Czytaj książkę: «GO EAST»

Czcionka:

Zaubi M. Saubert

GO EAST

Erlebnisse zwischen Verfall und Aufbruch

Außer der Reihe 13

Zaubi M. Saubert

GO EAST

Erlebnisse zwischen Verfall und Aufbruch

Außer der Reihe 13

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: November 2020

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Zaubi M. Saubert

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat: Ellen Norten, Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

ISBN der Printausgabe: 978 3 942533 91 1

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 872 2

Für Sylvie



Halle im Gegenlicht: Der Marktplatz mit der Marktkirche, dem Händeldenkmal und dem roten Turm.

Vorwort

Keine Zeit in meinem Leben hat mich so sehr beeindruckt und auch geprägt, wie meine Jahre in Halle an der Saale, zur Zeit der Wiedervereinigung und in den Jahren danach. Nun erzähle ich das Erlebte rückblickend in diesem Buch. Es beruht im Wesentlichen auf meinen persönlichen Erlebnissen. Geholfen haben mir dabei Fotos, Briefe und andere Erinnerungsstücke.

Das Buch schildert nicht die große Politik, sondern die kleinen Ereignisse und Geschichten am Rand. Es sind viele kuriose, skurrile, bewegende und spannende Begebenheiten dabei, die es verdienen, festgehalten zu werden. Irgendwann geraten solche Dinge in Vergessenheit, die Zeit entwickelt sich weiter und die Ereignisse sind so nicht mehr vorstellbar. Es hat letztlich bis zum Sommer 2011 gedauert, bis es mir tatsächlich gelungen ist, mich hinzusetzen und alles aufzuschreiben.

Keine der Geschichten ist frei erfunden, sondern sie haben sich in meiner Erinnerung so zugetragen. Die handelnden Personen gibt es wirklich, sie sind realer Teil der Geschichte. Ihre Charaktere und Beschreibungen wurden so weit verändert, dass sie nicht wiederzuerkennen sind.


Zaubi M. Saubert

Gelsenkirchen

im Sommer 2015


Teil 1

Eins

Es war ein schöner Tag im Juni. Die Sonne schien heiß aus blauem Himmel, während wir auf der Landstraße durch goldgelbe Getreidefelder fuhren. Aus den Lautsprechern begleiteten uns Campino und die Toten Hosen mit »Azzurro«. Wir waren bester Laune, total aufgeregt und gespannt auf das, was uns wohl erwarten würde.

Das erste Stück der Fahrt war noch ganz normal verlaufen. Wie oft hatte ich die A2 Richtung Berlin schon befahren? Aber spätestens seit Helmstedt hatte sich alles geändert. Musste man sich früher an der sogenannten innerdeutschen Grenze anstellen, sich von den stechenden Blicken der Grenzer durchbohren lassen und versuchen, bloß nicht aufzufallen, wurden wir jetzt einfach durchgewunken und befanden uns in der DDR. Und zwar richtig in der DDR, nicht nur auf der Transitautobahn nach West-Berlin.

In Magdeburg verließen wir die Autobahn und folgten den nur noch schwer leserlichen, ehemals gelben Schildern Richtung Halle. Es ging vorbei an einer dieser Plattenbausiedlungen, wie man sie aus dem Fernsehen kannte. Das Bild, das sich beim Blick aus dem Autofenster bot, hatte sich völlig gewandelt. Die Straße war deutlich schlechter geworden. Überall Schlaglöcher und Unebenheiten. Mein knallroter VW-Passat plötzlich umgeben von grauen Wartburgs und Trabis. Die Häuser und Dörfer entlang des Weges sahen auch anders aus, als ich es kannte, und hatten mehr als nur einen neuen Anstrich nötig. Wir passierten kleine graue Ortschaften, von deren Namen wir noch nie gehört hatten.

»Eh cool, Zaubi«, meinte Horst vom Beifahrersitz, wies mit der Hand nach vorne und zündete sich eine neue Zigarette an.

»Ja, total spannend«, erwiderte ich.

»Und vielleicht fahren wir hier in einem Jahr in nem dicken Benz lang und ziehen erst mal eine schöne Line durch«, spann Horst vor sich hin.


Bei Horst handelte es sich um meinen Neffen, oder, wie er immer sagte, mein Schwippschwager. Der Sohn der Schwester meiner Freundin Sylvie. Mit seinen gerade mal zwanzig Jahren ein kleines, etwas pickliges Großmaul. Groß gewachsen und dürr. »Eh cool« gehörte zu seinen beliebtesten Redewendungen. Wir beide befanden uns auf dem Weg nach Halle an der Saale.

Zwischen den Obstbäumen am Straßenrand machten wir ein verrostetes Ortsschild aus. Bernburg. Der Straßenbelag wechselte auf eine gewölbte, alte Kopfsteinpflasterdecke. Hinter einer Rechtskurve ging es steil bergab auf einen geschlossenen Bahnübergang zu. Die Straße hatte sich in eine gepflasterte Buckelpiste verwandelt. Mir fliegt sicher gleich ein Reifen oder mindestens der Auspuff weg, ging es mir durch den Kopf, während wir uns rumpelnd dem Übergang näherten.

Zum Glück waren die Schranken geschlossen, denn ansonsten hätte man sich bei dem Versuch, den Bahnübergang in normaler Geschwindigkeit zu überqueren, wahrscheinlich die Achse gebrochen. So aber holperten wir im Schritttempo über die Gleise, nachdem sich die Schranken wieder geöffnet hatten, und wurden dabei nur ordentlich durchgeschüttelt. Mein Gott, was für eine Piste, dachte ich. Anschließend wurde die Straße wieder etwas besser.

Bernburg war die erste DDR-Stadt, durch die wir fuhren. An Magdeburg waren wir ja nur vorbeigekommen. In Bernburg ging es nun einmal mittendurch. Hier war alles anders, als ich es sonst kannte. Trotz des blauen Himmels und dem Sonnenschein wirkte alles grau. Die Fassaden, die Dächer, die Autos, eigentlich alles. Sogar die vereinzelten Menschen, die ich auf der Straße sah. Und es bröckelte. Überall bröckelte es. Von den maroden Dächern, den löchrigen Fassaden.

Bald hatten wir Bernburg hinter uns gelassen und rollten Halle entgegen. Einladend sah Halle nicht aus, als wir es dann vor uns liegen sahen. Am Straßenrand stand auf einmal ein großes, natürlich graues Betonteil mit zwei Sternen und einem liegenden Halbmond. Unwissend, wie ich damals noch war, brachte ich die Sterne erst mal mit den Sowjetsternen in Verbindung. Das behielt ich glücklicherweise für mich. In Wirklichkeit handelte es sich um einen geöffneten roten Halbmond zwischen zwei roten Sternen auf weißem Grund. Das hallesche Stadtwappen, das eine stilisierte Siedepfanne und Salzkristalle darstellt. Halle die Salzstadt.

Jetzt bemerkten wir erst mal eine leicht bräunlich-graue, diesige Glocke über der Stadt. Im leichten Schlingerkurs fuhren wir über Kopfsteinpflaster und Straßenbahngleise in die Stadt hinein und erreichten wenig später einen riesigen Kreisverkehr, den Thälmann-Platz, damals der größte Kreisverkehr der DDR. Fünf breite Straßen führten von dort in alle Richtungen, die Straßenbahnen hatten in der Mitte des Platzes ihre Haltestellen, überspannt wurde das Ganze zusätzlich von einer Hochstraße, umgeben von wuchtigen Plattenbauten. Ein futuristisches Ensemble. Ich sollte bald Leute kennenlernen, die diesen riesigen Kreisverkehr prinzipiell aus Angst mieden und lieber große Umwege in Kauf nahmen, nur um mit dem Auto nicht darüber fahren zu müssen.

Wir fanden den Abzweig nach Halle-Neustadt, überquerten auf der aufgeständerten Magistrale kurz darauf die Saale und erblickten die große Plattenbauvorstadt, die damals über neunzigtausend Einwohner zählte. Jetzt rechts abbiegen und dann sollte auch schon gleich der Flugzeugrumpf einer ausrangierten Iljuschin aus der Grünanlage auftauchen. Danach an der Kreuzung links abgebogen und wir hätten unser Ziel erreicht. So zumindest hatte Anita uns den Weg beschrieben.

Die alte Iljuschin konnten wir schwer übersehen, und so bogen wir an der bezeichneten Kreuzung links ab. Jetzt mussten wir gleich da sein. Block 337/Haus 1, lautete unser Ziel. Straßennamen gab es hier keine, denn hier hatte man alles durchnummeriert. Aha, wir entdeckten Block 324. Na, dann konnte es ja nicht mehr weit sein. Als dann Block 253 folgte, wurden wir stutzig. Wie geht denn das zusammen? Bald schwante mir, dass man der Nummerierung nicht unbedingt mit unserer Westlogik beikommen konnte. Noch dazu befanden wir uns ja auch nicht in einer gewachsenen Stadt, denn die Gründung von Halle-Neustadt ging auf einen Beschluss des ZK der SED aus dem Jahr 1963 zurück. Hier sollten die Arbeiter der großen Chemiestandorte Leuna und Buna untergebracht werden.

Nachdem wir eine Weile planlos zwischen den Plattenbauten herumgekurvt waren und zunehmend die Orientierung verloren, traten wir den Rückweg an. Noch mal zurück zu der Kreuzung, von der aus wir die Irrfahrt begonnen hatten.

»He, Zaubi, da vorne geht rechts noch eine Straße ab«, stellte Horst fest und schon bogen wir in diese ein. Wir hatten Glück und entdeckten gleich am ersten Hauseingang das Kürzel 337/1. Bingo, angekommen. Wir suchten uns zwischen den Trabis, Wartburgs, Ladas sowie einigen uns unbekannten Fahrzeugtypen einen Parkplatz und stiegen aus.

Sah alles so ganz anders aus hier als bei uns im Westen, dachte ich, und streckte mich nach der langen Fahrt erst einmal ordentlich aus. Renntenntenn tenntenntenn. Knatternd fuhr ein Trabi an uns vorbei, eine leicht bläuliche Rauchfahne hinter sich herziehend. Und es roch hier auch anders. Das war schon echt aufregend. Während mein Blick noch über die leicht schmuddelige Plattenbaufassade glitt, entdeckte ich im Erdgeschoss jemanden. Es war Anita, die am Fenster stand und ganz aufgeregt winkte.

Wir suchten noch nach der Klingel, als sie bereits die Haustür aufriss, mir jubelnd um den Hals fiel und mich mit ihrem unnachahmlichen halleschen Dialekt begrüßte.

»Nu Meener, seit ihr endlich do.«

Im Hintergrund tauchte nun auch mein Freund Rolf auf, der lebte zurzeit bei Anita.

»Willkommen im Osten«, meinte er breit grinsend mit einem Bier in der Hand. Ich stellte Horst kurz vor und wenig später saßen wir vier, aufgeregt plaudernd, im Wohnzimmer von Anitas Zweiraumwohnung.


Anita kannte ich eigentlich nur über drei Ecken. Freunde von mir hatten sie im Sommerurlaub in Ungarn am Balaton kennengelernt. Nachdem die Grenze geöffnet wurde, kam sie im letzten Winter nach Hannover zu Besuch. Dort traf ich sie das erste Mal. Anita war eine Lustige, mit langen, dunkelblonden Locken. Sie konnte schnell, ohne Punkt und Komma plappern und hatte eine ansteckende, auffällige Lache. Nachdem sich Horst und ich erst mal ein kaltes Bier nach der langen Fahrt gegönnt hatten, stellte Rolf nun die Flasche Braunen, den allgegenwärtigen DDR-Weinbrand, wie wir noch lernen sollten, auf den Tisch. Anita konterte mit einer Flasche Pfeffie, dem in der DDR so beliebten Pfefferminzlikör. Der sah schon so giftig grün aus, dass ich gleich abwinkte. Die Nacht wurde lang und feucht-fröhlich. Irgendwann pumpten Horst und ich mit letzter Kraft unsere Luftmatratzen im Wohnzimmer auf und krochen in unsere Schlafsäcke.


Am nächsten Morgen ging es nach dem Frühstück als Erstes zum Einkaufen in die Kaufhalle. Das wurde richtig aufregend und fing bereits am Eingang mit dem Namen an, Kaufhalle und nicht Supermarkt. Drinnen ging es weiter, dort hing nämlich ein großes Schild, das unmissverständlich verkündete: »Kein Rundgang ohne Korb!« Da konnte man nicht wie bei uns, so mir nix dir nix eben mal rein, Brötchen holen und sich damit an der Kasse anstellen. Nein, man stellte sich erst mal vor der Kasse an und wartete, bis dort, nach dem Bezahlen eines Kunden, sein Einkaufswagen frei wurde. Mit diesem durfte man dann den sozialistischen Konsumtempel betreten. So regelte die Anzahl der Einkaufswagen den Zugang zum Markt. Was es alles gab. Horst und ich waren baff.

Drinnen ging es spannend weiter, denn dort sah es so anders aus, keine bekannten Produkte, alles nüchtern und schlicht verpackt. Farbe fehlte. Die Wurst am Fleischwarenstand wirkte ein bisschen so grau wie alles andere hier auch. Selbst das Gemüse war zwar grün, wirkte aber irgendwie gerupft und unterernährt. Ein langes Trassenband sperrte die halbe Kaufhalle ab. Erst als Rolf mich darauf hinwies, dass doch hier im Osten bald die D-Mark eingeführt würde, erklärte sich mir der Sachverhalt. Hier entstand bereits Platz für die neuen Westwaren, die in Kürze in den Regalen stehen sollten.


Im Anschluss an unseren ersten Kaufhallenbesuch fuhren wir mit unseren beiden Gastgebern ins Zentrum zur Stadtbesichtigung. Irgendwie sah alles anders aus, fast wie in einem anderen Land, obwohl die Leute deutsch sprachen und man natürlich auch alles lesen konnte. Der Sozialismus zeigte sich, nicht nur in roten plakativen Spruchbändern, allgegenwärtig. Wir kamen an einem hübschen baumbestandenen Boulevard vorbei, dem Hansering, dessen Ende vom sogenannten Fahnenmonument bekrönt wurde, wie uns Anita aufklärte. Dabei handelte es sich um eine riesige, etwa zwanzig Meter hohe Betonskulptur, in Form einer wehenden Fahne, natürlich einer roten.

»Die hat was mit den Russen zu tun«, versuchte Anita uns deren Sinn zu erklären. Genauer gesagt wurde sie 1967, zum 50. Jahrestag und Gedenken an die Oktoberrevolution, als »Flamme der Revolution« errichtet, wie ich später erfuhr. Im Volksmund hieß sie nur die Fahne.

Im krassen Gegensatz zu diesem Relikt des Kommunismus standen in direkter Nähe etliche achteckige Bierbuden unter den Bäumen, wie man sie im Westen von Volksfesten kannte. Hier wirkten sie etwas zweckentfremdet. Zwar gab es auch tatsächlich Bier, aber weniger zum geselligen Sofortverzehr frisch gezapft, sondern eher zum Mitnehmen in der Dose. Dies waren die ersten Kioske mit Westware. Staunend registrierte ich, dass hier Holsten Bier in 0,5-Liter-Dosen, einzeln oder gleich als ganze Palette, verkauft wurde. Für Westmark natürlich. Ich glaube für eine Mark fünfzig die Dose. Obendrein gab es noch guten Westkaffee und Konserven: Eintöpfe, Würstchen, Bonduelle-Gemüsekonserven und was der Discounter im Westen noch an Dosen hergab. Unter der roten Fahne herrschte emsiges geschäftliches Treiben und insbesondere das Holsten war heiß begehrt. Holsten – weil’s knallt am dollsten, ging es mir durch den Kopf.


Zum Mittagessen führte uns Rolf ins Restaurant des Hotels Rotes Ross, eines der ersten Häuser am Platz, wie er berichtete. Die Preise waren für Westverhältnisse natürlich der Hammer. Da konnte man es sich für wenig Geld richtig gut gehen lassen. Schön mit weißem Tischtuch eingedeckte Tische, riesige weiße Stoffservietten und livrierte Kellner. Vorher hieß es aber erst einmal warten. »Sie werden platziert«, verkündete das Schild am Eingang. Aber Rolf war nach eigenen Angaben hier Stammgast und so ging es recht flott, bis wir an einem schönen Tisch saßen und staunend auf die Preise neben den ansprechend beschriebenen Gerichten der Speisekarte guckten.

»Eh cool, ist das billig«, entfuhr es Horst, worauf der Ober, der gerade die Getränkebestellung aufnehmen wollte, doch etwas betreten guckte. Gönnerhaft erzählte uns Rolf, dass er hier mittags häufiger essen würde. Und überhaupt ginge er oft zweimal täglich essen und dazu manchmal noch frühstücken. Na klar, wer hatte schon Lust, morgens noch selber Brötchen zu holen, wenn man sich für wenig Geld alles vorsetzen lassen konnte. Horst kam aus dem Staunen nicht mehr raus.


Rolf war Messebauer und hatte sich Ende 1989 von seinem Arbeitgeber kündigen lassen, sozusagen eine Auszeit genommen, mit der Absprache, dass man ihn nach einem halben oder einem Jahr wieder einstellte. Und dann fuhr er im Januar 1990 zu Anita und anderen Bekannten nach Halle. Nicht nur, dass er durch seinen Job ein gutes Arbeitslosengeld hatte, von dem man in der untergehenden DDR exzellent leben konnte. Nein, man konnte damals ja auch noch schwarz Westmark gegen Ostmark tauschen, im Verhältnis eins zu sieben! Den Zwangsumtausch, den es früher für Besucher der DDR gab, hatte man mittlerweile abgeschafft und mit einem Portemonnaie voll »Spielgeld«, wie die DDR-Mark gerne abwertend genannt wurde, war man endgültig König und konnte es so richtig krachen lassen.

Und das tat er damals halt auch. Er ging immer in die besten Restaurants, abends dann in die Studentenklubs, wo er schnell einige hübsche Studentinnen um sich scharte und großzügig die ohnehin schon billigen Getränke orderte. Ein Leben in Saus und Braus, nach dem Motto »Was kostet die Welt?«. Für den Nachhauseweg fand sich dann meist noch ein Taxi, und wenn es sich nur um ein Schwarztaxi handelte, denn echte Taxis waren Mangelware. Als Schwarztaxi bezeichnete man einen Privatwagen, dessen Fahrer für Geld Personen beförderte, ohne dass er einen Taxischein besaß. Die Fahrzeuge waren selten Trabis, meist Ladas oder Wartburgs, weil die mehr Komfort boten. Man musste nur am Straßenrand den Autos zuwinken und mit etwas Glück hielt ein solches Schwarztaxi dann an. Über den Preis einigte man sich in der Regel.


Ich bemerkte, wie Horst bei der Schilderung von Rolfs Lebenswandel große Augen machte. Ja, das wollte er auch haben.

»Eh cool«, staunte er.

Hm, das sah wirklich alles ganz nett aus und war sicherlich ein schönes Abenteuer, was aber nicht ewig so weitergehen würde. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis die D-Mark am 1. Juli kam und mit ihr dann auch in Kürze die Wiedervereinigung. Und deswegen waren wir eigentlich hier, um die Lage zu sondieren, Eindrücke in Echtzeit zu sammeln, um dann in Halle den großen geschäftlichen Höhenflug zu starten.


Damals, Ende der Achtziger, studierte ich Architektur an der Uni in Hannover, hatte aber aus unterschiedlichen Gründen meine Lust und Motivation zu diesem Studium verloren. Dazu kam, dass man in dieser Zeit mit Architekten die Straßen pflastern konnte. Es war alles gebaut, die Altstädte entweder planiert und neu gebaut oder aufwendig saniert, die Landschaft mit gesichtslosen Einfamilienhausteppichen vollgestellt. Städte und Kommunen waren noch dazu weitgehend pleite. Da sahen die Berufsaussichten für Architekten, von denen jedes Jahr viel zu viele die Hochschulen verließen, eher düster aus. Woher also noch die Lust für das Studium nehmen?

Über meinen Freund Frank gelangte ich eines Tages, eher auf der Suche nach einem Nebenverdienst, zu einer Informationsveranstaltung eines großen deutschen Finanzdienstleisters, der OVB. Schick gestylte Herren in Maßanzügen und mit einer Rolex am Handgelenk erzählten mir, im Himmel wäre Jahrmarkt und man würde nur noch auf mich warten. Als Hauptredner trat ein gewisser Carsten Maschmeyer aufs Podest, der damals mit Ende zwanzig, gerade sein Medizinstudium an den Nagel gehängt hatte und sich stattdessen von seinen Provisionen bereits eine eigene Insel gönnte. Etwa zwei Stunden später schwebte ich, mit etwa zwanzig anderen Teilnehmern, einen halben Meter über dem Fußboden völlig benommen aus dem Saal. Wow, der Weg zu Geld, Karriere und Reichtum. Er war so einfach! Man musste es nur tun. »TuN – Tag und Nacht«, eine seiner Losungen zum Erfolg.

Das war vor etwa zweieinhalb Jahren gewesen. Das mit dem TuN sollte nicht so einfach sein wie gedacht, aber Schritt für Schritt kam ich vorwärts. In etlichen Schulungen und Seminaren hatte mich die OVB zum sogenannten Finanzkaufmann ausgebildet, eine nicht geschützte Berufsbezeichnung, hinter der sich letztlich der Vertrieb von Versicherungen, Bausparverträgen und diversen anderen Finanzprodukten verbarg. Seit anderthalb Jahren war ich sogenannter Geschäftsstellenleiter und dabei, mir in Hannover meine eigene Mitarbeiterstruktur, wie man so schön sagte, aufzubauen. Dazu gehörte seit Kurzem auch mein Neffe Horst, der hier im Verkauf die Chance sah, die er in seinem gelernten Beruf als Handelsfachpacker nicht besaß.

Meine Chefin, Dagmar Gehrke, war eine sehr freundliche, gewinnende Frau, die aber auch zu führen wusste, Anfang fünfzig, dunkelhaarig, gut aussehend und immer adrett gekleidet. Ich habe sie sehr geschätzt und viel von ihr gelernt. Sie hielt eigentlich zu Beginn nichts davon, im Osten etwas aufzubauen. Wir sollten doch erst einmal zusehen, dass wir in unserem eigenen Gebiet die Struktur ausbauen und festigen konnten. Aber gerade unter ihren Geschäftsstellenleitern scharrten fast alle mit den Hufen und wollten in den Osten. Und letztlich sollte es nur noch eine Frage von Tagen sein, bis die damals noch bestehenden Handelsschranken fallen würden. Und vor allem, wenn die D-Mark zum 1. Juli 1990 kam, dann gab es sowieso kein Halten mehr. So hatte ich beschlossen, dieses Wochenende einmal Ostluft zu schnuppern und die Bekannten in Halle zu besuchen. Dabei wollte ich natürlich auch schauen, wie denn die Chancen für einen beruflichen Einstieg in Halle standen. Horst war natürlich gern bereit, mich auf dieses kleine Abenteuer zu begleiten.


Nach dem Mittagessen im Roten Ross ließen wir uns von Rolf noch etwas mehr von Halle zeigen. Mein Gott sah das alles marode und grau aus. Es bröckelte an allen Ecken und Enden. Zu sagen, dass der Zahn der Zeit an dieser Stadt nagte, wäre untertrieben gewesen, der Zahn war eher dabei, sie Stück für Stück einzureißen. Die Luft tat ein Übriges. Das lag zum einen an den knatternden Trabis, Wartburgs, und wie sie alle hießen, die aus ihren Zweitaktmotoren dicke, stinkende, bläuliche Wolken hinter sich herzogen, und zum anderen lag es an der Braunkohle, deren Geruch fast allgegenwärtig war. Auch die Menschen sahen ein bisschen wie ihre Häuser aus. Die Kleidung, die Schuhe, die Gesichter. Alles in Grautönen.

Abends führte uns Rolf ins hallesche Nachtleben ein. Es ging in den »Turm«, Halles angesagtesten Studentenklub, gelegen in einem alten mächtigen Wehrturm der Moritzburg. Es handelte sich um eine Studentenkneipe mit Disco auf mehreren Ebenen. Während draußen Dutzende Leute darauf warteten, eingelassen zu werden, gingen wir gleich an der Schlange vorbei, nach vorne durch zum Einlass. Rolf wurde dort sofort nett begrüßt und erklärte, er hätte heute zwei Wessis mitgebracht, die zu Besuch seien, und schon waren wir, nach allseitigem freundlichem Hallo mit den Türstehern, drin.

»Wie funktioniert denn das jetzt? Du scheinst ja hier bestens bekannt zu sein«, wollte ich von Rolf wissen.

»Ja, na klar, der Maik ist ein Kumpel von mir«, erzählte er gönnerhaft, »der setzt mich immer auf die Liste und so lassen die mich am Eingang immer durch.«

»Hä?«

»Ja, naja, eigentlich musst du Türmer sein, also Klubmitglied oder zumindest einen Studentenausweis haben«, führte er aus.

»Sonst ist das schwer hier reinzukommen. Oder du hast einen Kumpel, der Mitglied ist und der kann immer noch einen mitbringen und dich für den Abend auf die Liste setzen.«

Beziehungen musste man also haben und auf der Liste stehen, so funktionierte das also. Fast genauso wie in den schicken Klubs im Westen, dachte ich.

Wie hatte es die legendäre Punkband »Peter and the Test Tube Babies« einmal treffend besungen: »Get me on the guest list.« Drinnen herrschte das gemütlich-rustikale Ambiente einer Studentenkneipe, mit alten Schildern an den Natursteinwänden, derbem Mobiliar, super Stimmung und billigen Getränken. Bei diesen Preisen konnte man großzügig mal einen ausgeben. Maik Klausen, der Türsteher, seine Freundin Manuela, Anita und etliche andere gesellten sich zu uns und wir verbrachten einen ausgelassenen Abend. Die Morgendämmerung hatte bereits eingesetzt, als wir mit einem Schwarztaxi die Heimfahrt nach Halle-Neustadt antraten.


Am Sonntag brachen Horst und ich nach dem Frühstück zu einem Abstecher nach Leipzig auf. Dort wollte ich Hildegard und Walter Eckstein besuchen. Walter war ein alter Schulfreund meines Vaters und die Freundschaft hatte all die Jahre überdauert. Wir rumpelten mit meinem Passat die vierzig Kilometer über die miserable Autobahn nach Leipzig. Im vergangenen November hatte ich die beiden, nach der Grenzöffnung, schon einmal zusammen mit meiner Freundin Sylvie besucht. Puh, damals erschien uns alles nur schrecklich trist, farblos und es roch noch viel schlimmer nach Braunkohle als dieses Mal. Ich wusste noch, wie wir in der Arthur-Hoffmann-Straße ihr Haus gesucht hatten. Walter hatte gesagt:

»Nu, das ist ganz einfach. Die Häuser auf der einen Seite sind rot und die auf der anderen Seite sind gelb. Die Siebzehn ist das zweite gelbe Haus.«

Ganz einfach. Sylvie und ich hatten die Arthur-Hoffmann-Straße in Leipzig damals in der Abenddämmerung eines extragrauen Novembertages, bei leichtem Nieselregen, erreicht. Ratlos schauten wir aus den heruntergekurbelten Seitenfenstern in die fahle, nebelverhangene Straße. Welches Haus war hier nun rot und welches gelb? Die Hausnummern konnten wir erst recht nicht in diesem Nebel erkennen. Also stieg ich aus und näherte mich dem ersten Haus. Für Gelb wirkte es eindeutig zu dunkel. Aber rot erschien es mir auch nicht. Letzten Endes hatten wir uns dann über die winzigen Hausnummern über den Hauseingängen an die gesuchte Nummer herangetastet. Und das Haus sollte gelb sein? Auch am nächsten Morgen, im kalten, grauen Tageslicht bedurfte es schon etwas Fantasie, um das Haus als gelb zu bezeichnen. Wobei auch hier der Unterschied zum Rot auf der anderen Straßenseite eher im Nuancenbereich anzusiedeln war. Na, egal.


Jetzt, ein Jahr später, kam ich wieder nach Leipzig und wir hatten immerhin Sommer, die Luft wirkte auf mich nicht ganz so schlecht und das Grau heller. Wir fanden die Adresse von Hildegard und Walter ohne Probleme und wurden auch schon sehnsüchtig erwartet. Westbesuch stand ins Haus, das war immer ein großes Ereignis in der DDR. Es gab jede Menge Kuchen, natürlich Jacobs Kaffee und dann

»‘nen kleinen Braunen? Oder lieber einen Wodka?«

Nee, nee, wiegelten wir ab, denn wir mussten an dem Tag noch nach Hannover zurückfahren. Hildegard und Walter waren so Mitte fünfzig, beide berufstätig und total gespannt, wie das nun weitergehen würde im Staate, mit dem Staate. Aber sie hatten auch ihre Zweifel: ob ihr Kombinat wohl bestehen bleiben würde, ob sie ihre Arbeit behielten und wie das mit dem Ersparten wäre. Das ging ihnen im Moment alles zu schnell. Als ich Walter erzählte, was ich hier im Osten plante, guckte er mich groß an. Erst recht als ich ihn fragte, ob er nicht bei mir mitarbeiten wolle. Ja, Interesse zeigte er schon, nur so recht vorstellen konnte er es sich nicht.

Wie auch? In der DDR kannte man nur die Sparkasse, da konnte der Bürger ein Sparbuch eröffnen oder vielleicht einen Kredit für die erste Schrankwand oder das Häuschen aufnehmen. Mehr gab es da nicht. Dann war da noch die staatliche Versicherung der DDR. Dort konnte man eine kleine Lebensversicherung abschließen, seinen Trabi oder die Pressplatteneinrichtung der Plattenbauwohnung versichern und noch eine Haftpflichtversicherung abschließen. Mehr gab es auch da nicht. Walter wusste zwar, vor allem aus dem Westfernsehen, dass man sich im Westen gegen alles Mögliche versichern konnte und dass es bei unzähligen Banken unzählige Möglichkeiten gab, sein Geld anzulegen, aber das war hier im Osten noch Zukunftsmusik.


Am späten Sonntagnachmittag brachen wir von Leipzig aus, zur Heimfahrt nach Hannover auf. Ein total aufregendes Wochenende mit tausend und mehr Eindrücken ging zu Ende. Besonders auffallend: die Freundlichkeit, Offenheit und Herzlichkeit der Menschen. Das kannte ich so aus dem Westen kaum, denn da war cool sein angesagt und alle darauf bedacht diese Fassade immer schön hochzuhalten. Die Menschen, die ich hier im Osten kennengelernt hatte, kamen so ehrlich sie selber, so natürlich und menschlich rüber und damit erfrischend normal. Ganz anders als oft bei uns im Westen.


Am nächsten Tag, einem Montag, hatte ich ab zehn Uhr Bürodienst im Firmenbüro in der hannoverschen Bultstraße. Als meine Chefin später dazu kam, sollten meine Erlebnisse in Halle natürlich das Thema überhaupt sein. In den kommenden Tagen verflüchtigten sich ihre Vorbehalte gegen ein Engagement im Osten mehr und mehr. Der Zug war nicht mehr aufzuhalten. Meine Chefin blieb nicht untätig und knüpfte erste eigene Kontakte. Sie orientierte sich nach Magdeburg und Aschersleben, einen anderen Kollegen von uns zog es nach Greifswald. Es entwickelte sich eine richtige Aufbruchsstimmung. Man konnte die Spannung förmlich knistern hören. Die Tage in Hannover vergingen wie im Fluge. Ich hatte etliche Kundentermine und dann gab es noch Meetings im Büro.

Auch abends zu Hause sollte mein Besuch in Halle das große Thema sein. Meine Freundin Sylvie zeigte sich erst einmal etwas skeptisch, was mein mögliches Engagement im Osten anging, vor allem, weil ich oft weg sein würde und sie sich einen eventuellen Umzug nach Halle so gar nicht vorstellen konnte. Sie wusste aber auch, dass Halle eventuell meine große Chance sein konnte, und wollte sich da nicht quer stellen. Sylvie war damals fünfundzwanzig Jahre alt, hundertachtzig Zentimeter groß, sehr schlank mit karottenroten Haaren. Sie selber sagte immer etwas ironisch über sich: »Eine große Dürre wird kommen.«

Sie managte die Fitnessetage »Panorama 17« des Hotels am Stadtpark in Hannover, passenderweise im siebzehnten Stock. Ein Job mit toller Aussicht über die Dächer der Stadt. Wir waren seit sieben Jahren glücklich zusammen und teilten seit einigen Jahren eine erste gemeinsame Wohnung. Unser Leben war bislang nie ganz geradlinig verlaufen, doch das störte uns nicht. Und jetzt sollte für uns beide das spannendste Kapitel überhaupt folgen.


Zwei

Am 1. Juli 1990 kehrte ich nach Halle zurück. Seit diesem Tag galt die D-Mark in der DDR als offizielles Zahlungsmittel. Es war ein heißer Sonntag und man spürte die Spannung, die über allem lag, wie ein Sirren in der Luft. An einem solch heißen Sonntag im Juli wären die Dörfer und Städte normalerweise wie ausgestorben gewesen. Die Menschen hätten sich auf ihre Datsche zurückgezogen oder würden sich zumindest in irgendeinem Freibad oder an einem See erholen. Heute verhielt sich das anders. Die Sparkassen hatten Sonderöffnungen eingerichtet und gaben das neue Geld an die aufgeregt wartenden Massen aus. Bereits in den Ortschaften auf dem Weg nach Halle hatte ich vereinzelt Menschenschlangen vor den Banken in der Mittagsglut ausharren gesehen. In Halle selbst kam es mir total wuselig vor, alles schien auf den Beinen zu sein.

Zurück in Anitas Wohnung in HaNeu, wie Halle-Neustadt umgangssprachlich hieß, berichteten mir Anita und Rolf davon, dass letzte Nacht in ganz Halle eine riesige Party stattgefunden hatte. Überall wurde bis tief in die Nacht der Abschied von der Ostmark, den »Aluchips«, gefeiert.

Nachmittags machten wir dann einen Spaziergang durch Halle-Neustadt und kamen dabei auch an »unserer« Kaufhalle vorbei. Auch hier war einiges los. Die Leute waren entweder auf dem Weg zur Bank oder kamen gerade von dort mit dem neuen Geld zurück, blieben an den Schaufenstern der Kaufhalle stehen und guckten in den geschlossenen Markt. Warum schaut man in einen geschlossenen Supermarkt, fragte ich mich, und ging nun selbst hin. Beim Hinsehen erschloss sich mir der Grund. Da, wo letzte Woche noch die leeren Regale standen, hatte man nun die neuen Westprodukte eingeräumt. Doch heute am Sonntag hatte die Kaufhalle geschlossen und es gab nichts zu kaufen, nur zu gucken.

Voller Begeisterung drückten sich die Leute die Nasen an den Scheiben platt und machten sich gegenseitig aufmerksam auf die schönen Dinge, die sie durch die Scheibe erkennen konnten.

»Ah, gucke nur, soo viel Coca Cola.«

»Boah, da ist ein ganzes Regal voll Nutella.«

»Da, der gute Westkaffee.«

Rolf und ich fanden die Situation kurios, weil wir so etwas nie erlebt hatten. Was sollte daran Besonderes sein, in einen geschlossenen Supermarkt zu gucken. Aber Anita sah das anders und fühlte sich und ihre Landsleute auf den Arm genommen.

Später in der Stadt stießen wir wieder auf die fliegenden Händler am Hansering. Dort herrschte absolut Hochkonjunktur, denn hier konnte man gleich etwas für die neue D-Mark kaufen. Die begehrte Halbliterdose Holsten war ruckzuck ausverkauft. Aber egal, dann nahmen die Leute eben einen Würstcheneintopf oder ein paar Tütensuppen, Hauptsache, man konnte Westwaren für Westgeld kaufen. Alles ging weg. An einer dieser Buden trafen wir auf Werner, den Cousin meines Freundes Frank aus Hannover. Der weilte schon seit Mai hier in Halle und betrieb einen solchen Pavillon. Gerade lud er etliche Paletten Dosenbier aus einem alten Lieferwagen und trug sie in den Verkaufsstand. Wir begrüßten uns und quatschen kurz miteinander. Er hatte zu tun, was nicht zu übersehen war, meinte aber, dass er abends noch bei Anita vorbeikäme und dann mehr Zeit hätte.

Abends kam Werner dann tatsächlich und erzählte von seinen Geschäften. Den Pavillon hatte er in Hildesheim billig gebraucht erstanden. Nun verkaufte er hier, mit inzwischen drei Angestellten, jeden Tag Bier, Konserven und Kaffee. Zu durchaus zivilen Preisen und immer schon nur gegen »Westmark«.

»Die reißen dir das Zeug nur so aus den Händen. Du hast die Paletten kaum aus dem Wagen gebuckelt, da sind sie schon weg. Das ist total irre«, schwärmte er.

Jeden zweiten Tag fuhr er zurück über die Grenze in den Westen, um neue Ware anzukarren.

»Du verdienst dich dumm und dusselig.« Als Beleg holte er ein dickes Bündel Geldscheine aus der Jacke und hielt sie hoch.

»Hier, alles von heute.« Ja, verrückt. Es herrschte Goldgräberstimmung.

»Darauf trinken wir erst mal einen«, stellte Rolf fest und schenkte allen einen ordentlichen Braunen ein.

An diesem Abend wurde es nicht nur wieder spät, sondern auch eng in der kleinen Zweiraumwohnung. Anita ließ erwartungsgemäß keinen von uns in die freie Hälfte ihres Ehebettes, Werner blieb auch über Nacht und Horst war inzwischen ebenfalls eingetrudelt. So suchte sich jeder eine Ecke im Wohnzimmer und breitete seine Luftmatratze aus. Bis auf Rolf, der hatte sich als Stammgast längst eine eigene Matratze mitgebracht und diese ständig in der Wohnung liegen.

Als ich Montagfrüh in die Kaufhalle kam, um Brötchen zu holen, wurde das gleich richtig spannend. Es herrschte dort bereits ziemliche Betriebsamkeit trotz des regulierten Zugangs. Ich hatte Glück und brauchte nicht lange auf einen Einkaufswagen zu warten. Im Laden standen die Menschen vor den Regalen, drehten staunend irgendwelche Marmeladengläser in der Hand, verharrten völlig überfordert vor dem Regal mit den vielen verschiedenen Kaffeesorten oder debattierten heftig mit der Nachbarin darüber, welche Sorte Bonduelle man nun kaufen sollte.

»Nu gucke nur, diese Vielfalt. Da gibt es Erbsen fein und hier sogar extrafein.«

»Nee, das gloob ich jetzt nich.«

Mütter versuchten ihre Kinder daran zu hindern, gleich das ganze Süßigkeitenregal in den Einkaufswagen zu stürzen. Die zugangsregulierenden Einkaufswagen standen kreuz und quer und versperrten die Gänge.

Ein Durchkommen bis nach hinten zum Backwarenstand glich einem Hindernislauf. Nachdem ich meine Brötchen gegriffen hatte, wollte ich zügig zurück zur Kasse. Gleich, als ich mich mit der Brötchentüte umdrehte, lief ich beinah in zwei schwergewichtige Damen hinein, die hinter mir fassungslos auf die Brotpreise oben auf der Tafel starrten. Wie sollte man auch begreifen, dass sich der Preis für das gleiche Brot von Samstag auf Montag um ein Vielfaches erhöht hatte. Auch vor dem Spirituosenregal entdeckte ich zwei staunende Männer mit einer Flasche Goldbrand in der Hand, die einfach nicht fassen konnten, dass der Preis für ihren heiß geliebten DDR-Weinbrand praktisch über Nacht explodiert war.

»Wieso isn der jetzt so teuer?«

»Na, das ist die Westmark.«

»Ja, aber auch für unseren Goldbrand?«

An der Kasse stellte ich fest, dass meine Brötchen fast das Gleiche kosteten wie bei meinem Bäcker in Hannover.

Die nächsten Tage in Halle verbrachte ich damit, etwas an meiner Karriere zu basteln. Ich gab bei der Mitteldeutschen Zeitung eine Anzeige auf, in der ich Mitarbeiter suchte. »Kontaktfreudige Menschen für abwechslungsreiche Tätigkeit bei überdurchschnittlichem Verdienst gesucht« oder so ähnlich. Am Montag, den 9. Juli, wollten Frau Gehrke und ich im Hotel Rotes Ross den ersten Informationsabend in Halle veranstalten.

An einem Nachmittag fuhr ich noch mal zu den Bekannten nach Leipzig. Walter zeigte sich zwar skeptisch, aber auch interessiert, zumal sich abzeichnete, dass es sein Industriekombinat wahrscheinlich nicht mehr lange geben würde. Er sagte zu, in einer Woche zu der Veranstaltung nach Halle zu kommen und auch noch einen Kollegen mitzubringen. Na, den Anfang hatte ich gemacht. Am Mittwoch ging es wieder zurück nach Hannover. Es begann die Zeit des Pendelns. Die halbe Woche in Halle und die andere Hälfte in Hannover. Das hieß, viel Zeit im Auto zu verbringen. Für die etwa zweihundertvierzig Kilometer zwischen Halle und Hannover brauchte ich in der Regel etwa drei bis vier Stunden, meist aber auch länger, da sich die Fahrt über die Landstraße zwischen Magdeburg und Halle ganz schön in die Länge zog und es immer wieder Baustellen und Umleitungen gab.

Am nächsten Sonntag war ich dann schon wieder »drüben«. Und zwar diesmal in Aschersleben, wo ich um elf Uhr vormittags mit meiner Chefin im Braunen Hirsch verabredet war. Sie hatte hier bereits erste Mitarbeiterkontakte anberaumt. Aschersleben entpuppte sich endgültig als staubige, graue Provinz, und der Braune Hirsch passte dort wunderbar rein. Grauer Hirsch hätte als Name noch besser gepasst. Frau Gehrke meinte, ich müsste mir unbedingt ihr Zimmer ansehen, denn der Hirsch vermietete auch Zimmer. Über eine schmale, abenteuerliche Stiege ging es steil nach oben zu einer verwinkelten kleinen Dachkammer. Mehrmals musste ich aufpassen, mir nicht den Kopf zu stoßen. Abenteuerlich, aber gemütlich.

Montag, am Tag darauf, trafen wir uns wieder. Um achtzehn Uhr zum ersten Informationsabend im Hotel Rotes Ross in Halle. Horst war auch mit von der Partie. Ganz stolz packte ich meine neueste technische Errungenschaft aus, einen Overheadprojektor. Da mir die kleinen mobilen Reiseprojektoren viel zu teuer waren, hatte ich mir ein ganz normales Standgerät gekauft, wie man es auch in der Schule benutzte. Das bedeutete zwar immer etwas Schlepperei, diesen vom Auto in den Schulungsraum zu tragen und wieder zurück, aber was half es? Hauptsache ein richtiger Projektor. Denn keine Schulung ohne Folien, die man schön groß und anschaulich an die Wand werfen konnte. Und wunderbar schreiben ließ sich darauf auch.

Ich war schon den ganzen Tag richtig aufgeregt. Ob wohl auch Leute auf meine Anzeige kommen würden? Und wenn ja, wie viele? Die Spannung stieg beim Warten. Als Erstes erblickte ich Walter im Türrahmen, der tatsächlich noch einen Kollegen mitgebracht hatte. Und sie blieben nicht die Einzigen, die kamen. Insgesamt erschienen etwa fünfzehn Männer und Frauen. Jetzt erst recht etwas aufgeregt begrüßte ich die Anwesenden und leitete dann zu Frau Gehrke über, die souverän die Firmenvorstellung der OVB übernahm und die Tätigkeit des Finanzkaufmanns vorstellte.

Dadurch, dass Frau Gehrke nicht mehr ganz so jung war, kam sie etwas gesetzter und seriöser rüber, was mir besser gefiel, als manch einer dieser geleckten Bossanzugträger, die in der Branche sonst häufig vorkamen. Sie dagegen strahlte Seriosität aus, blieb auf dem Teppich und konnte trotzdem begeistern. Die Zuhörer machten einen interessierten Eindruck und es gab natürlich viele Fragen, auch eine Menge skeptische. Diese kamen besonders von den beiden Leipzigern. Am Ende waren wir alle mit der Veranstaltung zufrieden, die eigentlich zwei Stunden dauern sollte und dann doch drei Stunden währte. Hinterher saß ich noch eine Weile mit Frau Gehrke und Horst zusammen, bevor sie abends wieder zurück nach Hannover fuhr und wir nach HaNeu in die Zweiraumwohnung. Am kommenden Samstag sollte es dann mit einem ersten, ganztägigen Seminar als Einstieg für die Interessierten richtig losgehen. Da stellte sich natürlich die Frage, wie viele von den heute Anwesenden dann kommen würden.

Wegen eines Termins musste ich in der kommenden Woche noch kurz nach Hannover. Inzwischen kannte ich die Strecke schon ganz gut, doch auf der Rückfahrt erlebte ich etwas Besonderes. In Bernburg bog ich hinter dem Ortseingang wieder rechts um die Kurve und rollte dann nichts ahnend auf der brutalen Holperpiste hinunter auf den Bahnübergang zu, dessen Schranken wie immer geschlossen waren. Plötzlich sah ich, wie ein paar Wagen vor mir, an einem Transporter die Türen aufflogen, etwa ein halbes Dutzend Männer in Kampfanzügen und mit Maschinenpistolen im Anschlag aus dem Wagen sprangen und sich auf der Straße verteilten.

Was war das? Krieg, Überfall oder was? Erschrocken schaute ich mich um und überlegte, was zu tun war. Etwas weiter vorne entdeckte ich einen merkwürdigen grün-weiß lackierten LKW. Er sah wie ein Gefangenentransporter aus, nur mit winzigen Fenstern. Davor und dahinter befand sich je ein Polizeiwagen. Die bewaffneten Männer standen inzwischen um diesen LKW, die Waffen im Anschlag.

Kurz darauf gingen die Schranken wieder hoch, die Männer verschwanden wieder in dem Transporter und der Spuk endete so plötzlich, wie er begonnen hatte. Inzwischen dämmerte mir, was da vor sich ging. Vor mir befand sich ein Geldtransport der besonderen Art. Hier wurde gerade frisches Westgeld in den Osten gefahren. Und so, wie der LKW gesichert war, hatte der bestimmt einiges an Barem geladen. In der Zeitung stand, dass für die Währungsumstellung insgesamt fünfundzwanzig Milliarden Westmark in den Osten gekarrt wurden. Sechstausend Tonnen Geldscheine und etwa fünfhundert Tonnen Münzen. Das musste man sich mal vorstellen. Das konnte man sich kaum vorstellen. Und da, vor mir an dem Bahnübergang, waren sicher gerade ein paar Millionen davon unterwegs.

Trotz des schönen neuen Geldes gab es vieles vor Ort noch gar nicht, weil die Geschäfte noch die alten waren und oft noch gar keine oder nur wenige Westwaren auf Lager hatten. Da standen eben immer noch die alten RFT-Fernseher im Schaufenster. Und so einen wollte halt keiner mehr, auch wenn die inzwischen natürlich auch in Farbe ausstrahlten. Genauso wie diese klobigen Stereokompaktanlagen. Da musste jetzt einfach ein richtiger Gettoblaster her. So verwunderte es dann nicht, dass man abends im Fernsehen Berichte darüber sehen konnte, wie im sogenannten ehemaligen Zonenrandgebiet im Westen alles leer gekauft wurde. Wie die Heuschrecken fielen dort die angehenden Neubundesbürger in die Läden ein und räumten ruckzuck den Laden förmlich leer.

Die Schnellsten, die vor Ort im Osten ankamen, waren die Gebrauchtwagenhändler. Eine leere Fläche, die flugs provisorisch eingezäunt wurde, fand sich schnell und schon konnte ein schwunghafter Gebrauchtwagenhandel beginnen. Trabi und Wartburg waren über Nacht out. Jetzt musste ein Westwagen her. Am besten gleich, koste es, was es wolle. Dass bei der Nachfrage der ersten Wochen alles in den Osten gekarrt wurde, was noch vier Räder hatte und wo der Motor ansprang, verwunderte eigentlich nicht. Genossen Gebrauchtwagenhändler im Westen schon nicht den besten Ruf, so wurde hier mancher Wagen für viel zu viel teure Westmark losgeschlagen, der ursprünglich kaum noch oder gar nicht mehr verkäuflich war. Einmal durch die Waschstraße, eine Motorwäsche, etwas Cockpitspray und ein Duftbaum, schon ließ sich mit einem abgewrackten 3er BMW noch richtig Geld machen.

Aber sicher, wenn man früher über zehn Jahre auf einen Trabant warten musste und nun all die schönen Westwagen zu haben waren, konnte es vielen gar nicht schnell genug gehen, ihren einst so heiß geliebten und gepflegten »Schorsch«, wie der Trabi oft liebevoll genannt wurde, loszuwerden. Sehr bald schon wurde es ein gewohntes Bild, einen alten Trabi abgewrackt am Straßenrand oder irgendwo in der Natur zu finden. Was sich als noch brauchbar erwies, hatte man demontiert, dann ließen sich noch ein paar Halbstarke an ihm aus und zurück blieb ein Wrack, welches die Kommunen gar nicht in der Lage waren, zu entsorgen.

Eines Tages wies mich Rolf auf eine große Anzeige in der Mitteldeutschen Zeitung hin:

»Beate Uhse kommt nach Halle!«

Das wollte ich mir natürlich unbedingt ansehen. Als ich zu dem angekündigten Termin auf dem Markt eintraf, sah ich ihn sofort. Ein großer Sattelschlepper, knallig bunt, mit riesigem Beate Uhse Schriftzug, stand dort, mitten auf dem Platz. Nee, das ist nicht wahr, dachte ich, aber es war so. Drum herum herrschte eine Menge Betrieb und je näher ich dem Laster kam, desto voller wurde es. Neugierig drängelten sich die Menschen um den Sattelschlepper, der hier wie ein UFO aus einer anderen Welt wirkte.

Ich konnte kaum glauben, was ich sah. Die Mitarbeiter des Erotikunternehmens machten sich gar nicht die Mühe, einen großen Verkaufsstand aufzubauen, sondern verkauften direkt von der Laderampe des Sattelschleppers. Da wurden paketweise Pornos, Videos, Schachteln mit Dildos in verschiedenen Farben und Größen, Negligés und noch einiges mehr, für wenig Geld, unter das staunende Volk gebracht. Es erinnerte mich ein wenig an die bekannten Marktschreier, »alles für zehn D-Mark.«

Das war für die Ossis natürlich wieder etwas total Neues. Beate Uhse. Hatte man höchstens mal im Westfernsehen gesehen. Und jetzt konnte man all diese exotischen Sachen hier, direkt auf dem Markt in Halle, kaufen. Ich fand es lustig anzuschauen, wie die Leute mit großen Augen auf die angebotenen Sexartikel starrten und nicht lange zögerten, sich für einen Zehner auch so ein kleines eingeschweißtes Päckchen zu sichern. Neben mir beobachtete ich zwei junge Frauen, die jede eine Schachtel mit einem bunten Dildo erstanden hatten und jetzt kichernd und verstohlen ihre »Beute« betrachteten. Männer hielten staunend Pakete in den Händen und blickten mit großen Augen auf die nackten Tatsachen unter der durchsichtigen Plastikfolie. Auch ein paar Schulkinder standen neugierig kichernd herum.

Noch spannender als ein LKW voller Pornos war ein anderes Phänomen der damaligen Zeit: der Hütchenspieler. Den hatte ich vorher noch nicht live erlebt. Als ich über den Boulevard, wie die hallesche Fußgängerzone genannt wurde, schlenderte, fiel mir eine kleine Gruppe Menschen auf, die in einem Halbrund zusammenstand. Dies machte mich neugierig und so wollte ich gucken, was die denn da so machten. Ich trat näher heran und sah einen Karton, der offensichtlich die Aufmerksamkeit der Herumstehenden auf sich zog.

Auf dem Pappkarton entdeckte ich drei kleine Pappschachteln, Schubfächer von Streichholzschachteln, und dahinter einen Mann, der diese Schachteln geschickt hin und her schob und den Zuschauern dabei gleich das Spiel erklärte.

»Hier ist die rote Kugel. Achten Sie auf die rote Kugel. Wo ist die rote Kugel?«

Spannend, wie er die Zuschauer in seinen Bann zog. Das war sozusagen die Proberunde. Nachdem die rote Kugel unter der mittleren Schachtel zum Vorschein gekommen war, heftete ich meine Augen an die Schachtel und verfolgte ihre Bewegungen bei dem nächsten Spiel.

»Wo ist die rote Kugel?«, wollte der »Spielleiter« schließlich wissen. Die befand sich unter der linken Schachtel, dessen war ich mir sicher. Die Hand lüftete eine Schachtel und siehe da, es war die linke und die rote Kugel befand sich tatsächlich darunter. Gar nicht so schwer.

Nun ging es ans Eingemachte. Wer spielt mit? Einsatz war ein Hundertmarkschein. Seit Kurzem besaß man die ja überhaupt erst, diese hübschen Geldscheine und mit etwas Glück konnte man aus einem Schein zwei machen. Schnell ließ sich der Erste der Umstehenden überzeugen, zückte einen dieser begehrten Scheine und reichte ihn an den Assistenten des Spielleiters weiter. Die Stimmung stieg und alle starrten nun auf die drei kleinen Pappschachteln, die kurz darauf flink über den Kartondeckel bewegt wurden. Im Geiste verfolgten zig Augenpaare die Schachteln und in den dazu gehörenden Köpfen arbeitete es gewaltig. Dann nahm der Spielleiter die Hand weg und die Stimmung erreichte ihren Höhepunkt: Unter welcher Schachtel lag die kleine rote Kugel? Der Mann tippte auf die rechte.

Bingo, er hatte tatsächlich Glück. Und vor den staunenden Blicken der Umstehenden erhielt er nicht nur seinen Hundertmarkschein zurück, sondern noch einen Zweiten. Damit hatte sich auch gleich die Frage geklärt, wer in der nächsten Runde mitspielen wollte, denn sofort zückten mehrere der umstehenden Herren ebenfalls einen Geldschein. Zugegeben, die Verlockung war groß. Hatte ich doch eben beim Trockentraining auch auf die richtige Schachtel gesetzt. Und wo konnte man so schnell aus hundert Mark zweihundert machen?

Doch wie hatte meine Oma früher immer gesagt: »Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.« Also Finger weg. Und ich sollte recht behalten. Der nächste Spieler lag daneben, tippte auf die falsche Schachtel und sah seinen Schein nicht wieder, auch der folgende schenkte den schönen Schein her. Missmut und Gemurmel setzten ein. Die Verlierer trollten sich schlecht gelaunt. Was würden sie zu Hause erzählen? Eben waren sie mit hundert Mark aus der Wohnung weggegangen und nun, ohne dass sie etwas gekauft hatten, kehrten sie ohne den Schein zurück. Es sah doch so einfach aus und es hätte doch so schön sein können. Hätte!

Das Publikum an dem kleinen Pappkarton wechselte. Frustrierte Verlierer schlichen von dannen, andere blieben wiederum neugierig stehen. Ich hielt mich unbeteiligt am Rand, als der Spuk urplötzlich endete. Das kleine Spielcasino verschwand. Zurück blieb ein einsamer alter Pappkarton. Lange sah man das Spiel nicht in der Fußgängerzone. Irgendwann waren sie verschwunden, die illegalen Hütchenspieler. Denn die Polizei saß ihnen im Nacken.

Es war schon eine verrückte Zeit in jenem Sommer. Tagsüber waren Horst und ich ziemlich rührig im Job unterwegs. Im Lauf des Abends trudelten wir dann wieder in der Zweiraumwohnung von Anita ein. Entweder saß Rolf dann mit einem Bier vor der Glotze und es wehte ein leichter Marihuanageruch durch die Wohnung oder wir fanden einen Zettel vor, auf dem er uns mitteilte, wo heute was los wäre. Meist trafen wir uns dann noch in einem der Studentenklubs.

Der Turm war mir irgendwann zu abgedreht. Sich immer vorher »auf die Liste« setzen zu lassen, damit man auch hineingelassen wurde, hatte etwas von den Nobeldiscos im Westen. Daher bevorzugte ich bald die Gosenschenke, kurz Gose genannt. Ein Studentenklub im sozialistischen Deutschland, wo die Mutter in der Küche für das leibliche Wohl sorgte, während Vater hinterm Tresen stand, der Sohn den Einlass machte und meist auch die Musik auflegte. Ein richtiger Familienbetrieb in einem alten Haus, mit viel Atmosphäre.

Oder Horst und ich gingen in den Bauernklub an der Reilstraße. Der wartete mit einer anderen Kuriosität auf. Der Zugang erfolgte dort durch eine Metallgittertür in einer hohen Mauer, die nur zur halben und vollen Stunde geöffnet wurde. Das hieß nicht nur, dass man warten musste, um eingelassen zu werden, nein, man musste genauso warten, wenn man wieder hinaus wollte. Zu DDR-Zeiten war der Bürger das Anstehen gewohnt und so fand, außer den Wessis, niemand diese Regelung verwunderlich.

Oft kehrten wir erst spät am Abend aus den Klubs zurück nach HaNeu, nahmen dort in der Zweiraumwohnung noch einen Absacker und fielen dann in die Betten beziehungsweise auf die Luftmatratzen. Es herrschte Partytime. Morgens konnten wir ausschlafen, da vormittags in der Regel noch keine Kundentermine anstanden. Bei dem heißen Wetter, das in diesem Sommer herrschte, fuhren wir sogar manchmal mittags noch zum Abkühlen an die Regattastrecke der halleschen Ruderer, die ganz in der Nähe lag und wo man prima schwimmen konnte. Oder an einen der Steinbrüche etwas außerhalb von Halle, bevor wir uns dann an die Arbeit machten und oft erst nach zweiundzwanzig Uhr wieder zurückkamen.

Eines Morgens hatte ich mir bei Anita eine Wanne eingelassen. Während das Wasser einlief, hatte ich das Badezimmer verlassen und mich schon einmal ausgezogen. Als ich wenig später ins Bad zurückkehrte, traute ich meinen Augen nicht. Die Wanne war weitestgehend voll. Voll mit trübem Wasser, in einem knalligen rostorangen Farbton. Was bedeutete das? Noch dazu handelte es sich um kaltes Wasser. Dann baden wir halt nicht, entschied ich. Denn in diese Brühe wollte ich mich nun wirklich nicht setzen und schon gar nicht in kaltes Wasser.

Des Rätsels Lösung bestand darin, dass jedes Jahr im Juli das warme Wasser in HaNeu für zwei Wochen abgestellt wurde, um das Leitungsnetz zu reinigen. Offenbar vertrat die Wasserwirtschaft die Meinung, dass man im Sommer ruhig mal zwei Wochen ohne warmes Wasser auskommen konnte. Und bei der Färbung handelte es sich schließlich nur um Eisenoxid, landläufig auch Rost genannt und letztlich nicht schädlich. Trotz alledem versuchte ich, mir in diesen Tagen, auch das Duschen möglichst zu verkneifen. So ist das nun mal in »fremden« Ländern, sagte ich mir.

In diesem so turbulenten Sommer fand zu allem Überfluss auch noch die Fußballweltmeisterschaft statt. Diesmal in Italien und die noch westdeutsche Mannschaft gehörte zu den Favoriten. Je weiter die WM voranschritt, desto leerer wurden die Straßen während der »deutschen« Spiele. Und da es in den Plattenbauten im Sommer besonders warm war, hatten alle die Fenster offen und so hörte man bei jedem deutschen Tor ein vielstimmiges Geschrei von allen Seiten. Als ich am Tag des Finals nach Hause kam, nahm ich gleich im Treppenhaus einen appetitlichen Geruch wahr. Ente? Aus unserer Wohnung? Ich schloss die Tür auf und sofort schlug mir eine warme, wohlriechende Wolke entgegen. Da Anita in Hannover weilte, traf ich lediglich Horst in der Küche an, der mir strahlend mitteilte, dass er uns zur Feier des Tages eine Ente in den Ofen geschoben hätte.

Gegen eine knusprige Ente hatte ich im Prinzip nichts einzuwenden. Aber mitten im Juli, bei dreißig Grad im Schatten, in einem ohnehin schon knackig warmen Plattenbau? Keine Ahnung, woher die Ente stammte. Weil es dazugehörte, wurde der Vogel natürlich standesgemäß mit Klößen und Rotkohl angerichtet. Tja, warum nicht? Wenn schon, denn schon. Heftig schwitzend haben wir das Tier später mit Genuss verdrückt. Um die Hitze halbwegs im Rahmen zu halten, bemühten wir uns um reichliche Kühlung mittels kalten Biers. So hatten wir auf alle Fälle eine gute Grundlage für das Finale.

Als Andi Brehme in der fünfundachtzigsten Minute den Elfmeter zum einzigen, alles entscheidenden Tor verwandelte und Deutschland damit zum Fußballweltmeister machte, gab es in Halle kein Halten mehr. Die zukünftigen »Ostneuwestdeutschen« waren nicht mehr zu bremsen. Horst und ich waren dagegen erst mal ziemlich geschafft: Die Hitze, der gebratene Vogel, auch noch mit den Klößen, das Bier und der Braune dazu, forderten ihren Preis. Wir mussten raus, an die Luft, in die Stadt. Dort feierte ganz Halle bis spät in die Nacht und wir mittendrin. Eine gute Grundlage hatten wir ja.

Bei unserem Kneipenbummel hielt Horst plötzlich grinsend eine volle Flasche Braunen hoch. Die hatte er wohl im Vorbeigehen, in einer Kneipe, mitgehen lassen. Damit waren wir natürlich überall gern gesehen. In der Erinnerung hört die Party irgendwann im halleschen Hauptbahnhof auf. Da wir uns am nächsten Tag in unseren Betten wiederfanden, ohne Verluste oder offene Wunden, sind wir irgendwann, irgendwie, wieder zurück nach HaNeu gekommen.

Eine überbordende Ausgelassenheit war symptomatisch für diese turbulente Zeit, als die D-Mark die Ostmark ablöste, die DDR in den letzten Zuckungen lag und sich so vieles über Nacht völlig änderte. Mahnende Stimmen waren da nicht angesagt, stattdessen hörte man überall nur von den blühenden Landschaften, die sich auftun würden, und dass es niemandem schlechter gehen würde als bisher.

Doch wie es nach einer ausschweifenden Feier oft der Fall ist, ließ der Kater nicht lange auf sich warten. In den Kneipen kostete das Bier seit der Einführung der D-Mark plötzlich nicht mehr neunzig Pfennige, sondern das Dreifache. Essen gehen wurde über Nacht fast unerschwinglich. War der Besitz von Westmark früher ein Schatz und ein Privileg, so musste man nun mit diesem Schatz eine banale Tasse Kaffee im Café oder einen Sack Kartoffeln in der Kaufhalle bezahlen. Es gab ja nur noch diese eine Währung. Und da die Subventionen für Grundnahrungsmittel, die es in der DDR gegeben hatte, wegfielen, kostete ein Sack Kartoffeln nun auf einmal fünf D-Mark.

So blieb der erwartete Kaufrausch zumindest in Teilen aus. Und was gekauft wurde, musste unbedingt aus dem Westen sein. Zum einen überschwemmten Westwaren das Land, und zum anderen wollte niemand mehr für die kostbare Westmark ein Ostprodukt kaufen. Das sollte der Anfang vom Untergang ostdeutscher Produkte und Betriebe sein, die praktisch über Nacht nicht mehr konkurrenzfähig waren. Dass diese Entwicklung den Zusammenbruch vieler Unternehmen und Betriebe mit sich brachte, stellte die tragische, aber logische Konsequenz dar.

Drei

Für mich endete nun die Zeit, wo ich jeden Abend noch Party machte, denn meine Tätigkeit hier in Halle forderte mich. Schnell hatte ich etwa ein halbes Dutzend Mitarbeiter, die regelmäßig zu den Schulungen erschienen und die wollten nicht nur ausgebildet, sondern auch letztlich mehr oder weniger an die Hand genommen werden. Denn für sie war ja alles neu, um was es bei der Tätigkeit als Finanzkaufmann ging. In der DDR hatte es bislang weder Bausparverträge noch Fondsanlagen gegeben, sondern nur ein Sparbuch mit fast null Zinsen, und auch das Versicherungsangebot hatte sich bekanntlich ebenfalls sehr übersichtlich dargestellt. Das änderte sich gerade grundlegend.

Für meine neuen Mitarbeiter ging es jedoch fürs Erste nur um ein gewisses Grundverständnis dessen, was an den Mann oder die Frau gebracht werden sollte, denn der Schwerpunkt lag auf dem Verkaufen. Aber auch das wollte gelernt sein. Bislang waren Begriffe wie Konkurrenz und Auswahl eher Fremdwörter gewesen. Wenn es etwas gab, dann oft nur in einer Ausführung und da stellte sich nur die Frage: Nehmen oder nicht nehmen? Und da es vieles gar nicht oder nur selten gab, stellte sich diese Frage eigentlich auch nicht. Der Bürger nahm, was er kriegen konnte. Zur Not konnte es ja noch gegen etwas anderes getauscht werden. Doch auch viele andere Dinge des täglichen Lebens waren für die angehenden Bundesbürger neu und unbekannt. Und so entwickelten sich die Schulungen auch immer etwas zur praktischen Hilfe im Alltag. Manches Mal musste ich dabei aufpassen, nicht völlig vom Thema abzukommen.

Bald zählte auch das nahe gelegene Leipzig zu meinem Schulungsgebiet. Von den Teilnehmern der Infoabende blieb meist nur ein Drittel übrig. Der Rest traute sich nicht oder hatte gleich erkannt, dass es nicht das Richtige war. Bald bildete sich in Halle eine nette kleine Gruppe heraus, die aufgeschlossen und interessiert an die Sache heran ging. Dazu gehörten auch die beiden Leipziger, die unserer halleschen Gruppe die Treue hielten. Die beiden hielten allen voran die Skepsis hoch. Dann gab es da noch Paul Abendroth, Bauingenieur und seine Partnerin, eine Frau Doktor Klug, die an der halleschen Universität arbeitete. Die fielen mir gleich auf, da die beiden sich besonders an den Verdienstaussichten sehr interessiert zeigten und auch ansonsten einen recht spitzfindigen Eindruck machten. Ferner kamen noch zwei befreundete Frauen regelmäßig zu den Schulungen im Hauptberuf Lehrerinnen.

Manchmal saßen wir nach der Schulung noch eine Stunde in kleiner Runde beisammen, schwatzten miteinander, tranken etwas und erzählten dabei auch manche private Anekdote. Es war eine sehr optimistische Zeit. Alles entwickelte sich rasend schnell vorwärts. Und das schlug sich zunehmend nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Mitarbeitern in barer Münze nieder. Denn schnell hatten diese erste Beratungstermine vereinbart, die ich mit ihnen gemeinsam durchführte. Kam es dabei zu einem Vertragsabschluss, hatten sie bereits ihr erstes Geld verdient. Dies wiederum spornte sie an und motivierte die anderen aus der Gruppe.

Für die Ossis war vieles anders und das begann bereits mit dem Erscheinungsbild. Im Westen wurde erwartet, dass man in dieser Branche hundertprozentig seriös im Anzug auftrat. Als wenn man aus der Qualität der Aufmachung Rückschlüsse auf die Seriosität des Verkäufers schließen könnte. Das ging man hier im Osten wesentlich unbefangener an. Dies lebten besonders meine beiden Leipziger vor und setzten sogar ein spezielles optisches Highlight. Die Männer kamen normalerweise mit Hemd, Stoffhose, Sakko und Schlips zu den Schulungen. Die beiden im Prinzip auch. Nur dass sie als Hose kurze graue Shorts trugen, dazu weiße Socken und graue Halbschuhe. Das war gepaart mit einer alten braunen Aktentasche schon ein ganz besonderer Hingucker. Doch der Hit an sich bestand in dem bunt geblümten Hawaiihemd, das sie dazu trugen. Nun, okay, warm genug war es ja, aber Krawatte und kurze Hose, zusammen mit dem bunten Hemd, das sah schon ziemlich gewöhnungsbedürftig aus.

Auch für mich war hier im Osten im beruflichen Ablauf einiges neu. Da ich noch kein Büro hatte, spielten sich alle Zusammenkünfte im Rahmen der Schulungen ab. Am gewöhnungsbedürftigsten stellte sich für mich die Sache mit dem Telefon dar. Denn das war für mich völlig ungewohnt, plötzlich nicht mal eben zum Hörer greifen zu können, sei es, weil sich Termine verschoben, um Fachliches zu klären oder einfach nur, um abends mal mit meiner Freundin Sylvie quatschen zu können.

In Halle konnte ich höchstens mal bei dem einen oder anderen Mitarbeiter von zu Hause aus telefonieren, sofern dieser ein Telefon hatte, oder ich ging zur Hauptpost. Es gab zwar auch einzelne Telefonzellen oder besser gesagt Münzfernsprecher, aber mir sollte es in der ganzen Zeit nie vergönnt sein, diesen wuchtigen, grauen Kästen auch nur ein Freizeichen zu entlocken, geschweige denn eine Verbindung herzustellen. Ein paar Mal hatte ich schon die schicke alte Hauptpost aufgesucht. Darin kam man sich vor wie im Ausland. In der hübschen, aber düsteren Halle musste man sich erst einmal zum Telefonieren anmelden und dann natürlich warten, bis man eine frei gewordene Zelle zugewiesen bekam.

Diese Zellen waren total klein und eng, schwach beleuchtet und mit einer winzigen Ablage in der Ecke, auf die nicht viel mehr als das alte Telefon passte. Der Versuch, sich während des Telefonates etwas zu notieren, grenzte an Artistik. Man musste sich den Hörer zwischen Kopf und Schulter klemmen, den Kalender mit der rechten Seite auf die Ablage legen und mit der linken Hand die linke Hälfte des Kalenders festhalten. Dann konnte man mit der rechten Hand schreiben. War man mit dem Telefonieren fertig, hieß es das Gespräch noch am Schalter zu bezahlen. Meistens musste man sich dafür in der Warteschlange anstellen. Eine umständliche Prozedur, der man sich nicht häufiger als unbedingt nötig unterzog.

Als wäre mein Büroalltag damit nicht kompliziert genug, musste ich meist auch noch freitags nach Hannover fahren. Denn dort wartete neben einem Samstag im Büro auch noch meine Freundin Sylvie auf mich. Die gemeinsame Zeit mit ihr kam dabei ziemlich kurz. Sylvie und ich waren damals nicht glücklich, dass wir uns nur noch so wenig sahen, aber wir wussten auch, dass die Sache in Halle die große Chance für mich bedeutete. So versuchte sie, dass sie am Wochenende frei hatte, damit wir möglichst viel Zeit gemeinsam hatten, was aber bei ihrem Schichtbetrieb im Hotel nur teilweise klappte.

Manchmal schaffte ich es, freitags bis kurz vor zweiundzwanzig Uhr in Hannover anzukommen und holte sie dann noch im Hotel ab. Um zweiundzwanzig Uhr schloss sie dort die Fitnessetage, in der sie arbeitete, und hatte dann noch aufzuräumen, bevor sie nach Hause konnte. Sie freute sich immer riesig, wenn ich plötzlich unerwartet bei ihr im siebzehnten Stock aus dem Fahrstuhl stieg. Ich nutzte die Zeit dann meist noch für einen kleinen Saunagang oder ein kleines Bad in Hannovers höchstem Pool, was nach der anstrengenden Fahrt sehr entspannend war. Oft bekam ich dazu noch einen leckeren, frisch gepressten O-Saft »auf Kosten des Hauses«. Welch ein Unterschied zu meinem Leben in Halle, wo sich in Kürze auch noch meine Wohnsituation deutlich ändern sollte.

Sylvie freute sich sehr darüber, wie gut sich die Sache mit den Finanzberatungen bislang anließ, zumal sich das Engagement inzwischen auch finanziell niederschlug. Einmal hatte sie mich schon in Anitas Zweiraumwohnung in HaNeu besucht und fand das alles auch ziemlich spannend. Nur die Sache mit dem Wohnen gefiel ihr nicht. Sicherheitsbedürftig, wie sie nun einmal war, setzte sie zu diesem Zeitpunkt noch auf ihren geregelten Job in Hannover. Man wusste ja nie. Wir sprachen schon darüber, mal ganz nach Halle zu ziehen. Wenn die Entwicklung so weiterginge, wäre das irgendwann nur die logische Konsequenz. Aber momentan wollte sie davon nichts wissen.

»Erst wenn du eine gescheite Wohnung für uns hast«, pflegte sie immer zu sagen, wohl wissend, dass die nicht eben mal so aus dem Hut zu zaubern war.

Vier

In der Zweiraumwohnung in HaNeu zeichnete sich ein Problem ab. Anita plante, im Herbst zum Studieren nach Hannover zu ziehen, passenderweise zur Untermiete in Rolfs Wohnung. Und ihre dann frei werdende Wohnung wollte ihre Schwester übernehmen. Eine eigene Wohnung war damals, gerade für junge Menschen in der DDR, ein wahrer Schatz, an den man nicht so leicht herankam, und so war es völlig klar, dass Anitas Schwester ihre Wohnung beziehen wollte. Und die hatte natürlich keine Lust, die kleine Gruppe Untermieter, die sich inzwischen dort eingerichtet hatte, zu übernehmen. Rolf ließ dies ziemlich kalt, der hatte beschlossen, das Abenteuer DDR mit dem Untergang selbiger zu beenden und nach Hannover zurückzukehren. Aber was wurde aus Horst und mir?

Eine Wohnung musste umso dringender her. Wir hatten ja schon eine Menge Leute kennengelernt und unsere Finger ausgestreckt. Nun war es zu DDR-Zeiten fast schier unmöglich, eben mal eine Wohnung zu mieten. Allein schon, weil es keinen freien Wohnungsmarkt gab und der Großteil der Wohnungen genossenschaftlich organisiert war. Ein WG-Zimmer würde es ja auch schon tun. Aber so, wie ich das aus Hannover kannte, eben mal in die Tageszeitung oder in den »Heißen Draht« geschaut und angerufen, ging das hier nicht. Obwohl es offensichtlich genug freien Wohnraum gab. Es hatten schließlich seit der Grenzöffnung bereits viele Menschen Halle Hals über Kopf verlassen und waren in den Westen »rübergemacht«. Aber wie sollte man an diese Wohnungen rankommen?

In der DDR hieß das Zauberwort für die Chance auf eine Wohnungszuteilung: »Wohnberechtigungsschein«. Und so einer musste her. Ich beschloss daher, zum Magistrat der Stadt Halle und dort zur kommunalen Wohnungsverwaltung zu gehen, um einen solchen Schein zu beantragen. Unsere Freunde hatten mir schon gesagt, dass das nicht so einfach wäre, noch dazu war ich ja auch gar nicht in Halle gemeldet. Und dann noch als Wessi. Aber davon wollte ich nichts wissen und machte mich eines Vormittags guter Dinge auf den Weg zum Magistrat. Um auch einen guten Eindruck zu machen, hatte ich extra einen Anzug angezogen, was ich sonst privat nie machte.

Im Magistrat schlug mir schon beim Betreten des Gebäudes dieser typische, leicht stechende Geruch nach Reinigungsmittel und Ammoniak entgegen, der allen öffentlichen Gebäuden der DDR anhaftete und den ich mein ganzes Leben nicht vergessen werde. Nach einigem Suchen und Fragen kam ich schließlich vor dem entsprechenden Zimmer an, das die Vergabe der Wohnberechtigungsscheine bearbeitete. Davor warteten bereits etliche Leute geduldig auf alten, durchgewetzten Stahlrohrstühlen. Brav reihte ich mich in die Schlange der Wartenden ein, nahm auf einem freien Stuhl Platz und übte mich in Geduld. Nachdem der letzte Wartende, der vor mir an der Reihe gewesen war, bereits vor einer Weile herausgekommen und gegangen war, beschloss ich, doch einmal zu klopfen. Vielleicht hatte man ja übersehen, dass draußen noch jemand wartete.

Doch kaum hatte ich nach dem Klopfen die Tür geöffnet und mir erlaubt, den Kopf hineinzustecken, wurde ich von drinnen auch schon unmissverständlich angefahren, was ich denn wolle und man würde mich aufrufen. Also schloss ich die Tür hastig wieder und eilte über das alte, quietschende Linoleum zurück zu meinem Platz. Wenig später durfte ich tatsächlich eintreten. Hinter einem alten, vollgerümpelten Schreibtisch, schön unter dem Bild des großen Staatsratsvorsitzenden, saß eine blonde, füllige Frau Anfang fünfzig, mit weißer Bluse, und starrte mich feindselig an. Ihre grimmige Erscheinung wurde noch durch einen strengen Dutt unterstrichen. Ich musste unwillkürlich an Udo Lindenberg denken, »Das ist die Olga von der Wolga«, ging mir sein Lied durch den Kopf. Doch das Grinsen verkniff ich mir.

Was ich denn für ein Anliegen hätte, herrschte sie mich an. Als ich erzählte, dass ich aus Hannover käme und jetzt hier in Halle eine Wohnung suchte, konnte ich verfolgen, wie ihr langsam die Gesichtszüge entglitten. Dabei schwoll ihr ohnehin schon gewaltiger Busen noch weiter an. Ich bekam Angst, dass ihr gleich die Bluse platzen würde und mir die Knöpfe derselben um die Ohren flögen. In energischem Tonfall legte sie mir dann dar, dass Halle erstens eine Zuzugssperre hätte und zweitens, dass ich nicht Bürger der Deutschen Demokratischen Republik sei und somit Ausländer. Und als Ausländer hätte ich ohnehin kein Recht auf Zuzug. So einfach ging das. Und damit war die Angelegenheit für sie erledigt.

Ehe ich mich versah, fand ich mich draußen auf dem Flur wieder. Kopfschüttelnd stand ich da und fühlte mich irgendwie wie frisch geföhnt. Hm, Ausländer, so hatte ich das noch gar nicht gesehen. Bislang war ich immer davon ausgegangen, dass es zwei deutsche Staaten gab, aber dass es sich bei allen Bürgern dieser Staaten um Deutsche handelte. Nun hatte sie mich eines Besseren belehrt. Ich war also sowohl Deutscher als auch Ausländer im anderen Teil von Deutschland. Jetzt guckte ich wirklich dumm und so schlich ich frustriert von dannen. Die Tage der DDR bis zur Wiedervereinigung waren zwar inzwischen gezählt, aber auch nach der Einheit würde man wohl nicht so ohne Weiteres eine Wohnung finden. Also mussten wir uns selber »drehen«, wie der Ossi sagte. Zum einen fragte ich meine neuen Mitarbeiter, ob sie nicht eine Wohnung für uns wüssten, und zum anderen hörten wir uns weiter bei unseren zahlreichen neuen Bekannten um. Und wurden schließlich fündig.

Walter, der alte Schulfreund meines Vaters und nun neuer Mitarbeiter von mir in Leipzig, verkündete bei einem Treffen, dass er eine Wohnung für Horst und mich hätte. Hm, in Leipzig? Aber interessiert fuhren wir trotzdem hin, um uns die Wohnung anzusehen. Der Euphorie folgte die Ernüchterung. Was hatte ich denn erwartet? Als gelernter Wessi hatte man so seine Vorstellungen. Aus meinen bisherigen Erfahrungen im Osten hätte ich aber wissen müssen, dass man hier Abstriche machen musste. Musste man wirklich. Es handelte sich um eine schmucklose Zweiraumwohnung, in einem schmucklosen grauen Altbau, im schmucklosen Leipziger Osten.

Vom Zustand sah die Wohnung gar nicht mal so schlecht aus. Hauptsächlich musste tapeziert werden. Das war noch das Wenigste. Ich sollte noch ganz andere Wohnungen zu sehen bekommen. Aber diese wirkte halt schon sehr ernüchternd. Lediglich zwei Kachelöfen, eine alte Spüle und ein Kohleherd standen hier auf altem abgetretenem Linoleum. Es gab auch ein Badezimmer mit einer Badewanne, die noch richtig auf eisernen Füßen stand, und dazu einen rustikalen Badeofen. Hatte ich lediglich zu Studienzeiten mal ein Zimmer mit einem Ölofen gehabt, so war mir diese Art der Heizung bislang erspart geblieben. Aber hier im Osten? Der Plattenbau wäre wohl die einzige Chance, dem Kohleofen zu entkommen.

Ich habe die Wohnung letztlich nicht genommen, aber aus einem ganz anderen Grund: Das Zentrum meiner beruflichen Aktivitäten lag bislang in Halle, wenngleich ich auch in Leipzig immer aktiver wurde. Die Überlegung bestand zwar, nach Leipzig zu expandieren, doch auf alle Fälle wollte ich meine Basis in Halle erst einmal festigen und ausbauen und dazu brauchte ich dort eine Wohnung und auch ein Büro. Eine Wohnung in Leipzig würde noch mehr Fahrerei bedeuten, was bei den damaligen Straßenverhältnissen im Osten kein wirkliches Vergnügen wäre.

Es kam einem Wunder gleich, dass wir noch im August sowohl zu einer Wohnung, als auch zu einem eigenen Büro kommen sollten. Über eine gewisse Karin hatte ich ihre Freundin Mia kennengelernt. Die meinte, bei ihr in der WG wären zwei Zimmer frei geworden. Horst und ich sollten doch mal vorbeikommen und uns die Zimmer anschauen, zentral, mitten in Halle in der Großen Ulrichstraße gelegen. Ja, super. Das wäre doch was, dachten Horst und ich voller Begeisterung. Wir verabredeten uns gleich für den übernächsten Tag.

Aufgeregt gingen wir also zwei Tage später pünktlich hin, diesmal ganz normal angezogen. Die Wohnung in der Großen Ulrichstraße 36 lag im zweiten Stock eines etwas heruntergekommenen Altbaus. Das Treppenhaus wirkte ziemlich gammelig und staubig. Der Blick aus den milchigen Fenstern ging im Hof auf hohe alte Ziegelwände, soweit das Auge reichte. Im ersten Stock verkündete ein Metallschild, dass hier die Kammer für Außenhandel der DDR residierte. Na, dann kann es so schlimm ja nicht sein, dachte ich. Im zweiten Stock trafen wir einen freundlich dreinschauenden, blonden jungen Mann, der gerade vor der Wohnungstür fegte, sich als Malte vorstellte und Bescheid wusste, dass wir kämen. Der Mitbewohner von Mia, die gar nicht da war.

»Jaja, die Zimmer sind frei, könnt ihr euch gerne anschauen. Ihr seid Wessis, nicht?«, fragte er uns entlarvend.

Die Wohnung entpuppte sich als ein ziemlicher Hammer. Sie war riesig. Ich habe sie später einmal auf etwa hundertfünfzig Quadratmeter geschätzt. Durch die hohe, zweiflügelige Eingangstür gelangte man auf einen bestimmt zehn Meter langen, geraden Flur. Raumhöhe, na, knappe vier Meter etwa. Zur Linken gingen drei Türen ab, nach rechts zwei große, doppelflügelige Türen und am Ende des Ganges befand sich noch eine große, ebenfalls doppelflügelige Kassettentür. Auffällig fand ich, dass der Fußboden des Flurs fast bis zur Hälfte mit großen, leeren Flaschen vollgestellt war. Bei den meisten handelte es sich um Weinflaschen.

Die freien Zimmer befanden sich hinter der Tür am Ende des Flurs. Das erste Zimmer war nicht besonders groß und mehr als die Hälfte davon nahm ein fast hüfthohes Podest ein, das mit einem knalligen, pinkfarbenen Teppichboden belegt war. Die Wände waren dazu passend in kräftigem Rosa gestrichen. Grässlich. Ein kleiner Kohleofen stand in der Ecke. Eine Wand zierte eine riesige Werner-Comicfigur, die kichernd auf einem Bierfass saß, mit einer weiteren Figur davor, die einen Regenschirm hochhielt, auf dem eine Lachmöwe hockte. Witzig, ein Werner hier im Osten. Der Ausblick aus dem Fenster ging in den Hinterhof und wirkte ziemlich ernüchternd. Nur alte, grau-rote Ziegelwände, kein Grün, kein Himmel. So stellte ich mir den Ausblick aus einem DDR-Gefängnis vor.

Eine große Flügeltür führte aus diesem Raum weiter in ein geräumiges Eckzimmer, das mit drei Fenstern auf die Große Ulrichstraße hinausging. Kam das erste Zimmer eher dunkel daher, so war dieses sehr groß und hell. Wer würde denn welches Zimmer bekommen, sofern wir hier überhaupt einziehen würden, fragte ich mich. Ich hatte die Wohnung aufgerissen und könnte daher das schönere Zimmer für mich beanspruchen und Horst ins Durchgangszimmer verbannen. Während ich noch darüber nachdachte, setzte draußen plötzlich ein Rumpeln und Knarren ein, das immer lauter wurde und in ein metallisches Quietschen überging. Gleichzeitig begann der Boden leicht zu vibrieren und zu zittern.

»Ach, das ist nur die Straßenbahn«, beschwichtigte Malte, als er unsere erschrockenen Gesichter sah. Das Geräusch erreichte seinen Höhepunkt und ebbte dann wieder ab. Es klang, als ob die Bahn mitten durch das Zimmer führe. Nöö, dann nehme ich doch das Durchgangszimmer, dachte ich gönnerhaft und hatte die Frage der Zimmerverteilung bereits für mich geklärt. Nun machte sich Malte auf, uns den Rest der Wohnung zu zeigen.

»Ja, das ist die Toilette«, verkündete er und öffnete die Tür. Wir blickten in einen Raum, etwa fünf Meter lang, fast genauso hoch, aber nur wenig mehr als einen Meter breit. Tapeziert mit einer leicht psychedelischen Tapete aus beige-braunen, ineinander gesetzten Herzen. Ein Affront für das Auge. Gleich am Eingang ragte ein altes, ziemlich versifftes, kleines Waschbecken aus der Wand und am anderen Ende des Raumes befand sich die Toilette unter einem schmalen Fenster. Passend zur orangefarbenen Toilettenbrille ragte daneben ein Toilettenpapierhalter im gleichen knalligen Farbton aus der Wand. Hm, wie anheimelnd. Design made in GDR.

Gegenüber dem Klo hatte Mia ihr Zimmer, verkündete Malte und steuerte auf die Tür neben dem Klo zu.

»Habt ihr das Bad extra?«, fragte Horst, als Malte die nächste Tür öffnete.

»Nee, nee, ein Bad haben wir leider gar nicht«, meinte er und gab den Blick in den nächsten Raum frei.

»Äh, ja, das ist unsere Rumpelkammer«, bemerkte er leicht verlegen.

Das traf es. Eine Rumpelkammer im wahrsten Sinne des Wortes. Das Zimmer war nicht klein, aber komplett knie- bis hüfthoch mit alten Sachen zugestellt. Ein Schrank, ein paar alte Stühle, Schachteln, Koffer, Kartons und tausend andere Dinge, bunt auf- und übereinandergestapelt. Weiter als bis in den Türrahmen kam man erst gar nicht hinein.

Die Küche gestaltete sich wiederum anders originell. Zunächst eine Küchenzeile Marke »DDR einfach« auf der rechten Seite und ein dazu gehörender Besenschrank, ein Sideboard und ein Tisch mit vier Stühlen auf der Linken. Die Wände waren mit einer inzwischen nikotinfarbenen Papiertapete bekleidet, die nur partiell Kontakt zum darunter liegenden Putz zu haben schien. Dafür hatte man sie aber großflächig, mit im Wesentlichen schwarzer Wachsmalkreide, künstlerisch verziert. Über einem ausziehbaren alten Waschtisch, auf dem sich ein Berg Geschirr stapelte, prangte ein vermeintliches Plakat der CDU, das verkündete »Wir machen die meisten Schulden, Ihre CDU«. Von der Decke baumelte eine nackte Glühbirne.

»Cool«, entfuhr es Horst.

»Na ja«, dachte ich.

Weiter ging es mit der Wohnungsbesichtigung. Malte zeigte uns das »Wohnzimmer« und sein Zimmer, was von diesem abging. Das Wohnzimmer war ebenfalls ziemlich geräumig, mit drei Flügeltüren und zwei Fenstern zur Straße. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch mit vier Stühlen. Holzleisten auf Stahlrahmen, die klassischen DDR-Gartenmöbel. Irgendwie kamen die mir bekannt vor und ich musste an meinen letzten Besuch auf dem Markt denken. Auf meine Nachfrage räumte Malte tatsächlich ein, dass die einmal vor einer Gaststätte auf dem Markt gestanden hätten. Und von dort wären sie in einer nächtlichen Aktion hierher gelangt. Näher hat er das dann nicht erläutert. Aha.

Wenig später saßen wir drei in der Küche und Malte kochte Kaffee. Dazu spülte er aus dem Berg benutzten Geschirrs drei Becher ab, füllte in jeden Kaffeepulver und übergoss dieses schließlich mit heißem Wasser. Türkisch halt, wie es hier im Osten weit verbreitet war. Wie uns denn die Wohnung gefalle, wollte er dann wissen.

»Na ja, es müsste mal wieder etwas sauber gemacht werden«, räumte er noch ein. Horst meinte mal wieder »Cool«.

Ich war mir da nicht so sicher, ob ich hier einziehen wollte. Was die Zimmer denn kosten sollten, fragte ich.

»Nischt«, antwortete Malte in unverwechselbarem halleschem Dialekt, worauf wir ihn fragend anguckten.

»Ja, hm, das ist so«, setzte er etwas unsicher an, »das ist eine Schwarzwohnung. Wisst Ihr, was das ist?«

»Klar, cool«, kommentierte Horst.

Im Westen hätte man gesagt eine besetzte Wohnung. Da hätten dann Transparente mit schwarzem Stern und Anarcho-A aus dem Fenster gehangen und so weiter. Hier war davon nichts zu sehen. Es machte einen völlig unpolitischen Eindruck.

Ich wusste, dass es solche Häuser gab, wo das ganze Gebäude oder einzelne Wohnungen besetzt waren, im DDR-Jargon sogenannte Schwarzwohnungen. Meist befanden sie sich in mehr oder weniger sanierungsbedürftigen Altbauten und die Bewohner waren junge Leute. Der Staat und die Wohnungsgenossenschaften duldeten dies in den meisten Fällen und bemühten sich, dass die Angelegenheit nicht bekannt wurde. Es wäre ja auch peinlich gewesen, wenn sich der Staat auf der einen Seite mit dem Kampf der Hausbesetzer in West-Berlin solidarisierte und auf der anderen Seite einräumen musste, dass man mit dem gleichen Problem im eigenen Staat zu kämpfen hatte.

Gab es auf der einen Seite Wohnungsmangel in der DDR, so standen auf der anderen Seite viele Altbauten leer. Die Menschen versuchten eine Wohnung in den neuen Plattenbausiedlungen zu bekommen, weil diese einen deutlich höheren Komfort zu bieten hatten. Dort gab es Fernheizung, warmes Wasser, Aufzug, Müllschlucker und oft sogar Telefon. Beliebt waren auch die sogenannten Altneubauten – welch ein Begriff –, meist viergeschossige Mietshäuser, die nach dem Krieg hochgezogen worden waren.

Dagegen verfielen die Altbauten. Den Genossenschaften fehlte es an Geld und Baumaterial, um diese oft wunderschöne alte Bausubstanz halbwegs in Schuss zu halten. So drückten sie oft beide Augen zu, wenn sich junge Leute einfach eine Wohnung oder ein ganzes leer stehendes Haus aneigneten. Diese nicht legalen Bewohner kümmerten sich zumindest etwas um den Erhalt dieser Häuser und bewahrten sie so oft vor dem endgültigen Verfall. Denn spätestens, wenn im Winter der Frost in ein leer stehendes Haus kroch und die erste Wasserleitung platzen ließ, entstand immenser Schaden, der schnell das ganze Gebäude unbewohnbar machen konnte.

Und wir? Konnten wir als seriöse Finanzkaufleute in eine Schwarzwohnung einziehen? Was würden unsere Kunden und Mitarbeiter dazu sagen, wenn sie dies erfahren würden? Doch wir hatten keine Wahl. Anita hatte uns unmissverständlich klar gemacht, dass wir in Kürze aus ihrer Wohnung raus müssten. Alternativen waren weit und breit nicht zu sehen. Da bliebe nur ein Hotel und das wäre teuer. Also, was tun? Irgendwann würden wir schon was Richtiges finden, aber wann? Nach kurzem Überlegen entschieden wir uns dazu, einzuziehen, nachdem Malte vorher bereits signalisiert hatte, er hätte nichts dagegen und Mia sicher auch nicht.

Er erzählte uns, dass er schon über ein Jahr hier wohne und Mia sogar noch länger. Keiner von beiden kannte die Vormieter oder hatte jemals Kontakt mit dem Eigentümer der Wohnung gehabt. Doch in der Wohnung drüber, ebenfalls einer Schwarzwohnung, wohne der Ralf und der würde die ursprüngliche Mieterin seiner Wohnung kennen. Die hätte auch schon vor Längerem »rübergemacht« und in ihrer Wohnung würden jetzt übrigens auch zwei Wessis wohnen. Bevor wir uns verabschiedeten, fiel mir noch ein, nach den Nebenkosten für Strom und Gas zu fragen.

»Auch nischt«, antwortete Malte kichernd. Da hätte sich noch nie jemand gemeldet. Und in der Wohnung oben, die hätten sogar Telefon. Da würde er manchmal hochgehen, wenn er zu Hause bei seinen Eltern anrufen wolle. Verrückt. Wir verabredeten den Einzug zum Wochenende und verließen, um eine Erfahrung reicher, gut gelaunt unsere zukünftige neue Bleibe.

Am 19. August 1990 bezogen Horst und ich unser neues Domizil. Viel brachten wir nicht mit. Horst zog mit seiner Luftmatratze und einer Reisetasche ein. Ich hatte mir zumindest eine gescheite Matratze aus Hannover eingepackt und meinen stummen Diener, der dafür sorgte, dass die Bügelfalte meines Anzugs immer korrekt saß. Wir freuten uns beide wie die Schneekönige, endlich eine richtige Bleibe zu haben, auch wenn die nicht ganz offiziell war. Gemeinsam mit Mia, Malte und etlichen Flaschen halleschen Meisterbräus feierten wir dies abends in der Küche.

Dabei erfuhren wir auch, wo der große Fleck über dem Herd herrührte. Im Gegensatz zu den übrigen Wänden der Küche wies dieser Bereich keine »künstlerischen Verzierungen« auf. Stattdessen prangte, etwa einen halben Meter unter der Decke, ein großer, unappetitlicher Fleck, der in Streifen auf der ohnehin schon nicht mehr taufrischen Tapete nach unten verlief. Mia meinte, der Klaus, unser Vormieter, hätte sie einmal so geärgert, dass sie mit einem Ei nach ihm geworfen hätte. Und offenbar hatte sie nicht getroffen, denn das Ei war eindeutig gegen die Wand geflogen, zerplatzt und auf der Tapete heruntergelaufen. Und scheinbar hielt es auch niemand für nötig, die Sauerei wieder wegzumachen. So entstand dieser unschöne Fleck auf der Wand. Na ja, das eine will man, das andere muss man, sagte ich mir.

Fünf

Ganz anders löste sich dann die Sache mit dem Büro. Eines Tages sprach mich nach der Schulung mein Mitarbeiter Jan Abendroth an und fragte, ob ich noch an einer Wohnung interessiert sei. Natürlich hatte ich Interesse. Denn zum einen war unsere Schwarzwohnung nicht das Nonplusultra, und zum anderen brauchte ich ja auch immer noch ein Büro. Herr Abendroth meinte, er hätte da eine kleine Wohnung für mich. Da er mit seiner Freundin, der Frau Doktor, zusammenziehen wollte, würde seine bisherige Wohnung frei und ich könne diese von ihm mieten. Super dachte ich. Und er würde sogar einen Großteil der Einrichtung drin lassen. Na, umso besser. Wo die Wohnung denn läge und wie groß sie wäre, wollte ich wissen. Die Wohnung befände sich in einem sogenannten Altneubau in der Uranusstraße in Trotha, im halleschen Norden. Eine Zweiraumwohnung mit etwa neununddreißig Quadratmetern und Fernwärme. Optimal dachte ich noch und geriet bereits in leichte Euphorie. Was sie denn kosten solle, wollte ich noch wissen. Konnte ja nicht viel sein, bei der Größe, und weil Wohnungen in der DDR nun wirklich billig waren, ging es mir durch den Kopf.

Da sagt der Kerl doch mit einem verschmitzten Lächeln: fünfhundert D-Mark. Wie bitte? Erst dachte ich, ich hätte mich verhört. Hatte ich aber nicht. Er hatte tatsächlich fünfhundert D-Mark gesagt. Auf meinen Einwurf, dass das doch gar nicht sein könne, dass die Genossenschaft bei der Neuvermietung soo viel mehr nehmen würde, lächelte er wieder. Es wäre ja auch keine Neuvermietung, denn er bliebe weiterhin Mieter und ich würde offiziell über die Genossenschaft gar nicht an solch eine Wohnung herankommen. Letzteres leuchtete mir aufgrund der Erfahrung mit dem Wohnberechtigungsschein ein.

»Sie müssen die Wohnung ja nicht nehmen«, verdeutlichte er mir noch einmal die Möglichkeiten.

»Außerdem lasse ich Ihnen ja fast alles drin«, lockte er.

Noch vor zwei Monaten konnte der nur von der D-Mark träumen und nun hatte er schon den Bogen raus, wie man diese am einfachsten vermehrte. Er schien die bevorstehende Wiedervereinigung nicht unbedingt zu bejubeln, hatte aber anscheinend den wesentlichen Aspekt der Marktwirtschaft, die monetäre Mehrung, zügig verinnerlicht. So schnell konnte das gehen. Mir verschlug es fast die Sprache, aber okay, gucken wir uns die Wohnung einmal unverbindlich an, überlegte ich mir.

Gesagt, getan. Die Wohnung lag im dritten Stock eines sogenannten Altneubaus. Es handelte sich hierbei um Häuser, die kurz nach dem Krieg, noch mit herkömmlichem Satteldach und in der Regel drei- bis viergeschossig, hochgezogen worden waren. Meist mit dünnen Wänden ohne viel Schall- oder Wärmeschutz. Also noch kein richtiger Altbau, aber für einen Neubau eben schon zu alt. Halt ein Altneubau. Hinter der Wohnungstür ein schmaler, kurzer Flur. Auf der linken Seite, nur durch einen Vorhang vom Flur getrennt, denn für eine Tür fehlte der Platz, eine kleine, schlauchartige Küche, komplett eingerichtet. Dahinter das Bad. Der Raum war so schmal, dass die Tür im Millimeterabstand an der Ecke der Badewanne vorbeilief. Aber immerhin eine Badewanne. Am Ende des Ganges befand sich dann das Wohnzimmer, von dem das Schlafzimmer, abging.

Das Wohnzimmer war mit einem alten 50er-Jahre-Schrank, einem ebensolchen Schreibtisch mit Holzstuhl sowie einem Tisch mit zwei alten abgewetzten Sesseln eingerichtet. Das sogenannte Schlafzimmer enthielt einen Schlafzimmerschrank und ein altes Bett. War das alles hässlich. Im Westen hätte man die komplette Einrichtung auf den Sperrmüll geworfen. Horst hatte in seinem jugendlichen Optimismus noch gefragt, ob die Wohnung Telefon hätte. Hatte sie natürlich nicht.

Nehmen wir die? Oder richtiger gefragt nehme ich die? Denn von Horst war noch nicht viel finanzielle Beteiligung zu erwarten. Dafür waren seine Umsätze einfach zu mau. Nach Abwägung der Vorteile gegen die Wuchermiete entschied ich mich dafür, die Wohnung zu nehmen. Entscheidender Vorteil war, dass ich so eine offizielle Büroadresse angeben konnte, wo ich postalisch erreichbar war und wo ich mich mit Mitarbeitern und Kunden verabreden konnte. Dass dieses »Büro« in einem Mietshaus lag und auch von der Einrichtung nicht sehr ansprechend daher kam, stellte kein Problem dar, denn damals wurde überall noch viel improvisiert. Wichtig erschien mir, einfach überhaupt eine offizielle Adresse zu haben. Die Wuchermiete konnte ich mir damals leisten.

Die Wohnung hatte noch einen anderen, nicht ganz unwichtigen Vorzug. Sie verfügte über ein Bad mit Badewanne und es gab, Fernwärme sei Dank, heißes Wasser direkt aus dem Hahn. Denn das fehlte schließlich bei unserer Bleibe in der Großen Ulrichstraße. Durch die Fernwärme konnte man die Wohnung im Winter problemlos beheizen, was auch nicht verkehrt war.

Sechs

Die meisten meiner Mitarbeiter in Halle hatten einen hohen Bildungsstandard und oft sogar studiert. Da gab es unter anderem Lehrer und Ingenieure, sogar eine promovierte Dozentin von der halleschen Uni war darunter, Frau Doktor Sarah Klug, die immer gemeinsam mit ihrem Partner, dem besagten Jan Abendroth, zu den Schulungen kam. Sie sah nicht nur ziemlich gut aus, sondern machte auch einen ähnlich gewieften Eindruck wie er. So schlossen sie erst mal jeder gegenseitig eine Lebensversicherung ab, um damit den ersten eigenen Umsatz zu tätigen und damit die erste Provision zu erwirtschaften. Herr Abendroth brachte dann zum nächsten Infoabend auch gleich einen Bekannten mit, den er als neuen Mitarbeiter angeworben hatte, Herrn Theo Zack.

Dieser Bekannte erkundigte sich bei mir in einem Vieraugengespräch gleich zu Beginn nach den Einstellungsvoraussetzungen und etwaigen Ausschlusskriterien. Das hatte mich noch niemand gefragt. Er würde ein Führungszeugnis brauchen, teilte ich ihm erstaunt mit, aber erst, wenn er hauptberuflich tätig würde, meinte ich mich zu erinnern. Was er denn von Beruf sei, fragte ich ihn, nun neugierig geworden. In zackigem Ton, der Name war hier anscheinend Programm, teilte er mir mit, dass er Oberstleutnant der NVA sei und damit rechne, sich in Kürze ein neues Betätigungsfeld suchen zu dürfen. Ein Oberstleutnant, hoho, ein hoher Militär, also daher wehte der Wind.

Ich fragte ihn, ob er denn von der Firma sei, wie die Staatssicherheit oft genannt wurde, was er aber verneinte. Man traf ja ohnehin niemanden, der bei der Firma gewesen war. Doch die Tatsache, dass er als Offizier ziemlich schnell nach der Wiedervereinigung arbeitslos werden sollte, legte den Verdacht nahe. Immerhin, der Mann wusste sich zu helfen. Als ich eines Tages einen Termin bei ihm zu Hause hatte, staunte ich nicht schlecht. Der lange Wohnungsflur war hüfthoch mit Schachteln und kleinen Paketen vollgestellt. Bei näherem Hinsehen entpuppte sich das Ganze als regelrechtes Warenlager von Pornoheften und -videos, Dildos und Ähnlichem. Hatte er doch in seiner Wohnung tatsächlich eben mal einen schwungvollen Handel mit Erotikartikeln aufgezogen. Nicht schlecht. Was wohl seine vierzehnjährige Tochter dazu sagte?

Wenig später stieg der Herr Oberstleutnant a.. dann auch noch in den Handel mit Militaria ein. Sicher, zu DDR-Orden und Ehrenabzeichen hatte er bestimmt einen guten Draht und zu den Orden aus dem sozialistischen Bruderland der Sowjetunion mit der immer viel beschworenen deutsch-sowjetischen Freundschaft sicherlich auch. Ob er vielleicht auch noch mit Orden des Vorgängersystems handelte, wollte ich lieber erst gar nicht wissen. Ließ der geschasste Führungsoffizier der Nationalen Volksarmee auf der einen Seite keinen Zweifel daran, was er von dem neuen politischen System hielt, nämlich nichts, so verstand er auf der anderen Seite die Marktwirtschaft doch sehr schnell und wusste sie für seinen eigenen Vorteil gut zu nutzen.

Ungeachtet dessen, je mehr ich mit meinen Mitarbeitern besser bekannt wurde und diese sich auch untereinander kennenlernten, umso mehr wuchsen wir gemeinsam zu einer lustigen Truppe zusammen. Da gab es meine beiden Leipziger, beide von Anbeginn dabei. Sie fielen immer durch ihre »Was ist denn wenn«-Fragen auf und sahen potenzielle Probleme bereits auf fünf Kilometer Entfernung. Als ich anfing, in Leipzig Schulungen zu veranstalten, kamen sie bald dorthin und sparten sich den Weg nach Halle. Die beiden amüsierten immer wieder durch ihre Optik. Wirkten die geleckten OVB-Durchstarter mit ihren Bossanzügen und ihren dicken Uhren in Hannover schon etwas überkandidelt, so stellten die beiden das krasse Gegenteil in ihrer Aufmachung dar. Aber so waren sie halt. Frau Gehrke konnte sich bei einem gemeinsamen Meeting nicht verkneifen, die beiden darauf anzusprechen, was diese aber gar nicht so recht nachvollziehen konnten. Horst und ich trugen zwar keine teuren Bossanzüge, aber Anzug war in der Branche eigentlich schon Pflicht.

Dann gab es da noch Frau Wonne aus Merseburg. Mitte dreißig, verheiratet, zwei Kinder, gelernte und nun arbeitslose Anlagenbauerin. Die hatte das Fachliche ganz schnell drauf und auch überhaupt kein Problem, Kontakte zu machen. Bei jedem Meeting hatte sie wieder ein paar Kundenanalysen dabei, die wir gemeinsam durchgingen. Die anschließenden Beratungen machte sie schon sehr bald selber und brachte stets ausgefüllte und unterschriebene Anträge zurück. Sie transpirierte allerdings sehr stark, was in kleinerer Runde manchmal das Atmen erschwerte. Das lag sicher an den guten DDR-Blusen aus Dederon, wie der Synthetikstoff hieß. Sie hatte bald ihren Spitznamen weg: Elvira Büffel.

Bereits von Beginn an dabei war auch Frau Bark, eine kleine, dunkelhaarige, verschmitzte Lehrerin. Die fand ich auf Anhieb total sympathisch und auch sie hatte ebenfalls schnell begriffen, wie das mit dem Verkaufen ging. Nur bei den sogenannten Abschlusstechniken war ihr die Frau Wonne noch etwas überlegen. Aber auch die Lehrerin verkaufte sehr schnell selber. Frau Bark brachte gleich noch ihre Kollegin mit. Beim Infoabend kamen beide noch mit Mann, aber zu den Schulungen dann nur noch allein. War die Frau Bark eine selbstbewusste Optimistin, so gehörte ihre Kollegin eher zu den schüchternen Skeptikern.

Weniger sympathisch war mir das Trio um die Frau Doktor. Die drei blieben meist eher etwas unter sich. Der Herr Oberstleutnant legte immer ein ziemlich zackiges Auftreten an den Tag, wenn er sich zu Wort meldete und ich merkte, dass er es nicht gewohnt war, jemand anderem zuzuhören und Dinge einfach so hinzunehmen. Außerdem ärgerte ich mich immer noch über die Dreistigkeit meines »Vermieters«, mir für die kleine Wohnung so viel Geld abzunehmen.

Bald gesellte sich noch ein junges, sympathisches Ehepaar zu uns. Beide total nett und sie eine richtige Schönheit. Doch recht schnell sollte ich merken, dass die beiden ein Problem hatten, was er mir gegenüber eines Tages auch ganz offen ansprach: Er hatte tatsächlich hauptamtlich für die Stasi gearbeitet. Und nun fürchtete er mögliche Repressalien. Er sollte der erste und einzige Mensch bleiben, der tatsächlich zugegeben hatte, bei der Stasi gewesen zu sein.

Daneben gab es noch eine Reihe weiterer Mitarbeiter. Da kamen Neue hinzu, andere gingen. Eine gewisse Fluktuation ist in der Branche ganz normal. In Summe hatte sich bald ein harter Kern herauskristallisiert, der Woche für Woche regelmäßig zu den Schulungen kam und schon bald eigenes Geld verdiente. Eine bunt gemischte Truppe und mit den meisten von ihnen machte die Zusammenarbeit richtig Spaß.

Sieben

Privat hatten Horst und ich es uns in der Wohnung in der Großen Ulrichstraße, mit unserer spärlichen Einrichtung, inzwischen gemütlich gemacht, so gut es ging. Mit der Batterie leerer Weinflaschen auf dem Flur lernte ich, zu leben. Warum sollte ich die wegbringen, da ich sie nicht mal angeschleppt oder wenigstens leer getrunken hatte. Außerdem wohin damit? Glascontainer gab es damals nicht und abgeben konnte man die auch nirgendwo. Die beiden Mülltonnen unten im Hauseingang waren ohnehin meist überfüllt. So konzentrierte sich der Kampf gegen die Vermüllung und den Siff in der Wohnung auf die Küche und das Klo. Was völlig ausreichte.

Malte und vor allem Mia hatten es nicht so mit der Sauberkeit, wobei sich Malte zumindest noch Mühe gab. Beide studierten in Halle an der Uni und brachten oft ihre Studienkollegen mit in die Wohnung, was zur Folge hatte, dass später alle Kaffeebecher, und davon gab es wirklich viele, schmutzig in der Spüle standen. Jeder mit einem zwei Zentimeter hohen Kaffeebodensatz. Das konnte schon nerven. Auch die Vorräte im Kühlschrank neigten dazu, sich in Verbindung mit vorhandenem Brot sehr schnell in Luft aufzulösen. Wenn ich dann mal was sagte, wurde Mia gleich schnippisch:

»Eh, nun reg dich doch nicht wegen so ‘ner Kleinigkeit auf.« Aber neues Brot hat sie trotzdem nicht gekauft.

Nachdem die beiden das erste Mal gesehen hatten, wie wir im Anzug, mit blinkenden Schuhen, Aktenkoffer und dem Overheadprojektor zur Schulung loszogen, kamen wir ihnen sowieso nicht ganz geheuer vor. Trotzdem, gerade mit Malte verstanden sich Horst und ich ziemlich gut und wir saßen oft abends biertrinkend in der Küche zusammen. Oder wir tauschten eben noch Anzug gegen Jeans und T-Shirt und gingen noch auf ein Bier ins Nöö.

Beim Café Nöö handelte es sich um eine Eckkneipe und die befand sich im Erdgeschoss des Hauses der Reformbewegungen in der Großen Klausstraße, von uns in fünf Minuten zu Fuß erreichbar. Aus diesem Haus gingen 1989 die Demonstrationen in Halle hervor. Hier saßen die Bürgerbewegungen von Halle, die im letzten Herbst ähnlich wie in Leipzig und anderen Städten zum Mauerfall geführt hatten. Die Einrichtung der Kneipe war schlicht, aber an den Wänden gab es meist recht interessante Fotoausstellungen. Hier wären wir in unserem Arbeitsdress ziemlich aufgefallen, denn das Publikum war überwiegend alternativ bis subversiv eingestellt. Man trug Schlabberhemden und hob sich mit seinen langen Haaren und Bärten von unserer normalen Kundenklientel ab, was aber privat eher unsere Kragenweite war. Hier mussten wir nicht damit rechnen, Mitarbeiter oder Kunden zu treffen.

Zunehmend entstanden in dieser Zeit des Umbruchs alternative Kneipen und Cafés. So zum Beispiel das Moosmännel in der Großen Brunnenstraße, wo der Besitzer so aussah, als wäre der Laden nach ihm benannt. Die Kneipe lag im Erdgeschoss eines leer stehenden Altbaus. Innen war es total klein und eng, die Beleuchtung spärlich, die Einrichtung vom Sperrmüll und das Publikum schwer alternativ. Weil die Kneipe so klein war, stand man meist halb auf der Straße davor, wobei man immer Angst haben musste, dass Teile der maroden Fassade auf einen herunterstürzen könnten.

Und immer häufiger machten sogenannte Wohnzimmerkneipen auf. Das waren Wohnungen, meist in riesigen alten Häusern gelegen, wo die Bewohner ein, zwei große Räume zur Kneipe umwandelten. Darin befand sich ein mehr oder weniger improvisierter Tresen, ein paar Tische mit Stühlen, Sofas, und das reichte aus. Dadurch, dass Halle Universitätsstadt war, gab es viele junge Menschen hier und durch die Kunsthochschule besonders viele Künstler. Sowohl als auch. Es dauerte nicht lange und man konnte in den halleschen Kneipen immer häufiger den Geruch von Marihuana wahrnehmen.

Das Objekt 5, landläufig nur Objekt genannt, war eine weitere Kneipe. Anfänglich nur eine muchelige Kaschemme in einem heruntergekommenen Altbau, direkt an den Felsen der Burg Giebichenstein gelegen. Aber wohl auch wegen der Nähe zur Kunsthochschule war es schnell total angesagt. Eines Tages überdachten die Betreiber den Innenhof. Nur das Wie lehrte mich fast das Fürchten. Aus alten Paletten als Dachkonstruktion, die man von unten abenteuerlich abgestützt hatte, wurde ein flaches Dach über dem Hof errichtet, auf dem oben Plastikfolie befestigt wurde. Und das hielt tatsächlich jahrelang, was mir ein ewiges Rätsel bleiben sollte. Anders als viele dieser Kneipen überdauerte das Objekt die Zeit und existiert immer noch.

Am ersten Septemberwochenende zog es Horst und mich nach Leipzig. Sylvie hatte fei und war endlich einmal mit dabei. Auf der Festwiese neben dem altehrwürdigen Leipziger Zentralstadion fand ein Open-Air-Festival statt. Ein solches Festival, mit Bands wie Tina Turner, den Simple Minds, Gary Moore und den Toten Hosen aus Düsseldorf hatte es natürlich noch nie in Leipzig gegeben. Dementsprechend groß war der Auftrieb. Im Umfeld des Festivals gab es die üblichen Buden und Stände der fliegenden Händler, wie man es so kannte. Wie der gelernte Wessi es so kannte, muss es eigentlich heißen, denn Open-Air-Festivals wie im Westen gab es zu DDR-Zeiten natürlich nicht. Dementsprechend waren alle Stände dicht von neugierigen Menschen umlagert. Bei einem Blick auf das Angebot mussten wir feststellen, dass dort auch ganz schöner Ramsch für teuer Geld verkauft wurde.

Ein Buchstand fiel uns ganz besonders auf. Hier lagen auf großen Tischen jede Menge Bücher zum Stöbern und kaufen. Doch damit nicht genug, man bekam sogar ein Buch geschenkt. Na, das kam richtig gut an. Ein dickes Buch umsonst. Wir mischten uns unter die Neugierigen und sahen uns um. Überall stand was von Dianetik. Sagte uns so erst mal nix. Auch mit dem Namen des Autors der Bücher, Ron Hubbard, konnten wir zunächst nichts anfangen. Aber in Verbindung mit den bildgewaltigen Einbänden der Bücher und der Tatsache, dass man ein Buch umsonst bekam, dämmerte es mir schließlich.

Scientology! Hier handelte es sich um einen Stand der Scientologen. Na super. Gingen die hier bei den ahnungslosen Ossis auf Dummenfang. Na wartet. Da es bis zum Konzertbeginn noch etwas dauerte, begannen wir jetzt, die Leute anzusprechen und zu fragen, ob sie wüssten, dass es sich hier um Werbung für eine Sekte handele. Wussten sie nicht, zeigten sich aber interessiert, von uns etwas darüber zu erfahren. Als ich Horst über drei Bücherstände hinweg recht laut zurief: »Hey, das ist ja eine Sekte!« und er mir ebenfalls weithin hörbar antwortete: »Echt, das sind Sektierer!« hatten wir die Aufmerksamkeit sicher.

Etliche Leute legten die Bücher zurück und sahen uns an. Dadurch aufgeschreckt tauchte nun der Standbetreiber auf und fragte nach unserem Problem. Wir sagten, dass wir höchstens mit ihm ein Problem hätten und warum nirgendwo stünde, dass er von Scientology sei, was er vehement abstritt. Es entspann sich eine lebhafte Diskussion, neugierig verfolgt von den Umstehenden, die dann doch die Bücher meist wieder hinlegten. Wir hatten unseren Spaß, ihm das Geschäft zu versauen, und das taten wir nach besten Möglichkeiten. Denn immer, wenn wieder Leute an seinem Stand stehen blieben, klärten wir sie über die Hintergründe auf, worauf die meisten gleich weitergingen. Der Typ konnte froh sein, dass irgendwann das Konzert anfing und wir ihn in Ruhe ließen. Es wurde ein tolles Open Air und wir hatten jede Menge Spaß.

Sylvie sah nun das erste Mal unsere Wohnung. Sie guckte beim Anblick dieser, beziehungsweise der »Unordnung«, die dort herrschte, schon etwas komisch, obwohl ich versucht hatte, sie darauf vorzubereiten. Aber das, was man hört, ist das eine und das, was man sieht, das andere. Als ich ihr sagte, dass dies eine Schwarzwohnung sei, hatte sie endgültig große Augen gemacht. Auf meine Frage, wann sie denn nach Halle kommen wolle, wiegelte sie wieder ab.

»Hier in so einer verdreckten Bude will ich nicht wohnen«, stellte sie klar. Und letztlich traute sie dem Braten mit meinem Schritt nach Halle noch nicht so ganz.

Ansonsten gefiel es ihr in Halle ziemlich gut, wobei sie immer wieder staunend dastand und die zerbröselnde, ehemalige Schönheit der Stadt betrachtete. Sie mochte die Menschen hier. Besonders gefiel ihr deren offenes Wesen. Hier lebte nicht jeder hinter seiner Fassade, wie so oft im Westen, sondern zeigte sich noch offen und nicht gekünstelt verstellt. Leider ging dieses gemeinsame Wochenende viel zu schnell vorbei. Am kommenden Samstag sollte bei uns ein großes Hoffest stattfinden. Malte und Mia waren engagiert dabei, dies zu organisieren, sogar Livemusik sollte es geben. Helfen konnten Horst und ich leider nicht viel, da wir eine Menge Termine hatten. Aber wir waren auf das Fest gespannt.

Am Samstag herrschte hektisches Treiben in der Wohnung und vor allem unten im Hof. Dort werkelte man an einer improvisierten Bühne, eine noch viel improvisiertere Stromversorgung wurde zusammengestöpselt und ein leer stehender Schuppen als Bar hergerichtet. Die Hausbewohner schleppten Bierkästen und schmierten Fettbemmen. Fettbemmen kannte man im Westen als Schmalzbrote. Warum man unten im Hof ein riesiges altes Tarnnetz auf dem gepflasterten Boden auslegte, erschloss sich mir erst später.

Gegen Abend füllte sich der Hof und die Party nahm ihren Lauf. Auf der improvisierten Bühne mühte sich bald eine Band ab. Absoluter Trash, aber schön laut. Mangels Mikrofonständer hatte man das Mikro einfach an den Stiel eines alten Besens befestigt, den man mit dem Fuß zwischen die Paletten der improvisierten Bühne gekeilt hatte. Von dem Gesang konnte man absolut gar nichts verstehen. Nicht weil die Anlage so schlecht war, sondern weil Jordan, der Sänger, kein Wort Englisch konnte. Jordan verkörperte optisch den klassischen Rocksänger. Groß, lange Haare, so eine richtige Musikeraura und immer von ein paar hübschen Mädchen umgeben.

Imposant fand ich seine alten Cowboystiefel, die kurz vor dem endgültigen Zerfall standen. Aber das Loch in der Ledersohle hätte sogar den Mann aus der Camel-Werbung zum Erblassen gebracht. Und Malte klärte mich auf, dass man wegen der mangelnden Englischkenntnisse des Sängers einfach einen Verzerrer zwischen Mikro und Verstärker geschaltet hatte. Schon merkte bei der schlechten Verstärkeranlage niemand, dass Jordan eigentlich nur irgendetwas in das Mikro hinein brüllte. Auf so eine Idee musste man erst mal kommen. Jordan sollte später in Halle ein Fachgeschäft für Whiskey aufmachen. Er behielt seine Frisur bei und legte sich neue Cowboystiefel zu, die aber von Beginn an schon wie ewig alt aussahen.

Bei der Party lernte ich die übrigen Bewohner des Hauses kennen. Genauer gesagt handelte es sich dabei nur um die Bewohner aus der Wohnung über uns. Denn von der Kammer für Außenhandel im ersten Stock erschien erwartungsgemäß niemand zu dem Fest und die Dachgeschosswohnung stand leer. Da gab es Ralf Kramer. Ralf war Philosophiestudent und machte mit seiner manierlichen Frisur von allen noch den seriösesten Eindruck. Es stellte sich heraus, dass er sogar noch ein echter Originalmieter mit Mietvertrag war.

Dann wohnte dort noch Herbert, der aus Stuttgart kam. Herbert war undurchsichtig und mir nicht wirklich sympathisch. Er machte etwas im Baugewerbe, was genau, blieb aber unklar. Der Nächste war wieder ein Wessi. Eduard kam aus Kleve, war Ende vierzig, klein, ein schmächtiges Hemd und sah im Mund aus wie Dresden 1945. Er war Handwerker und machte in »Gas, Wasser, Scheiße«, wie er immer zu sagen pflegte, irgendwas gemeinsam mit Herbert. Eduard entpuppte sich als ein Netter. Was ihn nach Halle geführt hatte, bekam ich erst später raus und das war weniger nett. Er hatte sich vor seiner polnischen Ehefrau geflüchtet und wurde wegen ausstehender Unterhaltszahlungen gesucht. Daher tauchte er nach der Grenzöffnung einfach im Osten unter und entging so den finanziellen Forderungen.

Und zu guter Letzt wohnte über uns noch der Bär. Der hieß so, weil er so aussah. Riesengroß, mit ungezähmter rotblonder Lockenmähne, Vollbart und auch ansonsten stark behaart. Den Bär kannten wir schon aus dem Nöö, wo er hinter dem Tresen arbeitete. Na, dann waren wir ja eine illustre Runde. Das Fest war auch illuster: Knalllaute Trashmusik in dem kleinen, vollen Hof, umgeben von hohen, zerfallenden, roten Ziegelwänden, bei diffuser Beleuchtung. Wenn das nicht Punk war.

Und dann am nächsten Morgen der Punk im Kopf. Ich konnte gar nicht sagen, wann mein Kopf schon einmal so dick gewesen war. Ein Wunder, dass ich damit überhaupt durch die Tür passte. Was hatte ich denn gestern alles getrunken? Hallesches Meisterbräu, lauwarm. Davon bekam ich allein schon immer einen dicken Kopf. Na ja, dann sicher noch den einen oder anderen Braunen. Und noch Wodka? Na egal, es reichte auf alle Fälle. Als ich dann aufs Klo musste, wäre es mir lieber gewesen, ich hätte mein Zimmer nicht verlassen können. Boah, war das eklig, und es roch auch so. Ich hatte vorher schon einmal mit Edding an die Wand geschrieben »Pinkelt doch mal im Sitzen«. Im Nachgang zu der Party schrieb ich »Kackt doch mal im Stehen« an die Wand.

Unsere Küche sah nicht viel besser aus. Berge von schmutzigem Geschirr, Müll und kein sauberes Plätzchen mehr. Als ich aus dem Fenster in den Hof schaute, erschloss sich mir endlich das Prinzip mit dem Tarnnetz. Man hatte die vier Ecken zur Mitte des Hofes zusammengelegt, damit den Großteil des Mülls aufgehäuft und diesen dann einfach in eine Ecke gezerrt, schon war der Müll beseitigt. Da blieb der Haufen bis auf Weiteres liegen. Mit einer Flasche Mineralwasser bewaffnet zog ich mich wieder in mein Bett zurück und drehte mir erst mal eine Zigarette. Nicht mal die schmeckte richtig. Zwei Alka Seltzer und eine halbe Stunde später ging es mir tatsächlich etwas besser. Irgendwann tauchte Horst aus seinem Zimmer auf. Oha, der sah aber alt aus.

Am frühen Nachmittag hatten Horst und ich uns so weit berappelt, dass wir die Wohnung verlassen konnten, um etwas essen zu gehen. Nach der Aufnahme einer festen, warmen Mahlzeit, welche wir mit einem gepflegten, frisch gezapften Pils herunterspülten, sah die Welt schon ganz anders aus. So gestärkt kehrten wir in die Wohnung zurück, wo Malte und Mia tatsächlich bereits mit den Aufräumarbeiten begonnen hatten. Wir unterstützten sie, nur das Klo wollte ich nicht sauber machen. Das machte schließlich tatsächlich Malte.

In unserem Wohnzimmer stand seit letzter Nacht ein richtig großes Bierfass. Hatte ich gar nicht mitbekommen. Wie hatte das den Weg zu uns gefunden? Malte klärte mich auf, dass ein paar Gäste dies mitgebracht hatten. Und woher hatten die das? Natürlich wieder vom Markt, denn da standen doch diese Buden und aus einer der Buden stammte es, berichtete er. Jetzt stand das Dreißig-Liter-Fass also bei uns im Wohnzimmer. Unten steckte ein Hahn drin, oben war es offen. Auf dem Fußboden hatte sich eine kleine Pfütze gebildet und der ganze Raum roch, trotz offener Fenster, wie alte Kneipe. Experimentierfreudig, wie ich war, probierte ich.

Dass der Extrakt aus dem Fass ziemlich trübe ins Glas lief und obendrein lauwarm war, schreckte mich nicht so sehr wie der Geschmack selber. Boah! Was war denn das? Das schmeckte ja wie eingeschlafene Füße. Die Lösung fand sich schnell. Es handelte sich um Weißbier, noch dazu ohne Kohlensäure. Weißbier war ohnehin nicht mein Fall und so schon gar nicht. Auf alle Fälle stand das Fass noch lange dort bei uns im Wohnzimmer und in den ersten Tagen zapften sich meine Mitbewohner immer wieder mal ein Gläschen, bis auch sie nicht mehr mochten.

Ein paar Tage später hatte sich Besuch zum Frühstück angekündigt. Drechsel kommt und bringt Brötchen mit, hatte Malte am Vorabend verkündet. Drechsel kannte ich flüchtig, über irgendwelche Leute, aus irgendwelchen Kneipen. Ob es sich bei dem Namen um seinen Nachnamen oder um einen Künstlernamen handelte, wer wusste das schon? Er stellte auf alle Fälle schon rein optisch eine markante Erscheinung dar: groß, schlank, mit langen rotblonden Locken. Dazu trug er meist einen langen schwarzen Ledermantel und Springerstiefel. Als Drechsel zum Frühstück kam, brachte er nicht nur Brötchen mit. Nein, aus den Tiefen seines Ledermantels kamen neben mehreren Päckchen Wurst und Käse noch Eier, Marmelade und Butter zum Vorschein. Seinem verschlagenen Grinsen zu entnehmen hatte er diese Sache in der Kaufhalle nebenan nicht bezahlt. Horst meinte nur »cool«, als er sah, was Drechsel alles aus dem Mantel hervorholte, was wir uns kurz darauf schmecken ließen.

In der Folgezeit schaute Drechsel immer mal wieder bei uns vorbei. Meist hatte er dann einen Beutel mit CDs oder Comics dabei, die er für eine Weile bei uns deponierte und später wieder abholte. Man erzählte sich auch, dass man bei ihm Dinge bestellen konnte, die er dann besorgte, für den halben Ladenpreis. Eines Tages war Drechsel verschwunden. Es hieß, er habe Halle ziemlich überhastet verlassen. Nicht, weil man ihn bei seinen »Besorgungen« erwischt hatte, sondern weil er sich wohl in einigen WGs, in denen er verkehrte, an fremdem Eigentum bedient hatte. Das fanden die Leute überhaupt nicht witzig.

Acht

Inzwischen war der September vergangen und der 3. Oktober stand unmittelbar bevor. Der Tag der Deutschen Einheit. Wer hätte gedacht, dass wir diesen Tag einmal erleben? Für mich persönlich hatte es zwei deutsche Staaten gegeben. Nicht, dass ich die DDR toll gefunden hätte, aber ich war mit ihr aufgewachsen und hatte mich mit ihr abgefunden. Ganz im Gegensatz zu meinen Eltern. Gut, sie stammten aus Leipzig und waren rechtzeitig vor dem Mauerbau 1961 aus dem Ostsektor Berlins in den Westsektor gewechselt.

Für meinen Vater gab es zeitlebens nur die SBZ, die sowjetische Besatzungszone. Er ließ kein gutes Haar an diesem »Unrechtsregime«. Sicher, er hatte einen anderen Bezug, denn es lebten noch Schulfreunde »drüben«, die den Westkontakt abbrechen mussten, um keine Schwierigkeiten im Betrieb zu bekommen. Brav wurden jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit Pakete mit Kaffee, Bananen und Orangen gepackt und in die »Ostzone« geschickt. Mir war das ganze Geschwafel von unseren »Brüdern und Schwestern im Osten« immer etwas suspekt. Wie sich zeigen sollte, nicht ganz zu unrecht. Denn solange sie weit weg und hinter der Mauer sicher verwahrt waren, konnte man getrost jammern, aber wehe sie standen nun plötzlich, mit einem Koffer in der Hand, vor der Tür. Oh Schreck, so hatte man das nun auch wieder nicht gemeint.

Plötzlich vertrat mein Vater die Meinung, dass seine geliebten »Brüder und Schwestern« undankbar seien, weil sie nicht alles Neue unumwunden bejubelten, sondern sogar noch kritische Fragen stellten. Und zu viel Geld hatte man ihnen auch gegeben. In Vorbereitung der Wiedervereinigung musste die Kohl-Regierung auch klären, wie mit den ostdeutschen Sparguthaben umzugehen war. Gespartes hatte der Ossi durchaus reichlich, denn es gab letztlich wenig Konsumartikel in der DDR, für die er Geld ausgeben konnte. Dass die wertlosen »Aluchips« nicht mir nichts, dir nichts eins zu eins in harte Westmark umgetauscht werden konnten, zeigte sich schnell. Die Entscheidung, dass man den Ossis die Sparguthaben bis auf einen kleinen Sockelbetrag schließlich eins zu zwei tauschte und dadurch halbierte, fand mein Vater nicht richtig. Er hätte ihnen weniger gegeben. So änderten sich die Sichtweisen.

Am 3. Oktober saß ich nachmittags im Auto und fuhr von Halle nach Hannover und hatte so ausreichend Zeit, über dieses und jenes nachzudenken. So zum Beispiel, wie das letztes Jahr am 9. November gewesen war. Sylvie und ich hatten das Geschehen damals ziemlich bewegt und mit großer Spannung vor dem Fernseher verfolgt. Unvergesslich die Pressekonferenz, die im Fernsehen der DDR live übertragen wurde. Wer hätte ernsthaft daran gedacht, dass wir dieses historische Ereignis tatsächlich noch erleben durften.

In der Tagesschau sahen wir Günter Schabowski, ein Mitglied des Zentralkomitees der DDR, wie der auf Nachfrage eines italienischen Journalisten von einem Zettel, »den mir irgendjemand zugesteckt hat«, ablas: »Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin West erfolgen.«1

Das war der Fall der Mauer! Man sah ihm die Verunsicherung über das, was er soeben gesagt hatte, an. Ob das auch für Westberlin gelte, wollte ein Journalist wissen. Darauf zuckte Schabowski etwas ratlos mit den Schultern und antwortete: »Also, doch, doch«, und las dann weiter vor: »Die ständige Ausreise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Westberlin erfolgen.«

Schabowski wurde gefragt: »Wann tritt das in Kraft?«, und er antwortete: »Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.«2

Daraufhin wurden noch in der gleichen Nacht die Grenzübergänge nach Westberlin geöffnet. Welch ein historischer Moment. »Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran.«3

Sylvie und ich gingen an diesem Abend spät ins Bett, verfolgten noch lange staunend die bewegenden Ereignisse im Fernsehen. Am nächsten Tag, einem Freitag, hatte ich Termine in Bielefeld und befand mich auf der Autobahn unterwegs dorthin. Und plötzlich waren da überall Trabis. Verrückt. Bislang kannte man die ja fast nur aus dem Fernsehen und nun war die halbe Autobahn voll damit. Ich erinnere mich, wie sie gerade an den Steigungen fast verhungerten und die riesigen LKW ihnen fast im Kofferraum saßen.

Am kommenden Wochenende hörte ich morgens im Radio die Meldung, dass man in Helmstedt die Grenze geöffnet hatte und man einfach von Helmstedt in die DDR hineinfahren konnte. Ich war gleich so aufgekratzt, dass ich Sylvie aus dem Bett scheuchte und sofort los wollte.

»Komm, wir fahren jetzt einfach mal in den Osten«, rief ich ihr euphorisch zu und sie konnte mich kaum bremsen. Erst eine Meldung im Verkehrsfunk holte mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Darin wurde berichtet, dass sich an den Grenzübergängen in die DDR hinein, bereits lange Schlangen gebildet hätten und die Straßen im größeren Umkreis völlig verstopft seien. Es wurde dringend davon abgeraten, sich mit dem Auto auf den Weg zur Grenze zu machen. Hm, wie schade. Wollten wir doch auch etwas an der Jubelstimmung teilhaben.

Vielleicht können wir ja mit dem Zug rüber fahren, überlegten wir und befanden uns schon bald auf dem Weg zum hannoverschen Hauptbahnhof, den wir von unserer Wohnung bequem zu Fuß erreichen konnten. Hier herrschte ein totales Gewimmel. Es waren Sonderzüge aus Magdeburg angekommen und die hatten jede Menge Ossis mitgebracht, die einfach mal die neue Freiheit auskosten wollten und natürlich auch die hundert DM Begrüßungsgeld. Dementsprechend hatten sich vor den außerplanmäßig geöffneten Bankfilialen in Hannover lange Schlangen gebildet. In Berlin kam es wohl teilweise sogar zu chaotischen Zuständen, da auf einmal Tausende DDR-Bürger vor einzelnen Auszahlungsstellen erschienen, um ihr Begrüßungsgeld in Empfang zu nehmen, und damit organisatorische Probleme bis hin zum Verkehrschaos auslösten.

Das Begrüßungsgeld war ursprünglich 1970 im Zuge der Ostverträge in Höhe von dreißig DM durch Willy Brandt eingeführt worden. Es stellte eine schöne Erleichterung dar, dass seit 1988 dann sogar jeder DDR-Bürger einmalig hundert DM im Jahr beim Besuch in der BRD beantragen konnte. Es diente dazu, die Situation der DDR-Bürger zu verbessern, die lediglich siebzig DDR-Mark bei der Ausreise mitnehmen durften. Und mit diesem »Spielgeld« war natürlich im Westen kein Staat zu machen. Die Auszahlung des Begrüßungsgeldes durch die Kommunen im Rathaus wurde im Pass vermerkt, zumindest bis zur Grenzöffnung. Um dem Ansturm nach dem 9. November Herr zu werden, wurde die Auszahlung auf Banken und Sparkassen ausgedehnt, die zu diesem Zweck sogar Sonderöffnungszeiten einrichteten, und man vereinfachte die Formalitäten. Was zur Folge hatte, dass eine mehrfache Auszahlung im Einzelfall nicht mehr verhindert werden konnte.

Bereits in den ersten Wochen nach dem Fall der Mauer nahmen etwa geschätzte achtzehn Millionen Besucher dieses Begrüßungsgeld in Anspruch. Diese erstaunliche Zahl entspricht in etwa der Einwohnerzahl der DDR, vom Säugling bis zum Greis. Ende Dezember 1989 endete die Auszahlung des Begrüßungsgeldes. Stattdessen erhielten die Bürger der DDR die Möglichkeit, hundert DDR-Mark im Verhältnis 1:1 in D-Mark zu tauschen, sowie weitere hundert DDR-Mark im Verhältnis 5:1. Letzteres spiegelte allerdings immer noch nicht den wirklichen Wert der DDR-Währung wieder, da auf dem Schwarzmarkt realistisch im Verhältnis 7:1 getauscht wurde.

Im Bahnhof herrschte völliges Chaos, ein fürchterliches Gewusel von Menschen. Vereinzelt sahen Sylvie und ich Leute, die mit ganzen Plastiktüten voller Orangen und Bananen umherliefen. Manch einer ließ sich die Banane auch gleich vor Ort schmecken. Die Idee selber, eben mal nach Magdeburg zu fahren, geriet schnell in Vergessenheit. Stattdessen quatschten wir einfach ein Pärchen, etwa in unserem Alter, an, das irgendwie verloren in der Bahnhofshalle rumstand. Sven und Katrin Zahm aus Magdeburg. Ganz spontan waren sie heute Morgen in Magdeburg zum Bahnhof aufgebrochen, um zwei Stunden später schon im gelobten Westen zu sein. Gerade hatten sie sich ihr Begrüßungsgeld abgeholt und wollten sich damit im Bahnhofssupermarkt ein paar Südfrüchte kaufen. Die waren natürlich längst alle.

»Nische mal ’n poor Äppel gabs mehr«, beschwerte sich die Katrin. Und nun wussten sie gar nicht, was sie machen sollten. Und etwas Gescheites zum Kaufen für das Begrüßungsgeld gab es auch nicht, weil am Sonntag natürlich alle Geschäfte in der Innenstadt geschlossen hatten.

Die beiden haben wir dann einfach mit nach Hause genommen. Obwohl wir uns ja gar nicht kannten, waren wir alle vier von den Ereignissen total gerührt und hatten uns viel zu erzählen und noch mehr Fragen. Und die beiden freuten sich bei uns in der Küche tatsächlich über den Anblick von ein paar Bananen in der Obstschale, die kurz darauf genüsslich verspeist wurden. Es sollte ein langer Abend werden. Sylvie kochte uns was Leckeres und es wurde reichlich Bier getrunken. Längst hatten wir die beiden eingeladen, bei uns zu übernachten und aufgefordert, erst am Montag zurückzufahren. Dann könnten sie sich auch noch etwas Schönes für das Begrüßungsgeld kaufen. Das hat sie schließlich überzeugt. So sind sie dann am Montag nach dem Frühstück los. Katrin wollte einfach in ein großes »Westkaufhaus« und sich dort was Hübsches zum Anziehen holen, wogegen Sven sich unbedingt Comics besorgen wollte. Glücklicherweise konnte ich ihm einen guten Comicladen nennen und ihm auch den Weg dorthin beschreiben. Nach dem Einkaufsbummel wollten sie sich dann vor der Rückfahrt wieder bei uns treffen.

Einige Stunden später, Sylvie war zur Arbeit aufgebrochen und ich hatte mir eine Wanne eingelassen. Ich genoss das heiße Wasser, als das Telefon klingelte. Glücklicherweise hatte ich es mit ins Bad genommen. Ich nahm den Hörer ab.

»Saubert«, meldete ich mich.

»Polizeirevier Linden-Süd, Hauptwachtmeister Schrader, spreche ich mit Herrn Michael Saubert?«, kam es aus dem Hörer. Oh scheiße, was ist passiert, was habe ich gemacht, schoss es mir durch den Kopf, während sich mein Puls beschleunigte.

»Äh, ja, äh, worum geht es denn?«, fragte ich schüchtern.

»Ja, hier steht ein junger Mann vor mir, der sagt, dass er Sie kennt, aber nicht mehr zu Ihnen hin findet. Kennen Sie einen Sven Zahm?«

»Ja, sicher kenne ich den, was ist denn passiert?«, fragte ich, sichtlich erleichtert.

Der Beamte erzählte mir, dass Sven auf der Straße einen Kollegen angesprochen hatte, weil er den Weg zurück zu uns nicht mehr fand. Er wusste zwar meinen Namen, aber Straße und Hausnummer eben nicht mehr. Dann hatten sie Sven mit auf die Wache genommen und recht schnell meine Telefonnummer ausfindig gemacht und nun angerufen. Sie würden ihn dann gleich vorbeibringen, wenn es mir recht wäre. War es.

Ich verließ eilig die Badewanne. Gerade hatte ich mir etwas angezogen, als es auch schon klingelte und kurz darauf Sven mit einem fürchterlich schlechten Gewissen und völlig geschafft mit einer Plastiktüte im Türrahmen stand. Wir gingen in die Küche und ich kochte uns erst mal einen Kaffee, als Sven mir seine Geschichte erzählte. Er war so begeistert gewesen von dem Angebot des Comicladens, dass er sich, als er wieder auf der Straße stand, nicht mehr erinnern konnte, wie er dahin gekommen war. Schließlich wusste er sich nicht anders zu helfen, als einen Polizisten anzusprechen, der zufällig vorbei kam.

Jetzt fühlte er sich nicht nur glücklich darüber, wieder bei uns in der Küche zu sitzen, sondern auch, die Schätze auszupacken, die er erstanden hatte. Er hatte fast das gesamte Begrüßungsgeld für Comics und eine Gummipuppe aus Star Wars ausgegeben. Da konnte man natürlich in der DDR nur von träumen. Wenig später klingelte es erneut und seine Frau kehrte zurück. Sie hatte sich etwas zum Anziehen und ein paar schicke Nagellacke gekauft. Außerdem eine dicke Tüte voll Obst. Endlich die ersehnten Südfrüchte. Als sie Svens Geschichte hörte und erfuhr, dass er fast das gesamte Geld für Comics ausgegeben hatte, reagierte sie allerdings nicht begeistert. Kurz darauf mussten sie dann los zum Zug, wieder »rübermachen«, wie sie es nannten. Ich habe die beiden noch zum Bahnhof gebracht und herzlich verabschiedet. Leider haben wir es nie geschafft, uns noch einmal wiederzusehen. Sehr schade. Es war eine der ersten näheren Bekanntschaften mit dem »Ossi« und es sollten noch viele folgen.

Nachdem ich am 3. Oktober 1990 in Hannover angekommen war, hatte ich natürlich mit Sylvie abends im Fernsehen noch die »Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit« verfolgt. Und nun war das geeinte Deutschland tatsächlich Realität. Wahnsinn. Deutschland ist ein wiedervereinigtes Land. Toll! Aber ich hatte auch gemischte Gefühle. Es stellten sich mir Fragen und Zweifel bezüglich der praktischen Realisierung der Einheit. Ein kolossaler Umbruch stand bevor. Vieles würde sich jetzt ändern, vieles würde es bald gar nicht mehr geben.

Als ganz eigenes Erinnerungsstück an die DDR sicherte ich mir noch kurz vor der Wiedervereinigung mein ganz persönliches Souvenir in Halle, welches ich Sylvie an diesem Abend stolz präsentierte. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatte ich am Hansering, am Eingang der Staatsbank, das Türschild abgeschraubt. Ein vierzig mal sechzig Zentimeter großes Schild aus schwarzem Glas, auf dem in goldenen Lettern prangte: »Staatsbank der Deutschen Demokratischen Republik – Bezirkszentralbank«. Ich wusste, schon in wenigen Tagen würde dieses Schild für immer verschwunden sein. Es ging auch ganz leicht, die vier Schrauben herauszudrehen, und niemand hat mich dabei überrascht. Dieses Schild hat immer einen Ehrenplatz, in allen meinen Wohnungen erhalten. So ist das bis heute.





Das Original. Mein Wohnberechtigungsschein, der Schlüssel zu einer Wohnung in der Ex-DDR.

Neun

Nachdem man am 3. Oktober die deutsche Einheit vollzogen hatte, war ich nun nicht mehr Ausländer in Deutschland und ich beschloss, einen neuen Anlauf zur Erlangung eines Wohnberechtigungsscheines zu wagen. Daher machte ich mich knapp eine Woche nach der Wiedervereinigung erneut auf den Weg zum Magistrat. Stellte mich wieder artig an und wurde irgendwann von der gleichen dicken Olga mit dem gleichen feindseligen Blick aufgefordert, einzutreten.

Zwei Dinge waren diesmal anders. Zum einen war die Olga nicht mehr allein im Zimmer, nein, ihr gegenüber hockte ein zartes Jüngelchen an einem Schreibtisch, und zum anderen prangte über ihr auf der schrecklich gemusterten, vergilbten Tapete ein fast bunter Fleck, der mich im ersten Moment verwunderte. Na klar, hier hatte bis vor Kurzem noch das Konterfei des großen Staatsratsvorsitzenden von oben auf die Genossin geblickt. Aber das war nun Geschichte.

Wieder trug ich brav mein Anliegen, die Erteilung eines Wohnberechtigungsscheines für mich und meine Freundin, vor. Und wieder sah ich, wie der Olga der Kamm, äh, beziehungsweise der astronomische Busen in der weißen Bluse anschwoll und sie dazu ansetzte, mir erneut etwas von Zuzugssperre und Ausländern zu erzählen. Doch während sie noch zum verbalen Rundumschlag ausholte, fiel ich ihr ins Wort.

»Gute Frau, ich bin freier Bürger in einem freien Land und ich fordere Sie hiermit auf, mir hier und jetzt einen Wohnberechtigungsschein auszustellen«, brachte ich meinen Wunsch vor. Gerade sitzend, mit vorgestreckter Brust. Mein Gegenüber pumpte, wie ich es bereits schon einmal bei ihr gesehen hatte. Die Nähte ihrer Bluse spannten sich wieder zum Bersten und ich rechnete jeden Moment damit, dass mir die Knöpfe derselben wie aus einer Stalinorgel um die Ohren schießen würden. Ihre Gesichtsfarbe wechselte von Rot zu Purpur. Sie musste jeden Moment platzen. Doch da ergriff das kleine Männchen auf der anderen Seite des Schreibtisches das Wort.

»Äh«, brachte es mit leicht erhobenem Zeigefinger hervor. Böse funkelte sie ihn an.

»Äh, Entschuldigung, Genossin, äh, der Bürger hat recht. Das ist nicht mehr so«, brachte er zaghaft hervor. Für einen Moment herrschte absolute Stille im Raum. Dann wandte sich die Olga, immer noch zum Bersten angeschwollen, mit purpurrotem Gesicht zu mir herum und herrschte mich an: »Sie warten draußen!«

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, stand auf und verließ eilig den Raum. Im Hinausgehen fiel mir ein Bilderrahmen auf, der umgedreht in der Ecke stand. Aha, der Staatsratsvorsitzende a.. Etwa eine Viertelstunde später öffnete sich die Tür erneut und Olga erschien im Türrahmen. Mit den Worten »Hier, Bürger« drückte sie mir ein postkartengroßes Stück Papier in die Hand, überschrieben mit dem Wort »Wohnberechtigungsschein«. Bingo. Ich strahlte sie freundlich an, sagte »Danke« und wünschte ihr noch einen schönen Tag. Wortlos, mit einem leisen, unfreundlichen Grunzen drehte sie sich auf der Stelle um und schloss lautstark die Tür hinter sich. Juhu, mit diesem Schein hatte ich Anrecht auf eine sogenannte Zweiraumwohnung. Ganz genau sogar auf eine 2–3-RWE, wie man in der Kurzform für Raumwohneinheit sagte. Was wollte ich mehr, fragte ich mich und hatte für den Rest des Tages gute Laune.


Nun überlegten Horst und ich, wie wir zu einer Wohnung gelangen konnten. Er bemühte sich erst einmal nicht selber um einen Wohnberechtigungsschein, wohl in der Annahme, dass mein Schein fürs Erste ausreichen würde und wir zu dritt eine Wohnung beziehen könnten. Wir hatten den Tipp bekommen, selber loszugehen und nach leeren Wohnungen Ausschau zu halten. Hatten wir etwas gefunden, könnten wir dann zu der entsprechenden Stelle bei der Genossenschaft gehen, dort vorsprechen und versuchen, an die betreffende Wohnung zu gelangen. Doch das wäre nicht einfach, weil die halbwegs brauchbaren Wohnungen meist anderweitig oder mittels Schmiergeld vergeben wurden. Den Genossenschaften haftete dazu noch der Ruf der Unfähigkeit an und dass sie zum Teil gar nicht wüssten, was sie im Bestand hatten. Erschwerend kam hinzu, dass manch leere Wohnung zu Recht leer stand, weil sie einfach nicht mehr bewohnbar war. Das konnte man von außen aber nicht unbedingt sehen.

An eine Plattenbauwohnung kam man eh nicht ran. Für die gab es sogar noch lange Wartelisten. Gut, da wollte ich eigentlich sowieso nicht rein. Auch bei den Altneubauten hatte man keine Chancen. Also blieben nur die Altbauten. Eigentlich toll, nur befanden die sich meist in einem ziemlich heruntergekommenen Zustand. Das hatte ich ja schon selber mitbekommen. Mir kam eine Idee: Warum sollte ich nicht versuchen, unsere jetzige Wohnung in der Großen Ulrichstraße zu bekommen? Die war ja von der Sache nicht schlecht und die zentrale Lage in der Nähe des Marktes war toll. Und wegen des fehlenden Bades konnte man sich ja etwas einfallen lassen.

Ich hatte erfahren, dass für unsere Wohnung wohl das Gewerbeamt zuständig sei. Na, okay, dann gehe ich halt mal dorthin und frage nach, überlegte ich mir. Gesagt, getan. Wenige Tage später machte ich mich morgens auf den Weg zu einem für DDR-Verhältnisse modernen Gebäude in der Schmerstraße. Die zuständige Sachbearbeiterin dort war zwar nicht so eine Granate wie die auf dem Magistrat, strahlte mir gegenüber aber trotzdem gleich eine gewisse Ablehnung aus. Ich erläuterte ihr, dass ich auf der Suche nach Gewerbe- und Wohnraum in Halle wäre und auch bereit sei, ein gewisses Maß an Instandsetzung zu übernehmen. Konkret konnte oder wollte sie mir gar nichts anbieten. Ich erkundigte mich dann einmal vorsichtig nach dem Haus in der Großen Ulrichstraße. Ja, da wüsste sie auch nicht, da müsste man vielleicht mal gucken … Vielleicht könne sie ja mal schauen, ich würde dann in der kommenden Woche wiederkommen, bat ich sie. Auf alle Fälle rückte ich ziemlich unverrichteter Dinge wieder ab.


Zurück in unserer Wohnung erlebte ich eine böse Überraschung. Am Gaszähler im Treppenhaus hing ein Zettel, auf dem stand, dass man diesen Zähler und den dazugehörenden Stromzähler in zwei Tagen abklemmen würde. Uh! Schöner Mist. Nachdem ich mit Horst und Malte Kriegsrat gehalten hatte, beschloss ich, gleich am nächsten Tag zur Energiewirtschaft zu gehen und zu versuchen, dies zu verhindern. Wir waren ja durchaus bereit, für Strom und Gas zu bezahlen. Zumal es ohne natürlich gar nicht ging.

Die Energiewirtschaft saß in einer riesigen »Scheibe« am Thälmannplatz. Bei den Plattenbauhochhäusern unterschied man zwischen Punkthochhäusern und Scheiben, womit sich die Hausformen selber erklärten. Dies war also eine zehngeschossige Scheibe und der riesige Thälmannplatz hieß neuerdings Riebeckplatz, was aber nur langsam den Weg in den Wortschatz des Hallensers fand. Die Fußgängerzone endete ebenfalls am Thälmann- beziehungsweise Riebeckplatz und dahinter lag der Hauptbahnhof. Eingerahmt wurde der Platz von mehreren großen Scheiben und Punkthochhäusern und dem sogenannten Haus des Lehrers, mit einer typischen vorgehängten 60er-Jahre-Fassade und den »Fäusten« davor. Hierbei handelte es sich um eine unglaublich hässliche Betonskulptur aus dem Jahr 1970, die mit ihren gestreckten Fäusten die Kampfbereitschaft der revolutionären Arbeiterbewegung darstellte. Alles in allem war der Thälmannplatz damals eine imposante Erscheinung für die aufstrebende DDR gewesen. Inzwischen gewesen, denn das Flair der 70er Jahre verfehlte nun seine Wirkung.

In dem riesigen Gebäude der Energiewirtschaft brauchte ich eine Weile, um mich zu orientieren. Im Gegensatz zu anderen Ämterkontakten wurde ich hier sehr nett und hilfsbereit behandelt. Schließlich hatte ich mich zur richtigen Stelle durchgefragt, trug mein Anliegen vor, allerdings etwas geschönt. So erzählte ich, dass wir angefangen hätten, die Wohnung zu renovieren, weil wir dort einziehen wollten und von dem Zettel am Gaszähler. Deswegen bat ich, man möge uns Strom, Wasser und Gas nicht abstellen, sondern dies gleich auf mich anmelden.

Was nun folgte, konnte ich kaum glauben. Der Mitarbeiter schaute mich verständnisvoll an, meinte in feinstem halleschem Dialekt »Nu gloar« und teilte mir mit, dass ich auf den Zettel am Gaszähler einfach hätte drauf schreiben sollen: »Bitte nicht abstellen wegen Renovierung.« Das hätte gereicht. Mir fehlten die Worte. So einfach ging das. Das hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Auf alle Fälle meldete ich die Energie ordnungsgemäß an. So wohnten wir zwar immer noch illegal, bezogen aber wenigstens legal Strom, Wasser und Gas.

Leider gab es bei dem Status der Wohnung keine Veränderung. Auch als ich das nächste Mal auf dem Gewerbeamt vorsprach, tat sich nichts. Nein, man könne mir weder Wohn- noch Gewerberäume anbieten. Und die Wohnung in der Großen Ulrichstraße sei nicht zu mieten, hieß es dort lapidar. Auf meine Frage nach dem Warum erhielt ich keine Antwort. Auch auf die Frage, was denn zukünftig mit dem Haus vorgesehen wäre, blieb man mir die Antwort schuldig. Die wollten scheinbar nicht. Aber warum? Ich war freundlich und nett und ließ bestimmt nicht den arroganten Wessi raushängen. Denn der war nämlich inzwischen durchaus in Halle angekommen.


Einige Tage später platzte mir auf dem Gewerbeamt dann der Kragen. Ich erläuterte der Sachbearbeiterin, dass ich hier in Halle Arbeitsplätze schaffe und zurzeit bereits zwanzig Mitarbeiter beschäftige und da müsse ich ja irgendwo bleiben. Wie sie sich das denn vorstelle, wollte ich von ihr wissen.

»Das ist Ihr Problem«, bekam ich schnippisch zur Antwort. Da hatte ich genug und offenbarte ihr, dass ich bereits in der besagten Wohnung wohnen würde, denn schließlich könne ich ja nicht auf der Straße leben.

Das saß. Ich konnte förmlich zusehen, wie ihr die Kinnlade herunter klappte, sie nach Luft schnappte und mich völlig entgeistert anstarrte.

»Sie wohnen dort?«, wiederholte sie ungläubig und teilte mir dann mit, dass dies völlig illegal sei, ob ich das nicht wisse. Und das dies gar nicht ginge und ich dort sofort ausziehen müsse. Worauf ich ihr sagte, dass ich dazu nur allzu gern bereit wäre, wenn sie mir geeignete Räumlichkeiten anbieten könne. Konnte oder wollte sie jetzt aber erst recht nicht. Stattdessen ereiferte sie sich nur noch weiter darüber, wie illegal mein Verhalten wäre und dass sie mich räumen lassen könne. Das war’s dann wohl. Darauf empfahl ich der sichtlich erregten Frau, sie möge dann eine Räumung veranlassen, wünschte ihr noch einen schönen Tag und ging.


Mist. Da führte also kein Weg rein. Dann mussten wir uns also weiter nach anderem Wohnraum umsehen. Sichtlich genervt und abgebockt kehrte ich in die Große Ulrichstraße zurück. Ausnahmsweise hatte ich heute keine Termine und so verabredete ich mich mit Eduard, dem netten Wessi von über uns, schon am frühen Abend zum Biertrinken im Nöö. Gerade hatte ich ihm von meiner Niederlage auf dem Gewerbeamt erzählt, als er meinte, er hätte dafür auch eine gute Nachricht für mich. Was das denn sein sollte, wollte ich missmutig wissen.

»Na, ihr wolltet doch Telefon haben«, begann er.

»Ich habe mit den anderen gesprochen und die haben nichts dagegen, dass ihr unsere Leitung anzapft«, eröffnete er mir grinsend. Wow, das war ja mal eine super Nachricht.

»Telefon, ich glaubs ja nicht«, jubelte ich und lud Eduard gleich auf das nächste Bier ein. Wir hatten neulich darüber gesprochen, dass es in ihrer Wohnung einen intakten, funktionierenden Telefonanschluss gab, für den noch dazu bislang nie eine Rechnung gekommen wäre. Das hieß, man konnte sogar kostenlos telefonieren. Ich hatte gemutmaßt, dass das mit der Kammer für Außenhandel bei uns im Haus zusammenhing. Bestimmt ein alter Stasianschluss, dachte ich, aber egal. In dem Zusammenhang hatte ich ihn gefragt, ob wir diesen Anschluss nicht anzapfen könnten. Vorausschauend hatte ich mir aus Hannover bereits einen alten Apparat mitgebracht. Das hatte ich vor lauter Ärger vergessen.

Am nächsten Tag ging ich dann gleich nach dem Frühstück in den kleinen Elektroladen bei uns um die Ecke, kaufte dreißig Meter Telefonkabel und eilte damit zu Eduard in den dritten Stock. Handwerklich versiert, wie er war, hatte er das Kabel dort ruckzuck an der Telefondose angeschlossen, dann das Kabel einmal durch die Wohnung bis zum Fenster verlegt und durch den alten Holzrahmen nach außen gezogen. Schon baumelte es unten bei uns vor dem Fenster.

Dort zogen wir dann das Ende der Telefonleitung wieder durch den undichten Fensterrahmen bei mir im Zimmer in die Wohnung. Nun schloss Eduard geschickt das Ende des Kabels an das mitgebrachte Telefon. Nun kam der große Moment. Ich nahm den Hörer ab. Und? Ich hörte das Freizeichen schon, bevor ich den Hörer am Ohr hatte.

»Wow, ist das geil«, freute ich mich.

»Cool«, meldete sich Horst aus seinem Zimmer.

Wen rufe ich jetzt an? Sylvie, na klar. Sie hatte heute Spätschicht und könnte zu Hause sein. Schnell hatte ich ihre Nummer gewählt und lauschte auf das Verbindungsgeräusch. Nach einer Weile klingelte es am anderen Ende der Leitung. Vielleicht etwas leiser als sonst. Spannende Sekunden verrannen.

»Stegmann«, vernahm ich plötzlich eine mir wohl bekannte Stimme.

»Hey, ich bin’s, Zaubi, wir haben Telefon!«, meldete ich mich freudig.

»Echt? Von Eduard?«, wollte sie wissen, was ich bejahte.

»Das ist ja toll«, freute sie sich und notierte sich gleich meine Nummer. Zur Kontrolle rief sie mich anschließend zurück. Auch das funktionierte reibungslos. Toll. In der Folgezeit musste man nur vor dem Wählen einmal in den Hörer lauschen, ob nicht gerade jemand aus der oberen Wohnung telefonierte, was aber selten vorkam. Wenn die Leitung frei war, konnte man dann ganz normal telefonieren. Das erwies sich natürlich als sehr praktisch. Das Telefon stand zwar bei mir im Zimmer, aber das Kabel reichte quer durch die ganze Wohnung.

Unsere anderen beiden Mitbewohner freuten sich natürlich ebenfalls darüber. Der drohende Ärger mit dem Gewerbeamt war ihnen allerdings ziemlich egal. Mia wollte sowieso ausziehen und suchte bereits eine neue WG und Malte meinte, er würde sich dann halt auch was Neues suchen. Nur für uns standen die Chancen ganz schlecht, hier offiziell bleiben zu können, und illegal würde es nicht ewig gut gehen. Wir kamen nicht drum herum, weiter nach einer Wohnung zu suchen.

Zehn

Ein paar Tage später waren Horst und ich abends bei Bolldorf, einer anderen alternativen Kneipe. Wir hatten hier unseren neuen Bekannten Sandro getroffen. Sandro hieß eigentlich Sandro Berg und kannte jeden in Halle und jeder kannte Sandro. Er war ziemlich korpulent und gab zusammen mit seiner Größe eine imposante Erscheinung ab. Seine langen schwarzen Haare und die Tatsache, dass er ganz passabel Gitarre spielte, trieben ihm die Frauen nur so in die Arme. Von Beruf war er Taxifahrer, etwa in meinem Alter und tanzte auf allen Hochzeiten. Heute kam noch ein Freund von ihm dazu, Klaus-Peter Sack. Und der bot uns tatsächlich seine Wohnung an. Er habe was Neues in Aussicht und die Anderen wären auch bereits ausgezogen.

»Cool«, meinte Horst begeistert. Aber die Sache musste doch einen Haken haben, überlegte ich und fragte ihn das auch. Na ja, der Zustand der Wohnung wäre nicht so toll, da müsste hier und da etwas dran gemacht werden. Und auch die Öfen würden teilweise nicht mehr so richtig funktionieren. Aber die Wohnung wäre schön groß und läge direkt gegenüber der Schorre. Dem ehemaligen Jugendkulturhaus Philipp Müller, nun Halles größte Disco. Wir verabredeten uns gleich euphorisch für den nächsten Tag mit Klaus-Peter, um uns die Wohnung anzusehen.

Es war das letzte Haus auf der linken Seite der Straße, direkt vor der Kurve. Ein großer dreigeschossiger Altbau mit graubeigefarbenem Putz, der überall munter herunterbröckelte. Das war mal ein schickes, hochherrschaftliches Haus gewesen, dachte ich mir beim Blick von der anderen Straßenseite. Aber nun hatte es seine besten Tage offensichtlich hinter sich. Im Treppenhaus fiel überall der Putz von der Wand und es sah ziemlich desolat aus. Die ehemals schöne alte Holztreppe sah vergammelt aus und einzelne Sprossen des Treppengeländers fehlten. Laut Klingelbrett gab es nur vier Wohnungen im Haus.

Klaus-Peter wohnte im dritten Stock. Puh, ganz schön viele Stufen hier hinauf, dachte ich. Die Wohnung, die wir betraten, war riesig. Vom Treppenhaus war sie durch ein altes, vierflügeliges Glas-Holz-Element abgetrennt und dahinter gelangte man auf einen großen Flur, von dem fünf Türen abgingen: Zwei richtig große Zimmer und ein kleineres zur Straße, die Küche und auch die Toilette zum Hof, ein riesiges Verbindungszimmer führte zum hinteren Wohnungsteil. Die Küche war ebenfalls sehr geräumig mit separater Speisekammer. Das große Verbindungszimmer führte auf einen Balkon und weiter auf einen kleinen Flur, von dem das Bad abging und noch zwei weitere Zimmer folgten. Hier konnte man sich ja verlaufen. Auffällig fand ich, dass die ganze Wohnung total vollgerümpelt war mit alten Möbeln, Sperrmüll und was weiß ich noch allem. Na, den Umzug möchte ich nicht machen, dachte ich.

Wir waren beide total begeistert, wenngleich mich so ein paar Sachen stutzig machten. Bei einigen der schönen alten Holztüren fehlten teilweise die Türfüllungen. Und in der Küche, auf einem gammeligen Holzfußboden, stand eine verrußte Emaillewanne. Später erfuhr ich, was es damit auf sich hatte. In einem indianerartigen Ritual hatten die Bewohner eines Tages, mangels anderen Holzes, einfach die Türfüllungen herausgebrochen, damit in der Emailleschüssel ein Lagerfeuer entfacht. Oh, die schönen Türen, welch ein Frevel.

Die Toilette, die separat vorne am Wohnungseingang vom Flur abging, sah nicht sehr einladend aus. Als Spülung diente ein Stück Gartenschlauch, welches am Wasserhahn des Waschbeckens befestigt war und das man unter die Klobrille geklemmt hatte. Aber gut, Klaus-Peter hatte ja gesagt, man müsse etwas an der Wohnung machen. Und diese Mängel mal ausgeblendet, fand ich die Wohnung super. Riesige Zimmer, allein vier hohe, doppelflügelige Zimmertüren, altes Eichenparkett, teilweise Stuck und sogar ein Balkon. Die Wohnung wollten wir haben, das stand fest.

Bevor wir gingen, besprachen wir mit Klaus-Peter das weitere Vorgehen. Er teilte uns mit, dass wir zur HWB müssten, der Halleschen Wohnungsgenossenschaft, und zwar in das Büro in der Bruckdorfer Straße. Die zuständige Sachbearbeiterin dort wäre eine Frau Kurtz. Die sollten wir schön von ihm grüßen, die würde ihn gut kennen und wäre in Sachen Mietvertrag wohl für uns zuständig. Er wollte in den nächsten drei Wochen ausziehen. Ich fragte ihn zum Schluss noch, wie wir die Wohnung denn von ihm übernehmen würden. Leer? Na ja, meinte er, das meiste würde er natürlich mitnehmen. Etwas Kleinkram bliebe vielleicht übrig. Kein Problem, versicherten Horst und ich, wenn wir dafür zu solch einer Wohnung kämen, wollten wir uns da nicht so kleinlich anstellen.

Gleich am nächsten Tag sprachen Horst und ich in der HWG-Außenstelle vor. Diese befand sich in einer Dreiraumwohnung eines schmucklosen grauen Altbaus. Frau Kurtz saß in einem kleinen, freudlosen Büro, an einem schäbigen, abgenutzten Schreibtisch und wirkte ziemlich unlustig. Sie war Mitte vierzig, blond und so dick, dass ich mich fragte, wie sie den ganzen Tag auf diesem winzigen hölzernen Drehstuhl hocken konnte. Als ich uns beide vorstellte, wirkte sie noch gelangweilt neutral. Als ich dann aber konkret auf die Wohnung zu sprechen kam, merkte ich schon, wie ihre Neutralität einer gewissen Ablehnung wich. Und erst recht, als sie erfuhr, dass wir Klaus-Peter Sack kannten. Auf den war sie offensichtlich gar nicht gut zu sprechen. Außerdem hatte ich ja nur Anrecht auf eine Zweiraumwohnung und die Wohnung in der Philipp-Müller-Straße wäre ja viel größer, versuchte sie uns abzuwimmeln.

Aber so leicht gaben wir nicht klein bei. Was denn sonst mit der Wohnung geschehen würde, wenn der Mieter auszöge, wollten wir wissen? Ob sie denn irgendwen anders haben würde, der die Wohnung bekommen solle? Sie mauerte, und offensichtlich waren wir ihr nicht ganz geheuer. Bekannte von Klaus-Peter Sack zum einen. Gut, wenn ich an die verheizten Türfüllungen dachte, hatte ich dafür sogar Verständnis. Und zum anderen waren wir Wessis. Das machte uns ja per se schon mal verdächtig. Wir versuchten, sie sanft zu umgarnen, machten deutlich, dass Klaus-Peter nur ein flüchtiger Bekannter und kein Freund sei, wir mit ihm auch gar nicht so viel zu tun hätten und versuchten, uns so, bezüglich ihrer Vorbehalte ihm gegenüber, mit ihr zu solidarisieren. Bauchpinseln nennt man das wohl. Aber was tut man nicht alles für eine Wohnung.

Wahrscheinlich lag es auch etwas an unserem Auftreten, womit die gute Frau Kurtz nicht so ganz klarkam. Der Unterschied zum Ossi lag beim Wessi nämlich darin, dass er bei Behörden nicht so devot kuschend und bittstellerisch daher kam. In der DDR war ein kleiner Sachbearbeiter, der über die Zuteilung oder Verweigerung einer Wohnung entscheiden konnte, schon ein Halbgott und konnte sich dementsprechend auch so aufführen. Dass dem so war, hatten wir in vielen Gesprächen erfahren. Mir fiel mein erstes Zusammentreffen mit einer gewissen Olga wieder ein. Da wurde nicht auf die persönlichen Rechte gepocht, das war man hier nicht gewohnt, und es wurde von der Obrigkeit schon erst recht nicht toleriert. Da half nur freundlich tun, artig nicken und auf Wohlwollen hoffen.

Der Wessi dagegen kannte seine Rechte, forderte sie ein und benahm sich auch dementsprechend. Das führte häufig zu einem arroganten, großspurigen Auftreten, wofür der Wessi auch bald berühmt sein sollte. So wirkten sich die unterschiedlichen gesellschaftlichen Systeme halt aus. Ich war immer bemüht, so nicht rüberzukommen, aber den bettelnden Duckmäuser wollte ich hier auch nicht spielen. Dass die Frage über die Vergabe der Wohnung nicht gleich an diesem Tag entschieden wurde, war uns sowieso klar. Frau Kurtz erklärte, sie müsse unser Anliegen in der Wohnraumberatung vorbringen und dann werde man sehen. Wir klärten noch, wann wir wieder nachfragen sollten, und verabschiedeten uns dann.

Ein paar Tage später waren wir wieder in dem kleinen, rumpligen Büro bei Frau Kurtz, die gleich leicht unfreundlich reagierte, als sie uns sah. Ja, entschieden wäre noch nichts, teilte sie uns mit. Außerdem müsse sie sich die Wohnung erst einmal ansehen. Nichts einfacher als das. Wir vereinbarten gleich einen Termin, in der Hoffnung, dass Klaus-Peter da auch Zeit hatte oder uns zumindest einen Schlüssel gab. Nach dem Termin gingen wir gleich bei ihm vorbei und er sicherte zu, an dem besagten Termin anwesend zu sein.

Donnerstagmorgen um zehn Uhr trafen wir überpünktlich vor dem Haus in der Philipp-Müller-Straße ein und sahen Frau Kurtz bereits vor dem Haus warten. Heute war sie uns gegenüber auch gar nicht mehr so zugeknöpft. Guter Dinge betraten wir gemeinsam das Haus, stiegen in den dritten Stock hinauf und klingelten. Es dauerte einen Moment, bis Klaus-Peter erschien und öffnete. Er wirkte etwas derangiert, so als wenn er eine kurze Nacht hinter sich hatte und überhastet aufgestanden war. Die übertriebene Freundlichkeit, mit der er Frau Kurtz begrüßte, kam bei dieser überhaupt nicht gut an.

Aber sie schien doch willens zu sein, die Sache voranzubringen, und so klärten wir das weitere Prozedere. Klaus war eigentlich schon dabei, auszuziehen, wie er erklärte, sodass wir die Wohnung in Kürze übernehmen könnten. Was wir auch möglichst bald wollten. Als Frau Kurtz eine der lädierten Türen sah und eine Erklärung forderte, druckste Klaus herum. Sie sah sich die ganze Wohnung mit leicht angewidertem Gesichtsausdruck an und machte sich dabei Notizen. Nachdem sie alles gesehen hatte, verabschiedete sie sich etwas verschnupft und meinte, wir sollten am nächsten Tag noch einmal bei ihr vorsprechen. War das nun positiv? Würden wir die Wohnung von ihr bekommen?

Die Chancen dafür standen gut, wie wir am nächsten Tag erfahren sollten. Wieder waren Horst und ich in dem kleinen Büro bei Frau Kurtz erschienen. Und tatsächlich ließ sie durchblicken, dass sie uns die Wohnung geben würde. Beinahe wäre ich ihr um den feisten Hals gefallen und hätte sie vor Glückseligkeit geküsst, aber doch nur beinah. Zum 1. November könnten wir den Mietvertrag bekommen, aber nur unter einer Bedingung. Ich wusste doch, dass die Sache einen Haken hatte.

»Der Mieter, der Herr Sack, muss die Wohnung besenrein übergeben«, verlangte sie.

Wow! Na, wenn das alles war, jubelte ich innerlich. Das sollte ja nicht das Problem sein, dachte ich mir, leider in Verkennung der Tatsachen, wie sich noch herausstellen sollte.

Elf

Inzwischen hatte der Herbst in Halle Einzug gehalten. Es wurde später hell und dafür früher wieder dunkel. Dazwischen war es oft den ganzen Tag gleichbleibend grau. Mal etwas mehr, mal etwas weniger. Häufig kam dazu auch noch Nebel. Ein dichter, manchmal undurchdringlicher grauer Nebel, der den ganzen Tag nicht wich. Vor der Kulisse der alten, halb verfallenen Straßen mutete es manchmal an wie im London der alten Edgar-Wallace-Filme.

Und gleich das Erste, was ich morgens nach dem Aufwachen noch im Bett roch, war der typische Geruch von Braunkohle, inzwischen allgegenwärtig. Noch schlief ich damals bei offenem Fenster, gewöhnte mir dies aber bald ab. Besonders intensiv wurde der Geruch, wenn man das Haus verließ, lag die Große Ulrichstraße doch in einer Senke. Sobald man die Haustür öffnete, stieg einem dieser markante Braunkohleduft ganz deutlich in die Nase.

Wir parkten unsere Autos meist nur wenige Schritte entfernt in einer kleinen Seitenstraße hinter der Universität. Inzwischen hatte ich mir angewöhnt, vor dem Losfahren erst einmal die Scheibenwaschanlage zu betätigen, um den schwarzen Rußfilm auf der Scheibe, der jetzt in der Heizperiode noch schlimmer wurde, wegzuwaschen. Dass der einst knallrote Lack meines VW Passat inzwischen deutlich ins Anthrazitfarbene tendierte, ignorierte ich. Wie sollte ich auch anders reagieren. Waschanlagen im westlichen Sinn gab es natürlich in Halle noch nicht, und wenn ich mal in Hannover weilte, kam ich nicht dazu, den Wagen zu waschen, oder ich dachte nicht daran.

Zu dieser Zeit gestaltete sich schon das banale Tanken nicht ganz einfach, da Halle nur über ganze zwei Tankstellen verfügte. Da war Geduld gefragt. Ich fuhr meistens zu der Minol-Tankstelle auf der Magistrale am Eingang von HaNeu. Oft durfte man sich dort schon auf dem Standstreifen, vor der eigentlichen Einfahrt zur Tankstelle, in die Warteschlange einreihen. Realistisch betrachtet dauerte es oft etwa eine Stunde, »wenn man eben mal tanken fuhr«. Aber es zeichnete sich ja Besserung ab.

In der halleschen Südstadt entstand die erste Tankstelle der Firma DEA. Zufällig kam ich an einem Sonntagnachmittag dort vorbei. Zuerst bemerkte ich einen Menschenauflauf, der sich da neben der Straße auf einer Baustelle gebildet hatte. Ist hier ein Fest, fragte ich mich, ein Tag der offenen Tür? Unter dem bunten Kunststoffdach der zukünftigen Zapfstellen herrschte ein mächtiges Gewusel. Hier tummelten sich wirklich alle, vom Kleinkind bis zum Greis. An dem Tankstellengebäude selber waren gerade mal Fenster und Türen eingebaut, und obwohl es im Inneren des Gebäudes nichts zu sehen gab, drückten sich die Menschen die Nasen an den Scheiben platt. Es gab hier eigentlich gar nichts. Weder einen Bierausschank noch gegrillte Würstchen. Es handelte sich eigentlich nur um eine ganz normale Baustelle, trotzdem liefen hier so viele Menschen rum. Es war halt die erste Westbaustelle einer Westtankstelle, die man hier in Halle bestaunen und anfassen konnte. Das stellte schon ein Erlebnis dar. Ein bisschen wie im Zoo.

In unserer Schwarzwohnung ging das Leben seinen normalen Gang. Immerhin bezogen wir nun legal Strom, Gas und Wasser. Malte und Mia besuchten wieder die Uni, die Sammlung der leeren Flaschen auf dem Flur wuchs stetig weiter an und der Hygienestandard von Küche und Klo bewegte sich hart am Rande des Zumutbaren. Freitag ließ Malte eine kleine Party steigen. Horst und ich hatten leider mal wieder Infoabend und würden so einen Teil des Festes verpassen. Inzwischen waren wir mit den Schulungen übrigens umgezogen in das einstige Klubhaus der Gewerkschaften, ein riesiges ehemaliges Gesellschaftshaus an der Magistrale nach HaNeu, das nun ziemlich brachlag und einstaubte. Nur ein winziger Teil des weitläufigen Gebäudes wurde noch gastronomisch genutzt. Überdauert hatten die Kakerlaken, die hin und wieder über die breite weiße Fensterbank des Schulungsraums flitzten. Deshalb achtete ich immer darauf, meinen Koffer geschlossen zu halten. Kakerlaken hätten uns in der Wohnung gerade noch gefehlt.

Am frühen Abend waren Horst und ich, wie immer im Anzug, mit Aktenkoffer und dem Overheadprojektor aus der Wohnung zu unserem Infoabend aufgebrochen. Wegen unseres Outfits hatten wir noch ein paar lästerliche Kommentare von Malte und Mia mit auf den Weg bekommen. Zur Sicherheit sperrten wir unsere Zimmertür mit einem dieser osttypischen Einsteckschlösser ab. Man wusste ja nicht, wer alles zum Fest kam.

Als wir gegen zweiundzwanzig Uhr zurückkehrten, hörten wir die Musik bereits unten auf der Straße. Drinnen ging es hoch her. Auf den ersten Blick erkannte ich kaum jemanden und wir gingen über den Flur zu unseren Zimmern. Dort machten wir uns erst einmal ein Feierabendbier auf und zogen wieder Zivilkleidung an, bevor wir uns ins Getümmel stürzen wollten. Der Lärm im vorderen Teil der Wohnung schwoll noch einmal an. Die Musik wurde plötzlich überlagert durch heftiges Geschrei, wohl aus der Küche.

»Cool, da geht es aber ab«, meinte Horst.

Und so plötzlich, wie es anfing, endete der Krach auch wieder. Erst verstummte das Geschrei, dann ging die Musik aus. Ich meinte, noch das Zuschlagen einer Tür zu hören. Danach herrschte Ruhe. Aber totale Ruhe. Hielten jetzt alle auf Kommando die Luft an oder war die Party vorbei? Als wir nach einigen Minuten immer noch keinen Laut hörten, musste ich doch mal nachsehen, was los beziehungsweise nicht mehr los war. Ich ging über den leeren Flur zum Wohnzimmer. Es war einigermaßen verwüstet, aber leer. Dann öffnete ich die Küchentür. Es brannte kein Licht, offenbar befand sich hier auch niemand mehr. Als die nackte Glühbirne die Küche schlagartig in helles Licht tauchte, traf mich fast der Schlag. Was war denn das? Es waren nicht die leeren Flaschen, Gläser und Tassen, die mir ins Auge sprangen, sondern die bräunlichen Plocken, die auf dem Fußboden, an den Schränken, auf dem Tisch, an den Wänden, einfach überall klebten. Was war das?

Während ich noch einigermaßen fassungslos auf das Schlachtfeld starrte, hatte sich Horst von hinten genähert und schaute mir über die Schulter in die Küche.

»Cool, die haben hier ’ne Tortenschlacht gemacht«, stellte er fest. Richtig, es handelte sich um Torte. Braune Plocken, mit Sahne versetzt. Und die ganze Küche hatten sie damit eingesaut.

»Ich glaubs ja nicht. Was ist denn das für eine Sauerei. Und wo sind die jetzt alle hin?«, fragte ich in die leere Küche hinein.

»Keine Ahnung, das ist ja krass«, staunte Horst ob des Chaos’ vor uns. Glücklicherweise hatten wir bei uns hinten noch eine Kiste Bier stehen, denn dass wir hier vorne in der Wohnung noch etwas Verwertbares fänden, konnten wir nicht erwarten.

»Bin mal gespannt, wer die Sauerei wieder wegmacht«, meinte ich genervt, machte das Licht aus und die Küchentür wieder zu. Wir tranken noch ein, zwei Bier bei Horst im Zimmer und gingen dann ins Bett. Am nächsten Morgen hatten wir um zehn Uhr Tagesseminar und da mussten wir fit sein.

Ein ohrenbetäubender Knall, gefolgt von einer gewaltigen Lärmwelle ließ mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf hochfahren und senkrecht im Bett stehen. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, was passiert war. Oh nein! Malte ist zurück. Es waren unverkennbar seine noch etwas ungelenken ersten Griffe auf der Gitarre bei voll aufgedrehtem Verstärker. Ein Blick auf den Wecker brachte mir die Erkenntnis, dass es kurz vor vier Uhr morgens war. Tat das jetzt not?

Malte nahm seit einiger Zeit Gitarrenunterricht und hatte sich in der letzten Woche einen kleinen Gitarrenverstärker gekauft, einen quietsch-orangefarbenen Brüllwürfel. So klein der war, so viel Lärm konnte er machen. Und jetzt, zu dieser vorgerückten Stunde, stand dem guten Malte der Sinn scheinbar nach Üben. Warum kann er es dann nicht mal akustisch versuchen? Plötzlich stoppte der Lärm so abrupt, wie er begonnen hatte. Dafür ging aber auch mein Licht aus. Aus dem Treppenhaus hörte man eine Stimme, die schrie:

»Das reicht, ich glaube, du spinnst!«

Das war Ralf Kramer, der Philosophiestudent, dessen Zimmer genau über dem von Malte lag. Ralf hatte sich letzte Woche schon einmal beschwert, als Malte zu nachtschlafender Zeit den Regler des Brüllwürfels auf zehn hochdrehte. Nun war er offensichtlich heruntergekommen und hatte im Treppenhaus unsere Hauptsicherung herausgedreht.

Ich hörte Malte noch kurz irgendwas grummeln und an der Wohnungstür hantieren, dann schlief ich wieder ein. Am nächsten Morgen konnten Horst und ich nur den Kopf schütteln über das in der letzten Nacht erlebte. Doch damit noch nicht genug. Zu allem Übel war das ohnehin schon eklige Klo jetzt auch noch verstopft. Diesen Zustand ignorierend setzte ich noch einen drauf in die halb volle Schüssel. Ihr könnt mich alle mal, fluchte ich. Wir verließen die Wohnung ohne Frühstück, nur einen Kaffee hatten wir uns in der versifften Küche noch auf die Schnelle gekocht und machten uns auf zu dem anstehenden Tagesseminar.

Von den Teilnehmern des gestrigen Infoabends erschienen immerhin sechs im Klubhaus der Gewerkschaften. Na, wenigstens das war positiv. So hatten Horst und ich einen intensiven Schulungstag. Wir gönnten uns im Anschluss ein leckeres Essen im Roten Ross und fuhren dann zusammen ins Büro. In die versiffte Wohnung zog es uns beide nicht zurück. So nahmen wir uns ein Bier aus dem Kühlschrank, losten aus, wer zuerst in die Wanne durfte, und entspannten uns langsam.

Wieder zu Hause in der Wohnung trafen wir Malte in der Küche, die tatsächlich schon wieder halbwegs benutzbar aussah. Lediglich auf den Wänden fanden sich noch Zeugnisse der Kuchenschlacht. Mia sei es gewesen, die angefangen hätte, mit Kuchen zu werfen, und andere hätten zurückgeworfen, so berichtete es Malte. Nun lag sie mit einem dicken Kopf im Bett und zog sich so elegant aus der Affäre. Zu der Lärmorgie in der letzten Nacht meinte Malte nur entschuldigend schüchtern, dass er einfach noch Lust hatte, etwas Gitarre zu spielen.

»War der Ralf wohl sauer auf mich?«, fragte er uns überflüssigerweise.

»Wird er wohl«, antwortete ich kurz.

Nachdem unsere Mitbewohner gestern gefeiert hatten, war uns heute nach Bier trinken. Spät am Abend kehrten wir, schwer angeheitert aus dem Nöö zurück in die Wohnung. Mist, wir hatten nichts mehr zu rauchen. Da es noch keine Zigarettenautomaten wie im Westen, damals an jeder Straßenecke gab, stellte sich die Frage, wo man jetzt in Halle um diese Uhrzeit noch Rauchwaren herbekommen konnte. Da fiel uns eigentlich nur eine Nachtbar oben auf der Reilstraße ein. So weit war es nicht, aber noch zu Fuß dahin?

»Nee, ich fahr noch«, erklärte Horst und schon waren wir unterwegs. Wenig später hatten wir in der Nachtbar frische Zigaretten erstanden und kehrten rauchend zu Horsts Auto zurück. Kaum losgefahren überholte uns ein Lada, aus dem auch schon eine Kelle zum Vorschein kam, die uns rechts ran winkte.

»Scheiße! Die Bullen«, bemerkten wir beide unisono. Horst hatte sich zwar eben noch ein Fisherman in den Mund gesteckt, würde aber sicher noch eine ordentliche Fahne haben. Schon stiegen die beiden Vopos aus, setzten sich die Mützen auf und kamen auf unser Auto zu. Mit einem gewichtigen Griff an die Mütze stellte sich der Erste vor:

»Gudn Nobend. Wolksbollizei. Vergehrsgondrolle. Gönntsch mal Ihre Bapiere sehn?«, wandte er sich höflich an Horst. Der grüßte schüchtern-freundlich zurück und reichte die gewünschten Unterlagen hinaus. Der Vopo musterte diese, schaute über das Auto, beugte sich dann zu Horst herunter und fragte ihn, ob er etwas getrunken hätte. Was Horst bestritt.

»Nu, vielleicht ’nen gleinen Pfeffi?«, hakte der nach. Ich bemerkte, wie Horst der Schweiß auf die Stirn trat. Oh scheiße, dachte ich. Warum wir ohne Licht fahren, wollte er wissen. Äh, ja, Horst erklärte ihm sichtlich nervös, wir hätten in der Bar gar nichts getrunken, sondern nur kurz Zigaretten gekauft und wollten wieder nach Hause. Und da hätte er beim Losfahren wohl vergessen, das Licht anzumachen. Daraufhin reichte der Volkspolizist Horst seine Papiere zurück, meinte, er solle das Licht anmachen, und wünschte uns noch gute Fahrt und einen schönen Abend.

Während wir uns noch sprachlos anschauten, stiegen die beiden Gesetzeshüter in ihren Lada und verschwanden in der Nacht. Eigentlich hatte es sich bei den beiden ja gar nicht mehr um Vopos gehandelt, sondern um bundesdeutsche Polizisten, aber daran mussten die sich auch erst noch gewöhnen. Zumal sie auch noch die alten Uniformen trugen. So war das damals. Die wollten gar keinen Ärger, sondern nur freundlich darauf hinweisen, dass wir doch bitte das Licht anschalteten. Wahrscheinlich waren die sogar froh, dass wir freundlich geblieben waren. Der einst so große Respekt vor der Obrigkeit ging, zumindest bei der Jugend, völlig verloren. Das spiegelte sich auch darin wider, dass in zunehmendem Maß junge Leute in Halle ganze Häuser besetzten und diese als Kulturzentren propagierten. Auch die sogenannten Wohnzimmerkneipen, die wild ohne Lizenz oder Gewerbeanmeldung entstanden, waren ein Beispiel dafür. Es herrschte in gewisser Hinsicht Anarchie. Die Obrigkeit wusste nicht, traute sich nicht oder zeigte sich schlichtweg überfordert, und die Jugend probierte die neue Freiheit aus.

Dies führte auch dazu, dass durch immer mehr Kneipen, erst nur durch die alternativen, bald aber auch durch ganz normale Lokale, der Geruch von Marihuana zog. Waren die Ossis damit früher höchstens mal in Ungarn oder in Ostberliner Künstlerkreisen in Kontakt gekommen, so breitete es sich jetzt zunehmend in den neuen Bundesländern aus. Der Stoff kam zu Beginn noch aus Holland, aber bald auch schon direkt aus Berlin, wo er im Umland angebaut wurde. Man sah immer häufiger junge Leute, die sich völlig ungeniert in der Kneipe einen Joint drehten und diesen dann rauchten. Und es störte niemanden. Eher musste man damit rechnen, dass einen der Wirt mal fragte, ob er denn auch mal ziehen könne.

Im Westen völlig unvorstellbar. Hatte ich doch selber Anfang der 80er in Hannover eine Kneipe besessen und wusste daher, wie das war. Traute sich damals wirklich mal jemand, in der Kneipe zu kiffen wurde der umgehend rausgeschmissen. Es konnte einen Wirt ganz schnell die Konzession kosten. Und man konnte auch nie wissen, ob nicht ein Zivilbulle anwesend war. Damals in Halle hat das niemanden interessiert. Dazu kam, dass der Normalbürger im Osten das alles auch gar nicht kannte. Nicht wusste, was Haschisch oder Marihuana ist, wie es aussieht, wie es riecht und wie es konsumiert wird.

Es war eine verrückte Zeit damals im Osten. Alles ging irgendwie. Man machte es einfach. So wie man zum Beispiel keine Angst zu haben brauchte, dass einen die früher so gefürchtete Volkspolizei anhielt und auf Alkohol kontrollierte. Die hatten so viel Angst davor, dass ihnen der Bürger etwas antat, das sie Kontrollen möglichst umgingen. Wenn man die ehemalige Volkspolizei, jetzt nur noch Polizei ohne Volk, doch mal sah, dann meist sogar zu dritt und so handzahm, dass es kaum zu glauben war. Ich denke, da zeigten sich immer noch die Nachwehen der Revolution von 1989, wo die Volkspolizei unter anderem beim Sturm auf die Stasizentralen, dem Druck des Volkes nachgegeben hatte. Seitdem herrschte eine tiefe Verunsicherung bei der Polizei. Und die Stasi war ohnehin, zumindest nach außen, völlig in der Versenkung verschwunden. Man hatte sie offiziell für aufgelöst erklärt und ohnehin hatte niemand für sie gearbeitet.

Zu der verrückten Zeit damals passte, was ich am nächsten Tag erlebte. Ich saß mit Eduard, beim Kaffee in der Küche und wir hörten DT 64, das ehemalige Jugendradio der DDR. Die machten jetzt die beste Musik und hatten obendrein tolle Beiträge. Heute ging es um ein Kuriosum. In Halle sollte das Fahnenmonument am Hansering angeblich nach Nordkorea verkauft werden. Die DDR war Geschichte und ihren Denkmälern blühte häufig das gleiche Schicksal, sprich: Sie wurden abgerissen. Es stellte sich ja wirklich die Frage, ob man hier in Halle noch an die Oktoberrevolution im fernen Russland erinnern musste. Nun war das ja mit der deutsch-sowjetischen Freundschaft ohnehin so eine Sache. Zu DDR-Zeiten eher ein Kunstprodukt als gelebtes Miteinander hatte diese Freundschaft im Zuge von Glasnost eine ganz andere Bedeutung bekommen. Und da passten sowohl die überall noch vorhandenen Lenindenkmäler wie auch die rote Fahne nicht mehr so recht ins Bild. Dazu kam, dass die siegreiche Sowjetarmee ihre Garnison in Halle ohnehin auflösen würde. Wozu dann noch die Fahne?

Also wurde in Halle bereits diskutiert, die Fahne abzureißen. Und vor diesem Hintergrund ging der Reporter von DT 64 mit seinem Aufnahmegerät los und befragte die halleschen Bürger, was sie denn davon hielten, dass die Fahne nach Nordkorea verkauft werden solle. Eduard und ich saßen in der Küche vor dem Radio und amüsierten uns köstlich. Wer sollte in der heutigen Zeit auch sonst so ein rotes Monstrum kaufen, außer Nordkorea.

»Was, nach Nordkorea?«, fragte ein Hallenser ungläubig ins Mikro des Reporters.

»Nur zu, weg mit dem Mist.«

»Was, die wollen die Fahne verkaufen? Nee, das geht ja gar nicht. Die gehört doch hierher.«

»Was, nach Nordkorea? Na, dafür haben die Kommunisten noch Geld.«

»Na klar, bloß weg damit.«

Die meisten der Befragten waren erst einmal völlig überrascht und die Meinungen gingen weit auseinander.

Wie es weiterging, erfuhren Eduard und ich nicht mehr, da sich die Küchentür öffnete und Horst hereinkam. Eigentlich war er gerade zum Termin aufgebrochen. Nun stand er völlig niedergeschlagen in der Tür und sah aus, als wenn er gleich losheulen würde. »Was ist denn mit dir passiert?«, wollten wir von ihm wissen. Ein Dachziegel wäre ihm auf das Autodach gekracht, erzählte er, was Eduard lauthals loslachen ließ.

»Was, dir ist ein Ziegel aufs Dach gefallen? Da hast du jetzt einen Dachschaden«, brüllte er los und schlug sich vor Lachen auf den Schenkel. Horst konnte darüber nicht lachen.

Wir überließen das Fahnenmonument seinem weiteren Schicksal und verließen die Wohnung, um uns Horsts Dachschaden anzusehen. Er hatte sein Auto wie so oft in der kleinen Seitenstraße neben einem alten, halbverfallenen, leer stehenden Haus geparkt. Solche Häuser waren in Halle eher die Regel als die Ausnahme und so dachten wir nicht über mögliche Risiken nach. Und irgendwo mussten wir ja schließlich auch parken. Horsts alter Passat hatte dort eine beträchtliche Delle abbekommen. Doch damit nicht genug. Durch die Federung des Blechs war er nicht liegen geblieben, sondern weiter auf den Kofferraumdeckel gehüpft. Auch dort hatte er eine stattliche Beule hinterlassen, bevor er abschließend auf das Straßenpflaster aufschlug und in zahllose rötliche Brocken zerschellte. Horst kämpfte sichtlich mit den Tränen.

»Na da kannst du ja froh sein kein richtiges Loch im Dach zu haben. Da regnet es ja sonst noch rein«, versuchte Eduard Horst vergeblich zu trösten. Darüber konnte Horst auch nicht lachen. Die Beule im Dach sollte ihm noch lange erhalten bleiben. Wen hätte er dafür haftbar machen sollen, wie einen potenziellen Eigentümer auftreiben? Die Eigentumsfrage dieses Gebäudes dürfte wahrscheinlich völlig ungeklärt sein, und bis sich dies einmal änderte, würden sicher noch etliche Ziegel, wenn nicht irgendwann das ganze Dach auf die Straße stürzen. Die einzige Lehre, die wir aus diesem Vorfall ziehen konnten, bestand darin, besser zu gucken, wo wir unser Auto abstellten.

Zwölf

Der Herbst 1990 war zugleich ein Frühling, nämlich politisch gesehen. Der Aufbruch in eine neue Zeit. Die gesamtdeutschen Wahlen und damit ein Jahrhundertereignis standen bevor. Die CDU, allen voran Helmut Kohl, proklamierten die Wiedervereinigung fast schon als alleinigen Verdienst. Die FDP sonnte sich im Schein ihres Außenministers Hans-Dietrich Genscher, der durch zähes Verhandeln die Wiedervereinigung erst möglich gemacht hatte. Die SPD dagegen, so versuchte es die CDU-Regierung ständig darzustellen, habe die Wiedervereinigung ja gar nicht gewollt. Dies bezog sich im Wesentlichen auf die Äußerungen des damaligen SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine, der sich erlaubt hatte, zu fragen, wer denn die Einheit bezahlen solle.

Was für eine dumme Frage. Damit hatte man »die fünfte Kolonne« – mit diesem Begriff versuchte man die SPD seit Kriegsende immer wieder als Gehilfen der Kommunisten zu diskreditieren – mal wieder entlarvt. Die wollten angeblich keine Wiedervereinigung, sondern die DDR behalten. Dagegen prägte Helmut Kohl Aussagen, die Geschichte schreiben sollten:

»Es werden blühende Landschaften im Osten entstehen.«

»Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor, dafür vielen besser.«

Aussagen mit Langzeitwert, die aber so pauschal für viele nicht zutreffen sollten. Das waren die Sprüche des Wahlkampfes. Wer das alles bezahlen sollte, war nicht Gegenstand der Diskussion.

Dann gab es da ja auch noch die alte SED, die nun Partei des demokratischen Sozialismus, kurz PDS, hieß. Die war nun für viele nicht mehr wählbar, für die allermeisten Wessis ohnehin eine völlig inakzeptable Partei, was mein reaktionärer Vater treffend auf den Punkt brachte: »Wer die noch wählt, dem gehört das Wahlrecht entzogen.« So einfach zeigte sich das Bild aus Sicht der Gewinner. Beinahe in Vergessenheit gerieten im ganzen Wiedervereinigungshype und D-Mark-Jubel die Bürgerbewegungen, welche die friedliche Revolution erst ermöglicht hatten. Das Bündnis ’90 und andere aus der Bürgerrechtsbewegung schlossen sich mit den Grünen zusammen. Aber ihre Ziele und das, was sie im Herbst 1989 erreicht hatten, fiel bei den Menschen doch ziemlich unter den Tisch. Einzig die D-Mark zählte, und die verkörperte niemand besser und strahlender als Helmut Kohl.

Obwohl die Arbeitslosigkeit bereits um sich griff, immer mehr Betriebe abgewickelt und geschlossen wurden, herrschte oft immer noch große Euphorie unter den Menschen. Man glaubte an die blühenden Landschaften und dass es jedem besser gehen würde. Im Kleinen stimmte das ja auch. Fast alle hatten sich von dem neuen Geld etwas gegönnt: eine Stereoanlage, einen Fernseher, einen Urlaub auf Mallorca und allen voran ein neues Auto. Die Fragen, wer das alles bezahlen sollte und wo die neuen Arbeitsplätze denn entstünden, stellten sich viele (noch) nicht. Vor einer Wahl gibt es immer wahrlich blumige Versprechungen. Die Rechnung wird erst hinterher präsentiert. Nur kannte man das im Osten noch nicht.

Das zeigte sich auch auf den Wahlkampfveranstaltungen. Aus Neugier gingen Horst und ich zu einer der CDU auf dem halleschen Marktplatz. Wir fanden es geradezu gruselig. Auf der einen Seite die Anhänger der CDU, die förmlich an den Lippen der Redner hingen, die ihnen versuchten, weiß zu machen, dass sich die Wiedervereinigung ohne Steuererhöhungen finanzieren ließ. Auf der anderen Seite Menschen, die dies so nicht glaubten, die »roten Socken«, um mal eine harmlose Umschreibung zu benutzen, mit denen skeptische Zwischenrufer bedacht wurden. Etwas weiter hinten in der Menge, wo etwas mehr Platz war, standen sie sich direkt gegenüber.

Die Köpfe rot angelaufen, schrien sie sich gegenseitig mit hervortretenden, hüpfenden Adamsäpfeln an. Die Augen traten groß hervor und sprühten vor Hass, als sich die Menschen wie Kampfhähne gegenüberstanden. Stasischwein und rote Sau waren noch die harmlosen Schimpfworte, mit denen Skeptiker bedacht wurden. Es war ein Wunder, dass es nicht zu größeren Handgreiflichkeiten kam. Die D-Mark und der Kanzler der Einheit ließen die Emotionen hochkochen. Wo war das Gemeinsame aus den Montagsdemos geblieben?

Vor diesem Hintergrund verwunderte das Ergebnis der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 auch nicht. Fast fünfundfünfzig Prozent für CDU und FDP. Die D-Mark hatte gewonnen. Die elf Prozent für die »Poststalinisten«, wie die SED-Nachfolgepartei gern genannt wurde, waren deutlich. Enttäuschend, dass die Bürgerrechtsbewegung unter dem grünen Dach gerade mal auf sechs Komma zwei Prozent der Stimmen im Osten kam. Warum sollte man die jetzt auch noch wählen? Die Mauer war gefallen, es gab die ersehnte Reisefreiheit und das alte System war beerdigt, die Menschen wiedervereint und die D-Mark im Portemonnaie.

Dreizehn

Die Zeit direkt nach der Wende trieb viele Blüten. Allerorts wurden nun Wessis mit dunklen Anzügen und großen dunklen Limousinen gesichtet, Investoren, sogenannte. Es gab ja viel zu tun. Die Treuhand regelte das Modernisieren, Sanieren, Investieren und allzu oft einfach nur das Abwickeln. Dies bedeutete oft, dass man die Betriebe für eine obligatorische D-Mark veräußerte, diese anschließend von den neuen Eigentümern geschlossen wurden und die Belegschaft auf der Straße landete.

In dieser Zeit des großen Aufbruchs wies jede Gemeinde damals Gewerbegebiete aus, damit sich die blühenden Landschaften auch bei ihnen ansiedeln konnten. So auch in Teutschenthal, einer kleinen Gemeinde am westlichen Stadtrand von Halle. Hier gab es die ziemlich heruntergewirtschaftete landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft Lenin und einen kleinen, überwiegend landwirtschaftlich genutzten Flugplatz. Eines Tages stand in der Mitteldeutschen Zeitung, dass Investoren diesen kleinen Flugplatz zu einem bedeutenden Luftkreuz für den Frachtverkehr ausbauen wollten, und auch mit der LPG hatte man Großes vor. Dass der internationale Flughafen Leipzig-Halle praktisch um die Ecke lag, störte nicht. Es wurden hochtrabende Pläne für den großen Aufstieg einer kleinen Gemeinde entworfen. Mir war das von vornherein schon nicht ganz geheuer.

Für die Kredite zeigte sich nun nicht mehr die Staatsbank der DDR zuständig, sondern die örtlichen Banken, in diesem Fall die Stadt- und Saalkreissparkasse Halle. Und dort begeisterte man sich für die zukunftsweisenden Pläne adretter Investoren aus dem Westen und wollte den Aufschwung natürlich nicht aufhalten. So wurden Kreditanträge im Schnellverfahren durchgewunken und Kredite ohne Prüfung von Sicherheiten ausbezahlt.4

Einem adoptierten Grafen hatte man sage und schreibe zehn Millionen ausgehändigt, um die marode LPG Lenin wieder aufzumöbeln. Eigentlich müsste man sagen hinterhergeworfen, denn wie sich rausstellte, hatte er das Geld für sein kompetentes Auftreten und ein paar Konzepte mit schönen Plänchen erhalten und war dann mit Koffern voller Geld aus der Bank spaziert. Da hatten Horst und ich gedacht, wir machen was falsch. Wir mühten uns hier, Tag für Tag, im Klein-Klein damit ab, Geld zu verdienen, an Büroräume zu gelangen, und den echten Gangstern wurde das Geld nur so hinterhergeworfen. Wie ungerecht. Aber dafür waren wir halt längst nicht dreist genug und vor allem waren wir zu ehrlich.

Es dauerte gar nicht so lange, bis erste Zweifel aufkamen, ob diese tollen Projekte wirklich realistisch waren und auch umgesetzt werden würden. In dieser Zeit vollzog sich in Halle der größte Bankenskandal der deutschen Nachkriegszeit, als das große Luftschloss in Teutschenthal platzte. Wie sich erst wesentlich später herausstellen sollte, vergab die Bank innerhalb recht kurzer Zeit Kredite und Darlehen in Höhe von über siebenhundert Millionen D-Mark. Nach und nach kam ans Licht, dass immer größere Teile dieser Kredite faul waren. Erst war das Geld weg und dann die so seriösen Geschäftsleute. Übrig blieben letztlich vierhundertvierunddreißig Millionen D-Mark, die man für immer abschreiben konnte. Für die die Sparkasse, der hallesche Bürger und letzten Endes der Steuerzahler im Allgemeinen geradezustehen hatten.5

Im Zentrum stand eine junge Sachbearbeiterin der Sparkasse, die erst seit Kurzem Leiterin der Kreditabteilung war, und ihr Chef, der sie wohl auch ermunterte, den Aufschwung nicht zu bremsen, sondern mutig zu entscheiden. Schließlich ging es hier um Arbeitsplätze, um Zukunft. Beide waren sicherlich mit der Kreditvergabe völlig überfordert und hatten wahrscheinlich noch nie einen Kreditantrag nach westlichem Vorbild geprüft. So fanden sie sich irgendwann vor Gericht wieder. Während das Verfahren gegen den Chef aus gesundheitlichen Gründen eingestellt wurde, musste die kleine Sachbearbeiterin den Schaden allein ausbaden. Als wenn sie durch die Vorgänge nicht schon genug gestraft wäre, stand die Frau über zwei lange Jahre hinweg wegen Veruntreuung vor Gericht und wurde schließlich auch verurteilt. Im Gegenzug einigte sich die Bank wohl mit etlichen Schuldnern außergerichtlich und ließ den Steuerzahler letztlich den Großteil der Suppe auslöffeln.6

In diese Zeit der freihändigen Kreditvergabe fielen auch die rauschenden Nächte in diversen Bars, vor allem aber am Tresen des ehemaligen Interhotels an der Merseburger Straße. Da ließen es die Investoren, Glücksritter und Betrüger, nach erfolgreicher Kreditvergabe so richtig krachen. Na klar, mit so viel Bargeld ausgestattet fällt die Frage leicht: »Was kostet die Welt?« Da flossen Krimsekt und Champagner in Strömen und die Prostituierten pflückten sich später ihre sturzbetrunkenen, millionenschweren Kunden, wie reife Früchte vom Baum. Dazu gehörte ein Pferdehändler aus der Pfalz, der ein halbes Dutzend Haftbefehle hinter sich hatte und dem man fünf Millionen überließ, um die marode hallesche Galopprennbahn wieder auf Vordermann zu bringen. Oder der ehemalige Heizungsvertreter, der es durch Kreditvermittlung innerhalb von wenigen Monaten zum Multimillionär gebracht hatte. Den Vogel schoss allerdings ein Norweger ab, dem man nach der Landung mit einer Boeing 737 am Flughafen Leipzig/Halle, für vertrauenswürdig genug hielt, um ihm gleich einen Kredit über fünfzig Millionen einzuräumen.7

Davon war ich damals weit entfernt. Und so verlockend es auf den ersten Blick klang, mal eben mit einem Koffer voller Geld aus der Bank zu spazieren, das entsprach einfach nicht meiner Art. Und so waren mir auch diese großkotzigen Wessis im schicken Anzug, dauergewellt und mit Goldkettchen behängt, von Anfang an unsympathisch. Vieles war halt mehr Schein als Sein. Doch zum erfolgreichen Blenden hat es gereicht. Um diese Leute habe ich immer einen großen Bogen gemacht.

Aber einen dieser – wenn auch etwas kleineren – Glücksritter, der die Zeichen der Zeit für sich erkannt hatte, kannte ich tatsächlich persönlich. Werner, der ja bereits vor Einführung der D-Mark in Halle in seinem gebrauchten Bierpavillon Dosenbier, Kaffee und Konserven verkauft hatte. Zufällig traf ich Werner in der Stadt und er erzählte mir, dass er jetzt eine Pizzeria in Merseburg betrieb und viel Geld damit verdienen würde. Wir verabredeten uns zwei Tage später bei ihm zum gemeinsamen Frühstück. Er gab mir seine Adresse. Werner lebte nach wie vor in Halle, in einem Altbau, nicht in bester Lage. So stand ich dann morgens mit einer Tüte Brötchen in der Hand vor seiner Wohnungstür und klingelte. Nach dem dritten Klingeln hörte ich Geräusche auf dem Flur. Die Tür öffnete sich gerade so weit, wie es die vorgelegte Metallkette zuließ, und Werners verpenntes Gesicht erschien in der Öffnung.

»Ach, du bist es. Dich habe ich völlig vergessen«, meinte er, nahm die Kette ab und ließ mich ein. Als er sich nun herumdrehte und vor mir Richtung Küche schlurfte, dachte ich, ich sehe nicht richtig. Aus dem Bund seiner Jeans ragte der Griff eines großen Revolvers hervor. Auf meine Frage, ob er denn so gefährlich leben würde, guckte er mich erst etwas verständnislos an und meinte dann:

»Ach so«, zog den Revolver aus dem Hosenbund, hielt ihn hoch und meinte: »Deswegen? Na, man weiß nie, wer vor der Türe steht«, und legte die Waffe zur Seite. Ich hatte mir bislang noch nie Gedanken darüber gemacht, dass bei mir Leute vor der Tür stehen könnten, für die man so eine Artillerie auffahren müsste, oder machte der gute Werner noch andere Geschäfte?

Davon sprach er nicht. Stattdessen erzählte er, dass er neulich in Amerika gewesen sei und sich von dort, sozusagen als Urlaubsmitbringsel, eine Corvette mitgebracht hätte. Eine Corvette! Ich konnte nur staunen, handelte es sich dabei doch um ein legendäres Sportcoupé von General Motors mit auffälligem Design und Unmengen an Pferdestärken unter der Motorhaube. Damals waren die Straßen im Osten und speziell in Halle so schlecht und so voller Schlaglöcher, dass es mir ein völliges Rätsel war, wie man hier freiwillig mit einem solch tiefergelegten Geschoss rumfahren konnte. Ich hatte schon mein Fahrrad in Hannover gelassen, weil mir das Fahren damit zu riskant war. Aber wer es brauchte. Werner und ich haben uns anschließend nicht mehr gesehen. Jahre später erfuhr ich, dass Werner inzwischen in Thailand lebte. Er hatte sich in Phuket eine Wohnung in einem schicken Hochhaus gekauft und ließ es sich dort gut gehen.

Vierzehn

Die Straßen im Osten spiegelten den Zustand des Landes wieder, und der war katastrophal. Auf dem Weg von Hannover nach Halle stellte die Autobahn bis Magdeburg noch das beste Teilstück dar. Die dann folgenden knappen neunzig Kilometer von Magdeburg über die Landstraße hatten es teilweise richtig in sich. Vor allem, wenn der Belag abrupt von Asphalt auf Kopfsteinpflaster wechselte. In der Regel schaffte ich die Strecke in etwa anderthalb Stunden, aber es konnte auch bedeutend länger dauern.

Wenn ich nach Hannover fuhr, machte ich das meistens abends, im Dunkeln. Das kam für die Strecke erschwerend hinzu, denn hier war die Nacht, mangels reflektierender Schilder, einfach dunkler als im Westen. Und die vielen LKW unterwegs stellten ein weiteres Hindernis dar. So musste man sich sehr stark konzentrieren beim Fahren. Richtig spannend wurde es aber erst durch Baustellen. Hier wurde häufig die ganze Straße gesperrt und der Verkehr umgeleitet. Da kam man plötzlich in Dörfer, deren Namen man noch nie gehört hatte und in denen es noch aussah wie tiefste sozialistische Provinz, was es ja auch noch war. Plötzlich fand man sich auf schmalen Alleen von Obstbäumen wieder, die aus uraltem, richtig gewölbtem Pflaster bestanden. Und mitten im Ort war dann gar kein Pflaster mehr, sondern einfach Schotter oder Piste.

Bei Regenwetter ging das Ganze dann in ein schlammiges Unterfangen über. Bei Trockenheit fuhr man dafür in der Staubwolke des voranfahrenden LKW auch nicht besser. Und diese Umleitungen machten ihrem Namen alle Ehre. Auf ihnen fuhr man gewaltige Umwege, wie sich beim späteren Nachschauen auf der Karte herausstellte. Manchmal machten Horst und ich die Fahrt auch gemeinsam. Aber da Horst von Hannover noch ein Stück weiter bis in seinen Heimatort fahren musste, fuhr jeder mit seinem eigenen Wagen. Eines schönen Tages verließen wir abends Halle und überholten kurz darauf einen LKW, bevor man uns mal wieder auf eine Umleitung schickte. Später, wir hatten die ewig lange Umleitung gerade hinter uns gelassen und waren froh, endlich wieder auf der alten Bundesstraße zu sein, tauchte ein LKW vor uns auf. Und sieh an, es war exakt derselbe, den wir vor der Umleitung überholt hatten. Das war eindeutig an seiner Beschriftung zu erkennen. Wie konnte das sein? Ganz einfach, der war nicht auf die Umleitung abgebogen, sondern einfach durch die Baustelle hindurch gefahren. Dreist, aber scheinbar schien dies möglich.

Das probierten wir bei der nächsten Fahrt auch und es klappte tatsächlich. Teilweise fuhr man nur auf Schotter, der Fahrbahnbelag wechselte abrupt oder man musste spontan auf die Gegenfahrbahn ausweichen, da auf der eigenen Fahrbahn ein Sandhaufen lag. Es galt höllisch aufzupassen, da durchaus mal größere Absätze in der Fahrbahn auftauchten oder man auch mal eben ein ganzes Stück Straße weggebaggert hatte und man in der Dunkelheit leicht in ein größeres Loch fallen konnte. Aber letztlich war der LKW, trotz der Hindernisse in der Baustelle, noch schneller, als wir auf dem Weg durch die Umleitung gewesen.

Zukünftig durchfuhren wir des Öfteren mal eine Baustelle. Das hatte viel mit Glück zu tun und klappte auch nur, weil man abends in der Regel kaum einem anderen Fahrzeug begegnete. Einmal wurde es extrem unangenehm, hatte ich doch einen LKW hinter mir, der es offenbar ganz schön eilig hatte und mir im Genick saß. Ich nutzte eine Möglichkeit, ihn vorbeifahren zu lassen, doch freute ich mich zu früh. Sicher, nun drängelte er nicht mehr von hinten, dafür befand ich mich jetzt in seiner Staubwolke und konnte gar nichts mehr sehen. Und im Blindflug hinter einem LKW durch die Baustelle zu fahren, hielt ich doch für zu riskant. Es half nichts, ich musste anhalten und warten, bis sich die Staubwolke gelegt hatte. Diesem anstrengenden Teilstück bis zur Autobahn folgte dann die eher langweilige Fahrt über die stark befahrene Ost-West-Verbindung, auf der jede Menge LKW unterwegs waren und die auch wieder Konzentration erforderte. Nicht ohne, nach einem beschwerlichen Arbeitstag.

Eines Abends, diesmal allein unterwegs, freute ich mich schon, endlich die Landstraße in Magdeburg hinter mir gelassen zu haben und auf der Autobahn zu sein, da passierte es. Ich befand mich kurz vor der ehemaligen Grenze, als es auf Schlag dunkel um mich herum wurde und der Motor ausging. Kein Scheinwerferlicht mehr, keine Tachobeleuchtung, und die Musik verstummte ebenfalls. Was ist nun? Ich schaffte es gerade noch im Ausrollen auf den Standstreifen, unter einer Brücke hindurch, und stand dann in völliger Dunkelheit. Es war spät heute und daher fuhren nur hin und wieder noch vereinzelte Autos, meist LKW vorbei.

Auch die Warnblinkanlage gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Hätte ich es doch wenigstens noch ein paar Kilometer weiter, bis in den Bereich der beleuchteten ehemaligen Grenzanlagen geschafft, so aber herrschte um mich herum stockfinstere Nacht. So sah es aus, weit und breit kein Licht und dank geschlossener Wolkendecke auch kein Mond. Und die Zündung gab keinen Mucks von sich. Nach mehreren vergeblichen Schlägen auf das Lenkrad in Verbindung mit dem lauten Rufen eines Schimpfwortes, das mit Sch begann, stieg ich aus. Notruftelefone gab es natürlich noch keine. Bewohnte Häuser schienen auch nicht in der Nähe. Was also tun? Wie käme ich hier weg? Sollte ich warten oder einfach losgehen? Und wohin? Konnte ich das Auto so einfach unbeleuchtet in der Dunkelheit stehen lassen? Missmutig kramte ich das Warndreieck heraus und stellte es in einiger Entfernung hinter das Auto. Wenigstens sendete das reflektierende Dreieck eine Art Lebenszeichen aus der mich umgebenden Finsternis. Während ich noch darüber sinnierte, wie lange ich hier wohl stehen würde, bis sich ein Autofahrer meiner erbarmte, passierte es auch schon.

Es blinkte rechts, Bremslichter leuchteten auf dem Standstreifen auf und es hielt tatsächlich ein Auto an. Hastig lief ich zu dem Wagen hin. Es saß ein netter junger Mann darin, der mich fragte, ob und wie er mir helfen könne. Ich schilderte ihm kurz den Sachverhalt. Ein Blick unter die Motorhaube und er bestätigte meinen Verdacht: Die Lichtmaschine war der Übeltäter. Er bot mir tatsächlich an, mich abzuschleppen. Super! Flugs holte ich das Abschleppseil heraus und befestigte es. Dann schleppte er meinen Passat noch bis hinter die alte Grenze auf den nächsten Rastplatz. Dort stellten wir mein Auto ab und ich rief Sylvie an. Er bot mir an, mich noch bis kurz vor Hannover mitzunehmen. Wie nett von ihm. Der freundliche junge Mann arbeitete auch für eine Vertriebsfirma im Osten und befand sich auf dem Nachhauseweg nach Salzgitter. Kurz, nachdem er mich an der Raststätte vor Hannover abgesetzt hatte, kam auch schon Sylvie und sammelte mich dort auf.

Am nächsten Tag schleppten mein Freund Rolf und ich den Wagen bis nach Hannover zu meiner Werkstatt, sehr zum Ärgernis vieler Brummis, für die wir neben den Trabis ein weiteres Hindernis auf der Autobahn darstellten. Während der Fahrt wurde ich einmal mehr auf den speziellen Zigarettenanzünder in Rolfs Ascona aufmerksam. Da drückte man einen kleinen Hebel herunter, wartete ein Weilchen und plötzlich schnipste der Filter einer Zigarette hervor. Die brauchte man dann nur noch herauszuziehen, in den Mund zu stecken und konnte losrauchen. Die Zigarette brannte bereits, was für tolle Spielzeuge es gab. Dabei handelte es sich hier vielleicht sogar um mehr, als um bloßen Luxus.

Mein alter Kumpel Uwe war nämlich mal bei dem Versuch, sein heruntergefallenes Feuerzeug während der Fahrt wieder aufzuheben, von der Straße abgekommen. Er hatte dabei einen Strommast umgemäht. Ihm war außer ein paar Blessuren nichts passiert, dafür hatte er aber den halben Landkreis für ein paar Stunden vom Stromnetz getrennt. Die Aktion brachte ihm lediglich zwanzig DM Verwarnungsgeld ein. Da er in der nachfolgenden Untersuchung bei der offiziellen Aussage blieb, ein heftiges Niesen sei der Grund für den Unfall, folgte auch keine weitere Strafe, aber sein altes Auto hatte nur noch Schrottwert.

Wenige Tage später hatte die Werkstatt mein Auto repariert. Und wieder fuhr ich nachts, diesmal zurück nach Halle. Als ich irgendwann nach einer neuen Umleitung, durch unbekannte Dörfer, endlich in Halle ankam, fühlte ich mich nach der anstrengenden Fahrt richtig erleichtert. Ich holperte und rumpelte über völlig desolates Kopfsteinpflaster in die Stadt hinein. Fast wie zum Hohn sah ich an dem Giebel eines alten Hauses am Straßenrand, in großen, ungelenken Lettern geschrieben: »Langsam fahren! Einsturzgefahr!« und wusste, ich bin wieder zurück in meiner neuen Heimat.

Fünfzehn

Das mit unserer neuen Wohnung zog sich leider hin. Wir hatten zwar von Klaus-Peter Sack, der bereits woanders wohnte, einen Schlüssel bekommen, nur die Wohnung war noch nicht leer. Bei Weitem nicht. In der Wohnung stapelten sich neben etlichen gammeligen Sofas und Sesseln, Stühle, alte Schränke, klapprige Tische und Tischchen, es sah aus wie beim Sperrmüll. Das wären alles nicht seine Sachen, damit könnten wir machen, was wir wollten, meinte Klaus-Peter in seiner unbekümmerten Art. Dass sich vielleicht die anderen ehemaligen Vormieter des Sperrmülls annahmen, sprich sich an dessen Entsorgung beteiligten, erwies sich als ein rein theoretischer Gedanke. Wir würden nicht umhin kommen, die Wohnung selber zu räumen und den ganzen Krempel zu entsorgen. Klaus-Peter selbst zeigte sich immerhin dazu bereit, sich an einem Räumungseinsatz zu beteiligen. Na, wenigstens.

Ursprünglich hätte unser Mietvertrag zum 1. November beginnen sollen, das war ohnehin Zukunftsmusik gewesen. Der neue Termin für die offizielle Wohnungsübergabe, Anfang Dezember, verstrich ebenfalls. Jetzt mussten wir uns schon ranhalten, damit es in diesem Jahr überhaupt noch etwas wurde. Frau Kurtz weigerte sich hartnäckig, uns die Wohnung zu übergeben, solange diese noch so voll stand. Daher beschlossen wir, die Sache jetzt endgültig in die eigenen Hände zu nehmen. Eduard und Malte hatten versprochen, zu helfen, und Klaus-Peter natürlich. Dann würde das ja alles halb so wild, dachten wir zumindest.

Sylvie kam extra für die Entrümpelungsaktion angereist und wollte uns unterstützen. Sie hatte ja immer gesagt, dass sie erst nach Halle käme, wenn ich auch eine Wohnung für uns hätte. Sicher, es handelte sich nicht um eine fertige Wohnung im westlichen Standard, wo man nichts mehr machen musste und einfach einziehen konnte. Hier galt es noch eine Menge zu machen und Sylvie wusste, dass ab jetzt auch ihr Engagement gefordert war. Tatsächlich eröffnete sie Horst und mir, dass sie ihren Job in Hannover zum 31. Dezember 1990 gekündigt hatte. Da war ich erst sprachlos und dann glücklich. Damit stand unserer Zukunft in Halle nichts mehr entgegen.

Mit Frau Kurtz gelang es uns, für Montag früh, einen Termin zur Wohnungsübergabe zu vereinbaren. Für den Freitag davor bestellten wir einen Container. Die vorausschauende Sylvie hatte extra einen Großen, teureren genommen, damit alles reinging. Als wir dann Freitagfrüh vor dem Haus ankamen, sahen wir den Container sofort. Aber auch noch etwas anderes, etwas, das aus dem Container herausragte. Dieses etwas entpuppte sich als alter Schrank. Und damit nicht genug. Der Container war bereits halb voll. Das ist doch nicht wahr, dachte ich. Aus dem Nachbarhaus schaute jemand aus dem Fenster und sprach mich an. Ich wäre wohl nicht von hier, mutmaßte der Bewohner. Wie er denn darauf käme, fragte ich. Na, weil ich dann wüsste, dass man einen leeren Container nicht alleine lassen darf. Nein, wusste ich nicht. Aber ich war ja auch nicht von hier.

Schon hielt ein Auto mit zwei Männern am Straßenrand und ich sah ein paar alte Zinkwannen mit Schrott auf dem Rücksitz. Die hatten wohl im Vorbeifahren mitbekommen, dass hier ein einsamer Container stand, luden schnell zu Hause ihren Müll ein und wollten den jetzt hier entsorgen. Die Männer saßen noch im Wagen, da stand Horst schon vor ihnen und machte deutlich, dass sie mal gleich weiterfahren und ihren Müll anderweitig entsorgen sollten.

Na, das fing ja gut an. Wir richteten es so ein, dass immer einer von uns unten beim Container blieb und sozusagen Wache hielt. Doch wir, das hieß leider nur Horst, Sylvie, Eduard und ich. Malte und Klaus-Peter ließen sich nicht sehen. Tapfer widmeten wir uns zuerst einmal dem Inhalt des Containers. Eduard und ich stiegen mit einer Axt hinein und zerkleinerten den alten Schrank, zwei rostige Bettrahmen und andere sperrige Gegenstände, die hier bereits entsorgt worden waren. Jetzt nahmen sie deutlich weniger Platz ein und wir hofften, vielleicht doch unseren ganzen Schrott noch im Container unterbringen zu können.

Glücklicherweise mussten wir »nur« runtertragen. Aber da es sich im Haus um schöne, hohe Altbauräume handelte, kamen bis zum dritten Stock locker an die achtzig Treppenstufen zusammen. Die liefen wir nun beladen runter und unbeladen wieder rauf. Es wurde ein harter Kampf. Gegen Mittag tauchte tatsächlich noch Malte auf, der sich entschuldigte, dass er nicht aus dem Bett gekommen sei. Er packte dann aber wenigstens kräftig mit an. Und so, peu à peu, leerte sich die Wohnung tatsächlich.

Da, wo die großen Dinge aus dem Zimmer verschwunden waren, fiel die Lücke erfreulicherweise sofort auf. Aber bei den tausend Kleinteilen sah die Sache anders aus, vor allem bei der immensen Größe der Wohnung. Da spielte ein Teil mehr oder weniger optisch gar keine Rolle. Eduard hatte im wahrsten Sinne des Wortes eine zündende Idee: Bretter und alles, was aus Holz und nicht lackiert war, sollte oben bleiben. Das konnten wir prima verfeuern. Und wir lernten nun auch den Vorteil von Zinkwannen kennen, von denen uns unsere Vormieter ja auch ein paar hinterlassen hatten. Da konnte man jede Menge Kleinteile hineinwerfen und die dann hinunter tragen und in den Container kippen.

Letztlich haben wir es geschafft und die Wohnung leer bekommen. Und vor allem bekamen wir doch noch alles in den Container hinein. Sogar aus dem Keller haben wir noch Schrott rausgeholt. Und da es sich um einen Kohlenkeller handelte, galt es noch Unmengen an Kohlenstaub zu beseitigen. Wir hatten das Gefühl, den Kohlenstaub, der sich über Generationen angesammelt hatte, in Eimer zu füllen und rauszutragen. Das hat dann Horst und mir den Rest gegeben. Wir sahen aus wie die Schornsteinfeger und waren fix und alle. Sylvie fuhr uns dann nach Trotha, wo wir erst einmal gründlich badeten. Danach fühlten wir uns zwar immer noch groggy, aber wenigstens wieder sauber. Klaus-Peter hat sich an diesem Tag nicht mehr sehen lassen, wohl auch besser für ihn.



Erste Seite des Mietvertrages Philipp-Müller-Straße 14, schwarze Schrift auf grau-beigem, faserigem A5-Papier.

Am nächsten Tag ging es dann gleich wieder in die neue Wohnung. Wir haben gefegt und uns alles mal etwas genauer angesehen. Jetzt, so völlig leer, sah man, wie heruntergekommen sie war. Aber auch wie riesig, mit tollen, schönen Räumen, teilweise Eichenparkett und in zwei Zimmern prangte auch noch Stuck an der Decke in knapp drei Meter achtzig Höhe. Das mittlere der drei Zimmer zur Straße besaß dazu noch einen Erker und drei riesige, doppelflügelige Holztüren. Eigentlich eine ehemals hochherrschaftliche Wohnung.

Aber der Lack war schon länger ab. Die Holzfenster befanden sich in schlechtem Zustand, ebenso wie die Elektroinstallation. Auch die Dielenböden wirkten heruntergekommen. Die Wände sahen ähnlich aus. Erste kleine Tests bestätigten unsere Befürchtung, dass beim Abziehen der Tapete auch der Putz gleich mit herunterkam. Die Wohnung verfügte über insgesamt vier Kachelöfen, die mehr oder weniger undicht sein sollten, dazu einen Badeofen. Letzteren hatten wir nicht vor zu nutzen. Aus Erfahrung wusste ich, wie lange es dauerte, bis man mit einem solchen Kohleofen ausreichend warmes Wasser zum Duschen oder Baden erhitzt hatte. Wie ein großer Tauchsieder, nur mit Kohle statt mit Strom betrieben. In meinen allerersten Studententagen, als ich auf einer Matratze in der Küche von zwei Freunden hauste, hatte ich schon einmal die Bekanntschaft mit solch einem Badeofen gemacht. Dies wollte ich jetzt nicht auffrischen. Aber die großen Kachelöfen brauchten wir schon, um die hohen Zimmer warm zu bekommen.

Ja, und die Sanitärinstallation sprach Bände. Das kleine Klo war so eklig, dass ich es am liebsten einfach zugemauert hätte. Die Küche verfügte über eine uralte Spüle, eher einen Spülstein aus Keramik, wo es nur kaltes Wasser gab. Wie sollte es auch anders sein. Als einzige Wärmequelle diente ein alter Gasherd. Im Bad sah der Zustand nicht besser aus: ein schwer lädiertes Waschbecken, eine versiffte Badewanne und der besagte Badeofen. Nee, damit fangen wir nicht wieder an, entschied ich.

Wohl wissend hatten wir auch unseren Nachbarn Eduard mit in die neue Wohnung genommen. Er war ja »Gas-Wasser-Scheiße«-Monteur und kannte sich zusätzlich mit Elektroinstallation aus. Hier musste richtig Hand angelegt werden, wenn wir es uns nett machen wollten. Und das wollten wir. Aber erst mussten wir die Wohnung einmal offiziell übernehmen. Am Tag der Wohnungsübergabe, dem 17. Dezember 1990, trafen Sylvie, Horst und ich pünktlich ein. Wenig später vernahmen wir schwere Schritte auf der Treppe und hörten gleich darauf unsere Frau Kurtz vor der Wohnungstür schnaufen. Die Treppe war nichts für Leute mit Übergewicht. Einen Kollegen hatte sie noch als Schriftführer dabei.

Sie blickte erwartungsvoll in die Wohnung und zeigte sich sichtlich überrascht, auf einen leeren Flur zu treffen. Und erst als sie den Rest sah. Da hatte sie nicht mit gerechnet, dass wir es tatsächlich geschafft hatten, diese vollgemüllte Wohnung leer zu bekommen.

»Nu, wie ham Se das denn jeschafft?«, fragte sie ungläubig. Wie sich herausstellte, war sie fest davon ausgegangen, dass die Wohnung doch mehr oder weniger so vollgerümpelt aussehen würde wie vorher. Und dann hätte sie uns die Wohnung letztlich nicht zu geben brauchen. Das sah nun anders aus. Jetzt kam sie gar nicht darum herum, uns als neue Mieter zu akzeptieren.

Und wir trafen noch eine wichtige Vereinbarung. Die Wohnung bekam den Status einer sogenannten Reko-Wohnung, wobei Reko für Rekonstruktion stand. Nur über diesen Weg konnte sie uns Dreien eine solch riesige Wohnung überlassen. Ich besaß ja nur einen Wohnberechtigungsschein für eine Zweiraumwohnung, nämlich für Sylvie und mich. Und Horst hätte allein sogar wahrscheinlich nur eine Einraumwohnung bekommen. Das mit der Reko hatte noch einen anderen Vorteil. Es war so üblich, dass der Mieter eine solche Wohnung teilweise in Eigenregie »rekonstruierte« und die Materialrechnungen bei der Genossenschaft einreichte. Das Geld erhielt er dann ganz oder teilweise von ihr zurück. Dieses vereinbarten wir nun auch mit Frau Kurtz.

Die Wohnung war besenrein, da gab es nichts dran zu deuteln. So setzten wir unser Treffen im Anschluss in dem Büro von Frau Kurtz fort, mit dem Ergebnis, dass am Ende Sylvie und ich einen Mietvertrag für die Wohnung in der Philipp-Müller-Straße 14 unterschrieben. Der Vertrag begann offiziell zum 1. Januar 1991. Es wurde ein Mietzins von hundertundzwei DM und ein paar Pfennigen vereinbart. Das war für den Osten viel Geld. In Hannover hätte man allerdings, trotz des heruntergekommenen Zustands der Wohnung, über diesen Preis nur gelacht.

Hurra, endlich hatten wir eine eigene Wohnung. Und was für eine. Überglücklich gingen wir nach dem Termin alle drei schön gemeinsam Mittagessen und feierten den Triumph hinterher in unserer Schwarzwohnung, mit Malte und Mia, Eduard, Ralf und noch dem einen oder anderen, der gerade vorbei kam.

Sechzehn

Bei Eduard handelte es sich um eine schillernde Erscheinung, wobei er von Gestalt eher klein und dünn, aber sehr drahtig und immer leicht hibbelig daher kam. Still sitzen lag ihm gar nicht. Er war so dünn, dass er den Hosengürtel immer bis ins erste Loch ziehen konnte und dann eine richtige Wespentaille hatte. Eduard lachte gerne, doch wenn er den Mund aufmachte, blickte man direkt in eine Ruinenlandschaft, abgebrochene Zahnstümpfe und Lücken. Wie Dresden ‘45, sollte ich noch Jahre später sagen.

Kennengelernt hatten wir ihn in der Großen Ulrichstraße, wo er eine Etage über uns, ebenfalls in einer Schwarzwohnung lebte. Als gelernter Installateur hatte er versucht, gemeinsam mit dem ominösen Herbert aus Stuttgart, seinem Mitbewohner, eine Baufirma aufzuziehen. Mehr schlecht als recht, denn die Sache mit der gemeinsamen Firma zerschlug sich schnell. Sein Kompagnon Herbert verließ Halle wieder und so hatte Eduard natürlich Interesse daran, Geld zu verdienen. Er versuchte sich mit kleineren Aufträgen, über Wasser zu halten. Miete musste er keine zahlen und ein Auto besaß er nicht. Er bot uns Hilfe bei der Sanierung der Wohnung an und wir sicherten ihm dafür Bezahlung zu. Eduard hatte Ahnung und Zeit, beides kam uns sehr entgegen. Er sollte unser bester Arbeiter auf der Wohnungsbaustelle werden.

Eduard litt unter Legasthenie. Das war ihm ungeheuer peinlich und er versuchte, es möglichst zu verbergen. Doch irgendwann erwischte ich ihn dabei, wie er versuchte, eine Rechnung zu stellen. Wie ein Erstklässler malte er jeden einzelnen Buchstaben völlig ungelenk auf den Rechnungsblock. Das dauerte zum einen ewig und sah zum anderen auch dementsprechend aus. Ansonsten war er auch immer ein gern gesehener Gast bei uns zum Essen. Eduard gehörte bald regelrecht zur Familie, denn wir mochten ihn sehr gerne. Er war wirklich ein Guter. Wenn man die Sache mit der Flucht vor den Alimenten mal außer Acht ließ.

Eduard hatte eine große Leidenschaft: Frauen. Nicht nur, dass er gerne damit herumprotzte, welch tolle Frauen er schon gehabt hatte, nein, auch welch guter Liebhaber er wäre. Dabei sah er gar nicht so aus, so klein und schmächtig. Und wenn er dann noch den Mund aufmachte. Konnte man einen solchen Mund küssen? Er hatte einfach panische Angst vor Zahnärzten. Aber scheinbar schienen seine ruinösen Zähne die Frauen nicht unbedingt abzuschrecken. Und charmant konnte er wirklich sein.

Eines Tages kam er zu Sylvie und mir herunter und meinte, wir müssten ihm helfen. Na klar, versicherten wir, wo denn der Schuh drücken würde, fragten wir. Er wolle eine Kontaktanzeige aufgeben, eröffnete er uns. Wir waren baff. Sylvie setzte sich letztlich mit ihm zusammen hin und gemeinsam entwarfen die beiden den Text für eine Annonce, die kurz darauf in der Mitteldeutschen Zeitung veröffentlicht wurde. In den folgenden Tagen konnte man ihn kaum gebrauchen. Er wirkte total aufgeregt und wartete gespannt auf die Resonanz. Sylvie und ich zugegebenermaßen ebenfalls. Und tatsächlich erhielt er eine Menge Zuschriften. Meine Bemerkung, dass die Anzeige ja auch ohne Foto sei, bescherte mir einen schmerzhaften Hieb auf den Oberarm.

Nun ging es an die nächste Hürde. Nach Sichtung der Briefe, die Eduard erhalten hatte, machte er sich daran, mehrere Frauen, zu kontaktieren. Schriftliche Antworten mit der Einladung zu einem Rendezvous sind für einen Legastheniker nicht ohne. So musste Sylvie wieder ran. Sie formulierte mehrere nette Briefe, die Eduard mit seiner Erstklässlerschrift fein säuberlich abmalte. Und so dauerte es nicht lange, bis das erste Rendezvous ins Haus stand. Eduard wirkte die ganze Zeit aufgekratzt, wie ein Schuljunge vor seinem ersten Date.

Für seine Verabredung hatte er einen Treffpunkt gegenüber von unserem Haus in der Großen Ulrichstraße ausgemacht. Für ihn hatte das den Vorteil, dass er aus dem Fenster erst einmal schauen konnte, wie die Dame denn aussah. Und für uns bestand der Vorteil darin, dass Sylvie und ich sie nicht nur ebenfalls sehen, sondern auch beobachten konnten, wie sie sich trafen. Eduard war wieder total aufgeregt und fragte Sylvie dreimal, ob sein Anzug säße und die Krawatte ordentlich gebunden sei. Wenig später verfolgten wir dann, wie Eduard an die Dame herantrat und sie ansprach.

Leider konnten wir nicht hören, was gesprochen wurde. Außerdem blieben die beiden natürlich nicht lange dort stehen. Na klar, Eduard konnte sich ja auch ausrechnen, dass wir am Fenster standen und ihn beobachteten. So verschwanden sie bald aus unserem Blickfeld. Wir sahen ihn an diesem Tag nicht mehr. Erst zwei Tage später erfuhren wir mehr über sein Date. Eduard zeigte sich total angetan von seiner neuen Bekanntschaft. Fürs Wochenende hatte er bereits eine Einladung zum Kaffeetrinken erhalten. Und es sollte nicht die letzte Einladung sein, die er von Inge, so hieß, seine Eroberung, erhielt und auch wahrnahm. Mit ihr hatte er einen guten Treffer gelandet.

Siebzehn

Neben den großen Dingen, die in diesem Jahr anstanden, galt es auch ganz banale Probleme des Alltags zu lösen. Eines dieser Probleme betraf die Frage: Wie kriegen wir unsere aktuelle Wohnung warm? Denn vor dem Umzug in die Philipp-Müller-Straße stand dort erst noch die Renovierung an und die würde sich vermutlich bis weit ins nächste Frühjahr erstrecken, soviel war mir schnell klar geworden. Und unser erster Winter in Halle stand vor der Tür. In der Übergangszeit hatten Horst und ich uns bislang mit zwei Ölradiatoren beholfen, doch das sollte nicht ganz unproblematisch sein, wie wir bald feststellten.

Eines Abends saßen Horst und ich noch auf ein Bier bei ihm im Zimmer. Seine Stehlampe vermochte den großen Raum nur partiell zu erhellen und so unterhielten wir uns weitestgehend im Dunkeln. Deswegen fiel mir wahrscheinlich irgendwann dieses Leuchten im Zimmer auf. Hoch über der Tür leuchtete im Dunkel des Raumes ein orangefarbenes Licht. Ich hatte da gleich eine ungute Vorahnung, so stand ich auf und näherte mich der Stelle. Über der Tür lag eine offene Verteilerdose in der Wand und daraus kam der Lichtschein. Scheiße, da glühen die Kabel, schoss es mir durch den Kopf.

Schnell war ich an dem Radiator und beugte mich zu dem Thermostat hinunter. Das stand auf Stufe zwei. Und siehe da, als ich den Regler zurück auf Stufe eins drehte, hörte prompt das Leuchten in der Verteilerdose auf. Kaum hatte ich den Regler wieder auf die Zwei gedreht, fing es in der Verteilerdose wieder an zu glühen. Horst kommentierte das Geschehen mit seinem bekannten, aber nun inhaltlich diesmal völlig deplatzierten »Cool«. Puh, das war nicht ungefährlich. Am nächsten Tag besahen wir uns die Angelegenheit einmal bei Tageslicht. Die Verteilerdose war bereits angeschmort und die ehemals stoffummantelten, uralten Kabel lagen blank. Wir beschlossen, die Radiatoren nur noch einzuschalten, wenn wir uns auch im Raum befanden, und sie nur noch auf Stufe eins zu betreiben.

Um die Wohnung zu heizen, wäre es am einfachsten gewesen, sich Kohlen liefern zu lassen, denn Öfen gab es ja. So kannte ich das auch noch aus meiner WG-Zeit in Hannover. Aber welcher Kellerraum gehörte zu uns? Damit fing es ja schon an. Keine Ahnung. Im Keller war sowieso noch keiner von uns gewesen, außer Malte. Dazu kam, dass unsere beiden Mitbewohner kein Geld für Kohle ausgeben wollten, weil sie es wohl auch gar nicht hatten. Horst war ohnehin chronisch knapp bei Kasse und die WG über uns wollte ich mit Kohlen im Keller nun auch nicht in Versuchung bringen, da die auch immer an chronischem Geldmangel litten. So wurde die Möglichkeit einer ganz normalen Bestellung beim Kohlenhandel gedanklich von mir nicht weiter verfolgt.


Da kam dann Malte mit einer Idee.

»Gommt mal mit«, forderte er uns auf und wir folgten ihm daraufhin in den Untergrund des Gebäudes. Glücklicherweise hatten wir Taschenlampen mitgenommen, denn die Beleuchtung im Keller war sehr spartanisch. Viel zu sehen gab es nicht. Rabenschwarze Nacht und altes Gerümpel vor geschwärzten Wänden in uralten Kellerabteilen. Dann zeigte uns Malte auf der linken Seite des Kellers einen Verschlag, ordentlich mit einem Schloss gesichert. Allerdings war die Lattung der Trennwand ziemlich desolat. Und was sahen wir im Schein der Taschenlampe hinter der Trennwand? Einen ganzen Berg Braunkohle.

Da würde er sich hin und wieder mal einen Eimer abfüllen, erklärte Malte verschmitzt und begann bereits, seinen mitgebrachten Eimer zu füllen. Der Keller würde wohl zur Kammer für Außenhandel gehören, die den ersten Stock des Hauses belegt hatte. Eine solche Kammer vermutete man eigentlich eher in einem wohlsituierten Gebäude und nicht in einem solch heruntergekommenen Altbau. Komisch fanden wir das schon mit dieser Kammer.

Keiner von uns hatte bislang gesehen, dass jemand die Räume im ersten Stock betrat oder verließ. Es brannte nie Licht und man hörte nie Geräusche daraus. Wir haben damals angenommen, dass es sich bei der Kammer für Außenhandel um eine Tarnfirma der Stasi handelte. Aber egal, hier gab es Kohlen und scheinbar niemanden, der darüber wachte. Und bei dem großen Berg Kohle fiel der eine oder andere fehlende Eimer in der Dunkelheit des Kellers auch gar nicht auf. So gab es nun doch plötzlich Kohlen. Aber Horst und ich sind nie alleine in diesen Keller hinuntergestiegen. Immer nur gemeinsam. Das war uns doch irgendwie zu gruselig da unten.



Originalschriftstück der Kammer für Außenhandel.

Doch wir sollten noch auf andere Weise zu Kohle kommen. Eines Tages stand unerwartet Ron Steiner, ein Bekannter von Eduard, in der Tür. Er trug immer ein freundliches Lächeln unter seiner blonden Lockenpracht und auch er litt unter chronischem Geldmangel. Zusätzlich verfügte er immer über einen gesegneten Appetit. Ich weiß noch, wie er einmal zu Besuch kam, als wir gerade beim Abendessen saßen. Höflich fragte ich ihn, ob er auch eine Scheibe Brot mitessen wolle. Wollte er gern. Es blieb dann nicht bei der einen Scheibe, sondern es wurden schließlich acht Scheiben, bis der Gast schließlich verkündete, er sei jetzt satt. Ron besaß ein winziges, uraltes Fachwerkhäuschen auf einem kleinen Grundstück in einer sogenannten Schlippe, einer kleinen Gasse, in unmittelbarer Nähe zur halleschen Fußgängerzone.

Nun stand dieser besagte Ron in unserer Küche und meinte, er wisse, wo es jede Menge Kohle gäbe. Man brauchte sie nur einzupacken. Das fanden wir sofort spannend. In Halle an der Silberhöhe, vor einem Depot der ehemaligen Russenkaserne, gäbe es große, überdachte Kohlebunker. Die Russen seien dort schon weg und die Kohle gammelte da vor sich hin. Da das Ganze sogar noch vor dem eigentlichen Depot läge, müsse man nur hinfahren und einladen. Die eigentliche Russenkaserne befand sich dagegen am Rande der Dölauer Heide im Norden der Stadt. Die Russen befanden sich Anfang 1991 zwar immer noch in Halle, aber die Garnison war bereits in Auflösung begriffen.

Uns gefiel die Idee von Ron. Horst, Eduard und ich suchten daher alle möglichen Transportbehältnisse zusammen und dann machten wir uns mit zwei Autos auf den Weg. Ron kannte den Weg und fuhr vorneweg. Nach kurzer Fahrt erreichten wir eine öde Brache vor der Zufahrt zu dem Depot. Eine gottverlassene Gegend, aber unter den alten Betondächern der Kohlebunker fanden wir tatsächlich jede Menge Kohle. Die einbrechende Dämmerung verstärkte das Gefühl der Ödnis noch. Auf meine verhaltene Frage

»Und die braucht wirklich keiner mehr?«, meinte Ron nur.

»Nee, die Russen ziehen doch eh ab und guck nur, hier war auch schon ewig keiner mehr.«

Also gut, wir machten uns an die Arbeit. Unter dem Dach lagerten die Kohlen immerhin halbwegs geschützt vor Regen. Wir mussten trotzdem erst einmal eine Ecke finden, wo die besseren Kohlen lagen. Es gab ja ohnehin nur Braunkohle, aber ein Großteil davon befand sich in noch schlechterem Zustand als der Rest und zerfiel bereits förmlich zu Bröseln. Wenn schon schlechte Kohle, dann wenigstens noch die Bessere davon.

In meiner Studentenzeit hatte ich eine Weile mit Kohle geheizt und erinnerte mich an diese länglichen, kompakten schwarzen Briketts. Die DDR-Braunkohle hatte zwar die gleiche Form, wie ich sie von früher kannte, sah aber deutlich heller aus und zeigte vor allem eine andere Konsistenz. Vom Heizverhalten mal nicht zu reden. Die Kohle wurde zwar in der DDR auch gepresst, nur neigte sie aufgrund ihrer minderen Qualität dazu, schnell auseinander zu bröseln. Etwa wie gepresster Sand, der fiel ja auch leicht auseinander, und mit so einem bröckeligen Zeug machte das Heizen noch viel weniger Spaß. Da ging der Ofen aus oder qualmte und stank. Und die Kohle hier in den russischen Bunkern war noch dazu teilweise der Witterung ausgesetzt und taugte wirklich nicht viel. Immerhin gab es sie umsonst.

Wir waren so mit dem Füllen unserer Körbe beschäftigt, dass wir das sich nähernde Auto erst gar nicht bemerkten. Es war ein Lada der Volkspolizei, der jetzt vor unseren Wagen hielt.

»Oh Scheiße«, meinte Ron und wir richteten uns auf und warteten, was nun wohl passieren würde. Aus dem Lada stiegen zwei Polizisten, setzten sich gewichtig ihre Mützen auf und sahen sich um. Ich dachte, die sehen ja aus wie Pat und Patachon, zwei dänische Filmhelden aus der Stummfilmzeit. Mir schwante nichts Gutes, als sie sich langsam näherten. Die beiden grüßten verkniffen und dann ergriff der große Dünne, offenbar der Dienstgradhöhere, das Wort. Was wir denn hier machen würden, wollte er wissen. Dumme Frage, dachte ich mir, wonach sieht es denn aus? Aber das verkniff ich mir. Ron antwortete, dass wir uns hier ein paar Kohlen mitnehmen wollten, die ja offenbar keiner mehr brauchte, bevor die restlos vergammelt seien. Mit fiel auf, dass uns Patachon, der kleine Dicke, aus kleinen Schweineäuglein böse beäugte und dabei nervös mit dem Gummiknüppel gegen sein Bein klopfte.

Diesmal kam die Polizei für uns unerwartet unfreundlich und streng daher. Pat, der große Dünne, machte einen auf Autorität. Ron versuchte, die Sache zu bagatellisieren, aber so einfach ging das nicht. »Das haben andere zu entscheiden«, erhielt er als Antwort. Weitere Versuche, die Sache auf sich beruhen zu lassen, fruchteten nicht. Daraufhin wandte sich Pat von uns ab und steuerte auf den Lada zu. Nicht, ohne vorher den kleinen Dicken zu instruieren, dass er auf uns aufpassen solle. Oh nee, tut das nun Not, dachte ich mir. Derweil beäugte uns der Dicke und schlenkerte seinen Knüppel hin und her. Na, das konnte ja lustig werden. Wenig später kam Pat zurück. Offenbar hatte er Verstärkung gerufen, auf die er jetzt wartete.

Nach einer Weile näherte sich ein weiterer Polizeiwagen, dem ein Mann in Zivil entstieg. Nachdem der Dünne kurz Meldung gemacht hatte, verkündete er, dass wir jetzt einzeln zu ihm kommen sollten und er dann unsere Personalien aufnehmen würde. Derweil näherte sich uns der Zivile und sprach uns freundlich an. Wer wir denn wären, was wir denn beruflich machen würden und ob wir noch Arbeit hätten. Aha, der Kollegiale, dachte ich mir. Seine Tochter hätte schon keine Arbeit mehr, wie wir erfuhren.

»Warum sind Sie nicht einfach tagsüber hergekommen und haben drüben beim Wachschutz gefragt, ob Sie die Kohlen mitnehmen können«, wollte er von uns wissen. Wie bitte? Ich frage einfach den Wachschutz, ob ich hier so eben mal die Kohlen einsammeln könnte? Das überstieg meine westdeutsche Vorstellungskraft. Und der Wachschutz sagt dann, na klar, nehmt nur mit, oder was? Auf die Idee wäre ich nun wirklich nicht gekommen und war sprachlos.

Derweil verkündete der nächstniedrigere Dienstgrad in zackigem Tonfall, dass er nun die Personalien aufgenommen hätte. Inzwischen hatte sich zwischen seinem Chef und uns eine freundliche Unterhaltung entwickelt. Als der Zivile erklärte, die Personalien bräuchte er jetzt nicht mehr, ernteten er und wir böse Blicke von Pat. Kurz darauf wünschten wir uns, bis auf eine Ausnahme, einen schönen Tag und die ehemalige Volkspolizei verabschiedete sich. Die fuhr in ihren beiden Autos die zweihundert Meter zum Wachcontainer und wir blieben verblüfft zurück. Dort tranken sie sicher erst mal einen Braunen. Also erst fragen, bevor man sich irgendwo bedient. Wir füllten unsere Körbe zu Ende, verstauten alles in den Autos und verließen diesen ungastlichen Ort um eine Erfahrung reicher.


In Halle brach der Winter herein. Gerade in der Altstadt lastete der durchdringende Geruch der Braunkohle wie eine Glocke über allem. Man nahm ihn morgens beim Aufwachen bereits im Bett wahr und erst recht, sobald man das Haus verließ. Es war ungemütlich, und wenn Schnee lag besonders. Der kam zwar weiß vom Himmel, wurde dann aber schnell grau und meist matschig. Auch sonnige Wintertage blieben so in der Erinnerung nicht wirklich sonnig. Dafür wirkten graue Tage noch grauer.

Zu DDR-Zeiten musste es wohl noch schlimmer gewesen sein. Man erzählte mir, dass der Nebel manchmal so undurchdringlich und zäh gewesen sei, dass man auf den Kreuzungen Feuer entzündet hätte, als Orientierung. Dass Busse auf freier Strecke anhielten, die Türen öffneten und nicht mehr weiterfuhren, weil sie nichts mehr sehen konnten. Das habe ich selbst nicht erlebt. Es hieß aber auch in diesem Winter 1990/91, dass die Luft schon viel besser geworden sei, da bereits große Teile der Industrie, gerade hier im Chemiedreieck Halle-Leuna-Bitterfeld, abgewickelt und damit abgeschaltet waren. Wie auch immer, mir hat die Luft gereicht.

Achtzehn

Weihnachten stand vor der Tür. Es sollte ein ganz besonderes Weihnachtsfest werden. Ganz im Zeichen des Aufbruchs zu neuen Ufern und unser Letztes Weihnachten in Hannover. Großes war geschehen in diesem Jahr. Wir besaßen einen Mietvertrag für eine tolle, riesige Wohnung, Sylvie hatte tatsächlich ihre Festanstellung in Hannover gekündigt und würde uns bei der Sanierung der Wohnung und beim Aufbau des Büros in Halle unterstützen. Am schönsten fand ich es aber, dass Sylvie und ich wieder zusammenleben konnten und nicht mehr an getrennten Orten weilten. Wir arbeiteten daran unseren Lebensmittelpunkt nach Halle, an die Saale, zu verlegen. So herrschten Freude und Euphorie vor dem Fest.

Bevor es soweit war, stand aber noch jede Menge Arbeit an. In der Woche vorher hatte ich noch zwei Schulungen und jede Menge Kundentermine in Halle. Am 21. Dezember fuhr ich morgens nach Hannover. Ab Mittag fand dort im Büro ein Treffen des sogenannten Führungskreises unserer Bezirksdirektion statt. In weihnachtlichem Ambiente gab es neben fachlichen Dingen ein paar Beförderungen und eine Umsatzrückschau auf das abgelaufene Jahr und einen Ausblick auf 1991.

Nicht nur in unserer verhältnismäßig kleinen Bezirksdirektion war der Umsatz sprunghaft gestiegen. Die ganze Firma strebte auf ungeahnte Umsatzrekorde zu. Dementsprechend enthusiastisch und ausgelassen war die Stimmung auf der letzten Veranstaltung im alten Jahr. Auch ich persönlich konnte nicht meckern. In der Vergangenheit hielt sich mein Verdienst meist in Grenzen. Manche Monate waren ziemlich mau, andere dagegen nicht schlecht. An die Umsätze der geleckten Herren in ihren teuren Boss Anzügen und den schnittigen Autos reichte ich nie auch nur annähernd heran. Wollte ich aber auch nicht. Zum einen war ich nicht der geborene Verkäufer, und zum anderen fand ich es sehr wichtig, meine Kunden wirklich gut zu beraten und ihnen nicht irgendetwas aufzuschwatzen, was vor allem für mich und meinen Verdienst Vorteile brachte. Das deckte sich mit dem Credo in unserer ganzen Direktion unter Leitung von Frau Gehrke, die sich damit durchaus deutlich von anderen Teilen des Unternehmens unterschied.

Damals, Ende 1990, erreichte ich meinen absoluten Umsatzrekord. Bei der OVB gab es zweimal im Monat eine Abrechnung mit sogenanntem Schecklauf. Für den Dezember erhielt ich zwei Schecks über jeweils etwa sechstausend DM. Das war für mich und Sylvie viel, sehr viel Geld. So viel, dass wir es kaum glauben konnten. Umso besser war die Stimmung an diesem Weihnachtsfest. Am 24. Dezember feierten wir gemeinsam mit unserer Freundin Gabi und ihrer kleinen Tochter eine rauschende Bescherung in unserer hannoverschen Wohnung, beschenkten uns reichlich und tafelten schön auf. Doch schon am 27. ging es wieder zurück nach Halle. Meine Mitarbeiter hatten Beratungstermine vereinbart und da musste ich mit. Außerdem stand am 28. noch eine letzte Schulung im alten Jahr an. Sylvester feierte ich dann noch einmal in Hannover, um ab dem zweiten Januar wieder in Halle zu sein. Diese ewige Pendelei hing mir längst zum Hals raus, aber was nützte es? Es ging eben nicht anders.


In unserer halleschen Schwarzwohnung, in der wir ja immer noch wohnten, war es in dieser Zeit alles andere als gemütlich. Als ich zwischen den Jahren dorthin zurückkehrte, schlug mir eine derartige Kälte entgegen, dass man seine eigene Atemwolke sehen konnte. Malte verbrachte die Zeit zwischen den Jahren bei seiner Familie in Neubrandenburg. Mia harrte alleine, verlassen, völlig melancholisch und schlecht gelaunt in der riesigen Wohnung aus. Um nicht zu erfrieren, hatte sie sich einen unserer Ölradiatoren in ihr Zimmer gestellt, denn sie traute sich alleine schon gar nicht hinunter in diese schwarze Höhle des Kellers, um sich Kohlen zu holen. Sie weigerte sich auch standhaft, mit mir gemeinsam in den unheimlichen Keller hinunter zu steigen. Lieber wollte sie weiter frieren.

Lediglich in der Küche war es warm. Feuchtwarm. Mia hatte den Gasbackofen angeschaltet und die Herdklappe offen gelassen. Dies führte zweifellos zur Erwärmung des Raumes, aber in Verbindung mit dem undichten, einfach verglasten Fenster, auch zu subtropischen Klimabedingungen. Die uralten Tapeten lösten sich teilweise von den Wänden und warfen nun kleine Wellen, die sich auch später im trockenen Zustand nicht wieder glätteten. Nachdem auch Horst wieder in Halle eintraf, gingen wir beide gemeinsam in den Keller und holten an Kohlen hoch, was wir tragen konnten, um die Kälte aus der Wohnung zu vertreiben.

Damals in der Wendezeit riss ich eine Menge Kilometer mit dem Auto ab. Oft fuhr ich noch dazu nachts von Halle nach Hannover oder umgekehrt. Die Straßenverhältnisse blieben schlecht. Dazu kehrte der Winter mit Eis und Schnee und schlechten Sichtverhältnissen zum Jahresende ein. Ich hatte letztlich immer Glück und kam ohne Unfall heil an. Horst sollte hier wieder einmal der Pechvogel sein. Er geriet nachts auf der A2, irgendwo zwischen Braunschweig und Magdeburg, bei schwerem Schneetreiben in einen Stau. Infolge eines Unfalls war die Autobahn voll gesperrt worden und er musste letztlich die ganze Nacht im Auto auf der verschneiten Autobahn ausharren. Seitdem haben wir versucht, immer darauf zu achten, dass sich genug Benzin im Tank befand, damit zumindest der Motor und damit die Heizung laufen konnte, und auch eine Decke hatten wir im Kofferraum dabei.

Mit dem Bezug der neuen Wohnung würde diese Vielfahrerei endlich weniger werden. Doch bis dahin lag noch viel Arbeit vor uns, um die Wohnung herzurichten. Aber da waren wir alle voller Elan. Überhaupt versprach das neue Jahr, arbeitsintensiv zu werden. Denn die Mitarbeiterstruktur meines Büros wollte nicht nur gehalten, sondern auch gefestigt und möglichst noch ausgebaut werden. Auch das bedeutete viel Arbeit. Wenn ich allerdings an die Verdienste zum Jahresende dachte, dann war ich bei diesen Gedanken bester Dinge und ging auch beruflich mit großer Zuversicht in das neue Jahr.


1990. Welch ein historisches Jahr ging mit dem Jahreswechsel zu Ende. Es war ein richtiges Kapitel deutscher, europäischer, ja sogar der Weltgeschichte geschrieben worden. Wie ich hatten sich doch die meisten Deutschen damit abgefunden, dass es zwei deutsche Staaten gab. Egal, ob man den einen nun DDR oder SBZ nannte. An eine Wiedervereinigung Deutschlands glaubte doch kaum jemand ernsthaft. Und nun, nicht einmal ein Jahr nach der friedlichen Revolution im Herbst 1989, war Deutschland tatsächlich wiedervereint.

Für mich ging das aufregendste Jahr meines bisherigen Lebens zu Ende, denn ich hatte diesen Prozess der Wiedervereinigung live miterlebt. Ob es die Bekanntschaft mit dem Magdeburger Pärchen im hannoverschen Bahnhof war, die Trabis, die plötzlich die Autobahn verstopften oder der Sortimentswechsel in der Kaufhalle in HaNeu: Ich durfte all dies live mitverfolgen. Nicht aus dem Fernsehen oder aus der Zeitung, sondern aus der ersten Reihe.

Es war eine aufregende Zeit damals. Und es würde auch noch aufregend weitergehen, denn als am 3. Oktober die Wiedervereinigung vollzogen wurde, geschah dies doch eher nur auf dem Papier. Nun musste dies alles mit Leben gefüllt werden. Willi Brand hatte den Spruch geprägt: »Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.« Die Erwartungshaltung war hoch, die Wünsche vieler Menschen auch. Wie auch immer sich die Geschichte entwickeln würde, ich befand mich mittendrin. Sobald die neue Wohnung renoviert wäre, würden Sylvie und ich unsere hannoversche Wohnung aufgeben, alles einpacken und in Halle neue, feste Wurzeln schlagen. Denn eines war für mich schnell klar: Ich wollte mich auf dieses Abenteuer einlassen, und zwar richtig und dauerhaft und nicht nur für drei Tage die Woche.

Neunzehn

Gleich Anfang Januar machten wir uns daran, mit der Renovierung unserer neuen Wohnung zu beginnen. So fuhren Horst, Eduard und ich eines Tages hinüber in die Philipp-Müller-Straße, um eine erste Bestandsaufnahme zu beginnen. Als wir in die Straße einbogen, stellte sich mir die Frage nach der Herkunft unseres Straßennamens. Ja, wer war eigentlich dieser Philipp Müller gewesen? Da hatten wir wieder einen dieser Unterschiede zwischen Ost und West. Straßen benannt nach Menschen, deren Namen man oft noch nie gehört hatte und nun in jeder Ortschaft aufs Neue traf. Wie eben dieser Philipp Müller zum Beispiel oder Otto Grotewohl oder Dimitroff. An diesem Tag klärte sich die Frage nicht mehr.

Aber ich habe mich bald schlaugemacht, um wen es da ging. Meine Ostbekannten konnten mir da schnell weiterhelfen. Bei Philipp Müller handelte es sich um einen 1931 geborenen, deutschen Kommunisten aus München. 1952 wurde er auf einer Demonstration gegen die deutsche Wiederbewaffnung in Essen durch zwei Schüsse eines Polizisten umgebracht. Der erste Demonstrant in der Geschichte der BRD, der durch die Polizei umkam. So genau habe ich es allerdings erst später bei der Recherche herausgebracht, denn die halleschen Bekannten, die ich gefragt hatte, wussten es auch nicht so genau. Im Zweifelsfall hieß es immer: ein antiimperialistischer Widerstandskämpfer.

Die DDR hielt sein Ansehen natürlich auch aus propagandistischen Gründen hoch. Es gab eine gleichnamige Ehrenmedaille der FDJ und in vielen Städten wurden Straßen nach ihm benannt. Nach der Wiedervereinigung sank der Stellenwert von antiimperialistischen Widerstandskämpfern dramatisch, erst recht, wenn sie aus der BRD kamen und noch dazu unbewaffnet von der Polizei erschossen wurden. Inzwischen ist die Straße längst in Willi-Brandt-Straße umbenannt. Nicht dass der alte Brandt keine Straße verdient hätte, aber da hätte sich sicher auch eine andere gefunden. Aber so ist das mit der Geschichte, sie wird von den Siegern geschrieben.


Dritter Stock Altbau, ob Philipp-Müller-Straße oder anderswo, konnte ganz schön hoch sein, stellten wir fest, als wir oben vor der Wohnungstür ankamen. »Geil, das ist jetzt unsere Wohnung«, stellte ich begeistert fest, was Horst mit einem »Jau, voll cool« noch bekräftigte. Staubig war sie vor allem, die neue Wohnung, und saukalt. An die hundertsechzig Quadratmeter wollten erst einmal geheizt werden. Eines der einfachsten Dinge sollte die Raumverteilung sein. Vom großen Flur hinter dem Wohnungseingang gingen nach links zwei Zimmer ab. Das Erste sollten Sylvie und ich als Wohnzimmer beziehen. Es hatte einen großen quadratischen Grundriss, altes Eichenparkett, Stuck und einen tollen Erker. Von diesem Raum zweigte links ein weiteres Zimmer ab, welches unser Schlafzimmer werden sollte. Horst erhielt das andere große Zimmer zur Straße raus, nicht ganz so groß aber ebenfalls mit Eichenparkett und Stuck. Alle drei Zimmer waren durch zwei große Flügeltüren miteinander verbunden.

Vom Flur zweigten rechts die Toilette und die große Küche ab. Geradeaus ging es in den größten Raum, der auch in den hinteren Teil der Wohnung und auf den Balkon führte. Diesen wollten wir als gemeinsames Wohn- und Esszimmer nutzen. Ich besaß noch ein altdeutsches Esszimmer von meinen Großeltern, welches mangels Aufstellmöglichkeit zurzeit auf dem Dachboden in Hannover ein trauriges Dasein fristete. Nun hatten wir die Wohnung dazu.

Am anderen Ende dieses Zimmers folgte ein kleiner Flur, von dem das Bad abging und der geradeaus in ein Durchgangszimmer führte. Dieses sollte ein Schrankzimmer werden, für Klamotten und was auch immer. Das letzte Zimmer am anderen Ende der Wohnung hatte zwei schöne Fenster über Eck und schaute hübsch auf die Franckeschen Stiftungen hinunter. Dieses sollte unser Gästezimmer werden. Wow, soo viel Platz. Aber auch viel, viel Arbeit. Doch bei der Vorstellung, wie schön diese herrliche Wohnung wieder werden könnte, waren wir entsprechend motiviert.

Sylvie hatte für die Finanzierung der Renovierung in Hannover einen Kredit über zehntausend DM aufgenommen, mit dem wir Baumaterial und Arbeitsleistungen bezahlen wollten. Denn zum einen mussten Horst und ich sehen, dass wir selber Geld verdienten, und konnten nicht den ganzen Tag in der Wohnung arbeiten, und zum anderen gab es etliche Arbeiten, die wir gar nicht selbst machen konnten. Dass uns die HWG die Materialkosten zur Renovierung gegen Beleg erstatten wollte, vereinfachte die Sache noch. Nachdem wir nun die Raumbelegung geklärt hatten, ging es endlich richtig los.

Aber womit fängt man in so einer großen Wohnung an? Tapete abreißen kam immer gut, Wände gab es ja reichlich, schlug ich vor. Engagiert gingen wir auch gleich zu Werke. Positiv vermerkten wir, dass die Tapete sich recht bereitwillig vom Untergrund ablösen ließ. Allerdings nahm sie dabei gleich großflächig den Putz mit. Was hieß hier Putz? Im Wesentlichen handelte es sich um Sand, der erst durch die Tapete in der Senkrechten gehalten wurde und sich nun haltlos ins Zimmer ergoss. Na, da kamen größere Verputzarbeiten auf uns zu. Über der großen, zweiflügeligen Balkontür sah es besonders schlimm aus. Da konnte man über der Tür das nackte Mauerwerk sehen und an der Decke schaute bereits das Strohgeflecht durch. Auch im Erker bei uns im Wohnzimmer fehlte es an Putz. Und hinten im Gästezimmer gab es an den Außenwänden richtig große feuchte Flächen an den Wänden und Decken. Glücklicherweise hatte die Genossenschaft versprochen, die notwendigen Reparaturen zum Abdichten des Daches zu veranlassen.

Gut, dass wir zu dieser Bestandsaufnahme Eduard mitgenommen hatten. Nicht nur wegen »Gas, Wasser, Scheiße«, sondern auch wegen der Elektrik. Diese war so alt wie das Haus selber. Wieder diese hübschen, stoffummantelten Leitungen, die wir bereits kannten, und Steckdosen waren absolute Mangelware. Auf Eduards Anraten entschieden wir uns, die Elektrik komplett zu erneuern. Es half ja nichts, und wir wollten ja auch länger hier wohnen bleiben. Und da sowieso große Wandflächen neu verputzt werden mussten, konnte man vorher noch prima neue Kabel verlegen.

Das nächste Thema war das Wasser. Im Bad gab es nur kaltes Wasser. In der Küche übrigens auch. Den Badeofen für die Badewanne hatten wir gleich beim Entrümpeln mit entsorgt. Immerhin konnten wir die Badewanne noch nutzen, aber wahrscheinlich musste man sie vorher mit Salzsäure ausscheuern, um sie halbwegs appetitlich hinzukriegen. Wir entschieden uns, zentral in der Küche einen großen Boiler für warmes Wasser unter die Decke zu montieren und von dort eine neue Warmwasserleitung ins weit entfernte Bad zu verlegen.

Zum Thema Sanitär gehörte auch die Toilette am Wohnungseingang. Da klemmte ja nur der rote Schlauch am Wasserhahn, mit dem man die Toilette spülte. Dafür fiel allerdings das Händewaschen flach. Oder man benutzte gleich diesen Schlauch, mit dem man vorher die Kloschüssel ausgespült hatte. Ja, unsere Vormieter hatten es nicht so mit der Hygiene. Sylvie hatte beim Anblick dieser Szenerie erst einmal laut vernehmlich geschluckt. Alles sah so eklig aus, dass hier nur eine Komplettlösung half: alles raus!

Die Küche sollte bis auf Weiteres das Zentrum der Wohnung werden. Immerhin standen hier ein leidlich funktionierender Kühlschrank sowie ein Gasherd. Beides hatten die Vormieter erstaunlicherweise zurückgelassen. Außerdem gab es noch einen Spülstein mit zwei urzeitlichen dicken Porzellanbecken. Der Gasherd bot zusätzlich den unschätzbaren Vorteil, dass man mit ihm auch die Küche heizen konnte. Schließlich hatten wir Winter und einen Ofen gab es hier nicht. Um es etwas bewohnbar zu machen, schafften wir aus der Großen Ulrichstraße die Außensitzgruppe, die ehemals eine Gaststätte auf dem Markt bevölkert hatte, in die neue Küche rüber. Damit war sie als solche erst mal voll funktionsfähig. Nach einigen Stunden Bestandsaufnahme und dem Anhäufen beachtlicher Mengen alter Tapeten und Sandputz auf den Fußböden freuten wir uns, dass es zumindest in der Küche dank des Gasherdes etwas warm geworden war. Denn wenn es zu kalt ist, schmeckt selbst das Bier zur Arbeit nicht mehr, und eine Kiste Bier hatten wir natürlich schon in die neue Wohnung mitgebracht.

Wie sah es mit der Beheizbarkeit der übrigen Wohnung aus? In drei Zimmern befanden sich klassische, ockerfarbene Berliner Kachelöfen von der Größe eines mittleren Kleiderschranks. Beim Ausprobieren dieser Öfen zeigte sich, dass die in den Zimmern von Horst und uns leidlich dicht waren, doch der Ofen im großen Wohnzimmer qualmte so stark aus allen Ritzen, dass wir Angst hatten, uns zu vergiften. Dann gab es ganz hinten, im angehenden Gästezimmer, noch einen tollen alten Ofen, verziert mit schönen Kacheln und Ornamentik. Leider hatte hier jemand seine Wut mit einer Axt oder einem großen Hammer ausgelassen und dabei die Ornamente und auch einen Teil der Fliesen schwer beschädigt. Da brauchte man ans Heizen leider nicht mehr zu denken.

Wenigstens die Fenster waren halbwegs in Ordnung. Sicher, es handelte sich um uralte Fenster, aber sie waren nicht verzogen und die Mechanik noch funktionsfähig. Die dünne Einfachverglasung störte uns da nicht. Bei den Zimmertüren sah es schon anders aus. Bei drei Türen fehlten, Teile der Türfüllungen. Diese Türen würden wir zum Tischler bringen müssen, und neue Füllungen einsetzen lassen. Motiviert, wie wir damals waren, wollten wir die schönen alten Flügeltüren wieder aufarbeiten. Das hieß zuerst einmal, die dicken Farbschichten von den Türen zu holen. So sollte auch eine unserer ersten Investitionen ein leistungsstarker Heißluftföhn werden. Mit diesem wurde die alte Farbe soweit erhitzt, dass sie sich mit einem Spachtel abheben ließ. Da hatten wir uns ja mit der Wohnung ganz schön was vorgenommen.

Sylvie kam die undankbare Aufgabe zu, hier vor Ort die Renovierungsarbeiten zu organisieren und dabei gleichzeitig den Umzug aus Hannover vorzubereiten, während Horst und ich meist den halben Tag in der Wohnung arbeiteten und dann ab nachmittags beim Kunden saßen. Die Renovierung wurde durch die winterliche Kälte zusätzlich erschwert. Diese schlug auch auf die Motivation. Aber da mussten wir durch. In der ersten Zeit fielen schwerpunktmäßig Abbruchmaßnahmen an. Tapeten runter, losen Putz abklopfen, Kabelkanäle ziehen, Löcher für Unterputzdosen stemmen und so weiter. Auch alte und uralte Linoleumböden mussten abgelöst werden. Regelrecht zur Entspannung oder auch zum Aufwärmen griffen wir immer gerne mal zum Heißluftföhn und machten uns an einer der alten Türen zu schaffen. Dies führte allerdings nicht nur zum eigenen Erwärmen, sondern irgendwann auch zu Kopfschmerzen. Sicher waren die Dämpfe der erhitzten alten Farbe nicht gerade gesund. So haftete der ganzen Wohnung auch bald ein ganz eigener Geruch an. Zum einen roch es nach staubigem alten Putz, zum anderen nach den Ausdünstungen alter, abgebrannter Lackfarbe. Obwohl wir alles Brennbare, wie alte Holzteile, alte Tapeten und sogar zerkleinerte Linoleumteile durch die Öfen jagten, blieb die Ausbeute an Wärme gering.


Die ganze Renovierung stand und fiel mit Eduard. Er hatte Zeit, wusste, was zu tun war, und konnte vieles selber machen. Anfänglich half noch Malte mit, der aber nach dem Beginn des Sommersemesters an der Uni kaum noch Zeit hatte. Und es gab da noch Norbert, ein gelernter Maurer, den wir von irgendwo kannten. Norbert war riesengroß und dünn wie eine Bohnenstange. Dazu trug er eine Topffrisur: hinten nur unwesentlich länger als vorne und den Pony knapp bis über die Augen. Der sollte und wollte die umfangreichen Putzarbeiten übernehmen.

Mit Norbert war das so eine Sache, denn er erwies sich als recht unpünktlich und dazu noch als unzuverlässig. Hatte er zugesagt, Montag zu kommen, so musste man damit rechnen, dass man ihn an diesem Tag gar nicht sah und am Dienstag auch nicht. Dafür stand er dann am Mittwoch ganz unvermittelt in der Tür, als wenn nichts gewesen wäre. Leider kam bei ihm noch hinzu, dass er fürchterlich langsam arbeitete. Norbert konnte man sprichwörtlich beim Laufen die Schuhe besohlen. Aber was tun? Horst und ich konnten nicht verputzen, Eduard war mit genügend anderen Dingen beschäftigt und sonst kannten wir niemanden, der verputzen konnte. So hing der Fortschritt der Renovierung teilweise an dieser lahmarschigen Bohnenstange. Und nicht, dass er die Arbeit umsonst machen sollte. Wie mit Eduard hatten wir auch mit ihm einen Stundensatz vereinbart, den er für seine Arbeit bekommen sollte und auch bekam.

Das Erste, was in der Wohnung fertig wurde, war das Klo. Eduard hatte den Boden neu gefliest und die alten Rohre hinter einem Fliesensockel verschwinden lassen. Es gab selbstverständlich ein neues Waschbecken und ein neues Klo mit einer knallroten Klobrille. Lediglich die nackte Glühbirne an der Decke erinnerte noch eine Weile an den üblen Zustand vor der Sanierung.


Nachdem wir bereits jede Menge Quittungen über Baumaterial gesammelt hatten, statteten wir unserer Frau Kurtz mal wieder einen Besuch ab und legten ihr diese vor. Die mussten natürlich erst einmal zum Bearbeiten weitergegeben und geprüft werden. Aber letztlich funktionierte das mit der Kostenerstattung anfangs ganz gut. Manches wurde uns zwar unerklärlicherweise raus gestrichen, aber das meiste erkannte man an. So kam zumindest von den Materialausgaben wieder etwas an Geld zurück. Wir sprachen bei ihr auch die Situation mit den maroden Kohleöfen an und fragten, welche Möglichkeiten es denn da gäbe. Am liebsten hätten wir ja eine Gasetagenheizung gehabt. Als wir ihr diese Idee vortrugen, guckte uns die gute Frau Kurtz an, wie ’ne Kuh, wenns donnert. Eine was? Eine Gasetagenheizung? Ne, ne, das ginge gar nicht. Ob wir wüssten, was das kostet? Damit war das Thema für sie erledigt. Sie sagte, dass sie mal gucken wolle, was man mit den Öfen machen könne.


Die Renovierung wollte und wollte kein Ende nehmen. Inzwischen war der Winter bereits vorbei. Damit ließ zwar wenigstens die Kälte in der Wohnung nach, aber auch der Elan. Immerhin sah man jetzt nach und nach die Erfolge. Nicht nur die Toilette war fertig. In der Küche hing ein riesiger Hundert-Liter-Boiler unter der Decke und die neuen Wasser- und auch die Stromleitungen lagen unter Putz, den Norbert tatsächlich irgendwann fertigbekommen hatte.

Darmowy fragment się skończył.

32,72 zł
Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
582 str. 21 ilustracji
ISBN:
9783957658722
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki