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Anny von Panhuys

Die letzte aus dem Hause Wulfenberg

Roman

Illustriert von Adolf Wald

Saga

Die letzte aus dem Hause Wulfenberg

© 1953 Anny von Panhuys

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711570241

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Die Fürstin Alexandra von Wulffenberg sah sehr ernst und feierlich aus, als sie, sich kerzengerade aufrichtend in ihrem Armstuhl, die rechte Hand ihrer fünfzehnjährigen Enkelin, Prinzessin Margarete, erfasste.

In ihren halb unter schweren Lidern versteckten grauen Augen entglomm ein matter Schein von Wärme.

„Liebes Kind, du bist heute fünfzehn Jahre alt geworden und vernünftig genug, um mich schon zu verstehen, wenn ich dir von wichtigen, bedeutungsvollen Dingen rede.“ Sie liess die kleine Hand frei. „Setze dich auf den Hocker hier zu meinen Füssen, Margarete. So! Und nun höre zu, was ich dir mitteilen will.“ Sie sah auf das überschlanke Geschöpf nieder. „Schau mich an, Margarete!“ gebot sie.

Die Enkelin hob den Blick.

Tiefblaue Augen hatte das Mädchen, von unwahrscheinlich langen und dichten Wimpern umrahmt, und von kühn geschwungenen dunklen Brauen überspannt. Das Haar war glatt und schwarz, glänzend wie Rabenfittig, doch war es kurz und unschön verschnitten. Die feinen Züge waren unregelmässig und von gelblicher Blässe, der kleine Mund sehr rot, wie eine reife, blutfarbene Frucht.

Fürstin Alexandra, geborene Prinzessin Winterstein, war einmal berühmt gewesen wegen ihrer blonden, kühlen Schönheit. Sie fand die Enkelin hässlich.

Aber ihr Sohn hatte ja nicht auf sie hören wollen, hatte die braune, arme ungarische Komtesse geheiratet, eine Waise, die bei nicht allzu wohlhabenden Verwandten auf einem Gutshof weit draussen auf der Pussta untergekrochen war, bis er sie gelegentlich eines Jagdbesuches dort kennenlernte und schnell entschlossen zur Fürstin von Wulffenberg machte.

Bei der Geburt des kleinen schwarzhaarigen Töchterchens war sie gestorben.

Ihr Mann folgte ihr bald. Ein Wilderer sollte ihn erschossen haben.

Doch ward der Mörder nie aufgespürt.

Schade auch um das Suchen! hatte seine Mutter oft gedacht, denn sie wusste genau, ihr Sohn Ulrich hatte seinem Leben freiwillig ein Ende gemacht, weil seine angebetete Frau Aglaé ihn für immer verlassen hatte.

Da dachte er nicht mehr an seine Mutter, nicht mehr an sein erst wenige Tage altes Kind, da dachte er nur an sich und erlag der Versuchung, richtete die Waffe gegen sich selbst, weit draussen im Wald.

Doch sie trat dem Gerücht, dass ihr Sohn Selbstmord verübt, heftig entgegen, sie erzwang ihm eine so christliche Bestattung, wie sie dem letzten Fürsten Wulffenberg gebührte.

Die erwartungsvollen dunkelblauen Augen Margaretes rissen die alte Dame aus ihren in die Vergangenheit rückwandernden Gedanken. Das Schreckliche, das Schrecklichste, als man ihr den toten Sohn heimbrachte, war ja lange her, fast fünfzehn Jahre.

Ein paar Tage nach Margaretes Geburt geschah es.

Sie nickte der Enkelin zu in der Art, wie vielleicht eine unnahbare Herrscherin, die leutselig zu sein beabsichtigt, früher eine Audienz eröffnete.

Ihre schmalen Hände, durch deren zarte Blumenblatthaut die Adern bläulich schimmerten, lagen lässig im Schosse, das herbe, hochmütige Gesicht, um das sich schneeweiss das einst goldblonde Haar bauschte, zeigte einen Anflug von Farbe.

„Liebe Margarete, du weisst, dass du eine Prinzessin von Wulffenberg bist, die Tochter des letzten Fürsten Wulffenberg, dass du also keine beliebige Person bist, die tun und lassen kann, was sie mag, wie etwa die Töchter der Bauern.“

Margarete unterdrückte nur mühsam den Seufzer, der sich ihrer Brust entringen wollte.

Fürstin Alexandra aber war eine gute Beobachterin.

„Tut es dir etwa leid, dass ich dir nicht erlauben konnte, mit Bauer Dinges seinen Kindern herumspringen oder mit Müller Krauses frecher Liesel?“

Margarete wollte nicht lügen, denn sie hätte wer weiss was dafür gegeben, wenn sie sich ab und zu mit den Dorfkindern hätte unterhalten dürfen.

Sie schwieg.

Fürstin Alexandra dachte, da rührt sich das Blut der wilden Pusstakomtesse, die des Kindes Mutter gewesen.

Sie sagte hart: „Du heisst nicht Dinges und heisst nicht Krause, auch nicht Müller und Schulze. Menschen mit solchen Namen mögen tun, was sie wollen, niemand fragt danach und sie brauchen auf niemand Rücksicht nehmen. Wir aber müssen stets unseres Namens eingedenk sein.“

Das Mädchen sagte hastig: „Du erzähltest mir doch immer, Grossmama, wir haben keine nahen Verwandten mehr, nur wir beide brauchten noch zusammenzuhalten. Auf wen muss ich denn eigentlich noch Rücksicht nehmen?“

Die alte Dame sah unendlich hochmütig aus bei der Antwort.

„Auf deine Ahnen musst du Rücksicht nehmen, auf alle die Fürsten und Fürstinnen Wulffenberg, die vor uns gelebt haben, deren Bilder in der Bibliothek hängen. Die Fürsten Wulffenberg hatten früher viel mitzureden in Deutschland und sie waren Herren über weites Land. Sie regierten sogar, Gewalt über Leben und Tod ihrer Untertanen war ihnen gegeben. Und nun, Kind, will ich dir davon sprechen, was mir heute am Herzen liegt.“

Sie lächelte jetzt ein wenig.

„Das Fürstentum Wulffenberg existiert längst nicht mehr, nur der Titel erinnert noch an die Macht, die unsere Vorfahren einst besassen. Nur der Titel und die Krone der früheren Frauen unseres stolzen Hauses. Seit Generationen vererbt sie sich von Frau zu Frau in unserer Familie, und wenn auch seit mehr als hundertfünfzig Jahren keine Fürstin Wulffenberg mehr offiziell die Krone trug, so schmückten sie sich doch bei ganz besonderen Gelegenheiten mit dem Symbol ihrer Würde. Zum Beispiel trug sie jede Braut, die vor den Altar trat, um Fürstin Wulffenberg zu werden, über dem Brautschleier. Zuletzt zierte sie das Haupt deiner Mutter, vor ihr trug ich sie. Diese Krone ist das Heiligste und Wertvollste, was uns von allem ehemaligen Glanz geblieben ist. Und weil ich nicht weiss, wie lange ich noch lebe — es kann mir ja auch unerwartet etwas zustossen — will ich dir die Krone und ihren Aufbewahrungsort zeigen, will von dir schon heute das Versprechen, dass du, was dir auch die Zukunft bringen mag, die Krone ehren wirst, wie es sich gebührt. Du wirst hoffentlich einmal einen Mann heiraten, dessen Namen dem unseren ebenbürtig ist, dann mag das alte Erbstück in der Familie der letzten Wulffenberg pietätvoll aufgehoben werden, durch neue Generationen.“

Margarete schwirrte der Kopf, sie wusste nichts zu sagen. Alles, was die Grossmama gesprochen, klang so schwer und wichtig, legte sich wie eine drückende Last auf ihre schmalen Schultern.

Fürstin Alexandra erhob sich, ihr schwarzes, kreppbesetztes Kleid fiel an ihrer aufrechten Gestalt weitfaltig nieder. Sie trug seit dem Tode des Sohnes ständig Trauergewänder, und wenn sie ausfuhr mit der alten Kalesche, wogten langfallende düstere Schleier um das hochmütige, blasse Frauengesicht.

Sie verriegelte erst die Zimmertür, trat dann an die eine Seitenwand des von meterhohem Holzpaneel eingefassten Gemaches.

Das Paneel zeigte, in köstlicher alter Arbeit von peinlichster Sorgfalt, hochgeschnitztes Blumengerank und Früchte, wie Trauben und Aepfel.

Sie rief Margarete an ihre Seite, unterwies sie, wie man eine etwas kräftiger geschnitzte Weintraube in der Mitte teilen konnte, worauf eine Feder frei ward, auf die man drücken musste, um eine schmale Tür zu öffnen, die sich unauffällig in das Paneel einfügte.

„Komm!“ Sie nahm von ihrem Schreibtisch eine wohl vorher schon zurechtgelegte elektrische Taschenlaterne und führte, das Licht aufblitzen lassend, die Enkelin eine zehn Stufen zählende Treppe hinunter.

Beklommen folgte Margarete.

Sie vermochte sich gegen den unheimlichen Schauder nicht zu wehren, der ihr über den Körper lief, als sie den engen, von feuchten Kellerwänden begrenzten Gang betrat, auf dem ihr die alte Dame stolz und aufrecht voranschritt.

Der kleine Lichtkegel der Taschenlaterne schob voraus und Margarete musste unwillkürlich an den alten Märchenvers denken: Hinter mir Nacht und vor mir Tag, dass mich niemand sehen mag!

Der Gang hatte ein Ende, erweiterte sich plötzlich zu einem kaum drei Meter im Durchschnitt breiten Raum, der wie eine kleine Kapelle eingerichtet war.

Ein Tisch mit einem grossen Kruzifix, das auf schön gestickter Decke stand, fiel zuerst in die Augen. Die Wände waren mit Teppichen bekleidet und neben dem Kruzifix stand ein nicht allzugrosser antiker Kasten mit gehämmerten Eisenbeschlägen. Zwei schwere, silberne Leuchter mit nur wenig niedergebrannten Kerzen flankierten den Kasten.

Fürstin Alexandra holte unter der gestickten Decke Streichhölzer hervor, gleich darauf erstarb das elektrische Licht, die Kerzen flackerten auf.

Die alte Dame zog aus ihrem winzigen Halsausschnitt ein Kettchen hervor, an dem ein Schlüssel hing, und öffnete damit den Kasten, dessen Deckel sich plump hob und ein mit rotem, verschabten und brüchigem Samt ausgepolstertes Innere sehen liess.

Die schmalen, blaugeäderten Altfrauenhände langten in den Kasten, holten etwas Dunkelgoldenes, gross wie eine Männerfaust, daraus hervor, das mit einer Reihe von kleinen weissen und grünen Steinen umrandet war, die sich nach vorn vergrösserten und ganz vorn in vier kreuzförmig geordneten, daumennagelgrossen Steinen ihren Abschluss fanden.

Margaretes Auge blickte ehrfürchtig, als die alte Dame langsam und betont sagte: „Das ist die Krone der Fürstinnen von Wulffenberg. Unser alter Name ist mit deinem Vater im Mannesstamm erloschen, es wird nie mehr eine Fürstin Wulffenberg geben.“

Sie blickte hochmütig und zugleich wie verzückt auf die kleine geschlossene Krone.

„Schwöre mir auf das Kruzifix, dass du das Wertvollste, was unserem Hause geblieben ist, stets achten und ehren wirst, dass du die Krone beschützen willst vor Schimpf und Missbrauch, und sie nie verändern wirst. Ich meine, dass du nie daran denken sollst, etwa die Smaragden und Brillanten für irgendwelche moderne Schmucksachen umarbeiten zu lassen, dass du nie die Echtheit der uralten, köstlichen Steine antasten willst, die den Wert eines anständigen Vermögens repräsentieren, wenn nicht alleräusserste Not, die mit deiner Ehre verknüpft ist, dich dazu zwingt.“

Die fünfzehnjährige Prinzessin sah erschreckend bleich aus.

Die ganze Szenerie wirkte auf ihr noch kindliches Gemüt beunruhigend. Sie zitterte.

Die Fürstin legte mitleidig einen Arm um die sehr schmale Gestalt der Enkelin.

„Bist du dir der Wichtigkeit dessen, was du beschwören sollst, voll und ganz bewusst, Margarete?“

Das Mädchen erwiderte ernst den Blick der alten Dame.

„Willst du beschwören, was ich von dir forderte?“

„Jawohl, Grossmama!“

„Dann hebe die Schwurfinger auf und lege sie auf das Kruzifix, sage: ‚So wahr mir Gott in meiner letzten Stunde helfen möge, ich will in jeder Beziehung die Tradition der Krone unseres Hauses achten und ehren, soweit es in meinen Kräften steht, im Sinne meiner einzigen Verwandten, der Fürstin Alexandra von Wulffenberg!‘“

Fest und klar sprach die helle Mädchenstimme die Worte nach

Die weisshaarige Dame schien zufrieden, ihre Züge lösten sich ein wenig, wurden gütiger.

Sie schloss den Kasten wieder, reichte Margarete einen Schlüssel.

„Es gibt zwei Schlüssel zu dem Kasten, den einen davon sollst du von heute an bewahren, den andern hebe ich weiter auf bis zu meinem Tode, dann gib den meinen jemand, dem du voll vertraust.“

Das junge Mädchen nahm mit einem Gefühl von Stolz den Schlüssel entgegen.

Die Fürstin sagte leise: „Jetzt sollst du noch ein Geheimnis kennen lernen, das du wohl nie brauchen wirst. Aber es schadet dir auch nichts, wenn du es erfährst.“

Sie schob den Tisch von der Wand ab, hob den Teppich dahinter, und eine Oeffnung zeigte sich, knapp hoch und breit genug, um einen nicht allzu dicken Menschen gebückt hindurch zu lassen.

„Folge mir!“

Die elektrische Taschenlaterne trat wieder in Tätigkeit, der Lichtkegel erhellte einen neuen schmalen Gang, ähnlich dem, durch den man hierhergekommen. Doch ward dieser immer niedriger, nur tief gebeugt kam man vorwärts, um dann Halt zu machen vor einer glatten Steinplatte.

Die alte Dame flüsterte sehr leise, als fürchte sie, irgendwer könne sie hören: „Jenseits dieser Platte befindet sich der Dorffriedhof, und wenn man diese Platte stark nach rechts drückt, öffnet sie sich wie eine Schiebetür.“

Schon zeigten die alten und doch noch kraftvollen Hände der Fürstin, was ihr Mund eben erklärt.

Margarete, halb von kindlicher Neugier, halb von der Spannung getrieben, die diese ganze geheimnisvolle Sache in ihr erweckt, kletterte durch die Oeffnung und stand dann in der Gruft der Wulffenbergs, die sie genau kannte.

Nur war sie bisher stets vom Dorffriedhof hier eingetreten, hatte nicht geahnt, dass die Tafel in der Wand, auf der das Wappen der Familie, zwei Wölfe auf einer Erhöhung, eingraviert war, die Stelle einer Tür vertrat.

„Wir müssen auf demselben Weg zurück,“ flüsterte die Fürstin, „für den Notfall liegt dort drüben in der Urne ein Schlüssel der Grufttür, man kann sie von innen aufschliessen und ist dann auf dem Friedhof. Vor viel über hundert Jahren, als feindliche Kriegsbanden unserer Gegend nahten, hat ein Wulffenberg ein altes Schlossgeheimnis, das ihm die Sage überlieferte, wieder erweckt aus langer Vergessenheit.

Ehe die feindlichen Soldaten brandschatzend nahten, lagen schon alle Werte im Kellergange und die Herrschaft floh bei Nacht durch die Gruft und über den Friedhof zu Nachbarn. Die Teppichbekleidung der Wände, die Decke auf dem Tisch, die silbernen Leuchter sind von deinen Eltern arrangiert worden.“

Margarete atmete gepresst. Dass das ruinenhafte Schloss Wulffenberg so ein romantisches Geheimnis barg, war eigentlich wundervoll.

Durch den niedrigen Gang kehrten die beiden zurück in den kleinen Raum, wo noch immer die Kerzen flackerten, die von der alten Dame gelöscht wurden.

Wenige Minuten danach befand sich Margarete wieder in dem Wohnzimmer der Fürstin im Erdgeschoss, darin sich diese tagsüber am liebsten aufzuhalten pflegte, und sie hätte gemeint, alles wäre nur ein Traum gewesen, wenn ihre Augen nicht deutlich erkannt hätten, dass die eine Weintraube viel stärker in der Form war, als die anderen Früchte in dem prachtvoll geschnitzten Paneel.

Fürstin Alexandra reichte der Enkelin die Hand, über die sich das schmale Mädchen zum Kusse neigte.

„Nun gehe zu deinen Geschenken und zu Fräulein von Stein, mich hat die Unterredung erregt, ich möchte bis zum Mittagessen allein und ungestört bleiben.“

Margarete verliess das Zimmer, suchte ihr Mädchenstübchen auf. Doch beachtete sie den Geschenktisch, den ihr die Grossmama heute früh aufgebaut, kaum. Sie sass am Fenster, starrte in das Geäst der Parkbäume und erschrak, als Fräulein von Stein eintrat.

„Sie haben mein Anklopfen überhört, Prinzessin,“ sagte sie wie entschuldigend.

Margarete wandte ihr blasses Gesicht der hübschen, rotwangigen Dame zu, die zugleich ihre Lehrerin und Gesellschafterin war und ungefähr sieben Jahre älter sein mochte als sie selbst.

Margarete lächelte.

„Grossmama hört es ja nicht, Else. Sage nur ruhig du zu mir wie sonst, wenn mich meine steife Würde langweilt.“

Else von Stein nickte.

„Ach, Gretel, eigentlich hätte ich nie so keck sein dürfen, wie du es gewünscht. Erwischt uns die Fürstin einmal bei den Vertraulichkeiten, dann fliege ich.“

Die Prinzessin stimmte zu.

„Das ist sicher, Else, aber wir nehmen uns ja in acht. Ich höre es so gern, wenn man zu mir ‚Gretel‘ sagt. Und jetzt muss ich in den Park. Hans Westfal will mir gratulieren. Um zwölf Uhr wird er kommen.“

Else von Stein fuhr sich über das hellbraune, leicht gelockte Haar, das sich in Schneckenform über die Ohren legte.

„Gretel, die heimlichen Zusammenkünfte mit dem Sohn des Dorfschmiedes müssen bald ein Ende nehmen. Ihr seid beide keine Kinder mehr. Du bist fünfzehn und er einundzwanzig. Ich bitte dich, das geht doch nicht.“

Die Prinzessin lächelte ganz sanft.

„Natürlich geht es. Ich habe dir doch erzählt, was Hans Westfal für ein Held ist. Er hat mich, als ich durchs Dorf spazierte, vor einem durchgehenden Pferd zurückgerissen. Ich war damals acht Jahre, er vierzehn, und er war auf Ferien hier vom Gymnasium. Jetzt hat er wieder Ferien, er ist doch nun auf der technischen Hochschule in Charlottenburg.“ Sie zog die feinen Brauen dicht zusammen. „Er ist riesig gescheit, und er sagt, er wird später mal ein ganz Grosser in seinem Fach werden. Ich glaube das auch bestimmt.“

„Aber, Gretel, es gehört sich nicht, dass eine Prinzessin Wulffenberg sich immer heimlich mit dem Sohn des Dorfschmiedes trifft, wenn er auf Ferien heimkommt. Als ihr jünger waret, mochte es ja noch angehen, aber jetzt musst du damit aufhören, ihn im entlegenen Teil des Parkes zu empfangen.“

„Liebe Else, ich begreife nicht, weshalb du mir die harmlose Freude vergällen willst. Ich habe Hans Westfal furchtbar gern, und wer weiss, wie oft ich ihn noch sehen kann. Denn wenn sein Studium abgeschlossen ist, will er ins Ausland, sich den Wind um die Nase wehen lassen, wie er sagt. Vielleicht kommt er dann überhaupt nicht mehr wieder, und heiraten wird er ja auch mal, dann ist’s doch vorbei mit unseren netten Plauderstündchen.“

Else von Stein dachte gerührt, sie durfte dem kindlichen Geschöpf die Harmlosigkeit nicht nehmen. Margarete ahnte nicht, dass Hans Westfals einundzwanzig Jahre vielleicht Hoffnungen und Träume hegten, die ihm das Leben nicht erfüllen würde, denn Margarete Wulffenberg war zum grossen Teil ein Erziehungsprodukt der hochmütigsten, adelsstolzesten Frau, die sie kannte.

Die Letzte aus dem Hause Wulffenberg würde niemals einem Unebenbürtigen die Hand zum Bund fürs Leben reichen.

„Du warst vorhin lange bei der Fürstin, Gretel,“ sagte Else von Stein.

Es klang ein wenig fragend.

Die Jüngere nickte.

„Grossmama besprach Familienangelegenheiten mit mir,“ erwiderte sie kurz.

Else von Stein kannte den Ton, in dem eine leichte Mischung von dem Hochmut der Fürstin war.

Sie lachte: „Nicht wahr, jetzt soll ich wieder ‚Prinzessin‘ und ‚Sie‘ sagen?“

„Verzeihung, Else, ich würde dir gern erzählen, was Grossmama mit mir redete, aber ich besitze kein Recht dazu.“

Else von Stein erwiderte ernst: „Du weisst, Gretel, ich bin nicht neugierig. Aber du solltest dich heute an deinem Geburtstag doch etwas eleganter anziehen.“

Margarete lachte fast übermütig.

„Wenn man dich so hört, könnte man meinen, mir ständen mehrere reichgefüllte Kleiderschränke zur Verfügung. Und ausser dem grauen Leinenkittel verfüge ich doch nur noch über ein rosa und ein weisses Waschkleid. Drei Kleider für den Sommer, zwei für den Winter, das ist mein Toilettenarsenal, das weisst du.“

„Also entscheide dich für das weisse, ich stecke dir eine Rose an und dann siehst du festlich genug aus.“

Die Jüngere nickte vergnügt.

„Natürlich, was mir sonst noch an Glanz fehlt, ersetzt mein Titel.“

Sie ging an den lackierten schmalen Schrank, entnahm ihm ein sehr schlicht gearbeitetes weisses Stickereikleid, das sie, den grauen Hänger abstreifend, überwarf.

Else von Stein sah ihr dabei zu.

„Früher hätte ich mir nicht vorstellen können, dass sich eine leibhaftige, waschechte Prinzessin so ohne jede Hilfe anzuziehen versteht. Meine Urgrossmutter war Hofdame bei deiner Urgrossmutter, die aus russischem Fürstenhaus stammte. Meine selige Mutter erzählte mir noch von dem, was Urgrossmutter einst erzählte. Dass bei der Toilette der aus Russland gebürtigen Dame vier Zofen herumknicksen mussten und zwei Hofdamen.“

Margarete reckte die überschlanke, fast knabenhafte Gestalt, zupfte das Kleid zurecht.

„Wir Wulffenbergs sind arm, sehr arm, die russische Urgrossmutter soll sogar, weil sie so verschwenderisch gewesen, ein grosser Teil der Schuld treffen, dass wir so arm geworden sind.“

Sie musste an das Krönlein aus dunklem Golde denken, und an die glitzernden Steine daran. Sie verstand nichts von Juwelen, aber sie mussten grossen Wert besitzen, denn die Grossmama hatte gesagt, sie repräsentierten ein anständiges Vermögen.

Das Krönlein hatte noch kein Wulffenberg anzutasten gewagt, obwohl man dafür vielleicht so manches hätte anschaffen können, was den Wulffenbergs seit langem fehlte.

Else von Stein entnahm einer kleinen Vase, die auf dem Geburtstagstisch stand, eine mattgelbe Rose, befestigte sie am Halsausschnitt des weissen Kleides.

„Dein Haar müsste einmal unter die Hände eines geschickten Friseurs, der Barbier im Dorfe hat dich ganz verschandelt.“

Margarete machte eine gleichgültige Miene.

„Mir ist’s so schnuppe, wie ich aussehe, und Grossmama wird mich, was ich auch tue, immer hässlich finden. Als ich noch ganz klein war, hat sie mich manchmal verächtlich ‚Zigeunerbalg‘ genannt. Und eigentlich hat sie recht, denn ich bin zu dunkel und garstig. Alle Frauen unserer Familie sind blond oder gar goldblond gewesen, man kann sich ja davon in der Bibliothek, wo die Familienbilder hängen, überzeugen. Nur Mutter war dunkel, aber sie war doch sehr hübsch.“

Else von Stein dachte, dass die letzte Wulffenberg wahrscheinlich auch einmal so sehr hübsch werden würde, wie ihre Mutter gewesen, aber sie schwieg, Margarete glaubte ihr das doch nicht.

„Lernen brauche ich wohl heute nix,“ lächelte Margarete, „und nun ist’s auch Zeit, ich hörte es eben zwölf schlagen, Hans Westfal wartet.“

Sie verliess, ohne sich noch um eine Erwiderung zu kümmern, das kleine Zimmer, huschte über eine in den Park führende Wendeltreppe, die sehr selten benützt wurde, und wanderte dann durch einen von Strauchwerk fast verwachsenen Weg bis zur Mauer, die den rückseitigen Teil des Parkes begrenzte.

Ein niedriger, uralter Pavillon lehnte sich an die Mauer, eine Tür daneben führte direkt in den Wald, der noch zu Lebzeiten von Margaretes Vater Wulffenbergsches Eigentum gewesen, aber schon so stark verpfändet war, dass die Fürstin Alexandra ihn hatte abgeben müssen.

Herrlicher dichter Buchenwald war es, der jenseits der Mauer begann.

Nahe am Wald, nach rechts hinüber, lag der Dorffriedhof, unweit davon die Schmiede.

Margarete öffnete mit einem grossen Schlüssel, der in einer kleinen natürlichen Mauernische gut versteckt lag, die alte Eisentür. Doch Hans Westfal war noch nicht da.

Sie spähte aus.

O, da von rechts kam eilig eine kraftvolle Jungmännergestalt, ein Taschentüchlein flatterte ihr grüssend entgegen.

Margarete spürte ein Frohsein, dass sie dem Kommenden am liebsten laut entgegengejubelt hätte.

Schon hatte er sie erreicht.

Sie streckte ihm die Rechte entgegen, und das Frohsein in ihr ward stärker, als sie in die strahlenden Grauaugen sah, die etwas so Kraftvolles, Selbstbewusstes hatten, wie der ganze Mensch.

Sie zog Hans Westfal in den Park, in den Pavillon.

Sie wusste, bis hierher kam Grossmama auf ihren seltenen Spaziergängen nie, sie liebte es, nur im oberen Teil des Parks ein wenig auf und ab zu wandeln.

Der Pavillon enthielt wenig Mobilar. Ein altes Sofa mit brüchigem, fast farblos gewordenem Damast, zwei dazu passende Sessel und das Bild eines Buckligen in Narrentracht, das aus Zeiten stammte, da die Wulffenbergs noch sehr mächtig waren und auch der Hofnarr zu ihrer Kurzweil nötig gewesen.

Es sollte ein Westfal gewesen sein, ein Vorfahre der seit Jahrhunderten im Dorfe ansässigen Schmiedsfamilie.

Hans Westfal stand mitten im Pavillon, lachte Margarete an.

„Mädel, was bist du so gross geworden. Mutter hat mich schon darauf vorbereitet. Sie sagte mir, dass sie dich vorgestern gesehen und dir, wie ich ihr geschrieben, bestellt hätte, ich würde heute um zwölf am alten Platze sein.“ Er ward ernster, musterte Margarete scharf. „Bist doch noch dieselbe, Mädel, ich hatte nach Mutters Reden schon Angst, du hättest dich sehr verändert.“

Er fuhr sich über die Stirn, die sorgfältig gescheiteltes dunkelblondes Haar umrahmte.

„Einmal wirst du ja doch wohl eine grosse Veränderung durchmachen müssen, Gretel, einmal, wenn in dir die Prinzessin durchbricht. Du, Mädelchen, davor fürchte ich mich, denn dann ist unsere Jugend, die frischeste Jugend vorbei.“

Margarete zeigte lächelnd die schneeweissen Zähne

„Die Prinzessin in dem Sinne, wie du meinst, wird bei mir wohl nie durchbrechen.“

„Ja, Gott bewahre dich davor, dass das wahnwitzig hochmütige Wulffenbergblut einmal in dir wach wird, Mädelchen. Zu schade wäre es um dich.“

Margarete klopfte auf das Sofa, es flog kein Staub auf. Sie staubte öfter hier ab, es war alles noch sauber.

„Komm, Hans, wollen uns setzen, erzähle mir von deinem Studium und dem Leben draussen.“

Sie sassen dann nebeneinander, der ziemlich breitschulterige Hans Westfal, dessen helle, klare Züge freimütig und kühn waren, und die schmale, dunkelhaarige Prinzessin, in deren gelblich blassem Gesicht der allzu rote Mund von Gier nach Genuss sprach.

Dieser brennend rote Mund, der zu den tiefen, fast ein wenig melancholischen Blauaugen nicht zu passen schien.

Hans Westfal lächelte.

„Weisst du noch, Gretel, so wie heute treffen wir uns schon seit sechs Jahren und ich muss dir also seit sechs Jahren erzählen, wie es draussen in der Welt aussieht, wenigstens in dem kleinen Ausschnitt, den ich davon schon kennen lernte Vierzehn Jahre war ich, als ich hier zum ersten Male neben dir sass. Du warst ein pudelnärrisches kleines Ding, verehrtest mich wie einen Heiligen, weil ich dich vor einem durchgegangenen Pferd zurückriss. Zur Belohnung liessest du mich heimlich in den Park, zeigtest mir hier im Pavillon das Bild.“

Seine eine Hand wies zu dem ziemlich grossen Gemälde empor, das an der sonst kahlen gegenüberliegenden Wand hing.

„Du wusstest damals schon, dass der arme Kerl in dem bunten Lappenkleid und der Schelmenmütze ein Westfal gewesen und glaubtest mir mit der Mitteilung eine besondere Freude zu bereiten.“

Margarete unterbrach ihn.

„Die Zeiten sind ja längst vorbei, dass ein Mensch durch einen anderen öffentlich zum Narren erniedrigt werden konnte. Es braucht dich heute nicht mehr kränken, Hans, die Wulffenbergs, die einmal mächtig waren, sind heute arm, während die Nachkommen ihres Hofnarren begütert und wohlhabend wurden.“

Hans Westfal wandte ihr voll das Gesicht zu.

„Das stimmt, Gretel, aber es wurmt mich doch noch, wenn ich denke, dass ein Westfal hat Narrendienste tun und hat kuschen müssen vor übermütigem, launischem Herrenvolk.“

Seine Stirn, die sich eben verdüstert hatte, ward hell unter dem ein wenig mitleidigen Blick der dunkelblauen Augen.

„Reden wir von anderen Dingen! Vor allem, Gretel, meinen herzlichsten Glückwunsch.“ Er nahm ihre Rechte, drückte sie fest und innig. „Gretel, ich wünsche dir viel Gutes und Schönes, wünsche dir alles, was du dir vom Leben ersehnst und erhoffst!“

Das junge Mädchen blickte ins Leere.

„Ich habe nur den Wunsch, bald einmal hier heraus zu kommen und etwas von dem zu sehen, wovon man in den Büchern und Zeitungen liest.“ Ihr Blick traf jetzt den seinen. „Etwas Blutwarmes möchte ich erleben. Hier ist alles so verzaubert und schattenhaft.“

Er langte in seine Tasche.

„Gretel, ich habe dir auch ein kleines Geschenk mitgebracht.“

Er zog ein Etui hervor. „Du wurdest Ostern konfirmiert, ich konnte Ostern nicht kommen. Die Eltern besuchten mich in Charlottenburg, wollten sich auch einmal Berlin ansehen. Und den Ring hatte ich dir zur Konfirmation gekauft.“

„O, wie wunderhübsch!“

Margarete hielt den schmalen Goldreif ein wenig hoch, dass sich das Licht in den bunten Steinchen brach, mit denen Kreuz, Herz und Anker besetzt waren, die sich zur Breitseite des Ringes zusammenfügten.

Das Kreuz war aus winzigen Brillanten, das Herz aus kleinen Rubinen und der Anker aus Smaragden. Klar und weiss war die Farbe des Glaubens, rot die Liebe und die Hoffnung grün

Hans Westfal bat leise: „Stecke den Ring auf, trage ihn und —“

Margarete fiel ihm hastig ins Wort: „Grossmama würde fragen, von wem ich das Schmuckstück habe, und ich mag nicht lügen, sonst fände ich vielleicht eine Ausrede.“

Hans Westfals Stimme war ein wenig erregt.

„Nein, die Fürstin würde es nicht leiden, dass ein Nachkomme des Wulffenbergschen Hofnarren einer Wulffenberg einen Ring schenkt.“

Margarete sann flüchtig nach.

„Ich freue mich doch so sehr über dein wunderhübsches Geschenk, Hans. Bitte, sei nicht traurig, ich werde den Ring um den Hals tragen und manchmal, wenn ich genau weiss, Grossmama kümmert sich nicht um mich, was doch meist der Fall ist, dann stecke ich ihn an.“

Hans Westfal lächelte schon wieder.

„Gretel, ich komme gut voran auf der technischen Hochschule. Professor Tauber lädt mich oft ein, bespricht so vieles mit mir, man beneidet mich, nennt mich Streber. Aber das kümmert mich nicht.“ Seine Augen hatten jetzt einen fast schwärmerischen Schimmer. „Ach du, Gretel, ich kann ja mit niemand, ausser mit Professor Tauber, so von dem reden, was mich manchmal fast wehtuend quält. Er sagt, das sei der Betätigungsdrang in mir. Weisst du, oft sehe ich im Geiste wolkenhohe Eisentürme, sehe ich aufbäumende riesige Brücken, die über gewaltige Ströme führen und die schwersten Lasten tragen, dann wieder sehe ich über schwindelnde Abgründe eiserne Stege und mein Stolz ruft laut: Das alles wirst du später schaffen!“

Margaretes gelblich blasses Gesicht war von einer leichten Röte überhaucht.

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