Czytaj książkę: «Wenn die Träume laufen lernen Band 2: LANZAROTE»

Czcionka:

Wenn die Träume

laufen lernen

Band 2 – Lanzarote

Gabriele Ketterl

© 2020 Amrûn Verlag

Jürgen Eglseer, Traunstein

Covergestaltung: Traumstoff Buchdesign | Traumstoff.at

Lektorat: Stefanie Lasthaus

Alle Rechte vorbehalten

ISBN TB – 978-3-95869-1414

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

v1 20

Dedicado a

Mis amigos de 1986 á 1990 en Lanzarote y Tenerife

Für

meine Freunde aus den Jahren 1986 bis 1990

auf Lanzarote und Teneriffa.

Wo immer ihr auch sein mögt.

Gib jedem Tag die Chance,

der schönste deines Lebens zu werden.

Mark Twain

1.

Flughafen Arrecife, Lanzarote, 17. Oktober 1988

Bei Sonnenaufgang waren wir auf Ibiza an Bord der Fähre nach Mallorca gegangen, um rechtzeitig unseren Flug nach Lanzarote zu erreichen. Seitdem waren wir unterwegs und daher rechtschaffen froh, als unsere Maschine endlich auf dem kleinen, sympathischen Flughafen der Kanareninsel landete.

Müde setzte ich mich auf eine der Bänke in der Ankunftshalle und streckte meine Beine aus, während wir auf unser Gepäck warteten.

»Mannomann, bin nur ich so erschlagen oder geht es euch auch so?«

Silvie, meine deutsche Freundin und Teamkollegin, sprach wie so oft meine Gedanken aus.

»Lass es mich so ausdrücken: Ich habe mich schon fitter gefühlt.« Roberta, die trotz ihrer gerade einmal fünfundzwanzig Jahre nach den letzten Stunden ein wenig verknittert wirkte, reckte sich und gähnte herzhaft.

»Super. Da werden wir auf Ibiza abgezogen, um hier alle auf Vordermann zu bringen, und dann kommen wir hundemüde angekrochen.« Fernando, Rettungsschwimmer und Sonnyboy unserer Crew, ließ schmunzelnd seinen Blick über uns schweifen.

»Entschuldige bitte, aber nachdem ich heute Morgen um vier Uhr aus dem Bett geworfen wurde und seit geschlagenen dreizehn Stunden unterwegs bin, darf ich ja wohl müde sein.« Lise, unsere sonst allzeit gut gelaunte Holländerin, legte – nicht ohne zuvor herzzerreißend zu seufzen – ihren Kopf an die Schulter ihres Freundes Oliver.

»Leute, ich bin auch geschafft, aber das ist im Moment nebensächlich. Wir reißen uns bitte kräftig zusammen, denn ich schätze, keiner von uns hat Lust, im Halbschlaf aufzuschlagen, nicht wahr? Ich befürchte sowieso, dass man uns dort nicht allzu freundlich begrüßen wird. Schließlich kommen wir, um die anderen abzulösen.« Teamchef Carlos setzte sich neben mich und stupste mich aufmunternd an. »Das bekommen wir doch jetzt auch noch geregelt, nicht wahr?«

»Aber nur, weil du es bist.« Als ich das Team ansah, musste ich unweigerlich grinsen. »Hochmotivierte, hellwache Crew trifft am Einsatzort ein. Im Ernst, Leute, wir sollten dringend an unserem Erscheinungsbild arbeiten, ehe wir durch diese Pforte gehen.« Ich zeigte auf die Glastüren, die zum Ankunftsbereich führten.

»Na schön. Ausnahmsweise. Komm, Cara, wir machen den Anfang. Dort sind Toiletten, gehen wir uns restaurieren.« Lachend griff Roberta zuerst nach ihrer Tasche, dann nach meiner Hand und zog mich mit sich.

»Halt, Sekunde, ich mach mich auch besser frisch. Jungs, ihr achtet darauf, unsere Koffer vom Band zu pflücken, falls sie denn noch in diesem Jahrhundert kommen sollten, ja?« Silvie konnte sehr überzeugend sein, insbesondere wenn sie müde war.

Während wir nebeneinander vor den kleinen Spiegeln in der Damentoilette standen und versuchten, die diversen Problemzonen unserer Gesichter wieder in den Griff zu bekommen, sprach Roberta aus, was wir alle dachten.

»Ladys, mir graust vor dem Zusammentreffen mit diesem Clubchef. Nach allem, was Jaime erzählt hat, ist er ein … wie soll ich es nur höflich ausdrücken … Vollidiot.«

Lise, die es endlich hinbekommen hatte, sich für ein paar Minuten von Oliver zu trennen, stapfte durch die Tür, schob sich zwischen uns und musterte sich prüfend im Spiegel. »Ja, und wenn schon. Er ist doch nicht der erste Schwachkopf, den wir in den Griff bekommen müssen. Außerdem, wenn ich mich richtig erinnere, dann haben wir ihn nur noch drei Tage an der Backe, nicht wahr?«

Ich nickte, während ich mir die Lippen mit rosa Lipgloss betupfte. »Schon, aber ich befürchte, dass auch drei Tage unter den entsprechenden Umständen verdammt lang werden können.«

Roberta zog sich einen grobzinkigen Kamm durch die dunkelbraune Lockenmähne. »Hör bloß auf, den Teufel an die Wand zu malen.«

»Na, alle Mutmaßungen bringen uns kein Stück weiter. Es wird sein wie immer: Augen zu und durch.« Silvie band ihre langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz und blickte uns auffordernd an. »Na kommt, stellen wir uns der Herausforderung.«

Mittlerweile war unser Gepäck tatsächlich angekommen und die Jungs waren dabei, es auf mehrere Kofferwagen zu verteilen.

Carlos zog sich den Kragen seines dunkelblauen Jeanshemdes zurecht und musterte uns wohlwollend, als wir im Gänsemarsch zurückkehrten. »Wusste ich doch, dass ihr auch nach über dreizehn Stunden wieder in vollem Glanze erstrahlen könnt.«

Ich schenkte ihm ein breites Lächeln. »Wahre Schönheit kann eben nichts entstellen, nicht wahr?«

Grinsend zog er mich an sich. »Das sage ich doch immer.«

Carlos, Fernando, Andy und Oliver schoben die Wagen durch den Zoll und sahen sich suchend um. Wir hofften, dass man uns abholen würde, waren aber ob der für die dortige Crew unangenehmen Begleitumstände nicht sicher.

Ein paar Augenblicke später ertönte ein freudiger Ruf. »Da sind sie ja, meine Lieblingsverrückten!«

Sehr zu unserer Freude strebte ein großer, gut gebauter Mann auf uns zu. Seine kurzen schwarzen Locken waren akkurat wie immer geschnitten und auf dem braun gebrannten Gesicht zeigte sich ein strahlendes Lächeln. Sergio!

Unser einstiger Chef der Security aus dem Club Costa Azul in Puerto de la Cruz auf Teneriffa begrüßte uns sichtlich erfreut.

»Leute, es ist echt schön, euch zu sehen. Es wird Zeit, dass ihr kommt, ehrlich.«

Carlos umarmte Sergio herzlich. »Hombre, das ist ja mal eine schöne Überraschung. Ich wusste gar nicht, dass du hier arbeitest.«

»Damit bist du nicht alleine. Bis vor einer Woche wusste ich das auch nicht. Jaime versucht aber einiges, um den Club wieder in den Griff zu bekommen. Es blieb ihm keine andere Wahl.«

Carlos Miene verfinsterte sich zunehmend. »So schlimm?«

Sergio runzelte die Stirn. »Schlimmer.«

Ich schob die Hände in die Taschen meiner Jeans. »Super, das klingt ja so richtig ermutigend.«

»Cara, mi chica! Komm her, lass dich drücken.«

Während Sergio mir liebevoll die Luft aus den Lungen presste, mobilisierte ich meine letzten Atembestände. »Immerhin hat der Kerl dich geschickt, um uns abzuholen.«

»Das kannst du getrost vergessen, Cara. Er hätte niemanden geschickt. Der überhebliche Lackaffe bildet sich ein, das missverstandenste Wesen der westlichen Hemisphäre zu sein, und hasst euch schon im Voraus. Nur weil ich von Jaime wusste, wann euer Flug ankommt, sind Alexandro und ich hier. Ich hab mir den Kleinbus eines Freundes ausgeliehen und Alex kümmert sich um eure Koffer. Jetzt kommt erst einmal mit raus.«

Sergio dirigierte uns durch die Halle nach draußen, was bei der überschaubaren Größe des Flughafens kein Problem war, und brachte uns zu einem Parkplatz. Dort wartete Alex, an einen uralten Pick-up gelehnt, und wurde – vor allem von den Mädels – sofort ins Herz geschlossen. Ungefähr einen Meter achtzig groß, schwarze Wuschelmähne, derer Herr zu werden er wohl schon lange aufgegeben hatte, Jeans, Turnschuhe, ein knallgelbes T-Shirt und dazu ein fröhliches Grinsen im Gesicht, begrüßte er uns. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Waschechter Canario, was?«

»Mutter aus China, Vater aus Gran Canaria, da kommt dann eben so was wie ich raus«, schmunzelte er.

Während Sergio und Andy ihm halfen, unser Gepäck zu verstauen, stellte er sich als Sergios rechte Hand vor.

»Wisst ihr, eigentlich hatte mich Robert Croyden als seinen Fahrer eingestellt, aber den Zahn hat ihm Sergio sofort nach seiner Ankunft gezogen.«

Ich glaubte kurz, mich verhört zu haben. »Sagtest du als sein Fahrer? Spinnt der Typ?«

Alex zuckte die Schultern. »Er behauptet, da hier alle auf der falschen Seite fahren, wäre das für ihn lebensbedrohlich. Der Kerl weigert sich, mit dem Auto zu fahren. Jetzt, nachdem ich bei der Security bin, fährt seine Hochwohlgeboren nur noch Taxi.«

»Das kann ja heiter werden.« Carlos strich sich durch die langen, dunklen Haare.

Sergio wuchtete den letzten Koffer auf die Ladefläche des Pick-ups. »Da kannst du Gift drauf nehmen. Vor zwei Tagen hat er drei der Reinigungskräfte rausgeworfen, da sie sich geweigert haben, andauernd den Dreck aus den Umkleideräumen und Unterkünften seines Animationsteams zu beseitigen. Wartet ab, bis ihr seht, in welchem Zustand die Anlage ist. Es ist unfassbar.«

Wir kletterten in den Kleinbus und fuhren los in Richtung Puerto del Carmen.

Ich lehnte meinen Kopf an die Seitenscheibe und versuchte, so viel wie möglich von der vorüberziehenden Landschaft zu sehen. Die Insel war komplett anders als Teneriffa oder Gran Canaria. Karg und tatsächlich schwarz präsentierte sich unser neues Zuhause. Doch schon nach wenigen Minuten gelang es mir, in den bizarren Felsen und Lavaformationen eine wilde Schönheit zu entdecken. Dank des kanarischen Künstlers César Manrique, der auf der Insel lebte und sich mit Vehemenz dafür einsetzte, dass Lanzarote nicht »kaputtgebaut« wurde, gab es keine hohen Hotelkästen. Weiße, maximal zweistöckige und an die Umgebung angepasste Anlagen schmiegten sich in die Landschaft. Blaue und grüne Fenster, Balkone und Türen lockerten das Bild auf. Die tiefstehende Sonne tunkte die schwarzen Felsen so wie die weißen Häuser in warmes, goldenes Licht. Da ich ein sehr spontaner Mensch war, traf ich meine Entscheidung in Sachen Lanzarote ebenso spontan.

Ich mochte die Insel.

»Bisschen steinig, was? Etwas mehr Grün könnte nicht schaden.«

Aha, Silvies Begeisterung hielt sich noch in erträglichen Grenzen.

Sergio warf ihr im Rückspiegel einen wissenden Blick zu. »Das dachte ich zuerst auch. Aber wenn du genau hinsiehst, erkennst du, dass die Insel ihren ganz eigenen Charme hat. Zugegeben, es dauert ein bisschen, aber Lanzarote kann recht überzeugend sein.«

Silvie warf einen weiteren zweifelnden Blick aus dem Seitenfenster. »Das bleibt abzuwarten.«

Die Fahrt von Arrecife nach Puerto del Carmen dauerte nicht lange. Etwa eine halbe Stunde, nachdem wir den Flughafen verlassen hatten, bog Sergio in eine breite Auffahrt ein, fuhr auf einen freien Parkplatz und stellte den Motor ab. Ich erspähte die Jeeps sofort. »Ah, immerhin habt ihr die gleichen Autos wie auf Ibiza und Teneriffa.«

»Nun ja, im Prinzip haben wir das schon. Nur haben sich die Herrschaften entschlossen, dass die Jeeps nur für die Leitung und das edle Animationsteam sind. Wenn einer von uns mal rasch irgendwo hinmuss, hat er gefälligst sein Privatfahrzeug zu nehmen.«

Carlos schüttelte den Kopf. »Langsam reicht es mir alleine schon von deinen Erzählungen. Ich werde zunehmend wütend.«

Ich zog amüsiert die Augenbrauen hoch. Das könnte interessant werden. Ein wütender Carlos war für die Gegenseite nicht wirklich wünschenswert.

Wir kletterten aus dem Auto, während Alex unsere Koffer auslud und vor die Rezeption stellte. Noch immer ließ sich kein Mensch blicken und langsam kochte uns allen die Galle über. Müde wie wir waren, auch noch komplett ignoriert zu werden, war doch zu viel für unser Nervenkostüm. Carlos schob die Ärmel seines Hemdes nach oben, was seine martialische Lederbandsammlung bestens zur Geltung brachte, stapfte die drei Stufen zur Rezeption hoch und öffnete die Doppeltür aus blau und grün gestrichenem, schwerem Holz.

»Guten Abend! Gleich mal aus Prinzip: Diese Tür steht in den Costa-Azul-Clubs von sieben Uhr am Morgen bis zehn Uhr in der Nacht offen, okay?«

Ui, er war richtig in Fahrt. Neugierig folgten wir ihm, als er in der geräumigen Eingangshalle verschwand.

Hinter dem geschwungenen Tresen am Empfang saß eine blonde Frau.

»Wenn ich das richtig verstanden habe, wollen Sie, dass die Tür offenbleibt«, sagte sie mit ausgesprochen giftigem Unterton. »Erstens haben das nicht Sie zu entscheiden und zweitens zieht es dann, also bleibt sie geschlossen.«

Ich zog eine schmerzliche Grimasse. Fehler, blöder Fehler!

Carlos wandte sich ihr mit nachsichtiger Miene zu. »Zum Mitschreiben, junge Frau. Die Türen bleiben offen. Wenn du frierst, dann zieh dich warm an. Das würde ich dir ab heute sowieso empfehlen. Und außerdem habe ich das sehr wohl zu entscheiden. Ich bin Carlos, das sind Caroline, Silvie, Roberta, Lise, Andy, Fernando und Oliver.« Er zog uns nach vorne. »Wir sind das von Jaime angekündigte Team aus Ibiza. Und nun würde ich eigentlich ganz gerne mit Robert sprechen.«

Zwar starrte sie Carlos mit einer Mischung aus Faszination, Neugier und Zorn an, schaffte es aber tatsächlich, zügig zu antworten.

»Robert lässt sich entschuldigen, er musste zu einem Geschäftsessen nach Puerto del Carmen. Leider werdet ihr hier warten müssen.«

Carlos trat an den Tresen, stützte sich mit den Ellbogen auf und beugte sich vor, sodass sein Gesicht ganz nah an ihrem war.

»Das glaube ich kaum. Jaime hat unsere Ankunft mehrmals angekündigt, soweit ich informiert bin, und vertraue mir, das bin ich fast immer. Ferner hat Mercedes angeordnet, dass unsere Unterkünfte pünktlich bereitstehen. Daher wirst du nun deinen Noch-Chef sofort anrufen, wo auch immer er ist, und dafür sorgen, dass er innerhalb einer halben Stunde hier aufschlägt. Währenddessen sorgt jemand dafür, dass wir unsere Studios beziehen können. Habe ich mich nun auch für dich verständlich ausgedrückt?«

Das Ja kam dem Fauchen einer wütenden Katze recht nah. Immerhin umrundete sie tatsächlich den Tresen, erblickte Sergio und knurrte ihm zu, er solle uns ins Restaurant führen und dafür sorgen, dass wir etwas zu essen bekämen. Sie würde sich um die Unterkünfte und alles andere kümmern.

Sergio legte eine Hand hinters Ohr. »Verzeihung?«

Langsam lief die Dame so hochrot an, dass ich begann, mir Sorgen um ihren Blutdruck zu machen.

»Würdest du sie bitte ins Restaurant bringen?«

Ein nachsichtiges Lächeln erschien auf den Lippen des Sicherheitsmannes. »Jetzt habe ich es verstanden.« Er wandte sich uns zu und machte eine einladende Geste. »Kommt mit, ich habe auch noch nichts gegessen. Bis die das hier auf die Reihe bekommen, könnt ihr euch schon mal die beiden Restaurants ansehen.«

Neugierig schloss ich zu Sergio auf. »Wie sind denn die Restaurants hier? Was gibt’s in den zwei unterschiedlichen?«

Er wandte sich mir mit trauriger Miene zu. »Kurzversion: bescheiden und das Gleiche. Kommt einfach mit.«

Er lief mit Carlos voraus und wir folgten, während wir die Umgebung eingehend musterten. Das, was wir zu sehen bekamen, bestätigte unsere schlimmsten Befürchtungen. Nicht abgeräumte, schmutzige Tische im Poolbereich, überfüllte Aschenbecher, und obwohl es schon dunkel wurde, waren die Matten am Pool noch nicht weggeräumt. Papierkörbe quollen über von Müll, sodass Verpackungen und leere Zigarettenschachteln daneben auf dem Boden lagen. Die Gäste, die uns über den Weg liefen, sahen in den seltensten Fällen wirklich glücklich aus.

Das Restaurant, in das Sergio uns führte, war das Hauptlokal der Anlage. Eigentlich schön ausgestattet, mit – den Inselfarben geschuldet – grün-weißen Holzmöbeln und leuchtend grünen Tischdecken, über die weiße Tischläufer gelegt worden waren. Doch fehlten uns die sonst bei Costa Azul gewohnten, liebevollen Details. Keine schönen Windlichter auf den Tischen und anstatt der frischen Blumen lieblose Plastikteile in billigen Glasbehältern. Meine Stiefelsohlen klebten schon nach wenigen Augenblicken am Boden fest. Vorsichtig hob ich einen Fuß an.

»Igitt, haben die hier schon mal was davon gehört, dass man Böden wischen kann?« Ich war schlicht fassungslos.

»Das ist noch gar nichts, wartet, bis ihr das Essen probiert habt. Und wenn ihr was Nettes erleben wollt, dann kommt doch einmal mit. Dort hinten sind die Tische für die Herrschaften aus dem Animationsteam. Ihr werdet viel Freude mit ihnen haben.«

Er führte uns zu einem kleinen Durchgang zwischen zwei schmalen Säulen, die, ähnlich wie auf Ibiza, zu einem abgetrennten Bereich für die Crew führten. Auch hier fand man die »Kastenbauweise«: eine weiße Mauer mit zahlreichen Aussparungen, in denen auf Ibiza und Teneriffa wahlweise kleine Laternen mit Kerzen, Windlichter oder andere Dekorationsgegenstände standen. Hier fanden wir, zu unserer Überraschung, volle Aschenbecher und schmutzige Gläser.

»Ausgefallene Dekoideen, das muss man ihnen lassen. Nicht unbedingt alltäglich.« Roberta rümpfte deutlich angewidert ihr hübsches Näschen.

»Ja, nicht wahr? Sie geben sich wirklich Mühe.« Sergio ging voran in den hinteren Bereich.

Dort saßen an zwei Sechsertischen vier Leute – drei Männer und eine junge, schwarzhaarige Frau –, die uns missmutig entgegenblickten. Natürlich auf Englisch erfolgte dann auch prompt die zu erwartende, ausgesprochen freundliche Ansage.

»Ey, ihr müsst hier raus. Essen für Gäste ist vorne.«

Carlos lächelte den Sprecher sehr freundlich an und aktivierte umgehend sein Englisch. »Hombre, für den Fall, dass ich Gast wäre, hättest du jetzt ein ziemliches Problem. Diesen Ton gegenüber Gästen will ich ab sofort nie wieder, und zwar wirklich nie wieder hören. Ist das klar? Und ehe jetzt dumme Fragen kommen: Ich bin Carlos Hernandez, das hier ist das Team aus Ibiza, wir sind müde, hungrig und angesichts dessen, was wir hier bereits erleben durften, sehr ungehalten. Daher setzen wir uns jetzt an den anderen Tisch und morgen unterhalten wir alle uns sofort nach dem Frühstück.«

»Ey, Robert hat keine Besprechung angesetzt. Also was soll das?«

Manche Menschen wurden einfach dumm geboren und vergaßen im Laufe ihres Lebens noch die Hälfte.

Carlos stand mit nur einem Schritt neben dem Knaben, dessen rotblonde Haare in alle Windrichtungen abstanden und der es – wie auch die anderen – wohl nicht für nötig erachtete, auch nur einen Hauch an Höflichkeit an den Tag zu legen.

»Wenn ich sage, morgen ist Teammeeting mit allen, dann wird das nicht infrage gestellt, haben wir uns verstanden?«

Offenbar sah der junge Mann Carlos nun erst richtig an, denn er wurde zunehmend kleiner in seinem Stuhl. »Schon gut, Mann, könnte aber schwer werden, weil wir ja beschäftigt sind.«

»Irrtum, mein Freund. Jeder, der morgen nicht um Punkt zehn Uhr hier ist, kann gerne sofort seinen Koffer packen. Dann spare ich mir die Erklärungen, was mir auch entgegenkäme. Und jetzt ist die Diskussion beendet. Ihr gebt bitte den anderen aus eurem Team Bescheid, alles klar?« Ohne die Antwort abzuwarten, kam Carlos zu uns zurück. »Das wäre geklärt. Wenn sie morgen kollektiv ihre Koffer packen, wäre ich nicht traurig.«

Sergio nickte heftig. »Glaub mir, die Gäste und das restliche Personal auch nicht. Die führen sich auf, als wären sie Superstars. Sonderbehandlung, spezielles Essen, Reinigung ihrer Wohnungen und so weiter und so fort. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie beliebt die hier sind.«

»Reinigung der Wohnungen? Leute, wir machen echt was falsch.« Ich schüttelte entsetzt den Kopf.

Carlos legte seinen Arm um meine Schultern und drückte mich an sich. »Wir machen alles richtig, vertrau mir, Cara. Und nun sehen wir uns mal das Büfett an, ich bin gespannt.«

Als wir alle zwischen den Tischen hindurch zu einem der beiden am Rand des Restaurants aufgebauten Büfetts liefen, wurden wir von allen Seiten neugierig gemustert. Vor allem die Damen betrachteten Carlos, Fernando und Oliver mit großen, sehnsüchtigen Augen. Andy fiel wohl flach, da er Silvies Hand nicht einmal jetzt losließ.

Ratlos standen wir kurz darauf vor den Tischen und musterten mit fragenden Blicken das Angebot.

Pommes, panierte Schnitzel, panierter Fisch, Dosengemüse – und das auf den Kanaren! – Pommes, Würstchen, Fisch in seltsamer, brauner Sauce, Pommes, Gemüsesuppe, Tomatensalat, Gurkensalat, grüner Salat, Paprikastreifen, Hühnchen in roter Sauce. Oh, hatte ich die Pommes schon erwähnt?

Ich war so frei, mir einen Löffel zu holen und von den Saucen zu kosten. Sie unterschieden sich tatsächlich lediglich in der Farbe, abgesehen davon schmeckten sie leicht salzig und schlicht neutral.

»Bäh, das gibt’s doch nicht. Wir sind hier auf den Kanaren, wo ist das leckere Essen? Wo ist das Reisgericht, wo die Suppen, die Saucen, wo der gegrillte Fisch? Habe ich was verpasst?« Meine Begeisterung ob des Angebotes hielt sich in Grenzen.

Sergio zuckte die Schultern. »Cara, das wird alles auf Anweisung unseres Chefs zubereitet. Angeblich ist das kanarische Essen unverträglich für Touristen, also speziell für Engländer.«

»Unverträglich? Ich glaub es ja nicht. Der Kerl hat doch wirklich ein Rad ab. Außerdem gibt’s hier auch Deutsche und Italiener, oder?«

Fernando brachte es auf den Punkt. »Das nutzt alles nichts, wenn ich nicht bald was zwischen die Zähne bekomme, muss ich mich anderweitig orientieren.« Sein Blick ruhte nachdenklich auf Robertas Hals.

Die grinste lediglich. »Nimm dir Schnitzel und Pommes und dann iss schweigend.«

Nando drückte ihr einen Kuss auf die Wange, schnappte sich einen Teller, belud ihn, wenn auch mit zweifelndem Blick, mit Schnitzel und fettigen Pommes, dekorierte das Ganze mit Paprikastreifen und ging zurück zu den Crewtischen.

Ich entschied mich für frittierten Fisch mit Gurkensalat und beschloss, eher wenig Hunger zu haben.

Wenig später saßen wir in unserem Refugium und aßen sehr ruhig unser Abendessen. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus.

»Sergio, wer ist denn hier der Küchenchef?«

»Tino, ein echt netter Kerl, aber demotiviert wie die Hölle.«

»Ist er Spanier?«

»Besser! Canario.«

Ich schob mir den letzten Bissen meines gewöhnungsbedürftigen Dinners in den Mund, ehe ich die Gabel zur Seite legte.

»Carlos, Sergio, wenn ihr fertig seid, wollen wir dem Küchenteam mal einen Besuch abstatten? Ich denke je früher, desto besser.«

»Absolut deiner Meinung.« Carlos würgte seinen letzten Bissen hinunter, spülte mit eiskaltem San Miguel nach und stand auf.

Gemeinsam mit Sergio machten wir uns auf den Weg in die Küche. Mochte das Restaurant nicht der Hit sein, so überraschte uns die Küche positiv. Alles blitzte und blinkte und, was uns am meisten überraschte: Es roch appetitlich. Erstaunt sah ich mich um. Die Blicke des Personals waren nicht besonders freundlich.

Aus dem hinteren Küchenbereich schälte sich ein großer Kerl in einer weißen Kochjacke. Sein halblanges, dunkelbraunes Haar hielt er mit einem schwarzen Bandana in Schach und an den Unterarmen erspähte ich ausgesprochen interessante Tattoos. Mit leicht zusammengekniffen Augen kam dieses ansehnliche Exemplar von einem Mann auf uns zu.

»Perdon, aber ich mag es eigentlich nicht, wenn Gäste hier hereinkommen. Gibt nur Ärger.«

»Halt die Luft an, Tino. Das sind Cara und Carlos, zwei aus dem Team, das unsere Helden hier ablösen soll.« Sergio schob mich grinsend nach vorne. »Sag hallo zu Cara, Tino.«

Der musterte mich einen Augenblick neugierig, dann reichte er mir die Hand. »Hallo zu Cara, Tino.«

Lachend ergriff ich die dargebotene Rechte. »Hola, Tino, ich freue mich.«

Carlos wurde ebenfalls wesentlich freundlicher willkommen geheißen. »Ihr müsst entschuldigen, aber ich habe schon befürchtet, es wäre wieder jemand aus dem Dunstkreis unseres geliebten Chefs, der irgendwelche dummen Extrawünsche hat.«

»Keine Extrawünsche, außer vielleicht Cara. Der hat das spanische Element beim Büfett gefehlt, weißt du?« Carlos schüttelte Tinos Hand, während sein Blick durch die Küche huschte. »Aber ich verwette meinen Hintern darauf, dass es hier nach Tortilla und frischer Salsa duftet.«

Tinos Lächeln wurde noch ein wenig breiter. »Gut geraten, hombre. Glaubst du im Ernst, wir essen das Zeug, das wir für die Gäste kochen müssen?«

Ich verstand nur noch Bahnhof. »Warum macht ihr es dann?«

»Weil seine Durchlaucht uns damit gedroht hat, uns alle zu feuern, wenn wir nicht diesen geschmacklosen Mist fabrizieren.«

»Der spinnt doch. Richard würde den Typen übers Knie legen …« Weiter kam ich nicht.

»Sagtest du Richard? Der Richard, der vor drei Jahren noch in Puerto de la Cruz war?«

Ich nickte. »Ja, der ist jetzt Küchenchef auf Ibiza.«

Nun strahlte Tino. »Bei ihm habe ich gelernt. Wenn der sähe, was ich hier koche, würde er mich steinigen.«

Carlos wiegte bedächtig seinen Kopf hin und her. »Wenn wir das Zeug morgen wieder essen müssen, kann ich das gerne für ihn übernehmen.«

»Stopp! Tino, du sagst, dass du es nur auf Anweisung von Croyden machst? Also nicht wegen motzender Gäste?« Ich sah Licht am Ende des Tunnels.

»Exakt. Ich koche hier übrigens nicht, ich quäle Lebensmittel.«

»Ab heute nicht mehr. Wenn du einverstanden bist, legen wir sofort gemeinsam einen Speiseplan für die nächsten Tage fest. Wenn du bei Richard gelernt hast, dann kennst du seine Gerichte, oder?«

Tino nickte sichtlich begeistert.

Ich war zufrieden. »Gut, dann setzen wir uns jetzt irgendwo hin, gerne draußen an einen der Crewtische, und schreiben die Speisenfolge auf, okay?«

»Nichts mit draußen, das dürfen wir nicht. Aber das ist gut so. Leute, kommt mit, wir haben da hinten echt gute spanische Tortilla und sehr leckere, pikante Salsa. Na, Lust?«

Und ob ich Lust hatte.

Kurz darauf saßen auch Fernando und Roberta bei uns, während Tino und ich mit Feuereifer die Abfolge der Gerichte durchgingen, die Richard in den letzten Wochen aufgetischt hatte.

»Grillabend ischt eine gute Idee.« Mit vollem Mund zu sprechen war zwar nicht die feine englische Art, aber es schmeckte dermaßen gut, dass mir keine andere Option blieb.

Schon nach einer Viertelstunde stand fest, was in der kommenden Woche auf dem Büfett zu finden sein würde. Tino strahlte regelrecht, wurde aber kurzfristig doch sehr ernst.

»Und ihr seid sicher, dass ich nicht gefeuert werde? Ich brauche diesen Job nämlich.«

»Keine Angst, hier fliegt niemand außer denen, die das hier alles zu verantworten haben.« Carlos klang überzeugend.

Der glückliche Koch steckte seine Liste ein und lehnte sich entspannt in seinem Stuhl zurück. »Leute, ich bin so froh, dass ihr da seid.«

Carlos schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Das glaube ich dir aufs Wort.«

Wir verließen die Küche, um festzustellen, dass das Restaurant beinahe leer war. Auch von Lise, Silvie, Andy und Oliver fehlte jede Spur.

Sergio bemerkte unseren ratlosen Blick. »Heute ist die Wahl zu Mr. und Mrs. Costa Azul. Das ist noch das Lustigste, was die Crew zustande bringt. Geht doch mal hin, ich sehe inzwischen nach, ob Robert endlich da ist. Von selbst kommt der nie hierher, den muss ich holen.«

Carlos wehrte ab. »Lass gut sein. Wir gehen nach vorne ins Büro. Ich habe keine Lust, hier vor Gästen auszurasten.«

Sergio zog eine amüsierte Grimasse. »Gutes Argument.«

Draußen sammelten wir unsere vier Mitstreiter wieder ein, die sich in der Zwischenzeit einen groben Überblick über die Anlage verschafft hatten.

»Es ist ein Trauerspiel. Wir müssen wirklich sofort was unternehmen, das sieht hier aus wie ein einer Jugendherberge, ganz ehrlich, das ist unglaublich.« Silvie sah aufgebracht aus und ich verstand sie vollauf.

Wenige Minuten später liefen wir, gemeinsam mit Sergio, der sich das Schauspiel wohl nicht entgehen lassen wollte, zurück zur Rezeption und damit zu Robert Croydens Büro. Carlos öffnete die Tür zum Allerheiligsten, ohne auf die hyperventilierende Blondine am Empfang zu achten, und uns blieb kurzfristig die Spucke weg.

Der noch amtierende Clubchef saß in einem Ledersessel, dem man schon auf die Entfernung ansah, dass er teuer war. Bei unserem Eintreten erhob er sich und umrundete den ausladenden Schreibtisch. Robert war geschätzt einen Meter fünfundachtzig groß, schlank, trug ein meerblaues Sakko, einen schwarzen Rollkragenpullover, eine enge, schwarze Hose, dazu blaue Wildlederslipper. Sein, pechschwarzes Haar war, wohl mit Gel und Haarspray, in Rod-Stewart-Manier frisiert. Das schmale Gesicht strahlte eine Arroganz aus, die für eine ganze Delegation von Wirtschaftsbossen ausgereicht hätte. Die Mundwinkel nach unten gezogen, musterte er uns aus hellblauen Augen mit sichtlicher Abscheu.

»Darf ich annehmen, dass ich dem angekündigten Costa-Azul-Team aus Ibiza gegenüberstehe?«

Carlos straffte die Schultern, verschränkte die Arme und legte den Kopf leicht schief. »Ja, das dürfen Sie.«

Ich nahm an, dass es einen guten Grund gab, dass er auf Spanisch antwortete.

Croyden fuhr sich nervös durch den schwarzen Schopf. »Könnten wir bei Englisch bleiben? Dann ginge es schneller.«

Carlos runzelte die Stirn. »Seltsam, dass Sie das sagen. Eigentlich ist es bei uns Pflicht, die jeweilige Landessprache des Clubs, in dem wir arbeiten, in Wort und Schrift gut zu beherrschen. Schon nach den ersten Eindrücken, die wir uns verschaffen konnten, werde ich das Gefühl nicht los, dass Sie ernst zu nehmende Probleme mit der kanarischen Lebensweise haben. Bitte, korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre.«

Ich muss zugeben, ich starrte noch immer diesen Ersatz-Elvis für Arme an und war vollkommen perplex wegen seines überheblichen Auftretens. Jemand wie Robert Croyden war mir auf Clubseite noch nie über den Weg gelaufen. Sein Blick irrte zu mir und ich runzelte verärgert die Stirn. Arroganz bei hohler Fassade war etwas, das ich gar nicht ausstehen konnte.

Ograniczenie wiekowe:
18+
Data wydania na Litres:
27 grudnia 2025
Objętość:
340 str.
ISBN:
9783958691414
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania: