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Leise rieselt der Schnee

1  TITEL

2  PERSONEN

3  ORT

4  AKT I

5  AKT II

LEISE RIESELT DER SCHNEE

Versuch

einer Aufarbeitung

in 2 Akten

von

Askson Vargard

für einen

Dagewesenen

PERSONEN

Ich

Seine Frau

Lautsprecher

Chor

ORT

Regionalbahnlinie 13. Dem Bahnfahren ist seit Jahrzehnten der Luxus, der Komfort, kurz nahezu alle Annehmlichkeiten abhandengekommen, die die Fahrt bereits zum Bestandteil einer besonderen Reise erhebt, falls es diesen Überschwang überhaupt jemals gegeben hat. Höchstens die historischen Waggons der Transdev Regio Ost mit ihren wieder eingesetzten und aufgehübschten DDR-Wagons, die zwischen Leipzig und Chemnitz verkehren, vermitteln dieses Gefühl, aber ehrlich gesprochen: Sind wir noch die Menschen von 1980?

Der Mensch von heute begnügt sich mit weitaus weniger. So auch in der Elster-Saale-Bahn, einem Ableger der Erfurter Bahn. Breite barrierefreie Türen, Panoramafenster, offenes Abteil usw. Im vorderen, bzw. hinteren Bereich befindet sich die erste Klasse, die sich im Wesentlichen mit ihren warnenden rot gepolsterten Sitzen von den übrigen unterscheidet, ansonsten aber erstaunlicherweise ebenso abgesessen wirkt.

Der Blick ist auf die Vierersitzgruppe gerichtet, die vor der ersten Klasse auf einer Erhebung, nennen wir es Podium, befindet. Der Hintergrund variiert durch die vorbeirauschenden Stadt- später Dorf- und Naturlandschaften, je nachdem. Die Sicht ist klar, wenn sie nicht durch einen mausgrauen Diagonalbalken des Fensters durchbrochen wäre - ein Factum, dramatischer sind nur die Erlebnisse, die uns an solchen Orten ereilen.

AKT I

Das Ich, eine hagere schlaksige Person, betritt apathisch mit offener Regenjacke und gelockertem Schal die Fläche, nimmt jedoch zielgerichtet Kurs auf die erwähnte Vierersitzgruppe, in der er sich zurücksinken lässt, als wolle er an der nächsten Haltestelle aussteigen. Neben ihm nimmt seine Frau Platz, sie drückt ihm liebevoll die Hand, während er suchend die Gleisbetten des Bahnhofs überschaut.

LAUTSPRECHER mit dessen Ansage, der Hintergrund in Bewegung gesetzt wird. Sehr geehrte Damen und Herren, wir begrüßen Sie in der Erfurter Bahn von Leipzig Hauptbahnhof nach Hof. Wir wünschen eine angenehme Fahrt.

ICH zaghaft singend. Leise rieselt der Schnee ... (abbrechend) an den offenen Stellen des Daches vom Hauptbahnhof auf die gefrorenen Gleise. (Erneut singend) Still und starr ruht der See ... (erneut abbrechend) damit meint das Lied den See in mir, der jeglicher Bewegung entbehrt - eine winterliche Paralyse. (Lacht bitter) Welch pathetischer Anfang mit diesem Weihnachtslied. Es trieft förmlich vor dem, was ich verabscheue. Am liebsten wäre mir, ich würde es ausmerzen, mir aus dem Kopf reißen ... aber die Stimmen blieben, der Chor, der dieses ganze Theaterstück gänzlich zu einer überdramatischen Seifenoper empor hebt ... aber ... ja was aber? ... vielleicht brauchen wir genau das manchmal (nachdenkliche Pause). Wie dem auch sei, irgendwie muss ich dennoch in dieses Zugabteil geraten sein. Meine Schritte waren dabei eher mechanischer Natur, sie trugen mich ohne dass ich Einfluss auf sie nehmen konnte. Eigentlich sah die Planung für den heutigen Montag, den 18. Januar, einen anderen Ablauf vor, aber was ist schon planbar? Weihnachten liegt knapp dreieinhalb Wochen zurück, der turnusmäßige Jahreswechsel wurde vollzogen, aber für mich gab es weder Weihnachten, noch Silvester, denn ich lag mit Hustenkrämpfen und Fieber getränkten Nächten krank zuhause. Zu Heiligabend packten wir die Geschenke ein, nichts besonderes. Einen Jahreskalender mit Motiven, die ich das Jahr 2020 über hinweg fotografierte, selbstgebackene Lebkuchen, sowie Stollenkonfekt, dazu eine Weihnachtskarte, die aufbauende Worte für das kommende Jahr versprachen, aber dann ... dann kam der positive Schnelltest am ersten Weihnachtsfeiertag und meine erste Handlung war, die Familienbesuche abzusagen. Im Restaurant hatte meine Oma vier Portionen Rehbraten und einmal Gans vorbestellt, weil sie wusste, dass meine Frau und ich jedes Essen teilen, aber den Festtagsschmaus bestellen? Das gab es nie zuvor, aber eine persönliche Einkehr war ohnehin undenkbar. Einerseits wegen den landesweiten Pandemiebestimmungen, anderseits wegen des verschlechterten Gesundheitszustandes ihres Mannes. Dreieinhalb Wochen lang stand nun die gepackte Tasche mit den Geschenken im Flur, dann stellte ich sie in den Keller, hoffend, dass ich sie beim nächsten Besuch in der alten Heimat nicht vergessen werde. Die Krankheit nahm einen erfreulichen Verlauf und ich erlangte meine Gesundheit schrittweise zurück, war darüber hinaus nicht mehr infektiös, zurückblieb ein latentes Schwächegefühl, welches selbst kleine Spaziergänge in Strapazen verwandelte. Wohlan, ich fühlte mich genesen. Heute am Montag des 18. Januars sollte planmäßig mein erster Arbeitstag des Jahres sein, aber dieser Zug soll mich woanders hinführen.

LAUTSPRECHER. Nächster Halt Leipzig-Plagwitz.

ICH fährt erschrocken hoch. Wahnhaft scheint er unter den Sitzen nach irgendwas zu suchen. Mist! Die Schwäche meines Körpers scheint Auswirkungen auf mein Gedächtnis zu nehmen, die Geschenktasche! Sie steht nach wie vor im Keller ... Wir könnten aussteigen und zurückfahren, was ist dabei, wenn wir eine Bahn später nehmen und zwei Stunden später eintreffen? Es rechnet sowieso niemand mit uns ...

LAUTSPRECHER. Nächster Halt Leipzig-Knauthain. Die Schienentritte können witterungsbedingt nicht genutzt werden. Bitte beachten Sie dies beim Ein- und Aussteigen.

ICH hat wieder Platz genommen und ballt wütend die rechte Hand zu einer Faust und presst sie gegen seinen Oberschenkel. Die letzte Haltestelle im Leipziger Raum und ich schaffe es nicht auszusteigen. Wenn ich's recht überdenke ... wozu auch? Weihnachten ist vorbei und unwiederbringlich, abgelaufen wie eine sauer gewordene Milch. Die Feiertage waren für meine Familie ein Festival der Tristesse, daran können auch nachträgliche Geschenke kaum etwas ändern. Wer weiß, ob die Fressalien mittlerweile nicht knochenhart in der Dose ein ungenießbares Dasein fristen. Es ist zu spät (atmet beruhigt auf und löst die Verspannung)! Der Rahmen für ein Fest ist zersprungen!

LAUTSPRECHER. Nächster Halt Zwenkau-Großdalzig.

ICH. Gestern Abend erhielt ich einen Anruf von meiner Mutter. Sie schien aufgelöst, wie eine Toastscheibe in Milch, vollgesogen und zerfallen bis sie weder Toast, noch Milch ist. (Richtet die Stimme gegen sich) Warum diese nichtsnutzigen Milchvergleiche? (besinnend) Sie stellte den Telefonapparat auf Lautsprecher, meine Oma und mein Vater begrüßten mich in einem ähnlich kläglichen Tonfall, der meine Lippen zum Bibbern brachte. Der Anruf war erwartbar. Die gesamten letzten Tage behielt ich mein Telefon im Auge in dieser Vorerwartung, dass es mich trotzdem mit seinem Klingeln erschrecken würde und dann kam er ... Mein Opa hatte letzte Woche am Dienstag, also den 12. Januar, Geburtstag. Durch meine Krankheit konnte ich kein Geschenk besorgen, was an sich nicht weiter schlimm ist, denn er wollte sowieso nie etwas geschenkt haben, er schenkte lieber, deswegen ist es zum Brauchtum geworden etwas Verzehrbares, meist Schokolade der Marke Besonders zu besorgen, die selten im allwöchentlichen Einkaufskorb landet, und eine Glückwunschkarte beizulegen. Bis vor einigen Jahren machte ich mir die Mühe anlassbezogene Kurzgeschichten zu schreiben. Da mein Opa dem Sternkreiszeichen des Steinbocks angehört, worauf er seit je ziemlich stolz war, schrieb ich beispielsweise über einen eigenwilligen Steinbock in den Bergen. Der Inhalt wurde gelesen und honoriert, aber das war mir offenbar zu lauwarm, ich weiß nicht, was ich mehr wollte. Er lobte mich, dass ich ein junger Goethe sei und das war in Wirklichkeit dann der ausschlaggebende Grund, warum ich keine Geschichten mehr schrieb, weder zu Geburtstagen, noch Ostern, noch Weihnachten, denn ich wollte nie ein junger Goethe sein ... Ein Vergleich, der stilistisch äußerst ungeschickt wirkte und darüber hinaus seine magere Literaturkenntnis verriet, kränkte mich. Ganz konnte ich es aber schließlich nicht bleiben lassen, warum auf einmal? Also verfasste ich fortan Gedichte, das kostete mich ein Bruchteil der Zeit. „Wie ein junger Goethe“, pflegte er wieder zu sagen. Von da an schrieb ich eine gewöhnliche Karteninschrift und war einzig darauf bedacht keinen Standarttext zu verfassen, aber ein Gedicht auf der Karteninnenseite, geschweige denn eine lose Blattsammlung mit einer Geschichte, fehlten.

LAUTSPRECHER. Nächster Halt Pegau.

ICH. Worauf wollte ich hinaus? Es fällt mir schwer meine Gedanken zu sortieren, was ich zu entschuldigen bitte, aber es ist nicht ganz einfach für mich in diesen Stunden (Seufzen begleitet von einer Pause). Ich gratulierte via Telefonat, welches meine Oma entgegennahm. Ein übles Vorzeichen, denn dieser 12. Januar eines jeden Jahres war der einzige Tag, an dem mein Opa für gewöhnlich Anrufe entgegennahm. Er hob ab mit einem lang gezogenen „Jaaaaaa?“, welches Unklarheit vortäuschen sollte, als wisse er selbst nicht, welcher Tag ist, aber flugs gewann seine Stimmfarbe an Wärme, sobald man ihm Gesundheit, Glück und persönliches Wohlergehen für das kommende Lebensjahr wünschte. Es waren kurze Telefonate, aber dieses Jahr gab es einen neuen Minusrekord. Meine Oma reichte den Apparat weiter und ich hörte von weiten ein mühevolles Krächzen, was ich mit höchster Anstrengung als Danke identifizierte. Ich entschuldigte die hinderlichen Umstände des ausgebliebenen Geschenks mitsamt der Karte und versprach, es dafür am kommenden Wochenende persönlich abzugeben. Meine Oma ging zu meiner Verblüffung vehement gegen diesen Vorschlag an „Bitte nimm es nicht übel, aber es geht nicht.“ Erstmalig blieb mir die Tür, die für mich von Kindesbeinen an offen stand und sozusagen eine verklärte Pforte unbeschwerter Glückseligkeit darstellte, verschlossen. Auch die Alternative, dass ich das Geschenk nachschicke, wurde abgelehnt. Er isst seit zwei Wochen keinen Happen mehr, das Trinken fällt ihm schwer und auf die Karte soll ich auch verzichten ... Das war ein tiefgehender Schlag für mich, der mich die Zeichen der Zeit deutlich erkennen ließ. Wir wollten bald wieder telefonieren und einen neuen besseren Zeitpunkt wählen, aber da kam der erwähnte Anruf meiner Mutter zuvor. „Opa geht es nicht gut, er wird die Nacht wahrscheinlich nicht überstehen.“ Mein Vater, der aufgrund eines Nicht-Streites den Hausstand meiner Großeltern, wie im Übrigen auch mich, seit anderthalb Jahren mied, schluchzte deutlich im Hintergrund. Er hatte seinen Schatten offensichtlich überwunden, allerdings zu einem traurigen Anlass. Der Kopf meines Opas lag dabei im Schosse meiner Oma, er, der beständig eine Aversion gegen körperliche Wärme durch Nähe hegte, wurde plötzlich zum Schmusetiger. Jeder wurde herzlich gedrückt, auch der Schwiegersohn, der ihn liebevoll die letzten Stunden pflegte. Mit einer Stimme voller Zittern redete meine Mutter auf ihren Vater ein und schürte damit seinen entschwindenden Geist, um die Stimme seines Enkels eventuell ein letztes Mal wahrzunehmen. „Er hört dich!“, sprach meine Oma aufgeregt aus dem Hintergrund, da sie eine Regung vernahm. „Er hört dich“, wiederholte darauf meine Mutter und so redete ich und meine Frau auf ihn ein, um ihm ein Wort des Abschieds zu entlocken, bis es schwach an unser Ohr durch den Hörer drang: „Schöne Grüße und danke.“

LAUTSPRECHER. Nächster Halt Profen. Die Schienentritte können witterungsbedingt nicht genutzt werden. Bitte beachten Sie dies beim Ein- und Aussteigen.

ICH versucht den Arm auf die widersinnige Diagonalstrebe zu lehnen, was auch nach mehrmaligen Versuchen misslingt. Meine Konstitution gleicht einem Haferflockenbrei. Dank dieses unbestimmt aufkommenden Vergleiches, stelle ich mir den Geruch vor, wenn meine Oma damals Haferflocken zubereitete. Jeden Donnerstag kam ich nach der Schule zu meinen Großeltern, die keine zweihundert Meter entfernt von der Mittelschule wohnten. Es ist ein Neubau, ein Block ohne architektonische Kunst, ein bloßer Funktionsklotz in zweifacher Ausführung. Von ihrem Balkon aus konnten die beiden den Schotterplatz sehen, auf dem ich im Sportunterricht Fußball spielte, wodurch ich mich als einziger durch eine treue Zweimann-Fangemeinde unterstützt sah. Als Kleiner durfte ich mich groß fühlen, wie ein echter Star. Nach der letzten Stunde konnte ich es daher nie erwarten und ging schnurstracks die Friedensstraße entlang, klingelte bei Hausnummer 9 und wurde eingelassen. In der Stube roch es nach brauner Butter und dem dicken Brei. Der Sportplatz war leergefegt, nur meine unsichtbaren Ruhmestaten verweilten auf ihm, eine Schwelgerei, die abgelöst wurde, sobald ich den Zimtzucker roch, der über die Haferflocken gestreut wurde - eine unglaubliche Belohnung nach all den Anstrengungen des Schulalltags. Es gab beim Verzehr ein festes Ritual und zwar löffelte ich vom Rand der Mitte zu und bildete einen Fjord, den die braune Butter flutete und den ich genüsslich trockenlegte. Im Laufe der Jahre versuchte mein Vater mir auch zuhause diese Freude zu bereiten, was zum Missmut aller Beteiligten beitrug, denn Haferflockenbrei stand wie kein zweites Gericht für meine Kindheit bei den Großeltern!

LAUTSPRECHER. Nächster Halt Zeitz. Übergang zum Plusbus und anderen Regionalzügen. Bitte beachten Sie die Lautsprecheransagen.

CHOR. Weihnachtlich glänzet der Wald/ Freue dich Christkind kommt bald.

LAUTSPRECHER. Nächster Halt Wetterzeube. Bedarfshalt. Bitte drücken Sie jetzt den Haltewunschknopf.

ICH. Unnütz zu erwähnen, wohin mein Weg weist, der mich durch entlegene Käffer führt, eines davon wird mein Ausstieg sein, doch es ist weit entfernt, noch ... Egoistisch, wie es meiner Natur eigen ist, frage ich mich, ob ich ein passables Enkelkind war? Hätte ich öfter diese Strecke für Besuchszwecke fahren sollen? Andererseits kenne ich die Stationen und das Zwischendurch gut genug. Die städtische Landschaft Leipzigs weicht bald den Feldern des Umlandes und ab Zeitz wird es fast idyllisch! Die weiße Elster schlängelt durch ein Tal entgegen meiner Fahrtrichtung. Hopfenfelder, die im Winter an ihren Drahtranken erkennbar sind, ruhen vom Schnee bedeckt einer günstigen Jahreszeit harrend, in der sie in die Höhe sprießen können (aus dem Fenster starrend). Gestern Nacht waren Minus fünf Grad in Leipzig. Verglichen mit der sibirischen Eiswüste, die in mir herrschte, karibische Verhältnisse ... Spätestens nach Gera wird die Aussicht geprägt von sanften Hügelketten und erinnert an toskanische Landschaften, ja ich kenne die Strecke gut, aber hätte ich sie besser kennen sollen? Vorwürfe stellen nie eine Hilfe dar, sie sind überflüssig, weil unabänderbar, eigentlich müsste man von Nachwürfen reden ... die banale Weisheit „Es ist, wie es ist“ lacht mir ins Gesicht. (In energischem Ton) Aber? (Beschwichtigend) Kein Aber! Vielleicht hätte ich trotzdem eine Karte nachschicken sollen ... vielleicht hätte ich vergangenen Samstag entgegen aller Bitten und Warnungen ins Vogtland fahren sollen ... vielleicht hätte ich ... aber ich habe nicht (Pause). Es ist, wie es ist ... vielleicht wäre ich ihm dann aber wenigstens ein letztes Mal begegnet! Es ist, wie es ist. (Aufbrausend) Gottverdammt! Die Bahn schunkelt mich hin und her, ich kann weder schreiben, noch denken, Vorwürfe hingegen funktionieren einwandfrei und treffen mit ihrer Wirkung. Als der gestrige Anruf einging, war es bereits zu spät. 21 Uhr fährt keine Bahn, die Autoverleiher, selbst am Flughafen, haben längst geschlossen, einen Schulfreund oder die Schwägerin belästigen, ist möglich, aber ... ich suchte Vorwände, ja ich wollte tatsächlich zur Arbeit gehen, nicht weil ich glaubte, dadurch einen Mehrwert für die Gesellschaft zu erreichen, viel mehr weil ich pflichtbewusst bin und durch meine Fehlzeit keine zusätzlich Spannung aufbauen wollte, denn ich weiß, welche Redereien es gibt „Sind die Krankheitstage nicht übertrieben? Ausgerechnet danach stirbt sein Opa oder ist bereits gestorben! Was will er da tun?“ Mannigfache Empathie bedeutet Zermürbung, ein Mangel an ihr heißt Entmenschlichung. Jeder liebäugelt gerne mit einer Krankschreibung auf Kosten des Arbeitgebers, um endlich das zu machen, wozu wir geboren wurden: kurz gefasst, all das, was nicht mit unserer Arbeit zu tun hat, das, was für uns einen reellen Nutzen erfüllt, das, wozu wir uns bestimmt fühlen, was wir im Alltag aber nicht unter Beweis stellen und uns stattdessen versklaven lassen von Tätigkeitsfeldern, die irgendwann ein mittelmäßig programmierter Roboter übernehmen könnte. Aber anscheinend ist die Umprogrammierung von einem steinalten 70er-Jahre-DOS-Programms kostenintensiver als unzähligen Mitarbeitern weiter den ungekürzten Bankentarif zu bezahlen. Übrigens ein Verhältnis, wie es bei den Kakaobauern in Westafrika herrscht, deren einziges Arbeitsmittel eine Machete ist und deren Bezahlung ein Dollar pro Tag beträgt. Für eine industrielle Revolution ist das Menschenmaterial entschieden billiger! Womöglich hinkt der Vergleich. Wie dem auch sei: Die innere Kündigung trage ich in mir, aber sie geschieht nie. Ein Lose-Lose-Lose Geschäft, für Arbeitgeber, -nehmer und natürlich die Gesellschaft. Früher wurden diese Fragen nicht gestellt, es wurde gemacht. Mein Opa arbeite größtenteils in einer Fabrik, die er ‚Die Lampe‘ nannte ... stimmt das? Was er dort genau trieb, vermag ich nicht zu beurteilen, nicht weil es mich nicht interessiert, sondern weil ich den richtigen Moment abpassen will. Irgendwann ... Krankschreibungen waren ein Mythos, der für meine Großeltern maximal eine theoretische Größe alla „Davon habe ich gehört“ darstellt. Es war eine Pflicht zu arbeiten und jenes Pflichtbewusstsein spüre ich in mir, es rückt mich gerade, obwohl ich es verabscheue. Mein Kampf, dieses Bewusstsein zu überlisten, wäre wie folgt von statten gegangen: Ich wäre heute im Büro erschienen, hätte den Computer hochgefahren, mir währenddessen Minztee aufgekocht und hätte versucht endlose Gespräche über meine Krankheit herbeizuführen. Anschließend hätte ich einen Schreck von den ganzen Nachrichten bekommen, hätte weiterführende Gespräche darüber geführt, welche unerhörte Masse in den Tagen aufgelaufen ist und hätte die Arbeit begonnen. Beim Kontrolltelefonat meiner Chefin, hätte ich angegeben, dass meine Konzentration arg unter der Situation meines Opas leidet und hätte mich freistellen lassen. Meine Frau drängte stattdessen zu einer Entscheidung direkt nach dem schicksalsweisenden Anruf von meiner Mutter und wollte bereits selbst bei meiner Chefin anrufen, um mich zu entschuldigen, aber ich sah es schließlich unter erheblicher Mitwirkung von ihr, für welches ich ihr ewig dankbar sein werde, ein, mich auf mein ureigenes Gefühl zu verlassen. So oder so hätte ich in der Bahn gesessen, wenn nicht heute, dann spätestens morgen. 6:55 Uhr startete die Bahn in die Nacht oder den Morgen, was zu jener Stunde noch nicht klar unterscheidbar ist, ohne dem Wissen meiner Verwandtschaft und ohne Wissen, was mich erwartet. Ich wollte damit lediglich die Tatsache umgehen, eine weitere Abfuhr zu ernten. Meine Familie ist nämlich positiv verrückt, sie würden glauben, mir eine außerordentliche Bürde aufzulasten, wenn sie mich bitten würden, da zu sein. Nichts tun, lediglich da sein, was könnte man billigeres und gleichzeitig mehr verlangen?

LAUTSPRECHER. Nächster Halt Crossen Ort. Die Schienentritte können witterungsbedingt nicht genutzt werden. Bitte beachten Sie dies beim Ein- und Aussteigen.

ICH summt die Melodie ‚Leise rieselt der Schnee‘.

LAUTSPRECHER. Nächster Halt Crossen an der Elster. Bedarfshalt. Bitte drücken Sie jetzt den Haltewunschknopf.

ICH. Was mache ich, wenn er wirklich bereits tot ist? Trost spenden, Trümmer nach einem Bombenabwurf auf die Seite kehren, wo einst der sichere Bürgersteig entlang verlief? Was will ich sagen? Ich habe genug Filme gesehen, die in einer Abschiedsszene enden, aber Protagonist sein, das ist mir fremd. Es mag seltsam klingen, aber mit meinen über dreißig Jahren waren die herbsten Todesfälle, meine Uroma, mein Goldhamster Tanko und meine schwarze Ratte Shadow. (Überlegend, ob er weitersprechen soll) Seltsamer klingt es nur, wenn ich sage, dass von den Aufgezählten letzterer am ärgsten wog. Der Tierarzt versetzte ihm eine Spritze nach einem unheilbaren Tumor, das arme Tierchen zuckte wie wild und starb in meinen Händen. In Sachen Empathie hatte Shadow, das kann mir ungesehen geglaubt werden, mehr von einem Menschen als manche Menschen. Er war ein aufgewecktes Tier und wollte stets unterhalten werden, aber er krabbelte auf meine Schulter, wenn ich traurig war und steckte mir sein feuchtes Schnäuzchen ins Ohr und brachte mich zum Lachen. Wie kann es zu diesem Verlust überhaupt eine Steigerung geben? (Anhebende Sprachgeschwindigkeit als rede er sich in einen Rausch) Gerne komme ich auf das Thema des Films zurück und ohne den Eindruck einer verweichlichten Memme zu erwecken, schäme ich mich nicht zuzugeben, dass es viele Momente darin geschafft haben, die Pforten meiner Tränenkanäle zu öffnen und durchzuspülen. In Sachen Tod bin ich Realist, auf jeder Person steht ein unentdecktes Verfallsdatum geschrieben und Kulturkreise, wie in Bali oder Mexiko, in denen das Trauern zu einem Synonym der Freude mutiert, erscheinen mir äußerst sympathisch. Trauer in unseren westlichen Gefilden ist Egoismus pur. Wir sollten uns daran erfreuen, was der betreffende Mensch uns gegeben hat und nicht, was uns mit seinem Tod genommen wird. Verständlich, wenn dieser Satz zu kaltblütig erscheint. Mein Opa feierte vor kaum einer Woche seinen 87. Geburtstag. Wie konnte es soweit kommen? Das mag witzig klingen, aber es entspricht der Tatsache, dass niemand einhundert Jahre alt werden möchte, außer die neunundneunzig Jährigen. Mein Opa war stets mobil und erledigte die Einkäufe, die Bankgeschäfte, er betrachte seine Tätigkeit als die eines Außenministers und meine Oma war demnach die Innenministerin. Ende Oktober gingen wir ins Cafe Heinz in Plauen Essen anlässlich unserer Heirat, die wir bis auf eine Ausnahme unter Ausschluss von Freunden und Familie in Lissabon zubrachten. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich es wohl nicht für möglich gehalten, dass er es überhaupt erlebt, denn sein Zustand war kritisch. Kurz nach Himmelfahrt erhielt ich einen Anruf meiner Mutter ... ständig diese Hiobsanrufe, einen Brief kann ich liegen lassen, bis ich dafür bereit zu sein glaube, aber ein Anruf fordert mich heraus! Sie weinte wortwörtlich Rotz und Wasser, denn mein Opa wurde unter starken Schmerzen des nächtens ins Krankenhaus eingeliefert - Diagnose: Tumor im Bauchraum mit Auswüchsen in die Darmgegend. Mit den Überweisungsscheinen zu Vorsorgeuntersuchungen fütterte er regelmäßig den Müll, er war gegen jegliche Arztbesuche aus Angst vor der Prozedur und der Diagnose resistent. Sein verspätetes Warten gab beiden Befürchtungen recht. Wie die letzten Tage wartete ich auf einen Anruf mit der unausweichlichen Botschaft, aber sie blieb aus. Dem Unausweichlichen kann also trotzdem ausgewichen werden, wie auch mein Opa bewies. Eine Chemotherapie lehnte er ab, wie einen weiteren Krankenhausaufenthalt. Er aß spärlich, aber allmählich kehrte der Appetit zurück, wenngleich er kein Fleisch mehr essen wollte. Der Geruch des Fetts brachte seinen Würgereiz hervor, was Fisch, im besonderen Lachs, zu seiner neuen Leibspeise erhob. Er nahm seinen Willen zusammen und schürte damit die Hoffnung der Familie, die vergaß, dass die Notoperation reine Schadensbegrenzung war und der Krebs bereits in die Lymphe metastierte ... das Verfallsdatum würde die kommenden Monate sichtbar werden. An diesem Nachmittag bei der Einkehr ins Cafe Heinz, war davon nichts zu spüren. Er war Entrückter als sonst, aber er verschlang dafür einen ganzen Karpfenkopf samt Kartoffeln und dazugehöriger Remoulade. Mit sich und der Welt im Reinen gab er bei einer Rechnung von 108 Euro großzügig 109,50 Euro und fügte süffisant hinzu, dass sich die freundliche polnische Bedienung einen Kaffee dafür kaufen kann, welche wiederum entgegnete, dass das leider nicht ausreichend sei. Daraufhin schlief ihm das Gesicht ein und er verfluchte sie im Stillen als undankbar und holte Erkundigungen bei mir nach den üblichen Kaffee-Preisen heutzutage ein, weshalb ich der Kellnerin recht geben musste. Er grummelte über diese Frechheit der hohen Preise, undankbar blieb sie trotzdem, schließlich müsse sie ja nicht ausgehen, sondern kann selbst Kaffee kaufen und kochen, was wesentlich kostensparender sei. Ich kann sagen, ich erlebte ihn in einer Hochkonjunktur seines Charakters - gutmütig, liebevoll und auf komödiantische Weise verschroben und altbacken. Als ich mich mit meiner Frau verabschiedete drückten wir ihn fest. „Bis Weihnachten“, sagten wir. Es ist unausdenkbar, dass dies sein letztes Mittagessen sein würde. Seine Rationen nahmen ab und von den drei Essen zum ersten Weihnachtsfeiertag nahm er keinen Bissen. In punkto Flüssigkeit machte er keinen Unterschied. Nach seiner Operation wurde ihm gehaltvolles wie Bier verordnet, dann trank er Coca-Cola, aber ähnlich wie der Lachs sollten dies Übergangslösungen bleiben. Die vom Hausarzt verschriebenen Nahrungsergänzungsflaschen namens Fresubin, von denen er vier trinken müsste, leerte er gerade eine halbe. Beim gemeinsamen Monatseinkauf mit seiner Frau und Tochter, bekam er eine Schwächeattacke und lehnte gegen ein Regal. Ihn suchte Toilettendrang heim, sein gewieftester Feind der vergangenen sechs Monate, der bereit war, ihm manchen dreckigen Streich zu spielen, und trieb ihn nach draußen, aber die öffentlichen Toiletten blieben verschlossen. Das Rathaus öffnete glücklicherweise. So muss der letzte Ausflug laut Erzählungen verlaufen sein. Jedes Mal, wenn meine Mutter und meine Oma Besorgungen machten, weinte er zuhause, ob seiner Nutzlosigkeit und beim Versuch eines Beweises holte er Getränke aus dem Keller und kam danach die Treppen nicht mehr hinauf, eine Nachbarin half ihm. Abermals dieses grauenhafte Gefühl der Nutzlosigkeit, wozu war er da? Worin konnte er seine Frau unterstützen oder es vermeiden, ihr Arbeit zu bereiten? Ein Sturz folgte dem nächsten Sturz. Meine Oma konnte keine Nacht mehr in Ruhe durchschlafen bei seinen orientierungslosen Ausflügen. Schließlich fand sie ihn der Länge nach ausgestreckt vor dem Regal liegen, die Schublade mit den Unterlagen war beim Versuch des Hochhievens vollständig über dem Boden verteilt, die Knochen blieben heil, aber von da an konnte er keinen Schritt ohne fremde Hilfe unternehmen. Er klagte, was er verbrochen habe, ob er kein guter Mensch war, dass ihm dies widerfährt, er klagte sogar meine Oma an, die den Notarzt rief, welcher die Operation einleitete als er vor Schmerzen winselte ... er will sterben in Anbetracht seiner Lebensqualität, die keine Qualität mehr besaß, aber das war eine Lüge er wollte leben, wenngleich er nicht dafür bereit war zu essen, aber sein Herz war stark wie seine Knochen. Früher studierte er aufmerksam die Todesannoncen und selten blieb ein Kommentar dazu aus. „Schau, wer wieder gestorben ist, obwohl er viel jünger war als ich!“ Seit einiger Zeit brüstete er sich damit, der Älteste in seinem Wohnblock zu sein, aber er trägt den unrühmlichen Ehrenkranz mit nahezu keiner Qualität in seinem Leben, wie er selber sagte, dennoch war sein Geburtstag eine Hürde, die es ihm wert schien, übersprungen zu werden. Er hat es geschafft, er ist 87. und vielleicht wird alles besser, vielleicht geht es aufwärts, vielleicht wird er noch 88, 100 in keinem Fall, aber 88 und danach 89? Vielleicht (ermattet wie nach einer schweren Anstrengung im Sitz versinkend) ... werde ich in diesem Alter ähnlich sein, wer weiß, aber 87 ist ein würdiges Alter für den Abtritt, so sagt man zumindest gerne, wenn es darum geht Fremden Trost zu spenden, aber wenn es dich betrifft? Ich einfältiger Narr, die 88 wird er schaffen, todsicher!

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 lipca 2025
Objętość:
90 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783754121603
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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