Czytaj książkę: «Wachsen - über mich hinaus»

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KATHARINA KLUITMANN

Wachsen – über mich hinaus

Franziskanische Akzente

Für ein gottverbundenes und engagiertes Leben Herausgegeben von Mirjam Schambeck sf und Helmut Schlegel ofm

Band 3

Die Suche der Menschen nach Sinn und Glück ernst nehmen und Impulse geben für ein geistliches, schöpfungsfreundliches und sozial engagiertes Leben – das ist das Anliegen der Reihe „Franziskanische Akzente“.

In ihr zeigen Autorinnen und Autoren, wie Leben heute gelingen kann. Auf der Basis des Evangeliums und mit Blick auf die Fragen der Gegenwart legen sie Wert auf die typisch franziskanischen Akzente:

Achtung der Menschenwürde,

Bewahrung der Schöpfung,

Reform der Kirche und

gerechte Strukturen in der Gesellschaft.

In lebensnaher und zeitgerechter Sprache geben sie auf Fragen von heute ehrliche Antworten und sprechen darin Gläubige wie Andersdenkende, Skeptiker wie Fragende an.

KATHARINA KLUITMANN

Wachsen – über mich hinaus


Herzlicher Dank geht an Clemens Wagner für die fachkundige und äußerst versierte Unterstützung bei den Korrekturarbeiten sowie an die Deutsche Franziskanerprovinz mit Sitz in München.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.

© 2014 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter-verlag.de Umschlag: wunderlichundweigand.de (Foto: © frankiefotografie / thinkstock.com) Satz: Hain-Team (www.hain-team.de) ISBN 978-3-429-03750-5 (Print) 978-3-429-04777-1 (PDF) 978-3-429-06192-0 (ePub)

Inhalt

1. Was erwartet Sie in diesem Buch? – Ein Vorwort voller Fragen

2. Wie wächst ein Mensch? – Differenzierungen aus der Psychologie

Zwischen Realitäten und Idealen

Zwischen Offenbarem und Verborgenem

Zwischen Gut und Böse

Zwischen den Menschenbildern

Leben im Zwischen

Handeln im Zwischen

Zwischenbilanz: psychologische Aspekte

3. Ist Buße wachstumsfördernd? – Sperriges aus den Schriften des Franziskus

„Das Leben der Buße beginnen“ – Das Geschenk neuen Fühlens und Handelns

„In Buße sterben“ – Ein Leben lang im Wachstumsprozess bleiben

„Die aufgetragene Buße erfüllen“ – Altes loszulassen befreit

„Bußübungen“ – Wachstum braucht den Leib

„Um deiner selbst willen“ – Gott im Zentrum

Zwischenbilanz: psychologische und franziskanische Aspekte

4. Was wächst denn da? – Vergewisserungen aus dem Evangelium

„Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ – Ein Geschenk Gottes

„Das Samenkorn wächst“ – Eine Dynamik, die lebendig werden lässt

„Das Kind wuchs heran“ – Mensch werden mit Leib und Seele

„Nicht mehr unmündige Kinder“ – Er-Wachsen in Christus

Zwischenbilanz: biblische und franziskanische Aspekte

5. Wie wächst Franziskus im Bußschwung? – Lebensgeschichtliche Splitter

Mit Um-Sicht und Ein-Sicht

Mit Augen für den Himmel

Mit einem Blick für das Kleine

Miteinander

Mit spielerischem Ernst

6. Kann man wachsen lernen? – „Bußschwung-Übungen“

Die Wahrnehmung schärfen

Worte suchen

Mich annehmen lernen

Mich Werten aussetzen

Entschiedenheit einüben

Es mir wert sein, zu handeln

Noch einmal: Etwas tun, weil ich es nicht machen kann

7. Im Überschwang (un)endlich befreiter Liebe

Anmerkungen

Zum Weiterlesen

Abkürzungsverzeichnis

1. Was erwartet Sie in diesem Buch? – Ein Vorwort voller Fragen

Wachsen. Eine Blume wächst, ein Baum auch, ebenso Haare. Kinder wachsen. Doch irgendwann ist der Mensch ausgewachsen, der Mann, die Frau er-wachsen. Kann er dann weiter wachsen? Oder muss sie es sogar?

Und wenn ja: Was wächst denn dann? Muskeln bis zum Waschbrettbauch? Oder die Raffinesse in Kochkunst oder Wohnkultur? Wachsen die Erfahrung, das Wissen – oder gar die Weisheit? Meine Persönlichkeit? Liebe kann wachsen, Hass aber auch. Eine Beziehung kann wachsen – zu Dingen, zu einem Menschen. Kann die Beziehung zu Gott wachsen? Oder ich in ihr?

Kann ich wachsen? Will ich wachsen? Oder soll ich wachsen? Ist Wachsen ein Lebensgesetz? Eine Last oder eine Lust? Hatte ich je das unbändige Verlangen zu wachsen, mehr ich zu werden – oder die Hoffnung, dass sich endlich etwas auswächst, an mir, in mir? Oder fürchte ich mich vor dem Wachsen, weil es wehtut? Wachstumsschmerzen lassen fragen, ob Wachsen Verlockung oder Pflicht ist. Wer verpflichtet da, wer lockt da? Kenne ich Werdescheu? Wenn ich dann doch wachse, reife ich dann auch? Perfektioniere ich mich – oder bin ich auf dem Weg der Vollkommenheit?

Wohin wachse ich denn, wenn ich über mich hinauswachse? Hin auf mein besseres Ich? Oder auf ein Ideal zu, das mir jemand – ja, wer eigentlich? – vorlegt? Werde ich anders oder eine andere, wenn ich wachse? Verliere ich dabei, oder gewinne ich? Verliere ich mich dabei, oder gewinne ich mich erst wirklich?

Wenn Wachsen, sogar Wachsen über mich hinaus, Gewinn ist – wie geht das dann? Was brauche ich dafür? Was kann ich dafür tun? Was muss ich lassen? Oder hilft es, einfach abzuwarten, weil mir Wachstum dann geschenkt wird, unmerklich, wie bei einer Blume?

Viele Antworten lassen sich nur sehr persönlich geben und leben. Da sind der und die Einzelne gefragt. Es ist wahr, dass unterschiedliche Pflanzen unterschiedliche Böden brauchen, um optimal zu gedeihen. Gleichzeitig ist aber auch wahr, dass ganz ohne Wasser nicht einmal eine Wüstenpflanze überlebt.

Es gibt Lebensgesetze, die sich aufzeigen lassen. Geboren aus Erfahrung, Reflexion, Beobachtung und Forschung hält die Psychologie Wissen bereit, das (wenn es gut geht) geronnene Lebensweisheit ist. Aus meiner Arbeit als Psychologin möchte ich psychologische Modelle anbieten, die vielleicht Orientierung im eigenen Leben geben können.

Das eindrücklichste Modell sind Menschen, konkrete Vorbilder, an deren Erfahrung wir teilhaben können. An ihnen lässt sich ablesen, wie es gehen kann – und manchmal eben auch, wie es nicht geht. Für mich als Franziskanerin ist Franz von Assisi solch ein Mensch. Mit seinen Ecken und Kanten hat er ein Leben geführt, das bis heute fasziniert, obwohl kaum jemand, auch nicht in den franziskanischen Gemeinschaften, so lebte oder lebt wie er. Obwohl mein Leben sich gravierend von dem des Heiligen unterscheidet, innerlich wie äußerlich, und uns über ein halbes Jahrtausend voneinander trennt, lerne ich viel von ihm. Ich schaue mir an, was er erlebt hat und wie er mit sich und diesen Erlebnissen umgegangen ist. Ich lese, was er geschrieben hat. Ich lese – und staune oft genug, wie nah mir das ist, selbst wenn Sprache und Bildwelt manchmal sehr anders sind als meine. Als „Franziskanerin von der Buße und der christlichen Liebe“ bin ich auf das Wort „Buße“ bei Franziskus gestoßen. Es ist ein fremdes Wort mit unangenehmen Anklängen. Meilenweit scheint es weg von dem, was die Psychologie über menschliches Wachstum lehrt. Doch dann lassen sich ganz erstaunliche Parallelen für diesen Entwicklungsprozess des Wachsens entdecken. Denn wenn man lange genug den Staub der Jahrhunderte abgewischt hat, beginnt das Wort „Buße“ neu zu strahlen. Es zeigt unerwartet dynamische, wachstumsfördernde Aspekte voller Lebendigkeit. Diese Entdeckungsreise möchte ich mit Ihnen teilen, weil sie mir beim Wachsen hilft und vielleicht auch Ihnen.

Da Franziskus nichts anderes wollte, als das Evangelium zu leben, bedürfen meine Antwortversuche eines Blicks in die Evangelien, in die ich als Christin, als Theologin schaue. Was wächst in den Evangelien? Dachten ihre Autoren an so etwas wie menschliches Wachstum? Wie helfen sie uns, unser Leben zu gestalten, so dass wir über uns hinauswachsen? Was sagen sie zu Buße, zu Umkehr?

Der Weg dieses Buches geht also von menschlichen Wachstumsprozessen aus, um von da aus auf einige Schriften von Franziskus zu blicken. Was sich hier auftut, wird mit den Evangelien in ein Gespräch gebracht, um dann nochmals auf Franziskus und sein Leben zurückzuschauen, um in diesen Spuren das eigene Leben sehr praktisch zu bedenken, bevor das Schlusswort den Horizont noch einmal weiter öffnen möchte.

2. Wie wächst ein Mensch? – Differenzierungen aus der Psychologie

Wer dieses Buch liest, hat – voraussichtlich – Interesse daran, zu wachsen. Sollten Sie über ein theoretisches Interesse hinaus persönlich durch die Lektüre dieses Buches zum Wachsen angeregt werden wollen, erlaube ich mir folgende Tipps:

– Fragen Sie sich, bevor Sie weiterlesen, ob Sie Ihre Fragen, Ihr Anliegen, Ihr Interesse am „Wachsen – über mich hinaus“ ausdrücken und auf den Punkt bringen können. Vielleicht hat das Vorwort Fragen aufgeworfen oder verschüttete bewusst gemacht. Oft ist es hilfreich, sich zu zwingen, den eigenen persönlichen Punkt oder (höchstens) drei Punkte aufzuschreiben.

– Schauen Sie während des Lesens, was in Ihnen geschieht, was Sie in sich wahrnehmen (dieses Wort wird Ihnen in diesem Buch noch oft begegnen!). Was kommt Ihnen aus den Zeilen entgegen? Auch das können Sie aufschreiben.

– Unter Umständen lassen sich diese Punkte später miteinander in Verbindung bringen. Dann können Sie daraus lernen, damit wachsen – vielleicht sogar über sich hinaus.

Es gibt Ereignisse, die den Wunsch in einem Menschen wecken, wachsen zu wollen. Da hat jemand etwas getan, was ihm höchst peinlich ist. Obwohl das gar nicht seine Art ist, hat er in einer Situation, die ihn plötzlich überfiel, ihn überforderte, gelogen. Er schämt sich, weiß nicht, wie er da wieder rauskommen soll, und schwört sich: „Das passiert mir nicht noch mal!“

Während dieses Beispiel eine moralische Dimension hat, kann der Impuls, wachsen zu wollen, auch auf moralisch neutralem Boden aufsprießen: Sie war nach langer Zeit wieder mit einer Freundin joggen gegangen. Schon nach wenigen Metern bekam sie Seitenstiche, die Puste ging aus, das Herz schlug bis zum Hals. Obwohl die Freundin geduldig zum Gehen ermahnte und selbst einfach ein paar Mal hin und her lief, damit sie schließlich zusammen wieder ankamen, schwor sich die puterrote Joggerin: „Jetzt will ich was dran tun und endlich wieder fit werden!“

Gelingt es dem Lügenden und der Schnaufenden, ihre guten Vorsätze in die Tat umzusetzen, haben sie einen, je unterschiedlichen, Wachstumsschritt gemacht. Aber Hand aufs Herz, oft genug ist das nicht so einfach. Mehrmals hatte man sich schon vorgenommen, nicht mehr hässlich über andere herzuziehen, und immer wieder muss man sich eingestehen: „Ich habe es schon wieder getan.“ Wachsen in einem Bereich, in dem es nicht mit einem einzelnen Entschluss und seiner Umsetzung getan ist, ist schwer. Es ist schwerer, weil die „Krankheit“ chronisch geworden ist und alte Gewohnheiten schwerer zu überwinden sind als einmalige Fehlschläge. Gelegentlich geht uns in solchen Fällen auf, dass da irgendetwas „drunter“ sein muss, wo wir nicht „drankommen“.

Es gibt also Wachstumsimpulse aus etwas Negativem, einem Mangel, einem Fehler, einem Scheitern, einer Schuld, einem Defekt – wie immer wir das nennen wollen. Daneben gibt es Wachstumsimpulse, die von etwas Positivem angestoßen werden. Ich lernte eine Frau kennen, deren Klarheit mich völlig faszinierte. Mit großer Milde und doch sehr „geradeheraus“ sah sie sich selbst und ihr Leben an. Sie scheute sich auch nicht, mir Dinge ins Gesicht zu sagen, die ich mir bei anderen verbeten hätte. Dabei war mir glasklar, dass ihre Haltung aus einer tiefen Gottesbeziehung kam. Das ergab sich aus dem Inhalt des Gesprächs und es war auf kaum fassbare Weise spürbar. Sie war wie transparent für Gott. So wachsen können, so werden können, so klar, so mild, das wäre es! Dies war ein Wachstumsimpuls durch eine konkrete Begegnung.

Nicht immer müssen solche Begegnungen direkt zwischen Menschen stattfinden. Auch die Lektüre eines Buches kann Ideale an den eigenen Horizont rücken, die vorher nicht da waren oder die nicht attraktiv erschienen. Dabei können diese Ideale von ganz unterschiedlicher Art sein: Es kann sein, dass das, was mir in der Begegnung mit der Klarheit dieser Frau passierte, beim Lesen einer Heiligenlegende oder eines spirituellen Buches geschieht. Dies gilt auch in anderen Bereichen: Wie viele haben beim Lesen eines Koch- oder Bastelbuches gedacht, dass sie das selbst lernen und tun möchten. Berichte von Bergsteigern können den Sportsgeist wecken. Aufrüttelnde Nachrichten aus einem armen Land können animieren, sich mit seinen Fähigkeiten einem Hilfskonvoi anzuschließen.

Der schönste Wachstumsimpuls ist wohl die Liebe. Wegen ihres Freundes wird die junge Frau ordentlicher – und er um ihretwillen tanzbereiter. Dazu ist nicht mehr viel zu sagen.

Schließlich können wir wachsen wollen, weil uns gerade ein Wachstumsschritt gelungen ist. Wer die ersten drei Kilo abgenommen hat, bekommt Mut, weiter abzunehmen. Oder: Wer die ersten 100 000 Euro auf dem Konto hat, will mehr. In solchen Fällen wird Wachsen zu einer Art Selbstläufer. Dabei können die Ziele sehr unterschiedlich sein. Die Sache mit dem Konto lässt fragen, wo die Kriterien sind; ob es „gutes“ und „schlechtes“ Wachstum gibt. Selbst das Beispiel mit dem Abnehmen ist ambivalent. Wer zehn Kilo zu viel auf die Waage bringt, mag sich gern ermutigen lassen, nach drei Kilo weiter abzunehmen, wer dagegen magersüchtig ist, gerät genau da in die Falle. Das lässt zweifeln, ob es den Grundsatz geben kann und darf: „Hauptsache, wachsen!“ Wo sind die Kriterien, wo die Ziele? Welchen Impulsen können wir trauen? Versuchen wir, ein wenig Ordnung in das Ganze zu bringen.

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