Czytaj książkę: «Jan in der Schusslinie»

Czcionka:

Knud Mei­ster und Car­lo An­der­sen

Erstes kapitel

Jan Helmer, Dänemarks jüngster Amateurdetektiv, langweilte sich. Er wartete immer noch auf die Rückkehr seiner Freunde, die sich jetzt auf ihrer Weltreise mit der Jacht «Flying Star» in Südamerika befanden, und er brannte darauf, sich mit Erling Krag auszusprechen. Er lag nämlich mit sich in Widerstreit, ob er mit Erling zusammen die Hochschule besuchen sollte, um sich zum Ingenieur ausbilden zu lassen. Freilich, für Erling kam kaum etwas anderes in Frage; aber er selbst hatte sich seit seinem vierzehnten Lebensjahr als Detektiv betätigt, und er überlegte nun allen Ernstes, ob er nicht doch lieber die Polizeischule besuchen sollte. Er wußte, daß sein Vater, Kriminalkommissar Mogens Helmer, diese Berufswahl unterstützte, im Gegensatz zur Mutter, die stets um ihren Sohn bangte, wenn er sich in gefährliche Abenteuer einließ.

Da er der Polizei schon öfters wertvolle Dienste geleistet hatte, durfte er seit kurzem unentgeltlichen Unterricht im Pistolenschießen nehmen, und sein Lehrer, Polizeimeister Jacobsen, war des Lobes voll über seine Fähigkeit, ins Schwarze zu treffen.

Drei Volltreffer, fünf Neuner, sieben Achter, zwei Sechser und ein Doppeltreffer – im ganzen 153 Punkte mit 18 Schüssen –, das war das Ergebnis des heutigen Schulschießens, wie Jacobsen befriedigt feststellte.

«Wenn du so weitermachst, wirst du ein zweiter Wilhelm Tell», sagte er, bevor er Jan entließ. «Ich wünschte, alle meine Berufsschüler wären so begabt wie du.»

Diese Worte gaben Jan wieder einmal zu denken. Noch blieb ihm ein halbes Jahr Zeit, sich die Sache zu überlegen, dann aber, nach Erlings Rückkehr, mußte er sich endgültig entscheiden.

Er seufzte, als er sich auf den Heimweg begab. Wenn er wenigstens hätte sagen können, ob ihm der Schießunterricht solche Freude machte, weil er gewissermaßen den ersten Schritt zur Ausbildung im Polizeidienst bedeutete, oder weil sich damit die Zeit totschlagen ließ. Denn wie gesagt, er langweilte sich...

Zu Hause wurde er von seiner Mutter mit einem verschmitzten Lächeln empfangen. «Rate einmal, wer heute zum Abendessen kommt», sagte sie vergnügt.

«Hanne», antwortete Jan prompt.

Frau Helmer machte große Augen. «Wie kannst du das wissen? Sie hat ja erst vor einer halben Stunde angerufen. Freust du dich nicht?»

«Wie ein Schneekönig», sagte Jan trocken und verschwand in sein Zimmer.

Natürlich hatte er übertrieben, aber in seiner augenblicklichen Stimmung kam ihm Hannes Gesellschaft durchaus gelegen. Er schätzte Hanne Beyer, die sportgewandt war und außer Mäusen nichts und niemand fürchtete, als Kameradin sehr, und da sie sein Interesse an der Bekämpfung des Verbrecherwesens teilte, hatte es sich ganz von selbst ergeben, daß sie, wenn sich eine Gelegenheit bot, bei der Aufklärung kniffliger «Fälle» mitwirkte. Sie brannte sogar darauf, als seine Assistentin aufzutreten, aber leider, leider hatte er ihr in letzter Zeit nichts mehr zu bieten.

Wieder seufzte Jan, während er ein Buch ergriff. Er war mit den Gedanken nicht ganz bei dem, was er las, sondern streichelte immer wieder den Kopf seines Schäferhundes Boy, der zu seinen Füßen lag.

Er empfand es geradezu als Erleichterung, als er unten in der Diele Hannes muntere Stimme vernahm. Kurz darauf ging die Tür auf, und Hanne begrüßte ihn strahlend: «Hei, Sherlock Holmes!»

«Guten Tag, Hanne.»

Frau Helmer steckte den Kopf herein und sagte: «Wir essen erst in einer halben Stunde. Kann Hanne sich so lange mit dir unterhalten?»

Jan lächelte ein wenig spöttisch. «Sie pflegt wahrhaftig nie zu fragen, so daß ich dazu nicht viel zu sagen habe.»

«Bist du sauer?» fragte Hanne.

«Ja, wie ein Essigbrauer.»

«Na, dann kommt nur gut zurecht», sagte Frau Helmer und eilte in ihre Küche zurück.

«Wie geht’s, wie steht’s?» erkundigte sich Hanne heiter.

«Soso lala.»

«Du hast mir wohl nichts Aufregendes zu erzählen?»

«Nein. Es ist nichts los.» Jans Miene verriet, wie ungern er dieses Bekenntnis ablegte.

«Dem kann ich abhelfen», verkündete sie.

«Was?» Er richtete sich auf und sah sie neugierig an.

«Ich komme als dein rettender Engel. Falls du dich augenblicklich langweilst, habe ich dir eine Gruselgeschichte zu bieten.»

«Worum handelt es sich denn?»

«Um einen Spuk!»

Er lachte. «Komm mir bloß nicht mit so etwas!»

Unbeirrt fragte sie: «Kennst du Dragsholm?»

«Dragsholm? Ist das nicht das alte Schloß im Amt Odsherred? Ich war noch nie dort...»

«Du wirst es bald kennenlernen», sagte Hanne bestimmt. «Wenn du hörst, worum es sich handelt, werden dich acht wilde Pferde nicht zurückhalten können.»

«So red schon!» rief Jan ungeduldig.

«Schön langsam von Anfang an», beschwichtigte sie ihn. «Wie du selbst gesagt hast, ist Dragsholm ein altes Schloß, wo Graf Bothwell, der Gemahl der Königin Maria Stuart, von 1573 an in Gefangenschaft gehalten wurde. Er soll ja im Wahnsinn gestorben sein, und es wird behauptet, er gehe in dem Schloß um. Das ist natürlich reiner Unsinn, aber in letzter Zeit sind auf Dragsholm doch merkwürdige Dinge geschehen.»

«Woher weißt du das?»

«Eine Tante von mir lebt dort. Sie führt eine Schloßpension, und als ich sie am vorigen Wochenende besuchte, erzählte sie mir, was sich dort tut...»

«Na, na!»

«Du brauchst gar nicht zu nanaen, Tante Grethe ist alles andere als eine Phantastin, nämlich eine nüchterne, geschäftstüchtige Frau. Die Gäste haben mir ihre Aussagen übrigens bestätigt. Eines Abends spät begann die Orgel in der Schloßkirche von selbst zu spielen...»

«Blödsinn!»

Hanne warf den Kopf zurück. «Wenn du mit deinen dummen Bemerkungen nicht aufhörst, sage ich kein Wort mehr. Dann kannst du dich meinetwegen in aller Gemütlichkeit weiterlangweilen!»

«In Ordnung», antwortete er friedfertig. «Aber du kannst dir doch denken, daß ich skeptisch bin, wenn es sich um einen Spuk handeln soll. Wie verhielt es sich also mit dem Orgelspiel?»

«Mehrere Gäste hörten die gedämpfte Musik, aber die Kirchentür war abgeschlossen, und der Schlüssel lag auf seinem üblichen Platz im Vorraum.»

«Kann man nicht durch einen anderen Eingang hineingelangen?»

«Nein.»

«Haben die Gäste die Sache näher untersucht?»

«Nein, sie trauten sich nicht. Später erzählten sie es Tante Grethe, die nicht so zimperlich war, sondern sofort in die Kirche ging und sie vom einen Ende bis zum andern durchsuchte. Aber es war keine Menschenseele da!»

«Sonderbar», räumte er ein. «Sind noch ähnliche Dinge geschehen?»

«Ja, eines Nachts hörten andere Gäste knirschende Schritte auf dem großen Dachboden im Ostflügel...»

«Waren es nicht schleppende Schritte?»

«Wieso?»

Jan lächelte. «Jahrhundertealte Erfahrung beweist, daß sich Gespenster immer mit schleppenden Schritten bewegen, niemals mit knirschenden.»

«Quatschkopf!» Hanne mußte lachen. «Von Gespenstern ist überhaupt keine Rede. Und noch etwas. Einmal sah eine Schwedin in einem der Gänge eine große, leuchtende Gestalt. Sie stieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht; aber als andere Gäste herbeikamen, war nichts Besonderes zu sehen.»

«Doch, die Ohnmächtige.»

«Ja, natürlich. Als sie zu sich kam, schwor sie Stein und Bein, eine große, leuchtende Gestalt wäre auf sie zugekommen, und Tante Grethe sagte mir, daß diese Schwedin weder überspannt noch hysterisch ist.»

«Ist sie immer noch dort?»

«Nein, sie reiste am nächsten Tag ab. Aber die Gäste, die die Orgelmusik und die knirschenden Schritte auf dem Dachboden gehört haben, bleiben noch bis zum Monatsende.»

«Hat deine Tante die Polizei benachrichtigt?»

«Nein, sie sagt, man würde sie doch nur auslachen. Statt dessen hat sie dich und mich für acht Tage eingeladen. Mir paßt das sehr gut, denn ich habe noch eine Woche Ferien, und du liegst ohnehin auf der faulen Haut.»

«Ich soll also mit dir auf Gespensterjagd gehen?»

«Nein, ich will mit dir zusammen ein Geheimnis aufklären. Ich habe meiner Tante erzählt, daß du ein zweiter Sherlock Holmes bist.»

«Nett von dir», sagte Jan lächelnd. «Obwohl ich kein Fachmann bin, nehme ich die Einladung an, weil sich die Sache interessant anhört. Hoffentlich kann ich Boy mitnehmen?»

«Natürlich, dafür habe ich gesorgt. Tante Grethe weiß schon, wie gut er ausgebildet ist.»

«Wann fahren wir?» fragte Jan kurz entschlossen.

«Morgen vormittag, wenn es dir recht ist.»

«Abgemacht.»

Beim Abendessen wurde natürlich über das geplante Unternehmen gesprochen, und wie stets zeigte sich Frau Helmer ängstlich besorgt. «Mußt du dich denn immer auf gefährliche Dinge einlassen, Jan?» rief sie.

Jan klopfte ihr beruhigend den Arm. «Gespenster haben noch nie einem Menschen etwas zuleide getan.»

«Die Schwedin ist immerhin in Ohnmacht gefallen.» Sie wandte sich an ihren Mann: «Was sagst du dazu, Mogens?»

«Ich finde die Sache nicht uninteressant», antwortete der Kommissar nachdenklich. «Wenn verschiedene Menschen unabhängig voneinander etwas Rätselhaftes erleben, muß ja etwas dahinterstecken. Von einer Massenhysterie kann in diesem Fall keine Rede sein, auch wenn ein mittelalterliches Schloß vielleicht dazu herausfordert. Sehen wir einmal von Spuk und übernatürlichen Dingen ab, so bleiben zwei vernünftige Fragen: Was geschieht augenblicklich auf Schloß Dragsholm, und warum geschieht es? Sag, Hanne, könnte deine Tante darauf aus sein, für ihre Pension Propaganda zu machen?»

«Ausgeschlossen», antwortete Hanne. «Wenn es ruchbar würde, daß es im Schloß nicht mit rechten Dingen zugeht, würden sich ja die meisten Leute abgeschreckt fühlen.»

«Da irrst du dich, mein Kind», entgegnete Helmer. «Im allgemeinen siegen Neugier und Sensationslust über die Angst. Im übrigen ist es durchaus möglich, daß irgendein Spaßvogel sein Spiel treibt, und es kann nichts schaden, wenn ihm das Handwerk gelegt wird. Sollte aber etwas Kriminelles dahinterstecken...»

«Das sage ich ja!» rief Frau Helmer. «Die beiden begeben sich in Gefahr!»

«Glaubst du wirklich, es könnte etwas Kriminelles dahinterstecken?» fragte Jan aufgeregt.

«Wie soll ich das wissen?» erwiderte sein Vater. «Jedenfalls habe ich nichts dagegen, wenn ihr beide die Sache näher untersucht. Aber du erinnerst dich an unsere Abmachung, Jan?»

Jan nickte. «Ja, ich habe dir versprochen, mich nicht unnötig in Gefahr zu begeben und die Polizei zuzuziehen, sobald es brenzlig wird.» Zu seiner Mutter sagte er: «Ich weiß sogar die Nummer – Holbaek 1448.»

Hanne staunte. «Woher weißt du sie?»

«Ich habe schon vor Jahren die Nummern aller größeren Polizeistationen auswendig gelernt», erklärte er. «Man kann ja nie wissen...»

Damit sollte Jan recht behalten.

Zweites kapitel

Dragsholm, das ehemalige königliche Schloß und Staatsgefängnis, wo Graf Bothwell 1573 bis 1578 gefangen saß, liegt auf der dänischen Insel Seeland zwischen der Seierö-Bucht und dem trockengelegten Lammefjord in schönster Landschaft, umkränzt von Meer, Wäldern und weichgeschwungenen Hügelzügen; aber als es von einem streitbaren Roskilder Bischof erbaut wurde, geschah es gewiß nicht im Hinblick auf die Naturschönheiten. Damals schnitt der Lammefjord noch tief in Odsherret ein, und da es nur ein kurzer Weg bis zur Seierö-Bucht war, bildete Dragsholm sozusagen den Schlüssel für Odsherret und diente als stärkste Festung der damaligen Zeit, auf drei Seiten von Sümpfen umgeben und nur von Norden her zugänglich.

An ein so altes Schloß knüpfen sich natürlich viele Sagen und unheimliche Erzählungen. Doch waren die heutigen Schloßbewohner nie unerklärlichen Ereignissen ausgesetzt gewesen; aber seit einem Monat ging es auf Dragsholm wirklich seltsam zu. Die sonst so nüchterne und kaltblütige Frau Grethe Voigt, die auf dem Schloß eine Pension für Feriengäste führte, war sich darüber klar, daß wirksam eingegriffen werden mußte. Da sie sich nicht an die Polizei wenden mochte, kam ihr der Vorschlag ihrer Nichte Hanne Beyer sehr gelegen. Sie glaubte zwar nicht recht daran, daß dieser Jan Helmer das Rätsel lösen würde, aber ein Versuch würde ja nicht weiter schaden. Frau Voigt gestand sich selbst ein, daß sie, milde gesagt, ein wenig nervös geworden war. Die Schwedin, die dem «Gespenst» begegnet war, hatte auf der Stelle ihre Rechnung verlangt, und wenn es mit den übrigen Gästen so weiterging, konnte die Pension zumachen. Bei Tisch herrschte neuerdings eine düstere Stimmung, und wenn die Gäste auch bestrebt waren, keinen Aberglauben zu zeigen, so konnte man doch merken, daß sie sich ungemütlich fühlten.

Hanne und Jan wurden von Grethe Voigt herzlich empfangen und in ihrer Privatwohnung sogleich mit Tee und Kuchen bewirtet. Die Schloßherrin musterte Jan mit forschendem Blick und sagte: «Ja, junger Mann, mit Muskelstärke dürfte diese unheimliche Geschichte nicht zu klären sein.»

«Jan hat aber auch einen klugen Kopf, Tante Grethe», wehrte sich Hanne für ihren Freund. «Außerdem hat er mich als Gehilfin.»

«Deine Bescheidenheit ziert dich», antwortete Frau Voigt ein wenig spöttisch. «Wie wollen Sie die Sache nun angreifen, Jan?»

Er zuckte die Schultern. «Einen bestimmten Plan habe ich noch nicht. Es wird wohl von den Umständen abhängen. Aber zuerst würde ich gern Genaueres über die Vorfälle in der letzten Zeit hören.»

Während Frau Voigt sie ihm in allen Einzelheiten schilderte, warf er ab und zu eine Frage ein, und nach zehn Minuten glaubte er einen ganz guten Überblick über die Lage zu haben. Dann wies er lächelnd auf Boy und sagte: «Mein Hund hat sich von Gespenstern nie imponieren lassen, und zu dritt werden wir das Rätsel gewiß lösen. Ich habe die interessante Geschichte des Schlosses bis zum Zweiten Weltkrieg nachgelesen, aber was ist eigentlich danach geschehen?»

«Während des Krieges war das Schloß von den Deutschen besetzt, und bei der Befreiung 1945 rückten die Widerstandskämpfer ein...» Frau Voigt schwieg einen Augenblick, als ob ihr etwas eingefallen wäre. Ihr Gesicht war nachdenklich, als sie fortfuhr: «Damals ereignete sich übrigens etwas Sonderbares, das nie aufgeklärt wurde. Als die Widerstandskämpfer einrückten, kannten sie die Zahl der Deutschen, die sich im Schloß aufhielten; aber es zeigte sich, daß ein Offizier fehlte. Man suchte ihn überall, vom Keller bis zum Dach, doch er war und blieb verschwunden, und keiner wußte etwas von ihm. Und dann geschah das Merkwürdige. Mehrere Freiheitskämpfer – lauter ruhige und besonnene Leute – hielten sich in einem Salon auf, als plötzlich der vermißte Deutsche quer durch den Raum ins Nebenzimmer ging. Natürlich stürzten die Freiheitskämpfer hinterdrein... aber er war verschwunden!»

«Verschwunden?» wiederholte Jan verblüfft. «Wie konnte er denn so schnell entkommen?»

«Das Nebenzimmer, ein kleinerer Salon, hat keinen andern Zugang, und sämtliche Fenster waren von innen zugehakt. Nirgends war der Mann zu finden. Wenn nur einer ihn gesehen hätte, könnte man eine Sinnestäuschung vermuten, aber sie hatten ihn ja alle zusammen gleichzeitig gesehen.»

«Wirklich sonderbar», murmelte Jan.

«Es war ein höherer Offizier, und es ging das Gerücht, er wäre in einer besonderen Mission nach Dragsholm gekommen.» Frau Voigt machte eine wegwerfende Handbewegung und lächelte. «Aber das hat gewiß nichts damit zu tun, daß es jetzt hier spukt. Das Schloß hat zwar unzählige Räume, aber ein Mann kann sich unmöglich so viele Jahre unbemerkt versteckt halten, und wozu auch?»

Jan nickte. «Aber das macht die alte Geschichte nicht weniger merkwürdig oder unerklärlich. Dürfen wir uns im Schloß umsehen, Frau Voigt?»

«Ja, überall außer in den bewohnten Gästezimmern», antwortete sie. «Hanne kennt das Schloß inund auswendig, eine bessere Fremdenführerin könnten Sie gar nicht haben.»

Als er kurz darauf mit Hanne auf dem Kopfsteinpflaster des Schloßhofs stand, sagte er: «Für die Geschehnisse der letzten Zeit werden wir schon eine Erklärung finden – jedenfalls hoffe ich es –, aber die Sache mit dem verschwundenen deutschen Offizier verstehe ich einfach nicht.»

«Könnte es sich dabei nicht um die Massensuggestion gehandelt haben, die dein Vater gestern erwähnte?» meinte Hanne.

Jan wiegte den Kopf. «Möglich. Eine Massensuggestion entsteht aber nicht von einer Minute auf die andere. Sie ist immer irgendwie psychologisch unterbaut oder vorbereitet. Na, lassen wir das, es geht uns ja nichts an. Wir wollen uns zuerst einmal die Kirche ansehen, wo die Orgel von selbst gespielt hat.»

Sie überquerten den Hof und betraten die fliesenbelegte Vorhalle, von der eine Tür in die Schloßkirche führte. Der handgeschmiedete große Türschlüssel lag auf einem Brettchen, und im Nu hatte Hanne die Tür geöffnet. Jan betrachtete das alte Schloß und sagte: «So, ein Rätsel wäre immerhin gelöst.»

«Wieso?»

«Wir sind uns doch einig, daß eine Orgel nicht spielen kann, ohne daß sie von einem Menschen bedient wird. Folglich befand sich an dem fraglichen Abend ein Mensch in der Kirche.»

«Die Tür war aber abgeschlossen, und der Schlüssel lag an seinem Platz», entgegnete Hanne.

«Hat gar nichts zu bedeuten. Dieses Schloß ist mit den meisten großen Schlüsseln oder mit einem Dietrich zu öffnen, und natürlich geht es von innen ebenso leicht. Als deine Tante dem geheimnisvollen Orgelspiel nachging, war der Mann, der offenbar gehört werden wollte, längst verduftet.»

«Aber warum vollführt ein Mensch einen solchen Streich?»

«Vielleicht handelt es sich um einen schlechten Spaß... hm... oder um einen Geisteskranken.» Als Jan Hannes zweifelnde Miene sah, fügte er hinzu: «Es wäre nicht der erste Geisteskranke auf Dragsholm – denk an Bothwell!»

«Das glaubst du wohl selbst nicht», entrüstete sie sich.

«Also gut, ich will ehrlich zu dir sein, Hanne. Ich habe eine ganz bestimmte Idee, aber ich will erst damit herausrücken, wenn wir das ganze Schloß untersucht haben. Schauen wir uns drinnen um.»

Die Schloßkirche war nicht groß, aber mit ihren schlichten, klaren Linien sehr schön. Oben links war die Kanzel, auf der rechten Seite die Orgel. Auf der Bank des Organisten lag eine Felldecke, die Jan geistesabwesend betrachtete.

Schließlich fragte er: «Ist das hier eine Pfarrkirche?»

«Ja», antwortete Hanne, «jeden zweiten Sonntag wird hier ein Gottesdienst abgehalten, an den übrigen Sonntagen in der Kirche von Faareveile. Warum fragst du das?»

«Ach, mir ist nur ein neuer Gedanke gekommen, aber vielleicht ist er falsch. Es wird sich später zeigen.»

«Du redest in Rätseln.»

«Ich möchte mich nicht lächerlich machen. Augenblicklich sammle ich bloß Bruchstücke eines ziemlich verwickelten Mosaiks, und wenn mir das Zusammensetzen gelingt, werde ich dir alles erklären.»

«Vielen Dank», spöttelte sie.

In der nächsten Stunde wurde das Schloß einer gründlichen Besichtigung unterzogen, wie sie noch kein Tourist erlebt hatte. Mit Boy auf den Fersen gingen Jan und Hanne in Bothwells Verlies, ins sogenannte «Hundeloch», wo die Verbrecher einst ihre Sünden abgebüßt hatten, durch den Wehrgang mit den Schießscharten, durch die recht baufälligen Zimmer und Flure des Kavaliersflügels, durch die schönen Säle des Hauptflügels, ja, sogar den Heizungskeller sah sich Jan genau an.

Zuoberst im südlichen Flügel war ein kleiner Raum vollgestopft mit Plunder und Gerümpel. Die dumpfe, beklemmende Luft ließ sich kaum atmen, und in dem verschleierten Halblicht konnte man sich vom Inhalt des Zimmers kein richtiges Bild machen.

Jan bückte sich und befühlte einen verstaubten, gräulichen Stoff, der zu einem Bündel zusammengeklebt war. «Was ist denn das?» rief er überrascht. «Wenn ich mich nicht irre, haben wir hier einen Fallschirm!»

«Möglich», antwortete Hanne gleichmütig. «Tante Grethe erzählte mir, daß die Deutschen eine Menge altes Zeug zurückgelassen haben. Wahrscheinlich hat man es in dieser Kammer verstaut.» Sie lachte. «Würde mich wundern, wenn Tante Grethe jemals die Nase in dieses stickige Loch gesteckt hat. Gibt es hier etwas Interessantes, Jan?»

«Ich will es morgen untersuchen, wenn’s hell ist.»

Boy schnüffelte neugierig an dem aufgehäuften Plunder, aber Jan befahl kurz: «Weiter, Boy!»

Kurz darauf standen sie im sogenannten Theatersaal, und Hanne erläuterte: «Das ist das sonderbarste Theater der Welt. Wie du siehst, ist die Bühne doppelt so groß wie der Zuschauerraum, doch das hat seinen Grund. Wenn die Könige und Fürsten früher zu Besuch nach Dragsholm kamen, wurden sie oft von Wanderschauspielern unterhalten; aber außer den hohen Herrschaften bestand das Publikum nur aus Lehnsleuten und einzelnen hervorragenden Persönlichkeiten, so daß es auf ein paar Bankreihen Platz fand. Ob das wohl das kleinste Theater der Welt ist?»

«Ja, kleiner könnte es kaum sein», räumte Jan ein.

Auf dem zerlumpten Bühnenvorhang hatte ein unbekannter Maler eine hübsche Meerjungfrau abgebildet, die das alte Schloß Dragsholm betrachtete. Jan zog den mürben Vorhang vorsichtig auf und betrat die abgeschrägte Bühne. Hanne und Boy folgten ihm.

Der Bretterboden ruhte auf festen Holzböcken; dichter Staub wirbelte auf, als er betreten wurde. Jan begnügte sich mit einem Blick unter die Bühne, weil der Staub eine nähere Untersuchung unmöglich machte; aber plötzlich kam ihm ein Gedanke, und er wies mit dem Befehl «Such, Boy, such!» hinunter.

Obwohl Boy ebensowenig wie Jan wußte, was er suchen sollte, befolgte er das Kommando und kroch in den dunklen Hohlraum.

Hanne fragte verwundert: «Was treibt Boy dort unten?»

«Er vergnügt sich», antwortete Jan lächelnd. «Er macht sich gern nützlich, doch ich fürchte, diesmal wird er enttäuscht werden.»

Darin irrte er sich, denn Boy schleppte gleich darauf ein verstaubtes, zusammengerolltes Bündel herbei. Zu seiner großen Überraschung stellte Jan fest, daß er eine Mütze und Uniform mit deutschen Offiziersabzeichen vor sich hatte.

Es dauerte eine Weile, bis er sich gefaßt hatte. «Etwas wäre damit aufgeklärt», sagte er schließlich. «Diese Uniform hat sicher dem verschwundenen deutschen Offizier gehört, von dem deine Tante erzählt hat. Als die Freiheitskämpfer einrückten, hat er sich wahrscheinlich hier in der Versenkung versteckt, wo kein Mensch gesucht hat, dann seine Uniform mit irgendeinem unauffälligen Kostüm vertauscht, und so konnte er unerkannt aus Dragsholm entkommen. Aber diese Angelegenheit braucht uns nicht weiter zu kümmern, wir wollen ja ein anderes Rätsel lösen.»

In diesem Augenblick ertönte ein Gong, und Hanne sagte munter: «Essenszeit! Komm schnell, wir müssen uns wenigstens die Hände waschen nach all dem Staub. Ich habe einen Bärenhunger!»

Im großen Speisesaal waren alle Tische besetzt. Hanne und Jan erhielten einen Platz am Tisch der Schloßherrin, der nahe bei der Tür zur Küchenregion stand. Frau Voigt war stets auf dem Sprung, einzugreifen, wenn einer der Gäste irgend etwas verlangte, und sie verfolgte mit wachsamem Blick die Mädchen, die das Essen auftrugen. Trotzdem fand sie Zeit, Jan das eine oder andere von den verschiedenen Gästen zu erzählen. Größtenteils waren es alte Stammgäste, die schon seit Jahren nach Dragsholm kamen. Jan interessierte sich mehr für die neuen Pensionäre, die er verstohlen unter die Lupe nahm: Es waren ein Professor mit Frau und zwei Kindern aus Aarhus, ein unverheirateter Redakteur aus Kopenhagen, Schiffsreeder Wang aus Norwegen, Großhändler Otto Schrad aus Hadersleben und vier vielköpfige Familien aus Schweden.

«Was plagt dich, Sherlock Holmes?» fragte Hanne, der auffiel, daß Jan dem Essen nicht die gebührende Aufmerksamkeit widmete.

«Ach, nichts Besonderes.»

«Heraus mit der Sprache!»

Jan ließ die Augen im Speisesaal umhergehen. «Einer der vielen Menschen hier kommt mir bekannt vor.»

«Wer?» forschte sie neugierig.

«Otto Schrad aus Hadersleben.»

«Woher kennst du ihn?»

«Keine Ahnung. Ich sage ja nicht, daß ich ihn kenne. Er kommt mir nur bekannt vor.» Sein Ton war ein wenig gereizt.

Sogar der Nachtisch – köstlicher Pfirsich Melba – vermochte ihn nicht in die Wirklichkeit zurückzubringen. Er löffelte ihn achtlos, während seine Gedanken um den südjütländischen Großhändler kreisten, einen großen, eleganten Herrn mit dunklem gelocktem Haar und gepflegtem Spitzbart. Wo hatte er dieses Gesicht schon gesehen? Vielleicht in einer Zeitung? Oder wo sonst?

«Du läßt ja dein Eis schmelzen», mahnte Hanne. «Grübelst du immer noch nach?»

«Ja, ich kann es einfach nicht lassen.»

Der Kaffee wurde im Salon nebenan serviert. Mittlerweile war Jan zu der Auffassung gelangt, daß etwas getan werden mußte. Er setzte sich mit Hanne an einen der kleinen Tische, und obwohl etliche Zuckerschalen in Sichtweite waren, ging er zu Schrads Tisch hinüber und fragte höflich: «Verzeihen Sie, darf ich den Zukker entlehnen?»

«Ja, natürlich», antwortete der Großhändler mit liebenswürdigem Lächeln.

Als Jan an seinen Platz zurückkehrte, mußte er Hanne gestehen, daß er kein bißchen klüger geworden war. «Ich möchte wetten, daß ich den Mann kenne», fügte er hinzu, «aber ebenso bombensicher ist es, daß er mich nicht kennt.»

«Dann hebt es sich ja auf», erwiderte sie kurz.

«Nein, nicht ganz...»

Jan grübelte stumm weiter. Er hielt sich etwas darauf zugute, daß er bekannte Gesichter stets unterzubringen wußte, und es ärgerte ihn, daß Schrad eine Ausnahme von der Regel bildete. Wo hatte er diesen Mann schon gesehen? Offenbar hatten sie einander nie kennengelernt, sonst hätte sich Schrad – sofern er kein blendender Schauspieler war – bestimmt verraten.

Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Zu Hannes Verwunderung ergriff er eine Zeitung, die auf dem Tisch lag, und hob sie langsam vor sich in die Höhe, bis er nur noch die obere Gesichtshälfte des Mannes sehen konnte. Als der wohlgepflegte Spitzbart sozusagen ausradiert war, gewann Schrads Gesicht ein ganz anderes Aussehen, und Jan seufzte zufrieden auf. Kein Zweifel, er hatte den Mann schon irgendwo irgendwann einmal erblickt, aber ohne Bart.

Jan ließ die Zeitung sinken, beugte sich zu Hanne vor und fragte leise: «Verstehst du etwas vom Haarefärben, Hanne?»

«Woher sollte ich?» fragte sie verblüfft zurück. «Dafür hatte ich bisher noch keine Verwendung. Ich bin mit meinen Haaren ganz zufrieden.»

«Dazu hast du auch allen Grund», sagte er lächelnd. «Aber könntest du gefärbte Haare erkennen? Ich meine dunkle Haare, die von Natur blond sind.»

«Sicher. Wie kommst du darauf?»

«Ich hege den Verdacht, daß sich Herr Otto Schrad aus Hadersleben die Haare gefärbt hat, und das sollst du nachprüfen. Schlendre doch herum und richte es so ein, daß du zufällig nahe an ihm vorbeikommst.»

«Wird gemacht.»

Sie erhob sich und ging im Salon umher, betrachtete die Bilder, die vergoldeten Möbel und die Aussicht durchs Fenster auf den Park. Schließlich kam sie nahe an Schrad heran, der in einer Illustrierten blätterte. Sie gab sich den Anschein, als schaute sie in den Schloßhof hinunter.

Nachdem sie sich wieder gesetzt hatte, sagte sie laut: «Mit dem Wetter haben wir entschieden Glück.»

Jan nickte. «Ja, wenn es morgen ebenso schön ist, machen wir einen Ausflug.» Er warf einen Blick auf den nichtsahnenden Schrad und fragte leise: «Na, habe ich recht?»

«Hundertprozentig!»

«Kein Zweifel?»

«Hast du jemals gehört, daß hundertprozentige Sicherheit Platz für Zweifel bietet? Wenn ich mich irre, will ich einmal ringsum im Entenflott des Schloßgrabens schwimmen! Das Licht fiel so günstig, daß ich es genau erkennen konnte. Was nun?»

«Hm. Ich muß nachdenken.»

«Gib acht, daß du keine Kopfschmerzen bekommst!»

Er überhörte diese Bemerkung. Nach einer Weile stand er auf und sagte: «Komm, Hanne, wir müssen Boy an die frische Luft bringen.»

Oben im «Schulgang», an dem ihre Zimmer lagen, sagte Hanne mißmutig: «Wird es nicht allmählich Zeit, daß du mit der Geheimniskrämerei aufhörst?»

Er lachte. «Meiner Schätzung nach muß ich dich noch eine Viertelstunde auf die Folter spannen. Zuerst will ich noch ein kleines Experiment vornehmen... hm... das vielleicht mißglücken wird. Ob deine Tante wohl etwas dagegen hätte, wenn wir Boy in die Kirche mitnähmen?»

«Nein, eher der Pfarrer», antwortete sie. «Aber wenn wir nicht um Erlaubnis fragen, kann es uns auch nicht verwehrt werden.»

So wurde Boy nach seinem Spaziergang im Park in die Schloßkirche geführt, wo Hanne das elektrische Licht einschaltete.

«Komm, Boy!» rief Jan.

Der Hund folgte ihm zur Orgel hinauf. Jan ließ ihn an der Felldecke schnuppern, die auf der Bank lag, und befahl dann: «Such, Boy, such!»

Mit der Schnauze nahe am Fliesenboden begann Boy sogleich umherzustöbern, aber das geschah derartig aufs Geratewohl, daß Jan keinen Zweifel hegte: Der Hund hatte zwar Witterung genommen, konnte der Fährte aber von der Felldecke aus nicht folgen. Jan war deswegen nicht enttäuscht – eigentlich hatte er nichts anderes erwartet; er gedachte das Experiment in dem großen Salon fortzusetzen, wo die Gäste immer noch beim Kaffee saßen.

Als er Hanne auf dem Wege zum Salon davon in Kenntnis setzte, sagte sie mit blitzenden Augen: «Jetzt verstehe ich! Du vermutest den geheimnisvollen Orgelspieler unter Tante Grethes Gästen, nicht wahr?»

«Bravo, Hanne!» lobte er sie. «Boy hat die Witterung noch in der Nase und wird ihn schon herausfinden.»

«Aber eins hast du dabei vergessen, Jan», wandte sie ein.

«Was?»

«Der richtige Orgelspieler hat auch auf der Bank gesessen.»

«Ja, aber nicht mehr seit dem Gottesdienst am vorigen Sonntag. Der geheimnisvolle Orgelspieler hat als letzter auf der Bank gesessen, und seine Witterung ist für Boy ausschlaggebend. Wir werden ja sehen, was geschieht.»

«Ich tippe auf Otto Schrad», sagte Hanne entschieden.

Vor der Tür zum Salon blieb Jan stehen, beugte sich zu Boy nieder und sagte in gedämpftem, eindringlichem Tone: «Such, Boy, such!»

Hierauf traten sie ein.

Dann aber kamen Jan doch Bedenken, ob er richtig gehandelt hatte, denn Boy ging mit solchem Feuereifer an die Arbeit, daß mehrere Gäste, namentlich die Kinder, in Angst gerieten. Der gutabgerichtete Schäferhund wirkte jetzt bissig, und niemand konnte ahnen, daß er nur auf Jans Kommando angreifen würde und eine Spur verfolgte, ohne einem Menschen etwas zuleide zu tun. Zu allem Unglück hegten manche Gäste die falsche Auffassung, Schäferhunde seien gefährliche Raubtiere, und einige Damen schrien empört, als Boy zwischen ihnen herumschnüffelte.

Darmowy fragment się skończył.