Czytaj książkę: «Gänseblut»
Wolfgang Santjer
Gänseblut
Küsten-Krimi

Zum Autor
Wolfgang Santjer wurde 1960 in Leer geboren und lebt in Bingum an der Ems. 38 Jahre lang versah er als Polizeibeamter Dienst bei verschiedenen Polizeibehörden – angefangen beim damaligen Bundesgrenzschutz, dann der Wechsel zur Landespolizei. Weitere Stationen waren die Wasserschutzpolizei in Emden und Leer und die Autobahnpolizei in Leer, wo er sich unter anderem auf die Gefahrgutüberwachung spezialisierte. Als Ausgleich zu seiner Schreibtischarbeit als Autor schnitzt Wolfgang Santjer aus alten Schiffsdalben große Holzskulpturen für den Garten.
Impressum
Dieses Buch ist ein Roman.
Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
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Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2020
(Originalausgabe erschienen 2017 im Leda-Verlag)
Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer
unter Verwendung eines Fotos von: © Ini1110/photocase.de
ISBN 978-3-8392-6440-9
Zitat
Autorität wie Vertrauen werden durch nichts
mehr erschüttert als durch das Gefühl,
ungerecht behandelt zu werden.
Theodor Storm
Karte

Legende zur Karte Rheiderland
1 Bohrinsel Dyksterhusen im Dollart
2 Fundstelle in den Salzwiesen
3 Ortschaft Pogum, Emsblick
4 Coldeborger Siel am Emsdeich
5 Vogelbeobachtungshütte »Kiekkaaste« im Dollart
6 Polizeiinspektion im Stadtgebiet Leer
7 Polizeikommissariat Weener
8 Haus der Familie Alting
9 Bauernhof der Familie Hortema
10 Lohnunternehmen Böltjer
11 Haus der Familie Driever
12 Jann-Berghaus-Brücke über die Ems
13 Geisedamm
Personen der Handlung
Polizisten:
Kriminalbeamte:
Chef Renko Dirksen, Vorgesetzter von Jan Broning
Maike de Buhr, Freundin von Jan Broning
Spurensicherung: Egon Kromminga und Albert Brede
Polizeidienstgebäude in der Stadt (Mutterhaus):
Chef Thomas Sprengel/Klaus Hensmann (Schichtleiter)
Soko Nimrod: Jan Broning, Maike de Buhr, Stefan Gastmann, Onno Elzinga und Klaas Leitmann
Polizeistation Weener: Chef Taleus (Talle) Borchers
Staatsanwalt Grohlich
Gerichtsmedizin Oldenburg
1. Gerichtsmediziner: Dr. Knoche
2. Gerichtsmediziner: Dr. Andresen
Jäger/Hegering Nord-Rheiderland:
Chef des Hegerings Hero Hortema, Polderfürst, Ehefrau Feekeline (Lini)
Kuno Hortema, Sohn von Lini und Hero Hortema, ehemaliger Zeitsoldat, Bundeswehrpionier
Sven Richter, Freund von Kuno Hortema, beide waren zusammen im Afghanistaneinsatz
Jakobus Böltjer, Stellvertreter von Hortema, Ehefrau Jannette (Jani), Chef des Lohnunternehmens Böltjer
Siefko Specker, Dollartjäger und Angestellter von Böltjer, Spitzname Max, Ehefrau Erna
Wirtje Hummers, Dollartjäger und Angestellter von Böltjer, Spitzname Moritz, Ehefrau Trienette (Trientje)
Freerk Wienna, Ehefrau Ulrike (Ulli)
Sonstige Personen:
Menno Alting, Naturschützer
Gretje Alting, Freundin von Kuno Hortema, Naturschützerin
Prolog
1986 Nördliches Rheiderland
Das alte Arbeiterhaus lag direkt am Deich zum Dollart. Es war eingeteilt wie ein Gulfhaus: Vorne der schmale Wohnteil, der hintere Teil des Hauses war breiter und diente als Stall.
Dies war aber die einzige Gemeinsamkeit mit den beeindruckenden großen Gulfhöfen, diesen steinernen Symbolen für Wohlstand, mit denen sich die Polderfürsten selbst Denkmäler gesetzt hatten.
Der alte Mann ging um das Haus herum und betrat den Stall durch die Außentür. Sie drohte aus den Angeln zu fallen. Als ich noch gesund war, dachte der Mann, hätte ich das sofort repariert.
Er stöhnte unwillkürlich auf, als er den leeren Stall sah. Früher hatten sie zwei Kühe gehabt, Hühner und Kaninchen. Alles weg, versoffen von seinem faulen Sohn.
Der Alte zog den Wehrmachtsmantel aus und wickelte den Karabiner darin ein. Seine Andenken an diesen elenden Zweiten Weltkrieg. Später würde er das Gewehr auseinandernehmen, putzen und einölen, so wie er es bei der Wehrmacht gelernt hatte. Das Paket versteckte er sorgfältig im alten Kaninchenkäfig an der Stallseite. Die geschossenen Gänse legte er daneben. Die Türchen verriegelte er mit einem Vorhängeschloss. Morgen würde es wieder Gänsebraten geben. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Er ging zu der einfachen Holztür, die den Stall mit der kleinen Wohnküche verband, und zog dort seine Stiefel aus. Die Tür war niedrig und er musste sich bücken, um hindurchzugehen.
Als er den Wohnraum betrat, richtete sich nur sein Körper auf, seine Stimmung blieb unten. Die Enge in den Arbeiterhäusern war bedrückend. Die Decke war nur zwei Meter hoch. Jeder kleine Winkel wurde benötigt. Die Kartoffeln lagerten deshalb unter den Schlafbutzen an der Seite des Raums. Rote Backsteine dienten als Fußboden.
Im Raum standen ein alter Stangenherd, ein Tisch und ein Ostfriesensofa. Der alte Mann schüttelte verzweifelt den Kopf. Andere Arbeiterhäuser waren längst abgerissen oder renoviert worden. Kein Wunder, dass seine Schwiegertochter es hier nicht mehr ausgehalten hatte.
Dieser Taugenichts hatte wieder alles hinter sich liegen lassen. Seit seine Schwiegertochter nach Süddeutschland geflohen war, ging hier alles zum Teufel. Sein Sohn lag auf dem durchgelegenen Ostfriesensofa. Die ungepflegten Haare, das schmutzige Unterhemd, und er trug auch noch die schmutzigen Gummistiefel aus dem Stall … Auf der Wachstuchtischdecke standen eine leere Flasche Korn und etliche Bierflaschen.
Von seinem sechsjährigen Enkel keine Spur. Sicher hatte er sich wieder auf dem Heuboden im Stall versteckt. Das Beste, was er tun konnte, um seinem besoffenen Vater aus dem Weg zu gehen.
Der alte Mann ging zurück in den Stall. »Hallo, mein Junge, hier ist Opa«, sagte er, als er die Leiter hinaufstieg. Er achtete darauf, wohin er trat, der Boden war an vielen Stellen morsch. Im Bodenraum stand Gerümpel, unter anderem ein alter wackeliger Hörnstuhl. Darin saß sein Enkel und lächelte ihn an. Durch ein Loch im Dach fiel ein wenig Licht auf ein aufgeschlagenes Buch, das der kleine Junge in der Hand hielt. Ein Buch von seiner Mutter.
»Opa, wann kommt Mama zurück?«
Der alte Mann nahm seine Taschenuhr und einen kleinen Schlüssel in die Hand. Er sah seinen Enkel bittend an. »Ziehst du deinem Opa noch einmal die Uhr auf?« Das war ein Ritual zwischen den beiden. Meistens benutzte er es, um von einer Sache abzulenken.
Während sein Enkel den Deckel der Taschenuhr öffnete und den kleinen Schlüssel in die Aufzugsöffnung steckte, strich sein Großvater ihm übers Haar. »Die Taschenuhr ist von meinem Vater und später«, er räusperte sich, damit seine Stimme den traurigen Klang verlor, »später wird sie einmal dir gehören. Hast du mitgezählt? Nur siebenmal den Schlüssel rum, sonst wird die Feder krumm.« Sie lachten immer an dieser Stelle. Sein Enkel lächelte ihn an und gab ihm die Uhr und den kleinen Schlüssel zurück.
»Opa, die anderen Kinder sagen, dass du ein Wilderer bist.«
»Wir armen Leute müssen doch auch leben. Der Dollart und die Tiere gehören niemandem und deshalb nehme ich für uns einen kleinen Teil.« Dieses Thema behagte dem älteren Herrn nicht, wieder Zeit für eine Ablenkung. »Stell dir vor, was ich heute im Dollart gefunden habe, mien Jung?«
»Opa, was hast du denn gefunden?«
»Ja, mien Jung, ich glaube, ich habe den Kirchturm von Torum gefunden! Dieses sagenhafte Dorf, das damals versunken ist, ich hab dir doch davon erzählt.«
Der Junge klappte das Buch zu und sah ihn erwartungsvoll an.
»Also, ich lauf durch das Watt und plötzlich spüre ich unter meinem Fuß einen Stein. Ich bück mich und tatsächlich ist es nicht nur ein Stein, sondern der Rest einer Mauer aus Backsteinen! Nicht so mickrige, wie wir sie jetzt haben – ganz große Steine wie die, aus denen man früher die alten Kirchen und Klöster baute. Leider hatte ich nichts zum Graben dabei. Aber morgen soll es wieder Nebel geben und dann geht dein Opa noch mal los. Ich finde bestimmt einen Schatz und dann bauen wir hier alles wieder auf.«
»Kommt Mama dann zurück?«
Der nächste Tag, im Dollart
Der Dollart: circa 121 Quadratkilometer in der Fläche (elf Kilometer Nord/Süd, elf Kilometer Ost/West). Bei Niedrigwasser fallen 70-80 % des Dollarts trocken. Die Grenze zwischen den Niederlanden und Deutschland verläuft durch den Dollart. Die deutsche Seite beginnt bei Pogum und endet an der Grenze bei Nieuw Staatenzijl (Richtung Nord-Süd). Ungefähr drei Kilometer von der Landecke Pogum entfernt liegt die kleine Bohrinsel Dyksterhusen (siehe Karte Nr. 1). Auf dieser künstlichen Insel wurde früher nach Gas gebohrt. Genau genommen handelt es sich um eine Halbinsel, weil eine kurze Straße die Insel mit dem Festland verbindet. Im Norden, von der Bohrinsel aus gesehen, liegen der Geisedamm und die Ortschaft Pogum, im Süden die Wattflächen des Kanalpolders bis zur niederländischen Grenze.
Die beiden Jäger waren auf der Pirsch. Aber diesmal nicht nach Gänsen oder Enten, nein: nach diesem verfluchten Wilderer. Auf der Bohrinsel stellten sie den Wagen ab. Sie zogen ihre Gummistiefel an, überprüften ihre Waffen und überlegten, wie sie vorgehen wollten.
Gestern hatten sie wieder Schüsse gehört. Der Nebel war ideal für den Wilderer. In dieser weitsichtigen Landschaft hatte er sonst keine Chance, unentdeckt zu bleiben. Der Dollart war groß und jetzt mussten sie auf ihr Glück setzen, um den Mann zu erwischen. Sie waren sich einig, dass sie getrennte Wege gehen wollten. Ein Jäger lief in nördliche, der andere in südliche Richtung. Schon nach kurzer Zeit verloren sie sich im Nebel aus den Augen.
Im ehemaligen Kuhstall des alten Arbeiterhauses hatte der alte Mann seinen langen Mantel angezogen und darunter sein Gewehr versteckt. Auf dem Weg zum Deich war ihm sein Sohn nachgelaufen und es war zu einem heftigen Streit gekommen.
»Dann geh doch«, hatte sein Sohn ihm hinterhergeschrien, »eines Tages kommt du nicht zurück. Entweder der Jagdaufseher erwischt dich, oder du fällst in einen Priel und ersäufst!«
Sein Sohn hatte es nötig, ihn zu beschuldigen. Dieser Althippie. Es blieb ihm doch nichts anderes übrig, als zu wildern.
Nun stand er auf dem Deich und sah sich um. Links lag die Bohrinsel Dyksterhusen verborgen durch die Nebelfelder. Rechts der Geisedamm. Dieser lange Steindamm trennte die Ems vom Dollart. Von Pogum aus verlief der Damm in westliche Richtung. Am westlichen Ende liefen Dollart und Ems wieder zusammen.
Den Geisedamm konnte er ebenfalls im Nebel nicht sehen. Der Nebel war für ihn ideal. Er lief den Deich hinab, kletterte über einen Weidezaun und überquerte die Salzwiesen. Als sie in das Watt des Dollarts übergingen, vermischten sich die Geräusche seiner Schritte mit den Nebelsignalen von Schiffen auf der Ems. Die Schreie der Vögel klangen seltsam gedämpft und die kalten weißen Schwaden berührten sein Gesicht so sanft und eisig wie Geisterhände. Auch bei diesem Wetter war der Dollart wunderschön. Es war, als sei er alleine auf der Welt, eingehüllt von Wolken in seinem eigenen Kosmos.
Aber die düsteren Gedanken holten ihn ein. Der Streit mit seinem Sohn ging ihm nicht aus dem Sinn. Das beklemmende Gefühl konnte er nicht abschütteln. Er konzentrierte sich auf sein Ziel, die Stelle im Watt, wo er die Mauerreste mit den besonderen Steinen gefunden hatte. Sie lag in Richtung der Bohrinsel, im Süden, von seinem Standort aus gesehen. Mit etwas Glück konnte er ein paar Enten schießen, bevor er die Mauerreste erreichte. Den Spaten und den Karabiner hatte er über seine Schulter gelegt. Der Nebel dämpfte seine Schritte und alle Geräusche. Ideale Bedingungen.
Plötzlich hörte er das Schnattern von Enten. Lautlos steckte er den Spaten ins Watt, legte das Gewehr auf den Spatengriff und entsicherte die Waffe. Der Zeigefinger suchte den Druckpunkt des Abzugs. Der Nebelvorhang riss für einen Moment auf und gab die Sicht auf mehrere Enten frei. Der Schuss traf die Ente am Boden. Kurz darauf hatte er wieder Glück, diesmal war es eine schöne fette Gans. Er hängte sich sein Gewehr um, denn für heute reichte es. Seine Jagdbeute in der linken, den Spaten in der rechten Hand marschierte er weiter durch das einsame Watt.
Endlich hatte er die Stelle mit den Steinen gefunden. Das Gewehr konnte er nirgends ablegen, also blieb es, wo es war. Die Jagdbeute legte er neben sich.
Der Spaten drang leicht in den Schlick ein.
Einer der Jäger hatte die Schüsse gehört und beschleunigte seine Schritte. Der Nebel hüllte ihn ein und er war froh, dass er den Kompass mitgenommen hatte. Ab und zu hörte er ein rhythmisch klatschendes Geräusch, waren das Schritte oder grub da jemand?
Dann war wieder alles still. Zwecklos, der Nebel war zu dicht und die Geräusche hatten aufgehört. So konnte er den Wilderer nicht finden.
Der alte Mann konnte kaum glauben, was er gerade ausgegraben hatte – eine kleine Glocke. Teufel auch, wenn die nicht aus Gold war! Ob sie noch funktionierte? Vorsichtig entfernte er den Schlick aus dem Gehäuse und bewegte die Glocke hin und her. Kling-Klong … Das schönste Geräusch, das er je gehört hatte.
Der Jäger hatte sich schon umgedreht und wollte die Suche aufgeben, als er plötzlich das Klingeln einer Glocke hörte. Da, schon wieder. Kling-Klong … Dieses Geräusch passte nun gar nicht in diese verlassene Gegend. Spukte es hier im Dollart, oder wollte ihn jemand verarschen? Er folgte dem Geräusch.
Die Welt um ihn herum hatte der Wilderer vergessen, deshalb sah er den Jäger zu spät. Der hatte das Gewehr auf ihn angelegt. Im nächsten Moment verschwand er wie eine Spukerscheinung in einer Nebelschwade. »Wirf dein Gewehr weg!«, klang es dumpf aus dem Nebel. Der Alte legte die Glocke ins Watt und griff nach seinem Gewehr, um es abzulegen.
In diesem Moment entstand wieder ein Loch in der dichten Nebelwand und die Kontrahenten hatten Blickkontakt. Der Jäger sah, dass der Wilderer sein Gewehr in der Hand hielt. Er fühlte sich bedroht und feuerte sofort. Der Schuss hallte dumpf nach und der Alte wurde nach hinten ins Watt geworfen. Der Jäger lief zu ihm und bückte sich. »Verflucht, warum hast du das Scheißgewehr nicht weggeworfen?«
Der Mann am Boden konnte keine Antwort mehr geben. Seine toten Augen waren weit aufgerissen.
Der Jäger konnte den Anblick kaum ertragen. Was sollte er tun? Würde man ihm glauben? Der Tote war ein armes Schwein, ein Hungerleider, und er selbst ein geachteter Mann. Das bedeutete jede Menge Ärger und Gerüchte, weil viele an der Notwehrsituation zweifeln würden. All seine Hoffnungen auf die angestrebten Ämter könnte er vergessen. Sein Blick fiel auf die Glocke im Watt. Als er sie aufhob, schlug der Klöppel an das Gehäuse. Kling-Klong.
Diese Glocke würde er niemals hergeben.
Nun wusste er, was er zu tun hatte. Der arme Sack hatte ja die Schaufel für sein eigenes Begräbnis gleich mitgebracht. Er durchsuchte den Toten. Das Einzige, was der bei sich trug, war eine alte Taschenuhr. Er nahm sie an sich und legte die Uhr zur Glocke. Dann zog er den Toten zurück in Richtung der Salzwiesen. Dort bedeckte er ihn und die Ausrüstung mit Treibsel aus abgestorbenen Schilfhalmen, das sich an der Flutkante angesammelt hatte. Danach ging er zurück zur Bohrinsel.
Sein Jagdkumpan wartete dort schon auf ihn. »Mann, wo bleibst du denn, ich steh hier schon eine Ewigkeit!«
Er zwang sich, ruhig zu bleiben. »Ich hab mich wohl ein bisschen verlaufen, aber von dem Wilderer keine Spur … Hast du was gesehen?«
»Nein, aber mehrere Schüsse habe ich gehört.« Sein Freund sah ihn misstrauisch an.
»Ja, ich auch. Ich dachte, du hättest sie abgegeben. Ist ja auch egal, die Suche im Nebel war sowieso sinnlos – lass uns nach Hause fahren.«
Als sie sich ins Auto setzten, sah er noch einmal Richtung Norden zurück. Später würde er alleine wiederkommen und den Toten in den Salzwiesen begraben.
Seine Hand streichelte unbewusst die Glocke in seiner Manteltasche.
Frühjahr 2009, Weener im Rheiderland, Haus der Familie Alting
(Karte Nr. 8)
Er saß in seinem Auto und beobachtete das Haus von diesem Alting. Das kleine Überraschungspaket lag im Fußraum vor dem Beifahrersitz. Vier Uhr morgens, die schwache Zeit der Menschen, Tiefschlafzeit und genau der richtige Zeitpunkt für sein Vorhaben. Vorsichtig öffnete er die Tür, nahm das Paket und schlich sich zum Haus.
Alting hing sicher sehr an dem Modell der Marker Mühle in seinem Vorgarten. Der Mann lächelte grimmig, als er sich vorstellte, wie viel Handarbeit darin steckte. Das Paket passte genau durch das kleine Tor der Modellmühle. Er befestigte es im Innenraum des Modells und wickelte die Angelschnur ab, die aus dem Paket hing. Mit dem anderen Ende der Schnur ging er zur Eingangstür und befestigte es an der Klinke. Vorsichtig prüfte er die Spannung. Optimal, nicht zu fest und nicht zu lose.
Er schlich zurück zu seinem Auto. Das gemeine Grinsen auf seinem Gesicht wollte einfach nicht verschwinden.
Menno Alting hatte schlecht geschlafen. Seine Tochter Gretje hatte ihn noch gewarnt. »Reg dich doch nicht so auf, Papa, das ist nicht gut für deine Nerven.«
Natürlich hatte sie wieder recht gehabt, aber dieses letzte Zusammentreffen mit den Jägern … Seine Wut kochte noch einmal hoch, als er daran dachte.
Vorgestern hatte er zusammen mit Naturschützern aus den Niederlanden eine große Anzahl verschiedener Gänse auf einer Wiese beobachtet. Alting wies seine Kollegen gerade auf zwei seltene Gänse hin, als ein Geländewagen auf ihren Standort zufuhr war und circa 200 Meter entfernt auf dem Seitenstreifen anhielt. Alting beobachtete mit dem Fernglas, wie das Seitenfenster des Autos heruntergelassen wurde. Der Fahrer streckte einen Arm aus dem Seitenfenster und warf einen Gegenstand in Richtung der Gänse. Der laute Knall eines Silvesterböllers ließ die Naturschützer zusammenzucken und die Gänse flogen in Panik davon. Gleichzeitig heulte der Motor des Geländewagens auf, der Fahrer fuhr rückwärts auf eine Grundstücksauffahrt und wendete dort. Alting rannte und stieß dabei das Stativ mit dem Fernglas eines niederländischen Kollegen um. Als er sich dem Wagen näherte, gab der Fahrer langsam Gas und beschleunigte immer etwas, sobald Alting wieder näher an ihn herankam. Dieses Spiel wiederholte sich einige Male. Schließlich war Alting völlig außer Atem stehengeblieben und hatte nur noch den ausgestreckten Stinkefinger aus dem Seitenfenster des davonfahrenden Geländewagens gesehen.
Besonders ärgerte ihn, dass dies ausgerechnet vor den Augen der niederländischen Kollegen geschehen war. Das teure Fernglas musste er dem niederländischen Naturschützer auch noch ersetzen. Außerdem war das Autokennzeichen des Geländewagens so verschmutzt gewesen, dass er es nicht hatte lesen können. Es war ihm auch nicht gelungen, den Fahrer zu identifizieren, aber natürlich war das einer der Jäger gewesen.
Direkt nach dem Vorfall hatte Alting voller Wut einen Leserbrief per Internet an den Redakteur des Rheiderlandkuriers geschickt. Der war gestern in der Zeitung erschienen. Jetzt war er gespannt auf die Gegenreaktion. Alting war sich sicher, einen Leserbrief der Jäger in der heutigen Ausgabe der Zeitung zu finden. Dieser Kleinkrieg zwischen Jägern und Naturschützern wurde mit Leserbriefen und wechselseitigen Anzeigen und Gegenanzeigen bei den Behörden geführt.
Menno Alting ging zur Eingangstür, um die Zeitung aus dem Postkasten zu holen. »Mist! Scheißtür, seit wann klemmt das Ding?!«
Er zog kräftiger. Die Tür öffnete sich, die außen angebrachte Schnur spannte sich und der Mechanismus im Kasten wurde in Gang gesetzt.
Die Schnur zog einen feinen Stahldraht in die beiden Kontakte der eingebauten Batterie. Die Stahlwolle entzündete sich in dem Moment, in dem Alting einen zärtlichen Blick auf seine Mühle warf. Die brennende Stahlwolle zündete das Schwarzpulver und das Sprengstoffpaket explodierte. Menno Alting hielt sich reflexartig die Hände vors Gesicht. In seinen Ohren summte es und als er die Augen wieder öffnete, war von seiner Mühle nur noch ein qualmender Rest übrig. Der Vorgarten war mit Holzsplittern übersät.
Dienststelle des Polizeikommissariats in Weener
(Karte Nr. 7)
»Polizei in Weener, Benninga am Apparat, was kann ich für Sie tun?« Polizeikommissarin Swantje Benninga saß mit dem Hörer in der Hand hinter dem Wachtresen.
»Die Jäger haben die Mühle gesprengt! Sie müssen diese Terroristen verhaften!«
Die aufgebrachte Stimme war viel zu laut. Swantje stellte das Telefon auf Außenlautsprecher, damit ihre Kollegen mithören konnten. Sie war hochkonzentriert und brauchte zunächst Informationen »Nun beruhigen Sie sich erst mal. Wer sind Sie und was ist passiert?«
»Alting – diese Jäger haben die Mühle in die Luft gejagt! Sie müssen sie verhaften.«
Swantje atmete tief durch. »Hören Sie, so kommen wir nicht weiter. Also noch einmal: Wie heißen Sie und was ist passiert?«
»Menno Alting heiße ich, aus Weener, und sie haben die Marker Mühle in meinem Garten gesprengt, diese verfluchten Jäger!«
»Die Marker Mühle wurde gesprengt von Jägern.« Swantje hielt den Hörer in der linken Hand und schrieb mit der rechten in die Wachkladde. »Hab ich das so richtig verstanden, Herr Alting?« Die Verhaltensregeln im Hinblick auf Straftaten mit terroristischem Hintergrund schwirrten in ihrem Kopf. Terroristen, Explosion, Sprengung und Jäger … Die Marker Mühle befand sich in Mitling Mark, also auf der anderen Seite der Ems.
»Genau …« Altings Stimme klang nicht mehr wütend, sondern traurig. »Diese Mühle habe ich selber zusammengebaut. Zwei Winter habe ich daran ganz allein gesägt und geschraubt und jetzt ist alles …«
Swantje beruhigte sich etwas. Kein Terroranschlag, nur der normale Wahnsinn. Sie fragte nach Verletzten und notierte sich die Adresse. Sie versprach Alting, gleich mit einem Kollegen vorbeizukommen, und beendete das Gespräch. Zur Sicherheit schickte sie über die Leitstelle erst einmal einen Rettungswagen und die Feuerwehr hin.
»Der arme Mann«, sagte sie.
Ihr Kollege Stinus Wurps fügte hinzu: »Die schöne Mühle …!«
Neben ihm stand Taleus Borchers, der Leiter der Polizeidienststelle, von seinen Kollegen Talle genannt. Talle hatte die Haare extrem kurz geschnitten. Er achtete sehr auf sein Äußeres. Perfektes Auftreten von der Uniform bis zum dezent aufgetragenen Rasierwasser.
Stinus war sozusagen der Kontrast zu seinem Chef. Die Haare trug er im Stil der Siebziger, also ziemlich lang. Sein Erscheinungsbild war eher lässig, die Uniform eine eher gewagte Zusammenstellung und was die Leute von ihm hielten, war ihm wohl schon immer egal gewesen.
»So so«, sagte Talle, »Menno Altings Modellmühle. Stinus, Swantje, fahrt ihr bitte zur Adresse von Alting und seht euch die Sache erst mal an. Ich halte hier die Stellung.«
»Machen wir«, sagte Stinus. »Wir melden uns, sobald wir vor Ort sind.«
Swantje und er packten ihrer Einsatztaschen und gingen zum Streifenwagen. »Hier!« Stinus warf seiner Kollegin die Autoschlüssel zu. »Du fährst, dann lernst du die Gegend am schnellsten kennen.«
Swantje war erst seit einigen Tagen auf der Dienststelle in Weener. Vorher war sie bei der Autobahnpolizei in Leer gewesen. In Weener wurden zwei Sprachen gesprochen – erstens Plattdeutsch und zweitens Hochdeutsch. Mit dem Plattdeutschen haperte es bei ihr noch ein wenig. Verstehen konnte sie es gut, nur aussprechen … na ja. Stinus unterhielt sich mit ihr deshalb lieber auf Hochdeutsch.
Sie folgte seiner Fahrwegbeschreibung. »Stinus, der Name Alting … irgendwie kommt der mir bekannt vor.«
»Hier links abbiegen!« Stinus warf seiner Kollegin einen Blick zu. Ein schöner Anblick. Der blonde Zopf stand ihr gut. In den Siebzigern hatten viele Mädchen die Haare so getragen. Aber nicht nur die Haare gefielen Stinus an seiner neuen Kollegin. Swantje versuchte nicht, wie ein Kerl aufzutreten, und auch nicht wie eine Dame. Die Kollegen von der Autobahnpolizei waren mit ihr sehr zufrieden gewesen. Ihm waren Gerüchte zu Ohren gekommen, dass Swantje bei einem Einsatz sehr handfest zugepackt hatte. Sie hatte ihrem Kollegen bei einer Schlägerei den Rücken freigehalten. Das hatte ihr zwar ein blaues Auge, aber auch Respekt eingebracht.
»Stinus, Menno Alting!«
»Also: Menno Alting ist führendes Mitglied im Naturschutzbund. Er stand schon einige Male im Zusammenhang mit der Gänsejagd in den Zeitungen und seine Tochter Gretje, die kann sich sehen lassen. Die sieht richtig toll aus und die hat …«
»Mich interessiert nicht die Tochter, sondern Menno Alting!«
Stinus atmete tief durch. »Menno Alting ist begeisterter Naturschützer, insbesondere Gänseschützer, du kannst dir vorstellen, dass er sich nicht besonders gut mit unseren Jägern versteht. Dazu kommt noch seine besondere Art.« Stinus suchte nach den richtigen Worten. »Er greift die Leute immer direkt an, zu laut und zu unsachlich. Alle lassen sich das nicht gefallen und wir hatten schon eine Menge Ärger mit ihm und seinen erklärten Gegnern, den Jägern.«
Inzwischen hatte er seine Kollegin in eine Wohnsiedlung etwas außerhalb gelotst. Vor einem Einfamilienhaus standen ein Rettungswagen und ein Fahrzeug der Feuerwehr. Ein Feuerwehrmann stand mit einem Wasserschlauch in der Hand im Vorgarten, der mit bunten Holzsplittern übersät war.
Swantje parkte hinter dem Rettungswagen. Die beiden Polizisten stiegen aus. Die Schiebetür des RTW stand offen und auf der Liege saß ein großer Mann, dem zwei Sanitäter sehr laut Fragen stellten.
Einer der Sanitäter bemerkte die Polizisten und sagte: »Knalltrauma … sonst ist er okay.«
Nun hatte auch der Mann auf der Liege die Polizisten gesehen und sprang auf. Die Sanitäter versuchten vergeblich, ihn im Wagen festzuhalten. »Da sind Sie ja endlich!« Er zeigte anklagend in Richtung Vorgarten. »Da … sehen Sie selber!«
Stinus legte ihm beschwichtigend die Hand auf die Schulter, und Swantje sah sich Alting genau an. Groß, kräftig, mit einer Glatze. Der graue Vollbart machte ihn älter. Vermutlich war er um die fünfzig und für Swantje damit ohnehin ein alter Mann.
Stinus beging einen verhängnisvollen Fehler, als er sagte: »Herr Alting, regen Sie sich doch nicht so auf, es ist ja nur die Mühle draufgegangen.« Zum Glück erschien in diesem Moment Gretje Alting, um ihren Vater zu beruhigen. Mit sanfter Gewalt dirigierte sie ihn zurück in den Rettungswagen.
Swantje warf ihrem Kollegen einen Blick zu und verdrehte die Augen himmelwärts.
Gretje Alting stieg wieder aus dem RTW. Ihr Gesicht war sehr blass, wodurch die Sommersprossen deutlich hervortraten. Swantje fand, dass sie ein bisschen aussah wie eine ältere Version von Pippi Langstrumpf. Die langen roten Zöpfe machten jedenfalls Eindruck bei ihrem Kollegen. Stinus sah Gretje mit schmachtendem Blick an, wie unter Hypnose. Swantje zog eine Schnute und blickte hilfesuchend in den blauen ostfriesischen Himmel. Typisch Männer.
Menno Altings Tochter erzählte, dass sie gerade von der Nachtschicht im Krankenhaus kam. Sie hatte sich fast zu Tode erschrocken, als sie die Einsatzfahrzeuge vor ihrem Haus gesehen hatte. »Irgendwann musste das hier mal passieren.« Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. »Diese Wut … und Hass … Ich verstehe das nicht!«
»Ich kann Ihnen jetzt nicht folgen.« Swantje schaute sie fragend an.
»Am Anfang haben sie ja noch miteinander gesprochen«, sagte Gretje.
»Wer ist ›sie‹, wer hat noch miteinander gesprochen?«, hakte Swantje nach.
»Oh, bitte entschuldigen Sie mich, ich bin noch so aufgeregt …« Gretje lächelte sie kurz an. »Die Umweltschützer, insbesondere mein Vater, und die Jäger meine ich. Anfangs haben sie noch zusammen an einem Tisch gesessen und diskutiert. Aber jetzt …« Wieder schüttelte Gretje Alting den Kopf. »Sie sehen ja: Nur noch Wut und Hass.«
Deichvorland bei Pogum
Piep … Piep. Der Schatzsucher Peter Kowalski aus Bochum sah auf das Display des Metallsuchgerätes. Der Zeiger schlug wild aus. Seit einer Stunde war Peter unterwegs im Deichvorland am Dollart. Seinen Wagen hatte er am Aussichtspunkt Emsblick in Pogum geparkt. Von dort aus hatte er mit der Schatzsuche begonnen. Inzwischen lag der Dollart rechts und der Deich links von ihm. Voraus konnte er die Bohrinsel Dyksterhusen sehen. Er befand sich auf den sogenannten Salzwiesen, einem Grünstreifen mit spärlichem Bewuchs zwischen dem Deich und den grau-bräunlichen Wattflächen des Dollarts.
Vorsichtig legte er das empfindliche lange Metallsuchgerät auf der Salzwiese ab und nahm ein handliches kleineres aus seinem Rucksack. Er hatte sich den Bereich auf dem Boden gemerkt, wo das große Gerät ausgeschlagen hatte. Das Schatzfieber hatte ihn jetzt voll im Griff. Die nächsten Gegenstände, die Peter aus dem Rucksack nahm, waren eine kleine Schaufel, ein Klappspaten und ein Kniepolster.
Er kniete sich auf den Boden und schob sich das weiche Polster unter. Dann schaltete er das kleine Suchgerät an, das wie eine Taschenlampe aussah, und kreiste damit den im Boden verborgenen Gegenstand ein. Mit der linken Hand hielt er die Schaufel und grub vorsichtig kleine Grassoden und Erde zur Seite. Immer wieder schlug das Suchgerät aus. Inzwischen hatte er die kleine Schaufel gegen den Klappspaten getauscht.
In Gedanken sah er sich schon als Entdecker des versunkenen Ortes Torum. Schliemann war auch ein Hobbyarchäologe gewesen und hatte trotzdem angeblich Troja entdeckt. Die Geschichte der versunkenen Dörfer im Dollart hatte Peter schon immer fasziniert und jetzt stand er selbst kurz vor einer sensationellen Entdeckung.
Klong … Der Spaten war auf einen harten Gegenstand gestoßen. Das kleine Suchgerät zeigte einen länglichen Gegenstand aus Metall an. Peter Kowalski legte den Klappspaten zur Seite und nahm wieder die kleine Schaufel.
Den langen Gegenstand konnte er deutlich fühlen. Während er ihn vorsichtig freilegte, konnte er ihn immer besser erkennen. Hatte es in Torum damals schon Gewehre gegeben? Falls ja, dann sicher keine Karabiner …
Die Enttäuschung schwemmte seine Hoffnungen davon, als berühmter Entdecker in die Geschichte einzugehen. Unter dem Lauf des Gewehrs fühlte er eine Art Stoff. Mit den Fingerspitzen fasste er vorsichtig eine Ecke davon an. Als er den Stoff zur Seite zog, grinsten ihn die Zähne eines Totenschädels an.
Peter Kowalski schrie entsetzt auf und sprang hoch. Es dauerte eine Weile, bis er sich so weit beruhigt hatte, dass er sein Handy heraussuchte und den Notruf wählte.
Altstadt von Leer,
Wohnung des PHK Jan Broning
Das Klingeln des Telefons drang nur langsam in den Schlaf von Hauptkommissar Jan Broning. Er brauchte einen Moment, um sich zurechtzufinden. Sein erster Blick fiel auf den Wecker: neun Uhr. Beim Blick nach links auf die leere Seite seines Bettes verzog er missmutig sein Gesicht. Maike war erst seit einigen Tagen in Spanien und ihm kam es jetzt schon vor wie eine Ewigkeit. Ihr Vater Johann de Buhr hatte sie kurzerhand mitgenommen, als er zusammen mit seiner Freundin Karin für einige Wochen Urlaub machen wollte. Maikes Lunge war noch sehr angegriffen von den Folgen ihrer Entführung auf der Autobahn. Das sanfte Klima in Spanien sollte den Heilungsprozess beschleunigen.
Jan Bronings Hand griff zum Telefon und bevor er die grüne Taste drückte, sah er auf dem Display, dass der Anruf von seiner Dienststelle kam. Eigentlich sollte er heute Überstunden abbauen. In sein Schicksal ergeben nahm er den Anruf an.
Die laute Stimme seines Kollegen Klaus Hensmann von der Wache in Leer dröhnte aus dem kleinen Lautsprecher. »Guten Morgen, Jan, sorry, dass ich dich so früh stören muss. Die Kollegen von der Tatortgruppe haben mir gerade eine Lage durchgegeben. Sie sind im Deichvorland bei Pogum. Ein Schatzsucher aus dem Ruhrgebiet hat dort ein bewaffnetes Skelett gefunden.« Lachen hallte aus dem Hörer. »Das ist doch ein Superwitz, oder? Ach ja, Spaß beiseite, dein Chef Renko Dirksen war gerade auf der Wache und lässt dir ausrichten, dass du deine Überstunden ein anderes Mal abfeiern sollst, damit du den Fall übernehmen kannst.«
»Okay, Klaus, ich komme zur Dienststelle.« Jan Broning beendete das Gespräch.
Ohne Maike war es zu Hause ohnehin öde. Was ihn störte, war eher der Einsatzort. Der Dollart … das weckte böse Erinnerungen. Sein erster Fall mit Maike an seiner Seite. Seine Rettung aus dem Watt. Schöne und schreckliche Erinnerungen.
Jan Broning war als Leiter des 1. Fachkommissariates zuständig für Todesermittlungen. Er ahnte, dass dieser Fund im Deichvorland erhebliches Aufsehen erregen würde. Renko, der alte Fuchs, ging entsprechend auf Nummer sicher und überließ ihm großzügig den Fall.
Jetzt ging alles sehr schnell – Kaffeemaschine an, Dusche, in die Klamotten. Mit einem Thermobecher Kaffee in der Hand verließ Jan Broning seine Wohnung und lief die Treppen hinunter zum Fahrradkeller.
Dabei verbrannte er sich den Mund an dem zu heißen Gebräu. »Verflixte Axt!« Er wunderte sich wieder mal darüber, dass nichts mehr Zeit hatte. Alles sollte immer schneller gehen, Kaffee trinken im Gehen … und ich mach auch noch mit.
Er schwang sich auf sein Elektrorad und fuhr zur Georgstraße. Den Thermobecher hatte er verschlossen in der Fahrradtasche verstaut.
Das Tor zum Innenhof öffnete sich wie von Geisterhand. Er stellte sein Rad vor dem Nebeneingang der Dienststelle ab und ging den Schichtleiter Klaus Hensmann auf der Wache begrüßen. »Hallo, Klaus, warum schmeißt du mich eigentlich immer aus dem Bett?«
»Sorry, Jan, aber das ist wirklich eine sonderbare Geschichte. Als die Meldung reinkam, haben wir oben Bescheid gesagt und …«
»Schon gut. Was haben wir denn bis jetzt?«
»Abgelaufen ist es wie folgt …« Klaus sah auf seine Notizen. »Der Notruf eines Herrn Peter Kowalski aus Bochum ging bei der Leitstelle ein. Herr Kowalski hat bei der Schatzsuche am Dollart ein Gewehr und ein Skelett gefunden. Der Notruf wurde an das PK Weener weitergeleitet. Die Kollegen haben das zunächst für einen schlechten Scherz gehalten, sind aber erst mal hingefahren. Dann hat mir Swantje dieses Foto geschickt.« Klaus Hensmann nahm sein Smartphone und wischte mit dem Finger über das Display. »Scheißtechnik! … Ah ja, jetzt hab ich es.« Er hielt es Jan hin.
Jan sah den Lauf des Gewehrs, den alten Stoff und einen Teil des Totenschädels.
»Was sagen die jungen Leute immer?« Klaus überlegte. »Ganz schön krass! – Jedenfalls, Swantje und Stinus haben alles abgesperrt. Swantje sichert den Tatort. Stinus wartet im Streifenwagen auf dich am Deich bei Pogum. Treffpunkt ist der Parkplatz am Aussichtspunkt Emsblick.«
»Kenn ich.« Jan gab ihm das Smartphone zurück. »Hast du einen Wagen für mich?«
»Hier.« Klaus nahm einen Schlüssel vom Haken. »Den Zivilwagen, steht in der zweiten Garage. Egon Kromminga und Albert Brede von der Spurensicherung wissen Bescheid, die sind gerade an der Wache vorbei, in Richtung Garage.«
Egon arbeitete erst seit kurzem mit Albert zusammen. In der Garage sah Jan die beiden ihre Ausrüstung im Bulli verstauen und begrüßte sie.
»Tatort, Skelett, Dollart«, sagte Albert mit mürrischem Gesicht. Egon sah kurz zur Garagendecke.
Albert Brede war für seine Ausdrucksweise berüchtigt. Je schlechter er gelaunt war, desto kürzer seine Sätze. Er war ihr bester Spurensicherer, ein alter Fuchs und er gab sein Wissen weiter. Jan hatte trotzdem Mitleid mit Egon. Alberts Launen ertragen zu müssen, war der Preis für die an der Praxis orientierte Ausbildung als Spurensicherer.
»Das Beste wird sein, wir fahren gemeinsam zum Tatort«, schlug Jan vor. »Ich fahr im Zivilwagen voraus.« Keine Antwort von Albert. Egon nickte nur schicksalsergeben. Offensichtlich passten sich die Kollegen bereits einander an. »Okay, dann bis gleich am Dollart.« Jan verkniff sich das Lachen.
Er fuhr Richtung Emstunnel, hinter sich den weißen Bulli der Spurensicherer. Es gab von Leer aus zwei Wege ins Rheiderland, das durch die Ems vom Stadtgebiet Leer getrennt war. Der erste führte über die Emsbrücke, benannt nach Jann Berghaus, im Verlauf der Bundesstraße 436. Beim zweiten Weg handelte es sich um die Autobahn, die A31, den »Ostfriesenspieß«. Der Autobahn-Emstunnel verband die Leeraner Seite mit dem Rheiderland.
Die Jann-Berghaus-Brücke wurde umgebaut und war immer noch eine Großbaustelle. Die Brücke war wasserseitig eine von mehreren Engstellen entlang der Ems. Die Überführungen der immer größeren neuen Kreuzfahrtschiffe waren kompliziert und nur durch etliche teure Baumaßnahmen am Fluss möglich. Eine davon war die Verbreiterung der Schifffahrtsöffnung dieser Brücke. Die Fertigstellung verzögerte sich erheblich, und die betroffene Bevölkerung war verärgert.
Der Autoverkehr wurde durch den Emstunnel umgeleitet, aber es konnten nicht alle dieses Nadelöhr im Verlauf der Autobahn benutzen. Fahrradfahrer oder die Trecker der Landwirte blieben außen vor. Deshalb hatte man die alte Fähre Julius zwischen den Emsufern Leerort und Bingum eingesetzt.
Die Polizeiwagen fuhren an der Anschlussstelle Leer-West auf die Autobahn und nach nur einem Kilometer durch den Emstunnel. An der Anschlussstelle Jemgum/Bingum verließen sie direkt an der Tunnelausfahrt die Autobahn. Nun waren sie im Rheiderland und bogen an der Kreuzung der Deichstraße links in Richtung Ditzum ab. Die Fahrt ging weiter durch die Emsdörfer, die alle mit der Silbe »um« endeten. Der Deich lag rechts und die Landschaft zeigte sich Jan Broning jetzt von ihrer schönsten Seite. Die Farben der Natur waren im Mai am intensivsten. Die großen Kastanien vor den Bauernhöfen blühten weiß, das Rot der Buchen leuchtete und in den Poldern verwandelte der blühende Raps die Landschaft in ein gelbes Meer.
Er hasste es dennoch, allein im Wagen zu sitzen, wenn er zu einem Einsatz fuhr. Jan Bronings Gedanken wanderten zu Maike. Ob die Landschaft in Spanien jetzt wohl ebenso schön war? Ging es ihr gut? Dachte sie auch immer an ihn?
Vor ihm bremste ein Fahrzeug stark und ohne jeden erkennbaren Grund. Der Wagen blieb mitten auf der Straße stehen. Broning war wegen des Gegenverkehrs gezwungen, dahinter zu warten. Plötzlich wurden die Türen aufgestoßen und zwei Männer sprangen heraus. Bronings Hand wanderte zu seiner Waffe. Sollte das ein Anschlag werden?
Dann erkannte er die Ferngläser und Kameras. Die beiden richteten ihren Blick auf die Wiese links von der Fahrbahn. Graugänse! Broning schätzte die Schar auf fünfzig Vögel. Das Auto mit den Gänsebeobachtern war im Ruhrgebiet zugelassen.
Im Rückspiegel sah er, wie die Tür des Bullis aufgestoßen wurde. Albert Brede sprang mit rotem Kopf aus dem Fahrzeug und ging mit finsterer Miene auf die zwei Fremden zu. Oha, dachte Broning, jetzt knallt es. Er wollte gar nicht hören, was da gesprochen wurde. Jedenfalls fand Albert wohl die richtigen Worte. In Windeseile sprangen die Gänsebeobachter in ihr Auto und rasten davon. Ohne Regung ging Albert an Bronings Auto vorbei und setzte sich wieder in den Bulli.
Sie fuhren am schönen Fischerdorf Ditzum vorbei und vor ihnen lag Pogum. Das Ende der Welt wurde das Dorf auch genannt. Es war die äußerste Ecke des Rheiderlandes. Nördlich verlief die Ems und im Westen lag der Dollart.
Der Treffpunkt mit den Kollegen aus Weener befand sich am Schöpfwerk des Sieltiefs. Dieser Ort wurde Emsblick genannt, weil man von der Deichkrone aus einen schönen Ausblick auf die Ems hatte. Auf dem Parkplatz standen ein Streifenwagen und ein Kastenwagen mit Bochumer Kennzeichen. Darin saß ein junger Mann und machte ein bedrücktes Gesicht.
Broning parkte den Zivilwagen daneben und stieg aus. Der Bulli der Spurensucher hielt ebenfalls. Albert Brede kurbelte das Seitenfenster herunter und blieb stur sitzen. Jan Broning ging hin, blieb neben dem offenen Fenster des Bullis stehen und erwartete den Kollegen in Uniform.
Stinus Wurps begrüßte sie kurz, man kannte sich von verschiedenen Einsätzen. Jan Broning ließ sich von ihm die Situation erklären. Stinus zeigte auf den Mann im Kastenwagen. »Dies ist unser Schatzsucher Herr Kowalski, er hat die Leiche gefunden. Den Schlüssel für die Deichpforten habe ich inzwischen organisiert, wir können jetzt den Fundort mit dem Auto erreichen. Sonst müssten wir von hier aus laufen und es ist mindestens noch ein Kilometer.« Stinus zeigte in westliche Richtung.
»Danke dir!« Broning war erleichtert. Das fehlte noch, ein schlechtgelaunter Albert, der seine Ausrüstung zu Fuß zum Fundort schleppte … »Stinus, fahr doch bitte voraus, ich nehme den Schatzsucher mit und Albert und Egon folgen uns im Bulli.«
Broning bat den Schatzsucher in seinen Zivilwagen, und die drei Einsatzfahrzeuge starteten. »Und, geht’s wieder?« Broning sah besorgt zu Kowalski hinüber.
Der sah ihn mit blassem Gesicht an. »Dieser Anblick war schrecklich, als wenn mich der Schädel angrinsen würde. Ich hab mich so erschrocken!«
»Sie brauchen sich die Leiche nicht noch einmal anzusehen«, beruhigte ihn Broning. »Sie müssen uns vor Ort nur noch mal genau erklären, was passiert ist.«
»Kriege ich Ärger?«, fragte Kowalski ängstlich. »Ich meine, weil ich im Naturschutzgebiet rumgegraben habe? Ihr Kollege in Uniform hat so was angedeutet.«
»Da machen Sie sich mal keinen Kopf drüber.« Broning sah Kowalski eindringlich an. »Wichtig ist, dass Sie zunächst Stillschweigen über den Fund bewahren.«
»Ich schweige wie ein Grab …« Beim letzten Wort räusperte sich Kowalski laut. Er war noch angesäuert, weil ihm der Uniformierte einen Anschiss verpasst hatte. Was ihm einfiele, im Naturschutzgebiet rumzubuddeln. Denen würde er es noch zeigen. Er hatte Torum nicht gefunden, aber dafür hatte er einige gute Aufnahmen von der Leiche mit seinem Smartphone gemacht. Die Bilder würde er an die Medien weitergeben. Vielleicht konnte er das kleine Video sogar bei YouTube einstellen. Er grübelte über eine passende Überschrift nach. Dieser Ötzi in den Bergen damals … Die uralten Überreste des Jägers hatten tagelang die Schlagzeilen der Medien beherrscht, nachdem das geschmolzene Gletschereis die Mumie freigegeben hatte.
Nun, so lange lag diese Leiche noch nicht in den Salzwiesen, aber Ötzi war mit Pfeil und Bogen unterwegs gewesen. Sein Toter hatte ein Gewehr dabei. Und jetzt habe ich die Überschrift, dachte Kowalski. Sensationsfund: Junger Archäologe entdeckt den »Rheiderländer Ötzi«.
Die Einsatzwagen fuhren an der Innenseite des Deiches entlang, die Straße verlief weiter über den Deich und endete schließlich an einer Pforte im Außendeichsgelände.
Beim Anblick des Dollarts fröstelte es Jan Broning. Verdrängte Erinnerungen an seinen Kampf im Watt. Die Stimmung im Zivilwagen hatte sich gedreht. Kowalski hatte sich überraschend schnell erholt und lächelte sogar für einen Moment. Broning versuchte die negativen Gefühle abzuschütteln. Im Süden konnte er die Bohrinsel Dyksterhusen sehen. Von dort aus war damals die Rettungsaktion durchgeführt worden.
Die Straße entlang des Deiches wurde mehrfach durch Zäune mit Pforten gesperrt. Stinus stieg jedes Mal aus und schloss die Pforten auf. Die Fahrt ging weiter und Broning sah am Rande der Salzwiesen ein Absperrband im Wind flattern. Sie hatten nur noch eine geschlossene Pforte vor sich. Am Rand des abgesperrten Bereiches stand die Kollegin Swantje Benninga. Sichtlich erleichtert darüber, dass sie nicht mehr alleine bei der Leiche war, kam sie auf die Einsatzwagen zugelaufen. An der Pforte gab sie Jan Broning die Hand. »Moin, Herr Broning, Swantje Benninga, hier ist nichts weiter passiert.«
Er lächelte sie kurz an. »Hallo, Swantje. Grundsätzlich duze ich mich mit den Kollegen, also für dich auch Jan.«
Egon Kromminga und Albert Brede hatten sich die weißen Kombis der Spurensicherer angezogen. Nun ließen sie sich von dem Schatzsucher Kowalski erklären, wo genau er gelaufen war, womit er gegraben hatte und wie er die Leiche berührt hatte. Inzwischen hatte Stinus die Pforte aufgeschlossen. Albert Brede fluchte, während er die Aluminiumkoffer zum Fundort schleppte. Routiniert begannen die beiden Spurensicher mit der Tatortarbeit. Egon Kromminga fotografierte sich von außen an die Leiche heran. Zunächst Übersichtsaufnahmen der Umgebung, dann immer näher an den Absperrungsbereich, und schließlich die Detailaufnahmen der Leiche.
Während Jan Broning darauf wartete, dass Brede den Tatort freigab, befragte er die uniformierten Kollegen und den Schatzsucher Kowalski. Die Kernpunkte ihrer Aussagen notierte er sich auf einem Schreibblock. Er hatte dafür eine spezielle Schreibunterlage, eine sehr flache Aluminiumkiste im Din-A4-Format. Oben konnte man einen Schreibblock festklemmen, und in der flachen Kiste waren Spurensicherungstüten, eine kleine Digitalkamera, Einmalhandschuhe und verschiedene Pinzetten. Das hatte sich schon oft bewährt. Bei der ersten Inaugenscheinnahme wurden die Leichen nach Personaldokumenten, Brieftaschen und Handys durchsucht. Mit der Minimalausrüstung konnte man kleine Gegenstände ohne Übertragung von Fremdspuren anfassen, in spezielle Tüten verpacken und sicher verstauen.
Broning stieg auf die Deichkrone und skizzierte von dort aus die Umgebung. Als er in Richtung Schöpfwerk blickte, bemerkte er einen Wagen, der sich ihnen näherte, und ging zurück zu seinen uniformierten Kollegen. »Stinus, Swantje, ich glaube, wir bekommen Besuch von der Presse. Könnt ihr die fernhalten? Wenn sie maulen, verweist auf die Presseinfo, die wir nachher verteilen.«
Stinus nickte und ging dem Wagen entgegen. Jan Broning hörte, wie sein Name gerufen wurde, und sah, dass Albert Brede ihm zuwinkte. Er hob die Hand zum Zeichen, dass er verstanden hatte. »Swantje«, Broning drehte sich zu seiner Kollegin um, »bleibst du bitte hier bei Herrn Kowalski und rufst diese Nummer hier an?« Er nahm aus seiner Schreibunterlage eine Visitenkarte und gab sie ihr. »Bestatter Erdmann aus Leer, er soll bitte herkommen und die Leiche abholen.«
»Okay, mach ich sofort.« Swantje griff zum neuen digitalen Funkgerät, mit dem man auch telefonieren konnte.
Egon und Albert standen bei einer länglichen Vertiefung im Boden, neben der mehrere Erdhaufen lagen. Die Überreste eines menschlichen Körpers, der auf dem Rücken lag, waren vom Kopf bis ungefähr zur letzten Rippe freigelegt. Halb über dem Skelett lagen die Reste von grauem Tuch und seitlich am Körper sah man den verrosteten Lauf eines Gewehres. Der Totenschädel blickte in den ostfriesischen Himmel. Es wollte nicht zur Umgebung passen. Die frischen Farben und Gerüche der aus dem Winterschlaf erwachten Natur waren ein starker Kontrast zu diesem Symbol des Todes.
»Unser Schatzgräber hat ganze Arbeit geleistet. Alles zerwühlt und zertrampelt.« Egon klang wütend. »Trotzdem haben wir schon einiges gefunden. Hier!« Er hielt Jan eine durchsichtige Spurensicherungstüte hin. »Die lagen in der ausgehobenen Erde. Sieht aus wie Knöpfe von einer Wehrmachtsuniform und das hier könnte ein Koppelschloss sein.«
»Das Gewehr …?« Broning sah Brede fragend an. Albert war Ballistiker und kannte sich sehr gut mit Waffen aus.
»Karabiner, Zweiter Weltkrieg.«
Broning wartete vergeblich auf weitere Ausführungen. »Wenn ich euch richtig verstehe, seid ihr der Meinung, es handelt sich bei der Leiche um einen Kriegsteilnehmer, einen Soldaten?«
»Genau«, bestätigte Egon, Albert nickte nur.
Jan massierte seine Schläfen. »Vielleicht haben wir Glück und finden die Erkennungsmarke, die trug doch jeder Soldat. Was meint ihr, wie machen wir weiter?«
»Leiche freilegen, abtransportieren und die gesamte Erde im Grab durchsieben«, schlug Egon vor. Albert Brede nickte.
»Erdmann ist unterwegs«, sagte Broning. »Braucht ihr hier noch Hilfe oder mehr Ausrüstung?«
»Zwei große Siebe für die Erde und ein Wasserschlauch wären super«, sagte Egon. »Bei einem ähnlichen Einsatz hat uns die Feuerwehr gut unterstützt.«
»Ich kümmere mich darum.« Jan Broning griff zum Handy.
Zeitgleich mit dem Bestatter traf die Feuerwehr ein. Unter Anleitung der Spurensicherer wurde die Leiche vollständig freigelegt und im Leichensack des Bestatters abtransportiert. Die Feuerwehr stellte zwei Siebe auf und die gesamte Erde aus dem Grab und der Aushub wurden gesiebt.
Bei dem grauen Stoff, der über der Leiche gelegen hatte, handelte es sich tatsächlich um die Überreste eines Wehrmachtsmantels. Verrostete Patronen, Teile des Gewehrs und Uniformknöpfe wurden gefunden, zur Enttäuschung der Spurensicherer aber nicht die Erkennungsmarke.
Jan Broning brauchte für den späteren Bericht die genaue Position des Grabes. Bisher hatten sie als Ortsangabe nur den Deichkilometer gehabt. Jetzt wurde der Fundort mit einem speziellen Navigationsgerät in Koordinaten eingemessen.
Den Schatzsucher Peter Kowalski hatte Broning bereits entlassen. Er sah auf die Uhr. Jetzt suchten sie bereits Stunden vergeblich nach weiteren Spuren. Bei den Kameraden der Feuerwehr handelte es sich um Freiwillige, er wollte sie nicht zu sehr beanspruchen. Broning bedankte sich bei ihrem Leiter für den Einsatz, entließ die Frauen und Männer und versprach, einen kurzen Bericht über die Anforderung zu mailen. Zurück blieben zwei Kübel mit Wasser zum Reinigen der Ausrüstung und ein Gestell mit einem Sieb. Albert und Egon wollten noch alleine weiterarbeiten.
»Egon, Albert, erst mal danke für euren Einsatz. Ich fahr zurück und fang mit dem Bericht an. Die Presseleute rennen uns sicher schon die Bude ein.« Broning formulierte schon in Gedanken den Bericht. »Was haltet ihr davon: Es handelt sich vermutlich um ein aufgefundenes Opfer aus dem zweiten Weltkrieg. Bei der Leiche wurden Ausrüstungsgegenstände aus dieser Zeit gefunden.«
»Genaueres können wir noch nicht sagen«, antwortete Egon.
Alberts Laune hatte sich inzwischen gebessert, weil man ihn ungestört hatte arbeiten lassen. Er lächelte sogar kurz, als er sagte: »Irgendetwas musst du ja reinschreiben, ist okay so.«
Jan Broning verabschiedete sich von Swantje und Stinus. »Danke für eure Unterstützung, die Presseleute haben euch sicher auf Trab gehalten.« Er sah sich um. »Komisch – wo sind die denn alle?«
Stinus wirkte nachdenklich, als er sagte: »Als wir diesen Schatzsucher entlassen haben, ist der zu Fuß zurück zum Parkplatz. Dabei hat er mit den Presseleuten gesprochen.«
»Er hat die angesprochen, und dann sind alle gleichzeitig verschwunden«, fügte Swantje hinzu.
»So viel zu seinem Versprechen.« Jan presste die Lippen aufeinander und atmete tief durch. In Gedanken konnte er schon die Schlagzeilen sehen.
Tag 1 nach der Entdeckung des unbekannten Toten
in den Salzwiesen des Dollarts,
Stadt Weener, Redaktionsbüro des Rheiderlandkuriers
Der Rheiderlandkurier war am schnellsten. Im Redaktionsbüro las der Reporter Hilko Cordes noch einmal den Artikel, der morgen erscheinen würde. Überschrift: Sensation – Rheiderländer Ötzi gefunden! Der Artikel füllte eine ganze Seite. Es folgten Bilder der Leiche, Detailaufnahmen der Ausrüstung und vom Fundort. Sogar ein Video wurde in der digitalen Ausgabe der Zeitung angekündigt.
Die sachliche Pressenotiz der Polizei wurde nur kurz erwähnt.
Hilko Cordes sortierte noch einmal die Fotos. Der Schatzsucher hatte ihn am Deich angesprochen. Cordes hatte sich als Erster die Story gesichert. Kowalski wollte als Archäologe in der Zeitung erscheinen und hatte ihm außerdem den Artikel diktieren wollen. Das wäre ja noch schöner, wenn sich ein Rheiderländer unter Druck setzen lassen würde … Also blieb es beim »Schatzsucher« und auch den Artikel hatte Cordes selbst verfasst. Er wusste, dass dieser Fund in den Medien Wellen schlagen würde, zumal es keine anderen aktuellen Themen gab. Das hier war Stoff für mehrere Artikel in den Zeitungen, Berichte in den sozialen Netzwerken und den Fernsehnachrichten, zumindest dem NDR.
Seine Einschätzung sollte sich als zutreffend erweisen. Hilko Cordes konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass der Tote über Jahrzehnte still in seinem Grab gelegen und sein Geheimnis bewahrt hatte. Die Entdeckung und der Medienrummel setzten Ereignisse in Gang und die Büchse der Pandora war geöffnet worden.
Tag 2, vormittags,
Polizeidienstgebäude in der Stadt Leer,
Büro des Fachkommissariatsleiters Jan Broning
Jan Broning saß mit dem Rheiderlandkurier am Schreibtisch. Sie hatten Bilder der skelettierten Leiche, sogar mit Detailaufnahmen der Ausrüstung, abgedruckt. Das verrostete Gewehr, die Uniformknöpfe und das Koppelschloss … Seine Pressemeldung stand am Ende des Artikels.
Es klopfte. Sein Chef Renko Dirksen kam mit rotem Kopf ins Büro, ebenfalls mit dem Rheiderlandkurier in der Hand, und fuchtelte damit in der Luft herum. »Das hättet ihr verhindern müssen! Hast du eine Ahnung, was jetzt hier los ist?!«
»Anrufe, Medieninteresse, Presserummel …« Jan verkniff sich ein Grinsen. »Renko, setz dich doch erst einmal hin. Was hätten wir denn machen sollen mit unserem Schatzsucher? Maulkorb verpassen, nach Fotokameras durchsuchen und Bilder beschlagnahmen?«
»Klingt doch gut!«
»Renko, mit Smartphones kannst du sofort Fotos weiterleiten. Das konnte er in Ruhe erledigen, lange bevor wir am Fundort waren.«
Dirksen atmete tief durch. »Und wie weit seid ihr mit unserem … Ötzi?«
Broning sah auf seine Notizen. »Im Moment gehen wir davon aus, dass es sich um einen Kriegsteilnehmer aus dem Zweiten Weltkrieg handelt. Dabei müssen wir aber vorsichtig sein.«
»Wieso? Der Fall ist doch klar. Das Gewehr ein Karabiner aus dem Krieg, da war sich unser Albert doch sicher. Der Wehrmachtsmantel mit Uniformknöpfen. Die Reste vom Gürtel mit dem Koppelschloss.«
»Ich weiß«, unterbrach Jan Broning seinen Chef. »Sogar mit der Aufschrift Gott mit uns. Alles ziemlich eindeutig, aber da sind noch einige Ungereimtheiten.«
Dirksen sah zur Zimmerdecke. »Jan, warum wird es bei dir immer so kompliziert?!« Er merkte, dass Broning ihn unterbrechen wollte, und hob abwehrend die Hände. »Ich weiß, du liegst oft richtig mit deiner Einschätzung oder deinem Bauchgefühl. Was stört dich denn an dieser schönen, einfachen und unkomplizierten Geschichte?«
»Erstens haben wir keine militärische Erkennungsmarke gefunden. Zweitens das Koppelschloss. Mir ist aufgefallen, dass da etwas nicht stimmt. Hier …« Broning reichte ihm zwei Fotos. »Das eine da ist das Original so eines Koppelschlosses. Die Überschrift Gott mit uns, der Adler in der Mitte und darunter das Hakenkreuz. Hier …«, Broning zeigte auf die Detailaufnahme vom Fundort, »fehlt das Hakenkreuz. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es damals ein Soldat gewagt hätte, das Symbol der Nazis zu entfernen.«
Renko Dirksen presste die Lippen kurz aufeinander. »Du könntest recht haben, aber können die Rechtsmediziner nicht zweifelsfrei feststellen, wie lange der Tote dort schon gelegen hat?«
»Die Überreste liegen bei dem Bestatter Erdmann. Für die Obduktion brauchen wir eine Anordnung von der Staatsanwaltschaft. Vorab habe ich schon mit dem Gerichtsmediziner Dr. Knoche gesprochen. Dort haben sie alle Hände voll zu tun. Er meldet sich noch bei mir wegen des genauen Termins für die Obduktion.«
»Okay, Jan, ich ruf bei Staatsanwalt Grohlich an.« Dirksen stand auf. »Halt mich auf dem Laufenden. Insbesondere unsere Pressestelle. Da wird heute der Teufel los sein.«
Broning nickte. »Mach ich, Renko. Stefan und ich fahren gleich noch mal zum Fundort der Leiche. Ich möchte die Anwohner befragen und vielleicht hat ja das Medieninteresse auch was Positives. Leute, die sich wieder an damals erinnern. An Ereignisse vom Krieg in dieser Gegend, oder an Ereignisse aus einer ganz anderen Richtung.«
Renko schüttelte leicht den Kopf und verließ das Büro.
Tag 2, vormittags,
Truppenübungsplatz in Süddeutschland
Sven Richter war ein letztes Mal zur Baracke des Übungsplatzes gegangen, um sich von seinem Nachfolger zu verabschieden. Er trug Zivil. Seine Uniform hatte er zusammen mit der anderen Dienstausrüstung bereits bei der Auskleidung abgegeben.
Sein Nachfolger musste kurz raus auf den Platz und nun saß Sven wieder alleine in der alten Baracke. Seine Stimmung war auf dem Nullpunkt. Er konnte sich noch gut an das Gefühl erinnern, als er das erste Mal hier alleine gewesen war. Ausgestoßen, abgeschoben und entsorgt wie menschlicher Abfall. Wie Robinson Crusoe war er hier langsam aber sicher vereinsamt.
Die Entlassungsuntersuchung vor vier Wochen hatte seine Dienstuntauglichkeit amtlich bestätigt. Befund: Diabetes und posttraumatische Belastungsstörung, abgekürzt PTBS. Die Zuckerkrankheit hatte er sich vermutlich bei diesen Pflichtimpfungen vor dem Afghanistaneinsatz zugezogen. Auch als Reservist kam er nun nicht mehr in Frage.
Sven Richter war ausgebildeter Feuerwerker beim Heer, deshalb hatte man ihn hierher abgeschoben. Er hatte bis zum Ende seiner Dienstzeit auf dem Gelände nach Blindgängern suchen und sie möglichst entschärfen sollen. Sven vermisste die Kameradschaft mit den anderen Soldaten schmerzlich. Heute war offiziell sein letzter Tag bei der Bundeswehr. Am Nachmittag war Schluss und er hatte sich von seinem Nachfolger auf dem Übungsplatz persönlich verabschieden wollen. Der teilte sein Schicksal, weil er ebenfalls unter PTBS litt. Diesen Übungsplatz verglich Sven verbittert mit dem Papierkorbsymbol auf dem Computer.
Sein Nachfolger war immer noch unterwegs. Sven schaltete aus Langeweile sein Smartphone ein und koppelte es mit seinem Tablet-Computer. Nun konnte er – wenn auch langsam – im Internet surfen. Auf seiner Lieblingsseite las er die neuesten Nachrichten. Heute sogar mit einer Schlagzeile aus seiner alten Heimat, dem Rheiderland: Sensation! Rheiderländer Ötzi gefunden.
Er vergaß fast zu atmen, als er sich die Bilder der Leiche ansah. Ein großer Kloß bildete sich in seinem Hals, als er die Detailaufnahmen der Ausrüstung betrachtete, das verrostete Gewehr, die Uniformknöpfe und das Koppelschloss. Konnte es sein …? Er vergrößerte die Aufnahme des Koppelschlosses und war wie elektrisiert.
Vor seinem geistigen Auge erschien sein Opa Trinus in dem alten Wehrmachtsmantel, unter dem er bei seinen speziellen Jagden den Karabiner versteckt hatte. Der Gürtel in Opas Hose hatte sich damals in Svens Augenhöhe befunden, wenn er vor ihm gestanden hatte. Der Schriftzug Gott mit uns und der Adler hatten ihn fasziniert. Sein kleiner Finger hatte oft über eine raue Stelle im Metall unter dem Adler gestrichen und Opa Trinus hatte das Interesse seines Enkels bemerkt. »Dieses Symbol unter dem Adler, das so vielen Menschen unendliches Leid gebracht hat, das habe ich abgefeilt. Damit wollte ich nicht mehr rumlaufen.«
Später hatte Sven verstanden, was er damit gemeint hatte. Aber sein Opa war damals spurlos verschwunden. Was hatte sein Vater mit bitterer Stimme gesagt? »Entweder ist er beim Wildern im Dollart ersoffen, oder die Jäger haben ihn erwischt.«
Danach war alles schnell gegangen. Sein Vater hatte sich den goldenen Schuss gesetzt, eine Überdosis. Svens Mutter hatte zu dieser Zeit schon in Süddeutschland bei ihrem neuen Freund gelebt. Sie war ins Rheiderland zurückgefahren, hatte sich um die Beerdigung gekümmert und ihren Sohn Sven mit nach Süddeutschland genommen.
Sven wusste sofort, wen man dort in den Salzwiesen vergraben hatte. Sein heiß geliebter Opa war verscharrt worden wie ein totes Tier. Svens Tränen tropften auf das Display des Tablets. Seit diesem Schicksalstag in Afghanistan hatte er nicht mehr geweint. Seine Schultern zuckten und er vergrub sein Gesicht in den Handflächen.
Wut verdrängte langsam seine Trauer. Svens Gesicht verhärtete sich. Der Wut folgte etwas Neues: der Wunsch nach Rache.
Sven war es gewohnt, seine Gefühle zu kontrollieren. Angst lässt die Hände zittern und lähmt den Verstand, das hatte er bei den Entschärfungsaktionen sehr schnell lernen müssen. Kälte breitete sich in ihm aus.
Er betrachtete noch einmal die Bilder. Schaute sich an, wie sein Opa mit dem Mantel über dem Gesicht abgedeckt worden war. Wer seinen Opa vergraben hatte, hatte dabei nicht ins Gesicht des Toten sehen wollen. Opa Trinus war entweder ertrunken oder ein Jäger hatte ihn erwischt. Sven wusste sofort, dass die zweite Möglichkeit die Zutreffende war.
Es konnte kein Zufall sein, dass er diesen Artikel gelesen hatte, und das ausgerechnet an seinem letzten Tag bei der Bundeswehr. Das Schicksal hatte seine Weichen gestellt.
Nun gut, es war sowieso Zeit für einen Tapetenwechsel. Zeit für einen Besuch bei den Jägern im Rheiderland. Es gab sogar einen Kontakt. Sein Kamerad Kuno Hortema war ihm noch einen großen Gefallen schuldig. Kunos Vater war Jäger im Rheiderland und hatte einen großen Bauernhof. Dort gab es bestimmt genug Arbeit für Sven. Bei diesem Gedanken presste er die Lippen fest zusammen. Arbeit für ihn … eine doppelsinnige Formulierung aus dem Unterbewusstsein.
»Opa«, flüsterte er, »ich erwisch das Schwein, kannst dich drauf verlassen.«
Tag 2, vormittags,
Gelände der Firma Lohnunternehmen Böltjer
im Rheiderland (Karte Nr. 10).
Jakobus Böltjer saß in dem schmuddeligen kleinen Büro und fluchte. Es war Saison zum Grasschneiden und diese Trottel von Angestellten hatten die Maschinen immer noch nicht fertig. Siefko Specker und Wirtje Hummers, auch Max und Moritz genannt, standen kleinlaut vor ihrem Chef. Der war inzwischen rot angelaufen und brüllte die zwei an. »Was heißt hier ›Die Teile sind noch nicht da‹? Draußen ist Hauptsaison und meine Maschinen stehen kaputt in der Halle.«
Das Donnerwetter nahm kein Ende. Siefko biss sich auf die Unterlippe, wagte kein Wort zu sagen und sah hilfesuchend zu seinem Freund Wirtje. Der knautschte verkrampft die Schirmmütze in seinen Händen. Endlich warf ihr Chef sie aus dem Büro.
Böltjer hatte ordentlich Dampf abgelassen und griff etwas erleichtert erst einmal nach dem Rheiderlandkurier, der vor ihm auf dem Tisch lag. Er stutzte, als er die Überschrift las: Sensation! Rheiderländer Ötzi gefunden. Während er den Artikel las, gingen seine Gedanken zurück zu dem Tag, an dem er mit seinem Kumpel den Wilderer im Dollart gesucht hatte. Ein gemeines Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Die Schüsse, die er damals gehört hatte … Das merkwürdige Verhalten seines Kollegen, der damals angeblich nichts gesehen hatte … Der Wilderer war seit diesem Tag nicht wieder im Dollart gesehen oder gehört worden.
Jetzt wusste er mit Sicherheit, dass sein Kollege den Mann umgebracht und später in den Salzwiesen vergraben hatte. Das war doch einmal eine gute Nachricht. Nun hatte er seinen Jagdkumpel in der Hand. Böltjer rieb sich erfreut die Hände. Endlich gab es eine Möglichkeit, gewisse Ziele zu erreichen. Sein Kumpel wollte doch sicher nicht, dass er der Polizei oder der Presse diese Geschichte von damals erzählte.
Siefko Specker und Wirtje Hummers standen neben der Erntemaschine und fluchten. Siefko Speckers Daumen bewegte sich über seinen Hals, von einem Ohr zum anderen. Wirtje nickte und sagte mit Wut in der Stimme: »Genau, Siefko – eines Tages, ich schwör es dir, ist Böltjer fällig. Dann hängen wir ihn tot wie eine Schlachtsau an die Leiter.«
Siefko sah zur Firmeneinfahrt, als ein Auto vor dem Büro hielt. Der Fahrer stieg aus und knallte die Tür zu. Mit gerötetem Gesicht stürmte der Mann ins Büro. »Scheint so, als wären wir beide nicht die Einzigen, die mit Böltjer noch ein Hühnchen zu rupfen hätten«, sagte er zu Wirtje.
»Das war doch unser Gänseschützer Alting, der scheint ja ganz mies drauf zu sein«, stellte Wirtje fest. Die Bürotür stand noch offen und sie konnten den lauten Streit zwischen Alting und Böltjer hören. Dann wurde Alting aus dem Büro gestoßen und der Streit ging auf dem Hof weiter.
»Du hast meine Mühle gesprengt!«, schrie Alting.
»Scheiß auf deine Mühle, du tickst doch nicht richtig!«, brüllte Böltjer.
Die Sache eskalierte zu einer Schlägerei. Siefko und Wirtje genossen das Schauspiel, bis die Stimme von Böltjers Frau Jani aus dem Bürofenster schrillte. »Max, Moritz – steht da nicht rum, sondern trennt die beiden!«
»Schade«, murmelte Siefko.
Nur mit Mühe gelang es ihnen, die Kontrahenten festzuhalten. Alting riss sich los und lief zu seinem Wagen. Bevor er einstieg, drehte er sich noch einmal um und schrie: »Dafür wirst du büßen, Böltjer! Ich erwisch dich noch und dann dreh ich dir den Hals um, so wie du es mit den Gänsen machst!«
»Verpiss dich, du Arschloch!«, rief Böltjer zurück. Dann drehte er sich zu seinen Angestellten um. »Und ihr, habt ihr nicht anderes zu tun?! Seht zu, dass die Maschinen fertig werden!«
Tag 2, vormittags,
ein Bauernhof im Rheiderland.
Der Jäger saß kreidebleich am Küchentisch und hielt den Rheiderlandkurier in den zitternden Händen. Das konnte doch nicht wahr sein. Sie hatten den Wilderer gefunden, den er erschossen und vergraben hatte …
Tag 2, nachmittags,
am Dollartweg in der Nähe des Fundortes der Leiche
Jan Broning und Stefan Gastmann hatten den Zivilwagen vor dem Deich geparkt, hinter dem in den Salzwiesen das Skelett gefunden worden war. Eine lange Reihe von Häusern, der Dollartweg, lief parallel zum Deich bis zu einer Kreuzung. Rechts ging es über den Deich zur Bohrinsel Dyksterhusen. Links verlief die hoch gelegte schmale Straße über ein historisches Sieltor weiter in Richtung Ditzumerhammrich.
Die beiden hatten sich die Arbeit aufgeteilt und trafen sich zwischendurch immer wieder an dieser einzigen Straße, nur um festzustellen, dass der andere auch niemanden angetroffen hatte. Die Ausstrahlung der Häuser lag irgendwo zwischen einsam und trist. Der verhangene Himmel, der Nieselregen und die heruntergelassenen Rollos versetzten Jan Broning in düstere Stimmung. Die Nähe zum Dollart brachte wieder mal Erinnerungen, die er sonst verdrängte.
Er ging gerade an einem eingefallenen alten Arbeiterhaus vorbei. Die Büsche und Sträucher wuchsen ungehindert zwischen den Mauern. Man konnte noch erkennen, dass es sich einmal um ein kleines Wohnhaus mit einem angesetzten Stall gehandelt hatte. Die Ruine sah verwunschen aus, Kinder würden es als Hexenhaus bezeichnen.
Daneben stand ein noch bewohntes Haus. Keine heruntergelassenen Rollos, und das davor geparkte Auto mit dem Leeraner Kennzeichen ließ hoffen.
Als er klingelte, öffnete eine Frau misstrauisch die Tür einen Spalt breit. Die Kette war vorgelegt. Früher hatte hier keiner sein Haus abgeschlossen, aber die zunehmende Kriminalität hatte auch die Menschen in dieser einsamen Gegend vorsichtiger gemacht.
»Moin, entschuldigen Sie bitte die Störung.« Er zeigte ihr die Dienstmarke. »Mein Name ist Jan Broning von der Kriminalpolizei Leer. Nichts passiert, es handelt sich nur um eine Befragung.«
»Sicher wegen dem Ötzi.« Sie entfernte die Kette und öffnete die Tür. »Hab schon davon gelesen.«
»Genau, Frau …?«
»Gretchen Driever.« Sie wurde rot. »Oh, wie unhöflich von mir, kommen Sie doch bitte herein.«
Sie ging voraus, Broning schätzte ihr Alter auf fünfundsechzig bis siebzig Jahre, sie war etwas übergewichtig. Ihre Haare trug sie in einem dicken Knoten. Ständig wischte sie sich ihre abgearbeiteten Hände an der altmodischen Schürze ab. Sie erinnerte ihn an die Bronzefigur der alten Fischerin vor dem Ditzumer Sieltor. Im Flur roch es nach Tabak – Pfeifentabak, da war er sich sicher, sein Vater hatte auch immer diese Marke geraucht. Irgendetwas mit einem Grafen hatte auf der Packung gestanden. »Ist Ihr Mann auch zu Hause, Frau Driever?«
Er erhielt keine Antwort. Frau Driever stand vor dem Elektroherd und schaute auf den glimmenden Ascherest auf einer Herdplatte. »Herr Kommissar, mein Mann ist schon vor Jahren gestorben.« Sie lief schon wieder rot an. »Ich hab immer geschimpft, wenn er im Haus geraucht hatte. Wegen der Gardinen und so.« In ihren Augenwinkeln bildeten sich Tränen. »Ist doch verrückt … jetzt streue ich seinen Lieblingstabak auf die heiße Herdplatte. Ich schließe die Augen, rieche den Tabak und denke, er sitzt neben mir.« Sie räusperte sich. »Nehmen Sie doch Platz.« Frau Driever zeigte auf das Sofa, das zusammen mit einem großen Rattanstuhl vor dem Küchentisch stand. »Ich wollte mir gerade einen Tee machen, sie trinken doch sicher auch gerne eine Tasse.«
Jan Broning glaubte die Einsamkeit in diesem Haus mit den Händen greifen zu können. Deshalb nahm er das Angebot an. Als Frau Driever Tassen auf den Tisch stellte, klingelte sein Handy. Er drückte auf die grüne Taste. »Stefan, was gibt’s?«
»Jan, hier scheint alles ausgestorben zu sein. Entweder stehen die Häuser leer, oder die Leute wollen nicht mit mir sprechen. Jedenfalls geht hier keiner an die Tür.«
»Du, ich bin hier gerade bei Frau Driever in der Küche.«
»Ihr Kollege möchte doch sicher auch einen Tee«, unterbrach sie ihn. »Er soll ruhig zu uns kommen.«
Broning nickte. »Danke, Frau Driever. Stefan, du bist zum Tee eingeladen. Das Haus neben der Ruine.«
Kurz darauf saßen die Polizisten auf dem Ostfriesensofa und Frau Driever neben ihnen auf dem Stuhl. Auf der Wachstuchtischdecke standen drei dampfende Tassen. Als Stefan den Tee mit dem Löffel umrührte, traf ihn ein strafender Blick von Frau Driever.
Sie erklärte, dass es sich bei den meisten anderen Häusern in der Straße um Ferienhäuser handelte. Deshalb hätten sie niemanden angetroffen. »Ja, meine Herren, verdammt einsam hier und kein Ort zum Altwerden. Früher hatten wir hier eine gute Nachbarschaft, jeder kannte jeden und heute …« Frau Driever sah verzweifelt aus. »Ich glaube, ich werde auch verkaufen und wegziehen. Keine Verwandtschaft mehr und wenn ich erst nicht mehr mit dem Auto fahren kann …«
Broning befragte sie zu dem aufgefundenen Toten. Sie hob bedauernd die Hände. »Da weiß ich gar nichts von, ich hab mir auch schon den Kopf darüber zerbrochen.« Sie bemerkte die Enttäuschung in den Gesichtern der Polizisten. »Aber …« Jetzt lächelte sie zum ersten Mal. »Mein verstorbener Opa war ein berüchtigter Ahnenforscher und hat sich auch für das Kriegsende interessiert. Moment bitte!«
Sie verließ die Küche und kam kurz darauf mit einem altmodischen Schulheft zurück. »Opas Kriegserinnerungen als Volkssturmmann!« Sie wedelte mit dem Heft. »Ich hätte nicht gedacht, dass wir die noch einmal in die Hand nehmen.« Eine Weile blätterte sie konzentriert darin herum. »Haben Sie bei dem Toten eine Erkennungsmarke gefunden?« Sie sah die Polizisten fragend an. Jan Broning verneinte. »Das hätte Ihnen sicher weitergeholfen, oder?« Frau Driever lächelte wieder, gab jeweils einen Kluntje in die leeren Tassen und schenkte nach.
»Allerdings, Frau Driever.« Broning lächelte respektvoll. »Sie scheinen sich ja auch schon Ihre Gedanken gemacht zu haben.«
»Wenn Sie wüssten, wie viel Zeit ich habe … – Bei Kriegsende war hier richtig was los. Der Volkssturm, das letzte Aufgebot, war eilig organisiert worden. Es fehlte an allem, Waffen, Uniformen und Soldbüchern. Mein Opa gehörte auch zum Volkssturm und hatte große Angst, als Partisan behandelt zu werden, weil er weder ein Soldbuch noch eine Erkennungsmarke hatte.« Gretchen Driever suchte eine bestimmte Stelle in dem Heft. »Hier, Kanadier im südlichen, deutsche Marinestellungen im nördlichen Rheiderland. Im Rheiderland dauerten die Rückzugsgefechte mit versprengten deutschen Einheiten noch bis Ende April 1945.«
»Hier herrschte also bei Kriegsende Chaos«, stellte Broning fest.
»Ich glaube, bei dem armen Schwein, das sie in den Salzwiesen gefunden haben, handelte es sich auch um einen Volkssturmmann.« Gretchen Drievers Stimme klang traurig. »Alte Männer und halbe Kinder, schlecht bewaffnet, gegen Panzer und Tiefflieger.«
Für einen Moment schwiegen alle.
»Frau Driever«, Broning unterbrach die gedrückte Stille, »das Heft von Ihrem Opa, können wir uns das ausleihen?«
»Sicher, Herr Kommissar. Können Sie Sütterlinschrift lesen?« Frau Driever drehte das Heft so, dass die Polizisten das Schriftbild sehen konnten. Jan und Stefan wechselten einen skeptischen Blick.
»Jedenfalls, wenn Sie gar nicht klarkommen«, Frau Driever lächelte beide an, »hier gibt es immer eine Tasse Tee und eine Übersetzung.«
Sie beantwortete noch einige Fragen zu den Nachbarn. Ihr wurde dabei selbst deutlich, wie wenig sie von diesen Leuten wusste. Schließlich wollte sie die Polizisten gar nicht mehr gehen lassen, so sehr freute sie sich über etwas Gesellschaft. Inzwischen kannten die zwei ihren gesamten Lebenslauf.
»So, Frau Driever, wir müssen weiter, danke für den Tee und Ihre Zeit.« Broning legte seine Visitenkarte auf den Tisch. »Sollte Ihnen oder Ihren Nachbarn noch etwas einfallen zu unserem unbekannten Toten, dann rufen Sie uns bitte an! Ihre Idee mit dem Umzug finde ich übrigens gut. Ich weiß, wie die Nachkriegsgeneration an ihren Häusern hängt, aber letztlich ist es doch nur ein Steinhaufen und manchmal sogar ein Riesenklotz, der einen behindert. Tabak kann man auch auf andere Herde streuen.«
Die Polizisten verabschiedeten sich und gingen zurück zum Dienstwagen.
»Also doch ein Kriegsteilnehmer«, sagte Stefan im Auto. »Das letzte Aufgebot, ein Volkssturmmann.«
Broning nickte. »Das würde erklären, warum wir kein Soldbuch und keine Erkennungsmarke gefunden haben. Die Ausrüstung war auch dürftig, passt alles schön zusammen. Vielleicht finden wir noch etwas im Notizheft, das uns weiterhilft.«
Bronings Handy klingelte. Die Verbindung war schlecht. Die nette Dame von der Gerichtsmedizin Oldenburg stellte das Gespräch zu Dr. Knoche durch.
»Moin, Herr Broning, ich sollte mich doch noch einmal bei Ihnen melden, es handelt sich um Ihren Ötzi. Der Termin für die Obduktion wurde jetzt noch weiter nach hinten verlegt. Tut mir leid, wir haben hier sehr viel zu tun und vermutlich handelt es sich bei dem aufgefundenen Skelett, sagen wir es einmal salopp, um eine Altlast. Die aktuellen Fälle haben Vorrang.«
»Okay, Dr. Knoche.« Broning wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit dem Gerichtsmediziner zu verhandeln. »Was meinen Sie, wie lange wird es dauern bis zur Obduktion?«
»Frühestens in einer Woche, ich kann es nicht ändern, Herr Broning!« Dr. Knoche legte auf.
Während der Fahrt zur Dienststelle dachte Broning ständig an Frau Driever. Gleichzeitig ärgerte er sich über seine gedrückte Stimmung. Im Gegensatz zu ihr konnte er noch seinen liebsten Menschen in den Arm nehmen. Eine Idee bildete sich langsam, und als er den Dienstwagen in der Polizeigarage parkte, lächelte er vergnügt. »Stefan, ich hab ein Attentat auf dich vor. Ich möchte Maike in Spanien besuchen. Die Sachlage bei unserem Ötzi scheint klar zu sein. Die restlichen Ermittlungen, könntest du die für eine Woche übernehmen?«
»Ich komme eine Woche auch ohne dich aus!« Stefan klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter. »Fahr zu deiner Maike.«
Kurz darauf befand sich Broning im Büro seines Chefs und erstattete Bericht.
»Wie ich schon sagte, Jan: klarer Fall!« Dirksen lehnte sich gut gelaunt zurück.
Broning eierte nicht lange herum. »Renko, ich möchte eine Woche raus aus der Mühle!«
Dirksen grinste. »Maike besuchen?«
»Du hast es erfasst. Stefan kommt klar und die Gerichtsmedizin meldet sich auch vorerst nicht. Morgen früh steht eigentlich nur die Leichenschau beim Bestatter Erdmann auf dem Programm, danach könnte ich dann …«
»Fahr zu deiner Maike«, Dirksen lachte, »und grüß sie schön von mir.«
Als Nächstes bestellte sich Broning telefonisch ein Wohnmobil für eine Woche. Seine Laune wurde immer besser. Morgen Nachmittag konnte er das Fahrzeug abholen.
Tag 3, vormittags,
Wohnung von Jan Broning
Jan Broning hatte unruhig geschlafen. Das schlechte Gewissen, weil er seinen Kollegen allein weiterermitteln lassen wollte, und die Vorfreude auf die Reise zu seiner Maike wechselten sich ab. Er hatte schon einige Sachen zusammengesucht. Seine Nachbarin hatte ihm versprochen, die Post und die Zeitungen aus dem Briefkasten zu nehmen. Dann rief er in Spanien bei den de Buhrs an.
»Hallo, Jan!« Karins Stimme klang gut gelaunt. »Du, Maike ist am Strand.«
»Das hab ich gehofft, weil ich dich sprechen wollte«, antwortete er ebenfalls gut gelaunt. »Ich brauch eure Adresse, für einen Überraschungsbesuch.«
»Kommst du mit dem Flieger, Jan?«
»Nein, mit einem geliehenen Wohnmobil. Du hast doch erzählt, dass es ganz in der Nähe Campingplätze am Meer gibt. Da wollte ich das Wohnmobil für einige Tage abstellen.«
Karin lachte. »Ihr wollt sicher mal einige Tage für euch sein, kann ich gut verstehen. Die Campingplätze sind genau an der Bucht, wo Maike immer spazieren geht.«
»Morgen werde ich auf dem Platz mit dem Wohnmobil stehen und ebenfalls einen Spaziergang am Strand machen.«
Karin war begeistert. »Und zufällig werdet ihr euch dort treffen. Oh, wie schön! Jan, du bist doch ein Romantiker.«
Sie erklärte Jan noch Maikes Spazierweg und versprach, nichts zu verraten.
Tag 3,
Bestattungsinstitut Erdmann
Stefan Gastmann und Jan Broning saßen im Zivilwagen und waren unterwegs zum Bestatter. Nach der Leichenschau wollte Jan abreisen.
»Stefan, ich hab immer noch ein schlechtes Gewissen.«
»Ich bin froh, mal meine Ruhe zu haben.« Stefan grinste. »Auch wenn es nur für eine Woche ist.«
»Danke, Stefan!«
Der Kollege zog eine Schnute. »Erdmann, der singende Bestatter. Hast du dir eigentlich mal seine CD angehört? Ich meine, falls er fragen sollte.« Die hatte ihnen der Bestatter bei ihrem letzten gemeinsamen Fall überreicht. Eine Zusammenstellung, sozusagen Best of Erdmann. Seine Hobbys waren Gesang und feierliche Reden.
»Mist«, Broning verzog schuldbewusst sein Gesicht, »habe ich nicht, muss ich wohl vergessen haben. Na ja, gleich bekommen wir ja die Live-Version.«
Ein gut gelaunter Bestatter öffnete die Tür des Instituts. Seine Singsang-Stimme war unverkennbar. »Ah, die Herren von der Kriminalpolizei! Bitte folgen Sie mir in meine bescheidenen Räumlichkeiten.« Er ging voraus, die Polizisten folgten ihm. In den Händen trugen sie die Aluminiumkoffer mit der Ausrüstung.
»Diesmal haben wir aber einen sehr speziellen Gast«, bemerkte Erdmann und begann eine Melodie zu summen. Gastmann bekam große Augen und Broning hörte noch mal genauer hin … Ja, ein Antikriegslied, und es handelte vom Schicksal eines Soldaten. Eigentlich sehr passend und einfühlsam gesummt.
Im Behandlungsraum lag auf einem Chromtisch ein Leichensack. Der Reißverschluss war komplett geöffnet. Schimmel, ein großer Feind der Spurensicherer – die Trocknung der Spuren vor der Asservierung war deshalb so wichtig. »Sofort, als wir unseren Gast einquartiert hatten, habe ich dafür gesorgt, dass die Sachen trocknen können«, erklärte der Bestatter.
»Sehr gut, Herr Erdmann!« Broning nickte anerkennend. »Stefan, fängst du schon mal mit den Fotos an?«
Stefan Gastmann entnahm einer Alu-Kiste die Spiegelreflexkamera und machte als Erstes die Übersichtfotos. Die Reste des alten Wehrmachtsmantels umhüllten das Skelett. Außer dem dicken Mantelstoff war von der Kleidung der Leiche nichts mehr zu erkennen.
Erdmann unterbrach sein Summen und bemerkte aus dem Hintergrund: »Die Todesursache zu bestimmen, dürfte schwierig sein, Herr Broning.«
»Ich weiß. Vielleicht haben wir Glück und finden ein Einschussloch im Mantel, Spuren einer Gewehrkugel, eines Messers oder eines Granatsplitters an den Knochen.« Broning beugte sich über das Skelett, das von starken Strahlern beleuchtet wurde. Mit einer großen Pinzette hob er die Reste des Mantels an. Ausgerechnet im Brustbereich hatte sich der Stoff stark zersetzt. Ein muffiger Geruch, wie in einem Keller, stieg ihm in die Nase.
Stefan machte weiter Fotos, auch im Nahbereich. Erdmann summte weiter das Lied vom unglücklichen Soldaten. Stefan sprach aus, was Broning dachte. »Der Stoff ist so vergammelt, da finden wir kein Einschussloch.«
Jetzt untersuchte Broning das Skelett, insbesondere den Schädel. Er sah in die leeren Augenhöhlen und hielt stumme Zwiesprache mit dem Toten. Was hast du als Letztes gesehen? Die Mündung eines Gewehrs, ein zustechendes Messer oder die Explosion einer Granate?
Wenn es Spuren im Knochenbereich gab, so konnte er sie bis jetzt nicht sehen. Am Fundort hatten sie keine Spuren gefunden. Ein Gewehrprojektil, das den Oberkörper durchschlagen hätte, ohne einen Knochen zu berühren, würde irgendwo in der Umgebung liegen und wäre längst verrostet. Bis auf die Knochen war kein organisches Gewebe mehr vorhanden. Ein Stich ins Herz mit einem Messer ließ sich nicht nachweisen, weil das Herz verwest war.
Broning sah seinen Kollegen an und schüttelte enttäuscht den Kopf. »Nada, nichts. Letzte Hoffnung Gerichtsmedizin.«
Aus dem Hintergrund fragte Erdmann: »Und, hatten Sie schon Gelegenheit, sich meine CD anzuhören?«
Jan Broning und Stefan Gastmann sahen sich entsetzt an.
Tag 3, nachmittags,
Mietwohnung von Sven Richter
Sven Richter hatte schlecht geschlafen. Immer wieder dachte er an seinen Opa Trinus, den man wie einen toten Hund in den Salzwiesen vergraben hatte. Er hatte seinen Opa über alles geliebt. So ein Ende hatte der nicht verdient. Irgendwann in der Nacht hatte Sven die doppelte Dosis Schlaftabletten genommen. Bis zum Mittag hatte er wie betäubt im Bett gelegen. Als er endlich wach wurde, fühlte er sich wie gerädert und es fiel ihm schwer, klar zu denken. Wie sollte es jetzt weitergehen?
Er war kein Soldat mehr. Diesen ersten Tag in Freiheit hatte er herbeigesehnt und gleichzeitig gefürchtet. Bis zu dem verhängnisvollen Einsatz hatte es ihm sehr gut bei der Bundeswehr gefallen. Die Kameradschaft mit den anderen Soldaten hatte ihm die Familie ersetzt.
Mit einer Tasse und einem Fotoalbum in den Händen setzte er sich an den kleinen Küchentisch, schlürfte den heißen Kaffee und blätterte im Album. Außer Fotos befanden sich Zeitungsausschnitte, Lehrgangsbescheinigungen und Teilnehmerlisten mit Adressen und Telefonnummern darin. Auf einem Foto saßen er und sein Kamerad Kuno Hortema nebeneinander in einem Bus der Bundeswehr. Ein Kamerad auf der Bank vor ihnen hatte auf den Kameraauslöser gedrückt. Ihr erster Einsatz in Afghanistan.
Als er das Foto betrachtete, wanderten seine Gedanken zurück zum Tag der Abreise. Er trug seine Bundeswehruniform mit dem neuen Abzeichen der Feuerwerker. Neben ihm standen seine Kameraden und verabschiedeten sich von ihren Frauen, Freundinnen oder der Familie. Er fühlte sich allein und verlassen. Niemand, der ihn in den Arm nahm, keine Träne für ihn zum Abschied.
Die Soldaten warteten im Regen auf den Bus, der sie zum Flughafen Köln-Wahn bringen sollte. In Afghanistan würden sie am ISAF-Einsatz der Bundeswehr teilnehmen. Sechs Stunden Flug aus ihrer Heimat in eine andere Welt lagen vor ihnen, mit einer Zwischenlandung im usbkekischen Termes, dann ging es weiter in den Norden. Ihr Einsatzgebiet: Kundus und Faizabad.
Der Bundeswehrbus hielt vor den wartenden Soldaten an. Sven wurde auf einen Kameraden aufmerksam, der von innen an die Scheibe klopfte und ihm zuwinkte. Die trübe Wolke über seiner Seele löste sich sofort auf, als er seinen Kumpel Kuno erkannte.
Sven verstaute seine Ausrüstung im Gepäckraum unter dem Bus. Er stieg als Erster ein, weil seine Kameraden sich noch nicht von ihren Angehörigen trennen konnten. Kuno winkte ihn zu sich und klopfte einladend auf den freien Sitz neben ihm. »Sven, setz dich zu mir, mein allerbester Kamerad und Freund des Longdrinks!« Die Männer lachten und gaben sich die Hand.
Kuno und Sven hatten sich bei der Grundausbildung im Heer kennengelernt. Der Ostfriese Kuno und der Bayer Sven hatten sich sofort verstanden. Vielleicht lag es daran, dass beide im Rheiderland das Licht der Welt erblickt hatten. Das war aber die einzige Gemeinsamkeit. Kuno Hortema, der Sohn reicher Eltern, war immer gut bei Kasse. Sven Richter, Geburtsname Visser, das Kind armer Leute, der Vater als Drogensüchtiger gestorben, hatte ständig Ebbe in der Geldbörse. Außerdem war sein Opa Trinus ein Wilderer gewesen. Nein, warum sollte er Kuno von den sechs Jahren seiner Kindheit im Rheiderland erzählen! Das ging nur ihn noch etwas an.
Kuno und Sven hatten sich erst einmal aus den Augen verloren. Ihre Wege hatten sich getrennt, als Sven zum Feuerwerker ausgebildet worden war. Und nun trafen sie sich hier, bei der Abfahrt zum Auslandseinsatz, wieder. »Na, wo wollen wir denn hin?«, fragte Kuno scheinheilig.
»Mallorca, sechs Monate Wellness am Ballermann«, antwortete Sven lachend. »Es ist doch der richtige Bus, oder?«
»Oh wat bün ick blied, dat du ock hier büst!« Als Kuno das fragende Gesicht seines Kollegen bemerkte, beeilte er sich, die Übersetzung nachzuliefern. »Sven, ich bin froh, dass du auch hier bist!«
Das war der Augenblick, den die Kamera festgehalten hatte.
Die Erinnerung verblasste und Sven blätterte weiter in seinem Fotoalbum.
Dann dieser entsetzliche Einsatz. Danach ein letztes Foto von ihm. Keine weiteren, nur noch leere Seiten.
Es fiel sofort auf, wie sich sein Gesicht nach diesem Vorfall verändert hatte. – Vorfall … was für eine kalte und nüchterne Beschreibung für das Töten eines Menschen. Wie oft hatte er schon an diesen Tag gedacht! Hätte er es verhindern können, was wäre wenn, und hätte ich doch. Er schloss die Augen, seine Hände stützten den Kopf und seine Schultern sanken herab.
Dieser schreckliche Tag in Afghanistan hatte zunächst wie die anderen Einsätze begonnen. Die Beseitigung einer Straßenbombe an einer Zufahrtsstraße zu ihrem Lager. Kuno war als Sicherungsposten auch dabei. Er gähnte ständig, weil er mit einigen Kameraden bis spät in die Nacht gepokert hatte. Sven hatte ihn dabei noch auf den bevorstehenden Einsatz hingewiesen. Kuno hatte nur abgewinkt, seine Glücksträhne hatte er nicht unterbrechen wollen. Sven war in der Nacht zweimal wachgeworden, weil die Kameraden beim Kartenspiel zu laut gewesen waren. Und drei Stunden Schlaf bis zum Einsatz waren dann doch wohl zu wenig für Kuno.
Sven legte sich gerade seine Ausrüstung zurecht, als er auf den Afghanen aufmerksam wurde. Irgendetwas war seltsam, wo war der Mann auf einmal hergekommen? Je näher der den Sicherungsposten kam, desto schneller wurden dessen Schritte. Der Afghane rannte jetzt auf Kuno zu. Mit Entsetzen sah Sven, dass sein Kumpel sich an das Sicherungsfahrzeug gelehnt hatte und eingeschlafen war.
Der Rest lief in Svens Erinnerungen immer in Zeitlupe ab. Sven schrie, seine Stimme klang dumpf und unnatürlich gedehnt. Er bückte sich zu seinem Gewehr. Kuno wurde endlich wach und begriff die Situation noch nicht. Der Afghane schrie jetzt auch, griff unter seinen Umhang und hielt eine Kalaschnikow in den Händen. Sven entsicherte seine Waffe, zielte und drückte ab. Der Afghane wurde in den Kopf getroffen und zur Seite geschleudert. Die anderen Sicherungsposten rannten zu dem am Boden liegenden Afghanen, nahmen die Kalaschnikow an sich. Sven stand da wie versteinert und hielt immer noch seine Waffe in der Hand. Er sah wie erstarrt auf den am Boden liegenden Afghanen, konnte sich nicht bewegen. Ein Sanitäter kniete inzwischen neben dem Mann und untersuchte ihn. Dann suchte der Sani den Blickkontakt zu Sven, der immer noch regungslos da stand. Der Sani schüttelte den Kopf und machte ein betroffenes Gesicht. In diesem Moment begriff Sven, dass man dem Mann, auf den er geschossen hatte, nicht mehr helfen konnte. Dann stand ein Kamerad neben Sven, redete beruhigend auf ihn ein und nahm ihm langsam die Waffe aus der Hand.
Danach war nichts mehr so, wie es vorher war.
Bei der späteren Untersuchung des Vorfalls stellten seine Vorgesetzten fest, dass Sven richtig gehandelt hatte. Der erschossene Afghane gehörte zu den Taliban. Ob es ein Selbstmordkommando gewesen oder ob der Afghane einfach durchgedreht war, konnte im Nachhinein nicht mehr festgestellt werden.
Seine Kameraden behandelten ihn mit Respekt. Ständig klopften sie ihm auf die Schulter. Kuno wusste genau, dass Sven ihn gerettet hatte. Trotzdem hatte Sven Schuldgefühle. Wieso hatte er nicht besser gezielt und den Afghanen nur kampfunfähig geschossen? Warum musste er ausgerechnet den Kopf treffen? In einer Endlosschleife drehten sich seine Gedanken. Es folgten Arztbesuche und man stellte schließlich eine Depression fest. Mit den Auslandseinsätzen und der Kameradschaft war es vorbei. Am Ende landete er einsam auf dem Truppenübungsplatz.
Sven Richter schloss das Fotoalbum und rieb sich seine Augen. Schluss mit diesen Grübeleien, er hatte jetzt ein neues Ziel. Sein Opa Trinus getötet und wie ein totes Tier vergraben. Wer war verantwortlich für dessen Tod und warum hatte sein Opa sterben müssen?
Die Antworten auf diese Fragen konnte er nur im Rheiderland bekommen. Sven suchte die Telefonnummer von Kuno Hortema, der genau wie sein Vater Hero Hortema Jäger war. Jäger in dem Gebiet, wo Svens Opa gestorben war.
Obwohl Sven damals noch klein gewesen war, hatte er gewusst, dass sein Opa im Dollart wilderte. An dem Tag, an dem Opa Trinus verschwand, war er auf der Jagd im Dollart gewesen. Svens Vater hatte immer davon gesprochen, dass Trinus einem Jäger in die Arme gelaufen war. Wer trieb sich denn sonst im Dollart rum? Entweder Fischer, die Reusen leerten, oder eben Jäger. Warum sollte ein Fischer seinem Opa etwas antun? Nein, für Sven gab es keinen Zweifel!
Er musste in diesen inneren Kreis der Jäger eindringen, ihr Vertrauen gewinnen, um Antworten zu erhalten. Da hatte er aber ein Riesenproblem. Ohne weiteres würde er nicht Mitglied bei denen werden. Er war schließlich ein Fremder aus Süddeutschland. Auch dabei musste ihm Kuno helfen.
Sven Richter griff zum Telefon.
Tag 3,
ein Bauernhof im nördlichen Rheiderland
Kuno Hortema legte den Hörer auf, in Gedanken noch bei seinem Kameraden Sven Richter. Das schlechte Gewissen stellte sich immer ein, wenn er an diesen Zwischenfall in Afghanistan dachte. Ja, hätte Sven damals nicht so schnell reagiert, dann stünde der Name Kuno Hortema jetzt auch auf dem Ehrenschrein für gefallene Kameraden in Afghanistan.
Sie waren gute Kameraden gewesen bis zu diesem verhängnisvollen Tag. Danach hatte sich Sven verändert. Niemand hatte ihn damals erreichen können; auch seine Versuche, Sven aus diesem Emotionsloch herauszuholen, waren gescheitert. Dann hatte man Sven auf diesen Übungsplatz abgeschoben. Kuno atmete schwer, als er daran dachte, dass er den Kontakt zu Sven verloren hatte. Die Wahrheit war, dass Kuno alles vergessen wollte, was in Afghanistan passiert war. Dazu hatte auch Sven gehört.
Kuno gab sich innerlich einen Ruck. Jetzt konnte er etwas für seinen Kameraden tun. Etwas von der Schuld abtragen. Er würde das kleine Ferienhaus neben dem Bauernhof für Sven herrichten, seinen Vater überreden, ihn einzustellen, und ihn auch in der Freizeit nicht hängen lassen. Die Aufnahme in den Hegering war nicht einfach, aber die Kameradschaft würde Sven sicher gut tun.
Aber eins nach dem anderen, zunächst lag das Gespräch mit seinem Vater vor ihm. Das würde ebenfalls nicht einfach werden, Hero Hortema war ein schwieriger Mensch. Manchmal dachte Kuno, sein Vater sei eine gut funktionierende Maschine. Keine Gefühle, berechnend und gnadenlos, wenn es um seine Interessen ging. Er war ein Polderfürst, der Hegeringleiter der hiesigen Jäger und Chef der Sielacht. Alle Konkurrenten um diese Ämter hatten schnell begriffen, dass man Hero besser nicht im Wege stand.
Kuno atmete tief durch und ging zum Büro, wo sein Vater zu dieser Zeit immer anzutreffen war. Er klopfte an die Tür und trat ein.
In dem kleinen Büro saßen sein Vater und seine Mutter, Lini. »Was willst du?«, fragte Hero Hortema schlecht gelaunt.
Kuno räusperte sich und erklärte die Situation.
»Nur um das mal klarzustellen«, Heros Stimme klang eiskalt, »ich soll einem Fremden das Ferienhaus langfristig überlassen, ihn einstellen und in den Hegering aufnehmen?«
»Genau, Vater. Es ist kein Fremder, sondern der Mann, der mir das Leben gerettet hat«, sagte Kuno. »Außerdem ist Sven ein fleißiger und geschickter Handwerker!«
»Ich bin auch der Meinung, dass wir diesem Sven sehr viel schulden«, sagte Lini Hortema mit fester Stimme.
Wütend sah Hero seinen Sohn und seine Frau abwechselnd an. »Ihr seid euch ja wohl wieder mal einig. Aber du, Kuno, du bürgst mir für deinen Freund! Geld bekommt er erst einmal nicht und wenn er Mist baut, schmeiße ich ihn eigenhändig vom Hof. Lebensretter hin oder her.«
Tag 4,
Spanien, Costa Brava, Küste am Mittelmeer
Maike de Buhr spazierte über ihren Lieblingsstrand. Es war später Nachmittag und die Sonne brannte nicht mehr so heiß. Sie liebte es, barfuß durch Wasser zu laufen, immer an der Wasserkante entlang. Die Küste verlief in einem weiten Bogen. Die lange Bucht war von Hügeln umgeben. Am kilometerlangen Strand befanden sich drei große Campingplätze.
Das klare, warme Meerwasser umspülte Maikes Füße. Sie atmete tief ein und aus und genoss die Zeit für sich alleine. Ihr Vater und seine Freundin Karin saßen bestimmt auf der Terrasse. Karin gehörte das Ferienhaus in den Hügeln an der Costa Brava. Maikes Vater Johann de Buhr hatte Karin am Uphuser Meer kennen und lieben gelernt. Wie Pech und Schwefel, die beiden, dachte Maike. Karin hatte sie eingeladen, damit sie sich von dieser Autoabgasvergiftung erholen sollte. Ihr Lächeln verschwand, als sie daran dachte, wie knapp sie bei ihrem letzten Einsatz dem Tod von der Schippe gesprungen war. Die spanische Luft würde ihrer angegriffenen Lunge sicher gut tun.
Aber Maike saß zwischen zwei Turteltauben, und heute Morgen war es besonders schlimm gewesen. Karins gute Laune ging ihr langsam auf den Keks. Ständig sah sie Maike an und lächelte dabei. »Hab ich Marmelade an der Schnute kleben?«, hatte Maike schließlich schlecht gelaunt gefragt. Dauernd hatte sie das frisch verliebte Paar vor Augen und sie saß ohne ihren Jan daneben. Prima, tolle Wurst, da konnte einem ja schon mal die gute Stimmung abhandenkommen. Als auch noch ihr Vater angefangen hatte, ihr Blicke zuzuwerfen und zu grinsen, hatte Maike beschlossen, es sei Zeit für den zweiten Spaziergang am Strand – und zwar allein. Und dann hatte ihr Vater mit Karin vor dem Haus gestanden und ihr nachgesehen. Maike hatte sich noch einmal umgedreht und bemerkt, wie die Turteltauben um die Wette lachten. Sie hatte die Augen zum spanischen Himmel verdreht und tief ein- und ausgeatmet, so wie es ihr der Arzt verordnet hatte.
Am Strand waren viele Leute unterwegs. Maike beobachtete, wie Surfer mit dem Wind und ihrem Brett kämpften. Kleine Kinder buddelten im Sand und andere Menschen lagen tief entspannt auf dem warmen Strand.
Beim dritten Campingplatz drehte sie meist um. Heute wollte sie etwas weiter gehen. Die Luft flimmerte vor Hitze. Ihre Gedanken waren wieder bei Jan Broning. Was machte er gerade, und dachte er auch an sie? In diesem Moment sah sie ihn tatsächlich, nur undeutlich, wie eine Fata Morgana.
Der Mann, der ihr entgegenkam, hatte große Ähnlichkeit mit Jan. Und dann begann die Fata Morgana ihren Namen zu rufen und rannte auf sie zu. In diesem Moment begriff sie und begann ebenfalls zu rennen. Kurz darauf lagen sie sich in den Armen.
»Jan, kneif mich, ich kann nicht glauben, dass du tatsächlich hier bist!«
»Ich weiß was Besseres als kneifen.« Er küsste sie auf den Mund.
»Wieso … womit … woher?«, stammelte sie.
Jan lachte und drückte sie fest an sich. »Weil ich Sehnsucht nach dir hatte, mit einem geliehenen Wohnmobil … und woher ich wusste, dass ich dich am Strand treffen kann …?«
»Karin!«, beantwortete sie seine Frage. »Sie hat dir erzählt, dass ich hier immer spazieren gehe. Deshalb haben sie sich heute Morgen so komisch verhalten. Na, wartet …«
»Sei ihnen nicht böse«, sagte Jan gut gelaunt. »Sie mussten mir versprechen, nichts zu verraten, es sollte doch eine Überraschung werden.«
Hand in Hand gingen sie weiter. Immer wieder blieben sie stehen, um sich zu umarmen und zu küssen.
»Du, Jan«, flüsterte Maike, »ich möchte mit dir allein sein. Richtig allein.«
»Das Wohnmobil steht da vorne auf dem Campingplatz«, sagte er mit rauer Stimme.
»Na, worauf warten wir noch«, lachte sie, »ich möchte es mir von innen ansehen.« Dabei kniff sie ein Auge zu.
Tag 5,
Polizeidienstgebäude Stadt Leer
Stefan Gastmann saß in seinem Büro und starrte entnervt auf den Zettel vor ihm. Aufgelistet hatte er die Namen, Adressen und Telefonnummern der Nachbarn von Gretchen Driever. Alle waren laut Einwohnermeldeamt Eigentümer der Häuser, die in der Nähe des Fundortes des »Ötzi« standen. Klinkenputzen per Telefon nannte Stefan inzwischen die telefonischen Befragungen von Zeugen, die eventuell etwas Licht in das Mysterium des Toten in den Salzwiesen, quasi vor deren Haustür, bringen konnten.
Bis jetzt blieb es allerdings dunkel. Gretchen Driever, die nette alte Dame von der Deichstraße, lag richtig mit ihrer Einschätzung. Die Häuser an der Deichstraße waren nur einige Wochen im Jahr bewohnt, weil ihre Eigentümer sie als Ferienhäuser nutzten. Die älteren Eigentümer waren weggezogen oder bereits verstorben. Gerade hatte er den Hörer aufgelegt. Wieder Fehlanzeige, und er hakte den Namen auf der Liste ab.
Vor ihm lag das Heft mit den Kriegserinnerungen von Frau Drievers Opa. Diese Sütterlinschrift verursachte ihm Kopfschmerzen. Schließlich hatte er mit einer speziellen Software versucht, den Text in die moderne Schrift zu übertragen. Die Handschrift des Mannes war undeutlich, eine Sauklaue, und das Programm funktionierte einfach nicht.
Stefan klappte das Heft zu, legte es zur Seite und stand auf. Er blieb vor einer weißen Metalltafel mit Fotos von der Leiche, dem Fundort und den Detailaufnahmen stehen. Die Identität des Toten war noch nicht geklärt, deshalb nannte auch Stefan ihn inzwischen Ötzi.
Tag 6,
Redaktion des Rheiderlandkuriers
Der Reporter Hilko Cordes griff zum Telefon. »Rheiderlandkurier …?«
»Ich hab eine Story für Sie!«, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung.
»Mit wem spreche ich denn?«, wollte Cordes wissen.
»Das möchte ich lieber nicht sagen«, antwortete der Anrufer.
Hilko Cordes grinste. Die Stimme des Gänsevaters Menno Alting war ihm schon von anderen Zusammentreffen bestens bekannt. Alting lag im Dauer-Clinch mit den Jägern. Streitthema war meistens die Gänsejagd. Wie viele Artikel hatte er schon darüber geschrieben …! Menno hatte einen Hang zum Cholerischen, was nicht immer gut für seine Sache war.
»Eine Riesensauerei«, schrie die Stimme aus dem Hörer.
Jetzt war sich Cordes sicher, dass er mit Alting sprach. »Beruhigen Sie sich erst einmal, anonyme Hinweise mögen wir hier in der Redaktion überhaupt nicht.« Er wollte auflegen.
»Mein Name interessiert nicht, dann ende ich so wie die armen Tiere auf dem Deich!«
Jetzt wurde Cordes doch neugierig. »Welche Tiere und wo auf dem Deich?«
»Tote Gänse auf dem Deich am Coldeborger Siel. Fahren Sie doch hin und sehen sich die Sauerei selber an!« Der Anrufer legte auf.
Cordes überlegte, was er von dieser Meldung halten sollte. Menno Alting nannte sonst immer seinen Namen. Jetzt dieser anonyme Anruf … Angst vor einer eventuellen Rache seiner Gegner? Ein Unbekannter hatte ja vor einigen Tagen Mennos Modellmühle gesprengt, und die Gerüchteküche in Weener brodelte. Insgeheim vermutete man, ein Jäger sei dafür verantwortlich.
Hilko Cordes hatte als Reporter eine feine Nase für Strömungen und Stimmungen in der hiesigen Bevölkerung. Er spürte, dass sich seit der Sprengung der Mühle etwas verändert hatte. Vorher war es zwischen den Jägern und den Umweltschützern nur zu Wortgefechten gekommen, jetzt herrschte eine aggressivere Atmosphäre. Ein Beispiel dafür war die Prügelei zwischen Alting und dem Jäger Böltjer, von der er natürlich gehört hatte.
Schluss mit der Grübelei. Hilko Cordes nahm seinen Koffer mit der Fotoausrüstung und stieg in seinen Wagen. Die Fahrt ging über die Landstraße zum Coldeborger Siel bei Emskilometer 27, in einer Flusskurve. Das Fahrwasser führte sehr dicht am Siel vorbei. Die Strömung verursachte in der Kurve eine enorme Wassertiefe. Böse Zungen behaupteten, dass eines Tages der gesamte Deich in dieses Loch rutschen würde.
Cordes stellte seinen Wagen ab, schnappte seinen Fotokoffer und ging die Betontreppe zur Deichkrone hinauf. Rund fünfzig Meter entfernt, in Richtung Leer, flogen Krähen auf. Cordes näherte sich der Stelle. Zwei tote Graugänse lagen auf der Deichkrone auf dem Rücken. Als er näher kam, sah er zu seinem Entsetzen, dass man ihnen nur das Brustfleisch herausgeschnitten hatte. Das war das begehrteste Stück der Gans. Mit der Kamera machte Cordes einige Aufnahmen von der Umgebung und den toten Gänsen. Später würde er die Bilder am PC auswerten und entscheiden, welche in der morgigen Ausgabe des Rheiderlandkuriers erscheinen sollten.
Tag 7,
unterwegs auf der Autobahn in Richtung Norden
Sven Richter war mit seinem alten Geländewagen unterwegs in Richtung Norden. Aus dem Radiolautsprecher dröhnten die Bässe einer Hardrock-Band. Der Text gefiel ihm sehr gut und war durchaus passend. Es ging um TNT und darum, dass man sich besser nicht mit ihm anlegen sollte. Im Rückspiegel sah er die Aluminiumkisten, die hinter ihm standen. Heute besser keinen Unfall – mit dem Teufelszeug im Gepäckraum …
Im doppelten Boden der Kisten befand sich seine Spezialausrüstung. Dazu gehörten zwei Handgranaten, mehrere Pakete mit Sprengstoff und die entsprechenden Zünder. Den Sprengstoff hatte er aus den Blindgängern gekratzt und gesammelt. Außerdem hatte er mit neuartigen kleinen Drohnen experimentiert. Auf dem Schießplatz hatte ihn niemand bei seinen Versuchen damit gestört. Zuletzt war es ihm gelungen, mehrere kleine Sprengsätze unter den Drohnen zu montieren. Mit einer Fernsteuerung konnte er sie von der Drohne auf sein Ziel herabfallen und kontrolliert explodieren lassen.
Im Rheiderland, seiner alten Heimat, wollte er bewusst erst nachts ankommen. Seine Ausrüstung musste versteckt werden. Im Auto oder im Ferienhaus, das direkt neben dem Bauernhof der Familie Hortema stand, konnte das Zeug nicht bleiben. Für seinen Plan waren Aktionen nötig, die natürlich Folgen haben würden. Es war deshalb wichtig, dass sein Auto und das Ferienhaus, in dem er wohnen würde, sauber blieben.
Also wohin mit dem Zeug? In der letzten Nacht hatte er wieder von seinem Opa Trinus geträumt. Gemeinsam waren sie mit dem alten Holzboot über die Kanäle gerudert. Das Boot war natürlich auch zum Schwarzangeln oder zum Wildern eingesetzt worden. Sein Opa hatte es immer unter einer Brücke versteckt und Bug und Heck mit dicker Angelschnur am Geländer befestigt. So blieb es immer auf gleicher Position, war vor Regen geschützt und für Autofahrer und Fußgänger unsichtbar. Auf dem Wasserweg über die Kanäle und Tiefs kam man mit einem Boot im Rheiderland fast überall hin. Sie waren miteinander verbunden und sollten zusammen mit den Siel- und Schöpfwerken eine sichere Wasserentsorgung gewährleisten.
In der Nähe seines geplanten neuen Wohnortes lief ein Kanal vorbei, das hatte eine Satelliten-Aufnahme ihm am Computer gezeigt. Der Plan war wie von selbst in seinem Kopf entstanden. Sven Richter war davon überzeugt, dass ihm sein Opa Trinus im Schlaf dabei geholfen hatte.
Mit einer Internet-Kleinanzeige hatte er schnell gefunden, was er zusätzlich für seinen Plan benötigte: ein aufblasbares Kanu in Tarnfarbe. Es war gut zu tragen und robust. In der Nacht würde er am Kanal im Rheiderland an einer einsamen Stelle parken, das Kanu aufblasen und die Ausrüstung darin verstauen. Die Alukoffer mit dem Sprengstoff und den Zündern und die Drohnen würde er unter mehreren Brücken mit Tarnnetzen verstecken. Das Kanu würde er ebenfalls unter einer Brücke festbinden und zwar genau so, wie es ihm sein Opa gezeigt hatte.
Tag 8, morgens
Hof der Familie Hortema
Sven war hundemüde, als er sein Auto am frühen Morgen auf die lange Auffahrt zum Polderhof lenkte. Die lange Fahrt und dann der nächtliche Einsatz mit dem Kanu …
Er war beeindruckt vom Anwesen der Hortemas. Die Auffahrt säumte eine Allee alter Bäume. Vor dem Hof standen riesige Rotbuchen. Das Haus war zweigeschossig, die Mauern aufwändig verziert, mit Rundbogenfenstern und einem prachtvollen Eingangsportal. Hinter dem Wohnhaus lag die riesige Gulfscheune. Durch zwei große Torflügel konnten auch die neuen Traktoren hineinfahren.
Im krassen Gegensatz zu diesem offensichtlichen Wohlstand wirkte das kleine Haus rechts neben der Scheune armselig. Vermutlich sein neues Zuhause. Er parkte sein Auto zwischen der Scheune und dem Häuschen. Als er ausstieg, kam ihm ein Mann aus der Scheune entgegen.
»Mensch, Kuno!« Sven lachte. »Hast dich ganz schön verändert, hätte dich fast nicht erkannt!«
Kuno Hortema umarmte seinen Kameraden spontan. »Hallo, Sven, schön, dich zu sehen!« Er sah ihn besorgt an. »Die lange Fahrt hat dich sicher geschlaucht, du siehst müde aus. Komm mit, ich stell dich meiner Familie vor!«
Sven folgte ihm in das Wohnhaus. Im Flur betrachtete er kurz sein Spiegelbild. Schwarze Augenränder, tiefe Falten im Gesicht und sein Haar begann vorzeitig grau zu werden. Kunos besorgter Blick wunderte ihn nicht, sein Freund hatte ihn jahrelang nicht gesehen.
Teure antike Möbel standen in dem breiten Flur. Sven wurde klar, wie unterschiedlich ihrer beider Leben verlief. Kuno der Erbe eines Polderfürsten, und er selbst hatte seinen ganzen Besitz in seinem Auto …
Seine Gedanken wurden vom lauten Schreien eines Mannes unterbrochen. Sven hörte Wortfetzen heraus: Zeitungsartikel, verstümmelte Gänse und irgendein Idiot, der dafür verantwortlich war.
Kuno blieb unsicher vor der Bürotür stehen. »Ist vielleicht kein günstiger Moment. Komm, wir gehen in die Küche und holen den Schlüssel vom Ferienhaus.«
In der Küche trafen sie Kunos Mutter. »Darf ich dir meinen alten Kameraden Sven Richter vorstellen? Sven, meine Mutter Feekeline Hortema.«
Sie drückte Sven fest die Hand. »Nennen Sie mich bloß nicht so. Sie dürfen Lini zu mir sagen. Da ich die Ältere bin, schlage ich das Du vor. Du Ärmster bist bestimmt hundemüde von der langen Autofahrt. Möchtest du einen Tee oder lieber einen Kaffee?«
Sven nickte dankbar und unterdrückte ein Gähnen. »Ehrlich gesagt möchte ich mich gerne ein bisschen hinlegen, Frau Hortema, entschuldige bitte – Lini.«
Kuno Hortema zeigte in Richtung des Büros. »Was hat Vater denn? Den kann man ja draußen schreien hören!«
»Oha …!«, antwortete seine Mutter. »Heute Morgen auf Seite eins im Rheiderlandkurier: Gänse ohne Brustfleisch am Deich gefunden! Den Rest kannst du dir denken.« Sie nahm einen Schlüssel vom Schlüsselbrett und gab ihn Sven. »Bitte – der ist für dein neues Zuhause und entschuldige meinen schlecht gelaunten Mann. Der beruhigt sich auch wieder.«
Als er das kleine Ferienhaus betrat, dachte Sven sofort an seine Kindheit. Das alte Arbeiterhaus am Deich.
Frau Hortema hatte alles vorbereitet. Todmüde ließ er sich in das frisch bezogene Bett fallen.
Tag 8
Jan Broning und Maike der Buhr hatten schöne Tage auf dem Campingplatz an der Costa Brava verbracht. Abends besuchten sie die Turteltauben, wie Maike ihren Vater Johann und dessen Freundin Karin scherzhaft nannte.
Für Jan wurde es langsam Zeit, den Heimweg anzutreten. Für Maike gab es jetzt zwei Möglichkeiten: Sie konnte in Spanien bei den Turteltauben bleiben oder mit zurück nach Leer fahren. Die Wahl fiel ihr nicht schwer, und so verabschiedeten sich die beiden. Maike und Jan hatten eine Zwischenübernachtung in Frankreich geplant. Die Fahrt zurück sollte Maike nicht überanstrengen.
Jan und Maike waren seit Stunden mit dem Wohnmobil unterwegs. Maike saß auf dem Beifahrersitz und war glücklich, weil sie endlich wieder zusammen waren.
»Stell dir mal vor, Jan, wir könnten immer so weiterfahren.«
»Wenn wir Rentner sind, haben wir Zeit genug«, antwortete er gut gelaunt.
»Wo wollen wir denn übernachten?« Sie blätterte im Straßenatlas und sah ihn fragend an.
»Ein Geheimtipp, lass dich überraschen!«, antwortete er und freute sich schon diebisch darauf.
Kurze Zeit später fuhren sie auf einer Landstraße in Frankreich. Die Gegend wurde immer einsamer und Maike sah ihn zweifelnd von der Seite an. In diesem Moment setzte Jan den Blinker und fuhr auf ein Schloss zu. Er bremste das Wohnmobil vor einem Torbogen ab und Maike konnte vom Beifahrersitz aus durch den Bogen in den Schlosspark sehen. Dass es sich nicht um einen normalen Park handelte, wurde ihr klar, als sie die vielen Wohnwagen zwischen den großen Bäumen sah.
Jan freute sich über ihren überraschten Gesichtsausdruck. »Da staunst du, was? Ein Campingplatz in einem Schlosspark. Hinter dem Park verläuft der Fluss Saône und dort gibt es ein wunderschön gelegenes Restaurant. Komm mit, wir melden uns bei der Rezeption an.« Sie stiegen aus.
Hinter dem Tresen saß ein Mann und lächelte sie an. Maike kramte ihr verstaubtes Französisch heraus. Nach ihren ersten mühsamen Worten hob er seine Hände und lachte. »Bitte! Sie können Deutsch mit mir sprechen. Ich komme aus Ter Apel und das liegt ja bekanntermaßen in der Nähe von Leer, nur in den Niederlanden. Ein Campingplatz in einem französischen Schlosspark unter der Leitung eines Niederländers.«
Es stellte sich heraus, dass der Campingplatz bei den niederländischen Nachbarn sehr beliebt war. Er lag etwa auf der Hälfte der Strecke nach Spanien und wurde gerne als Zwischenübernachtungsplatz benutzt, wobei die Camper gern auch mal ein paar Tage länger blieben.
Kurze Zeit später spazierten Jan und Maike durch den Park, vorbei an alten Bäumen, riesigen Hecken, und sogar der Schlossteich mit einem Graben, der um das Gebäude herumführte, fehlte nicht. Sie gingen über einen schmalen Weg durch Wiesen zu dem kleinen Restaurant am Fluss.
Nach zwei Flaschen Rotwein und einem köstlichen Menü wanderten sie zurück zum Campingplatz. Maike umarmte Jan und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Sie grüßten noch schnell einige Camper, die vor ihren Wohnwagen saßen, und verschwanden in Windeseile im Wohnmobil. Sie rissen und zerrten an ihrer Kleidung und fielen im Bett übereinander her. Schließlich lag Maike erschöpft in Jans Armen. Plötzlich hörten sie draußen Applaus.
Maike lief rot an. »Meinen die uns?«
Jan fasste sich an die Stirn. »Ich hab vergessen, die Stützen vom Wohnmobil herunterzudrehen und …«
»… unser Wohnmobil hatte dann wohl eben schweren Seegang!«, vermutete Maike. Sie prusteten los.
Tag 9
Sven Richter stand im Büro des Polderfürsten. Vor ihm saß Hero Hortema, sein zukünftiger Boss. Er sah aus wie sein ehemaliger Ausbilder beim Heer. Groß, athletische Figur, graues Haar und ein markantes Kinn. Hortema sah ihn geringschätzig von oben bis unten an.
»So, Sie sind also dieser Held aus Afghanistan, der meinem nichtsnutzigen Sohn den Arsch gerettet hat. Damit wir uns gut verstehen: Ich erwarte bedingungslosen Einsatz von meinen Leuten. Ich habe gehört, dass Sie nicht ungeschickt sein sollen. Bei uns gibt es einiges zu tun. Hier!« Hortema stand auf und drückte Sven eine Liste in die Hand. »Ihr Wochenplan.« Er lachte fies, als Sven sprachlos auf die lange Liste starrte. »Ja, Ihre kostenlose Unterkunft im Ferienhaus müssen Sie sich schon verdienen. Kennen Sie sich auch mit Dieselmotoren aus?«
Sven nickte. Ein Fehler, wie er kurz darauf feststellte.
»Dann fahren Sie jetzt erst einmal zum Lohnunternehmen Böltjer, die haben dort ein Problem mit einem Motor. – Kuno sagte mir, dass Sie bei uns Jäger werden möchten.«
»Ja, ich …«
Hortema unterbrach Sven sofort. »Dann geben Sie sich Mühe bei Böltjer, der ist nämlich mein Stellvertreter im Hegering und jetzt raus hier, an die Arbeit.«
Vor dem Bauernhof der Hortemas
Kuno Hortema traf seinen Freund Sven vor der Scheune. Sven zeigte ihm den Zettel mit seinen Aufträgen. Sprachlos starrte Kuno auf die lange Liste. »Für eine Woche!«, sagte Sven und atmete tief durch. Kuno war entsetzt, dafür brauchte Sven ja den ganzen Monat! Er sah seinen Freund mitleidig an. »Ich rede noch mal mit Vater, so ist das nicht in Ordnung. Lass den Zettel hier.«
»Jetzt soll ich zu einem Böltjer in die Firma, irgendetwas mit einem defekten Motor«, sagte Sven.
»Was, zu Böltjer?!«, fragte Kuno fassungslos. »Mensch, Sven, pass bloß auf, dieser Böltjer ist ein arroganter Arsch. Lass dich nicht provozieren. Der und seine Angestellten Specker und Hummers sind auch Jäger in unserem Hegering.« Er beschrieb Sven den Weg zum Lohnunternehmen Böltjer in Bunde. Sven setzte sich in seinen alten Geländewagen und fuhr los.
Kuno Hortema sah ihm hinterher. Vor einigen Tagen war passiert, was er schon lange befürchtet hatte: Ausgerechnet Böltjer hatte ihn und seine Freundin Gretje Alting bei ihrem Schäferstündchen im Hammrich überrascht. Böltjer hatte plötzlich von außen an die beschlagene Seitenscheibe des Autos geklopft. Gretje hatte sich furchtbar erschrocken, als der Mann durch die Scheibe auf ihre nackten Körper starrte. Böltjer hatte laut gelacht. »Schau an, Romeo Hortema und Julia Alting, das ist ja sehr interessant!« Dann war er verschwunden und Kuno hatte versucht, seine Freundin zu beruhigen.
Ihm wurde flau im Magen, als er daran dachte, was nach Böltjers Entdeckung nun alles passieren konnte. Menno Alting und Hero Hortema hatten keine Ahnung vom Verhältnis ihrer beiden Sprösslinge. Böltjer hatte den Nagel auf den Kopf getroffen – es war wie bei Romeo und Julia: ein unglückliches Liebespaar, weil ihre Väter sich leidenschaftlich hassten. Böltjer, dieses Schwein, würde versuchen, Vorteil aus seinem Wissen zu ziehen! Kunos Hände verkrampften sich zu Fäusten.
Unterwegs nach Bunde
zum Lohnunternehmen Böltjer
Sven hielt sich genau an Kunos Wegbeschreibung. Auf dem Parkplatz des Lohnunternehmens stellte er seinen Wagen ab. Kurz darauf stand er wieder in einem Büro, diesmal saß Jakobus Böltjer vor ihm.
Böltjer war das genaue Gegenteil seines Jagdkollegen Hortema. Klein, eine schlechte Körperhaltung, und der lange Schnurrbart sollte wohl die fehlende Haarpracht ersetzen. Seine linke Hand fummelte ständig an den Bartspitzen herum. Kleine, dunkle Augen sahen Sven prüfend an.
Wie eine Ratte, dachte Sven, und war auf der Hut. Er hatte sich kurz vorgestellt und wartete vergeblich darauf, dass ihm Böltjer die Hand gab oder ihm einen Stuhl anbot.
Böltjer stand schließlich auf, ging zu einer Tür, riss sie auf und schrie: »He, Max und Moritz, antraben!« Sven konnte in eine große Werkstatt sehen, wo einige Trecker und Arbeitsmaschinen standen.
Kurz darauf kamen zwei Männer in das Büro. Ihre Körpersprache war eindeutig, Angst und Unterwerfung. Sie wagten nicht, Böltjer anzusehen, sondern stierten auf den Fußboden. Böltjers Stimme triefte vor Sarkasmus. »Darf ich vorstellen, meine Chefmechaniker Siefko Specker, genannt Max, und sein ebenso ahnungsloser Gehilfe Wirtje Hummers, genannt Moritz.« Er drehte sich zu Sven um. »Haben Sie auch einen Spitznamen?« Sven schwieg. »Na gut, dieser Mann wird euch Idioten zeigen, wie man einen Motor zum Laufen bringt. Los, an die Arbeit!«
Wie geprügelte Hunde drehten sich Max und Moritz um und gingen in die Werkstatt. Sven wollte ihnen folgen, wurde aber von Böltjer aufgehalten. »Herr Richter, noch auf ein Wort.«
Er drehte sich zu Böltjer um. Dieser Mann hatte ihn in eine unmögliche Situation manövriert. Brachte er den Motor zum Laufen, hatte er Max und Moritz gegen sich aufgebracht. Schaffte er es nicht, war er bei Hortema und Böltjer unten durch und konnte gleich wieder nach Bayern zurückfahren. Das fiese Grinsen in Böltjers Gesicht wollte nicht verschwinden. Du Drecksack weißt genau, was du angerichtet hast, dachte Sven, und du freust dich noch darüber.
»Ich mag Sie nicht, Richter.« Böltjers Stimme war eiskalt. »Wir haben schon diese armen Schlucker Max und Moritz im Hegering. Noch so ein Niemand … Das Beste wird sein, Sie verpfeifen sich gleich wieder. Aber wer weiß«, Böltjer Hand spielte mit den Bartspitzen, als er mit arrogantem Ton sagte: »Jeder braucht doch einen nützlichen Idioten. Wenn Sie was können und mir den Arsch küssen, dürfen Sie vielleicht einmal mein Gewehr tragen und es saubermachen.« Er lachte hämisch und zeigte mit dem Finger in Richtung Werkstatt.
Sven wollte sich auf ihn stürzen und ihn erwürgen. Aber er hatte einen Plan und er durfte nicht auffallen.
In der Werkstatt standen Max und Moritz ratlos vor einem Trecker. Max, also Siefko Specker, war wohl der Wortführer. Er war größer als Wirtje Hummers. Ein seltsames Paar. Dick und Doof hätte auch gut auf die beiden gepasst.
Sie starrten ihn wütend an. Sven hob abwehrend die Hände. »Ich heiße Sven und Böltjer hat mich auch gerade angemacht …«
Siefko Specker, alias Max, unterbrach ihn. »Denk bloß nicht, du kannst dich bei uns ausheulen. Wir haben gehört, dass du hier Jäger werden möchtest. Damit eins klar ist: Wir beide, Wirtje Hummers und ich, sind arme Deichjäger und werden wie Dreck behandelt. Nach uns kommen nur die Jagdhunde, aber du stehst jetzt ganz unten. Du bist nichts und jetzt bring den Motor zum Laufen.« Der blanke Hass schlug Sven entgegen. Ihre Wut auf den Chef ließen sie in den nächsten Stunden an Sven aus.
Nachdem er den Motor endlich zum Laufen gebracht hatte, wusste Sven, warum man sich für Max und Moritz als Spitznamen entschieden hatte. Ungeziefer im Bett verstecken, Mühlen ansägen und Hühner quälen, so was hätten Dick und Doof nicht getan.
Darmowy fragment się skończył.