Czytaj książkę: «Psychologie in der Heil- und Sonderpädagogik»

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Der Autor


Prof. i. R. Dr. Erwin Breitenbach lehrte Rehabilitationspsychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er arbeitet momentan als Lehrbeauftragter der Universität Würzburg und betreibt zusammen mit Frau Dr. Miriam Stiehler das Blog »Praxis Förderdiagnostik«. Nach dem Studium des Lehramtes für Grund- und Hauptschulen sowie Psychologie war er zwölf Jahre als Diplompsychologe an einer Würzburger Einrichtung für sprach- und entwicklungsverzögerte Kinder tätig. Nach der Promotion in Sonderpädagogik kehrte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an das Institut für Sonderpädagogik der Universität Würzburg zurück, habilitierte sich dort im Fach Heilpädagogische Psychologie und folgte anschließend einem Ruf der Humboldt-Universität zu Berlin.

Erwin Breitenbach

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2., überarbeitete Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-036214-7

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-036215-4

epub: ISBN 978-3-17-036216-1

mobi: ISBN 978-3-17-036217-8

Vorwort der Herausgeber

Die vorliegende ›Psychologie in der Heil- und Sonderpädagogik‹ stellt den ersten Band der Reihe ›Nachbarwissenschaften der Heil- und Sonderpädagogik‹ dar. Die Grundidee der Reihe wurzelt in der Erkenntnis, dass Vertreterinnen und Vertreter der Heil- und Sonderpädagogik aufgrund der Vielschichtigkeit des Phänomens bei der Beforschung und Bearbeitung verschiedener Fragestellungen im Themenfeld der Behinderung und Benachteiligung schon immer stark auf Nachbarwissenschaften zurückgegriffen haben. Tatsächlich lassen sich die vielfältigen pädagogischen Fragen, die sich im Kontext von Behinderung und Benachteiligung stellen und im Zentrum der Heil- und Sonderpädagogik stehen, ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit angemessen nur in einer inter- und transdisziplinären Perspektive bearbeiten. Hierzu gehören neben den ›traditionellen‹ Nachbarwissenschaften Erziehungswissenschaft, Medizin, Psychologie und Soziologie auch die Philosophie, die Rechtswissenschaften und die Technikwissenschaften.

Die einzelnen Bände dieser Reihe sollen schwerpunktmäßig den Stand der jeweiligen Nachbarwissenschaft, sofern er für die Heil- und Sonderpädagogik relevant ist, aufarbeiten. Strukturgebend für die einzelnen Werke sind Fragestellungen, die aus der Heil- und Sonderpädagogik resultieren. Das bedeutet: Es wird grundsätzlich aus sonderpädagogischer Perspektive geprüft, welche Inhalte der jeweiligen Nachbarwissenschaft für sonderpädagogische Handlungsfelder sowie die Forschung und Theoriebildung bedeutsam sind und wie diese verständlich und fruchtbringend dargestellt werden können.

Einzelbände der Reihe sind:

Band 1: Psychologie in der Heil- und Sonderpädagogik

Band 2: Philosophie in der Heil- und Sonderpädagogik

Band 3: Soziologie in der Heil- und Sonderpädagogik

Band 4: Erziehungswissenschaft in der Heil- und Sonderpädagogik

Band 5: Medizin in der Heil- und Sonderpädagogik

Band 6: Recht in der Heil- und Sonderpädagogik

Band 7: Technik in der Heil- und Sonderpädagogik

Wir wünschen den Leserinnen und Lesern eine gewinnbringende Lektüre.

Köln, Berlin und Würzburg, im Sommer 2013

Markus Dederich, Erwin Breitenbach und Stephan Ellinger

Inhalt

1  Vorwort der Herausgeber

2  Einführung

3 von Erwin Breitenbach

4  Literatur

5  Teil I: Sonderpädagogische Diagnostik

6 von Erwin Breitenbach

7  1 Vom Nutzen und der Notwendigkeit

8  1.1 Diagnostische Kompetenz von Lehrkräften

9  1.2 Diagnostische Aufgaben und geforderte Kompetenzen

10  2 Psychologische Diagnostik

11  2.1 Begriffsklärung

12  2.2 Diagnostische Strategien

13  2.3 Diagnostischer Prozess

14  2.4 Normgerechte Beurteilung

15  2.5 Diagnostische Methoden

16  2.6 Ethische und rechtliche Bestimmungen

17  2.7 Bewertungs- und Beurteilungsfehler

18  2.8 Zusammenfassung

19  3 Sonderpädagogische Diagnostik

20  3.1 Begriffsbestimmungen

21  3.1.1 Pädagogische Diagnostik

22  3.1.2 Sonderpädagogische Diagnostik

23  3.2 Diagnostische Zielsetzungen

24  3.2.1 Spezifische Zielsetzungen und Strategien

25  3.2.2 Sonderpädagogische Diagnostik ist Förderdiagnostik

26  3.2.3 Unterscheidung: Platzierungs- und Förderungsdiagnostik

27  3.3 Diagnostischer Prozess

28  3.4 Zusammenfassung

29  4 Förderdiagnostik

30  4.1 Förderbedarf und Förderplan

31  4.2 Bestimmungsstücke der Förderdiagnostik

32  4.2.1 Lernprozesse analysieren

33  4.2.2 Die Situation, den Kontext einbeziehen

34  4.2.3 Diagnose und Förderung konsequent verknüpfen

35  4.2.4 Vorgeordnete Theorien und Wertvorstellungen mitdenken

36  4.2.5 Sich an Kompetenzen orientieren

37  4.3 Zusammenfassung

38  5 Selektions- oder Platzierungsdiagnostik

39  5.1 Inhalte und Aufgaben

40  5.2 Diagnose vor der Diagnostik

41  5.3 Probleme und Grenzen

42  5.4 Zusammenfassung

43  6 Methoden der sonderpädagogischen Diagnostik

44  6.1 Diagnostisches Gespräch

45  6.1.1 Anamnese und Exploration

46  6.1.2 Interview

47  6.1.3 Konsulentenarbeit

48  6.1.4 Schulisches Standortgespräch

49  6.1.5 Fehlerquellen und Aussagekraft von Gesprächsdaten

50  6.2 Verhaltensbeobachtung und Schätzskalen

51  6.2.1 Grundlegende Probleme

52  6.2.2 Beobachtungsarten

53  6.2.3 Stichprobenplan und Zeichensysteme

54  6.2.4 Kategoriensysteme

55  6.2.5 Rating- und Einschätzverfahren

56  6.2.6 Gütekriterien

57  6.2.7 Zusammenfassung

58  6.3 Screeningverfahren

59  6.4 Soziometrie

60  6.5 Curriculumbasiertes Messen (CBM) oder Lernverlaufsdiagnostik

61  6.5.1 Generieren von Aufgabenstichproben

62  6.5.2 Dokumentation des Lernfortschritts

63  6.5.3 Effekte auf die Lernfortschritte der Schüler und Gütekriterien

64  6.5.4 Das Schüler-Entwicklungs-System

65  6.5.5 Responsiveness-to-Intervention-Ansatz (RTI)

66  6.5.6 Offene Probleme

67  6.6 Informelle Verfahren

68  6.6.1 Kompetenzinventare

69  6.6.2 Didaktische Analysen

70  6.6.3 Fehleranalysen

71  6.6.4 Systematische Aufgabenvariation

72  6.7 Psychometrische Verfahren

73  6.7.1 Definition und Klassifikation

74  6.7.2 Grundlegende Theorien

75  6.7.3 Testkonstruktion nach der klassischen Testtheorie

76  6.7.4 Probleme bei der Anwendung

77  7 ICF in der sonderpädagogischen Diagnostik

78  7.1 Das bio-psycho-soziale Modell

79  7.2 Aufbau und Struktur

80  7.3 Anpassungen für das Kindes- und Jugendalter (ICF-CY)

81  7.4 Bedeutung für die sonderpädagogische Diagnostik

82  8 Das sonderpädagogische Gutachten

83  8.1 Grundlegende Prinzipien und Strategien

84  8.2 Struktur und Aufbau

85  8.3 Häufige Fehler

86  8.4 Förderplan und Fördergutachten

87  9 Zusammenfassung

88  Literatur

89  Teil II: Neuropsychologie des Lernens

90  von Erwin Breitenbach

91  1 Neuropsychologie

92  1.1 Geschichte der Hirnforschung und Neuropsychologie

93  1.1.1 Gehirn- und Herzhypothese

94  1.1.2 Leib-Seele-Problem

95  1.1.3 Lokalisation und Antilokalisation

96  1.1.4 Neuronenthese und moderne Biotechnik

97  1.1.5 Neuroimplantate, Tiefenhirnstimulation und Neuroenhancement

98  1.2 Hirnforschung als Leitdisziplin

99  1.2.1 Probleme – Befürchtungen – Nutzen

100  1.2.2 Das Modell der Supervenienz

101  1.3 Grundhypothese der Neuropsychologie

102  1.3.1 Hirnorganik beeinflusst Erleben und Verhalten

103  1.3.2 Erleben und Verhalten beeinflussen Hirnorganik

104  1.3.3 Spiegelneurone

105  1.3.4 Zusammenfassung und Konsequenzen

106  2 Theorie von Alexander R. Lurija

107  2.1 Grundbegriffe

108  2.1.1 Funktion und funktionelle Systeme

109  2.1.2 Dynamische Lokalisation

110  2.1.3 Symptom und Syndrom

111  2.2 Drei grundlegende Funktionseinheiten

112  2.2.1 Regulation von Tonus, Aktivierung, Wachheit des Bewusstseins

113  2.2.2 Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Informationen

114  2.2.3 Programmierung, Steuerung und Kontrolle von Tätigkeiten

115  2.2.4 Erweiterung um eine vierte Einheit

116  2.3 Folgen und Weiterentwicklung

117  2.3.1 Teilleistungsstörungen

118  2.3.2 Corticale Landkarten

119  2.3.3 Funktionelle Systeme in der modernen Neuropsychologie

120  2.4 Zusammenfassung

121  3 Handlungsplanung oder Praxie

122  3.1 Dyspraxie

123  3.2 Funktionelles System zur Handlungsplanung

124  3.2.1 Motivation

125  3.2.2 Aufmerksamkeitssteuerung und Impulskontrolle

126  3.2.3 Körperwahrnehmung und räumliche Orientierung

127  3.2.4 Sprache

128  3.2.5 Gedächtnis

129  3.2.6 Sequenzbildung und Automatisierung

130  3.3 Diagnostische und pädagogischtherapeutische Implikationen

131  4 Aufmerksamkeitssteuerung

132  4.1 Neuropsychologische Aufmerksamkeitskonzepte

133  4.2 Aufmerksamkeit und Konzentration

134  4.3 Aufmerksamkeitsdefizite

135  4.4 Verhaltensoberprogramme

136  4.4.1 Aktivierungsniveau

137  4.4.2 Orientierungsreaktion

138  4.4.3 Formatio reticularis

139  4.4.4 Pädagogisch-therapeutische Implikationen

140  4.5 Zusammenfassung

141  5 Gedächtnis

142  5.1 Kurzzeitgedächtnis

143  5.1.1 Ultrakurzzeitgedächtnis

144  5.1.2 Arbeitsgedächtnis

145  5.2 Langzeitgedächtnis

146  5.2.1 Deklaratives und prozedurales Gedächtnis

147  5.2.2 Semantisches und episodisches Gedächtnis

148  5.2.3 Ereignisbestimmtes und merkmalsbestimmtes Gedächtnis

149  5.2.4 Willkürlich-absichtsvolles und nicht absichtsvolles Gedächtnis

150  5.2.5 Prospektives Gedächtnis

151  5.3 Einspeicherung, Konsolidierung und Abruf

152  5.3.1 Wiedererkennensgedächtnis

153  5.3.2 Intermediäres Gedächtnis

154  5.4 Gedächtnis und Gehirn

155  5.4.1 Deklaratives Gedächtnis und Zwischenhirn

156  5.4.2 Prozedurales Gedächtnis und Striatum

157  5.4.3 Neocortex und Arbeitsgedächtnis

158  5.5 Gedächtnisstörungen

159  5.6 Pädagogisch-didaktische Implikationen

160  6 Motivation

161  6.1 Emotion und Kognition

162  6.1.1 Emotion und Gedächtnis

163  6.1.2 Emotion und Informationsverarbeitungsstile

164  6.1.3 Emotion und Entscheidungsverhalten

165  6.2 Hirnorganische Korrelate

166  6.2.1 Limbisches System

167  6.2.2 Belohnungssystem

168  6.3 Motivationale Rahmenbedingungen von Lernen

169  6.3.1 Eigenaktivität

170  6.3.2 Sinnvolle Reizverarbeitung

171  6.3.3 Motivation der Lehrenden

172  6.3.4 Allgemeine Lernbereitschaft

173  6.3.5 Stress

174  6.3.6 Zusammenfassung

175  7 Abschließende Anmerkungen

176  Literatur

177  Teil III: Entwicklungspsychologische Grundlagen

178  von Annett Kuschel

179  1 Einleitung

180  1.1 Reifung

181  1.2 Prägung/sensible Phasen

182  1.3 Stabilität und Kontinuität

183  1.4 Entwicklungsaufgaben

184  2 Aufgaben der Entwicklungspsychologie

185  2.1 Beiträge für die Praxis

186  2.2 Leitfragen der Entwicklung

187  3 Ausgewählte Theorien der Entwicklungspsychologie

188  3.1 Exogenistische Modelle

189  3.2 Endogenistische Modelle

190  3.3 Aktionale und konstruktivistische Modelle

191  3.4 Interaktionistische Modelle

192  3.5 Der psychoanalytische Ansatz

193  3.6 Lerntheoretische Konzeptionen

194  3.6.1 Klassisches Konditionieren

195  3.6.2 Operantes Konditionieren

196  3.6.3 Beobachtungslernen

197  3.7 Ökologische Systemtheorie

198  3.8 Soziokulturelle Entwicklungstheorie

199  3.9 Informationsverarbeitungsansätze

200  4 Forschungsmethoden in der Entwicklungspsychologie

201  4.1 Querschnittstudien

202  4.2 Längsschnittstudien

203  4.3 Sequenzstudien

204  5 Frühe Eltern-Kind-Interaktion und Bindung

205  5.1 Frühe Eltern-Kind-Interaktion

206  5.2 Bindung

207  5.2.1 Messung der Bindungssicherheit

208  5.2.2 Bedeutung früher Bindungserfahrungen

209  6 Entwicklung des Denkens

210  6.1 Piaget

211  6.1.1 Sensumotorisches Stadium

212  6.1.2 Präoperationales Stadium

213  6.1.3 Konkret-operationales Stadium

214  6.1.4 Formal-operationales Stadium

215  6.1.5 Pädagogische Anwendungen von Piagets Theorie

216  6.1.6 Kritik an Piagets Theorie

217  6.2 Wygotski

218  6.2.1 Zone der proximalen Entwicklung

219  6.2.2 Kulturwerkzeuge

220  6.2.3 Gelenkte Partizipation

221  6.3 Domänenspezifisches Wissen

222  6.3.1 Intuitive Physik

223  6.3.2 Intuitive Psychologie (Theory of Mind)

224  6.3.3 Intuitive Biologie

225  7 Emotionale Entwicklung

226  7.1 Theorien über Wesen und Entstehung von Emotionen

227  7.2 Emotionen im Entwicklungsverlauf

228  7.2.1 Positive Emotionen

229  7.2.2 Negative Emotionen

230  7.2.3 Selbstbewusste Emotionen

231  7.3 Entwicklung der Emotionsregulierung

232  7.4 Individuelle Unterschiede bei Emotionen und Emotionsregulierung

233  8 Soziale Entwicklung

234  8.1 Grundlegende Konzeptionen

235  8.1.1 Psychoanalytische Sicht

236  8.1.2 Lerntheoretische Sicht

237  8.1.3 Kognitionspsychologische Sicht

238  8.1.4 Systemorientierte Sicht

239  8.2 Familiäre Beziehungen in der Kindheit

240  8.2.1 Eltern-Kind-Beziehung

241  8.2.2 Geschwisterbeziehungen

242  8.3 Gleichaltrige und Freundschaften

243  8.4 Soziale Beziehungen im Jugendalter

244  9 Sprachentwicklung

245  9.1 Merkmale und Komponenten der Sprache

246  9.2 Erklärungstheorien für den Spracherwerb

247  9.2.1 Rolle der Biologie

248  9.2.2 Rolle des soziokulturellen Umfeldes

249  9.2.3 Rolle des Lernens und Denkens

250  9.3 »Meilensteine« der Sprachentwicklung

251  9.3.1 Sprachproduktion im ersten Lebensjahr

252  9.3.2 Semantik

253  9.3.3 Grammatik

254  9.3.4 Pragmatik

255  10 Schlussbetrachtung und Ausblick

256  Literatur

Einführung
von Erwin Breitenbach

Theorien, Modelle und Konzepte aus der Psychologie werden in der Sonder- und Heilpädagogik mit einer großen Selbstverständlichkeit und mit langer Tradition zur Kenntnis genommen und für die eigene Theoriebildung ebenso genutzt wie für die Gestaltung der Praxis. Watzlawicks Theorie zur Kommunikation, Piagets Stufenmodell zur Denkentwicklung, Wygotskis Zone der proximalen Entwicklung, Lerntheorien, Ergebnisse der Einstellungsforschung, Bindungstheorie und Beobachtungen über die frühe Eltern-Kind-Interaktion, Beratungsmodelle, Intelligenzkonzepte, Erkenntnisse aus der Sprachentwicklungsforschung usw. haben in Theorie und Praxis der Heil- und Sonderpädagogik Einzug gehalten. Vor allem aber das weite Feld der Diagnostik mit den unterschiedlichsten Instrumenten und Methoden wie Verhaltensbeobachtung, Anamnese, Screeningverfahren und zu guter Letzt natürlich auch den zahlreichen je nach pädagogischer »Philosophie« oder »Ideologie« überschätzten oder verabscheuten psychologischen Tests wird von Heil- und Sonderpädagogen gar als wesentlicher Kompetenzbereich ihrer Profession betrachtet.

Paul Moor (1960) verfasste eine zweibändige »Heilpädagogische Psychologie«, in deren ersten Band er »psychologische Tatsachen« oder die verschiedenen psychologischen Hauptrichtungen aus pädagogischer Sicht auf ihre Brauchbarkeit für die heilpädagogische Praxis hin prüft und zur Entwicklung seiner Theorie vom inneren und äußeren Halt fruchtbar macht.

Viele Jahre später erscheinen Hand- und Lehrbücher zur heilpädagogischen oder sonderpädagogischen Psychologie, in denen eine solch kritische Prüfung psychologischen Wissens und vor allem seine Integration in pädagogisches Denken nicht mehr geleistet werden. Vielmehr werden in ihnen psychologische Erkenntnisse und Befunde zusammengestellt, die, nach Meinung der Autoren, ein hilfreiches Wissen für Heil- und Sonderpädagogen darstellen könnten.

Borchert (2000) stellt neben grundlegende psychologische Theorien und Perspektiven vor allem Wissen aus der pädagogischen Psychologie zu Diagnostik, Prävention und Intervention in sonderpädagogischen Handlungsfeldern zur Verfügung. Bundschuh (2008) wählt für seine »Heilpädagogische Psychologie« entwicklungspsychologische, allgemeinpsychologische, sozialpsychologische und diagnostische Erkenntnisse aus, von denen er annimmt, dass sie bei der Beantwortung heil- und sonderpädagogischer Fragestellungen hilfreich sind, zur Bewältigung der Aufgaben im heil- oder sonderpädagogischen Arbeitsfeld einen brauchbaren Beitrag leisten oder in den Rahmen einer heilpädagogischen Psychologie passen.

Davon abweichend konzentrieren sich die Herausgeber des »Handbuchs der heilpädagogischen Psychologie« Fengler und Jansen (1987) auf psychologische Besonderheiten im Zusammenhang mit unterschiedlichen Arten der Behinderung und greifen des Weiteren spezielle Problembereiche der heilpädagogischen Psychologie wie Diagnostik, Intervention, Supervision oder Burnout auf. Die behinderungsspezifischen psychologischen Aspekte sind jedoch meist eher vereinzelte Befunde aus entwicklungs- oder sozialpsychologischer oder diagnostischer Perspektive, aber sie stellen zumindest den ernsthaften Versuch dar, eine Art spezifisch heilpädagogische Psychologie zu etablieren.

Die Begriffe »heilpädagogische Psychologie« oder »sonderpädagogische Psychologie« legen nahe, dass es entsprechend der pädagogischen Psychologie eine eigenständige anwendungsorientierte psychologische Disziplin im sonderpädagogischen Handlungsfeld gäbe. In keinem in die Psychologie einführenden Werk tritt jedoch neben den traditionellen Teildisziplinen wie etwa Entwicklungs-, Sozial-, differentieller oder pädagogischer Psychologie die heil- oder sonderpädagogische Psychologie in Erscheinung. Während Paul Moors »Heilpädagogische Psychologie« vielleicht eher als psychologische Heilpädagogik zu bezeichnen wäre, werden von allen anderen Autoren unter der Überschrift »heilpädagogische oder sonderpädagogische Psychologie« vielmehr all diejenigen Erkenntnisse aus den Teildisziplinen der Psychologie zusammengetragen, die bereits Einzug in den breiten Wissenskanon der Heil- oder Sonderpädagogen gehalten haben oder es künftig tun sollten, weil sie eben als in heil- und sonderpädagogischen Handlungs- und Begründungszusammenhängen bedeutsam erachtet werden.

Die sonderpädagogische Diagnostik kann noch am ehesten als ein spezifisch heilpädagogisch-psychologisches Themenfeld betrachtet werden. Selbstverständlich ist auch sie aus der psychologischen Diagnostik heraus entstanden, beruft sich in weiten Teilen auf deren theoretische Grundlagen und erhält ständig neue Impulse von ihr. Mit dem Begriff und Konzept der Förderdiagnostik haben jedoch zahlreiche Sonderpädagogen und Psychologen immer wieder versucht, trotz heftigster Kritik, eine sonderpädagogisch-eigenständige diagnostische Theorie zu formulieren. Darüber hinaus wurden innerhalb der sonderpädagogischen Diagnostik Instrumente und Verfahren wie z. B. Fehleranalyse, schulisches Standortgespräch, Konsulentenarbeit oder das curriculumbasierte Messen mit seinen informellen Aufgabensammlungen und Kompetenzinventaren entwickelt, die speziell auf die Besonderheiten im heil- und sonderpädagogischen Arbeitsfeld ausgerichtet sind und die im Rahmen der psychologischen Diagnostik keine Anwendung finden. Die besondere Bedeutung der Diagnostik innerhalb der Heil- und Sonderpädagogik wird auch deutlich, wenn diagnostische Kompetenzen von Moser (2005) zu den zentralen Professionsmerkmalen von Sonderpädagogen gezählt werden, oder sie zeigt sich auch in den Ergebnissen einer Analyse gängiger sonderpädagogischer Fachzeitschriften von Buchner und Koenig (2008): Nach dem Themenbereich Schule nimmt Diagnostik und Therapie den zweiten Platz bei der Häufigkeit der in den analysierten Fachzeitschriften aufgegriffenen und bearbeiteten Fragestellungen ein.

Um den oben beschriebenen Missverständnissen auszuweichen, wurde für das hier vorliegende Buch der Titel »Psychologie in der Heil- und Sonderpädagogik« gewählt. Inhaltlich steht an prominenter erster Stelle die sonderpädagogische Diagnostik mit ihren Ursprüngen in der psychologischen Diagnostik und den charakteristischen Besonderheiten der Förderdiagnostik sowie den vielfältigen unterschiedlichen diagnostischen Instrumenten und Methoden. Daran schließen sich neuropsychologische Erkenntnisse zu Gedächtnis, Handlungsplanung, Aufmerksamkeitssteuerung und Motivation an, die als bedeutsam und grundlegend für das Verstehen von Lernprozessen zu sehen sind. Das Feststellen von Entwicklungsverzögerungen oder das Verringern und Aufholen derselben durch entwicklungsorientierte Förderung und Therapie erfordern zwangsläufig ein Wissen über Entwicklung und entsprechende Entwicklungsverläufe. Teil 3 bringt dem geneigten Leser dieses Wissen näher. Bei der Zusammenstellung der neuropsychologischen und entwicklungspsychologischen Wissensbestände wurden zwar die wenigen aktuellen behinderungsspezifischen Befunde aufgenommen, aber grundsätzlich lag der Fokus auf der Vermittlung eines für alle sonderpädagogischen Fachrichtungen relevanten Wissens.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
18 grudnia 2025
Objętość:
584 str. 75 ilustracji
ISBN:
9783170362161
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania: