Czytaj książkę: «Gut vernetzt oder abgehängt?»

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Lange Leben leben | Altern gestalten

Wissen – Positionen – Impulse

Herausgegeben von Hans-Werner Wahl, Hans Förstl, Ines Himmelsbach und Elisabeth Wacker

Eine Übersicht aller lieferbaren und im Buchhandel angekündigten Bände der Reihe finden Sie unter:

https://shop.kohlhammer.de/lange-leben-leben

Die Autorin

Cornelia Kricheldorff, Prof. (em.), Dr. phil., war bis September 2020 Leiterin des Instituts für Angewandte Forschung, Entwicklung und Weiterbildung sowie Prorektorin für Forschung und Weiterbildung an der Katholischen Hochschule Freiburg. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen in den Gebieten Soziale Gerontologie, Soziale Arbeit im Gesundheitswesen und Empirische Sozialforschung.

Cornelia Kricheldorff

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-040382-6

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-040383-3

epub: ISBN 978-3-17-040384-0

Inhalt

1  Vorwort

2  1 Leben im Alter – vielfältig, bunt und herausfordernd

3  1.1 Altern heute verlangt nach Gestaltung und braucht soziale Bezüge

4  1.2 Die Vielfalt des Alters – motivierend oder limitierend für den Zugang zur digitalen Welt?

5  1.3 Demografischer Wandel und soziale Veränderungen – Rahmenbedingungen für das Altern in der digitalen Welt

6  2 Lebenswelten älterer Menschen – ihre spezifischen Bedarfslagen und digitale Optionen für die Alltagsgestaltung

7  2.1 Fallvignette 1: Frau Hildebrand – Neue Aufgaben und Rollen in der nachberuflichen Phase digital entdecken und erproben, auch in Pandemiezeiten

8  2.2 Fallvignette 2: Frau Bruckner – Krisen und Umbrüche im Dritten Alter und digitale Optionen für deren Bewältigung

9  2.3 Fallvignette 3: Frau Bauer – Gelingendes Altern in Sozialraum und Quartier durch analoge und digitale Vernetzung

10  2.4 Fallvignette 4: Frau Maier – Digitalisierung vor dem Hintergrund lebenslanger Erfahrungen von Benachteiligung und Ungleichheit (Digital Divide)

11  2.5 Fallvignette 5: Herr Mollenhauer – Erleben von Einschränkungen im Vierten Lebensalter und digitale Technologien

12  2.6 Fallvignette 6: Herr Schubert – Häusliche Pflegesettings und digitale Technologien im Fünften Alter

13  3 Denkanstöße mit Blick in die Zukunft

14  3.1 Soziale Alterskategorien vs. kalendarisches Alter – kritische Abwägungen vornehmen

15  3.2 Technikorientierte Kompetenzen vermitteln und digitale Souveränität ermöglichen

16  3.3 Technikberatung: Partizipation ermöglichen, diffuse Ängste, Einstellungen und Haltungen aufgreifen und beantworten

17  3.4 Schwierige Entscheidungssituationen im Kontext digitaler Technologien – Raum für die Bearbeitung ethischer Fragen und Dilemmata schaffen

18  3.5 Schlussgedanken

19  4 Hilfreiche Anlaufstellen und weiterführende Internetlinks

20  4.1 Hilfreiche Anlaufstellen und Organisationen

21  4.2 Internetlinks zu Alter(n) – Technik – Digitalisierung

22  Literatur

Vorwort

»Gelingendes Leben im Alter bedeutet für mich: Ich will auf der Höhe der Zeit bleiben und mit anderen Menschen gut in Verbindung sein. Dafür sind soziale Netzwerke wichtig – analog und digital. Wir haben also im Alter die Wahl: Gut vernetzt oder abgehängt.«1

Altern ist heute ein Prozess, der für viele Menschen länger als die Zeit ihrer Kindheit und Jugend zusammen dauert. Im Hinblick auf ein gutes, gelingendes Altern ist diese lange Lebensphase von den jeweils individuellen biografischen Voraussetzungen und sozialen Bedingungen geprägt. Die Diversität des Alters, also die Vielfalt der Lebensentwürfe und die diesbezüglichen Pläne sind im Kern immer an die Frage geknüpft, wo und unter welchen Gegebenheiten wir altern. Dies bestimmt ganz maßgeblich, wie wir unseren Alltag gestalten können, und hat damit auch Einfluss auf unsere Lebensqualität.

Vor diesem Hintergrund sind sowohl verschiedene kulturelle Prägungen als auch soziale Ungleichheitserfahrungen in Bezug auf Status, Einkommen und Bildung entscheidend für die individuellen Möglichkeiten der aktiven Lebensgestaltung und für die Erfahrung von sozialer Teilhabe und Partizipation im Alter. Dies gilt ganz besonders, wenn es um die Verfügbarkeit digitaler Medien und Technologien geht sowie um die Bereitschaft, diese zu nutzen. Der Achte Altersbericht der Bundesregierung, der sich dem Thema »Ältere Menschen und Digitalisierung« widmet, beschäftigt sich explizit auch mit diesem Aspekt und fordert als Konsequenz insgesamt deutlich verbesserte Voraussetzungen und Zugänge zu digitalen Techniken im Alter (BMFSFJ, 2020, S. 106 f.). Vor der Gefahr einer digitalen Spaltung unserer Gesellschaft (Digital Divide) wird schon seit längerer Zeit gewarnt (van Dijk, 2012; Eherer, 2012).

Insgesamt ist der Prozess des Alterns also mit vielen Entwicklungspotenzialen verbunden, aber auch mit deren Begrenzungen. Er ist gekoppelt mit einer Vielzahl von Lernherausforderungen und -notwendigkeiten, auch um in der aktuellen, schnelllebigen Welt auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Dies gilt ganz besonders für die zahlreichen Veränderungen unserer Umwelt im Zusammenhang mit der fortschreitenden digitalen Entwicklung unserer Gesellschaft – der Kauf einer elektronischen Fahrkarte oder das Online-Banking sind hierfür alltagsrelevante Beispiele.

Die Digitalisierung gehört, ebenso wie auch der demografische Wandel ( Kap. 1.3), in Reichweite und Logik zu den sog. gesellschaftlichen Megatrends. Diese beschreiben »langfristige Entwicklungen mit hoher Relevanz für alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft, die sich mit hoher Verlässlichkeit in die Zukunft verlängern‹ lassen. Es handelt sich dabei um zentrale Treiber des Wandels« (zukunftsInstitut, 2020, S. 1).

Diese Charakterisierung von Megatrends trifft auch auf den demografischen Wandel und die Digitalisierung zu. Es sind beides langfristige gesellschaftliche Phänomene, die sich unserem direkten und unmittelbaren Einfluss entziehen und als »Tiefenströmungen der Gesellschaft« wirken, die unser Leben maßgeblich bestimmen und verändern (ebd., S. 2). Damit sind sie feste Einflussgrößen auf unsere aktuelle Gesellschaft des langen Lebens und uns bleibt nur die Wahl zu entscheiden, ob wir im Alter »gut vernetzt oder abgehängt« sein wollen – ganz im Sinne des Titels dieses Buches.

Dieses Buch ist Teil einer neuen Reihe des Kohlhammer Verlags, die sich aus verschiedenen Perspektiven mit der Frage beschäftigt, wie wir dieses »lange Leben leben« können und wie wir es gestalten wollen. Der erste, eher einführende Teil dieses Buches geht der zentralen Frage nach, wie Altern in der digitalen Welt aktuell aussieht und wie sich die Diversität des Alters in der fortschreitenden Digitalisierung als »Treiber«, also als motivierender Einfluss und als limitierender Faktor darstellt. Dabei werden gender- und milieuspezifische Aspekte sowie Veränderungen im familialen und sozialen Umfeld beleuchtet, die insgesamt eine Relevanz für das Altern in der digitalen Welt haben ( Kap. 1). Der zweite Teil, das Kernstück des Buches, skizziert die individuellen Fragestellungen und Herausforderungen im Kontext des Megatrends Digitalisierung und beschreibt, wie sich diese in einzelnen typischen Lebenswelten ganz praktisch zeigen. Weiter wird thematisiert, was dies konkret für den einzelnen älteren Menschen und sein soziales Umfeld bedeutet und welche Bezüge sich dort jeweils zu zentralen Aspekten und Fragen im Kontext der Technisierung unseres Alltags herstellen lassen. Exemplarisch werden die damit verbundenen Chancen und Optionen, aber auch die Herausforderungen, Schwierigkeiten und Hemmnisse beleuchtet. Dies geschieht auf der Basis von Fallvignetten, die für die einzelnen lebensweltlichen Bezüge typische Konstellationen abbilden, beschreiben und damit plastisch machen ( Kap. 2).

Sehr deutlich kommt dabei zum Ausdruck, dass tragfähige soziale Beziehungen und Netzwerke generell wichtige Faktoren für ein gelingendes Leben im Alter sind. Vernetzung ist also auch in analoger, unmittelbarer Form wichtig für ein gelingendes Altern. Durch den gezielten Einsatz digitaler Medien, Technologien und Assistenzsysteme erweitern sich unsere individuellen Möglichkeiten und ihre Reichweite jedoch nochmals erheblich. Denn durch den Einsatz digitaler Technik werden vorhandene Ressourcen im Alter besser nutzbar gemacht und erweitert. So kann das individuelle Erleben von Autonomie positiv beeinflusst werden.

Vor diesem Hintergrund werden im dritten Teil des Buches Denkanstöße mit Blick in die Zukunft skizziert und zusammenfassende Überlegungen formuliert ( Kap. 3). Ein zentraler und leitender Gedanke ist dabei, digitale Technikunterstützung grundsätzlich für alle älteren und alten Menschen zugänglich zu machen und damit mögliche Risiken und Verluste, die im Prozess des Alterns entstehen können, zu verhindern, zu verzögern oder auszugleichen.

Indem relevante Alltagsfähigkeiten unterstützt werden, kann ein möglichst langes Leben in Selbständigkeit für viele Menschen Realität werden. Dazu braucht es ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Selbstorganisation und angemessener Unterstützung durch die soziale Umwelt als Befähigung und Ermöglichung. Das bedeutet, dass auch neue professionelle Aufgabenfelder und Beratungsangebote entstehen müssen – wir brauchen digitale Mittlerinnen und Mittler in der Funktion als Digital Coach oder Brückenbauer und es müssen verstärkt spezialisiert Angebote zur Technikberatung für ältere Menschen und ihre Angehörigen entwickelt werden. Und die Vermittlung digitaler Kompetenzen gehört ebenso dazu wie der Zugang zu technischen Assistenzsystemen, unabhängig von der ökonomischen Situation ihrer Nutzergruppen – beides entscheidende Faktoren für die Vermeidung von Nutzerbarrieren und Problemen bei der Akzeptanz im Kontext des Einsatzes digitaler Technik.

Dieses Buch ist im Rahmen diverser Einschränkungen des sozialen Lebens, von Lockdowns und Kontaktbeschränkungen in der Zeit der Corona-Pandemie entstanden, verbunden mit tiefen Einschnitten in unsere bisherigen Gewohnheiten. Diese Situation führt uns sehr deutlich vor Augen, welche Möglichkeiten und Chancen in der digitalen Vernetzung liegen, wenn direkte Begegnungen und Kontakte nur sehr begrenzt möglich sind. Denn hier wird sehr schnell spürbar, welche Auswirkungen es hat, wenn wir digital abgehängt sind. Dies gilt für den Privathaushalt ohne Internetzugang gleichermaßen wie für Pflegeheime, die ihren Bewohnerinnen und Bewohnern kein W-LAN anbieten können und deren überfordertes Personal auch nicht die Rolle der digitalen Mittler übernehmen kann, obwohl die wichtigen Besuche von Angehörigen und nahestehenden Menschen fehlen und eine entsprechende Substitution dringend notwendig wäre. Das führt zum Erleben von Isolation und zur schmerzlichen Erfahrung, sich abgehängt zu fühlen.

Vor diesem Hintergrund will das Buch keine Anleitungen zum Umgang mit technischen Produkten und Systemen vermitteln. Dieses Technikwissen und die damit verbundenen Kompetenzen werden in besserer Weise über Produktanleitungen und über geschulte Technikberaterinnen und -berater in speziellen Beratungsstellen für ältere Menschen, Seniorenbüros sowie bei kommerziellen IT-Anbietern vermittelt. Vielmehr will es aufzeigen, wo bereits einerseits Handlungsoptionen bestehen, sich andererseits jedoch Handlungsbedarf auftut, dringend nachzusteuern – auf der gesellschaftlichen und persönlichen Ebene. Dort, wo wir in unserem persönlichen Umfeld Einfluss haben, sollten wir diesen auch wahrnehmen. Dies gilt sowohl im professionellen Kontext, beispielsweise im sozialen, pflegerischen und gerontologischen Bereich, als auch im privaten Umfeld, in der Familie, in der Nachbarschaft.

»Gut vernetzt oder abgehängt« muss zum persönlichen Motto werden, das unser Handeln bestimmt, für uns selbst gute Voraussetzungen für ein gelingendes Altern zu schaffen. Hier haben wir die Möglichkeit, aktiv zu werden, uns zu kümmern und uns fit für die digitale Gegenwart und Zukunft zu machen.

In diesem Sinne – viel Spaß bei der Lektüre dieses Buches. Sie entdecken hoffentlich viele Hinweise, die zur kritischen Reflexion ihrer eigenen Erfahrungen im Kontext der Digitalisierung und vielleicht auch zu aktiven Veränderungen anregen.

Freiburg i. Br., im Sommer 2021

Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff

1 Cornelia Kricheldorff, aus einem Interview mit der »Active Aging Agentur Freiburg« v. 24.11.2020, abrufbar über www.youtube.com (Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff, 8. Altersbericht. Interview)

1
Leben im Alter – vielfältig, bunt und herausfordernd

✓ Vielfalt des Lebens im Alter – neue Lebensentwürfe und Altersbilder

✓ Gelingendes Altern – eine individuelle Gestaltungaufgabe

✓ Altern digital – Megatrend Digitalisierung beeinflusst den Prozess des Alterns

1.1 Altern heute verlangt nach Gestaltung und braucht soziale Bezüge

Altern heute ist ein dynamischer und spannender Prozess, der geprägt ist von großen individuellen Unterschieden, als Ergebnis von lebenslangen biografischen Einflüssen und Faktoren, die unsere persönliche Entwicklung maßgeblich bestimmen. Diese für unser Leben so bestimmenden Rahmenbedingungen sowie die bisher im eigenen Leben verpassten Chancen und Optionen sind ganz maßgeblich für unser Leben im Alter von hoher Relevanz. Trotzdem sind wir als Individuen auch dann, wenn wir die Phase beruflicher und familiärer Verpflichtungen hinter uns gelassen haben, durchaus in der Lage, unser Leben neu auszurichten, uns neu zu positionieren und Korrekturen vorzunehmen (vgl. Pinter, Weiss, Papousek & Fink, 2014)

Im Sinne einer Differenzierung und als Antwort auf die wachsende Zeitspanne nach Beruf und Familienzeit dominiert heute das Bild vom gestalteten Leben im Alter, das möglichst sinnvoll gefüllt werden kann und soll. Diese Orientierung auf Fragen der Sinnfindung im Alter stellt die Lebensgestaltung als Ergebnis von Reflexion und als begreifbares Kontinuum im Leben in den Mittelpunkt. Dabei wird der alternde Mensch vor dem Hintergrund seiner unter biografischen Bedingungen erworbenen Ressourcen und Kompetenzen als Gestalter seiner Umwelt gesehen. Altern kann damit zur Herausforderung und zur neuen Chance werden (Kricheldorff, 2020b, 2019; Kocka & Staudinger, 2011).

Die Frage, wie wir uns in der Gesellschaft des langen Lebens verorten, wie offen wir auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren und damit auf der »Höhe der Zeit« bleiben wollen, ist eine ganz persönliche Entscheidung. Sie fällt sicher manchen Menschen mit guten Startbedingungen in die nachberufliche Phase leichter als denen, die dafür weniger günstige Voraussetzungen mitbringen. Aber wichtig und lohnend darüber nachzudenken, wie dieser lange Lebensabschnitt sinnvoll gestaltet werden kann, ist es bei aller Unterschiedlichkeit der individuellen Bedingungen allemal. Und dies gilt für alle Menschen, die die kollektive Erfahrung von Veränderungen im Prozess des Alterns für sich möglichst gut bewältigen wollen. Einfach abzuwarten, was da so kommen mag, ist wenig konstruktiv und kann in die Sackgasse von Frustration führen, die wiederum ein guter Nährboden für Krankheit ist und den Weg in Pflegebedürftigkeit und Abhängigkeit ebnet.

Dieser Entscheidungsprozess ist auch ein Ergebnis von Reflexion, möglichst im Dialog mit anderen Menschen – das macht es einfacher und verschafft neue Sichtweisen. Der interpersonelle Austausch, auch mit Menschen anderer Generationen, kann für die Gestaltung des eigenen Lebens im Alter wertvolle Impulse liefern, weil die eigene Positionierung durch die unter Umständen differierenden Perspektiven sowie durch die dadurch mögliche Abwägung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden leichter fällt. Diese sind ein typischer Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse und Bedingungen in der jeweiligen Zeit. Insofern haben diese sozialen Bezüge eine hohe Relevanz, weil Menschen gleicher Geburtsjahrgänge durchaus vergleichbare kollektive Erfahrungen gemacht haben.

Parallel zu diesen eher schicksalhaften Einflüssen, die wir nur wenig selbst beeinflussen können – die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie waren und sind dafür ein deutliches Beispiel –, haben wir jedoch im gesamten Lebenslauf, und damit auch im Prozess des Alterns, immer auch persönliche Gestaltungsspielräume. Wir selbst können Weichen stellen, die unser weiteres Leben prägen. Wir haben also im Prozess des Alterns immer individuelle Entscheidungsmöglichkeiten, sind aber gleichzeitig auch Teil der gesellschaftlichen Entwicklungen. Altern vollzieht sich damit also immer im Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft und gestaltetes Leben im Alter verlangt deshalb nach reflektierten Entscheidungen ( Abb. 1.1).


Abb. 1.1: Altern im Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft

1.2 Die Vielfalt des Alters – motivierend oder limitierend für den Zugang zur digitalen Welt?

Die Ausdifferenzierung des Alters führt zu veränderten Bildern vom alten Menschen, seinem Erscheinungsbild, den ihm zugeschriebenen Verhaltensweisen und Eigenschaften sowie seinen Lebenswelten und -bezügen. Altersbilder sind damit immer soziale Konstruktionen, deren individuelle und kollektive Ausgestaltung von gesellschaftlichen und kulturellen Strömungen, Rahmenbedingungen, Erwartungen und ermöglichenden Rahmenbedingungen abhängig sind. Sie sind mit unterschiedlichen Deutungen und Bewertungen verbunden, die das Ausmaß der Pluralität einer Gesellschaft widerspiegeln.

Die Differenziertheit und Diversität des Alters zeigt sich in Deutschland deutlich in den verschiedenen thematischen Orientierungen der Altersberichterstattung des Bundes, die seit 1993 regelmäßig in jeder Legislaturperiode erstellt wird. In diesem Kontext werden jeweils aktuelle seniorenpolitische Themenschwerpunkte und Fragestellungen, die mit dem Prozess des Alterns eng verbunden sind, aufgegriffen, analysiert und in Berichtsform bearbeitet. Zum jeweils aktuellen Themenschwerpunkt wird eine Kommission aus Sachverständigen gebildet und damit beauftragt, einen Altersbericht zu erstellen, der dann im Deutschen Bundestag präsentiert, beraten und beschlossen wird. Diese Form der Altersberichterstattung ist mittlerweile eine gute Tradition geworden und stellt eine wichtige Entscheidungsgrundlage für die Seniorenpolitik des Bundes dar. Inzwischen sind acht solcher Berichte erschienen ( Tab. 1.1)

Tab. 1.1: Die Altersberichterstattung des Bundes – Erscheinungsjahr und Themenschwerpunkte



ReihenfolgeTitelErscheinungsjahr

Der aktuelle Achte Altersbericht widmet sich dem hochaktuellen Thema »Digitalisierung und ältere Menschen«. Er wurde von der dazu berufenen Expertenkommission erarbeitet und über das zuständige Bundesministerium (BMFSFJ) an die Bundesregierung übergeben, die dazu eine Stellungnahme erarbeitet hat. Im August 2020 konnte der Achte Altersbericht vom Bundeskabinett beschlossen und dem Deutschen Bundestag zugeleitet werden, der sich damit im November 2020 abschließend beschäftigt hat. Bei der Bildung und Beauftragung der entsprechenden Sachverständigenkommission konnte noch niemand ahnen, wie viel Brisanz das gewählte Thema im Kontext der weiteren Entwicklungen durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie erhalten würde. Sind Online-Konferenzen, Homeoffice und Online-Lehre zwischenzeitlich aus dem Alltag vieler Menschen nicht mehr wegzudenken, bestimmt die Digitalisierung als prägender Megatrend auch die aktuellen Debatten um soziale und digitale Teilhabe im Alter maßgeblich mit. Die Frage des individuellen Zugangs zur digitalen Welt wird so zu einem wichtigen Bedingungsfaktor für ein gelingendes Altern. Insofern ist der Titel dieses Buches zwar sehr zugespitzt und provokativ, verweist aber auf die große Bedeutung von digitalen und analogen Netzwerken. Es geht also darum, gut vernetzt zu sein, um im Alter nicht sozial abgehängt zu werden.

Maßgeblich mitbestimmt durch die Altersberichte entstehen neue und in Teilen sehr voraussetzungsvolle Erwartungen und Orientierungen an die Lebensphase Alter. So sollen die älteren Menschen heute Mitverantwortung übernehmen und ihre Potenziale zum Wohl von »Wirtschaft und Gesellschaft« vielfältig einbringen. In dieser Weise formulierte es bereits der Fünfte Altenbericht als eine übergreifende Zielsetzung ( Tab. 1.1; BMFSFJ, 2005) und er stand damit für eine neue Ausrichtung und deutliche Gegenposition zu früheren Schwerpunktsetzungen der Altersberichte. Auch in den nachfolgenden Legislaturperioden knüpften diese an die eher potenzialorientierte Sichtweise auf das Alter an, die sich explizit mit den Altersbildern in der Gesellschaft (Sechster Altenbericht; BMFSFJ, 2014) und mit Sorge und Mitverantwortung in der Kommune und dem Aufbau und der Sicherung zukunftsfähiger Gemeinschaften beschäftigen (Siebter Altenbericht; Deutscher Bundestag, 2016). Insgesamt wurde so in den letzten 15 Jahren ein wachsender Erwartungshorizont an die älteren Generationen formuliert und medial vermittelt.

Dies ist einerseits sehr zu begrüßen, beinhaltet aber durchaus andererseits die Gefahr, dass wir das materiell gut abgesicherte und an eher bürgerlichen Werten orientierte Altern für verbindlich erklären, es also generalisieren. Und es birgt hohe Risiken, weil dadurch große Gruppen in der Altersbevölkerung eher ausgeschlossen werden, obwohl wir darum wissen, dass das Erleben sozialer Ungleichheit einen erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität im Alter hat.

Besonders bei den über 60-Jährigen, deren Bildungs- und Erwerbsbiografien von lebenslanger Benachteiligung geprägt sind, wie bei Menschen mit Migrationshintergrund, solchen mit brüchigen Erwerbsverläufen und mit langen Zeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen, muss vor diesem Hintergrund von einer doppelten sozialen und strukturellen Ungleichheit ausgegangen werden. Diese kann zur multidimensionalen Ungleichheit werden, weil auch die Kompetenzen in Bezug auf Selbstreflexion und Partizipation ungleich verteilt sind und stark von Bildungsabschluss und Status beeinflusst sind.

Von den positiven neuen Altersbildern profitieren also in erster Linie die Älteren, die in ihrem Lebensverlauf ohnehin zu der Gruppe der Privilegierteren zu zählen sind. Bei den unter eher defizitären Bedingungen gealterten Bevölkerungsgruppen dominiert hingegen eine negative Form der Selbstzuschreibung, die von einem Mangel an Kompetenzüberzeugung und von einem sehr eingeschränkten Erleben von Selbstwirksamkeit geprägt ist. Dieses Phänomen wird im Kontext der Debatte um Alter und Technik als Gefahr der digitalen Spaltung der Gesellschaft (Digital Divide) beschrieben. Es kann aber auch als »interventionsgerontologisches Dilemma« bezeichnet werden (Rüßler, Heite & Stiel, 2013, S. 306 f.). Damit wird beschrieben, dass von den gerontologischen Interventionen, die auf Stärkung von Selbstorganisation, soziale Teilhabe und Partizipation zielen, häufig eher die Personengruppen profitieren, denen es daran viel weniger mangelt. Das gilt auch in ähnlicher Weise für Ansätze und Projekte, die die digitalen Einstellungen und Kompetenzen älterer Menschen positiv beeinflussen sollen.

Das Konzept der »Lebensphasen« differenziert den Lebenslauf in eine kontinuierliche Folge von regelmäßig auftretenden, unterscheidbaren Abschnitten, die unser Leben strukturieren (vgl. Kricheldorff 2020b, 2011). In der Gerontologie wird, je nach Autorenschaft mehr oder weniger ausdifferenziert, vom Dritten und Vierten Alter oder darüber hinaus auch noch vom Fünften Alter gesprochen (Laslett, 1995; Kricheldorff, 2020b). Diese Form der Periodisierung bezieht sich auf Zeiträume, die nicht zwingend dem kalendarischen Alter folgen, sondern in denen die Veränderungen der äußeren Bedingungen, des Verhaltens und der Einstellungen eine größere Relevanz erhalten. Es handelt sich also um soziale Alterskategorien, die die lange Lebensphase Alter in der folgenden Logik unterteilen ( Abb. 1.2).

Übergänge zwischen diesen Lebens- oder Altersphasen werden theoretisch und empirisch unterschiedlich gefasst. Sie werden als »Statuspassagen«, »Statusübergänge« oder auch als (kritische) Lebensereignisse beschrieben (Kricheldorff, 2011; Sackmann, 2007). Mit dem Konzept der Statuspassagen wird einerseits aus einer Makroperspektive die Verknüpfung des individuellen Lebens mit der Gesellschaft und ihren Institutionen thematisiert. Andererseits beschreibt es aus einer Mikroperspektive die subjektive Seite der Bewältigung von Übergängen durch einzelne Personen und ihr soziales Umfeld.


Abb. 1.2: Soziale Alterskategorien zur Strukturierung des Lebens im Alter

Dabei geht es auch um das Herstellen einer individuellen Balance in Bezug auf die sog. neuen Freiheiten in der nachberuflichen Phase. Diese sind in einer Art Trias, die sich zwischen der Aktualisierung der eigenen Identität, dem gewünschten Ausmaß sozialer Bezüge und den gesellschaftlich formulierten, normativen Erwartungen an die wachsende Gruppe älterer und alter Menschen verortet, immer wieder neu auszuloten. Wobei dabei immer stärker, wie oben schon ausgeführt, die Logik einer gesellschaftlichen Nützlichkeitsdebatte in den Blick kommt ( Abb. 1.3).

Vor dem Hintergrund des Spannungsfelds, das sich für den Prozess des Alterns aus dieser Trias ergibt, lassen sich deutliche Bezüge zu gelingender vs. gescheiterter Teilhabe älterer Menschen ableiten, die im Kontext der Digitalisierung auch zur digitalen Teilhabe führt oder diese verhindert. Das Konzept der Identität im Lebenslauf verweist auf die Notwendigkeit, dass die Nutzung neuer Technologien und Medien für ältere Menschen vor allem dann als sinnstiftend erlebt wird und attraktiv ist, wenn diese in der Logik des Selbstbezugs für die Gestaltung und Bewältigung des eigenen Alltags als hilfreich erlebt werden. Wenn also Technik das eigene Leben erkennbar erleichtert


Abb. 1.3: Altern in der Trias zwischen Selbstbezug, Sozialbezug und gesellschaftlichen Erwartungen

oder bereichert, wenn sich der ältere Mensch in der Logik neuer Rollen und Aufgaben, die das Ergebnis von Reflexion und Selbstvergewisserung sind, neu positionieren kann und als handlungsfähig erlebt, wenn er sich in seinen Anliegen ernst genommen fühlt, wird er seinen individuellen Prozess des Alterns in der digitalen Welt als motivierend erleben und auch Spaß daran haben. Damit können ganz konkrete Erfahrungsräume und gelingende Anwendungen als wirkungsvolle Push-Faktoren gewertet werden. Der Erfolg gängiger Kommunikations-Apps entspricht genau dieser Logik, denn sie sind einfach zu erlernen, sie funktionieren gut, vermitteln Erfolgserlebnisse und sie erleichtern und bereichern den Alltag.

Damit haben diese Anwendungen auf den gängigen mobilen Endgeräten wie Smartphones, Tablets und PCs auch eine wichtige Funktion für den Sozialbezug, denn sie ermöglichen aktive Teilhabe und vermitteln das Gefühl von Zugehörigkeit und sozialer Einbindung. Das heißt, dass digitale Technik vor allem dann als motivierend erlebt wird, wenn sie die Vergemeinschaftung unterstützt. Der Zugang zur digitalen Welt ist damit an die Verfügbarkeit von technischen Geräten und an erfolgreiche Erfahrungsräume gekoppelt, was gleichzeitig die limitierenden Faktoren skizziert. Wer sich aus ökonomischen oder strukturellen Gründen, also weil die notwendigen finanziellen Mittel fehlen oder das Wohnumfeld (z. B. das Pflegeheim) keine digitale Infrastruktur bietet, gegenüber den digitalen Entwicklungen mental verschließt beziehungsweise verschließen muss, wird sich auch durch öffentliche Kampagnen nicht der wachsenden Gruppe der »Onliner« anschließen können.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
18 grudnia 2025
Objętość:
163 str. 22 ilustracji
ISBN:
9783170403840
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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