Czytaj książkę: «Der Wächter der goldenen Schale»
ALEXANDER LOMBARDI · SANDRA BINDER

SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-417-22977-6 (E-Book)
ISBN 978-3-417-28874-2 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
© 2020 SCM Verlag in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-verlag.de; E-Mail: info@scm-verlag.de
Die Bibelverse sind folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen
Umschlaggestaltung: Patrick Horlacher, Stuttgart
Titelbild und Illustrationen: Clara Vath, vath-art.de
Satz: Burkhard Lieverkus, Wuppertal
Inhalt
Die 4 vom See – das sind …
Was bisher geschah
Kapitel I: Auf dem Speicher
Kapitel 1: Der Phönix
Kapitel 2: Streit
Kapitel 3: Der Unfall
Kapitel II: Freundschaft
Kapitel III: Friederike
Kapitel IV: Ein Ball im Schloss
Kapitel V: Nachts im Park
Kapitel 4: Opa Hans hat Geburtstag
Kapitel 5: Schuld und Vergebung
Kapitel 6: Ein Brief, der alles ändert
Kapitel 7: Schloss ohne Schlüssel
Kapitel VI: Ein Schlüsselloch wird gefunden
Kapitel VII: Michi und Friederike
Kapitel VIII: Was der alte Stallbursche erzählt
Kapitel 8: Der Wächter
Kapitel 9: Das Geheimnis lüftet sich
Kapitel IX: Ludwig und Friederike
Kapitel X: Der Erbe
Kapitel 10: Die Schale
Kapitel 11: Die Legende
Kapitel 12: Ein Abend am Seeufer
Nachwort der Autoren: Was stimmt – was stimmt nicht?
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Die 4 vom See – das sind …
![]() | Antonia ReihmannAlter: 12Hobbys: Klettern, ArchäologieBeste Freundin: EmmaLieblingsort: Antonia hängt am liebsten im »alten Heinrich« ab oder sitzt auf dem Burgturm und guckt auf den Starnberger See. Außerdem klettert sie auf jeden Berg, der ihr in die Quere kommt.Lieblingsessen: Wiener Schnitzel mit PommesBesondere Kennzeichen: trägt immer Jeans und Sneaker. Hat Diabetes. |
![]() | Emma WeißAlter: 12Hobbys: Reiten, BiologieBeste Freundin: AntoniaLieblingsbeschäftigung: auf ihrem Pferd »Firestorm« reiten, mit ihren Freunden abhängen, Lesen, Träumen und in ihrem Labor forschenBesondere Kennzeichen: Emma ist Vegetarierin. Sie trägt eine Brille und geht ohne Pferdeschwanz nicht aus dem Haus. |
![]() | Franky GiulianiAlter: 12Hobbys: Computer, Zocken, KochenBester Freund: JaronLieblingsessen: Pizza und DönerBesondere Kennzeichen: Franky trägt am liebsten Jogginghosen. Auf seine Baseballkappe würde er niemals verzichten. Außerdem hat er immer das neueste Smartphone. |
![]() | Jaron RahnAlter: 12Hobbys: Kung-FuBester Freund: FrankyLieblingsbeschäftigung: mit seinen Freunden zusammen sein, in Flugzeugbüchern stöbern, Flugzeugmodelle bauenLieblingsessen: Currywurst mit PommesBesondere Kennzeichen: hat immer perfekt gestylte Haare. |
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Was bisher geschah
Antonia, Jaron, Emma und Franky leben am Starnberger See und sind die besten Freunde. Antonia und Jaron wohnen beide in der Seeburg, einer Jugendherberge direkt am Ufer. Emma lebt mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter ein paar Kilometer südlich davon und Frankys Eltern gehört die Pizzeria am Sportplatz in Allmannshausen.
Vor einigen Monaten sind die »vier vom See« durch Zufall unter der Dorfkirche in Allmannshausen auf eine verborgene Gruft gestoßen und haben darin eine Broschenfassung und einen Bernstein entdeckt. In die Brosche ist ein lateinischer Spruch eingraviert: Et absterget Deus omnem lacrimam ab oculis – Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Das ist ein Vers aus der Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel.
Es gibt eine Legende, nach der diese Brosche zum Versteck eines unbezahlbaren Schatzes führen soll: einer goldenen Schale aus dem Tempel in Jerusalem, die schon seit zweitausend Jahren am Ufer des Starnberger Sees versteckt sein soll.
Allerdings ist die Brosche zunächst noch nicht vollständig – es fehlen offenbar noch zwei Edelsteine, die neben dem Bernstein in die Fassung gehören. Die vier Freunde machen sich auf die Suche. Mit Scharfsinn und viel Glück finden sie den zweiten Stein unter einer kreuzförmig gewachsenen Eiche und den dritten Stein schließlich am Ort einer versiegten Quelle.
Hilfe bekommen sie dabei immer wieder von Richard Weixlhammer, einem Antiquitätenhändler, der sehr viel über die Legenden rund um den See weiß. Als sie ihm jedoch von der verborgenen Gruft erzählen, reagiert er ganz anders als erwartet. Die Freunde sind sich nicht einig, ob sie ihm vertrauen können.
Noch jemand scheint sehr viel über den Schatz zu wissen: Opa Hans, ein alter Fischer, der für Antonia eine Art Ersatzopa ist. Sie hat großes Vertrauen zu ihm und auch die anderen drei schätzen seinen Rat. Sobald aber von der Schatzsuche die Rede ist, wird Opa Hans sehr verschlossen. Er warnt die Freunde mehrmals davor, die Suche fortzusetzen.
Doch sie lassen sich nicht abhalten. Jetzt, wo sie die komplette Brosche haben, kann es nicht mehr lange dauern, bis sie ihr Ziel erreicht haben. Was sie allerdings genau mit der Brosche anfangen sollen, wissen sie noch nicht …
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Ludwig erinnerte sich noch deutlich: »Sucht in den Ecken«, hatte Sepp, der alte Stallbursche, genuschelt. Leichter gesagt als getan, dachte Ludwig, als er mit seinem Freund Michi nun in dem großen, dunklen Raum unter den Dachbalken stand. Hier gibt es viele Ecken.
Michi hielt seine Lampe hoch, ihr Schein fiel über Kisten voller Gerümpel und zerbrochene Möbel.
Staub kitzelte Ludwig in der Nase. Er nieste.
»Was hat Sepp noch mal gesagt, wie sieht der Sekretär aus?«, fragte Michi.
»Etwa so groß wie ich, und aus dunklem, gemasertem Holz«, erklärte Ludwig. »Obendran sei ein Schmuckelement, dem eine große Ecke fehlt. Das sei auch der Grund, warum das Ding auf dem Speicher gelandet ist.«
»Vor dreizehn Jahren«, hatte der Stallbursche erzählt, »hat das Schloss ein neues Obergeschoss bekommen. Und als wir die Möbel eingeräumt haben, ist dem Willy auf der Treppe der Sekretär aus den Händen gerutscht und die Stufen hinuntergefallen.«
Sepp hatte gegrinst. »Da ist mir aufgefallen, dass sich ganz hinten über der Tischplatte etwas verschoben hatte. Es sah aus wie die Tür eines kleinen Faches. Das hat man vorher nicht sehen können. Ein Geheimfach!«
Und genau danach suchten sie jetzt. Michi, sein bester Freund, war sofort Feuer und Flamme gewesen, als Ludwig ihm davon berichtet hatte. Beide waren noch nie hier oben auf dem Speicher gewesen.
Michi ging ein paar Schritte weiter, und Ludwig trat an ein windschiefes Regal, das mitten im Raum stand.

Schlosshotel Unterallmannshausen, Frühjahr 2019
In welcher Ecke der Sekretär wohl steht?, überlegte Jaron, während er sich aufmerksam auf dem Dachboden von Schloss Unterallmannshausen umschaute. Den Schlüssel mit dem FB-Monogramm drehte er dabei in seiner Tasche.
Hinter sich hörte er, wie Isabelle in der staubigen Luft nieste. »Gesundheit«, sagte er, ohne sich umzudrehen.
»Danke«, schniefte sie. »Was willst du eigentlich hier oben? Sollen wir nicht lieber wieder runtergehen? Wir könnten eine Runde im Pool schwimmen.«
Sie hatte ihn nur widerwillig hier heraufgeführt und war an der Tür zum Speicher stehen geblieben. Als Jaron sie um eine Schlossführung gebeten hatte, hatte sie bestimmt ein anderes Programm im Sinn gehabt. Seit ihrer Geburtstagsfeier im vergangenen Herbst hatte Isabelle immer wieder versucht, ihm näherzukommen.
Doch Jaron war ihr bisher stets ausgewichen. Er fand Isabelle hübsch, mochte aber ihre zickige und eingebildete Art nicht, obwohl sie zu ihm immer nett war. Diesmal aber nutzte er ihr Interesse, denn nur so bekam er die Gelegenheit, den Speicher des Schlosshotels nach dem Sekretär abzusuchen.
»Warum denn?«, wiegelte Jaron ab. »Hier ist es doch voll cool.«
»Na ja«, meinte Isabelle und wischte angewidert mit dem Finger über einen alten Tisch, »ich find’s ekelig und gruselig.«
»Stimmt, und deswegen ist es doch voll spannend. Vielleicht finden wir ja einen Schatz.«
»Ja, klar.« Isabelle verdrehte die Augen, holte ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und putzte sich lautstark die Nase.
»Weißt du, was das für Möbel sind?«
»Keine Ahnung«, sagte sie verschnupft, »ich war noch nie hier oben.«
»Echt nicht? Krass.«
Jaron ließ den Strahl seiner Taschenlampe über den Dachboden schweifen. Direkt vor ihm, mitten in dem großen Raum, stand ein Regal. Von oben, durch eine Stelle im Dach, wo es mit Glasziegeln gedeckt war, fiel ein wenig Tageslicht. Staub wirbelte im Lichtkegel der Taschenlampe, Spinnweben hingen überall. Es roch nach Politur und alten Büchern. Altertümlich irgendwie, dachte Jaron, aber nicht unangenehm.
Er trat einen Schritt auf das Regal zu und sah nach, was dort auf den Brettern lag.
Erstaunt streckte er dann seine freie Hand aus. »Hier liegen Waffen!«, rief er dem Mädchen zu, das sich immer noch nicht vom Fleck gerührt hatte. Er nahm einen der Gegenstände und drehte ihn hin und her. »Ich glaube, das ist eine Armbrust«, überlegte er.
»Schön«, schnaubte Isabelle. »Können wir dann bitte wieder gehen?«
»Ja, gleich«, sagte Jaron und legte die Waffe wieder auf ihren Platz zurück. »Nur noch diese Ecke dort.« Er hatte bemerkt, dass dort tatsächlich Möbel standen. Ob der Sekretär des jungen Grafen dabei war?

Schloss Unterallmannshausen, im Jahr 1894
»Schau, mal, Luggi«, rief Michi, griff nach einem der verstaubten Gegenstände, die in dem Regal lagen, und hob ihn hoch. Es war eine Armbrust. »Mann, die ist ja mächtig schwer«, meinte er, während er damit herumfuchtelte.
Ludwig trat zu ihm, nahm die Waffe in die Hände und betrachtete sie mit Kennerblick. »Die muss richtig alt sein«, erklärte er dann und legte sie an. Er kniff ein Auge zu und visierte seinen Freund an.
Der wich erschrocken einen Schritt zurück und rief: »He, mach keinen Unsinn!«
Ludwig lachte und nahm die Armbrust wieder herunter. »Angsthase!« erwiderte er. »Da liegt doch gar kein Bolzen drauf.«
»Bolzen?«
»Ja, die Munition. Mit solchen Armbrüsten hat man früher kleine Metallstifte verschossen. Hauptsächlich auf der Jagd.« Ludwig legte die Waffe wieder in das Regal zurück und sah sich um.
Als Michi die Armbrust weiterhin stirnrunzelnd betrachtete, boxte Ludwig ihn in die Seite. »Komm weiter, ich will endlich wissen, ob Sepp die Wahrheit gesagt hat.«
Daraufhin leuchtete Michi in den Raum hinein. In einer Ecke stapelten sich Hirschgeweihe und ausgestopfte Tiere – wohl Exemplare, die entweder keinen Platz mehr in der eindrucksvollen Trophäensammlung im Herrenzimmer von Ludwigs Eltern gefunden hatten oder beschädigt waren.
An einer Wand lehnten Bilder. Eines davon zeigte einen Jungen, etwa so alt wie Ludwig selbst, in einer altmodischen blauen Jacke. Aufrecht stand er da, die rechte Hand auf eine Säule gelegt, und sah den Betrachter etwas schüchtern an. Ein hässlicher Riss, der quer über die Leinwand ging, ließ keinen Zweifel daran, warum dieses Gemälde zurzeit nicht in der Ahnengalerie hing. Vermutlich sollte es irgendwann restauriert werden.
Michi verschwand zwischen einigen Möbeln, der Lampenschein flackerte gedämpft über die Holzbalken am Dachstuhl.
Ludwig beeilte sich, seinem Freund zu folgen.
Als er zu ihm trat, betrachtete Michi gerade einen schrankähnlichen Gegenstand, der in einer Ecke an die Dachschräge gerückt war. »Ist es das?«, fragte er.
»Könnte sein«, antwortete Ludwig. Das Möbelstück sah tatsächlich in etwa so aus, wie Sepp den Sekretär beschrieben hatte. »Lass uns mal genauer nachschauen.«
Gemeinsam räumten sie einen Kinderwagen mit zerbrochenem Rad, zwei Stühle ohne Sitzfläche und einen ganzen Haufen löchriger Säcke beiseite, um an das Möbelstück heranzukommen. Dabei wurde so viel Staub aufgewirbelt, dass Michi nun ebenfalls niesen musste.
Ludwig ärgerte sich wieder einmal darüber, dass er so schlechte Augen hatte. Bei schwacher Beleuchtung konnte er manche Einzelheiten kaum wahrnehmen. Er kniff die Lider zusammen und fuhr mit den Händen über das Holz.
Michi stand neben ihm und hielt die Lampe.

Schlosshotel Unterallmannshausen, Frühjahr 2019
Unter der Dachschräge, im hintersten Winkel, sah Jaron ein Möbelstück, das ganz an die Wand gerückt war.
Er ging um das Regal herum und zwängte sich zwischen den Gegenständen hindurch, die hier aufgetürmt waren: Stapel von vergilbten Büchern, zerbrochene Tische und Stühle, die aussahen, als hätten sie noch vor Kurzem in einem der Hotelzimmer gestanden. Weiter hinten gab es alte Hirschgeweihe und gerahmte Fotografien – alles Mögliche, was im Schlosshotel einmal seinen Dienst getan hatte und nun nicht mehr gebraucht wurde.
Während Jaron sich vorkämpfte, nahm er eine Menge Dreck mit. Und als er endlich vor dem Möbelstück stand, sah seine Jeans ganz weiß aus.
Der Sekretär hatte etwa Jarons Größe und bestand aus dunklem, gemasertem Holz. In den Aufsatz schienen, soweit das unter der dicken Staubschicht zu erkennen war, Muster in einem anderen Material eingearbeitet zu sein.
Jaron ließ den Schein der Lampe über jedes Detail gleiten und versuchte, das, was er sah, mit dem Ölgemälde zu vergleichen. Das muss es sein, dachte er. Zur Sicherheit schaute er sich noch einmal um, aber etwas Vergleichbares konnte er nirgends entdecken.
Obwohl das Möbelstück in einem schlimmen Zustand war – eine Schranktür war abgerissen und an dem oberen Schmuckelement fehlte eine Ecke –, strahlte es immer noch Reichtum und Luxus aus. Es war deutlich, dass es einmal sehr beeindruckend gewesen sein musste.
Als Jaron die Fächer oberhalb der Tischplatte betrachtete, machte sich Enttäuschung in ihm breit. Der Aufsatz war stark beschädigt, auch hier fehlten die Türen zu einigen Fächern. Ob da noch irgendwo etwas zu finden war?
Er beugte sich weiter vor und leuchtete in ein Fach rechts von der Aussparung in der Mitte. An der Rückwand hatte sich ein Brett verkantet. Und schließlich entdeckte Jaron sogar ein kleines Schlüsselloch, das er fast übersehen hätte.
Ob dort ein Geheimfach ist? Ob Ferdinand da wohl etwas aufbewahrt hat?
Er zog den kleinen silbernen Schlüssel aus seiner Tasche und musterte ihn. Würde er passen?
»Können wir jetzt endlich gehen?«, maulte Isabelle von Weitem. »Mir wird auch langsam kalt.« Sie hatte sich noch immer keinen Zentimeter vom Fleck gerührt.
Geh mir nicht auf die Nerven, dachte Jaron und sagte beschwichtigend: »Ja, gleich!«
Als Jaron und seine Freunde den silbernen Schlüssel in einer verborgenen Gruft unter der Sankt-Valentins-Kapelle gefunden hatten, hatten sie zunächst nichts damit anfangen können. Erst später hatten sie herausgefunden, dass das Monogramm FB auf Ferdinand von Beilstein hinwies, der Ende des 16. Jahrhunderts in jener Gruft ums Leben gekommen war. Die Freunde vermuteten, dass der Schlüssel zu einem Sekretär gehörte, der auf dem Porträt des jungen Grafen abgebildet war.
Jaron steckte den Schlüssel in das kleine Schlüsselloch. Er passte, und Jarons Puls beschleunigte sich. Vorsichtig drehte er den Schlüssel und brauchte dafür mehr Kraft, als er erwartet hatte.
Es knirschte, dann knackte es leise.
Jaron zog an dem Brett, bis es sich schließlich bewegte. Er fegte mit der Hand Staub und Schmutz beiseite, um besser in das Geheimfach hineinsehen zu können. Dann hob er sein Handy und leuchtete.
Das Fach war leer.

Schloss Unterallmannshausen, im Jahr 1894
Das dunkel gemaserte Holz des Sekretärs schimmerte im Zwielicht. Fein ausgearbeitete Ornamente schmückten den beschädigten Aufsatz.
»Ich glaube, wir haben das richtige Möbelstück gefunden. Da sind noch alte Papiere drin«, sagte Michi, während er sich bückte. »Briefe oder so.« Er griff in ein Fach und holte einen Stapel alter Briefumschläge heraus, die mit einem Lederstreifen zusammengebunden waren.
Ludwig trat noch dichter heran und spähte in die Fächer über der Tischplatte. »Leuchte mal hier hinein«, bat er seinen Freund.
Michi tat ihm den Gefallen.
Die meisten der kleinen Türen ließen sich nicht öffnen, als Ludwig an ihnen rüttelte. Schließlich nahm er seinem Freund die Lampe aus der Hand und beugte seinen Kopf über die Platte. Er sah, dass ein Teil der Rückwand aus ihrer Fassung gerutscht war.
»Genau wie Sepp beschrieben hat«, sagte er über die Schulter zu Michi. »Das sieht aus wie eine Geheimtür!«
»Zeig mal«, verlangte Michi und stieß Ludwig beiseite.
»He!«, protestierte der und wich zurück.
Michi murmelte: »Tschuldigung«, und tastete mit den Fingern an der Kante entlang. »Da ist auch ein Schlüsselloch«, sagte er. »Aber es sitzt ganz in der Ecke, nur schwer zu entdecken.« Er griff an das Brett und rüttelte daran.
Ludwig lachte. »So leicht kriegst du das bestimmt nicht auf.«
»Muss ich gar nicht«, keuchte Michi und zog kräftiger. »Ich will ja nur mal einen Blick hineinwerfen.« Und tatsächlich schaffte er es, die Tür ein wenig weiter nach außen zu biegen.
Mit einem Mal gab das Holz nach.
»Na toll, jetzt hast du es kaputt gemacht«, beschwerte sich Ludwig.
Michi zuckte mit den Schultern. »Ach was, das können wir leicht wieder einsetzen. Und jetzt können wir immerhin in das Fach schauen. Leuchte doch mal.«
Sein Freund hielt die Lampe höher, und Michi griff, so weit er konnte, in das Fach hinein.
Ludwig beobachtete, wie er im Schrank umhertastete und schließlich die Hand wieder ins Freie zog. Er hielt ein zusammengefaltetes Papier darin. »Das ist alles, was drin lag«, sagte er und faltete das dünne Blatt vorsichtig auseinander.
Neugierig beugte sich Ludwig darüber.
Es war eine Zeichnung mit schwarzer Farbe, die aussah wie Kohle. Es schien, als hätte jemand das Blatt auf eine unebene Oberfläche gelegt und das Darunterliegende abgepaust. Im schwachen Licht der Lampe konnte Ludwig leider kaum etwas erkennen.
Michi aber sagte: »Das ist ein Vogel! Ein Vogel auf einem Ast.« Er hob das Blatt näher an die Augen. »Und hier steht etwas: ›Der erste Hinweis auf das Versteck der Schale. Relief im Fels auf der Rottmannshöhe. Ferdinand von Beilstein, 1571.‹«
Er ließ das Papier sinken. »Es stimmt also, was Sepp erzählt hat«, sagte er und sah Ludwig triumphierend an. »Am Würmsee ist eine kostbare goldene Schale versteckt, die aus dem Tempel in Jerusalem stammt. Wie aufregend!«
Nachdem sie die Zeichnung wieder zusammengefaltet hatten, steckte Ludwig sie ein. Er freute sich schon darauf, sie bei besserem Licht zu studieren.
»Komm schon, lass uns gehen«, forderte er seinen Freund auf. »Hier gibt es wohl nichts Interessantes mehr zu entdecken.«
»Ich will erst noch die Tür wieder einsetzen«, meinte Michi und schaffte es auch tatsächlich, das herausgelöste kleine Brett wieder am richtigen Platz zu verstauen. Dann ging er seinem Freund hinterher.
Als sie bei dem Regal mit den alten Jagdwaffen vorbeikamen, blieb er jedoch stehen und griff noch einmal in ein Fach. »Schau mal, Luggi, die ist besonders schön.« Er hob mit beiden Händen eine Armbrust hoch, deren Griff und Schaft mit metallenen Ornamenten verziert waren. Er legte sie auf einen Arm und beugte den Kopf darüber.
Mit einem leisen Pfeifen schwenkte er die Waffe in Richtung Ludwig. Der sah ihm dabei zu und lächelte nur.
Dann drückte Michi den Abzug.
Brennender Schmerz durchzuckte Ludwigs Kopf. Im selben Moment ertönte hinter ihm ein Klirren, als ob eine Vase in tausend Scherben zersplittert sei.
Er schrie auf und griff sich über dem rechten Ohr an seinen Kopf. Als er die Hand zurückzog, war sie voller Blut.
Michi hatte die Armbrust fallen lassen und war mit zwei Schritten bei seinem Freund. »Luggi«, rief er erschrocken. »Was ist denn jetzt passiert?«
»Die Armbrust war geladen, du Idiot!«, schrie Ludwig ihn an. Tränen stiegen in seine Augen, und er hatte das Gefühl, dass Blut in den Kragen seiner Lodenjacke tropfte.
Auch in Michis Augen standen Tränen. »Das wusste ich nicht! Es tut mir so leid, Luggi. Lass mal sehen.«
»Lass mich!«, fauchte Ludwig verärgert. Die Stelle, wo ihn der Bolzen gestreift hatte, brannte heftig. Er fühlte, dass ihm ein wenig schwindelig wurde.
Schnell drehte er sich um und ging zu der Falltür zurück, durch die sie auf den Dachboden geklettert waren.
Michi folgte ihm schweigend.



