Czytaj książkę: «Psychodynamische Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen»

Der Autor
Arne Burchartz, Dipl.-Päd., ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut mit eigener Praxis. Er ist als Dozent und Supervisor an den Psychoanalytischen Instituten Stuttgart und Würzburg sowie als KBV-Gutachter tätig. Er ist Redakteur und Mitherausgeber der Zeitschrift »Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie«.
Arne Burchartz
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3., erweiterte und aktualisierte Auflage
Alle Rechte vorbehalten
© 2021 W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-038950-2
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-038951-9
epub: ISBN 978-3-17-038952-6
Wir waren nie stolz auf die Vollständigkeit und Abgeschlossenheit unseres Wissens und Könnens; wir sind, wie früher so auch jetzt, immer bereit, die Unvollkommenheiten unserer Erkenntnis zuzugeben, Neues dazuzulernen und an unserem Vorgehen abzuändern, was sich durch Besseres ersetzen läßt.
Sigmund Freud, Wege der Psychoanalytischen Therapie
Geleitwort
Mit dieser Publikation von Arne Burchartz über psychodynamische Therapie bei Kindern und Jugendlichen liegt zum ersten Mal ein Werk zu diesem Thema vor, das von einem erfahrenen Kinderanalytiker verfasst wurde. Der Untertitel »Das tiefenpsychologisch fundierte Verfahren: Basiswissen und Praxis« macht deutlich, dass es sich vor allem um ein Praxisbuch handelt. Ich freue mich sehr, zum Erscheinen dieses wichtigen Buches ein Geleitwort schreiben zu dürfen.
Wie Burchartz in seinem historischen Abschnitt ausführlich beschreibt, hatte bereits Freud vorausgesehen, dass es irgendwann notwendig würde, psychoanalytische Erkenntnisse und seelische Hilfeleistungen allen Menschen zur Verfügung zu stellen. Dann müsste gemäß Freuds Meinung auch die psychoanalytische Technik den neuen Bedingungen (vor allem mit Frequenz und Dauer) angepasst und der »einfachste und greifbarste Ausdruck der theoretischen Lehren« (Freud 1919a, S. 193) gesucht werden.
Fast könnte man glauben, Freud habe unsere Situation nach Schaffung eines Psychotherapeutengesetzes vorausgesehen. Tatsache ist zwar, dass schon vor dem Psychotherapeutengesetz sowohl analytische als auch tiefenpsychologisch fundierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie durchgeführt und abgerechnet werden konnte. Aber das wurde nur selten praktiziert, das Interesse an dieser spezifischen Behandlungstechnik blieb gering.
1999 wurde eine große Gruppe von Psychotherapeuten zugelassen, die ausschließlich tiefenpsychologisch fundiert behandeln und abrechnen durfte. Damit veränderte sich die Landschaft schlagartig. Mittlerweile kann ich drei Gruppen erkennen, die sich im Umgang mit und in der Akzeptanz von tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie grundlegend unterscheiden.
Unter den Psychoanalytikern, sowohl bei den Erwachsenenpsychotherapeuten als auch bei den Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, existiert eine kleine Gruppe, welche die psychodynamischen Verfahren nach wie vor ablehnt und als weniger wertvolle Behandlungstechniken einschätzt. Ich halte es für durchaus notwendig, an den psychoanalytischen Standards festzuhalten. Aber es gibt noch andere Aspekte. Veränderte Behandlungstechniken können bei bestimmten Störungen durchaus indiziert und hilfreich sein. Auch stellt sich die Frage der Wirtschaftlichkeit: Wie können wir bei hohem Standard dennoch möglichst vielen Kindern und Jugendlichen hilfreich beistehen? Also gilt es auf der anderen Seite, die Grenzen von psychodynamischen Therapien anzunehmen, um andere Vorteile zu gewinnen. Diese Begrenztheit zu akzeptieren und auszuhalten, ist für Psychoanalytiker oft nicht leicht. Burchartz geht in einem Abschnitt des Buches ausführlich hierauf ein.
Dann gibt es eine zweite Gruppierung, deren Mitglieder ausschließlich zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie zugelassen sind. Die meisten von ihnen leisten gute Arbeit und unterscheiden sich kaum mehr von psychoanalytisch ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen, die tiefenpsychologisch fundiert arbeiten. Bei einigen hat sich jedoch mittlerweile eine gewisse Überzeugung, ja fast Identität entwickelt, eine Therapierichtung zu vertreten, die besser ist als die »verstaubte Analyse«. Psychoanalyse wird nicht selten als etwas betrachtet, das von vorgestern ist, zu umständlich, zu unwirtschaftlich, sie wird gelegentlich als »unbrauchbar« entwertet. Wenn es mittlerweile eine Gruppe gibt, die ausschließlich tiefenpsychologisch fundiert arbeiten kann, so ist schon darum eine Unterscheidung der Therapieformen innerhalb der Psychotherapierichtlinien sowie bei deren Kommentar dringlich zu treffen. Diese Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen werden in diesem Buch sorgfältig diskutiert.
Die dritte Gruppe sieht in allen psychodynamischen Verfahren eine Erweiterung unserer Behandlungskompetenzen und -techniken, und sie kann auch die Grenzen dieser Therapieform annehmen. Ein zentrales Ziel ist es, eine förderliche Ausbildung – eben nicht in irgendeiner Form – auch in den psychodynamischen Techniken anbieten zu können, denn bei der Lehre dieser Behandlungstechniken hat es in der Vergangenheit Versäumnisse gegeben. Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie ist eine sinnvolle Variation von Behandlungstechnik und basiert auf den zentralen Grundannahmen oder »Essentials« der Psychoanalyse. Diesen Grundgedanken vertritt Arne Burchartz unbeirrt in seinem Buch, gemäß dem weisen Satz von Freud, dass die wirksamsten und wichtigsten Bestandteile jene bleiben, die von der strengen, der tendenzlosen Psychoanalyse entlehnt worden sind.
Wer das Buch von Arne Burchartz liest, wird rasch zur Feststellung kommen, dass er der geeignete Autor für dieses gewichtige Buch über die psychodynamischen Therapien ist. In seinen Grundberufen ist Burchartz Theologe und Diplom-Pädagoge, aus beiden Berufen hat er seine überragenden Qualitäten für den Kinderanalytiker gewonnen, der auch wissenschaftlich tätig ist. Er ist kenntnisreicher Theoretiker, scharfer Denker und dazu eloquent. Vor allem ist er jedoch ein ausgezeichneter, empathischer Kinderanalytiker mit praktischen Erfahrungen in vielfältigen Bereichen. Diesem lang erwarteten Buch ist jener Erfolg zu wünschen, der ihm gebührt.
| Mundelsheim, im Januar 2012 | Hans Hopf |
Ergänzung zur zweiten Auflage
Mittlerweile ist der größte Teil der in Deutschland über Krankenkassen finanzierten Psychotherapien tiefenpsychologisch fundiert. Ich habe diesem Buch damals jene Beachtung gewünscht, die es verdient. Zu meiner großen Freude ist eingetroffen, was ich damals gehofft hatte. Das Buch von Arne Burchartz ist das wichtigste Lehrbuch zum Thema »Psychodynamische Psychotherapien bei Kindern und Jugendlichen« geworden. Es begleitet Psychotherapien und hilft beim Entwurf von Behandlungsplänen bei den Berichten zum Gutachterverfahren. Es ist das Standardwerk, sowohl für niedergelassene Psychotherapeuten und Ärzte als auch für alle Institutionen, die künftige Psychotherapeuten ausbilden.
| Mundelsheim, im Februar 2015 | Hans Hopf |
Inhalt
1 Geleitwort
2 Ergänzung zur zweiten Auflage
3 Einleitung zur dritten Auflage
4 1 Kurzer historischer Überblick
5 2 Zum Begriff Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TfP)
6 3 Theoretische Grundannahmen
7 3.1 Die Psychologie des Unbewussten
8 3.2 Die psychoanalytische Entwicklungspsychologie
9 3.3 Die Neurosenlehre: Theorie über die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen
10 3.4 Die psychodynamische Auffassung von Konflikt und Objektbeziehungen
11 3.5 Das therapeutische Beziehungsgeschehen als Übertragung und Gegenübertragung
12 3.6 Die Theorie der Abwehr, die Auffassung des Widerstandes und deren Einbezug in die therapeutische Arbeit
13 3.7 Die Auffassung von Regression
14 3.8 Das Ziel, Heilung durch Einsicht und Sinngebung in einer therapeutischen Beziehungsmatrix zu erreichen
15 3.9 Das Gebot der Abstinenz des Therapeuten
16 4 Einführung in das Verfahren
17 5 Von der Erstbegegnung zur Therapieentscheidung
18 5.1 Die Anmeldesituation
19 5.2 Das Erstgespräch
20 5.2.1 Das Erstgespräch mit den Eltern bzw. Bezugspersonen
21 5.2.2 Die Erstbegegnung mit dem Kind
22 5.2.3 Besonderheiten im Erstgespräch mit Jugendlichen
23 5.2.4 Das Erstgespräch mit pädagogischen Bezugspersonen
24 5.3 Diagnostik
25 5.3.1 Das Erfassen der Symptomatik und ihrer Auslöser
26 5.3.2 Die biografische Anamnese
27 5.3.3 Die Beziehungsgestaltung
28 5.3.4 Die Psychodynamik des Konflikts
29 5.3.5 Psychische Struktur
30 5.3.6 Ressourcen
31 5.3.7 Behandlungsvoraussetzungen
32 5.4 Der Fokus in der Psychotherapie
33 5.5 Indikationsstellung
34 5.6 Therapieziele
35 5.7 Der Bericht zum Kassenantrag
36 6 Der Anfang der Therapie: Grundlagen für die therapeutische Arbeit
37 6.1 Der Rahmen
38 6.2 Das Arbeitsbündnis
39 6.2.1 Das Arbeitsbündnis mit dem Kind
40 6.2.2 Das Arbeitsbündnis mit den Eltern
41 6.2.3 Das Arbeitsbündnis mit Jugendlichen
42 6.3 Die Bedeutung der begrenzten Zeit
43 6.4 Das Problem in die Therapie bringen
44 6.5 Das Spiel als therapeutisches Medium
45 6.6 Der Konflikt in der spielerischen und szenischen Gestaltung
46 6.7 Die Eltern im Kind – das Kind in den Eltern
47 6.8 Paarkonflikte und kindliche Neurose
48 6.9 Die Ressourcen des Kindes/Jugendlichen und seiner Familie
49 7 Durcharbeiten
50 7.1 Übertragung und Gegenübertragung: ihre Handhabung in der TfP
51 7.1.1 Übertragung
52 7.1.2 Gegenübertragung
53 7.1.3 Wahrnehmen und Erkennen von Übertragung und Gegenübertragung
54 7.1.4 Negative Übertragungen
55 7.1.5 Technische Möglichkeiten der Arbeit mit der Übertragung
56 7.2 Widerstand
57 7.2.1 Formen des Widerstandes
58 7.2.2 Widerstandsphänomene und ihre Bearbeitung
59 7.3 Die Bedeutung der therapeutischen Beziehungserfahrung
60 7.3.1 Akzeptanz, Respekt, Wertschätzung
61 7.3.2 Empathie
62 7.3.3 Die haltende Funktion des Therapeuten
63 7.3.4 Containing
64 7.3.5 Modifizierte Reaktionen auf Emotionen und Affekte des Patienten
65 7.3.6 Die Reflexion des Beziehungsgeschehens in Übertragung und Szene
66 7.4 Deutungen
67 7.4.1 Deutungstechniken
68 7.4.2 Die Rolle des Therapeuten im Spiel
69 7.4.3 Den Affekten einen Namen geben
70 7.4.4 Mentalisieren
71 7.5 Die Arbeit mit Träumen
72 7.6 Die interpersonale Dynamik – Arbeit an den »Außenbeziehungen«
73 7.7 Der Dritte, der Vierte … Der reale Einbezug weiterer Bezugspersonen
74 7.8 Psychopharmaka und Psychotherapie
75 7.9 Stabilisieren und unterstützen
76 8 Die Beendigung der Therapie
77 8.1 Abschied und Trennung bearbeiten
78 8.2 Das Erreichte würdigen
79 8.3 Die Grenzen der Therapie annehmen
80 Literatur
81 Verzeichnis der Fallbeispiele
82 Stichwortverzeichnis
Einleitung zur dritten Auflage
Die Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen wird heute als eines der zwei psychoanalytisch begründeten Verfahren angesehen (Dieckmann, Becker & Neher 2021, S. 92f.). Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Analytischer und Tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie sind auch im Kindes- und Jugendalter in der Fachdiskussion differenziert herausgearbeitet und begründet. Im Bereich der Erwachsenen-Psychotherapie liegt eine Fülle von Werken vor, welche das tiefenpsychologisch fundierte Verfahren theoretisch und praktisch darstellen (z. B. Dührssen 1988, Heigl-Evers & Ott 1994, Wöller & Kruse 2020, Jaeggi, Gödde, Hegener & Möller 2003, Küchenhoff 2005, Reimer & Rüger 2006, Dreyer & Schmidt 2008, Jaeggi & Riegels 2008, Rudolf 2010, Boll-Klatt & Kohrs 2014, Beutel, Doering Leichsenring & Reich 2010, um nur einige zu nennen). Für Kinder- und Jugendlichen-Behandlungen hingegen ist die Literatur zur TfP immer noch eher spärlich (Seiffge-Krenke 2007, Poser 2010, als Beiträge in Zeitschriften Pfleiderer 2002, Rüger 2002, Streek-Fischer 2002, Einnolf 2004, Burchartz 2004). Dies gilt insbesondere für das Verständnis der TfP als psychoanalytisch begründetes Verfahren. Offensichtlich besteht bei psychoanalytisch orientierten Psychotherapeuten nach wie vor eine gewisse Scheu, sich dieser Thematik gründlich anzunehmen, wiewohl die TfP in der klinischen Praxis eine große Rolle spielt. Einer der möglichen Gründe hierfür mag in der Befürchtung liegen, den verlässlichen Boden der reichhaltigen und differenzierten Tradition der Psychoanalyse des Kindes zu verlassen. Gleichwohl sind in vielen psychoanalytischen Ausbildungsinstituten spezielle Curricula für die TfP, ihre Grundlagen, Indikationen und Behandlungstechniken entstanden. Parallel dazu wächst in vielen TfP-Ausbildungsinstituten das Interesse, sich mit den psychoanalytischen Grundlagen auseinanderzusetzen. Möglicherweise haben diese Entwicklungen dazu geführt, dass das vorliegende Grundlagenwerk mit seinem Bezug zur klinischen Praxis eine starke Nachfrage erfährt, so dass nun eine dritte Auflage erscheint.
Die Darstellung verbindet vor allem aus klinisch-praktischer Erfahrung geronnene Einsichten mit theoretischen Reflexionen, ein Lernzusammenhang, der für die Psychoanalyse typisch ist (vgl. Kahl-Popp 2011). Ein solches Vorhaben bietet den Vorzug der Praxisnähe. Das Buch verfolgt durchaus die Absicht, dem Psychotherapeuten ein Repertoire an gut begründeten Interventionsmöglichkeiten an die Hand zu geben, es ist also kein rein wissenschaftliches Werk und erhebt auch nicht den Anspruch einer umfassenden Darstellung des Standes der Forschung. (Hierzu sei auf Burchartz (2021) verwiesen, in diesem Buch ist auch ein Beitrag von E. Windaus zum Stand der empirischen Forschung.) Beispiele aus der Behandlungspraxis verdeutlichen die Zielrichtung des tiefenpsychologisch fundierten Verfahrens. Diese didaktische Form hat allerdings auch Schwächen. Es könnte der falsche Eindruck entstehen, als sei das vorgeschlagene Vorgehen das einzig »richtige« im Sinne des Verfahrens. Dies zu suggerieren, ist keineswegs die Absicht des Autors. Jeder Therapeut hat seinen eigenen Stil, seine eigene Erfahrung und die daraus gewonnene handlungsleitende Theorie. Die Darstellung von Sequenzen und Vignetten aus der Behandlungspraxis bietet einen Einblick in mögliche Vorgehensweisen, die sich der Autor aus einer gründlichen Beschäftigung mit dem Thema, im Diskurs mit Fachkollegen und aus eigener praktischer Erfahrung erarbeitet hat. Sie sollen ermutigen, in ähnlicher Weise die eigene Arbeit theoretisch und praktisch zu erweitern und zu vertiefen, auch wenn im konkreten Fall ganz andere Interventionen für sinnvoll gehalten werden. Die Authentizität des Therapeuten in seiner Vorgehensweise ist entscheidend, sie ist nicht zuletzt ein wesentlicher Wirkfaktor in der Therapie.
Die Anordnung des Stoffes folgt – das legt der Anspruch der Praxisbezogenheit nahe – dem Prozess der Therapie von ihrem Beginn bis zur Beendigung. Es ist daher kein Zufall, dass das Werk darin anderen Darstellungen ähnelt, die dem nämlichen Prinzip folgen (vgl. z. B. Wöller & Kruse 2020). Im Hintergrund stehen eine Fülle von Anregungen, die aus Arbeiten stammen, die sich mit Theorie und Technik der TfP bei Erwachsenen auseinandersetzen und die wertvolle Anknüpfungspunkte für die Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen bieten.
Grundlage der hier vorgetragenen Auffassung der TfP ist das wissenschaftliche und klinische Gebäude der Psychoanalyse. Kollegen, die in der TfP ein von der Psychoanalyse abgetrenntes oder diese erübrigendes Verfahren sehen, werden das Buch vielleicht enttäuscht zur Seite legen. Andere Kollegen, die den Ansatz verfolgen, die Psychoanalyse als Verfahren möglichst ohne Beimischungen anscheinend verfahrensfremder Elemente anzuwenden, werden von einer anderen Richtung her ebenfalls kritische Einwände erheben. Freilich kann auch dann die vorgetragene Sichtweise zu einer – hoffentlich fruchttragenden – diskursiven Auseinandersetzung führen. Gemäß den Grundlagen der Psychoanalyse kann jede Erkenntnis nur vorläufigen Charakter haben, bis sie einer besseren Einsicht zugeführt wird.
Die TfP ist ein störungsübergreifender Behandlungsansatz, von dieser Sichtweise her ist das Buch konzipiert. Entsprechend stammen die Beispiele aus einer Vielfalt von Störungsbildern. Freilich gewinnt das Verständnis störungsspezifischer Dynamiken und ihrer Behandlung auch in psychodynamischen Verfahren an Bedeutung. Es wäre reizvoll, störungsspezifische Vorgehensweisen in der TfP darzustellen. Dies würde allerdings den Rahmen eines Grundlagenbuches sprengen. Die vorliegende dritte Auflage wurde ergänzt durch zwei Kapitel: »Psychopharmaka und Psychotherapie« und »Mentalisieren«. Das schwergewichtige Thema der spezifischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit einem unbewältigten Trauma musste aus dem gleichen Grund zurückstehen – vgl. hierzu Winkelmann (2007) und Burchartz (2019c). Der Leser sei verwiesen auf die Darstellung störungsspezifischer Interventionen in Hopf & Windaus (2007) und Heinemann und Hopf (2015) sowie auf die sukzessive Erscheinung der »Leitlinien« in der Zeitschrift »Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie«, deren Zusammenfassung in einem Band geplant ist. Eine kritische Sicht zur Störungsspezifität und Leitlinienorientierung legt Auchter (2003) dar.
Psychotherapeuten, die in den beiden Verfahren Analytische und Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie ausgebildet sind, werden an vielen Stellen feststellen: »Aber das machen wir doch in der Analytischen Psychotherapie auch.« Das hört man in theoretisch-technischen und kasuistischen Diskussionen häufig und es ist richtig. Zum einen ist die probatorische Phase bis zur Indikationsentscheidung identisch, auch manche Grundlage wie z. B. das Arbeitsbündnis spielt in beiden Verfahren eine gleichwertige Rolle. Zum anderen finden sich in einer Analyse oder in einer Analytischen Psychotherapie regelmäßig Elemente, die man eher einem tiefenpsychologisch fundierten Vorgehen zurechnen kann. Je nach dem Prozess innerhalb der Beziehung zum Patienten werden auch in einer Analytischen Psychotherapie z. B. zeitweise regressionsbegrenzende, antwortende oder auf das Arbeitsbündnis bezogene Interventionen weiterführend sein. Umgekehrt finden sich auch in einer tiefenpsychologisch fundierten Behandlung Elemente, die dem Vorgehen in einer Analytischen Psychotherapie entsprechen, z. B. Widerstands- und Übertragungsdeutungen. Wir müssen in beiden Verfahren von einer Ergänzungsreihe ausgehen, wobei deren Charakter darin besteht, welche therapeutische Haltung vorherrscht und welche Art der Intervention überwiegt.
Im Austausch mit Ausbildungskandidaten und erfahrenen Psychotherapeuten entsteht regelmäßig das Bedürfnis, im Rahmen einer Falldiskussion die unterschiedliche Arbeitsweise beider Verfahren anhand von Momenten der »Weichenstellung« in der Therapie praktisch darzustellen. Ein solcher Versuch misslingt meistens. Die Intervention eines bestimmten Therapeuten in einem bestimmten Moment der Behandlung mit einem bestimmten Patienten ergibt sich aus einem Prozess, der zwar anhand der Übertragungsdynamik reflektiert und vertieft verstanden werden kann. Was man in einem anderen Verfahren in diesem konkreten Moment hätte »anders machen« können, bleibt aber rein spekulativ. Jede Behandlungssequenz ist eingebettet in einen Prozess mit vielen, v. a. auch unbewussten Determinanten und lässt sich nicht isoliert verstehen oder gar manipulieren. Deshalb verzichtet der Autor darauf, diesem Bedürfnis entgegenzukommen, es erschiene allzu künstlich und entspricht nicht dem Verständnis der Psychotherapie als dynamisches Geschehen innerhalb einer spezifisch und individuell sich konstellierenden Beziehung.
Die meisten Fallbeispiele in diesem Buch sind als wörtliche Rede dargestellt. Das dient der Lebendigkeit und Prägnanz. Sie werden so übernommen, wie sie aus dem Gedächtnis des Therapeuten niedergeschrieben worden sind, entspringen also bereits einer Bearbeitung. Das ist unvermeidlich, denn auch bei größter Sorgfalt und Redlichkeit ist natürlich mit einer gewissen Verfälschung zu rechnen. Das entspricht der Realität eines niedergelassenen Psychotherapeuten, der aus grundsätzlichen, aber auch praktisch-behandlungstechnischen Erwägungen darauf verzichtet, Aufnahmegeräte während einer fortlaufenden Therapie zu verwenden. Aber dies ist kein Mangel. Es entspricht der Erkenntnis, dass das innere Bild, das im Therapeuten vom Behandlungsprozess entsteht, eine Quelle spezifischer Einsicht und Wirksamkeit darstellt. Wollte man ein exaktes äußeres Bild von Behandlungsausschnitten gewinnen, müsste man auf Videoaufzeichnungen zurückgreifen. Aber auch diese sind nicht »objektiv«, da sie auch lediglich Abbilder innerer Prozesse sind, die erschlossen werden müssen. Das gilt erst recht für das bloße gesprochene und aufgezeichnete Wort, bei dem wichtige Vorgänge wie Gestik und Mimik ausgeblendet bleiben.
Die Beispiele sind selbstverständlich anonymisiert und, wo nötig, in einigen Details verfremdet, die der Autor nicht für zentral hält. Der Leser wird ausdrücklich dazu eingeladen, in ihnen auch andere Facetten als die vom Autor benannten zu entdecken.
Das Verfassen eines Textes steht in einem unausweichlichen Konflikt zwischen flüssiger Lesbarkeit und gerechter Sprache. Um Ersterer willen wird durchgängig die männliche Form verwendet, wo auch die weibliche Form oder eine Kombination möglich wäre, in der Hoffnung, der Leser kann sich darauf einlassen, dass in solchen Textpassagen die weibliche Form mit gemeint und gedacht ist.
Viele haben das Buches mit Ermutigung, Gesprächen und kritischen Einwänden begleitet, ihnen sei hier herzlich gedankt; ganz besonders meiner Frau, Angelika Pannen-Burchartz, und Dr. Hans Hopf, dessen unermüdlicher Ansporn eine unverzichtbare Hilfe ist. Ein spezieller Dank geht an die Kolleginnen und Kollegen in der TfP-Forschungsgruppe des Psychonalytischen Instituts Stuttgart, die in langjähriger freundschaftlicher Kollegialität und Zusammenarbeit die Basis zu diesem Buch überhaupt erst gelegt haben. Last not least gilt der Dank auch den Ausbildungskandidaten, die sich dem gemeinsamen Lernen geöffnet haben. Sehr dankbar bin ich Kathrin Kastl, die die dritte Auflage als Lektorin geduldig und sorgfältig begleitet hat.
Wenn das Buch die Diskussion erweitert, die Praxis bereichert und dazu anregt, die vorgetragenen Gedanken kreativ weiterzuentwickeln, hat es seinen Zweck erfüllt.
| Öhringen, im April 2021 | Arne Burchartz |