Czytaj książkę: «Jan zieht in die Welt»

Czcionka:

Knud Mei­ster und Car­lo An­der­sen

Erstes kapitel

Durch die Fenster des Klassenzimmers konnten die Jungen den Tanz der Schneeflocken betrachten, die der leichte Ostwind vor sich her trieb. Es herrschte ideales Skiwetter. Selbst Erling träumte von derartiger körperlicher Anstrengung und konnte sich nur mühsam auf die Geschichte des Alten Rom konzentrieren.

Jesper murmelte vor sich hin, als ihn der Geschichtslehrer aufrief und fragte: «Und gegen wen kämpfte die Nobilität im Alten Rom? Das wird uns Jesper bestimmt sagen können.»

«Hm, gegen... gegen...», murmelte Jesper verzweifelt.

«Die Lakaien», flüsterte Erling ihm zu.

«Erling sollte nicht so laut flüstern», mahnte der Lehrer. «Nein», fuhr er fort, «es waren nicht die Lakaien, sondern die Plebejer. Vielleicht kann Jesper uns aber sagen, wer die politischen Anführer dieser Partei waren?»

Erling schrieb «Kosaken» auf einen Zettel und schob ihn Jesper zu. Siegessicher sagte Jesper laut: «Die Kosaken.»

«Nein, mein Freund, die waren es ganz bestimmt nicht. Es...»

Weiter kam der Lehrer nicht, denn in diesem Augenblick wurde die Tür des Klassenzimmers geöffnet und der Direktor der Schule trat ein. Lächelnd schaute er die Jungen an, die sich erhoben.

«Ich bringe euch eine Neuigkeit, die euch sicher alle sehr betrüben wird. Unsere Zentralheizung ist reparaturbedürftig. Die Reparatur wird mindestens eine Woche dauern, eher mehr. Wir sind daher gezwungen, euch zehn Tage Winterferien zu geben.»

Nachdem sich der Jubel der Klasse gelegt hatte, fuhr der Direktor fort: «Ich kann eure Freude gut verstehen, ich war auch einmal jung. Bitte vergeßt aber nicht, daß ihr alle bald vor dem Abschlußexamen stehen werdet. Die meisten von euch haben ja recht gute Aussichten, aber einige...» Er ließ den Rest unausgesprochen.

«Das galt dir», flüsterte Erling Jesper zu.

«Warte nur», erwiderte der erboste Jesper, der die Lakaien und Kosaken nicht vergessen hatte.

Der Rest der Stunde verging entschieden zu langsam, endlich aber läutete die Glocke doch zur Pause.

Als die Klasse sich im Schulhof versammelt hatte, sagte Jack Morton laut: «Hört mal alle zu! Das mit den Winterferien ist eine prima Idee. Ich möchte euch dazu einen Vorschlag machen. Mein Onkel Ernst hat einen schönen Gutshof unten in Südseeland, und er hat oft gesagt, ich sollte einmal mit so vielen Freunden hinkommen, wie ich nur zusammenbringen kann. Wie wäre es also, wenn wir alle, mit Skiern bewaffnet, zu meinem Onkel nach Lindeholm führen?»

«Prima!» – «Großartige Idee!» erklang es ringsum.

Nur Jan schüttelte den Kopf und fragte: «Sag mal, Jack, bist du ganz sicher, daß dein Onkel mit einer Invasion von zwanzig Jungen einverstanden ist?»

«Jawohl!» bestätigte Jack. «Du brauchst gar nicht so ungläubig dreinzuschauen.» Er lachte. «Es ist wirklich alles in bester Ordnung. Ich rufe meinen Onkel natürlich an und sage ihm Bescheid. Ihr müßt nur noch eure Eltern um Erlaubnis bitten, alles andere wird klappen.»

*

Zwei Tage später saß die ganze Klasse in der Eisenbahn, in drei aneinandergrenzenden Abteilen, und konnte es kaum erwarten, die Ski in Gebrauch zu nehmen. Außerdem waren alle sehr gespannt auf den Gutshof, der noch aus der Zeit des dänischen Königs Frederik II. stammte.

Jack versicherte allen nochmals, daß sein Onkel sich auf ihren Besuch freue, und Erling bekam überdies die Versicherung, daß er den Gutshof bestimmt nicht leeressen könne.

«Hoffentlich gibt es nicht allzu oft Pfannkuchen?» erkundigte sich Erling vorsichtig.

«Warum?»

«Weil die gute Mads, die Haushälterin von Jans Onkel Helmer in Raunsdal, mich bei unserem letzten Besuch fast ausschließlich mit Pfannkuchen fütterte. Ich glaube, ich kann nie mehr welche essen.»

«Na, dem können wir doch vorbeugen, wenn wir die Köchin verständigen. Sie wird schon andere Leckerbissen für dich haben. Und du verstehst dich ja darauf, den Köchinnen deiner Gastfreunde den Hof zu machen. Lindeholm bietet außerdem ein ganz vorzügliches Skigelände, und ich glaube, dort spukt sogar ein Gespenst.»

«Gespenster können mir gestohlen werden», rief Erling abwehrend. Er dachte an ein anderes Erlebnis dieser Art und hatte plötzlich alle Lust auf Wintersport verloren.

*

Jacks Onkel, Gutsbesitzer Ernst Fischer, erwartete die Klasse auf dem kleinen Bahnhof mit vier großen Schlitten, die dann mit den Jungen durch die verschneite Landschaft Südseelands in Richtung Lindeholm glitten. Den Gastgeber freute die Invasion ganz offensichtlich. Als die Schlitten die steinerne Brücke passierten, die über den alten Wallgraben zum Vorhof führte, erwartete die Gäste ein überraschender Anblick. Gegen den weißen Hintergrund standen die roten Mauern des schönen Gutshauses aus dem 16. Jahrhundert vor ihnen, das eher einem alten Schloß glich. Große Tannen trugen schwer an ihrer Schneelast, und dicke Eiszapfen hingen vom Dach herab. Es war wie eine Weihnachtskarte. Onkel Ernst hieß sie nochmals alle herzlich willkommen und schaute sich dann suchend in der Schar um. «Wer von euch ist denn Erling?»

Erling trat hervor, und der Gutsbesitzer schlug ihm freundschaftlich auf den Rücken. «Deinetwegen haben wir ein Schwein mehr geschlachtet, damit du hier nicht Hungers stirbst, mein Freund.»

Erling lachte etwas verlegen und bedankte sich dann höflich.

Erling und Jesper wurden in einem Zimmer untergebracht, während Jan sein Zimmer mit Jack teilte.

«Na», meinte Jan lachend, «an tiefen Fensternischen als Versteck für Gespenster fehlt es hier ja nicht. Ich bin sicher, Erling wird sich besonders darüber freuen. Hausgespenster scheut er wie die Pest. Meine Schwester Lis hat ihn früher mal arg damit erschreckt.»

«Dann ist es gut, daß sie diesmal zu Hause geblieben ist», antwortete Jack vom Waschbecken her. «Mich interessiert es mehr, daß es hier fließendes warmes Wasser gibt.»

«Ja, das kann man brauchen», meinte Jan, während er zum Fenster hinaussah. «Wenn der Schnee so weiterfällt, sind wir bald eingeschneit. Nur gut, daß wir Ski dabei haben.»

«Und heute nachmittag machen wir gleich die erste Tour», erklärte Jack.

«Natürlich! Prima! Bloß, meinst du wirklich, es macht deinem Onkel nichts aus, daß wir so viele sind?»

«Nein», ertönte es von der Tür. «Es macht ihm nichts aus. Er freut sich, daß endlich wieder Leben auf dem Hof ist.» Onkel Ernst stand höchstpersönlich in der Türöffnung und lächelte freundlich. «Seit meine Söhne aus dem Haus sind, ist es hier viel zu ruhig geworden. Auf Wiedersehen bei Tisch.» Damit ging er weiter, um sich auch nach seinen anderen jungen Gästen umzusehen.

Zweites kapitel

Die Tage auf Lindeholm vergingen nur allzu schnell. Vormittags machten die Jungen Ski-Ausflüge und am Nachmittag übten viele an einer kleinen selbstgebauten Sprungschanze. Allerdings kamen hierfür nur die Fortgeschrittenen in Frage, aber die übrigen schauten gern zu, wenn ihre Kameraden versuchten, sich gegenseitig zu überbieten.

Abends saßen sie alle mit Onkel Ernst und seiner Frau im großen Wohnzimmer. Schüsseln voller Gebäck und Obst warteten dort auf die Jungen, und Onkel Ernst erzählte ihnen Geschichten aus seiner Jugendzeit, als er noch ein Weltenbummler gewesen war.

«Wollt ihr alle weiterstudieren, wenn ihr im Frühjahr die Schule abgeschlossen habt?» fragte er eines Abends.

Die meisten wollten es.

«Und wird keiner von euch erst einmal für eine Weile ins Ausland gehen?»

Nein, keiner hatte solche Pläne. Onkel Ernst schüttelte den Kopf. «Daheim werdet ihr später noch jahrelang sitzen. Jetzt solltet ihr dort hinausziehen und euch den Wind um die Ohren wehen lassen. Aber das kann ja immer noch kommen. Vielleicht ist es gut, daß man nichts im voraus weiß. Was habt ihr denn für morgen vor?»

«Wir wollten einen Langlauf veranstalten und Preise vergeben, Onkel», antwortete Jack.

Der Gutsbesitzer nickte. «Unser Gelände eignet sich hervorragend dafür.» Dann wandte er sich lächelnd an seine Frau: «Kannst du ihnen etwas Buntes geben, woraus sie die Markierungen verfertigen können?»

«Ich denke schon», meinte sie und überlegte. «Irgendwo liegt sicher noch buntes Bettzeug, das nicht mehr viel taugt. Das könnt ihr dann in Streifen schneiden.»

«Prima, Tante», sagte Jack. «Wenn möglich, gib uns roten Stoff; den sieht man am besten!»

Der Gutsbesitzer erhob sich und schaltete das Radio ein. Die Jungen hörten kaum zu. In Gedanken waren sie mehr beim morgigen Tag als bei den Nachrichten aus dem In- und Ausland, bis der Sprecher plötzlich verkündete: «Achtung! Achtung! An alle Hörer! Die Polizei sucht den 26jährigen Poul Ejnar Jensen, der heute nachmittag aus dem Roskilde-Gefängnis entwichen ist. Jensen ist kräftig gebaut, 1 m 84 groß, hat dunkles, gewelltes Haar und braune Augen. Bei der Flucht trug er dunkelblaue Hosen und einen grauen Rollkragenpullover. Er ist sprachgewandt und ist des öfteren als Ausländer aufgetreten. Er stammt aus Südseeland und wird daher wohl früher oder später in dieser Gegend auftauchen. Informationen erbittet die Kriminalpolizei in Roskilde, Telefon Roskilde 447, oder das nächste Polizeirevier.»

Als Erling und Jesper eine halbe Stunde später in ihrem Zimmer allein waren, fragte Erling: «Krümel, hast du Jans Gesicht gesehen, als die Nachricht der Kriminalpolizei durchgegeben wurde?»

«Nein, warum?»

«Na, er war doch ganz Ohr. Es würde mich nicht wundern, wenn wir diesem unangenehmen Herrn hier begegneten.»

«Welchem Herrn?»

«Na, dem Verbrecher aus Roskilde, du Affe!»

«Dann müßte der aber ein ganz ausgezeichneter Skiläufer sein.»

«Wieso?»

«Nun bist du der Affe. Hast du noch nicht gemerkt, wieviel Schnee wir hier haben?»

«Hm ja, stimmt schon.»

Und diesen vielen Schnee nützten sie denn auch am nächsten Tag weidlich aus. Während des Wettkampfes trieb Jan den kleinen Krümel so sehr an, daß dieser als fünfter durch das Ziel fuhr. Dafür hatte Jan gern seinen ihm so gut wie sicheren ersten Platz geopfert. Er hatte Krümel als Schrittmacher gedient, und das Resultat freute Jan mindestens genauso sehr wie Jesper.

Während des darauffolgenden zweiten Frühstücks wurde viel vom Skisport gesprochen. Im Hof aber wurde unentwegt Schnee geschaufelt, die Knechte kamen gar nicht mehr nach. So viel Schnee hatten sie seit Jahren nicht auf einmal gesehen.

Für die Jungen waren die hohen Schneewälle eine Einladung zum Schneeburgenbauen. Was schließlich in einer groß angelegten Schneeballschlacht endete, die der Gutsbesitzer von seinem Fenster aus verfolgte.

«Weißt du was, Ernst?» fragte seine Frau lächelnd. «Du hast eine unbezwingbare Lust, da unten mitzumachen.»

«Und ob», lachte Onkel Ernst.

«Dann tu’s doch!»

«Recht hast du», antwortete er und war bald darauf zum Entzücken der Jungen und seiner Knechte mitten im wildesten Kampf.

«Herr Fischer, Telefon», rief der alte Jörgensen, während nun auch ihm die Schneebälle um den Kopf flogen.

«Na, du siehst doch, Jörgensen, daß ich jetzt keine Zeit habe.»

«Aber es ist wichtig. Der Bahnhofsvorstand will Sie sprechen.»

Widerstrebend zog sich Onkel Ernst aus der Schlacht zurück und ging ins Haus. Vom Stationsvorsteher erfuhr er, daß ein Personenzug in einer Schneewehe hilflos festgefahren war und es mindestens ein bis zwei Tage dauern würde, bis man die Strecke freigeschaufelt hätte. Gasthöfe und Hotels gab es in der nächsten Umgebung keine, daher hoffte der Bahnhofsvorstand, daß der Gutsbesitzer ihm helfen könne. Zwanzig Personen mußten irgendwie untergebracht werden.

Während dieses Problem noch mit dem Bahn-personal und später mit Frau Gerda besprochen wurde, vertilgten die Jungen alles vorhandene Gebäck, denn die Schneeballschlacht hatte ihnen mächtig Appetit gemacht. Als das vielbeschäftigte Fräulein Olsen aus der Küche kam, staunte sie nur so. «Himmel», rief sie. «Und wir dachten, wir hätten für zwei Tage im voraus gebacken.»

«Nur mit der Ruhe, Fräulein Olsen», sagte Frau Fischer, die gerade dazutrat. «Sie können den Mädchen in der Küche sagen, daß wir gleich noch einmal soviel Gebäck brauchen. In Kürze erwarten wir noch zwanzig Personen.»

«Das kann doch nicht wahr sein!» stöhnte Fräulein Olsen und rollte entsetzt die Augen.

*

Die Schlitten mit den frierenden Passagieren des Personenzugs nach Lindeholm zu schaffen, war leichter, als dort für alle einen Schlafplatz aufzutreiben. Schließlich war der Gutshof bis zum letzten Eckchen gefüllt. Selbst mitten in der Jagdsaison hatten niemals so viele Gäste im Haus untergebracht werden müssen.

Jan hatte die Neuankömmlinge, seiner Gewohnheit entsprechend, genau betrachtet und fand sie alle recht langweilig, bis auf einen jungen Mann namens Harris, der nach seiner Angabe aus Durban stammte und nur Englisch sprach. Der junge Südafrikaner hatte in Dänemark Landwirtschaft studiert und war nun auf dem Heimweg.

Jan sprach, wie die meisten seiner Landsleute, recht gut Englisch, und es machte ihm Freude, sich mit Paul Harris zu unterhalten.

«Können Sie skifahren?» fragte Jan.

Harris zögerte einen Moment und sagte dann: «Ich habe es noch nie versucht. Ist es schwer?»

«Wenn man es kann, ist es nicht schwer.» Jan lachte.

Harris lachte auch, wobei sein Rock etwas zur Seite rutschte und Jan den Preiszettel am Gürtel der Hose zu sehen bekam. ‹Der typische Engländer›, dachte Jan. ‹Den kümmert so etwas nicht. Wahrscheinlich ist die Hose ganz neu...›

Jack kam herbei und hörte dem Gespräch zu, bis Harris wegging, um sich den Hof anzusehen. Als er außer Hörweite war, sagte Jack: «Ist dir etwas aufgefallen? Harris ist so wenig Engländer wie du!»

«Bist du sicher, Jack?»

«Ganz bestimmt. Ich kenne doch meine Muttersprache. Er beherrscht sie sehr gut, aber er ist kein Engländer.»

«Dann will ich dir etwas sagen. Mir scheint die Beschreibung des aus Roskilde entsprungenen Gefangenen auf ihn zu passen, bis auf die Kleidung natürlich. Aber neue Kleider konnte sich der Flüchtling ja leicht verschaffen. Vielleicht ist inzwischen ein Einbruch in ein Herrenbekleidungsgeschäft gemeldet worden. Wir sollten die Rundfunknachrichten hören. Seltsam ist jedenfalls, daß Harris bis jetzt Landwirtschaft studiert haben will und ausgerechnet mitten im Winter heimfährt. Sprachgewandt soll der Entflohene ja sein. Und schließlich ist da noch etwas. Man sagt, daß Verbrecher, die den Namen wechseln, gewöhnlich ihren Vornamen beibehalten, denn es ist ja einfacher, auf seinen eigenen Vornamen zu hören, wenn man gerufen wird. Nun, der Flüchtling heißt Poul, und Harris nennt sich Paul. Schade, daß die Post heute nicht gekommen ist. In den Zeitungen steht vielleicht schon mehr über die ganze Geschichte.» Jan überlegte einen Augenblick, dann fuhr er fort: «Wir sagen den anderen am besten noch nichts. Wenn unsere Vermutungen stimmen, könnte der Kerl mißtrauisch werden.»

*

Die Rundfunknachrichten wurden zur Enttäuschung für die Jungen. Von einem Einbruch war keine Rede, von dem Flüchtling auch nicht.

«Dann müssen wir morgen früh gleich zum Bahnhof fahren und uns Zeitungen besorgen», meinte Jack.

«Ja! Heute nacht wird er wohl kaum einen Fluchtversuch machen. Skifahren kann er nicht.»

«Woher weißt du das?» fragte Jack.

«Er hat es mir selber gesagt.»

«Und du bist auf einmal naiv genug, ihm alles zu glauben?»

«Donnerwetter, natürlich hast du recht! Er zögerte auch, bevor er mir diese Antwort gab. Dennoch wird er wohl lieber in seinem warmen Bett bleiben, als mitten in der Nacht mit Ski bewaffnet abzuhauen.»

«Mag sein», räumte Jack ein, «aber sicher ist das nicht.»

Der Abend verlief ruhig. Die meisten der müden Gäste gingen früh schlafen. – Jan und Jack redeten in ihrem Zimmer natürlich ausschließlich über Paul Harris.

«Wenn ich nur sicher wäre», meinte Jan, «daß er der Verbrecher ist!»

«Aber im Grunde glaubst du das, nicht wahr?» fragte Jack.

«Ja, aber ich möchte ganz sicher sein, bevor ich die Polizei verständige.»

Das Gespräch ebbte langsam ab, und schließlich schliefen beide ein. Bis Jan plötzlich aus dem Bett hochfuhr, denn jemand schrie ganz laut: «Jan, Jan, wach auf, wach auf!»

«Bin ja schon wach», murmelte Jan verschlafen. «Erling, du?»

«Ein Gespenst, Jan, ich hab’s gesehen. Einen Mann, der etwas unter dem Arm trug. Vielleicht seinen Kopf, denn es soll hier einen kopflosen Ritter geben, hat die Haushälterin mir gesagt.»

Drittes kapitel

Auch Jack war inzwischen aufgewacht und schaute verwundert den nach Luft schnappenden Erling an.

«Wo hast du den Mann denn gesehen?» fragte Jan lachend.

«Auf dem Gang. Ich bin aufgewacht. Da ich draußen Schritte hörte, stand ich auf, um nachzusehen. Der Kerl schlich über den Korridor und hatte dabei etwas unter dem Arm.»

«Seinen Kopf also?»

«Ach, Kopf oder nicht, so genau habe ich natürlich nicht hingesehen.»

«Du hast zuviel Apfelkuchen gegessen», sagte Jack und drehte sich im Bett um.

«Nein, Jack», warf Jan ein. «Steh auf, beeil dich. Zieh dein Skizeug an und nimm die Stiefel in die Hand.»

«Nanu? Bist du total übergeschnappt?» fragte Jack.

«Er entkommt uns sonst, beeil dich!»

Nun erst verstand Jack, was Jan meinte.

Aber für Erling ging alles zu schnell, denn bevor er weitere Fragen stellen konnte, hatten die beiden anderen sich angezogen und waren ohne ein Wort der Erklärung über den Gang gehuscht, die Stiefel in der Hand.

«Dort, siehst du den Lichtstreifen», flüsterte Jan.

«Ja, richtig. In Onkel Ernsts Arbeitszimmer brennt Licht.»

«Pflegt er nachts zu arbeiten?»

«Nein, er schläft wie ein Stock.»

Hastig öffneten sie die Tür und sahen einen Mann über den Arbeitstisch gebeugt. Er schaute auf: es war Paul Harris. Aber er war schneller als die Jungen. Mit einem Satz war er an der Tür und stieß Jan und Jack beiseite. Die Tür flog zu, der Schlüssel drehte sich im Schloß.

«Eingesperrt», rief Jack.

Jan schrie aus vollem Hals und stampfte gegen die Tür. Er war sich bewußt, daß er die schwere Eichentür nicht eintreten konnte, aber er hoffte, jemanden damit zu wecken.

«Hat keinen Sinn», meinte Jack. «Hier hört uns niemand.»

«Dann laß uns zum Fenster hinausspringen.»

«Wir werden im Schnee ersticken», meinte Jack zweifelnd.

«Versuchen sollten wir es wenigstens, er entkommt uns sonst. Sieh, dort hinten läuft er. Die Stiefel hat er wohl schon vorher bereitgestellt, denn er muß sie bei der Hand gehabt haben.»

Schnell zogen die beiden ihre Skistiefel an, holten ihre Skier und sprangen zum Fenster hinaus. Während sie sich noch durch den tiefen Schnee zur Brücke durcharbeiteten, öffnete sich in einem der oberen Stockwerke ein Fenster und Onkel Ernst rief hinaus: «Was ist denn da los?»

«Wir sind es, Onkel. Jan und ich. Komm schnell zum Treppenturm, es ist wichtig.»

Als die beiden den Turm erreichten, stand der Onkel schon wartend an der Tür, sah sie erstaunt an und fragte: «Was habt ihr denn vor?»

In kurzen Worten erklärte Jan, was geschehen war, und fügte hinzu: «Es ist wohl unmöglich, jetzt die Polizei zu holen. Aber vielleicht könnten Sie alle unsere Kameraden wecken. Sie sollen unserer Skispur folgen.»

«Was heißt, eurer Skispur?»

«Nun, Jack und ich nehmen die Verfolgung des Verbrechers natürlich gleich auf.»

Es schien, als wollte der Gutsbesitzer protestieren, aber dann überlegte er es sich. Was konnte den Jungen bei der Verfolgung schon passieren? Und innerhalb der nächsten Viertelstunde würden alle ihre Kameraden hinter ihnen her sein.

«In Ordnung», sagte er. «Ich wecke alle und fahre dann mit ihnen hinter euch her.»

*

In dem hellen Mondlicht war es ein Kinderspiel, der Skispur des Flüchtlings zu folgen. Es war die gleiche Richtung wie beim Langlauf am Morgen zuvor. Der Neuschnee hatte die Spuren des Wettlaufs längst zugedeckt. So zeichnete sich die frische Spur des Flüchtlings im Schnee klar ab.

«Der Spur nach zu urteilen, kann er sehr gut skifahren», meinte Jack.

«Ja, so sieht es aus. Wir müssen schneller werden, sein Vorsprung ist groß.»

Zwischen den Baumstämmen wurde jetzt der kleine See sichtbar. Unwillkürlich mußte Jan daran denken, daß sie in diesem Winter wohl kaum zum Schlittschuhlaufen kommen würden. Der See war von einer dicken Schneeschicht bedeckt.

Als sie den Hügel erreichten, rief Jan: «Dort ist er wieder! Siehst du ihn? Den kleinen dunklen Punkt dort drüben. Er ist sehr schnell.»

«Ja, Aber wir kriegen ihn schon noch.»

Erst jetzt begann Jan sich Gedanken zu machen, was sie tun sollten, wenn sie ihn eingeholt hatten.

Ein Kampf mit Skiern an den Füßen war nicht jedermanns Sache. Aber sie hatten vier Skistöcke und der Flüchtling nur zwei.

Der Abstand zwischen den Verfolgern und dem Flüchtenden wurde zusehends kleiner. Als die Jungen in einer tiefen Bodensenkung angelangt waren, sahen sie, daß der Mann auf dem nächsten Hügel stehengeblieben war.

«Was nun, Jack?» fragte Jan. «Er scheint da oben stehenbleiben zu wollen.»

«Dann gehen wir zum Angriff vor.»

«Das können wir kaum. Der Hügel ist so steil, daß wir im Scherenschritt hinaufklettern müßten. Da oben hat er eine weitaus bessere Position als wir.»

Ein Weilchen standen die beiden Freunde unentschlossen da, dann schrie Jan plötzlich: «Großer Gott, jetzt ist er übergeschnappt! Er kommt in fliegender Fahrt auf uns zu!»

*

Jan hatte immer schnell reagieren können, jetzt aber mußte er wirklich blitzschnell einen Entschluß fassen.

«Jack», rief er, «steig aus der Spur, sobald er näher kommt.»

«In Ordnung. Sollten wir ihm nicht die Skistöcke vor die Füße werfen?»

«Nein. Auf gar keinen Fall.»

Mehr konnten sie nicht miteinander sprechen, da kam der Mann schon auf sie zu. Im letzten Augenblick traten die Jungen zur Seite und ließen ihn vorbei. Der Schnee flog ihnen um die Ohren. Es waren kaum zwei Meter zwischen ihnen, und der Mann war knapp an ihnen vorbeigerast.

Jan seufzte vor Erleichterung auf. «Der wollte uns doch tatsächlich rammen.»

«Warum wolltest du, daß wir so kurz vorher aus der Spur treten sollten?» fragte Jack.

«Damit er nicht im letzten Moment seine Fahrtrichtung ändern würde, dann hätte er einen von uns umgefahren.»

«Wir hätten ihn aber leicht bremsen können, wenn wir ihm die Stöcke vor die Füße geworfen hätten.»

«Sicher, aber dann hätte er sich Arme und Beine gebrochen.»

«Hm. Er wollte uns ja auch verletzen.»

«Ja, er ist ein rücksichtsloser Mensch, Jack. Aber deswegen brauchen wir es nicht zu sein.»

«Nein, damit hast du recht. Wollen wir ihm wieder nach?»

«Selbstverständlich.»

Aber jetzt wurde die Verfolgung schwieriger, denn nun hatten sie keine frische Spur mehr, der sie folgen konnten. Der Mann fuhr vorläufig in der alten Spur zurück. Und neue, schwere Wolken, die mehr Schnee versprachen, türmten sich auf. Bald würde der Mond verdeckt sein.

«Da, Jack!» rief Jan plötzlich. «Siehst du die vielen dunklen Punkte? Da kommen die anderen schon.»

«Bravo!» rief Jack. «Aber wo ist unser Freund geblieben?»

«Er hat sich vermutlich zwischen den Bäumen da vorn versteckt. Wir werden es bald genau wissen.»

Kurz darauf fragte Onkel Ernst mit munterer Stimme: «Nun, was gibt es Neues?»

Jan berichtete in kurzen Zügen, und der Gutsbesitzer antwortete: «Es scheint ein gefährlicher Mensch zu sein. Außerdem hat er mir zweitausend Kronen aus der Schreibtischschublade gestohlen.»

Jan schaute zum Himmel hoch und fragte: «Hat wohl jemand daran gedacht, eine Taschenlampe einzustecken?»

«Ich», rief Jesper stolz. «Hier ist sie.»

Jan befestigte die Lampe über dem obersten Knopf seines Anoraks und fragte dann höflich: «Herr Fischer, Sie haben doch nichts dagegen, daß ich als erster vorangehe?»

«Nein, das ist ganz in Ordnung, Jan. Aber du hast sicher nichts dagegen, wenn ich mich in den Kampf einmische, falls es dazu kommen sollte?»

«Gewiß nicht.» Jan lachte.

Jan und Jack fuhren als erste, dann folgten die anderen. Ihre Fahrt verlangsamte sich jedoch unwillkürlich, als der Mond von einer großen Wolkenbank verdunkelt wurde.

«Du, Jan, sei etwas vorsichtiger, es ist so dunkel geworden.»

«Aber, Jack. Wir sind zwanzig gegen einen.»

«Stimmt schon, aber davon hast du nichts, wenn er dich als ersten erwischt. Es muß unangenehm sein, seinen Skistock in die Augen zu bekommen.»

Darin mußte Jan ihm natürlich recht geben. Er fuhr jetzt etwas langsamer und hielt in der Dunkelheit Ausschau, bis der Mond plötzlich zwischen den Wolken wieder zum Vorschein kam und er den Flüchtling entdeckte.

«Da ist er!» rief Jan. «Beeilt euch, Jungen! Wir müssen das Licht ausnützen.»

Jan flog geradezu auf den Mann zu, gleich hinter ihm folgte Jack, und mit etwas Abstand kamen die übrigen.

«Ergeben Sie sich!» rief Jan.

Aber der Verbrecher dachte nicht daran. Er drehte sich um und schlug mit dem Skistock nach Jan.

In diesem Augenblick fuhr Jack nahe an ihn heran und gab ihm einen so kräftigen Stoß, daß der Mann stürzte.

«Schuft!» zischte er und schlug trotz seiner hilflosen Lage noch mit einem Stock nach Jack.

«Paß auf!» rief Jan.

«Schon gut», rief Jack zurück und rammte mit einem seiner Stöcke den seines Widersachers. Damit war der Verbrecher erledigt.

«Nun?» fragte Jan, «ergeben Sie sich jetzt?»

«Ich muß wohl, aber ich werde mich rächen.»

«Das werden Sie sich wohl noch überlegen. Hauptsache, Sie folgen uns jetzt.»

Der Gutsbesitzer näherte sich und sagte: «Nun können wir ja zurück nach Lindeholm. Zuerst geben Sie mir aber die zweitausend Kronen, die Sie aus meinem Schreibtisch gestohlen haben, Jensen!»

Der Mann erhob sich und antwortete trotzig: «Ich weiß nichts von zweitausend Kronen.»

«Wir untersuchen ihn, Freunde», rief Jesper.

Und das taten die Jungen, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes getan. – In einer Rocktasche des Verbrechers fand sich sehr bald das gesamte Geld.

Während der Rückfahrt fragte Onkel Ernst: «Und wo sollen wir ihn heute nacht einschließen? Was meint ihr?»

Darmowy fragment się skończył.