Czytaj książkę: «Kopf über Wasser»

Czcionka:

Wolfgang Millendorfer

KOPF ÜBER WASSER

Der Hallenbadroman


Inhalt

Das Personal

Episode 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Das Hallenbad

Kapitel 4

Kapitel 5

Episode 2

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Episode 3

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Episode 4

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Episode 5

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Episode 6

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Episode 7

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Zwei Wochen später

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Das Personal
WERNER ANTL & MARINA ANTL

Geschäftsführung: ein Ehepaar in den 50ern, seit 31 Jahren ein Paar, seit 29 Jahren verheiratet, seit 14-dreiviertel Jahren gleichberechtigte Geschäftsführer des Hallenbads (das zufällig genau an ihrem Hochzeitstag, dem 13. März 1972, eröffnet wurde). Die Antls haben immer von sich behauptet, kein typisches, kein langweiliges Ehepaar zu sein, und das sehen sie auch heute noch so.

ROSE ANTL

Kassa & Büro, Tochter: feiert in wenigen Wochen ihren 30. Geburtstag.

Rose (und das wird keinesfalls englisch ausgesprochen!) wurde von ihren Eltern nicht nur mit einem seltenen Vornamen bedacht, sondern auch ebenso hingebungsvoll wie liberal erzogen. Das Ergebnis: Sie ist viel zu schlau, um ihre Tage im Hallenbad hinter der Kassa zu verbringen, aber weil sie ihre Füße doch nicht so richtig auf den Boden bekommt, macht sie genau das.

FRED

Bademeister, Sicherheitsbeauftragter: vielmehr Mädchen für alles, und das natürlich gegen seinen Willen.

Fred spielt aber einigermaßen geduldig mit. Zum einen, da er, Anfang 40, insgeheim beschlossen hat, sich keine Illusionen mehr zu machen, und zum anderen, da ihm seine Position (einhergehend mit der geschäftlich nicht gerade erfreulichen Lage seiner Arbeitgeber) gewisse Vorteile (in dieser Ecke des Landes nennt man das Narrenfreiheit) einräumt.

ANDRÁS

Haustechniker: eigentlich unverzichtbar, aber genau genommen nicht immer auf dem neuesten Stand der Technik.

András hat seine besten Jahre bereits hinter sich. Seine besten Jahre hat er ebenfalls hier verbracht. Es gefällt ihm im Hallenbad, deshalb hat er nie nach einem anderen Job gesucht. Und man kann ihn gut leiden, deshalb wird immer wieder ein Auge zugedrückt.

ROBERT ANKER

Saunameister: eine Institution.

Robert hat in seiner Karriere schon alles gesehen: die richtig guten Häuser, die wirklich miesen und die vielen dazwischen. Früher galt er als einer der besten – weil vor allem bestaussehenden – Saunameister der Szene. Aus seiner Sicht ist das auch heute noch so, und die flotten Sprüche sind ihm längst ins Blut übergegangen.

BELLA

Kantinenchefin: Wirtin aus Leidenschaft, eine ehemalige Schönheit, angeblich – heute kurz vor ihrer Pensionierung, von der sie aber nichts wissen will.

Bella hat sich ihren Ruf hart erarbeitet. Die Hallenbadkantine hat sie bald nach der Eröffnung in den 1970ern übernommen und nicht wieder hergegeben. Das erfreut die Geschäftsführung zum einen, da Bella ihre nicht immer unkomplizierten Stammgäste gut im Griff hat; das ist in gewisser Weise aber auch das Problem, denn so wird aus der Kantine nie ein ernst zu nehmendes Restaurant.

SUSI

Kellnerin: in der Hallenbadkantine klassisch hängen geblieben. Susi kann ihren Beruf nicht leiden, zurzeit hasst sie ihn regelrecht. Nicht dass man sie hier in der Kantine schlecht behandeln würde. Und die dummen Bemerkungen hält sie aus. Sie fühlt aber, dass das Leben für sie noch mehr vorgesehen hat. Da ihr 35. Geburtstag jedoch immer näher rückt, hört sie die Uhr immer lauter ticken.

WILLI

Kantinenkoch: vom wöchentlichen Menüplan schwer unterfordert – für dieses Lokal eindeutig überqualifiziert.

Als spätberufener Koch hat Willi sein Leben noch vor sich und als Nachwuchshoffnung gute Chancen in der wirklich echten Gastronomie. Hier ist er aber sein eigener Chef (auch wenn Bella das anders sieht), und hier hat er seinen Freund Fred (der ihn für die Küche vorgeschlagen hat) in der Nähe und vor allem Susi (die von seinen Gefühlen nichts weiß, denn Willi ist nicht nur genügsam, sondern auch schweigsam).

HERBERT PETER

Nachtwächter: und obwohl die Gefahr nächtlicher Badegäste äußerst gering ist, schreibt die Stadt diesen Posten vor – nur weil einmal etwas passiert ist.

»Herbert Peter«, sagt Herbert immer, wenn er jemanden neu kennenlernt, »Peter ist der Nachname.« Will man ihn ärgern, wird das mit Absicht verwechselt; er selbst nennt sich in Gedanken HP, wahlweise auch englisch ausgesprochen. Für den Job als Nachtwächter war er anfangs viel zu jung, er hat durchgehalten, dabei aber darauf vergessen, erwachsen zu werden. Wenn es ihm möglich ist, lädt er auch heute noch Freunde oder Damen zum nächtlichen Schwimmen ein.

Episode 1

1.

IN IRGENDEINEM PARALLELUNIVERSUM geht jetzt gerade das Becken über. Es ist voll von Badehauben, brüllenden Kindern, die vom Rand springen, besorgten Müttern, schlafenden Vätern; eine beachtliche Menschenschlange steht vor der Kantine, die in diesem Paralleluniversum Restaurant heißt, und mehr als fünfzig Nackte schwitzen in der Sauna.

Auf dieser Seite des Universums leider nicht. Hier freut sich der alte Nazi, dass ihm das Becken auch heute fast allein gehört; natürlich verflucht er die beiden Kinder, die in der Ecke vom Rand springen – und er verflucht sie wirklich. Der strenge Pfiff aus der Pfeife des Bademeisters kann dem alten Nazi nie streng genug sein, aber er muss sich gleich ein weiteres Mal ärgern, weil der Pfiff schon wieder ausbleibt. Vom Rand springen ist immer noch verboten, und er will nicht zum Platz des Bademeisters hinsehen, weil er weiß, was er dort sehen wird: einen verlassenen grünen Plastiksessel. Na bitte. Andererseits ärgert er sich doch so gern, der alte Nazi. »Springen verboten«, murmelt er, »– verboten!«, und demonstrativ springt er ins Wasser, schlägt auf und geht kurz unter. Er hört schon so nicht mehr besonders gut, trägt eine Badehaube und ist mit dem Kopf unter Wasser, als Fred wild pfeifend für Ordnung sorgt. Die Kinder stellen das Springen ein, der Alte hat die Amtshandlung versäumt, taucht wieder auf und sieht Fred verschwommen durch die Schwimmbrille auf seinem grünen Plastiksessel sitzen, eindeutig angetrunken, das sieht er von hier aus. Der alte Nazi wünscht sich mehr Disziplin von der Menschheit und taucht wieder unter.

Fred hat soeben ein kleines Bier getrunken. Es war aber sein erstes und somit ist er noch weit davon entfernt, angetrunken zu sein. Das kommt erst, das dauert noch. Aber rauchen muss er eine, und da er seine Aufsichtspflicht ernst nimmt, raucht er sie am Beckenrand. Und das muss er jetzt tun, denn in einer halben Stunde kommen ein paar Schulklassen und dann gibt es kein Rauchen, sagt die Chefin und in diesem Fall hat sie recht, so wie beim Babyschwimmen, das sieht Fred ein. Er zündet sich eine Zigarette an, zieht, steckt seine Bademeisterpfeife in den Mund und bläst den Rauch mit einem lauten Pfiff oben aus der Pfeife raus. Das ist sein Markenzeichen, so etwas amüsiert ihn. Der laute Pfiff schreckt die Badegäste auf. Die Badegäste – das sind die beiden Kinder, die gelangweilt im Wasser stehen, weil sie nicht springen dürfen, der alte Nazi, der in seinem Ganzkörper-Badeanzug langsam auf und ab treibt, Georg und Grant in der Kantine, aber die hören den Pfiff nicht und sind in dem Sinn auch keine Badegäste, und die Mutter, die ihr Baby im Arm schaukelt und nicht zu wissen scheint, dass das Babyschwimmen im Winter immer erst am Mittwochnachmittag stattfindet. Als sie das Oberteil abnimmt, dreht Fred den Kopf zur Seite, so viel Anstand hat er – wenn er Brüste sehen will, dann kann er in die Sauna gehen, jeden Tag; auch wenn es nicht viele sind und fast immer dieselben.

Es ist kurz vor viertel zwölf, und wenn man das Baby mitzählt, sind fünf Badegäste da. Auf dieser Seite des Paralleluniversums wird nach anderen Regeln gespielt. Und trotzdem hat auch hier vor einer Stunde ein neuer Badetag begonnen.

Muss er ja.


Jetzt kommen die Kinder, Fred kann sie vom Bad aus hören, wie sie sich in der Eingangshalle breitmachen. Beinahe rutscht er aus, als er zu seinem Sessel läuft, wo er die Zigaretten liegen gelassen hat. Oh ja, die Kinder sind da, unüberhörbar. Gleich werden sie hier überall sein.

In der Eingangshalle: Die Schüler haben die orangen Sofas verschoben, unter die braunen Tischplatten Kaugummis geklebt, auf alle Schaukästen ihre Finger gedrückt, die Prospekte durcheinandergebracht, herumgebrüllt haben sie ganz nebenbei und sie haben Wurstbrote gegessen und auf dem Fußboden hinterlassen sie Wurststücke. Ein Lehrer und zwei Lehrerinnen stehen in der Ecke und rauchen. Sie lassen ihre Zigaretten in den Aschenbecher fallen und beginnen ihrerseits mit dem Gebrüll. Es dauert eine Weile, dann hört man ihnen zu und die Kinder treten in einer Reihe vor der Kassa an. Vier Schulklassen füllen die Eingangshalle, gut siebzig Schüler – und die Lehrer lassen jeden einzeln bezahlen. Das dauert. Rose an der Kassa beginnt zu schwitzen. Eigentlich schwitzt sie schon längst, weil die Heizung nicht richtig funktioniert und es viel zu warm hier drinnen ist, weil András es einfach nicht hinkriegt.

Ein Stockwerk höher beobachten Marina und Werner Antl das Treiben in der Eingangshalle durch ihr riesiges Fenster und schütteln synchron die Köpfe. »Früher haben sie das Geld noch in der Klasse eingesammelt«, sagt Werner, und Marina nickt. Er sieht sie an, dann sieht er wieder durch das Fenster. »Schau«, sagt er, »die Kleine da unten hat schon ein Handy.« Marina Antl zuckt mit den Schultern, und Werner geht zum Schreibtisch. Er trägt Hausschuhe, und heute fällt ihr das wieder besonders auf. Werner darf das, denkt Marina jeden Tag. Und das stimmt, denn Werner hatte früher zum Beispiel lange Haare. Er sitzt an seinem Schreibtisch und blättert. Marina setzt sich an den Computer und klickt mit der Maus. »Steht da auch drinnen, was es zu Mittag …?« Marina schüttelt den Kopf. Der Witz funktioniert einfach nicht mehr, und Werner sieht das ein und schweigt.

Die Kinder sind durch, der Lärm lässt nach und wandert in Richtung Garderobe. Rose schwitzt und will jetzt unbedingt ihre Hände waschen. Sie öffnet eine Schublade und holt eine Packung Desinfektionstücher hervor. Als sie mit der Desinfektion fertig ist, betritt ein Pärchen die Eingangshalle. Rose setzt dazu an, die Augen zu verdrehen, macht es aber nicht, weil die beiden ganz einfach bezaubernd aussehen.

Die Frau ist – für ein Hallenbad – echt herausgeputzt, hohe Schuhe, schwarzer Rock, Strumpf, lange, brünette Haare. Und er in einer teuren Sportjacke, seine Haare zurückgelegt, in Jeans, und seine Stiefel machen ein Klack bei jedem Schritt. Unbewusst richtet sich Rose in ihrem Kassastuhl auf. Sie wischt mit dem Handrücken über ihre verschwitzte Stirn und lächelt. Er kommt auf sie zu und zieht die brünette Dame hinter sich her. Seine Augenbrauen wackeln irgendwie. Rose ist nicht dumm: Sie weiß, dass die beiden es gewohnt sind, dümmlich angelächelt zu werden. Aber sie wird jetzt trotzdem mitspielen. Allein schon wegen seinem Klack, Klack, Klack. »Guten Morgen«, sagt sie lächelnd. »Nur Sauna«, sagt er mit wackelnden Augenbrauen, bezahlt und zieht seine Dame in Richtung Garderobe. Dann sieht er doch noch einmal über seine Schulter. Rose lächelt und kommt sich unheimlich verschwitzt vor. Ohne zu wissen, was das bringen soll, hofft sie insgeheim, dass er einer von denen ist, die diese Kombination aus sehr gutem Aussehen und unangenehmem Schweißgeruch zu schätzen wissen. Und wirklich, so dürfte es sein. Er zwinkert ihr zu, während er die Brünette durch die Garderobentür schiebt, seine Sporttasche über die Schulter wirft, die Tür aufdrückt und sich mit den Fingern durch die Haare fährt. Alles in einer fließenden Bewegung. Unter dem Kassatisch lässt Rose ihre Hausschuhe fallen und spreizt die Zehen.


Die Schüler haben sich umgezogen und über das Bad verteilt. Fred sitzt in seinem grünen Plastiksessel, atmet leise durch seine Bademeisterpfeife und versucht nicht aufzufallen. Die beiden Kinder von vorhin sind gegangen, weil ihnen jetzt zu viele Kinder hier sind, die Mutter und das Baby tun so, als würden sie schlafen, ebenso der alte Nazi, der zudem noch so tut, als sei er unsichtbar: Er hat ein Handtuch über seinen Kopf gelegt. Der Lehrer und die beiden Lehrerinnen stehen in der Ecke und suchen nach einem Aschenbecher. Bald beginnen sie wild zu gestikulieren. Fred sieht ihnen dabei zu, und was er sich vorstellt – die Sätze, die er ihren Gesten zuordnet –, trifft überraschenderweise ziemlich genau den Kern der Diskussion: Können wir dann gehen?, fragen die beiden Lehrerinnen. Und was soll ich mit den Kindern machen?, fragt der Lehrer. Wie habt ihr euch das vorgestellt? – Der Bademeister ist ja auch noch da. Fred sinkt in seinen Sessel zurück. Na, der wird mir weiterhelfen … – Stell dich bitte nicht so an. Was soll schon sein? – Ach, macht doch, was ihr wollt! – Ok, danke. Die zwei Lehrerinnen werfen die Handtücher über ihre Schultern und gehen. Also, bis dann! Alles fein! Freistunde in der Sauna.

Fred richtet sich wieder auf und zwinkert dem Lehrer zu: Ruhig bleiben, mein Freund. Ich bin ja auch noch da. Doch der Lehrer sieht das nicht, weil er mit seinem Badeschuh gegen einen Mistkübel tritt und danach Schmerzen hat. Nie wieder! Das will er damit sagen. Fred sieht es genau und bläst in seine Pfeife, weil er auch sieht, dass sich zwei Oberstufenschüler im Becken einen Kleinen vorgenommen haben und der knapp vor dem Ertrinken ist. »He!«, brüllt Fred. »Schluss da!« Dann zwinkert er dem Lehrer noch einmal zu und der schüttelt den Kopf. Fred atmet durch die Nase aus. Im Becken geht der Wahnsinn weiter. Bei jedem Sprung ins Wasser zuckt der alte Nazi unter seinem Handtuch zusammen. Wenn Fred dem Becken den Rücken zudreht, hat das beinahe jedes Mal ein noch viel lauteres Platschen zur Folge, wie es nur von einem heimlichen Sprungturm-Sprung kommen kann. Der Sprungturm ist gesperrt, was jene, die Regeln nicht ernst nehmen – und das sind einige –, nicht abhält. Der einzige Trost für Fred, wenn seine Autorität auf diese Weise wieder einmal mit Füßen getreten wird: Ein Sprung vom Turm ärgert den alten Nazi noch viel mehr als ein einfacher Randsprung.

In der Sauna begegnen die Lehrerinnen zunächst András, der dort unten heute eigentlich nichts zu tun hat, aber dort ist, weil er gesehen hat, wie die beiden zuvor in die Umkleidekabine gegangen sind. András nickt den Lehrerinnen zu und klopft mit einem kleinen Hammer gegen die Wand. Dazu grinst er auch noch, die beiden Lehrerinnen kontrollieren die Knoten ihrer Badetücher und sehen sich um. Der Saunabereich gehört beinahe ihnen allein, das haben sie auch so erwartet an einem Dienstagvormittag. Nur vor der Finnischen stehen zwei Paar Badeschuhe. Und obwohl sie allein sein wollten, stellen sie ihre eigenen Schuhe daneben ab und öffnen die Tür. Und da liegen sie: er und sie. Er – rasiert von oben bis unten, durchtrainiert und entspannt. Sie – das Haar getrimmt, alles Natur und ebenso entspannt. Beide gerade so, als würden sie zuhause nackt herumliegen und genau so, als ob sie wüssten, dass das für zuhause viel zu schade wäre.

Die beiden Lehrerinnen bleiben einen Moment lang in der Tür stehen, er und sie bemerken den kalten Luftzug, er hebt seinen Kopf und räuspert sich. Dann lächelt er freundlich und sagt: »Meine Damen …« Die Lehrerinnen treten ein und nehmen auf der untersten Bank Platz. Er und sie bleiben liegen, schließen die Augen, bereit dazu, von oben bis unten angesehen zu werden. András beobachtet die Szene durch das kleine Fenster in der Tür und denkt angestrengt nach. Er braucht einen Vorwand, um da drinnen nackt auftreten zu können. Dann würde die Sache explodieren, da ist er ganz sicher.

»He! He, Spanner!« András klopft mit dem kleinen Hammer in kurzen Abständen gegen die Wand und dreht langsam den Kopf. Die Lehrerinnen blicken verwirrt umher, er und sie bleiben ganz ruhig liegen. András hat sich umgedreht, und vor ihm steht Robert Anker, das Saunatuch um die Hüften und den Holzkübel in der Hand. »Na?«, fragt er, »alles gesehen?« András schüttelt den Kopf, steckt den Hammer in seinen Gürtel und geht murmelnd ab. Robert schießt die Badeschuhe gegen die Wand, öffnet die Tür und sagt viel zu laut: »Aufguss! Guten Morgen, die Damen und der Herr!«

Im Bad kämpft der Lehrer inzwischen mit seinem Dasein und will einfach keine Hilfe von Fred annehmen. Fred hat es versucht, er hat ihm noch einmal zugezwinkert, mehrmals genickt und mit seiner Pfeife gepfiffen. Die Schüler spielen im Becken ihr eigenes Spiel. Die Kleinen haben viel Wasser geschluckt, den Großen ist jetzt langweilig und sie wollen rauchen, und die dazwischen stehen im seichten Wasser und wachsen, ob sie es wollen oder nicht.

Fred hat ebenfalls aufgegeben und steckt die Pfeife in die Tasche seiner Bademeisterweste. Der Lehrer sitzt nur da und wartet. Die Kinder im Becken werden ruhiger. Der alte Nazi sieht vorsichtig unter seinem Badetuch hervor und staunt, weil sich keiner mehr bewegt. Irgendetwas stimmt hier nicht, denkt er und hustet.


Die beiden Lehrerinnen sind zurück, wieder im Badeanzug, die Saunatücher tragen sie über den Schultern. Der Lehrer würde gerne gegen den Mistkübel treten, schüttelt stattdessen nur den Kopf, und eine Lehrerin schüttelt ihren. Alle drei ersparen sich die Diskussion und suchen nach Schülern, die eine Abreibung verdient haben. András geht durchs Bild und trägt eine große Bohrmaschine über der Schulter.

Im Büro hinter der Glasscheibe hat Werner Antl unter seinem Schreibtisch die Hausschuhe ausgezogen, und Marina kennt den Geruch. Werner darf das. Auch wenn er an seinem Schreibtisch schon lange nichts mehr geschrieben hat. »Was ist bei dir da drüben so los?«, fragt sie freundlich und kommt hinter ihrem Bildschirm hervor. »Ach«, antwortet Werner, »du weißt ja …« Er versucht in ihren Augen zu lesen, ob sie bemerkt hat, dass er seine Hausschuhe ausgezogen hat. »Immer dasselbe«, sagt er, »aber nichts ist umsonst.« Sie lächelt und verschwindet wieder hinter dem Bildschirm.

»Rose!«, sagt Werner plötzlich, und die Bürotür öffnet sich. »Alles in Ordnung, Kleines?«, fragt Marina, und Rose nickt: »Alles ok.« Werner hält seinen Daumen in die Höhe: »Ist schon Mittag?« – »Gleich.«

Kurz vor Mittag – jetzt geht’s los: Sie treiben die Schüler zusammen. Die beiden Lehrerinnen und der Lehrer bilden wieder eine Einheit. Das müssen sie auch, denn hier gibt es nichts zu gewinnen. »Raus aus dem Wasser!«, brüllen sie. »Raus aus dem Wasser!« Die ersten Köpfe drehen sich in ihre Richtung, das bleibt vorerst aber die einzige Reaktion. Fred bläst in seine Pfeife und zwinkert den Lehrerinnen zu. Die bemerken es nicht und ihr Brüllen wird noch lauter. Der alte Nazi murmelt aufgebracht und unentwegt, das Wasser schlägt über den Rand, die Tür der Kantine schwingt kurz auf und wird gleich wieder geschlossen.

»Das kriegen wir hin!«, brüllt Fred und springt aus seinem Plastiksessel. Er rollt den Schlauch aus, dreht am Hahn und will die Schüler im Becken mit kaltem Wasser bespritzen. András hält Fred davon ab. »He!«, brüllt der Lehrer. »He!« Aber die Aufregung wirkt: Einer nach dem anderen kriechen sie aus dem Becken, gehen zu ihren Handtüchern und dann in die Garderobe. Fred imitiert mit Zeigefinger und Daumen eine Pistole und drückt mehrmals ab. Die Lehrerinnen und der Lehrer nicken ihm dankend zu, meinen es aber nicht ernst. Fred setzt sich und sucht nach seinen Zigaretten. Er gibt es ja zu: Er hat inzwischen heimlich zwei Dosen Bier getrunken.


Schulklassen sind eine Naturgewalt. Wenn sie weg sind, ist alles nass, alles nass. Irgendetwas bleibt immer liegen, manchmal wird etwas kaputt, manchmal gibt es Blut. Blut ist schlecht, denn das gibt Beschwerden. Denn schuld sind niemals die Kinder, schuld ist der rutschige Boden.

Deshalb hasst Fred die Schulklassen, weil er hinter ihnen herwischen muss. Das steht nicht in seinem Vertrag. »Ich bin hier der Bademeister, verdammt! Ich bin für die Sicherheit zuständig.« Das war schnell entkräftet – denn: rutschiger, weil nasser Boden ist unsicherer Boden. Und zweitens gibt es gar keinen echten Vertrag. »Beschwer dich, aber wische!« Also wischt Fred. Die Gegend um den Stammplatz des alten Nazis lässt er dabei immer aus. Den alten Nazi kann aber nichts zu Fall bringen, der kennt jede Fliese und steht auf seinen dünnen, grauen Beinen erstaunlich gut da.

Wenn die Schulklassen weg sind, sagt Fred, dann weiß man wenigstens die Ruhe hier wieder zu schätzen. Da ist schon was dran. Manchmal ist Fred eine Art Philosoph mit einem Wischmopp.

Ein gestreifter Wasserball treibt von einer Seite zur anderen, er schwimmt allein seine Längen. Fred lehnt seinen Kopf gegen den Stiel des Wischmopps und sieht ihm dabei zu. Eigentlich ein romantisches Bild, das leere Becken, würde nicht zugleich KONKURS! in großen roten Buchstaben auf dem Beckenboden stehen (denn ein leeres Schwimmbecken bezahlt keine Gehälter). Und würde sich nicht der alte Nazi auf seinen dünnen Beinen durchs Bild schleppen. »Alter Sack«, murmelt Fred und wischt weiter.

Viele gibt es nicht, vor denen der Alte Respekt hat – vor dem großen Boss natürlich auch heute noch. Und vor den Russen, aber das würde er nie zugeben. Ebenso wenig wie die für ihn schmerzliche Tatsache, dass eine ganz eigene Art von Respekt zu tragen kommt, wenn er die Kantine betritt und von den vielen freien Tischen einen aussuchen muss. Einer davon ist fast rund um die Uhr besetzt, dort sitzen Georg und Grant über ihren Gläsern und ihrem Kartenspiel.

Sie hassen ihn. Er weiß es, das macht ihm auch nichts aus, das kennt er und in gewisser Weise respektiert er das auch. Dass andere ihn hassen. Aber die beiden – sie ignorieren ihn. Und das hat ihm noch jedes Mal das Mittagsmenü verdorben. Das Mittagsmenü gehört aber zu einem Badetag. Heute: Würstel mit Püree. Es schmeckt ihm, könnte aber noch viel besser schmecken, würden nicht Georg und Grant dort an ihrem immer gleichen Tisch sitzen, die Karten mischen und sie lautstark auf die Tischplatte knallen und noch lauter mit ihren Gläsern zusammenstoßen. Georg und Grant haben in der Hallenbadkantine eigene Gläser, mit ihren Namen drauf. Der alte Nazi würde Georg und Grant so gerne zeigen, wie sehr auch er sie hasst. Aber sie ignorieren ihn, und das macht es ihm unmöglich.

Und schon wieder ist es so weit: Diese lauten Menschen drehen sich um und brüllen quer durch die Kantine, dass man ihnen doch bitte die Luft aus den Gläsern lassen solle. »Pronto, wenn’s geht!« Wie immer beginnt Georg laut zu lachen und das so lang, bis auch Grant mitlacht. Hinter der Schank baut Bella ihren beachtlichen, ihren beachtlich großen Körper auf. Weil das nichts bringt, schlägt sie einmal mit der flachen Hand aufs Holz, und es wird wieder ruhig in der Kantine, denn hier drinnen gibt es nur eine Chefin, das sehen auch die Biergeister ein. »Na?!«, fragt Bella und meint damit Susi. Die kämpft mit dem Zapfhahn, hat dann aber die beiden Gläser voll und trägt sie zum sogenannten Stammtisch (es gibt jeweils zwei Gläser, auf denen Georg und Grant steht, und jeweils eines ist immer voll oder zumindest halb voll). »Na also«, schnauft Bella und serviert sich selbst einen Kaffee. Guten-Morgen-Tasse, steht auf Bellas Kaffeetasse geschrieben. Und: Bitte nicht ansprechen!

Susi hinkt ein wenig. Sie bemüht sich, aber das reicht nicht. Bemüh dich!, haben die Erwachsenen immer gerufen, als die kleine Susanne zuhause im Hof über die Pflastersteine gehinkt ist. Bemüh dich mehr! Sie hat es versucht, aber nie war einer ganz zufrieden. Am wenigsten sie selbst. Das ist ihr geblieben. Heute steckt Susi in diesen Kellnerinnenschuhen, die mit den belüfteten Fersen und den dicken Sohlen. Die Füße tun ihr dann nicht so sehr weh, aber das Hinken ist geblieben.

Und so hinkt sie über den Fliesenboden der Kantine, und manches Mal tropft der Bratensaft über die flachen Teller auf die Fliesen, aber Bier wird nie verschüttet. Und trotz ihres Hinkebeins wird sie beobachtet – so wie eine Kellnerin nur von ihren Gästen beobachtet werden kann: mit glasigen Augen. Das übernehmen Georg, Grant und die anderen Biertrinker, die seit Jahrzehnten keine Badehose mehr getragen haben, aber im Hallenbad gern zu den wenigen Stammgästen gezählt werden. Denn: Geht’s der Kantine gut, geht’s auch dem Hallenbad ein wenig besser.

Georg und Grant haben ihr Bier, stoßen die Gläser aneinander und beenden das Ritual mit ihrem lauten Aaaaah! – ganz so, als ob ihnen Bier noch schmecken würde. Den alten Nazi ärgert das natürlich und er löffelt sein Püree schneller. Susi hinkt zurück hinter die Schank. Willi sieht aus seiner Küche hervor, und sofort fragt Bella: »Hast du da drinnen nichts zu tun?« Willi schüttelt den Kopf, und sie sagt: »Na, dann stell dich zu uns her!« Und da stehen sie zu dritt nebeneinander, Bella, Susi und Willi, und sehen ihren Gästen zu. Kein erfreulicher Anblick, aber das fällt ihnen schon lange nicht mehr auf. Oder sie wissen es längst.

Fred kommt durch die Tür und steckt sich eine Zigarette in den Mund. »Freddy!« Willi freut sich, wenn er Fred sieht, und der bleibt gelassen, das gehört dazu. »Hast du da draußen nichts zu tun?«, fragt Bella. »Niemand mehr da«, sagt Fred. Die drei hinter der Schank sehen aus dem Fenster in die Halle, die jetzt leer ist. Nur der Wasserball treibt allein durchs Becken. Während er die Zigarette anzündet, geht Fred zum großen Tisch und zieht einen Holzstuhl lautstark über die Fliesen. Der alte Nazi beißt in seinen Löffel.

Niemand mehr da – das bedeutet Mittagessen. Bella, Susi und Willi lösen die perfekte Dreierreihe, in der sie hinter der Schank gestanden sind, auf. Willi taucht durch seinen Küchenvorhang, Susi sucht nach Gläsern, Bella bleibt genauso stehen. Jetzt kommt auch András und gleich darauf kommt Rose (hinter der Kassa hat sie ihr Schild aufgestellt: Eintrittskarten? Bitte in der Kantine fragen!) und schließlich die Chefs. Marina und Werner übernehmen den Vorsitz, Susi bringt die Suppe und alle lachen, als Robert Anker die Kantine betritt und wieder nur ein Handtuch um die Hüften hat und sonst nichts. »Dich würden wir angezogen wirklich nicht erkennen!« – »Na, wenn das so ist!«, ruft Robert und zieht an seinem Handtuch. Alle haben ihren Spaß und sie essen Würstel mit Püree. Wie eine große, freundliche Familie. Und wenn sie noch so behaupten, davon nichts hören zu wollen – genau das sind sie auch.

2.

Am Nachmittag brauchen dann alle Abstand, und den suchen sie über das gesamte Gebäude verstreut. Marina Antl lässt das Geschäft für eine Stunde ruhen und legt sich in die Dienstwohnung – eine Küche, ein WC und ein kleines Zimmer, das sie mittlerweile genau nach ihren Vorstellungen eingerichtet hat (man weiß ja nie). Dort fällt sie in ihr Bett, liest ein paar Seiten oder sieht eine sinnlose Sendung an, bis sie einschläft. Die Dienstwohnung liegt über dem Technikraum, und an das Brummen und Poltern hat sich Marina langsam und schließlich ganz gewöhnt. Das hilft ihr sogar beim Einschlafen.

Werner Antl ist am frühen Nachmittag auch gerne allein im Büro. Er stellt seine Hausschuhe ab, zieht die Socken aus und wartet, bis das Mittagessen wirkt. Er drückt die Knöpfe, sitzt vor zwölf kleinen Bildschirmen und sieht sich die Übertragung der Überwachungskameras an, die er vor einigen Jahren in den interessantesten Ecken des Hallenbads hat installieren lassen.

Kamera 1 – Eingang außen

Kamera 2 – Eingangshalle

Kamera 3 – Schwimmbad

Kamera 4 – Gang

Kamera 5 – Umkleidekabinen Herren

Kamera 6 – Umkleidekabinen Damen

Kamera 7 – Gang

Kamera 8 – Eingang Kantine

Kamera 9 – Eingang Sauna

Kamera 10 – Sauna

Kamera 11 – Keller / Gang

Kamera 12 – Technikraum

Werner kennt all die anderen besser als sie sich selbst, denn er weiß, was sie tun, wenn sie allein sind.

Kamera 1 – Eingang außen

Vor der Tür sitzen manchmal Jugendliche und rauchen, vielleicht weil sie glauben, dass sie dort keinesfalls erwischt werden. Heute, Dienstag, kurz nach 2, sind die Stiegen aber leer. Keiner kommt, keiner geht, kein Auto bleibt stehen. Werner könnte diesen Bildschirm genauso gut ausschalten.

Kamera 2 – Eingangshalle

Die unnötigste Überwachungskamera ist trotzdem Kamera 2, denn alles, was in der Eingangshalle passiert, kann man auch durch das riesige Panoramafenster vom Büro aus sehen. Der Vollständigkeit halber läuft Kamera 2 aber. Die Übertragung ist meist spannender als der Blick durch das Fenster. Es ist immer aufregend, über einen Bildschirm live dabei zu sein.

Rose Antl geht durch die Halle, die eigentlich nur ein größerer Raum ist. Verzogener Teppich, verschobener Tisch – Rose gibt ihm mit dem Fuß einen Stoß, und er steht noch verschobener da. Werner lächelt. Sogar wenn sie nicht weiß, dass sie beobachtet wird, rebelliert sie. Rose nimmt ihren Platz hinter der Kassa ein und zählt das Schülergeld vom Vormittag. Werner beugt sich vor zum Bildschirm und beißt in seinen Daumen. Sie steckt nichts ein. »Gutes Mädchen«, sagt er. Während sie das Geld zurück in die Kasse legt, dreht sie der Kamera den Rücken zu und das verdeckt Werner die Sicht. Es dauert viel zu lange, bis Rose sich wieder umdreht und die Kassenlade schließt. »Dieses kleine Luder …«

Kamera 3 – Schwimmbad

Nach dem Mittagessen ist Fred immer am motiviertesten. Lange hält es ihn nicht auf seinem Plastiksessel. Er ist gewissermaßen allein, kein Mensch schwimmt um diese Zeit, heute nicht. Der alte Nazi ist zwar noch da, aber nach dem Essen muss er schlafen, dieses Bild kennt Werner – den alten Nazi (Werner selbst nennt ihn nicht so, er weiß, dass er Hermann heißt) am oberen Bildschirmrand, auf der Liege, mit dem Handtuch über dem Kopf.

Fred springt plötzlich aus seinem Sessel auf. Auch das kennt Werner, das ist die Nachmittagsvorstellung. Fred beginnt langsam mit den Beinen zu wippen, er tänzelt, dann tanzt er los. Über den feuchten Fliesenboden bewegt er sich in Zeitlupe rückwärts, ohne dass seine Füße den Kontakt zum Boden verlieren. Moonwalk nennt er das; er hat Werner erzählt, dass er den erfunden hat. »Das stimmt nicht.« – »Oh doch!«, hat er gerufen. »Moonwalk, Moonwalk …« Und dabei ist er immer weiter rückwärtsgelaufen, wie auf Schienen, bis er durch die Tür und auf dem Gang draußen war. Dass Fred seine Lippen bewegt, sieht Werner jetzt auch auf dem Bildschirm. Sieht aus, als ob er singt. »Moonwalk, Moonwalk, Moonwalk …« Die Kamera überträgt nur das Bild und keinen Ton. Und außer dem Wasser gäbe es überhaupt nichts zu hören, denn Fred singt sein Lied tonlos, um den alten Nazi nicht zu wecken. Mit dem macht er sich lieber einen Spaß, tanzt rechts aus dem Bild und kommt am oberen Bildschirmrand wieder raus, singt lautlos »Moonwalk« und gleitet in Zeitlupe rückwärts am alten Nazi auf seiner Liege vorbei, ohne dass seine Füße den Kontakt zum Boden verlieren. Fred wäre wohl ein guter Tänzer, denkt Werner, wäre er nicht so hoffnungslos in diesem Schwimmbad gefangen.

Kamera 4 – Gang

Es ist nur ein Gang, sagt sich Werner und sieht kurz zu Bildschirm 4 hin. Eine Tür links, zwei Türen rechts, weiße Wände und am Ende kommen die Umkleidekabinen. Niemand ist zu sehen. Natürlich nicht. Gott sei Dank.

Kamera 5 – Umkleidekabinen Herren

Kamera 6 – Umkleidekabinen Damen

Die Kameras in der Herren-Umkleide und in der durch eine dünne Wand getrennten, spiegelverkehrten Damen-Umkleide sind so ausgerichtet, dass die beiden Bildschirme nur eine Reihe von Kabinentüren und Kästchen zeigen und keiner sich beim Umziehen beobachtet fühlen müsste. Werner und auch Marina würden das nicht so eng sehen, die Behörden aber schon.

Selbst wenn wenig Betrieb ist, liegt oder hängt immer irgendwo ein vergessenes Handtuch herum. Das ist auch heute so. Im Keller gibt es einen Raum, der ausnahmslos mit vergessenen Handtüchern, Badehosen, Badeanzügen, Unterhosen und Socken gefüllt ist. Auch dort wird der Platz schon eng, denn nach den Sachen sucht keiner mehr. In der Damen- und in der Herren-Umkleide stehen alle Kästchen bis auf eines offen – mit einem Blick weiß Werner somit, dass nur der alte Nazi, also Hermann, im Schwimmbad ist, denn der nimmt alles in einer Tasche mit, die er dann unter seiner Liege versteckt.

Kamera 7 – Gang

Diesen Gang mag Werner lieber. Er ist hell, in freundlichem Gelb gestrichen und führt von den Umkleidekabinen direkt ins Schwimmbad. Wenn viel los ist, ist hier am meisten los. Die Kinder laufen zwischen Bad und Kabinen herum und die Erwachsenen warten auf den Aufzug, der sie ein Stockwerk tiefer in die Sauna bringt.

Um die Ecke kommt Robert Anker und beendet seinen Verdauungsspaziergang durchs Bad, auf dem er nach dem Mittagsmenü besteht. Er drückt den Aufzugknopf, zieht am Handtuch und beendet seinen Spaziergang nackt, wie sich das aus seiner Sicht gehört. Im Aufzug gibt es keine Kamera, das sei technisch nicht möglich, hat man Werner gesagt.

Kamera 8 – Eingang Kantine

Lange Zeit die umstrittenste Kamera. Werner hat sie an einem denkwürdigen Abend in einem harten Kartenspiel gegen Bella erkämpft, und trotzdem wirft Bella noch heute mit Bierstoppeln oder Brotscheiben danach, wenn sie einen schlechten Tag hat. Wäre es nach Werner gegangen, dann würde er auf einem seiner Bildschirme jetzt auch sehen, was hinter der Kantinentür vor sich geht; aber mehr war nicht drinnen: Bella ist eine brutale Kartenspielerin und auch im Verhandeln gnadenlos.

Dennoch hat Bildschirm 8 einiges zu bieten, die Tür zur Kantine geht laufend auf und zu. Das liegt zum einen daran, dass das Klo draußen in der Eingangshalle ist, das bringt reichlich Bewegung. Zum anderen tauchen neben den immer gleichen immer wieder auch neue Gesichter auf, die zumindest bis zum ersten Klobesuch bleiben. Und im Grunde ist Werner froh darüber, dass er nicht sieht, was in der Kantine so alles los ist – wenn er beobachtet, wie vormittags einer der Stammgäste reingeht und am späten Nachmittag völlig verändert wieder herauskommt. Dann ist Werner auch froh, dass es Bella gibt. Zum einen, weil sie ihm die Kamera in der Kantine verboten hat und zum anderen, weil sie die Saubande da drinnen wirklich im Griff hat.

Die Kantinentür schwingt auf und Grant kommt heraus, kratzt sich lange im Schritt und verschwindet dann am rechten Rand des Bildschirms. Auf Bildschirm 2 erscheint er wieder und geht aufs Klo.

Kamera 9 – Eingang Sauna

Nach der Kantinentür und der Klotür ist der Eingang zur Sauna der am stärksten frequentierte Bereich im Hallenbad. Deshalb ist Kamera 9 eine der wenigen, die behördlich vorgeschrieben wurden, aus Sicherheitsgründen. Außerdem sind die Fliesen hier besonders rutschig; das kommt von jenen Gästen, die sich bereits im Aufzug ausziehen und das Wasser noch vor der Saunatür aus ihren Badesachen drücken. Keiner weiß, wer damit angefangen hat, aber diese Angewohnheit hat sich im Lauf der Jahre durchgesetzt, ist unter den Sauna-Insidern sozusagen Hausbrauch.

Wenn Werner auf seinem Bildschirm sieht, wie ein Nackter oder halb Nackter gefährlich über den Boden rutscht, ruft er sofort im Schwimmbad an (der heiße Draht) und schickt Fred mit dem Aufwaschkübel nach unten. Von Stürzen, Knochenbrüchen und all den unangenehmen Folgen will Werner gar nichts hören, und das hat auch Fred schon in seinen Kopf gekriegt. Deshalb fragt er im Falle eines solchen Anrufs nicht lange, nimmt den Kübel und geht los.

Kamera 10 – Sauna

Wie in den Umkleidekabinen gilt auch hier: Die zur Überwachung der Sicherheit installierte Überwachungskamera darf den höchst privaten Bereich der Gäste in keinster Weise einengen oder gefährden! So steht es wörtlich in den behördlichen Richtlinien. Also keine Aufnahmen von Penissen, Hoden, Brüsten, Vaginas oder Schamhaar jeglicher Art. Und obwohl die Kamera von der hintersten Ecke aus nur auf die Türen der drei Saunakabinen und den Ruheraum ausgerichtet ist, lässt es sich nicht so leicht vermeiden, dass nicht auch einmal ein Penis oder ein Paar Brüste durchs Bild spazieren. Soll so sein, sagen die Behörden, oder zumindest die meisten von denen, die sich als die Behörden aufspielen dürfen. Werner hält es da genauso wie Fred: Wenn er Nackte sehen will, kann er gleich selbst in die Sauna runtergehen.

Was Werner nicht weiß: András sieht das anders. Und was Werner auf seinem Bildschirm nicht sieht: Dass András in diesem Moment die allgemeine Mittagsruhe ausnützt und in der finnischen Sauna unter den Bänken herumkriecht, um seine eigene kleine Kamera abzumontieren, die er dort versteckt hat. Die Bilder von heute Vormittag versprechen für heute Abend einiges.

Kamera 11 – Keller / Gang

Im Wettbewerb um die unnötigste Kamera im Hallenbad liegt Kamera 11 unter den Top-3-Plätzen. Denn Bildschirm 11 bleibt die meiste Zeit schwarz. Das Licht im Gang hinter der Kellertür mit der Aufschrift Zutritt für Unbefugte verboten! (direkt neben dem Eingang zur Sauna) geht nur an, wenn dort jemand unterwegs ist. (Diese Bewegungssensoren sparen Energie und irgendwo muss man ja anfangen zu sparen.) Trotzdem bleibt Werners Blick viel zu oft und viel zu lange an diesem Bildschirm hängen. Es könnte ja sein, dass sich dort jemand bewegt, und wenn, dann will Werner sehen, wer das ist.

Kamera 12 – Technikraum

Diese würde dann wohl Platz vier belegen, gäbe es den Wettbewerb der unnützen Kameras wirklich und nicht nur in den Diskussionen, die Werner und Marina beinahe täglich über Sinn und Unsinn (und vor allem Kosten) der Kameras führen. Ob die Technik mitspielt und alle Anzeigen im grünen Bereich sind, kann man auf dem Bildschirm nämlich nicht erkennen. Wohl aber – und das ist Werners Argument in den Diskussionen, zumindest in jenen um Kamera 12 –, ob András auf seine Anweisungen hört und kontrolliert, warum das Warmwasser ausbleibt, wenn es darüber Beschwerden gibt, oder der Frage nachgeht, ob das mit der Heizung wirklich so schwer sein kann. Derzeit gibt es keine Beschwerden (weil keine ernst zu nehmenden Badegäste), und die Temperatur im Hallenbad stimmt so halbwegs. András scheint es sich aber nicht nehmen zu lassen, in seiner Mittagspause nach dem Rechten zu sehen, denkt Werner, denn hinter den Boilern im Technikraum sieht er jemanden auf und ab gehen und das kann nur András sein.

Daran zweifelt Werner auch nicht und seine Augen reibt er, weil es keine leichte Aufgabe ist, alle zwölf Bildschirme auf einmal zu überwachen. Mit den Fingerknöcheln in den Augen sieht er kleine Sterne und Lichtblitze und übersieht dabei beinahe, dass auf Bildschirm 1 etwas los ist. Dass ein großer Wagen vor dem Hallenbad vorfährt, aus dem Hofrat Spreitzer steigt. Diese Ratte.

3.

Marina Antl versucht noch, das Telefonklingeln in ihren Traum einzubauen, dann ist sie wach und hebt ab. »Der Spreitzer ist da! Der will irgendwas!«, ruft Werner in den Hörer, legt auf, sucht mit den Füßen unter dem Schreibtisch seine Hausschuhe, schlüpft hinein, springt vom Sessel und läuft nach unten. Seine Hausschuhe machen lustige Geräusche, als er Hofrat Spreitzer entgegengeht. Dabei behält er die Geschwindigkeit bei. Wie immer steht direkt hinter dem Hofrat sein Assistent, Kaufmann, der demonstrativ Ausschau hält und in einem kleinen Buch herumkritzelt. Kaufmann sieht genauer hin, sieht Werner Antl ungebremst auf seinen Hofrat zuhalten, unterbricht seine Notizen, macht einen Schritt nach vorn und baut sich schützend zwischen den beiden auf.

»Nicht so schnell«, sagt er mit einer Stimme, die aus seinen Nasenlöchern kommt, »nicht so schnell, guter Mann.« Werner bremst, schnauft und kämmt mit den Fingern seine Haare. »Was schreibt er da?!« – »Man wird sich ja noch Notizen machen dürfen«, kommt es aus den Nasenlöchern.

»Zuerst einmal: Guten Tag«, sagt Hofrat Spreitzer und geht ein paar Schritte durch die Eingangshalle. Werner und Kaufmann gehen ihm hinterher. Spreitzer bleibt stehen, fährt herum und hält Werner die Hand hin. Der nimmt sie widerwillig und schüttelt sie. »Wir kommen nur auf einen Sprung vorbei«, sagt Spreitzer und lässt Werners Hand nicht los. Kaufmann grinst. Werner drückt mit der Hand stärker zu, Spreitzer macht es ihm nach; Gesicht an Gesicht stehen sie da.

»Meine Herren, das erledigen wir besser gleich in der Sauna!« Werner und Spreitzer drehen die Köpfe zur Seite und sehen fragend Marina Antl an, die mit deutlich schwingenden Hüften die Stiegen runtergeht und dabei lächelt: »Euren Schwanzvergleich, meine ich.« – »Können wir gerne machen«, sagt Spreitzer. »Darauf kannst du wetten«, antwortet Marina. Werner nickt mit geschlossenen Augen und zieht seine Hand aus Spreitzers Hand. Genau deshalb hat er sie zur Hilfe gerufen – wegen ihres Charmes. Dass Marina den Hofrat einfach per Du anspricht, ist auch für Werner neu, aber es scheint zu funktionieren: Jetzt grinst Spreitzer auch, und Werner findet seinen anzüglichen Blick ganz und gar nicht gut. Kaufmann redet mit: »Die Sauna kontrollieren wir sowieso auch.« Alle drei sehen ihn an, und jetzt ist es Marina, die anzüglich wird: »Kannst gerne mitmachen.« Kaufmanns Gesicht läuft rötlich an. Spreitzer sagt: »Ach, Kaufmann, entspann dich endlich.« Kaufmann blättert verärgert in seinem Notizbuch, Spreitzer schüttelt den Kopf und wendet sich wieder den Antls zu: »Ist heute ja nur ein Freundschaftsbesuch, sozusagen.« – »Was heißt hier kontrollieren?«, fragt Werner. »Stadtratssitzung«, murmelt Kaufmann. »Und was ist da?!« – »Nächste Woche«, sagt Spreitzer, »da geht es wieder um euer Bad. Haben Sie den Bescheid nicht bekommen?« – »Lesen wir nicht.« – »Sollten Sie aber. Noch nicht nächste Woche, aber irgendwann wird’s knapp.«

Werner schnauft, Marina ist inzwischen angekommen und legt ihre Hand auf seine Schulter. Spreitzer wiederum greift auf Kaufmanns Schulter, und dem ist das sichtlich unangenehm. »Ich würde sagen, wir gehen unsere Runde, und dann besprechen wir alles beim Kaffee in der Kantine.« Werner und Marina nicken widerwillig. »Den bezahlen wir natürlich«, sagt Spreitzer, und Kaufmann klappt unnötig laut sein Notizbuch zu.

Zu viert gehen sie los. Während Marina an der Kassa eine kurze Diskussion schlichten muss, weil Rose Antl Eintritt verlangen will, wirft Werner durch das Fenster einen besorgten Blick in die Kantine, wo Georg mit der Hand in seinem Bierglas nach irgendetwas zu suchen scheint und Grant aufgestanden ist und auf den Zehen wippend mit Bella streitet.

»Straßenschuhe gibt’s hier drinnen eigentlich nicht«, sagt Fred, und von seinem Plastiksessel aus zwinkert er Werner mit einem Auge zu. »Schon gut«, sagt Werner und zeigt mit dem Finger nach oben an die Decke: »Und dort ist die Lüftung.« Hofrat Spreitzer nickt, Kaufmann schlägt sein Buch auf und notiert etwas. »In Ordnung«, sagt Fred, »dann machen wir heute eine Ausnahme.« Er meint es gut und lehnt sich demonstrativ entspannt zurück. Dabei weiß er nicht, dass alle den randvollen Aschenbecher unter seinem Sessel sehen können. Kaufmann macht Notizen, Spreitzer nickt ihm zu, Marina stößt Werner inzwischen mit dem Ellbogen, und da sieht er es auch: Der alte Nazi hat zwar immer noch sein Handtuch über dem Kopf, aber auch eine Hand in der Badehose und die bewegt sich langsam auf und ab.

»Wir machen hier weiter«, sagt Werner und dirigiert die Gruppe in die andere Richtung, weg vom Becken, zurück auf den Gang. Dabei sieht er noch einmal über die Schulter, und auch von der anderen Seite macht ihm der Blick durchs Kantinenfenster keine Freude: Dort versucht Grant gerade über die Schank zu klettern, Bella schwingt mit dem Besen einmal durch und trifft ihn am Kopf. Werner schiebt Spreitzer vor sich her, der lässt es zu: »Da geht es in die Sauna.« – »Haben Sie hier eigentlich ein Kinderbecken?«, fragt Kaufmann. – »Ja, warum?« – »Nur so.«

Als sie zu viert auf dem Gang stehen und der Aufzug nicht kommt, geht es endlich allen gleich. Jeder wartet darauf, dass endlich die Türen aufschwingen, jeder wackelt ein wenig mit dem Kopf und summt seine eigene Melodie. Ein altmodischer Klingelton, die Türen gehen auf und Spreitzer sagt: »Nach Ihnen.«

Der Aufzug ist alt und eng. Werner drückt sich an Marina, Kaufmann steht neben Spreitzer, Werner drückt den Knopf, die Türen rattern und keiner sagt ein Wort, obwohl das alles ewig dauert. Die Fahrt nach unten ebenso. Als Kaufmann versucht, Spreitzer etwas ins Ohr zu flüstern, versetzt der ihm einen Stoß, dass die Aufzugkabine wackelt. Werner schwitzt, Marina lässt es sich trotzdem nicht nehmen, ihm von hinten zwischen die Beine zu greifen; da grinst er. Kaufmann sieht das Grinsen, kann damit aber nichts anfangen.

Endlich der Klingelton, und sie kommen ein Stockwerk tiefer an. »Nach Ihnen«, sagt Spreitzer wieder. Werner und Marina steigen aus dem Aufzug, die Luft ist rein. Nein, doch nicht. Als Spreitzer und Kaufmann den Gang betreten, biegt Robert Anker um die Ecke. Nackt – und sein Ding steht leicht vom Körper weg. »Also, das ist ja …«, stottert Kaufmann. »Robert Anker«, fällt ihm Marina ins Wort, »der beste Saunameister von hier bis Bad Gastein!« – »Immer zu Diensten! Einen Aufguss, meine Herren? Den werden Sie nie vergessen.« – »Nein, danke«, antwortet Kaufmann und sieht noch einmal genauer hin. Spreitzer lächelt. »Keine Sorge«, sagt Robert Anker, »ist nur vom Duschen.« Er schnalzt mit seinem Handtuch vor ihren Köpfen einmal durch die Luft und bindet es um seinen Bauch. Auch das Handtuch steht vorne weg. »Sehr gut, Herr Robert. Sie können Pause machen.« – »Warum so förmlich, Frau Antl?«, fragt er und geht mit wedelndem Handtuch den Gang entlang. Alle vier sehen ihm hinterher.

Keine Überraschungen in der Sauna, außer dass es im Aufenthaltsraum unangenehm kühl ist. Wie gehabt macht Kaufmann seine Notizen, Spreitzer lächelt, Werner fragt: »Ist das Buch noch nicht voll?« – Kaufmann schreibt schneller. Sie öffnen alle Saunatüren, stecken die Köpfe rein und schließen sie wieder. »Hier riecht’s gut«, sagt Hofrat Spreitzer und Werner weiß nicht, ob das ernst gemeint ist oder wieder nur ein übler Scherz. Marina fragt laut in die Runde: »Sollen wir uns auch ausziehen?« Das irritiert Werner, sie war schon einmal kreativer. Spreitzer lächelt anzüglich. »Bitte, hier geht’s raus«, sagt Marina.

»Und was ist da drinnen?«, fragt Spreitzer, während sie wieder auf den Aufzug warten. »Der Keller. Zutritt für Unbefugte verboten.« – »Ja, da dürfen wir selbst nicht rein«, lächelt Marina, und das findet Werner jetzt doch lustig. »Aber wir würden’s sehr gerne sehen.« – »Meinetwegen. Ist aber nicht besonders spannend.«

Sie betreten den Gang, das Licht geht an, niemand ist da. Vor der Tür zum Technikraum zieht Werner seinen Schlüssel hervor und steckt ihn ins Schloss. Das funktioniert nicht. Werner klopft gegen die Tür. »András!«, ruft er, und das mehrmals hintereinander. Erst viel später kommt eine Antwort: »Was ist los?« – »Bitte aufsperren!« – »Nein, geht schon!« – »Bitte aufsperren!« – »Ich komme dann rauf!« – »Nein, jetzt bitte gleich aufsperren!« – »Riecht’s hier nach Rauch?« – »András raucht nicht.« – »Wer ist eigentlich András?« – »Unser Haustechniker.« – »Nein, ich meine, ob es da drinnen brennt.« – »András?!« – »Ja?!« – »Brennt es bei dir?!« – »Wie?!« – »Ob es da drinnen brennt?!« – »Nein!« – »Wir kommen später wieder!« – »Alles klar, Chefin!«

Im Aufzug schweigen alle oder sehen betreten zu Boden. Es klingelt, sie kommen ein Stockwerk höher an und gehen langsam durch die Eingangshalle. »Schon spät«, murmelt Kaufmann und zeigt Spreitzer seine Armbanduhr. »Ich weiß«, antwortet Spreitzer und dreht sich zu Werner und Marina um: »Wie sieht es mit unserem Kaffee aus?«

Als sie die Kantine betreten, ist es noch schlimmer, als Werner erwartet hat. Georg und Grant haben wieder ihre bescheuerte Musik durchgesetzt: Grant grölt in einen Zuckerstreuer, den er als Mikrofon benutzt, und Georg steht auf dem Tisch, an der Schank klatschen alle mit. Susi räumt die Gläser ab und humpelt merklich. Bella kommt auf Werner zu und flüstert – so laut, dass alle es hören können: »Der Willi, der hat sich im Kühlraum eingesperrt.« – »Ja«, sagt Werner, »ist in Ordnung. Könnten wir bitte vier Kaffee haben? Gleich?« Bella antwortet nicht, bleibt aber vor ihnen stehen. Zwischen ihren Zähnen steckt ein Zahnstocher, den sie im Mund vor und zurück bewegt. »Fräulein Susi«, ruft Marina, »vier Kaffee, bitte!« – »Sie sollen mich doch nicht so nennen«, ruft Susi und schafft es, dabei noch freundlich zu klingen. »Wir sitzen da drüben!«, ruft Werner und schiebt Hofrat Spreitzer wieder vor sich her.

Kaufmann klappt sein Notizbuch zu. Die Musik verstummt, Grant singt weiter in seinen Zuckerstreuer, Georg klettert vom Tisch. Dabei fällt ein Bierglas runter und zerspringt auf den Fliesen. »Das räumst du selbst weg!«, brüllt Bella. – »Leck mich!«, brüllt Georg zurück, nimmt dann aber doch den Besen, nachdem Bella ihm damit auf den Rücken geschlagen hat. Kaufmann und Spreitzer beobachten die Szene mit offenem Mund, ebenso Werner und Marina – in gewisser Weise aber auch fasziniert davon, dass es Bella und den anderen schlichtweg egal ist, dass sie hier die Besitzer des Hallenbads mit zwei Gästen der Stadtverwaltung am Tisch sitzen haben. »Kaffee kommt gleich!«, brüllt Bella und spuckt ihren Zahnstocher auf den Boden: »Aufwischen!«

»Also?«, Marina lächelt, und Spreitzer lächelt zurück. »Alles bestens«, sagt er. »Was passiert jetzt als Nächstes?« – »Nicht viel. Keine Angst.« – »Wir haben keine Angst.« Kaufmann sagt: »Das war nur eine Routinekontrolle.« Spreitzer sieht ihn eindringlich an. »Stimmt ja«, murmelt Kaufmann. »Komisch«, sagt Werner.

Susi humpelt auf den Tisch zu und kämpft mit dreimal Kaffee, der auch in den Untertassen schwimmt. »Der vierte kommt gleich.« Noch einmal wird es laut in der Kantine, Bella hat den Knopf der Kaffeemaschine gedrückt. Dann ist es wieder still, die Biergeister sitzen an der Schank, rauchen und benehmen sich. Es ist zu still, findet Werner und klappert mit seiner Tasse.

»Ich kann Sie wirklich beruhigen«, spricht Hofrat Spreitzer mit gedämpfter Stimme. »Mit Ihrem Hallenbad ist alles in Ordnung, das werde ich in der Stadtratssitzung noch einmal betonen. Es wird nichts passieren, was Sie nicht auch wollen.« Klingt wie aus einer Wahlkampfrede; Werner sucht nach den Falltüren. Er ist und bleibt eine Ratte, denkt er, aber leider auch ein Fuchs. »Bleiben Sie ganz entspannt, und gemeinsam finden wir eine Lösung.« – »Eine Lösung wofür? Ich wusste nicht, dass wir eine Lösung brauchen«, fällt ihm Marina ins Wort. Sie ist bereit, die Nerven zu verlieren. Spreitzer bewegt seine Hand unbeholfen über den Tisch, und bevor er sie auf Marinas Hand legt, erscheint Susi zur richtigen Zeit mit dem vierten Kaffee. »Bitte sehr.« Spreitzer gießt die Milch aus dem kleinen Kännchen in die Tasse, macht einen Schluck und verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. »Wir müssen jetzt wirklich«, sagt er, »vielen Dank für den aufschlussreichen Nachmittag.« Er steht auf und nickt übertrieben zum Abschied. Kaufmann steht ebenfalls auf und flüstert Spreitzer etwas ins Ohr. Der hört zu, verzieht noch einmal sein Gesicht und wird laut: »Na, dann geh doch, Mensch!« Kaufmann fragt Werner: »Die Toiletten …?« – »Draußen in der Halle.« – »Ich warte beim Wagen«, sagt Spreitzer genervt, winkt, geht um den Tisch herum und beugt sich zu Marina, um tatsächlich einen Handkuss anzudeuten. Wäre sie besser aufgelegt, würde sie kichern und mitspielen; dazu sieht sie jetzt aber keinerlei Anlass. Werner schnauft, Spreitzer nickt ein weiteres Mal und geht.

Nicht einmal eine halbe Minute später wird an der Schank das Gemurmel merklich lauter, ebenso die Musik. Werner und Marina Antl sitzen immer noch auf ihren Plätzen, mit kaltem Kaffee in ihren Tassen, und über die steigende Lautstärke hinweg versuchen sie, ein paar grundlegende Fragen, die dieser Nachmittag aufgeworfen hat, zu klären. »War es so schlimm?« – »Was meinst du?« – »Hätte besser sein können.« – »Oh ja.« – »Was wollen die eigentlich?« – »Weiß ich nicht. Aber ich traue ihm kein bisschen.« – »Denkst du, ich?« – »Was machen wir jetzt?« – »Wir machen weiter.«

Werner und Marina schweigen und bleiben noch eine Weile nebeneinander sitzen. Es ist kurz nach sechs und jemand springt ins Becken. Bewegung im Wasser; am späten Nachmittag kommen die Nach-der-Arbeit-Schwimmer. In zwei Stunden ist Badeschluss. Die Kantine hat offiziell bis neun geöffnet, das ist aber selbstverständlich nur ein Richtwert. In Wahrheit hängt es von Bellas Laune und von der Leistungsfähigkeit ihrer Gäste ab. Also eigentlich doch nur von Bellas Laune, denn die Leistung ihrer Gäste ist auch deren einzig gute Eigenschaft – und schlechte zugleich (und hat jedenfalls keinen Einfluss auf Bellas Laune).

Hinter Werner und Marina machen sie sich bereit für den Abend. Sie versuchen, die Musik mit ihrem Gemurmel zu übertönen; das Ergebnis ist Kantinenlärm.

Das Hallenbad

Das Hallenbad – ein Prachtbau von einem Betonklotz

Heuer begeht das Hallenbad am 13. März sein 29-jähriges Bestehen. Das soll mit einem Fest gefeiert werden – ein Probelauf für das große Fest zum 30. Jubiläum im kommenden Jahr. Wenn das Hallenbad dann überhaupt noch geöffnet haben wird; wenn es dann überhaupt noch steht.

Die goldenen Zeiten (die 1970er) sind lange vorüber, die 80er (ebenso golden für Hallenbäder) ebenfalls. Am Montag, dem 14. April 1986, übernahm das Ehepaar Antl offiziell die Geschäftsführung (voller Träume und großer Pläne). Die 90er waren bereits schwieriger – die meisten Menschen hatten schön langsam Besseres zu tun; die anderen verliebten sich in die Thermalbäder, das Ehepaar Antl blieb seinen Träumen und großen Plänen treu.

Heute kann man es nicht mehr genau sagen. Keiner weiß so recht, wie die 2000er einzuschätzen sind. Immerhin: Zum sogenannten Millennium ging die Welt nicht unter. Aber: In wenigen Monaten werden entführte Flugzeuge in Gebäude krachen. So gesehen: immer noch eine unschuldige Zeit, die Zeit vor dem 29-jährigen Hallenbadjubiläum und dem 15-jährigen Geschäftsführungsjubiläum des Ehepaars Antl, was in zweieinhalb Wochen gemeinsam gefeiert werden soll.

Kurzum: Heute, am Dienstag, dem 20. Februar 2001, hat man auf jeden Fall Schwierigkeiten, sich in der Welt zurechtzufinden. Sicher, die hatte man auch schon früher. Aber die 2000er – damit sind die Menschen noch immer nicht so richtig warm geworden; das werden sie wohl bis zu den 2010ern nicht. (Und danach wird er immer mehr zur Nebensache, der Wunsch, der Drang, sich zurechtfinden zu wollen.)

Außerdem (und vor allem – denn was kümmert die Leute im Hallenbad schon die Welt draußen und die Idee, dass ein neuer Weltkrieg oder etwas in der Art (Weltkrieg, das sagt man heute so nicht mehr, hat man nicht einmal mehr zu Beginn der 2000er so gesagt) drohen könnte, der dann doch nicht kommt, aber nie ganz abwegig sein und das seine zur allgemeinen Verwirrung beitragen wird, ganz abgesehen von der Angst vor Anschlägen) wird es im Hallenbad jetzt langsam wirklich eng.

Die Stammgäste sind schnell und an einer Hand oder an maximal zwei Händen abgezählt. Das Zählen hat man hier aber gar nicht mehr gern, denn Zahlen leuchten längst nur noch in roter Farbe. Deshalb hat sich auch Hofrat Spreitzer persönlich der »Causa Hallenbad« (ein Begriff, der sich mittlerweile im Gemeinderat und in der lokalen Presse durchgesetzt hat) angenommen – und das nicht ganz ohne Vergnügen (ja, es könnte sogar sein, dass er für das Gelände, auf dem das Hallenbad einmal gestanden sein wird, bereits eine lukrative Idee in der Hinterhand hat). Gerne absolviert er deshalb einen der unangekündigten Besuche ebenso persönlich, überprüft die Hygiene, wirft einen Blick in die Bücher, in die Technikräume oder unter den Rock der hinkenden Kellnerin Susi, wenn die sich bückt und nicht aufpasst. Das Ehepaar Antl lässt ihm die Freude, wird aber zunehmend unentspannt, denn die Zahlen lügen nicht. Die Träume und die großen Pläne sind verblasst; eigentlich sind sie längst vergessen.

Und überhaupt: Die Welt steht zwar noch, aber irgendetwas stimmt nicht mehr so ganz. Und irgendwie scheint das auch das Hallenbad zu spüren …

4.

19 Uhr – Dienstantritt: umziehen, aufwärmen, dann in die Kantine. »Herbert!«, rufen die einen, »Peter!« die anderen. Herbert Peter salutiert und leuchtet mit seiner Taschenlampe einmal durch die Runde. Er steht gut da in seinen schweren Stiefeln und im Kampfanzug, den er Uniform nennt. Steht gut da und weiß es und brüllt: »Was ist da los?! Dienstantritt!« – »Scheiß drauf! Wir haben bald Dienst-Abtritt.« – »Gratuliere! Deshalb bin ich ja nicht ihr.« – »Eben!« – »Dann bis morgen!« – »Gute Nacht!« – »Fängt gerade erst an«, sagt Herbert Peter, lacht laut, geht ab und hofft, dass ihm jemand hinterhersieht, denn es sieht gut aus, wie er den Raum verlässt. Er ist ein Cowboy, oh ja.

Herbert liebt das. Er trinkt fast immer nur zwei Bier mit ihnen. Wenn er die Kantine verlässt, ruft Fred gerne: »Keine Straßenschuhe im Bad!« – »Kein Problem«, lacht Herbert, »nicht mein Problem …« Dann geht er – raus in die Halle und über den Gang. Er hat die Schlüssel und kann gehen, wohin er will, geht aber direkt ins Bad, legt sich am Beckenrand in einen Liegestuhl und behält das große Kantinenfenster im Auge, wartet, bis dahinter alle Lichter ausgegangen sind. Bis das Haus ihm gehört, komplett in Schwarz, mit Schlüsselbund, Taschenlampe und schweren Stiefeln.

Wenn Nachtwächter arbeiten (und es dauert nur ein paar Wochen, dann machen sie es auch in ihrer Freizeit und überhaupt zu jeder Zeit), dann machen sie es so: Den Kopf immer leicht zur Seite geneigt, halten sie das Ohr in die Dunkelheit und kneifen die Augen zusammen. Sie horchen.

Herbert Peter hört dem Wasser zu. Dem Gurgeln und Plätschern, und es bleibt dabei: In regelmäßigen Abständen hört er im Becken etwas auftauchen – was in einem Teich und vielleicht sogar in einer Sommernacht im Freibad kein Problem wäre. Aber in einem Hallenbad sollte nachts nichts auf- und abtauchen; schon gar nicht etwas, das man nicht sieht, wie schnell man den Kopf auch dreht.

Diese Geräusche, jene, die einen verfolgen, nennt man in seiner Branche Spaßverderber. Und wenn Nachtwächter im kleinen Kreis zusammensitzen, dann erlauben sie es, dass auch darüber geredet wird. Kaum einmal wird dabei gelacht und nicht selten haben die Spaßverderber eine solche Laufbahn beendet, haben aus dem Nachtwächter einen Kaufhausdetektiv, Versicherungsmakler oder Jahrmarktfahrer gemacht.

Was Nachtwächter sonst noch machen: Sie öffnen alle Schubladen, weniger aus Neugier denn aus Langeweile; sie essen ständig aus dem Kühlschrank (ebenfalls aus Langeweile); sie versuchen zu schlafen, und immer wieder horchen sie und reden sich ein: Da war nichts … Sie fahren tatsächlich mit Bürostühlen auf den Gängen Rennen gegen sich selbst. Sie singen und pfeifen (gegen die Angst). Und dann und wann und öfter, als man denkt, masturbieren sie sich einmal quer durch das zu bewachende Objekt. Ist es ein Hallenbad, so begünstigt das natürlich diesen Zeitvertreib: Da kommt man auf Ideen, würden ähnlich Interessierte Herbert Peter recht geben. So war das bis vor Kurzem auch; aber in letzter Zeit hat er keine Lust auf den Spezialrundgang. Schuld daran ist ein Stuhl, und wie er da stand – allein am Beckenrand.

Herbert Peter war und ist sich bis heute sicher, dass er ihn nicht übersehen und schon gar nicht selbst dort hingestellt hat. Wie denn auch? Es war keiner von den grünen Plastiksesseln, sondern eines der alten Ungetüme aus der Eingangshalle, die aus Holz mit oranger Polsterung. Stand da am Beckenrand, das war nicht sein Platz. Herbert Peter dachte nicht daran, ihn zu umkreisen, mit dem Fuß anzustoßen oder gar darauf zu sitzen. Er dachte an nichts, sondern ging ins Büro (wobei sich die Haut auf seinem Nacken zusammenzog und erst am nächsten Morgen zuhause unter der Dusche wieder einigermaßen entspannte) und wartete ab. Er fragte nicht nach, was aus dem Stuhl geworden war, ob man ihn wieder in die Eingangshalle zurückgetragen hatte und wer das getan haben sollte, oder ob er von selbst dort hingegangen war. Am Ende wäre es wohl auf das eine hinausgelaufen: He, ist doch nur ein Stuhl …

Wie in den gut vierzig Nächten davor ist auch heute Nacht alles friedlich – bis jetzt. Die orangen Stühle stehen draußen in der Halle (diesen Kontrollblick lässt er sich nicht nehmen; er zählt sie jeden Abend durch), sie sind nicht hinter Herbert Peter her. Das Wasser plätschert weiter, dass irgendetwas von Zeit zu Zeit auf- und abzutauchen scheint, überhört er.

Herbert Peter zieht sein Mobiltelefon hervor: keine Anrufe. Er hat versprochen, Bescheid zu geben, wenn die Luft rein ist. Er hat schon lange nicht mehr zu einem seiner Nachtschwimm-Specials eingeladen, heute hat er aber zwei Autoschrauber mit Anhang an der Angel und da würde er eine Ausnahme machen. Seit Monaten gelingt es ihm nicht so recht, in die Szene reinzukommen; das würde vielleicht helfen. Denn wer möchte nicht einen Nachtwächter zum Freund haben – den mit den Schlüsseln? Zugleich ahnt er, dass dieser eine Anruf vermutlich in einem Gelage von zwanzig oder mehr Autoschraubern plus Anhang enden würde. Das wäre dann selbst ihm zu viel, das kriegt man bis zum Morgen nicht mehr sauber.

Herbert Peter steckt sein Mobiltelefon wieder in die Tasche und horcht und riecht. Manchmal wird er hier drinnen auch von Gerüchen überrascht, die sich trotz der Chlorwolke, die über dem Becken hängt und alle Ecken ausfüllt, breitmachen – meistens undefinierbare Gerüche, dann wieder eindeutig Erdbeeren, zum Beispiel. Jetzt aber hört er nichts und riecht nichts Verdächtiges. Kurz kehrt die Euphorie zurück, wobei er das lächerlich findet, aber es kribbelt wieder: Das Haus gehört ihm allein, er ist der Boss!

Dann geht das Licht in der Kantine aus. Das war’s: Sperrstunde, früher als sonst. Herbert Peter ist allein, die Euphorie verflogen, das Wasser im Becken laut.

Er macht die Taschenlampe an und lässt sich für den Weg durch die Halle ausdrücklich Zeit. Er sperrt die Tür zur Kantine auf und schaltet das Licht ein. Nicht nur einmal hat er einen der Stammgäste überrascht, den Bella einfach an der Schank liegen gelassen hatte. Von einer solchen nächtlichen Begegnung hat niemand etwas, beiderseitiger Schreck, viel Gebrüll und Adrenalin. »Gut, dass sie mir keine Waffe geben«, hat Herbert Peter dann immer gesagt und er und Grant, oder wer auch immer von diesem Pack, haben übertrieben laut und lang gelacht, denn so ist das, wenn einem das unnötig ausgeschüttete Adrenalin aus dem Körper fährt. Und zu zweit hat ihnen das Gratisbier gleich noch besser geschmeckt und Grant, oder wer auch immer, hat gleich wieder vergessen, dass er einen Teil seines Rausches bereits weggeschlafen hatte, und wollte bleiben und noch mehr Gratisbier. »Aber auf gar keinen Fall«, hat Herbert Peter in einem solchen Fall schnell seine Fassung und seine Autorität wieder beisammen.

Jetzt liegt aber niemand mit dem Kopf auf der Schank, die Kantine ist leer; nur die Geräte brummen. Wenn es Nacht ist, wird es im Hallenbad erst so richtig laut. Herbert Peter sieht auch unter die Tische, nur um sicherzugehen. Er klatscht in die Hände und ist für den Moment ganz zufrieden, hält ein großes Glas unter den Zapfhahn und lässt den letzten Schwall dann direkt in seinen Mund. Er ist wieder da, er ist der Boss!

Der Mut aus der Kantine dauert an. Herbert Peter steht im Bad, hält sein Ohr in die Luft und hört nur das Wasser, dann steckt er einen Kopfhörer rein, dreht die Musik auf volle Lautstärke und geht los. Zunächst rückwärts im Moonwalk, Moonwalk, Moonwalk. Der gelingt ihm nicht ganz, was er auf die schweren Stiefel zurückführt, aber es hat ihn ja keiner gesehen (hoffentlich, denn sonst wäre ja einer hier).

Herbert Peter steckt den zweiten Kopfhörer in sein zweites Ohr und startet seine Runde: raus durch die Schwingtür und rechts herum, quer durch die Eingangshalle (aus den Augenwinkeln beobachtet er die orangen Stühle, sie stehen still), er biegt in den Gang ab, das Licht geht automatisch an, eine Neonröhre flackert, das muss so sein. Er lacht, sieht über seine Schulter, dann eine Drehung und wieder geradeaus, er tänzelt zur lauten Musik, irgendein Techno ohne Namen, bumm bumm, tack tack … Als er an der Tür zu den Umkleidekabinen vorbeikommt, nimmt er den Kopfhörer aus seinem linken Ohr und stellt das Tänzeln ein. Er atmet durch die Nase ein und aus, ignoriert den Aufzug (in den Keller führt seine Runde immer erst nach fünf Uhr morgens, wenn es draußen langsam hell wird, obwohl man das im Keller nicht mitbekommt – und eigentlich wäre es auch egal, sicherheitstechnisch, eigentlich alles egal, aber das Drehen von Runden gehört für einen Nachtwächter eben dazu, außerdem vergeht dann die Zeit). Er ignoriert den Aufzug und steckt den Kopfhörer zurück in sein linkes Ohr, bleibt stehen und deutet ein Schlagzeugsolo an, das so nicht zur Musik passt, dann tänzelt er wieder.

Scheiß Job, denkt Herbert Peter und lacht leise, und ab in den langen Gang. Und da hört sich der Spaß auf. Lange Gänge sind die Spielverderber, auch für Nachtwächter (vor allem für Nachtwächter): Schon nach den ersten Schritten gelangt man an jenen Punkt, ab dem es kein Vor und Zurück mehr gibt; sollte am Ende des langen Ganges jemand auftauchen, der dir den Weg versperrt, oder einer hinter dir, der dich verfolgt. Eigentlich will er schneller gehen, eigentlich will er laufen, wird aber immer langsamer – bis er stehen bleibt und sich nicht mehr bewegt. Die Musik kommt immer noch laut aus seinen Kopfhörern, aber eigentlich hört er nur das Wasser. Also bleibt er stehen und hört dem Wasser zu.

5.

Wie das Wasser den ganzen Tag lang gegen den Beckenrand schlägt, durch die weißen Plastikgitter abgesaugt wird, das ständige Gurgeln und Rauschen, ein Katalog voller Geräusche und doch immer nur eines und immer dasselbe – Fred macht das wahnsinnig. An manchen Tagen nicht nur im übertragenen Sinn. Da sitzt er zehn Minuten lang in einer Umkleidekabine und überlegt beim Aufsperren ernsthaft, wie er dort eigentlich hingelangt ist. Natürlich weiß er es noch, seine Flucht aus der Halle, ihm kommt es aber dennoch immer wieder wie eine echte außerkörperliche Erfahrung vor. Und mit denen kennt er sich schließlich aus.

Wenn Fred nach Badeschluss auf dem Parkplatz steht, fehlt es ihm dann. Wenn er abends zuhause vor dem Fernseher sitzt, wünscht er sich das Rauschen des Wassers zurück. Er geht schlafen, ohne die Zähne zu putzen, und weiß, dass er es morgen wieder kriegen wird.

Am Morgen ist Fred wie immer der Erste und wie immer allein im Bad (glaubt er). Herbert Peter verschwindet raus in den Tag, eine Stunde bevor Fred das Eingangstor auf- und hinter sich wieder versperrt; die anderen kommen erst um neun. Dann heißt es für ihn saubermachen, alles für einen langen Badetag vorbereiten, kontrollieren und optimieren – sprich: ab in die Kantine, Kaffeemaschine einschalten, Kaffee trinken, eine Zeitung durchblättern, später eine Runde ums Becken und vielleicht einmal den Finger ins Wasser halten, wegen der Kontrolle. Wie ernst Fred seinen Job nimmt, das weiß Werner Antl. Zu oft hat er Fred über seine Bildschirme bei dem beobachtet, was er morgens alles nicht macht. Denn nicht selten ist Werner noch früher im Bad, zumeist wenn es am Abend noch Streit mit Marina gegeben hat (selten, aber heftig). In einem solchen Fall fährt er die zehn, elf Kilometer (von Frühjahr bis Spätherbst fährt er sie mit dem Rad), wenn es sein muss, im Morgengrauen, um sich und ihr die Schmach eines schweigsamen Frühstücks zu ersparen, fährt die Kilometer, hält im Büro die Füße still, und wenn sie um neun durch die Tür kommt, gibt er vor zu arbeiten, begrüßt sie beinahe überschwänglich und meist ist bis zum Mittagessen alles wieder vergessen.

Auch Herbert Peters halbherzige Rundgänge kennt Werner, selbst einen seiner Spezialrundgänge musste er einmal über die Bildschirme mitansehen, weil er einfach nicht wegsehen konnte. Denn noch seltener, aber doch, muss er sich und Marina mitunter auch die Schmach einer Nacht ersparen, in der ein jeder von ihnen nach einem Streit im Bett rotiert und sie einander ins Gesicht schnaufen. In einem solchen Fall steigt Werner noch vor Mitternacht in seinen alten Wagen oder auf sein altes Rad und fährt die zehn, elf Kilometer ins Hallenbad, verschwindet im Büro und schläft auch dort, meistens schläft er aber kaum, wenn er die Nacht im Hallenbad verbringt.

Er steigt aus den Hausschuhen und rollt im Drehsessel zum Schnapsschrank hinüber und trinkt sauteuren Whisky, und weil er dabei die Bildschirme beobachtet, kann er gar nicht übersehen, wie Herbert Peter so versucht, die Nacht herumzubringen. Das kann Herbert Peter nicht wissen, womöglich würde es ihn im Nachhinein sogar beruhigen, da ihn das Gefühl, beobachtet zu werden, nicht getäuscht hat. Aber Werner hat es ihm bis jetzt noch nicht verraten und wird auch nie ein Wort über den Spezialrundgang verlieren. Und er wird kein Wort über das verlieren, was er in der vergangenen Nacht auf einem seiner Bildschirme gesehen hat, allein schon, weil er nicht wüsste, wie er es sagen soll.

Er hat in den fünfzehn Jahren im Hallenbad manches zu sehen geglaubt, von alten Geschichten gehört und einiges mit eigenen Augen gesehen. Vergangene Nacht hat er auf seinem Bildschirm Herbert Peter gesehen, wie der auf dem Gang stand und sich nicht bewegte, so als würde er nicht mehr richtig funktionieren. Dass hinter ihm eine Frau stand, hat Herbert Peter nicht gesehen, Werner aber schon. Eine alte Frau im Badeanzug, auf dem Kopf eine Badehaube, die unförmig wegstand, vielleicht war da auch Blut, das auf dem schwarzweißen Bildschirm schwarz unter der Badehaube hervorkam, vielleicht auch nicht. Werner ging mit dem Gesicht ganz nah ran, bis das Bild unscharf wurde. Sie schien Herbert Peter von hinten anzubrüllen, der bewegte sich aber immer noch nicht. Werner klopfte mit dem Fingernagel gegen den Bildschirm. Die Frau hob den Kopf und sah ihm genau in die Augen.

Episode 2

6.

»Wenn du einen Ball allein im Wasser treiben siehst«, würde Fred sagen, hätte er einen Sohn, »dann setz dich hin und sieh ihm dabei zu. Und sei es nur für zwei, drei Minuten«, würde er sagen. »Und warum?«, würde sein imaginärer Sohn fragen. »Weil du damit Zeit gewinnst«, würde Fred sagen und damit etwas sehr Kluges. Weil er aber keinen Sohn hat – und selbst wenn, würde der wohl nicht um acht Uhr morgens mit ihm am Beckenrand sitzen, aber wer weiß –, weil er keinen Sohn hat und allein am Becken sitzt, sagt er nichts. Im Wasser treibt ein Ball vorüber, bald hat er es an den Rand geschafft. Fred sieht ihm dabei zu. »Schön ruhig hier, nicht?«

Fred schreit auf, »Verdammt!«, lächelt aber, weil es nur Werner ist und aus dem ersten Schrecken Erleichterung wird. »Keine Angst«, sagt Werner Antl, »ich bin’s nur.« – »Haben Sie mich erschreckt!«, lacht Fred. »Sind wir tatsächlich per Sie?«, fragt Werner, und Fred antwortet: »Kommt auf die Uhrzeit an.« – »Ha! Das ist gut!« Jetzt lacht Werner und setzt sich neben Fred an den Beckenrand. Er sieht aus, als wäre er froh, auch einen Grund zum Lachen zu haben und Fred fragt, ob mit ihm alles in Ordnung sei. »Lange Nacht«, sagt Werner, »seltsame Nacht.« Fred riecht hinter dem vielen Chlor in der Luft eine Spur Schnaps und nickt. »Nächte sind immer lang«, sagt er, und hat damit etwas Kluges laut gesagt. Dann sitzen beide da und schweigen. Als ihm dieser Moment zu lang dauert, hat Fred das Gefühl, dringend noch etwas sagen zu müssen: »Sehen Sie – der Ball da. Treibt einfach so im Wasser.« Werner Antl nickt.

Dann ist es wieder still. Bis Werner murmelt: »Da möchte man meinen, jeden Moment taucht eine Hand auf und zieht ihn unter Wasser …« Dabei sieht er Fred von der Seite an. Der schüttelt langsam den Kopf: »Ich weiß nicht. Mich beruhigt er, der Ball.« – »Klar«, sagt Werner. Und nach einer weiteren Pause: »Schon einmal was gesehen hier drinnen?« – »Was meinen Sie? Was Sexuelles?« – »Nein. Und bitte, sag endlich Du zu mir. Das hält man ja nicht aus.« – »Ok, entschuldigen Sie.« – »Na?« – »Der alte Witz.« – »Ach ja. Ha!« – »Hast du etwas gesehen?« – »Nein, alles bestens. Lange Nacht. Seltsame Nacht.«

»Guten Morgen, die Herren.« Eine tiefe Stimme hinter ihnen, Werner und Fred schrecken diesmal zu zweit auf. »Na, was denn?« Bella kommt auf sie zu, in den Händen ein Tablett mit drei Tassen darauf. »Ich bin heute gut gelaunt«, sagt sie, nimmt eine Tasse vom Tablett und drückt sie Fred in die Hand, »aber nutzt mir das ja nicht aus.« Sie wackelt mit den Augenbrauen. »Und die hier ist für dich, Chef.« Sie reicht Werner eine Tasse mit der Aufschrift I AM THE BOSS. »Entzückend«, sagt Werner. »Danke«, antwortet Bella und deutet einen Knicks an. Sowohl Werner als auch Fred geht ein ähnlicher Gedanke durch den Kopf: Gute Laune wirkt bei Bella noch gruseliger als alles, was sie ihnen sonst so ins Gesicht bellt. Kurz denken beide über mögliche Gründe für ihre gute Laune nach, in unterschiedlicher Deutlichkeit, aber in Ansätzen wieder ähnlich; dann schütteln beide unmerklich den Kopf und halten ihre Tasse vors Gesicht. Der Kaffee riecht gut, dampft, und Werners Brillen beschlagen.

»Ich darf doch?«, fragt Bella und lässt sich umständlich neben Fred am Beckenrand nieder. Und jetzt sitzen sie zu dritt da, sehen aufs Wasser und trinken Kaffee. »Ich hatte auch eine seltsame Nacht«, sagt Bella plötzlich und lacht schon wieder, und Fred findet, dass ihr das gar nicht so schlecht steht, das Lachen. »Mhm«, macht Werner. »Und ich habe auch schon einmal etwas gesehen.« Bella nimmt einen kräftigen Schluck. Werner sieht sie lang an, doch sie reagiert nicht. Es ist wieder still, nur das Wasser ist zu hören, das ewig gegen den Beckenrand schlägt und durch die weißen Plastikgitter abgesaugt wird, das ständige Gurgeln und Rauschen, das sie alle lieben und hassen zugleich. »Wo ist eigentlich der Ball?«, fragt Fred. »Welcher Ball?«, fragt Bella.


Eine Stunde später wird an die Eingangstür gehämmert. Georg und Grant drücken ihre Gesichter gegen die Scheibe und brüllen das Glas an. Fred kommt gemächlich durch die Eingangshalle, in der Hand seinen Schlüsselbund. Georg und Grant hämmern trotzdem weiter wie die Irren gegen die Tür. Sind sie ja auch – zwei Irre, denkt Bella, die hinter ihrer Schank steht, tief einatmet und die Luft durch die Nase wieder rauslässt. Zwei Irre, mit denen sie jetzt den ganzen Tag verbringen muss. Wobei: So wie die beiden da durch die Halle stolpern, scheinen sie nicht schon wieder, sondern noch immer unterwegs zu sein. Und wenn sie das sind, fallen bei ihnen meistens gegen Mittag die Lichter aus. Dann gehen sie zwar noch lang nicht nach Hause, halten aber das Maul (»Haltet endlich euer Maul!«), weil sie in einer Ecke liegen und schlafen.

Jetzt aber, um neun Uhr früh, sind sie noch lebhaft, aufgekratzt, idiotisch laut. Und da platzen sie schon in die Kantine, noch während Bella ein weiteres Mal schnauft (eindeutig ein Schnaufen, denn sollte es ein Seufzen gewesen sein, so würde sie das nie zugeben).

»Guten Morgen, die Herren. Wo sind denn eure Badehosen?« – »Die haben wir schon drunter an.« – »Genau! Drunter!« – »Herzeigen!« – »Ich bin unten ohne.« – »Da bin ich mir ganz sicher.« – »Gibt’s hier noch was zu trinken?« – »Schon …« – »Aber?« – »Schon was zu trinken.« – »Aber?« – »Kaffee.« – »Na das bestimmt nicht!« – »Für mich bitte Kaffee.« – »Brav.« – »Danke.« – »Und du?« – »Überrasch mich!« – »Na klar.« – »Für mich bitte Kaffee.« – »Hast du schon gesagt.« – »Danke.« – »Euch geht’s gut?« – »Herrlich.« – »Sieht man.« – »Nicht wahr?« – »Seid ihr nicht zu alt dafür?« – »Wofür?« – »Nichts schlafen und herumstolpern.« – »Dafür ist man nie zu alt.« – »Hab ich auch so gehört.« – »Na dann ist ja alles gut.« – »Sag ich ja.« – »Eben.« – »Ich will jetzt nicht mehr reden«, sagt Bella, drückt auf der Kaffeemaschine einen Knopf und es wird augenblicklich laut. Georg lässt ein Lachen los, wie ein schlechter Schauspieler; während er lacht, holt er Luft, immer wieder. Grant beißt inzwischen von seinem Glas ab und kaut die Scherben. Dienstbeginn in der Kantine.


»Altes Arschloch«, sagt Grant eine Stunde später. Er hält zwar eines seiner Augen mittlerweile geschlossen; um den alten Nazi zu erkennen, wie der glaubt, unbemerkt auf der anderen Seite der Scheibe vorbeizukommen, in seinem lächerlichen Badeanzug, sein verdächtig gemustertes Handtuch über der Schulter – um den alten Nazi zu erkennen, reicht ihm auch ein Auge aus. »Riesenarsch«, murmelt Georg und schnauft.

»Willi, ich glaube, du gewinnst!«, ruft Bella, und Willi taucht grinsend hinter dem Küchenvorhang auf: »Echt?!« – »Sieht ganz so aus«, deutet Bella mit dem Kopf in Richtung des einäugigen Grant und des nuschelnden Georg, der es selbst noch nicht weiß, aber er macht genau das: Unbewusst bringt er seine Arme bereits auf der Schank in Position, legt sie so hin, wie er dann darauf einschlafen wird. Und Bella wird ihm eins mit dem Geschirrtuch überziehen. »He«, wird sie schimpfen, »geschlafen wird dort drüben!« Sie wird ihm noch eins überziehen, auch ein wenig aus Zorn, denn Bella, Willi und Susi haben gewettet, wie lang Georg und Grant noch durchhalten werden.

Elf, hat Bella gesagt, Willi hat auf viertel vor elf getippt, und Susi, weil nichts Besseres mehr übrig war, auf halb zwölf. Jetzt ist es halb elf, und es sieht tatsächlich so aus, als wäre Willi drauf und dran, die Wette zu gewinnen. Gerade hat es nämlich auch Grant erwischt: Mit nur einem geöffneten Auge, den Ellbogen auf die Schank gestützt, ist ihm die Hand weggerutscht und sein Kopf hängt schief vom Hals. »Jahaaa!«, jubelt Willi. »Hast du nichts Besseres zu tun?«, fragt Bella. Dann fragt sie Susi: »Haben wir nichts Besseres zu tun?« – »Ich glaube nicht. Ich nicht.« Dabei macht Susi ein trauriges Gesicht. Und ob sie will oder nicht – da muss Bella lachen und alle lachen mit, sogar Georg und Grant, was denen die letzte Energie kostet. Neun Minuten vor elf sind beide eingeschlafen, womit Willi die Wette haarscharf gewinnt.


Niemand mag es gern allein im Keller, auch András nicht. Er schleicht durch die Gänge und hat kein Ziel. Er würde gerne behaupten, das Haus wie seine eigene Hosentasche zu kennen oder etwas in der Art. Das heißt, er behauptet es natürlich, aber eben nur gegenüber allen anderen. In Wahrheit kennt er das Hallenbad nur so gut, um damit gerade noch durchzukommen. Nicht dass ihn das so sehr stören würde, aber wenn er hier unten im Keller seine Runde macht, wüsste er gern, was nach der nächsten Ecke kommt – ein weiterer Gang, der mit der kaputten Neonröhre an der Decke vielleicht, der mit der schmutzigen Wand, die ihm noch keiner hier erklären konnte (einmal musste er sie selbst putzen, als sie sich mit dem grauschwarzen Film, der die schmutzige Wand – so heißt sie im Sprachgebrauch des Hauses längst auch offiziell – überzieht, noch nicht abgefunden hatten); oder der Gang, in dem die große Uhr so laut tickt, der üble Geruch, das Schlagloch, die eingetretene Tür, das Graffiti, die Mausefalle, der Technikraum, da drinnen brennt es, zischt es und klopft es. Da geht András heute nicht hinein, er ist fertig mit dem Technikraum. Und hinter der nächsten Ecke steht Robert Anker, und András erschrickt gehörig und lautstark.

Robert Anker bindet in diesem Moment sein Badetuch um den Bauch und lässt sich nicht dabei stören. Er nickt András nur kurz zu, der schüttelt den Kopf: »Was machst du bitte hier unten?« – »Und was machst du hier?« – Rundgang.« – »Siehst du, ich auch.« – »Stimmt nicht.« – »Natürlich nicht.« – »Und was sonst?« – »Ich sauniere.« – »Du … was?« – »Saunierst. Ich sauniere, du saunierst, er, sie, es …« – »Sei still!« – »Bitte, lernst du eben nichts.« – »Danke.« – »Bitte«, sagt Robert Anker und macht sich auf, um hinter der nächsten Ecke zu verschwinden.

»Ich verrate dich nicht!«, ruft ihm András hinterher. »Moment, Moment!«, ruft Robert Anker und bleibt stehen: »Da gibt es auch nichts zu verraten. Ich kann genauso gut wie du hier unten sein.« – »Kannst du nicht. Ich verrate dich aber nicht.« – »Was soll das? Sag schon.« – »Wenn du mich auch nicht verrätst.« – »Was soll ich nicht verraten. Du machst mich irre.« – »Das, was ich dich jetzt frage.« – »Na bitte, dann frag endlich.« – »Kannst du mir lernen, wie man tanzt?« – »Ob ich dir … wie man tanzt?« András nickt. »Wenn’s weiter nichts ist!«, ruft Robert Anker und dreht sich einmal im Kreis, dann noch einmal und noch einmal. Wer in den besten Häusern alle nackt gesehen hat, der weiß auch, wie man tanzt. Die beste Wahl als Tanzlehrer also: Robert Anker, dreht sich hier im Keller im Kreis, bis sein Handtuch runterrutscht und er es wieder umbinden muss, und András sieht darüber hinweg und betreten zu Boden, als er sieht, dass Robert Ankers Ding leicht vom Körper wegsteht. »Also dann: Tanzen wir!«

András gibt ihm noch eine Minute, erklärt ihm, dass es gewissermaßen ein Notfall sei, denn in drei Tagen »… ist es ja so weit. Na klar!«, vollendet Robert Anker die Erklärung, und weil das Handtuch inzwischen wieder korrekt hängt und nichts wegsteht, kommt András näher an Robert Anker heran, als er es jemals für möglich gehalten hätte, und zu zweit beginnen sie nun: »Ta-da-da-da-damm!« – »Damm-damm-damm-damm! Donauwalzer!« Und noch einmal: »Ta-da-da-da-damm-damm-damm-damm-damm! Ta-da-da-da-daaaa…«

»Schau mal«, lacht Werner Antl vor dem Bildschirm laut auf, und Marina rollt mit ihrem Sessel zu ihm rüber und lacht auch und, wie zu erwarten war, weil beide auf einen Moment wie diesen gewartet haben, ist der dumme Streit vom vergangenen Abend damit vergessen. Wenn auch nicht ganz, weil das mit Streit eben so ist. Im Moment aber lassen sie beide die Anspannung nur zu gern ziehen und sehen mit Vergnügen dabei zu, wie Robert Anker und András im Keller tonlos ihre Walzerrunden drehen. Ta-da-da-da-damm-damm-damm-damm-damm.

Der Spaß scheint heute auch gar kein Ende nehmen zu wollen, denn als ihnen Bella höchstpersönlich eine Stunde später das Mittagsmenü serviert, trägt sie dabei eine Augenklappe und einen Piratenhut mit Totenkopf. Werner, Marina, Rose, Fred, András und Robert Anker werden mit dem Spaß gar nicht fertig. Susi kichert verhalten, Willi steht hinter der Schank und lässt sich von Bella einen Eisbecher mit Schirmchen drin servieren. »Ja, was ist denn los?!«, lachen auch die Unbeteiligten mit. »Wette«, murmelt Bella, während sie an ihnen vorüberschleicht. »Haha! Gewonnen?« Sie bleibt stehen, lüftet die Augenklappe und – da ist er schon wieder: Bellas böser Blick.

Und der ist allemal echt, denn Bella hat Willi zuvor eine Revanche-Wette vorgeschlagen, die sie allerdings ebenfalls verloren hat: das klassische Minigolf mit Kochlöffel, Rumkugeln und Georgs offenem Mund am Ende der Schank. Und weil sie die Kugel auch beim fünften Versuch nicht versenkt hat, trägt sie jetzt ein dämliches Piratenkostüm, und Willi isst fröhlich seinen Eisbecher und wird noch frecher: »Wenigstens dein Kostüm hast du schon!«, brüllt er und deutet mit dem Eislöffel auf ein Plakat an der Wand:

Verzauberung am Meeresgrund Fische, Tanz & Party mit DJ Freddy F(r)esh Samstag, 24. Februar (20 Uhr bis ?) Bellas Kantine

7.

Nach dem Essen, allesamt Knödel und Tiefkühl-Pilzmischung im Bauch, kommt jeder nur zu gerne seiner Verpflichtung nach, die anderen in Ruhe zu lassen. Werner Antl ist mit seinen Bildschirmen beschäftigt, nickt dabei kurz ein, Marina ringt sich eine Einheit Yoga in der Dienstwohnung ab. Robert Anker wäscht und poliert sein Aufguss-Werkzeug und denkt über Temperaturen nach; das ist es tatsächlich, was ihn einen Großteil seiner Zeit beschäftigt: Temperaturen – nicht eine oder die Temperatur, sondern alle möglichen. Die finnische Sauna ist leer, bis auf András, der unter die Bank kriecht, um seine Kamera zu positionieren und dabei einen Schlüssel findet, der gestern noch nicht da war. Fred schläft. Bella trinkt Kaffee, nachdem sie Piratenhut und Augenklappe in den Mistkübel gestopft hat. Susi löst Kreuzworträtsel, und Koch Willi beobachtet sie heimlich dabei. Georg und Grant schlafen noch immer; zwei, drei Unbeteiligte blättern an der Schank in alten Illustrierten, und zwei weitere knallen abwechselnd Spielkarten auf eine Tischplatte.

Rose Antl ist abgetaucht, ab durch die Gänge, hat Türen geöffnet und wieder versperrt und raus durch den Hinterausgang. Sie atmet auf, auch wenn der Geruch von Chlor sich längst in ihre Kleidung und in die Haare gefressen hat. Hier unten, in einem schmalen Hof, den sie mit ein paar Mülltonnen teilt, hat sie vor ein paar Wochen ihr Versteck eingerichtet, hat einen weißen Plastiksessel hingestellt, auf dem sie im Schatten des Hallenbads sitzt und raucht und wie eine Wilde ihr Mobiltelefon bearbeitet. Es läutet, sie drückt drauf, hält das Telefon an ihr Ohr und beginnt zu flüstern.


András sitzt auf einem der orangen Sofas in der Eingangshalle und dreht den Schlüssel, den er zuvor in der finnischen Sauna unter den Sitzbänken ganz hinten bei der Wand gefunden hat, zwischen den Fingern hin und her. Ein herkömmlicher Schlüssel, an einem Ring ein kleines Metallschild mit der Nummer 25; der Schlüssel zu einem Hallenbadkästchen. Und auch wenn András bis auf seine Saunakamera so ziemlich alles hier drinnen ziemlich egal ist, und er auf die alten Legenden nichts gibt, so weiß er, dass es nur der Schlüssel sein kann, der eine, Kästchen 25, seit Jahren verschwunden, das Kästchen versperrt und auch mit äußerster Gewalt nicht aufzukriegen. András hat ihn jetzt – den Schlüssel. Er wird ihn benutzen, bald schon.


Zwei Uhr nachmittags ist es mit der Ruhe vorbei: Babyschwimmen. Im allgemeinen Gebrüll läuft Fred planlos mit dem Schlauch durchs Bild, und hinter dem Kantinenfenster hält sich Susi mit beiden Händen die Ohren zu. Willi findet das befremdlich, würde ihr gerne über den halb nackten Rücken streicheln, muss aber zurück hinter den Küchenvorhang, um literweise Brei zu kochen. Eine Idee, die ihm eines Nachts gekommen ist und die ihm anfangs wenig Begeisterung und sogar den Zorn Unbeteiligter einbrachte. Jetzt aber verdankt Bella an Babyschwimm-Tagen ihren Reichtum, wie sie sagt, Willis Brei und nicht den Mittagsmenüs, abgesehen natürlich von der Bier-Flut der Marke Georg, Grant oder X-Y – die Schecks jedoch nicht immer gedeckt.

Also dürfen über Babyschwimm-Tage sowohl in der Kantine als auch im Hallenbad keine abschätzigen Bemerkungen fallen – es ist zeitweise zwar die Hölle, aber es funktioniert. Und sie haben noch etwas Gutes, das denkt vor allem Fred: Sie vertreiben den alten Nazi aus dem Bad, denn gegen Babys kommt das Böse nicht an. Ganz aber gibt er nicht auf, der zähe alte Sack, sitzt in der Umkleidekabine oder in der Eingangshalle herum und liest in zweifelhaften Geschichtsbüchern. Heute sitzt er in der Umkleidekabine, und plötzlich steht András vor ihm – in der Hand den Schlüssel mit der Nummer 25, bereits in Aufsperr-Position. Der alte Nazi sieht von seinem Buch auf und fragt: »Was gibt’s, junger Mann?« – »Kontrollgang«, murmelt András und steckt den Schlüssel schnell in die Tasche seiner Arbeitsweste.

Gerade rechtzeitig, denn über den Bildschirm zu Kamera 5 ist Werner soeben die seltene Szene zwischen dem alten Nazi und András aufgefallen, und hätte er den Schlüssel gesehen, dann hätte er ihn zwar nicht als solchen erkennen können, wäre der Sache aber vielleicht nachgegangen, und das hätte wieder eine neue Spirale an Ereignissen ausgelöst. Denn eines steht fest: Werner ist nicht der Einzige, der so einiges dafür geben würde, an diesen Schlüssel und hinter die Tür zu Kästchen 25 zu kommen.

8.

»Wie geht’s?« – »Alles klar hier. Rose hab ich eine Zeit lang nicht gesehen.« – »Und?« – »Jetzt sitzt sie wieder hinter der Kassa.« – »Wie es dir geht, wollte ich wissen.« Marina Antl klingt genervt, das kennt er. Sie ist auch genervt. »Mir geht es gut«, sagt Werner und macht das einzig Richtige: Er schenkt seine Aufmerksamkeit Marina und nicht den Bildschirmen. »He«, winkt sie, »schon lang nicht gesehen.« – »Stimmt«, sagt Werner und klopft mit beiden Händen auf seine Oberschenkel. Sie geht langsam zu ihm hin, dann lässt sie sich in seinen Schoß fallen. »Na also«, sagt Werner Antl. »Na also«, sagt Marina Antl.

»Und, wie hat dir das Pilzgulasch geschmeckt?«, fragt Werner und sein Atem riecht nach Pilzen. Marina schüttelt den Kopf: »Komm schon, W., streng dich ein wenig an.« Und das mit einem Augenaufschlag und einem Blinzeln, dass bei Werner gleich alles aus ist. Er denkt kurz nach und sagt: »Februar ist der Unnötigste von allen. Den braucht wirklich keiner.« – »Schon besser, aber noch laaange nicht gut.« – »Na, was denn?!«, schnauft Werner, und dann sagt er: »Ein guter Tag beginnt mit einem Kuss von dir.« Sie blinzelt, küsst ihn aber immer noch nicht. Er singt: »Marina, Marina, Marinaaa!« Sie hebt die Hand und er singt nicht weiter, stattdessen fragt er: »Bist du untenrum rasiert?« – »Bin ich ein Pornostar?« – »Manchmal.« Werner grinst und ja, ja, ja – da kommt sie näher, mit ihrem Mund an seinen und ja, ja – da kommt ihre Zunge raus und leckt über seine Lippen und er drückt seine fest auf ihre und weiter unten kommen die alten Hausschuhe in Gang und sie rollen mit dem Drehsessel durchs Büro und küssen einander, auf und ab zwischen den beiden Schreibtischen und all den Bildschirmen. Ta-da-da-da-damm-damm-damm-damm-damm!

»Was schmeckst du gut!«, stöhnt Werner. »Und du nach Pilzen«, lacht Marina und drückt ihm noch einen Kuss rein. »Schmatz nicht so!«, sagt Werner, und sie: »Ich mach, was ich will …« Und das macht sie auch. Und er macht mit.


Das Babyschwimmen ist zu Ende und durch die Eingangshalle rollen die Kinderwägen Richtung Ausgang. Hinter der Kassa zählt Rose das Eintrittsgeld und steckt nichts davon ein, denn so viel ist das nicht. Im Hallenbad wischt Fred den Boden trocken, und zu wischen gibt es viel. Babys können zwar selbst nicht gehen, machen aber jede Menge Unordnung, und zum Schluss ist immer alles nass und Rutschgefahr ohne Ende. Fred wischt den Boden, und aus den Augenwinkeln und weil er es spürt, bemerkt er, dass der alte Nazi ihn dabei beobachtet. »Was?!« Fred hört zu wischen auf und brüllt quer übers Becken. Der alte Nazi hebt die Hand zum Gruß. »Was ist das mit dem alten Arsch«, sagt Fred mehr laut als leise, »wohnt der eigentlich hier?« Nazi Hermann imitiert mit seinen runzligen Lippen perfekt den Klang einer Trompete und verschwindet unter seinem Handtuch. Würde Fred es nicht besser wissen, könnte er glatt denken, der Alte habe Humor. Hat er aber nicht. Er hat auch keine nennenswerten Freunde und keinen, der zuhause auf ihn wartet.

Also bleibt er unter dem Handtuch liegen und spielt sich mit seiner imaginären Trompete selbst einen Marsch. Fred tanzt vor dem alten Nazi auf und ab und zeigt ihm abwechselnd den linken und den rechten Mittelfinger. Niemand ist da, der das sieht, denn das Hallenbad ist nach dem Babyschwimmen so verlassen wie davor. Werner Antl hat ausnahmsweise Besseres zu tun, als seine Bildschirme zu beobachten, und in der Kantine haben sie im Moment ganz andere Sorgen.

In der Kantine ist Grant kurz davor, wie ein Pirat am Luster zu schwingen und mit Fußtritten die Feinde abzuwehren. Da es keinen passenden Luster gibt, beschränkt er sich darauf, mit Gläsern zu werfen und zu brüllen: »Kommt mir nicht zu nahe! Ich warne euch!« Und dass er eigentlich keine Feinde in dem Sinn, sondern seine Kantinenkollegen anbrüllt und bewirft, darüber denkt Grant nicht nach, denn er denkt selten und im Moment überhaupt nicht über das, was er tut, nach, sondern tut es einfach, wenn es an der Zeit ist, etwas zu tun – und außerdem haben sie es nicht anders gewollt. Also brüllt er und wirft mit Gläsern. Den Nachschub holt er sich hinter der Schank; mindestens zwanzig Gläser, wenn nicht mehr, sind schon quer durch die Kantine geflogen, an der Wand zersprungen oder einfach auf den Boden gefallen. Grant brüllt weiter, und alle anderen brüllen gegen ihn an. Nur Bella nicht. Sie sitzt ganz still an der Schank, vor ihr springt Grant auf und ab, rauf und runter, wirft und verursacht Chaos. Und Bella sieht ihm dabei zu und schwört sich selbst, dass niemand anderer als Grant persönlich jede Einzelne dieser Scherben zusammenkehren wird; wenn es sein muss, mit seiner Zunge.

Die Rolle des betrunkenen Piraten bekommt Grant jetzt immer schlechter hin, denn das Aufwachen und Von-der-Bank-Aufspringen aus vollem Rausch, das Auf-die-Bar-Hinaufspringen und Tanzen und Brüllen und Gläserwerfen hat ihn derart viel Kraft gekostet, dass seine Energiereserven, die er im Schlaf immerhin halbwegs aufladen konnte, wieder verbraucht sind. Aber er gibt nicht auf, das muss man ihm lassen. Er brüllt und wirft mit Gläsern und seine Schimpfwörter werden immer absurder.

Es sieht fast so aus, als würde er gewinnen, denn langsam verlieren selbst die Unbeteiligten das Interesse an der Action. Langsam ist es an der Zeit, beschließt Bella, die weiß, dass Grant nichts zu gewinnen hat, nur verlieren kann, heute und hier drinnen ab sofort nur noch. Das beschließt sie und sagt: »Besen.« Streckt die Hand aus und brüllt: »Besen!« Susi läuft und humpelt hinter den Küchenvorhang und wieder zurück und drückt Bella den Küchenbesen in die Hand. »Danke!«, brüllt Bella und holt weit aus. Auf der Bar vollführt Grant einen lächerlichen Tanz und wirft mit Strohhalmen, weil ihm die Gläser ausgegangen sind. Diesem Jammer muss ein Ende gemacht werden, Bella ist kurz davor, den Besen zu schwingen.

»Es wäre mir«, steht plötzlich der alte Nazi neben ihr, »eine große Ehre wäre mir das«, schnauft er Bella ins Ohr, und sie sieht ihn nicht einmal an: »Das kann ich mir vorstellen. Und warum sollte ich dir den Gefallen tun, alter Mann?« – »Hm«, macht Nazi Hermann, »ich weiß nicht … soll ich einmal die anderen fragen?« Er kichert und Bella ist sich ziemlich sicher, von unten her aus seiner Richtung auch einen Furz gehört zu haben. »Scheiß auf dich«, sagt Bella und gibt den Besen weiter an den alten Nazi. Der nimmt ihn, hört gar nicht auf zu kichern, steht auf seinen dünnen Beinen breitbeinig da, hebt den Besen hoch in die Luft und stößt einen schrillen Schrei aus: »Yyaaayyy!«, schreit er und zieht voll durch, trifft Grant an der Wade oder in der Kniekehle. Es klatscht, Grant brüllt vor Schmerzen auf und lässt seinen Körper von der Bar einfach nach vorne fallen. Als er ungebremst auf dem Boden aufschlägt, verziehen selbst die Härtesten kurz das Gesicht; zu hässlich ist das Geräusch. Dann ist es vollkommen still in der Kantine. Nur das zufriedene Schnaufen des alten Nazis ist zu hören. Mit dem Besen in den Händen steht er da.

Steht da und jetzt grinst er wieder, seine Oberlippe mit dem dünnen Schnauzbart zieht er hoch und zeigt ein paar spitze, alte Zähne; es ist ein gemeines Grinsen. Alle sehen ihn an, und er überlegt, ob eine Verbeugung angebracht wäre. Vom Boden, wo Grant liegt, kommt kein Laut. Der alte Nazi sieht in die Runde und sucht nach Georg, findet ihn und schickt ihm einen Blick, der besagt: Der Nächste bist du!, oder Leg dich nicht mit Hermann an!, oder etwas in der Art. Georg versteht und hebt die rechte Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger. Mit den Lippen formt er stumm eine Reihe von Beschimpfungen: »A-l-t-e-r-D-r-e-c-k-s-a-c-k …« Und da er diesen Moment, den Moment, in dem das Glas fliegt, Auge in Auge mit Hermann verbringt, ist ausgerechnet der sein bester Zeuge: dass es nicht Georg war, der dem Alten das Bierglas an den Kopf geworfen hat, mitten ins Gesicht. Georg hat zwar nicht geworfen, ist aber der Einzige, der laut auflacht, als das Glas auf dem Kopf des alten Nazis zerplatzt. Georg lacht und hätte erwartet, dass der Alte etwas sagen würde wie »Schwere Artillerie!« – aber er sagt nichts. Mit dem gemeinen Grinsen noch immer im Gesicht fällt er einfach um. Jetzt lacht gar keiner mehr.

Da liegen sie, friedlich nebeneinander, Grant und der alte Nazi, wie zwei Freunde nach einer langen Nacht. Unter den beiden rinnt Blut hervor. Immer noch sitzen und stehen alle still, sehen dem Blut beim Rinnen zu. Im ersten Moment könnte keiner sagen, aus welchem der beiden das Blut kommt, das fragt sich zunächst auch niemand und niemand sagt ein Wort. Ein »Ähm« ist die erste Reaktion nach langer Zeit, gefolgt von einem Räuspern, dann noch ein Sesselrücken und endlich die Frage: »Ähm, sollten wir nicht einen Arzt rufen?« Es kommt von Georg, der den alten Nazi zwar ebenso hasst wie sein Barbruder Grant und insgeheim davon ausgeht, dass der Alte jener der beiden ist, der blutet, aber mit Sicherheit kann er das auch nicht sagen, und Blut ist eben Blut, und nicht lustig. Das sieht sogar Georg ein, und noch immer rühren sich die zwei auf dem Boden nicht, und Bella nickt und sagt: »Das könnten wir machen.«

Und weil niemand reagiert, wird Bella lauter: »Ja, dann macht das doch! Wer bin ich hier?! Bin ich eure Königin?« – »Irgendwie schon«, murmelt Willi und sucht in seiner Jacke nach dem Mobiltelefon. Susi greift inzwischen zum echten Telefon, und ein Bargast läuft raus zum Münzsprecher, und während er läuft, holt er ein paar Münzen hervor, und so rufen mindestens drei zugleich die Rettung, die eine Viertelstunde später mit vier Leuten und zwei Tragbahren in der Kantine erscheint, wo Bella und die anderen sich inzwischen vorsichtig und doch halbherzig um Grant und Nazi Hermann gekümmert haben, aber immer noch überall Blut und kaum sichtbare Wunden und kein Wort ist aus den beiden herauszukriegen, also sind am Ende alle – sogar Bella – erleichtert, als eben die Rettung auftaucht mit vier Leuten und zwei Tragbahren, die je zwei von ihnen auf Rollen in die Kantine schieben. Dass jetzt Profis hier sind, sorgt unter den Kantinengästen augenblicklich für Entspannung und für ein kollektives Gefühl von Gleichgültigkeit; die Sache ist erledigt und bald schon werden alle gemeinsam darüber lachen, Grant oder der alte Nazi, je nachdem, wer von den beiden jetzt wirklich blutet, wird dann einen Kopfverband tragen und sich lachend an den Kopf fassen, denn so geht das in der Kantine – man hat Spaß mit den eigenen Fehlern, und Spaß mit denen der anderen, und Spaß gibt es immer genug.

Aber nein, dieses Mal wohl nicht, denn die Rettungsleute haben die Polizei mitgebracht, und mit den Uniformen schlägt die allgemeine Stimmung wieder in eine allgemeine Anspannung um, denn jetzt sind sie alle Zeugen und sogar zwei Täter unter ihnen, und alle haben es irgendwie genau gesehen und wollen doch nur endlich wieder ihre Ruhe haben und frischen Schaum im Glas.

»Das wollen wir uns ansehen, haben wir gesagt«, lacht auch die Polizei, und dann sehen sie das Blut auf dem Boden und lachen nicht mehr, greifen an ihre Gürteltaschen und Inspektor Wels zieht den Schreibblock heraus. »Und geht schon los!«, sagt die Polizei, während die Rettungsleute Grant auf die Tragbahre legen – ja, eindeutig, Grant ist der, der blutet, und Nazi Hermann lehnen sie gegen die Schank. Er röchelt ein wenig und beginnt dann sofort wild zu schimpfen: »Dreckiges Dreckspack!« und »Mörder!«, brüllt er. »Na, na, na«, sagt Inspektor Wels und zeigt mit dem Finger auf seine Kollegin und dann auf Hermann. Kollegin Fritz geht vor der Schank in die Hocke und redet auf Nazi Hermann ein.

Hinter dem Rücken von Inspektor Wels versucht ein Unbeteiligter in aller Stille den Raum zu verlassen, und Georg folgt ihm. Bis zur Tür schaffen sie es, dann fährt Inspektor Wels herum und brüllt: »Stehen bleiben! Sofort stehen bleiben!« Man merkt ihm an, dass er erfreut ist, das endlich wieder einmal brüllen zu können. Und: »Wo soll’s denn hingehen, die Herren?« – »Aufs Klo«, murmelt der Unbeteiligte, und Georg sagt fast die Wahrheit: »Ich will wissen, wie es ihm geht.« Damit meint er Grant, den zwei der Rettungsleute inzwischen auf der Trage hinausgeschoben haben. Die anderen zwei behandeln den alten Nazi und der kreischt noch einmal: »Mörder!« und zeigt auf Georg, worauf Kollegin Fritz aufspringt und zur Tür läuft. »Langsam, langsam!«, wird jetzt auch sie streng, und Georg schreit den alten Nazi an: »Das stimmt nicht!«, und Inspektor Wels greift wieder an seine Gürteltasche.

So geht es hin und her und jeder Kantinengast wird befragt, und jeder stolpert durch seine eigene Geschichte, wobei alle versuchen, es so zu drehen, als seien Grant und der alte Nazi unglücklich gestürzt oder in einem Gerangel umgefallen oder ausgerutscht oder was weiß ich – blöde Sache eben, und am Ende glaubt keiner dem anderen nur ein Wort. Dass es Bella dabei gelungen ist, sich tatsächlich rauszuschleichen, hat niemand mitbekommen, und als Inspektor Wels fragt: »Wo ist denn eigentlich die Chefin?«, halten mindestens zwei Gäste ihre Bierkrüge vors Gesicht, damit man ihr Grinsen nicht sieht. Einen erwischt Kollegin Fritz beim Grinsen: »Finden Sie das lustig? Was ist so lustig? Wir wollen es auch lustig haben.« – »Nix, nix.« Und so geht es hin und her mit wechselnden Darstellern und Angebrüllten. »Was hast du da? Was versteckst du da?« – »Nichts, nur den Autoschlüssel.« – »Ach so.« – »Also, was ist so lustig? Wie heißen Sie?!« – »Immer nur eine Frage auf einmal.« – »Ich geb dir gleich eine Frage auf einmal, du … du …« Und Willi überlegt kurz, ob er sich in Kollegin Fritz verschauen soll, bleibt dann aber Fräulein Susi treu, die wiederum von Inspektor Wels auffällig oft beobachtet wird, aber bestimmt nur, weil sie ihm verdächtig erscheint.

»Ich habe nichts gesehen«, lügt Susi, als sie befragt wird, »war da drinnen«, zeigt sie auf den Küchenvorhang. »Und da war kein Lärm, der Sie vielleicht neugierig gemacht haben könnte?« – »Was hier so alles passiert, interessiert mich schon lang nicht mehr.« Inspektor Wels nickt, und auch Susi nickt, und Willi sieht ihnen dabei zu. »Das bringt nichts!«, schnauft Inspektor Wels plötzlich und steckt seinen Notizblock in die Gürteltasche zurück und brüllt: »Ausschwärmen!« – »Wie jetzt?«, fragt Kollegin Fritz. »Na, ausschwärmen eben!« – »Wir beide?« – »Ja, sofort!«, befiehlt Inspektor Wels und schiebt Kollegin Fritz in Richtung Tür. »Sie da, ich da!« – »Alles klar!« Bevor sie loslaufen, fährt Inspektor Wels noch einmal herum und zeigt mit seinem Finger auf jeden einzelnen Bargast und auf Willi und auf Susi: »Wir haben hier eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun Verdächtige. Und wenn ich zurückkomme, sehe ich hier drinnen eure neun …« – »Visagen«, schlägt Kollegin Fritz vor. »Neun Visagen!«, schnauzt Inspektor Wels, und bevor er und Kollegin Fritz ausschwärmen, sagt er, mehr zu sich selbst als zu Kollegin Fritz, und so laut, dass alle es hören können: »Wir sollten so nicht mit den Leuten reden.« Sie nickt und rennt los, durch die Tür in die Eingangshalle, wo sie mit Werner und Marina Antl zusammenstößt. Er nimmt die andere Tür, und als Ersten nimmt er sich Fred vor, der nicht nur vorgibt, vom ganzen Chaos nichts mitbekommen zu haben, denn er hat es wirklich nicht mitbekommen. »Junger Mann«, sagt Inspektor Wels, und dann noch einmal lauter: »Junger Mann!«

Nachdem Marina Antl Inspektor Wels den Grund ihres späten Erscheinens in der Szene plausibel erklärt hat, unterstützt von Werners Kopfnicken – den Grund nämlich, dass Bellas Kantine eine Insel und Bella selbst die irre Königin derselben sei, und sie beide, die Antls, das eigentliche Königspaar des Hauses, aufgrund dieses ungeschriebenen und doch in Stein gemeißelten Gesetzes gar nichts bemerken hätten können von dem, was sich da so rund um die Schank zugetragen hat, geschweige denn etwas dagegen unternehmen. Außerdem seien sie, die Antls, heute Mittag besonders abgelenkt gewesen – ein Augenzwinkern hier, ein beschämtes Kopfnicken Werners da –, und über kurz oder lang gehe sie beide das, was Bella in ihrer Kantine so treibe und wer da mitmache und schlimmstenfalls zu Schaden komme, auch wenn diese Kantine Teil ihres Hallenbads sei, gehe sie das alles eigentlich überhaupt nichts an. »Verstehen Sie?!« Und der Inspektor nickt, und nachdem sie all das geklärt haben, geht Inspektor Wels leicht verwirrt weiter und taucht in die Gänge ein und verschwindet hinter der nächsten Ecke.

Zwei Glastüren weiter, auf der anderen Seite der Kantine, im Hallenbad, ist Kollegin Fritz drauf und dran, in Freds Erklärungen verloren zu gehen, wobei dieser nichts zu befürchten hat, weil er von den Ereignissen, vom Tumult, tatsächlich nichts mitbekommen hat, aber gerade deshalb umso motivierter und zugleich verdächtiger erscheint und sich und Kollegin Fritz einen Knoten ins Hirn macht, wonach er auch sie in die Gänge entlässt und selbst ratlos stehen bleibt, und nur das Wasser, das gegen den Rand schlägt und angesaugt wird, mit diesem beruhigenden Sauggeräusch, nur das Wasser hält ihn zurück, aber da ist Kollegin Fritz schon verschwunden. Also alles wieder von vorne, aber – verflixt, wenn man so sagen darf – da hört längst keiner mehr zu. Gut so.

»Und jetzt rennen hier auch noch zwei Polizisten durchs Haus«, sagt Werner zu Marina, weil er genau weiß, was Inspektor Wels und Kollegin Fritz gut eine Stunde lang machen werden: herumirren nämlich – ohne zu wissen, wonach sie eigentlich suchen.

Und da geht’s schon los: Um die Ecke, links, dann rechts, und der andere geradeaus, und die Hand immer an der Gürteltasche und um die nächste Ecke, und kaum einer trifft einmal auf Badegäste, nur das gut aussehende Pärchen, eingewickelt in Saunatücher, fällt auf; man nickt einander zu und sieht einander heimlich hinterher, und wenn einer fragen würde, könnte keiner den anderen ausreichend beschreiben, egal ob geschultes Auge oder nicht. In den Gängen des Hallenbads ist jeder immer nur allein.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
311 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783903184893
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
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