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Inhaltsverzeichnis
Feuerkuss und Flammenseele
Buch 1
Feuerküsse
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Buch 2
Flammenseele
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Epilog
Über die Autorin
Danksagung
Veröffentlichungen
Homepage
Feuerkuss und Flammenseele
Eileen Raven Scott

Für Steffi, die Lierds Geschichte damals betagelesen
und einer Figur aus dem Buch sogar das Leben gerettet hat.
© Eileen Raven Scott 2014
Machandel Verlag Haselünne
Charlotte Erpenbeck
Ergänzte Neuauflage 2020
Cover-Designerin: Ch.Erpenbeck
mit Material von
lady-luck und chaslKS / shutterstock.com
Innen-Illustrationen: ebenfalls shutterstock.com
ISBN 978-3-95959-272-7
Feuerkuss und Flammenseele
Buch 1
Feuerküsse
Kapitel 1
Das Feuer lachte und flüsterte süße Worte. Aruni setzte sich auf den Kaminsims und streckte ihre Hand nach den Flammen aus. Augenblicklich leuchteten sie auf und schmiegten sich an ihre Haut. Langsam wich die Herbstkälte aus ihren Knochen. Schnurrend ringelte sich Ash auf ihrem warmen Schoß zusammen. „Ach, Ash, wie sehr ich es leid bin, anders zu sein. Immer diese Maskerade.“
Missmutig sah sie zu ihrer Sammlung von Handschuhen, Hüten, Haartüchern und Spangen, die auf der Kommode am Fenster lagen. Ash rieb ihren Kopf gegen Arunis Hand. Aruni kraulte ihre Ohren, setzte sie dann aber sacht neben sich ab und ging zum Fenster. Nachdenklich strich sie sich über ihre kurzen Hörner. Mit einem letzten Blick in die Nacht zog sie die Vorhänge zu. Neugierige Blicke von Passanten konnte sie jetzt wirklich nicht gebrauchen. Sie drehte die Heizung noch ein wenig höher. Für Ihren Geschmack war die Temperatur zwar immer noch zu niedrig, aber mehr als knappe 45 Grad schaffte die Anlage einfach nicht.
Blazer, Bluse und schwarze Jeans landeten in einem unordentlichen Haufen auf dem alten Samtsessel in der Ecke des Schlafzimmers. Dann begann Aruni mit finsterem Blick die schwarze Bandage abzuwickeln, unter der sie ihre rotschuppig glänzende Körpermitte und ihren nachtschwarzen Schweif verbarg. Kurz sah sie in die Flamme der Kerze auf ihrem Nachttisch, blies sie dann aus und krabbelte unter die Bettdecke.
Die kleine Katze leckte ihr Fell sauber, dann sprang sie mühelos vom Kamin und lief lautlos zu Arunis Bett. Mit einem eleganten Satz landete sie auf der weichen Decke und ringelte sich dort zusammen.
„Mein Flämmchen, wenn ich dich nicht hätte“, sagte Aruni leise. „Schlaf schön.“
Entgeistert fuhr Aruni hoch. Neben ihr fauchte Ash fast so laut wie sie. Wer zum Teufel klingelte mitten in der Nacht an ihrer Tür? Aruni sprang aus dem Bett, riss hastig die Bettdecke mit sich und stolperte fluchend zur Tür. Jetzt hämmerte der nächtliche Störenfried ungeduldig an das Holz.
Um diese Zeit konnte das nur einer sein - und der bedeutete Ärger. Ein Blick durch den Spion bestätigte ihren Verdacht. Erneut stieß sie ein leises Knurren aus. Ash sprang auf das Bücherregal gegenüber der Tür und machte sich neben einer Blumenvase ganz klein.
Aruni zog die Bettdecke fester um sich und öffnete die Tür einen Spalt breit.
„Mach endlich richtig auf, Aruni. Was soll das denn jetzt?“, herrschte Lierd sie an. „Bist du plötzlich schüchtern geworden, hier unter den Menschen?“ Er drängelte sich an ihr vorbei in die Wohnung und sah aus seiner imposanten Höhe von zwei Metern zwanzig auf sie herab.
„Na, was ist, störe ich?“ fragte er.
„Überhaupt nicht. Schon gar nicht um diese Zeit.“ Aruni schnaubte. "Was willst du, Lierd? Es ist Nacht.“
„Ja, genau. Es ist die Nacht vor Halloween, in der du eigentlich an der Zeremonie teilnehmen solltest. Du könntest ein paar Menschenopfer mitbringen. Du sitzt doch hier direkt an der Quelle.“ Er leckte sich über die Lippen.
Ein Husten ertönte, Aruni und Lierd sahen zum Bücherregal. Die Katze würgte einen Fellball hoch. Er landete lautlos auf dem Teppich.
Lierd sah sie an. „Siehst du? Ihr gefällt es hier auch nicht. Wie lange willst du denn noch hier bleiben?“
Erneut schnaubte Aruni wütend und verschränkte die Arme. „Es gefällt ihr hier gut. Und mir auch. Wenn du mich nur wieder überreden willst, mitzukommen, kannst du sofort wieder gehen.“
Anstatt zu antworten, lachte Lierd. Er machte zwei Schritte auf Aruni zu und baute sich vor ihr auf wie ein Kater, der sein Revier verteidigt. „Willst du mir drohen?“
Leicht glühten Arunis Hörner auf, aber dann zuckte sie nur mit den Achseln und trat einen Schritt zurück.
Lierd grinste und ging an ihr vorbei. Dabei stieß er sie mit der Schulter an, sodass fast ihre Bettdecke heruntergerutscht wäre. Er ging zum Feuer und ließ sich breitbeinig in einen der Ledersessel fallen.
Aruni zögerte. Dann entschied sie sich für die Bank am Fenster. In sicherer Entfernung setzte sie sich und beobachtete ihren ungebetenen Gast.
„Warum trägst du eigentlich eine Bettdecke?“, fragte Lierd schließlich, nachdem er eine Weile in die Flammen gestarrt hatte. „Ist das eine neue Menschenmode?“
Der sanfte Ton beunruhigte Aruni noch mehr. Seine Augen funkelten seltsam. Führte Lierd etwas im Schilde? Aber nein, es war bestimmt nur das Feuer.
„Ich habe geschlafen“, sagte sie kleinlaut.
„Du hast geschlafen?“ Lierd klang ehrlich erstaunt. „Du musst schlafen? Das wusste ich nicht. Wieso wusste ich das nicht? Seit wann?“
„Hier oben ist es anders. Meine menschliche Seite kommt auf der Oberfläche mehr zum Vorschein. Aber ich habe auch unten geschlafen. Heimlich. Wenn du mich einen Moment entschuldigen würdest“, murmelte sie und ging rückwärts ins Badezimmer. Sie ärgerte sich darüber, dass Lierd diese Schwäche herausgefunden hatte. Im Schlaf war sie wehrlos. Wenn das unten die Runde machte, wer wusste schon, wer das ausnutzen würde. Und auf Lierd war kein Verlass.
Aruni lehnte sich an die geschlossene Tür und schnappte sich ihren Bademantel. In der Ecke neben der Badewanne lagen noch ihre violette Jogginghose, eine blaue und eine rote Socke. Leider keine Unterwäsche, aber Hauptsache, er starrte nicht auf ihre nackte Haut. Schnell schlüpfte sie in den weichen Stoff und strich ihre Haare zurück. Dann holte sie tief Luft und öffnete die Tür wieder.
Lierd saß nicht mehr im Sessel. Nervös schoss ihr Blick von einer Ecke des Raums in die andere. Ein Geräusch kam aus der Küche. Leise schlich sie bis zum Türrahmen und sah genau auf die mächtigen Muskelstränge seines Rückens. Lierd stand vor dem offenen Kühlschrank. Wahrscheinlich suchte er nicht vorhandenes Bier. Er hatte sein Hemd ausgezogen. Menschenkleidung hatte er schon immer gehasst.
„Du brauchst nicht zu schleichen, ich weiß genau, wo du bist.“
Im nächsten Augenblick stand er so dicht vor ihr, dass sie ihn förmlich riechen konnte. Über dem gewohnt rauchigen Geruch lag ein Hauch von Parfüm. Es war ein weiblicher Duft, blumig und tödlich. Jenna. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
„Ja, ich war bei Jenna“, sagte er und zog die Schultern zurück. „Du brauchst gar nicht so an mir zu schnüffeln.“ Seine Hände steckten tief in den Taschen seiner schwarzen Jeans. Lierd zog die Lippen ein Stück zurück und entblößte seine perfekten weißen Eckzähne. Ein leises Knurren ließ sie in seine Augen blicken. Darin loderte sein eigenes Feuer. Wild und unbezähmbar. „Aruni ...“, fauchte Lierd. „Sieh mich nicht so an. Ich weiß, was du denkst, und du liegst falsch.“
Sie löste ihren Blick und drehte den Kopf zur Seite. Schritt für Schritt ging sie rückwärts, bis sie an die Küchenwand stieß. Lierd blieb stehen, wo er war und lehnte sich an den kleinen Klapptisch, der in der Mitte der Küche stand. Es knirschte vernehmlich. Lierd riss die Augen auf und fiel wie ein gefällter Baum nach hinten, als der Tisch nachgab. Die Tischplatte brach in der Mitte durch und Lierd landete zwischen den großen Splittern auf den Küchenfliesen. Er stieß einen saftigen Fluch aus. In einer geschmeidigen Bewegung richtete er sich wieder auf und sah halb mitleidig auf den Berg aus Sperrholz und Plastik.
„Ich kaufe dir morgen einen neuen Tisch. Leg dich wieder schlafen“, sagte er und verließ die Küche. Die Haustür fiel laut ins Schloss. Aruni ließ den angehaltenen Atem ausströmen.
Kapitel 2
Ilvio schwamm ärgerlich von den anderen weg. Es war alles so sinnlos. Tanzen, tanzen, tanzen, singen, singen, singen. Mehr taten sie nicht. Aber zu dieser Musik wollte er nicht mehr tanzen, und er wollte auch nicht singen. Er wollte die Welt sehen. Etwas, was keiner der anderen verstand. Ilvio schwamm zum Ufer und richtete sich auf. Und bald würden sie ihm dafür auch danken. Er würde ihnen neue Musik bringen. Dann würde es besser werden. Für eine Weile. Und wenn auch das langweilig geworden wäre, würde er eben erneut losziehen.
Am Strand spürte er die ungewohnte Härte des feuchten Sandes unter den Schwimmhäuten seiner Zehen und seufzte. Mit großen Schritten lief er am Wasserrand entlang. Er rieb sich die Brust. Seine Lungen schmerzten, er hatte sie schon ein paar Monate nicht mehr benutzt. Am Ende des Sandstrandes sah er sich um. Vor ihm lagen die Klippen und darauf ein grüner Rand aus Gras und Bäumen. Hinter ihm lag das dunkle, unendliche Meer. Seine Heimat.
Entschlossen ging er bis an die steile Felswand, lief ein Stückchen daran entlang und fand schließlich den schmalen Pfad, der holprig und schief zwischen den Felsen landwärts führte.
Ilvio ging ohne zu zögern den Pfad entlang. Auf einmal öffneten sich die Felsen, und er stand oben am Klippenrand, hoch über seiner Welt. Als die Sonne aufging und das Meer glitzern ließ, flog ein Schwarm Seemöwen laut kreischend über seinen Kopf hinweg. Ilvio warf den Kopf zurück und lachte. Er ließ sich auf das Gras fallen und sah einfach in den Himmel, folgte den Wolken mit seinen Blicken und staunte über all die Farben, die durch den Himmel wanderten. Zuerst dunkles Blau, dann ein roter Schimmer wie von Seesternen, und dann hatte der Himmel eine so strahlend blaue Farbe, wie er sie noch nie gesehen hatte. Zumindest kam es ihm so vor. Die unendliche Weite und die klare Luft nahmen ihm den Atem.
Seine Gedanken begannen zu wandern, zusammen mit den Wolken. Wohin sie wohl zogen? Noch nie war er allein an Land gegangen. Sonst kam immer seine Tante mit. Aber sie teilte nicht seine Meinung, dass sich etwas ändern musste.
Eine melodische Stimme riss ihn aus seinen Tagträumen.
„Oh? Besuch?“ Ein leises Lachen ertönte.
Ilvio schirmte seine Augen gegen die Sonne ab und drehte den Kopf. Audrey! Eine der wenigen Menschen, die von den Meereselfen wussten. Wobei Audrey streng genommen kein Mensch mehr war, sondern ein Geist. Natürlich, sie wohnte immer noch an diesem Küstenabschnitt, das letzte Mal hatte er sie allerdings auf der anderen Seite der Küstenstadt gesehen.
„Schön, dich wiederzusehen, Ilvio“, sagte Audrey und setzte sich ihm gegenüber in das Gras. Sie nickte zum Meer. „Ein berührender Anblick, nicht wahr? Möglicherweise ist es dieser Anblick, der mich an diese Welt fesselt.“ Sie richtete den Blick zum Horizont. Ilvio schmunzelte, sie und er wussten genau, dass es nicht nur am Sonnenaufgang lag, dass Audrey immer noch hier war, obwohl sie längst gestorben war. Sie hatte sich einfach entschieden zu bleiben, genau wie ihre Eltern, die den Geisterhügel hinter der Küstenstadt bewohnten.
Mit einiger Belustigung begriff er plötzlich, wieso sie ihn nicht ansah. Er war nackt, bis auf die paar Seealgen, die er sich um seine Lenden geschnürt hatte.
„Bleibst du länger?“, fragte Audrey. „Ich könnte dir eine Hose beschaffen, und vielleicht ein Hemd.“
„Das wäre wunderbar“, sagte Ilvio. „Ich möchte nach London. Du hast mir doch schon oft von der Hauptstadt erzählt. Gibt es dort gute Musik?“
Audrey lachte. „Aber ja! Was suchst du genau?“
„Das werde ich erst sicher wissen, wenn ich es höre“, überlegte Ilvio. „Bei uns ist alles so eintönig geworden. Wir brauchen etwas Neues.“
„In London wirst du es bestimmt finden. Es gibt dort andauernd Konzerte, Partys, Musikgeschäfte, alles Mögliche. Komm mit, ich habe alles in den Hügeln gehortet, was du brauchst.“
Kapitel 3
Ein schrilles Klingeln riss Aruni aus dem Schlaf. Müde rieb sie sich die Augen und starrte auf ihren Wecker. Dann streckte sie den Arm aus, um das nervtötende Klingeln auszuschalten. „Mist, schon Zeit zum Aufstehen“, sagte sie zu Ash, schlug die Decke zurück und quälte sich aus dem Bett.
Nach einer heißen Dusche sah die Welt deutlich freundlicher aus. Das Wasser war natürlich weniger heiß als Feuer, für ihre menschliche Haut so aber auch viel angenehmer. Aruni machte Ash Frühstück und aß selbst ein paar Bissen von dem Curry, das sie am Vortag gekocht hatte.
Vor dem Spiegel zog sie sich an und türmte ihre Haare zu zwei kleinen Knoten, die sie um ihre Hörner schlang. Darum wickelte sie zwei schwarze Satinbänder. Als sie fertig war, verzog sie den Mund. Nicht direkt schön, aber zumindest einigermaßen unauffällig und praktisch. Sie sah sich nach ihrer Katze um.
„Bis später, Ash. Ich hoffe, Lierd wird dich nicht stören, aber ich weiß, dass er dich eigentlich mag.“
Ash miaute verneinend und Aruni musste lächeln. „Doch, bestimmt. Ich muss los. Mach keine Dummheiten!“ Sie streichelte Ash über den Rücken und verließ ihre kleine Wohnung.
Die Luft war kühl und die Sonne noch nicht aufgegangen. „Abscheulicher Herbst“, dachte sie im Stillen. Zu kalt und eindeutig zu nass. Wehmütig erinnerte sie sich an die heißen Sommertage. Sie zog ihren Mantel enger um sich und schlenderte die Straße entlang. Die Geschäfte waren alle noch geschlossen. Kaum jemand war unterwegs. Ein Mann im dunklen Trägerhemd mit knallroten Haaren, die wirr in alle Richtungen standen, torkelte vor ihr gegen eine Laterne und hielt sich daran fest, als ob er mit ihr tanzen wollte. Doch nach ein paar wiegenden Schritten, klammerte er sich nur noch fest und wankte gefährlich.
Schon aus zehn Schritten Entfernung roch sie den Alkohol in seinem Atem. Er hatte trotz des kühlen Wetters nackte Arme und als sie näher kam, schaute sie auf die Tätowierungen auf seiner Haut. Bei einer rot gehörnten Teufelin in Stöckelschuhen, Korsage und Strapsen musste Aruni grinsen. Das leibhaftige Abbild von Flame. Aber Flame kam nie in die Menschenwelt. Genaugenommen kam fast niemand von ihrer Familie in die Menschenwelt, seitdem ihre Mutter einmal diesen „Fehlgriff“, wie sie es nannte, mit Arunis Vater gehabt hatte.
Aruni stieß mit dem Fuß gegen etwas. Es schepperte, eine leere Cola-Dose flog in hohem Bogen durch die Luft und traf den Mann an der Wade. Der Tätowierte drehte sich zu ihr um und fluchte.
„Entschuldigung“, rief Aruni und lächelte versöhnlich. Er starrte sie einen Augenblick an, dann verschwamm sein Blick wieder und er torkelte in die andere Richtung davon. Aruni seufzte und überquerte die Straße. Die Passage war noch verschlossen, also ging sie außen herum, an der Mauer zum Kanal entlang und an den bunten Häusern vorbei. Petunia war schon dabei, ihren Stand aufzubauen. Bunte Wimpel hingen an einer Leine. Darunter stapelte sie gerade allerhand Anhänger, Taschen mit Spiegeleinsätzen und ein paar Bücher über Engel und Hexenkräuter. Als sie Aruni sah, winkte sie.
Aruni blieb stehen und rief: „Bist du heute Abend auch auf der Party?“
„Na klar!“, gab Petunia zurück.
„Dann sehen wir uns dort!“ Aruni hob ihre Hand zum Abschied und ging weiter.
Gegenüber im Cyberdog dröhnte schon laut die Musik. Im dunklen Inneren konnte Aruni die schmale Verkäuferin sehen, die sich wie ein Roboter auf Ecstasy bewegte. Alles wie gewohnt.
Ein Geruch nach Plastik und Staub schlug Aruni entgegen, als sie den Laden betrat, in dem sie arbeitete. Sie machte die Tür weit auf und ging an den Ständern mit Bekleidung in den Farben Schwarz, Weiß und Rot vorbei. Am Wandkalender riss sie das Blatt von gestern ab und zog eine Grimasse. Heute war der 31. Oktober und damit Halloween. Das bedeutete Ärger. Irgendwo unter ihren Füßen in den höllischen Katakomben ihrer Familie würde die Hauptzeremonie stattfinden, und sie hatte überhaupt kein Verständnis zu erwarten für ihr Fernbleiben. Bestimmt würde Lierd auch heute noch einmal vorbeischauen, um einen weiteren Versuch zu machen, sie zur Teilnahme zu überreden.
Wenn ihre Familie nicht gewesen wäre, hätte sie Halloween richtig genießen können. Eigentlich mochte sie diesen Tag, noch schrägere Gestalten als sonst verirrten sich in ihren Laden, zusammen mit Horden von Touristen. Und auf den Straßen würde jede dunkle Kreatur aus London zu sehen sein, sobald die Sonne untergegangen war. Kreaturen aus der Unterwelt und solche, die gerne welche sein würden. Denn unter die verkleideten Menschen mischten sich jedes Jahr munter Vampire, Dämonen von anderen Stämmen und sogar Geister und Phantome, die jedoch für die meisten Menschen unsichtbar sein dürften.
Jemand kam herein, Aruni drehte sich um. Ein hagerer Typ mit ziemlich weißer Haut, schwarzer Lederkluft, langem wehenden Mantel und rot gefärbtem spitzem Kinnbart betrat den Laden. Die Spitzen seiner künstlichen Hörner schimmerten wie Silber. Seit Neustem beobachtete Aruni unter ihren Kunden den Trend, sich solche künstlichen Hörner unter die Haut pflanzen zu lassen. Dieser hier hatte zwischen Tribal-Tattoos auf seiner Kopfhaut gleich einen ganzen Kreis von verschieden großen Metallhörnern. Unweigerlich musste sie lächeln. Wenn der wüsste!
Er ging langsam an den Röcken und Lederwesten entlang. Aruni wartete und ließ ihn nicht aus den Augen. Nach einer Viertelstunde Herumschlendern griff er sich ein schwarzes Trägerhemd mit Nieten von der Wand, ging zur Kasse und knallte es Aruni auf den Tisch.
„Tach“, sagte er. Seine Stimme klang viel zu sympathisch für seine Aufmachung.
„Das ist alles?“, fragte Aruni mit zusammengekniffenen Augen.
Er wurde nicht einmal rot, als er nickte.
Sie sah ihn von oben bis unten an. Er starrte zurück. Aruni seufzte und ging um den Verkaufstresen herum. Gezielt fischte sie eine Packung fluoreszierender Schnürsenkel für hohe Stiefel, ein paar fingerlose Lederhandschuhe und einen zusammengerollten Ledergürtel mit Silberschnalle aus seinen Manteltaschen und legte alles auf den Tresen.
„Das möchtest du also nicht kaufen? Gut, dann lege ich es gleich zurück. Was für ein Glück, dass heute Halloween ist, da drücke ich ein Auge zu, aber ich fürchte, du hast Hausverbot, mein Freund.“ Sie schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln und tippte den Preis für das Trägerhemd in die Kasse. „Neun Pfund und neunundneunzig Pence, bitte“, sagte sie zu dem Typ, dem immer noch der Mund offen stand.
„Das sind meine Sachen, was fällt dir ein?“, ereiferte er sich und begann die Sachen wieder einzustecken. Aber so einfach würde er nicht davon kommen.
Aruni hielt seine Hand fest. „So? Und warum ist da ein Preisschild von uns drauf?“ Sie hielt ihm einen Handschuh mit Preisschild unter die Nase. „Soll ich dich doch anzeigen?“, fragte sie leise.
Hastig griff er nach den Sachen und rannte los. Aber Aruni war schneller. Sie sprang über den Tresen und riss ihn an seinem Mantel zu Boden. Als sie einen Stiefel auf seine Brust setzte, keuchte er auf und sah sie mit riesigen Augen an. Aruni zog ihre Videothek-Mitgliedskarte aus der Tasche und hielt sie hoch. „London Police. Du bist festgenommen.“ Sein Gesichtsausdruck war preislos dämlich. Aruni konnte sich ein kurzes Auflachen nicht verkneifen. „Kleiner Scherz. Du legst jetzt die Sachen zurück auf den Tresen und verziehst dich aus meinem Laden. Oder du bezahlst.“
Aruni konnte ein Grinsen kaum unterdrücken, als der Typ tatsächlich anfing zu heulen. „Verdammt, du tust mir weh!“, zeterte er. „Lass mich los! Du weißt nicht, wen du vor dir hast!“
„Einen kleinen Dieb“, brummte Aruni und half ihm hoch. Sie streckte die Hand aus. „Die Sachen oder das Geld dafür.“
Widerwillig legte er den Gürtel, die Handschuhe und die Schnürsenkel in ihre Hand. „Schlampe“, zischte er und spuckte auf den Boden.
„So“, sagte Aruni wütend. Sie zog an seinem Mantel und drückte ihm einen Teil davon in die Hand. „Aufwischen“, sagte sie.
„Ja, genau“, konterte er und zeigte ihr einen Vogel. Wie eine Kobra schnellte ihre Hand vor und griff sein Handgelenk. Mit nur einem Bruchteil ihrer Kraft drückte sie den Dieb mühelos nach unten auf den Boden, wedelte mit seiner Hand und dem Stück seines Mantels über den feuchten Fleck und sagte: „Danke. Geht doch. Und jetzt verzieh dich.“
Fluchend zog er seinen Mantel zurecht und stolperte aus dem Laden. Aruni seufzte. Dann strich sie ihre Hose glatt und ging zur Tür. Sie stand eine Weile mit verschränkten Armen dort und sah ihm hinterher. Ein Mal drehte er sich tatsächlich um, als ob er daran dachte, es noch einmal zu versuchen. Aber dann verschwand er wenige Schritte später in einem Laden, der Doc Martens Stiefel in allen Farben des Regenbogens führte.
Aruni ging wieder rein und zückte ihr Handy. „Alan, ein Dieb ist gerade bei dir rein. Wollte hier auch was klauen. Schwarzer Mantel, silberne Hörner, tätowierte Kopfhaut, Ziegenbärtchen. Klar, bis später.“ Sie legte das Handy weg und ließ sich auf den Barhocker sinken, der hinter dem Tresen stand.