Czytaj książkę: «Nana»

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Emile Zola

Nana

Übersetzt Gerhard Krüger

Saga

Nana ÜbersetztGerhard Krüger Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1880, 2020 Emile Zola und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726642902

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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KAPITEL I

Um neun Uhr war der Zuschauerraum des Théâtre des Variétés 1 noch leer. Auf dem Balkon und im Parkett warteten einige Leute verloren zwischen den granatfarbenen Samtsesseln im Dämmerlicht des mit halber Flamme brennenden Kronleuchters. Ein Schatten ertränkte den großen roten Fleck des Vorhangs, und kein Geräusch kam von der Bühne; das Rampenlicht war nicht angezündet, die Pulte der Musiker in Unordnung. Nur oben im dritten Rang rings um die Kuppel der Decke, wo sich nackte Frauen und Kinder in einen vom Gas grün gewordenen Himmel hinaufschwangen, drangen Zurufe und Gelächter aus einem ununterbrochenen Stimmengewirr hervor, stiegen mit Hauben und Mützen bedeckte Köpfe unter den breiten, runden, mit Gold umrahmten Fensteröffnungen stufenförmig an. Ab und zu zeigte sich eine geschäftige Platzanweiserin mit Eintrittskarten in der Hand und schob einen Herrn und eine Dame vor sich her — der Mann im Frack, die Frau dünn und gekrümmt —, die sich setzten und langsam den Blick umherschweifen ließen. Zwei junge Leute erschienen im Parkett. Sie blieben stehen und sahen sich um.

„Was habe ich dir gesagt, Hector?“ rief der ältere, ein großer Bursche mit kleinem schwarzem Schnurrbart. „Wir kommen zu früh. Du hättest mich ruhig meine Zigarre zu Ende rauchen lassen können.“

Eine Platzanweiserin kam vorbei.

„Oh, Herr Fauchery“, sagte sie vertraulich, ,,vor einer halben Stunde fängt es nicht an.“

„Warum steht dann neun Uhr auf den Plakaten?“ brummte Hector, dessen langes, hageres Gesicht einen ärgerlichen Ausdruck annahm. „Heute morgen hat mir Clarisse, die mitspielt, noch geschworen, daß es Punkt neun Uhr anfängt.“

Einen Augenblick schwiegen sie, blickten hoch und suchten das Dunkel der Logen ab. Aber die grüne Tapete, mit der sie ausgeschlagen waren, machte sie noch düsterer. Unten versanken die Parterrelogen unter der Galerie in völliger Nacht. In den Balkonlogen befand sich nur eine dicke Dame, die sich auf den Samt der Brüstung lehnte. Die mit langen Fransenbehängen drapierten Proszeniumslogen, rechts und links zwischen hohen Säulen, blieben leer. Der weiße und goldene, mit zartem Grün belebte Zuschauerraum verschwamm, durch die niedrig brennenden Flammen des großen Kristallkronleuchters gleichsam mit feinem Staub angefüllt.

„Hast du deine Proszeniumsloge für Lucy bekommen?“ fragte Hector.

„Ja“, antwortete der andere, „aber es hat einige Mühe gekostet . . . Oh, es besteht keine Gefahr, daß ausgerechnet Lucy zu früh kommt.“ Er unterdrückte ein leichtes Gähnen; nach einem Schweigen sagte er dann: „Du hast Glück, du hast doch noch keine Premiere gesehen . . .,Die blonde Venusʻ wird das Ereignis des Jahres. Seit einem halben Jahr spricht man davon. Oh, mein Lieber, eine Musik! So ein Schwung! — Bordenave, der sein Geschäft versteht, hat das für die Ausstellung aufgehoben.“

Hector hörte andächtig zu. Er stellte eine Frage:

„Und Nana, der neue Stern, der die Venus spielen soll, kennst du sie eigentlich?“

„Hör bloß auf! Das geht also schon wieder los!“ rief Fauchery und warf die Arme in die Luft. „Seit heute morgen fällt man mir mit Nana auf die Nerven. Ich habe mehr als zwanzig Leute getroffen, und Nana hier und Nana dort! Was weiß ich denn? Kenne ich etwa alle Dirnen von Paris? — Nana ist eine Entdeckung von Bordenave. Das muß ja was Sauberes sein!“ Er beruhigte sich. Aber die Leere des Zuschauerraums, das Zwielicht des Kronleuchters, diese kirchengleiche Andacht voller flüsternder Stimmen und Türenschlagen reizte ihn. „Ach was“, sagte er plötzlich, „hier langweilt man sich ja. Ich, ich gehe hinaus . . . Vielleicht finden wir Bordenave unten. Er wird uns Näheres erzählen.“

Unten in dem großen, mit Marmorfliesen ausgelegten Vestibül, wo die Karten kontrolliert wurden, begann sich das Publikum zu zeigen. Durch die drei offenen Gitter sah man das hitzige Leben der Boulevards vorüberziehen, die in der schönen Aprilnacht wimmelten und flammten. Wagenrollen hielt plötzlich inne, Kutschenschläge schlossen sich geräuschvoll, und Leute traten in kleinen Gruppen ein, blieben vor der Kontrolle stehen und stiegen im Hintergrund die Doppeltreppe hinauf, auf der die Frauen, sich in den Hüften wiegend, verweilten. In dem grellen Gaslicht prangten aufdringlich auf der bleichen Nacktheit dieses Saales, aus dem eine dürftige Empiredekoration eine Tempelsäulenhalle aus Pappe machte, hohe gelbe Plakate mit dem Namen Nanas in dicken schwarzen Lettern. Herren lasen sie, gleichsam im Vorbeigehen aufgegabelt; andere plauderten im Stehen und versperrten die Türen, während an der Theaterkasse ein untersetzter Mann mit breitem, glattrasiertem Gesicht den Leuten, die darauf bestanden, noch Plätze zu bekommen, grobe Antworten gab.

„Da ist Bordenave“, sagte Fauchery und stieg die Treppe hinunter.

Der Direktor hatte ihn jedoch bemerkt.

„Na, Sie sind ja nett!“ schrie er ihm von weitem zu. „So also haben Sie die Besprechung für mich geschrieben . . . Heute morgen habe ich den ,Figaroʻ aufgeschlagen. Nichts.“ „So warten Sie doch!“ antwortete Fauchery. „Ich muß Ihre Nana doch erst kennenlernen, bevor ich sie bespreche . . . Übrigens habe ich nichts versprochen.“

Um der Sache ein Ende zu machen, stellte er dann seinen Vetter vor, Herrn Hector de la Faloise, einen jungen Mann, der nach Paris gekommen war, um seine Bildung abzuschließen. Der Direktor prüfte den jungen Mann mit einem raschen Blick. Hector jedoch musterte ihn aufgeregt. Das also war Bordenave, dieser Schausteller von Frauen, der sie wie ein Sträflingsaufseher behandelte, dessen Hirn immer von irgendeiner Reklame rauchte, der schrie, spuckte, sich auf die Schenkel schlug, zynisch war und einen Polizistenverstand hatte! Hector glaubte etwas Freundliches sagen zu müssen.

„Ihr Theater...“, begann er mit Flötenstimme.

Bordenave, als ein Mann, der klare Verhältnisse liebt, unterbrach ihn gelassen mit einem groben Wort:

„Sagen Sie: mein Puff.“

Da lachte Fauchery zustimmend, während La Faloise sein Kompliment in der Kehle steckenblieb. Er fühlte sich vor den Kopf gestoßen, versuchte aber so zu tun, als fände er Geschmack an dem Wort. Der Direktor war davongestürzt, um einem Theaterkritiker, dessen Feuilleton großen Einfluß hatte, die Hand zu drücken. Als er zurückkam, faßte sich La Faloise wieder. Er fürchtete, als Provinzler behandelt zu werden, wenn er sich zu verwirrt zeigte.

„Man hat mir gesagt“, begann er wieder, da er unbedingt etwas finden wollte, „Nana habe eine köstliche Stimme.“

„Die!“ rief der Direktor und zuckte die Achseln. „Eine richtige Klistierspritze!“

Der junge Mann fügte eilends hinzu:

„Aber eine ausgezeichnete Schauspielerin.“

„Die! — Ein Trampel! Sie weiß nicht, wo sie mit den Füßen und den Händen hin soll.“

La Faloise errötete leicht. Er wurde nicht mehr schlau daraus. Er stammelte:

„Um nichts auf der Welt hätte ich die Premiere heute abend versäumt. Ich wußte, daß Ihr Theater . . .“

„Sagen Sie: mein Puff“, unterbrach ihn Bordenave erneut mit dem kalten Eigensinn eines überzeugten Menschen.

Inzwischen betrachtete Fauchery in aller Ruhe die eintretenden Frauen. Er kam seinem Vetter zu Hilfe, als er ihn mit offenem Mund dastehen sah, wie er nicht wußte, ob er lachen oder sich ärgern sollte.

„Mach doch Bordenave die Freude und nenne sein Theater, wie er es von dir verlangt, da es ihm nun einmal Spaß macht . . .Und Sie, mein Lieber, lassen Sie uns nicht unnütz warten. Wenn Ihre Nana weder singen noch spielen kann, werden Sie ein Fiasko erleben, das ist alles. Das fürchte ich übrigens.“

„Ein Fiasko! Ein Fiasko!“ rief der Direktor, dessen Gesicht purpurrot anlief. „Braucht eine Frau denn spielen und singen zu können? Oh, mein Kleiner, du bist zu dumm . . . Nana hat etwas anderes, wahrlich, und zwar etwas, was alles ersetzt. Ich habe es gewittert, es ist ganz schön stark bei ihr, oder ich habe nur die Nase eines Dummkopfes . . . Du wirst schon sehen, du wirst schon sehen, sie braucht nur zu erscheinen, und der ganze Saal sperrt Mund und Nase auf.“ Er hatte seine großen Hände erhoben, die vor Begeisterung zitterten; und erleichtert senkte er die Stimme und brummte in sich hinein: „Ja, sie wird es weit bringen, verdammt, ja, sie wird es weit bringen . . . Eine Haut, oh, eine Haut!“

Als ihn Fauchery dann ausfragte, gab er mit einer Derbheit des Ausdrucks, die Hector de la Faloise in Verlegenheit setzte, bereitwillig Einzelheiten zum besten. Er hatte Nana kennengelernt, und er wollte sie herausbringen. Er suchte damals gerade eine Venus. Er fackelte nicht lange bei einer Frau; er wollte das Publikum lieber gleich etwas von ihr haben lassen. Aber er hatte einen Hundekrach in seiner Bude, die durch das Erscheinen dieser großen Dirne in Aufruhr versetzt wurde. Rose Mignon, sein Stern, eine durchtriebene Schauspielerin und bewundernswerte Sängerin, drohte jeden Tag, ihn aufsitzen zu lassen, und war wütend, weil sie eine Rivalin voraussah. Und wegen der Plakate — was für ein Spektakel, großer Gott! Schließlich hatte er sich entschlossen, die Namen der beiden Schauspielerinnen in Lettern von gleicher Größe anbringen zu lassen. Ärgern durfte man ihn nicht. Wenn eines seiner kleinen Weiber, wie er sie nannte, Simonne oder Clarisse, nicht spurte, versetzte er ihr einen Tritt in den Hintern. Anders war nicht durchzukommen. Er handelte mit ihnen, er wußte, was sie wert waren, diese Frauenzimmer!

„Sieh mal an!“ sagte er, sich unterbrechend. „Mignon und Steiner. Immer zusammen. Wissen Sie, Steiner hat Rose allmählich bis obenhin satt; daher weicht ihr Mann ihm auch keinen Fußbreit mehr vom Leibe, aus Angst, daß er sich aus dem Staube macht.“

Die Gaslichtrampe, die am Gesims des Theaters aufflammte, warf eine breite Fläche hellen Lichtes auf den Bürgersteig. Deutlich hoben sich zwei kleine Bäume grellgrün ab; eine Säule schimmerte in der scharfen Beleuchtung so weiß auf, daß man von weitem die Plakate auf ihr wie am hellen Tag lesen konnte; und dahinter war die undurchdringliche Nacht des Boulevards in der Verschwommenheit einer sich immerzu bewegenden Menge von Lichtern durchstochen. Viele Männer traten nicht sofort ein, blieben plaudernd draußen stehen, wobei sie unter dem Lichtschein der Rampe, der ihnen eine fahle Blässe verlieh und ihre kurzen schwarzen Schatten auf dem Asphalt abzeichnete, eine Zigarre zu Ende rauchten. Mignon, ein sehr großer und breiter fideler Kerl mit einem Quadratschädel wie ein Jahrmarktsherkules, bahnte sich mitten durch die Gruppen einen Weg, wobei er den Bankier Steiner am Arm mit sich schleppte, diesen ganz kleinen Mann mit schon starkem Bauch und rundlichem Gesicht, das von einem angegrauten Bart wie von einem Halsband umrahmt wurde.

„Na, Sie haben sie gestern in meinem Büro getroffen“, sagte Bordenave zu dem Bankier.

„Aha, das war sie also“, rief Steiner. „Ich vermutete es. Ich ging allerdings hinaus, als sie eintrat; ich habe sie bloß flüchtig gesehen.“

Mignon hörte mit gesenkten Lidern zu und drehte nervös einen großen Diamanten an seinem Finger hin und her. Er hatte begriffen, daß es sich um Nana handelte. Als Bordenave dann von seiner Debütantin eine Schilderung gab, die die Augen des Bankiers aufflammen ließ, griff er schließlich ein.

„Hören Sie auf, mein Lieber, eine Fose! Das Publikum wird ihr hübsch heimleuchten . . . Steiner, mein Kleiner, Sie wissen, meine Frau erwartet Sie in ihrer Garderobe.“ Er wollte ihn fortziehen.

Aber Steiner weigerte sich, Bordenave zu verlassen. Vor ihnen drängte sich eine Schlange an der Kontrolle, erhob sich Stimmenlärm, in dem der Name Nanas mit der singenden Lebhaftigkeit seiner zwei Silben ertönte. Die Männer, die sich vor den Plakaten aufpflanzten, buchstabierten ihn laut; andere warfen ihn im Vorübergehen in fragendem Tonfall hin, während die beunruhigten und lächelnden Frauen ihn leise mit verwunderter Miene wiederholten. Niemand kannte Nana. Woher stammte Nana? Und Geschichten, von Ohr zu Ohr geflüsterte Scherze liefen um. Dieser Name, ein kurzer Name, dessen Vertraulichkeit in aller Munde einging, war eine Liebkosung. Man brauchte ihn nur so auszusprechen, und die Menge wurde heiter und gutmütig gestimmt. Eine fieberhafte Neugierde trieb die Leute an, jene Pariser Neugierde, die die Heftigkeit eines Anfalles von heißem Wahnsinn hat. Man wollte Nana sehen. Einer Dame wurde der Besatz ihres Kleides losgerissen, ein Herr verlor seinen Hut.

„Also da fragen Sie mich zuviel!“ schrie Bordenave, den an die zwanzig Männer mit Fragen bestürmten. „Sie werden ja sehen . . . Ich mache mich aus dem Staube, man braucht mich.“ Er verschwand, entzückt, sein Publikum entflammt zu haben. Mignon zuckte die Achseln und erinnerte Steiner daran, daß Rose ihn erwarte, um ihm ihr Kostüm für den ersten Akt zu zeigen.

„Sieh mal! Da unten steigt Lucy aus dem Wagen“, sagte La Faloise zu Fauchery.

Es war tatsächlich Lucy Stewart, eine kleine, häßliche Frau von ungefähr vierzig Jahren mit zu langem Hals, magerem, ausgemergeltem Gesicht, einem plumpen, aber so lebhaften, so anmutigen Mund, daß sie über großen Liebreiz verfügte. Sie brachte Caroline Héquet und ihre Mutter mit — Caroline von kalter Schönheit, die Mutter sehr würdig, mit strohdummem Gesichtsausdruck.

„Du kommst mit uns, ich habe einen Platz für dich reserviert“, sagte sie zu Fauchery.

„O nein, fällt mir nicht ein! Damit ich nichts sehe!“ antwortete er. „Ich habe einen Sperrsitz; ich sitze lieber im Parkett.“

Lucy ärgerte sich. Wagte er es etwa nicht, sich mit ihr zu zeigen? Jäh besänftigt, sprang sie dann auf ein anderes Thema über:

„Warum hast du mir nicht gesagt, daß du Nana kennst?“ „Nana? Ich habe sie nie gesehen.“

„Wirklich? — Mir hat man geschworen, daß du mit ihr geschlafen hast.“

Aber vor ihnen machte Mignon, einen Finger auf den Lippen, ihnen ein Zeichen, daß sie schweigen sollten. Und auf eine Frage Lucys deutete er auf einen jungen Mann, der vorüberging, und flüsterte dabei:

„Nanas Liebster.“

Alle sahen ihn an. Er war hübsch. Fauchery erkannte ihn: das sei Daguenet, ein junger Mann, der dreihunderttausend Francs mit Frauen durchgebracht habe und der jetzt kleine Börsengeschäfte tätige, um ab und zu Blumensträuße und ein Essen für sie auszugeben. Lucy fand, er habe schöne Augen.

„Ah, da kommt Blanche!“ rief sie. „Die hat mir gesagt, daß du mit Nana geschlafen hast.“

Blanche de Sivry, ein üppiges blondes Mädchen, dessen hübsches Gesicht schon etwas aufgedunsen war, kam in Begleitung eines schmächtigen, sehr gepflegten Mannes von großer Vornehmheit.

„Graf Xavier de Vandeuvres“, flüsterte Fauchery La Faloise ins Ohr.

Der Graf wechselte einen Händedruck mit dem Journalisten, während zwischen Blanche und Lucy eine lebhafte Auseinandersetzung stattfand. Mit ihren volantbesetzten Röcken, die eine in Blau, die andere in Rosa, versperrten sie den Durchgang, und Nanas Name kam ihnen immer wieder auf die Lippen, so schrill, daß die Leute ihnen zuhörten. Graf de Vandeuvres führte Blanche fort. Doch jetzt erklang Nana wie ein Echo aus den vier Ecken des Vestibüls, noch lauter und in einem von der Erwartung gesteigerten Verlangen. Fing es denn nicht an? Die Männer zogen ihre Uhren hervor, Nachzügler sprangen aus ihren Wagen, bevor diese gehalten hatten, Gruppen verließen den Bürgersteig, wo die Spaziergänger langsam die leer gebliebene breite Fläche des Gaslichts durchquerten und den Hals reckten, um in das Theater zu blicken. Ein Straßenjunge, der pfeifend herankam, pflanzte sich vor einem Plakat an der Tür auf; dann schrie er mit Säuferstimme: „He! Nana!“ und setzte schlaksig mit schlurfenden Latschen seinen Weg fort. Gelächter machte die Runde. Hochelegante Herren wiederholten: „Nana, he, Nana!“ Man quetschte einander; an der Kontrolle brach ein Streit aus, ein Gezeter schwoll an, das aus dem dumpfen Lärm der Stimmen bestand, die nach Nana riefen, die nach Nana verlangten, in einem jener Anfälle von tierischem Unverstand und roher Sinnlichkeit, die über Menschenmengen hinfahren.

Aber über den Spektakel hinweg ließ sich die Pausenklingel vernehmen. Ein verworrenes Getöse drang bis auf den Boulevard: „Es hat geläutet, es hat geläutet“; und es setzte ein Geschiebe ein, jeder wollte durchkommen, während sich die Kartenkontrolleure geradezu vervielfältigten.

Mignon erwischte endlich mit unruhiger Miene Steiner wieder, der das Kostüm Roses nicht ansehen gegangen war. Beim ersten Läuten hatte sich La Faloise einen Weg durch die Menge gebahnt, wobei er Fauchery mit sich zog, um die Ouvertüre nicht zu versäumen. Diese Hast des Publikums brachte Lucy Stewart auf. Was für rücksichtslose Personen, die die Frauen anrempelten! Sie blieb mit Caroline Héquet und ihrer Mutter als letzte zurück. Das Vestibül war leer; der Boulevard hinten behielt sein anhaltendes Grollen bei.

„Als ob ihre Stücke immer spaßig wären!“ meinte Lucy mehrmals, während sie die Treppe hinaufging.

Im Zuschauerraum sahen sich Fauchery und La Faloise vor ihren Plätzen erneut um. Jetzt erstrahlte der Zuschauerraum. Hohe Gasflammen entzündeten den großen Kristallkronleuchter mit einem Geriesel gelber und rosa Feuer, die sich vom Kuppelgewölbe bis ins Parkett in einem Regen von Licht brachen. Der granatfarbene Samt der Sitze flammte wie Lack, während die Goldverzierungen leuchteten und die zartgrünen Ornamente ihren Glanz unter den allzu grellen Malereien der Decke milderten. Die erhöhte Rampe legte mit einer jähen Fläche von Licht Brand an den Vorhang, dessen schwere Purpurdraperie von dem Reichtum eines Märchenschlosses war, was grell gegen die Dürftigkeit des Rahmens abstach, wo Risse den Gips unter der Vergoldung sehen ließen. Es war schon warm.Die Musiker stimmten an ihren Pulten die Instrumente unter leichten Flötentrillern, gedämpften Hornseufzern und singenden Violinstimmen, die sich inmitten des anwachsenden Stimmengewirrs aufschwangen. Beim Sturm auf die Plätze redeten alle Zuschauer, stießen sich und ließen sich nieder; und das Gedränge auf den Gängen war so gewaltig, daß jede Tür nur mühsam einen unversiegbaren Strom von Menschen hindurchließ. Es war ein Winken mit Zurufen, ein Rauschen von Stoffen, eine Parade von Röcken und Frisuren, die vom Schwarz eines Fracks oder eines Gehrocks unterbrochen wurden. Doch allmählich füllten sich die Sesselreihen; eine helle Toilette hob sich ab, ein Kopf mit feinem Profil senkte seinen Haarknoten, über den das Aufblitzen eines Schmuckstückes hinlief. In einer Loge hatte ein Stück einer nackten Schulter ein seidiges Weiß. Andere Frauen fächelten sich ruhig und lässig Luft zu, wobei sie dem Gestoße der Menge mit den Blicken folgten, während junge Herren, die mit weit offener Weste, eine Gardenia im Knopfloch, im Parkett standen, ihre Operngläser mit ihren behandschuhten Fingerspitzen umherrichteten.

Jetzt suchten die beiden Vettern die Gesichter von Bekannten. Mignon und Steiner saßen Seite an Seite zusammen in einer Parterreloge, die Handgelenke auf den Samt der Brüstung gestützt. Blanche de Sivry schien ganz allein eine Proszeniumsloge im Parkett einzunehmen. Aber La Faloise musterte vor allem Daguenet, der einen Sperrsitz zwei Reihen vor ihm hatte. Neben ihm riß ein blutjunger Mann von höchstens siebzehn Jahren, irgendein Wildfang, seine schönen Cherubinoaugen ganz weit auf. Fauchery lächelte, als er ihn betrachtete.

„Wer ist denn diese Dame auf dem Balkon?“ fragte La Faloise plötzlich. „Die mit einem jungen Mädchen in Blau neben sich.“ Er deutete auf eine dicke, in ihr Korsett eingeschnürte Frau, deren ehemals blondes Haar weiß geworden und gelb gefärbt war und deren rundes, rotgeschminktes Gesicht sich unter einem Regen kleiner, kindlicher Löckchen aufblähte.

„Das ist Gaga“, antwortete Fauchery bloß. Und da dieser Name seinen Vetterzu verblüffen schien, fügte er hinzu: „Du kennst Gaga nicht? — Sie hat die ganze Lust und Wonne in den ersten Jahren der Herrschaft Louis-Philippes ausgemacht. Jetzt schleppt sie ihre Tochter überall mit hin.“ La Faloise hatte keinen Blick für das junge Mädchen übrig. Der Anblick Gagas erregte ihn, seine Augen ließen sie nicht mehr los; er fand sie immer noch sehr gut aussehend, wagte es aber nicht zu sagen.

Inzwischen hob der Kapellmeister seinen Geigenbogen; die Musiker stimmten die Ouvertüre an. Immer noch traten Leute ein; die Unruhe und der Lärm wuchsen an. Unter diesem besonderen Premierenpublikum, das sich nicht veränderte, gab es vertrauliche Winkel, wo man sich immer wieder lächelnd einfand. Stammgäste wechselten, den Hut auf dem Kopf, ungezwungen und vertraulich Grüße. Paris war anwesend, das Paris der Literatur, der Finanz und des Vergnügens, viele Journalisten, einige Schriftsteller, Börsenleute und mehr Dirnen als anständige Frauen; eine eigenartig gemischte Gesellschaft, aus allen Talenten zusammengesetzt, von allen Lastern verdorben, über deren Gesichter dieselbe Erschöpfung und dasselbe Fieber strich. Fauchery, den sein Vetter ausfragte, zeigte ihm die Logen der Zeitungen und der Klubs, dann nannte er die Theaterkritiker bei Namen, einen mageren mit vertrockneter Miene und verkniffenen, bösartigen Lippen und besonders einen dicken, gutmütig aussehenden, der sich gegen die Schulter seiner Nachbarin lehnte, einem unschuldig wirkenden Mädchen, das er unverwandt väterlich und zärtlich anblickte.

Aber er hielt inne, als er sah, wie La Faloise Leute grüßte, die in einer Mittelloge Platz genommen hatten. Er schien überrascht.

„Was?“ fragte er. „Du kennst Graf Muffat de Beuville?“ „Oh, seit langem“, antwortete Hector. „Die Muffats hatten ein Gut in der Nähe von unserem. Ich gehe oft zu ihnen . . . Der Graf ist mit seiner Frau und seinem Schwiegervater, dem Marquis de Chouard, zusammen.“ Und aus Eitelkeit, glücklich über das Erstaunen seines Vetters, legte er Nachdruck auf Einzelheiten: der Marquis sei Staatsrat, der Graf sei vor kurzem zum Kammerherrn der Kaiserin ernannt worden.

Fauchery, der sein Opernglas ergriffen hatte, betrachtete die Gräfin, eine mollige Brünette mit weißer Haut und schönen schwarzen Augen.

„Du wirst mich in einer Pause vorstellen“, sagte er schließlich. „Dem Grafen bin ich schon begegnet, aber ich möchte zu ihren Dienstagsempfängen gehen.“

Energisches Pst-Pst drang aus den oberen Rängen. Die Ouvertüre hatte begonnen, es kamen immer noch Leute herein. Die Nachzügler zwangen ganze Reihen von Zuschauern aufzustehen. Die Logentüren klappten. Grobe Stimmen stritten sich auf den Gängen. Und das Geräusch der Gespräche hörte nicht auf, gleich dem Geschilpe eines Schwarmes schwatzhafter Spatzen, wenn der Tag zur Neige geht. Es herrschte ein Durcheinander, ein Gewirr von Köpfen und Armen, die sich hin und her bewegten, da die einen sich setzten und es sich bequem zu machen suchten und die anderen eigensinnig stehen blieben, um einen letzten Blick um sich zu werfen. Der Ruf „Hinsetzen! Hinsetzen!“ ertönte ungestüm aus den dunklen Tiefen des Parketts. Ein Schauer war darüber hingestrichen: endlich sollte man also diese berühmte Nana kennenlernen, mit der sich Paris seit acht Tagen beschäftigte.

Nach und nach flauten die Gespräche jedoch kraftlos ab mit wieder einsetzenden undeutlichen Stimmen. Und inmitten dieses vor Wonne vergehenden Gemurmels und dieser ersterbenden Seufzer stimmte das Orchester mit schnellen, feurigen Noten einen Walzer an, dessen pöbelhafter Rhythmus wie das Lachen über eine Zote klang. Das Publikum lächelte bereits gekitzelt. Doch die Claque in den ersten Parkettreihen klatschte rasend in die Hände. Der Vorhang hob sich.

„Sieh mal!“ sagte La Faloise, der immer noch plauderte. „Da ist ein Herr bei Lucy.“ Er schaute zur Proszeniumsloge rechts auf dem Balkon hinauf, in der Caroline und Lucy die vorderen Plätze einnahmen. Im Hintergrund gewahrte man das würdige Gesicht von Carolines Mutter und das Profil eines großen Burschen mit schönem blondem Haar und untadeliger Haltung. „Sieh doch!“ wiederholte La Faloise beharrlich. „Es ist ein Herr da.“

Fauchery entschied sich, sein Opernglas auf die Proszeniumsloge zu richten. Aber er wandte sich sofort wieder ab. „Ach, das ist Labordette“, murmelte er mit unbekümmerter Stimme, als müsse die Anwesenheit dieses Herrn für jedermann selbstverständlich und ohne Bedeutung sein.

Hinter ihnen wurde „Ruhe!“ gerufen. Sie mußten schweigen. Der Zuschauerraum war nun mit Reglosigkeit geschlagen; weite Flächen aufrechter und aufmerksamer Köpfe stiegen vom Sperrsitz bis zu den hinteren Plätzen an. Der erste Akt der „Blonden Venus“ spielte im Olymp, einem Olymp aus Pappe, mit Wolken als Kulissen und Jupiters Thron zur Rechten. Zuerst sangen Iris und Gany med, von einer Schar himmlischer Diener unterstützt, einen Chor, wobei sie die Stühle für den Rat der Götter aufstellten. Erneut setzten von ganz allein die regelmäßigen Bravorufe der Claque ein; das Publikum, das sich nicht ganz zurechtfand, wartete ab. La Faloise hatte jedoch Clarisse Besnus Beifall geklatscht, einem der kleinen Weiber Bordenaves, die in zartem Blau, eine große siebenfarbige Schärpe um den Leib gewunden, die Iris spielte.

„Weißt du, sie zieht ihr Hemd aus, damit sie das ankriegt“, sagte er so laut zu Fauchery, daß man ihn hören mußte.

„Wir haben das heute morgen ausprobiert . . . Ihr Hemd war unter den Armen und im Rücken zu sehen.“

Doch ein leichtes Beben brachte den Zuschauerraum in Wallung. Rose Mignon war soeben als Diana aufgetreten. Obwohl sie weder über die Figur noch über das Gesicht für die Rolle verfügte — sie war mager und schwarz, von der anbetungswürdigen Häßlichkeit eines Pariser Straßenjungen —, so sah sie doch reizend aus, wie eine richtige Verspottung der Gestalt. Ihre Auftrittsarie mit einem zum Heulen blöden Text, worin sie sich über Mars beklagte, der im Begriff war, sie wegen Venus sitzenzulassen, sang sie mit züchtiger Zurückhaltung, die so voller frecher Zweideutigkeiten war, daß das Publikum in Hitze geriet. Ihr Mann und Steiner lachten selbstgefällig, Arm an Arm. Und der ganze Saal brach los, als Prullière, der höchst beliebte Schauspieler, als General erschien, ein Mars aus La Courtille, mit einem riesigen Federbusch geschmückt und einen Säbel hinter sich herschleifend, der ihm bis an die Achseln reichte. Er hatte wirklich genug von Diana; sie tat sich ja allzu dick. Da schwor Diana, auf ihn aufzupassen und sich zu rächen. Das Duett schloß mit einem possenhaften Jodler, den Prullière ganz drollig mit der Stimme eines gereizten Katers hinlegte. Er besaß die amüsante Geckenhaftigkeit eines jugendlichen Helden und Frauenlieblings und rollte die Augen wie ein Maulheld, was helles Frauengelächter in den Logen hervorrief.

Dann wurde das Publikum wieder kühl; die folgenden Szenen fand man langweilig. Kaum daß der alte Bose, ein schwachsinniger Jupiter, dessen Kopf von einer riesigen Krone erdrückt wurde, einen Augenblick lang das Publikum erheiterte, als er mit Juno einen Ehekrach wegen der Rechnung ihrer Köchin hatte. Die Götterparade von Neptun, Pluto, Minerva und den anderen hätte beinahe sogar alles geschmissen. Man wurde ungeduldig; ein beunruhigendes Gemurmel wuchs langsam an. Die Zuschauer verloren das Interesse und blickten sich im Saal um. Lucy lachte mit Labordette, Graf de Vandeuvres reckte seinen Kopf hinter Blanches kräftigen Schultern vor, während Fauchery verstohlen die Muffats beobachtete: der Graf war sehr ernst, als habe er nichts begriffen, die Gräfin lächelte unbestimmt und träumte mit verlorenen Blicken vor sich hin. Doch jäh prasselte der Beifall der Claque mit der Regelmäßigkeit von Rottenfeuer in diese Mißstimmung hinein. Man wandte sich der Bühne zu. War das endlich Nana? Diese Nana ließ wirklich auf sich warten.

Es war eine Abordnung von Sterblichen, die Ganymed und Iris hereingeführt hatten, ehrbare Bürger, alles betrogene Ehemänner, die dem Göttervater eine Klage gegen Venus vorbringen wollten, die ihre Frauen wahrlich mit allzu starker Glut entflammte. Der Chor in seinem wehleidigen und einfältigen Tonfall, von Pausen voller Eingeständnisse unterbrochen, belustigte sehr. Ein Wort machte die Runde im Zuschauerraum: „Der Hahnreichor, der Hahnreichor“, und das Wort sollte bleiben; man schrie: „Da capo!“ Die Köpfe der Chorsänger waren komisch; man fand, ihre Gesichter sähen wie geschaffen dafür aus, besonders ein Dicker mit einem runden Mondgesicht. Mittlerweile kam Vulkan an und forderte wütend seine Frau zurück, die ihm vor drei Tagen weggelaufen war. Der Chor setzte wieder ein und flehte Vulkan an, den Gott der Hahnreie. Die Rolle Vulkans spielte Fontan — ein Komiker von pöbelhaftem und urwüchsigem Talent, der über eine verrückte Phantasie beim Verrenken der Hüften verfügte — als Dorfschmied mit flammender Perücke und nackten Armen, die mit pfeildurchbohrten Herzen tätowiert waren. Einer Frauenstimme entfuhr es ganz laut: „Ach, ist der aber häßlich!“; und alle Frauen lachten und klatschten Beifall.

Eine Szene danach schien nicht enden zu wollen. Jupiter wurde nicht damit fertig, den Rat der Götter zusammenzurufen, um ihm das Gesuch der betrogenen Ehemänner zu unterbreiten. Und noch immer kam Nana nicht! Man hob Nana wohl bis zum Fallen des Vorhanges auf? Ein so ausgedehntes Warten hatte das Publikum schließlich doch gereizt. Das Murren begann von neuem.

„Das geht schief“, sagte Mignon strahlend zu Steiner. ,,Ein schöner Reinfall, Sie werden sehen!“

In diesem Augenblick teilten sich die Wolken im Hintergrund, und Venus erschien. Nana, sehr groß, sehr stark für ihre achtzehn Jahre, in ihrer weißen Göttinnentunika, mit ihrem langen blonden Haar, das ihr einfach aufgelöst über die Schultern fiel, kam mit ruhiger Sicherheit nach vorn an die Rampe, wobei sie dem Publikum zulachte. Und sie stimmte ihre große Arie an: „Wenn Venus abends bummeln geht . . .“

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9788726642902
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