Za darmo

Olympia von Clèves

Tekst
0
Recenzje
iOSAndroidWindows Phone
Gdzie wysłać link do aplikacji?
Nie zamykaj tego okna, dopóki nie wprowadzisz kodu na urządzeniu mobilnym
Ponów próbęLink został wysłany

Na prośbę właściciela praw autorskich ta książka nie jest dostępna do pobrania jako plik.

Można ją jednak przeczytać w naszych aplikacjach mobilnych (nawet bez połączenia z internetem) oraz online w witrynie LitRes.

Oznacz jako przeczytane
Czcionka:Mniejsze АаWiększe Aa

IX.
Das Foyer

Banniére, man muss es zu seinem Lobe sagen, Banniére widerstand heldenmütig; zum Unglück war er aber nicht der Stärkere, und man zog ihn oder trug ihn vielmehr in das Foyer als Beweis der unglücklichen Neuigkeit.

Dann war Banniére gezwungen, vor der ganzen schon für das Schauspiel bereiten Truppe zum zweiten Mal nicht nur Alles das zu erzählen, was im Gange der Künstler vor zehn Minuten vorgefallen war, sondern auch als unerlässlichen Vorbericht für das Ereignis, welches soeben in Erfüllung gegangen, und das die komische Truppe in Verzweiflung brachte, den Besuch, den Champmeslé am Tage vorher in der Kapelle des Noviciats gemacht hatte, und das Gespräch, welches eine Folge davon gewesen war.

Diese Erzählung, gegeben mit einer leicht begreiflichen Gemütsbewegung von dem Novizen, den seine Flucht in ein Fieber versetzt, das Feuer der Lampen entzündet, die Berührung der Wohlgerüche und des Hauchs der Damen der Komödie berauscht hatten, der Damen, die Ihm seit einem Augenblick eine Atmosphäre machten, gegen welche die der, von Champmeslé so sehr gefürchteten, Hölle ein lappländischer Wind war, diese Erzählung brachte eine traurige Wirkung aus die Versammelten hervor.

»Ach! die Einnahme ist entschieden verloren!« rief der Redner der Truppe, während er den Arm in Verzweiflung fallen ließ.

»Wir sind zu Grunde gerichtet!« sagte der erste komische Alte.

»Das Theater wird schließen,« versetzte die Duenna.

»Und die ganze Stadt ist im Saale!»rief die Zofe von Marianna, eine junge Soubrette von achtzehn Jahren, welche die ganze Stadt zu kennen schien.

»Und Herr von Mailly hat uns einen Imbiss geschickt und uns sagen lassen, er werde ihn mit uns verzehren!«

»Und Olympia hat keinen Herodes!« rief der komische Alte.

»Weiß sie nicht, was vorgeht?«

»Nein, sie ist noch in ihrer Loge und kleidet sich vollends an. Soeben, als er bei ihr vorüberging, hörte ich Champmeslé ihr guten Abend zurufen.«

»Ei! benachrichtigen wir sie!« sagten einige Frauen, die persönliche Eitelkeit unter diesem großen öffentlichen Unglück vergessend.

Und es trat eine gewaltige Bewegung unter den Leuten ein, welche alle mit einander nach der Thür stürzten.

Banniére, der einen Augenblick verlassen war, benützte diese Zeit, um sich bescheiden in einen Winkel zu stellen.

In demselben Moment wich die Menge, die sich vor der Thür drängte, zurück.

»Was gibt es? was will man?« fragte aus der Schwelle des Foyer erscheinend eine Frau von ausgezeichneter Schönheit, die in ein prächtiges Kostüm einer Königin gekleidet, mit Reifröcken von sechs Fuß im Umfang und einer einen Fuß hohen Frisur, majestätisch, gefolgt von zwei Ehrendamen, welche die Schleppe ihres Kleides trugen, vortrat.

Sie hatte schwarze Augen, noch schwärzer unter ihrem Puder, volle, unter der Schminke rosige Wangen von einem eirunden Schnitt, Zähne blau wie Porzellan, so durchsichtig waren sie, saftig rote, sinnliche Lippen, den Arm und die Hand einer orientalischen Königin, den Fuß eines Kindes.

Banniére, als er sie sah, suchte die Stütze der Mauer; hätte er sie nicht hinter sich gesunden, so fiel er, wie er in der Meditationsstube gefallen war. Das war das zweite Mal an diesem Tage, daß die glänzende Schönheit dieser Frau ihn niederschmetterte.

»Meine liebe Olympia,« erwiderte der Redner der Truppe, »Du kannst wieder in Deine Loge hinausgehen und Dich auskleiden.«

»Mich auskleiden! und warum dies?«

»Weil wir heute Abend nicht spielen werden.«

»Wie!« versetzte sie mit stolzer Miene, »wir werden heute nicht spielen? Und wer wird uns verhindern zu spielen, wenn's beliebt?«

»Schau' umher, liebe Freundin.«

»Ich schaue!«

Die Augen von Olympia machten wirklich die Runde im Foyer, umfassten in dem von ihrem Gesichtsstrahl durchlaufenen Umkreis Banniére wie die Andern, verweilten jedoch eben so wenig bei Banniére als bei den Andern.,,

Nur, als diese zwei Sterne an dem Novizen vorüber liefen, warf jeder einen Strahl aus.

Der eine von diesen Strahlen entflammte das Gehirn.

Der andere versengte das Herz.

»Sind wir Alle da?« fragte der Redner.

»Ja, Alle, wie mir scheint,« antwortete nachlässig Olympia.

»Schau' wohl, Einer von uns fehlt.«

Die Augen von Olympia kehrten von ihrem Leibe, wo sie eine Spitze zurecht richtete, zu der Gesellschaft zurück, die sie umgab.

»Ach! ja,« sagte sie, »Champmeslé. Wo ist Champmeslé?«

»Frage diesen Herrn!« antwortete der Redner. Und er nahm den Novizen beim Handgelenke und bei der Schulter und schob ihn gerade vor Olympia.

Es war ein seltsames Schauspiel, dieser Jesuitenzögling, ganz schmutzig schwarz, der goldenen Schönheitskönigin gegenüber gestellt.

Die Lippen des jungen Mannes zitterten, aber vergebens: sie konnten keinen Ton artikulieren.

»Nun! so sprechen Sie doch!« sagte Olympia gebieterisch zu ihm.

Und sie bezauberte ihn mit einem Blick.

»Madame,« stammelte Banniére, vom Dunkelrot zur bläulichen Blässe eines Todten übergehend, »Madame, entschuldigen Sie mich, ich bin nur ein armer Klosterstudent und nicht gewohnt, das zu sehen, was ich in diesem Augenblick sehe.«

Der Redner setzte Olympia mit ein paar Worten von Allem, was vorgefallen war, in Kenntnis

»Ist das wahr, was Sie mir da erzählen?« sagte sie.

»Fragen Sie den Herrn.«

Sie wandte sich gegen Banniére und befragte ihn mit ihrem Königinblicke.

»Es ist wahr,« sprach Banniére, sich verbeugend, als ob die Schuld von Champmeslé auf ihm lastete.

Olympia blieb einen Moment stumm und nachdenkend, die Stirne gefaltet, aber das Auge immer zerstreut aus Banniére geheftet.

Dann sagte sie plötzlich mit einer zunehmenden inneren Aufregung:

»Nein, nein, der Abgang von Champmeslé darf, kann die Vorstellung nicht hindern.«

Jeder schaute sie mit erstaunter Miene an.

»Nein,« sagte sie, »nein; es ist unmöglich, daß ich heute Abend nicht spiele, und ich werde spielen.«

»Ganz allein,« versetzte der Redner.

»Es fehlt ja nur Champmeslé, wie mir scheint!«

»Das ist genug. Wer wird Herodes spielen?«

»Nun, wenn es sein muss. . .«

»Was?«

»Man wird die Rolle lesen.«

»Bei einer ersten Vorstellung eine Rolle lesen? Das ist unmöglich!«

»Ei! ei! fuhr Olympia fort, »es ist keine Zeit zu verlieren, das Publikum wartet und wird ungeduldig werden.«

»Aber man kann eine so wichtige Rolle nicht lesen,« murmelten mehrere Schauspieler, »Kündigt man dem Publikum an, die Rolle des Herodes werde gelesen werden, so wird es sein Geld zurückverlangen.«

»Ich muss aber heute Abend spielen,« rief Olympia; »es muss sein.«

»Warum sollte man nicht eine Ankündigung machen? Warum sollte man nicht eine Unpässlichkeit vorschützen? Mit dieser Ankündigung wird man eine halbe Stunde gewinnen, und während dieser Zeit läuft man dem verdammten frommen Champmeslé nach, man führt ihn gutwillig oder mit Gewalt zurück, und müsste man ihn knebeln; man kleidet ihn gegen seinen Willen an, man stößt ihn aus die Bühne hinaus. Aus! Auf! eine Ankündigung!«

»Wenn man ihn aber nicht wieder erwischt?« bemerkte eine Stimme.

»Nun! dann wird das Publikum in Kenntnis gesetzt sein; man sagt ihm, die Unpässlichkeit verschlimmere sich; man wird Champmeslé morgen im Verlaufe des Tages wieder erwischen, und wir werden morgen den Succeß haben, den wir heute haben sollten. Mit der Sicherheit einer Vorstellung für morgen wird das Publikum vielleicht sein Geld nicht zurückverlangen und sich mit Contremarquen begnügen.«

»Nein,« erwiderte Olympia, »nein; nicht morgen will ich spielen, sondern heute, nicht morgen will ich einen Succeß haben, sondern heute Abend. Man liest die Rolle heute, oder ich werde morgen nicht spielen.«

»Aus welchen Gründen?« fragte der Redner.

»Mein Lieber,« erwiderte Olympia, »meine Gründe sind meine Sache; würde ich sie Ihnen angeben, so fänden Sie dieselben vielleicht nicht gut, während ich sie vortrefflich finde. Ich will heute spielen, heute! Heute!«

Und nachdem sie ihren Willen aus diese entschiedene Weise ausgesprochen, fing Olympia an mit dem Fuße aus den Boden zu stoßen und ihren Fächer zu zerstückeln, und dies mit jenem heftigen Zittern, das bei nervösen Frauen das Herannahen einer furchtbaren Krise andeutet.

Banniére war jeder Bewegung der schönen Königen gefolgt; seine Augen verschlangen sie, sein Atem hing an jedem ihrer Worte, und die Nervenerregung, welche sie ergriff, empfand er aus Sympathie.

»Aber, meine Herrn,« sagte er, »Sie sehen wohl, daß es dieser Dame unwohl werden, daß sie in Ohnmacht fallen, vielleicht, vor Zorn sterben wird, wenn Sie die Rolle des Herodes nicht lesen. Mein Gott! lesen Sie doch diese Rolle! Ist es so schwierig, eine Rolle zu lesen? Ah! sollte ich nicht Jesuit sein! Ah! wäre ich nicht Noviz!«

»Nun! wenn Sie nicht Noviz wären,« fragte der Redner. »was würden Sie tun?«

«Ich würde sie, bei Gott! spielen,« rief Banniére fortgerissen von der Gemütsbewegung, die bei ihm die wachsende Ungeduld von Olympia verursachte.

»Wie! Sie würden sie spielen?« fragte der Redner; »was sagen Sie da?«

»Warum nicht!« versetzte Banniére stolz.

»Sie müssten sie zuvor können.«

»Oh! wenn es nur das wäre: ich kann sie.«

»Wie! Sie können sie?« rief Olympia.

»Nicht nur die Rolle von Herodes, sondern alle Rollen des Werkes.«

»Sie können die Rolle von Herodes?« wiederholte Olympia, indem sie einen Schritt gegen Banniére machte.

»Zum Beweise,« sprach Banniére, den Arm ausstreckend und vorwärts schreitend, wie man dies damals tat. Zum Beweise gebe ich Ihnen hier den Eintritt von Herodes.«

Und er fing an zu deklamieren:

Eh quoi! Sohéme aussi semble éviter ma vue; Quelle horreur devant moi s'est partout répandue. Ciel! ne puis-je inspirer que la haine et l'effroi? Tous les coeurs des humanis sont ils fermés pour moi? 8

 

Erstaunt, umringten alle Schauspieler Banniére, der bis zum Ende der Szene gegangen wäre, hätten ihn Olympia nicht dadurch, daß sie ausgerufen: »Er kann es! er kann es!« und die Schauspieler durch Beifall klatschen unterbrochen.

»Nun!« rief der Redner, »das ist ein Glücksfall!«

»Mein lieber Herr,« sagte Olympia, »es ist kein Augenblick zu verlieren; legen Sie diesen abscheulichen Jesuitenrock ab, der Sie so hässlich macht, daß man Angst bekommt; ziehen Sie das Kostüm von Herodes an, und auf die Bühne, geschwinde, geschwinde!«

»Aber, Madame. . .«

»Sie haben den Beruf, mein Freund,« fuhr Olympia fort, »das ist Alles, was man braucht; das Übrige wird nachher kommen.«

»Abgesehen davon, daß Sie nie eine so gute Gelegenheit, zu debütieren, finden werden,« sprach der Redner.

»Vorwärts,« rief Olympia, »rasch eine Ankündigung, rasch die Kleider von Champmeslé. Schaut ihn doch an; er ist sehr hübsch, der Junge; das ist kein Kalbskopf wie Champmeslé.«

»Das ist einmal ein König des Orients! das ist eine Gestalt! das ist eine Stimme!«

»Oh! geschwinde, geschwinde!«

Banniére gab einen Schrei unsäglichen Schreckens von sich. Er fühlte, daß sich in diesem Augenblick das Geschick seines ganzen Lebens entschied. Er wollte widerstehen. Olympia nahm ihn bei seinen Händen. Er wollte sprechen, Olympia drückte ihm ihre rosigen Finger aus die Lippen. Betäubt, berauscht, verrückt, ließ er sich endlich durch die Ankleider fortführen, welche aus ihm in zehn Minuten einen König Herodes in der Loge von Champmeslé machten.

Und an der Thür dieser Loge trieb Olympia die Costumiers, die Friseurs an, unterstützte sie ihre Verführung durch neue Worte, trippelte unablässig und rief: »Vorwärts! Vorwärts!«

Stück um Stück entkleidet, sah Banniére sein Jesuitengewand in eine Ecke werfen, und nach zehn Minuten trat er aus seiner Loge, glänzend, strahlend, wirklich schön, verwandelt, herrlich wie die Königin, die ihn dadurch, daß sie ihn umarmte, vollends verführte.

Unterjocht, besiegt, gezähmt, sprach Banniére von diesem Augenblick an kein Wort mehr; er drückte seine beiden Hände auf sein in der Empörung Begriffenes Herz und ließ sich in die Kulissen führen, wohin er gerade kam, um folgende Ankündigung zu hören, die der Redner an das Publikum zu sprechen im Zuge war:

»Meine Herren, unser Kamerad Champmeslé, der im Verlaufe des Tages einige Zeichen von Unpässlichkeit gegeben hatte, ist von einer plötzlichen Erkältung befallen worden. Die Unpässlichkeit ist so ernst, daß wir ihn für uns und für das Theater verloren zu sehen befürchten mussten. Zum Glück will einer unserer Freunde, der die Rolle kann, die Güte haben, sie an seiner Stelle zu sprechen, damit das Schauspiel kein Hindernis erleide; da er aber nie aus einem Theater gespielt hat, und durchaus nicht auf dieses Debüt vorbereitet war, so nimmt er Ihre ganze Nachsicht in Anspruch.«

Glücklicher Weise für den Debütanten war Champmeslé beim Publikum nicht angebetet; der ganze Saal, der wohl gefühlt hatte, daß jenseits des Vorhangs etwas Außerordentliches vorging, brach auch in ein Beifall klatschen aus.

Dieses Klatschen dauerte noch fort, als, um den Enthusiasmus der Zuschauer nicht erkalten zu lassen, die drei Glockenzeichen ertönten, und es ging der Vorhang unter einer tiefen Stille und einer allgemeinen Erwartung aus.

Erklären wir nun, warum Fräulein Olympia von Clèves so hartnäckig an diesem Abend Herodes und Marianna spielen wollte.

X.
Olympia von Clèves

Mademoiselle Olympia von Clèves, die man bei der Schauspielertruppe kurz Olympia nannte, diese schöne Person, welche wir schon zweimal haben erscheinen sehen, das erste Mal aus der Straße, im Gefolge der Procession von Herodes und Marianna, das zweite Mal aus der Treppe des Foyer, und die jedes Mal einen so lebhaften Eindruck auf Banniére hervorgebracht hatte, Olympia von Clèves war ein Fräulein von Stande, das«in Liebhaber, ein Musketier, im Jahre 1720, als Olympia kaum sechzehn Jahre alt war, aus dem Kloster entführt hatte.

Dieser Musketier, nachdem er seiner Geliebten beinahe ein Jahr treu geblieben war, was fast unerhört in den Annalen der Compagnie, halte sie an einem schönen Morgen verlassen, und man hatte ihn nicht wieder gesehen.

Nun allein, verlassen, ohne Zukunft, verkaufte Olympia, welche es nicht wagte, zu ihrer Familie zurückzukehren, und ohne Mitgift nicht wieder ins Kloster gehen wollte, die wenigen Juwelen, die ihr blieben, und. debütierte, nachdem sie ein Jahr studiert hatte, auf einer Provinzbühne.

Sie war so schön, daß sie ausgepfiffen wurde.

Olympia begriff, daß, wenn die Natur so viel für eine Frau gethan halte, ihrerseits die Kunst auch viel für sie tun müsse. Sie fing an zu arbeiten, diesmal mit Ernst, und nach Verlauf eines Jahres wechselte sie das Theater und brachte es dahin, daß man ihr wegen ihres Talentes applaudierte, nachdem man sie wegen ihrer Schönheit ausgepfiffen hatte.

Allmählich und von Truppe zu Truppe, stieg Olympia bis zu den Theatern der großen Städte empor, und, ein lebendiges Problem für die Verliebten wie für die Weidmänner, genoss sie einen doppelten Ruf als gute Schauspielerin und als vernünftige Frau.

Nicht als ob Olympia von einem tugendhaften Naturell gewesen wäre, sondern nach einem Mann hatte sie alle Männer hassen gelernt; und da die Wunden in den zärtlichen Herzen tiefer sind, so lebte eine Wunde noch blutend nach fünf Jahren im Herzen der schönen Verlassenen.

Abbés, Offiziere, Geldmänner, Schauspieler, Schönlinge, Alles behandelte Olympia drei Jahre lang mit derselben Gleichgültigkeit.

Endlich eines Tags, oder vielmehr eines Abends, es war in Marseille, sah Olympia in den Kulissen einen Mann von großer Schönheit und besonders von großer Distinktion: er war in die Uniform der schottischen Gendarmen gekleidet und trug die Auszeichnung eines Kapitäns.

Olympia hatte eine kleine Rolle gespielt, in der man ihr viel Beifall gespendet, und bei ihrem Abgang von der Szene hatten sie viele Menschen umringt.

Wenigstens zwanzig Edelleute, und zwar von den Höchstgestellten, näherten sich ihr, um ihr zu sagen:

»Mademoiselle, ich finde Sie reizend.«

Oder:

»Mademoiselle, Sie sind anbetungswürdig.«

Der Kavalier allein, von dem wir gesprochen, trat auf sie zu und sprach ehrerbietig vor aller Welt:

»Madame, ich liebe Sie.«

Dann, ohne etwas Anderes beizufügen, verbeugte er sich, machte drei Schritte rückwärts und war wieder mit der Menge der Bewunderer von Olympia vermengt.

Diese so seltsam hingeworfene Erklärung beunruhigte Olympia zuerst durch ihre Bizarrerie, sodann durch die Wirkung, die sie auf die Anwesenden hervorgebracht hatte.

Olympia fragte die Leute, die sie umgaben, nach dem Namen des fremden Liebesritters.

Man antwortete ihr, es sei Louis Alexandré, Graf von Mailly, Herr von Rubempré Rieux, Avecourt, Bohard, Coudray und anderen Orten, Kapitän-Lieutenant der Compagnie der schottischen Gendarmen.

»Ah!« machte sie.

Und das war Alles.

Dann begab sie sich allein, wie gewöhnlich, nach Hause.

Sie hatte damals ein Engagement von achttausend Livres jährlich.

Ferner hatte sie von einem alten Verwandten, der trotz ihrer Entweichung mit dem Musketier und ihres Eintritts beim Theater ihr Freund geblieben war, ungefähr dreißigtausend Livres bekommen, von denen sie sechstausend jährlich ausgab, was ihr, mit ihrem Gehalte, fünf Jahre zu vierzehntausend Livres, in Erwartung von Besserem, versprach.

Sie empfing daher zuweilen bei sich und zwar auf eine sehr liebenswürdige Art. Die Gesellschaften, die sie gab, hatten sogar allmählich eine gewisse Berühmtheit in der ganzen Provinz erlangt; es war auch die erste Sorge jedes Mannes nach der Mode, sich bei Fräulein Olympia vorstellen zu lassen. Nicht ein Schmachtender fehlte.

Allerdings waren alle Galanterien, die man der schönen Gebieterin des Hauses sagen konnte, rein verloren: Jedermann wurde gut aufgenommen, aber Niemand begünstigt.

Und was noch viel außerordentlicher: Niemand rühmte sich, begünstigt worden zu sein.

Als Olympia nach Hause kam, dachte sie unwillkürlich an Herrn von Mailly.

»Er wird den gewöhnlichen Weg gehen,« sagte sie. »Ich werde ihn an meinem ersten Empfangstage, das heißt, am ersten Tage, wo ich nicht zu spielen habe, bei mir sehen.«

Sie täuschte sich.

Der Graf, der keine Vorstellung versäumte, wenn Olympia spielte, kam nach jeder Vorstellung herbei, um die schöne Künstlerin zu begrüßen.

Doch dies, ohne ein einziges Wort zu sagen, ohne einen einzigen Schritt zu tun.

Dieses Benehmen setzte Olympia sehr in Erstaunen; sie konnte nicht bezweifeln, daß der Graf ernstlich in sie verliebt war. Die Liebe scheint deutlich für die Frau in jeder Bewegung des wahrhaft verliebten Mannes durch.

Sollte er schüchtern sein, dieser Kapitän der schottischen Gendarmen? Das war nicht wahrscheinlich.

Warum, nachdem er sich so entschieden erklärt hatte, wartete er denn?

Auf was wartete er?

»Bildet er sich etwa ein,« dachte Olympia, weil ich eine Frau vom Theater sei, werde ich ihn für einen so hohen Herrn halten, daß ich ihm von selbst Erklärung durch Erklärung erwidere?«

Sie wartete, bis sich der Graf weiter wagen würde. Der Graf machte nicht einen Schritt mehr.

Olympia faßte den Entschluss, ihm den Rücken zuzuwenden, wenn er am Abend käme, um sie zu begrüßen.

Der Entschluss war heroisch, gefährlich vielleicht. Herr von Mailly, damals ein Mann von drei und dreißig Jahren, gut gestellt bei Hofe, ein guter Edelmann durch sich selbst, vollkommen befreundet, einen Rang in der Welt, einen Grad in der Armee einnehmend, war von Männern und Frauen vortrefflich ausgenommen. Die Beleidigung einer Schauspielerin konnte nicht nur ihn selbst verletzen und empören, sondern auch viele Leute um ihn her verletzen und empören.

Aber es war eine Unerschrockene, diese Olympia. Sie ließ Herrn von Mailly aus sich zugehen und schaute ihm wohl ins Gesicht; dann, nachdem er sie nach seiner Gewohnheit gegrüßt hatte, drehte sie ihm den Rücken zu, ohne seinen Bückling zu erwidern.

Der Graf fühlte den Schlag, errötete sehr, richtete sich aus und ging weg, ohne daß er die Aufregung zu bemerken schien, welche der zurückstoßende Empfang von Olympia in der Gruppe, ihrer Hofmacher hervorgebracht hatte.

Am andern Tag erschien Herr von Mailly abermals. Viele Leute hatten schon am Abend vorher Olympia aus die Gefahr aufmerksam gemacht, der sie sich durch ihre Ungezogenheit aussetze.

Aber die Eigensinnige nahm so wenig hieraus Rücksicht, daß sie nun, als Herr von Mailly wiederkam, sogar zurückwich, ehe er gegrüßt hatte.

Der Graf ließ sich nicht aus der Fassung bringen.

Er ging im Gegenteil gerade aus sie zu und sagte mit kurzem, aber artigem Tone:

»Guten Abend, mein Fräulein.«

Und er stellte sich so, daß sie nicht entfliehen konnte.

Jeder schaute dieser Szene mit einer leicht begreiflichen Neugierde zu.

Olympia erwiderte nichts.

»Ich habe die Ehre gehabt, Ihnen einen guten Abend zu wünschen, mein Fräulein,« sagte Mailly.

»Und Sie haben Unrecht gehabt, da Sie erraten mussten, ich würde Ihnen nicht antworten,« erwiderte sie laut,

»Wären Sie eine gewöhnliche Schauspielerin gewesen,« fuhr Herr von Mailly mit der äußersten Artigkeit fort, »und Sie hätten mir den Schimpf angethan, den ich erleide, so würde ich ein Wort an den Gouverneur dieser Stadt schreiben, daß er Sie für Ihre Ungezogenheit bestrafen ließe, da Sie aber nicht einfach eine Schauspielerin sind, so entschuldige ich Sie.«

»Wenn ich aber nicht einfach eine Schauspielerin bin, was bin ich denn?« fragte Olympia, ihre großen Augen erstaunt aus den Grafen heftend.

»Ich glaube nicht, daß dies der Ort ist, es Ihnen zu sagen, mein Fräulein,« erwiderte Herr von Mailly, der fortwährend die ausgezeichnete Höflichkeit behauptete, aus welcher er sich bei diesem Vorfalle seine Verteidigungswaffe gemacht hatte. »Die Geheimnisse des Adels wirft man nicht so in den Wind der Kulissen.«

 

Olympia hatte zuviel gehört, um nicht zu wollen, daß ihr Herr von Mailly mehr sage. Sie ging entschlossen in eine Ecke des Theaters und winkte ihm, ihr zu folgen.

Er gehorchte.

»Sprechen Sie nun,« sagt« sie.

»Mein Fräulein,« versetzte Herr von Mailly, »Sie sind von Stande.«

»Ich?« erwiderte Olympia erstaunt.

»Ich weiß es, und daher die Achtung, die ich Ihnen immer bezeigt habe, selbst als Sie mich beleidigten, ohne Ursache beleidigten; ich kenne Ihr ganzes Leben, und nichts wird machen, daß ich mein Benehmen gegen Sie bereue, nicht einmal Ihre Strenge.«

«Aber, mein Herr. . .« sagte Olympia ganz bewegt.

»Sie beißen Olympia von Clèves,« fuhr Herr von Mailly unstörbar fort. »Sie sind in einem Kloster in der Rue de Vaugirard erzogen worden. Meine Schwester war mit Ihnen in diesem Kloster. Sie haben es vor drei und einem halben Jahre verlassen, und ich weiß, aus welche Art Sie es verlassen haben.?

Olympia erbleichte. Nur, da sie noch ihre Schminke hatte, wurden bloß ihre Lippen weiß.

»Mein Herr,« erwiderte Olympia, »also trieben Sie neulich Ihr Spiel mit mir, als Sie mir sagten. . .«

Olympia hielt inne.

»Als ich Ihnen sagte, ich liebe Sie,« fuhr Herr von Mailly fort. »Nun, mein Fräulein, ich trieb nicht mein Spiel mit Ihnen, ich sagte Ihnen im Gegenteil die volle Wahrheit.«

Olympia entschlüpfte eine Gebärde des Zweifels.

»Erlauben Sie mir, über eine stumme Leidenschaft, – Herr von Mailly machte eine Bewegung, – oder über eine Leidenschaft, welche nur einmal spricht, zu lachen,« fuhr Olympia fort.

»Mein Fräulein, ich bemerke wohl, Sie haben mich nicht verstanden,« erwiderte Herr von Mailly. »Ich habe Sie gesehen und ich kannte Sie; ich kannte Sie und ich habe Sie geliebt, ich habe Sie geliebt und ich habe es Ihnen gesagt, ich habe es Ihnen gesagt und ich habe es Ihnen bewiesen.«

»Bewiesen!« rief Olympia, die endlich ihren Gegner bei einer Blöße zu packen glaubte. »Bewiesen! Sie haben mir bewiesen, daß Sie mich lieben, Sie!«

»Allerdings. Wenn man eine Schauspielerin liebt, so sagt man zu ihr: »»Sie gefallen mir sehr, Olympia, und, bei meiner Treue, ich werde Sie lieben, wenn Sie wollen.«« Wendet man sich aber an ein Mädchen von Stand,« an Fräulein von Clèves, so spricht man einfach:

»»Mein Fräulein, ich liebe Sie.««

Und wenn man dies gesagt hat, da man ohne Zweifel genug gethan hat,« erwiderte Olympia verächtlich lachend, »so erwartet man, daß dieses Mädchen von Stande einem seine Antwort bringt!«

»Man erwartet nicht das, was Sie sagen, mein Fräulein, sondern man erwartet, daß eine Frau, welche dadurch, daß sie von einem Manne verlassen worden ist, gelitten hat, die nie einen Zweiten hat anhören wollen, weil sie die Männer hasst, man erwartet, sage ich, daß diese Frau, verwandelt, entwaffnet durch die Achtung und das Benehmen eines, wackeren Mannes, allmählich den Hass verjagt, um auf die Liebe zu hören. Das ist es, was man erwartet, mein Fräulein.«

»Mir scheint,« entgegnete Olympia zitternd, »mir scheint, es wäre dann besser gewesen, nichts zu dieser Frau zu sagen.«

»Warum denn, mein Fräulein? Die Huldigung eines Edelmanns kann nicht unangenehm sein, und zeugt vor Allem von seiner Höflichkeit; sodann ist sie ein Vorbehalt für die besseren Tage, und endlich bezeichnet sie, daß die Frau, welche der Gegenstand derselben war, eine schlechtere Wahl treffen könnte. Dies ist es, was ich Ihnen Alles zu beweisen suchte, – zu glücklich, wenn es mir gelungen ist.«

Während dieser, durch eine seltene Distinktion der Stimme und der Gebärde erhöhten. Rede hatte Olympia ihr Herz von einer sanften und belebenden Wärme sich anschwellen gefühlt.

Sie senkte einige Secunden die Augen und schlug sie dann zärtlich wieder aus.

Der Graf hatte nicht nötig, daß sie sprach.

»Bin ich verstanden?« sagte er.

»Fragen sie mich das in acht Tagen,« antwortete sie, »und wenn ich daran gewöhnt sein werde, fragen Sie mich, ob Sie geliebt seien.«

Und indem sie so sprach, hob sie die Hand bis zu den Lippen des Grafen empor, der vor Freude bebte, und verschwand.

Der Graf, statt ihr zu folgen, verbeugte sich ehrerbietig und kehrte zu den Offizieren zurück, die ihn über die Erklärung befragten.

»Sie ist stürmisch gewesen?« sagte der Eine.

»Hagel?« fragte der Andere.

»Donner oder Regen?« sprach ein Dritter.

»Meine Herren,« antwortete der Gras von Mailly, »Mademoiselle Olympia ist in der Tat ein anbetungswürdiges Frauenzimmer.«

Und er verließ sie nach diesen Worten.

Sie schauten ihm mit Erstaunen nach, als er sich entfernte, doch einige Tage sollten genügen, um ihnen das Geheimnis zu erklären.

8Wie! Soliemos scheint auch meinen Anblick zu meiden; welches Entsetzen hat sich überall vor mir verbreitet, Himmel! kann ich nur Hass und Schrecken einflößen! Haben sich aller Menschen Herzen vor mir verschlossen!