Czytaj książkę: «Eine Leiche zum Tee - Mord in der Bibliothek (Eine Leiche zum Tee, Bd. 2)»
Über das Buch
Von Liebeskummer geplagt stürzt sich die 14-jährige Amy voller Elan in die Projektwochen an ihrer Schule. Dort laufen die Proben zum Krimitheaterstück »Mord in der Bibliothek« auf Hochtouren und Amy ergattert noch den begehrten Posten der Regieassistentin. Spotlight, der Mörder betritt die Bühne und zielt. Ein Schuss, eine lebensechte Todesszene. Zu lebensecht. Denn wer platzierte eine echte Waffe auf der Bühne? Und warum? Ohne es zu wollen, steckt Amy plötzlich wieder bis über beide Ohren in Mordermittlungen. Und ganz Ashford-on-Sea ist in heller Aufregung …
Der 2. Fall für Amy und Tante Clarissa

Wer ist wer
Einwohner von Ashford-on-Sea
Amy Fern, Vollwaise, Großnichte von Clarissa Fern, nicht ganz freiwillige Hobbydetektivin
Clarissa Fern, Amys Vormund, ehemalige Direktorin der Ashford Primary School, Besitzerin des Little Treasures und passionierte Hobbydetektivin
Willow Harris, Amys beste Freundin, bekennender Süßigkeitenjunkie und Fashion Victim
Dr. July Harris, Hausärztin, Willows Stiefmutter
Dr. Robert Harris, Tierarzt, in zweiter Ehe mit Dr. July Harris verheiratet, Willows Vater
Nicolas Pears, Besitzer des Smuggler’s Rest, Finns Vater
Meghan Pears, führt mit ihrem Mann Nicolas das Smuggler’s Rest, Finns Mutter
Finn Pears, Amys große Ex-Liebe, aufgrund seiner außerordentlichen Begabung studiert er seit dem Sommer in London Klavier
Matthew Campbell, Vikar, Ehemann von Sophie
Andrew Cox, Ex-Banker, Mitbesitzer des Little Treasures
Sergeant Oliver Oaks, der etwas schusselige Dorfpolizist … und natürlich
Percy, Amys treuer Irish Terrier
Der Ashford-Crime-and-Murder-Club
… besteht neben Tante Clarissa und Amy (Neumitglied) aus:
Lydia Scott, Besitzerin des lokalen Tante-Emma-Ladens
Calinda Bennett, Friseurin
Dorothy Pax, beste Freundin von Tante Clarissa, ehemalige Kunstlehrerin, Malerin und total hundeverrückt
Sophie Campbell, Frau des Vikars
Meredith Dickinson, Buchhändlerin
Ermittler von Scotland Yard
Philipp Elliott, Inspektor
Bilton Boarding School
kleines, schnuckliges Internat in der Nähe von Ashford-on-Sea
Richard Plunkett, Direktor
Poppy Pankhurst, geht mit Amy und Willow in eine Klasse
Virginia Pankhurst, Poppys ältere Schwester
Lucinda, Poppys beste Freundin
Damian, besucht eine höhere Jahrgangsstufe
Keira, geht in die zehnte Klasse
Anthony, besucht die elfte Klasse
Julian Rush, Angus, Greg und Zoe, Mitschüler
Ehemalige Schüler der Bilton Boarding School
Maud Wilkins, bekannte Regisseurin
Olivia Hartcastle, berühmte Krimiautorin
Luke Portland, Abgeordneter des Unterhauses
Betty O’Donald, Richterin am Jugendgericht
Neal Hillmann, Spieleentwickler
Reginald Travers, Finanzmanager
Inhalt
Kapitel 0
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34

Im Theatersaal der Bilton Boarding School herrschte fast absolute Dunkelheit. Nur auf der Bühne brannte eine altmodische Stehlampe. Sie warf ihr Unheil verkündendes Licht auf den Kamin, das Ölgemälde darüber und den leicht schräg vor dem Kamin angeordneten Ohrensessel. Dem aufmerksamen Beobachter entgingen natürlich die übereinandergeschlagenen Beine nicht, die aus dem Sessel hervorragten.
Alles war bereit für die Mordszene in Olivia Hartcastles Theaterstück Mord in der Bibliothek. Genauso wie es das Skript in den Händen meiner im Notfall soufflierenden Freundin Willow vorsah, huschte ein gebückter Schatten auf den Kaminsims zu und öffnete die längliche Schatulle, um ihr das Testament von Lord Willsborough zu entnehmen. Scheinbar unbemerkt, schob sich ein Pistolenlauf hinter der Rückenlehne des Sessels hervor, dann eine Hand, die zu einem Arm wurde, und schließlich die ganze Silhouette des Mörders. Seine Stimme triefte vor Verachtung, als er langsam auf sein Opfer zuschritt und skriptgemäß flüsterte: »Hast du wirklich gedacht, du könntest damit einfach so davonkommen? Danke, dass du es mir so leicht machst!«
Ein Schuss zerriss die atemlose Stille. Ein, vielleicht zwei Sekunden vergingen. Das Opfer schwankte leicht, bevor es sich an die Brust griff. Es sackte auf die Knie und japste nach Luft. Theaterblut quoll zwischen den zusammengekrallten Fingern hervor. Die Augen des Opfers richteten sich auf den Schützen. Das perfekte Mienenspiel wechselte von fragend-erstaunt zu blankem Entsetzen. Ein tastender Griff nach der Kaminwand verfehlte sein Ziel. Das Opfer verdrehte die Augen und fiel auf die Bühne, wo es mit dem Gesicht nach unten regungslos liegen blieb.
Diesmal gab es aber wirklich nichts an der Darbietung zu meckern, fand ich. Doch der markerschütternde Schrei belehrte mich eines Besseren.
Denn der stand nicht im Skript!

Mal ehrlich! Ich hätte es nicht im Traum für möglich gehalten, dass mich das neue Schuljahr gleich mit vollem Karacho in den nächsten Mordfall katapultieren würde. Wie hätte ich auch? Wo mir doch der Mord an meiner Klavierlehrerin und alles, was danach kam, immer noch tief in den Knochen steckte. Angefangen hatte das Schuljahr sehr verheißungsvoll, nämlich mit dem Auftauchen von Willow. Sie war neu an der Bilton Boarding School und in meiner Klasse. Wie ich war sie eine externe Schülerin aus Ashford-on-Sea, und das, obwohl sie mir noch nie zuvor im Dorf begegnet war.
»Wie das sein kann?«, schmatzte sie zwischen den Bissen, mit denen sie einen Heidelbeermuffin genüsslich verputzte. »Ganz einfach. Scheidungskind, das hauptsächlich bei seiner Mutter in London lebt, wenn es nicht gerade im Internat in Schottland weilt. Mutter Museumskuratorin, die schrecklich viel zu tun hat und meistens auf der Jagd nach Kunstwerken durch die Weltgeschichte jettet. Vater bodenständiger Tierarzt, der sich nach langen Jahren allein in eine Hausärztin aus Ashford verliebt und diese vom Fleck weg heiratet. Das Ergebnis: eine Tierarztpraxis für Ashford, …« (Anmerkung von mir: dass wir seit Neuestem über einen eigenen Tierarzt verfügten, hatte der Dorfklatsch natürlich schon verkündet und ich fand das super, denn bisher hatte Tante Clarissa meinen Irish Terrier Percy und mich immer über die Küstenstraße zu dem alten, brummigen Tierarzt nach St Austell fahren müssen) »… eine voll nette Stiefmutter, ein neues Zuhause und hoffentlich eine neue Freundin, mit einer großen Leidenschaft fürs Backen. ICH habe dich nämlich schon mal gesehen, auch wenn du mich nicht bemerkt hast. Dazu warst du viel zu sehr mit deinem Wutanfall über das bockige Internet beschäftigt. Das war kurz vor den Sommerferien, als ich für ein Wochenende zu Besuch hier war, um mir mein zukünftiges Zuhause anzusehen. Mein Pa hat mich ins Little Treasures geschleift, so heißt doch euer Tearoom, nicht wahr? Dort habe ich die Zitronentarte gekostet. Ein wundervolles Zusammenspiel zwischen süß-sauer und erfrischend. Da hätte ich mich glatt reinsetzen können! Ein Traum von einem Sommerkuchen!« Muffinkrümel blitzten zwischen Willows Zähnen auf, als sie mich mit glitzernden Augen angrinste. »Ich gestehe es besser gleich: Ich bin ein totaler Süßigkeitenjunkie mit Vorliebe für Liebesromane und ein Fashion Victim bin ich noch dazu!«
Ab dem Tag waren wir unzertrennlich. Die unrühmliche Rolle, die meine Schokomousse-Erdbeer-Torte in dem ersten Mordfall gespielt hatte, den Ashford-on-Sea seit über achtzig Jahren gesehen hatte, war Willow natürlich bekannt. Aber von meinem Finn wusste sie nichts. Genauer gesagt: von Finn und mir. Finn Pears und Amy Fern. Als leidenschaftliche Liebesromanleserin lauschte sie mit großen Ohren und glühenden Wangen, als ich ihr davon erzählte, dass die gute Seite an der ganzen schrecklichen Sache die war, dass Finn und ich jetzt zusammen waren. Nachdem ich ihr dann aber ausführte, dass Finn seit dem Sommer in London lebte, um dort Musik zu studieren, verdüsterten Unheil verkündende Wolken ihr Gesicht.
Tja, sie hat es eben gleich geahnt und auch gesagt, dass Liebe auf Entfernung in unserem Alter nicht halten kann. Hat sie auch nicht. Leider! Nach vier Wochen – nach nur vier Wochen! – hat Finn mir erklärt, dass er nicht so häufig nach Hause kommen kann, weil er sich ganz auf sein Studium konzentrieren muss, und dass er fair sein will und sich deswegen von mir trennt.
Wie konnte er mir so was antun? Die Tränen standen ihm in den Augen, als er mir sagte, dass er diese Entscheidung aus Liebe trifft. Aber wenn man jemanden liebt, dann tut man ihm doch nicht weh!! Ich liebe ihn und deshalb wäre es mir gleichgültig gewesen, wie häufig wir uns gesehen hätten. Hauptsache, wir wären zusammen gewesen. Schöne Liebe!
Bitte, dann soll er doch in London bleiben und sich die Finger wundspielen!
Willow hat mich in den Arm genommen und gesagt, der erste Liebeskummer sei der schlimmste. Ich hoffte sehr, dass sie recht damit behält. Ansonsten müsste ich nämlich alles tun, um mich niemals, absolut niemals wieder zu verlieben. Denn mein kleines Herz schreit mit jedem Schlag verzweifelt nach Finn, der nicht kommt, um es zu trösten, und das tut schrecklich weh.
Vor drei Wochen bin ich vierzehn geworden. Endlich. Feiern wollte ich aber nicht. Ohne Finn gab es für mich keinen Grund zu feiern. Nie wieder!
Wie gut, dass ich Percy hatte. Der war immer für mich da, hörte sich mit großen, treuen Hundeaugen mein Gejammer an, legte seine Pfote auf meinen Schoß und schleckte mir die Tränen vom Gesicht. In Hundesprache hieß das: »Ich hab dich lieb! Ganz schrecklich lieb! Und dieser Finn ist ein ausgemachter Idiot!« Percy würde mich niemals verlassen oder mir wehtun. Niemals!
Aber Finn war einfach … ach … Finn war perfekt.
Verdammt! Ich musste aufhören, so etwas zu denken, und mich ablenken. Genauso, wie es mir auch Tante Clarissa geraten hatte.
Zum Glück stand die Ehemaligenwoche unmittelbar bevor, sodass ich etwas hatte, in das ich mich voll reinstürzen konnte, um meine zerschmetterte große Liebe zu vergessen.
»Natürlich hast du keine Ahnung davon, wie sen-sa-tio-nell die Ehemaligenwoche immer ist, Willow. Wie man hört, kommst du ja von so einem Internat mit Massenbetrieb. Da gab es so ein klei-nes, aber fei-nes Event bestimmt nicht. Und ich kann dir versprechen, dieses Jahr wird voll meeee-ga!«, hatte Poppy Pankhurst Willow gleich an ihrem ersten Tag auf der Bilton erklärt. Und da war schon der Beweis, dass Willow und ich zu Seelenverwandten bestimmt waren. Denn eins war für uns beide klar wie Kloßbrühe: Selbst wenn Poppy Pankhurst das einzige Mädchen in unserer Klasse gewesen wäre, niemals käme sie als Freundin infrage! Hielt Poppy das eigentlich für besonders cool, wenn sie mit gespreizten Fingern die Worte in ihre Bestandteile zerpflückte? Poppy war schön wie ein Filmstar und genauso führte sie sich auch auf. Wie in einer Haarshampoo-Werbung schleuderte sie ihre langen schwarzen Pferdehaare in einer gekonnten Bewegung über die Schulter, bevor sie ihre großen Scheinwerferaugen auf mich richtete und kicherte: »Wenn unsere Amy hier weiter so im Dreck anderer Leute wühlt wie die Trüf-fel-schwei-ne, dann wird sie noch zu einer richtigen Be-rühmt-heit werden und wer weiß … vielleicht wird sie dann auch eines Tages bei einer Ehemaligenwoche ihre tri-um-pha-le Rück-kehr an die Bilton feiern und als le-ben-dig gewordene Miss Marple ihren Ruhm genießen. Darauf wetten würde ich allerdings nicht! Schließlich findet ein blindes Huhn sel-ten mehrmals ein Korn.«
Das war wieder mal so typisch Poppy! Als Tante Clarissa und ich anfingen, im Fall Rubinia Redcliff zu ermitteln, war das von meiner Seite aus alles andere als freiwillig und mir ging es bestimmt nicht um Ruhm. Ganz im Gegenteil! Ich hätte alles dafür gegeben, hätte ich mich da fein raushalten können. Es gab aber nun mal Gründe, hauptsächlich einen namens Finn. Seinetwegen habe ich mich da eingemischt und nicht, weil ich zur Dorfberühmtheit von Ashford-on-Sea aufsteigen wollte. Doch genau das war passiert.
Okay, ich würde lügen, würde ich behaupten, dass ich nicht stolz bin und dass ich es mittlerweile nicht cool finde, wenn die Leute mich für eine jugendliche Version von Miss Marple halten. (Oh Gott, ich bin doch wohl keine Schrulle, oder? Das muss ich Willow fragen!) Aber ich brauche das nicht. Ganz im Gegensatz zu Poppy, die gerne im Rampenlicht steht. Hübsch und wahnsinnig gut in der Schule, wie sie ist. All das bin ich leider so gar nicht. Trotzdem hat sie mich als Konkurrenz eingestuft und weil die Detektivarbeit das einzige Feld ist, auf dem sie mich nicht schlagen kann, hat sie beschlossen, wo sie es nur kann, sich darüber lustig zu machen. Und Willow fällt für Poppy ganz offensichtlich unter die Kategorie Sippenhaftung.
Aber nicht nur Poppy fieberte der Ehemaligenwoche entgegen, die ganze Schule war erfüllt von einer flirrenden Aufregung wie die Luft über schwarzem Asphalt im Hochsommer. Und das lag an den Ehemaligen, die dieses Jahr die Schule besuchen würden, um uns von ihrer Arbeit zu erzählen, Vorträge zu halten oder Workshops zu veranstalten. Einer von ihnen war Luke Portland, ein superbekannter Abgeordneter des Unterhauses, dem man große Chancen auf das Amt des Umweltministers voraussagte. Zumindest behauptete Tante Clarissa das.
Die Jungs waren alle total scharf auf die Vorträge von Reginald Travers. »Der Typ ist Finanzberater und hat Millionen mit Aktiengeschäften gemacht. Nicht nur für seine Kunden, sondern auch für sich«, erklärte mir Julian Rush aus unserer Klasse mit tellergroßen Augen. »Mann, wenn ich von dem lernen könnte, wie das geht …!«
Aber das absolute Highlight waren die berühmte Krimiautorin Olivia Hartcastle und ihre Freundin und Regisseurin Maud Wilkins und das Theaterstück, das sie mit einigen Schülern einstudieren würden. Seitdem Tante Clarissa davon wusste, hatte sie vor Aufregung kein Auge mehr zugetan. Olivia Hartcastle kam bei ihr gleich hinter Agatha Christie und P. D. James. Jeden Tag seufzte sie mindestens einmal sehnsüchtig in meine Richtung: »Wie ich dich beneide!«
Das rief sie mir auch an diesem Donnerstagmorgen hinterher, als ich mich auf mein Rad schwang, um Willow zu treffen und mit ihr zur Schule zu fahren.
»Heute Abend erzähle ich dir alles, Tante Clarissa. Haarklein! Versprochen!«, rief ich zurück, bevor ich mit Percy im Fahrradkorb um die Ecke von Meredith Dickinsons Buchhandlung flitzte. Natürlich war das Mitbringen von Tieren an der Bilton normalerweise strengstens verboten. Doch weil Percy die Rolle des Detektivspürhundes übernehmen würde, chauffierte ich ihn, während sich seine Ohren im Fahrwind aufrichteten, zu seinem ersten Engagement.

Obwohl Willow, Percy und ich pünktlich in den Theatersaal der Schule trudelten, waren die ersten Reihen schon voll besetzt und die anderen füllten sich schnell. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, hatten sich Poppy und ihre nervige, ältere Schwester Virginia die besten Plätze in der ersten Reihe gesichert.
»Hey, weitergehen!«, beschwerte sich ein Mädchen hinter mir, um mich dann einfach zur Seite zu schieben. Sie konnte nicht anders, denn von hinten quetschte sich ein nicht enden wollender Strom von Schülerinnen und Schülern durch die offen stehende Flügeltür.
»Los, komm, wir hocken uns schnell hier hin, bevor alles besetzt ist!« Willow zeigte auf zwei freie Plätze in der Mitte des Saals.
»Die können doch unmöglich alle bei dem Theaterstück mitmachen«, wunderte ich mich, während ich auf den mit rotem Samt bezogenen Klappsitz neben Willow glitt. Percy kroch anstandslos darunter und rollte sich zusammen, um noch ein Ründchen zu schlafen.
»Nö, aber die sind alle neugierig«, brummelte Willow und tauchte zu ihrem Rucksack ab. Aus der Flut ihrer braunen Lockenpracht drang ein gedämpftes: »Wo ist denn nur der Müsliriegel? Ich habe ihn doch eingepackt!«
Manchmal kommt Willow mir vor wie die Hobbits mit ihren fünftausend Mahlzeiten am Tag. Willow muss genauso häufig essen und am besten immer was Süßes. Ob Kuchen, Törtchen, Pralinen, Kekse, Müsliriegel oder dampfender Kakao. Manchmal behauptet Willow lachend, dass sie nur wegen des Little Treasures mit mir befreundet sei. Wie schon erwähnt, ist das Little Treasures Tante Clarissas kleiner Tearoom, in dem es auch meine Kuchen- und Tortenkreationen zu kaufen gibt, und natürlich bekommt Willow bei uns einen Freundschaftsrabatt von hundert Prozent. Aber auch wenn Willow jedes Kuchenstück bezahlen müsste, sie würde uns treu bleiben. Denn – und das soll jetzt nicht unbescheiden klingen – unsere Törtchen und Kuchen sind so yummy, dass sie locker mit den Edeltearooms in London mithalten könnten.
»Auch mal abbeißen?« Willow pustete sich eine gelockte Haarsträhne aus dem Gesicht und hielt mir den Müsliriegel mit der dicken Schokoladenschicht unter die Nase.
»Nee, danke«, schüttelte ich den Kopf. »Wie kannst du um diese Uhrzeit schon was Süßes essen?« Dass ich mich darüber noch wunderte!
Willow zuckte mit den Schultern, biss herzhaft in den Müsliriegel und zitierte glückselig: »Chocolate doesn’t ask silly questions. Chocolate understands!«
Plötzlich brummte es aus meiner Manteltasche. Schnell zog ich mein Handy hervor.
»Finn?«, schmatzte Willow mit einem blitzschnellen Blick auf mein Display. »Ich fass es nicht! Hast du den Idioten nicht blockiert?« Kurz entschlossen nahm Willow mir das Handy aus der Hand und drückte den Anruf einfach weg. »So, erledigt! Was denkt der eigentlich, wer er ist? Erst bricht er dir das Herz und dann ruft er auch noch mitten in der Unterrichtszeit an? Pffft!«
Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich das Telefon zurücknahm und wieder in meine Tasche schob. Ich hätte ja schon gerne gewusst, was er gewollt hatte.
»Lass das!«, zischelte Willow mir von der Seite zu.
»Was denn?«, schnauzte ich ertappt zurück.
»Na, diesen verklärt sehnsuchtsvollen Ich-werde-ihn-für-immer-lieben-Blick! Du musst ihn vergessen, auch wenn es schwerfällt.« Aufmunternd stupste sie mich in die Seite. »Hey, auch andere Mütter haben nette Söhne!«
Ich zwang mich zu einem Lächeln. Ach, Finn, wärst du doch nur hier!
Ein Räuspern von der Bühne veranlasste uns, nach vorne zu blicken. Es kam von unserem Schuldirektor Mr Richard Plunkett, der Ruhe gebietend die Hände hob und diejenigen, die immer noch quatschten, mit strengem Blick zum Schweigen brachte. Als es endlich so leise war, dass Willow sich nicht mehr traute, das knisternde Stanniolpapier zu berühren, räusperte sich Mr Plunkett ein letztes Mal. »Guten Morgen, ihr Lieben! Ich will gar nicht lange um den heißen Brei herumreden. Wir alle wissen, warum wir heute Morgen hier sind. Nämlich, um unsere diesjährige Ehemaligenwoche mit der Theaterproduktion zu starten. Einen furioseren Start könnte ich mir gar nicht vorstellen, als jetzt die berühmte Krimi-, Film- und Theaterautorin Olivia Hartcastle und die nicht minder berühmte Regisseurin Maud Wilkins ganz herzlich in unserer und ihrer Schule begrüßen zu dürfen!«
Mr Plunkett klatschte laut Beifall und trat zur Seite, um den angekündigten Stars die Bühne zu überlassen. Erst bewegte sich nur der Vorhang, dann kamen sie. Olivia Hartcastle und Maud Wilkins. Freudestrahlend traten sie auf die Bühne und verbeugten sich vor dem tosenden Begrüßungsapplaus.
Wild klatschend reckte ich den Hals, um besser sehen zu können. Wie süß! Der arme Mr Plunkett! Total nervös schritt er jetzt auf die beiden Frauen zu. Als Direktor eines kleinen Internats an der Küste Cornwalls begegnete er eben nur selten richtigen Berühmtheiten.
»Guck mal!«, brüllte Willow mir über den Applaus hinweg ins Ohr. »Wie schüchtern Mr Plunkett ist!«
In der Tat. Mr Plunkett traute sich beim Händeschütteln noch nicht mal, Olivia Hartcastle richtig in die Augen zu schauen.
Ich erkannte natürlich sofort, dass die sportliche Frau mit den kurzen braunen Haaren die Krimiautorin war. Dafür hatte Tante Clarissa gesorgt. Zig Fotos hatte sie mir gezeigt und mir Mrs Hartcastles Lebensgeschichte in allen schillernden Farben nacherzählt. Deshalb wusste ich, dass die schlanke Frau in Jeans, dem legeren Pulli und den Stiefeletten die sportbegeisterte Olivia Hartcastle war, während die etwas fülligere Frau mit den blonden mittellangen Haaren, dem langem schwarzen Wollkleid und den derben Stiefeln Maud Wilkins sein musste.
»Herzlich willkommen, liebe Olivia, liebe Maud, in eurer ehemaligen Schule«, setzte Mr Plunkett an, um noch, bevor ich mich über die persönliche Anrede wundern konnte, hinzuzufügen: »Lange ist es her, dass wir hier die Schulbank gedrückt haben.«
Waaas?
»Lange her, aber unvergessen, Richard!«, lachte Olivia Hartcastle und schüttelte ihm herzlich die Hand.
»Wir freuen uns so sehr, hier sein zu dürfen.« Und so wie Maud Wilkins’ Augen leuchteten, glaubte ich ihr das sofort. »Zum Glück gibt es noch ein paar Orte auf dieser Welt, an denen alles so bleibt, wie es immer war. Aus jeder Ecke strömt einem hier noch der gleiche Geruch nach Schulbüchern, Putzmittel, Turnschuhschweiß und Kantinenessen entgegen. Und unsere alten Zimmer da oben im Turm sehen auch noch genauso aus wie damals, als wir hier unser Unwesen getrieben haben.« Sie lächelte verschmitzt. »Als ich gestern Abend die Pförtnerloge passiert habe, bin ich plötzlich wieder elf Jahre alt geworden. Wunderbar!«
»Aber nur in dem Wissen, das Abitur bestanden zu haben und nie wieder eine Klausur schreiben zu müssen!« Mit einem Schaudern schüttelte Olivia die Erinnerung an gruselige Prüfungen ab und kam dann ohne weitere Umschweife zur Sache. »Okay, liebe Leute, auf all diejenigen, die mit uns einen Mord in der Bibliothek begehen wollen, wartet eine ziemliche Menge Arbeit. Immerhin haben wir nur neun Tage Zeit, um ein ganzes Theaterstück auf die Beine zu stellen. Übernächsten Samstagabend wollen wir damit den Höhepunkt und Abschluss der Ehemaligenwoche feiern. Deshalb sollten wir keine Zeit verschenken. All diejenigen, die nur vorbeigeschaut haben, um uns zu begrüßen, bitte ich jetzt, den Saal zu verlassen. Danke, dass ihr gekommen seid!«
Missmutiges Gemurmel, dumpfes Hochschlagen der Sitzpolster gegen die Rückenlehnen und scharrende Füße erfüllten den Saal. Der Rechtskunde-Workshop begann erst am Nachmittag und die Workshops der anderen beiden Ehemaligen waren für nächste Woche angesetzt – ein Politiker wie Luke Portland und ein erfolgreicher Investmentbanker wie Reginald Travers hatten nun mal nicht unbegrenzt freie Zeit zur Verfügung.
»Olivia und ich sind ja noch über eine Woche hier«, brüllte Maud gegen die Geräuschkulisse an, um die Unzufriedenen zu besänftigen. »Wir werden ganz häufig die Gelegenheit haben, uns zu unterhalten. Bei den Mahlzeiten, auf den Fluren, im Park … versprochen!«
»Dann will ich auch nicht länger stören und entschuldige mich.« Mr Plunkett wischte sich den Schweiß von der Stirn. Da vorne im Licht der Scheinwerfer musste es wirklich sehr heiß sein. Nachdem sich der Theatersaal geleert hatte, klatschte Mrs Hartcastle aufmunternd in die Hände.
»So, jetzt sind wir Theaterschaffende unter uns!« Sie lachte fröhlich. »Und da sich in Künstlerkreisen geduzt wird … sind wir für euch ab sofort nicht mehr Mrs Hartcastle und Mrs Wilkins, sondern einfach nur Olivia und Maud. Alles klar?«
Tante Clarissa würde in Ohnmacht fallen, wenn ich ihr heute Abend erzählte, dass ich ihre hochverehrte Mrs Hartcastle Olivia nennen durfte!
»Seitdem wir dieses Projekt gestartet haben, brenne ich darauf, meine Co-Autoren persönlich zu treffen. Also, kommt auf die Bühne und stellt euch vor!«, rief Mrs Hartcastle, äh, sorry, Olivia.
Die Sache war die … Für eine Schulproduktion mit so wenig Zeit wäre es natürlich viel zu aufwendig gewesen, einen von Olivias dicken Krimiwälzern umzuschreiben. Deshalb hatte sie sich für ihren Kurzkrimi Mord in der Bibliothek entschieden. Den hatte sie dann in den letzten Monaten zusammen mit einigen Schülern online so umgeschrieben, dass er als Theaterstück auf der Bühne aufgeführt werden konnte.
Wohnt man wie Willow und ich in Ashford-on-Sea, dann weiß man, wie es im Mittelalter gewesen sein muss. Ohne Internet. O.k., ich übertreibe. Wir haben schon Internet, aber eben leider nicht immer. Der Netzempfang lässt hier sehr zu wünschen übrig. Was für ein Glück, dass der in der Schule problemlos funktioniert, denn ansonsten wäre es mit dem gemeinsamen Schreiben Essig gewesen.
Als Nächste riefen Maud und Olivia diejenigen auf, die das Bühnenbild gestaltet hatten. Ganz fertig waren sie mit ihrer Arbeit zwar noch nicht, wie sie sagten, aber sie lagen gut in der Zeit und alles würde rechtzeitig bereit sein. Dann waren die Schüler an der Reihe, die die Kostüme nähen würden, die das Schminken der Schauspieler übernehmen wollten, und dann die, die für die Requisiten zuständig waren. Dann kamen die Beleuchter und die Leute vom Ton. Ganz zum Schluss, sozusagen als Tüpfelchen auf dem i, betraten die Schauspieler die Bühne. Weil das Projekt wie alle anderen auch Jahrgangsstufen übergreifend war, hatten sich natürlich Schüler der ganzen Schule um die Teilnahme beworben.
Willow stieß mir den Ellenbogen in die Seite, nickte in Richtung Bühne und verdrehte genervt die Augen. »Guck mal! Das war ja so was von klar.«
Und wie klar das gewesen war! Poppy und Virginia. Die Schwestern standen nicht nur in vorderster Reihe der Schauspieler, sondern sie schubsten auch jeden weg, der ihnen ihren Ehrenplatz neben Olivia und Maud streitig machen wollte. Sie grinsten hochmütig und fühlten sich wahrscheinlich jetzt schon wie Hollywoodstars.
Ich entdeckte noch einige andere aus unserer Klasse. Angus und Greg gehörten scheinbar zu den Bühnenbauern. Poppys Freundin Lucinda, wer hätte das gedacht, stand mit Schminkpalette und Pinseln bereit, um das erstbeste Opfer mit Puder, Rouge und Lippenstift zu malträtieren. Zoe bildete mit einem größeren Jungen das Ton-Team und Keira, aus der zehn, war die Einzige von der Requisite, mit der ich schon mal ein Wort gewechselt hatte.
»Och, guck mal, der da ist aber süß«, schmatzte Willow, während das letzte Stück des Müsliriegels in ihrem Mund verschwand. »Ein echtes Sahneschnittchen!«
Ich folgte ihrem Blick und entdeckte in der Gruppe der Schauspieler einen Jungen, der wirklich ganz nett aussah. Aber kümmerte mich das? Ich war raus aus dem Spiel. Ich hatte mich längst dafür entschieden, als verrückte Alte mit einem Stall voller Hunde einsam und allein zu sterben. So wie Dorothy Pax, die beste Freundin meiner Tante.
Bevor ich noch völlig im Selbstmitleid zerfließen konnte, beschattete Maud ihre Augen und spähte in den fast leeren Publikumsbereich. »Und was ist mit euch beiden?« Sie meinte natürlich uns. Denn sonst war ja kein anderer mehr übrig.
»Ich bin neu«, erklärte Willow. »Die Bewerbungsfrist war schon abgelaufen, bevor ich überhaupt wusste, dass ich auf die Bilton wechseln würde. Könnte ich trotzdem noch mitmachen?«
»Hmm, das wird schwierig«, brummte Maud und warf Olivia einen Hilfe suchenden Blick zu.
Olivia verschränkte die Arme vor der Brust und überlegte kurz. »Die Souffleuse!« Sie schlug sich die Hand vor die Stirn. »Wir haben glatt vergessen, eine Souffleuse einzuplanen, Maud!«
»Was für ein Ding?«, wisperte Willow mir ratlos ins Ohr.
»Jemanden, der den Text mitliest und den Schauspielern aus der Patsche hilft, wenn sie vergessen haben, wie es weitergeht«, erklärte Maud, als ob sie Willows Frage gehört hätte.
»Oh, das wäre was für mich!«, freute sich Willow.
»Gut. Dann ist …« Maud sah sie auffordernd an.
»Willow. Willow Harris.«
»Willow ist dann also unsere Souffleuse. Und du …« Ihr Blick schwenkte zu mir.
»Amy Fern. Ich bin der Hund.« Ich bin der Hund? Was war denn in mich gefahren? Das amüsierte Gelächter hatte ich echt verdient. Aber nicht das hämische Gegacker von Poppy, Lucinda und Virginia, das ich nur allzu deutlich heraushören konnte.
»Ich meine … Also, ich bin natürlich nicht der Hund. Ich habe ihn nur mitgebracht. Denn Mr Plunkett hat gesagt, dass ein Spürhund für den Detektiv benötigt wird, und er meinte, Percy könnte das übernehmen. Percy ist nämlich schlau und sehr gelehrig.«
Kaum hatte Percy seinen Namen gehört, kroch er unter meinem Stuhl hervor und wünschte, präsentiert zu werden. Also stand ich auf und ging mit ihm zur Bühne. Hinter mir hörte ich, wie Willow das Stanniolpapier zusammendrückte.
»Oh, mein Gott, ist der süß!«, riefen Maud und Olivia wie aus einem Mund.
»Ein Irish Terrier, nicht wahr?«
»Aber das sieht man doch, Maud! Und was für ein schöner!« Wenn ich die beiden nicht schon von Anfang an so nett gefunden hätte, spätestens jetzt wäre ich von ihnen begeistert gewesen.
»Das ist mein Percy.«
»Ein Hund aus Gold. Außen wie innen, oder so ähnlich hat es doch der Abenteuerautor Jack London formuliert«, kramte Maud aus ihrem Gedächtnis hervor.
»Und der musste es wissen. Er hatte schließlich eine Menge unterschiedlicher Hunde«, ergänzte Olivia.