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Berthold Auerbach
Hopfen und Gerste. Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte
Saga
Hopfen und Gerste. Eine Schwarzwälder DorfgeschichteCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1851, 2020 Berthold Auerbach und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726614558
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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Hopfen und Gerste.
1. Der Faullenzer.
Auf der Schnitzelbank vor seinem Hause sass rittlings ein junger Bursch und hob von Zeit zu Zeit aus einer grossen Schichte zu seiner Rechten einen langen Tannenzweig auf, presste ihn zwischen den Kloben und drehte ihn zu leichter Biegsamkeit, schnitzelte das dicke Ende und flocht einen Strohzopf daran; was zubereitet war, legte er sorgfältig zu seiner Linken nieder, wo bereits mehrere solcher Garbenbänder, sogenannter Wieden, wohlgeordnet lagen. Trotz des lustigen Parademarsches, den der Bursche pfiff, hatten seine Mienen doch etwas Verdrossenes und er warf oft wie unwillig das Haupt zurück, auf dem eine Soldatenmütze mit rothem Vorstoss prangte.
Der Dorfschütz, ein alter Soldat, der ein kupfernes Ehrenzeichen auf seinem blauen Rock trug, kam vom Rathhaus herunter; er hielt bei dem Arbeitenden still und sagte:
„Buschur, Kamerad.“ Der Angeredete dankte stumm und der Schütz fuhr fort: „Warum bist nicht bei der Zehentversteigerung gewesen?“
,,Ich bin noch nicht Bürger,“ erwiderte der junge Soldat, „das Sach gehört noch meiner Mutter und meinen Geschwistern.“
Der Schütz setzte sich auf die fertigen Wieden und berichtete: ,,Es ist ein Generalspass gewesen. Seit Jahren haben die drei fetten Schwäger den Zehnt gepachtet, sie mögen’s nicht leiden, dass der Zehntknecht auf ihre Aecker kommt und wollen da freie Herren sein. Aber diesmal hat der Wasserstiefel immer höher geboten und zuletzt ist ihm der Zehntbestand zugeschlagen worden. Dein Schwäher, der Schlägelbauer, der hat seinen Koller kriegt vor Zorn und Gift, dass man gemeint hat, er erstickt, und mit Fluchen und Schelten sind sie Alle davon. Das führt noch einmal zu bösen Häusern, du wirst sehen Franzseph.“
Franz Joseph, oder wie er in der Abkürzung hiess Franzseph, nahm eine neue Wiede auf und entgegnete:
„Es ist und bleibt nicht recht, dass das ganze Dorf und vorab der Schlegelbauer so einen hirnwüthigen Hass auf den Faber geworfen hat und weiss kein Mensch recht warum. Der Faber ist hier fremd, er hat des Lucians Gut um sein ehrlich Geld gekauft und thut Niemand was zu leid; dass er sich herrisch kleidet, geht ja Niemand was an und er kann darüber lachen, dass sie ihn den Wasserstiefel heissen. Der Schlägelbauer ist auch schon an mir gewesen, ich soll’ nichts mit dem Faber reden: aber ich weiss selber was ich zu thun hab’ und liess’ mir von meinem eigenen Vater, wenn er noch leben thät’, nichts drein reden, mit wem ich Freundschaft haben darf oder nicht. Und gerade weil sie ihn Alle den Wasserstiefel heissen und Niemand gut gegen ihn ist —“
,,Du bist halt ein guter, guter Kerle, das sagen alle Leut’!“ unterbrach der Schütz.
Dem jungen Mann schoss bei dieser Anrede alles Blut zu Kopfe, er würgte eine Wiede ganz ab, warf die Stücke weit weg und rief voll verbissenen Ingrimms: „Sag’ das nicht. Ich bin ein guter Kerl, ich will nicht. Fahnenmalefizdonner! Ich möcht’ euch zeigen; dass ich kein guter Tralle bin. Sag’ das nicht noch einmal oder ich vergreif’ mich an dir zuerst.“
„Das wär’ am unrechtesten Orte angefasst. Du bist ja wie ausgewechselt. Was hast denn? Giebt des Schlägelbauern Madlene nach und heirathet das bildsaubre Mädle des Schultheissen Claus?“
„Wenn die Kuh einen Batzen gilt,“ entgegnete Franzseph plötzlich lachend und über sein Antlitz zog eine Besänftigung des Friedens, dass es zu leuchten schien.
,,Du bist aber doch seit Ostern,“ fuhr der Schütz fort, ,,seit du mit dem Abschied vom Regiment heimkommen bist, wie verhext. Was hast denn? Freilich, kann mir’s denken, du kannst dich nicht wieder ins Bauernleben gewöhnen; musst den Paradeschritt verlernen und den Ochsenschritt einexerciren. Hab’ ich Recht? Ist’s das, warum du immer so massleidig aussiehst?“
„Kann sein,“ erwiderte Franzseph nach langer Pause und fuhr dann sich aufrichtend fort: „Ja, du hast mit meinem Vater in Einer Compagnie gestanden und bist sein bester Kamerad gewesen; ich will mich dünken lassen, ich red’ zu meinem Vater. Guck, wie ich mit dem Abschied heim bin, da hab’ ich gemeint, ich könntʼ es gar nicht erwarten und das ganze Dorf muss grad so sein wie ich und jedes muss weiter nichts denken und sagen als wie: der Franzseph ist da. Ich hab’ mir oft denkt, daheim da ist das helle Paradies und ich hab’ mir mit Gewalt wieder vorrechnen müssen, wie viel Feindschaft und Hassard auch da ist und wie Eines ein Auge drum gäb’ wenn’s Andere keins hätt’. Ich bin freilich nie gern Soldat gewesen, aber es ist doch eigentlich das schönste Leben und jetzt wünsch’ ich mir des Tags tausendmal, dass ich’s noch wär’.“
„Ja, es ist jetzt schlimmer hier als je. Denk daran was ich sag’: es thut kein gut, bis die Hopfenstangen draussen an der Geisshalde noch zu einer Generalsprügelei verwendet sind.“
„Wegen dem Hopfengarten,“ nahm Franzseph wieder auf, „haben meine ersten Händel mit dem Schlägelbauer angefangen. Ich hab’ mich gefreut, dass der Faber den verrutschten Berg so gut ausnutzt und der Schlägelbauer hat grad darüber losgezogen; er versteckt seinen einfältigen Hass hinter der Gemeindeehre. Früher, sagt er, sei unser Dorf berühmt gewesen, dass wir den besten Spelz bauen, jetzt werde sich’s umkehren und man wird sagen: die Weissenbacher bauen den schlechtesten fuchsigen Hopfen. Und wenn ich meine Aecker krieg, bau ich selber auf dem Buckel im Speckfeld auch Hopfen; es ist dort gerade der rechte warme Lehmboden und liegt prächtig gegen Mittag. Die alten Bauern, die nie über ihres Vaters Miste ’nauskommen sind, die meinen: schaffen wie ein Vieh, damit sei Alles gethan; man muss schaffen wie ein Mensch, mit Verstand und Bedacht. Ich bin nicht umsonst beim Regiment gewesen und weiss von der Welt. Der Schlägelbauer giftet auch darüber, weil ich den Knecht nicht aus dem Haus thue, den meine Mutter für meine Soldatenzeit genommen hat; ich kann ihn nicht so von heut auf morgen fortschicken und ich muss mich auch erst wieder ins Feldgeschäft gewöhnen, und ich bin ein Kerl der Ehre im Leibe hat und wenn mich einer zum Schaffen ermahnt, da thu ich grad Nichts; ich weiss selber, was ich zu thun hab’ und es soll Keiner meinen, ich hätt’ darauf gewartet, bis er mich richtig anstellt und das Lob gehört ihm.“
Unter diesem Gespräch war die Herrichtung der Wieden vollendet. Franzseph rief seinem Knecht, der auf der Hausschwelle die Sense dengelte, und befahl ihm, die Wieden nach dem Bach zu tragen; er selber folgte mit der Hakengabel und die Art wie er diese nicht auf die Schulter nahm, sondern als Spazirstock gebrauchte, zeigte die seltsame Stimmung des sich stolz tragenden stattlichen jungen Mannes.
Viele Menschen, wenn sie zu einem Rechtsanwalt kommen und ihren Streit vortragen, wollen von den Gegengründen ihrer Widersacher fast gar keine Kunde oder doch nur augenscheinlich unhaltbare mittheilen; sie meinen dadurch ihren Streit bereits gewonnen zu haben. Aehnlich erging es dem Franzseph bei seinen Mittheilungen an den Dorfschützen.
Aus dem Soldatenleben zurückgekehrt und nicht unter der Botmässigkeit eines Vaters stehend, fand der junge Mann sich nur schwer in die Obliegenheiten der mühseligen Arbeit. Er schloss sich um so lieber an Faber, den sogenannten Wasserstiefel an. Faber war weder ein bloser Gutsbesitzer noch ein Bauer und schon seine Kleidung zeigte seine Stellung zwischen beiden. In der Ackerbauschule gebildet, mit mässigem Vermögen ausgerüstet, das sich durch die Heirath einer Wirthstochter aus der Hauptstadt noch beträchtlich vermehrte, gehörte Faber zu jenen Männern, denen keine sogenannte niedere Arbeit zu gering ist, die aber auch mit überschauendem offenem Geist ihre Thätigkeit erweitern und wohl mit der Zeit die Erneuerung des starken in sich gefesteten Bauernthums darstellen. Faber sah es gern, dass Franzseph an seinen Versuchen und Studien zur bessern Ausnutzung der vorhandenen Bodenkräfte Theil nahm und Franzseph war gern mit ihm, theils um der besondern Ehre willen, theils auch weil Faber mit einer noch immer fremd bleibenden Zurückhaltung nie ermahnend in seine Angelegenheiten eingriff, während er sonst überall mehr oder minder grobe Stichelreden über seinen halben Müssiggang hören musste.
Lässige Menschen — und ein solcher war Franzseph — suchen vornehmlich Umgang mit Halbfremden oder unterthänig Schmeichlerischen; für Franzseph gehörte Faber zu den ersteren und der Dorfschütz zu den letzteren. Darum schloss er sich fast nur diesem an und schien heiter und wohlgemuth. Dennoch fehlte ihm die rechte Herzensfreudigkeit, Alles war ihm wie mit einem trägen Nebel verdeckt, durch den nur die Liebe zu des Schlägelbauers Madlene zuweilen wie ein heller Stern hindurch schimmerte; manchmal fürchtete er aber fast die Vereinigung mit Madlene und sah sich einer Sklaverei entgegen gehen, in der er über jede Stunde und ihre Arbeitspflicht Rechenschaft geben müsse, manchmal hoffte er auch wieder, wenn er erst Madlene ganz sein nennen werde, müsse wieder frische Regsamkeit in ihn kommen und die oft unerklärliche Trübsinnigkeit schwinden. Diese Hoffnung stand nun aufs Neue im weiten Feld, denn der Schlägelbauer wurde von Tag zu Tag unwirscher, wollte von Verspruch nichts wissen und verlangte vor Allem ein Aufgeben der Kameradschaft mit Faber. Franzseph sah darin nur eine Beschönigung der Feindseligkeit, da der Schlägelbauer behauptete, ein Bauersmann, der keine Kapitalien habe und von der Ernte leben müsse, könne sich nicht in solche Sachen einlassen wie der Wasserstiefel. Franzseph antwortete hierauf kaum, er wusste es ja besser, dass er mit seinem jetzigen scheinbaren Nichtsthun mehr gewinne, als wenn er sich Schwielen an die Hände und Schweiss auf die Stirn arbeite. In lässigem Trotz ritt und fuhr er um jede Kleinigkeit in die Stadt und machte daheim immer ein saures Gesicht als suche er etwas oder als plage ihn ein geheimes Leiden. In der That hatte er immer einen so rothen Kopf, dass man meinte, das Blut würde ihm zu den Adern herausspritzen. Die Mutter wollte den Arzt darüber befragen, und als sie dies einst ihrem Vetter Schlägelbauer klagte, hörte Franzseph, der in der Kammer seine Zigarre rauchte, diesen sagen:
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