Czytaj książkę: «Oliver Twist»
Charles Dickens
Oliver Twist
Julius Seybt
Saga
Oliver Twist ÜbersetzerJulius Seybt Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1837, 2020 Charles Dickens und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726479812
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
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Erstes Kapitel.
Wo und unter was für Umständen Oliver Twist geboren wurde.
Ausser anderen öffentlichen Gebäuden rühmt sich die Stadt Mudfog, gleich den meisten grossen und kleinen Städten, auch eines Armen- und Arbeitshauses; und in diesem wurde an einem Tage und Datum, worüber genaue Auskunft zu erhalten unwichtig für den Leser ist, Oliver Twist geboren. Noch lange nachdem der Kirchspielwundarzt ihn in diese Welt der Sorgen und Mühen gefördert, blieb es sehr ungewiss, ob er am Leben bleiben würde. Es war äusserst schwierig, ihn zum Athmen zu bringen — einem mühsamen Geschäft, das die Gewohnheit uns aber freilich zu einer nothwendigen Lebensbedingung gemacht hat — und er lag eine Zeit lang zuckend und keuchend gleichsam auf der Grenzscheide dieser und jener Welt. Wenn er während dieser Zeit von sorglichen Grossmüttern, geschäftigen Tanten, erfahrenen Wärterinnen und hochgelahrten Doctoren umgeben gewesen wäre, so würde er natürlich die Stunde nicht überlebt haben; allein es war Niemand in seiner Nähe, ausser einer alten, ein wenig bierberauschten Frau und dem Kirchspielwundarzte, der die Geburtshilfe contractmässig leistete, wovon die Folge war, dass Oliver endlich den Hausbewohnern seine Erscheinung in der Welt durch ein lautes Schreien ankündigte. Als er dieses Zeichen des Lebens gab, hob ein bleiches junges Frauenzimmer den Kopf vom Kissen empor, und rief mit matter, bebender Stimme: „Lasst mich das Kind sehen, und sterben!“
Der Wundarzt ermahnte sie, nicht vom Sterben zu reden. „Ach, Sir,“ sagte die Wärterin, „wenn die junge Person erst so alt geworden ist, als ich’s bin, und, wie ich, dreizehn Kinder gehabt hat, die alle todt sind, ausgenommen zwei, die, wie ich selbst, im Armenhause sind, so wird sie keine so traurige Gedanken mehr haben, Sir. Sei Sie ruhig, Kind, und bedenke Sie die Freude, Mutter zu sein.“
Die tröstlichen Worte schienen des gebührenden Eindrucks zu verfehlen. Die Wöchnerin schüttelte den Kopf, und streckte die Arme nach dem Kinde aus. Der Wundarzt reichte es ihr, sie küsste es, heftig erregt, mit den kalten weissen Lippen auf die Stirn, fuhr mit den Händen über ihr Gesicht, blickte wild umher, schauderte, sank zurück — und starb.
„’S ist aus mit ihr,“ sagte der Wundarzt nach einigen vergeblichen Bemühungen, sie wieder zum Leben zurückzubringen.
„Das arme Kind!“ sagte die Wärterin.
„Sie brauchen nicht zu mir zu schicken, wenn es schreit,“ fuhr der Wundarzt fort, während er kaltblütig die Handschuhe anzog. „Es wird wahrscheinlich sehr unruhig sein; geben Sie ihm dann ein wenig Hafergrütze.“
Er setzte den Hut auf, trat aber noch einmal an das Bett und sagte: „Die Mutter sah gut aus; woher kam sie?“
„Sie wurde gestern Abend gebracht,“ erwiderte die Wärterin, „auf Befehl des Directors. Man hatte sie auf der Strasse liegen gefunden, und sie muss ziemlich weit hergewandert sein, denn ihre Schuhe waren ganz zerrissen; aber woher sie kam, oder wohin sie wollte, das weiss Niemand.“
Der Wundarzt beugte sich über die Verblichene, hob die linke Hand derselben empor und bemerkte kopfschüttelnd: „Die alte Geschichte; ich sehe, kein Trauring. Hm! gute Nacht!“
Er ging zu seinem Abendessen, und die Wärterin fing an das Kind anzukleiden. Bis zu diesem Augenblick hätte man nicht sagen können, ob es das Kind eines Edelmanns oder eines Bettlers sei; das dürftige, verwaschene Kinderzeug des Armenhauses bezeichnete indess sogleich seine gegenwärtige und zukünftige Stellung in der Welt, sein ganzes Schicksal, als Kirchspielkind — Waise des Armenhauses, halb verhungert und unter Mühe und Plackerei, verachtet von Allen, bemitleidet von Niemand, durch die Welt geknufft und gestossen zu werden.
Zweites Kapitel.
Oliver Twist’s erste Kindheit.
Oliver Twist wurde die ersten zehn Monate „aufgefüttert“, und sodann in ein drei Meilen entferntes Filialarmenhaus versetzt, wo zwanzig bis dreissig andere kleine Uebertreter der Armengesetze unter der mütterlichen Aufsicht einer ältlichen Frau, welche für jeden derselben wöchentlich sieben und einen halben Penny erhielt, aufwuchsen, ohne zu gut genährt oder zu warm gekleidet und verzärtelt zu werden. Mit sieben und einem halben Penny lässt sich viel beschaffen, und die Matrone war klug und erfahren. Sie wusste, wie leicht sich Kinder den Magen überladen können und was ihnen dient, eben so genau aber auch, was ihr selbst gut war; sie verwendete daher einen beträchtlichen Theil des für die Kinder Bestimmten in ihrem eigenen Nutzen, fand demnach in der tiefsten noch eine tiefere Tiefe, und bewies somit, dass sie es in der Experimentalphilosophie wirklich weit gebracht.
Jedermann kennt die Geschichte eines anderen Experimentalphilosophen, nach dessen ruhmwürdiger Theorie ein Pferd im Stande war, ohne Nahrung zu leben, und der jene so vortrefflich demonstrirte, dass er sein eigenes Pferd bis auf einen Strohhalm den Tag herunterbrachte, und ohne Frage ein äusserst muthiges, kräftiges und gar nicht fressendes Thier aus ihm gemacht haben würde, wenn es nicht vierundzwanzig Stunden vor seinem ersten comfortablen vollkommenen Hungertage gestorben wäre. Die mehrerwähnte Matrone wendete dasselbe System nicht selten mit gleichem Unglücke auf die Kirchspielkinder an, deren nicht wenige vor Kälte oder Hunger, oder weil sie einen Fall gethan oder sich verbrannt hatten, starben und zu ihren Vätern in jener Welt, die sie in dieser nicht gekannt, versammelt wurden, wenn sie sie eben mit vieler Mühe so weit gebracht hatte, dass sie von der möglichst geringen Quantität möglichst schwacher Nahrungsmittel leben konnten.
Stellten die Directoren unangenehme Untersuchungen an, oder thaten die Geschworenen lästige Fragen, so schützten dagegen das Zeugniss und die Aussage des Wundarztes und Kirchspieldieners. Der Erstere hatte stets die Leichen geöffnet, und nichts darin gefunden (was sehr natürlich zuging), und der Letztere beschwor stets, was dem Kirchspiel angenehm war, und gab damit einen grossen Beweis von Selbstaufopferung und Hingebung. Das Armencollegium besuchte von Zeit zu Zeit die Filialanstalt, und schickte Tags zuvor den Kirchspieldiener, um seine Ankunft zu verkünden. Und dann sahen die Kinder stets gut und reinlich aus, und was konnte man mehr verlangen?
Oliver Twist war an seinem achten Geburtstage ein blasses, schwach aussehendes, nicht gross zu nennendes Kind, gewiss aber von sehr geringem Umfange; doch wohnte in ihm ein gesunder, kräftiger Geist, der auch, Dank der strengen Diät des Hauses, hinreichenden Raum hatte, sich auszudehnen. Oliver feierte seinen Geburtstag im Kohlenkeller, welcher ihm nach einer tüchtigen Tracht Schläge angewiesen worden war, weil er sich erkühnt hätte, hungrig zu sein, als Frau Mann, die gutherzige Pflegerin, durch die Erscheinung Mr. Bumble’s, des Kirchspieldieners, der dem Gartenpförtchen zuschritt, in Schrecken gesetzt wurde.
„Du meine Güte, sind Sie das, Mr. Bumble?“ rief sie ihm aus dem Fenster, anscheinend hoch erfreut, entgegen. — „Susanne, bring’ gleich den Oliver und die andern beiden Buben herauf und wasch’ sie. Ach, Mr. Bumble, wie lange haben Sie sich nicht sehen lassen!“
Mr. Bumble zürnte aber gewaltig, dass er auf das Oeffnen der Hausthür warten müsse, er, der Kirchspielbeamte, und indem er in Kirchspielwaisenangelegenheiten erscheine; allein Frau Mann wusste ihn durch viele milde Worte und ein starkes Getränk zu besänftigen, das er nach mancher Weigerung endlich anzunehmen sich herabliess. Er ging darauf zu den Geschäften über.
„Ist nicht der Knabe Oliver Twist heute acht Jahre alt, Frau Mann?“
„Des Himmels Segen über das liebe Herzchen!“ rief Frau Mann aus, und musste die Augen mit der Schürze abtrocknen.
Mr. Bumble fuhr fort: „Trotz ausgebotener Belohnung von zehn Pfund, ja nachher von zwanzig Pfund — trotz der übernatürlichen Anstrengungen des Kirchspiels, sind wir nicht im Stande gewesen, seinen Vater ausfindig zu machen, oder seiner Mutter Wohnung, Namen oder Stand in Erfahrung zu bringen.“
„Wie geht es denn aber zu, dass er einen Namen hat?“ fragte die Waisenmutter.
Der Kirchspieldiener warf sich in die Brust und erwiderte: „Ich erfand ihn.“
„Sie, Mr. Bumble!“
„Ich, Frau Mann. Wir benennen unsere Findlinge nach dem Alphabet. Der letzte war ein S, — Swubble: ich benannte ihn. Dieser war ein T, — Twist: ich gab ihm abermals den Namen. Ich habe Namen im Vorrath von A bis Z; und wenn ich beim Z angekommen bin, fang’ ich beim A wieder an.“
„Sie sind wirklich ein Gelehrter, Mr. Bumble!“
„Mag sein, mag sein, Frau Mann. Doch genug davon. Oliver ist jetzt zu alt geworden zum Hierbleiben, das Collegium hat beschlossen, ihn zurückzunehmen, ich bin selbst gekommen, ihn abzuholen; — wo ist er?“
Frau Mann eilte hinaus, und erschien gleich darauf mit Oliver wieder, der unterdess gewaschen und bestens gekleidet war.
„Mach ’nen Diener vor dem Herrn, Oliver,“ sagte sie.
Oliver verbeugte sich tief vor dem Kirchspieldiener auf dem Stuhle und dem dreieckigen Hute auf dem Tische.
„Willst du mit mir gehen, Oliver?“ redete ihn Mr. Bumble in feierlichem Tone an.
Oliver war im Begriff, zu antworten, dass er auf das Bereitwilligste mit Jedermann fortgehen würde, hob aber zufällig die Augen zu Frau Mann empor, die hinter des Kirchspieldieners Stuhl getreten war und mit grimmigen Mienen die Faust schüttelte. Er wusste nur zu gut, was das bedeutete.
„Geht sie auch mit?“ fragte er.
„Das kann nicht sein; sie wird aber bisweilen kommen und dich besuchen,“ erwiderte Bumble.
Das war kein grosser Trost für Oliver; allein er hatte trotz seiner Jugend Verstand genug, sich anzustellen, als verliesse er das Haus nur sehr ungern; ohnehin standen ihm die Thränen in Folge des Hungers und kaum noch erfahrener harter Züchtigung nahe genug. Frau Mann umarmte ihn wiederholt, und gab ihm, was er am meisten bedurfte, ein grosses Stück Butterbrod, damit er im Armenhause nicht zu hungrig anlangte. Die Sache war natürlich abgemacht. Sein Butterbrod in der Hand, verliess er die Stätte, wo kein Strahl eines freundlichen Blickes das Dunkel seiner ersten Kinderjahre erhellt hatte. Und doch brach er in Thränen kindlichen Schmerzes aus, als das Gartenthor sich hinter ihm schloss. Verliess er doch seine Leidensgefährten, die einzigen Freunde, die er in seinem Leben gekannt hatte; und zum ersten Male, seit dem Erwachen seines Bewusstseins, empfand er ein Gefühl seiner Verlassenheit in der grossen weiten Welt.
Angelangt im Armenhause, führte ihn Bumble in ein grosses Zimmer mit weiss übertünchten Wänden, wo (denn es war Sitzungstag) acht bis zehn wohlbeleibte Herren an einem Tische sassen. Ein besonders dicker Herr mit einem runden, rothen Gesicht präsidirte, und begann das Verhör.
„Wie heisst du, Knabe?“
Oliver bebte, denn der Anblick so vieler Herren brachte ihn gänzlich ausser Fassung; Bumble suchte ihn durch eine kräftige Berührung mit dem Kirchspieldienerstabe zu beleben, und er fing an zu weinen. Er antwortete daher leise und zögernd, worauf ihm ein Herr in weisser Weste zurief, ei wäre ein dummer Junge, was ein vortreffliches Mittel war, ihm Muth einzuflössen.
„Knabe,“ sagte der Präsident, „hör’, was ich dir sage. Du weisst doch, dass du eine Waise bist?“
„Was ist denn das, Sir?“ fragte der unglückliche Oliver.
„Er ist in der That ein dummer Junge — ich sah es gleich,“ sagte der Herr mit der weissen Weste sehr bestimmt.
„Du wirst doch wissen,“ nahm der Herr wieder das Wort, der zuerst gesprochen hatte, „dass du weder Vater noch Mutter hast, und vom Kirchspiel erzogen bist?“
„Ja, Sir,“ antwortete Oliver, bitterlich weinend.
„Was heulst du?“ fragte der Herr mit der weissen Weste; und es war in der That höchst auffallend, dass Oliver weinte.“
„Ich hoffe doch, dass du jeden Abend dein Gebet hersagst,“ fiel ein anderer Herr in barschem Tone ein, „und für Diejenigen betest, die dir zu essen geben und für dich sorgen?“
„Ja, Sir,“ stotterte Oliver.
„Wir haben dich hierher bringen lassen,“ sagte der Präsident, „damit du ein nützliches Geschäft lernen sollst. Du wirst also morgen früh um sechs Uhr anfangen, Werg zu zupfen.“
Oliver wurde hierauf wieder hinausgeführt, und schluchzte so lange, bis er einschlief. Zum Glück für ihn hatte das Collegium der Armenpfleger vor einiger Zeit die Entdeckung gemacht, dass das Armenhaus von nur zu vielen Arbeits- und Erwerbsfähigen, aber Faulen, als eine Art Paradies betrachtet und gesucht werde, und daher Anordnungen getroffen, dem Zudrange entgegen zu wirken. Es fand kein Luxus in der Speisung oder sonst mehr statt. Eheleute wurden von einander, Eltern von ihren Kindern getrennt, und so fort.
Das Gemach, in welchem die Knaben gespeist wurden, war eine Art Küche, und der Speisemeister theilte ihnen aus einem kupfernen Kessel am unteren Ende ihre Haferbreiportionen zu, einen Napf voll und nicht mehr, ausgenommen an Sonn- und Feiertagen, wo sie auch noch ein nicht eben zu grosses Stück Brod bekamen. Die Näpfe brauchten nicht gewaschen zu werden, denn sie wurden mit den Löffeln der Knaben so lange polirt, bis sie wieder vollkommen blank waren; und auch an den Löffeln und Fingern blieben Speisereste niemals hängen. Kinder pflegen eine vortreffliche Esslust zu besitzen. Oliver und seine Kameraden hatten drei Monate die Hungerdiät ausgehalten, vermochten sie nun aber nicht länger mehr zu ertragen. Ein für sein Alter sehr grosser Knabe, dessen Vater ein Garkoch gewesen, erklärte den Uebrigen, dass er, wenn er nicht täglich zwei Näpfe Haferbrei bekomme, fürchten müsse, über kurz oder lang seinen Bettkameraden, einen kleinen, schwächlichen Knaben, aufzuessen. Seine Augen waren verstört und rollten wild. Die halbverhungerte Schaar glaubte ihm, hielt einen Rath, looste darum, wer nach dem Abendessen zum Speisemeister gehen und um mehr bitten solle, und das Loos traf Oliver Twist.
Der Abend kam, der Speisemeister stellte sich an den Kessel, der Haferbrei wurde ausgefüllt und ein breites Gebet über der schmalen Kost gesprochen. Die letztere war verschwunden, die Knaben flüsterten unter einander, winkten Oliver, und die zunächst Sitzenden stiessen ihn an. Der Hunger liess ihn alle Bedenklichkeiten und Rücksichten vergessen. Er stand auf, trat mit Napf und Löffel vor den Speisemeister hin, und sagte, freilich mit ziemlichem Beben: „Bitt’ um Vergebung, Sir, ich möchte noch ein wenig.“
Der wohlgenährte, rothwangige Speisemeister erblasste, starrte den kleinen Rebellen wie betäubt vor Erstaunen an, und musste sich am Kessel festhalten. Oliver wiederholte unter Furcht und Zittern seine Worte, und nunmehr ermannte sich der Speisemeister, schlug ihn mit dem Löffel, auf den Kopf und rief laut nach dem Kirchspieldiener.
Das Armencollegium war eben versammelt, und Bumble stattete in grosser Aufregung seinen Bericht ab: Oliver Twist habe mehr gefordert. — Das Collegium wär empört.
„Hören wir recht — nachdem er gehabt, was zum Abendbrod festgesetzt ist?“ fragte Mr. Limbkins.
Bumble bejahete.
„Denken Sie an mich, Gentlemen,“ sagte der Herr mit der weissen Weste, „der Knabe wird dereinst gehangen werden.“
Die Herren hielten feierlichen Rath, und das Resultat bestand darin, dass Oliver eingesperrt, und durch öffentlichen Anschlag die Summe von fünf Pfunden Demjenigen, der Oliver Twist zu sich nehmen möchte, gelobt wurde, oder mit anderen Worten, man bot Oliver Twist um fünf Pfund aus an Jedermann, der eines Lehrlings oder Laufburschen bedürfte, gleichviel wo, oder in welchem Handwerke oder Geschäfte.
Drittes Kapitel.
Wie Oliver Twist nahe daran war, eine Anstellung zu bekommen, welche keine Sinecure gewesen sein würde.
Wenn es Oliver darum zu thun gewesen wäre, die Prophezeiungen des Herrn mit der weissen Weste selbst wahr zu machen, so hätte er zum wenigsten Zeit genug dazu gehabt; denn er blieb acht Tage lang eingesperrt. Allein um sich im Gefängniss zu erhenken, fehlte ihm erstlich ein Taschentuch — denn Taschentücher waren als Luxusartikel verpönt — und zweitens war er noch zu sehr Kind. Er weinte daher nur den langen Tag über, und schlief ein, als er erschöpft war. Es war indess dafür gesorgt, dass es ihm an Leibesbewegung, Gesellschaft und religiösem Troste nicht mangelte. Bumble geleitete ihn jeden Morgen zum Brunnen, und ausserdem veranlasste ihn die Kälte, viel auf und ab zu laufen im Gefängniss: Bumble führte ihn einen Tag um den andern in den Speisesaal, wo er alle anderen Knaben vorfand, vor deren Augen und zu deren Warnung und Beispiel er ausgepeitscht wurde; Bumble schleppte ihn jeden Abend zur Theilnahme am Gebet, das eine speciell auf ihn sich beziehende Clausel erhalten hatte: Gott möge sie (die Knaben) gut, zufrieden und folgsam machen, und — vor der Bosheit Oliver Twist’s bewahren.
Während Oliver’s Angelegenheiten noch so standen, wurde eines Morgens der Schornsteinfeger, Mr. Gamfield, durch sein Geschäft vor dem Armenhause vorübergeführt. Er plagte sein Gehirn und daneben auch seinen Esel, weil sich ihm durchaus kein Mittel entdecken wollte, eine Schuld von einigen Pfunden zu berichtigen, um welcher willen er hart bedrängt wurde. Er las den erwähnten Anschlag, und schmunzelte. Der Betrag der angebotenen Summe war eben, was er bedurfte. Er kannte die Armenhausdiät, und war daher überzeugt, dass die an sich lästige Knabenmitgabe nicht zu sehr in Anschlag kommen könne. Das Kind war ohne Zweifel zart und schmächtig genug, um nützlich in engen Schornsteinen und Ofenröhren verwendet werden zu können.
Er trat in das Haus, liess sich anmelden, erklärte den Directoren, dass er eines Lehrlings für ein respectabeles Schornsteinfegergeschäft bedürftig sei, und trug darauf an, dass man ihm den angebotenen Knaben überlassen möge. Mr. Limbkins missfiel das Geschäft, und ein anderer Herr bemerkte, man habe Beispiele, dass Knaben in den Rauchfängen erstickt wären.
„Das kam nur davon,“ sagte Gamfield, „wenn das Stroh feucht war, das angezündet wurde, um sie herunterzubringen, und also nur Rauch und keine Flamme nicht gab. Knaben sein widerspenstig und faul, meine Herren; ein gutes Feuer im Kamin macht sie munter, verhindert, dass sie oben einschlafen, oder weckt sie auf, wenn sie eingeschlafen sind.“
Dem Herrn mit der weissen Weste gefiel die Erklärung, Mr. Limbkins aber hatte desto mehr Einwendungen. Indess beriethen die Directoren leise, so dass nur die Worte „Ersparung“ und „Abrechnung“ vernommen wurden; sie erklärten dem Schornsteinfeger jedoch endlich, dass auf seinen Antrag nicht eingegangen werden könne.
Mr. Gamfield wünschte keine weitläufigen Verhandlungen. Sie hätten zu Erkundigungen führen können, wobei dann leicht wieder davon geredet werden konnte, dass bereits drei oder vier Knaben, wie man ihm schuld gab, in seinem Geschäft zu Tode gekommen waren. Er schickte sich daher an, abzutreten.
„Ich soll ihn also nicht haben, meine Herren?“ sagte er, an der Thür noch verweilend.
Man erklärte ihm, das Schornsteinfegergeschäft wäre ein schlechtes Geschäft, und er könne zum wenigsten auf den vollen Betrag der gebotenen Prämie keinen Anspruch machen. Er begann zu feilschen, verzichtete auf zehn und noch zehn Schillinge, der Handel kam endlich zu Stande, und Bumble wurde beauftragt, Oliver Twist dem Friedensrichter zur obrigkeitlichen Bestätigung des Vertrags vorzuführen.
Bumble kündigte Oliver seine Bestimmung an, und ermahnte ihn zur Dankbarkeit gegen das Kirchspiel, das so grosse Kosten aufwende, damit er, eine elende Waise, durch die Welt kommen könne. Oliver weinte blos. Bumble schalt ihn einen Narren, schärfte ihm ernstlich ein, was er auf die Fragen des Friedensrichters zu erwidern habe, und befahl, ihm zu folgen. Mr. Limbkins und der Schornsteinfeger warteten bereits. Bumble stellte Oliver gebührend vor, und Oliver verbeugte sich um so tiefer, da er noch nie Herren mit gepuderten Perrücken gesehen hatte.
„Der Knabe wünscht also Schornsteinfeger zu werden?“ sagte der Friedensrichter.
„Mit Gewalt,“ sagte Bumble, „will’s mit Gewalt werden, Ihr Edeln; würde übermorgen wieder entlaufen, wenn wir ihn morgen in ein anderes Geschäft gäben.“
Der Friedensrichter wendete sich zu dem Schornsteinfeger.
„Und Sie versprechen, ihn gut zu behandeln, ordentlich zu speisen, zu kleiden und was weiter dahin gehört?“
„Wenn ich’s einmal gesagt habe, dass ich’s will, so ist’s auch meine Meinung, dass ich’s will,“ erwiderte Gamfield barsch.
„Ihre Rede ist eben nicht fein, mein Freund; doch Sie scheinen ein ehrlicher, geradsinniger Mann zu sein,“ bemerkte der Friedensrichter, und war im Begriff, das betreffende Document zu unterzeichnen, als ihm Olivers angstvolles Zittern und entsetzte Mienen auffielen. Er legte die Feder wieder aus der Hand, sah Mr. Limbkins an, der aus Verlegenheit Schnupftabak nahm, lehnte sich über das Schreibpult, und redete Oliver so freundlich an, dass der Knabe zusammenfuhr, noch heftiger zu zittern anfing, und in Thränen ausbrach. Er sprach ihm Muth ein, und forderte ihn wiederholt auf, ohne Scheu zu sagen, wie es ihm um das Herz wäre.
Oliver fiel auf die Knie nieder, hob die gefalteten Hände empor und flehete schluchzend, man möge ihn in das finstere Gemach zurückbringen, hungern lassen, schlagen, ja todtschlagen — nur aber mit dem schrecklichen Manne nicht fortschicken.
Bumble bezeigte sein unsägliches, entrüstetes Erstaunen; der Friedensrichter gebot ihm Stillschweigen; er fragte, ob er gemeint sei; der Friedensrichter wiederholte das Gebot, und Bumble’s Erstaunen und Entrüstung kannten keine Grenzen mehr. Ihm zu gebieten, den Mund zu halten!
„Ich muss dem Vertrage die Bestätigung versagen,“ erklärte der Friedensrichter, das Pergament unwillig zur Seite schiebend.
„Ich hoffe,“ stotterte Mr. Limbkins, „Sie werden nicht geneigt sein, lediglich auf das Zeugniss eines Kindes der Meinung Raum zu geben, dass das Verfahren des Directoriums einem Tadel unterliege.“
„Ich bin als Friedensrichter nicht berufen, eine Meinung darüber auszusprechen,“ entgegnete der alte Herr. „Nehmen Sie den Knaben wieder mit sich, und behandeln Sie ihn gut. Er scheint es zu bedürfen.“
Man hatte den Anschlag herunter genommen, am folgenden Morgen wurde jedoch Oliver abermals um fünf Pfund ausgeboten.