Czytaj książkę: «Jutt & Jula»

Czcionka:
Geschichte einer jungen Liebe

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2017 OK Publishing


ISBN 978-80-272-2631-3

1

Es war an einer Haltestelle der Kleinbahn. Mit großem Geschnauf und Gestöhne arbeitete das unvorteilhafte Dampfroß ein paar niedrige Wagen heran. Unter Puff und Aufseufzen hielt es endlich. Und indes das kleine Ungetüm rasch Atem holte zu neuem Beginnen, entstieg dem letzten Wäglein ein ziemlich alter Mann, unbestimmbaren Aussehens, wenn man von dem weiten Mantel, der ihn umhüllte, und einem sehr großen Hut, der seinen Kopf bedeckte, absehen will. Auch trug der Reisende keinerlei Gepäck. Dafür hielt er in der Hand einen Stock, wie es einem solchen in abgelegenen Landschaften zu begegnen nicht jedermanns Sache ist.

An den von Regen und Staub und Ruß verwaschenen und verklebten Wagenfenstern, daran immer wieder vergeblich zu rütteln versucht wurde, erschienen verschiedene neugierige Köpfe männlichen und weiblichen Geschlechts, stellten mit ihren Mienen Erwartungen und Vermutungen über den langsam vorbeischreitenden Reisegast an und murmelten ihre Frühjahrsansichten hinter ihm her. Mit einem Ruck aber zog der kleine Bahnzug an, und all die Köpfe wankten heftig nach einer Seite und verschwanden hinter den Wagenwänden.

Kein Mensch ringsher . . . Aber der Fremde schien sich auch gar nicht darnach umtun zu wollen. Er zog sich mit gleichmäßigen tiefen Atemzügen die Lunge voll Luft und ging den Landweg hinab, der hier den Fahrdamm überquerte.

Es war ein heller Morgen im Frühling. Der frische Wind trug den herben Duft her von bestellten Äckern und den süßen Geruch grünen Laubes und erster Blütenkelche. Die Nordreise der Vögel ging breit und hurtig durch Busch und Gezweig. Irgendwoher kam das junge Wiehern eines Pferdes. Und aus der Ferne her stand noch immer das hartnäckige Bimbim der kleinen Bahn über Feld und Strauch. Aus den Triftgräben krochen die aufgedunsenen Frühjahrskörper der Frösche, und der Storch stand nach der ersten Sättigung teilnahmlos und auf einem Bein, döselnd und blinzelnd, daneben. Während die Sonne den schweren Tau der Gräser trank, hoben sich fern von den Weiden und Wiesen die Morgennebel auf und trugen sich flüchtig als Wolke weg.

Es wurde dem Wanderer fröhlich und warm zumut auf der einsamen Straße. Er entledigte sich seines langen Mantels und hing ihn sich an der Krücke des Stockes über die Schulter. Dann nahm er den Hut in die Hand und schwenkte ihn im frischeren Ausschreiten lächelnd hin und her.

Nun hätte man freilich wahrnehmen können, daß es sich hier um einen besonderen Menschen handeln mußte. Sein graues Haupthaar war locker und voll und aus der Stirn zurückgestrichen. Schmal, hoch und blaß war diese Stirn und von einer gläsernen Klarheit, so licht und rein, daß Menschen, die sie vielleicht in einer Menge gewahren, bei ihrem Anblick zuinnerst erschrecken, sich versehen zu haben glauben und im Gleichmaß ihres schlummernden Tages sich noch lange nachher aufgestört fühlen und des Nachts darauf womöglich beunruhigende Träume haben. Es gibt solche Stirnen. Und einmal oder zweimal oder dreimal begegnet man ihnen auch im Leben.

Und die Augen, die unter dieser Stirn lagen, warfen einen merkwürdigen Blick, einen Blick wissender Tiefe und ewiger Güte. In diesen Augen war alles auf Erden richtig, sie fanden nirgend Widerstand und durchdrangen die schweren Dinge. Sie schweiften nicht umher – hierhin und dorthin – sondern wurden von ihrem Träger gesandt, wohin er sie haben wollte. Zuweilen wurden sie kühl und hart, als sähen sie etwas unsichtbares Unerfreuliches; dann verschwamm der Blick ein wenig hinter einem Schleier, tauchte ins Innere und quoll sofort wieder mild, warm, gütig in das umherige Mitleben.

Um das Gesicht schloß sich ein Bart von jener Weichheit des Flaums, die nie ein Messer sah. Aber unter der schmalen Nase lag ein Mund, dessen Ausdruck gemischt war aus stiller Freude, großem Schmerz, unmittelbarer Geduld, gütigem Verstehen und gelassener Kraft. Unter diese Züge alle jedoch mischte sich ein Hauch von verzweifeltem Spott, der nur das Abbild einer grausigen Erkenntnis sein konnte und deshalb hier ein verborgenes, aber doch vorhandenes, immer gegenwärtiges Dasein führte.

Gewiß – man hatte es in diesem Manne zweifellos mit einem Geiste zu tun, der von den Härten des Daseins und von den unerbittlichen Fahrten seines Schicksals erprobt und geschliffen war. Die Erfahrungen und Begegnisse auf der Linie des Lebens waren für ihn Stufen zu einem reinen Menschentum geworden und hatten ihm ein Wissen von den Dingen des Seins und ihren großen Zusammenhängen gebracht, das in Schulen nicht gelernt, in Kirchen nicht gepredigt und aus Büchern nicht erlesen werden kann. Doch nicht Ergebung und Verzicht war ihm die Endsumme geworden, sondern tätiges Erkennen. Und aus diesem tätigen Erkennen heraus konnte er sich nicht den Menschen als Lehrer aufwerfen, indem er ihnen ihre Sünden vorhielt, für die sie nichts konnten, oder sie anregte dieses zu tun und jenes zu lassen, sondern indem er in jeder Sekunde seines Lebens sein eigenes Menschsein immer noch steigerte zu Gott hin und aus der Fülle seines wachsenden Erliebens aussandte Ströme der Erhebung und des ewigen Lichts, daß jede Kreatur und Wesenheit, die zu ihm Berührung fand, aufwachte, atemstill wurde, sich dem Licht entgegenhob und selige Bemühung suchte die gehabte Form zu verwandeln.

So auch jetzt. Diese Landschaft wurde unter dem segnenden Blick des Wanderers lebendig, lebendig in einer anderen Weise, als es für gewöhnlich der Fall ist. Gewiß blieben die Dinge und Wesen in ihren Daseinseigenschaften die gleichen, aber unter den Augen dieses Mannes lüftete Gott-Natur seinen Schleier und gewährte sich in der gewaltigen Musik seiner unendlichfachen Sinfonie. Da hatte jeder Grashalm, jede Ackerkrume, da hatte jede Mücke und jedes Blättchen seinen klaren Ton. Der Molch im Sumpf und unter den Wolken die ziehenden Kraniche, Wind, wiegender Zweig und aufgeworfene Scholle, arbeiteten mit ihrem vornehmsten Eifer am selben Musiksatz. Da hatte jedes Ding von Stern zu Staub die innigste Beziehung. Und Leidenlassen spielte die große Melodie genau so edel wie Leidenmüssen . . .

Es war schon gegen die Mittagsstunde, als der Wanderer die hohe Birkenreihe der Steinstraße erblickte und er es nicht hindern konnte und auch nicht hindern wollte, daß in seine Schritte eine leise Unruhe geriet. Die Gehöfte, Baumgruppen und Buschketten wurden ihm immer bekannter. Und in manch einen Vorübergehenden erkannte er einen Bauer wieder aus jenen fernen Tagen, die zu vergegenwärtigen er nun noch einmal hierher gekommen war. Und plötzlich tat sich dann die Landschaft auf und gestattete ihrem Heimgekehrten den lieblichsten Ausblick.

Der Wanderer lehnte sich erschüttert gegen einen Baum. Er schenkte sich für einige Minuten ganz seiner stürmenden Seele. Und das köstliche Bild des Heimat-Dorfes schwamm vor den feuchten Augen.

Schlank und hell wie ein Licht stand inmitten des Ortes der weiße Kirchturm, darum die roten Dächer der Häuser wie ein Kranz lagen und das reiche Frühlingsgrün uralter Bäume schirmend im Golde der Mittagssonne darüber und daneben stand. Die breite Steinstraße mit dem reichen Birkenbestand führte wie eine Allee schnurgerade mitten in das Dorf hinein. Langsam und mit seligsten Empfindungen schritt der Wanderer der Heimat entgegen. Hier stand fast jeder Baum noch und jedes Haus. Die Sträucher waren wohl größer geworden und ein paar Zäune gab es mehr. Sonst schien sich nichts verändert zu haben. Auch die alte eiserne Straßenwalze stand noch am Eingang des Dorfes. In diesem ihren hölzernen Steinkasten hatte er sich als Kind geschaukelt. Und auch die Brücke über den raschen Fluß hatte sich nicht verändert. Sie war noch immer aus Holz und schwarz und weiß angestrichen; bloß seltsam niedrig empfand er sie jetzt. Und das Flüßchen war ja nur so schmal, daß man leicht hinüberspringen konnte.

Und auch im Dorf schien alles kleiner geworden und enger aneinandergerückt. Ein paar Schritte nur, dann war er schon auf dem Kirchhof. Er brauchte nicht lange zu suchen. Dann fand er ein frisches Grab; es lag bei denjenigen seiner Vorfahren. Und die unter diesem frischgeworfenen Hügel gebettet war, das war Maria, die hier gelebt hatte, und die er hier in seinem Heimatdorfe nie gesehen hatte und nun auch nicht mehr sehen würde. Es war seltsam dieses zu denken.

Doch dann wälzte er diese müßigen Gedanken von sich. Denn Maria war ja immer bei ihm. Jetzt, wo sie »gestorben« war, umlebte sie ihn ja um vieles klarer als vordem. Er setzte sich in den Zustand ihrer Gegenwart und verließ mit innigem Lächeln die unfruchtbaren Hügel. Aber wie er vom Kirchgarten hinaustrat auf den Dorfanger, durchbebte ihn doch ein unüberwachter Schreck.

Er hatte es ja gewußt, aber eigentümlicherweise heute nicht daran gedacht. Nun er doch das Ungeheuerliche mit den Augen erlebte, ging ihm ein leiser Krampf übers Herz, und die Saite der Wehmut erzitterte in reinem Ton.

Dort drüben standen die Ruinen seines Elternhauses, darin er als Kind gelebt und gespielt. Es war in der Nacht nach Marias Tode abgebrannt. Die Flammen mußten es sehr schwer gehabt haben, den wuchtigen, zweihundert Jahre alten Bau zu bezwingen. Doch es war alles dahin, auch die Scheunen und Stallungen.

Und er ging über den Hof, der ihm zeitlebens als Sehnsucht vor der Erinnerung gestanden hatte. Hier lag noch der Steinhaufen, die Freude seiner Kindertage: der sehnsüchtige Traum, wenn er in der Stadt weilte, wo er zur Schule ging, in den kargen Ferien die frühe Morgensonne warm und heiter auf diese Steine brennen zu sehen. Ja – es war seltsam. Wenn er vor Heimweh geweint hatte, so geschah es nicht vor Heimweh nach Eltern und Gespielen, sondern nur allem vor Heimweh nach diesem armseligen Steinhaufen, wenn Morgensonne darauf lag.

Und jetzt trat er heran und strich mit leiser Hand freundlich und dankbar über die Quadern und Blöcke, die sich nun bald würden in einen Neubau einfügen lassen müssen.

»So sind wir alle einmal dran,« flüsterte er ihnen lächelnd zu. Er sah sich um, aber da war niemand, den er hätte fragen können. Den augenblicklichen Besitzer kannte er nicht . . . Wozu auch . . .

Er ging hinaus auf die Felder, die zu diesem Hause gehörten oder doch gehört hatten. Sie gingen in schmalem Streifen bis hinan zu jener Höhe, darauf die Ziegelei stand . . . Oh! es war hier alles noch so wie ehemals. Jeder Graben war geblieben. Und der Ahorn, den er hier gepflanzt, war ein stattlicher Baum worden. Auch das hölzerne Brückchen fand sich noch – und – o Wunder! – durch das Kleefeld zog sich auch heute der liebliche Fußpfad. Er wunderte sich über die Dauerhaftigkeit kleiner Dinge. O ja! es war nicht nur möglich, es war sogar wahrscheinlich, daß dieser kleine Steg schon seit Jahrtausenden von Menschen benutzt wurde. Und auf einmal sah der schmale silbergraue Strich in diesem fetten Klee sehr erfahren und geheimnisvoll aus. Und dann kam der Hohlweg, zu dessen Seiten noch immer die paar Erdbeerstauden wuchsen – hier mitten auf dem weiten Felde. Es waren nur etwa zwanzig Stauden. Und es waren nicht mehr geworden. Fünf Jahrzehnte standen sie – o nein! sie werden hier vielleicht auch schon fünfzig Jahrzehnte gestanden haben und noch unzählige Jahrzehnte stehen. Wie alt wird solch eine Pflanze, du kleiner Mensch?! –

Und plötzlich hob vom Dorf her, das so bekannt und traulich hinter ihm lag, die Glocke vom Kirchturm an das Mittagslied zu singen. Er faltete die Hände und lächelte selig in sich hinein. Auch er hatte als Kind dort oben im Turm gestanden und am Glockenseil gezogen, und war sehr stolz gewesen im Bewußtsein, daß diese seine kleine Arbeit so weit, weit im runden Land gehört wurde.

Jetzt aber zog es ihn hinüber zur Wassermühle, wo Maria ihre einsamen Tage beschlossen hatte. Er ging immer den Fluß entlang, der über den Kieselgrund hinweg sein klares Wasser eilig dahinstürzte. Und es war ein seltsamer Fluß mit eigentümlichen Fischen drin und sonstigen Wasserbewohnern, vor deren Rätselhaftigkeit gelehrte Leute mit ratlosen Gesichtern standen. – Und dann kam der Baum, der ein Storchnest trug. Der Storch darauf konnte wohl derselbe sein, der schon vor fünfzig Jahren hier gestanden. Denn das Rot seiner Beine und seines Schnabels war verwittert, und er trug einen riesiglangen Federbart am Halse. Und nun kam die Wassermühle, die Maria gekauft hatte, als sie vor zwanzig Jahren hierher geflüchtet war, – in seine Heimat geflüchtet, die ihre auf immer verlassend, und ihm das Versprechen abnehmend, sie nie in dieser seiner Heimat jemals zu besuchen.

Die Wassermühle war zerfallen, weil im nächsten Dorfe eine Dampfmühle gebaut war. Das Wohnhaus war in gutem Zustande. Dahinter lag der blanke Mühlenteich und roch nach Kalmus. An diesen Mühlenteich schloß sich mit tiefem Tal das Daubenwäldchen, ein kleiner dichter Laubwald, darin Maria, wie er wußte, ein kleines hölzernes Kapellchen errichtet hatte, um sich dort ungestört in der lieblichsten Einsamkeit ihrem Gottesdienst widmen zu können. Der Hof der Wassermühle stand verlassen da. Alle Türen waren abgeschlossen. Niemand öffnete, keine Antwort, kein Laut war zu hören. Nur vom Wehr drang durch die Mittagsstille das sanfte Rauschen eines Wasserfalls, der das zerbrochene Mühlrad nicht bewegte.

Er rastete an der Schleuse, aß ein Stück trockenen Brotes und trank dazu ein wenig von dem kalmushaltigen Wasser, das er sich in die hohle Hand rinnen ließ. So wollte er noch die Kapelle besuchen, durch die Kräuterfelder gehen und am Abend im Dorf beim Arzt oder Pfarrer sich nach einem Lebenszeichen erkundigen, das Maria für ihn zurückgelassen habe. Es mochte nun ein Brief oder eine mündliche Nachricht sein. Nur hoffte er seinen im Ort bekannten Namen nicht nennen zu brauchen, denn er galt als Verschollener, Verlorener, Verkommener, als ein am Rande des Lebens Gestrandeter, der es zu keiner geregelten Tätigkeit gebracht hatte, der wahrscheinlich seinen Beruf, oder seine Beschäftigung nicht einmal zu benennen vermochte. Und der Alte fand, daß die Leute im Grunde gar nicht so unrecht hatten, wenn sie dieser Ansicht waren. Irgendwie stimmte das alles. Bloß was sie in ein paar Sätze zusammenbrachten, war eine ganze Lebenskette, deren Schlußring ihnen verborgen bleiben mußte. Und das war schön. –

Er stieg hinan die sanfte Höhe zum Daubenwäldchen. Eine lichte Birkenpflanzung hatte die eigentliche Bodenerhebung bedeutend verdeckt. Von hier aus konnte man sehen, wie sich der Mühlenteich zärtlich um den Hügel legte und schließlich sich zum Flusse verjüngte, daraus er gebreitet.

Er hielt ein wenig inne und sah sich um. Da – plötzlich – gewahrte er nah bei sich neben einem schlanken Birkenstamm zwei junge Menschen sitzen, ein Jüngling und eine Jungfrau offenbar. Sie saßen eng beieinander und hielten sich in den Hüften umschlungen. Dann wandten sie einander die überseligen Gesichter zu und preßten ihre Lippen zu einem langen, langen Kuß.

Es war tiefstill. Ein zarter Hauch wehte zwischen den reinen Bäumen. Und die dünnen Birkenzweige verharrten mit ihrem jungen Laub bewegungslos wie in gebeugter Demut.

Und so lange, lange dauerte der Kuß. Und so rein, rein, rein schimmerten die seligen Gesichter. Sie schienen in der ganzen Landschaft um sie her aufgelöst zu ertrinken. Und es war doch die ganze Landschaft und noch viel, viel mehr, was in diesem Kusse zweier ungetrübter Menschenkinder schwamm und versank. Hier ging ein ungehemmtes Strahlen und Schenken ohne Ursache in den Raum und segnete mit seiner Überschwänglichkeit den ganzen Kreis der unsichtbaren und der sichtbaren Dinge und Geschöpfe. Die wieder dankten ihrerseits und bereiteten der Schöpfung eine feierliche Atempause. Die Vöglein saßen stumm auf den Zweigen. Busch und Baum zogen ihre Schatten ein, so daß nur Sonne war, weiße Sonne, in der die reinen Liebenden badeten ohne es zu wissen und zu wollen. Und der Wind hielt alle Geräusche auf, die aus der Ferne oder Nähe hätten stören können. Die Biene brummte nicht, und der Schmetterling nippte nicht vom Seim. Die Fischheere standen reglos im Gewässer. Und nur ein zarter Reigen, den die Liebenden nicht sahen – so klein war er – ging auf und ab vor ihren stillen Füßen . . .

Der Wanderer erschauerte unter der elementaren Wucht dieses gewaltigen Erlebnisses zuinnerst. Er dankte ganz heiß in sein Ich hinein für diese erhabenen Sekunden, die Gott ihm bereitet. Die Schächte seines Lebens taten sich auf und er stieg weit hinab. Weit – sehr, sehr weit. Und schmerzlich zuckte es in ihm auf: »Maria!«

War er noch immer nicht am Ende?

Aber Maria war ja da! war hier, um ihn her – und noch nie so unmittelbar bei ihm gewesen!

Und mit feierlichem Ernst schritt er in große Andacht versunken hinunter ins Tal, auf dessen einer Seite das winzige Kirchlein stand.

2

In der Provinzstadt gab es eine »Grüne Apotheke«. Sie lag genau an einer Straßenecke, so daß man von den hohen Fenstern des pharmazeutischen Geschäfts aus über den breiten Strom und weiterhin über saftige Wiesen sah, auf denen in diesem Frühling die ersten Rinderherden grasten. Und an den hohen Fenstern, deren grüne Vorhänge zurückgeschoben waren, stand dann auch der junge Apothekergehilfe und ließ seine Blicke hinausschweifen. Er war schon seit drei Wochen Tag und Nacht im Dienst und hatte während dieser Zeit auch noch nicht einmal die Räume verlassen. Denn der Apotheker war krank, und er war recht sparsam in bezug auf die Aushilfe.

Der Wunsch des jungen Mannes, dort hinauszulaufen in die Wiesen, war zur brennenden Leidenschaft geworden und verließ ihn auch nicht einen Augenblick, während er einem Jungen für zehn Pfennig Sennesblätter abwog.

Dann kam eine blasse Jungfrau mit einem Rezept:

Camphorae rasae 5,0 Extr. Opii aq. 1,0 Mucilag. gummi arab. q. suff. ut f. boli N. 20. Consp. pulo. Lycopod. S. abends beim Schlafengehen 2–3 Pillen für Frl. Abendgern.

Doktor Hecht.

Diese Ärzte! Anstatt den Leuten fertige Schlafmittel zu geben, machen sie einem diese Arbeit! Der Jüngling sah die kümmerliche Pflanze an.

»Wissen Sie was? – Machen Sie mal eine Stunde vor dem Schlafengehen zweitausend Meter Laufschritt, dort über die grünen Wiesen. Dann brauchen Sie keinen Arzt und keine Pillen aus der Grünen Apotheke. – Also – na – in einer halben Stunde ist die Sache fertig . . .«

Das Mädchen wurde rot vor Ärger und verschwand. Eine große, magere Arbeitsfrau trat ein – die Hand verbunden.

»Nun – zeigen Sie mal –« sagte der Gehilfe.

Sie folgte ihm rasch in den Nebenraum und löste die Binde.

»Fein,« sagte der Jüngling. »Jetzt hat sich über die ganze Handfläche eine neue dünne Haut gebildet, die Sie aber noch schonen müssen.«

»Aber ich muß doch waschen gehen!« jammerte die Frau. »Die Kinder – die Kinder . . .«

Der Jüngling zuckte die Schulter. »Sie müssen die Hand noch schonen, sonst wird es schlimmer als es war. Ich gebe Ihnen hier ein Puder und einen Gummihandschuh. Da pudern Sie die Hand tüchtig ein und ziehen den Handschuh drauf. Dann können Sie auch waschen. Aber vorsichtig – vorsichtig! Und nun sind wir fertig. Halten Sie aber gefälligst reinen Mund. Es darf kein Mensch wissen, daß ich Ihnen geholfen habe.«

»Nein, nein, junger Herr!« beteuerte die arme Frau. »Und – und wieviel soll ich Ihnen bezahlen?«

Da wurde der Jüngling rot vor Scham und versuchte diese Scham noch hinter einer geheuchelten Wut zu verbergen. »Wie!« rief er aus. »Was fällt Ihnen ein?! Machen Sie gefälligst, daß Sie fortkommen! – Ja – und wegen der Kinder, die gewiß hungrig sind: hier haben Sie drei Mark. Kaufen Sie ihnen Brot und Milch! Und nun halten Sie den Mund! Und jetzt raus hier!!«

Als er die Tür hinter der armen Frau zugedonnert hatte, blies er mit vollen Backen Luft aus und riß sich mit den Händen an den Haaren. Das war schrecklich gewesen. Zum gütigen Helfer war er nicht geeignet! Aber daß die Frau sich auch bedanken wollte! Dank annehmen zu müssen war gewiß das Schlimmste, das es gab. –

Und er rollte die Pillen, verkaufte dazwischen Kalkwasser und für fünf Pfennig Kaugummi. Einem laborierenden Dichter verabfolgte er eine Pipette und zehn Gramm Jod. Und er sah wieder hinaus über die Wiesen und blickte auf das drängende Laub der Bäume.

»Was hilft uns – ach – daß der Abend die Wipfel umsponn – singend und tief mit dem Netz von Gold« – hatte er in der vorigen Nacht gelesen.

»Heut nacht muß es von allen Sternen rieseln,« hatte er auch heut nacht gelesen. »An blassen Fäden muß es niedergleiten, und alle Bäume schütteln schweren Tau ab!«

Das war schön. Das konnte ein junger Dichter schreiben – und ging hin und schoß sich einfach tot . . .

Ein Postbote trat ein, ließ die Tür offen, grüßte rasch, legte einen eiligen Brief auf den Tisch und war schon wieder hinaus.

Der Jüngling nahm den Brief und besah ihn. Ja – der war für ihn bestimmt. Und zwar stammte er von Tante Maria, die er – peinvoll schlug ihm das Gewissen – seit ein paar Jahren sehr vergessen hatte. Er legte den Brief noch ein wenig beiseite und rechnete das Rezept für Fräulein Abendgern aus. Und gerade kam auch ein Mädchen herein, um die Medizin abzuholen. Und das gnädige Fräulein fände es unerhört, was der Herr Provisor ihr geraten hätte. Und das gnädige Fräulein erwarte, daß der Herr Provisor sie heute abend zwischen sieben und acht am Stromweg um Verzeihung bitte.

Das Fräulein sei sehr blaß und zart, sagte der Jüngling. Es möge einstweilen noch mit den Pillen vorliebnehmen – liebevoll gedreht . . .

Dann berührte er wieder mit dem Zeigefinger den Brief. Es war seltsam, einen Brief zu bekommen. Er bekam keine Briefe. Und Tante Maria hatte er tatsächlich vergessen gehabt. Aber jetzt, wie ihm dieses zum Bewußtsein kam, empfand er, daß ihre Güte ihn wohl immer umfangen gehalten haben mußte. Sein Gefühl zu ihr war ihm warm und bekannt.

Sie hatte sich auch gar nicht mehr gemeldet gehabt in den letzten Jahren. Er war ihr wohl gleichgültig geworden, seitdem sie ihn versorgt wußte in einem Beruf, der ihn immerhin wenigstens zuweilen freute. Sonst war ihm eine Vorliebe zueigen für weite Spaziergänge bei Tag und Nacht und für sehr dicke Bücher – gleichgültig welchen Inhalts; sie mußten nur sehr dick sein, denn aus dem Umfang vermeinte der junge Mann den Ernst zu ersehen, den ein Verfasser seinem Stoff entgegenbringt. Auch die Bibel und der Koran waren dicke Bücher – und verschiedene andere auch. – Aber Tante Maria hielt wohl nichts von Büchern. »Dein eigenes Leben sei dein liebstes Buch,« hatte sie ihm geschrieben, als er gefirmelt wurde. Doch er verstand noch nicht darin zu blättern. Wer war er denn überhaupt? Verwandte besaß er nicht. Die Eltern waren so früh gestorben, daß er sich ihrer nicht zu erinnern vermochte. Tante Maria hatte ihn aus einer fremden Stadt hierhergebracht, hatte alles für ihn getan, was in den Kräften eines Menschen steht. Zwar hatte er sie nur selten in seinen Kinderjahren und noch weniger im vorgeschrittenen Alter gesehen. Aber es war ihm doch immer so, als sei sie in der Nähe. Und wenn es einmal etliche besonders schlimme Tage gab, war sie plötzlich dagewesen und hatte mit ihrer guten Hand die schwierigen Ereignisse getilgt. Doch seiner Frage nach seinen früheren Lebensumständen war sie streng ausgewichen. Sie hatte die Angelegenheit auf ein späteres Jahrzehnt verschoben. Und es schien da etwas Dunkles und Schweres in seiner Jugend obwaltet zu haben, was ihm Geheimnis war und fremd blieb. Er spürte deutlich einen dumpfen Druck aus fernigem Schicksal her. Auch hatte Taute Maria nicht gestattet, daß er sie auf ihrem Landsitz besuche. »Wir haben keine Lebensgemeinschaft,« hatte sie hart geäußert. Und da sie der einzige Mensch war, zu dem er sich hingezogen fühlte, vermied er schließlich alle Fragen, denn er fürchtete das Herbe und Strenge in diesem sonst so guten Gesicht . . . Einsam war er aufgewachsen; immer zwischen sehr alten, abgekämpften Leuten, die das Leben kannten, keinem Ding widersprachen, sondern es in seinem Rahmen zu verstehen wußten, und die dem Jungen immerdar jeden Willen ließen, weil er dadurch schneller an sein Ziel gelangen würde. Zu binden, zu beschneiden? sie hatten erlebt, daß das ein Irrtum war . . . Mit seinesgleichen war er deshalb nie zusammengekommen. Sein Umgang während der Schulzeit waren ein paar betagte Lehrer, die das verständige Kind gern auf ihre Studiengänge mitnahmen und ihm so alles lehrten was sie wußten. Und er begriff sehr gut.

Daß er Apotheker werden sollte, war der Tante Maria Herzenswunsch gewesen. Er hatte ihn erfüllt. Doch er mußte sich's gestehen: er hatte ein wenig heftig auf irgendeinen Dank ihrerseits gerechnet. Statt dessen hatte sie sich völlig von ihm zurückgezogen, einen Anwalt mit der pünktlichen Auszahlung einer Bekleidungs- und Beköstigungssumme beauftragt, die dieser in demselben Augenblick wort- und auskunftslos sperrte, als der Jüngling seinen allerersten, gerade ausreichenden Sold erhielt. So heftig vor den Kopf gestoßen, hatte er der Tante Maria einen bitteren Brief geschrieben, einen Brief, der von Tränen der Verlassenheit sprach – dem jungen Mann stieg bei solcher Erinnerung hohe Schamröte ins Gesicht – und dieser Brief war gar nicht beantwortet worden. Große Einsamkeiten, nur unterbrochen von kleinen Reisen und langen Wanderungen, verhüllten Vergangenes durch Vorhänge. Alles Neue, das sich herandrängte, überschätzte sich selbst und war in kurzer Zeit abgetaner als Vorheriges. Darüber hinaus tat er den furchtbaren Blick in die kranke und bresthafte Menschheit. Und es gab Zeiten, in denen er vor Daseinsekel nur noch in Gummihandschuhen arbeitete. Er begriff dann nicht, wie Menschen, diese Wurm- und Madenbehälter, einander überhaupt berühren konnten, sich gegenseitig die Hände schüttelten oder gar gespenstisch auf Mund und Backen küßten. Er mußte sich in solchen Wochen anstrengen ja nicht zuviel zu sehen, denn dann begann sich alles Gegenständliche in den Formen zu verändern. Die Köpfe wurden unerhört dick und die Gesichter grimassenhaft. Aus jedem Schriftzeichen, aus jedem Strich und allen Punkten auf Papier, an Wänden oder draußen in der Natur setzten sich sonderbare Fratzen zusammen, die ihn drohend angrinsten. Alles was Raum war um ihn her, schien ihm dann angefüllt mit lebendigen Wesen, die nicht sichtbar waren, aber durch vielerlei Eindrücke dem aufgelösten Blick sich aufdrängten, um so wenigstens vorüberhuschend wahrnehmbar zu werden.

Nur langsam löste sich jeweils dieser Zustand; meistens nach einem heftigen, kindlichen Weinen, weit draußen sehr einsam in den Wiesen, hingeworfen an die duldsame Brust unserer Mutter Erde . . .

Und unter bitterm Lächeln riß er mit herbem Ruck den Umschlag auf und las:

»Mein lieber Jutt!

Du wirst so gut sein und sofort auf mein Besitztum kommen. Noch an demselben Tage, an dem Du diesen Brief bekommst, sollst Du reisen oder gehen. Denn es ist eilig. Deine Base Jula wird Dich erwarten. Jula und Dich habe ich zu meinen Erben eingesetzt, doch nur dann, wenn ihr die Wirtschaft gemeinsam versorgt und sie nicht vor Deinem dreißigsten Lebensjahr verkauft wird. Andernfalls wirst Du mit einem Zehntel abgefunden. Und Jula behält dann den Hof.

Leb' wohl! Mach alles gut, wie bisher! Bleibe rein, wie Du bist! Halte Leib und Seele stets fest in Deiner Hand! Verbirg Dich! – Übrigens: wenn Du den Brief erhältst, bin ich natürlich schon tot.

Maria.«

Das war unerwartet. Aber das war groß. – Ganz benommen schloß er die Tür ab und ging wie in schwerem Traum die Treppe hinan. Sie war tot. Und er sollte hier fort. Noch heute. Und eine Base Jula gab es, die er sehen und sprechen würde. Und auf dem Lande sollte er arbeiten . . . Halte Leib und Seele stets fest in der Hand! Und verbirg dich! . . . Das war wirklich groß und nicht erwartet.

Der Apotheker bekam bei der Eröffnung, daß Jutt noch am selben Tage das Geschäft verlassen würde, einen lähmenden Schreck, nach dessen Lösung ihm jedoch die Rheumabeine so gelenkig wurden wie seit Wochen nicht mehr. Er sprang auf, versuchte hin und her zu laufen. Und es ging. Es ging! Er wollte es selbst kaum glauben.

»Eine Blutstauung. Weiter nichts,« rief der junge Mann wegwerfend. »Ich hatte es Doktor Hecht gleich gesagt. Aber der behandelt alle Krankheiten auf Gonitis und schwört auf Wasserglasverbände.«

Mit kummervollem Antlitz beruhigte sich der Apotheker, als er hörte, es herrsche gerade Gesundheitspest, und es sei im Laden ebensowenig zu tun wie hier im Krankenzimmer.

Und noch in derselben Stunde brachte Jutt die notwendigsten Pakete auf die Post und ordnete das Übrige zur Nachsendung. Denn er konnte es sich nicht entgehen lassen, seinen neuen Wohnort in Fußmärschen aufzusuchen, um sich auf diese Weise gleichsam in die neue Umgebung einzuleben und als schon Vertrauter an seiner neuen Wirkungsstätte zu erscheinen. Zehn Meilen waren es nur bis dorthin. Und wenn er heute nacht durchging, hatte er morgen abend die jammervolle Eisenbahn schon eingeholt.

Als er, die Stadt im Rücken, den Stromweg hinabschritt, kam ihm mit aufgeregter Röte Fräulein Abendgern entgegen.

»Oh – ich wußte doch, daß Sie kommen würden, Sie unhöflicher Mensch,« rief sie ihn mit lieblichen Blicken an.

»Sie irren,« sagte Jutt förmlich. »Denn ich gehe nämlich. Fragen Sie nur Ihren Doktor Hecht, was zwischen Kommen und Gehen für ein Unterschied ist.«

»Weshalb sind Sie so ungehobelt,« rief sie aus und stampfte mit dem Fuße. Der kleine Ärger schon trieb ihr Tränen in die übrigens sehr schönen Augen.

Jutt empfand ein süßes Mitleid, trat näher und sagte leise, indem er ihre Hand faßte: »Nicht böse sein. Ich gehe wirklich für immer fort von hier. Wie schwach Sie doch sind. Da kullert wirklich eine Träne . . .«

Und er dachte daran, indem das Mädchen kleine, dumme Sachen sagte, daß er in dieser Stadt eigentlich keinen Menschen habe, dem es leid tun würde, wie er jetzt den Ort verließ. Und wenn es wenigstens diesem Mädchen leid täte, so mußte das für ihn ein angenehmes Gefühl sein.

Und da sie gerade etwas Sanftes, Einschmeichelndes sagte, das ihm leise übers Herz strich, fragte er mit flüsternder Stimme dicht an ihrem kleinen Ohr: »Und haben Sie auch schon geküßt?«

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2,12 zł
Ograniczenie wiekowe:
18+
Data wydania na Litres:
16 sierpnia 2024
Objętość:
131 str. 2 ilustracji
ISBN:
9788027226313
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania: