Czytaj książkę: «Gedanken über die Religion und einige andere Themen»
Blaise Pascal
Gedanken über die Religion und einige andere Themen
Herausgegeben von Jean-Robert Armogathe
Aus dem Französischen übersetzt von Ulrich Kunzmann
Reclam
Originaltitel: Pensées sur la Religion et sur quelques autres sujets
1987, 2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Durchgesehene und aktualisierte Ausgabe
Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2021
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961945-3
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-014227-1
www.reclam.de
Inhalt
Gedanken Abteilung I Abteilung II Abteilung III Abteilung IV Pascal zugeschriebene Äußerungen
Zur dieser Ausgabe
Konkordanz
AnmerkungenAbteilung IAbteilung IIAbteilung IIIAbteilung IV
Nachwort Verzeichnis der Aktenbündel, die in den Abschriften mit Titeln versehen sind

Titelblatt der 1669 erschienenen Vorausausgabe der Pensées, von der nur zwei Exemplare bekannt sind
[7]Gedanken
[9]Abteilung I
Eingeordnete Papiere
1 Ordnung
1/596 Die Psalmen werden von der ganzen Erde gesungen.
Wer gibt Zeugnis von Mohammed? Er selbst.
Jesus Christus will, dass sein eigenes Zeugnis nichts gelte.
Ihre Eigenschaft als Zeugen bewirkt, dass sie stets überall und auch elend sein müssen. Er ist allein.
2/227 Ordnung in Dialogform.
Was soll ich tun? Ich sehe überall nur Dunkelheit. Soll ich glauben, dass ich nichts bin? Soll ich glauben, dass ich Gott bin?
3/227 und 244 Alle Dinge wandeln sich und folgen aufeinander.
Ihr täuscht Euch, es gibt …
Wie denn, sagt Ihr nicht selbst, dass der Himmel und die Vögel Gott beweisen? Nein. Und sagt es nicht Eure Religion? Nein. Denn obgleich das in gewissem Sinne für einige Seelen wahr ist, denen Gott diese Erleuchtung eingab, ist das im Hinblick auf die meisten dennoch falsch.
4/184 Brief, der dazu bewegen soll, Gott zu suchen.
Und ihn dann bei den Philosophen, Pyrrhonikern und Dogmatisten suchen lassen, die denjenigen quälen werden, der ihn sucht.
[10]5/247 Ordnung.
Ein Ermahnungsbrief an einen Freund, um ihn zur Suche zu bewegen. Und er wird antworten: Aber, was mag es mir nützen, dass ich suche, nichts wird offenbar. Und ihm erwidern: Verzweifelt nicht. Und er würde antworten, dass er glücklich wäre, wenn er irgendeine Erleuchtung fände. Aber wenn er, gerade dieser Religion selbst zufolge, solcherart glaubte, würde ihm das nichts helfen. Und dass er es deshalb vorziehe, überhaupt nicht zu suchen. Und ihm darauf erwidern: die Maschine.
6/60 (1.) Teil. Elend des Menschen ohne Gott.
(2.) Teil. Glückseligkeit des Menschen mit Gott.
In anderer Form
(1.) Teil. Dass die Natur verderbt ist, anhand der Natur selbst.
(2.) Teil. Dass es einen Versöhner gibt, anhand der Heiligen Schrift.
7/248 Brief, der die Nützlichkeit der Beweise angibt. Anhand der Maschine.
Der Glaube unterscheidet sich vom Beweis. Der eine ist menschlich, und der andere ist eine Gottesgabe. Justus ex fide vivit. (»Der Gerechte wird seines Glaubens leben.« Röm 1,17.) Diesen Glauben flößt Gott selbst dem Herzen ein, dessen Werkzeug oft der Beweis ist, fides ex auditu (»der Glaube aus der Predigt«, Röm 10,17), dieser Glaube aber wohnt im Herzen und lässt nicht sagen: scio (»ich weiß«), sondern: Credo (»ich glaube«).
[11]8/602 Ordnung.
Prüfen, was es in der gesamten Lage der Juden an Klarem und Unbestreitbarem gibt.
9/291 Im Brief über die Ungerechtigkeit kann vorkommen:
die spaßhafte Geschichte von den Erstgeborenen, die alles haben. Mein Freund, Ihr seid diesseits des Gebirges geboren, also ist es gerecht, dass Euer ältester Bruder alles haben soll.
Warum tötet Ihr mich?
10/167 Das mannigfaltige Elend des menschlichen Lebens hat all dies begründet. Da man dies erkannt hat, hat man sich für die Zerstreuung entschieden.
11/246 Ordnung. Nach dem Brief, dass man Gott suchen muss, den Brief über das Beseitigen der Hindernisse schreiben, der die Abhandlung über die Maschine ist, wie man die Maschine vorbereitet, wie man mit der Vernunft sucht.
12/187 Ordnung.
Die Menschen schätzen die Religion gering. Sie hassen sie und fürchten, dass sie wahr sei. Um dafür Abhilfe zu schaffen, muss man zunächst zeigen, dass die Religion keineswegs der Vernunft widerspricht. Sie verehrungswürdig machen, ihr Achtung verschaffen.
Sie hierauf liebenswert machen, den Guten den Wunsch eingeben, dass sie wahr sein möge, und danach zeigen, dass sie wahr ist.
Verehrungswürdig, weil sie den Menschen gut erkannt hat.
Liebenswert, weil sie das wahre Glück verheißt.
[12]2 Eitelkeit
13/133 Zwei ähnliche Gesichter, von denen keines für sich allein lächerlich wirkt, reizen gemeinsam durch ihre Ähnlichkeit zum Lachen.
14/338 Die wahren Christen fügen sich dennoch den Torheiten, nicht weil sie Achtung vor den Torheiten haben, sondern weil sie Achtung vor Gottes Ordnung haben, der die Menschen diesen Torheiten unterworfen hat, um sie zu bestrafen. Omnis creatura subjecta est vanitati, liberabitur. (»Sintemal die Kreatur unterworfen ist der Eitelkeit […], wird [sie] frei werden«, Röm 8,20 f.) So erklärt der heilige Thomas die Stelle bei Jakobus, wo es um die Bevorzugung der Reichen geht, dass, wenn sie nicht in Hinblick auf Gott so handeln, sie die Ordnung der Religion verlassen.
15/410 Perseus, König von Makedonien. Aemilius Paullus.
Man warf Perseus vor, dass er sich nicht das Leben nahm.
16/161 Eitelkeit.
Dass etwas so Augenfälliges wie die Eitelkeit der Welt so wenig bekannt ist, dass es seltsam und überraschend ist, wenn man sagt, es sei dumm, nach Größe zu streben. Das ist erstaunlich.
17/113 Unbeständigkeit und Absonderlichkeit.
Allein von seiner Arbeit zu leben und über den mächtigsten Staat der Welt zu herrschen sind sehr gegensätzliche Dinge. Sie sind in der Person des Großherrn der Türken vereint.
[13]18/955 (751.) Eine Kapuzenspitze bringt 25 000 Mönche in Aufruhr.
19/318 Er hat vier Lakaien.
20/292 Er wohnt jenseits des Wassers.
21/381 Wenn man zu jung ist, urteilt man nicht gut, ebenso, wenn man zu alt ist.
Wenn man nicht genug daran denkt, wenn man zu sehr daran denkt, so versteift man sich auf seine Ansicht und lässt sich ganz davon einnehmen.
Wenn man sein Werk betrachtet, gleich nachdem man es vollendet hat, ist man noch ganz davon ergriffen, wenn man es zu lange danach tut, erfasst man es nicht mehr.
Wie bei den Bildern, die man aus zu großer oder zu kleiner Entfernung betrachtet. Und es gibt nur einen unteilbaren Punkt, der die richtige Stelle ist.
Die übrigen sind zu nahe, zu fern, zu hoch oder zu niedrig. Die Perspektive bestimmt ihn in der Malkunst, wer aber bestimmt ihn bei der Wahrheit und bei der Moral?
22/367 Die Macht der Fliegen, sie gewinnen Schlachten, sie verwehren unserer Seele, tätig zu sein, sie fressen unseren Leib.
23/67 Eitelkeit der Wissenschaften.
Die Wissenschaft von den äußerlichen Dingen wird mich in der Zeit der Bedrängnis nicht über die Unkenntnis der Moral hinwegtrösten, die Wissenschaft von den Sitten [14]indes wird mich stets über die Unkenntnis der äußerlichen Wissenschaften hinwegtrösten.
24/127 Lage des Menschen.
Unbeständigkeit, Langeweile, Ruhelosigkeit.
25/308 Die Gewohnheit, dass man die Könige in der Begleitung von Wachen, Trommlern, Staatsbeamten und zusammen mit allen Dingen sieht, welche die Welt zu Achtung und Schrecken nötigen, bewirkt, dass ihre Gestalt, wenn sie sich zuweilen allein und ohne ihre Begleitung zeigt, Achtung und Schrecken bei ihren Untertanen erregt, denn im Gedanken trennt man ihre Personen nicht von ihrem Gefolge, das man im Allgemeinen zusammen mit ihnen sieht. Und die Welt, die nicht weiß, dass diese Wirkung aus dieser Gewohnheit herrührt, glaubt, sie käme von einer natürlichen Kraft. Und daher kommen diese Worte: Das göttliche Wesen ist seinem Angesicht eingeprägt usw.
26/330 Die Macht der Könige beruht auf der Vernunft und der Narrheit des Volkes, und zwar weitaus mehr auf der Narrheit. Die größte und wichtigste Sache der Welt hat die Schwäche zur Grundlage. Und diese Grundlage ist bewundernswert sicher, denn nichts ist sicherer, als dass das Volk schwach bleiben wird. Was auf die gesunde Vernunft gegründet ist, hat sehr schlechte Grundlagen, wie etwa das Ansehen der Weisheit.
27/354 Der Natur des Menschen entspricht es nicht, immer in eine Richtung zu gehen; sie hat ihr Kommen und Gehen.
Das Fieber hat seine Schauer und seine Glut. Und die [15]Kälte zeigt ebenso gut die Größe der Fieberglut wie die Hitze selbst.
Gleichermaßen setzen sich die Erfindungen der Menschen von Jahrhundert zu Jahrhundert fort, ebenso gilt das im Allgemeinen für die Güte und die Bosheit der Welt.
Plerumque gratae principibus vices. (»Oft gefallen die Abwechslungen den Vornehmen.« Horaz, Oden III,29.)
28/436 Schwäche.
Alle Beschäftigungen der Menschen sind darauf gerichtet, ein gutes Vermögen zu haben, und sie können doch keine Urkunde vorlegen, mit der sich beweisen ließe, dass sie es von Rechts wegen besitzen, denn sie haben dafür nur die menschliche Phantasie und keine Macht, um es sicher zu besitzen.
Ebenso verhält es sich bei der Wissenschaft. Denn die Krankheit hebt sie auf.
Wir sind ebenso unfähig zur Wahrheit wie zum Besitz.
29/156 Ferox gens nullam esse vitam sine armis rati. (»Ein wildes Volk, das glaubt, ohne Krieg sei’s nicht der Mühe wert zu leben.« Livius XXXIV,17.)
Sie lieben den Tod mehr als den Frieden, die anderen lieben den Tod mehr als den Krieg.
Jede Meinung kann dem Leben vorgezogen werden, das man so stark und so natürlich zu lieben scheint.
30/320 Man wählt, um ein Schiff zu steuern, nicht denjenigen von den Reisenden aus, der dem vornehmsten Geschlecht entstammt.
[16]31/149 In den Städten, die man als Durchreisender betritt, kümmert man sich nicht darum, geachtet zu werden. Doch wenn man dort einige Zeit bleiben muss, kümmert man sich darum. Wie viel Zeit ist nötig? Eine Zeit, die im Verhältnis zu unserer nichtigen und erbärmlichen Lebensdauer steht.
32/317a Eitelkeit.
Die Ehrfurchtsbezeigungen bedeuten: Nehmt Unbequemlichkeiten auf euch.
33/374 Was mich am meisten erstaunt, ist, zu sehen, dass niemand über seine eigene Schwäche erstaunt ist. Man handelt in vollem Ernst, und jeder richtet sich nach seiner Stellung, nicht etwa, weil es, da es der Mode entspricht, tatsächlich gut wäre, sich nach ihr zu richten, sondern, als wüsste jeder mit Gewissheit, wo Vernunft und Gerechtigkeit sind. Man sieht sich zu jeder Stunde getäuscht, und in lächerlicher Demut glaubt man, dass man selbst schuld hat und nicht die Kunst, deren Beherrschung man sich stets rühmt. Doch ist es zum Ruhm des Pyrrhonismus gut, dass es in der Welt so viele jener Leute gibt, die keine Pyrrhoniker sind, damit sich zeigen lässt, dass der Mensch die überspanntesten Meinungen leicht annehmen kann, da er ja fähig ist zu glauben, er sei nicht im Zustand dieser natürlichen und unvermeidlichen Schwäche, und auch zu glauben, er sei stattdessen im Zustand der natürlichen Weisheit.
Nichts stärkt den Pyrrhonismus mehr, als dass es Menschen gibt, die keine Pyrrhoniker sind. Wenn alle es wären, hätten sie unrecht.
[17]34/376 Diese Schule wird mehr durch ihre Feinde als durch ihre Freunde gestärkt, denn die Schwäche des Menschen zeigt sich viel deutlicher bei jenen, die sie nicht erkennen, als bei jenen, die sie erkennen.
35/117 Schuhabsatz.
Oh, wie gut das ausgeführt ist! Ist das ein geschickter Arbeiter! Ist dieser Soldat kühn! Darin liegt die Quelle unserer Neigungen und der Wahl der Stellungen. Dass jener reichlich trinke, dass jener andere wenig trinke: Das eben macht die Leute enthaltsam und trunksüchtig, zu Soldaten, Feiglingen usw.
36/164 Wer die Eitelkeit der Welt nicht sieht, ist selbst sehr eitel. Und wer sieht sie auch nicht, außer jungen Leuten, die alle mit dem lärmenden Treiben, den Zerstreuungen und den Gedanken an die Zukunft beschäftigt sind.
Nehmt ihnen jedoch die Zerstreuungen, so werdet ihr sehen, wie sie vor Langeweile vergehen. Dann fühlen sie ihre Nichtigkeit, ohne sie zu erkennen, denn es heißt wohl unglücklich sein, wenn man einer unerträglichen Traurigkeit ausgeliefert ist, sobald man gezwungen wird, sich selbst zu betrachten, und nicht durch Zerstreuungen davon abgelenkt wird.
37/158 Berufe.
Ruhm bereitet so großen Genuss, dass man ihn liebt, mit welcher Sache man ihn auch immer verbindet, und sei es selbst mit dem Tod.
[18]38/71 Zu viel und zu wenig Wein.
Gebt ihm nichts davon: Er kann die Wahrheit nicht finden.
Gebt ihm zu viel davon: das Gleiche.
39/141 Die Menschen beschäftigen sich damit, einem Ball und einem Hasen nachzujagen: Das ist selbst das Vergnügen der Könige.
40/134 Welch eine Eitelkeit ist doch die Malerei, die Bewunderung erregt, weil sie die Dinge so ähnlich darstellt, deren natürliche Urbilder man keineswegs bewundert!
41/69 Wenn man zu schnell oder zu langsam liest, versteht man nichts.
42/207 Wie viele Königreiche wissen nichts von uns!
43/136 Wenig tröstet uns, weil wenig uns betrübt.
44/82 Einbildung.
Dieser beherrschende Bestandteil des Menschen, diese Gebieterin über Irrtum und Falschheit – und sie ist noch weitaus trügerischer, da sie dies nicht immer ist, denn sie wäre ja eine unfehlbare Richtschnur der Wahrheit, wenn sie es unfehlbar für die Lüge wäre. Und doch –
Obwohl sie zumeist lügenhaft ist, gibt sie kein Anzeichen ihrer Beschaffenheit zu erkennen und verleiht dem Wahren und dem Falschen das gleiche Gepräge. Ich spreche nicht von den Narren, ich spreche von den Weisesten, und gerade bei ihnen hat die Einbildung das gewaltige Recht, [19]die Menschen zu überzeugen. Die Vernunft mag noch so laut rufen, sie kann den Wert der Dinge nicht bestimmen.
Diese stolze, der Vernunft feindliche Macht, die sich darin gefällt, sie zu überwachen und zu beherrschen, um so zu zeigen, wie viel sie in allen Dingen vermag, hat im Menschen eine zweite Natur begründet. Sie hat ihre Glücklichen und ihre Unglücklichen, ihre Gesunden und ihre Kranken, ihre Reichen und ihre Armen. Sie lässt glauben, zweifeln, die Vernunft leugnen. Sie setzt die Sinne außer Kraft, sie macht sie wahrnehmbar. Sie hat ihre Narren und ihre Weisen. Und nichts bekümmert uns mehr, als zu sehen, dass sie diejenigen, die sie beherbergen, mit weitaus vollständigerer und uneingeschränkterer Zufriedenheit als die Vernunft erfüllt. Die Menschen, die sich in ihrer Einbildung für klug halten, gefallen sich selbst viel mehr, als die Besonnenen sich vernünftigerweise gefallen können. Sie sehen die Leute mit Herrscherstolz an, sie streiten kühn und zuversichtlich – die anderen furchtsam und unsicher –, und dieser heitere Gesichtsausdruck gibt ihnen in der Meinung der Hörer oft die Überlegenheit, in so großer Gunst stehen die eingebildeten Weisen bei wesensgleichen Richtern. Sie kann die Narren nicht weise machen, doch sie macht sie glücklich, im Wettstreit mit der Vernunft, die ihre Freunde nur elend machen kann, und so überhäuft die eine sie mit Ruhm, die andere mit Schande.
Wer gewährt Ansehen, wer verschafft den Menschen, den Werken, den Gesetzen, den Großen Achtung und Verehrung, wenn nicht dieses Einbildungsvermögen. Alle Schätze der Erde (sind) ohne ihre Billigung unzureichend. Würdet ihr nicht sagen, dass dieser hohe Staatsbeamte, dessen ehrfürchtiges Alter einem ganzen Volk Achtung [20]abverlangt, sich von einer reinen und erhabenen Vernunft leiten lässt und dass er die Dinge nach ihrem Wesen beurteilt, ohne sich bei jenen eitlen Umständen aufzuhalten, die nur die Einbildung der Schwachen berühren? Seht ihn, wie er zu einer Predigt geht, wo er einen ganz hingebungsvollen Eifer an den Tag legt, indem er die Sicherheit seiner Vernunft durch die Inbrunst seiner christlichen Liebe bestärkt; so ist er nun bereit, die Predigt mit beispielhafter Hochachtung anzuhören. Wenn der Prediger erscheinen sollte und die Natur ihm eine heisere Stimme und einen seltsamen Gesichtsschnitt gegeben (hat), wenn etwa sein Barbier ihn schlecht rasiert und er sich noch dazu durch einen Zufall beschmutzt hat, so mag er noch so große Wahrheiten verkünden, ich wette, unser Senator verliert seine ernsthafte Haltung.
Bei dem größten Philosophen der Welt, der auf einem Brett steht, das breiter als notwendig ist, wird, wenn unter ihm ein Abgrund liegt, obgleich seine Vernunft ihn von seiner Sicherheit überzeugt, seine Einbildungskraft die Oberhand gewinnen. Manche könnten nicht den Gedanken daran ertragen, ohne zu erbleichen und zu schwitzen.
Ich will nicht alle ihre Wirkungen aufführen; wer weiß nicht, dass der Anblick von Katzen oder Ratten, das Zerschlagen eines Kohlestücks usw. die Vernunft aus den Angeln heben. Der Ton einer Stimme imponiert den Weisesten und verändert die Wirkung einer Ansprache und eines Gedichtes.
Zuneigung oder Hass verändern das Recht grundsätzlich, und wie viel gerechter findet ein im Voraus gut bezahlter Advokat die Sache, die er vor Gericht vertritt. Wie sehr lässt sein kühnes Auftreten sie den Richtern, die von [21]diesem äußerlichen Eindruck getäuscht werden, besser erscheinen. Eine lächerliche Vernunft, die ein Wind – und noch dazu in alle Richtungen – lenkt. Ich könnte beinahe alle Handlungen der Menschen aufführen, die fast nur durch deren Erschütterungen in Bewegung geraten. Denn die Vernunft ist zum Nachgeben gezwungen worden, und die weiseste nimmt jene Prinzipien als die ihren an, die überall die menschliche Einbildung leichtfertig eingeführt hat. (Wer nur der Vernunft folgen wollte, wäre ein ausgemachter Narr. Wir müssen, weil wir daran Gefallen gefunden haben, den ganzen Tag für anerkanntermaßen eingebildete Güter arbeiten, und wenn der Schlaf uns von den Mühen unseres Verstandes erfrischt hat, heißt es sogleich aufspringen, um dem eitlen Rauch nachzujagen und die Einwirkungen dieser Herrin der Welt zu ertragen.)
(– Das ist eine der Grundursachen des Irrtums, aber das ist nicht die einzige.)
(Der Mensch hat wohl recht gehabt, diese zwei Kräfte zu vereinigen, obgleich bei diesem Frieden die Einbildung sehr weitgehend im Vorteil ist, denn im Kriege ist sie es ja noch viel mehr. Niemals [überwindet] die Vernunft vollständig die Einbildung, [das] Gegenteil [jedoch] ist allgemein verbreitet.)
Unsere Justizbeamten haben dieses Geheimnis genau erkannt. Ihre roten Talare, ihr Hermelin, worin sie sich wie mit Pelzstreifen geschmückte Katzen einwickeln, die Paläste, in denen sie Recht sprechen, die Lilienwappen, diese ganze erhabene Pracht war sehr notwendig, und wenn die Ärzte keine Leibröcke und Pantoffeln hätten und die Rechtsgelehrten keine viereckigen Barette und vierteilige, viel zu weite Roben, so hätten sie nie die Welt betrogen, die dieser so glaubwürdigen Zurschaustellung nicht [22]widerstehen kann. Wenn sie das wahre Recht sprächen und wenn die Ärzte die wirkliche Heilkunst beherrschten, hätten sie keine viereckigen Barette nötig. Die Würde dieser Wissenschaften wäre durch sich selbst ehrfurchtgebietend genug, da sie jedoch nur eingebildete Wissenschaften haben, müssen sie zu diesen eitlen Hilfsmitteln greifen, die auf die Einbildung wirken, mit der sie es ja zu tun haben, und hierdurch verschaffen sie sich tatsächlich Achtung.
Nur die Kriegsleute haben sich nicht derart verkleidet, weil ihr persönliches Eingreifen in der Tat wesentlicher ist. Sie setzen sich mit Gewalt durch, die anderen mit Blendwerk.
Daher haben unsere Könige nicht nach derartigen Verkleidungen gesucht. Sie haben sich nicht mit außergewöhnlichen Trachten vermummt, um als solche zu erscheinen. Doch sie lassen sich von Wachen und Tölpeln begleiten. Diese bewaffneten Truppen, die nur für sie ihre Hände und ihre Kraft gebrauchen, die Trompeter und die Trommler, die vorausmarschieren, und diese Heerscharen, die sie umringen, bringen die Standhaftesten zum Zittern. Sie haben nicht die Tracht, allein die Gewalt haben sie. Man müsste eine sehr aufgeklärte Vernunft haben, um den Großherrn der Türken, der in seinem prunkvollen Serail von 40 000 Janitscharen umgeben ist, wie einen beliebigen anderen Menschen anzusehen.
Wir können nicht einmal einen Advokaten im Talar und mit dem Barett auf dem Kopf sehen, ohne eine vorteilhafte Meinung von seiner Tüchtigkeit zu haben.
Die Einbildung bestimmt über alles; sie macht die Schönheit, das Recht und das Glück, das in der Welt alles ist.
[23]Ich möchte von Herzen gern das italienische Buch sehen, von dem ich nur den Titel kenne, der für sich allein sehr viele Bücher aufwiegt, Dell’opinione regina del mondo (»Über die Meinung, die Königin der Welt«). Dem stimme ich zu, ohne es zu kennen, von dem Schlechten abgesehen, falls sich solches darin findet.
Das sind annähernd die Wirkungen dieser trügerischen Fähigkeit, die uns anscheinend ausdrücklich gegeben ist, um uns zu einem notwendigen Irrtum zu verleiten. Wir haben dafür sehr viele andere Grundsätze.
Nicht allein die alten Eindrücke können uns täuschen, die neuen Reize haben die gleiche Macht. Daher kommt aller Streit unter den Menschen, die einander vorwerfen, dass sie entweder ihren falschen Kindheitseindrücken folgen oder leichtfertig neuen nachlaufen. Wer den goldenen Mittelweg geht, soll sich zeigen und es beweisen. Es gibt keinen Grundsatz, so natürlich er auch sein mag, (den man,) selbst wenn er seit dem Kindesalter besteht, (nicht) als einen falschen Eindruck des Unterrichts oder der Sinne ausgegeben hätte.
Denn, so sagt man, ihr habt seit der Kindheit geglaubt, eine Truhe wäre leer; als ihr nichts darin saht, habt ihr die Leere für möglich gehalten. Es sei dies eine Täuschung eurer Sinne, die von der Gewohnheit bestärkt werde, und die Wissenschaft müsse sie berichtigen. Und die anderen sagen, weil man euch in der Schule beigebracht habe, dass es gar keine Leere gebe, habe man euren gesunden Menschenverstand verdorben, der es vor diesem schlechten Eindruck so klar verstanden hätte, und diesen müsse man korrigieren, indem man sich eurer ursprünglichen Natur bediene. Wer hat also getäuscht? Die Sinne oder der Unterricht?
[24]Wir haben eine andere Grundursache des Irrtums: die Krankheiten. Sie verderben uns Urteilsvermögen und Sinneskraft. Und wenn die schweren Krankheiten sie spürbar beeinträchtigen, so zweifle ich nicht, dass die leichten ihrem Ausmaß entsprechend auf sie einwirken.
Unser Eigennutz ist ein weiteres vortreffliches Instrument, um uns auf angenehme Art die Augen zu blenden. Es ist dem gerechtesten Mann der Welt nicht gestattet, Richter in eigener Sache zu sein. Ich kenne Leute, die, um nicht dieser Eigenliebe zu verfallen, auf umgekehrte Weise die Ungerechtesten der Welt gewesen sind. Das unfehlbare Mittel, eine völlig gerechte Sache zu verlieren, bestand darin, sie ihnen von ihren nahen Verwandten empfehlen zu lassen. Gerechtigkeit und Wahrheit sind zwei so feine Spitzen, dass unsere Instrumente zu stumpf sind, um sie genau zu treffen. Wenn sie zu ihnen gelangen, zerquetschen sie deren Spitze und stützen sich ringsumher mehr auf das Falsche als auf das Wahre.
(Der Mensch ist darum so glücklich beschaffen, dass er kein richtiges Prinzip des Wahren und mehrere vorzügliche für das Falsche hat. Sehen wir nun, wie sehr.
Doch die lachhafteste Ursache seiner Irrtümer ist der Krieg, der zwischen den Sinnen und der Vernunft geführt wird.)
45/83 Der Mensch ist lediglich ein Wesen voll natürlichen Irrtums, und dieser ist ohne die Gnade unüberwindlich. Nichts zeigt ihm die Wahrheit. Alles täuscht ihn. Diesen zwei Prinzipien der Wahrheit, der Vernunft und den Sinnen, fehlt es beiden nicht nur an Aufrichtigkeit, sondern sie täuschen einander auch gegenseitig; die Sinne täuschen die [25]Vernunft durch trügerischen Schein. Und diesen gleichen Betrug, den sie der Seele antun, erleiden sie wiederum von ihr; sie rächt sich an ihnen. Die Leidenschaften der Seele verwirren sie und verleiten sie zu falschen Eindrücken. Sie lügen und betrügen einander um die Wette.
Doch außer diesem Irrtum, der zufällig und durch das mangelhafte Einvernehmen zwischen diesen ungleichartigen Fähigkeiten eintritt …
(Damit muss das Kapitel über die irreführenden Kräfte begonnen werden.)
46/163 Eitelkeit.
Die Ursache und die Wirkungen der Liebe. Kleopatra.
47/172 Wir halten uns nie an die Gegenwart. Wir rufen uns die Vergangenheit zurück; wir greifen der Zukunft vor, als käme sie zu langsam und als wollten wir ihr Eintreten beschleunigen, oder wir rufen uns die Vergangenheit zurück, als wollten wir sie festhalten, da sie zu schnell vorübereilte, wir sind so unklug, dass wir in Zeiten umherirren, die nicht die unsrigen sind, und nicht an die einzige denken, die uns gehört, und wir sind so eitel, dass wir an jene denken, die nichts sind, und uns unüberlegt der einzigen entziehen, die weiterbesteht. Das kommt daher, weil die Gegenwart uns meistens weh tut. Wir verbergen sie unserem Blick, weil sie uns betrübt, und wenn sie uns angenehm ist, bedauern wir, sie entschwinden zu sehen. Wir bemühen uns, sie durch die Zukunft abzusichern, und meinen die Dinge zu ordnen, die nicht in unserer Macht stehen, und das für eine Zeit, die zu erreichen für uns ganz ungewiss ist.
Jeder prüfe seine Gedanken. Er wird finden, dass sie ganz [26]mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigt sind. Wir denken fast überhaupt nicht an die Gegenwart, und wenn wir an sie denken, so nur, um aus ihr die Einsicht zu gewinnen, mit der wir über die Zukunft verfügen wollen. Die Gegenwart ist niemals unser Ziel.
Die Vergangenheit und die Gegenwart sind unsere Mittel; allein die Zukunft ist unser Ziel. Deshalb leben wir nie, sondern hoffen auf das Leben, und da wir uns ständig bereit halten, glücklich zu werden, ist es unausbleiblich, dass wir es niemals sind.
48/366 Der Geist dieses höchsten Richters der Welt ist nicht so unabhängig, dass er nicht dem Umstand unterworfen wäre, vom ersten Lärm gestört zu werden, der in seiner Umgebung gemacht wird. Notwendig ist nicht das Dröhnen einer Kanone, um seine Gedanken zu hemmen. Notwendig ist nur das Knarren einer Wetterfahne oder einer Rolle. Wundert euch nicht, wenn er jetzt nicht vernünftig urteilt, eine Fliege summt um seine Ohren: Das reicht aus, um ihm die Fähigkeit zu nehmen, ein guter Ratgeber zu sein. Wenn ihr wollt, dass er die Wahrheit finden kann, verjagt dieses Tier, das seine Vernunft in Schach hält und diesen mächtigen Verstand trübt, der die Städte und die Königreiche regiert.
Welch ein lächerlicher Gott ist das. O ridicolosissime heroe! (Oh, welch überaus lächerlicher Held!)
49/132 Cäsar war zu alt, so scheint mir, um zu seinem Vergnügen die Welt zu erobern. Dieses Vergnügen war gut für Augustus und Alexander. Das waren junge Leute, die aufzuhalten schwierig ist, doch Cäsar hätte reifer sein müssen.
[27]50/305 (Raptus est) (»Raub ist«) (?)
Die Schweizer nehmen es übel, wenn man sie Edelleute nennt, und beweisen ihre bürgerliche Abstammung, um als würdig für die hohen Ämter angesehen zu werden.
51/293 Warum tötet Ihr mich, da Ihr mir doch überlegen seid? Ich habe keine Waffen. – Was denn, wohnt Ihr nicht jenseits des Wassers? Mein Freund, wenn Ihr auf dieser Seite wohntet, so wäre ich ein Mörder, und es wäre ungerecht, Euch auf diese Art zu töten. Aber da Ihr ja auf der anderen Seite wohnt, bin ich ein tapferer Mann, und es ist gerecht.
52/388 Der gesunde Menschenverstand.
Sie sind gezwungen zu sagen: Ihr handelt nicht aufrichtig, wir schlafen nicht usw. Wie gern sehe ich diese stolze Vernunft gedemütigt und flehend. Denn das ist nicht die Sprache eines Menschen, dem man sein Recht streitig macht und der es mit Gewalt und der Waffe in der Hand verteidigt. Es macht ihm keine Freude zu sagen, dass man nicht aufrichtig handele, aber er bestraft diese Unaufrichtigkeit mit Gewalt.