Czytaj książkę: «Wüstenkrieger»
Spiegelmagie
Band 3
WüstenKRIEGER
C. Svartbeck

Hinweis:
Am Ende des Buches finden Sie einen Anhang mit einer Landkarte sowie Erläuterungen zum Land Karapak und seinen Bewohnern.
C. Svartbeck
Machandel Verlag
Neustadtstr.7, 49740 Haselünne
Bildquelle cover: Vuk Kosticwww.shutterstock. com
2016
ISBN 978-3-95959-112-6
Was vorher geschah
Zwei königliche Halbbrüder, die sich innigst hassen. Eine Ehe unter Königskindern, wie sie unglücklicher nicht verlaufen könnte. Ein jugendlicher Zauberer, der tatsächlich einen Freund hat. Und dieser Freund ist noch nicht einmal ein anderer Zauberer, sondern der Bastard-Sohn des karapakischen Königs.
Karapak geht stürmischen Zeiten entgegen.
Band 1 - Königsfalke
Zwei königliche Brüder = zwei tödliche Rivalen, und dazwischen ein junger Zauberer, der sich kräftig einmischt.
Ioro, ältester Sohn einer Konkubine König Kanatas (und daher nicht Erbe), ist zum obersten Feldherren bestimmt, sein jüngerer Bruder Tolioro als Sohn der Ersten Gemahlin ist Thronerbe.
Wie das Schicksal so spielt, scheint Ioro mehr Intelligenz und Ehre zu besitzen als Tolioro, was Vater Kanata wohlwollend vermerkt. Ebenso wohlwollend sieht er allerdings zu, wie Söhnchen Tolioro einen potenziellen Konkurrenten nach dem nächsten aus dem Weg räumt. Und Mutter Iragana beseitigt unauffällig einige Leichen, die Tolioro bei seinen sexuellen Eskapaden produziert.
Auch Ioro würde dem Weg aller Königssöhne in ein frühes Grab gefolgt sein, hätte er nicht in dem angehenden Zauberer Jokon einen tatkräftigen Freund gefunden. Dumm ist halt nur, dass auch Jokon sozusagen auf Messers Schneide lebt.
Band 2 - Falkenkrieger
Eine königliche Ehe = ein Drama, und als wäre das nicht ausreichend, versucht sich die halbe Familie und Schwiegerfamilie gegenseitig zu meucheln.
Am Ende stirbt der König von der Hand seines Sohnes und Ioro, der jetzt keine Zukunft mehr für sich sieht im Reich, flieht zu den Wüstenkriegern, gegen die das Reich gerade Krieg führt.
Zauberer Jokon, der sich jetzt Jo nennt, hat derweilen einen kapitalen Fehler begangen, ist einer fremden, feindlichen Zauberer-Fraktion auf den Leim gegangen und sitzt im Körper eines Falken fest.
Ein toter König
General Ordunat kratzte sich unbehaglich am linken Oberschenkel. Die alte Pfeilwunde schmerzte schon wieder. Er sollte wirklich einen Heiler aufsuchen … Aber das war nicht seine dringendste Sorge. Ganz und gar nicht.
„Wir haben nur eine Chance“, sagte General Skatskee mit gepresster Stimme. „Das hier darf nie, wirklich nie, unter absolut keinen Umständen, an die Öffentlichkeit gelangen.“
Sein Blick irrte durch das Zelt, um wieder bei der Gestalt zu landen, die inmitten eines unregelmäßigen Fleckens eingetrockneten Blutes am Boden lag. Sein König. Erschlagen mit einem Schwert, in einem seiner eigenen Zelte, inmitten einer Tausendschaft seiner besten Soldaten.
Dazu ein entkommener Gefangener. Und ein vermisster Feldherr, der zufällig auch noch der Sohn dieses Königs war.
Eine Katastrophe. Alle vier anwesenden Generäle waren sich darin einig. Eine Katastrophe für den Feldzug, eine noch größere Katastrophe für das Reich. Und eine vernichtende Katastrophe für die Ehre des Königshauses, sollte jemals die Wahrheit ans Licht kommen: Dass der oberste Feldherr Karapaks seinem Vater und König eigenhändig den Schädel gespalten hatte und mit seinem Erzfeind gemeinsam in der Wüste verschwunden war.
Der Junge hatte das gar nicht mal so ungeschickt gemacht, dachte General Ordunat. Hatte höchstpersönlich die Wachen mit einem harmlosen Gespräch abgelenkt, sodass der Schamane unbemerkt davonschleichen konnte, und war dann davongegangen, als ob er nur einen kleinen Spaziergang machen wollte. Es hatte fast eine Kerze gedauert, bevor dem ersten Wachsoldaten aufgefallen war, wie still es im Zelt war.
Ordunat verstand Ioro. Und wie er ihn verstand! Die letzten Befehle des Königs waren allesamt dermaßen unehrenhaft gewesen, dass es geradezu ein Wunder war, dass die Soldaten sie noch ausgeführt hatten. Jeder, der Augen im Kopf hatte, konnte sehen, wie sehr der junge Feldherr unter diesen Befehlen litt. Und dennoch … Das hätte Ioro nicht tun dürfen. Damit hatte er seinen Eid gebrochen und seine Ehre auf immer verloren.
Aber das spielte auch nur noch eine sekundäre Rolle. „Wie wollen wir vorgehen?“
General Skatskee deutete auf die reglose Gestalt. „Wir werden sagen, der Schamane hat den König getötet. Und den Feldherren mit einem Zauber belegt, um ihn in die Wüste zu entführen. Und dort werden ihn vermutlich die rachsüchtigen Wüstenbarbaren töten.“
„Die Wachen wissen es anders“, gab General Nogando zu bedenken.
„Die Wachen werden sterben. Sie haben versagt. Sie hätten den König schützen müssen.“
„Wollen wir wegen des Feldherren etwas unternehmen?“
„Was denn?“, gab Ordunat bissig zurück. „Wollt Ihr die Wüste nach ihm umgraben? Da wären Eure Chancen besser, mit bloßen Händen in den Bergen einen Drachen zu erlegen. Niemand findet die Wüstenkrieger, wenn sie es nicht wollen. Der einzige, der das konnte, war Ioro, und auch der schaffte es nur, weil ihm dieser Falke dabei half.“
„Wenn wir Glück haben, erschlagen die Wüstenkrieger ihn wirklich“, knurrte General Ochot. „Genug von ihnen hat er schließlich getötet.“
„Und wenn wir Pech haben“, lächelte General Ordunat schief, „lassen sie ihn nicht nur am Leben, sondern nutzen auch seine Erfahrungen. Immerhin war er der oberste Feldherr Karapaks. Wer, wenn nicht er, kennt alle unsere Schwächen, weiß, wie unsere Armee arbeitet, und vor allem, wie wir denken?“
Die Generäle sahen sich an. Unbehagliches Schweigen breitete sich im Zelt aus. Schließlich räusperte sich General Skatskee. „Wollen wir hoffen, dass Ioro noch Ehre genug fühlt, dass er uns nicht verrät. Den Feldzug werden wir so oder so vorerst abbrechen müssen. Unsere alleinige Aufgabe wird es jetzt sein, unseren toten König nach Hause zu bringen. Dann ist es an seinem Sohn, unseren neuen König, über das weitere Schicksal dieses Feldzuges zu entscheiden.“
*
Der Weg nach Sawateenatari war lang. Es war den Zauberern zu verdanken, dass Kanatas Körper in einem einigermaßen ansehnlichen Zustand zurück in den Palast gelangte.
*
Iragana lauschte in sich hinein. Wie seltsam. Sie fühlte nichts. Dabei hätte sie doch jetzt Freude empfinden müssen. Freude darüber, dass der Platz ihres Sohnes gesichert war. Freude darüber, dass gleichzeitig sein ärgster Konkurrent, sein Bruder Ioro, ausgeschaltet war. Freude darüber, dass alle ihre Ziele erreicht und ihre Träume in Erfüllung gegangen waren.
Aber da war keine Freude. Da war nur diese merkwürdige Leere. Iragana schaute in ihr Innerstes. Diese Leere beunruhigte sie, verunsicherte sie zutiefst. Warum freute sie sich nicht? Sie grub in der Leere. Da ganz hinten, in einem tiefen, versteckten Winkel ihres Verstandes, war doch noch etwas. Sie packte dieses Etwas, zog es aus seinem Versteck, begutachtete es, wand es nach allen Seiten. Und sie erkannte es. Es war der letzte kleine Rest von jenem ersten winzigen Spross einer Liebe, die sie einmal, als junge Braut, ihrem Verlobten Kanata entgegengebracht hatte. Das, woraus ihre Liebe zu ihrem Ehemann gewachsen war, das, was sich aus unerwiderter Liebe zu Hass gewandelt hatte über die Jahre, und dann zur Gleichgültigkeit, und jetzt zur Leere. Aber dieser kleine Rest hatte überlebt. Hatte sich nicht zerstören lassen. Iragana erkannte fassungslos, dass sie ihren Mann immer noch liebte.
Die Gemahlin des toten Königs schrie laut auf.
In den Höfen des Sommerharems erstarrte das Leben.
*
Weiß. Die ganze Welt war weiß. Weiß trugen die Diener. Weiß trugen die Wachen. Weiß die Konkubinen und die Kinder. Weiß trug die Königin. Jedes sichtbare Stück Stoff war weiß. Selbst die Halsbänder der Hunde waren weiß. Und die Blumenbeete. Alle Blüten, die nicht weiß waren, hatten die Gärtner abgeschnitten.
So geisterhaft der Palast aussah, so still war er.
Die Gemächer des Kronprinzen blieben leer.
*
„Her mit dem Wein!“ Tolioro schwankte leicht, während er nach dem rubingeschmückten Pokal griff. Süßer, karapakischer Südwein. Sein Vater war endlich tot. Das musste gefeiert werden! Noch dazu schien sein Bruder sehr innig in diesen Tod verstrickt zu sein. Mit etwas Glück war Ioro sogar inzwischen ebenfalls tot. Tolioro hoffte auf die Rachsucht der Wüstenkrieger. So oder so aber war das Verschwinden seines Bruders von der Bildfläche ein weiterer Grund zum Feiern. Graf Chilikits Stadtpalais gab da gerade den rechten Rahmen her.
Zu Hause trugen alle Trauer. Selbst seine dämliche Mutter. Hatte sie sich nicht immer den Tod ihres Gatten gewünscht, sogar aktiv darauf hingearbeitet? Und jetzt, wo er endlich tot war, trauerte sie um ihn und behauptete, ihn tatsächlich geliebt zu haben? Versteh einer die Frauen! Tolioro verstand sie jedenfalls nicht. Aber egal. Sollte seine Mutter trauern, er würde feiern.
Die zierliche Sklavin schenkte den Wein ohne weitere Aufforderung nach. Ihre Hand zitterte leicht. Tolioro musterte sie kritisch von oben bis unten. Ein wenig zu dunkel für seine Zwecke. „Geh nach nebenan!“, befahl er. „Da steht Farbe. Mal dich heller. Und vergiss deine Haare nicht!“ Das Mädchen verbeugte sich und machte, dass es hinauskam.
Fitor von Arant-Kone, Graf Chilikits jüngster Sohn, sah mit weinseligem Lächeln auf. „Heller? Ich dachte immer, du magst keine hellhäutigen Frauen?“
„Mag ich auch nicht.“ Tolioro flegelte sich in die Polster. „Sie erinnern mich an meine Frau.“
Fitor zog es vor, darauf nicht zu antworten. So betrunken war er denn doch noch nicht, um nicht zu wissen, wie heiß dieses spezielle Thema war. Aber Tolioro sprach schon weiter.
„Meine entlaufene Frau Sirit.“ Seine Stimme klang heiser. „Wenn ich die heute hier hätte …“ Er goss einen weiteren Becher Wein in sich hinein. „Na gut, sie ist nicht hier, dann werde ich mich eben mit dieser hier begnügen müssen.“ Er deutete auf die Sklavin, die mit geweißtem Gesicht und ebenso geweißten Armen, Händen und Haaren soeben den Raum wieder betrat. Man sah der Farbe an, dass sie in aller Eile aufgetragen worden war. Schwankend richtete Tolioro sich auf, winkte die junge Frau heran. Sie versuchte eine Verbeugung. Tolioros Hand landete hart in ihren Haaren, krallte sich hinein und zwang sie auf die Knie. „Hässlich“, sagte er. Jetzt schnurrte seine Stimme fast. „Hässlich. Hell, hässlich, hell und hässlich.“ Er riss ihre Tunika auf. Auf den braunen Brüsten der Sklavin brachen sich die goldenen Reflexe der Kerzenflammen. „Arr!“ Tolioros freie Hand klatschte hart in ihr Gesicht. „Ich habe gesagt, du solltest dich heller machen. Was bei allen Winddämonen ist daran so schwer zu verstehen? Heller, überall heller. Ich habe nicht gesagt, lass deinen Körper aus!“ Er schlug ein zweites Mal zu. Da, wo sein Ring sie getroffen hatte, zeigte die Wange der Sklavin eine breite, blutige Schramme. Die Frau wagte nicht einmal zu wimmern. Tolioro warf sie hart auf den Boden. Dann ging er selbst nach nebenan, holte Farbe und Schwamm. Sanft, fast liebevoll begann er, den ganzen Körper der Sklavin mit der Farbe zu betupfen.
Fitor richtete sich interessiert auf. Das war neu.
Die Sklavin entspannte sich langsam. Drehte ihren Körper so, wie Tolioro es wollte, bis er sie von Kopf bis Fuß mit der hellen Farbe bedeckt hatte. Nicht einmal ihre Schamlippen hatte er ausgelassen. „Besser“, konstatierte er und warf den Schwamm achtlos beiseite. „Für heute Abend bist du meine Frau.“
Fitor zuckte zusammen. Au weia. Es wurde Zeit, dass er eine Ausrede fand, um sich zu verdrücken.
Tolioro öffnete seinen Gürtel, wog ihn in der Hand. Ein schneller, harter Schlag quer über die Brüste der Frau. Sie jaulte kurz auf. Er nahm den Gürtel und formte daraus eine Schlinge. Dann zog er sie beinahe liebevoll über den Kopf der Sklavin und beugte seinen Kopf an ihr Ohr. „Du wirst dich nicht wehren!“, flüsterte er. „Meine Frau tat das auch nie. Lieg einfach nur still. Wenn nicht …“ Er zog an der Schlinge. Das Lederband am Hals der Frau zog sich zu. Ihr Körper bäumte sich auf in dem vergeblichen Bemühen, Luft zu kriegen. Tolioro wartete ein paar Herzschläge, dann lockerte er die Schlinge wieder. In den Augen der Frau standen Tränen. „Wenn nicht, dann bist du sehr schnell tot. Hast du verstanden?“ Sie nickte furchtsam.
Wenn du wüsstest, dachte Fitor. Der Tod ist noch das geringste Übel, das dich hier erwartet. Aber er sagte nichts.
Tolioro hatte sich inzwischen seiner Kleidung entledigt und kniete zwischen den Beinen der Frau. In der einen Hand hielt er das Ende der Gürtelschlinge, in der anderen sein Messer, und sein Glied zuckte begierig vor ihrer Scham. Dann begann er, mit der Spitze des Messers Linien in die weiße Farbe auf ihrem Bauch zu ritzen. Verschlungene, gewundene Linien, aus denen es rot quoll. Die Frau tat ihr bestes, still liegen zu bleiben, aber ihr ganzer Körper zuckte und zitterte.
„Zu- zuwiel Wein!“, sagte Fitor, bewusst lallend. „Zuwiel Wein. Miris schlescht. Isch glaub isch geh mal kurzzz innen Garten.“ Ihm war tatsächlich schlecht, wenn auch nicht von dem Wein.
„Jaja“, murmelte Tolioro geistesabwesend, „geh nur.“ Sein Messer grub sich in den Oberschenkel der Frau. Sie wimmerte. Er drehte die Klinge. Die Frau schrie. Er zog die Schlinge zusammen. Aus dem Schrei wurde ein Röcheln. Im Hinausgehen nahm Fitor gerade noch wahr, wie Tolioro sein Glied in die Frau hineinrammte und zischte: „Du wirst mich noch um Gnade anflehen, Sirit!“
Der Neue
„Wir ziehen uns zurück!” Die Stimme des Schamanen hörte jeder, auch wenn er leise sprach. „Wir ziehen uns zurück und bleiben mindestens zwei Tagesritte von der Grenze entfernt!”
„Das sagst du nur, weil dieser Fremde dir das einflüstert!” Chirgot musterte Ioro feindselig. Nicht genug, dass der Schamane den Krieg abbrechen wollte, nicht genug, dass er einen der Karapaki persönlich mitbrachte ins Lager der Roten Zelte, es war auch noch der Anführer mit dem unheimlichen Geistervogel. Ausgerechnet der!
„Das sage ich, weil ich die Zeichen der Götter sehe!” Der Schamane ließ sich nicht beirren. „Wir werden tun, was uns die Götter zu tun bedeuten. Oder wollt ihr gegen ihren Willen und gegen meinen Rat weiterkämpfen?”
Chirgot antwortete nicht. Er selbst hätte ja die größte Lust, genau das zu tun. Aber welcher Krieger-Bruder würde ihm folgen? Keiner. Und die Karapaki alleine anzugreifen, da konnte er sich genauso gut gleich selbst die Kehle durchschneiden.
Er würde tun, was der Schamane sagte. Aber er war nicht glücklich mit dessen Entscheidung. Überhaupt nicht.
Er war nicht glücklich mit seiner Entscheidung. Überhaupt nicht. Ioro biss die Zähne zusammen. Was um alles in der Welt hatte ihn bewogen, ausgerechnet zu seinen größten Feinden zu gehen?
Aber natürlich kannte er die Antwort. Er hatte keine andere Option gehabt. Entweder die Wüstenkrieger oder Tolioro und der Scharfrichter. Im Grunde war es keine Entscheidung gewesen. Im Grunde hatte er überhaupt keine Wahl gehabt. Als kleines Glück im Unglück konnte er nur die Tatsache verbuchen, dass er in den letzten Wochen des Krieges intensiv die Sprache der Wüstenkrieger gelernt hatte. Eigentlich nur, um seine Gefangenen besser verhören zu können.
Ioro musterte die Wüstenkrieger. Geflochtene Haare, geflochtene Bärte, soweit sie nicht glatt rasiert waren, Tätowierungen auf Gesicht und Armen, schmutzige, abgerissene Kleidung und saubere, funkelnde Waffen. Jetzt, da er wusste, wonach er suchen musste, erkannte er mehrere Frauen unter ihnen. Was war das für ein Volk, dass den Frauen erlaubte, Krieger zu sein? Was waren das für Frauen, die in den Kampf zogen, um gegen Männer zu fechten und sie zu töten?
Ein halbes Dutzend Jungen, denen gerade der erste Bartflaum spross, war mit von der Partie. Sie kümmerten sich um die Pferde. Und dann war da der Schamane. Als einziger in der Runde hatte er graue Haare. Kaum zu glauben, dass dieser Greis kaum älter war als er selbst. Noch weniger zu glauben, dass diese ganzen wilden Wüstenkrieger, die die getrockneten, präparierten Köpfe ihrer Feinde auf ihren Zeltspitzen stolz zur Schau stellten, vor ihm kuschten wie kleine Kinder. Der Mann musste wirklich ein mächtiger Zauberer sein.
„Der geht mit mir”, stellte der Schamane gerade fest. Der, damit war er selbst, Ioro, gemeint. Nun, zumindest hatte er bei dem Schamanen nicht das Gefühl, dass der ihm bei nächster Gelegenheit die Kehle durchschneiden wollte. Was dagegen die anderen Krieger anging – gut, dass Blicke nicht töten konnten.
Chirgot misstraute dem Fremden. Egal, was der Schamane sagte, er misstraute ihm. Die Karapaki hatten Frauen und Kinder angegriffen und ermordet. Sie kannten keine Ehre. Die Götter mochten wissen, was dieser Fremde vorhatte. Womöglich plante er eine ganz besondere Gemeinheit. Chirgot würde mit dem Schamanen ziehen, um den Fremden im Auge zu behalten. Und sollte sich auch nur der geringste Anlass bieten, würde er es höchstpersönlich in die Hand nehmen, dass der Fremde einen Kopf kürzer gemacht wurde.
Zunächst aber würde er dafür sorgen, dass der Fremde das schlechteste Pferd bekam. Der sollte keine Gelegenheit finden, einfach wieder abzuhauen.
*
„Vermaledeite Schindmähre!” Ioro schlug seinem Gaul die Hacken in die Flanken. Die kleine, schmutziggelbe Stute mit der eisgrauen Mähne schnaubte verächtlich und trottete in ihrem gewohnten Schütteltrab weiter, als ob nichts passiert wäre. Bei allen Winddämonen, dieser Gaul brachte ihn noch um. Ioro spürte jeden Knochen in seinem Hinterteil. Und Knochen hatte die kleine Stute reichlich. Knochen, die an allen Ecken und Enden aus dem schütteren Fell herauszuragen schienen. Knochen, die sich ohne Sattel in jedes vorhandene Weichteil bohrten. Ioro hatte den Verdacht, dass man ihm das wohl schlechteste Pferd der ganzen Herde gegeben hatte.
Gut, die anderen sahen auch nicht besser aus, aber zumindest konnten sie schneller laufen. Wenn wenigstens dieser Chirgot nicht ständig wie ein Aasgeier hinter ihm hängen würde! Der sah so aus, als ob er ihn bei nächster Gelegenheit hinterrücks erstechen wollte.
Pad, pad, pad. Die kleine Stute kletterte mit schleifenden Hufen eine weitere Sanddüne empor. Nahm dieser Sand denn nie ein Ende? Mit seiner Kompanie war es schon schlimm genug gewesen, wenn sie durch Sand reiten mussten. Aber da hatte er wenigstens noch die Möglichkeit gehabt, hin und wieder eine Pause anzuordnen. Pausen schienen diese Wüstenkrieger überhaupt nicht zu kennen. Sie ritten jetzt schon seit dem Morgengrauen. Ohne zu rasten, ohne etwas zu trinken. Ioro klebte die Zunge fast am Gaumen fest und die Haut über seiner Narbe brannte wie Feuer. Gut, dass der Falke es heute vorzog, den Sand auf seinen eigenen Schwingen zu überwinden. Ioro war sich nicht so sicher, ob er das Gewicht des Vogels auf seiner Schulter noch ausgehalten hätte. Er konnte ja schon seinen eigenen Kopf kaum noch gerade halten. Ob dieser endlose Ritt eine spezielle Foltermethode der Wüstenkrieger war? Noch einen Tag würde er das nicht überstehen. Es war schon fraglich, ob er wenigstens diesen Tag überstand. Vermutlich, überlegte er düster, wäre er besser dran, hätte er sich gleich seinem Bruder Tolioro ergeben.
Pad, pad, pad. Die nächste Düne. Das wollte einfach kein Ende nehmen.
Reiner Stolz war es, der Ioro noch im Sattel hielt. Vor diesen verdammten Wilden würde er keine Schwäche zeigen. Wenn die das durchhielten, dann würde er, Ioro, ein Sohn des ruhmreichen Hauses Mehme, das schon lange schaffen.
Pad, pad, pad. Die nächste Düne.
Ioro klammerte sich fester an die struppige eisgraue Mähne.
Der Fremde schwankte. Chirgot schnaubte verächtlich. Diese Karapaki waren alle miteinander miserable Reiter. Malträtierten ihre Pferde mit Kandare und Sporen und hatten nicht einen Funken Gefühl für das, was die Tiere brauchten. Zudem hatte sich die ganze linke Gesichtshälfte und Schulter des Fremden mittlerweile dunkelrot verfärbt. Die Stelle sah vernarbt aus. Ob der Karapaki etwa auf seiner Narbe keine Sonne vertrug? Na, dann würde er nicht lange in der Wüste überleben. Sonne gab es hier nämlich ständig. Chirgot würde ihm ganz sicher keine Träne nachweinen.
Der dunkelrote Sonnenball berührte den Horizont, als hinter einer letzten Düne endlich ein ausgedehntes Tal in Sicht kam. Verstreut stehende Trupps von fahlgelben Pferden und rotbraunen Ziegen weideten die kargen Grasbüschel und die struppigen Dornbüsche ab. An der tiefsten Stelle des Tales standen ein paar ziegenfellrote Zelte, deren Bewohner sich umwandten und voller Erwartung ihren Kriegern entgegensahen. Der Schamane lenkte sein Pferd bis zwischen die Kochfeuer und sprang ab. Die Krieger folgten seinem Beispiel. Schon rannten Kinder herbei, um die Pferde in Empfang zu nehmen. Ioro hörte aufgeregtes Getuschel, als er sich vom Pferd gleiten ließ. Einen Moment musste er sich an der Kuppe festhalten, seine Beine drohten wegzuknicken. Verdammt! Ein einziger Tagesritt und er fühlte sich schwächer als ein Kleinkind? Das dufte doch nicht wahr sein. Unter Aufbietung aller Willenskraft ließ er das Pferd los und machte einen wackligen Schritt zur Seite. Ihm wurde schwarz vor Augen. Ruhig, ermahnte er sich. Bleib stehen, rühr dich nicht, warte. Irgendwie schaffte er es tatsächlich, stehenzubleiben. Dann roch er Wasser, fühlte den Rand eines Bechers an seinen aufgesprungenen Lippen. Ah, tat das gut! Er wollte mehr, doch die Frau schob seine Hand sanft zur Seite.
„Nicht zu schnell, Soldat”, sagte sie. „Du holst dir den Tod, wenn du jetzt zu schnell zu viel trinkst.” Sie lachte leise auf. „Vielleicht doch nicht den Tod, aber es dürfte dir dann sehr, sehr schlecht gehen.”
Ioro nickte benommen.
„Geh mit ihr”, sagte der Schamane.
Ioro blinzelte. Wo kam der Alte so plötzlich her?
„In ihrem Zelt ist noch Platz für einen Krieger.”
Der Schamane verschwand so schnell wieder, wie er gekommen war.
Die Frau nahm Ioro bei der Hand und zog ihn zu einem der Zelte. Der Boden im Zelt war von einem weichen, mit Arabesken verzierten Teppich bedeckt. Die Frau wies ihn an, sich zu setzen.
Tat das gut! Ioro fühlte sich erschöpft wie schon lange nicht mehr. Ob er sich einen Moment hinlegen sollte? Noch während er das dachte, berührte sein Kopf schon den Boden. Im nächsten Moment schlief er tief und fest.
*
Jemand stupste ihm vorsichtig in die Rippen und sagte etwas Unverständliches. Eine Frauenstimme antwortete, genauso unverständlich. Hatte sein Vater schon wieder eine neue Konkubine? Es wurde Zeit, dass er hier verschwand. Sein Vater mochte es nicht, wenn seine erwachsenen Söhne im Sommerharem schliefen. Ioro richtete sich auf. Das heißt, er wollte sich aufrichten. Weit kam er nicht. Nach dem ersten Zentimeter stellte er zwei Dinge fest, nein, drei: sein Kopf schmerzte zum Zerspringen, er hatte rasenden Durst, und er fühlte sich schwach wie nach einem heftigen Fieber.
„Trink dies!”, sagte eine Frauenstimme. Diese Stimme hatte er doch schon einmal gehört? Ioro versuchte zu blinzeln. Eine schlicht gekleidete Frau von vielleicht dreißig Regenzeiten tauchte in seinem Gesichtsfeld auf, mit hager geschnittenen Gesichtszügen, deren Schärfe durch ein mütterliches Lächeln gemildert wurde. Die Frau hielt ihm eine Schale mit Flüssigkeit entgegen. Ioro trank. Es schmeckte leicht bitter, aber durchaus trinkbar. Schon nach kurzer Zeit ließen seine Kopfschmerzen nach und er war wenigstens fähig, sich aufzusetzen.
Dies war nicht der Sommerharem. Wo, bei der Göttin, war er?
Langsam kehrte seine Erinnerung zurück. Sein Vater, König Kanata, war tot. Er selbst hatte ihn getötet. Und dies hier, das war ein Zelt der Wüstenkrieger. Er war bei seinen Todfeinden. Und er litt unter den Nachwirkungen eines einzigen Tagesrittes mit eben diesen Wüstenkriegern. Wenn seine weitere Zukunft sich ähnlich gestalten würde ...
Die Frau holte eine weitere Schale. Eine Art Körnerbrei war darin und ein Löffel. „Du musst etwas essen”, sagte sie freundlich.
Ioro löffelte gehorsam.
Die Zeltklappe bewegte sich. Ein kleiner dunkler Lockenkopf schob sich herein. Das musste das Kind sein, das ihn vorhin angestupst hatte. Ioro lächelte vorsichtig. Der Junge schlüpfte ins Zelt und sah ihn mit großen Augen an. Er mochte acht oder neun Regenzeiten zählen. Wieder sagte die Frau etwas in der fremden Sprache. Der Sprache der Wüstenstämme, wie Ioro verspätet feststellte. Und jetzt, wo er sich darauf konzentrierte, bekam er auch mit, was sie sagte. „Sei höflich, starr unseren Besucher nicht so an!”
Zurück zu Ioro gewandt, fügt sie auf Karapakisch hinzu: „Er kennt leider nur wenig von meiner Sprache. Er lebt erst seit wenigen Monden bei mir.”
„Er ist nicht dein Sohn?”, fragte Ioro verdutzt.
„Er ist der Sohn der Schwester meines verstorbenen Mannes”, gab die Frau zurück. Sie musste wohl die Fragezeichen in Ioros Augen erkannt haben, denn sie fuhr fort: „Die Schwester meines Mannes ist zu den Kriegern gegangen. Es ist Sitte hier, dass Kinder immer zu den nächsten weiblichen Verwandten gehen, wenn ihre Eltern die Zelte verlassen.”
„Aha”, murmelte Ioro. Merkwürdige Sitten. Warum schickten sie die Kinder nicht zu ihren nächsten männlichen Verwandten? Aber zunächst brannte ihm eine ganz andere Frage auf dem Herzen. „Wo hast du so gut Karapakisch gelernt? Ich höre kaum einen Akzent!”
Die Frau lächelte. „Ich bin Karapakierin von Geburt, aus dem Dorf Motogawitere.”
Ioro starrte sie entgeistert an. „Karapakierin? Aber … wieso lebst du dann hier? Und wie lange lebst du hier schon? Bist du eine Sklavin?”
„Hier gibt es keine Sklaven”, sagte die Frau. Es klang, als ob sie sich darüber freute. „Keine Sklaven, und keine Diener, und keine Männer, die über das Leben einer Frau bestimmen. Wenn du’s genau wissen willst, ich war in Motogawitere verheiratet, mit einem Bauern, seit ich fünfzehn war, und zwei Jahre später hatte ich zwei Kinder von ihm geboren, die beide ihr erstes Lebensjahr nicht überlebten, weil ich zu wenig Milch für sie hatte. Dann kam eines Tages einer der Wüstenreiter ins Dorf, um etwas Eisen zu erhandeln, und sah mich an. Und ich hatte das Gefühl, dass dieser Mann der einzige weit und breit war, der mich nicht als Zuchtvieh sah oder als Arbeitstier, der wirklich eine Frau, eine begehrenswerte Frau in mir sah. Ich versteckte mich außerhalb des Dorfes. Und als er auf dem Rückweg vorbeikam, trat ich seinem Pferd in den Weg und sagte ihm, dass ich mit ihm reiten wollte. Er nahm mich ohne ein Wort zu sich auf den Pferderücken. So habe ich meinen wahren Mann kennengelernt. Er hat mir dieses Zelt genäht und es mir geschenkt. Und seitdem lebe ich hier.”
„Hast du nie versucht, zurückzukehren?”
„Wozu?” Die Frau schien aufrichtig erstaunt. „Hier geht es mir besser, als es mir in Karapak je ging. Ich werde geachtet, kann frei entscheiden, was ich tun will und wo ich leben möchte, und das Leben ist sehr viel schöner und unbeschwerter als in Motogawitere.”
„Hat es denn niemanden hier gestört, dass dein Mann eine Karapakierin mitbrachte als seine Frau?”
„Weshalb sollte es?”, fragte die Frau zurück. „Viele hier in den Zelten stammen aus Karapak. Frauen und auch Kinder. Wenn die Krieger der roten Zelte nach Karapak einfallen, töten sie höchstens die Männer. Die Frauen und Kinder lassen sie leben, und wer immer es möchte, ist in ihren Zelten willkommen und wird in ihr Volk aufgenommen.”
So also hatte der Schamane das gemeint. Die Wüstenstämme töteten wirklich keine Frauen und Kinder. Aber an der Grenze hatte er tote Frauen und Kinder gesehen. Und nicht gerade wenige. Wer, wenn nicht die Wüstenstämme, hatte sie dann getötet?
Darüber konnte er später nachdenken. Zunächst einmal hatte Ioro ein ganz anderes, viel akuteres Problem. Und wegen dem würde er garantiert nicht die Frau fragen. Jetzt kamen ihm seine Kenntnisse aus dem Wüstenfeldzug zupass. Ioro wechselte zu der Sprache der Wüstenstämme und wandte sich an den Jungen. „Ich hab das Gefühl, meine Blase platzt fast”, sagte er. An dem breiten Grinsen des Jungen konnte er sehen, dass der ihn gut genug verstand. „Zeigst du mir bitte, an welchem Ort ich mich erleichtern kann?”
Der Junge nickte beflissen und sprang hoch. Ioro folgte ihm, langsam, vorsichtig, mit immer noch schmerzenden Muskeln und steifen Gelenken.