Land aus Feuer und Wasser

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Hans Dominik

Land aus Feuer und Wasser

Warschau 2018

Inhalt

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 1

Minister Schröter legte ein Schriftstück aus der Hand und wandte sich an seinen Besucher. »Sie wollen den neuesten Typ Ihrer Stratosphärenflugzeuge noch auf Nonstop-Flügen um unsern alten Globus herum erproben, bevor Sie Ihre Maschinen für die neuen transozeanischen Linien zur Verfügung stellen?«

»Das ist meine Absicht, Herr Minister«, beantwortete der Inhaber der großen Flugzeugwerke in Bay City und Walkenfeld, Professor Eggerth, die Frage. »Ich möchte den neuen Typ erst aus der Hand geben, nachdem er auch die letzte Prüfung einwandfrei bestanden hat.«

»Wieviel Zeit wird das noch kosten?« fragte Minister Schröter.

Professor Eggerth deutete auf das auf dem Tisch liegende Schriftstück. »Wie Sie aus meinem Exposé ersehen, habe ich den neuen Typ für die Probeflüge mit Reservetanks ausrüsten lassen, so daß die Maschinen die 40 000 Kilometer um den Erdball herum ohne Zwischenlandung durchführen können. Ich denke, in acht bis zehn Tagen mit allen Prüfungen zu Ende zu kommen.«

Der Minister nickte. »Ich habe die Einzelheiten darüber in Ihrer Denkschrift gelesen. Für die Probeflüge sind Zusatztanks ein brauchbares Aushilfsmittel; im regelrechten Flugverkehr brauchen wir die Tragkraft der neuen Schiffe besser für Nutzlast. In Ihrem Exposé kommen Sie, Herr Professor, zu dem Ergebnis, daß ein Treibstoffvorrat für eine Strecke von 8000 Kilometern das Verkehrswirtschaftliche Optimum ergibt.«

»Ganz recht, Herr Minister«, bestätigte Professor Eggerth die Worte Schröters. »Für diese Strecke sind auch die bleibenden Tanks bemessen, die Zusatztanks würde ich vor der Übergabe der Schiffe an die Verkehrsgesellschaften entfernen lassen.«

Die Unterredung schien zu Ende zu gehen, und Minister Schröter machte Anstalten, sich zu erheben, aber Professor Eggerth hatte noch etwas anderes auf dem Herzen. Sinnend blickte er ins Weite, überlegte eine Weile und begann dann langsam zu sprechen:

»Die neuen transozeanischen Linien, die wir planen, werden ausschließlich auf fremde Stützpunkte angewiesen sein …« Minister Schröter zuckte die Schultern, wollte etwas sagen und setzte zum Sprechen an, als Eggerth bereits fortfuhr: »Ich weiß, was Sie sagen wollen, Herr Minister. Bei dem augenblicklichen Stand der Dinge ist das nun einmal so, aber es braucht nicht unbedingt so zu bleiben.«

Wieder wollte der Minister etwas entgegnen, und wieder unterließ er es, um den Gedankengang des Besuchers nicht zu stören.

»Ich habe einen Plan–besser vielleicht gesagt: Ich erwäge einen Versuch, der aber, wenn er gelingen soll, viel diplomatischen Takt und eine glückliche Hand erfordert. Ich möchte dazu Ihre persönliche Unterstützung erbitten, da ich sonst niemand wüßte, der für eine solche Angelegenheit Verständnis haben könnte.«

Der Minister quittierte das Kompliment mit einer leichten Verneigung, und Professor Eggerth fuhr fort, seine Gedanken zu entwickeln.

»Wir werden bei den beabsichtigten Probeflügen den Erdball mehrfach umkreisen. Vielleicht gelingt es uns dabei, hier oder dort noch irgendein herrenloses Stückchen Land zu entdecken, das wir in Besitz nehmen und als Stützpunkt für unsere Fluglinien einrichten können. Meine Anfrage an Sie geht dahin, ob es möglich ist, mir in einem solchen Falle zur Erwerbung solcher Stützpunkte zu verhelfen?«

Der Professor hatte geendet, Minister Schröter antwortete nicht sofort. Den Kopf in die Hand gestützt, saß er nachdenklich da. Geduldig wartete Eggerth, bis er zu sprechen begann.

»Die Aufgabe, die Sie sich stellen, ist nicht leicht, Herr Professor. Es wäre ein besonderer Glückszufall, wenn Sie auf Ihren Flügen ein Fleckchen, eine Insel fänden, die noch nicht von irgendeiner andern Macht in Besitz genommen ist.«

»Das weiß ich«, bestätigte Professor Eggerth den Einwurf des Ministers. »Die Aussicht, noch etwas Derartiges zu entdekken, ist so gering, daß sich nicht einmal die Kosten einer besonderen Expedition dafür rechtfertigen ließen. Da wir nun aber doch einmal auf die Reise gehen, wollte ich Sie bitten, uns zu unterstützen und den Staatsschutz einer evtl. Erwerbung zu übernehmen. Wenn wir nichts Geeignetes entdecken, dann müssen wir uns beide mit dem Gedanken trösten, wenigstens das Unmögliche versucht zu haben.«

Der Minister strich sich über die Stirn, als wolle er lästige Gedanken fortwischen; dann sprach er in lebhafterem Ton: »Zum Resignieren bleibt uns später immer noch Zeit. Nehmen wir zunächst einmal an, das Unwahrscheinliche würde doch Wirklichkeit, wie dachten Sie, daß ich Sie unterstützen soll?«

»In einem solchen Fall müßte blitzartig gehandelt werden. Die Funkeinrichtungen unserer Schiffe setzen uns instand, jederzeit mit Ihnen in Verbindung zu treten. Unmittelbar nachdem wir ein passendes Objekt entdeckt haben, müßte es auch bereits offiziell von Ihnen in Besitz genommen werden. Sie wissen …«, ein leichtes Lächeln ging über die Züge Professor Eggerths, während er weitersprach, »ein sogenanntes fait accompli kann bisweilen recht nützlich sein.«

»Wir haben es vor Jahren in der Antarktis gemerkt«, lächelte der Minister, sah aber den Professor ein wenig befremdet an, als der fortfuhr:

»Wo stecken eigentlich zur Zeit meine alten Freunde Wille und Schmidt?« Dann ging ein Zug des Verstehens über das Gesicht Schröters, während er wieder das Wort nahm:

»Wollen Sie die beiden Herren mitnehmen? Der Gedanke wäre gar nicht übel. Da hätten Sie für alle Fälle gleich einen ehemaligen Staatskommissar und seinen Ministerialrat an Bord.«

»Daran dachte ich, Herr Minister. Fragt sich nur, ob die beiden zur Zeit abkömmlich sind?«

»Ich denke, sie sind es, Herr Professor. Dr. Wille, Staatskommissar im einstweiligen Ruhestand, arbeitet gegenwärtig In seinem Privatlaboratorium. Wir können jederzeit über ihn verfügen. Etwas anders liegt die Angelegenheit mit Dr. Schmidt. Er hat auf seine Pension als Ministerialrat verzichtet, dafür aber eine etatsmäßige Stellung in unserem magnetischen Observatorium bei Hagenau angenommen. Wie ich ihn kenne, wird er sich vielleicht sträuben, aber ich denke, wir werden ihn ebenfalls abkommandieren können.«

Der Minister griff zu seinem Schreibblock, um sich in Sachen Dr. Wille und Dr. Schmidt ein paar Notizen zu machen, als Professor Eggerth von neuem das Wort ergriff.

»Ich will selbst an die Herren schreiben oder noch besser, ich werde sie gleich aufsuchen und ihnen die Forschungsmöglichkeiten bei den Probeflügen in verlockenden Farben schildern. Ich hoffe, auf diese Weise beide dazu zu bringen, daß sie freiwillig mitkommen. Dadurch würden sich behördliche Anordnungen von Ihrer Seite erübrigen.«

»Sehr gut, Herr Professor; wenn Sie das erreichen können, entheben Sie mich einer unerwünschten Notwendigkeit.«

»Ich möchte es auch noch aus einem anderen Grund, Herr Minister. Wenn die beiden Herren unsere Expedition als freie Wissenschaftler begleiten, ist es vorläufig nicht nötig, sie in unsere Absichten einzuweihen. Es würde genügen, wenn Sie mir Vollmachten für Herrn Dr. Wille mitgeben, nach denen er gegebenenfalls zu handeln hätte.«

Minister Schröter nickte zustimmend. »Ich werde Ihnen die Vollmachten ausstellen lassen.«

»Sehr wohl, Herr Minister. Ich danke Ihnen! Ich gedenke in fünf Tagen zum ersten Flug zu starten. Darf ich bis dahin auf den Eingang der besagten Papiere rechnen?«

»Sie werden sie in drei Tagen haben«, sagte Minister Schröter.

Ein Händedruck und ein kurzer Abschied. Professor Eggerth verließ das Ministerium, um sich mit seinen alten Freunden Wille und Schmidt in Verbindung zu setzen.

›St 25‹, das neueste Stratosphärenschiff der Eggerth-ReadingWerke, war auf großer Fahrt. Man flog mit Überschallgeschwindigkeit.

Durch zollstarke Kristallscheiben fiel das Sonnenlicht von oben her in den Mittelraum des Flugschiffes und wurde in hundert Reflexen von dem mattglänzenden Titan-Leichtmetall widergespiegelt, aus dem Wände und Mobiliar bestanden.

Zwei Männer, beide kaum über die Mitte der Zwanzig hinaus, saßen im Mittelraum des Schiffes vor einem Tisch, dessen Platte zum größten Teil von einer Seekarte eingenommen wurde. Hein Eggerth, der Sohn des Erbauers von ›St 25‹, und Georg Berkoff, in gleicher Weise als Pilot und Ingenieur bewährt.

Georg Berkoff beugte sich über die Karte und begann mit Bleistift und Lineal zu arbeiten. Kleine Kreuze, Standortaufnahmen der letzten Stunden, verband er durch gerade Linien, um so den Kurs des Stratosphärenschiffes deutlicher zu machen; rechnete danach ein wenig, verglich Zeiten, ließ den Bleistift fallen und wandte sich an seinen Gefährten.

 

»Großartig, Heini ›St 25‹ hat die 2000-Stunden-Kilometer erreicht, steht im Begriff, sie zu überschreiten.« Er warf einen Blick auf die Wanduhr. »Schon wieder eine Stunde vorüber. Zeit, daß die nächste Ortsaufnahme kommt. Wenn es so weitergeht, werden wir mit ›St 25‹ einen neuen Weltrekord aufstellen.«

Auch Hein Eggerth schaute auf, aber sein Blick galt weniger der Uhr als dem Höhenzeiger neben ihr. »Alle Wetter, Georg!« Er deutete, während er es sagte, mit der Hand auf das Meßinstrument. »Mehr als 30 Kilometer Höhe, auch das gibt einen neuen Rekord. So hoch ist bisher noch kein Schiff in die Stratosphäre gestiegen.«

Georg Berkoff beobachtete eine Wedle den Zeiger des Höhenmessers, der um die Zahl ›32‹ herum spielte. »Das würde unsere Geschwindigkeit erklären«, meinte er nachdenklich, »aber … aber …«

»Du meinst, mein alter Herr riskiert mal wieder allerhand«, fiel ihm Hein Eggerth ins Wort.

»Das will ich nicht gesagt haben, Hein, obwohl …«

»Du willst sagen, Georg, daß man für ›St 25‹ zunächst nur eine Flughöhe von 25 Kilometern vorgesehen hat und daß wir jetzt sieben Kilometer höher stehen. Ich sehe keine Gefahr dabei. Es ist lediglich eine Frage der Kompressoren. Solange sie den Atmosphärendruck im Schiffskörper halten, können wir unbesorgt steigen.«

»Was ja inzwischen schon wieder geschehen ist«, fiel Berkoff ein und wies auf den Höhenmesser, dessen Zeiger bei ›33‹ stand. In seine letzten Worte klang das Klappen der Tür, die von der Schiffszentrale zum Mittelraum führte. Eine Gestalt erschien in der Türöffnung.

»Der lange Schmidt! Er bringt das neue ›Besteck‹«, konnte Hein Eggerth seinem Freund Berkoff eben noch zuraunen. Dann trat der Ankömmling schon mit merkwürdig eckigen Bewegungen an den Tisch heran und legte ein mit einigen Zahlen beschriebenes Blatt auf die Seekarte.

»Die letzte Ortsaufnahme, Herr Eggerth. Wollen Sie die Güte haben, Ihre Eintragungen danach zu vervollständigen?«

»Sofort, Herr Ministerialrat«, erwiderte Eggerth, griff nach dem Blatt und las die Zahlen ab. »Zwanzig Grad 15 Minuten südlicher Breite, hunderteinundfünfzig Grad 24 Minuten westlicher Länge.«

Während Herr Dr. Schmidt, zur Zeit Ministerialrat im einstweiligen Ruhestand, aber von Hein Eggerth und Georg Berkoff privatim kurz und respektlos der lange Schmidt genannt, den Raum verließ, um sich wieder zu der Kommandozentrale im Vorderschiff zu begeben, griff Berkoff zum Bleistift. Einige Sekunden ging sein Blick suchend über die Karte. Dann trug er ein neues Kreuz ein. Wiederholte dabei mehr für sich die eben von Hein Eggerth genannten Werte, fuhr dann zu dem gewandt lauter fort:

»Die Gegend kommt mir verflucht bekannt vor, Hein. Weißt du noch damals? Die Robinson-Insel? Da müssen wir ja ziemlich nahe dran sein … Schade, daß es unseren Freunden Garrison und Bolton da nicht besser gefallen hat. Die beiden hätten sich und uns manchen Kummer ersparen können, wenn sie etwas länger auf dem idyllischen Eiland ausgehalten hätten.«

Hein Eggerth warf erst einen Blick zur Tür, durch die Dr. Schmidt verschwunden war, bevor er antwortete.

»Georg, Menschenskind! Ich bitte dich, sei vorsichtig. Wenn der lange Schmidt dich eben gehört hätte! Ich glaube, der wäre glatt durch die Decke gegangen.«

»Ah, bah, Hein!« Berkoff lachte leicht auf, »die Decke über uns besteht aus starkem Titan-Dural und dreizölligem Quarzglas. Er wird sich’s überlegen, da durchzufahren … Außerdem liegt die Geschichte ja schon drei Jahre zurück. Sie ist längst verjährt.«

»Für uns vielleicht, Georg, aber für unseren Freund Schmidt noch längst nicht. Für unsere munteren Streiche hat er kein Verständnis.«

»Ist eigentlich schade um den Mann«, meinte Berkoff mit leichtem Bedauern. »Ein Wissenschaftler von Weltruf und dabei ein Gebaren … das Gesicht, als er dir eben das Besteck gab, die Milch konnte davon sauer werden.«

Berkoff beugte sich wieder über seine Karte und begann auf ihr zu suchen. »Das ist doch ganz verrückt«, meinte er nach kurzer Zeit. »Ich kann unsere Insel von damals auf der Karte nicht finden.«

»Was, Georg! Die Insel nicht auf der Karte? Ein Eiland von gut und gern 15 Quadratkilometern? Die müßte doch eingetragen sein.«

»Ist aber nicht drauf, Hein.«

»Dann taugt die Karte nichts, Georg. Ich werde nach vorn gehen und eine bessere holen.«

Er verließ den Raum und kehrte nach kurzem mit einer anderen Seekarte zurück, die er auf dem Tisch über der ersten ausbreitete. Während Hein Eggerth und Georg Berkoff sich darüber beugten und von neuem zu suchen begannen, klappte die Tür zum Vordergang zum zweiten Male. Dr. Schmidt kam zurück und machte es sich in einem Sessel bequem. Dabei entging es ihm nicht, daß die beiden die Köpfe zusammensteckten und miteinander flüsterten. Der lange Schmidt begann die Ohren zu spitzen und wurde neugierig.

»Was suchen Sie?« fragte er und trat zu ihnen.

»Eine Insel, Herr Ministerialrat«, antwortete Berkoff. »Ein Inselchen von immerhin 10 Kilometer Länge und etwa drei Kilometer Breite. Hier müßte es liegen.« Er legte den Finger auf die Karte. »Aber es ist nicht eingetragen. Keine Spur von einer Insel, nicht einmal eine Untiefe ist an der Stelle verzeichnet.«

»Wenn sie nicht eingetragen ist, dann existiert sie nicht«, erklärte der lange Schmidt.

»Verzeihung, Herr Ministerialrat«, widersprach Hein Eggerth. »Die Insel existiert doch. Wir sind früher einmal auf ihr gelandet und haben eine genaue Ortsbestimmung gemacht Hier muß sie liegen. Das laß ich mir nicht nehmen.«

Dr. Schmidt wollte den Mund zu einer Erwiderung öffnen, als ein kurzer metallischer Klang durch den Raum dröhnte.

»Was war das? Haben Sie es gehört?« fragte Berkoff, sah die andern an und schwieg. Nur das gleichmäßige Spiel der Turbinen drang gedämpft durch den Raum.

»Die Maschinenanlage ist in Ordnung«, stellte Hein Eggerth nach kurzer Pause fest, »das Geräusch muß durch eine Einwirkung von außen hervorgerufen worden sein.«

Der lange Schmidt griff den Ball, den ihm Hein Eggerth mit dieser Frage zuwarf, willig auf. Er richtete sich in seinem Sessel auf und begann zu dozieren.

»Das sind die Gefahren der Stratosphäre. Ich habe Ihrem Vater meine Bedenken nicht verhehlt, Herr Eggerth, als er sich entschloß, über die vorgesehenen 25 Kilometer hinauszugehen. In dieser Höhe fehlt bereits ein beträchtlicher Teil des soliden Luftpolsters, das uns in der dichteren Atmosphäre schützt. Es treiben sich eben doch allerlei Brocken verschiedenster Größe im Weltraum umher, als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist. Hier oben ist ihre Geschwindigkeit gegen die Erdbewegung noch nicht genügend abgebremst. Der Luftverkehr sieht sich deshalb hier unberechenbaren Gefahren gegenüber.«

Während Dr. Schmidt sich weiter in langatmigen Ausführungen erging, wandten Berkoff und Hein Eggerth ihre Aufmerksamkeit wieder der Seekarte zu und ließen ihn reden.

»Die Meteoritengefahr dürfte für die Stratosphärenschiffahrt ungefähr das gleiche bedeuten, was die Eisberge für die Seeschiffahrt sind«, hatte der eben gesagt, als er plötzlich abbrach, ein paar schnelle Atemzüge tat und sich wie von einer Schwäche befallen in den Sessel zurücksinken ließ.

»Ist Ihnen nicht wohl, Herr Doktor?« Noch während Hein Eggerth die Frage stellte, spürte er selbst ein unangenehmes Knacken in den Ohren. Während er den Mund öffnete und durch Verschlucken von Luft der störenden Empfindung Herr zu werden versuchte, ging sein Blick zu dem Barometer an der Wand, das den Luftdruck im Innern des Stratosphärenschiffes anzeigte. Noch vor kurzem hatte es, wie es ja auch sein sollte, einen Luftdruck von 760 Millimeter Quecksilbersäule gewiesen. In wenigen Minuten war es um 200 Millimeter gefallen und sank noch ständig weiter.

»Zum Teufel! Was ist das? Eine Undichtigkeit im Schiffsrumpf?« Georg Berkoff sagte es mit einem fragenden Blick auf Hein Eggerth. Der nickte nur kurz. Er war aufgesprungen und wollte eben die Tür zu dem vorderen Gang öffnen, als sie ihm aus der Hand genommen wurde. Professor Eggerth kam in den Mittelraum, gefolgt von Dr. Wille.

»Was hat es gegeben, Vater?« Nur mühsam brachte Hein Eggerth die Worte hervor, die verdünnte Luft erschwerte auch ihm das Sprechen.

Professor Eggerth ließ sich in einen Sessel fallen und deutete schweigend auf die Meßinstrumente an der Querwand des Raumes. Der Höhenzeiger, der noch vor wenigen Minuten auf 33 Kilometer wies, war bis auf 25 abgesunken und fiel jäh weiter. In steilem Gleitflug, der fast schon zum Sturzflug wurde, ging ›St 25‹ aus der Stratosphäre nach unten in dichtere Luftschichten hinab. In 3000 Meter Höhe strich das Luftschiff dahin. Langsam, aber stetig begann jenes andere Meßinstrument wieder zu steigen, das den Luftdruck im Innern des Schiffes anzeigte. Hier in dieser tieferen Schicht der Atmosphäre wirkte sich die Arbeit der Turbinen der Klimaanlage wieder aus. Sie vermochten jetzt genügend Luft in den Schiffsraum zu schleudern, um den vollen Atmosphärendruck aufrechtzuerhalten. Kräftig machte sich aber jetzt das Heulen der Düsenmotoren bemerkbar, da man unter die Schallgeschwindigkeit gegangen war. Allmählich wich auch die Benommenheit, welche die Insassen von ›St 25‹ infolge der plötzlichen Druckverminderung befallen hatte. Nach ein paar kräftigen Atemzügen brach Professor Eggerth das Schweigen. »Wir haben einen Riß im Schiffsrumpf, Hein. Im Fluge können wir ihn nicht reparieren. Wir müssen einen passenden Landungsort suchen.«

Georg Berkoff hatte sich über die Karte gebeugt. »Wie denken Sie über die Gesellschaftsinseln, Herr Professor?« fragte er. »Es sind nur ein paar hundert Kilometer von hier. Auf Tahiti gibt es meines Wissens eine Flugschiffswerft mit allen Hilfsmitteln.«

Professor Eggerth machte eine abwehrende Bewegung. »Ausgeschlossen, mein lieber Berkoff! Wo denken Sie hin? Mit ›St 25‹ in eine fremde Werft gehen, damit die liebe Konkurrenz uns recht schön alles abgucken kann? Das gerade Gegenteil davon brauchen wir. Irgendeine unbewohnte Insel, auf der wir vor neugierigen Augen sicher sind. Fremde Hilfe brauchen wir nicht. Unsere Bordmittel genügen vollkommen. Fragt sich nur noch, wo wir möglichst in der Nähe ein für unsere Zwecke geeignetes Plätzchen finden …«

»Ja! Wo, Herr Professor?« meinte Berkoff und fuhr mit den Fingern suchend über die Karte.

»Gehen wir doch auf unsere Robinson-Insel«, raunte Hein Eggerth ihm halblaut zu.

»Ja, zum Teufel, Hein, die steht doch nicht auf der Karte«, widersprach ihm Berkoff. »Hier an der Stelle müßte sie liegen, aber sie ist doch nicht da.«

»Ist ja Unsinn, Georg! Wir sind doch beide auf ihr gewesen. Einen Augenblick mal, Vater«, er zog den Professor mit sich auf den Gang hinaus.

»Warum so geheimnisvoll, Hein?« fragte der verwundert.

»Weil Dr. Schmidt nicht zu hören braucht, was ich dir zu sagen habe. Wir befinden uns ganz in der Nähe der Insel, auf der wir damals Garrison und Bolton ausgesetzt haben, um ihnen für einige Zeit die Möglichkeit zu nehmen, unsere Forschungsarbeiten in der Antarktis zu stören …«

Professor Eggerth lächelte.

»Aha, ich begreife! Alte Sünden, von denen unser Freund Schmidt immer noch nichts wissen darf.«

»Ganz recht, Vater. Diese Insel ist für unsere Zwecke wie geschaffen. Unbewohnt! Eine große Wiese bietet einen vorzüglichen Landeplatz …«

»Gut, Hein! Da wollen wir landen.«

»Gewiß, Vater … aber …«

»Was gibt’s da noch einzuwenden?« unterbrach ihn der Professor.

»Die Insel ist auf unseren Karten nicht eingetragen. Ich habe mit Berkoff schon vergeblich danach gesucht.«

Professor Eggerth sah interessiert auf. »Auf der Karte nicht eingetragen? Wie willst du sie dann finden?«

»Ich habe die Zahlen unserer damaligen Ortsbestimmung genau im Gedächtnis, und Berkoff weiß sie ebenfalls noch. Ein Irrtum ist ausgeschlossen.«

»Dann wollen wir die Insel ansteuern. Die Hauptsache bleibt, daß ihr den genauen Ort kennt. Geh in die Zentrale und laß den Kurs setzen. Bitte bei der Gelegenheit gleich Dr. Wille, zu mir zu kommen.«

Während Hein Eggerth nach vorn ging, kehrte der Professor in den Mittelraum zurück. Kurz darauf kam auch Dr. Wille, ein Wissenschaftler von gleicher Gründlichkeit und gleichem Ansehen wie Schmidt, aber sonst in fast allen Dingen das gerade Gegenteil des langen Doktors.

 

Ein reichliches Jahrzehnt hatten diese beiden Forscher früher zusammengearbeitet. Groß und unbestreitbar waren die Erfolge, die sie besonders auf dem Gebiet des Erdmagnetismus in gemeinsamer Tätigkeit erreicht hatten, aber fast als ein Wunder mußte es gelten, daß sie sich bei ihren wissenschaftlichen Meinungsverschiedenheiten, die nur allzu häufig in einen Streit auszuarten drohten, doch niemals ernstlich verkracht hatten. Daß dem so war, lag zweifellos weniger am langen Schmidt als an Dr. Wille, der es durch sein konziliantes Wesen immer wieder vermochte, ihre Debatten im entscheidenden Augenblick in ein ruhigeres Fahrwasser zurückzuleiten.

»Nun, Herr Kollege, was sagen Sie zu unserem Zwischenfall?« begrüßte Wille seinen alten Freund und Widersacher.

»Ich habe mich bereits darüber ausgesprochen«, erwiderte der lange Schmidt feierlich. »Wir sind zu hoch in die Stratosphäre gegangen. Es war nichts anderes zu erwarten.«

»Aha, Kollege, Ihre alte Meteoritentheorie! Sie glauben, ein verirrtes Steinchen aus dem Weltraum hätte ›St 25‹ leck geschlagen.«

»Das meine ich in der Tat, Herr Dr. Wille«, vertrat Schmidt seine Meinung.

»Ja, dann müßte aber eine Beule am Schiffskörper sein. Die haben wir trotz sorgfältigen Untersuchens nicht feststellen können. Wir, das heißt Professor Eggerth und ich, vermuten eine andere Ursache für den Riß und haben uns auch bereits eine bestimmte Ansicht darüber gebildet.«

»Ich muß trotzdem meine Hypothese aufrechterhalten«, widersprach Dr. Schmidt, und schon entwickelte sich zwischen den beiden gelehrten Häusern wieder eine jener Streitereien, die man seit langem an ihnen gewohnt war. Professor Eggerth ließ sie gewähren und wandte sich mit Berkoff der Seekarte auf dem Tisch zu.

»Es ist mir unbegreiflich, daß die Insel nicht eingetragen ist«, meinte Berkoff. »Ein Stück Land von Her Größe ist doch schließlich nicht zu übersehen.«

»O doch, Herr Berkoff! Vergessen Sie nicht die endlose Weite der Südsee, in der die Inseln nur verlorene Punkte sind. Es ist wohl denkbar, daß manche von ihnen noch von keines Menschen Auge gesehen und von keines Menschen Fuß betreten wurden …«

»Für unsere Insel kann das aber nicht zutreffen, Herr Professor. Wir sahen damals Ziegen und Tauben auf ihr; die müssen doch unbedingt einmal von einem Schiff dorthin gebracht worden sein.«

»Zweifellos, mein lieber Herr Berkoff, aber die Vorfahren dieser Ziegen können schon vor hundert oder hundertfünfzig Jahren ausgesetzt worden sein, und in der Zwischenzeit ist die Insel längst wieder in Vergessenheit geraten. Übrigens, meine Herren …«, er wandte sich an Wille und Schmidt, die ihren Disput gerade durch eine kurze Atempause unterbrachen, »das ist eine Tatsache, aus der man vielleicht einige nicht unwichtige juristische Schlüsse ziehen könnte.«

»Juristische Schlüsse, Herr Professor? Ich bin neugierig, was Sie folgern wollen«, meinte Dr. Wille.

»Ich ziehe den einzig möglichen Schluß, Herr Doktor, diese Insel ist, wie die Juristen sagen, eine ›res nullius‹, das heißt, eine Sache, die niemandem gehört. Der erste, der sie in Besitz nimmt, ist ihr rechtmäßiger Eigentümer.«

»Theoretisch vielleicht, meine Herren, aber praktisch?« Dr. Schmidt schüttelte halb zweifelnd, halb mißbilligend den Kopf. »Da würden am Ende doch wohl allerlei andere Leute kommen und unter Berufung auf ihre Interessensphären protestieren–würden ältere Ansprüche geltend machen … Man weiß aus der Kolonialgeschichte zur Genüge, wie es in solchen Fällen zugeht. Vor hundert Jahren mag so etwas wohl noch möglich gewesen sein, aber in unserer Zeit halte ich es für ausgeschlossen. Sie werden mir darin recht geben müssen.«

»Ich glaube, Herr Kollege, daß Sie mit Ihrer Meinung recht haben könnten«, pflichtete ihm Dr. Wille nach kurzem Nachdenken bei.

»Wir streiten um des Kaisers Bart, meine Herren«, meinte Professor Eggerth, »weder wir noch irgendwelche anderen Staaten haben an diesem weltverlassenen Flecken ein Interesse. Selbst wenn das Eiland bewohnt wäre, hätte es wenig Wert; es liegt viel zu weit abseits von den Koprainseln, die den Verkehr mit den größeren Inselgruppen vermitteln. Glauben Sie mir, es hat schon seine guten Gründe, daß sich bisher kein Liebhaber dafür gefunden hat.«

Dr. Schmidt wollte noch einen Einwand machen, als Hein Eggerth in den Mittelraum zurückkam. »Geht alles in Ordnung, Hein?« fragte der Professor. »Ist das Land schon in Sicht?«

Er stockte, als er in das Gesicht seines Sohnes blickte, stutzte noch mehr, als der, ohne die Frage direkt zu beantworten, ihn bat, mit nach vorn in den Pilotenraum zu kommen.

Von Georg Berkoff und seinem Sohn gefolgt kam Professor Eggerth in den Pilotenraum, in dem große Kristallscheiben einen freien Ausblick nach vorn erlaubten.

Der Professor trat an das Mittelfenster heran. In endloser Weite dehnte sich vor seinen Blicken die See. Ungefähr 10 Kilometer voraus erhob sich die Silhouette einer Insel aus der Flut und gewann an Form und Farbe, während »St 25« mit gedrosselten Motoren darauf zuflog. Noch betrachtete der Professor sie schweigend, als Bert Roege, der zweite Pilot des Flugschiffes, ein Blatt von seinem Schreibblock riß und es Hein Eggerth reichte.

»Die neue Ortsbezeichnung, Hein.« Der warf einen kurzen

Blick darauf, sah die Zahlen und griff sich an die Stirn. »Bei Gott, Georg. Nach der Ortsbestimmung muß sie es sein.

Und doch–es ist alles so anders.«

Professor Eggerth wandte sich zu dem Sprechenden hin.

»Was ist anders, Hein?« fragte er.

»Der Berg zur linken, Vater. Damals lag dort ein bewaldetes Plateau, nach meiner Erinnerung kam höher als 500 Meter.

Statt dessen ragt jetzt ein mächtiger Bergkegel in die Höhe.

Ohne Baum und Strauch, vollkommen kahl. Nach dem Besteck hier muß es ja unsere alte Insel sein, aber wiedererkannt hätte ich sie nicht, und Berkoff ging es ebenso wie mir. Auch er war im Zweifel. Deshalb bat ich dich in den Kommandoraum.« Während Hein Eggerth sprach, nickte der Professor ein paarmal leicht vor sich hin. Jetzt nahm er das Wort. »Ich kann es verstehen, Hein, daß ihr eure alte Insel nicht wiedererkennt.

Es hat wohl in der Zwischenzeit hier einen Vulkanausbruch gegeben. Der neue Kegel dort–ich schätze seine Höhe auf 2000 Meter–hat das Bild natürlich von Grund auf verändert.

Allzu lange kann der Ausbruch übrigens nicht zurückliegen, sonst müßten sich wenigstens Spuren einer Vegetation auf den Berghängen zeigen.«

Er griff nach einem scharfen Glas, beobachtete den neuen Berg eine Weile und reichte es dann seinem Sohn, während er weitersprach.

»Erloschen ist der Vulkan noch nicht. Durch das Glas kannst du einen schwachen Dunst über dem Gipfel bemerken. Hoffen wir, daß er Ruhe hält, bis wir unsern Schaden ausgebessert haben und uns wieder in die Stratosphäre zurückziehen können. Unsern Landeplatz wollen wir auf jeden Fall in einiger Entfernung von ihm wählen.«

Während dieser Ausführungen waren auch Dr. Wille und Schmidt hinzugekommen und hatten die letzten Worte von Professor Eggerth noch gehört. Dr. Schmidt kniff die Lider zusammen, um schärfer sehen zu können und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin.

»Wie meinten Sie, Herr Ministerialrat?« fragte Berkoff in der stillen Hoffnung, den langen Schmidt in Harnisch zu bringen.

Aber der war so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er die Frage überhörte. Er griff in die Tasche, zog ein Notizbuch heraus, blätterte darin, schien endlich gefunden zu haben, was er suchte, ruckte ein paarmal, während er die Notizen überlas, und steckte das Buch dann wieder fort. Berkoff wollte zum zweitenmal fragen, als Dr. Schmidt ihm zuvorkam.

»Selbstverständlich ist der Vulkan neu, Herr Berkoff. Er war noch nicht vorhanden, als Sie die Insel das letztemal besuchten.

Der Berg ist 12 Wochen und 3 Tage alt …«

Der Professor blickte erstaunt auf. »Wie wollen Sie das so genau wissen, Herr Dr. Schmidt? Mein Sohn und Herr Berkoff waren vor ungefähr drei Jahren hier. Seitdem dürfte kein Mensch wieder die Insel betreten haben.«

»Trotzdem bleibe ich bei meiner Behauptung, Herr Professor. Die Entstehung dieses Vulkans hängt zweifellos mit dem großen Seebeben vom 12. Februar dieses Jahres zusammen. Sie erinnern sich an den Bericht in der Geophysical Research, Herr Dr. Wille? Ich sandte Ihnen das betreffende Heft vor einigen Wochen zu.«

»Gewiß, Herr Kollege«, bestätigte Dr. Wille die Frage. »Ich habe den Bericht gelesen und zu meinen Akten genommen. Es war ein klassischer Beweis für die Atkinsonsche Theorie über die unterirdischen Zusammenhänge vulkanischer Tätigkeit.« »Eine grauenvolle Naturkatastrophe war es«, Professor Eggerth sagte es mehr zu sich als zu den anderen. »Über 10 000 und mehr Kilometer hin wurde damals unsere alte Erdrinde lebendig. Von den japanischen Inseln bis zu den Anden Südamerikas hin begannen Vulkane, darunter auch welche, die man für längst erloschen hielt, wieder Asche und Flammen zu speien. In der Südsee hier ist in jenen kritischen Tagen wahrscheinlich manches Eiland in die Tiefe gesunken, vielleicht auch manches neue, von dem man heute noch nichts weiß, aus den Fluten emporgetaucht …«, er brach ab, um anzuhören, was die Herren Schmidt und Wille sich zu sagen hatten.