Czytaj książkę: «Erwachsene mit Autismus begleiten»

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Die Autorin


Christiane Arens-Wiebel hat 40 Jahre lang bei Autismus Bremen e. V. als Therapeutin und Leitung gearbeitet und sich darüber hinaus intensiv der Beratungs-, Schulungs- sowie Fortbildungstätigkeit gewidmet. Sie hat unmittelbar nach ihrem Studium der Sozialpädagogik begonnen, mit autistischen Kindern und Jugendlichen im Autismus-Therapiezentrum Bremen therapeutisch zu arbeiten. Wichtige Meilensteine ihrer Berufstätigkeit waren dabei in den letzten Jahren ihres Schaffens die intensive Beratungs- und Fortbildungstätigkeit in Einrichtungen für erwachsene Menschen mit Behinderung sowie mit Eltern von Betroffenen. Ihr Interesse und ihr Engagement auf diese besondere Beeinträchtigung bezogen haben nie nachgelassen. Auch heute, im Ruhestand, ist sie als Fortbildungsreferentin und Beraterin tätig.

Christiane Arens-Wiebel

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-039258-8

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-039259-5

epub: ISBN 978-3-17-039260-1

Vorwort

Mein erstes Buch »Autismus. Was Eltern und Pädagogen wissen müssen«, das im April 2019 herausgekommen ist, richtet sich insbesondere an Eltern und Pädagog*innen im Umgang mit autistischen Kindern und Jugendlichen. In den letzten Jahren meiner Berufstätigkeit bei Autismus Bremen e. V. bestand meine Beratungstätigkeit überwiegend aus der Beratung von Eltern erwachsener Kinder sowie Mitarbeiter*innen aus Wohnheimen oder Werkstätten. Dabei wurde mir deutlich, dass es bisher nur wenige autismusspezifische Veröffentlichungen zum Thema erwachsene Menschen mit frühkindlichem Autismus (und intellektueller Beeinträchtigung) gibt. Was lag also näher, als die erwachsenen Menschen für ein weiteres Buch in den Fokus zu rücken und aus meiner Sicht zusammenzufassen, was für autistische Menschen im Erwachsenenalter wichtig und notwendig ist? Auch die vielen Gespräche und der umfangreiche Erfahrungsaustausch in Einrichtungen zum Wohnen und Arbeiten haben mich darin bekräftigt, mich dieser Thematik zu widmen, denn ich erkannte immer wieder, wie viele Fragen und Unsicherheiten es im Umgang mit den erwachsenen Betroffenen gibt.

Am eigenen Lebensalter bemerkt man, wie die Zeit voranschreitet, man nicht nur selbst älter wird, sondern auch die Menschen, die den eigenen Weg begleitet haben, älter werden. So geht es mir auch, wenn ich an die Kinder denke, die vielleicht drei oder fünf oder zehn Jahre alt waren, als ich vor 40 Jahren als junge Therapeutin anfing, autismusspezifisch mit ihnen zu arbeiten. Nun sind sie mindestens 40 oder 50 Jahre alt, leben vielfach in Einrichtungen, arbeiten und verleben ihre Freizeit. Ganz selten einmal hatte ich in den letzten Jahren die Gelegenheit, von diesen jungen Menschen Jahre später wieder zu hören. Bei vielen war der Weg bis zu dieser Begegnung gut verlaufen, bei anderen nicht, sodass ich als Beraterin die Gelegenheit bekam, sie wiederzutreffen. Häufig fiel mir dabei auf, dass autismusspezifische Förderung im Erwachsenenalter nicht mehr in dem Ausmaß stattfand, wie ich mir dies gewünscht hätte. Die Autismustherapie hatte im Jugendalter geendet, und eine Nachhaltigkeit war manchmal nicht zu erkennen. Der 30-Jährige Paul hatte sich bspw. als 12-Jähriger über das Schreiben mit Buchstaben verständigt (er konnte zu diesem Zeitpunkt aus einem ›Berg‹ von 100 Buchstabenplättchen die richtigen heraussuchen, um die Begriffe für bevorzugte Lebensmittel fehlerfrei zu schreiben), jedoch war dieses Können inzwischen völlig verschwunden. Dafür herrschten Erstaunen und Ungläubigkeit bei den Betreuer*innen seiner Wohnstätte, die ihm dieses Können nicht zutrauten. Glücklicherweise konnte ich ein Video zeigen und damit demonstrieren, was Paul damals für erstaunliche Fähigkeiten besessen hatte. Leider war diese besondere Befähigung verloren gegangen, und die Eltern von Paul konnten sich nicht darum kümmern, dieses Kommunikationsmittel nach Beendigung der Therapie weiterzuverfolgen und so ihrem Sohn die Chance zu geben, hiermit seine Bedürfnisse darstellen zu können. Dabei war er selbst sehr stolz darauf gewesen. Jedoch hatte es der Alltag mit seinen Problemen und Veränderungen verhindert.

Mein persönlicher Anspruch an die Arbeit mit autistischen Menschen ist immer gewesen, sie bestmöglich zu fördern bzw. ihrem Umfeld aufzuzeigen, wie eine optimale, kontinuierliche Förderung im Kleinkindalter, beim Schulkind, für den Teenager oder die Teenagerin, aber auch für Erwachsene so gut wie möglich gelingen kann. Meine Erfahrung ist, dass die betroffenen Menschen immer dankbar für Anregungen und Beschäftigungen sind bzw. waren. Dafür ist jedoch erforderlich, sie mit ihrer besonderen Wahrnehmung und ihren Bedürfnissen zu begreifen und anzunehmen. Dann sind sie mitunter zu Leistungen in der Lage, die ihnen keiner zugetraut hat. Dass dies möglich ist, hat für mich schon immer das Besondere und ›Unbegreifliche‹ des Autismus ausgemacht.

Inzwischen im Ruhestand kann ich mich nicht mehr tagtäglich für die Belange autistischer Menschen einsetzen, dies machen jetzt jüngere Menschen, die ihre eigenen Ideen und persönlichen Vorlieben haben. Dennoch habe ich mit diesem Buch die Chance genutzt, meinen beruflichen Weg mit Autismus (als Begleiterin von Eltern Betroffener und von Mitarbeiter*innen in Einrichtungen) noch einmal zu beschreiten, und zwar von dem Punkt an, wo mein letztes Buch endet, nämlich mit dem Übergang des jungen Menschen in Berufsausbildung, Arbeit und Wohnen. Das ganze Leben eines Menschen mit Autismus von Anfang an bis zum Ende (Sterbebegleitung) darzustellen, Verständnis für die Beeinträchtigung sowie vielseitige pädagogische Hilfen vorzustellen und Fachleuten bzw. Bezugsperson anzubieten – das sind die Ziele dieses Buches.

Danken möchte ich an dieser Stelle meinem Sohn Max für die hilfreiche Unterstützung beim Erstellen und Bearbeiten der Fotos und der Beantwortung von computertechnischen Fragen. Meinem Mann Günter danke ich für die Nachsicht bei meiner zeitaufwendigen Beschäftigung mit dieser Veröffentlichung, besonders für seine liebevolle Unterstützung und Aufmunterung. Ein besonderes Dankeschön gilt Elisabeth Häge, Lektorin im Kohlhammer Verlag, für ihre überaus zuvorkommende und hilfreiche Betreuung einschließlich prompter und überzeugender Beantwortung sämtlicher Fragen– diese Unterstützung bedeutet mir viel.

Christiane Arens-Wiebel

Inhalt

1  Vorwort

3  1 Einleitung

5  2 Übergang zwischen Kindheit und Erwachsensein

7  2.1 Das Ende der Schulzeit

8  2.2 Vorbereitung auf den Übergang

9  2.3 Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start in die Berufsausbildung

10  2.4 Aufnahme in den Berufsbildungsbereich in einer WfbM

11  2.5 Aufnahme in eine Tagesförderstätte

12  3 Arbeiten mit Autismus

13 

14  3.1 Voraussetzungen und Arbeitsbedingungen

15  3.2 Arbeitsbereiche

16  3.3 Strategien für das erfolgreiche Gelingen

17  3.4 Unterstützung durch den TEACCH-Ansatz

18  3.5 Soziale und kommunikative Herausforderungen

19  3.6 Umgang mit Verhaltensproblemen

20  4 Wohnen, Tagesgestaltung und Förderung

21 

22  4.1 Auszug aus dem Elternhaus

23  4.2 Ablösungsprozess

24  4.3 Wohnmöglichkeiten für autistische Menschen

25  4.4 Erfordernisse an Wohnstätten

26  4.5 Suche nach einer geeigneten Einrichtung

27  4.6 Feierabend, Wochenenden und Urlaub

28  4.7 Selbstständigkeit

29  4.8 Soziale Beziehungen und Freundschaften

30  4.9 Förder- und Therapieangebote im Alltag

31  4.10 Umgang mit Verhaltensproblemen

32  5 Autismusspezifische Krisen

33 

34  5.1 Auslöser für Krisen

35  5.2 Verarbeitung der Autismus-Spektrum-Störung

36  5.3 Veränderungen

37  5.4 Sexualität

38  5.5 Komorbiditäten

39  5.6 Krankheit und Schmerz

40  5.7 Arztbesuche und Krankenhausbehandlung

41  5.8 Umgang mit Krisen

42  5.9 Aufklärung der Mitbewohner und Kollegen über Autismus

43  6 Veränderungen in der Herkunftsfamilie

44 

45  6.1 Älterwerden der Eltern

46  6.2 Krankheit und Tod der Eltern

47  6.3 Umgang mit Verlust und Trauer

48  6.4 Geschwisterbeziehungen

49  7 Älterwerden des Menschen mit Autismus

50 

51  7.1 Veränderungen im Alter mit Zunahme von Alterserkrankungen

52  7.2 Lebensqualität

53  7.3 Renteneintritt

54  7.4 Biografiearbeit

55  7.5 Förderung im Alter

56  7.6 Gestaltung der Umgebung

57  7.7 Dementielle Veränderungen

58  7.8 Palliativmedizin, Pflege und Sterbebegleitung

59  8 Ausblick

60 

61  Anhang

62 

63  Literaturverzeichnis

64  Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1
Einleitung

Autismus ist eine schwerwiegende Beeinträchtigung. Autismus besteht von Geburt an, die ersten Anzeichen müssen bis zum dritten Geburtstag aufgetreten sein, um die Diagnose »Frühkindlicher Autismus« stellen zu können. Auch wenn die Diagnosestellung häufig erst im Vorschulalter oder später erfolgt, so ist bei einem Menschen mit Autismus von Anfang an etwas anders, was ihn sein Leben lang begleiten und beeinträchtigen wird. Daher genießt das autistische Kind schon frühzeitig besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge durch seine Eltern, wird bestenfalls bereits als Kleinkind zu Therapien gebracht, und seine Eltern versuchen, Förder- und Erziehungsratschläge zu Hause umzusetzen. Das Kind wird in einer integrativen Kindertagesstätte oder einem speziellen Kindergarten gefördert und erhält dort begleitend Therapien bzw. spezielle Angebote. Auch in der Schulzeit besteht weiterhin ein intensives Förderangebot. Der Alltag und das Leben zu Hause werden spezifisch auf dieses Kind ausgerichtet. Das Kind (und später der/die Erwachsene) mit Autismus-Spektrum-Störung ist ein besonderer Mensch, auf den übliche pädagogische Konzepte nicht anzuwenden sind. Daher fragen sich die Bezugspersonen immer wieder, ob sie alles richtig machen, und was sie mglw. anders machen könnten oder sollten. Einen Menschen mit Autismus zu verstehen und ihn fördernd zu begleiten, ist eine Herausforderung und fordert von der Umwelt große Empathie, pädagogisches Geschick, Kreativität, aber auch Konzepte, um z. B. eine strukturierte Beschäftigung oder einen ebensolchen Tagesplan anzubieten. Hierfür ist notwendig, Autismus zu verstehen, sich erklären zu können, warum sich der Mensch in diesem Moment so verhält, zu begreifen, wie er wegen des Autismus am besten lernen kann, zu spüren, wenn gerade nichts mehr geht, und geduldig und gelassen zu bleiben, wenn etwas einmal nicht so funktioniert, wie man es sich vorstellt.

Das, was in der Kindheit so wichtig war, setzt sich im Erwachsenenalter fort. Lebenslange Förderung ist das Ziel, gepaart mit Integration in die Gesellschaft in den Bereichen Arbeit bzw. Beschäftigung, Wohnen und Freizeit. Die Aufgabe von Angehörigen und Betreuer*innen ist, die Bedingungen bzw. den Rahmen dafür zu schaffen, dass der beeinträchtigte Mensch sich besser anpassen und in eine Gruppe bzw. Institution integrieren kann. Dazu gehört, für Strukturen und Klarheit zu sorgen, Vorhersehbarkeit, Verlässlichkeit, Ruhe und Beharrlichkeit zu gewährleisten und sich insbesondere um eine autismusfreundliche Kommunikation zu bemühen. Hier ist der Menschen mit Autismus auf Unterstützung des Umfelds angewiesen. Ein junger Mensch hat mit Abschluss der Schulzeit noch nicht ausgelernt, und es kann sich noch viel verändern und entwickeln. Auch der älter oder alt werdende Mensch mit Autismus ist noch förderbar. Entwicklung funktioniert jedoch nur, wenn dem Menschen entsprechende, auf ihn persönlich zugeschnittene Angebote gemacht werden – hierauf ist er angewiesen.

Im vorliegenden Buch wird beschrieben, was in der Phase des Erwachsenseins, die nach der Kindheit die deutlich längere Lebensspanne ist, sinnvoll und notwendig ist, um die Integration autistischer Menschen in Einrichtungen zu erleichtern und den Betroffenen und ihren Mitbewohner*innen und Kolleg*innen eine gute Lebensqualität zu ermöglichen. Es wird auch über die Rolle der Eltern und deren besondere Verantwortung und Fürsorge ihrer autistischen Tochter/ihrem autistischen Sohn gegenüber geschrieben, und wie sie gut damit umgehen können. Das Buch beschreibt ungefähr 50 Lebensjahre im Leben eines autistischen Menschen, und bezieht dabei die Rollen seiner Herkunftsfamilie, seiner Betreuer*innen, Kolleg*innen und Mitbewohner*innen ein. Die Darstellung endet am Lebensende, d. h., abschließend wird das höhere Lebensalter beschrieben, denn gerade beim älter werdenden Menschen mit Autismus gibt es Besonderheiten, wie für ihn der letzte Lebensabschnitt mit größtmöglicher Lebensqualität gestaltet werden kann. Zu allen Themen gibt es bisher nur vereinzelte Studien bzw. Berichte, da Autismus nicht im Fokus bspw. der Altersforschung steht. Es gibt jedoch viele Veröffentlichungen zum Bereich der geistig Behinderten – die Erkenntnisse hieraus können modifiziert bzw. autismusspezifisch angeglichen größtenteils auch auf autistische Menschen übertragen werden.

Zur besseren Übersichtlichkeit und praktischen Verwendbarkeit habe ich das Literaturverzeichnis in Kategorien aufgeteilt. Diese enthalten weiterführende Bücher, aber auch Links zu hilfreichen Internetseiten, zum Teil auch mit kurzen Filmen.

Fallbeispiele, die aus meiner langjährigen Tätigkeit als Therapeutin und Beraterin entstanden sind, sind im Text gekennzeichnet durch einen blauen Balken am linken Rand.

2
Übergang zwischen Kindheit und Erwachsensein

Menschen im Autismus-Spektrum verfügen (so wie Menschen allgemein) über ein individuelles sprachliches und kognitives Niveau und ganz unterschiedliche Fähigkeiten, aber auch Interessen. Es gibt Betroffene mit schwach und Betroffene mit stark eingeschränkten Fähigkeiten und daraus resultierenden Möglichkeiten. Es finden sich Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten wie massiven Stereotypien, selbstverletzenden Verhaltensweisen, fremdaggressivem Verhalten, Verweigerungen, minimaler Aufmerksamkeitsspanne, erheblicher Beeinträchtigung der Kommunikation und sehr geringen Fähigkeiten der Selbstständigkeit, dies insbesondere unter den stark kognitiv beeinträchtigten Menschen. Andere autistische Menschen verfügen über eine vollständige Sprache, sind intellektuell nur leicht beeinträchtigt, besitzen bspw. kulturtechnische Fähigkeiten und sind sehr selbstständig. Sie sind sich ihrer Beeinträchtigung bewusst und verlangen, sehr genau an ihrer persönlichen Zukunftsplanung und Lebensgestaltung beteiligt zu werden. So unterschiedlich Menschen im Spektrum sind, so variabel und individuell sind die Erfordernisse an ihre Zukunft. Das Ziel ist immer eine Ausbildung und spätere Beschäftigung auf einem angemessenen Niveau, die persönlichen Stärken und Interessen berücksichtigend. Dies lässt sich allerdings nur mit großem Einsatz insbesondere der Eltern und einer intensiven Mitwirkung der Lehrer*innen, der zukünftigen Ausbilder*innen und wohlwollender Zusammenarbeit mit der Reha-Beratung bewerkstelligen.

2.1 Das Ende der Schulzeit

In Deutschland ist die Schulpflicht einschließlich der Anzahl der Schulbesuchsjahre aufgrund der Kulturhoheit der Länder in den einzelnen Landesverfassungen geregelt. Jede/jeder autistische Schüler*in geht neun bis zwölf Jahre in die Schule, wird integrativ bzw. inklusiv beschult oder besucht eine Förderschule bzw. eine Tagesbildungsstätte. Dabei gibt es unterschiedliche Konzepte für die Abschlussjahre und den Übergang in einen (vor-)beruflichen Bereich. In den Abschlussjahrgängen ist es wichtig, den/die Schüler*in auf das Leben nach der Schulzeit vorzubereiten. Schwerpunkte der Förderung des/der Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen sind die Vermittlung von sozialen, lebenspraktischen und berufsbezogenen Kompetenzen sowie die Stärkung der Ich-Identität. Die Inhalte und Ziele des Unterrichts sollten sich an den Fähigkeiten, Bedürfnissen und Interessen des/der jeweiligen Schüler*in auf der Grundlage des Lehrplans orientieren. Vorhandene Fertigkeiten werden aufgegriffen und vertieft. Inhalte und Ziele des Unterrichts richten sich an die Anforderungen des Erwachsenenlebens in den Bereichen Arbeiten, Wohnen, Freizeitgestaltung und soziales Leben. Hierzu gehören Einzelfähigkeiten wie z. B. das Lesen von Fahrplänen, Rechnen mit Geld, einkaufen, saubermachen, Wäsche pflegen sowie Themen wie Kennenlernen verschiedener Wohnformen, Öffentlichkeit (Behörden), Gesundheitsfürsorge, Ernährung und der Umgang mit Medien. Der Lehrplan hängt dabei von der besuchten Schulform ab, also ob sich der junge Mensch bspw. in einer Schule für Körperbehinderte, einer Tagesbildungsstätte oder in einer integrativen oder inklusiven Schule befindet. Die letzten Schuljahre bilden eine wichtige Grundlage für den weiteren Weg des jungen Menschen. In dieser Zeit können intellektuelle Fähigkeiten, Selbstständigkeitsfertigkeiten sowie Verhaltensverbesserungen erreicht werden. Mit deren Hilfe wird eine positive Integration in eine Einrichtung der Berufsorientierung und Arbeit wahrscheinlicher.

»Schülerinnen und Schüler mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung werden zieldifferent unterrichtet. Sie erwerben im Kompetenzbereich ›vorberufliche Bildung‹ grundlegende Kompetenzen in verschiedenen Arbeitsfeldern, um ihnen auf dieser Basis Entscheidungen zur Aufnahme einer Arbeitstätigkeit zu ermöglichen. Die Konfrontation mit betrieblichen Abläufen auf der Ebene beruflicher Realitäten (Betriebspraktika), die Auseinandersetzung mit den Themen Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie die persönliche Berufswegeplanung sind zentrale Inhalte im Sekundarbereich II. Die Förderschulen führen berufsorientierende Maßnahmen entsprechend den Fördermöglichkeiten und dem Unterstützungsbedarf ihrer Schülerinnen und Schüler durch und gestalten die schuleigenen Berufsorientierungskonzepte mit einem großen Spielraum für individuelle Anpassungen. Ein mit Kooperationspartnern gemeinsam entwickeltes Berufsorientierungskonzept, das die Bedürfnisse und Leistungsmöglichkeiten der Schülerinnen und Schüler einbezieht, sorgt für authentische und vielfältige Anwendungssituationen im Berufsalltag« (Musterkonzeption Berufs- und Studienorientierung mit Handreichungen, Niedersächsisches Kultusministerium 2017, S. 22).

Um selbst einschätzen zu können, über welche Fähigkeiten ein junger Mensch mit Beeinträchtigung verfügt, lässt sich bspw. die Fähigkeitssammlung aus dem Ordner »Gut leben« (4. Auflage, 2017, Hrsg. Lebenshilfe) nutzen. Hier gibt es Fragen in Leichter Sprache, die folgende Bereiche betreffen: Aussehen, kochen und essen, Gesundheit, Sicherheit, Aufgaben und Arbeiten, Kontakte, Selbstorganisation, Umgang mit Geld und Behörden.

Beispiel aus dem Thema »Aufgaben und Arbeiten«

Ich kann an Aufgaben dranbleiben, bis sie fertig sind.

Ich kann mir selbst etwas vornehmen und es auch machen.

Ich erkenne Fehler – bei mir und bei anderen.

Ich kann einen Zeitplan machen und mich daran halten.

Ich kann nach Hilfe fragen.

Ich kann mich für eine neue Arbeit bewerben.

Ich kann gut mit anderen zusammenarbeiten.

Ich kann Anweisungen der Chefin/des Chefs folgen.

Ich kann mir Anweisungen merken.

Der/die Schüler*in kann hier ankreuzen »ich kann’s« oder »ich will’s lernen«. Sicherlich ist eine Unterstützung durch eine Lehrkraft oder ein Elternteil notwendig, um die Fragen korrekt zu beantworten. Bspw. ist bei der Antwort »ich kann gut mit anderen zusammenarbeiten« eine wichtige Frage, was im Einzelnen ›gut‹ ausmacht – hier ist eine gezielte Bestimmung des Begriffs »gut zusammenarbeiten« notwendig.

Gut zusammenarbeiten könnte für eine Person bedeuten ( Abb. 1):

Ich arbeite an meinem Arbeitsplatz.

Ich arbeite leise.

Wenn ich die anderen als zu laut empfinde, trage ich einen Gehörschutz.

Ich fasse die anderen nicht an.

Ich versuche freundlich zu sein.

Ich halte mich an die vorgegebenen Zeiten (z. B. für eine Pause).

Ich versuche ruhig zu bleiben, wenn etwas schwierig ist.


Abb. 1: Gut arbeiten (METACOM Symbole © Annette Kitzinger)

Über die Selbsteinschätzung des/der Schüler*in hinaus ist in jedem Fall eine umfassende Beobachtung ratsam, wie diese bspw. beim TTAP (TEACCH Transition Assessment Profile, Mesibov et al. 2017; Kap. 3.4) vorgeschlagen wird. Dies ist ein Verfahren zur förderdiagnostischen Untersuchung von Jugendlichen und Erwachsenen mit einer Autismus-Spektrum-Störung und einer leichten bis starken intellektuellen Beeinträchtigung. Das TTAP wurde konzipiert, um den Übergang junger Menschen in das Erwachsenenleben zu planen. Hierfür werden gezielte Beobachtungen im Kontakt zu dem Menschen mit Autismus dokumentiert, aber auch Bezugspersonen aus den Bereichen Schule, Arbeit und Wohnen interviewt, um einen möglichst umfassenden Kenntnisstand über die Fähigkeiten des jungen Menschen zu erheben. Das Verfahren ist in sechs Bereiche aufgeteilt: berufliche Fertigkeiten, Eigenständigkeit, Kompetenzen zur Freizeitgestaltung, Arbeitsverhalten, funktionale Kommunikation und zwischenmenschliches Verhalten. Nach Durchführung der Aufgaben und Vermerk der Ergebnisse in vorgefertigten Rastern soll verschriftlicht werden, welche Stärken und Schwächen der junge Mensch hat und wie Strukturierungshilfen ermöglicht werden können, um bspw. selbstständige Fertigkeiten zu erreichen. Ein Beispiel ist Wäsche waschen: Wie sortiere ich meine Wäsche, wie befülle ich die Waschmaschine, welches Programm wähle ich aus? Es geht dann auch darum, Empfehlungen für Förderprogramme für zu Hause oder in der Schule, am Ausbildungsplatz oder im Bereich des Wohnens zu geben.

Marvin ist ein 22-jähriger junger Mann mit Autismus und einer leichten Lernbehinderung. Er hat die Schulzeit, inklusiv beschult, ohne Abschluss beendet und lebt in einer Wohneinrichtung. Bei der Erfassung seiner Fähigkeiten durch das TTAP (im Rahmen der Autismustherapie) fällt auf, dass er vieles kann, wenn es direkt vor ihn gestellt wird, bspw. etwas sortieren, Fehler erkennen oder eine schriftliche Aufgabe bewältigen. Was ihm jedoch sehr schwerfällt ist, diese Aufgaben in Anwesenheit weiterer Personen zu erledigen. Außerdem schafft er selten den Übergang zwischen zwei Aktionen, d. h. etwas aufzuräumen und im Anschluss eine weitere Aufgabe zu beginnen. Schwierig ist für ihn auch, bei einer neuen Anforderung den nächsten Schritt anzugehen, sowie um Hilfe zu bitten, wenn er mit etwas nicht weiterkommt. Das größte Problem ist allerdings, dass er zu den meisten Tätigkeiten nicht motiviert ist, sondern sich am liebsten in sein Zimmer zurückzieht und sich mit Videospielen beschäftigt. Daher liegt die Verwirklichung des Ziels, ihn an einen Arbeitsplatz zu vermitteln, in weiter Ferne.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
19 grudnia 2025
Objętość:
282 str. 38 ilustracji
ISBN:
9783170392601
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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