Czytaj książkę: «Brot, Salz und unsere Herzen»
DIE KÜHNE REISENDE
Edith Durham, geboren 1863 in London, starb dort 1944. Sie war die Tochter des Leibarztes von Queen Victoria und fertigte nach ihrem Abschluss an der Royal Academy of Arts Illustrationen für Zeitschriften an. Ihre Reisen durch den Balkan und ihre Reiseberichte sind legendär. Sie war eine profunde Kennerin der Region und setzte sich in zahlreichen Artikeln in englischen Zeitungen für die Unabhängigkeit Albaniens ein. Noch im Alter von 76 Jahren ging sie 1939 in London auf die Straße, um gegen die Okkupation Albaniens durch Mussolinis Truppen zu demonstrieren.
Christel Dormagen, studierte Anglistik und Germanistik. Sie ist Übersetzerin für angelsächsische Literatur, u. a. von Daphne du Maurier, Rose Tremain, Lucy Foley, Vita Sackville-West, Etel Adnan. Außerdem ist sie als Journalistin für Rundfunk und Printmedien tätig. Christel Dormagen lebt in Berlin.
Susanne Gretter studierte Anglistik, Romanistik und Politische Wissenschaft in Tübingen und Berlin. Sie lebt und arbeitet als Verlagslektorin in Berlin. Sie ist Herausgeberin der Reihe DIE KÜHNE REISENDE.
Edith Durham
Brot, Salz und
unsere Herzen
Durch Albaniens rauen Norden
Aus dem Englischen
von Christel Dormagen
Mit einem Vorwort von Susanne Gretter


Edith Durham (1863–1944)
INHALT
KÖNIGIN DER BERGE
Vorwort von Susanne Gretter
KASTRATI, SKRELI, GRUDA UND HOTI
SELTZE, VUKLI, BOGA, RECHI
PULATI – GHOANNI, PLANI, THETHI
DIE PROKLETIJA, SHALA UND SUMA
DUKAGHINI – DUSHMANI, BERISHA, NIKAI, SHALA
GLOSSAR
KÖNIGIN DER BERGE
Vorwort
Für Bledar Kola
»Es war in Cetinje, im August 1990, als ich erstmals einen
Faden des ›Balkan-Wirrwarrs‹ aufgriff, ohne zu ahnen,
wie tief ich später darin verwickelt sein sollte;
noch weniger kam mir in den Sinn, wie sehr dieser
Wirrwarr schließlich die ganze Welt beeinflussen sollte.«
Edith Durham, 1904
Edith Durham, geboren am 8. April 1863 in London, kam aus einem angesehenen und fortschrittlichen Elternhaus. Der Vater war der Leibarzt von Königin Victoria, die Mutter, eine Schottin, die Tochter von William Ellis, einem Reformpädagogen und Gründer der Birckbeck-Schulen, an denen neben den traditionellen Fächern auch politische Ökonomie unterrichtet wurde. Edith war die Älteste von neun Geschwistern, alle erhielten sie eine hervorragende Ausbildung, auch die Mädchen. Edith, künstlerisch begabt, besuchte zunächst vier Jahre das Bedford College in London und studierte anschließend an der Royal Academy of Art. Ihre Bilder von Reptilien und Fossilien erschienen in The Cambridge Natural History. Sie blieb unverheiratet und lebte im Elternhaus. Als der Vater überraschend 1895 starb, übernahm die 32-Jährige die Pflege der an Tuberkulose erkrankten Mutter. »Die Zukunft, die sich vor mir auftat, bestand aus einer unendlich langen Reihe von Jahren der Monotonie, denen ich unmöglich entrinnen konnte, es war hoffnungslos – vermutlich hätte mir nur noch eine Kugel helfen können.«
Von der Pflege der Mutter erschöpft und inzwischen selbst an Tuberkulose erkrankt, schien die Tochter auf eine handfeste Depression zuzusteuern, und die Ärzte empfahlen dringend einen Orts- und Klimawechsel. Sie fuhr daraufhin aber nicht an die italienische Riviera, wie es »tout London« zu jener Zeit zu tun pflegte, sondern entschied sich für eine Reise in den »Nahen Osten«, wie die Briten die Balkanländer damals nannten.
In Begleitung einer Freundin besteigt sie im August 1900 in Triest einen österreichischen Lloyd-Dampfer, im Gepäck den Baedeker und ein Set mit Malpinseln. Schon unterwegs, schreibt sie später, überkommt sie das Gefühl, »dass das Leben doch der Mühe wert sein könnte, und der Zauber des Nahen Ostens nahm mich gefangen«. In Kotor/Montenegro gingen die Frauen an Land und reisten weiter nach Cetinje, denn »es sei, meinte jeder, Baedeker nicht ausgenommen, geradezu Pflicht, dort hinaufzufahren. Dann konnte man am nächsten Tag wieder herunterfahren und später immer sagen ›Ich habe Montenegro bereist‹.«
Aber Edith Durham kam und blieb. Sie griff einen »Faden des ›Balkan-Wirrwarrs‹« auf, gewann die Herzen der Bewohnerinnen und Bewohner des »Nahen Ostens«, wurde zur Advokatin ihrer Belange und ihres Wunschs nach Unabhängigkeit – und zu einer international anerkannten und einflussreichen Balkan-Expertin. 14 Jahre, bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wird sie Jahr für Jahr in diese brandgefährliche Gegend zurückkehren, wo sich die unterschiedlichsten politischen, ethnischen und kulturellen Interessen immer wieder gewaltsam Bahn brachen – und als Zeitzeugin ihre Erfahrungen und Kenntnisse an die Politiker »zu Hause« weiterreichen und in Zeitungen und Zeitschriften leidenschaftliche Plädoyers halten.
Im Jahr 1900 reist sie durch Montenegro, Bosnien und Herzegowina. Nach London zurückgekehrt, lernt sie Serbisch – später auch Albanisch – und befasst sich intensiv mit der politischen und kulturellen Situation auf dem Balkan. 1901 reist sie nach Albanien, 1902 nach Serbien und Bulgarien, 1903 und 1904 hält sie sich in Mazedonien auf und zieht über Shkodër (früher Skutari) weiter in die abgeschiedenen Dörfer Nordalbaniens – Albanien ist das Land, an das sie ihr Herz verliert und wohin sie immer wieder zurückkehren wird.
Es war um die Mitte des 14. Jahrhunderts, als die Türken begannen, mit Macht nach Europa vorzudringen. Hundert Jahre später hatten sie den gesamten Balkan besetzt und islamisierten ihn fast vollständig.
Als Durham einige Jahrhunderte später mit ihren Expeditionen durch die Balkanländer begann, war die Herrschaft der Osmanen jedoch am Bröckeln. Griechenland hatte sich, noch beschränkt auf ein Teilgebiet des heutigen Griechenlands, von 1821 bis 1829 nach blutigen Kriegsjahren die Unabhängigkeit erkämpft. Nach den Russisch-Türkischen Kriegen 1877/78 zogen sich die osmanischen Truppen aus Serbien, Montenegro und Bulgarien zurück. Bosnien-Herzegowina war 1908 von Österreich-Ungarn annektiert worden. Mazedonien, ein Vielvölkerstaat aus Bulgaren, Serben, Griechen und Albanern wehrte sich 1903 in einem blutigen Aufstand gegen die türkischen Besatzer. Es war jedoch nur der Hass auf die Türken, der sie in der Revolte einte, im Übrigen kämpften die verschiedenen Ethnien und Religionen gegeneinander.
Das politische Machtvakuum, das nach dem sukzessiven Rückzug der Osmanen entstand, versuchten vor allem Russland und Österreich-Ungarn zu füllen.
Andere Mächte schienen vor der unübersichtlichen Gemengelage unterschiedlicher sprachlicher, religiöser und kultureller Gruppen und Nationalitäten zurückzuschrecken.
1912 erklärten Serbien, Griechenland, Bulgarien und Montenegro der Regierung des Osmanischen Reichs (Hohe Pforte) den Krieg und vertrieben die Türken endgültig vom Balkan. Im Anschluss an diesen Ersten brach 1913 sofort der Zweite Balkankrieg aus. Dieses Mal bekämpften sich Serbien, Griechenland, Bulgarien und Montenegro untereinander. Leidtragende dieser Auseinandersetzungen waren vor allem die Albaner, auf deren Kosten die Nachbarländer ihre Territorien erweiterten. Plünderungen durch serbische, montenegrinische und griechische Truppenteile und Freischärler führten zu einem unglaublichen Gemetzel, 200 000 albanische Zivilisten sollen ihm zum Opfer gefallen sein.
Im Mai 1903 erlebte Edith Durham selbst die Zerstörung von Shkodër, der Stadt, die sie so sehr liebte und in die sie bei ihren Reisen immer wieder zurückkehrte, durch montenegrinische Truppen.
Durham betätigt sich als humanitäre Helferin. 1904, nach dem blutigen Aufstand in Mazedonien, bei dem Häuser niedergebrannt, Ernten vernichtet, Zivilisten getötet wurden, versorgt sie die Bevölkerung im Auftrag einer britischen Hilfsorganisation mit Nahrungsmitteln, Kleidern, Medikamenten. Nach den Balkankriegen hilft sie Tausenden von Flüchtlingen. Darüber hinaus arbeitet sie als Kriegsreporterin und Balkankorrespondentin für britische Zeitungen. Sie schickt Petitionen an die britische Regierung und informiert ausländische Diplomaten über die Lage auf dem Balkan.
Lange gehörten ihre Sympathien auch dem serbischen Volk, aber das änderte sich mit dem Zweiten Balkankrieg und den Angriffen der Serben auf die albanischen Nachbarn. Albanien fühlte sich bedroht und von den Großmächten im Stich gelassen. In Edith Durham sahen die Menschen in der Region eine Heilsbringerin. Noch in den entlegensten Regionen setzten die Bewohner ihre Hoffnung auf sie, rechneten mit ihrer Hilfe.
Im Oktober 1913 reist sie nach London, um vor dem britischen Parlament die Lage der Albaner zu erläutern. Dass es am 30. Mai 1913 auf Vermittlung der europäischen Mächte Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Russland, Österreich-Ungarn und Italien zum Londoner Vertrag kommt, mit dem die Unabhängigkeit Albaniens (ausgerufen im November 1912) bestätigt wird, ist eindeutig Edith Durhams Verdienst – jedoch nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.
1914 schreibt sie: »Es gibt noch keine Lösung für den Balkan.«
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrt sie aus Albanien nach England zurück. England hat an der Seite von Serbien und Russland Deutschland den Krieg erklärt, in Albanien ist Edith Durham persona non grata.
In England setzt mit Beginn des Ersten Weltkriegs eine ProSerbien-Stimmung ein. Auf dem Balkan hält Serbien zusammen mit Griechenland, Italien, Frankreich, Montenegro und Österreich-Ungarn bis 1918 Albanien besetzt.
Durham lässt sich davon nicht beirren, mischt sich weiter ein. Denn zwar wird nach dem Ende des Weltkriegs Albaniens Unabhängigkeit auf der Pariser Friedenskonferenz von 1919/1920 anerkannt, aber bis 1921 halten Serben, Kroaten und Slowenen nordalbanische Orte besetzt und boykottieren die Regierung in Tirana. Dem Einsatz Großbritanniens – und damit wohl auch Edith Durhams – ist es zu verdanken, dass die Unabhängigkeit des Landes von der Pariser Konferenz im November 1921 bestätigt wird.
1921 reist Durham noch einmal nach Albanien. Von Durrës fährt sie mit einer Gruppe junger Amerikaner in einem Wagen des Roten Kreuzes nach Tirana. »Mit Fremden ist Albanien nicht mehr Albanien«, schreibt sie in ihr Tagebuch. Und: »Bin müde. Habe das Gefühl, als gäbe es mein Albanien nicht mehr.«
Wenig später heißt es: »Bin überwältigt von der großen Gastfreundschaft. Plötzlich schreiben sie mir alle eine Bedeutung und eine Macht zu, ich kann damit nicht umgehen. Ich habe gehört, dass sie in einigen Städten jetzt sogar Straßen nach mir benennen.«
Noch Jahre später, 1939, da ist sie 76 Jahre alt, demonstriert sie in London auf der Straße gegen die Okkupation Albaniens durch Italien. (1943 werden die Italiener von der deutschen Wehrmacht abgelöst.) Sie ist krank, kann das Haus bald nicht mehr verlassen. Im Januar 1943 notiert sie: »Ich habe den Albanern versprochen, sie in ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit zu unterstützten. Es war ein langer Weg. Einige tapfere Männer, sehr viel jünger als ich, sind auf der Strecke geblieben.«
Am 15. November 1944 stirbt sie in ihrem Haus in London. Im Dezember 1944 ziehen sich die Deutschen aus Albanien zurück. Albanien ist wieder frei. Vorerst. (Am 11. Januar 1946 ruft Ministerpräsident Enver Hoxha die Volksrepublik Albanien aus.)
Ahmet Zogu, von 1925 bis 1928 Präsident Albaniens und von 1928 bis 1939 König der Albaner, würdigt Edith Durham in einem Nachruf:
»Sie hat ihr ganzes Leben Albanien gewidmet. Sie hat uns ihr Herz geschenkt – und die Menschen aus den Bergen haben sie ins Herz geschlossen … Wir Albaner haben – und werden – die englische Lady nie vergessen. In den Bergen, in denen sie sich so gut auskannte, schallt das Echo ihres Todes von Berg zu Berg.«
Edith Durham hat sieben Bücher publiziert, in denen sie über ihre Reisen durch den Balkan berichtet. Ihr erfolgreichstes Buch, das immer wieder nachgedruckt wurde, ist High Albania, das unter dem Titel Brot, Salz und unsre Herzen. Durch Albaniens rauen Norden nun in einer schönen neuen Übersetzung durch Christel Dormagen vorliegt. Es beschreibt ihre Reise durch die Region Malësia e Madhe, die sich vom Skutarisee und von Rjoll im Westen entlang der montenegrinischen Grenze über das Kir-Tal zum Vermosh-Tal erstreckt und im Süden an den Dukagjin mit dem malerischen Thet-Tal grenzt.
Es beginnt mit ihrem Aufbruch in Shkodër am 8. Mai 1908, wohin sie Ende Juli desselben Jahres zurückkehrt. Es gab Gerüchte über eine neue Verfassung, und Durham, vielleicht getrieben von der Hoffnung, dass diese der albanischen Bevölkerung mehr Mitbestimmung bringen könnte, wollte rechtzeitig in der Bezirkshauptstadt zurück sein. Das Dekret, das dort am 2. August bekannt gegeben wurde, sollte den Übergang von einer absoluten zu einer parlamentarischen Monarchie festschreiben – jedoch unter osmanischer Regie, es handelte sich also um reine Augenwischerei.
Der Weg durch die Berge war mühsam, die einzelnen Ortschaften in der zerklüfteten Berglandschaft nur unter größter Anstrengung zu erreichen. Straßen gab es keine. Eselspfade waren wenig hilfreich, wenn sie bis in den Sommer hinein unter meterhohen Schneebergen verschüttet lagen. Das ganze Gebiet war unzugänglich. Auch für die Osmanen, die in dieser Gegend nie Fuß fassen konnten. Aber der »Königin der Berge« war ihr Ruf noch ins hinterste Bergland vorausgeeilt. Die Bergbewohner empfingen die kurzhaarige Frau, die im Herrensattel unterwegs war und ihre Familien, Häuser, Kirchen, Brunnen, Trachten so schön »schreiben« konnte (sie zeichnete sie), mit größter Herzlichkeit. Auch wenn sie nichts hatten, boten sie ihr »Brot, Salz und unsere Herzen«. Durham ihrerseits ging ganz unvoreingenommen auf sie zu und schreckte auch vor »elenden Bruchbuden, ohne Fenster und pechschwarz in den Ecken« nicht zurück, wo »in einer Ecke ein Schaf festgebunden war und ein Schwein frei herumlief«.
Die Zeit schien hier stehen geblieben zu sein. »Christen sind wir, und Christen waren wir seit jeher! Weder können wir unter dem türkischen Gesetz leben. Noch können wir türkische Kleidung anlegen. Wir gehorchen dem Kanun des Leka Dukgjin, dem Gesetz der Berge.«
Der Kanun ist ein mittelalterliches Wertesystem, ein mündlich überlieferter Rechtekatalog, an den sich alle halten. Überwacht wird die Einhaltung von den Hausvorständen der einzelnen Stämme. Gesetzbücher und Richter gibt es nicht. Es gelten das Ehrenwort und die alte Regel, nach der eine Verletzung der Ehre die Blutrache erfordert, und sei es, wie Durham in ihrem Buch drastisch schildert, gegenüber einem Achtjährigen. Das ganze gesellschaftliche Leben regelt der Kanun. »Das Haus des Albaners gehört Gott und dem Gast«, heißt es dort. Allein das Gastrecht konnte das Reisen im Gebirge sichern. Auch das Verhältnis zwischen Frauen und Männern war streng geregelt: Frauen hatten einen Schritt hinter den Männern zu gehen. Eine untreue Frau musste von ihrem Ehemann erschossen werden, die Kugel dafür steckten die Brauteltern ihm schon bei der Vermählung zu. Andererseits konnten Frauen ein Leben als Mann führen, sofern sie, die sogenannten Schwurjungfrauen, vor zwölf (männlichen) Zeugen schworen, bestimmte Regeln einzuhalten. Mit einer solchen Selbstkasteiung setzten sie für sich die gültigen Regeln der täglichen weiblichen Unterwerfung außer Kraft. Diese Frauen, die rauchten, Männerkleider und Waffen trugen, waren berechtigt, Blutrache zu üben.
»In der Wildnis verlangt es mich nie nach Büchern. Sie sind immer langweilig, verglichen mit den Geschichten, die das Leben zwischen den kahlen grauen Felsen inszeniert«, schreibt Durham. Was sie in ihrem Bericht schildert, sind nicht Inszenierungen, sondern wahre Geschichten über Aberglaube, alte Bräuche, Gastfreundschaft, Stammeswesen, Blutfehden, Schwurjungfrauen, Scharmützel zwischen Christen und Moslems und vieles mehr.
Das albanische Hochland, das Durham sich – als erste Ausländerin – Anfang des 20. Jahrhunderts »eroberte«, ist noch immer wild und rau – und wie aus der Zeit gefallen. Wer sich dorthin aufmacht, wird auf seinen Wanderungen eine einzigartig schöne Landschaft kennenlernen, auf die gastfreundlichsten Menschen treffen, den letzten Schwurjungfrauen begegnen und die neuesten Geschichten über Blutrache hören.
Susanne Gretter
Januar 2020
Meiner Schwester Nellie gewidmet
»Oh, wir sind zurück auf dem Balkan,
Wieder im Land von Glück und Schmerz –
Ganz gleich, ob es stinkt oder bläst oder schneit,
Wir sind zurück auf dem Balkan.
Dort wo, wer lebt, schon morgen tot sein kann,
Mit einem Loch im Herzen oder einer Kugel im Kopf –
Dort wo die Leidenschaften hitzig und rot sind –
Oh, wir sind zurück auf dem Balkan!«
Ein Lied vom Balkan
KASTRATI, SKRELI, GRUDA UND HOTI
Es war Freitag, der 8. Mai 1908, und Skutari schlief – selbst die Hunde lagen noch eng zusammengerollt in den Gassen –, als wir zu Fuß in die graue Morgendämmerung aufbrachen und die Stadt absichtlich über die falsche Straße verließen. Der kirijee und die beiden Pferde erwarteten uns draußen vor der Stadt. Und erst jetzt, als wir aufsaßen, begann die Reise tatsächlich für mich.
Es ist ein ganz besonderes Vergnügen, ins Ungewisse hinauszureiten – ein Vergnügen, das sich bei einer zweiten Reise auf derselben Strecke niemals einstellen kann.
Jenseits der Ebene türmten sich in der Ferne malvenfarben die hohen Berge. Wir folgten dem kirijee und lenkten unsere Pferde weg vom holprigen Pfad, ließen sie bis zur Brust in ein Meer aus rosafarbenem, vom Tau weißgrau überzogenem Affodill eintauchen, kämpften uns in einem großen Bogen über Fusha Stojit voran, bis wir das serbische Dorf Vraka erreichten und damit weit jenseits des Gendarmeriepostens waren. Dass diese aufwendige Vorsichtsmaßnahme wirklich nötig war, bezweifle ich allerdings. Ich fand sie wenig angenehm, doch in allen Konsulaten, die ich um Auskunft bat, war mir versichert worden, dass dies die einzige Möglichkeit sei. Sie kostete uns anderthalb Stunden, verschaffte dem kirijee jedoch große Genugtuung und verlieh der Expedition auf jeden Fall ein nahöstliches Flair.
Vraka empfing mich heiter, aber wir hielten uns nicht lange bei den mit Kaurischnecken geschmückten Frauen auf, sondern zogen rasch weiter. Hinter Kopliku, dem Ort eines kleinen muslimischen Stamms, steigt die Ebene an und wird in Teilen felsig. Ihr Name Pustopoj, offensichtlich eine Verballhornung des serbischen pustopolje (wüstenartiges Land), erinnert an vergangene serbische Zeiten.
Hier verlor der kirijee die Orientierung. Anderthalb Stunden lang irrten wir ratlos umher, bis wir auf das trockene Flussbett des Proni Thaat stießen, ihm folgten und zu der Brücke – Ura Zais – gelangten, die ihn überspannt, und schließlich zu einem han.
Weil wir einen Bogen um Ezzad Beys Gendarmerie geschlagen und uns außerdem noch verlaufen hatten, waren wir nicht besonders weit gekommen. Es war inzwischen schon nach zwölf Uhr, und so machten wir Halt für ein Mittagsmahl.
Ein han ist gewöhnlich ein maroder Schuppen, der in England nicht einmal für die Kuh einer besseren Familie gut genug wäre. Sein Fenster ist vergittert, und die hölzerne Klappe, mit der er nachts geschlossen wird, ist über Tag heruntergelassen und bildet so eine Art Brett, auf dem Bewohner und Reisende sich im Schneidersitz niederlassen. Im Innern harren Regale voller Flaschen und ein oder zwei Fässer in der Dunkelheit. Möbel gibt es nicht, und der Fußboden besteht aus Muttererde.
Freunde in der Not gehen hundert auf ein Lot. Reisende schimpfen gern über den »elenden türkischen han«. All seine Unzulänglichkeiten habe ich jedoch längt vergessen und erinnere mich nur noch an die vielen Male, wenn ich dort klatschnass und erschöpft hineinstolperte und er mich wärmte und trocknete und mit Kaffee und rakia zu neuem Leben erweckte. Er hat alles für mich getan, was ihm möglich war – was mehr ist, als sich von sämtlichen vom Baedeker ausgezeichneten Hotels sagen lässt.
Zusammen mit anderen Reisenden, lauter Skreli-Männern, hockten wir unter einer schlichten Pergola aus Ästen. Der lebhafte hanjee plauderte auf Albanisch und Serbisch drauflos. Sein Vorgänger sei vor dreizehn Jahren aus Blutrache erschossen worden – dort, neben dem Weg, liege sein Grab. Das Gespräch drehte sich nun um ghak (Blut). Sie betrachteten es von allen Seiten – von der ernsten bis zur komischen –, vor allem aber aus dem Blickwinkel eines Mannes, bei dem die Blutrache zum Leben gehört.
Und man muss die Blutrache auch unter diesem Gesichtspunkt sehen, um sie zu verstehen. Nicht nur bei Journalisten ist es Mode, von den »gesetzlosen Albanern« zu sprechen. Dabei leidet wahrscheinlich kein anderes Volk in Europa so sehr unter der Tyrannei seiner Gesetze.
Das ungeschriebene Gesetz des Bluts ist für den Albaner das, was die Furie in der griechischen Tragödie ist. Es führt ihn unerbittlich in sein Verhängnis. Der Fluch des Bluts liegt seit dem Tag seiner Geburt über ihm, und er schickt ihn in sein frühes Grab. So selbstverständlich ist ein albanischer Mann an das Schießen oder Erschossenwerden gewöhnt, dass es ihn in seinem Lebensgefühl ebenso wenig stört, wie der Satz »Alle Menschen sind sterblich« dem wohlgenährten Geschäftsmann in Westeuropa den Appetit verdirbt.
Ein Mann, dessen Ehre beschmutzt worden ist, muss sie reinigen. Solange er das nicht getan hat, ist er in den Augen aller entwürdigt – ein von seinen Freunden Ausgestoßener, bei allen Zusammenkünften mit Verachtung Gestrafter. Wenn die Leute ihm schließlich das Glas mit rakia nur noch ganz verstohlen in die Hand drücken, kann er sich nicht mehr bei ihnen sehen lassen, und um seine Ehre wiederherzustellen, tötet er.
Und falls Sie, die Sie dieses Buch lesen, sich entsetzt über die »Sitten der Wilden« äußern sollten, möchte ich Sie daran erinnern, dass wir dasselbe Spiel, nur in sehr viel größerem Maßstab, spielen. Wir nennen es Krieg. Und weder »Blut« noch Krieg lassen sich pauschal verdammen.
Der hanjee erzählte, dass sich vor wenigen Tagen zwei Männer, Blutsfeinde (die er mit Namen nannte), zufällig in seinem han begegnet seien. Da sie in Gesellschaft von Freunden waren und sich unter demselben Dach befanden, gehörte es sich nicht, zu schießen. Sie tranken Kaffee miteinander und wurden einander so sympathisch, dass sie schworen, für sechs Wochen Frieden zu bewahren. Die versammelte Gesellschaft hielt das für einen ausgezeichneten Witz und lachte herzlich.
Nachdem wir unser Rührei mit Scheiben von gebratenem Schafskäse aufgegessen hatten, brachen wir nach Bratoshi in Kastrati Sypermi (oberes Kastrati) auf und betraten schon bald Kastratiland.
Der Pfad wand sich einen Berghang aus nackten grauen Felsen hinauf. Die Pferde, kaum mehr als arme Klepper, waren vollkommen erschöpft und mussten den Rest der Strecke an der Leine geführt werden. Weiter unten lag, wie ein Garten, die fruchtbare Ebene des unteren Kastrati, und der Skutarisee funkelte silbern im Nachmittagslicht. Als wir endlich die Kirche von Bratoshi erreichten, waren wir dreizehn Stunden unterwegs gewesen, und aksham, die Zeit der Abenddämmerung, war vorbei.
Der dort zuständige junge Franziskaner hieß uns sehr herzlich willkommen, und seine bezaubernde alte Mutter wuselte eifrig umher, um das Abendessen vorzubereiten.
Der Name Kastrati soll sich vom lateinischen castrum (Festung) herleiten, was nicht unwahrscheinlich ist, denn die Hauptstraße von Scodra nach Dioclea muss durch das untere Kastrati geführt haben, und man benötigte Wachposten, um sie zu sichern.
Die Stammesangehörigen wiederum erzählen, ihr Name komme von ihrem Helden, George Kastrioti, dem großen Skenderbeg. »Als Skenderbeg starb, saßen wir am Wegesrand und weinten. Der Türke kam vorbei und sagte: ›Warum weint ihr!‹, und wir sagten: ›Wir weinen, weil wir unser Schwert verloren haben!‹ Und er sagte: ›Ich will euer Hauptschwert sein (Sergherdé).‹
Dann las er uns das Sheriat (das türkische Gesetz) vor und sagte: ›Ihr müsst euren Kummer beenden. Legt eure schwarze ghurdi ab (die schwarze, kurze Jacke, die der Tradition zufolge das Trauergewand für George Skenderbeg ist und nach ihm benannt wurde) und zieht die türkische Ghiube an.‹
›Aber‹, sagten wir, ›Christen sind wir, und Christen waren wir seit jeher! Weder können wir unter dem türkischen Gesetz leben. Noch können wir türkische Kleidung anlegen. Wir gehorchen dem Kanun des Lekë Dukagjini.‹ Dann überreichte er uns die Weste, die wir immer noch jelek nennen, und sagte: Je Lek (Ihr seid Lek.) ›Und so kamen wir unter die Türken.‹« Diese kuriose kleine Geschichte mit ihrer fantastischen Etymologie ist höchst interessant, insofern sie Skenderbeg eindeutig mit einem Stamm aus dem Norden verbindet. Denn es ist eher wahrscheinlich, dass er seinen Namen von dem Ort hat, als dass der Ort seinen Namen von ihm hat.
Kastrati besteht aus nur einem bariak mit fünfhundert Häusern und verfügt, wie alle Stammesgemeinschaften, über eine konkrete Herkunftslegende. Danach hat sie ihren Ursprung in dem berühmten kriegerischen Volksstamm, den Drekalovich von Kuchi, die wiederum von den Berisha abstammen, einem der ältesten und traditionsreichsten aller albanischen Stämme. Kuchi liegt seit dem Krieg von 1876–77 politisch innerhalb der montenegrinischen Grenzen. Tatsächlich schloss es sich schon 1835 Montenegro an, widersetzte sich allerdings – zusammen mit Piperi, einem weiteren Stamm mit zumindest teilweise albanischem Blut, – 1845, als Prinz Danilo versuchte, sie zum Steuernzahlen zu zwingen. Die Revolte wurde niedergeschlagen, aber später lehnte Kuchi sich dann doch wieder auf. Montenegro verdankt die nachfolgende Aneignung des Territoriums dem Heldenmut und dem militärischen Geschick von Marko Drekalovich, der sich, nachdem er den Türken von Podgoritza jahrelang das Leben schwer gemacht hatte, nach der Kriegserklärung gegen die Türken mitsamt seiner Sippe den Truppen von Prinz Nikola anschloss, weil er die Türkenherrschaft leid war. Er liegt auf den Höhen von Medun begraben, jener türkischen Festung, die er nach einer heftigen Belagerung eroberte. Sein Name ist sowohl in Albanien wie in Montenegro berühmt.
Die Kuchi sprechen heute vorwiegend (ausschließlich?) Serbisch und sind orthodox. Seit wann sie es sind, weiß ich nicht.
Von Drekalovich kam dann, »vor langer Zeit«, ein gewisser Delti mit seinen sieben Söhnen in das Land Kastrati. Sie bekämpften die Menschen, angeblich Serben, die sie dort vorfanden, erschlugen sie, nahmen ihnen das Land und ließen sich selbst dort nieder. Heute bilden die Abkömmlinge dieser sieben Delti-Söhne die dreihundert Häuser von Kastrati. Die restlichen zweihundert sind gemischter Herkunft. Einige sollen, was zweifellos zutrifft, von den eroberten Serben abstammen. Sie alle sind jetzt Katholiken oder Moslems und sprechen Albanisch, aber die serbischen Namen, insbesondere Popovich, verraten, dass das nicht immer so war.
Einem möglichen Datum am nächsten brachte mich die Information, die Kirche von Gruda, die älteste in Maltsia e madhe, sei 380 Jahre alt und die Kirche von Bratoshi Kastrati – die drittälteste –, sei bald nachdem die Delti sich niederließen, errichtet worden. Diese klare Aussage, die Delti seien vor weniger als 380 Jahren hier angekommen, ist insofern hochinteressant, als sie, anders als die weit verbreitete Skenderbeg-Geschichte, deren Ankunft auf die Zeit nach Skenderbegs Tod (1467) verlegt.
Skenderbegs Herkunft ist in Dunkel gehüllt. Viele Orte reklamieren ihn für sich. Laut jüngsten Forschungen (siehe Ludwig von Pastor: Leben der Päpste und G.F. Hertzberg: Geschichte der Byzantiner und des Osmanischen Reiches) war Skenderbeg slawischer Herkunft, verbrachte sein Leben in den heimischen Bergen und kam zu Ruhm, als er 1444 die Türken bei Debra schlug und Albanien in die Unabhängigkeit führte. Die Geschichte seiner Gefangenschaft unter den Türken ist mythisch. Dufresne du Cange nennt, Flavius Comnenus zitierend, einen gewissen »Constantinus Castriotus, cognomento Meserechus, Aemathiae et Castoriae Princeps« als Skenderbegs Urgroßvater.
Meserechus ist mit Sicherheit das moderne Mazreku, heute eine Kirchengemeinde von Pulati. Und wenn man unter Aemathiae Matija versteht, dann spräche das sehr stark dafür, dass Skenderbegs Vater der Herr von Kroja war, weil Matija kurz hinter Kroja liegt. Diese beiden Namen sowie die Tatsache, dass er Katholik war, verbinden ihn eindeutig mit dem Norden und machen die weitverbreitete Legende, er stamme aus Castoria im Südosten, äußerst unwahrscheinlich.
Wenn die Familie dagegen aus Kastrati stammte, würde die Überlieferung, dass die slawischen Einwohner überwältigt und durch die albanischen Kuchi ersetzt wurden, die Tatsache erklären, dass dort keine andere verbindliche Erzählung über Skenderbeg als die von mir zitierte existiert.
Es ist eine interessante Tatsache, dass in den Adern der meisten gefeierten Führer Nordalbaniens und Montenegros sowohl serbisches als auch albanisches Blut geflossen zu sein scheint.
Ich bin in Kastrati auf Leute gestoßen, die den Tag verfluchten, an dem man der Herrschaft des Stammes, gemischt mit der des Djibal, dem Gesetz der Berge, zugestimmt hatte.
Ich hatte schon im han erfahren, wieso Skutari die Erlaubnis für eine Reise durch die Berge verweigert hatte. Die Stämme von Maltsia e madhe, verärgert über Schahir Bey, den derzeitigen Sergherdé, befanden sich in offenem Widerstand. Ihre Vorwürfe gegen ihn waren zahlreich und bitter, und sie schworen, sie würden seine Herrschaft beenden.
Eigentlich hatte ich einige Tage in Bratoshi bleiben wollen, doch man riet mir dringend, sofort nach Skreli weiterzureisen, wo das Fest der Translation des Stammesheiligen, St. Nikolas, stattfinden und die Stämme sich in ihren prächtigsten Gewändern versammeln würden. Und da alle Welt sich nach Skreli begab, begab auch ich mich nach Skreli. In unserer Reisegesellschaft befand sich ein Kastrati-Mann aus Podgoritza in Montenegro, von wo er vor einigen Jahren wegen der Blutrache geflohen war. Er sprach gut Serbisch und war bester Stimmung, denn die Tatsache, dass er mit dem Besuch des Fests sein Leben riskierte, verlieh seinem Ausflug offenbar die besondere Würze.