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David Poppen

Animalische Hexen

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Österreich, Tirol,

Gemeinde Stans im Bezirk Schwaz

Dichter Nebel zog durch die schmalen Gassen der Gemeinde Stans in Tirol. Das düsterte Licht der Straßenbeleuchtung schimmerte in den kleinen Rinnsalen, die sich durch den kurzen, aber heftigen Platzregen gebildet hatten. Unaufhörlich suchte sich das kühle Nass seinen Weg in den Untergrund.

Die Straßen waren wie ausgestorben. Die Menschen blieben lieber in ihren warmen Häusern, keiner wollte bei diesem nasskalten düsteren Wetter noch unterwegs sein. Selbst die streunenden Hunde und Katzen hatten sich in ihre Löcher verkrochen und wagten sich nicht wieder heraus.

Die achtzehnjährige Anna Moser kuschelte sich gerade unter die warme Decke ihres Bettes. Sie hörte die dumpfen Glockenschläge der Kirche, es schlug Mitternacht.

Steh auf, es ist so weit.

Anna öffnete ihre Augen und blickte sich in ihrer dunklen Schlafkammer um. Woher kam diese Stimme? Ihre Eltern schliefen einen Stock tiefer, konnten es nicht gewesen sein. Sie schloss ihre Augen, versuchte sich schöne Dinge vorzustellen. In diesem Sommer hatte sie die Matura bestanden und wollte ab dem Herbst an der Universität Innsbruck Biologie und Umweltkunde studieren.

Steh auf Anna, wir warten auf dich.

Sie setzte sich auf und schlug die Bettdecke zur Seite. Bildete sie sich diese Stimme nur ein? Sie erhob sich und trat an das Fenster. Das Mädchen erkannte durch den Nebel nur die Umrisse der gegenüber liegenden Häuser. Sie blickte zum Himmel und suchte den schwarzen Neumond, konnte aufgrund des bewölkten Himmels jedoch nichts erkennen.

Mit ihrer linken Hand strich sie eine Strähne ihrer langen dunkelbrauen Haare aus dem Gesicht. Sie drehte sich um, stellte sich vor die verspiegelte Schranktür in ihrer Schlafkammer. Ihr starrender Blick, mit den leblosen Pupillen betrachtete ihr Spiegelbild. Vor ihr stand ein schlankes Mädchen mit langen dunkelbraunen Haaren. Dieses Mädchen trug nur ein weißes, knielanges Nachthemd.

Wer war das Mädchen, fragte sich Anna verwirrt, ohne sich selbst zu erkennen.

Komm Anna, wir sind bereit.

Sie nickte mechanisch mit dem Kopf, verließ ihr Schlafgemach, schritt langsam die knarzende Treppe herunter und verließ ihr Elternhaus.

Ihre nackten Füße bewegten sich mechanisch vorwärts. Sie wirkte wie ein Roboter, der durch eine Fernbedienung von einer anderen Person gelenkt wurde.

Sie schritt durch den dichten Nebel. Ihr keuchender Atem hinterließ kleine weiße Dampfwölkchen in der Luft. Sie brauchte keine Orientierung, eine unheimliche Macht lenkte ihre Schritte.

Sie verließ den kleinen Ort Stans und erreichte einen schmalen Waldweg. Anna wusste weder, was sie in diesen Wald verschlagen hatte, noch wer ihre Schritte lenkte.

Plötzlich verhedderte sie sich in einem Dornengestrüpp und fiel der Länge nach hin. Ein scharfer Schmerz bohrte sich durch ihr linkes Bein und ließ sie vor Schreck aufschreien. Durch die Wunde an ihrem Oberschenkel tropfte ihr Blut auf den Waldboden. Ohne darauf zu achten richtete sie sich wieder auf und ging weiter.

Sie wurde von etwas angezogen, wie ein Stück Metall von einem Magneten. Durch den dichten Nebel erkannte sie schemenhaft eine beleuchtete Lichtung. Das Licht wurde durch eine Vielzahl brennender Fackeln erzeugt, die in einem kreisförmigen Muster im Waldboden steckten.

Anna trat zwischen den Bäumen hervor und blickte auf eine Gruppe Frauen, die auf der Erde knieten und ein unheimliches Lied sangen.

Alles fühlte sich richtig an, sie wollte hier sein und spürte keine Furcht.

Sie schritt durch den Kreis der knienden Frauen. In der Mitte befand sich ein Erdhaufen, etwa in der Größe eines menschlichen Grabes.

Anna stellte sich direkt vor diesen Erdhaufen und schloss ihre Augen. Die Kälte kroch unter ihr dünnes Nachthemd und verursachte eine Gänsehaut. Eine der Frauen erhob sich und trat hinter das Mädchen.

Es war eine große schwarzhaarige Frau mit einer machtvollen Präsenz. Sie trug einen schwarzen Umhang und hielt einen silbern glänzenden Dolch in ihrer rechten Hand.

„Wir haben dich bereits erwartet“, flüsterte die Schwarzhaarige.

Anna erkannte die Stimme wieder. Es war eindeutig die Stimme, die vor wenigen Augenblicken in ihrem Schlafzimmer zu ihr gesprochen hatte.

Die Frau öffnete die Knöpfe von Annas Nachthemd. Der Stoff glitt langsam auf den Boden und entblößte den nackten Körper des jungen Mädchens.

„Du bist wunderschön, kleine Anna aus Stans“, flüsterte die unheimliche Frau.

Sie trat hinter das junge Mädchen, umfasste sie mit ihren Armen und streichelte über die Rundungen der Brust. Der Atem von Anna beschleunigte sich unbewusst. Die streichelnden Hände der Frau fühlten sich richtig an.

„Wir danken dir für dein Opfer“, flüsterte die Schwarzhaarige zärtlich.

Anna wusste von keinem Opfer, wollte auch nicht nachfragen. Sie wollte einfach nur die streichelnde Hand der Frau auf ihrem Körper genießen. Die Fingerkuppen wanderten massierend über den flachen Bauch. Die streichelnde Hand erreichte den dichten Busch ihres braunen Schamhaares. Anna öffnete unbewusst ihre Schenkel um die fremde Frau willkommen zu heißen. Die Finger suchten sich den Weg zwischen die feuchten Schamlippen.

Anna begann leise zu stöhnen, als der Finger in ihre Scheide drang. Sie spürte, wie ihr Lustzentrum Feuchtigkeit und Wärme produzierte.

Außer dem Stöhnen des jungen Mädchens waren auf der Waldlichtung keinerlei Geräusche zu hören. Alles geschah in völliger Stille, sogar das Rauschen des Windes hatte aufgehört.

Die anderen Frauen begannen wieder zu singen. Sie reckten ihre Arme dem schwarzen Himmel entgegen. Es klang anfangs wie ein merkwürdiges Gemurmel, steigerte aber stetig die Lautstärke und Dringlichkeit.

Der Finger in Annas Lustzentrum bewegte sich immer schneller. Das Mädchen konnte bereits den nahenden Höhepunkt spüren. Sie schloss ihre Augen und sah leuchtende Sterne.

„Du bist jetzt soweit“, flüsterte die Schwarzhaarige, zog ihren Finger aus Annas Vagina. Sie reichte dem nackten Mädchen den silbernen Dolch, trat zurück und kniete sich neben die anderen Frauen auf den Waldboden.

Anna wusste was sie zu tun hatte. Jede ihrer Bewegungen führte sie mechanisch und gesteuert aus.

Sie kniete sich auf den Erdhügel, setzte den Dolch an ihrem linken Arm an. Mit einem sicheren Schnitt öffnete sie die Haut an ihrem Unterarm. Aus der tiefen Wunde floss ihr Blut. Sie legte sich mit dem Bauch flach auf den Erdhügel und presste den blutenden Arm in die Erde. Ihr Blut floss aus ihrem Körper und versickerte direkt in dem Erdhaufen.

Anna schloss ihre Augen. Sie spürte, wie die Lebensenergie ihren Körper verließ.

Aber es war richtig so!

Der Gesang der Frauen wurde immer lauter und hysterischer. Es entstand ein anschwellendes tiefes Grollen.

Der Erdhaufen hob sich. Was zum Vorschein kam, war eine Hand.

Die Hand eines Toten!

Gespenstisches Licht entstand über dem Grab. Die Luft war von wispernden Stimmen erfüllt. Die Hand streichelte über den nackten Körper von Anna. Sie fühlte sich kalt und leblos an. Das Mädchen spürte wie die Hand durch die Haut über ihrem Brustkorb in das Innere ihres Körpers drang. Die Finger des Toten suchten nach ihrem schlagenden Herzen.

Anna spürte tiefe Glücksgefühle durch ihren Körper jagen, als die fremde Hand ihr schlagendes Herz umgriff. Ihr pochendes Organ wurde langsam aus ihrem Körper gezogen und verschwand in dem unter ihr befindlichen Grabhügel.

Anna überlegte gerade, wie sie dem Professor an der Universität Innsbruck erklären sollte, dass der menschliche Körper auch ohne Herz weiterleben kann. Denn sie lebte noch. Oder war sie bereits tot?

Unter ihr entstand ein starkes Beben. Der Grabhügel öffnete sich und schleuderte die Erde einige Meter auf die Lichtung.

Aus dem geöffneten Grab trat eine gebeugte Gestalt. Der Tote sah grässlich aus. Jetzt schlug er die Augen auf.

Anstelle normaler Augäpfel waren zwei taubeneigroße, glutrote Steine zu sehen. Jedenfalls wirkte es so. Dumpfe Laute drangen aus seiner Brust, als er den Mund öffnete.

Seine Augen suchten die Lichtung ab. Als er die liegende Anna fand, kniete er sich neben das Mädchen. Seine knochige Hand drang erneut in ihren Brustkorb ein. Er wühlte zwischen ihren Organen, bis er fand, was er suchte. Die Hand verließ ihren Körper. Sie hielt eine leuchtende Kugel zwischen den Finger. Der Glanz dieser durchschimmernden Kugel schien die Lichtung zu erhellen. Der Tote öffnete seinen Mund, legte seine Beute auf die Zunge und schluckte sie herunter. Dann richtete er sich grollend auf. Sein zerfressener Körper begann sich zu regenerieren. Doch bekam er kein frisches Aussehen, sondern die Farbe von Fleisch, dass in Salz konserviert worden war.

Die Frau mit den langen schwarzen Haaren stand auf und verbeugte sich vor dem Untoten. Sie murmelte voller Ergebenheit: „Willkommen im Reich der Lebenden, Meister!“

Der Tote hatte sich zwischenzeitlich in einen großen, starken Mann verwandelt. Er hatte lange schwarze Haare und stechend grüne Augen.

„Lange Zeit war ich im Limbus Cognitionem Potentiae gefangen“, seine Worte strengten ihn sichtlich an. „Du, Hexe, hast es mir ermöglicht, wieder Kontakt mit dem Dasein zu bekommen.“

Mit gebrechlichen Schritten umkreiste er die dunkelhaarige Hexe. Er ballte die bleichen, kalten Hände zu Fäusten.

„Wo sind wir? Wie ist dein Name?“

Die schwarzhaarige Hexe betrachtete bewundernd den wiedergeborenen Leichnam und antwortete:

„Wir befinden uns in Österreich, Meister. Nur wenige Meter vom Kloster St. Georgenberg, dem Hauptsitz unserer Sekte, entfernt. Mein Name ist Angéle de la Barthe. Ich wurde im Jahr 1275 wegen Unzucht mit dem Teufel verbrannt. Unser Fürst, Asmodeus Asmoday Aschmoday, schickte mich im Jahr 1445 mit dem Bakterium Yersinia pestis auf die Erde zurück. Ich brachte die Pest über die Menschen, so dass ich ungestört unsere Sekte aufbauen konnte. Wir haben auf Sie gewartet, Meister, denn wir brauchen Ihre Führung und Hilfe.“

Der Tote nickte langsam mit seinem Kopf.

„Bring mich in das Kloster. Ich muss mich ausruhen und zu Kräften kommen. Dafür brauche ich die Lebensenergie von Menschen.“

Er drehte sich um und schritt, begleitet von der Schwarzhaarigen, in Richtung Kloster St. Georgenberg.

Anna hatte alles bewusst erlebt. Ihr Körper schien nur noch aus Schmerz zu bestehen. Sie sehnte sich nur noch den Tod herbei.

Diese Pein war unerträglich.

Sie spürte, wie ein Schwall Blut aus ihrer Nase lief.

Die anderen Frauen hatten sich zwischenzeitlich erhoben und blickten gierig auf die liegende Anna herab. Wie ein Rudel hungriger Hyänen fielen die Hexen über das Mädchen her.

Anna konnte spüren, wie die Frauen an ihren Gliedern zerrten und rissen.

Sie schien mittlerweile über ihrem Körper zu schweben. Wie durch eine Nebelwand konnte sie ihren liegenden, geschundenen Körper erkennen. Sie sah, wie die Hexen Stücke aus ihrem Fleisch rissen und in ihre gierigen Mäuler stopften.

Dann versank die junge Anna in tiefer Finsternis.

Alles wurde schwarz.

Die dunkle Zeit hatte begonnen!

2

Der Wald lag in tiefer Ruhe.

Im Unterholz war das Knacken von Zweigen zu hören. Kleine Tiere huschten auf der Jagd nach Beute zwischen den Bäumen herum.

Doch das war nicht das Einzige, was sich zu dieser späten Stunde im Wald und der näheren Umgebung aufhielt.

„Aber das ist doch wahnsinnig. Hör auf mit dem Mist!“

Die Stille der Natur wurde von menschlichen Stimmen unterbrochen.

„Erzähl du mir nicht, was Wahnsinn ist und was nicht. Ich gehe und versuche mein Glück. Du kannst ja weiter für deinen Vater in der Bäckerei arbeiten. Aber komm mir nicht an und bettle bei mir, wenn ich zurückkomme und reich bin.“

„Das ist es ja gerade, was ich versuche dir zu erklären. Du wirst nicht zurückkommen. Jedenfalls nicht lebend. Die Leute ...“

„Pah! Was interessieren mich die Leute? Sollen sie doch reden. Über mich werden sie bald reden. Über mich und mein Geld, dass ich bald besitzen werde. Ich werde mir alles kaufen können, was ich will. Merk dir das.“

Der achtzehnjährige Toni blickte seinen Freund traurig an. Jedenfalls hatte er bis vor wenigen Augenblicken geglaubt, dass Hannes sein Freund gewesen sei. Nun war er anderer Meinung. Er wollte seinem Freund beistehen und ihn mit Worten dazu bewegen, sich die ganze Angelegenheit noch einmal gründlich durch den Kopf gehen zu lassen und die Finger von der Sache zu lassen.

„Sie werden dich umbringen, Hannes! So wie sie alle umgebracht haben, die versucht haben, auch nur in die Nähe des Klosters zu kommen. Was meinst du wohl, warum die Leute nur hinter vorgehaltener Hand über die Sekte reden? Kein Mensch, der auch nur einen winzigen Funken Verstand besitzt, würde seinen Fuß freiwillig in das Kloster setzen.“

„Na, umso besser. Wenn vor mir noch niemand da war, dann bleiben noch mehr von den Schätzen für mich, ha!“

Der junge Toni blickte seinen Freund traurig an.

„Hannes, sei doch vernünftig. Du wirst nichts von all den Schätzen haben, wenn sie dich umbringen. Ich glaube auch nicht, dass im alten Kloster überhaupt Schätze sind. Die Mönche hätten bei ihrem Auszug doch alles mitgenommen. Denk doch mal nach!“

Verächtlich schnaufte Hannes aus, schüttelte mit dem Kopf und ging weiter.

„Ich weiß, dass dort ein Schatz versteckt ist. Geh du zurück nach Jenbach. Morgen früh komme ich dich in der Bäckerei besuchen.“

Mit großen Schritten verschwand Hannes im dunklen Wald. Er war nur noch zwei Kilometer vom Kloster St. Georgenberg entfernt.

„Hannes, komm zurück!“

Die Worte von Toni verklangen in der Dunkelheit, die mit jeder Sekunde mehr von der Gestalt seines Freundes verschluckte. Bis er schließlich ganz verschwunden war.

Traurig wandte sich Toni um und ging mit hängenden Schultern und im Schutz der Dunkelheit zurück nach Jenbach. Bei der elterlichen Bäckerei angekommen, kroch er durch ein Kellerfenster zurück in das Haus. Sein letzter Gedanke galt seinem Freund Hannes, bevor ein einschlief.

Der neunzehnjährige Hannes, Sohn vom Gastwirt in Jenbach, bewegte sich langsam durch den dunklen Wald in Richtung Wolfsklamm.

Soll er doch zweifeln, sprach Hannes leise mit sich selbst, wohl auch, um sich im dunklen Wald Mut zuzusprechen. Wenn ich aus dem Kloster zurück bin, werde ich in aller Munde sein!

Der Weg schien, mit jedem Meter den er voranschritt, steiler zu werden. Prustend blieb der junge Mann einen Moment hinter einem Gebüsch hocken um zu verschnaufen. Von hier aus hatte er einen großartigen Blick über die kleine Gemeinde Stans, die vom Licht des Mondes erhellt wurde.

Wenig später erreichte er die Rückseite des Klosters.

Er drückte sich geräuschlos an die Hauswand, lauschte und konnte Menschen in dem alten Gemäuer hören. Er schloss seine Augen und sah Bilder von unermesslichem Reichtum. Zwischen all dem Gold, Schmuck und Edelsteinen war er, Hannes, der Gastwirtssohn aus Jenbach.

Er öffnete wieder seine Augen und suchte die nähere Umgebung ab. Was mochte sich hinter den dicken Klostermauern abspielen. Ihm kamen plötzlich die Geschichten über die Sekte und dessen Gräueltaten in den Sinn.

Waren sie wahr?

Oder waren es nur Mythen, die sich im Laufe der Zeit immer tiefer in den Köpfen der Dorfbewohner eingenistet hatten?

Wie dem auch sein mochte, er konnte sich eines eisigen Schauders nicht erwehren, der ihm über den Rücken kroch.

Langsam schob er sich mit dem Rücken an der Wand entlang und horchte auf Geräusche. Er konnte leise Stimmen hinter einer geschlossenen Tür hören. Leise kroch er unter Fenstern vorbei, aus denen ein flackerndes gelbes Licht auf den Hof schien. Eine Kerze oder Laterne vielleicht.

Er schlich sich gebückt und ohne den geringsten Laut zu verursachen auf eine schmale Treppe zu, die nach unten in das Kellergeschoss führte.

Immer noch geduckt und leise atmend, erreichte er den oberen Rand der Treppe. Hannes hielt den Atem an und lauschte.

Nichts war zu hören. Langsam schritt er die Treppenstufen nach unten.

Er war stolz auf sich, hatte es fast geschafft unbemerkt in das Kloster zu gelangen.

Wenige Augenblicke später erreichte er das untere Ende der Treppe. Behutsam legte er seine Finger um den Knauf der schweren Holztür. Das Metall fühlte sich seltsam warm an, aber das konnte nicht möglich sein. Seine Gedanken schienen ihm einen Streich spielen zu wollen, er zwang sich zur Ruhe. Die Tür ließ sich ohne den geringsten Laut öffnen.

Er betrat einen düsteren Kellerraum, blickte sich vorsichtig um, konnte aber niemanden sehen oder hören. Der Raum war nicht besonders groß und spärlich eingerichtet. Mit drei Schritten hatte er ihn durchquert, öffnete die Kellertür und betrat einen Flur.

Wohin sollte er nun gehen?

Von hier aus gab es mehrere Möglichkeiten weiter zu gehen. Er tat das, was er immer tat, er schloss die Augen und vertraute auf seine innere Stimme. Im Augenblick hatte er das Gefühl, sie würde seinem Freund Toni gehören und dieser würde ihm warnend zurufen wieder umzukehren, so lange er noch die Gelegenheit dazu besaß.

Nein, jetzt ist es zu spät. Ich werde weiter gehen. Egal was kommen mag, sprach er tonlos zu sich selbst.

Sein Gefühl führte ihn durch eine Unzahl von Gängen und Fluren. An den Wänden hingen Fackeln, deren Licht den Flur unheimlich beleuchtete.

Überall standen kleinere wertvolle Gegenstände herum, die er, soweit er sie für wertvoll erachtete, in seinem Rucksack verschwinden ließ.

Kurze Zeit später hatte sich sein Rucksack bereits mit einer nicht zu verachtenden Menge von Schätzen gefüllt.

Dann stand er vor einer verschlossenen Tür, die sich von den anderen unterschied. Diese hier war wesentlich größer und erweckte den Anschein, unüberwindlich zu sein. Dicke Bolzen waren in das Holz geschlagen worden um es mit eisernen Banden zu verstärken. War hinter dieser schweren Tür der gewaltige Schatz den er suchte?

Er stellte den Rucksack mit einem klirrenden Geräusch auf den Boden.

Plötzlich bekam er ein ungutes Gefühl. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn und kalte Schauer krochen seinen Rücken hinab.

Das Licht der Fackeln war vor dieser schweren Tür nicht so gelb und matt wie es bisher war. Täuschte er sich, oder hatten die Flammenzungen der Fackeln hier eine grünliche Färbung?

Er lehnte sich mit den Schultern an die Wand und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Nein, er täuschte sich nicht. Es war so.

Die Fackeln brannten grün!

Was war hinter dieser gewaltigen Tür?

Plötzlich hörte er eine unheimliche, geisterhafte Stimme:

Na, was ist? Willst du nicht wissen, welche Schätze sich hinter der Tür verbergen?

Erschrocken drehte sich Hannes um, stieß mit dem Fuß an den Rucksack und strauchelte. Es gelang ihm nicht mehr seinen Fall zu verhindern. Scheppernd fiel er bäuchlings über den Rucksack, wobei sich ein spitzer Gegenstand schmerzhaft zwischen die Rippen bohrte. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihn, während er sich mühsam auf den Rücken rollte und mit der Hand seine Seite betastete. Er blutete nicht, dennoch war es schmerzlich. Ein Windhauch durchflutete den Gang und ließ die Flammen unruhig hin und her tanzen.

Wieder erklang diese unheimliche Stimme:

Hannes aus Jenbach. Wir warten auf dich!

Was war das? Wer rief ihn hier?

„Toni? Bist du es? Bist du mir gefolgt?“

Er traute es seinem Freund zu, dass er auf eine andere Art hierher gelangt war. „Toni?“

Keine Antwort. Woher war diese Stimme gekommen?

Er bekam es mit der Angst zu tun und versuchte mühsam auf die Füße zu kommen. Mit einem leisen Quietschen öffnete sich die gewaltige Holztür einen kleinen Spalt. Nicht sehr viel, aber genug um Licht und Bewegungen dahinter erkennen zu können.

Verflucht, ich bin nicht so weit gekommen um nun kurz vor dem Ziel die Flucht zu ergreifen, sprach er erneut zu sich selbst.

War dies die Schatzkammer?

Sein Herz schlug schneller, seine Gier auf den Schatz stieg. Er blickte auf seinen Rucksack und erkannte, dass in diesem noch Platz war.

Mit schmerzverzehrtem Gesicht griff er nach dem Rucksack und warf ihn sich über die Schulter.

Er drückte gegen die schwere Tür. Es kostete ihn mehr Mühe als er erwartet hatte, um den Flügel so weit zu öffnen, dass er hindurch passte.

Er betrat den Raum.

Was er hier erblickte, ließ ihm den Atem stocken!

„Sei gegrüßt, Hannes aus Jenbach.“

Ein Schlag mit einem Hammer direkt in den Magen hätte nicht härter sein können. Polternd schlug das Portal hinter ihm zu. Hannes hörte das metallische Klicken eines Schlüssels, der in einem Schloss gedreht wurde.

Nun bekam er es wirklich mit der Angst zu tun und sein Rucksack krachte erneut auf den Steinboden.

Doch auch dieser Boden unterschied sich von dem der Gänge draußen. Es war ein tiefschwarzer Granitboden, in dem filigrane Muster aus bunten Steinen und Glassplittern eingearbeitet waren.

Vorherrschende Farben waren rot und schwarz.

Seltsame goldene Symbole und Runen waren in kreisförmigen Mustern angeordnet. Sie alle trafen sich sternförmig in der Mitte des großen Raumes.

Raum? Das war untertrieben!

Es war eine Halle, mächtiger und höher als jede Kirche, die er bis heute zu Gesicht bekommen hatte. Säulen säumten die Wände rechts und links des Portals. Hannes zählte mindestens fünf Kamine, vier kleine in den Wänden und einen großen an der entfernten Wand ihm gegenüber.

Fenster schien es keine zu geben.

Große Körbe mit Holz für die Kamine standen überall herum. Das Zentrum der Halle, dort wo die Schlangenmuster ihren Ursprung hatten, standen sieben kunstvoll verzierte Stühle.

Auf jedem saß eine junge, bildschöne Frau!

Hannes glaubte zu träumen.

Unmerklich zwickte er sich mit der linken Hand in den Oberschenkel. Aber es war real.

„Wer seid ihr?“ fragte Hannes mit einem leichten Zittern in seiner Stimme.

„Oh, ich denke, diese Frage sollten wir dir stellen, meinst du nicht?“ antwortete eine wunderschöne Frau mit langen schwarzen Haaren.

Die anderen Frauen blickten ihn kalt und ausdruckslos an.

Plötzlich stieg wieder dieses Gefühl von Unbehagen in ihm auf. Hinter seiner Stirn schien jemand eine gigantische Glocke zu läuten.

Etwas stimmte hier eindeutig nicht! War er erwartet worden?

Er blickte sich um und suchte nach einem Fluchtweg. In den letzten Sekunden waren ihm die Schätze in seinem Rucksack, sowie die, die er hier zu finden geglaubt hatte, völlig egal geworden.

„Oh, unser Gast scheint sich nicht wohl zu fühlen“, spöttelte die dunkelhaarige Schönheit.

Plötzlich wurde es Hannes schwindlig. Alles um ihn herum begann sich zu drehen und in einem Strudel aus Farben und Lauten zu verschwimmen. Ihm wurde übel und er hatte das Gefühl, nicht mehr der Herr seines Körpers zu sein.

„Ergreift ihn, bindet ihn und lasst uns beginnen.“ befahl die Frau mit einer dominanten Stimme.

Hannes sah verschwommen wie der linke Arm der Rednerin nach vorne schnellte und auf ihn deutete. Er glaubte, so etwas wie blaue Blitze zwischen ihren Fingern zu erkennen, als er an Armen und Beinen gepackt wurde. Stechende Schmerzen loderten in seinem Körper auf, da wo ihn die feingliedrigen Finger der Frauen ergriffen. Nie zuvor gekannte Schmerzen schienen seinen Körper zu entflammen.

Er schrie seine Qualen hinaus. Dann tauchte er in tiefe Dunkelheit.

„Erwache.“

Sein Schädel schmerzte entsetzlich. Als er mit der Zunge über seine Lippen fahren wollte, hatte er alle Mühe diese überhaupt unter seine Gewalt zu bekommen. Ein widerwärtiger Geschmack erfüllte seine Mundhöhle, als habe er große Mengen Galle zu sich genommen.

Nur sehr langsam konnte er die Augen öffnen. Erkennen konnte er gar nichts. Und jetzt verstand er auch warum.

Man hatte ihm einen Sack über den Kopf gezogen!

Als er eine Hand heben wollte, um sich dieser Kapuze zu entledigen, konnte er es nicht. Eiserne Ketten banden ihn an einer harten Unterlage fest. Gemurmel und leises Lachen war zu hören. Er konnte fühlen, dass sich mehrere Personen in seiner unmittelbaren Umgebung eingefunden hatten.

„Wer ist da? Toni? Du? Hilf mir, bitte“, jammerte Hannes.

Mit einem Ruck wurde ihm die Kapuze vom Kopf gerissen. Allerdings so grob und unbeherrscht, dass sein Kopf auf hartem Stein aufschlug und ihm die Sinne zu schwinden drohten.

Was er dann jedoch erblickte, raubte ihm den Atem!

Sechs der bildhübschen jungen Frauen hatten sich um ihn gescharrt und stierten mit einer Mischung aus Lüsternheit und absoluter Mordlust auf ihn hinab. Sie trugen durchsichtige Gewänder, durch die Hannes ihre Körperformen erkennen konnte. Fließende, transparente Stoffe umhüllten ihre anmutig wirkenden Körper. Glänzende Lederbeschläge hielten den Schambereich bedeckt und zogen sich in schmalen Streifen über die dekolletierte Brustpartie. Ein nachtschwarzer Umhang wand sich über den Rücken und floss gefächert auf dem Boden auseinander.

„Was habt ihr vor?“ fragte Hannes voller Angst.

Er begann an seinen Ketten zu zerren und versuchte die Füße aus den eisernen Fesseln zu winden. Nichts half. Was geschah mit ihm?

Waren alle Geschichten wahr und würde auch er sein Ende hier finden? Das durfte nicht sein!

Plötzlich trat die dunkelhaarige Schönheit neben ihn. Sie lächelte ihn kalt an, nachdem sie ihre Kapuze zurückgeschlagen hatte. Auch sie trug ein ähnliches Gewand wie die anderen Frauen. Nur mit dem Unterschied, dass alles an ihr schwarz war. Glänzende Metallspangen in der Form von Totenschädeln hielten ihren schweren Umhang an den Schultern fest. Ein schmaler, tiefschwarzer Stahlpanzer bedeckte den Bereich des Bauches und der Taille. Ihre Brüste waren durch den schimmernden schwarzen Stoff zu erahnen. Die Füße steckten in polierten und ebenfalls schwarzen Schaftstiefeln. Alles an dieser Frau schien perfekt auf ihren Körper abgestimmt und gefertigt worden zu sein. Ihre Haut war von makelloser weißer Farbe. Hannes musste an Marmor denken. Doch sie strahlte etwas Anderes, etwas Fremdes und Feindliches aus.

Ihm schauderte, als er ihr in die Augen blickte.

„Was habt ihr mit mir vor? Lasst mich doch frei, ich habe alle Sachen in meinem Rucksack. Ich wollte nichts stehlen. Bitte tötet mich nicht.“

Die Frau lächelte. Ein diabolisches Grinsen ohne jegliche Art von Emotion.

„Hört ihr? Er will, dass wir ihn verschonen“, sprach die Frau mit einem ironischen Ton in ihrer Stimme.

Die anderen Frauen antworteten mit einem lauten Gelächter und rückten ein Stück näher zu Hannes. Einige senkten gar ihre Schultern, als würden sie ihn beschnuppern wollen.

Ruckartig zuckte er seinen Kopf hin und her, während er mit Händen und Füßen versuchte, den Fesseln zu entrinnen.

Nichts tat sich!

Einen Augenblick hatte er sogar geglaubt, spitze Fangzähne hinter den zierlichen Lippen zu erkennen.

Glomm ein rotes Leuchten in ihren Augen?

„Was habt ihr vor? Nein, nicht!“ schrie Hannes voller Furcht.

„Tschhh, keine Angst kleiner Hannes aus Jenbach. Wir werden dich nicht töten. Stimmt’s?“ fragte die dunkelhaarige Frau in die Runde.

„Natürlich. Tot nützt er uns nichts“, antwortete eine andere Frau.

„Nein? Wirklich nicht?“ fragte Hannes erleichtert.

„Nein, werden wir nicht. Aber wir werden dir etwas anderes zu Teil werden lassen. Etwas, das unzählige Male schlimmer ist als der Tod.“

Wieder fielen alle in ein gehässiges Gelächter.

Was hatte er da herauf beschworen? Was hatten diese Hexen mit ihm vor. Hexen? Ihm fiel nichts anderes ein als diese Bezeichnung.

Er begann zu schreien. Panik kam in ihm hoch und seine Augen füllten sich mit Tränen.

Plötzlich hob die schwarzhaarige Frau ihre Hände vor die Brust. Sie hatte beide Ellenbogen und die Handflächen aneinander gelegt und hob sie langsam höher. Blaue Blitze ringelten sich um ihre Handgelenke. Ein greller Ball aus weißem Licht umhüllte ihre Hände

Hannes schrie aus Leibeskräften!

Die übrigen Hexen waren ein Stück zurückgewichen. Wie Raubtiere, die bereit waren, ihre Beute zu reißen, waren sie in den Knien eingeknickt und angespannt. Und nun konnte er es mit Gewissheit erkennen. Seine Phantasie hatte ihm keinen Streich gespielt.

Die Frauen besaßen Reißzähne!

Aber da war noch etwas. Eine unheimliche Verwandlung hatte Einzug gehalten. Einige der bis vor wenigen Momenten noch wunderschön anzusehenden Frauen waren auf grässliche Art und Weise entstellt.

Ihnen hing das Fleisch in Fetzen vom Gesicht und die Augen hatten sich tief in ihre Höhlen zurückgezogen. Bei anderen waren die Augen nichts weiter als farblose weiße Kugeln, die ihn trotzdem auf grausame Weise fixierten. Ein übel riechender Gestank machte sich breit. Unerträglich kroch er in seine Lungen. Der Geruch schien seinen Körper in Brand zu setzen.

Der Ketten zum Trotz bäumte sich der junge Mann auf, bildete einen fleischgewordenen Bogen auf dem steinernen Opferaltar. Aber er konnte sich nicht bewegen. die Fesselung war zu fest.

Immer noch hielt die dunkelhaarige Hexe die Hände in die Höhe.

Blitze züngelten zwischen ihren gespreizten Fingern hervor, schossen wie lebende Schlangen durch den Raum. Rauch und Gestank erfüllten weiter seine Lungen. Ein Knistern und Prasseln drang an sein Gehör. Von innen heraus schien sein Körper der Hitze des Fegefeuers zum Opfer gefallen zu sein.

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9783738063738
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