Czytaj książkę: «Jan auf großer Fahrt»

Czcionka:

Knud Mei­ster und Car­lo An­der­sen

Erstes kapitel

Gegen Westen loderte der Sonnenuntergang wie Feuer und warf seinen flammend-roten Schein über die Wellen des Atlantischen Ozeans. Am Horizont glühte ein Streifen wie geschmolzenes Kupfer. Seevögel umkreisten schreiend die ‹Flying Star›, die über die Wogen ihrem fernen Ziel entgegeneilte.

Der Seemann im Ruderhaus kniff die Augen zusammen und betrachtete den Himmel über der untergehenden Sonne. Bleigraue Wolkenfetzen trieben hoch über dem Feuermeer, und als die Augen des Mannes jetzt prüfend über das Wasser schauten, sahen sie bis zu dem goldenen Sonnenstreifen nur noch dunkle, fast schwarze Wellen.

Er faßte das Ruder fester und lauschte mit Befriedigung dem regelmäßigen, rhythmischen Ton des starken Motors. Sein Seemannsherz freute sich, wie sicher die große Jacht auf den unruhigen Wellen lag. Hier in der Biskaya wurden die Eigenschaften eines Schiffes nur allzuoft auf die Probe gestellt.

Aber mit der ‹Flying Star› durfte man wahrhaftig zufrieden sein. Sie war durch und durch ein erstklassiges Schiff! Mit ihr konnte man gewiß ohne Schwierigkeiten die begonnene Weltreise durchführen.

Die Tür zum Ruderhaus wurde geöffnet, und ein Mann trat ein. «Na, Marstal», sagte er gutgelaunt, «wie geht’s?»

Der Steuermann nickte bedächtig. «Alles in Ordnung, Ingenieur Smith. Ich dachte gerade, was für ein prima Schiff die ‹Flying Star› ist. Ich war ja schon einige Male in der Biskaya... kenne sie bald wie meine Westentasche... aber mit der ‹Flying Star› braucht man nicht bange zu sein.»

«Warum sollte man auch?» fragte der Ingenieur und zündete seine Pfeife an.

Marstal warf von neuem einen Blick zum Himmel. «Hm», brummte er darauf, «die Wolken sehen nicht gerade verheißungsvoll aus. Müßte mich sehr irren, wenn wir nicht in böses Wetter geraten...» Er grinste breit und meinte: «Für Jesper wird’s am schlimmsten.»

Smith lächelte. «Na ja, es wäre übertrieben, zu behaupten, daß der Junge seefest sei.»

«Mit der Zeit wird er es schon lernen», meinte Marstal. «Ist alles nur Gewohnheit. Als ich das erstemal zur See fuhr, war mir hundeübel. Ich war so elend, daß ich nur noch einen Wunsch hatte: Packt mich doch bei den Beinen und befördert mich über Bord! Aber wer tat mir schon den Gefallen. Nein, die ließen mich einfach da liegen und den Göttern opfern. Nur langsam wurde ich wieder fit. Jesper hat es da heute besser, er kann einfach eine Tablette schlukken. Das gab’s zu meiner Zeit nicht.»

Ingenieur Smith konnte sich das Lachen kaum verbeißen. Der gute Frederik Petersen – dessen Spitzname Marstal war – sprach von seinen Weltreisen immer so, als sei er seit Jahrzehnten auf den sieben Meeren gesegelt. Dabei war er erst Mitte Zwanzig. Aber tüchtig war er... fast ebenso tüchtig wie der Erste Bootsmann Peter Nielsen. Die beiden kamen glänzend miteinander aus, wenn sie sich auch ständig darüber stritten, ob Marstal, Petersens Heimatort, oder Svendborg, wo Nielsen zuhause war, der berühmtere Hafen Dänemarks sei.

Sie standen eine Weile schweigend da, während sich die Wolken immer dichter zusammenzogen und die Sonne langsam am Horizont verschwand. Die ‹Flying Star› kam gut voran und hielt mühelos ihren Kurs. Aber jetzt fuhren sie der Dunkelheit und dem aufkommenden Sturm entgegen.

«Wie wäre es mit einer Ruhepause, Marstal?» fragte Smith. «Ich übernehme gern das Ruder, während Sie essen.»

Marstal fuhr sich mit der Hand durch seine helle Mähne und nickte zufrieden. «Das ist bestimmt eine gute Idee. Wenn ich mich nicht beeile, kriege ich nichts mehr.» Er warf noch einen Blick auf den Ingenieur, der seinen Platz am Ruder eingenommen hatte. «Der Kurs ist einfach zu halten. Wir steuern geradewegs auf den Leuchtturm da vorne zu. Ich werde schon dafür sorgen, daß Nielsen gleich ’raufkommt und seine Wache übernimmt.»

Ingenieur Smith lachte. «Er war vollauf damit beschäftigt, den Jungen sein Seemannsgarn vorzuspinnen. Ich mochte ihn nicht unterbrechen.»

«Ach, der! Der ist angefüllt mit Lügengeschichten. Ja, genau das ist er», meinte Marstal brummend und sah ganz grimmig dabei aus.

Smith verzog den Mund. «Hm. Was das Seemannsgarn angeht, halten Sie sich doch auch nicht immer ganz an die Wahrheit... Aber nun gehen Sie erst einmal essen, ich halte den Kurs schon.»

Es schien fast, als wolle Marstal gegen den Vorwurf Einspruch erheben, dann aber knurrte er bloß: «In Ordnung, ich gehe hinüber.»

Er ging nach achtern in die Kajüte, wo die Mannschaft um den Abendbrottisch versammelt war. Einen Augenblick blieb er in der Tür stehen und betrachtete die Mitglieder der Tafelrunde: Jan, Erling, Jack, Jesper, Carl und dazu Peter Nielsen. Der Anblick des breit grinsenden Rotschopfes machte ihn sogleich kampflustig.

Gerade gab Peter wieder eine Probe seiner überschäumenden Phantasie ab. Er dichtete wild drauflos, wobei er aber gewiß keinen Augenblick annahm, daß jemand seinen Geschichten Glauben schenkte. Hätte man ihn gefragt, ob er denn wirklich selbst glaube, was er da erzählte, wäre er sicher höchst verblüfft gewesen. Warum sollte er nicht Geschichten erzählen, wie es ihm und seinen Zuhörern Vergnügen machte, selbst wenn es nicht die reine Wahrheit war. Ein Schriftsteller benutzt ja auch oft bekannte Gegenden und Geschehnisse, die wirklich vorgefallen sind – und doch schreibt er einen Roman und nicht einen Tatsachenbericht.

«Na», brummte Marstal. «Hast du dich genug vollgestopft, um endlich deine Wache übernehmen zu können? Der Ingenieur hat für ein paar Minuten die Wache übernommen.»

«Ich bin gleich soweit», gab Peter ohne große Begeisterung zur Antwort.

Erling protestierte energisch: «Nein, jetzt habe ich gerade frischen Tee gebraut, jetzt will ich auch sehen, daß dir eine Tasse davon schmeckt. Sonst macht es ja keinen Spaß, für die Verpflegung an Bord verantwortlich zu sein.»

«Wo ist Yan Loo?» fragte Marstal und setzte sich.

«Der hat sich schon verkrochen», gab Peter zur Antwort. «Er war müde. Für ihn muß es ja auch langweilig gewesen sein, weil wir uns auf dänisch unterhielten. Ich glaube, wir müssen ihm schnellstens unsere Sprache beibringen.»

«Ach wo, damit müssen wir ihm Zeit lassen. Dänisch lernt man nicht so schnell. Und wenn’s darauf ankommt, dann geht ja alles gut auf englisch.»

«Ein Chinesenjunge aus England, der Dänisch spricht, das wäre ja auch fast zuviel auf einmal», sagte Jesper. Mit bedenklicher Miene fügte er hinzu: «Marstal, ich finde, es wird wackelig. Wir werden doch nicht etwa schlechtes Wetter bekommen?»

«Du kannst sicher mit einem netten kleinen Sturm rechnen», meinte Marstal lachend.

Jesper stöhnte schicksalsergeben. «O nein, nur keinen Sturm!»

«Wenn du keinen Wind verträgst, mußt du an Land bleiben», lautete Peters Kommentar dazu. «Die Biskaya ist immer unruhig. Man ist kein echter Seemann, bevor man nicht einen Sturm in dieser Ecke der Welt mitgemacht hat.»

«Bist du schon in der Biskaya gewesen, Peter?» fragte Jan.

«Millionen Male!»

«Ach Quatsch!» sagte Jesper.

Erling wandte sich tadelnd seinem kleinen Freund zu. «Lieber Krümel, wenn Peter behauptet, er sei millionenmal in dieser Gegend gewesen, dann mußt du ihm das schon glauben und darfst nicht ‹Quatsch› sagen.»

«Ja, aber es ist doch ganz unmöglich, daß...»

«Bist du ruhig, du elende Krabbe! Wenn erwachsene Seeleute reden, mußt du den Mund halten. Und überhaupt würden wir gern von Peter hören, wie seine spannendste Fahrt durch die Biskaya verlaufen ist. Du hast doch bestimmt einiges hier erlebt, nicht wahr, Peter?»

«Und ob!» bestätigte Peter. «Die spannendste Fahrt? Laßt mich mal nachdenken. Das muß die Anfang 1944 gewesen sein...»

«Das war ja während des Krieges», sagte Carl.

Peter Nielsen nickte. «Ganz richtig, das bekamen wir auch zu spüren. Wir fuhren in einem großen Konvoi von Amerika... der Geleitzug bestand aus einigen hundert Schiffen oder mehr... und wir sollten Kriegsmaterial für die Russen nach Murmansk bringen...»

«Das ist gelogen!» warf Marstal ein, der inzwischen zu essen angefangen hatte und daher mit vollem Mund redete. «Warum seid ihr durch die Biskaya gefahren, wenn ihr von Amerika nach Murmansk wolltet?»

Peter seufzte ergeben. «Du stellst immer so dumme Fragen, Marstal. Aber das kommt eben daher, daß du nicht aus einer richtigen Hafenstadt stammst. Natürlich wäre es der direkte Kurs gewesen, wenn wir über den Nordatlantik nördlich von Norwegen gefahren wären, aber der Feind lag ja überall und lauerte auf uns, da mußten wir eben Umwege machen. Das ist übrigens eine Geschichte für sich, die erzähle ich ein andermal. Wir sollten also hinauf zu den Russen mit einer Menge Kriegsmaterial. Damals ging es ja hart zu, und die waren heilfroh, daß ihnen die Amerikaner all die schönen Sachen schikken wollten. Aber ich kann euch versichern, es wurde eine heiße Fahrt über den Atlantik. Die Unterseeboote schwirrten so dicht um uns herum, daß man beinahe von Periskop zu Periskop hätte hüpfen können. Und manchmal konnten wir die Sonne nicht sehen, in solchen Mengen flogen die feindlichen Flugzeuge über uns. Nun, das waren wir ja gewöhnt, und der ganze Konvoi erreichte Madeira...»

«Madeira?» fragte Jan lächelnd. «Das war ja ein ganz schöner Umweg, wenn ihr nördlich von Norwegen hättet fahren sollen.»

«Sicher, aber ich sagte ja schon, daß wir ständig hin und her kreuzen mußten, dabei sind wir eben ein paar tausend Seemeilen vom Kurs abgekommen. Wir gingen vor Funchal auf Madeira vor Anker. Dort bekamen wir alle für ein paar Tage Landurlaub. Die Bewohner von Funchal machten große Augen, als plötzlich einige tausend Mann ankamen, aber sie waren sehr flink und brachten im Handumdrehen genug Hotelzimmer für uns zusammen. Ich selber bekam ein schickes Zimmer mit allem Komfort... gekacheltes Badezimmer mit versenkbarer Wanne und so... und ich brauchte nur auf einen Knopf zu drücken, dann kam schon das gesamte Hotelpersonal angerannt, um sich zu erkundigen, womit ich unzufrieden wäre.»

Peter Nielsen schwieg eine Weile, um seine Gedanken zu sammeln.

«Es ging uns allen wie Maden im Speck. Sehr scharf waren wir daher auch nicht darauf, nun gleich ins Eismeer zu fahren. Um nun dieses Problem zu lösen, hielten alle 150 000 Mann eine kleine Versammlung ab, und da hinein platzte dann der englische Ministerpräsident Churchill...»

«Winston Churchill?» staunte Jesper.

«Na, wer denn sonst? Er war mal schnell von England ’rübergekommen, um sich ein wenig auszuruhen. Als er mich sah, strahlte er übers ganze Gesicht. Er gab mir die Hand und sagte: ‹Tag, Peter, wie zum Henker bist du denn hergekommen?› Da mußte ich ihm natürlich erklären, daß wir auf dem Weg nach Rußland waren und Material für mehrere Millionen geladen hatten, das die Amerikaner denen verehrt hatten. Churchill war brennend interessiert und fragte mich, ob ich an dem Abend nicht mal zu ihm ins Hotel kommen könnte. Nur so auf einen Sprung, damit wir ein wenig darüber reden könnten. Ich sagte natürlich ja, und am gleichen Abend machte ich mich dann in meiner feinsten Kluft zu ihm auf. Er hatte so viele Zimmer im besten Hotel, daß er sich selber kaum auskannte, aber ich fand natürlich gleich den Weg zu ihm. Da saß er und paffte an einer Zigarre. Die war so lang, daß er das Fenster offen lassen mußte, um Platz dafür zu haben. Als ich kam, ließ er die Zigarre einfach hinausfallen... was übrigens zur Folge hatte, daß der größte Teil des Hotelgartens verkohlte und ein Dutzend Gäste eine Rauchvergiftung bekam.

Churchill saß eine Weile stumm da, dann sagte er: ‹Du, Peter, ich bin mordsmäßig an dem Material interessiert, das die Russen bekommen sollen. Die Amerikaner haben mir keinen Ton davon gesagt, das war nicht nett von ihnen, und ich könnte das Material so gut brauchen. Könntest du es nicht so einrichten, daß ihr nach Southampton fahrt und dort alles ausladet? Das Victoriakreuz gebe ich dir dann ganz bestimmt, wenn du wieder mal nach England kommst.›

Das Angebot war natürlich großartig, und ich sagte sofort zu. Meine 149 999 Kollegen hatte ich bald überredet. Na ja, und einige Tage später lieferten wir den ganzen Kram in Southampton ab. Churchill war riesig froh, während die Russen natürlich stocksauer wurden...»

«Und was sagten die Amerikaner dazu?» wollte Jan wissen.

«Och, denen war es egal, es handelte sich ja bloß um Material für fünfzig Milliarden.»

«Und woraus bestand das Material?»

«Es waren Abwehrtragflächen für Panzer.»

Und da konnten die Jungen nicht mehr an sich halten. Sie hatten sich schon während der ganzen Geschichte sehr zusammennehmen müssen, aber jetzt tönte ihr stürmisches Gelächter über das ganze Deck.

Peter Nielsen war ein abenteuerlicher Lügner, aber er log immerhin so, daß ihn niemand mißverstehen konnte. Sogar der kleine Jesper, der manchmal etwas langsam von Begriff war, nahm an der allgemeinen Munterkeit teil.

Als sie sich etwas beruhigt hatten, fragte Jack lächelnd: «Und hast du schließlich das Victoriakreuz bekommen?»

Peter schüttelte den Kopf. «Nein, als ich einige Jahre später zu ihm in die Downing Street Nummer zehn ’reinschaute, hatte er gerade keine mehr auf Lager. Er gab mir statt dessen eine Kiste prima Zigarren. Wenn ihr mir nicht glaubt, braucht ihr bloß mal zu mir nach Hause zu kommen. Die leere Zigarrenkiste habe ich noch, und einen besseren Beweis könnt ihr doch nicht verlangen.»

«Haben die Zigarren geschmeckt?»

«Großartig! Als ich die erste geraucht hatte, mußte ich drei Wochen ins Kreiskrankenhaus von Svendborg. Aber die übrigen habe ich besser vertragen. Man gewöhnt sich eben an alles. Aber ich muß doch zugeben, daß ich seither lieber Shagpfeife rauche. Mein Freund Churchill war da härter. Ich kann euch übrigens noch eine Geschichte über ihn erzählen...»

«Nein, du darfst dir nicht zuviel zumuten», unterbrach Marstal ihn. «Wenn du auch ein stinkfauler Mann aus Svendborg bist, mußt du jetzt die Wache übernehmen. Du kannst den Ingenieur nicht noch länger warten lassen und außerdem... hm... der Sturm braut sich mehr und mehr zusammen.»

Als Peter Nielsen gegangen war, fragte Carl: «Warum wird er nicht Schriftsteller? Ich möchte wissen, woher er die Geschichten immer nimmt.»

«Das gleiche habe ich auch eben gedacht», sagte Jack. «Es wäre doch eine Idee, all diese Geschichten aufzuschreiben, das gäbe ein ganzes Buch.»

«Dann tu’s doch», sagte Jan. «Du hast doch deine Schreibmaschine mitgenommen.»

«Ja, aber eigentlich brauchte man ein Tonbandgerät, denn Peters Art zu erzählen, ist unnachahmlich. Er bringt immer eine solche Menge Einzelheiten...»

«Sollten wir nicht lieber in die Kojen kriechen?» schlug Marstal vor. «Es wird bestimmt unruhig während der Nacht, da ist es gut, wenn man schon etwas vorgeschlafen hat.» Er hustete trocken.

Jesper erhob sich schnell und sagte: «Dazu braucht man mich nur einmal aufzufordern. Sollte es einen Orkan geben, dann braucht ihr mich nicht zu wekken. Ich wache schon von allein auf.»

Marstal hustete wieder, diesmal etwas anhaltender. Die anderen sahen ihn forschend an.

«Hast du dich verschluckt?» fragte Erling.

«Ich... ich weiß wirklich nicht. Es kam ganz plötzlich. Ja... wahrscheinlich... habe ich irgendwas in den falschen Hals bekommen... ich glaube, ich brauche etwas frische Luft.»

Die ‹Flying Star› stampfte und schlingerte schon etwas, die Windstärke nahm fühlbar zu, und die Wellen schlugen hart gegen den Schiffsrumpf. Als Marstal die Tür hinter sich schloß, konnten die Jungen ihn husten und nach Luft schnappen hören.

«Was kann ihm bloß fehlen?» fragte Jan. «Hoffentlich ist es nur ein Krümel in der Luftröhre, dann wird es ja bald wieder in Ordnung sein. – Also: auf, in die Kojen!»

Peter Nielsen stand breitbeinig hinter dem Ruder. Die Dunkelheit hatte sich über das Meer gesenkt, der Wind pfiff und die Wogen gingen hoch. Peters Gesicht zeigte einen angespannten Ausdruck. Er richtete sich auf eine anstrengende Wache ein. Von den drei Erwachsenen konnte keiner in dieser Nacht mit Schlaf rechnen, denn wenn sich das Wetter weiter so verschlechterte, konnte die ‹Flying Star› sehr plötzlich in ernsthafte Schwierigkeiten geraten.

Ingenieur Smith paffte seine Pfeife, während auch er die dunklen hohen Wellen betrachtete, die sich rundumher, soweit das Auge reichte, auftürmten.

«Es wird sicher eine unheimliche Nacht», sagte er ernst.

«Wird schon werden», gab Nielsen ruhig zur Antwort. «Ich habe schon millionenmal Schlimmeres gut überstanden.»

Peter hatte nie zu den Menschen gehört, die in kleinen Ziffern rechnen. Auch diesmal brauchte er es nicht, denn inzwischen war der Sturm auf Windstärke 9 angewachsen!

Zweites kapitel

Der Sturm nahm an Stärke zu. Dunkle Wolkenfetzen jagten über den Himmel, und die ‹Flying Star› stampfte heftig durch die aufgewühlte See. Jetzt mußte das große, seetüchtige Boot zeigen, was es konnte. Und Peter Nielsen mußte alles einsetzen, was er in seinen Jahren zur See gelernt hatte. Ein weniger erfahrener Steuermann hätte sicher bald seine liebe Not gehabt. Das Kurshalten wurde immer schwieriger. Das Schiff mußte so weit von Land gehalten werden, daß es nicht in Gefahr geriet, aufzulaufen oder in der gewaltigen Brandung gegen die Küste geschleudert zu werden und zu zerschellen. Andererseits sollte die ‹Flying Star› so dicht wie möglich unter Land halten, das in der völlig dunklen Nacht wenigstens eine gewisse Orientierungshilfe bieten mochte.

Die ‹Flying Star› war natürlich mit einem Funkgerät ausgerüstet, das von Ingenieur Smith selbst bedient wurde. Als Techniker verstand er es ausgezeichnet, damit umzugehen. Während Peter am Ruder stand, saß er mit dem Kopfhörer am Ohr und fing die Signale von anderen Schiffen auf, die bei diesem Unwetter auf See waren. Er konnte mit anhören, wie sich viele der Fischerboote verständigten, schleunigst ihre Häfen anzulaufen, und er fragte Peter Nielsen, ob er es nicht für ratsam hielt, das gleiche zu tun.

Aber der schüttelte den Kopf und sagte mit entschlossener Miene: «Nein, jetzt ist es besser, hier draußen zu bleiben. Das Risiko ist größer, wenn wir versuchen, Land anzusteuern. Die Fischer kennen die Gewässer in- und auswendig, die haben keine Schwierigkeiten, in den Hafen zu kommen, wenn sie nicht schon vorher... na ja, hm... auf Grund gehen. Hoffen wir das Beste für sie.»

Nach einer Weile fügte er hinzu: «Wenn wir nur den Kurs halten, dann kann uns nichts geschehen. Hier draußen fühle ich mich ganz sicher, das schaffe ich schon.»

«Verstehen Sie mich richtig, Peter», sagte Smith und mußte trotz der ernsten Lage lächeln. «Ich bezweifle durchaus nicht, daß Sie ein guter Seemann sind. Ich weiß im Gegenteil, daß wir uns voll und ganz auf Sie und Marstal verlassen können. Wo ist er übrigens? Er kann doch nicht noch immer bei den Jungen sitzen?»

«Wenn man vom Teufel spricht...» sagte Peter.

In diesem Augenblick ging nämlich die Tür auf und Marstal stolperte herein, während eine Bö die Tür hinter ihm zufallen ließ. Er hielt eine Hand vor der Brust, beugte den Kopf nach vorn und hustete heftig.

Dann schnappte er nach Luft und sagte: «Entschuldigen Sie, daß ich so spät komme... aber ich bin ein wenig an der frischen Luft gewesen... ich...» Nach einem erneuten Hustenanfall fuhr er fort: «Ich habe so einen verflixten Hustenreiz bekommen.»

«Das brauchst du uns gar nicht erst zu erzählen», entgegnete Peter trocken. «Du hast es wohl so eilig gehabt, den Schiffszwieback in dich hineinzustopfen, daß du einen Krümel in den falschen Hals bekommen hast. Warum mußt du auch heimlich naschen, du Freßsack?»

«Na, ausgerechnet du mußt da reden», japste Marstal und hustete erneut. «In London hast du so viel gegessen, daß wir frischen Proviant an Bord nehmen mußten.»

«Ich esse mit Anstand», erklärte Peter würdevoll, doch seine Augen blitzten verschmitzt dabei. «Aber das habe ich ja immer gesagt: Leute aus Marstal haben eben keinen Anstand. Nein, da müßt ihr schon nach Svendborg kommen, dort leben Weltmänner mit Manieren.»

Marstal gab keine Antwort, er hustete bloß wieder heftig.

Ingenieur Smith betrachtete ihn mit besorgtem Gesicht. «Hören Sie, Marstal, der Husten gefällt mir gar nicht. Sind Sie sicher, daß Sie sich verschluckt haben?»

«Ich weiß es wirklich nicht», sagte Marstal, während ein neuer Hustenanfall ihm die Tränen in die Augen trieb. «Ich weiß nur, daß es verflixt unangenehm ist.»

«Geh und leg dich hin», befahl ihm Peter. «Wir schaffen die Wache schon allein. In meinem Fach steht noch Hustensaft. Nimm einen ordentlichen Schluck davon, der hilft bestimmt.»

«Ja, aber ich...»

«Los, fort mit dir, Marstal! Wir machen das mit der linken Hand, wo das Wetter doch so schön ruhig ist.»

«Wegen so einem bißchen Husten gebe ich doch nicht auf», erklärte Marstal mit Bestimmtheit.

«Doch, Marstal, folgen Sie seinem guten Rat und legen Sie sich hin. Wenn es sich um eine Erkältung handeln sollte, dann ist es besser, man tut gleich etwas dagegen. Ich komme nachher zu Ihnen und schaue nach, wie es Ihnen geht.»

«Na ja», gab Marstal zu, «man wird ja ein wenig müde von der Husterei. Es ist vielleicht wirklich besser, wenn ich mich hinlege.»

«Soll ich Sie zur Kajüte begleiten?»

«O nein, danke, das schaffe ich schon. In einer Stunde ist mir sicher besser. Bis gleich.»

Und damit verschwand er. Peter kümmerte sich wieder um den Kurs, während Smith gedankenversunken dasaß, bis er sich zu Nielsen wandte: «Also, dieser Husten gefällt mir gar nicht. Der klang nicht gut.»

«Sehr wohltönend war er ja nun nicht», gab Peter trocken zurück. «Aber so ist das eben mit den Leuten aus Marstal. Kaum hat man Windstärke 3, da erkälten die sich und müssen ins Bett. Na, ich glaube nach wie vor, daß er sich bloß verschluckt hat. Das kann schon passieren. Ich erinnere mich, daß wir einmal zum Frühstück in Batavia waren...»

Und damit begann er eine lange Geschichte, die von einem Dutzend Krabben handelte, welche er damals in Batavia in den falschen Hals bekommen hatte. Aber der Ingenieur hörte gar nicht recht zu. Er dachte an wichtigere Dinge.

Der Sturm warf die ‹Flying Star› hin und her. Immer wieder schlugen die Wellen über das Deck, und die Brecher donnerten gegen das dicke Fensterglas des Ruderhauses.

Peter Nielsen grinste und sagte: «Ich komme mir vor wie hinter dem Fenster eines Käseladens.»

Aber die kräftig gebaute Jacht widerstand jedem Angriff der Elemente. Sie duckte sich, legte sich auf die Seite und richtete sich wieder auf. Die ‹Flying Star› knirschte in den Spanten, rollte in der aufgewühlten See und tauchte mit der Nase ins nächste Wellental. Aber stetig ging es vorwärts, während Peter breitbeinig am Ruder stand und der kräftige Motor rhythmisch weiterarbeitete.

In der Kajüte der Jungen fand keiner Schlaf. Das ständige Rollen des Schiffes machte es unmöglich, die Augen zu schließen. Ab und zu krängte das Schiff so stark, daß sie alle beinahe aus den Kojen gefallen wären. Erling und Jesper kämpften tapfer gegen die aufkommende Seekrankheit. Beide hatten Tabletten geschluckt und hofften es damit zu schaffen. Jesper war jedoch ganz grün im Gesicht, was wohl am meisten der Angst zuzuschreiben war. Er schämte sich, seekrank zu werden.

Natürlich überstand Carl das Ganze am besten. Er war ja schon zur See gefahren. Aber auch Jan und Jack Morton fühlten sich durchaus wohl. Sie waren in ihrem Leben so viel gesegelt, daß es ihnen nichts weiter ausmachte, wenn es drunter und drüber ging. Aber schlafen konnten auch sie nicht. Der einzige, der fest schlief, war Yan Loo, der Chinesenjunge. Nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Er war schon vor Beginn des Sturmes eingeschlafen und ließ sich nicht stören.

«Unbegreiflich», wunderte sich Carl. «So eine Landratte...»

«Vielleicht ist er schon öfter auf See gewesen, und wir wissen es bloß nicht. Wir wissen überhaupt sehr wenig von ihm», meinte Jan.

«Da hast du recht, aber ich mag ihn einfach gern. Er ist ein lustiger kleiner Bursche, ich bin sicher, daß wir noch viel Spaß mit ihm haben werden. Ist doch mal etwas Neues und...»

«Och», kam es stöhnend von Jespers Koje, «könnt ihr denn nicht aufhören zu quatschen, damit wir anderen ein wenig schlafen können... oh... och...»

«Geht’s dir schlecht, Krümel?» fragte Jan mitleidig.

«Noch schlechter», stöhnte der arme Krümel. «Wenn wir so um die ganze Welt geschaukelt werden sollen, dann wäre ich lieber zuhause auf dem Trockenen geblieben.»

«Nun mach halblang, kleiner Krümel», unterbrach ihn Erling. «Du hättest dir selbst und vor allem uns anderen einen großen Dienst erwiesen, wenn du zu Hause geblieben wärest. Falls du immer so wehleidig jammern willst, wenn es ein wenig stürmt, dann haben wir ja eine herrliche Weltreise vor uns. Jetzt kriech aber ganz schnell unter die Decke und mach deine Äuglein zu, dann wünscht dir Onkel Erling auch eine gute und ruhige Nacht.»

«Ach, du redest, Dicker, als ob du selber schlafen könntest», jammerte Jesper. «Dabei könnte ich wetten, daß es dir ebenso übel geht wie mir.»

«Ich wette nie, wenn ich sicher bin, daß ich verlieren werde», sagte Erling. «Wenn ich ganz ehrlich sein soll, muß ich zugeben, daß ich auch hie und da von den schönen Küsten des Öresund geträumt habe. Da kann man mit dem Rücken zum Wasser stehen und über eine ganze Menge herrliches und festes Land blicken; das wackelt und schwankt gar nicht. So ein fester Asphaltweg ist doch was Feines, nicht wahr, lieber Krümel? Oder vielleicht nur ein ganz gewöhnliches Feld, das so ganz flach daliegt, als ob es nur darauf wartet, daß man darüber spaziert? Aber hier, wo das Meer sich zu Wellenbergen türmt, da ist es nun vorbei mit dem Frieden und der Ruhe.»

Alle mußten lachen. Und Jan sagte: «Ich kann es einfach nicht in meinen Kopf kriegen, daß ihr beide solche unverbesserliche Landratten seid. Jetzt müßtet ihr doch längst darauf eingestellt sein, daß wir ein ganzes Jahr lang ein richtiges Seemannsleben führen werden. Denn den größten Teil der Reise werden wir ja auf See verbringen. Fangt also lieber gleich an, euch damit zu befreunden, es bleibt euch keine andere Wahl.»

«Natürlich, tun wir ja auch», murmelte Erling und versuchte seiner Stimme Überzeugung zu verleihen. «Wir finden bloß, daß die alten herzigen Liedchen über die ‹leichten Wellen› und den ‹freundlichen Wind› nicht so ganz stimmen.»

Jack lachte leise vor sich hin. «Wenn ich mich nicht irre, haben wir schon mal ‹Sturmlieder› gesungen.»

«Ach ja, das war auch mal Mode. Aber ich finde, das sollte jetzt gründlich abgeschafft werden. Es gibt keine windgeblähten Segel mehr, heute ist das Zeitalter der Motorboote.»

In diesem Augenblick erzitterte die ‹Flying Star› unter dem Anprall einer anstürmenden Woge und die Wassermassen dröhnten gegen das kämpfende Schiff.

Erling drehte sich in seiner Koje auf die andere Seite und murmelte: «Ich hatte keine Ahnung, daß das Meer einen solchen Spektakel vollführen kann. Das ist ja schlimmer als der Strandvej in Kopenhagen an einem schönen Sonntagvormittag mit allen Motorrädern und Autos und der ganzen Bescherung!»

Ingenieur Smith erhob sich und legte den Kopfhörer auf den Tisch. «Ich gehe jetzt und schaue nach Marstal. Hoffentlich fehlt ihm nichts Ernstliches.»

«Ja, hoffentlich», bekräftigte Peter Nielsen. Ausnahmsweise klang seine Stimme ganz bekümmert. «Ich schaffe das schon allein, machen Sie sich keine Sorgen.»

«Das weiß ich», versicherte Smith. «Daß Sie das Schiff hier draußen gut in der Hand behalten, da habe ich keine Sorgen. Aber wenn Marstal ernstlich erkrankt ist, müssen wir vielleicht an Land... und was dann?»

«Das wäre eine böse Sache», sagte Peter zögernd. «Wenn es das Unglück wirklich so will, wär’s ein verflixtes Risiko. Ehrlich gesagt, Ingenieur Smith, die Verantwortung wage ich nicht auf mich zu nehmen... aber... warten wir erst ab, ob Marstal nicht inzwischen das Krümelchen losgeworden ist.»

Smith mußte sich auf seinem Weg über das Deck mit aller Kraft vorwärtskämpfen. Immer wieder mußte er sich mit beiden Händen festklammern. Obwohl er Ölmantel und Südwester trug, war er tropfnaß, als er die Kajüte endlich erreichte. Gegen die gewaltigen Brecher, die über das Boot schäumten, bot ein Ölmantel nur unzureichend Schutz.

Darmowy fragment się skończył.