die Chefin« der Bundeswehr. Seit meiner Auswahl beschäftige ich mich intensiv mit meiner eigenen Ausdrucksweise. Ich versuche, »die Astronautin« zu sagen, anstatt wie üblich immer nur von »dem Astronauten« zu sprechen. Darauf hatte mich eine Zuschauerin einer Sendung hingewiesen – und für so ein konstruktives Feedback bin ich sehr dankbar.

Während unserer USA-Reise im Frühjahr 2018 fragte eines unserer Teammitglieder nach »opportunities for manned spaceflight«. Die Augen des amerikanischen Gegenübers weiteten sich leicht, als er die Frage wiederholte: »You’re asking for opportunities for CREWED space flight. We have …« Danach haben wir im Team beschlossen, dass man für jede Verwendung des Begriffs »bemannte Raumfahrt« ab sofort eine Runde ausgeben muss. Schwanger konnte ich davon zwar nicht profitieren, aber wir hatten die korrekte Ausdrucksweise ohnehin alle schnell verinnerlicht.

In den USA wird übrigens über die Männer-Frauen-Frage in der Raumfahrt kaum gesprochen – weil dort beide Geschlechter ähnlich stark vertreten sind. Die Quote bei der letzten Auswahl der NASA betrug sieben zu fünf, seit Jahrzehnten ist es dort ähnlich durchmischt. Während meiner Kindheit in Texas sah ich im NASA-Headquarter ganz selbstverständlich Frauen und Männer zusammenarbeiten – und zwar in allen Bereichen und auf allen Ebenen. Auch in der Astronautenklasse meines Vaters waren acht Frauen vertreten, von denen ich zwei sehr gut kannte. Der Gedanke, dass es sich bei der Raumfahrt um eine Männerdomäne handeln könnte, konnte mir da kaum kommen.

In Deutschland und auch in Europa ist das anders – sogar in Kinderbüchern fanden sich lange Zeit nur Illustrationen von männlichen Astronauten. Ein interessiertes Mädchen aber, das immer nur Bilder von raumfahrenden Männern sieht, weiß nicht, ob sie das könnte, was die können. Ein Junge geht davon aus, dass es zumindest im Bereich des Möglichen liegt. Die meisten Erwachsenen wissen, dass eine Frau das theoretisch auch kann, aber ein Kind weiß noch nicht einmal, ob vielleicht nur Männer so etwas dürfen. Ein Kind kennt die Regeln nicht, möchte sie aber sehr gern lernen. Gerade wenn es noch sehr jung ist, baut es sich gelegentlich aus seiner Wahrnehmung selbst die abstrusesten Regeln zusammen.

In den letzten Jahren gibt es glücklicherweise schrittweise Veränderungen. Im TV lief bei der »Sendung mit der Maus« ein Lied über die Astronautin Erika Klose. Dazu ein Zeichentrickfilm über ein junges Mädchen mit rotbraunem Pferdeschwanz und Raumanzug. Das ist ein erfreulicher, aber letztlich nur kleiner Kontrapunkt und keine ausgewogene Geschlechterdarstellung in den Medien für Kinder – und das betrifft ja nicht nur den Beruf »Astronaut*in«. Tatsächlich betrübt es mich manchmal, wenn ich mitbekomme, wie wichtig es scheinbar doch ist, dass es jetzt eine deutsche Frau gibt, die ins Weltall fliegt. Wie viele Lücken man damit füllt.

Wir können es uns auch wirtschaftlich nicht leisten, das veraltete Rollenbild an die nächste Generation weiterzugeben. Die Zukunft liegt vor allem in der Digitalisierung und Forschung. Mit dem Wegfall vieler Arbeitsplätze durch automatisierte Prozesse werden Naturwissenschaften und technische Berufe immer wichtiger werden, der Bedarf an Fachkräften ist ja jetzt schon nicht gedeckt. Momentan ist das aber genau der Bereich, in dem Frauen stark unterrepräsentiert sind. Manchmal erhalte ich Briefe oder E-Mails von Studentinnen, die mir schier unfassbare Situationen schildern. Im Chemielabor an der Uni seien die männlichen Studierenden nach vorn geholt worden, die weiblichen sollten nach hinten rücken mit der Begründung: »Ihr braucht das eh nicht.« Wie kann es sein, dass so etwas im Jahr 2018 noch passiert?

Genauso erhalte ich Zuschriften von Müttern, die erzählen, dass sich ihre Kinder so über unser Projekt »Die Astronautin« freuen, weil sie halt Mädchen sind. Endlich ist mal eine Frau dabei, der man sogar einen Brief schreiben kann – das ist einerseits schön, andererseits erschreckend. Was, wenn Claudia Kessler nicht diesen Mut und Elan an den Tag gelegt hätte? Wie lange hätte es gedauert, bis diese Mädchen ein Vorbild gefunden hätten?

Insofern finde ich es auch ein bisschen traurig, wenn dem Projekt für die Idee an sich Diskriminierung der männlichen Bevölkerung vorgeworfen wird. Quasi zeitgleich wurde im Februar 2017 ein neuer deutscher ESA-Astronaut ins Korps aufgerufen – Matthias Maurer. Es gibt viele Menschen und gerade Kinder, die sich durch »Die Astronautin« inspirieren lassen und denen dieses Projekt Mut und Kraft gibt.

Manche meinen: Indem man über das Geschlecht spricht, macht man es ja erst zum Thema. Einerseits ja. Aber: Um nicht mehr darüber reden zu müssen, muss jetzt erst mal eine Frau ins All, die in den deutschen Medien sichtbar ist.

Space 4.0 – kommerzielle Raumfahrt als Zukunftsmodell

GERHARD PAUL JULIUS THIELE


• Geboren am 2. September 1953 in Heidenheim an der Brenz

• Promovierter Physiker

• War deutscher Astronaut für das DLR und die ESA

• Leitete ab Herbst 1995 für ein Jahr das Trainingszentrum des deutschen Astronautenkorps in Köln.

• Kartografierte gemeinsam mit NASA-Kollegen im Jahr 2000 80 Prozent der Landmasse der Erde im Rahmen der Mission STS-99, der sogenannten »Shuttle Radar Topography Mission«.

• Übernahm von August 2005 bis März 2010 die Leitung der ESA-Astronautenabteilung.

• War der verantwortliche Leiter für die Auswahl des derzeitigen ESA-Astronautenkorps.

• Arbeitet heute als selbstständiger Berater und Universitätsdozent

• Ist verheiratet und hat vier Kinder.


Als ich erfahren habe, dass Insa sich bei der Initiative »Die Astronautin« bewirbt, habe ich mich gefreut. »Gut so!«, habe ich zu ihr gesagt. »Du bringst alles mit, was du brauchst.« Aber auch wenn ich ihre Fähigkeiten kenne, habe ich mich natürlich über jede Auswahlrunde gefreut, in der sie weiterkam, weil man nie genau weiß, wonach die Durchführenden gerade suchen.

Als ich selbst ausgewählt wurde, als einer von 13 Finalisten, da hätte auch jeder andere von diesen 13 genommen werden können. Es wäre ein anderes Team geworden, aber auch die anderen hätten den Job gut gemacht. Auch als ich bei der ESA für die Auswahl der Astronauten 2008 verantwortlich war, gab es nicht nur die sechs, die wir ausgewählt haben. Es gab mindestens noch einmal genauso viele, die man genauso gut hätte auswählen können. Deswegen kann man sich trotz aller Eignung nie sicher sein, ob man am Ende auch wirklich ausgewählt wird. Insofern habe ich schon ein bisschen mit Insa mitgefiebert, von Runde zu Runde mehr.

DAS EUROPÄISCHE ASTRONAUTENTEAM

Die Astronauten, deren Auswahl Gerhard Thiele verantwortlich leitete, sind:

• Samantha Cristoforetti aus Mailand, Italien

• Alexander Gerst aus Künzelsau, Deutschland

• Andreas Mogensen aus Kopenhagen, Dänemark

• Luca Parmitano aus Paternò, Italien

• Timothy Peake aus Chichester, Großbritannien

• Thomas Pesquet aus Rouen, Frankreich

• Seit Juli 2015 ist auch Matthias Maurer aus St. Wendel, Deutschland, Mitglied des Astronautenkorps. 2017 schloss er seine Astronautengrundausbildung ab.

Andererseits hätte es mich überrascht, wenn Insa nicht zu den Tests eingeladen worden wäre. Ich fand ihr Bewerbungsvideo große Klasse. Es wäre aber, nachdem Insa eine Auswahlrunde erfolgreich durchlaufen hatte, vermessen gewesen zu sagen: »Das habe ich eh gewusst.« Umgekehrt wäre es unaufrichtig gewesen, bei Insas Weiterkommen Erstaunen vorzuspielen mit einem Kommentar wie »Oh, du bist ja immer noch drin«.

Als in Bremen die sechs Finalistinnen vorgestellt wurden, wurde ich gefragt, ob ich nicht dazukommen wolle, als Publikumsgast. Das habe ich abgelehnt. Insas Schwester Lerke ist mitgegangen. Sie hat dann eine WhatsApp-Nachricht an unsere Familiengruppe abgesetzt, als das Ergebnis bekannt war. Worüber ich mich am meisten gefreut habe: Sowohl Andreas Schütz, Pressesprecher des DLR, als auch mein Astronautenkollege Ulrich Walter haben erst in diesem Moment erfahren, dass eine der Kandidatinnen meine Tochter ist.


Ulrich Walter und Kolleg*innen

Der Physiker und ehemalige Wissenschaftsastronaut ist Inhaber des Lehrstuhls für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München. Zusammen mit Gerhard Thiele und anderen war er ab 1987 Teil des deutschen Astronautenkorps. Hierzu gehörten auch Hans Schlegel, Heike Walpot und Renate Brümmer. Nach gemeinsamem Training wurden Ulrich Walter und Hans Schlegel auf D2-Mission geschickt, während Gerhard Thiele und seine Kolleg*innen diese vom Boden aus begleiteten. Gerhard Thiele bekam dann später seine Chance und flog ins All, für die beiden Frauen des Korps hat sich das nicht ergeben.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
30 lipca 2025
Objętość:
272 str. 21 ilustracji
ISBN:
9783831269723
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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