Czytaj książkę: «Französische Sprachwissenschaft»

Elissa Pustka
Französische Sprachwissenschaft
Eine Einführung
[bad img format]
Prof. Dr. Elissa Pustka ist Professorin für Romanische Sprach- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.
DOI: https://www.doi.org/10.24053/9783823394624
© 2022 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetztes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich.
Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de
ISSN 0941-8105
ISBN 978-3-8233-8462-5 (Print)
ISBN 978-3-8233-0334-3 (ePub)
Inhalt
Pour Amélie
Vorwort
1 Faszination Französisch1.1 Alltagsfranzösisch1.1.1 Gesprochene Sprache1.1.2 Langage texto1.1.3 Inszenierte Mündlichkeit1.2 Weltsprache Französisch1.2.1 L1, L2, Fremdsprache und offizielle Sprache1.2.2 Linguistic landscape
2 Faszination Sprachwissenschaft2.1 Was ist Wissenschaft?2.1.1 Prinzipien der Wissenschaftlichkeit2.1.2 Wissenschaft als soziales System2.1.3 Wissenschaftliches Arbeiten2.2 Geschichte der Sprachwissenschaft2.2.1 Anfänge2.2.2 Frühe Neuzeit2.2.3 Das 19. Jahrhundert2.2.4 Das 20. und 21. Jahrhundert
3 Sprachdynamik3.1 Was ist Sprache?3.1.1 Sprache als Zeichensystem3.1.2 Sprache als Ergebnis des Sprechens3.2 Funktionen des Sprechens3.2.1 Technische Kommunikation3.2.2 Sprachliche Kommunikation3.2.3 Natürliche Kommunikation3.2.4 Menschliche Kommunikation3.3 Wandel3.3.1 Innovation3.3.2 Diffusion3.3.3 Inflation3.4 Variation und Varietäten3.4.1 Sprache vs. Dialekt3.4.2 Dialekte und français régionaux3.4.3 Soziale und stilistische Variation3.4.4 Varietäten als kognitive Repräsentationen
4 Sprachkontakt4.1 Individuum: Bilinguismus4.1.1 Konstellationen4.1.2 Sprachdominanz4.1.3 ‘Doppelte Halbsprachigkeit’4.1.4 L1-Erwerb vs. Fremdsprachenlernen4.2 Gesellschaft: Diglossie4.3 Sprechen: ‘Sprachmischungen’4.3.1 Code-Switching4.3.2 Entlehnung4.3.3 Interferenz bzw. negativer Transfer4.3.4 Substrat, Superstrat und Adstrat4.4 Sprache: ‘Mischsprachen’4.4.1 Pidgin: Lingua Franca4.4.2 Kreol: Guadeloupe-Kreol4.4.3 Mixed language: Michif
5 Sprachgeschichte und -politik5.1 Von Rom zum Römischen Reich5.1.1 Gründung Roms5.1.2 Romanisierung Galliens5.1.3 Römisches Reich und Romania5.2 Das Vulgärlatein5.2.1 Definition5.2.2 Quellen5.2.3 Struktur5.3 Sprachkontakte in Gallien5.3.1 Kelten5.3.2 Germanen5.4 ‘Geburt’ des Französischen5.4.1 Konzil von Tours (813 n. Chr.)5.4.2 Straßburger Eide (842 n. Chr.)5.4.3 Koineisierung in Paris5.5 Verbreitung des Französischen in Frankreich und in der Welt5.5.1 Ordonnance de Villers-Cotterêts (1539)5.5.2 Französische Revolution5.5.3 Urbanisierung, Militärdienst, Schulpflicht5.5.4 Kolonisierung und Dekolonisierung
6 Phonetik und Phonologie6.1 Phonetik6.1.1 Artikulation, Akustik und Perzeption6.1.2 Lautschrift und Transkription6.2 Phonologie6.2.1 Phonemsystem6.2.2 Phonologische Prozesse
7 Morphologie7.1 Bausteine der Sprache7.1.1 Das Wort7.1.1 Morphem, Morph, Allomorph7.2 Wortbildung7.2.1 Typen7.2.2 Motiviertheit und Produktivität7.3 Flexion7.3.1 Deklination und Konjugation7.3.2 Wortarten7.3.3 Grammatische Kategorien7.4 Einfache vs. komplexe Sprachen7.4.1 Wissenschaftsgeschichte7.4.2 Aktuelle Diskussion
8 Syntax8.1 Grundlagen der Grammatik8.1.1 Der Satz8.1.2 Konstituenten und ihre Funktionen8.2 Grammatiktheorien im Vergleich8.2.1 Generative Grammatik8.2.2 Gebrauchsbasierte Grammatik8.3 Charakteristika des gesprochenen Französisch8.3.1 Negation8.3.2 Subjektpronomina8.3.3 Fragekonstruktionen
9 Semantik und Pragmatik9.1 Sprache und Denken9.1.1 Dinge, Konzepte, Bedeutungen9.1.2 Sapir-Whorf-Hypothese9.2 Semantische Theorien im Vergleich9.2.1 Strukturalistische Merkmalssemantik9.2.2 Kognitive Prototypensemantik9.3 Struktur des Wortschatzes9.3.1 Horizontale Relationen9.3.2 Taxonomien und basic level9.4 Metapher und Metonymie9.5 Manipulation9.5.1 Familienmetaphern in der US-Politik9.5.2 Newspeak in George Orwells Dystopie 19849.5.3 Gleichberechtigung durch Sprache?
10 Variation und Varietäten10.1 Regionale Varietäten10.1.1 Südfranzösisch10.1.2 Québécois10.2 Sozio-stilistische Variation10.2.1 Français populaire10.2.2 Jugendsprache10.3 Die Frage der Norm(en)10.3.1 Geschichte der Normierung10.3.2 Plurizentrik?
Bibliographie
Abbildungsverzeichnis
Pour Amélie
Vorwort
Ist ein Lehrbuch noch zeitgemäß in Zeiten von YouTube-Tutorials, Podcasts und MOOCs (Massive Open Online Courses)? Wer nur liest, lernt weniger als wer auch zuhört, spricht und schreibt, nachdenkt, sich mit anderen austauscht und – vor allem – selbst forscht, unterrichtet und in der Praxis ausprobiert. Den größten Erfolg verspricht Lernen mit allen Sinnen und eine Kombination verschiedener Aktivitäten. Hierfür bleiben Lehrbücher zentral. Sie führen Anfänger*innen durch den Dschungel einer ihnen noch unbekannten wissenschaftlichen Disziplin, liefern einen ersten Überblick und schaffen Orientierung.
Aber ist ein Lehrbuch nicht ein Nürnberger Trichter, der nur Wissen in die Lernenden stopft? Nein! Ein Lehrbuch ist kein abgelesener Frontalunterricht ohne Ton. Lesen ist ein aktiver Prozess. Und Lesen aktiviert: Es ist anstrengend, es berührt, es bringt uns zum Lachen. Ein Buch verführt erst gar nicht zur Illusion, man könne durch ‘Berieselung’ ganz bequem schlauer werden. Der enorme Vorteil eines Lehrbuchs ist: Es ermöglicht differenziertes individualisiertes Lernen. Je nach Vorwissen, Interessen und Zielen kann man ein Buch von vorne bis hinten durcharbeiten oder nur einzelne Kapitel lesen, es zunächst einmal überfliegen oder in Ruhe darin schmökern, vor- und zurückspringen, Absätze bei Bedarf immer wieder lesen und dabei sein eigenes Tempo finden. Während eindimensionale Lautketten zum einen Ohr rein und zum anderen wieder herausgehen und Hin- und Herspulen in Audio- und Videomaterial mühsam ist, führen uns Texte und Graphiken mehrdimensional vor Augen, worum es geht. Es entstehen Bilder im Kopf – eine wunderbare Merkhilfe. Doch wo bleibt die Vermittlung von Kompetenzen, mit denen man sich in einer sich ständig verändernden Welt zurechtfinden kann, wo bleiben eigene Analysen und Bewertungen von Zusammenhängen? Lehrbücher bemühen sich schon lange, mit Übungsaufgaben ihre Leser*innen in unterschiedlichen Wissensdimensionen zu aktivieren. Musterlösungen ermöglichen es ihnen, durch Feedback aus ihren Fehlern zu lernen.
Das didaktische Konzept dieser neuen Einführung ist, seine Leser*innen ausgehend von ihrem Vorwissen induktiv an die französische Sprachwissenschaft heranzuführen. Das Buch ist spiralförmig aufgebaut: Es führt Beschreibungen und Begriffe in kleinen Häppchen ein und ordnet sie erst einmal in die großen Zusammenhänge ein, um sie später im Detail zu vertiefen. Die Aufgaben befinden sich nicht am Ende der Kapitel (wo sie oft weggelassen werden), sondern Fragen zum Nachdenken und kleine Übungen (mit Audio-Materialien und Musterlösungen zum Download unter www.meta.narr.de/9783823384625/Zusatzmaterial.zip) aktivieren die Leser*innen an den entscheidenden Stellen zwischendrin – wie im Präsenzunterricht.
Inhaltlich ist weniger mehr. Diese Einführung soll vor allem eines: motivieren – für die französische Sprache, für die Wissenschaft und für die französische Sprachwissenschaft. Faszinierende aktuelle Themen wie Comic-Sprache, Mehrsprachigkeit und politische Rhetorik regen die Leser*innen an, selbst zu entdecken, wie Sprachlaute, Grammatik und Bedeutung funktionieren. Daneben enthält das Buch zahlreiche Tipps für populärwissenschaftliche Podcasts, Filme und Spiele. So kann man das Gelernte auch mit Personen teilen, die nicht Französisch studieren und sich mit ihnen darüber austauschen. Wer die vorgestellten Teilgebiete vertiefen möchte, sei auf die darauf jeweils spezialisierten Einführungsbücher verwiesen (z. B. PUSTKA 22016 für die Phonologie, KAISER 2020 für die Syntax). Während die Anzahl der Fachbegriffe in diesem Buch auf diejenigen begrenzt ist, die in der aktuellen Forschung auch wirklich relevant sind, spart es nicht daran, Zusammenhänge zu anderen Sprachen (insbesondere Deutsch und Englisch) und wissenschaftlichen Disziplinen (jenseits der Französistik und der Romanistik) herzustellen. Französisch-Student*innen dürfen sich von Anfang an umfassend sprachwissenschaftlich bilden!
Auch wenn Wissenschaft nach Objektivität strebt, ist die Auswahl der Themen für ein Einführungsbuch nie neutral. Dieses Buch ist auf Basis meiner persönlichen Erfahrungen nach 23 Jahren an der Universität geschrieben. Es liefert keinen Überblick über sämtliche Theorien und Methoden, Forschungs- und Anwendungsfelder; es nimmt vielmehr die Perspektive der kognitiven (Varietäten-)Linguistik ein. Dabei ist es mir besonders wichtig, die französische Sprachwissenschaft auf ein solides wissenschaftstheoretisches Fundament zu stellen. In der Wissenschaft geht es nicht um Fakten, die richtig oder falsch sind, sondern darum zu verstehen, wie Wissen entsteht. Die Leser*innen lernen Ergebnisse von Forschung kritisch zu hinterfragen und durch eigene Forschung selbst neues Wissen zu produzieren.
Dieses Buch ist Ergebnis meines eigenen Studiums und meiner Lehrerfahrung, meiner Lektüren, Forschungsaktivitäten und Diskussionen mit vielen Kolleg*innen und Student*innen, die mich geprägt und inspiriert haben. Ihnen allen sei an dieser Stelle gedankt! Bei der Erstellung des Manuskripts und beim Korrekturlesen haben mich Cornelia Arbeithuber, Helga Auer, Linda Bäumler, Patricia de Crignis, Christoph Gabriel, Elisabeth Heiszenberger, Georg Kaiser, Thomas Krefeld, Eva Remberger, Barbara Tiefenbacher und Verena Weiland unterstützt. Herzlichen Dank dafür!
Und wie immer – Daniel, Linus, Jonas und Amélie – Danke für die Inspiration!
1 Faszination Französisch
Romantisch und unbezwingbar – dem Klischee nach schreckt ein Labyrinth von Regeln und Ausnahmen Schüler*innen davor ab, Französisch zu lernen. Gleichzeitig zieht sie eine sanfte Melodie an, die die Wörter elegant aneinanderbindet. Die französische Sprachwissenschaft blickt hinter die Kulissen dieser faszinierenden Sprache: Sie beschreibt ganz genau, zwischen welchen Wörtern die liaison stattfindet und erklärt, warum auch native speaker schon seit Jahrhunderten Probleme mit dem accord haben. Während Schulbücher Sprache zu einem begreifbaren Gegenstand vereinfachen, taucht die Wissenschaft ein in das pulsierende Treiben hinter der starren Fassade. Die elitäre Schriftsprache der Literatur interessiert dabei nur am Rande; im Zentrum steht, wie Menschen im Alltag miteinander sprechen. Wir wagen daher mit diesem ersten Kapitel den Sprung ins kalte Wasser und schauen uns dieses Ihnen vielleicht noch unbekannte Alltagsfranzösisch an, das Hauptgegenstand der Sprachwissenschaft ist (Kapitel 1.1). Natürlich wird es nicht nur in Frankreich gesprochen, geschrieben, gehört und gelesen, sondern in der ganzen Welt. Entsprechend stellt Kapitel 1.2 vor, wer wo und wie Französisch als Erstsprache (L1), Zweitsprache (L2) und Fremdsprache erwirbt und lernt.
1.1 Alltagsfranzösisch
[ʃpɔmwa], <chépa>, je ne sais pas: Das Französische hat viele Gesichter. Während man im Französischunterricht je ne sais pas lernt, finden Sprachwissenschaftler*innen [ʃpɔmwa] und <chépa> interessanter. Dementsprechend geht es im Linguistik-Studium an der Universität weniger darum, was korrekt ist, sondern mehr um die Frage, wie man wirklich spricht und schreibt – also um authentische Sprache. Während Sie bislang im Fremdsprachenunterricht gelernt haben, wie man Französisch sprechen und schreiben sollte, ist für die Sprachwissenschaft besonders spannend, was von der Norm abweicht.
Im Fall von <chépa> und [ʃpɔmwa] sind das gleich eine ganze Reihe von Phänomenen. Ausgehend von der Standardform je ne sais pas [ʒənəsɛpa] kommt man wie folgt zu den Varianten der Alltagssprache:
Die Negationspartikel ne (< lat. non ‘nicht’) fällt im gesprochenen Französisch schon seit Jahrhunderten weg.
In der Verbalphrase je sais [ʒəsɛ], die man häufig [ʒəse] ausspricht, fällt das Schwa [ə] weg: [ʒse]. Das stimmhafte [ʒ] gleicht sich anschließend an das stimmlose [s] an, das verschwindet: [ʃe]. In Chats und Comics findet sich entsprechend die Schreibung <ché>.
pas sprechen viele mit [ɔ] statt [a] aus. In Comics findet man daher auch die Schreibung <pô>.
je sais pas [ʃepɔ] lässt sich zu [ʃpɔ] verkürzen.
Das Personalpronomen je lässt sich schließlich noch durch moi verstärken.
Die große Herausforderung der Sprachwissenschaft ist, diese Dynamik in all ihren Dimensionen zu verstehen. So fällt das ne etwa nach Pronomina wie je öfters weg als nach Nominalphrasen wie mon frère (dazu mehr in Kapitel 8.3.1). Zudem findet sich die Aussprache von pas als [pɔ] besonders häufig im français populaire und im québécois (vgl. Kapitel 10.2.1 und 10.1.2). Um herauszufinden, wer wann wie spricht, reicht Intuition nicht aus, denn vieles davon läuft unbewusst ab und oft macht die Frequenz den Unterschied. Die Sprachwissenschaft sammelt daher große Mengen von Sprachdaten, bereitet diese digital auf und analysiert sie statistisch (vgl. Kapitel 2.1.1). Ein Forschungsgegenstand unter vielen kann natürlich auch das korrekte Französisch sein. So untersucht man etwa sprachsoziologisch und -politisch, warum sogar viele Franzosen und Französinnen in Bezug auf die Norm verunsichert sind und wie die Kanadier*innen ihr eigenes Standardfranzösisch entwickeln (vgl. Kapitel 10.3.2).
1.1.1 Gesprochene Sprache
Seitdem die Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert eine eigene Universitätsdisziplin geworden ist, gibt sie – zumindest theoretisch – der Mündlichkeit den Vorrang (zur Geschichte der Sprachwissenschaft vgl. Kapitel 2.2).
Das Primat der gesprochenen Sprache
Ein deutliches Bekenntnis zum sogenannten Primat der gesprochenen Sprache (d. h. Vorrang gegenüber der geschriebenen Sprache) findet sich im Cours de Linguistique Générale des Schweizers Ferdinand de Saussure (1857–1913):
Langue et écriture sont deux systèmes de signes distincts ; l’unique raison d’être du second est de représenter le premier ; l’objet linguistique n’est pas défini par la combinaison du mot écrit et du mot parlé ; ce dernier constitue à lui seul cet objet. (CLG1: 30)
Für dieses Primat der gesprochenen Sprache gibt es zwei Gründe. Erstens ist die gesprochene Sprache phylogenetisch älter als die geschriebene Sprache: Während Menschen bereits seit mindestens 40000 Jahren sprechen, schreiben sie erst seit ca. 7300 Jahren. Zweitens ist die gesprochene Sprache auch ontogenetisch primär: Alle Menschen lernen zunächst – schnell, mühelos und perfekt – sprechen (vgl. Kapitel 4.1) und erst in der Schule schreiben: langsam, mühsam, fehlerhaft – wenn überhaupt. Selbst in Deutschland gibt es schätzungsweise 15 bis 20 % funktionale Analphabet*innen2 (DOHMEN 2019: 40). Von Schrift unberührte Kulturen existieren allerdings heute nicht mehr: Der Coca Cola-Schriftzug ist auf der ganzen Welt bekannt.
Wie sieht gesprochenes Französisch aus?
Auch wenn wir täglich Sprache(n) sprechen und hören, ist den meisten Menschen nicht bewusst, was gesprochene Sprache ausmacht. Im Alltag achten wir nicht darauf. Daher bringt das Sprachwissenschaftsstudium viele Überraschungen mit sich, die Sie den Alltag mit einer ganz neuen Aufmerksamkeit erleben lassen werden! Ein Beispiel für französische Spontansprache liefert die Audio-Datei ‘Paris-Province’, die Sie unter www.meta.narr.de/9783823384625/Zusatzmaterial.zip herunterladen und anhören können. Die orthographische Transkription des Interviewausschnitts ist im folgenden Kasten abgedruckt.
Interview mit einer Brasserie-Besitzerin in Paris (*1961)
E : Et pour vous, quelles sont les différences de mentalité les plus importantes entre les Aveyronnais et les Parisiens ?
L : (…) C’est surtout euh, ben, moi je vais dans ma, dans la, dans ma belle-famille euh, les enfants, c’est comme les lapins et les poulets. On les nourrit, on leur change la cage régulièrement, donc euh la couche, mais pour le reste, pour ce qui est de jouer avec eux, de, de, de leur faire faire les devoirs, de leur euh, de les inscrire à la danse, au judo euh, de les emmener à Pétaouchnock pour faire ou pour voir tel musée ou telle euh, c’est du superflu, c’est du, c’est un truc de Parisien. <E : Hum, hum.> C’est un truc de Parisien. (…) Et puis bon, il y a des choses moi qui me, qui m’horripilent, mais qui me choquent aussi, c’est le, les garçons sont complètement euh, on se croirait retourné cinquante ans en arrière quoi. Les garçons, c’est euh ‘Ne touche pas à la vaisselle !’, on leur sort le, leur petit linge, euh, mais alors quand moi mes belles-sœurs me voient parler à mon fils euh ‘Maman, tu as pas vu mes basquets ?’ ‘Ben, tu te les cherches, elles sont où tu les as trou/, où tu les as posés.’, elles me regardent avec des grands yeux euh. (…) C’est, bon euh, des choses, bon, peut-être parce que j’ai trois enfants et que je travaille, j’ai, je suis plus rigide sur certaines choses, mais euh.
(Korpus PUSTKA; PFC-Code 75wcn1; vgl. PUSTKA 2007)
Hier besteht kein Zweifel: Es handelt sich ganz eindeutig um gesprochenes Französisch. Insbesondere finden wir die Negation ohne ne wieder („tu as pas vu“ in der Transkription oben) sowie die Verstärkung von je durch moi („moi je vais“). Daneben springen einem in der Transkription eine Reihe von Wörtern ins Auge, die man in schriftlichen Texten nicht gewohnt ist: bon, ben, quoi. In der Mündlichkeit strukturieren diese den Diskurs, da man ja ‘ohne Punkt und Komma’ redet. Beim Anhören des Tondokuments fällt außerdem auf, dass die Sprecherin oft zögert, sei es durch Dehnungen der Vokale, Pausen oder euh. Manchmal bricht sie ihre Sätze ganz ab, korrigiert sich selbst und setzt wieder neu an (z. B. „C’est surtout euh, ben, moi je vais…“). Daran erkennt man, dass das Gesprochene ganz spontan aus ihr ‘heraussprudelt’.
In anderen Fällen ist die Einordnung der Kommunikationssituation und der Sprache dagegen nicht eindeutig. Überlegen Sie selbst!
À vous !
Wie würden Sie eine Vorlesung an der Universität oder eine Rede im Parlament einordnen? Hören wir dort eher gesprochene oder geschriebene Sprache? Inwiefern?
Medium und Konzeption
Vorlesungen und Parlamentsreden werden von Mund zu Ohr übermittelt. Sie sind also eigentlich mündlich. Dennoch wirken sie irgendwie ‘schriftlicher’ als Alltagssprache, selbst wenn sie weder abgelesen noch auswendig gelernt sind. Diese Beispiele zeigen uns, dass die Begriffe gesprochen und geschrieben zweideutig sind. Sie bezeichnen zum einen das Medium, das durch eine einfache Dichotomie (Zweiteilung) charakterisiert ist: Phonie vs. Graphie. Hier ist ganz einfach zu bestimmen, ob Sprache über Schallwellen von Sprecher*innen zu Hörer*innen gelangt (phonisch) oder ob Schreiber*innen sich in Textform – sei es auf Papier oder dem Smartphone-Bildschirm – an Leser*innen wenden (graphisch). Ein alltägliches Gespräch unter Freund*innen und eine Rede im Parlament sind beide eindeutig phonisch, ein Chat und ein Verwaltungsformular ganz eindeutig graphisch. Daneben bezieht sich die Opposition zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit aber auch auf die Konzeption. Hier ist die Einordnung nicht ganz so einfach, denn zwischen dem Pol der kommunikativen Nähe und dem Pol der kommunikativen Distanz besteht ein Kontinuum. Nähe bedeutet dabei neben physischer Nähe (face-to-face-Kommunikation) auch psychische Nähe (Vertrautheit). So stellt ein Gespräch unter Freund*innen einen Extremfall von Nähesprache dar, ein Verwaltungsformular einen Extremfall von Distanzsprache; Vorlesungen und Parlamentsreden dagegen können sich an unterschiedlichen Punkten dazwischen ansiedeln.
Das Schema in Tab. 1.1 bildet dies ab, indem der Strich zwischen phonischem und graphischem Medium durchgezogen ist, der zwischen Nähe- und Distanzkonzeption dagegen nur gestrichelt.
| Konzeption | |||
| Nähe | Distanz | ||
| Medium | phonisch | Alltagsgespräch: [ʃpɔmwa] | Rede: [ʒənəsɛpa] |
| graphisch | Chat: <chépa> | Verwaltungsformular: <je ne sais pas> | |
Tab. 1.1:
Gesprochenes und geschriebenes Französisch (in Anlehnung an SÖLL [1974] (31985) und KOCH/OESTERREICHER [1990] 22011).
In diesem Vierfelderschema sind grundsätzlich alle Kombinationen möglich. Allerdings kommen einige häufiger vor als andere. So bestehen ganz klar Affinitäten zwischen dem phonischen Medium und der Nähekonzeption (z. B. Alltagsgespräch) und dem graphischen Medium und der Distanzkonzeption (z. B. Verwaltungsformular). Zur Verdeutlichung sind diese beiden Kästchen in Tab. 1.1 dunkler hinterlegt als die anderen beiden. Die zwei übrigen Kombinationen sind seltener, aber ebenfalls möglich. Dies zeigt allein schon die Möglichkeit des Medienwechsels: Jedes Gespräch lässt sich transkribieren und jeden Text kann man laut vorlesen. Manche Texte sind sogar aus mündlichen Erzählungen entstanden, zum Beispiel die Volksmärchen von Charles Perrault oder der Gebrüder Grimm. Andere wiederum werden speziell geschrieben, um vorgelesen zu werden, insbesondere Kinderbücher. Zudem können einige Menschen (speziell manche Professor*innen und Politiker*innen) auch ohne Manuskript ‘sprechen wie gedruckt’ – was Student*innen und Journalist*innen das Mitschreiben erleichtern kann. Letzten Endes lässt sich Mündlichkeit auch inszenieren, beispielsweise im Comic (vgl. Kapitel 1.1.3).
Auch wenn die Idee der Nähe- und Distanzsprache sehr intuitiv ist, so müssen in der Wissenschaft subjektiv ‘gefühlte’ Kategorien intersubjektiv nachvollziehbar gemacht werden. Dazu dienen sowohl sprachexterne als auch sprachinterne Kriterien. Sprachextern sind dies die „Kommunikationsbedingungen“ (KOCH/OESTERREICHER 22011: 6), d. h. die Charakteristika der Situationen kommunikativer Nähe und Distanz, und sprachintern die „Versprachlichungsstrategien“ (KOCH/OESTERREICHER 22011: 6), mit denen Nähe- und Distanzsprache produziert wird. Beides sehen wir uns im Folgenden genauer an.