Czytaj książkę: «Der Judaskuss»
Anna Grue
Der Judaskuss
Sommerdahls zweiter Fall
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg

Für Johan,
meinen Jüngsten – und Größten
Balleslev, ein Vorort von Christianssund, Donnerstag, 1. März 2007
Ein junger Igel schnüffelte sich durch eine dicke Schicht fauliger Blätter. Die warmen Tage im Februar hatten ihn einige Wochen zu früh aus dem Winterschlaf erwachen lassen. Jetzt lag die Temperatur um den Gefrierpunkt und der kleine Igel fror. Er musste so viele Kalorien wie möglich zu sich nehmen, um seine Widerstandskraft zu stärken. Der Igel gab sich nicht sonderlich viel Mühe, sich zu verstecken oder leise zu sein. Obwohl er sich in einem Wohngebiet mit vielen Menschen befand, war zu dieser Tageszeit von den Zweibeinern kein Laut zu hören. Die Vögel schüttelten sich im Schlaf, eine Maus huschte über die Blätter, und unter den Büschen an der Nordseite des Gartens strich eine gestreifte Hauskatze lautlos davon.
Als der Igel einige Meter am Bretterzaun zum Nachbargarten entlanggelaufen war, blieb er einen Moment mit bebender Schnauze an einem Schuppen stehen. Die Tür stand einen Spalt weit offen. Und aus diesem schmalen Spalt strömte ein Geruch, der das hungrige Raubtier neugierig werden ließ. In gewisser Weise roch es nach Nahrung – ein zerquetschter Regenwurm, eine zertretene Schnecke, ein neugeborenes Mäusejunges –, andererseits auch nach etwas ganz anderem. Etwas, das einmal lebendig gewesen war, so viel stand fest … aber war es essbar? Der Igel lief bis zur Türöffnung. Der Duft wurde stärker, süß und heftig. Das Tier blieb eine Weile an der Tür stehen, schnupperte und schnüffelte. Was immer dort drinnen lag, es war nicht nur tot, es war auch groß. Sehr groß. Viel zu groß für einen kleinen Igel. Schließlich behielt der Überlebensinstinkt die Oberhand über die Neugierde. Der Igel warf einen letzten Blick auf die Tür, drehte dann um und lief verblüffend rasch davon. Wenige Augenblicke später war er durch die Hecke verschwunden, auf der Jagd nach Beute in einer angemessenen Größe.
Es sollten einige Stunden vergehen, bevor andere bemerkten, dass etwas nicht in Ordnung war. Erst im Laufe des Vormittags begannen die Kollegen des Toten, sich zu wundern; so spät kam Mikael normalerweise nie zur Arbeit, hieß es. Sie wiederholten den Satz gegenüber ihrer Chefin, die in immer kürzeren Intervallen ihren Kopf in das Großraumbüro steckte und nach dem jungen Mitarbeiter fragte. Um halb elf hatte Mikaels engste Kollegin mehrfach vergeblich versucht, ihn anzurufen – sowohl auf dem Festnetz wie auf seinem Mobiltelefon. Sie ging zur Direktorin.
»Mir gefällt das nicht«, sagte Lotte.
»Mir auch nicht«, erwiderte die Chefin. »Kannst du nicht hinfahren und nachsehen, ob alles okay ist?« In einem sanften Bogen warf sie einen Autoschlüssel über den Schreibtisch. »Wenn er nicht zu Hause ist, müssen wir bei den Krankenhäusern nachfragen.«
Lotte ging zum Parkplatz, auf dem ein kleiner dunkelblauer Personenwagen mit dem Logo und dem Slogan der Firma stand. Sie fuhr die kurze Strecke bis Balleslev am östlichen Ende von Christianssund. Ein friedliches Viertel, in dem sich große gelb geklinkerte Häuser mit Reihenhäusern hinter weiß lackierten Geländern abwechselten. Das Viertel war überladen mit Immergrün, Thuja, Tannen, Taxus … Irgendwann in den Sechzigern, als die Leute in die neu gebauten Häuser zogen, hatte man sie als kleine, nette Büsche gepflanzt, jetzt waren sie zu bedrohlichen Monstern herangewachsen, die jeden Sonnenstrahl abschirmten. Lotte parkte vor einem der Reihenhäuser am Kiplings Vænge; am Zaun hing ein kobaltblauer Briefkasten. Sie musste nicht auf das Namensschild sehen, sie war schon einmal hier gewesen; vor ein paar Monaten hatte sie Mikael abgeholt, um mit ihm zu einem zweitägigen Seminar ins Hotel Nyborg Strand zu fahren. Er hatte einen etwas verlegenen Eindruck gemacht, weil er noch immer zu Hause bei seiner Mutter wohnte. Mit Recht, dachte sie jetzt, als sie die wenigen Meter bis zur Haustür ging. Auf jeden Fall hatte er die Chancen vertan, die er bis zu diesem Tag möglicherweise bei ihr gehabt hätte.
Sie hörte die Klingel deutlich, abgesehen davon war es absolut still im Haus. Kein Ton drang heraus, auch nicht, als Lotte ein zweites und drittes Mal klingelte und in die Knie ging, um durch den Briefschlitz zu rufen. Sie blieb in der Hocke sitzen, horchte angestrengt, aber sie hörte kein Lebenszeichen.
Lotte erhob sich und wischte sich etwas Staub von den Knien. Dann trat sie auf den Bürgersteig, wandte sich nach rechts und klingelte an der Tür der Nachbarn. Augenblicklich wurde geöffnet. Lotte war sofort klar, dass der kränklich aussehende Herr sie beobachtet hatte. »Ja?«, fragte er. Ein krankhaft dünner Mann mit papiertrockener Haut und dunklen Rändern unter den Augen.
»Entschuldigen Sie die Störung«, sagte sie mit einem Lächeln, von dem sie hoffte, dass es entwaffnend wirkte. »Mein Name ist Lotte Bendtsen, ich bin eine Kollegin von Mikael. Also dem Sohn aus dem Haus Nr. 14.« Ihre ausgestreckte Hand blieb unbeachtet in der Luft hängen. Sie ließ sie fallen. »Ich dachte, vielleicht wissen Sie …«
»Sie sind verreist«, antwortete der Mann und schob die Tür zu.
Lotte legte eine Hand auf die Klinke, um noch ein paar Sekunden herauszuschinden. »Beide?«
»Der Sohn arbeitet. Das werden Sie doch wohl wissen, als seine … Kollegin.« Er ließ das Wort wie eine besonders große Unterstellung klingen.
»Nun ja, das ist es ja gerade …« Lotte hielt noch immer die Klinke fest. »Er ist nicht zur Arbeit erschienen, und nun sind wir ein wenig beunruhigt.«
»Ich weiß nichts. Gehen Sie!« Diesmal warf er die Tür zu. Lotte blieb stehen und starrte auf das gelb getönte Reliefglas des kleinen Gucklochs. Sie hätte dieses hässliche Fenster gern eingeschlagen und diesem Muffelkopp irgendetwas Kindisches zugeschrien, aber sie behielt die Fassung und ging zurück zum Auto.
Eine Weile betrachtete sie die Seite an Seite in einer geschlossenen Zeile stehenden Häuser. Man konnte nicht um sie herumgehen. Um vom Vorgarten in den Garten hinter dem Haus zu kommen, musste man durchs Haus. Was machten die Leute bloß, wenn sie vorne und hinten den Rasen mähen wollten? Schleppten sie den Rasenmäher über die Auslegeware und fuhren mit dem Staubsauger hinterher? Lotte konnte es sich nicht vorstellen. Es musste einen anderen Weg in die Gärten hinter den Häusern geben. Sie ging bis zum Ende der Straße und bog um die Ecke. Und richtig. Auf der Rückseite verlief ein breiter Weg, der auf beiden Seiten von hohen Bretterzäunen mit Pforten zu den Häusern begrenzt wurde. Auf jeder einzelnen Pforte standen sorgfältig Straßenname und Hausnummer, die meisten waren mit soliden Hängeschlössern gesichert. Als Lotte die Pforte zu Nr. 14 offen stehen sah, war sie so erleichtert, dass sie vollkommen vergaß, sich darüber Gedanken zu machen, warum das Hängeschloss und der Riegel, der eingerastet sein sollte, auf dem Boden lagen. Die Teile waren noch immer zusammengeschlossen, und die acht Schrauben steckten noch in ihren Löchern – als hätte jemand das ganze Schloss mit einem Ruck herausgehebelt.
Vorsichtig betrat Lotte den Gartenweg, wobei sie auf Reaktionen hinter den Fenstern des Hauses achtete. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sich im Nachbarhaus eine Gardine bewegte. Das Risiko, dass jeden Moment die Polizei auftauchen und sie festnehmen könnte, ließ sie innehalten. Schließlich schüttelte sie dieses Gefühl ab und ging weiter auf das Haus zu. Sie legte die Hände um die Augen und drückte ihr Gesicht ans Fenster des Erdgeschosses. Ein Wohnzimmer. Ziemlich anonym. Schwarze Ledermöbel. Ein überdimensionierter Flachbild-Fernseher, violette Usambaraveilchen auf dem Fensterbrett. Auf dem Glastisch standen ein benutzter Teller, ein fast leeres Glas Milch und ein zusammengeknülltes Stück Küchenrolle. Sie klopfte mit den Knöcheln an die Scheibe und rief nach Mikael, es gab keine Reaktion. Einen Moment überlegte Lotte, den Gartentisch an die Mauer zu schieben und einen Stuhl daraufzustellen, um hinaufzuklettern und einen Blick ins Fenster des ersten Stocks werfen zu können, gab den Plan jedoch sofort wieder auf. Sollte der Idiot von nebenan wirklich die Polizei gerufen haben, wäre es nicht gerade hilfreich, wenn die Ordnungshüter sie auf einer provisorischen Leiter fänden. Erst als sie zurück zur Pforte ging, bemerkte sie den grün gestrichenen, von Efeu überwucherten Schuppen, der sich kaum vom Gebüsch in der hintersten Ecke des Gartens unterschied. Die Tür des Schuppens stand einen Spalt weit auf, und noch bevor sie es bereuen konnte, hatte Lotte zugegriffen. Langsam drehte sich die Tür nach außen und gab den ungeschützten Blick ins Innere frei. Was auf dem Boden lag, war klar zu erkennen.
Mit einem Krachen knallte die Schuppentür wieder zu, und Lottes hysterischer Schrei übertönte für einen Moment das Geräusch der sich nähernden Sirenen. Vorbei war es mit dem Frieden am Kiplings Vænge. Unablässig kamen und gingen für den Rest des Tages fremde Menschen, die hinter den Absperrungen zu tun hatten, während die Anwohner und eine Gruppe Journalisten die Aktivitäten von der anderen Seite des rot-weißen Absperrbandes verfolgten. Kriminaltechniker, Rechtsmediziner, Polizeifotografen, Sanitäter, Kriminalbeamte in Zivil. Selbst diejenigen, die mit alldem nicht zu tun haben wollten, konnten sich nicht entziehen. Der unwirsche Nachbar, der, wie sich herausstellte, nierenkrank war, wurde im Laufe des Tages mehrfach vernommen; und auch Lotte musste eine gründliche Erklärung und ihre Fingerabdrücke abgeben, bevor sie auf Anraten des Arztes etwas zur Beruhigung einnehmen durfte.
Abgesehen von der Mutter des Toten, die zutiefst schockiert aus einem Bibelcamp abgeholt werden musste, war Lotte von den Ereignissen am meisten gezeichnet. Der Anblick von Mikael Kjeldsens Leiche hatte sich auf ihre Netzhaut gebrannt; sie würde diesen Anblick nie wieder vergessen, wie viele Psychologen und Therapeuten ihr auch zu helfen versuchten. Obwohl sie es nie zugegeben hätte, war sie doch erleichtert, das Gesicht des toten Mikael nicht gesehen zu haben. Sie wagte nicht daran zu denken, wie es gewesen wäre, in seine leeren blauen Augen zu schauen und ein letztes Mal den spärlichen Ansatz seines Schnurrbarts zu sehen. Die Leiche hatte auf dem Bauch gelegen, mit den Beinen an der Tür, umgeben von zerschlagenen Blumentöpfen, halb abgespulten Bindfadenrollen und einer Menge Blumenstäbe in verschiedenen Längen. Sein linker Arm steckte unter dem Schenkel, der rechte ragte nach vorn, in einem hässlichen Winkel an die Wand des Schuppens gedrückt. Dort, wo sein Kopf hätte sein sollen, lag ein grauer massiver Kasten, ein ausgemusterter alter Computerbildschirm der großen und unhandlichen Sorte. Was wog so ein Ding? Acht Kilo? Zehn? In einem Chaos aus Blut, Glassplittern, Knochenstümpfen und Hirnmasse lag der Bildschirm so dicht auf dem Betonboden, dass darunter unmöglich Platz für einen Kopf sein konnte. Irgendjemand hatte den schweren Bildschirm mit großer Kraft auf Mikaels Hinterkopf geschlagen, vielleicht, als er gerade etwas von einem der Regalbretter nehmen wollte. Sie könnte versuchen, das Bild seines misshandelten Körpers zu verdrängen, aber sie wusste, dass es ihr nie gelingen würde.
Auch den Anblick des Bluts würde sie nicht vergessen. Es war überall, bedeckte den Boden, durchtränkte seine Jogginghose und das T-Shirt; es hatte die Bretterwände bespritzt und den Rasenmäher die Farbe wechseln lassen – als hätte ihn jemand schwarzrot angesprüht. Und dann war da noch dieser Geruch: stickig, süßlich, metallisch. Wie der Geruch, der von einem vakuumverpackten Rinderfilet aufsteigt, wenn die Plastikhülle aufgeschnitten wird. Nie wieder würde sie sich einen Splatterfilm ansehen können, dachte sie, und als hässliche Assoziation ging ihr noch ein unerquicklicher Gedanke durch den Kopf: Wer würde den Schuppen später sauber machen? Der Mutter war doch keinesfalls zuzumuten, die makabren Reste ihres einzigen Kindes selbst zu entfernen? Wäre Lotte etwas robuster gewesen, hätte sie möglicherweise ihre Hilfe angeboten, aber so, wie die Sache im Moment stand, musste sie um ihrer selbst willen möglichst großen Abstand halten.
Bevor sie endlich einschlief, dachte sie noch kurz an das merkwürdig filigrane Muster auf den Fliesen vor dem Schuppen: eine feine glänzende, schwarzrote Bordüre von kleinen Pfoten – wie die Spur eines sehr kleinen Tiers, das dem Schuppen etwas zu nahe gekommen war, als das Blut noch nicht geronnen war.
Erster Teil
1 / Samstag, 3. März 2007
Die ersten blassen Strahlen der Morgensonne bahnten sich ihren Weg zwischen den Lamellen der Jalousie; sie trafen auf das Fußende des Betts und den Rand des herunterhängenden Lakens, das den Boden streifte. Ursula hatte Rückenschmerzen, aber bewegen wollte sie sich auch nicht, um nicht zu riskieren, ihn zu wecken. Sie wollte den Anblick ihres jungen Liebhabers genießen, ohne dass er es wusste. Wenn er bemerkte, dass sie ihn betrachtete, würde er sie möglicherweise ebenfalls anschauen wollen. Und sie mochte nicht, dass jemand ihre nackte Haut bei Tageslicht sah. Er musste nicht unbedingt auf den Kontrast zwischen ihrer schlaffen, mit Sommersprossen übersäten Hülle und seiner eigenen seidenweichen Haut aufmerksam gemacht werden. Straff und geschmeidig umgab sie ihn, jeder einzelne Muskel, jede Sehne, jeder Knochenvorsprung zeichnete sich so scharf ab, als wäre er aus marzipanfarbenem Marmor gehauen. Jedes Mal, wenn sie ihr eigenes weiches, schlaffes Bauchfell mit seinem flachen, harten Unterleib verglich, zog sich etwas in ihr zusammen. Ihr wabbliges Oberarmfleisch gegen seinen wohldefinierten Bizeps. Ihre dreiundfünfzig Jahre gegen seine neunundzwanzig.
Diese Zeit am frühen Morgen war so kostbar. Aus Furcht, den Zauber zu brechen, wagte sie kaum zu atmen.
Plötzlich öffnete Jakob die Augen. Sie waren auf sie gerichtet, allerdings ließ sich ihr Ausdruck nur schwer erkennen. Sein Gesicht befand sich nur fünfzehn Zentimeter von ihrem entfernt, viel zu nah, um etwas anderes von ihm zu sehen als ein unscharfes Bild. Normalerweise trug Ursula ihre Lesebrille nicht im Bett; ein Impuls sagte ihr, den Kopf zurückzunehmen und die Augen scharf zu stellen, doch sie bekämpfte den Drang und lächelte stattdessen versuchsweise. Seine hübschen grüngrauen Augen schlossen sich wieder, ohne dass er eine Miene verzogen hätte. Falscher Alarm. Er schlief noch. Er schmatzte ein paarmal im Schlaf, drehte ihr den Rücken zu und zog bei dieser Bewegung die gesamte Bettdecke mit sich. Nicht, dass es ihr etwas ausgemacht hätte. Ihre Hitzewallungen würden sie schon warm halten, obwohl sie nun ungeschützt und nur mit einem dünnen Nachthemd bekleidet im Bett lag.
Vorsichtig brachte Ursula sich in eine angenehmere Position, die Schmerzen im Rücken ließen schlagartig nach. Sie seufzte erleichtert, wippte mit den Füßen und spürte sofort, wie das Blut freier durch die Adern floss. Sie zwang sich, ruhig und entspannt zu atmen, darauf zu vertrauen, dass er nicht im Laufe der nächsten Stunde erwachte. Sie schätzte die Stille dieser frühen Morgenstunden, des einzigen Zeitpunkts am Tag, an dem sie ungestört über ihr einzigartiges Glück nachdenken konnte.
Ursula Olesen kannte Jakob Heurlin seit vier Monaten, einer Woche und zwei Tagen, und in dieser Zeit hatte es tatsächlich keine wache Minute gegeben, in der sie nicht an ihn gedacht hatte. Wenn sie unterrichtete, wenn sie fernsah, wenn sie aß, trank oder auf die Toilette ging. Alles erinnerte an ihn. Das Gefühl des Stoffs auf der Haut, wenn sie morgens eine frisch gebügelte Bluse über den Kopf gleiten ließ, die Stimmen der Nachrichten durch die geschlossene Küchentür, der Geschmack von trockenen Zimtschnecken, der Anblick eines türkisfarbenen Pinselstrichs auf einer weißen Leinwand. Ihre Sinne hatten ihn verschlungen, so wie ihr Körper ihn empfangen hatte und mit seinem eins geworden war. Er war in sie übergegangen, ein Teil von ihr.
Natürlich hatte Ursula schon geliebt. Genug, um zweimal verheiratet gewesen zu sein; genug, um ihre Tochter Anemone bekommen und untröstlich geheult zu haben, als ihre Ehen vorbei waren. Aber nie, niemals wie jetzt. Nie zuvor hatte sie es wie Magie empfunden, wie ein … nun ja, Wunder. An diesem Wort kam man nicht vorbei, dachte sie und ließ die Augen über Jakobs nackten Rücken gleiten. Die Sonnenstrahlen strichen nun über ein Schulterblatt, den Nacken und die sich deutlich abzeichnenden Muskeln auf jeder Seite des perfekten Bogens seiner Wirbelsäule. Er hatte eine kleine, längliche Tätowierung auf der rechten Schulter, ein indisch aussehendes Wort.

Es bedeutet ›Farbe‹, hatte er gesagt. Eine einleuchtende Wahl für einen Mann, der sein Leben der Malerei gewidmet hatte. Oder besser: den Materialien der Malerei. Das hatte sie zusammengebracht: ihr gemeinsames, glühendes Interesse für die Kunst.
Ursula hatte den größten Teil ihres Lebens Kunst und Fotografie an Abendschulen und einer technischen Schule unterrichtet. Nach ihrer zweiten Scheidung vor zwölf Jahren hatte sie sich am Egebjerg-Internat beworben und die Stelle bekommen – ein Job mit einer dazugehörigen Wohnung für sie und ihre Tochter. Als Anemone vor ein paar Jahren nach Berlin gezogen war, um zu studieren, hatte sie die Wohnung zunächst als ein bisschen leer empfunden. Allerdings fiel es schwer, sich richtig einsam zu fühlen, wenn man mit achtzig bis neunzig Schülern und elf Lehrerkollegen zusammen lebte, bei denen es sich mehr oder weniger automatisch auch um ein enges privates Umfeld handelte. Das Leben als Alleinstehende hatte Ursula daher auch nicht nennenswert gestört, nachdem die erste Umstellungsphase vorbei war. Sie hatte sich ohne allzu großen Verdruss darauf eingestellt, für den Rest ihres Lebens allein zu leben.
Hübsch war sie nicht, jedenfalls nicht in ihren eigenen Augen. Doch ihr volles hennafarbenes Haar, das zu einem exakten Pagenkopf frisiert war, ihre humorvollen braunen Augen und ihre flinken, energischen Bewegungen machten sie zu einer faszinierenden Person, die beachtet wurde. Ursula Olesen war eine Frau, die andere Menschen gern kennenlernen wollten, und Jahrgang für Jahrgang war sie die Lieblingslehrerin ihrer Schüler, obwohl sie selbst nicht richtig verstand, warum.
An einem Montag Ende Oktober, vor vier Monaten, einer Woche und fünf Tagen, hatte Ursula die E-Mail einer Firma namens Future Colours bekommen. Eigentlich wollte sie sofort auf die Löschtaste drücken. Sie bekam so viele Reklamemails von Händlern mit Kunstbedarf, und allen war gemeinsam, dass sie die Budgets von Internaten grob überschätzten. Sie wollte keinen weiteren potenziellen Lieferanten enttäuschen. Trotzdem ließ sie das freundliche kurze Anschreiben neugierig werden. Der Inhaber der Firma, ein Jakob Heurlin, lud das Egebjerg-Internat ein, eine neue Serie Acrylfarben gratis zu testen. Future-Farben wären, so erklärte Herr Heurlin, ökologisch, lichtecht und trotzdem so billig, dass auch Lehranstalten mit verhältnismäßig bescheidenem Materialbudget sie sich leisten konnten.
Ursula traf einen raschen Entschluss und lud den Firmeninhaber zu einem Treffen drei Tage später ein. Der Donnerstagnachmittag war für administrative Dinge, Aufräumen, Planung und Ähnliches reserviert, warum nicht auch für ein Gespräch über Farben, dachte sie und klickte auf das Senden-Symbol. Sollte Heurlins Projekt völlig aussichtslos sein, würde sie ihn schon schnell wieder rausschmeißen.
Am Donnerstag hatte sie um vierzehn Uhr hinter der Gardine im Schulatelier gestanden und ihn aus dem Auto steigen sehen, einem etwas betagten Lieferwagen mit dem Logo von Future Colours auf der Seite. Hatte sie sich sofort in ihn verliebt? Oder passierte es in dem Augenblick, als er die Wagentür zuwarf und sie zum ersten Mal von seinem schimmernden blonden Haar geblendet wurde? Oder als er pfeifend die Hintertür seines Wagens öffnete und einen offensichtlich schweren Pappkarton auf eine verschrammte gelbe Sackkarre hob? Oder als er mit ruhigen, entspannten Bewegungen die Karre den Plattenweg hinaufschob und sie bemerkte, wie jung er war? Nein, dachte sie, erst einige Sekunden später war es passiert. Als er die Tür öffnete und sie sich gegenüberstanden. Sein Lächeln zog sich bis in die Augen, es sah aus, als würde die grüne Iris eine Spur farbintensiver, als er zum allerersten Mal seinen Blick auf sie richtete. Obwohl das wohl kaum möglich war.
Er hatte die Sackkarre in ihren Unterrichtsraum gewuchtet und ihre Hand gedrückt. Ihr in die Augen gesehen. Gelächelt. Und gelächelt. Hinterher hatte er behauptet, auch bei ihm sei es Liebe auf den ersten Blick gewesen, aber das konnte Ursula sich kaum vorstellen. Sie selbst war so überwältigt, dass sie Angst hatte zu stolpern, als sie seine Hand losließ und den Augenkontakt unterbrach. Sie hatte sich an einen Arbeitstisch stützen müssen, bevor sie sich umdrehte und zu dem kleinen Erker vorausging, in dem sie normalerweise ihre kleinen, informellen Gespräche mit Schülerinnen führte, wenn eine nach der anderen kam und über ihre Lieben, ihr Heimweh oder ihre Examensängste reden wollte – und am Ende des Schuljahres über ihren Kummer, weil die Zeit auf dem Internat bald vorbei sein würde.
»Kaffee?« Sie hatte bereits Tassen und eine Thermoskanne auf den niedrigen Tisch gestellt. Das Fensterbrett des Erkers stand voller Grünpflanzen, Asparagus, Grünlilien, Paradiesbäume.
»Sehr gemütlich haben Sie es hier«, hatte Jakob gesagt und eine Hand sanft über den Rücken eines Sessels gleiten lassen. Seine Finger waren lang und schmal, die Nägel sehr sauber. Wieder lächelte er, und Ursula musste sich hastig setzen, um nicht übergriffig zu werden. Du benimmst dich ja lächerlich, schimpfte sie mit sich. Wie eine liederliche Alte. Schluss jetzt.
»Nehmen Sie etwas in den Kaffee?« Ihre Hand zitterte ein wenig, als sie ihm die gefüllte Tasse reichte.
»Nein, danke.« Seine Finger streiften ihre Hand, und sie hatte das Gefühl, als würde sie sich jeden Moment auflösen.
Jakob fing an, seine ökologischen Farben zu beschreiben, zog einen Plastikbehälter nach dem anderen aus dem Karton und zeigte ihr die hübschen Etiketten im englisch-romantischen Stil. Dass seine Produkte frei von giftigen Substanzen waren, demonstrierte er, indem er den Deckel von einer grünen Farbe schraubte, die Spitze seines Zeigefingers in die Farbe steckte und sie ableckte. Lächelnd sah er ihr dabei in die Augen. Die Bewegung hatte nichts bewusst Erotisches, nichts Schlüpfriges, es war kein aufdringlicher Flirt. Trotzdem zielte sie direkt auf Ursulas Unterleib, der sich inzwischen in einem Zustand befand, in dem sie es nur im äußersten Notfall wagen konnte aufzustehen.
»Urs?« Ein junges Mädchen stürmte zur Tür herein und blieb abrupt stehen, als sie Jakob Heurlin bemerkte. »Entschuldigung! Ich komme später noch mal wieder«, sagte sie und begann ihren Rückzug.
»Komm ruhig herein, Laura«, rief Ursula. Ein wenig Ablenkung konnte nicht schaden. »Das ist Jakob Heurlin, der sehr schöne Farben herstellt …« Er erhob sich halb und streckte die Hand aus. »… und das ist Laura Sommerdahl, die praktisch ihre gesamte Freizeit nutzt, um zu malen. Sie wird höchstwahrscheinlich Ihre erste Testpilotin, Jakob.«
Heurlin und die Internatsschülerin gaben sich die Hand und murmelten einen Gruß. Ursula registrierte, dass Jakob nicht mehr als höfliches Interesse für die attraktive Siebzehnjährige zeigte, die mit ihrem nackten, flachen Bauch, ihren mandelförmigen Augen und ihrem ranken, eleganten Hals mehr als einen Blick wert war. Vielleicht ist er schwul, schoss ihr plötzlich durch den Kopf. Ja, das musste die Erklärung sein. Schwule flirten immer mit älteren Frauen. Das ist so herrlich unverbindlich für beide Seiten. In gewisser Weise war sie von ihrer Erkenntnis enttäuscht, auf der anderen Seite aber auch erleichtert. Es war schon in Ordnung, sich ein bisschen in einen jungen Mann zu vergucken, wenn die Beziehung von vornherein unmöglich war. So wie über Robbie Williams oder Orlando Bloom zu fantasieren. Allerdings nicht über Frederik Gulløv, den jungen, heterosexuellen und tatsächlich existenten Englischlehrer der Schule.
Laura bekam den Rat, den sie brauchte; allerdings konnte sich Ursula jetzt, ein knappes halbes Jahr später, nicht mehr daran erinnern, was ihre Schülerin tatsächlich wollte – obwohl sich eigentlich jedes einzelne Detail dieses Tages in ihr Gehirn eingebrannt hatte. Die Begegnung mit Jakob sollte eine Viertelstunde später eigentlich beendet werden. Er stand auf, ließ den Pappkarton mit den Farben und Broschüren stehen, die Sackkarre zog er hinter sich her zur Tür, wo er sich umdrehte und ihr die Hand gab. Wie es dann dazu kam, dass sie plötzlich an der offenen Tür zum Hof standen und sich leidenschaftlich küssten, konnte keiner der beiden glaubwürdig erklären, obwohl sie dieses Thema wieder und wieder diskutiert hatten. Aber nichtsdestoweniger war genau dies geschehen. Und der Kuss hatte sich in einem langen, atemlosen Verlauf zu erheblich mehr entwickelt. Erst auf dem Arbeitstisch zwischen halb feuchten Klumpen aus ungebranntem Ton und einem Haufen alter Lappen – Ursula war zumindest so geistesgegenwärtig gewesen, die Tür zuzutreten –, dann oben in ihrer Wohnung, auf ihrem Sofa und auf ihrem schmalen Doppelbett. Seit diesem Tag lebte Jakob praktisch bei ihr, abgesehen von einem Tag zu Beginn ihrer Beziehung, nach knapp einer Woche. Er hatte nicht gesagt, wohin er wollte. Nur, dass er am nächsten Abend zurück sein werde. Sie hatte ihn vermisst, sie wurde fast krank, überzeugt, ihn nie wiederzusehen. Doch am nächsten Tag kam er wie versprochen zurück. Mit zwei Koffern und einem Umzugskarton. Er sah unglaublich müde aus, als er die Sackkarre mit seinen Habseligkeiten den Plattenweg hochschob. Müde und verschlossen, weit weg in seinen eigenen düsteren Gedanken. Ursula vermutete, er sei daheim in Middelfart gewesen, um die Beziehung zu einer Frau oder Freundin zu beenden. Vielleicht hatte er sogar Kinder? Sie wusste es nicht. Er hätte ihr sicher erzählt, was er aufgeben musste, um mit ihr zusammen sein zu können, aber sie hatte es nie über sich gebracht, ihn zu fragen. Als würde allein die Frage den Zauber brechen. Nicht einmal in ihrem langen, wunderschönen Winterurlaub in Südfrankreich, wo er mehrmals ein paar Schritte zur Seite getreten war, um Anrufe auf seinem Handy entgegenzunehmen, hatte sie ihn gefragt. Obwohl er jedes Mal traurig und geradezu aufgelöst zurückgekommen war. Sie hatte ihn umarmt, ihn geneckt, ihn zum Lachen gebracht und mit ihm geschlafen, bis er vergessen hatte, was immer er vergessen musste.
Und jetzt? Ursula drehte den Kopf und sah, wie die Sonnenstrahlen seinen Schenkel erreichten. Im Grunde war sie so glücklich wie nie zuvor. Noch immer hatte sie nicht das Gefühl, diese ganze Seligkeit verdient zu haben; sie verstand nicht, warum er gerade sie gewählt hatte, er hätte doch jede bekommen können, auf die er mit dem Finger zeigte. Aber sie hatte allmählich gelernt, es als Tatsache zu akzeptieren. Sie war so glücklich, dass sie zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren wieder darüber nachdachte, ob sie das Leben im Internat vielleicht an einem nicht allzu fernen Tag doch beenden sollte. Vielleicht sollten Jakob und sie den Traum Wirklichkeit werden lassen, den sie sich in den langen Nächten ausgesponnen hatten, in denen sie dalagen und dösten, eifersüchtig auf den Schlaf des anderen, der sie zeitweilig auseinanderbringen würde. Wenn sie diesen Traum wahr werden ließen, war es egal, ob in ihrem Vertrag stand, dass sie ab einem bestimmten Alter aufhören konnte. Sie könnte für den Rest ihres Lebens mit etwas arbeiten, das sie begeisterte und wozu sie sich eignete. Und das Beste: Sie konnte zusammen mit dem Mann arbeiten, den sie liebte.
Ursula beschloss, sich am nächsten Tag ernsthaft mit der Sache zu befassen. Es war kein Entschluss, den man treffen konnte, ohne vorher sorgfältig nachzudenken.
2 / Sonntag, 4. März 2007
»Wie heißen die, Urs?« Jakob zeigte auf ein paar blassviolette, unansehnliche Blumen.
»Märzveilchen.« Sie ging in die Hocke und pflückte eins. »Sind ziemlich viele, was?«
Er reichte ihr eine Hand, sie griff dankbar danach und ließ sich hochziehen. Sie steckte ihm das Veilchen ins Knopfloch und küsste ihn flüchtig auf die Wange. »Komm«, sagte sie. »Soweit ich mich erinnern kann, steht die tollste Bank mit Aussicht gleich hinter der nächsten Biegung.« Auf dem schmalen Pfad am Rand der Klippe konnten sie nicht Hand in Hand gehen, sondern mussten im Gänsemarsch laufen; Ursula vorn, Jakob dahinter.
Die Bank stand dort, wo sie immer gestanden hatte, sie ließen sich nebeneinander fallen. Wenige Meter vor ihren Schuhspitzen hörte das Gras abrupt auf und ein beinahe senkrechter Sandsteilhang führte direkt ins Wasser des Kattegats, das heute die gleiche grüngraue Nuance hatte wie Jakobs Augen.
Er nahm ihren linken Handschuh und zog sich seinen rechten aus, sodass ihre bloßen Hände sich in seiner Jackentasche berührten. »Worüber wolltest du mit mir reden, Urs?«
Sie seufzte und legte ihre Wange an seine Schulter. »Ich habe dich belogen, Jakob.«
»Hm?« Sein Tonfall war neutral.
»Oder, nein, nicht direkt belogen. Ich habe dir etwas verschwiegen.«
»Das machen wir doch alle, oder? Das ist ein Menschenrecht.«
»Na ja, aber …« Sie drückte seine Hand in der warmen Jackentasche. »Ich bin nur nicht sonderlich stolz auf meine Motive … Ich wollte nicht, dass du … Ich habe mir gern eingebildet, dass du bei mir bleibst wegen … ja … wegen mir. Und dann kam mir der Gedanke, dass ich den Rest unseres gemeinsamen Lebens glauben würde, du hättest mich nur deshalb genommen, weil ich dir von dem Geld erzählt habe, und …«
Jakob schüttelte den Kopf. »Bisher habe ich keine Ahnung, was du mir eigentlich sagen willst.«
Ursula antwortete nicht. Sie traute ihrer eigenen Stimme nicht.
»Urs?« Jakob klang besorgt. »Was für Geld? Und warum um alles in der Welt sollte ich nicht bei dir bleiben?« Er zog ihre Hand aus der Tasche und führte sie an seinen Mund, sodass die nächsten Worte sich wie ein warmer Flügelschlag an ihrem Handrücken anfühlten. »Am besten, du atmest tief durch und fängst noch einmal von vorn an, ja?«
Sie tat ihr Bestes, wirklich. Trotzdem dauerte es eine Minute, bevor sie ihre Gefühle so weit im Griff hatte, dass sie fortfahren konnte. »Okay.« Sie richtete sich auf und drehte sich so, dass sie ihm ins Gesicht sehen konnte. »Vor anderthalb Jahren habe ich sehr viel Geld im Lotto gewonnen. 11,3 Millionen Kronen, um genau zu sein.«
»Wow!«
»Ja, nicht? Wow!« Sie setzte ein schiefes Lächeln auf. »Ich habe es nur einem einzigen Menschen auf der Welt erzählt, Anemone. Und sie habe ich lediglich eingeweiht, weil ich es musste.«
»Du musstest?«
»Eigentlich brauchte ich den Gewinn nicht. Ich bin glücklich mit meinem Job, meiner Wohnung, meinem alten Auto … Meine Eltern haben Geld genug, irgendwann werde ich sogar erben. Ich habe nie von einem Nerz geträumt. Nein, ich beschloss, das Geld auf einem hochverzinslichen Konto anzulegen und nicht anzurühren, bis ich eines Tages pensioniert werde oder das plötzliche Bedürfnis nach einer Weltreise habe.«
»Was ist mit Anemone?«
»Ja, sie brauchte durchaus Geld. Eine Menge Geld. Sie hatte gerade angefangen, mit Video- und Computerkunst zu arbeiten, und die Ausrüstung war teuer. Sie hatte eine kleine, ganz ordentliche Wohnung in Berlin, die allerdings nicht ausreichte; sie hatte Probleme, einen Platz für ihre Sachen zu finden und das Ganze zum Laufen zu bringen. Ich entschloss mich, Anemone eine Wohnung zu kaufen und ihr ein Konto mit festen, monatlichen Überweisungen einzurichten.«
»In Berlin?«
»In Prenzlauer Berg. Ich habe ihr eine zweigeschossige Atelierwohnung mit einer gemütlichen Dachterrasse und ein paar schönen Zimmern gekauft, die sie vermieten oder, wenn sie will, Gästen aus Dänemark anbieten kann. Ihrer alten Mutter zum Beispiel …« Ursula lächelte. »Die Wohnung war teuer, und die Einrichtung auch nicht gratis, trotzdem habe ich noch über sieben Millionen auf der Bank.«
»Aber … das ist doch gut für dich!« Er lächelte, sah aber noch immer ein wenig desorientiert aus.
Sie zog die Brauen zusammen. »Verstehst du wirklich nicht, warum ich dir nichts von dem Geld erzählt habe?«
»Ich weiß nicht … Wie ich es sehe, hast du dich entschieden, etwas Geld zurückzulegen, bis du es wirklich brauchst, und deshalb erzählst du es nicht überall herum. Das ist doch dein gutes Recht.«
»Ich hätte es dir sagen müssen.«
»Und weshalb? Ich brauche dein Geld nicht. Ich habe meine Firma und bin darüber hinaus in der glücklichen Situation, dass ich den größten Teil meiner Arbeit per E-Mail erledigen kann. So habe ich Zeit genug, um mit der Frau meines Lebens zu schlafen, und …«
»Jakob!« Ursula sah sich mit einem nervösen Kichern um, doch sie waren mutterseelenallein auf dem hohen Steilufer.
Er grinste. »Komm her«, sagte er und legte die Arme um sie. Als er weitersprach, war seine Stimme so leise, dass sie nicht in der Lage gewesen wäre, ihn zu verstehen, hätte er nicht seine Lippen an ihr Ohr gelegt. »Ich habe gehört, was du gesagt hast, Urs. Und in gewisser Weise verstehe ich dich gut. Aber ich finde, du bist ausgesprochen ungerecht, sowohl dir als auch mir gegenüber. Warum fällt es dir so schwer zu glauben, dass ich dich liebe? Ich liebe dich wegen dir, weil du du bist. Ich meine es ernst, wenn ich sage, dass du die Frau meines Lebens bist.«
»Aber du könntest mein Sohn sein …«
»Hör auf damit!« Er griff nach ihren Schultern und schüttelte sie einmal leicht, bevor er sie losließ und die Hände in die Taschen stopfte. »Ich will das nicht hören. Ich bin nicht dein Sohn, ich bin dein Freund, und ich will mit dir den Rest meines Lebens verbringen.«
Ursula lachte trocken. »Eher meines Lebens.«
»Okay, dann deines. Obwohl ich den Gedanken nicht ertrage.« Jakob machte eine Pause und blickte übers Wasser. Plötzlich sah er betrübt aus. Ursula streckte eine Hand nach ihm aus, er schob sie beiseite. »Nein, lass mich«, sagte er und stand auf. Er wandte ihr den Rücken zu und schaute hinunter zum Strand, wo ein Schwarm Möwen irgendeine Festmahlzeit verspeiste; vermutlich an Land getriebener Fischabfall, den ein Fischkutter über Bord geworfen hatte. »Die Welt ist schon eigenartig eingerichtet. Und ich hatte mich entschlossen gerade heute …«, begann er. Er drehte sich nicht zu ihr um, sodass das Ende des Satzes vom Wind verweht wurde.
Ursula stand auf und stellte sich dicht neben ihn. »Entschuldige, Schatz. Ich habe dich nicht verstanden.« Sie steckte die Hand unter seinen Arm, und diesmal schubste er sie nicht weg.
»Ich habe nur festgestellt, wie sonderbar das Leben manchmal ist«, sagte er. »Eigentlich hatte ich die Absicht, heute um deine Hand anzuhalten … Dann hast du dir genau diesen Tag ausgesucht, um mir von deinem Lottogewinn zu erzählen und anzudeuten, dass ich nur wegen des Geldes bei dir bleiben würde. Tja … Jetzt ist es völlig unmöglich.« Er wandte den Kopf ab, seine Augen schimmerten. »Ist dir das nicht klar, Ursula?«
»Du wolltest um meine Hand anhalten?« Ihr Gehirn hatte den Rest seiner Antwort herausgefiltert. Diese eine Botschaft blieb, klar und deutlich wie ein Strandstein auf dem Boden einer schneeweißen Badewanne. »Du wolltest mich heiraten?«
Er starrte auf den Möwenschwarm. »Eigentlich hatte ich den Ring so bestellt, dass er am Sechsundzwanzigsten hier sein würde, unserem Fünfmonatstag. Gestern kam die Nachricht des Goldschmieds, dass er schon fertig ist … und da konnte ich nicht länger warten.«
»Der Ring?«
»Ja, aber das ist ja jetzt auch egal«, antwortete er. »Wenn du glaubst, ich würde das nur wegen des Geldes machen, dann … Wenn ich mich etwas hochgestochen ausdrücken soll, habe ich tatsächlich das Gefühl, dass meine Ehre beschmutzt ist.«
»Du hast einen Ring gekauft?«
Endlich drehte er sich um, und als er ihr verblüfftes Gesicht sah, ihm zugewandt wie eine Sonnenblume der Sonne, konnte er ein Lächeln nicht zurückhalten. »Willst du ihn sehen?«
»Es hat noch nie jemand um meine Hand angehalten«, sagte sie. »Nicht wirklich. Mit einem Ring und …«
»Komm.« Er griff nach ihrem Ellenbogen und führte sie zurück zur Bank. Dann zog er eine kleine schwarze Veloursschachtel aus der Tasche und hielt sie ihr hin. »Es gibt eine Bedingung«, erklärte er und hielt die Schachtel fest.
»Und die wäre?«
»Ich will nichts mehr von dem Geld hören.«
»Oh.« Ursula ließ die Hände sinken. »Das kann ich nicht versprechen.«
»Warum nicht?«
»Weil es natürlich einen Grund gibt, warum ich dir von dem Geld erzählt habe. Denn ich habe mir überlegt, was wir meiner Ansicht nach damit tun sollten.«
»Wir?«
»Wollten wir nicht heiraten?« Sie sah ihn mit einem durchtriebenen Gesichtsausdruck an, und sein hübsches Gesicht leuchtete auf. Er glich einem Kind, das nach jahrelangem Quengeln endlich einen Welpen bekam.
Sie küssten sich. Lange. Und nachdem sie erst einmal damit angefangen hatten, taten sie noch andere Dinge, die eigentlich in den Bereich der Intimsphäre gehören und sich nur durchführen ließen, weil das Gebüsch hinter der Bank einen so effektiven Windschutz vor dem scharfen Märzwind bot. Als Ursula endlich die Gelegenheit bekam, sich den Ring anzusehen, entdeckte sie, dass es sich um die Miniaturausgabe eines Märchens in Weißgold mit winzigen Perlen und einem einzelnen Brillanten handelte. Komplett mit eingraviertem Fünfmonatsdatum und einer Liebeserklärung, die er ihr vorlesen musste, weil sie so weinte, dass sie selbst sie nicht lesen konnte – obwohl sie ihre Lesebrille aufgesetzt hatte.
Als sie zurück zum Auto gingen, hatte Ursula alles über den Altersunterschied und ihre übliche Paranoia vergessen, so glücklich war sie. Erst nach ihrer Rückkehr ins Internat fiel ihr ein, dass sie Jakob noch nichts von ihren großen Zukunftsplänen erzählt hatte.
*
»Stimmt es, dass du gekündigt hast?« Laura Sommerdahl war offensichtlich den ganzen Weg zum Werkraum gelaufen. Sie war außer Atem und ihre Wangen leuchteten.
Ursula richtete sich auf und legte die Schere beiseite. Sie schnitt gerade die Papierdekorationen für das letzte Schulfest vor dem Schuljahresende aus. Sie lächelte. »Ja.«
»Und was sollen wir jetzt machen?« Laura stand das Entsetzen im Gesicht.
»Wer ist wir?« Ursula griff nach einem sauberen Becher und goss ihrer Lieblingsschülerin Tee ein. »Du und die anderen dieses Jahrgangs beendet, soweit ich weiß, in ein paar Monaten das Internat, wir müssen uns also in jedem Fall trennen. Du wirst wahrscheinlich zu Hause in Christianssund aufs Gymnasium gehen, oder?« Laura nickte. »Und der Jahrgang 07, 08 kennt mich doch gar nicht. Sie beginnen mit einem jungen, frischen Lehrer und sind mit ihm oder ihr bestimmt ebenso glücklich, wie ihr es hoffentlich mit mir gewesen seid.«
»Was ist mit den Lehrern?«
Ursula schüttelte den Kopf und lachte. »Du bist süß, Laura. Du glaubst, alles würde immer so bleiben wie in diesem Schuljahr – dem einzigen, das du in diesem Internat verbracht hast. Aber so ist es nicht. Ein Internat verändert sich ständig. Fast jedes Jahr geht jemand. Nur Gitte ist länger hier als ich. Wir sind es gewohnt, uns jeden Sommer zu verabschieden und jemanden neu zu begrüßen. So ist es nun mal.«
»Ja, aber trotzdem …« Laura blickte mürrisch in ihre Tasse.
Ursula legte den Kopf schräg. »Willst du gar nicht wissen, was ich stattdessen machen werde?«
»Wahrscheinlich wirst du irgendwo anders unterrichten. Wenn du diesen Jakob geheiratet hast«, knurrte sie.
»Du bist ja eifersüchtig, Fräulein Sommerdahl!« Ursula wedelte mit den Fingern, dass der Brillant nur so glitzerte. »Nein, das werde ich nicht tun. Ich werde etwas machen, wovon ich mein ganzes Leben lang geträumt habe und wozu ich erst jetzt die Gelegenheit habe.«
Laura blickte ganz gegen ihren Willen neugierig auf. »Was denn?«
»Jakob und ich legen unser Erspartes zusammen und kaufen ein kleines Hotel in Nizza. Dann holen wir uns eine Gruppe junger dänischer Künstler, um die Zimmer des Hotels zu gestalten. Als Bezahlung dürfen sie lebenslang eine Woche im Jahr umsonst in ihrem Zimmer wohnen. Findest du das nicht toll?«
»Meine Eltern haben mal in einem Hotel in Berlin gewohnt, das fast genauso …«
»In der Luisenstraße?«
»Weiß ich nicht. Irgendwo in der Innenstadt.«
»Wenn wir an dasselbe Hotel denken, dann habe ich die Idee tatsächlich daher. Einige Zimmer sind vollkommen unmöglich, mit großen Steinen auf dem Boden, an denen man sich die Füße stößt, oder mystischen Dingen, die von der Decke hängen. Man stößt mit dem Kopf an Federn und Eisenketten, wenn man versucht, zum Schrank zu kommen …« Ursula lachte und sah plötzlich jung aus. »Aber einige Zimmer des Arte Luise Kunsthotels in Berlin sind wirklich sehr schön und gelungen. Ich habe mir gedacht, zuerst ein Gespräch mit unseren Künstlern zu führen, damit sie nicht auf allzu ausgefallene Ideen kommen. Es soll ein angenehmes Erlebnis sein, bei uns zu wohnen, und wenn die Künstler wissen, dass sie in ihren eigenen Zimmern wohnen dürfen, werden sie es schon gemütlich und nett gestalten.«
»Ist das nicht teuer?«
»Sicher. Aber wie gesagt, wir haben ein bisschen gespart. Es wird schon reichen. Im Augenblick freuen wir uns wie kleine Kinder an Heiligabend!«
»Wann geht es los?«
»Oh …« Ursulas Blick ging in die Ferne. »Das ist ein bisschen kompliziert. Wir denken, jetzt das richtige Haus gefunden zu haben. Die Lage ist perfekt, was das Meer, den Blumenmarkt und alles andere angeht. Der Makler hat uns einen Videofilm und Unterlagen geschickt. Es sieht total klasse aus. Leider kann ich nicht mitfahren und es mir selbst ansehen, hier ist zu viel zu tun. Aber ich vertraue Jakobs gutem Geschmack. Er fliegt am Montag, und wenn es so ist, wie wir es uns erträumt haben, dann unterschreiben wir und nutzen den Rest des Jahres, um Künstler anzusprechen und die Handwerker zu beauftragen. Mit etwas Glück können wir bereits im nächsten Frühjahr eröffnen.«
»Und wann wollt ihr heiraten?«
»Ach, das eilt doch nicht …« Ursula griff zu Schere und Papier. »Der Anwalt hat alles geregelt, wir haben beide die Vollmacht über unsere Konten und können entscheiden. Na ja, wir gehen davon aus, dass wir am Mittsommernachtsfest heiraten. Vielleicht können wir schon in unserem eigenen kleinen Hotel feiern …« Sie schickte Laura ein glückliches Lächeln und schnitt weiter Papier aus.
3 / 19.–21. März 2007
Wusste Ursula vielleicht bereits am Flughafen, dass sie Jakob nie wiedersehen würde? Da sie nicht die Gabe des Hellsehens besaß, konnte ihr Gefühl nur einen einzigen Grund haben: Jakob selbst.
Er war ein begabter Schauspieler, ja, sogar sehr begabt. Doch selbst der abgefeimteste Betrüger ist schließlich ein Mensch, und wer weiß das schon so genau, vielleicht empfand der Mensch Jakob Heurlin tatsächlich etwas für die herzliche, vertrauensvolle und intelligente Frau, mit der er die vergangenen vier Monate und drei Wochen geteilt hatte? Vielleicht kratzten die Gefühle seine sorgfältig aufgebaute Fassade ein ganz klein wenig an, vielleicht blitzte das schlechte Gewissen über seine Tat eine Mikrosekunde lang auf? Wir werden es nie erfahren, und die arme Ursula schon gar nicht.
Sie blieb am Check-in-Schalter im Terminal 2 stehen und sah seiner großen, schlanken Gestalt nach, die sich über die Rampe in Richtung Transitbereich, Gate und des wartenden Flugzeugs bewegte. Neben ihm ging ihr gemeinsamer Anwalt Einar Greiff-Johansen, ein blasser Mann mittleren Alters mit dünnem grauem Haar und einer Brille mit Silberfassung. Sie unterhielten sich dort oben, vermutlich über Angebote, Prioritäten und den neuesten Einfall des französischen Maklers. Erst als sie die Kurve zur Security-Schleuse am Ende des Ganges erreicht hatten, drehte Jakob sich um und schenkte Ursula für einige kostbare Augenblicke seine volle Aufmerksamkeit. Dann hob er den Arm, winkte ihr zu und verschwand um die Ecke.
In diesem Moment hatte sie es gewusst. Nicht nur gefürchtet oder gespürt, sondern gewusst. Und hätte sie ihrem intuitiven Wissen entsprechend gehandelt, wäre zumindest der ökonomische Schaden vermieden worden. Aber so etwas tut man doch nicht, oder? Man unterschreibt schließlich nicht einfach einen Haufen schriftlicher Vereinbarungen mit der Bank, dem Anwalt, dem Makler und dem Mann, den man liebt und den man heiraten will – und dann wird, drei Minuten nachdem er außer Sichtweite ist, alles annulliert, weil man aus unerklärlichen Gründen weiß, dass man betrogen worden ist. Auf keinen Fall, es sei denn, man will sich bewusst zum Narren machen. Abgesehen davon war der ökonomische Faktor ein Detail, das ihr zumindest kurzfristig egal war.
Ursula weinte nicht. Stattdessen hatte sie das Gefühl, als würde alles an ihr erstarren, jeder einzelne Körperteil. Die Eingeweide wurden hart wie Leder, zu schweren Klumpen; ihre Muskeln verknoteten sich und ihre Glieder wurden so steif, dass sie die Abflughalle nur unter größter Kraftanstrengung verlassen konnte. Sie lief über den Taxihalteplatz zum Kurzzeitparkhaus … und musste sich übergeben. Ihr Körper setzte in langen, schmerzhaften Krämpfen den Versuch fort, ihr Innerstes nach außen zu stülpen, obwohl ihr Magen sich bereits innerhalb der ersten zehn Sekunden entleert hatte. Erst als die Krämpfe nachließen, weinte sie ein wenig. Aus Erschöpfung, aus Demütigung, aufgrund des Schocks über ihr heimliches Wissen. Nicht aus Kummer. Noch nicht. Wenn sie den Kummer zuließe, wäre sie nicht mehr imstande, irgendeine Form der Kontrolle zu bewahren. Das wusste sie instinktiv. Und da sie das Privileg des Zweifelns gern behalten wollte, verdrängte sie alle Vorahnungen, so gut es eben ging, ließ den Wagen an und fuhr nach Hause. Sie musste Gewissheit haben, bevor sie etwas Übereiltes unternahm.
*
Glücklicherweise war es nicht Laura, die sie fand, obwohl es beinahe so gekommen wäre. Das junge Mädchen hatte an ihre Tür geklopft, nachdem Ursula am nächsten Morgen weder zum Frühstück noch zum gemeinsamen Singen oder zum Unterricht erschienen war. Laura klopfte, erst diskret, dann beharrlicher, und rief nach Ursula. Aus der Wohnung drang kein Laut. Laura gab auf und ging zurück zu dem abgeschlossenen Atelier, wo der Rest der Klasse wartete. Auf dem Weg kam sie an Ursulas rotem Auto vorbei. Sie war also nicht weggefahren. Merkwürdig.
Lauras Freundin Kisa rauchte. »War sie nicht da?«
»Jedenfalls macht sie nicht auf.«
»Vielleicht schläft sie einfach nur lange? Vielleicht hat sie auch geheult, weil ihr Loverboy zum Hauskauf verreist ist …« Kisa kicherte, bemerkte Lauras Gesichtsausdruck und wurde wieder ernst. »Ich rauche die Zigarette fertig, dann hole ich den Schlüssel zum Atelier«, sagte sie. »Wir können doch auch ohne Urs anfangen.« Sie nahm einen tiefen Zug.
Laura schüttelte langsam den Kopf. »Mir gefällt das nicht.«
»Und was willst du tun?« Die Frage stellte Line, eine weitere Schülerin, die auf Ursula wartete. »Die Tür einschlagen?«
Wieder kicherte Kisa. »TOCHTER DES KAHLKÖPFIGEN DETEKTIVS IN DRAMA AUF INTERNAT VERWICKELT. LESEN SIE DEN ARTIKEL IN DER HEUTIGEN AUSGABE.«
»Hör auf damit.« Laura drehte sich um. »Ich rede mit Gitte.«
Und so kam es, dass die Leiterin der Schule, Gitte Svendsen, an diesem Vormittag Ursula Olesens bewusstlosen Körper fand. Die Kunstlehrerin lag im Bett. Ihr rotes Pagenhaar und das Kopfkissen waren von Erbrochenem verschmiert, das Laken und die Matratze von Urin durchtränkt. Der Gestank war bis in den winzigen Eingangsbereich zu riechen. Gitte befahl Laura, draußen zu warten. Als sie zum Bett ging, kam sie an einem Papierkorb vorbei, dessen Boden mit leeren Tablettenstreifen verschiedener Medikamente übersät war. Wie hatte sich Ursula nur diese Menge an lebensgefährlichen Präparaten beschafft?
Gitte griff nach Ursulas Handgelenk. Es fühlte sich kühl, aber nicht kalt an, Gitte spürte den Puls – er war langsam, schwach. Am Ringfinger glitzerte der aufwendige Verlobungsring. Als Gitte sich aufrichtete, um einen Krankenwagen zu rufen, bemerkte sie Laura, die direkt hinter ihr stand. Das Gesicht des jungen Mädchens war schockverzerrt; sie riss die Augen so weit auf, dass man rund um die Iris das Weiße sehen konnte. »Ist sie tot?«, fragte sie und hielt sich eine Hand vor Nase und Mund.
»Raus!«, befahl Gitte. »Raus mit dir!« Sie schob Laura vor sich her, auf den Flur. »Wir unterhalten uns später, Laura.«
»Ist sie tot?«
Gitte schüttelte den Kopf, dass der Zopf in ihrem Nacken hin und her peitschte. »Nein. Aber sie ist sehr schwach. Ich muss jetzt einen Krankenwagen rufen. Geh zu den anderen und erzähl ihnen nicht, was du gesehen hast. Du kannst ihnen sagen, Ursula sei krank und muss ins Krankenhaus, ja? Ich komme zu dir, sobald es geht«, sagte sie und schlug die Tür zu.
Laura blieb regungslos stehen, das Gesicht auf den geschlossenen Eingang zu Ursulas Privatleben gerichtet. Ein glänzendes, selbst gefertigtes Keramikschild hing in Augenhöhe. JAKOB & URSULA stand mitten auf dem türkisfarbenen Oval. Die beiden Namen waren nicht mit Glasur auf eine glatte Fläche geschrieben, wie es normalerweise üblich ist, sondern in den noch nicht durchgehärteten Ton geritzt worden: tiefe, kraterähnliche Spuren, die dann trockneten, gebrannt und glasiert und wieder gebrannt worden waren, bis die Buchstaben sich nicht mehr auslöschen ließen. Es war ein Namensschild, das ein Leben lang halten sollte. Wenn die Besitzer des Schildes eines Tages tot und fort wären, würde das Schild noch immer da sein. Es konnte mehrere Jahrtausende halten, wenn es sein musste.
Laura machte auf dem Absatz kehrt und lief direkt in ihr Zimmer. Sie legte sich aufs Bett, rollte sich in ihre Tagesdecke ein und fing an zu weinen.
*
Kaum zwei Tage später war Ursula Olesen wieder zu Hause. Sie saß in einem Sessel, um die Beine hatte sie sich eine violette Decke gelegt. Sie war blass, und ihre Augen sahen aus, als ob sie sich nach dem tiefen Schlaf sehnten, aus dem sie geweckt worden war. Viele Worte brachte sie nicht heraus, aber sie hatte denen, die ihr nahestanden, doch das Notwendigste erzählt: Anemone, Laura, Gitte und Helle aus der Küche.
Jakob hatte sie verlassen, und sie hatte gewusst, dass er es tun würde. Er hatte am Abend nicht, wie vereinbart, angerufen, er hatte weder sein Telefon abgenommen noch auf die vielen SMS reagiert, die Ursula ihm geschickt hatte. Sie hatte sich die Telefonnummer des Hotels herausgesucht und lange mit einer Frau an der Rezeption gesprochen. Es gab keinerlei Zweifel: Jakob hatte ein Einzelzimmer im Hotel Suisse reserviert, aber er war nie dort aufgetaucht. Als sie einen Mitarbeiter vom Kundenservice der Fluggesellschaft erreichte, bekam sie den endgültigen Beweis, dass etwas überhaupt nicht in Ordnung war. Jakob Heurlin und Einar Greiff-Johansen hatten zwar eingecheckt, sie waren jedoch nie am Gate erschienen. Das Flugzeug flog mit einer Viertelstunde Verspätung ohne sie nach Nizza.
Jakob war weg. Spurlos verschwunden. Als sie sich bei der Netbank einloggte, handelte es sich eigentlich nur noch um eine Formalität. Sie wusste genau, dass sämtliche Konten leer geräumt sein würden. Das Einzige, was er nicht angerührt hatte, war das Konto mit Anemones Geld, das ebenso weg gewesen wäre, wenn er auch dafür eine Vollmacht gehabt hätte. Alles andere war abgehoben. Die Ersparnisse, der Lottogewinn, sogar ihr Gehaltskonto und das Mastercard-Konto. Dazu natürlich Jakobs eigene Konten, auf deren Vollmacht sie in ihrer Naivität so stolz gewesen war.
Kurz hatte sie versucht, sich vom Weiterleben zu überzeugen. Sie hatte eine wunderbare, hübsche, fröhliche und talentierte Tochter. Sollte Anemone als Fünfundzwanzigjährige ohne Mutter sein? Sollten Ursulas Eltern ihr einziges Kind auf diese Weise verlieren? War sie nicht einfach nur egoistisch und verzogen? Sie hatte noch immer einen Job und eine Wohnung, wenn sie ihre Kündigung zurückzog. Vor ihr lagen noch zwölf, dreizehn Jahre, in denen sie arbeiten konnte. Es war möglich, neue Ersparnisse aufzubauen, einen neuen Traum zu finden, wie sie ihren dritten Lebensabschnitt verbringen wollte. Es gab Menschen, die ihr vertrauten, die sie mochten, die sie brauchten … Der Schmerz traf sie wie eine Keule. Sie hatte Wut, Schock, Demütigung und Selbsthass verspürt, doch es war ihr gelungen, den Schmerz fernzuhalten, solange sie sich darauf konzentrierte, sich Jakobs Betrug klarzumachen. Als sie irgendwann in ihrem engen Wohnzimmer saß, in dem nur der Computerbildschirm in der Dunkelheit leuchtete, übermannte sie der Schmerz, zog sie mit sich, drückte sie in das Polster ihres Sofas, quetschte Tränen, Rotz und lautes, jammerndes Geheul aus ihrem Körper. Da wusste sie, dass es hier nicht um einen Entschluss ihres rationalen Ichs ging. Sie konnte nur auf eine Weise reagieren, sie wollte fort, schlafen, verschwinden. Je länger, desto besser.
Im Medizinschrank fand sie die Resultate des zehnjährigen Machtkampfs zwischen ihr und ihrem praktischen Arzt. Als Ursula in die Wechseljahre kam, hatte sie mehrfach ihren Arzt aufgesucht, um nachts besser schlafen zu können und ihre Stimmungswechsel unter Kontrolle zu bekommen. Es sollte ihr ein wenig besser gehen. Die Antwort des Arztes bestand jedes Mal in einem Rezept, mal für das eine, mal für das andere beruhigende oder schlaffördernde Mittel. Imovane, Oxapax, Apozepam, Halcion … Jedes Mal war sie mit dem Rezept gehorsam zur Apotheke gegangen, hatte die vorgeschriebene Dosis ein, zwei Tage genommen, den tiefen, ungestörten Schlaf genossen … und den Rest der Tabletten in den Schrank gepackt. Es widersprach ganz einfach ihrer Mentalität, sich mit künstlichen Mitteln außer Gefecht zu setzen; es gefiel ihr nicht, dass sie derart die Kontrolle verlor. Aber es dauerte nicht lange, bis sie sich erschöpft vom Schlafmangel wieder zu ihrem Arzt schleppte und ein neues Rezept bekam – in der Hoffnung, dass das nächste Präparat nicht ganz so heftig anschlug wie das vorherige. Im Laufe der Jahre waren es sehr, sehr viele Tabletten geworden. Sie hatten sich in ihren neutral aussehenden Verpackungen auf dem obersten Regalbrett des Medizinschranks angehäuft und waren langsam, aber sicher verstaubt. Sie nahm die Schachteln heraus und legte sie auf ihren Schreibtisch, wo sie die Tabletten aus den Blisterhüllen drückte, bis schließlich ein beeindruckend großer, pastellfarbener Haufen vor ihr lag: Die weißen, rosafarbenen, lavendelblauen Tabletten leuchteten verführerisch.
Sie wollte drei Abschiedsbriefe hinterlassen: für Anemone, für Gitte … Sie schrieb, während sie den Haufen Tabletten schluckte. Jedes Mal, wenn sie eine Handvoll in den Mund steckte, spülte sie mit einem Rest des Orangensafts nach, den Jakob am Vortag gekauft, geöffnet und mit Wodka gemischt halb ausgetrunken hatte. Als sie begann, schläfrig zu werden, legte sie sich ins Schlafzimmer. Sie war beinahe bewusstlos, als sie anfing, sich zu übergeben, und damit die Wirkung der Medikamente verzögerte. Hätte ihr Magen den gesamten Inhalt bei sich behalten, wäre Gitte nicht rechtzeitig gekommen, um sie zu retten … aber dieses Detail wurde nie wieder erwähnt. Ebenso wie sich ihre Umgebung die meisten anderen Einzelheiten selbst zusammenreimen musste.
Merkwürdig, dachte Ursula jetzt. Sie hatte sich hundertprozentig darauf eingestellt, in jener Nacht zu sterben. Trotzdem war sie in gewisser Weise erleichtert, dass man sie rechtzeitig gefunden hatte. Der Instinkt, am Leben zu bleiben, war verblüffend. Schmerz und Kummer quälten sie noch immer, und wenn sie nicht Medikamente bekäme, hätte sie es möglicherweise sofort wieder versucht. Aber gerade in diesem Moment, mit ihren beiden Lieblingsfrauen an ihrer Seite – hatten sie etwa einen Wachtdienst eingerichtet? –, hatte sie das Gefühl, einigermaßen im Gleichgewicht zu sein. Und über eine Sache konnte sie sich zumindest freuen: Den Brief an ihre Eltern hatte man ungeöffnet und ungelesen in den Müll geworfen. Die beiden alten Menschen ahnten nicht, was passiert war, und würde es nach Ursula gehen, sollten sie es auch nie erfahren.
4 / Vormittag, Donnerstag, 22. März 2007
Dan Sommerdahl hatte sich von dem schönen Wetter locken lassen und war ein paar Kilometer länger als gewöhnlich gelaufen. Obwohl es in den Lungen brannte und die Oberschenkelmuskeln schmerzten, genoss er die Tour. Er war in einem ruhigen Tempo über die schmalen Waldwege gejoggt, zu hundert Prozent auf seine Atmung konzentriert, auf die Arbeit der Muskeln und auf seinen Pulsschlag, den er wie ein Brausen in seinem Körper spürte und der sich als blinkende, hellgrüne Zahl auf einem Pulszähler ablesen ließ, seinem neuesten Spielzeug. Dan war so auf das Training konzentriert, dass er kaum den Kopf drehte, während er an der Riesenvilla seines ehemaligen Chefs am Bøgebakken vorbeilief. Merkwürdiger Gedanke, dass es erst wenige Monate her war, seit sich ihre Wege getrennt hatten.
Als Dan die Aussichtsplattform erreichte, gönnte er sich wie gewöhnlich ein paar Minuten Pause und studierte seine Stadt von oben. Christianssund war eine klassische dänische Provinzstadt: vierunddreißigtausend Einwohner, hübsch an einem Fjord gelegen, eine Stunde Autofahrt bis zur Hauptstadt, eine düstere Domkirche aus dem 14. Jahrhundert, ein renommiertes Gymnasium, ein idyllisches Stadtzentrum mit Fachwerkhäusern und Stockrosen. In vielerlei Hinsicht war diese Provinzstadt also wie die meisten Provinzstädte. Aber von dem Aussichtspunkt hier oben würde ein scharfer Beobachter sehen, dass die Stadt auch ihre ganz besonderen Wahrzeichen hatte. Vor allem den Rathausmarkt, der mit seiner Platzierung unmittelbar am Hafen eine ganz andere Stimmung ausstrahlte als die meisten anderen Rathausplätze in Dänemark. Abgesehen vom Rathaus standen hier das Polizeipräsidium, ein Ärztehaus und das Hotel Marina. Von hier zog sich die Hauptschlagader der Stadt, die Algade, schnurgerade bis zum Bahnhof. Von jedem Punkt der leicht abschüssigen Einkaufsstraße aus konnte man den Fjord sehen, und an schönen Tagen herrschte im Stadtzentrum beinahe Urlaubsstimmung. Selbstverständlich hatte auch Christianssund seine Vororte, seine sozialen Wohnungsbauprojekte und falsch geplanten Shoppingcenter, doch das war alles leicht zu vergessen, wenn man von dieser Seite des Walds auf die Stadt blickte. Dan Sommerdahl wohnte mitten im attraktiven Herzen Christianssunds, in einem gelben Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert; es konnten Wochen und Monate vergehen, in denen er nicht in die Außenbezirke kam. Und man konnte kaum behaupten, dass er es vermisste.
Er setzte sich wieder in Bewegung, und nach einer Viertelstunde in dem gebrochenen Licht unter den Buchen lief er in Richtung Park, zurück zu seinem Haus in der Gørtlergade. Es ging bergab, und Dan nutzte wie gewöhnlich die Gelegenheit, das letzte Stück zu spurten. Er rannte so schnell, dass er beinahe das Gefühl hatte zu schweben. Als er vor seiner Haustür stehen blieb, überprüfte er den Schrittzähler. 10,6 Kilometer. Das war recht ordentlich für einen ganz gewöhnlichen Wochentag. Und die Uhr zeigte erst neun, der Tag hatte gerade erst begonnen. Er spürte beinahe, wie der Glorienschein erstrahlte.
Dan polterte die Treppe hinauf in den ersten Stock, wobei er sich aus seinem durchgeschwitzten Trainingszeug schälte. Im Badezimmer traf er seine Frau, sauber, frisch frisiert und mit gerade aufgelegtem Make-up. Sie wollte in ihre Praxis. Dan beugte sich vor, um ihr einen Abschiedskuss zu geben, doch sie trat einen Schritt zurück und hielt ihn mit ausgestreckten Händen davon ab. »Pfui Teufel, nein!«, sagte sie grinsend. »Du stinkst wie die gesamte Fußballnationalmannschaft nach einem Spiel!«
»Woher weißt du denn, wie die Nationalmannschaft riecht?«
»Es gibt einiges, was du nicht weißt.« Marianne rümpfte die Nase und drückte sich an ihm vorbei in den Flur, ohne dass sein Schweiß auf ihre Bluse tropfte. »Wenn du mich küssen willst, kannst du mich in der Mittagspause besuchen. Wenn nicht, musst du es dir halt vorstellen!« Sie winkte über die Schulter und lief die Treppe hinunter.
Dan zog sich die letzten Kleidungsstücke aus und stellte sich unter die Dusche. Während das Wasser über seinen Körper strömte, ging ihm noch einmal sein alter Chef durch den Kopf. Es war noch nicht lange her. Sehr viel war passiert, seit sie unter dramatischen Umständen ein letztes Mal miteinander gesprochen hatten. Vor vier Monaten hatte Dan sein eigenes kleines Büro in Rasmus’ altem Zimmer gegründet. Er war schon ein wenig nervös gewesen, ob die kleine Firma funktionieren würde, aber es war erstaunlich einfach gewesen. Tatsächlich konnte er mehr oder weniger selbst bestimmen, welche Jobs er annahm und wie beschäftigt er sein wollte. Und das war durchaus eine ideale Situation für einen Menschen, der erlebt hatte, wie Stress zur Arbeitsunfähigkeit führen konnte. In den letzten Monaten hatte Dan die Medikamente abgesetzt und war stattdessen von den häufigen Joggingtouren an der frischen Luft abhängig geworden. Musste er aus irgendeinem Grund mehrere Tage aussetzen, bekam er Kopfschmerzen. Sehr mysteriöses Phänomen, diese Lauferei …
Seit der Aufklärung der Tode von zwei jungen Mädchen vor einigen Monaten hatte Dan Sommerdahl einen gewissen Ruf in der Öffentlichkeit. Der Spitzname ›Der kahlköpfige Detektiv‹ hatte sich festgesetzt, sogar ein Fernsehkanal hatte sich an ihn gewandt und wollte ihn als Moderator einer Krimi-Unterhaltungsshow. Er hatte dankend abgelehnt, zumal er genug damit zu tun hatte, sein Dasein als Selbstständiger zu organisieren. Die Aufklärung des Lilliana-Falls war eine spannende Herausforderung gewesen, und kurzzeitig hatte er sogar mit dem Gedanken gespielt, sich als eine Art Privatdetektiv niederzulassen. Diese Idee hatte er aber ebenso schnell wieder verworfen. Privatdetektiv klingt doch nach Thermoskanne, Henkelmann und zerknautschter Jacke, oder? Völlig daneben und nicht sonderlich profitabel. Dazu hatte er keine Lust. Außerdem hatte Kriminalkommissar Flemming Torp, sein bester Freund, nicht sonderlich begeistert reagiert, als Dan sich in die Ermittlungen einmischte … Besser, ich halte mich da künftig raus, hatte er sich gedacht.
Dan öffnete die Badezimmerfenster, trocknete sich gründlich ab und putzte sich die Zähne, bevor er sich im Schlafzimmer vor seinen Garderobenschrank stellte. Jeden Morgen genoss er den kleinen Triumph, seine Kleidung nach eigenem Geschmack wählen zu können – nicht danach, was irgendein Kunde gerade passend finden würde. Wieder einmal blieb es bei schwarzen Jeans und einem klein karierten Gant-Hemd. Er betrachtete sein Gesicht im Spiegel an der Rückseite der Tür. Waren in den Augenwinkeln ein paar Furchen dazugekommen? Ein kleiner Klecks von Mariannes Augencreme. Er musste sich auch so etwas kaufen. Dan war vierundvierzig, sah mindestens fünf Jahre jünger aus … und er wollte, dass es so blieb. Als er vor ein paar Jahren bemerkte, dass sein Haar schütterer wurde, hatte er sofort zum Rasierer gegriffen und die ganze Mähne abrasiert. Ja, er war kahl. Freiwillig. Aber auf die geile Art. Grob gesagt lassen sich zwei Gruppen von Männern unterscheiden, die ihre Haare entfernen, erklärte Dan gewöhnlich. Die eine Gruppe ergänzt den Look mit Tätowierungen, rassistischen Ansichten und einem Kampfhund; die andere neigt eher zu Armani, Tarantino und dem neuesten Nokia. Nicht schwer zu erraten, zu welcher Gruppe Dan sich zählte.
Als er sich eine Tasse Kaffee, eine Banane und die Politiken aus der Küche geholt hatte, ging er in sein Büro, den ersten Arbeitsplatz seit Jahren, den er nicht mit anderen teilen musste. Mit einem zufriedenen Seufzen setzte er sich, schaltete den Computer ein und verbrachte die Wartezeit, indem er seine Banane aß und die Überschriften der Zeitung überflog. Die Geschichte des Mordes an einem Mikael Kjeldsen war auf die Innenseiten gerutscht und bestand nur noch aus einer Notiz, in der die Polizei von Christianssund die Aufforderung an die Öffentlichkeit wiederholte, sich zu melden, wenn man irgendwelche sachdienlichen Hinweise geben konnte. Armer Flemming, dachte Dan. Flemming Torp hatte mehrere Wochen rund um die Uhr gearbeitet, um den ungewöhnlich brutalen Mord an einer erst dreiundzwanzigjährigen studentischen Hilfskraft in einem Schuppen in Balleslev aufzuklären. Dan wusste, dass er und seine Kollegen keinen Schritt weitergekommen waren. Inoffiziell hatte er aus den Reihen der Polizei erfahren, dass Flemming ein paar Leute für eine andere Ermittlung abstellen musste. Flemming hatte es nicht leicht. Dan blätterte weiter. Im hinteren Teil der Zeitung stand die Notiz, ein weiteres kleines schwarzes Kind sei unter großer Aufmerksamkeit der Medien nach Hollywood gebracht worden, wo eine Gruppe Filmstars darin wetteiferten, die Kinder der Dritten Welt zu retten, indem sie eins nach dem anderen handverlesen adoptierten und vergoldeten. Dan schnitt eine Grimasse und legte die Zeitung beiseite. Manchmal war er es so leid.
Er öffnete seine Mailbox. Es gab mehrere ungelesene Mails. Die meisten waren Spam oder bezogen sich auf seine Arbeit. Er öffnete sie nicht und klickte stattdessen einen Namen an, der ihn weit mehr interessierte. Dans und Mariannes siebzehnjährige Tochter Laura ging vollkommen in ihrem Leben im Internat auf und ließ nur selten etwas von sich hören – es sei denn, man rechnete die SMS oder Anrufe mit, in denen sie um Geld bettelte oder eine Fahrt mit Dan oder Marianne als Privatchauffeur herausschlagen wollte. Eine persönliche Mail von Fräulein Sommerdahl war durchaus ein Ereignis, und Dan klickte sie sofort an.
Von: laurasommerdahl@hotmail.com
An: dan@sommerdahl.dk
Gesendet: Mittwoch, 21.03.2007, 22:34 Uhr
Betreff: Brauche Hilfe
Lieber Papa,
kannst Du Dich an Ursula Olesen erinnern? Unsere Kunstlehrerin? Du hast mit ihr bei der Weihnachtsfeier gesprochen. (Die mit den roten Haaren.) Nun ja, ganz kurz gesagt ist Folgendes passiert: Ihr Liebhaber hat sie verlassen und sie um ihre gesamten Ersparnisse betrogen (mehrere Millionen!). Sie hat versucht, sich mit Schlaftabletten umzubringen (ich war dabei, als sie gefunden wurde), und nun ist sie wieder zu Hause und wir wechseln uns mit der Betreuung ab, bis es ihr wieder besser geht. Es ist furchtbar! Ich könnte diesen blöden Scheißkerl erwürgen! Kannst Du nicht bitte einmal mit ihr reden? Nein, nicht die therapeutische Nummer. Vielleicht kannst Du sie davon überzeugen, diesen Jakob anzuzeigen??? Sie schämt sich so fürchterlich über das, was passiert ist, und will nicht, dass jemand daraus eine große Nummer macht. Sagt, es sei ihre eigene Schuld, weil sie so naiv war, aber das kann doch nicht stimmen! Würdest Du herkommen und mit ihr reden, Papa? Vielleicht kannst Du sie ja zu einer Anzeige bewegen. Du bist doch so eine Art halber Polizist, oder?
Kuss von Laura
Oh, verflucht! Dan las die Mail noch einmal. Er hatte überhaupt keine Lust, gegenüber einer klimakterischen, selbstmordgefährdeten Kunstlehrerin den ›halben Polizisten‹ zu spielen. An Ursula Olesen konnte er sich gut erinnern, er wusste, dass Laura sehr an ihr hing, seit sie aufs Internat ging. Letzten Herbst, als Dan unter Stress zusammengebrochen war und sich krankmelden musste, war es für seine Tochter bestimmt nicht leicht gewesen. Soweit er wusste, war es besonders Ursula gewesen, die ein Ohr für die Sorgen ihrer Schülerin gehabt hatte. Und eine Schulter für ihre Trauer, als der alte Hund der Familie vor einigen Monaten eingeschläfert werden musste. Er schuldete Ursula Olesen in vielerlei Hinsicht großen Dank, das wusste er. Aber sollte er eine Menge Zeit vergeuden, um die Frau davon zu überzeugen, ihre Demütigung den Behörden zu präsentieren? Und vermutlich auch der Boulevardpresse und damit der gesamten dänischen Bevölkerung? Dan verstand ausgezeichnet, warum Ursula Olesen nicht zur Polizei gehen wollte, und er hatte überhaupt keine Lust, derjenige zu sein, der sie davon abbrachte.
Auf der anderen Seite … Er wollte jederzeit alles tun, um Laura glücklich zu machen, die so freundlich und loyal denjenigen gegenüber war, die sie liebte. Dan spürte, dass seine Tochter in dieser Sache ganz entschieden war. Sie würde sich mit der erschreckenden Hartnäckigkeit darin verbeißen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Und sie würde nicht lockerlassen, würde sich mit ihren hübschen weißen Zähnen in ihm verbeißen, bis zuerst er und dann Ursula aufgegeben hatten. Er konnte ebenso gut gleich alle weiteren Skrupel fahren lassen und tun, worum sie ihn bat. Irgendwie hatte das Mädchen ja recht; ein Mann wie Jakob musste aufgehalten werden, bevor es ihm gelang, die Bankkonten weiterer Frauen zu melken.
Dan schaute auf die Uhr des Computers. Kurz nach zehn. Er könnte noch vor zwölf in Egebjerg sein, mit seiner Tochter zu Mittag essen und am Nachmittag mit Ursula Olesen reden. Er schrieb Laura eine SMS, erhielt umgehend eine Bestätigung und legte Marianne eine Nachricht hin, bevor er zum zweiten Mal an diesem Morgen das Haus verließ.
5 / Donnerstag, 22. März 2007, mittags
Das Internat von Egebjerg war auf einem ehemaligen Herrenhof untergebracht, dessen drei überdimensionierte Gebäude eine parkähnliche Anlage mit Bänken, Beeten und Bäumen umschlossen. Die große viereckige Rasenfläche mitten auf dem Platz war umgeben von einem weiß lackierten Zaun, drei Weißdornbäume spendeten Schatten. Eine kleine Herde verblüffend zahmer Schafe wurde im Sommerhalbjahr auf dem Rasen gehalten, und erst kürzlich war das erste Lamm dazugekommen. Ein blökender Chor in zwei Tonhöhen empfing Dan, als er aus dem Auto stieg. Er trat an den Zaun und bückte sich, um ein ehrwürdig kauendes Gotlandschaf am Rücken zu kraulen, bemerkte aber sofort, dass dessen dicke Wollschicht für Klapse und Streicheleinheiten eher nicht geeignet war. Die Wolle war hart, fettig und total verfilzt. Da muss jemand aber dringend mal zum Friseur, dachte er und belächelte den kleinen, eifrig wedelnden Lämmerschwanz, der unter dem grauen Massiv des Mutterschafs hervorlugte.
Dan ließ den Wagen auf dem Gästeparkplatz stehen und lief den Rest des Wegs zum Hauptgebäude. Die Schüler wohnten im ersten und zweiten Stock; Küche, Speisesaal und der Gemeinschaftsraum lagen im Erdgeschoss, in dem hohen Keller waren die Klassenräume untergebracht. Weitere Unterrichtsräume und Werkstätten waren auf die beiden anderen Gebäude verteilt, ebenso die Privatwohnungen der Lehrer – klugerweise in einigem Abstand zu den Zimmern der Schüler.
Auf der Treppe kam Dan eine Gruppe siebzehnjähriger Jungen entgegen. Keiner von ihnen hatte seine Hose bis zur Taille hochgezogen; sie saß mitten auf dem Hinterteil und wurde von einem überdimensionierten Gürtel und hin und wieder – in aller Diskretion – von einer hilfreichen Hand fixiert, wenn der Besitzer sicher war, dass niemand es sah. Die gewünschte Wirkung war möglicherweise eine Illusion von Schwerelosigkeit: kräftige Jeans, die trotz des zusätzlichen Ballasts von Nietengürteln, Schlüsselbunden, Mobiltelefonen und Kleingeld auf der Hälfte eines schmalen Jungenarschs in der Schwebe blieben. Vielleicht hatten sie einen Klettverschluss an der Unterhose? Dan begriff die Mode dieser hängenden Hosen nicht, er hatte sie nie verstanden und sie würde ihm wohl auch nicht mehr klar werden. Plötzlich fühlte er sich alt.
»Hej!« Der größte der Jungen lächelte breit.
»Hej!«
Einer der anderen drehte sich um. »Du bist Lauras Vater, oder?« Als Dan nickte, fügte der Junge mit einem verlegenen Grinsen hinzu: »Der kahlköpfige Detektiv.«
»Eben der!« Dan griff nach der Türklinke, aber der große Bursche kam ihm zuvor. Er hielt die Tür auf, bis Dan eingetreten war. Sehr freundlich, dachte Dan, aber nicht gerade das, was einem erwachsenen Mann das Gefühl gibt, jünger zu sein.
Es war halb eins, und Dan hatte das deutliche Empfinden, dass das Mittagessen bereits vorbei war. Ein durchdringender Geruch nach Schweinefleisch und gekochtem Kohl hing in der Luft, und die klappernden, scharrenden, kichernden Geräusche aus der Mensa klangen eher nach Aufräumen und Abwasch als nach Essensvorbereitungen. Außerdem waren überall auf den Fluren und Treppen junge Leute – mit oder ohne sichtbare Unterwäsche. Einige schrieben SMS, andere unterhielten sich in kleinen Grüppchen, wieder andere trugen Tabletts mit benutzten Gläsern heraus oder beschäftigten sich mit Handfeger und Kehrblech. Das übliche Gefühl der Desorientierung überkam ihn. Es müsste eine topgeführte Rezeption oder zumindest ein klares und eindeutiges Beschilderungssystem in so einem Internat geben, dachte er. Vielleicht könnte man eine Tafel erfinden, auf der sich zu jeder Zeit die Position eines Schülers ablesen ließe; oder so eine geheime Karte wie in den Harry-Potter-Büchern. Er wurde hier noch regelrecht konfus.
»Hej, Papa!« Laura hatte die Arme um ihn geschlungen, bevor er sie überhaupt entdeckte. Er sog den Duft ihres Shampoos ein, während sie sich umarmten. Shampoo und …
»Verdammt noch mal, Laura! Hast du angefangen zu rauchen?«
Perplex versuchte sie sich loszureißen, gleichzeitig hielt sie die Hände vor den Mund. »Du sagst doch nichts Mama, oder?«
»Deiner Mutter? Du machst dir Sorgen wegen deiner Mutter? Und was ist mit mir? Bin ich hier etwa der Blödmann?«
»Du weißt, was ich meine …«
»Nein, bei allen guten Geistern, das weiß ich nicht. Ich bin doch der Nichtraucher bei uns zu Hause. Ich hasse Zigarettenrauch. Und ich habe den größten Teil meines Lebens damit verbracht, mich mit deiner Mutter über genau dieses Thema zu streiten. Jetzt hat sie endlich aufgehört, und du hast am meisten Angst vor ihrer Reaktion?«
Laura ließ die Schultern hängen. »Ach, Papa …«
Dan bemerkte plötzlich, wie still es um sie herum geworden war. Mindestens acht junge Menschen verfolgten den Auftritt mit ernsten Mienen, und Dan wurde klar, dass er gerade definitiv sein neues Image als altes, mürrisches Arschloch zementierte. Wie konnte er seine Tochter nur in aller Öffentlichkeit so herunterputzen … »Entschuldige, Schatz«, sagte er und berührte sanft ihre Schulter. »Wir reden ein andermal darüber, ja?«
Sie blickte zu ihm auf. »Und Mama?«
Dan schüttelte mit der Andeutung eines Lächelns den Kopf.
Laura machte sofort ein fröhlicheres Gesicht. »Hast du Hunger?«
»Ein bisschen«, gab er zu. »Und Durst.«
Sie ging in die Küche voraus und manövrierte ihn gekonnt um die Horden von Schülern, die offensichtlich zur Küchenmannschaft gehörten. Zwei Frauen, gut und gern im mittleren Alter, leiteten den Aufmarsch, Laura wandte sich an die ältere der beiden. Ein paar Worte reichten, dann nickte die Frau, öffnete den Kühlschrank und klapperte auf ihren ausgelatschten weißen Clogs davon, ohne Dan auch nur eines Blickes zu würdigen. Laura schien die unhöfliche Attitüde nicht bemerkt zu haben, daher vermutete Dan, dass es sich lediglich um den normalen Umgangston in der Schulküche handelte.
»Ich kann dir ein bisschen falschen Hasen aufwärmen«, tönte es aus der Tiefe des Kühlschranks, wo Laura Tupper-Dosen untersuchte. »Willst du frisch gebackenes Roggenbrot oder geschmorten Weißkohl dazu?«
»Roggenbrot.« Er sah, wie sie mit einer geübten Bewegung ein paar gebackene Hackfleischscheiben auf einen Teller wippte, ihn mit einer Schale abdeckte und in die Mikrowelle stellte. Innerhalb von drei Minuten zauberte sie außerdem zwei Scheiben Roggenvollkornbrot, einen Löffel Rotkohl und ein großes Stück Butter hervor. Als Getränk entschied er sich für fettarme Milch. Laura goss ihm ein großes Glas ein, stellte alles auf ein Tablett, wischte den Küchentisch hinter sich ab und überließ es ihrem Vater, das Tablett in den jetzt leeren Speisesaal zu tragen.
»Falscher Hase mit geschmortem Weißkohl oder Rotkohl? Ich dachte, ihr bevorzugt vegetarisches oder thailändisches Essen. Ihr esst ja wie im Altenheim.« Er schnitt den ersten Bissen ab, steckte ihn in den Mund und kaute mit einem seligen Gesichtsausdruck.
»Ich dachte, du bist Lifestyle-Experte? Junge Leute mögen am liebsten die althergebrachten Gerichte«, erklärte sie in einem belehrenden Tonfall.
»Ja, ja … solange es sich nicht um Hering, weiche Zwiebeln, Leber, Sagosuppe oder Rosenkohl handelt.« Er lächelte sie an, als sie beleidigt die Arme über der Brust verschränkte. »Jetzt werd nicht gleich sauer, Laura. Erzähl mir lieber von der armen Ursula Olesen, während ich esse. Wann musst du in den Unterricht?«
»Eigentlich in einer Viertelstunde. Aber Gitte hat mir erlaubt zu schwänzen, wenn es mit dir länger dauert.«
»Gitte? Die Schulleiterin? Sag mal, wissen eigentlich alle, dass ich heute komme?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nur Gitte, Helle und ich. Helle, das ist die Alte aus der Küche.«
»Die Saure?«
»Sie ist nicht sauer. Sie ist Ursulas beste Freundin und kreuzunglücklich über die ganze Geschichte. Außerdem ist sie ein bisschen verlegen, weil du ja ziemlich bekannt bist.«
Na ja. Das vergaß er ständig. »Was ist mit Ursula? Ist sie gewarnt?«
Laura nickte.
»Okay, dann schieß los!«
Laura erzählte die lange und traurige Geschichte mit allen Details, die ihr bekannt waren. Dan hörte aufmerksam zu, während er die einfache, aber wohlschmeckende Mahlzeit verzehrte. Als er Messer und Gabel beiseitelegte und sich auf dem Stuhl zurücklehnte, tauchte plötzlich und unerwartet eine Hand auf seiner rechten Seite auf. Sie stellte eine Tasse heißen Kaffee auf den Tisch und räumte den leeren Teller ab. Dan drehte sich um und sah, dass die Hand der weißhaarigen Küchenchefin gehörte.
Er erhob sich und streckte die Hand aus. »Vielen Dank fürs Essen, Helle. Es ist selten, dass man einen falschen Hasen bekommt, der auf die richtig gute alte Art zubereitet ist. Herrlich! War der Rotkohl hausgemacht?«
Ihre Augen huschten über sein Gesicht, und sie murmelte etwas, das er nicht richtig verstand. Dann zog sie ihre Hand zurück und griff noch nach dem leeren Milchglas, bevor sie wieder in der Küche verschwand.
Laura kicherte. »Du hast die Damen im Griff, oder, Papa?«
»Ach, hör schon auf.« Er setzte sich und schnupperte an dem Kaffee. »Aber da wir gerade von Frauenverstehern reden … Wie war er eigentlich?«
»Jakob?«
Dan nickte. »Nur dein ganz persönlicher Eindruck?«
Sie zog die Brauen zusammen und biss sich auf die Unterlippe, während sie einen Augenblick nachdachte. »Na ja, du wirst es mir nicht glauben, Papa, ich konnte ihn tatsächlich nie leiden. Auch nicht, als er ständig hier wohnte und Ursula so glücklich war. Und das sage ich nicht, um hinterher alles besser gewusst zu haben. Ich habe Zeugen! Alle andern sind bald in Ohnmacht gefallen und fanden ihn wunderbar, aber ich … Ich weiß nicht. Mir fehlte irgendetwas an ihm. Ich glaube, besser kann ich es nicht erklären.«
»Wenn du sagst ›die anderen‹, wen meinst du damit? Deine Freundinnen hier auf der Schule? Oder die anderen Lehrer?«
»Alle. Also … er sah einfach super aus, obwohl er schon ein bisschen alt war. Groß, muskulös, schmale Hüften, sexy Augen. Außerdem war er immer wahnsinnig höflich und sehr hilfsbereit.« Laura platzierte ihre Ellenbogen auf den Tisch und stützte das Kinn auf ihre Fäuste. »Vielleicht lag es daran, er war so höflich und korrekt, als hätte er sich ständig hundertprozentig unter Kontrolle. Ich meine, jeder normale Mann guckt doch auch mal jungen Mädchen hinterher, oder? Vor allem, wenn die so supergut aussehen wie ich.« Sie legte den Kopf zurück und lachte schallend. Wieder erinnerte sie ihn an ihre Mutter, die auch immer herzlich über ihre eigenen witzigen Bemerkungen lachte. »Alle Männer, auch wenn sie glühend in ihre Frauen oder Freundinnen verliebt sind, schenken einer Sahneschnitte wie mir doch zumindest einen Blick, oder?«
Wenn du wüsstest, Mädchen. Wir sind durch und durch alte Ferkel, dachte Dan. Aber er hielt die Maske aufrecht und beließ es bei einem Nicken.
»Jakob aber nicht. Nicht ein einziges Mal. Auch die anderen Mädchen oder die Lehrerinnen guckte er nicht an. Nur Ursula. Als wären seine Augen an ihr festgeleimt. Als hätte er beschlossen, nie wieder wegzusehen. Sie fand das natürlich toll, und die anderen meinten, es sei süß, mir war es eher unheimlich.« Sie lehnte sich zurück. »Hilft dir das?«
»Sehr.« Dan trank einen Schluck Kaffee. Auch der war mehr als okay. Sein Respekt vor Helle aus der Küche stieg mehr und mehr. »Du warst der Ansicht, dass Jakobs totale Fokussierung auf Ursula etwas Konstruiertes hatte.«
»Genau. Er hat’s übertrieben; er hat so getan, als sei er vollkommen verrückt nach ihr, als müsse er sie ständig berühren, sie küssen und ihr klebrige Komplimente machen.«
»Klebrig?«
»Na ja, andeuten, wie fantastisch sie im Bett ist und so. Also hör mal … in ihrem Alter! Das mit anzuhören, war eklig!«
Dan vertiefte dieses Thema nicht weiter. Er wusste nicht so genau, ob er sich anhören wollte, wo Lauras Meinung nach die Altersgrenze für die sexuelle Ekelschwelle lag. Wenn Jakob ›schon ein bisschen alt‹ und Ursula in ihrer Rolle als Liebhaberin direkt ekelerregend war, dann hatte Dan das hässliche Gefühl, sein eigener Zustand könnte auch schon bald einen kritischen Punkt erreichen.
»Na, Prinzessin«, sagte er stattdessen. »Soll ich dir sagen, was ich glaube, bevor wir mit der armen Frau überhaupt geredet haben?«
Sie nickte.
»Ich glaube, es wird sehr, sehr schwer werden, sie zu überreden, damit zur Polizei zu gehen.«
»Ja, sicher, Papa, aber könntest du nicht wenigstens …«
»Natürlich werde ich einen ernsthaften Versuch wagen, zaubern kann ich jedoch nicht. Sie ist eine erwachsene Frau, und wenn sie nicht will, kann niemand sie zwingen.« Dan legte ein paar Fingerspitzen auf Lauras Handrücken. »Hör mal, Laura, möglicherweise ist dir das ja auch schon passiert, irgendein Idiot hat dich sitzen lassen und war nicht imstande, es auf anständige Art und Weise zu beenden. Du musstest selbst herausfinden, dass es vorbei ist, und dich dabei vor deinen Freundinnen blamieren …« Sie nickte. »Die möglicherweise obendrein noch herumgelaufen sind und deine Geheimnisse weitergetratscht haben, zum Beispiel, was dir gefällt oder nicht gefällt, wenn ihr allein seid, wenn du verstehst, was ich meine.« Sie verstand. Und wandte den Blick ab. »Was ich dir sagen will, ist, derartige Situationen … es wird mit den Jahren nicht einfacher, sie zu ertragen. Nein, nicht um deine Gefühle kleinzureden«, fügte er hastig hinzu, als er sah, dass sie protestieren wollte. »Selbstverständlich kann man tief verletzt sein, auch wenn man jung und hübsch ist, und doch, in all dem Ärger weißt du tief in deinem Inneren genau, dass es noch eine Unmenge anderer Männer auf der Welt gibt und du es schaffen wirst, jedenfalls besser als dieser Vollidiot, der dir in einer bestimmten Situation so wehgetan hat.« Sie blickte auf. Dan hatte offenbar einen blanken Nerv getroffen, er entschied sich aber, es zu ignorieren. »Stell dir vor, du bist Ursula. Sie steht am anderen Ende des Laufbands und stellt sich allmählich darauf ein, mit all dem, womit du gerade anfängst, aufzuhören. Höchstwahrscheinlich empfand sie Jakob als ihre allerletzte Chance für eine Liebesbeziehung.«
Laura nickte. »Sie nannte ihn ihr Mirakel.«
»Da siehst du’s. Ein Mirakel. Man erwartet nicht, dass es jeden Tag passiert. Jedenfalls nicht, wenn man gut und gern die Hälfte seines Lebens hinter sich hat.« Dan leerte die Tasse und schob sie beiseite. »Wenn ich raten sollte, würde ich sagen, Ursula verbrachte die meiste Zeit der letzten Monate damit, sich in den Arm zu kneifen, um herauszufinden, ob sie vielleicht doch träumt. Garantiert hat sie gewaltige Angst davor gehabt, sich lächerlich zu machen. Vor euch Schülern, den Kollegen und ihrer Tochter gegenüber. Am meisten Angst hatte sie sicherlich davor, sich vor Jakob lächerlich zu machen; davor, dass er sie tief in seinem Inneren eklig fand, sie für alt, verbraucht und schlaff hielt, und sich irgendwann in eine andere, eine jüngere Frau verlieben würde.«
»Wir wissen nicht, ob nicht das vielleicht sogar der Fall ist.«
»Wir wissen offenbar so gut wie nichts. Aber von Ursulas Seite aus betrachtet, ist etwas geschehen, was all ihre Sorgen bestätigt hat, egal, wie die Erklärung lautet: Er hat sie verlassen, er hat ihr Geld mitgenommen, er hat sie nicht geliebt. Das ist die totale Demütigung. Es ist enorm, dass sie überhaupt mit mir spricht. Mehr kannst du meiner Ansicht nach nicht erwarten.«
6 / Donnerstag, 22. März 2007, Nachmittag
Wie langsam kann man gehen, ohne dass es auffällt? Diese Frage ging Dan durch den Kopf, als er sich im Schneckentempo durch den Sonnenschein bewegte, am Schafpferch vorbeiging und eine Schwalbe beobachtete, die aussah, als hätte sie Stress beim Nestbau. Er näherte sich dem Ostflügel, in dem Ursula Olesens Wohnung lag. Er hatte überhaupt keine Idee, wie er das Gespräch anpacken sollte, obwohl er noch vor wenigen Minuten versucht hatte, Laura mit seiner blendenden psychologischen Analyse zu beeindrucken. Das eigentliche Rätsel dieses Falles faszinierte ihn, dennoch fürchtete er sich in Wahrheit bei dem Gedanken, mit der armen, betrogenen Ursula allein zu sein. Würde sie die ganze Zeit weinen? Würde sie darauf bestehen, ihm intime Details über ihre Beziehung zu diesem Wunderknaben zu erzählen? Oder ihn zwingen, ihre banalen Liebesbriefe zu lesen? Erwartete sie, dass er sie umarmte und tröstete? Dan schauderte. Er musste darauf achten, eine gewisse professionelle Distanz zu wahren und sich auf das Praktische zu konzentrieren, sagte er sich. Für alles andere hatte sie einen ganzen Haufen Freundinnen und Kolleginnen.
Was dann folgte, bewies einmal mehr, wie gründlich man sich irren kann, wenn man seinen Vorurteilen nachgibt und versucht, sich von vornherein eine bestimmte Situation in all ihren Details auszumalen. Erstens war er nicht allein mit Ursula. Als er an der Tür klingelte, an der zwei leere Schraubenlöcher die einzige Spur des Türschilds waren, öffnete eine junge Frau. Ein wenig unerwartet, doch die Situation wurde erst recht verwirrend, als die Frau sich als Anemone vorstellte, Ursulas Tochter. Die in Berlin wohnte. Die Künstlerin. Hätte Dan vorher jemand gebeten zu beschreiben, wie ein Mädchen mit einem derart lyrischen Namen wohl aussähe, hätte er mit Worten wie ›langes blondes Haar‹, ›schwebender Gang‹, ›ein bisschen hippieartig‹ oder ›feminin‹ geantwortet. Vergiss es. Die Frau an der Tür war der lebende Beweis dafür, dass man bei der Auswahl der Namen seiner Kinder sorgfältig nachdenken sollte. Anemone war eine durch und durch unromantische Erscheinung mit einem großen, kantigen Männerkörper und den Schultern einer professionellen Schwimmerin. Ihr dichtes, mittelbraunes Haar rahmte ein blasses ovales Gesicht ein. Das Lächeln war zurückhaltend und entblößte eine Reihe regelmäßiger weißer Zähne. Ein fester Händedruck, nicht länger als nötig.
»Kommen Sie rein«, sagte sie mit einer verblüffend hellen, melodischen Stimme. »Wir sitzen auf dem Balkon und genießen die Sonne.«
Balkon? Genießen? War das hier nicht ein Haus des Kummers und der Sorgen? Dan folgte Anemone durch das kleine, vollgestellte Wohnzimmer, an dem es keinen Quadratzentimeter freie Fläche mehr an der Wand gab. Die Bilder hingen eng nebeneinander, so dicht wie bei einer Collage. Aquarelle, Kupferstiche, Postkarten, Ölgemälde. Ein enormes karamellfarbenes Samtsofa mit ganzen Haufen von bunten selbst gehäkelten Kissen nahm einen großen Teil des Platzes ein, auf dem niedrigen Tisch davor lagen sorgfältig gestapelt Kunst- und Einrichtungszeitschriften aus der ganzen Welt.
Am Ende des Wohnzimmers führte eine schmale Tür in ein Schlafzimmer, das ebenso voller Bilder hing wie das Wohnzimmer. An der Längsseite des kleinen Zimmers verlief ein winziger Balkon, es gab gerade genügend Platz für drei schmale Stühle. Ein mikroskopisch kleiner Klapptisch war an die Mauer unter den Balkonkästen geschraubt, in denen sich eine Menge Stiefmütterchen der Sonne zuwandten. Auf einem der Stühle saß eine weitere Überraschung. Ursula Olesen hatte nichts mit seiner Vorstellung von einer tief betrübten Frau zu tun. Sie sah nicht aus wie jemand, der gerade einen Selbstmordversuch überlebt hatte, sondern weit besser, als er sie in Erinnerung hatte. Das hennafarbene Haar wurde von einer Lederspange im Nacken zusammengehalten, sie hatte ein sorgfältiges, aber diskretes Make-up in braunen und goldenen Tönen aufgelegt. Ihr gestreiftes, figurbetontes Hemd hing locker über ein Paar Jeans, und über der Schulter trug sie einen dunkelgrauen Cardigan. Sie sah ernst und ausgeglichen aus, und als sie ihn willkommen hieß, war ihre Stimme fest und ruhig. Unglaublich, was man mit modernen Medikamenten alles erreichen kann, dachte Dan, der nur allzu gut deren Wirkung kannte.
»Ich vermute, Sie haben die Geschichte bereits gehört«, sagte sie, nachdem sie eiskaltes Mineralwasser in drei Gläser gegossen hatte. Anemone hatte sich auf den mittleren Stuhl gequetscht.
»Soweit sie Laura bekannt ist, ja.«
»Was Sie nicht wissen, ist, dass Mone und ich den Vormittag damit verbracht haben, ihn übers Internet zu suchen. Und er … es gibt ihn einfach nicht.« Ihre Stimme zitterte plötzlich. Ihre seelischen Bollwerke hatten nicht lange standgehalten. Sie schaute ihre Tochter an, die mit dem Bericht fortfuhr.
»Seine Farbenfirma gibt es auch nicht. Wir wussten schon, dass er keine Homepage hat, aber das hat uns nicht überrascht, er hatte ja gerade erst begonnen, Farben zu produzieren. Sie sollten ja noch gar nicht verkauft werden.« Sie zog eine Plastiktüte unter ihrem Stuhl hervor. »Das hier ist sein Produkt.« Sie gab Dan einen weißen Plastikbehälter mit Schraubverschluss und einem sehr hübschen, romantischen Etikett mit dem Bild eines Waldsees, umgeben von knorrigen Eichen. »Ich weiß es natürlich nicht, aber mein Gefühl sagt mir, dass er in die sauberen Behälter mit den vornehmen Etiketten ganz gewöhnliche Acrylfarbe gekippt hat. Ich bin ein bisschen durch Googles Bildarchiv gesurft, und nach einer Stunde hatte ich’s gefunden …« Sie reichte ihm den Farbausdruck eines von Hand gezeichneten Etiketts, das jenem auf dem Farbeimer zum Verwechseln ähnlich sah. »Es stammt von einem kanadischen Öko-Reiniger. Er musste bloß die Schrift austauschen und sich so viele Etiketten ausdrucken, wie er benötigte.«
»Haben Sie auch seinen Namen überprüft?«
Die beiden Frauen nickten gleichzeitig. »Das Schlimmste ist«, sagte Ursula, »dass ich es vor langer Zeit hätte herausfinden können. Ich wusste doch nichts über ihn. Ich hätte ihn überprüfen müssen, ich hätte …«
»Hör jetzt auf, Mutter.« Anemone nahm ihre Hand. »Deine Selbstvorwürfe kannst du dir für später aufheben. Sie sind jetzt nicht unser Thema.«
Ursula zog die Hand zurück und richtete ihren Blick auf die Felder vor dem Fenster. Ihr Gesicht hatte sich verschlossen.
»Entschuldigung, aber was ist denn das Thema?«, fragte Dan.
»Hat Laura es nicht gesagt?« Anemone sah ihn mit erhobenen Augenbrauen an. Und dann kam die vierte Überraschung dieser Begegnung: »Ich will Sie anheuern, um Jakob zu finden und das Geld meiner Mutter zurückzuholen.«
Dan runzelte die Stirn. »Da müssen Sie etwas missverstanden haben. Ich bin Werbetexter, kein Privatdetektiv.«
Er sah, dass Anemone Einwände vorbringen wollte, und hielt eine Hand hoch, um sie zu stoppen. »Die Zeitungen nennen mich den kahlköpfigen Detektiv, das mag schon sein, und es ist wirklich eher ein Gag als eine Jobbeschreibung.«
»Sie haben doch diese Doppelmorde aufgeklärt …«
»Ich habe letzten Herbst einem guten Bekannten bei der Polizei ein bisschen bei dem Fall geholfen, ja. Aber das war ein Zufall und bestimmt nichts, womit ich meinen Lebensunterhalt verdienen möchte.«
Anemone kniff die Augen zusammen. »Wenn Sie kein Interesse haben, warum zum Teufel sind Sie dann den ganzen Weg von Christianssund hierhergekommen, um mit uns zu reden?«
»Weil meine Tochter mich darum gebeten hat. Sie wollte helfen. Laura mag Sie sehr, Ursula.«
Ursula nickte und hielt den Blick weiter auf den Horizont gerichtet.
»Ich begreife überhaupt nichts«, erklärte Anemone. »Was haben Sie sich denn gedacht, worüber wir hier reden? Wollten Sie meiner Mutter eine Gesprächstherapie anbieten, oder wollten Sie nur Ihre Solidarität mit dem weiblichen Geschlecht demonstrieren?«
»Na, na, Mone …«, murmelte ihre Mutter.
»Ist schon okay, Ursula«, erwiderte Dan. »Ich verstehe, dass Anemone verwirrt ist. Mir geht es genauso.« Er sah Ursulas Tochter an. Der Zorn hatte ihre blassen Wangen rot anlaufen lassen. Es stand ihr, aber das sollte er ihr im Moment wohl besser nicht sagen. »Ich glaube, meine liebe und wohlmeinende Tochter hat uns beide hinters Licht geführt«, sagte er dann. »Ihnen hat sie gesagt, Sie könnten mich als Privatdetektiv anheuern, und mir, ich solle Sie überreden zur Polizei zu gehen.«
»Zur Polizei?« Ursula sah ihm direkt ins Gesicht. »Das will ich nicht! Unter keinen Umständen!«
Anemone wandte den Blick von Dan ab, drehte ihm, soweit der beengte Raum es zuließ, sogar den Rücken zu. »Also wirklich, Mutter, das ist unglaublich! Dieser Mann hat dich um über sieben Millionen Kronen betrogen. Das ist natürlich ein Fall für die Polizei und nicht für irgendwelche Amateure.«
»Sieben Millionen?« Dan hielt mitten in einer Bewegung inne. Er hatte gerade aufstehen wollen – zur Tür und dann weg von dieser übellaunigen Domina. Dieser gewaltige Betrag weckte allerdings seine Neugierde.
Als Anemone ihm den Kopf zuwandte, sah er an dem kleinen Kräuseln in ihrem Mundwinkel, dass es genau die Reaktion war, die sie erwartet hatte. »Na, jetzt ist es schon interessanter, wie?«
Dan ignorierte sie. »Wie um alles in der Welt konnte er Sie um sieben Millionen erleichtern, Ursula?«
Sie zuckte die Achseln und trank einen Schluck Mineralwasser.
»War das Geld nicht in Immobilien oder Wertpapiere angelegt?« Dan schüttelte den Kopf. »Sagen Sie nicht, es lag unter Ihrer Matratze!«
Ursulas Lächeln erreichte die Augen nicht. »So schrullig bin ich auch wieder nicht«, erwiderte sie. »Das Geld ist immer noch auf einem hochverzinslichen Festgeldkonto mit einer dreimonatigen Kündigungsfrist. Mein Kundenberater bei der Bank hat jedoch einen dieser Summe entsprechenden Betrag auf einem offenen Konto zur Verfügung gestellt, damit hätten wir in drei Monaten … Er hat das Geld abgehoben. Und nach Ablauf der Kündigungsfrist muss es natürlich erstattet werden.«
Anemone legte eine Hand auf den Arm ihrer Mutter. »Ganz ehrlich, Mutter. Lass es. Der Mann hat schließlich erklärt, dass er nicht für uns arbeiten will.«
»Sie tun jedenfalls nicht viel, um es verlockender für mich zu machen«, entfuhr es Dan. »Wenn Sie möchten, dass andere etwas für Sie tun, sollten Sie sich ein wenig psychologisches Einfühlungsvermögen zulegen. Oder allgemein übliche Formen der Höflichkeit.«
Die junge Frau sprang so abrupt auf, dass ihr Stuhl über den Zementboden des Balkons schrammte. »Ich denke, Sie gehen jetzt besser«, sagte sie und ging voraus zur Tür. »Das hier ist Zeitverschwendung.«
Dan erhob sich ebenfalls. Er gab seiner Gastgeberin die Hand. »Auf Wiedersehen, Ursula. Ich hoffe wirklich, dass Sie eine Lösung für all diese Probleme finden. Und ich bedauere sehr, Ihnen nicht helfen zu können.«
Ein wenig linkisch standen sie sich auf dem winzigen Balkon gegenüber. Sie legte den Kopf zurück und sah ihm einen Moment lang in die Augen. Dann drückte sie sich an ihm vorbei und ging ins Schlafzimmer, wo ihre Tochter wartete. »Kannst du nicht einen Spaziergang machen, Mone?«, bat sie ruhig. »Dann rede ich weiter mit Lauras Vater.«
»Aber …«
»Ich schätze wirklich sehr, was du im Augenblick für mich tust. Aber jetzt musst du mir mal das Feld überlassen. Lass uns eine Stunde Zeit. Okay?«
Anemone zuckte ihre Schwimmerschultern, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand. Ein paar Sekunden später wurde die Tür zum Gemeinschaftsflur so heftig zugeworfen, dass in der ganzen Wohnung die Bilder wackelten.
»Entschuldigen Sie«, sagte Ursula. »Meine Tochter ist manchmal so … intensiv.« Sie setzte ein schiefes Lächeln auf. »Können wir uns nicht einfach ein wenig unterhalten, Dan? Vielleicht haben Sie ja eine gute Idee, wie ich auf eigene Faust weitersuchen könnte?«
Als Dan zwei Stunden später in seinem Auto nach Hause fuhr, hatte man ihn gerade mit seinem ersten selbstständigen Fall als Detektiv betraut. Er und Ursula hatten einen Tagessatz und eine Berichtsform vereinbart, und als Anemone sich nach einem einstündigen abkühlenden Spaziergang wieder zu ihnen gesellte, gab sie ihm einen Vorschuss für ein paar Wochen.
»Es ist vollkommen grotesk«, erklärte sie, als sie ihm den kleinen Stoß Geldscheine übergab. »Jetzt verfüge nur ich noch über Geld. Ich habe die Wohnung beliehen. Gut, dass du mir eine so teure gekauft hast, Mutter.«
Ursula hatte den Kopf geschüttelt. »Es ist grotesk, wahrlich«, hatte sie gesagt. »Wenn es nicht so absurd wäre, würde ich mich totlachen.« Sie hatte das Gesicht zu einer Grimasse verzogen, die mit etwas gutem Willen als Lächeln angesehen werden konnte, und Dan hinausbegleitet. »Wann sehen wir uns wieder?«
»Wie gesagt, ich maile Ihnen mehrmals in der Woche einen Bericht. Sehen müssen wir uns vorläufig nicht, denke ich. Jedenfalls nicht, bevor ich nichts wesentlich Neues zu berichten habe.«
7 / Nacht auf Freitag, 23. März 2007
»Willst du nicht langsam ins Bett?« Mariannes Gesichtszüge zerflossen schläfrig, ein fächerförmiger Abdruck ihres Kopfkissens zeichnete sich auf ihrer Wange ab. In einem knielangen, löchrigen T-Shirt, ihrem bevorzugten Nachthemd, lehnte sie am Türrahmen; von ihrer widerspenstigen hellbraunen Löwenmähne hatte sie das Haargummi entfernt, sodass ihre Haare in alle Richtungen abstanden. »Es ist nach zwei!« Sie kratzte sich an der Schulter und gähnte.
Ihr Mann versetzte dem Bürostuhl eine Vierteldrehung, bis er ihr direkt gegenübersaß. »Ich mache die Katalogtexte für Schwerin noch fertig«, sagte er. »Dann kann ich mich ab morgen auf die Jagd nach diesem Jakob konzentrieren.«
Sie ignorierte seinen beschäftigten Gesichtsausdruck und schlurfte zu dem Sessel in der Ecke. »Ich hatte einen Albtraum«, sagte sie und ließ sich hineinfallen. »Kannst du mir nicht meine Decke holen?« Dan gehorchte, ohne zu protestieren. »Wovon hast du geträumt?«, erkundigte er sich, als er ihr einen Augenblick später die Bettdecke reichte.
»Von einer Obduktion. Ich habe eine große Geschwulst im Körper einer älteren Frau untersucht, als ich plötzlich bemerkte, dass es sich um Lauras Leiche handelte.«
»Pfui Teufel.«
»Genau.« Sie gähnte erneut. »Und ausgerechnet ich, die ich Obduktionen hasse.«
»Tja, das war nun nicht gerade das, was ich …«
»Nein, nein.« Sie verscheuchte das Thema mit einer ungeduldigen Handbewegung. »Dan, ich glaube, ich habe eine Idee.«
»Ja?« Dan schielte auf sein Notebook. Es würde noch mindestens eine Stunde dauern, bevor er ins Bett kam. Aber wenn Marianne zu einem nächtlichen Powwow erschien, gab es kaum Hoffnung zu entkommen, das wusste er. Er konnte sich ebenso gut gleich ergeben. »Ein neuer Einrichtungsspleen?«
»Ach, hör auf!« Ärgerlich pustete sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. »Was meinst du mit Spleen? Du solltest froh sein, dass sich wenigstens einer hier im Haus ein bisschen dafür interessiert.«
»Entschuldige. Was wolltest du sagen?«
Sie blickte ihn noch einen Moment beleidigt an, dann taute sie auf. »Es war eine Idee im Fall Ursula. Du glaubst, dieser Jakob hat es mehr als nur einmal getan, oder?«
»Ja.«
»Du meinst also, er ist ein Heiratsschwindler?«
»Also verheiratet waren sie noch nicht.«
»Nein, aber trotzdem.« Marianne schnitt eine Grimasse. »Du weißt genau, was ich meine.«
»Ja, sicher. Die ganze Nummer war so ausgefuchst, dass er es einfach schon mal gemacht haben muss. Zum Beispiel gibt es keine Firma, die Future Colours heißt. Trotzdem hatte er ein Auto mit diesem Logo, Warenproben mit Etiketten, eine Mailadresse mit futurecolours.dk als Domain … Solche Dinge brauchen Zeit, und er muss von vornherein gewusst haben, auf wen er es abgesehen hatte. Das ganze Set-up war wie maßgeschneidert für Ursula.«
»Es wirkt ziemlich professionell.«
»Genau. Und es gibt eine Menge Dinge, von denen ich noch nichts weiß. Wie konnte dieser Jakob beispielsweise wissen, dass Ursula über ein Millionenvermögen verfügte? Hat er in einer Bank gearbeitet? Oder ist er ein Hacker? Sie schwört, nie irgendjemand anderem als ihrer Tochter von dem Lottogewinn erzählt zu haben.«
»Na ja, könnte die Tochter nicht …«
»Anemone?« Dan grinste. »Du hättest sie sehen sollen. Sie ist die Selbstbeweihräucherung und Mäßigung in Person. Sie hat überhaupt nicht genügend soziale Intelligenz, um mit anderen Menschen zu tratschen.« Er schob seiner Frau eine Schachtel Halspastillen zu. »Nein, das mit dem Vermögen hat Jakob irgendwo anders aufgeschnappt. Da bin ich mir sicher.«
»Danke. Wer ist er überhaupt?«, fragte Marianne und nahm sich ein Lakritz. »Du sagst, Ursula hätte versucht, ihn im Netz aufzuspüren?«
»Nur über Google und solche Seiten. Man müsste sich schon ans Einwohnermeldeamt wenden, um sicherzugehen, aber im Moment sieht es nicht so aus, als gäbe es jemanden mit diesem Namen.«
»Hat sie jemals seinen Pass gesehen?«
»Mehrfach. Pass, Führerschein, alle Papiere waren auf Jakob Heurlin ausgestellt und sahen total echt aus, dennoch müssen sie gefälscht gewesen sein.« Dan zog einen Kollegblock heran und machte sich eine Notiz. »Ich muss bei den Reiseveranstaltern und der Bank überprüfen, ob sie vielleicht eine Fotokopie des Passes haben.«
»Was ist mit dem Wagen?«
»Was meinst du?«
»War das Auto unter seinem Namen registriert?«
»Ich kann sie gern fragen, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sie das überprüft hat.«
»Na ja, der Wagen muss doch zu finden sein, du kannst das überprüfen. Wie sind sie zum Flughafen gekommen, als sie ihn das letzte Mal gesehen hat?«
»Sie fuhren in ihrem Wagen.«
»Dann muss sein Wagen doch noch immer in …«
»Du hast recht. Ich überprüfe es.« Eine weitere Notiz. Er hob die Augenbraue. »Willst du den Fall nicht übernehmen, Marianne? Klingt, als hättest du die Sache im Griff.« Er lächelte, aber seine Augen blieben ernst.
»Ach, lass mich doch, Dan, ich will mich ja nicht aufspielen. Ich finde es bloß spannend.« Ihre dunklen Rehaugen glitzerten. »Ist das nicht in Ordnung?«
Er schickte ihr einen Kuss durch die Luft, wurde aber gleich wieder ernst. »Ich habe übrigens auch diesen Anwalt überprüft, mit dem Jakob verschwunden ist. Einar Greiff-Johansen.«
»Und?«
»Ihn gibt es natürlich auch nicht. Nur Jakob hatte mit ihm zu tun, und wenn Papiere zu unterschreiben waren, kam Greiff-Johansen immer zu ihnen, nie umgekehrt.«
»Ursula hat also nie seine Kanzlei gesehen? Sehr praktisch.« Marianne hielt eine Faust vor den Mund und gähnte. »Entschuldigung. All diese Bankunterlagen, davon muss es doch Kopien geben?«
»Gibt es auch. Greiff-Johansen steht als Anwalt für sämtliche Transaktionen darin. Das Problem ist nur, dass die Anwaltskammer noch nie von ihm gehört hat.«
»Müsste die Bank so etwas nicht überprüfen, wenn es um so viel Geld geht?«
»Ja, und das hätten sie sicherlich auch getan, wenn sie etwas mehr Zeit gehabt hätten. Denk dran, der gesamte finanzielle Teil dieses Schwindels dauerte nur vier, fünf Tage, und zwei davon waren ein Wochenende …«
»Oh.«
Dan starrte wieder auf seinen Block. »Ich habe Ursula gefragt, ob sie ein paar gute Fotos von Jakob hat. Hat sie nicht.«
»Sie unterrichtet Fotografie!«
»Meine Worte. Aber Jakob Heurlin hasste offenbar Kameras, und sie erklärte mir irgendetwas von künstlerischem Ausdruck und Inhalt vor Form. Ziemlich langweilig, aber lange Rede, kurzer Sinn: Sie hat nur ein einziges Bild von ihm. Es zeigt seinen Rücken und wurde aufgenommen, während er schlief. Sehr künstlerisch, schwarz-weiß. Ich hab’s hier irgendwo.«
Dan blätterte einen Stapel durch und zog ein Foto heraus. Er reichte es Marianne. »Hier, schau selbst, besser geht’s nicht. Achte auf die Tätowierung an der Schulter, vielleicht hilft sie bei der Identifikation, wenn ich das Schwein irgendwann erwische.«
»Hm. Dann ist meine Idee vielleicht doch nicht so gut.«
»Was hast du dir vorgestellt?«
»Ich habe mir gedacht, man könnte Jakob auf diesen Partnervermittlungs-Homepages suchen«, sagte sie. »Aber dazu brauchen wir ein vernünftiges Foto.«
»Wer sagt denn, dass der Mann ein Dating-Profil hat? Ursula hat ihn doch ganz anders kennengelernt.«
»Also hör mal, ich habe ja keine Ahnung, ob dieser Jakob ein solches Profil hat oder nicht. Aber wenn du mit deiner Theorie recht hast, dass er diese Nummer mehr als einmal abgezogen hat, dann gibt es höchstwahrscheinlich einige enttäuschte hinterlassene Damen in seinem Kielwasser. Die meisten von ihnen sind Singles; jedenfalls spricht alles dafür, denn rein statistisch ist die Chance, einen nur einigermaßen passenden Liebhaber zu finden, nicht sonderlich groß für eine Frau, die die Wechseljahre hinter sich hat.«
Dan zuckte die Achseln. »Nee, vielleicht, aber …«
»Auf der anderen Seite«, fuhr Marianne unbeirrt fort, »stirbt die Hoffnung ja zuletzt. Obwohl sie sich einmal die Finger verbrannt haben, ist es nicht sicher, dass sie es alle aufgegeben haben, einen Mann zu finden, oder?« Sie fischte noch eine Halspastille aus der Schachtel. »Wenn du wüsstest, wie viele alleinstehende Frauen ich kenne, deren Daten im Netz stehen. In unserem Alter. Und älter.« Plötzlich lächelte sie. »Und nicht einmal alle sind wirklich Single oder Frauen!«
»Ich kenne überhaupt niemanden, der …«
»Da irrst du dich aber gewaltig, mein Lieber. Du kennst eine Menge Leute, die sich im Netz verabreden. Beinahe ebenso viele wie ich. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass Frauen sich das erzählen und Männer nicht. Oder besser, wenn Männer so etwas erzählen, dann vertrauen sie sich typischerweise einer Freundin oder Schwester an. Nicht einem anderen Mann.«
Dan sah sie an und wusste plötzlich, von wem sie sprach. »Hat Flemming …?«
»Da musst du ihn schon selbst fragen.« Marianne schüttelte sich und zog die Füße unter die Decke.
Na gut. Flemming und Marianne führten also noch immer ihre langen Gespräche – ohne Dan. Er musste aufstehen, um sich die Eifersuchtswelle nicht anmerken zu lassen, die seinen Brustkasten schmerzen ließ. »Ich muss mal pinkeln«, sagte er und verschwand, bevor sie etwas sagen konnte. Dans Jugendfreund, Flemming Torp, war mit Marianne zusammen gewesen, bevor sie und Dan sich vor bald fünfundzwanzig Jahren so stürmisch verliebt hatten, dass es in Wahrheit niemals um eine reelle Wahl gegangen war. Das Unglaubliche an dieser Geschichte war, Dans und Flemmings Freundschaft hatte nicht nur diese heftige Probe überstanden, sondern ihr Leben lang gehalten: in der Zeit, als Flemming auf die Polizeischule ging und Dan sich seine ersten Sporen in der Werbung verdiente; in den vielen Jahren, in denen Flemming mit Karin verheiratet gewesen war; in Urlauben, wo die beiden Familien mit ihren kleinen Kindern ganz Nordeuropa bereist hatten; in der Zeit von Flemmings und Karins Scheidung vor einem Jahr. Zu Karin hatten sie den Kontakt verloren, als sie zu ihrem neuen Mann in Hvidovre zog, aber Flemming war noch immer ein fester Bestandteil ihres Lebens, ein loyaler und hilfsbereiter Freund.
Das Problem bestand darin, dass Dan in den letzten Jahren die zwanghafte Idee entwickelt hatte, seine Frau und sein bester Freund könnten eine Affäre haben. Kindisch, aber so war es. Eigentlich müsste Flemming eifersüchtig sein, denn schließlich hatte er damals Marianne verloren. Er hatte sich mit der Nächstbesten begnügen müssen und keine sonderlich glückliche Ehe geführt. Offensichtlich fühlte er sich in seinem hässlichen Reihenhaus einsam und vergrub sich in seine Arbeit als Kommissar bei der Polizei von Christianssund. Flemming hatte allen Grund, seinen charismatischen Freund zu beneiden. Aber nicht er war eifersüchtig. Sondern Dan. Und Dan musste all seine Kraft aufbieten, um dieses Gefühl zu unterdrücken. Er wusste genau, wie pathetisch das war. In seinen rationaleren Momenten – neunzig Prozent seiner Zeit – war ihm schon klar, dass es zwischen Flemming und Marianne nicht zu einer einzigen unpassenden Berührung gekommen war, seit sie ihren netten, realen Liebsten damals in den Achtzigern gegen sein attraktives Arschloch von Freund getauscht hatte.
Denn ein Arschloch war Dan damals gewesen. Eine Sache war seine Arbeitswut und Kontrollsucht, die dazu führte, dass er oft für längere Zeit nicht nach Hause kam. Eine andere sein Verbrauch an Kokain und Tequila. Beides gehörte damals in gewisser Weise zur Werbebranche wie das Rauchen von Zigarren und überdimensionierte Schulterpolster im Kopenhagener Nachtleben. Noch schlimmer war, dass Dan seine Frau in diesen Jahren systematisch mit einer topgestylten Werbetussi nach der anderen betrog. Es war erbärmlich. Tatsächlich trieb er es so schlimm, dass er schließlich bereit war, mit der ganzen Familie in seine Heimatstadt Christianssund zu ziehen, um sein unwürdiges Verhalten zu beenden. Hier waren die Verlockungen nicht so groß, und allein die Größe der Stadt ließ ihn zweimal überlegen, ob er sich auf eine neue Mediengrafikpraktikantin stürzen sollte oder nicht.
Die Strategie hatte funktioniert. Dan war nur noch selten schwach geworden, das letzte Mal lag schon viele Jahre zurück. Allerdings hatte er parallel zur Einstellung seines Drogenkonsums und zur Neuordnung seines Sexuallebens diese Zwangsvorstellung entwickelt, die mit den Jahren immer größer und quälender geworden war. Manchmal wachte er nachts schwitzend vor Panik auf. Als hätte sein schwarzes Gewissen sich diese maßgeschneiderte Strafe ausgedacht und gäbe sich alle Mühe, sie mit den Jahren auszubauen und zu verfeinern. Als Dan vor einem halben Jahr mit einer heftigen Depression aus der Bahn geworfen wurde, war eine Erklärung sein anstrengender Job als Kreativdirektor einer Werbeagentur gewesen, denn als leitender Angestellter war er im Grunde ungeeignet. Dieses Problem war gelöst. Er hatte in der Agentur gekündigt und sich selbstständig gemacht. Er hatte keinerlei Verantwortung mehr für Untergebene.
Eine andere und eher versteckte Ursache des Zusammenbruchs war sein Schamgefühl wegen der jahrelangen Untreue gewesen, kombiniert mit der Zwangsvorstellung, Marianne wolle ihn wegen Flemming verlassen. Ein rationalerer Mensch hätte diesen Teil des Problems natürlich mit seinem Ehepartner besprochen – oder zumindest mit seinem Therapeuten –, Dan dagegen hatte ein für alle Mal beschlossen, Marianne solle in diesen, den verräterischsten Teil seiner Persönlichkeit niemals Einblick erhalten. Also schlug er sich im Stillen mit seinen Gespenstern herum und entzog sich, wenn jemand ihm zu nahe kam. Wie jetzt, als er das Büro so abrupt verlassen hatte. Er wusch sich ausgiebig die Hände, bis er spürte, dass seine Atmung sich normalisiert hatte, holte zwei kalte Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und ging zurück in sein kleines Arbeitszimmer, wo Marianne noch immer das Foto von Jakobs nacktem Rücken betrachtete.
»Weißt du, was man machen könnte?«, sagte sie, als hätte sie die Unterbrechung überhaupt nicht bemerkt.
Dan zog seinen Bürostuhl an den Sessel und steckte die Füße unter ihre Decke. »Nein, meine Liebe. Erzähl!« Er reichte ihr die beschlagene Bierflasche, sie nahm sie mit abwesender Miene entgegen. »Skål.«
Sie tranken. Marianne stellte die Flasche auf den Boden und trocknete ihre Hand an der Bettdecke ab. »Diese ganze Affäre mit Jakob und Ursula? Sie hat sich doch vom Anfang bis zum Ende auf dem Internat abgespielt, oder?«
»Ja?« Dan genoss die Wärme ihres Oberschenkels an seinen Füßen.
»Du nimmst aber auch Platz weg, Mann!« Sie rutschte ungeduldig auf dem Sessel herum. »Also gut, die meiste Zeit waren sie natürlich allein, doch in einem Internat ist es unmöglich, sich vollständig zu isolieren, egal wie verliebt man ist.« Dan nickte. »Die beiden mussten sich unter die anderen mischen, wenn sie aßen, wenn gefeiert oder unten am Feuerplatz gegrillt wurde.«
»Woher willst du wissen, dass Jakob überall teilgenommen hat?«
»Wie sollte Laura sonst zu ihrer Meinung über ihn kommen? Die Jugendlichen haben ihn gesehen, er war Teil ihres Alltags, in größeren oder kleineren Portionen.«
»Worauf willst du hinaus?«
»Was hat jeder Teenager ständig bei sich?«
Er musste nicht lange nachdenken. »Ein Handy.«
»Genau. Eher vergessen sie ihr Geld, die Monatskarte oder ihre Jacke als ihr Telefon. Das ist ihre Sicherheitsleine, ihr ständiger Draht zu allen, mit denen sie in Kontakt bleiben wollen. Und oft genug sind dabei auch MP3-Player und der Internet-Zugang wichtige zusätzliche Werkzeuge. Außerdem benutzen sie es als Tagebuch.«
»Sie machen sich damit Notizen? Benutzen das Diktafon? Oh«, sagte Dan, als er endlich kapierte. »Die Kamera.« Natürlich. Die meisten Mobiltelefone hatten inzwischen ziemlich gute Kameras, und sie wurden benutzt. Junge Menschen schickten sich unablässig Schnappschüsse und kleine Videofilme, es gab so gut wie keine Situation, die zu banal war, um nicht verewigt und vielleicht sogar auf dem Computer abgespeichert zu werden. Dan zog die Füße zurück und rollte auf seinem Bürostuhl zurück an den Schreibtisch. »Du hast vollkommen recht.« Er öffnete sein Mailprogramm und fing an zu schreiben. »Nicht einmal eine kamerascheue Person wie Jakob würde dem unbändigen Drang von neunzig Internatsschülerinnen und -schülern entgehen können, alles um sich herum zu dokumentieren«, sagte er und klapperte weiter.
»Schreibst du Laura?«
»Hmm …«
»Bittest du sie, die anderen zu fragen?«
Dan las die wenigen Zeilen noch einmal und drückte dann auf den ›Senden‹-Button. »Zunächst habe ich sie gebeten, ihr eigenes Handy und die ihrer engsten Freundinnen zu checken. Wenn sich dabei keine brauchbaren Fotos finden, müssen wir den Radius erweitern.«
8 / Freitag, 23. März 2007
Als Laura ihre diskrete Fotosammlung am nächsten Tag gegen fünfzehn Uhr beendete, hatte Dan gut zehn einigermaßen brauchbare Porträts von Jakob Heurlin. Er kannte inzwischen das güldene Haar des jungen Mannes, seine aufrechte Haltung und hellroten Ohren. Aber nicht ein einziges Foto zeigte sein Gesicht deutlich. Er war ganz einfach zu schnell gewesen für die Heerscharen von eifrigen Handy-Fotografen, hatte es immer geschafft, den Kopf rasch genug zur Seite zu drehen, nach unten zu blicken oder eine Hand vors Gesicht zu halten. Und Jakobs Vorliebe für große Sonnenbrillen ließ die Erfolgsrate nicht gerade in die Höhe schnellen.
Laura hatte auch eine Videoaufzeichnung geschickt. Sie stammte vom Faschingsfest der Schule vor ein paar Monaten. Alle waren verkleidet, und vielleicht hatte der kamerascheue Jakob es deshalb zugelassen, mehrere Minuten lang gefilmt zu werden, ohne dass er sich abwandte oder hinter anderen versteckte. Ganz offensichtlich war das Mädchen hinter der Kamera einigermaßen fasziniert von dem jungen Mann. Die ganze Zeit stand er im Zentrum des Bildfelds, lachend und redend. Er hatte sich als Nordseefischer verkleidet, das blonde Haar versteckt unter einem gelben Südwester, den Körper vermummt mit Strickpullover und schwarzen Wattstiefeln, eine Stummelpfeife im Mundwinkel. Das Gesicht war teilweise verborgen unter einem imponierenden grauen Vollbart, die Wangen hatte er sich knallrot gepudert. Wäre dieser wettergegerbte Greis nicht in Gesellschaft von Ursula Olesen gewesen, hätte Dan ihn nicht erkannt. Ursula trug ein Piratenkostüm, eine Augenklappe und an der Seite einen klobigen, mit Pailletten besetzten Pappsäbel. Sie hatte keinen Versuch unternommen, ihr hennafarbenes Haar zu verbergen, sondern sich lediglich ein Bandana um die Stirn gebunden. Sie war leicht zu erkennen, und da sie und Jakob permanenten physischen Kontakt hatten, war ein Irrtum ausgeschlossen. Die ganze Zeit hielt einer den anderen am Arm, steckte die Hand in die Gesäßtasche des anderen, bürstete unsichtbare Fusseln von den Schultern. Sie flüsterten sich ins Ohr, knabberten gegenseitig an ihren Faschingskreppeln und flochten die Finger der Hände ineinander, die nicht gerade einen Keramikbecher mit Tee hielten. Dan wusste natürlich, dass dieser kleine Filmschnipsel für die Suche überhaupt nicht zu verwenden war, dennoch sah er ihn sich drei Mal an, fasziniert von der Intimität, die dieses ungleiche Paar in seinen grotesken Verkleidungen ausstrahlte. Er fing an zu verstehen, warum Jakobs Verschwinden ein so großer Schock für seine Verlobte gewesen war.
Schließlich wählte Dan ein einigermaßen scharfes Bild im Halbprofil aus, dazu eine stark beschnittene Kopie von Ursulas Schwarz-Weiß-Foto, auf dem die indische Tätowierung deutlich zu erkennen war. Er stellte die beiden Fotos in einen dunkelgrünen Kasten und versah sie mit einem kurzen Text: KENNEN SIE DIESEN MANN? Er ist ca. 29 Jahre alt, 194 cm groß und hat graugrüne Augen. Die abgebildete Tätowierung befindet sich auf seiner rechten Schulter. Der Mann wurde zuletzt am 19. März im Flughafen Kastrup, Terminal 2 gesehen. Alle Informationen sind willkommen bei dan@sommerdahl.dk. Volle Diskretion garantiert! Das Layout der Anzeige wäre natürlich überzeugender gewesen, wenn Dan ein Artdirector zur Seite gestanden hätte, aber es ging auch so. Er hatte absichtlich nichts von einer Belohnung geschrieben. Er wollte keinesfalls das Risiko irrelevanter Anrufe eingehen.
Bereits eine Stunde später stand die Anzeige auf den Homepages der beiden größten dänischen Kontaktbörsen. Die Preise waren ziemlich gepfeffert, aber als er den Anzeigenverkäuferinnen den Hintergrund erklärte, hatte die eine ihm einen anständigen Rabatt gewährt und die andere die Anzeige sogar gratis eingestellt. Sie schien sehr betroffen von der Geschichte und hatte Dan mehrfach viel Glück bei der Jagd gewünscht, bevor sie endlich auflegte.
Hinterher rief er Kriminalkommissar Flemming Torp an. »Störe ich?«
»Nein, überhaupt nicht, wenn ich ehrlich sein soll. Wir kommen in dieser verdammten Mordsache nicht weiter, ich habe das Gefühl, auf der Stelle zu treten.«
»Mikael Kjeldsen?«
»Ja, wer sonst? Wir wälzen uns hier in der Stadt ja nicht gerade in Mordfällen. Jedenfalls nicht seit der Geschichte mit Lilliana.«
»Mir tut besonders die Mutter leid.«
»Das kann man wohl sagen. Er war ihr einziges Kind. Aber, nun ja, sie hat ja ihren Gott.«
»Ist sie religiös?«
»Und wie. Sie scheint vierundzwanzig Stunden am Tag zu beten.«
»Hat ihr Sohn das auch gemacht?«
»Bestimmt. Sie ist Mitglied irgendeiner Sekte, und der Sohn war das gezwungenermaßen auch.«
»Er hat studiert, oder?«
»Ja. Informatik an der Universität von Kopenhagen. Zusätzlich hatte er einen Job bei einem Finanzberater hier am Ort. Als IT-Fachmann.«
»Vollzeit?«
»Nein, Teilzeit. Sie haben ihn wegen seines kleinen Handicaps fast gratis bekommen.«
»Äh, ich verstehe nicht ganz?«
»Ach so, ja, das wurde nicht veröffentlicht. Mikael Kjeldsen fehlte die Hälfte seiner linken Hand, ihm standen nur der Daumen und der Zeigefinger zur Verfügung.«
»Das hat aber doch nichts mit seiner Arbeitskraft zu tun? Ich meine, diese IT-Leute benutzen selten sämtliche Finger, wenn sie tippen.«
»Keine Ahnung. Sein Arbeitgeber bekam jedenfalls einen Teil des Gehalts erstattet, und jetzt ziehen sie lange Gesichter, weil sie für einen neuen Mann den Marktpreis bezahlen müssen.«
»Hatte Mikael eine Freundin?«
»Nee. Und offensichtlich auch keine richtigen Freunde. Er hat bei seiner Mutter gewohnt und scheinbar nicht viel anderes getan, als zu studieren, zur Arbeit zu gehen und mit seinem Computer zu spielen.«
»War er ein Hacker?«
Kurze Pause. »Wieso fragst du?«
»Nur so. Diese Vollnerds, deren soziales Leben sich komplett im Netz abspielt, hacken doch auch gern ein bisschen, klauen ein paar Programme, laden Spielfilme runter, so ’n Zeug halt. Natürlich illegal, aber selten aus einem anderen Grund als aus Spaß. Irgendwie gehört das zu diesen Jugendlichen.«
»Wir haben diese Möglichkeit tatsächlich in Erwägung gezogen, seine beiden Computer sind noch immer zur Untersuchung bei den Experten in Kopenhagen. Bisher deutet allerdings nichts darauf hin, dass er ein Hacker gewesen ist.«
»Also, wenn du mich fragst«, begann Dan.
»Ja?« Flemmings Bürostuhl knarrte.
»Ich meine nur … ein Computernerd ohne soziales Leben, den jemand ermordet, indem er ihm einen alten Bildschirm über den Kopf zieht, das muss doch was mit IT zu tun haben!«
»Hast du denn die Zeitungen nicht gelesen? Mikael wurde nicht durch den Bildschirm getötet.«
»Was meinst du?«
»Wir haben uns ziemlich gewundert, als wir die Leiche fanden. Nicht viele können einen elf Kilo schweren, unhandlichen Computerbildschirm anheben und dann einen ausgesprochen präzisen Wurf ausführen, ohne dass es dabei zu irgendwelchen Geräuschen kommt. Und in diesem Fall hätte das Opfer etwas gehört und sich umgedreht, das ist ein Reflex. Aber nichts deutet darauf hin, dass Mikael seinen Mörder gehört hatte. Der Rücken zeigte in Richtung Schuppentür, und sein Gesicht schaute nach vorn, als er getroffen wurde.«
»Hm?«
»Die Erklärung erhielten wir durch den Obduktionsbericht. Mikael war bereits tot, als irgendjemand – höchstwahrscheinlich der Mörder – den Computerbildschirm auf seinen Kopf fallen ließ.« Flemming machte eine Kunstpause. »Mikael wurde durch mindestens zwölf, höchstens achtzehn heftige Schläge mit einem Spaten getötet.«
»Mit der flachen oder der scharfen Seite?«
»Die ersten drei, vier Schläge wurden mit der scharfen Seite ausgeführt. Keinerlei Zweifel, dass jeder einzelne Schlag bereits kräftig genug war, um ihn zu töten. Sein Schädel wurde schlichtweg gespalten. Trotzdem schlug der Mörder weiter auf den Kopf des Toten ein. Die Schläge trafen den Hinterkopf und die linke Seite des Schädels, als hätte ein Rechtshänder in einem schrägen Winkel mit einer Axt zugeschlagen. Diesmal allerdings mit der flachen Seite des Spatens.«
»Ist ja widerlich.«
»Ja, nicht?«
»Da muss doch überall Blut gewesen sein? Der Mörder muss in Blut gewatet … Gab es nicht eine Unmenge Fußabdrücke?«
»Einige, ja. Von dunkelgrünen Gummistiefeln Größe 44.«
»Verflucht, woher willst du die Farbe wissen?«
»Das war nicht schwer herauszukriegen. Sie standen nämlich noch immer dort – fein säuberlich vor der Gartenpforte. Tatsächlich waren es Mikaels eigene Stiefel. Die standen immer im Schuppen.«
»Dann hat der Mörder vor und nach der Tat die Schuhe gewechselt? Mann, eiskalt!«
»Wenn du damit sagen willst, dass es sich um einen geplanten Mord handelt, tja, da hast du sicher recht. Alles war sorgfältig geplant und hinterher wurde ebenso sorgfältig aufgeräumt. Aber die eigentliche Tat, die kann man wahrlich nicht kaltblütig nennen. Der Mensch, der Mikaels Kopf kurz und klein gehackt hat, wurde von starken Gefühlen getrieben, einer gewaltigen Wut.«
»Na ja, klar.«
»Wir hatten gehofft, an den Stiefeln Spuren zu finden, es gab jedoch keinerlei Hautpartikel, Haare oder sonst etwas. Wir haben lediglich ein paar grüne Flusen gefunden – und wie sich herausstellte, stammten sie von Mikaels Wollsocken, die zusammengerollt in seiner Kommode lagen.«
»Und was heißt das? Hat der Mörder sie getragen und sie dann wieder zurückgelegt?«
»Nein, das wäre wirklich etwas zu verwickelt.« Flemming trank irgendetwas. »Diese Flusen müssen vom letzten Mal stammen, als Mikael die Stiefel trug. Die Theorie der Techniker ist, dass der Täter die Gummistiefel mit ein paar dünnen Plastiktüten ausgestopft hat, um Spuren zu vermeiden. Und er oder sie trug die ganze Zeit über Gummihandschuhe. Es gibt nicht den Hauch eines Fingerabdrucks, weder auf den Stiefeln noch auf dem Computerbildschirm.«
»Woher stammt der Bildschirm?«
»Ein alter von Mikael. Er sollte auf den Sperrmüll und ist dann offenbar im Schuppen vergessen worden.«
»Alles lag also parat. Die Stiefel, der Bildschirm, der Spaten, klingt, als wäre es jemand gewesen, der Haus und Garten gut kannte.«
»Ja, und genau das ist ja so merkwürdig. Annemarie Kjeldsen und ihr Sohn kannten nicht sonderlich viele Menschen. Sie trafen sich nur mit Mitgliedern ihrer Gemeinde.«
»Dann muss es wohl einer von denen gewesen sein.«
»Sie haben alle ein Alibi.«
Dan knabberte an seiner Unterlippe, während er nachdachte. »Du hast den Mörder er oder sie genannt. Wohl eher, um politisch korrekt zu sein, oder? Eine Frau könnte doch wohl kaum solch einen Mord verüben?«
»Es ist nicht sonderlich wahrscheinlich, dass eine einigermaßen zurechnungsfähige Frau ausgerechnet diese Methode wählen würde, um jemanden umzubringen, nein. Andererseits können wir es auch nicht ausschließen. Mikael war auf der Stelle so tot wie ein Hering, und der Mörder hat gerade mal so viel Kraft gebraucht, als hätte er oder sie Holz gehackt.«
»Und niemand hat etwas gehört?«
»Es muss einen ziemlichen Schlag getan haben, als der Bildschirm am Ende auf ihn geworfen wurde. Aber nach der Rekonstruktion haben wir festgestellt, dass es nicht einmal so laut war, um jemanden im Nachbarhaus zu wecken. Der Schuppen steht zehn Meter von den Häusern entfernt, und sämtliche Geräusche werden von dem Efeu und dem dichten Gebüsch rund um den Schuppen erheblich gedämpft.«
»Wann ist er gestorben?«
»Zwischen Mitternacht und zwei, sagt der Rechtsmediziner.«
Dan dachte einen Augenblick nach. »Ich frage mich schon die ganze Zeit, was Mikael wohl im Schuppen gesucht hat. Es gehört doch schon etwas dazu, einen jungen Mann an einem ganz gewöhnlichen Werktag gegen Mitternacht in einen Schuppen im Garten zu locken.«
»Ihn lockte etwas ziemlich Spezielles. Auf dem obersten Regalbrett des Schuppens stand ein batteriebetriebener Wecker, der mit einer Lampe gekoppelt ist. Wenn Alarm ausgelöst wird, blinkt die Lampe mit einem sehr kräftigen blauen Licht, so ähnlich wie das Blaulicht an unseren Polizeifahrzeugen. Außerdem wird ein fürchterliches Sirenengeheul ausgelöst. Das würde sogar einen verkaterten Teenager wecken!«
»Stand das Ding schon immer im Schuppen?«
»Nein. Mikaels Mutter ist sich ganz sicher, den Wecker noch nie gesehen zu haben.«
»Mikael wurde also von dem Sirenengeheul und dem Blaulicht aus dem Haus gelockt? Nicht sonderlich diskret.«
»Die Sirene war abgestellt. Nur das Blinklicht wurde aktiviert. Wir haben den Wecker gründlich untersucht. Tatsächlich stand er nicht länger als höchstens einen Tag in dem Schuppen. Kein Staubkorn daran. Ich glaube, der Täter oder die Täterin hat das Blinklicht gegen zwölf eingeschaltet, die Schuppentür offen stehen lassen und im Gebüsch neben dem Schuppen gewartet. Mikael saß im Wohnzimmer und sah fern. Er bemerkte das Licht, wunderte sich und ging in den Garten. Als er die Lampe entdeckte, ging er zur Rückwand des Schuppens und hob die Arme hoch zum Regal. Der Täter trat durch die Tür und schlug den Spaten mit voller Kraft auf Mikaels Hinterkopf. Mikael fiel, und der Täter schlug immer weiter, bis er vollkommen sicher sein konnte, dass Mikael tot war. Dann nahm er oder sie den Bildschirm – und bang!«
»Hat noch jemand dieses Blinklicht gesehen?«
»Nein. Der Schuppen steht zwischen ein paar sehr dichten Nadelbäumen. Wir haben es aus den verschiedensten Winkeln probiert, Licht aus dem Schuppen konnte nur im Haus Nr. 14 gesehen werden.«
»Ich verstehe immer noch nicht, wie all das völlig unbeobachtet vonstattengehen konnte. Das ist doch ein dicht besiedeltes Viertel?«
»Es gibt einen ungewöhnlich aufmerksamen Mann im Nachbarhaus, ein Nierenpatient, der uns anrief, bevor die Leiche überhaupt gefunden wurde. Er wollte Mikaels Kollegin wegen unerlaubten Eindringens anzeigen. Wenn irgendjemand etwas gesehen hätte, dann er. Das Problem ist nur, dass der Mann jeden zweiten Tag zur Dialyse ins Krankenhaus muss. Wenn der Mörder das gewusst hat …«
»Wusste der Täter auch, dass Mikaels Mutter verreist war?«
Flemming seufzte. »Zweifellos. Viele wussten es. Annemarie Kjeldsen war auf einem Treffen dieser Sekte, in der sie Mitglied ist. Das Haus des Herrn. Es war eine Art Bibelcamp, soweit ich es verstanden habe, eine Großveranstaltung mit Studienkreisen unter Beteiligung von hochrangigen Mitgliedern aus der ganzen Welt. Sie fand in einem Versammlungshaus in der Nähe von Maribo statt und wurde schon Wochen vorher beworben.«
»Wenn es sich um eine so große Show handelte, wieso war Mikael dann nicht dabei?«
»Er hatte das ganze Wochenende dort verbracht, ist aber am Montag früh nach Hause gefahren, um zur Arbeit zu gehen, hat seine Mutter erklärt.«
»Ah ja.«
Flemming räusperte sich. »Lass uns das Thema wechseln. Ich bekomme sofort wieder schlechte Laune, wenn ich mich damit beschäftige. Wie geht’s dir denn?«
»Och, ich habe im Augenblick tatsächlich einiges zu tun.«
»Ja?«
»Na ja, du weißt schon …«
Es entstand eine Pause. Dann lachte Flemming. »Dan, verdammt? Für wie dumm hältst du mich eigentlich? Wenn du dir die Zeit nimmst, mich mitten in der Arbeitszeit anzurufen, obwohl du angeblich im Augenblick einiges zu tun hast, dann weiß ich doch genau, dass ich dir einen Gefallen tun soll. Raus damit!«
»Uff. Was bin ich froh, dass ich nicht von Verbrechen leben muss, wenn du in der Nähe bist.« Er blickte auf seinen Block. Die Seite war übersät mit geometrischem Gekritzel, den Spuren der langen Gespräche mit den Anzeigenverkäuferinnen der Partnerportale. Ganz oben standen zwei Buchstaben und fünf Ziffern, das Nummernschild von Jakob Heurlins Lieferwagen. Er fasste einen raschen Entschluss. »Hast du Zeit, heute Abend zum Essen zu uns zu kommen?«
»Ist es so umfassend?«
»Na ja. Das Problem ist, dass ich ein ziemlich ernstes Schweigegelübde breche, wenn ich dir etwas erzähle, aber ich denke eigentlich …«
»Also brauchst du sowohl meine Hilfe als auch meine berühmte Diskre…?« Flemming unterbrach sich abrupt. »Sag mal, du bist doch nicht wieder dabei, Detektiv zu spielen, Dan?«
»Ach, das wäre zu viel gesagt. Ich habe nur jemandem versprochen, nach einem Mann zu suchen, der einen Bekannten um einen Haufen Geld betrogen hat.«
»Meinst du nicht, das wäre etwas für die Profis?«
»Der Betreffende möchte unter keinen Umständen die Polizei einschalten.«
»Bekommst du Geld dafür, oder ist es nur ein Freundschaftsdienst?«
»Sowohl als auch.«
»Hm.« Noch eine Pause. »Na, da muss ich mich nicht einmischen. Hauptsache, du passt auf.« Als Dan nichts erwiderte, fügte er hinzu: »Ich komme um sechs. Soll ich eine Flasche Wein mitbringen?«
»Etwas anderes wäre mir lieber …«
»Und was?«
»Könntest du ein Nummernschild für mich überprüfen, als so eine Art Gastgeschenk?«
Flemming lachte. »Das geht entschieden zu weit! Ich kann dir den Namen des Halters nicht nennen, wenn du den wissen willst.«
»Aber du könntest doch überprüfen, ob ein bestimmtes Fahrzeug als gestohlen gemeldet ist, oder?«
»Das geht. Du bekommst ein Ja oder ein Nein. Wie ist die Nummer?«
Dan las sie ihm vor und gab ihm eine Beschreibung von Jakobs grauem Lieferwagen.
»Was hast du gesagt, wie heißt der Halter des Wagens?«
»Das habe ich noch gar nicht gesagt. Aber der angebliche Halter nennt sich Jakob Heurlin.«
»Buchstabier mir den Namen … H-E-U-R-L-I-N … Heurlin? Merkwürdiger Name. Ich kann ja mal nachsehen, ob ich ihn im Strafregister finde.«
»Könntest du das tun?«
»Kannst du dich selbst im Nacken kratzen?«
»Okay. Aber hast du auch Zeit dafür?«
»Ich freue mich über Abwechslung und über jede Pause im Balleslev-Fall. Eine Sache noch: Glaubst du, du könntest mir ein paar Fingerabdrücke beschaffen?«
Dan überlegte. »Mein Klient ist der Einzige, der es möglicherweise könnte. Würde er dadurch nicht misstrauisch? Ich habe schließlich versprochen, die Polizei rauszuhalten. Verstehst du, was ich meine?«
»Hm. Kannst du nicht sagen, du hättest ein privates Labor gefunden, das mit dem internationalen Register für Fingerabdrücke zusammenarbeitet? Erklär doch einfach, dass es in England oder so liegt, mach es ein bisschen geheimnisvoll. Dann ist dein Klient so beeindruckt, dass er keine weiteren Fragen mehr stellt.«
»Ich werde tun, was ich kann.«
»Bis heute Abend.«
9 / Samstag, 24. März 2007
Am nächsten Morgen hatte Dan dröhnende Kopfschmerzen; weder die Joggingtour noch die anschließende Dusche linderten die Schmerzen. Nicht, dass diese plötzliche Krankheit irgendetwas Geheimnisvolles gehabt hätte; er konnte nicht einmal auf sich selbst wütend sein, dachte er und schluckte drei Kopfschmerztabletten und einen halben Liter Mineralwasser. Schließlich hatte ihn ja niemand gezwungen, gestern Abend so viel zu trinken. Aber es war einfach unglaublich gemütlich gewesen, und Flemmings mitgebrachte Flasche Rotwein hatte Gesellschaft von erst einer, dann zwei und schließlich drei Flaschen aus Dans und Mariannes Vorrat bekommen. Zum ersten Mal seit Monaten hatten sie sich einen kleinen Rausch erlaubt, und nachdem Dan Flemming eine kurze Zusammenfassung des Ursula-Falls gegeben hatte, waren Ernsthaftigkeit und Arbeit vergessen. Platte Witze und der saftigste lokale Klatsch hatten die Oberhoheit über das Sofa übernommen, während die späten Abend- zu frühen Morgenstunden und die Weingläser immer fettiger wurden. Es war lange her, dass Dan so viel gelacht hatte. Konnte es sein, dass seine Bauchmuskeln nach der ungewohnten Anstrengung noch immer ein bisschen schmerzten? Flemming hatte ein Taxi zurück in sein gelbes Backsteinhaus in der Weststadt genommen, und Dan war so gut gelaunt, dass er vollkommen vergessen hatte, darauf zu achten, ob Mariannes Abschiedskuss ein bisschen länger dauerte oder nicht. Er hatte die Arme um ihre Taille gelegt, als sie dem Taxi nachwinkten, und als es verschwunden war, hatte Marianne, bereits im Halbschlaf, sofort die Treppe erklommen.
Dan hatte den Abwasch von Hand erledigt, er wollte die nächtliche Ruhe nicht durch die Spülmaschine stören. Er wusch bestimmt nicht gern ab, aber während sein in Rotwein mariniertes Gehirn die Begebenheiten des Tages und die abendliche Unterhaltung Revue passieren ließ, genoss er es, allein in der gemütlichen Küche zu stehen. Von Minute zu Minute verwandelte sich das Chaos in Ordnung: Schmutzige Teller, Essensreste, Weinflecken und zerknüllte Servietten wurden beseitigt, Weingläser poliert, die Tischdecke in die Wäsche geworfen und eine saubere auf den Esstisch gelegt, die Kerzenhalter sorgfältig vom Wachs gereinigt, die Wasserschale aufgefüllt. Ach nein, er richtete sich auf. Die Wasserschale gab es ja nicht mehr. Sie war verschwunden, seit der alte Labrador der Familie eingeschläfert werden musste. Es war mehrere Monate her, aber Dans Unterbewusstsein hatte noch immer nicht akzeptiert, dass Luffe nicht mehr da war.
Mindestens einmal am Tag suchte er den korpulenten gelben Körper auf dem Sofa, bückte sich nach einem besonders geeigneten Ast im Park, griff nach einer Packung Hundekekse im Supermarkt, überprüfte automatisch mehrfach am Tag, ob eine schwarze Hundetüte in der Gesäßtasche steckte. Er hatte es mehrfach fertiggebracht, an der Garderobe unter den Mänteln der Familie nach der Hundeleine zu suchen und sich lautstark darüber zu beschweren, dass irgendjemand sie nicht an ihren Platz gehängt hatte.
Das einzig Vernünftige wäre selbstverständlich, sich einen neuen Hund anzuschaffen, darin waren sich alle einig; eigentlich konnte es nicht schnell genug gehen. Das Problem bestand nur darin, dass sie sich nicht auf eine Rasse einigen konnten.
Marianne wollte einen kleineren, etwas handlicheren Hund, den man auch hochheben konnte – und am liebsten einen, der nicht haarte. Sie wollte mit anderen Worten einen Pudel. Allerdings als Einzige. Rasmus war für einen Boxer, Laura begeisterte sich leidenschaftlich für eine französische Bulldogge und Dan … Ja, Dan sah überhaupt keine Veranlassung, die Rasse zu wechseln. Was war denn verkehrt an einem Labrador? Wenn es nach ihm ginge, sollte es ein gelber Rüde sein, der Luffe genannt wurde. Wieder. Denn in Wahrheit wollte Dan nicht nur einen Hund – er wollte Luffe wiederhaben.
Als er die Zeitung gelesen und seine Mails gecheckt hatte, leerte er die zweite Tasse Kaffee dieses Samstags und zog den Mantel an. Ein langes Tagesprogramm lag vor ihm. Der erste Tagesordnungspunkt führte ihn zum Internat, seiner Frau hatte er versprochen, Laura eine Tüte mit sauberer Wäsche mitzubringen. Auf dem Weg nach Egebjerg hörte er das Lieblingsalbum seiner Jugend, Bruce Springsteens Born in the USA. Er drehte die Lautstärke auf und schmetterte ein Duett mit dem Boss. Als die letzte Nummer endete, waren seine Kopfschmerzen verschwunden. Wenn das Marianne wüsste. Sie hasste Springsteen und meinte, seine Musik wäre etwas für pathetische Männer in mittleren Jahren, die nie das erreicht hätten, wovon sie geträumt hatten. Möglicherweise hatte sie recht, trotzdem war Dan der Ansicht, dass Springsteens Musik funktionierte. Natürlich gab es die schlichte Erklärung, dass er exakt zur Zielgruppe gehörte, aber darüber wollte er jetzt nicht allzu sehr nachdenken.
Er fuhr bis zum Ateliereingang und ließ den Wagen unverschlossen, als er hineinging. Der Raum summte vor Aktivität, als hätte jemand vergessen, die Schule darüber zu informieren, dass Wochenende war. Rund zehn Schüler arbeiteten an großen Pappstücken, die an flachen Holzskeletten befestigt wurden – eindeutig Kulissen für ein Theaterstück. Auf die Vorderseiten waren verschiedene Motive gemalt, eines zeigte die Ecke eines Kachelofens mit ein paar gestreiften Katzen in einem Korb, ein anderes ein Himmelbett, und auf einer dritten Tafel war die detaillierte Wiedergabe eines Rokokospringbrunnens zu sehen.
»Was wird denn gespielt?«, fragte er Ursula. »Holbergs Jeppe vom Berge?«
»Gut erkannt.« Sie lächelte. »Aber die Antwort lautet ja und nein. Diese Kulissen stehen auf der Bühne, wenn die Zuschauer hereinkommen. Wir spielen Holberg – bis wir von einigen Autonomen unterbrochen werden, dann verändert sich das Stück vollkommen. Es ist wirklich gelungen. Sie dürfen sich darauf freuen.« Sie blickte zu ihm auf. »Sie kommen doch am Dienstag, oder?«
»Ja, sicher«, beeilte er sich zu antworten und fluchte innerlich, weil er keine Ahnung hatte, dass die Abschlussvorstellung des jährlichen Gemeinschaftsprojekts schon so bald stattfand. Scheiße, wieso verfolgte er das Schulgeschehen nicht aufmerksamer. »Hej, Laura!«
»Hej, Pa!« Sie umarmte ihn lange. Keiner der beiden bemerkte, dass sie einen schmierigen, hellblauen Fleck auf dem teuren Hemd ihres Vaters hinterließ. »Was machst du hier?«
»Nur etwas holen. Ich fahre gleich wieder.« Er reichte ihr die Tüte mit der frischen Wäsche.
»Danke.« Sie schob die Tüte unter einen Tisch.
»Sie trinken doch eine Tasse Tee?«, erkundigte sich Ursula.
Dan schüttelte den Kopf. »Nein danke.« Er ging zur Tür, Ursula folgte ihm. An der Tür drehte er sich um und sah seine Tochter an. »Du willst nicht mit nach Hause?«
»Keine Zeit, Papa. Wir haben morgen und am Montag Generalprobe und das Bühnenbild ist noch längst nicht fertig. Grüß Mama … und Rasmus, wenn ihr ihn seht.«
»Werden wir vermutlich nicht, aber wenn das Wunder geschehen sollte, gern. …«
Der Kies knirschte unter ihren Füßen, als Dan und Ursula die hundert Meter vom Atelier zu ihrer Wohnung gingen. Es war heute etwas kühler, aber Schafe und Schwalben taten ihr Bestes, die frühlingshafte Stimmung vom letzten Mal heraufzubeschwören. Er warf seiner Klientin einen Blick zu. Sie war noch immer blass und das Lächeln drang nicht bis in ihre Augen, aber selbstmordgefährdet sah sie nicht aus. »Wie geht’s Ihnen, Ursula?«
Sie blickte weiterhin geradeaus. »Ach, wissen Sie, es muss ja.«
»Ist Anemone noch hier?«
»Sie fährt am Freitag. Sie muss zu einer Vernissage.«
»In Berlin?«
Ursula nickte. »Ich glaube, im Grunde ist es ganz schön, wieder allein zu sein.« Sie blickte ihn kurz an. »Also nicht, dass ich nicht froh wäre, sie hier zu haben, aber …«
»Sie müssen sich nicht entschuldigen. Ich verstehe das voll und ganz. Ich habe auch Kinder.«
In einem ihrer Küchenschränke stand eine hohe, geblümte Schachtel mit einer voluminösen Goldschleife. »Den Whisky hat er von Gitte bekommen, unserer Schulleiterin, als er im Winter sämtliche Möbel in der Kantine lackiert hat.« Ihre Stimme war ausdruckslos, aber Dan registrierte, dass sie Jakobs Namen noch immer nicht laut aussprechen konnte. »Seine Fingerabdrücke müssen darauf sein. Ich erinnere mich genau, dass er sie aus der Schachtel genommen hat, um das Etikett zu lesen, bevor er sie wieder zurückstellte.«
»Sie haben die Flasche nicht angefasst?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich mag keinen Whisky.« Der Schatten eines Lächelns glitt über ihre Lippen. »Er übrigens auch nicht … Deshalb bin ich mir sicher, dass die Flasche seitdem nicht berührt wurde.«
»Und Anemone?«
»Sie trinkt nicht.«
»Ich hätte trotzdem gern auch die Fingerabdrücke von Ihnen und Ihrer Tochter. Wenn doch etwas …«
Sie zuckte die Achseln. »Mone?«, rief sie in Richtung Wohnzimmer, und einen Augenblick später tauchte ihre Tochter auf, im Bademantel und mit einem hellblauen Handtuch um den Kopf. Sie hob fragend eine Augenbraue. »Mone, Dan braucht unsere Fingerabdrücke.« Ursula holte zwei Glasteller aus einem Hängeschrank. »Was ist damit?« Sie hielt sie Dan vors Gesicht.
»Keine Ahnung. Ich weiß nicht, wie man Fingerabdrücke nimmt. Wird das nicht mit Stempelfarbe gemacht?«
Wieder zuckte Ursula die Achseln. Sie sprühte die beiden Teller mit Glasreiniger ein und polierte sie. Dann rieb sie ihre Hände sorgfältig mit einer Handcreme ein, ließ sie einen Moment einziehen und drückte nacheinander jeden einzelnen Finger auf den Tellerboden. Als sie fertig war, schob sie Anemone den anderen Teller zu, die es ihrer Mutter mit einem widerwilligen Gesichtsausdruck nachtat.
»War das alles?«, fragte die junge Frau, als auch sie ihre Abdrücke hinterlassen hatte. Dan nickte, und sie verschwand ohne ein weiteres Wort.
Ursula sah ihr nach und lächelte Dan an. »Kinder, was?«
Er erwiderte ihr Lächeln und dankte im Stillen dem Schicksal, dass seine Kinder der furchteinflößenden Anemone überhaupt nicht ähnelten. Dann packte er die Schachtel mit der Flasche und eine Tüte mit den Tellern ein und versprach Ursula, dass sie alles zurückbekäme. Er legte die Sachen in den Kofferraum und wandte sich Ursula zu, die neben ihm von einem Fuß auf den anderen trat.
»Ja?«, sagte er.
»Gibt es … Haben Sie schon irgendetwas Neues gehört?«
Dan schüttelte den Kopf. »Es ist noch zu früh für Ergebnisse, Ursula. Die Anzeige wurde erst gestern Nachmittag geschaltet.«
»Sie ist gut.«
»Danke.«
»Ich bin froh …« Sie senkte den Blick und räusperte sich. »Es ist gut, dass du – ich sage jetzt einfach mal du – seinen Namen in der Anzeige nicht erwähnst, finde ich.«
»Ursula …« Dan berührte sanft ihre Schulter. »Es ist nicht sein richtiger Name. Ganz bestimmt nicht.«
»Trotzdem. Wenn er es gesehen hat …« Ihre Stimme versagte.
»Wenn er es sieht, dann passiert nichts.« Dan öffnete die Wagentür. »Er nennt sich jetzt höchstwahrscheinlich anders. Und er wird garantiert nicht angelaufen kommen, um sich zu beschweren.« Er ließ das Seitenfenster hinunter. »Vertrau mir.«
Sie nickte, ohne ihn anzusehen. Als er den Wagen langsam aus der Einfahrt rollen ließ, sah er sie stehen – die Arme beschützend an die Brust gedrückt, die viel zu roten Haare flatterten ihr ums Gesicht. Sie sah plötzlich so klein aus.
10 / Montag, 26. März 2007
Dan Sommerdahl klapperte nacheinander die Büros der Luftfahrtgesellschaften und der Autoverleiher ab, erst im neuen Terminal, dann im alten. Er zeigte die Fotos von Jakob Heurlin, betonte, dass er sich damals möglicherweise anders genannt habe, und erklärte in so wenigen Worten wie möglich, warum er den Mann suchte. Ohne Erfolg. Nirgendwo. Niemand konnte sich an den hübschen, blonden Mann erinnern.
»Haben Sie daran gedacht«, sagte eine große, uniformierte Frau bei Finnair, »dass der Mann vielleicht zwei Tickets gekauft hat – eins für den Ort, wo er offiziell hinwollte, und eins für sein tatsächliches Reiseziel?«
»Ja«, antwortete Dan. »Habe ich tatsächlich. Aber es war doch einen Versuch wert, oder? Ich meine, wenn er die Tickets vorher gekauft hat, dann vermutlich im Netz. Dann kann man ihn unmöglich finden, wenn ich nicht weiß, welchen Namen er benutzt hat.«
»Vielleicht gibt es jemanden in der Transithalle, der ihn gesehen hat?« Sie legte den Kopf ein wenig schräg und betrachtete noch einmal das Foto. »Er sieht nicht aus wie jemand, den man sofort vergisst.«
»In der Transithalle? Muss man dazu nicht einen Flugschein vorweisen und erst einmal durch den Check-in?«
»Wenn Sie einen Presseausweis haben, kommen Sie über das Flughafenbüro hinein.«
»Zu ärgerlich.«
»Tja, dann versuchen wir etwas anderes.« Die Frau tastete eine dreistellige Nummer in ein rotes Telefon und wechselte einige Worte mit jemandem. »Sie sind der kahlköpfige Detektiv, nicht wahr?«, sagte sie, als sie auflegte.
»Ja.« Es endete vermutlich damit, dass er sich selbst an diesen Spitznamen gewöhnte.
»Es kommt jemand von der Security, der Ihnen durch die Schleuse hilft.« Sie lächelte. »Gute Jagd!«
Der Security-Mann stellte sich als Anders vor und war offensichtlich ausgesprochen beeindruckt, dass ein Privatdetektiv seine Hilfe benötigte. Wie sich herausstellte, war die Prozedur ganz harmlos und keineswegs kompliziert. Name, Adresse. Führen Sie Scheren, Messer oder andere spitze Gegenstände mit sich? Eine rasche Kontrolle mit dem Metalldetektor, dann wurde Dan mit einem kleinen Gästeschild ausgestattet, mit dem er sich im Transitbereich jederzeit ausweisen konnte. Als er seine Verblüffung äußerte, lachte Anders. »Was, glauben Sie denn, machen die Verkäufer in den Läden oder die Angestellten der Restaurants? Sich einmal am Tag ein Ticket nach London kaufen?«
Na ja. So gesehen hatte der Mann ja recht. Dan hatte nur nie darüber nachgedacht.
Er ging in der Transithalle auf und ab, und plötzlich überkam ihn Urlaubsstimmung. Jetzt auf dem Weg nach Barcelona, Athen oder Los Angeles zu sein … Er bestellte sich einen doppelten Espresso für einen Betrag, für den er außerhalb dieser heiligen Hallen eine komplette Mahlzeit bekommen hätte, ließ seinen Blick durch die Halle schweifen, während er die letzten Tropfen schlürfte, und beschloss, im Duty-free-Shop zu beginnen. In der Herrenabteilung der Parfümerie konnte sich keine der perfekt gekleideten und intensiv duftenden Verkäuferinnen an den Mann auf dem Foto erinnern. Dan ging weiter. Damenparfüm, Schnaps, Süßigkeiten. Nichts. Er setzte die Recherche in der Halle fort: Modegeschäfte, Schuhläden, Dekorationsgegenstände, Delikatessen, Elektronik, CDs. Als er den großen Laden mit Büchern und Zeitschriften aus der ganzen Welt erreichte, hatte er es beinahe aufgegeben, trotzdem zeigte er das inzwischen ziemlich abgegriffene Bild einer kleinen, schmächtigen Blondine an der Kasse.
»Ja«, sagte sie, ohne zu zögern, und pustete sich eine lange Strähne aus den Augen. »Den habe ich gesehen.«
»Sind Sie sicher?«
»Kann es vor circa einer Woche gewesen sein?«
»Letzten Montag.«
»Wusste ich’s doch.« Sie schaute noch einmal auf das Foto und gab es Dan zurück. »Ich kann mich daran erinnern, weil ich gerade aus dem Urlaub zurückgekommen war. Er fiel mir gleich auf, als er den Laden betrat; ich dachte noch, das ist aber ein sehr guter Anfang, gleich so einen wunderhübschen Mann zu sehen. Also, wenn alle Kunden so aussähen wie der – oder Sie, natürlich.« Sie lächelte flirtend.
Dan nickte zurückhaltend. »Können Sie sich erinnern, was er gekauft hat?«
Sie ging zu den Ständern mit den Reiseführern. »Er hat sehr lange hier drin geblättert«, sagte sie und zeigte auf einige dicke, englischsprachige Reiseführer.
»Sie erinnern sich nicht, für welches Land er sich interessierte?«
»Ich konnte ihm ja schlecht über die Schulter gucken, und er hat kein Buch gekauft.«
»Die Antwort lautet also nein?«
»Leider. Aber hiervon hat er eins genommen.« Sie ging ein paar Meter weiter und nahm ein britisches Magazin von der Dicke eines kleineren Telefonbuchs aus dem Regal. Es widmete sich Oldtimern. »Außerdem wollte er drei Päckchen Lakritz-Kaugummis.«
»Meine Güte, haben Sie ein gutes Gedächtnis!«
Ihre Wangen wurden dunkelrot. »Danke.«
Dan lächelte. »Sie können sich nicht zufällig daran erinnern, ob ihn jemand begleitete?«
»Er war allein. Ich hätte ihn doch nie so angestarrt, wenn er seine Frau oder eine Freundin dabeigehabt hätte.«
»Ich dachte eher an einen Mann.«
»Oh.« Sie runzelte die Stirn. »Meinen Sie, er war … also er hat jedenfalls nicht so ausgesehen.«
»Sie missverstehen mich. Ich meine eher einen Kollegen oder einen guten Freund. Hat jemand auf ihn gewartet, während er in den Reiseführern blätterte und Kaugummi kaufte?«
Sie schüttelte energisch den Kopf. »Er war allein. Ganz sicher.«
Dan notierte sich ihren Namen. Sie hieß Pia und bestand darauf, ihm auch ihre Handynummer zu geben. Dan musste sich beherrschen, nicht allzu laut zu jubeln, als er das Geschäft verließ. Die erste Spur. Die erste Zeugin. Plötzlich war er voller Zuversicht. Er würde den Kerl finden und Ursulas Geld zurückholen. Er war so vertieft in seine Überlegungen, dass er beinahe umgestoßen wurde, als ein großer, schlaksiger Bursche im Overall in voller Fahrt seinen Weg kreuzte. Dan wich im letzten Moment aus und warf einen resignierten Blick auf den jungen Mann, der sich offensichtlich mental ganz woanders befand. Ein paar dünne weiße Kabel führten aus seiner Brusttasche unter die verfilzte Mähne, und Dan hätte einen Zwanziger gewettet, dass sie in einem Paar mikroskopisch kleiner Lautsprecher endeten, die man sich in die Ohren stopfen konnte. Er ließ den Blick über das Gesicht des großen Mannes gleiten, registrierte den fernen Blick in den hellblauen Augen und das schwarz angelaufene Silberpiercing in der rechten Augenbraue, dann erkannte er ihn wieder.
»Benjamin!«
Der junge Mann glotzte ihn einen weiteren Augenblick ausdruckslos an, dann breitete sich ein großes Lächeln über sein blasses Gesicht aus. »Oh Mann, Dan!« Er riss die Ohrenstöpsel heraus und schaltete den MP3-Player ab. »Dan Sommerdahl! Ich freue mich, dich zu sehen!«
Benjamin Winther war in den ersten Kriminalfall verwickelt, mit dem Dan zu tun gehabt hatte. Er und seine Mutter hatten während der dramatischen Ereignisse eine Woche bei Dan und Marianne gewohnt, und auch danach hatten sie noch einige Wochen Kontakt gehabt. Doch dann war ihre Bekanntschaft, wie so oft bei derartigen Verbindungen, in denen die Beteiligten im Grunde keine Gemeinsamkeiten haben, im Sande verlaufen. Dan hatte Benjamin seit einer Begegnung im Januar nicht mehr gesehen. Es war ihm peinlich, als ihm bewusst wurde, dass er nicht einmal an ihn gedacht hatte. Trotzdem war es zu seiner großen Überraschung keine Lüge, als er antwortete: »Es ist viel zu lange her, Benjamin. Kommst du uns nicht bald mal wieder besuchen?«
»Sehr gern, danke.« Benjamin fingerte an seinem Piercing. »Habt ihr schon einen neuen Hund?«
»Noch nicht. Wir können uns nicht auf die Rasse einigen. Was machst du hier?«
Benjamin lächelte. »Ich wünschte, ich könnte sagen, ich bin auf dem Weg nach Gran Canaria, aber …« Er wies mit der Hand auf den blauen Overall und das Plastikschild. »Leider arbeite ich hier. Der langweiligste Job der Welt.«
»Was machst du?«
»Putzen, aufräumen, die Gepäckwagen zusammenschieben, zur Hand gehen halt, du weißt schon.«
Dan wusste es eigentlich nicht und beschloss sofort, dass er auch kein sonderlich großes Bedürfnis danach hatte, es zu erfahren. »Na, aber du bekommst hoffentlich Rabatt bei den Flugtickets, oder?«
»Na ja, schon.« Benjamin kniff die Augen zusammen. »Und was machst du hier?«
Dan deutete auf sein Gastschild. »Ich bin von Amts wegen hier.«
»Ein Werbekunde?«
»Nee, diesmal nicht. Ich suche einen Mann, der mit dem Vermögen einer Frau durchgebrannt ist. Den hier.« Er zog das Foto aus der Gesäßtasche und gab es Benjamin. »Du hast ihn nicht zufällig letzte Woche gesehen?«
Benjamin betrachtete das unscharfe Porträt sorgfältig und schüttelte den Kopf. »Leider nicht.« Dann lächelte er. »Du spielst also wieder den kahlköpfigen Detektiv«, stellte er fest und legte das Bild in Dans ausgestreckte Hand. »Hast du dein eigenes Detektivbüro eröffnet?«
»Aber nein.« Dan lachte. »Ich tue lediglich einer Lehrerin von Laura einen Gefallen.«
Benjamin richtete sich auf und wurde ernst. »Wohnt Laura wieder zu Hause?«
»Noch nicht. Aber in ein paar Monaten ist die Internatszeit vorbei, dann kommt sie zurück, um aufs Gymnasium zu gehen.«
Benjamin nickte. Er hatte die Hoffnung auf die hübsche Laura offenbar noch nicht ganz aufgegeben. Dan tat er aufrichtig leid. Der Mann hatte doch gar keine Chance. Ein Mädchen wie Laura würde sich niemals mit so jemandem begnügen.
»Was hältst du von einer Cola?«
»Nein danke. Eigentlich muss ich ja arbeiten.« Benjamin sah sich um. »Aber, Dan …«
»Ja?«
»Wenn du irgendwo von einem Job hörst, der interessanter ist als dieser, darfst du dich gern bei mir melden. Könnte ja auch sein, dass du mich für die eine oder andere Detektivarbeit gebrauchen kannst. Jemanden beschatten oder so, ich glaube, da bin ich ziemlich gut.«
Sie verabschiedeten sich, und auf dem Weg zu seinem Auto zermarterte Dan sich den Kopf, doch er kannte niemanden, der für jemanden wie Benjamin Verwendung hatte. Das Problem bestand einfach darin, dass der junge Mann Mitte zwanzig war und keinerlei Ausbildung hatte. Nicht einmal zum Abitur oder auch nur zu einer Form von autodidaktischem Spezialwissen hatte er es gebracht, da war es schwer, einen sinnvolleren Job zu finden als putzen und Gepäckwagen herumschieben. Auch wenn man ein netter und hilfsbereiter Bursche war, der einen weitaus schwereren Start ins Leben gehabt hatte als die meisten anderen Menschen.
11 / Montag, 26. März 2007, nachmittags
Dan lieferte die Flasche und die beiden Teller ab. Als er Flemming erklärte, wie Ursula, ohne zu zögern, ihre eigene – und wohlgemerkt brauchbare – Methode entwickelt hatte, Fingerabdrücke zu nehmen, schüttelte der Kommissar lächelnd den Kopf. »Unglaublich, wie viele Leute C.S.I. im Fernsehen sehen! Eigentlich müsste man sich wundern, dass es noch immer irgendwelche armen Hunde gibt, die noch nichts von DNA-Spuren oder Fingerabdrücken gehört haben. Aber zum Glück sind die Trottel noch in der Überzahl.« Er steckte alle drei Gegenstände in einen eigenen Umschlag, füllte ein paar Formulare aus und schickte alles in die kriminaltechnische Abteilung. »Möchtest du eine Tasse Kaffee?«
»Nein danke. Ich muss nach Hause. Hast du schon etwas von dem Nummernschild gehört?«
Flemming nickte. »Die Nummernschilder wurden im Oktober auf Amager gestohlen, und ich vermute, dass der Lieferwagen ebenfalls geklaut ist. Gib mir die Rahmen- und Motornummer, dann prüf ich es weiter. Wenn der Wagen aus der gleichen Gegend stammt, könnten wir zumindest annehmen, dass er sich dort aufgehalten hat. Als Jakob Heurlin steht niemand in den Registern, zu denen wir Zugang haben.«
»Hm. Hoffen wir auf die Fingerabdrücke.«
»Schraub deine Erwartungen nicht zu hoch.«
»Bis bald.«
»Bis bald. Und Grüße!«
In Dans Postfach befanden sich drei E-Mails: eine von einem Kunden und zwei von unbekannten Absendern, beide mit Hotmail-Adressen. Dan beantwortete zuerst die Mail, die etwas mit seiner eigentlichen Arbeit zu tun hatte, bevor er die beiden anderen öffnete. Die erste Mail stammte von einer Frau, die mit Irene unterschrieben hatte. Sie glaubte, den Mann aus der Anzeige wiedererkannt zu haben, und bat um umgehenden Anruf.
Dans Adrenalinniveau war im roten Bereich, als er ihre Telefonnummer eingab, und stürzte erst ab, als die Frau zum zweiten Mal fragte, was sie gewonnen hätte. Ihm wurde klar, dass Irene glaubte, es handele sich um eine Teaserkampagne für einen neuen Film und der Mann auf dem Foto sei Matt Damon. Es gelang ihm, nicht zu lachen, während er ihr behutsam die grausame Wahrheit erklärte. Der Mann, den er suchte, war zehn Jahre jünger als der amerikanische Schauspieler, deutlich schmächtiger gebaut und sprach fließend Dänisch. Gar nicht davon zu reden, dass er tatsächlich dort draußen in der Realität existierte. Irene klang beleidigt, als sie das Telefonat beendete.
Mit bangen Ahnungen öffnete er die zweite unbekannte Mail. Sie las sich anders:
Von: IIi@hotmail.com
An: dan@sommerdahl.dk
Gesendet: Montag, 26.03.2007, 14:06
Betreff: Joachim Heinsen
Anlagen: IMG_00347.jpg
Lieber Dan Sommerdahl,
ich habe Ihre Anzeige auf firstdate.dk gesehen, und ich glaube, ich habe den jungen Mann auf dem Foto wiedererkannt. Haarfarbe und Frisur sind anders, aber ich habe einmal einen kurzen Blick auf seine Tätowierung werfen können, und sie sieht absolut identisch aus. Er heißt Joachim Heinsen, war mit meiner Nachbarin verheiratet, wurde aber plötzlich sehr krank, unheilbar, hieß es. Er verschwand im letzten Herbst spurlos, und ich fürchte, dass er jetzt tot ist. Daher war ich schockiert, als ich diese Suchanzeige sah – wenn er es ist. Ich habe das einzige Foto angehängt, das ich von Joachim finden konnte. Wenn Sie auch meinen, dass es ihm ähnlich sieht, würde ich gern so schnell wie möglich mit Ihnen reden.
Mit freundlichen Grüßen Liselotte Ingdal
Dan klickte zweimal auf die angehängte Bilddatei, und Jakob Heurlins Gesicht füllte den Bildschirm aus. Das Foto war sehr unscharf, zeigte aber unverkennbar ihn. Sein Gesicht war blasser und wirkte dünner, das Haar erheblich länger als auf den Fotos, die Laura besorgt hatte. Es hatte auch einen dunkleren Ton. Doch der schmale, markante Nasenrücken, die hohen Wangenknochen, die Körperhaltung … Es war Jakob, der sich in einer dunkelgrauen, etwas bauschigen Jacke und einem weißen Hemd über eine zierliche Frau mit nussbraunen Augen und einem kleinen kuppelförmigen Rokokobouquet zwischen den Händen beugte. Sie hatte eine pinkfarbene Dahlie im Haar und legte den Kopf zurück, sodass sie ihren Mann anlächeln konnte. Tränen glänzten in ihren Augen. Die beiden sahen aus wie ein ganz traditionelles Brautpaar. Abgesehen von einem Detail: dem Altersunterschied. Der Bräutigam war um die dreißig, die Braut mindestens doppelt so alt.
Dan klickte mit der rechten Maustaste auf ›Eigenschaften‹. Die Datei war am 11. September des Vorjahrs auf einen Computer überspielt worden, wahrscheinlich von einer Kamera. Das heißt, die Hochzeit musste vorher stattgefunden haben, wahrscheinlich nicht allzu lange vorher. Der sogenannte Joachim Heinsen verschwand im Herbst. Dan schaute in seine Notizen. Jakob war zum ersten Mal am 26. Oktober im Internat von Egebjerg aufgetaucht, sechs, sieben Wochen nach Joachims stimmungsvoller Heirat und dem offenbar recht ergreifenden Krankenlager. Das passte tatsächlich unglaublich gut zusammen. Jakob Heurlin und Joachim Heinsen hatten ganz offensichtlich mehr als die Initialen gemeinsam.
Dan rief die Nummer an, die Liselotte Ingdal angegeben hatte. Das Telefon wurde sofort abgehoben, als hätte sie mit der Hand am Hörer gesessen. Ihre Stimme war freundlich, entschieden, ein wenig unpersönlich. Sie verabredeten sich für den nächsten Vormittag bei ihr zu Hause. »Dann können Sie sich auch das Haus ansehen, in dem Birgitte und Joachim wohnten. Wir dürfen ruhig einen Blick über die Hecke werfen, ohne die neuen Eigentümer zu belästigen.«
»Wohnten? Ist sie ebenfalls ausgezogen?«
Die Pause dauerte lediglich eine Sekunde. »Oh«, sagte sie dann, leicht verwirrt. »Das hatte ich ja noch gar nicht gesagt, Birgitte ist tot.«
»War sie so verzweifelt darüber, verlassen worden zu sein, dass sie …?«
»Wieso verlassen?«, unterbrach Liselotte Ingdal. »Joachim hat sie nicht verlassen.«
»Aber wie …?«
»Warum sollte er sie verlassen? Der arme Mann liebte sie ja bis zum Tode. Buchstäblich! Nein, es war eher umgekehrt.«
»Jetzt bin ich es, der verwirrt ist.«
»Birgitte und Joachim heirateten, als sie erfuhren, wie krank er war. Er hatte keine Familie und wollte sichergehen, dass ihr sein Erbe zufiel – ohne allzu viel Erbschaftssteuer zahlen zu müssen. Selbstverständlich liebten sie sich.«
»Selbstverständlich.«
»Als Joachim noch kränker wurde und sie einsehen mussten, dass er sterben würde, da …« Liselotte versagte die Stimme, sie musste sich räuspern. »Entschuldigen Sie. Es ist noch immer so … Nun, als er so krank geworden war, beschlossen er und Birgitte, zusammen zu sterben; eine Art Selbstmordpakt, wenn Sie so wollen. Sie nahmen starke schmerzstillende Mittel, die Joachim aus dem Krankenhaus besorgt hatte, als sie aufgaben.«
»Hatte er Krebs?«
»Einen Hirntumor.« Sie schwieg.
Nachdem er eine Weile einem leisen elektronischen Sausen zugehört hatte, fragte Dan: »Hallo? Sind Sie noch da?«
»Äh, ja, Entschuldigung.«
»Warum entschuldigen Sie sich ständig?«
»Entschuldigung. Ich meine …«
»Was ist dann passiert? Führten sie den Selbstmord durch?«
»Nur Birgitte starb. Joachim wurde rechtzeitig gefunden.« Sie schniefte. »Leider, hätte ich beinahe gesagt. Es war fürchterlich für ihn. Seine geliebte Frau zu verlieren, wenn man selbst sterben muss.«
»Was hat er getan?«
»Nach dem Begräbnis verschwand er. Niemand weiß, wohin er gegangen ist. Vielleicht in ein Hospiz, er war ja so verzweifelt, der arme, arme Mann. Jedenfalls hat sein Anwalt das Haus mit sämtlichem Inventar verkauft.«
»Können Sie sich erinnern, wann das war? Also Birgittes Tod, das Begräbnis, Joachims Verschwinden?«
»Die Beerdigung fand am 12. Oktober statt, das weiß ich noch. Und Joachim war bereits am selben Abend verschwunden.«
Ja, dachte Dan. So muss es gewesen sein. Als Joachim Heinsen seine Rolle als Birgittes untröstlicher Witwer ausgespielt hatte, war er in eine andere Stadt verschwunden. Er ließ sich sofort die Haare schneiden und bleichen, vielleicht hat er auch die Farbeimer mit den hübschen, neuen Etiketten versehen und sich die richtigen Klamotten ausgesucht. Möglicherweise hat er sich ein gutes Abendessen gegönnt, eine Massage, einen Drink oder zwei … Seine Ehefrau hatte man wenige Stunden vorher begraben, und Joachim beschäftigte sich bereits mit den Vorbereitungen dafür, die Rolle des Jakob Heurlin zu spielen, die Antwort auf Ursula Olesens intimste Träume.
12 / März 2007/Sommer 2006
Das Leben als Jakob Heurlin war vorbei. Und nicht lange davor hatte er sich von dem anstrengenden Dasein als sterbender Joachim Heinsen verabschiedet. Jay lehnte sich im Liegestuhl zurück und schloss die Augen; er schwitzte die geliehenen Identitäten aus, spürte, wie sie in der brütenden Hitze verdampften. Die Uhr zeigte an diesem Vormittag nicht einmal zehn, doch die Temperatur näherte sich bereits dreißig Grad. Er fühlte sich träge, hatte in der letzten Woche nichts anderes getan, als zu schlafen, zu essen und Sonnenbäder zu nehmen. Aber hatte er es nicht auch verdient? Zwei große Jobs direkt hintereinander; ein Nettoverdienst von knapp zwölf Millionen Kronen, wenn Käs’ Anteil ausgezahlt war. Ein recht anständiges Jahresgehalt, fand er. Zudem steuerfrei. Ein Lächeln glitt über Jays Gesicht; ein kurzes Glücksgefühl, bevor seine Muskeln sich wieder entspannten. So lustig war es andererseits auch wieder nicht. Jay ging die Art und Weise, wie er sein Geld verdiente, durchaus nahe. Sehr sogar. Er war schließlich nicht aus Stein, und einigen seiner Opfer gelang es tatsächlich, ihm während der Arbeit näher zu kommen, als ihm lieb war. Wenn es so weit kam, musste er sehen, wie er sich daraus wieder lösen konnte. So war es auch mit seiner letzten Eroberung gewesen, dieser hennafarbenen Kunstlehrerin aus Egebjerg. Er wusste, dass er sich den Rest seines Lebens den Anblick von Ursula würde in Erinnerung rufen können, als sie ihm zum Abschied winkte und vergeblich versuchte, ihre Tränen zu verbergen.
Ihre Vorgängerin loszuwerden, war dagegen eine ungemeine Erleichterung gewesen. Birgitte Johns hatte eigentlich einen vielversprechenden Eindruck gemacht; sie schien eine zu sein, mit der es ein Vergnügen sein würde, eine gewisse Zeit zu verbringen. Es war erst drei Monate her, seit er sie zum ersten Mal getroffen hatte. Ihre Daten hatte Jay aus seiner üblichen Quelle, und er hatte sie wie immer gut genutzt. Seit seinem letzten Betrug waren fast drei Monate verstrichen, eine lange Pause, und er hatte sich wirklich gefreut, wieder zu arbeiten, als er an seinem Laptop saß und überlegte, wie er am besten mit der einundsechzigjährigen Witwe in Kontakt treten konnte. Er hatte Käs’ Bericht und das beigefügte Foto studiert, wo auch immer der Mann es herhaben mochte. Die Sache sah gut aus. Laut Käs’ Notizen war Birgitte Johns über dreißig Jahre mit einem neuseeländischen Ingenieur verheiratet gewesen, der bei seinem Tod vor vier, fünf Jahren ein mehr als stattliches Vermögen hinterlassen hatte. Sie hatte eine Ausbildung als Büroangestellte absolviert, war aber während ihrer langen, kinderlosen Ehe Hausfrau geblieben. Sie wohnte in einem bescheidenen roten Backsteinbungalow im Kopenhagener Vorort Valby. Birgitte war eine gepflegte, gut erhaltene Dame, die auf ihre Haut achtete, sich die Haare färbte und zweimal in der Woche zur Gymnastik ging. Jay hatte mit anderen Worten die begründete Hoffnung, den rein physischen Teil seiner Aufgabe ohne große Probleme absolvieren zu können, möglicherweise sogar ohne pharmakologische Hilfe. Aber wie sollte er sich seinem Opfer nähern? Birgitte hatte keine Arbeit, ging nicht in Bars, unternahm nie Gruppenreisen und die Gymnastikgruppe war nur für Frauen. In den Unterlagen fand sich nichts, also beschloss Jay, sie diskret zu beobachten, bis er den richtigen Angriffswinkel gefunden hatte.
Bereits am zweiten Tag hatte er Erfolg. Von seinem Aussichtsposten in dem geliehenen japanischen Fließheckmodell beobachtete er, dass Birgitte mehrfach am Tag ihre beiden Rassekatzen zu sich rief; schlanke, elegante Wesen mit glitzernden Halsbändern und riesigen, beinahe durchsichtigen Ohren. Wenn sie vor dem Haus mit dem Postboten, einer vorbeigehenden Bekannten oder der Nachbarin sprach, sah sie ihnen nie in die Augen, sondern suchte mit ihrem Blick ständig den Garten ab, unter den Büschen, entlang der Hecke, hinter den Gartenmöbeln. Sie schien erst zur Ruhe zu kommen, wenn die beiden Katzen in Sichtweite waren; als kämpfe sie mit einer gewaltigen Angst, dass ihnen etwas zustoßen könnte. Als würde sie es zutiefst bereuen, die Tiere je aus dem sicheren Gefängnis des Hauses herausgelassen zu haben.
Die beiden Katzen sahen eigenartig aus, fand Jay. Es handelte sich um Abessinier, hatte er herausgefunden, als er am Abend ein Bild der Rasse im Netz fand. Eine alte äthiopische Rasse. Wildfarben, was immer das auch bedeuten mochte. Typisch, dass Käs Birgittes Leidenschaft für Katzen in seinem Dossier nicht aufgeführt hatte. Jay musste es ihm sagen, wenn sie sich das nächste Mal sahen. Genau so etwas brauchte er schließlich. Aber dafür hatte der alte Muffkopp vermutlich zu wenig Fantasie.
Die nächsten Tage hatte Jay damit verbracht, alles über Rassekatzen zu lesen, vor allem natürlich über Abessinier. Er hatte sich auch einen passenden Namen ausgesucht: Joachim war ausreichend royal, um bei einer kleinbürgerlichen Hausfrau aus Valby Eindruck zu schinden. Und Heinsen? Na ja, es klang gut, außerdem hatte der Name den korrekten Anfangsbuchstaben. Man muss an seinen Prinzipien festhalten, dadurch wurde alles überschaubarer, dachte er. Käs war dabei, die gefälschten Papiere zu beschaffen – Pass, Taufschein, Führerschein und Kreditkarte –, außerdem hatte er einen Leihwagen bestellt, einen VW Golf, silbermetallic, vorzeigbar, neutral. Jay wählte seinen Beruf gewöhnlich mit großer Umsicht. Es sollte interessant klingen, gleichzeitig aber auch langweilig – interessant genug, um Birgittes Neugier zu wecken, und so solide, dass sie ihn nicht für einen Nassauer hielt. Außerdem durfte es kein Job sein, für den sie allzu großes Interesse entwickelte. Es bedeutete jedes Mal unglaublich viel Arbeit, um Büros, Kollegen und den ganzen Background zu beschaffen. Schließlich entschied er sich, ein selbstständiger Architekt zu sein, der zurzeit für ein geheimes Projekt der Landesverteidigung arbeitete. Das klang gut, signalisierte aber sofort, dass keine neugierigen Fragen gestellt werden sollten. Er bestellte ein paar einfache Visitenkarten mit Name, Titel und der Nummer seines Mobiltelefons, und er besorgte sich ein anspruchsvolles Architekturprogramm für sein Laptop, das sehr überzeugend aussah, sollte sie ihm irgendwann einmal über die Schulter sehen.
Es fehlte noch das, was Birgitte Johns zum Anbeißen bewegen könnte. Möglicherweise war sie beeindruckt von einem an der Akademie ausgebildeten Architekten mit vertraulichen Aufgaben, aber deshalb war sie noch nicht verliebt. Jay hatte inzwischen viele Jahre Erfahrung in dieser hoch spezialisierten Branche, er wusste, dass das große Geld nur mit Liebe zu holen war. Was Naivität und Generosität anging, konnte sich nichts mit einer liebeskranken, gut abgelagerten Frau messen.
Mit anderen Worten, hier mussten andere Mittel her. Eine Stunde Recherche auf seinem Laptop lieferte ihm die Informationen, die er brauchte; und zehn Minuten Arbeit in einem gewöhnlichen Textverarbeitungsprogramm reichte für den Rest. Auf dem Fotokopierer der örtlichen Bibliothek erstellte Jay fünfzig Exemplare eines pastellfarbenen DIN-A5-Blatts mit dem mahnenden Text:
SICHERE KATZE – GLÜCKLICHE KATZE. Sind Sie Katzenbesitzer? Und darf Ihre Katze ihre Freiheit draußen genießen? Dann kennen Sie sicher die Angst, dass Ihrem Lieblingstier etwas zustoßen könnte. Gibt es zum Beispiel eine viel befahrene Straße in einem Radius von wenigen Kilometern, ist Ihre Sorge durchaus begründet. Jedes Jahr werden Tausende zahmer Katzen überfahren. CatSafe hat die Lösung. Ein einfaches Sicherheitssystem lässt Ihre Katze im Garten bleiben – völlig ungefährlich, nahezu unsichtbar und ohne Unannehmlichkeiten für Mensch und Tier. Rufen Sie die angegebene Nummer an und bestellen Sie eine persönliche Bedarfsanalyse bei Ihnen daheim. Vollkommen unverbindlich. Mit freundlichen Grüßen Joachim Heinsen, Architekt, Mitglied des Architektenverbands.
Rund um den Text lief eine Bordüre mit Katzensilhouetten, und unter seinem Namen hatte Jay den Abdruck einer Katzenpfote einkopiert. Totaler Scheiß, aber es wird funktionieren, dachte er. Er verteilte die Flugblätter an alle Häuser in der Umgebung Birgittes, damit sie keinen Verdacht schöpfte. Dann besorgte er sich eine echte Broschüre der englischen Firma CatSafe, kopierte sie in ordentlicher Farbqualität und legte sie in eine Mappe mit Block, Stift und Visitenkarte. Das klassische Verkäuferset.
Zuletzt investierte er in eine neue Garderobe. Ein paar helle, leichte Anzüge, zehn Hemden – fünf weiße, fünf in gedeckten Farben – und ein paar hübsche, diskret gemusterte Krawatten. Frauen in Birgittes Generation und sozialer Schicht waren noch immer der Ansicht, dass Jeans und karierte Hemden ein Zeichen von manueller Arbeit seien. Und da eine wesentliche Ursache für Jays einzigartigen Erfolg als Betrüger darin bestand, den Vorurteilen seiner Opfer immer zuvorzukommen, fiel sein Entschluss nicht schwer: weg mit seinen Lieblingssachen. Zusammen mit einer Reihe anderer persönlicher Habseligkeiten kamen sie in einen Koffer, der aus vielerlei Gründen nicht in das Bild von Joachim Heinsen, Mitglied des Architektenverbands, passte. Den Koffer stellte er in das Einzelzimmer, das er in einem anonymen Hotel an der Sjællandsbro bezogen hatte. Es war ihm wichtig, eine neutrale Basis zu haben, wenn er seiner Tätigkeit nachging; einen Ort, wo er allein sein konnte, sich mit Käs traf, das Haar färbte, seine Geschäfte regelte und sein inneres Pornokino mit Bildern eigener Wahl versorgte. Außerdem war es vernünftig, einen Ort zu haben, an den er sich zurückziehen konnte, wenn er ›arbeitete‹. Denn schon bald sollte sich zeigen, dass das Bedürfnis, sich zurückzuziehen, auf dieser Mission besonders groß war. Birgitte Johns war bis zu ihrem Todestag eine der Frauen gewesen, die sich nur in kleinen Dosen ertragen ließen.
Darmowy fragment się skończył.