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Achim Bühl
Antisemitismus
Geschichte und Strukturen von der Antike bis 1848

INHALT
EINLEITUNG
1DER ANTISEMITISMUS IN DER ANTIKE
1.1Assyrische Deportation und babylonisches Exil
1.2Das Perserreich und die Juden
1.3Der erste Tatort: Elephantine in Ägypten
1.4Von Alexander d. Gr. zu Antiochos IV.
1.5Der judenfeindliche Diskurs des Hellenismus
1.6Das vorchristliche Rom
1.7Der Pogrom von Alexandria
1.8Der judenfeindliche Diskurs des vorchristl. Roms
1.9Das christliche Rom
1.10Das Neue Testament als Quelle
1.11Das frühe Christentum
1.12Mel Gibson und Die Passion Christi
1.13Das Judas-Klischee als Stereotyp der langen Welle
1.14Zusammenfassung
2DER ANTISEMITISMUS IM MITTELALTER
2.1Die christlich-feudale Ständegesellschaft
2.2Die Kreuzzüge: Taufe oder Tod
2.3Die Substitutionstheologie: Ecclesia und Synagoge
2.4Die Ritualmordlegende
2.5Die Hostienfrevellegende
2.6Die Pest oder der „jüdische Brunnenvergifter“
2.7Der Judenschwur: Institutioneller Rassismus
2.8Judenzeichen als „Schandfleck“
2.9Die „Judensau“: Hetze in plastischer Form
2.10Der Antichrist und die Legende von den „roten Juden“
2.11Unmittelbare Gewalt: Pogrom, Vertreibung, Zwangstaufe
2.12Zusammenfassung
3DER ANTISEMITISMUS IN DER FRÜHEN NEUZEIT BIS ZUR AUFKLÄRUNG
3.1Der jüdische Exodus aus Spanien
3.2Die Juden als Opfer der Inquisition
3.3Vertreibung und neuerliche Niederlassung in Brandenburg
3.4Der Reformator Martin Luther und die Juden
3.5Die „Ghettoisierung“ der Juden
3.6Ahasverus: „Der ewige Jude“
3.7Die Rolle der Hofjuden an den Zentren der Herrschaft
3.8Der Kosakenaufstand in Polen
3.9Shakespeares messerwetzender Shylock
3.10Antijüdische Schriften: Eisenmenger und Co.
3.11Der Reuchlin-Pfefferkorn-Streit um die Bücher der Juden
3.12Die Schattenseite der Aufklärung
3.13Zusammenfassung
4ROMANTIK, NATIONALISMUS UND „JUDENEMANZIPATION“
4.1Die Französische Revolution
4.2Emanzipationsdebatte und rechtl. Gleichstellung
4.3Die Deutsche Tischgesellschaft
4.4Der Fall Christian Peter Wilhelm Beuth
4.5Der Fall Wilhelm von Humboldt
4.6Die völkischen Autoren der dt. Romantik
4.7Die romantischen Schriftsteller
4.8Offene Gewalt: Die Hep-Hep-Krawalle
4.9Die Revolution von 1848 und die „Judenfrage“
4.10Richard Wagner: Vom Barrikadenkämpfer zum Terminator
4.11Zusammenfassung
RESÜMEE
LITERATURVERZEICHNIS
EINLEITUNG
In dt. Städten müssen Synagogen durch die Polizei geschützt werden. In Berlin erlebt man, wie ein Fahrgast aus Wut, weil ihm der Bus vor der Nase wegfährt, gegen das Fahrzeug tritt und „Jude“ schreit. In der dt. Hauptstadt gehören Angriffe auf Juden, die als solche erkennbar sind, zum Alltag. Angst geht um unter Juden, sodass die Kippa in der Öffentlichkeit kaum mehr getragen wird. In Frankreich und in den USA führten terroristische Attentate auf Synagogen, bei denen zahlreiche Todesopfer zu beklagen waren, zur tiefen Verunsicherung der jüdischen Gemeinden. In nahezu ganz Europa und in den USA ließen sich unzählige Beispiele dafür anführen, dass antisemitische Denkmuster, antisemitische Sprechakte und gewalttätige Handlungen von erschreckender Aktualität sind.
Die Frage „Was ist Antisemitismus?“ ist gleichwohl nicht leicht zu beantworten, zumal zahlreiche Definitionen existieren und der Terminus als solcher umstritten ist. In einem ersten definitorischen Zugriff ließen sich unter Antisemitismus alle „feindseligen oder gar hasserfüllten Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Juden und Jüdinnen“ fassen. Dieser erste Versuch zeigt bereits die Schwierigkeit einer präzisen Begriffsbestimmung auf, insofern sich nunmehr die Frage stellt: „Wer ist Jude?“ Laut Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, ist Jude, wer von einer jüdischen Mutter abstammt oder zum Judentum konvertiert. Sowohl der Konvertit als auch diejenige Person, welche eine jüdische Mutter hat oder von einer Mutter abstammt, die ihrerseits zum Judentum konvertierte, gelten als gleichberechtigte wie vollwertige Juden. Die Vollwertigkeit der konvertierten Mitglieder einer jüdischen Gemeinde zeigt sich in Berlin am Sachverhalt, dass die Rabbinerin der Synagoge in der Oranienburger Straße ihrerseits eine Konvertitin ist. Der zum Judentum Konvertierte ist ein gleichberechtigter Jude und bleibt nicht etwa ein Konvertit, der diesen Sachverhalt stets zu benennen oder als vermeintlichen Makel offenzulegen hätte. Übernimmt man diese Definition des Judentums bzw. des Jüdischseins, so ergeben sich neuerliche Probleme, insofern es gerade der Antisemit ist, der das Recht der definitorischen Eigenbestimmung missachtet. Für den Antisemiten gilt der Leitsatz: „Wer Jude ist, bestimme ich!“ Der dt. Nationalsozialismus hat bei der Durchführung seines Vernichtungsprogramms nicht das jüdische Religionsgesetz, sondern seine eigenen willkürlichen Kriterien bei der Bestimmung des „Jüdischseins“ zugrunde gelegt. Die Relevanz des Sachverhalts wird daran ersichtlich, dass dieser Tatbestand den jungen Staat Israel vor Probleme stellte. Nach israelischem Gesetz hat jeder Jude das Recht einzuwandern und die israelische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Bei der Staatsgründung im Jahr 1948 stellte sich auch für Israel die Frage: „Wer ist Jude?“ Sollte die Definition der Halacha zugrunde gelegt werden und damit Menschen, die unter dem Nationalsozialismus als Juden verfolgt wurden, die Einwanderung nach Israel versagt werden, da sie laut jüdischem Religionsgesetz keine Juden waren? Israel traf die politische Entscheidung, auch denjenigen Personen, die nur einen einzigen jüdischen Großelternteil besitzen, die Einwanderung zu gestatten. Unsere erste Annäherung an den Terminus „Antisemitismus“ hat somit ergeben, dass der Definitionsversuch „feindselige oder gar hasserfüllte Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Juden“ zwingend um den Passus „oder Menschen, die zu Juden konstruiert werden“ zu erweitern ist.
Versteht man unter Antisemitismus als Arbeitsdefinition einen Oberbegriff, der alle Formen gruppenbezogener Feindschaft gegenüber Juden oder zu Juden konstruierter Menschen umfasst, so lässt sich konstatieren, dass die Ursprünge des sozialen Phänomens bereits in der Antike liegen und der Tatbestand als solcher auch heutzutage von hoher Aktualität ist. Diese Aussage ist keineswegs damit identisch, einem „ewigen Antisemitismus“ das Wort zu reden. Weder ist der Antisemitismus „ewig“, da es durchaus Länder gegeben hat mit keinem oder nur äußerst geringem Antisemitismus, es Phasen „relativer Ruhe“ gab, in denen es zu wechselseitigen sozio-kulturellen Verflechtungen und vielfältigen Bereicherungen kam, noch sind die Erscheinungsformen, Varianten, Funktionen wie Träger des Antisemitismus stets die gleichen geblieben. Einem „ewigen Antisemitismus“ das Wort zu reden, liefe unweigerlich darauf hinaus, die Ursache des sozialen Phänomens den Juden selber und nicht dem Antisemiten anzulasten und damit antisemitisches Gedankengut zu reproduzieren sowie resignierend die Unmöglichkeit seiner Bekämpfung oder Abschaffung zu konstatieren.
Da der Antisemitismus als solcher nicht stets der gleiche geblieben ist, stellt sich die Frage nach einer historischen Phaseneinteilung des sozialen Phänomens. Unseres Erachtens lassen sich sechs Phasen unterscheiden, und zwar erstens der überwiegend religiös geprägte Antisemitismus, der sich von der Antike bis zum Mittelalter erstreckte (Kap. 1, Kap. 2), zweitens der frühneuzeitliche Antisemitismus, der in Gestalt der „Statuten von der Reinheit des Blutes“ bereits ein biologisches Differenzkriterium konstruierte sowie zugleich die soziale wie ökonomische Vorherrschaft der Christen postulierte (Kap. 3), drittens der säkularisierte, völkisch-nationalistische Antisemitismus bis zur Mitte des 19. Jh.s, der gleichwohl noch immer stark christlich geprägt war (Kap. 4), viertens der „rassenbiologisch“ argumentierende „moderne Antisemitismus“ seit der Mitte des 19. Jh.s (s. Band 2, Kap. 1 u. 2), fünftens der eliminatorische Antisemitismus des dt. Nationalsozialismus, bei dem der alles beherrschende „Rassegedanke“ zum sechsmillionenfachen Massenmord an den europäischen Juden führte (s. Band 2, Kap. 3), sowie schließlich sechstens der sog. sekundäre Antisemitismus bzw. Post-Holocaust-Antisemitismus nach 1945 (s. Band 2, Kap. 4).
Unsere Einteilung der historischen Phasen verwendet den Terminus „Antisemitismus“ somit als Oberbegriff und lehnt eine dichotome Gegenüberstellung bzw. eine binäre Konstruktion von „Antijudaismus“ versus „Antisemitismus“ ab. Vertreter des dichotomen Konstrukts konstatieren demgegenüber einen religiös begründeten Antijudaismus, der zeitlich bis in die Mitte des 19. Jh.s angesetzt wird, sowie einen „rassenbiologischen“ Antisemitismus ab Mitte des 19. Jh.s und betonen einen grundlegenden Unterschied beider Phänomene. Argumentativ beziehen sich die Befürworter dieser Position auf den Sachverhalt, dass die Begrifflichkeit „Antisemitismus“ durch einen Personenkreis um Wilhelm Marr (1819–1904) im Jahr 1879 geprägt wurde. Die Ursache des Antisemitismus lag für den Journalisten bei den Juden selbst, insofern diese Marr zufolge der »semitischen Rasse« angehörten, die er als minderwertig bezeichnete. Die Antisemiten benutzten den Terminus „Antisemitismus“ in affirmativer Weise als Eigenbezeichnung („Antisemiten-Liga“), agitierten indes nur gegen die Juden und nicht etwa gegen alle zur semitischen Sprachfamilie zählenden Ethnien wie bspw. die Araber. Letzterer Sachverhalt verweist darauf, dass der Terminus „Antisemitismus“ unabhängig davon, ob man diesen phasenübergreifend oder nur für den Zeitabschnitt ab Mitte des 19. Jh.s benutzt, zu problematisieren ist, insofern der Terminus die Existenz „biologischer Rassen“ suggeriert, die indes nichts als die Erfindung des Rassisten sind. Weder gibt es eine „Rasse“ der „Semiten“ noch eine „Rasse“ der „Negriden“ oder der „Mongoliden“; zu konstatieren sind lediglich Sprachverwandtschaften zwischen dem Hebräischen und dem Arabischen („semitische Sprachfamilie“), die für das vermeintliche Rassenkonstrukt („die Semiten“) im 19. Jh. herhalten mussten.
Wir wollen uns im Folgenden der strittigen Frage zuwenden, ob bei der Judenfeindschaft trotz zu konstatierender qualitativer Wandlungsprozesse primär epochenübergreifende Kontinuitätslinien zum Tragen kommen („Antisemitismus“) oder aber die Dominanz eines dualen, antipodischen Bruchs („Antijudaismus“ versus „Antisemitismus“) zu konstatieren ist. In der „Lutherdekade“ sowie im „Lutherjahr“ ist angesichts des Reformationsjubiläums immer und immer wieder betont worden, Luther sei kein Antisemit sondern nur ein Antijudaist gewesen. Der Sprachgebrauch angesichts der Feierlichkeiten verdeutlicht exemplarisch die Problematik einer dualistischen Gegenüberstellung der Termini „Antijudaismus“ und „Antisemitismus“. Versteht man unter Antisemitismus, wie dies hier der Fall ist, eine gegen Juden und Jüdinnen gerichtete soziale Erscheinung, die Einstellungen, Diskurse, Ressentiments, Diskriminierungen, Vertreibungen bis hin zu Pogromen sowie den Völkermord umfasst, so beinhalten die Schriften und Hasspredigten Martin Luthers eine Vielzahl judenfeindlicher Bemerkungen, die von „den Juden“ als Christusmördern bis hin zu „den Juden“ als einer verschworenen Gemeinschaft reichen, die durch alles erdenklich Böse wie Wucher sowie Giftmischerei den Tod der Christenmenschen wünschten und die Herrschaft in christlichen Ländern an sich reißen wollten. In seinen Schriften propagierte der Reformator einen eschatologisch geprägten Endzeitkampf zwischen „den Juden“ und „den Christen“. Luther malte in seinen Predigten eine alles entscheidende finale Schlacht zwischen den mit dem Antichristen verbündeten Juden und den der Versuchung des Teufels ausgesetzten Christen aus. Angesichts derartiger Hasspredigten, die u. a. Landesfürsten zur Vertreibung der Juden aus ihren Territorien bewegen sollten, sowie programmatischen Aufrufen Luthers, die Synagogen bis auf ihre Grundmauern zu zerstören, die Religionsausübung der Juden zu untersagen, sie zur Arbeitspflicht heranzuziehen sowie jüdische Schriften zu verbrennen, diente der im Lutherjahr betonte Dualismus zwischen „Antijudaismus“ und „Antisemitismus“ als Legitimation, um den Vernichtungswahn des Reformators, der nur noch die reine Körperlichkeit der Juden ausließ, zu verdecken und die Judenfeindschaft Luthers auf diese Weise verharmlosend als eine Art Religionsstreit hinsichtlich der Auslegung der hebräischen Bibel erscheinen zu lassen.
Die binäre Logik der Termini „Antijudaismus“ und „Antisemitismus“ verkennt, dass derlei ideologische Muster, wie sie bei Luther und anderen christlichen Theologen zu finden sind, eine tiefe Prägung im westlichen Denken hinterließen, es alles andere als eine zufällige Parallele ist, dass in nationalsozialistischen Broschüren, Reden Hitlers wie Goebbels und Rosenbergs, die den europaweiten Völkermord an den Juden vorbereitend oder begleitend legitimierten, von einem Endkampf zwischen der „semitischen“ und der „arischen Rasse“ die Rede ist, vom verschworenen „Weltjudentum“, das alles nur erdenklich Diabolische aushecke, um die Macht in Deutschland und Europa an sich zu reißen. Der eschatologisch geprägte „Rassenkampf“ des dt. Nationalsozialismus knüpfte an antisemitische Muster des Christentums an, die längst vor Hitler zum Mainstream westlichen Denkens zählten. Der konstruierte Dualismus zwischen „Antijudaismus“ und „Antisemitismus“ übersieht den Sachverhalt, dass ganze Nummern des nationalsozialistischen Hetzblattes Der Stürmer die mittelalterliche Ritualmordlegende wieder aufleben ließen, und diverse Publikationen des Stürmer-Verlags die Schuld der Juden an rituellen Morden akribisch nachzuweisen gedachten. Im Mai 1943 griff Der Stürmer ebenso das bei Luther verbreitete Motiv der Juden als „Christenmörder“ auf. Die Sondernummer trug den Titel Jüdischer Mordplan gegen die nichtjüdische Menschheit aufgedeckt und bezeichnete die Juden als »Mördervolk«.
Der im Folgenden benutzte Antisemitismusbegriff intendiert nicht nur die Dekonstruktion von Legitimationsvarianten wie sie in der Luther-Dekade zutage traten, sondern ebenso eine Sichtbarmachung der im kulturellen Bewusstsein des westlichen Denkens tief verankerten Techniken der Judenfeindschaft als „lange Welle“. Diverse Diskurse wie Narrative entpuppen sich bei näherer Betrachtung als überkommenes historisches Muster, das zwar qualitative Transformationen sowie einen Austausch der Akteure, Motive wie Funktionen erfuhr, jedoch gleichwohl eine additive Wirkung zu entfalten vermochte und ein über Jahrhunderte wirkendes Verstärkungspotential erzeugte, welches in relevantem Maß mit dazu beitrug, dass in Deutschland das Undenkbare geschehen konnte. Den Antisemitismus als lange historische Welle verstehen heißt indes nicht, wie Kritiker unterstellen, der Vorstellung eines teleologischen Geschichtsverständnisses das Wort zu reden, insofern es weder einen geradlinigen noch einen zwangsläufigen Weg von Luthers Hasspredigten zu den Krematorien in Auschwitz gab. Die Betonung einer langen Welle stellt auch noch nicht die Beantwortung der Frage „Warum die Deutschen, warum die Juden?“ dar. Der Wittenberger Reformator trug jedoch zu einem additiven Wirkungspotential bei, welches sich im kollektiven Bewusstsein in einer Weise verankerte, dass dies vom dt. Nationalsozialismus für seine Zwecke reaktiviert und instrumentalisiert werden konnte. Der Nationalsozialismus begriff durchaus die Wirkmächtigkeit des jahrhundertealten antisemitischen Syndroms. Zwar stand im Mittelpunkt der nationalsozialistischen Ideologie wie Gewaltherrschaft ein rassenbiologisch konstruierter Antisemitismus, der die „jüdische Rasse“ als zersetzendes und als ein das dt. Volk und die dt. Nation in ihrem Überlebenskampf bedrohendes Potential konstruierte, gleichwohl benutzten die Nazis alle nur erdenklichen Quellen, Richtungen wie judenfeindlichen Denker, da sie die Wirkung des additiven Amalgams und dessen Potential erkannten.
Den Vertretern des binären Konzepts („Antijudaismus versus Antisemitismus“) ist vorzuwerfen, dass sie die Existenz dieser langen Welle des Judenhasses sowie seiner kulminierenden Wirkmächtigkeit unterschätzen und epochenübergreifenden Ideologemen wie Narrativen, die sich tief im kollektiven Bewusstsein verankerten, zu wenig Aufmerksamkeit widmen. Die Befürworter des dualen Konzeptes übersehen darüber hinaus, dass die von ihnen konstruierte Phase des Antijudaismus, die sich ja von der Antike bis zur Mitte des 19. Jh.s erstrecken soll, ihrerseits vielfältigen Wandlungsprozessen unterworfen war. Die jeweiligen Modifikationen gilt es im Sinne der Phaseneinteilung, wie sie von uns vorgenommen wurde, exakter zu erfassen. Auf diese Weise erschließt sich auch der „Fall Beuth“ (vgl. Kap. 4) in seiner ganzen Tragweite, sodass die ideologische wie politische Scharnierfunktion des „Völkischen“ der deutschen Romantik in seiner Relevanz für das Rassenkonstrukt wie den Antisemitismus des Nationalsozialismus erst offenbar wird.
Im Folgenden gilt es, den Antisemitismus sowohl methodisch zu beschreiben, d. h. die Techniken der Fremdheitsproduktion wie der Gewaltförmigkeit präzise zu erfassen, sowie den Antisemitismus zugleich funktional zu analysieren, d. h. nach den Interessen, Ursachen wie Motiven der Täter zu fragen, ohne dabei die Opfer eines mörderischen Systems aus dem Auge zu verlieren oder ihnen gar unsere Empathie zu versagen.
1DER ANTISEMITISMUS IN DER ANTIKE
Die antike Judenfeindschaft umfasst den Zeitraum seit Beginn der Geschichte Israels etwa 1300 v. Chr. bis ca. Ende des 5. Jh.s n. Chr. Herausragende Ereignisse stellen der Aufstand in Elephantine im Jahr 411 v. Chr., die Verfolgungen unter Antiochos IV. um 170 v. Chr., der Pogrom von Alexandrien im Jahr 38 n. Chr., die Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die römische Besatzungsmacht im Jahr 70 n. Chr. sowie die endgültige Niederschlagung des Simon-Bar-Kochba Aufstands und die damit einhergehende Vertreibung der Juden aus Jerusalem im Jahr 135 n. Chr. dar. Für die Genese und Entwicklung des Antisemitismus spielt die christliche Judenfeindschaft, die sich bereits in neutestamentarischen Schriften, bei Paulus von Tarsus sowie vor allem bei den frühchristlichen Kirchenvätern im 4. Jh. n. Chr. nachweisen lässt, eine fundamentale Rolle. Frühchristliche Dogmen haben nicht nur in entscheidendem Maß den mittelalterlichen Antisemitismus, sondern auch dessen moderne Variante geprägt. Eine Beschäftigung mit dem antiken Antisemitismus lässt die Wurzeln des sozialen Phänomens erkennen.
1.1Assyrische Deportation und babylonisches Exil
Im 9. Jh. v. Chr. gelang es dem Volk der Assyrer, welches im mittleren und nördlichen Mesopotamien lebte, ein Großreich zu etablieren, dessen Zentren die Städte Aššur, Nimrud und Ninive bildeten und welches zeitweise auch Babylon und Ägypten beherrschte. Im Jahr 733 v. Chr. deportierte das Assyrische Reich Tausende Einwohner aus dem Nordreich Israel, im Jahr 722 v. Chr. ebenso aus dem durch die innerjüdische Spaltung hervorgegangenen Staat Samaria. Im Jahr 614 v. Chr. eroberten die Vasallenstaaten Babylon und Medien die assyrische Hochburg Nimrud, im Jahr 612 v. Chr. nach dreimonatiger Belagerung Ninive und drei Jahre später die westlich gelegene Stadt Harran. Mit der Thronübernahme Nebukadnezars II. (640 v. Chr.–562 v. Chr.) im Jahr 605 war die Unterwerfung der einstigen Großmacht besiegelt. Das neubabylonische Reich schickte sich sogleich an, Syrien und die Levante tributpflichtig zu machen. Aufstände in denjenigen Staaten, die sich gegen ihre Unterwerfung zur Wehr setzten, wurden mit Gewalt niedergeschlagen. Im Jahr 597 v. Chr. eroberte Nebukadnezar II. Jerusalem und verbannte den König Jojachin (616 v. Chr.–560 v. Chr.) sowie Tausende Juden ins ferne Babylon. Einen Aufstand des nachfolgenden Königs Zedekia (618 v. Chr.–586 v. Chr.) ließ der babylonische Herrscher ebenso niederschlagen und im Jahr 586 v. Chr. den Ersten Tempel in Jerusalem zerstören. Zedekia sowie das ihn umgebende Establishment wurde gleichfalls nach Babylon deportiert.
Sowohl die assyrische als auch die babylonische Politik gegenüber den Juden ist insofern nicht als antisemitisch zu werten, als es sich bei den Deportationen nicht um gewaltförmige Praxen auf rassistischer Grundlage handelte. Die Exilierung der Führungseliten wurde auch bei anderen Völkern praktiziert, die sich tributpflichtigen Unterwerfungen widersetzten, um die verbliebene Bevölkerung gefügig zu machen. Rassifizierende Diskurse, welche die Juden in kollektivierender wie antagonisierender Weise mittels eines oder mehrerer Differenzkriterien zur Fremdgruppe konstruierten bzw. die rassistisches Wissen zwecks Legitimierung etwa der Tempelzerstörung produzierten, sind nicht auszumachen, gleichwohl bedacht werden muss, dass die Quellenlage weniger fundiert ist als zu späteren Zeiten. Obgleich Antisemitismus keinesfalls auf Einstellungen oder auf Ideologeme verkürzt werden darf, stellt die antisemitische Ideologie einen notwenigen Bestandteil des sozialen Sachverhalts dar; dieser ist in der assyrischen wie babylonischen Zeit noch nicht auszumachen.
Einwenden ließe sich, dass im Buch Daniel der hebräischen Bibel von Antisemitismus unter Nebukadnezar berichtet wird. Es heißt hier:
»König Nebukadnezar ließ ein goldenes Standbild anfertigen, dreißig Meter hoch und drei Meter breit, und ließ es in der Ebene Dura in der Provinz Babylon aufstellen. Dann berief er sämtliche hohen Beamten seines Reiches zu einer Versammlung ein, die Provinzstatthalter, Militärbefehlshaber und Unterstatthalter, die Ratgeber, Schatzmeister, Richter, Polizeigewaltigen und alle hohen Beamten der Provinzen. Sie sollten an der Einweihung des Standbildes teilnehmen, das er errichtet hatte. Sie alle kamen zu der Einweihung und stellten sich vor dem Standbild auf. […] Einige Babylonier aber ergriffen die Gelegenheit, die Juden anzuzeigen. […] Da sind aber einige Juden, denen du die Verwaltung der Provinz Babylon anvertraut hast. Diese Männer haben deinen Befehl missachtet. Sie erweisen deinem Gott keine Ehre und beten das goldene Standbild, das du errichten ließest, nicht an.« (Daniel 3:1)
Der Nebukadnezar der Sage aus dem Buch Daniel gerät daraufhin außer sich und lässt die beschuldigten Juden in einen siebenmal so stark wie sonst geheizten Ofen werfen. Doch es ist eine Sage, welche die Rückprojektion eines aktuellen Konflikts in die assyrische Zeit darstellt. Das Buch Daniel entstand zwischen 167–164 v. Chr., als das Judentum schwersten Repressalien unter dem seleukidischen Herrscher Antiochos IV. Epiphanes (215–164 v. Chr.) ausgesetzt war, der einen Vernichtungskampf gegen ihren Kultus führte und im Jahr 169 v. Chr. den Jerusalemer Tempel entweihte. In dieser Auseinandersetzung soll das Buch Daniel den Juden durch eine Legende aus vergangener Zeit Mut machen, insofern die Juden aus dem glühenden Ofen unbeschadet herauskommen.