Czytaj książkę: «Interaktionsbeobachtung von Eltern und Kind»

Der Autor
Dr. André Jacob, Diplompsychologe und Psychologischer Psychotherapeut, leitet aktuell eine Berliner Erziehungs- und Familienberatungsstelle und war langjährig nebenberuflich als familienrechtspsychologischer Gutachter tätig. Er lehrt, unter anderem an der Psychologischen Hochschule Berlin, und publiziert in den Fachgebieten der Entwicklungs-, Erziehungs- und Familienpsychologie.
André Jacob
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Für
Ralf-Rüdiger Bohn
und
Bärbel Derksen
3., erweiterte und überarbeitete Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-041448-8
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-041449-5
epub: ISBN 978-3-17-041450-1
Inhalt
1 Einleitung
2 Teil I: Theorie und Methodik
3 1 Begriffsbestimmungen, Problematisierung und Systematisierung
4 1.1 Inhaltlich-funktionale Kategorien
5 1.1.1 Perspektive »Kind«
6 1.1.2 Perspektive »Elternteil«
7 1.1.3 Perspektive der »Eltern-Kind-Beziehung« als Entität
8 1.1.4 Perspektive »Elternbeziehung«
9 1.2 Formale Operationalisierung
10 1.3 Beispiele für Indikatoren zur Beschreibung der Eltern-Kind-Interaktion
11 1.3.1 Perspektive des Kindes
12 1.3.2 Perspektive des Elternteils
13 1.3.3 Perspektive der Eltern-Kind-Beziehung
14 1.3.4 Perspektive der elterlichen Beziehung
15 1.4 Schlussfolgerungen für die Beurteilung von Instrumenten zur Beobachtung der Eltern-Kind-Interaktion
16 2 Methodik der Verhaltensbeobachtung
17 2.1 Beurteilungseffekte
18 2.2 Gütekriterien
19 2.3 Auswertungsmethodik
20 2.4 Beobachtung der nonverbalen und verbalen Kommunikation
21 2.5 Zur Methodik der videounterstützten Verhaltensbeobachtung
22 Teil II: Interaktionsdiagnostische Verfahren
23 3 Zur Systematik der interaktionsdiagnostischen Instrumente
24 4 Verfahrensübersicht in Steckbriefen
25 4.1 Ausführliche Steckbriefe (in alphabetischer Reihenfolge der Kurztitel)
26 4.2 Kurz gefasste Steckbriefe
27 4.3 Schlussfolgerungen
28 4.3.1 Verfahrensbeurteilung
29 4.3.2 Synoptische Betrachtung der Beurteilungskategorien
30 Teil III: Praxis der Interaktionsbeobachtung
31 5 Durchführung
32 5.1 Setting
33 5.1.1 Hochstrukturierte Interaktionsepisoden nach Marschak
34 5.1.2 Still-Face-Paradigma (SFP)
35 5.1.3 Strukturierte Interaktionsepisoden bei klinisch auffälligem Bindungsverhalten
36 5.2 Instruktion
37 5.3 Auswertung
38 5.3.1 Beurteilung des Schweregrades
39 5.3.2 Vorgehensweise
40 5.4 Kommunikation der Ergebnisse
41 6 Vorschläge zur Praxis der Interaktionsbeobachtung geordnet nach Altersgruppen
42 7 Vorschläge zur Praxis der Interaktionsbeobachtung bei verschiedenen Indikationsfragestellungen
43 7.1 Interaktionsbeobachtung bei Fragen zur Bindung des Kindes
44 7.2 Interaktionsbeobachtung bei Fragen zur elterlichen Erziehungsfähigkeit
45 7.3 Beobachtung der dyadischen Interaktion bei verschiedenen klinischen Fragestellungen
46 7.3.1 Interaktionsbeobachtung bei frühkindlichen Regulationsproblemen
47 7.3.2 Interaktionsbeobachtung bei postpartal depressiven Müttern und ihren Kindern
48 7.3.3 Interaktionsbeobachtung kommunikativer Schwierigkeiten des Kindes bei (Asperger-)Autismus, Störungen des Sozialverhaltens und Depression
49 7.4 Beobachtung der triadischen Interaktion
50 8 Ausgewählte Anwendungsfelder
51 8.1 Interaktionsbeobachtung zu primär diagnostischen Zwecken
52 8.1.1 Familienrechtspsychologische Untersuchung
53 8.1.2 Interaktionsbeobachtung zur Indikationsentscheidung bei Pflegeeltern
54 8.2 Interaktionsbeobachtung im Rahmen verschiedener Interventionsbereiche
55 8.2.1 Erziehungsberatung: Spezialfall »Eltern-Kind-Interaktionsberatung«
56 8.2.2 Interaktionsbeobachtung im Rahmen der stationären Eltern-Kind-Interaktionstherapie
57 8.2.3 Interaktionsbeobachtung im Rahmen der Video-Interventionstherapie (VIT) nach G. Downing
58 8.2.4 Interaktionsbeobachtung im Rahmen des Entwicklungs- und Erziehungstrainings mit Video: Marte Meo
59 8.2.5 Interaktionsbeobachtung im Rahmen der Frühen Hilfen: das STEEP-Programm
60 9 Literaturverzeichnis
61 10 Anhang
62 Anlage 1: Checkliste zu Konstrukt, Facetten und Indikatoren der Eltern-Kind-Interaktion
63 Anlage 2: Münchner klinische Kommunikationsskalen (MKK)
64 Übersicht – Kodiersystem für das spontane Zwiegespräch
65 Erläuterung des Kodiersystems für das spontane Zwiegespräch
66 Übersicht – Kodiersystem für die »Spielzeug-Sequenz«
67 Erläuterung des Kodiersystems »Spielzeug Sequenz«
68 Anlage 3: Fremdbeurteilungsskalen Eltern-Kind- Interaktions-Profil (EKIP)
69 Dokumentationsbogen
70 Anlage 4: Mannheimer Beurteilungsskalen zur Erfassung der Mutter-Kind-Interaktion im Säuglingsalter (MBS-MKI-S)
71 Manual
72 Literatur
73 Anlage 5: Kategorien zur Beschreibung interaktiver Episoden nach G. Downing, A. Jacob u. a. (Bearbeitungsstand: 2021)
74 Interaktionsbeobachtung nach Downing, Jacob u. a.
75 Anlage 6: Beobachtungskategorien zur Beschreibung elterlicher Erziehung mit dem Fokus auf »Interaktion« (nach Jacob und Wahlen 2006):
76 A: Elterliche Verhaltenssysteme
77 B: Interaktionsmechanismen
78 C: Elterliche Affektmuster
79 Anlage 7: Beavers Interaktionsskalen
80 Übersicht
81 Familienkompetenzskalen (FKS)
82 Familienstilskalen (FSS)
83 Stichwortverzeichnis
Einleitung
Im Juni 1999 erlebte ich am Kinderzentrum in München mein erstes und – wie sich leider bald zeigen sollte – auch eines der letzten noch vom Ehepaar Hanouš und Mechthild Papoušek1 gemeinsam veranstalteten Grundlagenseminare zu Regulationsproblemen der frühen Kindheit. Es eröffnete mir eine Welt in das Verstehen kindlicher Entwicklungsprozesse und ihrer Verwobenheit in Eltern-Kind-Interaktionen, wie dies bis dahin für mich kaum vorstellbar gewesen war. Einen besonderen Reiz übten die Untersuchungen zur »intuitiven Elternschaft« aus, bei der sich das Forscherpaar Papoušek nicht nur einer ausgefeilten Untersuchungsmethodik, sondern auch der damals neuesten technischen Möglichkeiten zur videografischen Aufzeichnung bediente. »Je jünger das Kind, um so unmittelbarer drückt es sich in seinem gesamten Verhalten aus, umso deutlicher erschließt das beobachtbare Verhalten den Zugang zur körperlichen, psychischen und sozialen Entwicklung und ihren Störungen« schrieben die Papoušeks bereits im Jahr 1981 (Papoušek & Papoušek, 1981, S. 20). Sie wiesen »außerdem darauf hin, dass der Einsatz von Film- und Videotechnik eine Ausdehnung des Gegenstandsbereichs bedeute. Sie ermöglicht auch eine Art mikroskopischer Betrachtung, eine Ausweitung der physiologischen Grenzen der Sinnesorgane bis in den Bereich des Unsichtbaren und Unhörbaren sowie eine hohe zeitliche Auflösung, die auch flüchtige, unwillkürliche Verhaltensweisen und feinste Interaktionsstrukturen verläßlich erfaßbar macht« (ebd.). Daraus ergäben sich entscheidende methodische Vorteile. Eine gute Aufzeichnung »ermöglicht dieselbe Szene einmal einfühlend, u. U. in wechselnden Rollen, mitzuerleben, einmal aus objektiver Distanz2 einzelne Elemente des Verhaltens auszuwerten, oder von mehreren Beobachtern unabhängig auswerten zu lassen. Was sich auf verschiedenen Ebenen oder bei mehreren Partnern parallel abspielt, kann nach und nach oder im zeitlichen Zusammenspiel bis ins Detail beschrieben werden. Und es ist möglich, zur selben Szene mit neuen Erkenntnissen und Fragestellungen zurückzukehren« (Papoušek & Papoušek, 1981, S. 21. zit. nach Thiel, 2011, S. 808).
Mir wurde allmählich klar, wie tiefgreifend diese Sicht- und Arbeitsweise die Untersuchung der frühkindlichen Entwicklung und ihrer Sozialisationsinstanzen beeinflussen dürfte und welche Konsequenzen dies für die Diagnostik und Beratung von Familien mit Säuglingen und Kleinkindern haben würde. Was ich im Jahr 1999 noch nicht ahnte, war, welch große Herausforderung an die eigene Fähigkeit zur Objektivierung, zur Systematisierung und zur theoretischen Reflexion ein solches Arbeiten mit sich bringt und wie sich immer wieder neue Fragen beim Lösen eines Problems in diesem Feld auftun. Um der eigenen inneren – nicht selten kaum auflösbar scheinenden – Verwirrung zu entgehen, entstand dieses Buch: Es zielt auf mehr Systematik und Vollständigkeit als bisherige Literatur; es ist jedoch vor allem dazu gedacht, diagnostisch Praktizierenden3 bei der Auswahl von Methoden und Instrumenten behilflich zu sein, indem von Kolleginnen und Kollegen als auch von mir selbst stammende Erfahrungen und Überlegungen als Praxisempfehlungen formuliert werden.
Das Praxisbuch beschränkt sich auf die Vorstellung und Analyse von verhaltensbeobachtenden interaktionsdiagnostischen Verfahren und schließt Verfahren und Methoden – nicht zuletzt auch wegen der kritischen Ausprägungen in den Gütekriterien (vgl. Gloger-Tippelt & Reichle, 2007, S. 404) – aus, die darüber hinausgehen, also beispielweise Fragebögen, Interviews oder szenisch-projektive Verfahren, die ebenfalls der Gruppe der interaktionsdiagnostischen Methoden zuzuordnen sind.
Zum Umgang mit dem Buch
Je nach Interesse der Lesenden kann das Buch auf unterschiedliche Weise rezipiert werden:
• Wer sich für theoretische und methodische Hintergründe interessiert, sollte den ersten Teil in die Lektüre miteinbeziehen.
• Wer sich zunächst nur einen Überblick über gängige Verfahren verschaffen möchte, sollte sich vor allem mit dem zweiten Teil beschäftigen.
• Wer Empfehlungen zur generellen Anwendung oder zu spezifischen Themen und Fragestellungen erhalten möchte, kann den Schwerpunkt auf den dritten Teil legen.
• Im Anhang finden sich einige Instrumente, die aufgrund ihrer Publikation oder durch freundliche Genehmigung der Autorinnen und Autoren für eine sofortige Nutzung zur Verfügung stehen.
Das Zustandekommen dieses Buches wäre nicht ohne die Hilfe einiger Menschen denkbar, denen ich an dieser Stelle ganz besonders danken möchte: Ursula Geißler, Anne Huber und Brit Bonin für ihre wertschätzend-kritische und anreichernde Durchsicht des Manuskriptes, George Downing für seine Ermutigung und seine hilfreichen Kommentierungen, Heike Morche und Brit Bonin für ihre jeweiligen Beiträge in diesem Buch und für ihre Hilfe beim Sichten der vielen Materialien sowie Peter Bertz und Sophia Kugler, die mich ebenfalls beim Recherchieren umfassend unterstützt haben.
Nicht zuletzt gilt auch dem Kohlhammer Verlag mein Dank für die wohlwollende und zugleich aufmerksam-kundige Bearbeitung des Manuskriptes sowie für die Möglichkeit, nun auch die dritte, aktualisierte Auflage dieses Buches fertigstellen zu können.
1 Hanouš Papoušek verstarb leider schon ein Jahr darauf (1922–2000).
2 Anstelle des Begriffs der »Objektivität« sollte eher der Begriff der »Beurteilerunabhängigkeit« stehen, um eine Verwechslung mit dem erkenntnistheoretischen Terminus der »objektiven Wahrheit« zu vermeiden.
3 Es werden, wenn möglich, gendergerechte Begriffe oder die Doppelschreibweise verwendet. Geschlechtsspezifische Formulierungen in Quellen oder Fachbegriffe werden in ihrer Form belassen.
Teil I: Theorie und Methodik
1 Begriffsbestimmungen, Problematisierung und Systematisierung
Zwei wesentliche Quellen münden in den aktuellen Strom der Eltern-Kind-Interaktionsbeobachtung.
Entwicklungsdiagnostik als erste Quelle 
Den ersten Quell bildet die auf eine lange Tradition zurückreichende Entwicklungsdiagnostik. Im deutschsprachigen Raum war hinsichtlich der Methode der Verhaltensbeobachtung der von Charlotte Bühler und Hildegard Hetzer 1932 publizierte Kleinkindertest (Bühler & Hetzer, 1932) ein erster Meilenstein. Durch eine 24-stündige Dauerbeobachtung des Verhaltens von Kindern unter sechs Jahren wurden diagnostisch wichtige Beobachtungsdaten generiert. Bis zum heutigen Tag verweisen die Autorinnen und Autoren von Entwicklungstests (im Überblick z. B. Esser & Petermann, 2010, Kastner-Koller & Deimann, 2009) auf die Bedeutung der Verhaltensbeobachtung während der diagnostischen Untersuchung insbesondere im Kleinkindalter, da sie oftmals die einzige Möglichkeit darstelle, »Einblick in die Kompetenzen des Kindes zu erlangen, solange das Sprachverständnis die Befolgung von Testinstruktionen noch nicht erlaubt und die expressive Sprache, aber auch die kognitiven Fähigkeiten ein diagnostisches Interview noch nicht ermöglichen« (Kastner-Koller & Deimann, 2009, S. 98).
Familiendiagnostik als zweite Quelle 
Die Notwendigkeit von Verhaltensbeobachtung in der Entwicklungsdiagnostik begründet sich jedoch nicht allein aus der Einschränkung der symbolischen Kommunikation im frühkindlichen Alter. Sie gewinnt als entwicklungsdiagnostische Methode auch zunehmend an Bedeutung, weil sie den Zugang zu komplexen, qualitativen und dynamischen Aspekten (wie z. B. der Affektivität des Kindes und dessen sozialer Kommunikationsfähigkeit) verspricht. Bei den damit verbundenen Fragestellungen besteht eine Schnittmenge zwischen der Entwicklungsdiagnostik und der zweiten Quelle der Verhaltensbeobachtung. Diese wird durch die Familiendiagnostik gebildet, zu deren Repertoire die Interaktionsbeurteilung seit den 1980er Jahren gehört. Heute gängige Entwicklungstheorien gehen systematisch davon aus, dass sich die menschliche Persönlichkeit in sozialen Beziehungen entfaltet. Diese Ansicht fußt auf einer langen Tradition (Kreppner, 2005), welche durch die Entdeckung und den Ausbau der systemischen Perspektive einen großen wissenschaftlichen und methodologischen Auftrieb erhielt (Gloger-Tippelt & Reichle, 2007). Der Hinwendung zur Familie als Sozialisationsinstanz (z. B. Bronfenbrenner, 1974, 1981) folgten Versuche, familiäre Kommunikation zu diagnostizieren (ältere Literatur referiert beispielsweise Brunner, 1984, eine Zusammenschau jüngerer Literatur bieten z. B. Cierpka, 2008 und Schneewind, 2005). Rasch wurde deutlich, dass Familiendiagnostik verschiedene Ebenen miteinander verknüpfen muss (Belsky, 1981; Kreppner, 1984), indem das kindliche – entwicklungspsychologisch determinierte – kommunikative Verhalten in Bezug gesetzt wird zur elterlichen – auf das Kind bezogenen – Kommunikation und dies hinsichtlich Qualität, Quantität, Dynamik und Performanz. Letztendlich erkannte man, dass es sich bei der wissenschaftlichen Beschreibung und möglichst objektiven Abbildung von Eltern-Kind-Kommunikation um hoch komplexe und dynamische Vorgänge handelt. Dies dürfte auch einer der Hauptgründe dafür sein, weshalb es bis heute so zahlreiche diagnostische Versuche und Instrumentarien in diesem Bereich gibt.
Einen wissenschaftlich-methodischen Schub bekam die Familiendiagnostik zu Beginn der 1990er Jahre durch die Möglichkeit, kommunikatives Handeln praktikabel und kostengünstig zu videografieren. Damit schien das gesamte kommunikative Verhaltensrepertoire der Diagnostik zugänglich zu werden. Zugleich jedoch vermehrte sich auch die Menge der beobachtbaren Items und Daten exponentiell. Die Auswertung solcherart Interaktionsbeobachtungen verlangte demzufolge wiederum ein Mehr an Systematik und Verdichtung. Bis heute ist diese Entwicklung nicht abgeschlossen. Für die Praxis jedoch ergibt sich ein Dilemma: Wie kann es gelingen, im Dschungel der Vorgehensweisen und im Dickicht der Interaktionsbeobachtungsinstrumente das für die jeweilige Fragestellung Passende auswählen? Um dies ein wenig zu erleichtern, wurde dieses Buch – nicht zuletzt der selbst erfahrenden Not des Autors geschuldet – verfasst.
Nachfolgend wird nun zunächst der Versuch unternommen, einige zentrale Begriffe zu definieren und ggf. so zu problematisieren, dass die anschließenden Erläuterungen des diagnostischen Potentials von Interaktionsbeobachtung für die Lesenden plausibel nachvollziehbar werden.
Kommunikation 
Der Begriff der »Kommunikation « wird im Allgemeinen als ein Prozess des Informationsaustausches verstanden. Menschliche Kommunikation ist demnach der Informationsaustausch zwischen Menschen. Interaktives Verhalten kann unter der Perspektive der Kommunikation als informationsaustauschendes, psychisch reguliertes Handeln zwischen Personen beschrieben werden. Es »beinhaltet die durch Zeichen vermittelte Abbildung von Bedeutungen zwischen Individuen. Damit ermöglicht sie die Weitergabe menschlicher Erfahrungen in und zwischen den Generationen« (Hiebsch & Vorwerg, 1980, S. 275).
Kommunikation ist der Informationsaustausch von Personen, die zueinander in einer sozialen Beziehung stehen, wenn sie durch mindestens ein stabiles Interaktionsmuster miteinander verbunden sind.
Interaktion 
Interaktionen werden Sprach- oder andere Handlungen von zwei oder mehr Personen genannt, die sich unmittelbar aufeinander beziehen (Richtungs- und Zielbezug; vgl. z. B. Bales, 1972). Diese Handlungen sind operationalisierbar, mithin beobachtbar. Sie sind praktisch »bezogenes Handeln«. Sie lassen auf die Beziehungsschemata der Beteiligten schließen und, bei einer größeren Stabilität und Konsistenz, auf deren Beziehungseinstellungen.
Unter einem Interaktionsmuster werden wiederkehrende in zentralen Merkmalen ähnliche Handlungen oder Handlungsketten verstanden, die Beobachterinnen und Beobachter auf eine Beziehung zwischen den Akteuren schließen lassen. Die Definition von Ähnlichkeit bzw. die Überschreitung der Grenze zur Unähnlichkeit wäre eine Anforderung an die Konstrukteure und Konstrukteurinnen von interaktionsdiagnostischen Instrumenten.
Beziehung 
Beziehung ist ein Konstruktbegriff, der sich in seinem Konstruktcharakter von der beobachtbaren, damit auch operationalisierbaren »Interaktion« unterscheidet. Welches theoretische Konzept (Konstrukt) von »Beziehung« in das jeweilige interaktionsdiagnostische Instrument einfloss, sollte in der Publikation expliziert werden.
Beziehung ist nicht statisch zu verstehen, auch wenn Begriffe wie »Muster« oder »Einstellung« eine relative Stabilität suggerieren. Ein Konzept, das der Dynamik im wechselseitigen interaktiven Geschehen gerecht zu werden verspricht, scheint das der »Wieder-Herstellung von Passung« zu sein. Darauf verweisen Thomas und Chess (1977), die ein kumulatives und wechselseitiges Verhältnis von Anlage- und Umweltfaktoren postulieren und auf »den ursprünglich von Henderson (1913) vorgeschlagenen Begriff der Übereinstimmung (›goodness of fit‹)« zurückgreifen (Resch, 2004, S. 37).
Will man diesem Konzept folgend Beziehung erkennen und beschreiben, muss es gelingen, nicht nur die Fits oder Misfits (Largo & Benz-Catellano, 2004) zu erfassen, sondern Beziehung als ein dynamisches autopoietisches System (im Sinne Luhmanns, 1984) als »Match-Mismatch-Repair-Circle« (Tronick, 2007) zu verstehen und abzubilden. Mechthild und Hanouš Papoušek entwickelten diesen Ansatz bereits im Jahr 1990. Mechthild Papoušek baut ihn – nach dem Tode ihres Mannes – bis zum heutigen Tag aus (z. B. Papoušek, 1999) und stellt immer wieder eine Kompatibilität zu neueren Forschungsergebnissen und Paradigmen her (Papoušek, 2004; Papoušek, 2015).
Beziehungseinstellung steht für die allgemeine stabile Haltung einer Person zu Beziehungen. Auf sie ist zu schließen mit Hilfe des explorierenden Gesprächs sowie über die Erfassung von Interaktionsmustern (vgl. auch Asendorpf, Banse & Neyer, 2017).
Interaktionsbeobachtung 
Die Arbeitsdefinition der hier gemeinten Interaktionsbeobachtung umfasst die Beobachtung und Beurteilung von bezogenem (interpersonalem) Verhalten.
Kommunikationsbeobachtung bezieht sich demzufolge auf die Beobachtung und Bewertung einer Teilmenge interaktiven Verhaltens, nämlich dem Verhalten, das dem Informationsaustausch der Beteiligten dient.
Mithilfe der Interaktionsbeobachtung soll also nicht nur Verhalten beobachtet werden, sondern auch aus beobachteten interaktiven Handlungen Schlüsse auf Beziehungsmerkmale und von diesen wiederum auf die grundlegende dyadische Beziehung (z. B. auf den Bindungscharakter) oder auf Kompetenzen zur Interaktionsgestaltung der Akteure (z. B. Feinfühligkeit) gezogen werden. Wie bedeutsam die Wahl des theoretischen Rahmens für die Schlussprozesse ist, betonen beispielsweise Gloger-Tippelt und Reichle (2007, S. 402) mit Verweis auf die Heuristik des Bindungskonzeptes nach Bowlby.
In der Praxis ist sehr exakt darauf zu achten, ob es sich bei den Interaktionsbeschreibungen um beobachtbares Verhalten oder bereits um Zuschreibungen/ Deutungen handelt. So wird beim CARE-Index, der in Kapitel 4 vorgestellt wird, beispielsweise versucht einzuschätzen, welche Funktionalität das kindliche Verhalten hat. Streng genommen ist dies bereits ein Schlussprozess, der in vielen Urteilsbildungen jedoch nicht entsprechend expliziert wird, obwohl sich damit sprunghaft der Grad von Subjektivität in der Beurteilung erhöht.
Einige interaktionsbeobachtende Instrumente erfüllen den Anspruch, nicht nur interpersonale (speziell kommunikative) Handlungen zu erfassen, sondern auch Schlussprozesse auf Handlungsmuster sowie auf diesen zugrunde liegende Einstellungen und Repräsentationen vorzunehmen. Dies ist für die Praxis von größtem Interesse, denn was soll man mit streng ausgezählten rein beobachtbaren Daten, wie z. B. den »Blickkontakten des Kindes zum Elternteil je Minute« anfangen, wenn ihnen kein inhaltliches Referenzsystem zur Verfügung steht?
Analysiert man die bisher vorliegenden Instrumente, so scheint es am angemessensten, die Beobachtungskategorien zur Einschätzung der Eltern-Kind-Interaktionen nach zwei Gesichtspunkten zu ordnen:
1. nach der Funktionalität der Interaktion möglichst aus vier Perspektiven: Kind, Elternteil, Elternteil-Kind sowie Elternbeziehung.
Der hier gemeinten Einschätzung von Funktionalität des interaktiven Verhaltens liegt bereits ein erster Deutungsprozess des Diagnostikers zugrunde. Daher ist es methodisch und psychologisch sinnvoll und erforderlich, diesen ersten Schlussprozess mit Hilfe eines Bewertungsinstrumentes auch plausibel4 zu begründen und methodisch so zu gestalten, dass eine möglichst große Übereinstimmung der Beurteilenden bezüglich Validität und Reliabilität erzielt wird.
2. Differenzierung der Kategorien zur Interaktionsbeobachtung unter formalen Gesichtspunkten
Diese beiden Aspekte der »Funktionalität« und der »formalen Operationalisierung« werden im folgenden Abschnitt in einer ersten Annäherung – und zwar jeweils geordnet nach der Perspektive »Kind«, »Eltern«, »Eltern-Kind-Beziehung als Entität« und »Elternbeziehung« – überblicksartig dargestellt. Auf diese Weise sollen die Lesenden die Möglichkeit erhalten, die dann im zweiten Teil folgenden inhaltlichen Bewertungen bei der Skizzierung einzelner Verfahren besser nachvollziehen zu können. Am Ende des 4. Kapitels (
Kap. 4.3) wird schließlich eine synoptische Betrachtung der Facetten und Indikatoren der ausgewerteten Beobachtungsinstrumente vorgestellt, die als Grundlage für weitere Forschung aber auch bereits zur praktischen Nutzung als eine Art Checkliste verwendet werden könnte (
Anlage 1).