Czytaj książkę: «Ich war ein Roboter»
Wolfgang Flür
Ich war ein Roboter
Electric Drummer bei KRAFTWERK
FUEGO
- Über dieses Buch -
Als Pioniere des Elektronischen Minimalismus waren Kraftwerk in den 70er und 80er Jahren Vorbild unzähliger Bands von Depeche Mode bis OMD, The Prodigy und Fat Boy Slim. Mit Stücken wie ›Autobahn‹, ›Wir sind die Roboter‹ oder ›Das Model‹ haben sie die Grenzen dessen durchbrochen, was man damals im Allgemeinen als Pop bezeichnete. 1973 fanden die Kraftwerk-Gründer Florian Schneider-Esleben und Ralf Hütter in Wolfgang Flür einen perfekten Drummer, der bis 1986 bei der Gruppe blieb. In diesem Buch, das hier in überarbeiteter und erweiterter Fassung vorliegt, berichtet er von seiner bewegten Zeit in einer der weltweit innovativsten Bands und erzählt aus seinem Leben, nachdem er von den Robotern Abschied genommen hat.
»Beautifully pitched between classic autobiography and cultural analysis«
The Independent

... doch alles nur Computer!
Vorwort
MIT DEN ROBOTERN UNTER EINER DECKE
Zuerst war ich vom Arbeitstitel meines Buches - Mit den Robotern unter einer Decke - begeistert. Dann aber, je mehr ich mich erinnerte und je mehr ich schrieb, fiel mir auf, dass wir, verglichen mit anderen Popgruppen, gar nicht in das Muster einer Truppe mit Kumpelattitüde passten. Es war wohl doch nur ein tief in mir verborgenes Wunschbild, das sich mit Kraftwerk nie verwirklichen ließ. Zu unterschiedlich waren wir elektrischen Vier in Persönlichkeit und Herkunft. Unsere Väter waren zwar Ingenieur, Techniker, Architekt, Augenoptiker, aber sie hatten alle einen sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Rang. Ralf Hüter und Florian Schneider-Esleben passten wegen ihren Familien schon besser zusammen. Sie stammten aus wohlhabenden Elternhäusern, in denen es nie an Geld gemangelt hat und schon gar nicht an Wissensbildung. Sie hatten elegante Umgangsformen und waren bereits in jungen Jahren viel gereist. Karl Bartos und ich kommen aus der so genannten Mittelschicht. Natürlich hatten auch wir eine Bildung und vor allem große Emotionalität. Wir wussten allerdings auch, was es bedeutete, wenn öfter mal kein Geld da war oder wenn jemand gefühlsmäßige Zuwendung brauchte. Verspielt und talentiert waren wir alle vier und ließen uns für lange Zeit aufeinander ein, weil wir irgendwo schicksalhafte Berührungspunkte gefunden hatten und weil wir uns so respektierten, wie wir waren. Instinktiv spürte damals jeder, dass gerade unsere spezielle Verbindung noch Großes hervorbringen konnte.
Um meine Erinnerungen an viele Einzelheiten meines Musikerlebens aufzufrischen, öffnete ich vor einigen Jahren nach langer Zeit wieder einmal meinen goldfarbenen Aluminiumkoffer, den ich mir 1975, immerhin 28-jährig, gleich zu Beginn unserer ersten US-Tournee in New Yorks schicker Fifth Avenue gekauft hatte und der mich all die Jahre auf allen Tourneen und Reisen begleitet hat. Für Tim Barr von der englischen Zeitschrift Future Music wollte ich einige unveröffentlichte Fotos von unseren frühen Auftritten zusammenstellen - da schlug mir der konzentrierte Duft dieser ganzen Pionierzeit unserer Elektromusik entgegen. Ich war wie im Rausch, blätterte und las stundenlang in Stapeln von Dokumenten, sah mir Fotos an und versank unaufhaltsam in einen Trancezustand. Ja, es gibt tatsächlich einen Kraftwerkgeruch für mich, und der ist pixelfein abgespeichert in meinem ›deutschgedanklichen Kulturbeutel‹. Er riecht nach Hotelzimmern aller Kategorien, Flugzeugkerosin, einer multikulturellen Welt, großartigen Erlebnissen und ernüchternden Vorurteilen gegen uns privilegierte Klanglaboranten aus dem modernen Düsseldorf am Rhein. Es ist auch der Chemiegeruch von Pressefotos, privaten Polaroids, kontroversen Zeitungsartikeln aus allen Erdteilen und oftmals gerissenen Filmen meiner alten 8-Millimeter-Schmalfilmkamera Marke Bell & Howell mit Handaufzug. Über diese ›Reliquien‹ legten sich noch die Ausdünstungen oxydierter Messingstäbchen, die ich mir gleich Anfang der 70er Jahre gelötet und mit denen ich unzählige Male für Kraftwerk getrommelt habe.
Der angesehene amerikanische Journalist Dave Thompson schrieb 1997 für das US-Magazin Goldmine einen kenntnisreichen und vergleichenden Artikel über meine frühere Gruppe und mein heutiges Musikprojekt Yamo. Daves Überschrift lautete ›The Heart of Teutonic Soul‹. Wir fachsimpelten leidenschaftlich einen halben Abend lang via Telefon über alles, was war, und das, was ist, während ich ausgerechnet in einem Zimmer des New Yorker Hotels ›Mayflower‹ saß, wo schon Ralf und Florian 1975 während unserer ersten US-Tournee, fein getrennt von Karl und mir, in den eleganten Suiten residiert hatten. Der Journalist beschwor mich eindringlich, meine Geschichte aufzuschreiben. Es gebe unbedingten Erklärungbedarf, weshalb ich meine berühmte Gruppe verlassen habe und warum die Welt danach nichts mehr von ihr zu hören bekam. Da es die meistgestellte Frage vieler seiner Kollegen und Fans an mich in den letzten Jahren war, entschloss ich mich schließlich zu diesem Bericht. Damit man mein romantisches Herz und meine teutonische Seele besser verstehen kann, werde ich weit ausholen und zurückblenden müssen in eine frühe Zeit, als die Lust am Machen und der Spaß am Klang in mir geweckt wurden.
Mit Kraftwerk hatten wir eine neuartige Musik entwickelt, was wir damals schon ein wenig ahnten. Völlig überraschend brachte sie uns Mitte der 70er Jahre in viele Winkel der Welt. Überhaupt nicht vorbereitet, erlebten wir die unfassbarsten Dinge, hatten schöne und schreckliche Erlebnisse und machten wertvolle Erfahrungen fürs Leben. Das Jetten um die Erde und viele Begegnungen schärften meinen Blick für die Natur, die Menschen und uns selbst. Ich verstand schnell, dass Düsseldorf nicht der Mittelpunkt der Erde ist, und entdeckte, dass ich ein Weltbürger bin und mich überall wohl fühlen kann. Aber auch das Heimatgefühl, die Magie unseres Breitengrades und das Nachhausekommen genoss ich. Dass das Reisen nicht für jeden von uns ein angenehmes Erlebnis war, musste ich enttäuschenderweise hinnehmen, und ich betrachtete zehn Jahre später meine Kollegen und mich selbst aus einem kritischeren Blickwinkel. Erste Zweifel kamen mir auf, über das, was mit mir bei Kraftwerk passierte und was wir den Menschen eigentlich brachten. Ich begann zu reifen, und meine Gedanken kreisten irgendwann nicht mehr nur ums Trommeln, ums Erfinden und darum, wie ich wohl bei den Frauen ankomme.
Sie werden beim Lesen feststellen, dass ich oft mehr über das Geschehen am Rande unserer Konzerte und Tourneen berichte, als über Einzelheiten unseres alltäglichen Musikschaffens und Experimentierens. Es waren nämlich gerade die menschlichen Erfahrungen, die sonderbaren Erlebnisse und vermeintlich marginalen Ereignisse auf einem Stück Lebensweg, die mich beeindruckten und nun in meinen Erinnerungen schwelgen lassen. Die Einstellungen unserer Synthesizer oder technische Details unserer Auftritte und Plattenaufnahmen sind für mich weniger berichtenswert. Das ist Handwerk und Routine, so etwas bringt jeder Beruf irgendwann mit sich. Erwarten Sie also bitte kein Buch über VCO-, LFO-, Oszillatoren- oder Filteranalysen. Mein Bericht handelt vielmehr von Kreativität, Wachsamkeit, Kollegialität und Lebensfreude. Verlust und Verrat gehören ebenso dazu, so ist halt das Leben mit anderen. Dass jedoch eine so aufregende und schöne Zeit einmal in einem regelrechten Alptraum für mich enden und dass ein völlig neuer Wolfgang daraus entstehen würde, konnte ich damals nicht ahnen. Und meine Enttäuschung über die Art und Weise, wie zwei Protagonisten mit ihrer einstmals genialen ›Erfindung Kraftwerk‹ schließlich umgingen und nur noch ihren Mythos lebten, mir deshalb dieses Buch - meine persönlichsten Erinnerungen - gerichtlich verbieten lassen wollten, konnte kaum größer sein.
Mit unserer Musik und unseren Visionen hatten wir das Glück, dass wir die Menschen erreichten und von ihnen geliebt wurden. Von vielen habe ich gelernt. Inspiriert von ihren Geschichten, die manchmal zu den meinen geworden sind, habe ich wieder neue Songs für mein Projekt Yamo geschrieben. Das Leben prägt, und je mehr man die Sinne geöffnet hat für die besonderen Kleinigkeiten darin, um so mehr kann man später aus der kostbaren Schatztruhe der Erinnerungen schöpfen.
Wie es ist, auf der Bühne zu stehen, das kannte ich schon lange vorher. Das Erlebnis, beklatscht zu werden, ebenso. Ich hatte mehrere Gruppen vor Kraftwerk, und die waren mir ebenso ans Herz gewachsen, selbst wenn sie nicht sonderlich erfolgreich waren. Es waren aber allesamt meine Bands, also Gruppen, die ich selbst gegründet hatte. Mit Kraftwerk stand mir aber die weite Welt offen, und das war es, außer meinen Erfindungen und meinem minimalen Trommeln, was mich die ganzen Jahre über mit der Gruppe am meisten reizte.
Menschliche Kontakte in vielen Nationen, unzählige Gespräche und die Liebschaften, die so manches Mal daraus hervorgegangen sind, sowie ein universelles Bild von Kulturen, das ich mir selbst machen konnte, ohne es nur aus den Büchern herauszulesen – all das brachte mir großartige Erfahrungen, die mir später nach meiner schmerzlichen Trennung auch geholfen haben, einen Weg zu mir selbst, zu Lust und zu Klang meiner eigenen Musik zu finden. Mein Weg mit Kraftwerk war bestimmt einer der verrücktesten und schönsten. Dieses Buch soll all jene ermutigen, die ebenfalls spät im Leben ihr eigentliches Ziel erkannt haben und Zufriedenheit aus dessen Verwirklichung schöpfen, wie ich es heute tue. Die Parole lautet: Nie ist es zu spät für etwas Neues, nie für etwas Besonderes. Mit Kraftwerk versuchten wir immer, unseren Fans etwas Besonderes zu bieten. Modernität und Eigenständigkeit sind gerade heute wieder mein persönlicher ›Guiding Ray‹. Ich möchte mich den Worten von Brian Wilson anschließen, der da einmal sagte: »Vergesst nicht, dass unsere Musik immer aus Liebe zu euch gemacht wurde.«
Und übrigens: Meine Berichte stellen meine ureigensten Meinungen und Gefühle dar. Sie unterscheiden sich gewiss von denen meiner früheren Kollegen, und es gäbe sicher vier sehr unterschiedliche Kraftwerk-Bücher, wenn wir jeder eines geschrieben hätten.
Wolfgang Flür, Juni 1999
Wer mit dem Strom schwimmt, erreicht den großen Musikdampfer, wer gegen den Strom schwimmt, erreicht vielleicht die Quelle.
(Paul Schneider-Essleben, Vater von Florian Kraftwerk)
»Junge, du machst das schon richtig«.
(Heribert Flür - mein Vater im Alter von 83 Jahren)
I
STATIONEN EINES MUSIKALISCHEN LEBENS
1
HÖCHSTE HEITERKEIT - ZUFÄLLE, DIE GIBT ES NICHT
Düsseldorf, 1. Januar 1999 +++ Was für eine magische Zahl dieses neue Jahr repräsentierte! Für mich war sie viel aufregender als die des nächsten mit den vielen Nullen, vor denen die Leute solch rätselhafte Panik haben. In der Silvesternacht hatte ich mich warm angezogen und im Düsseldorfer Norden einen langen besinnlichen Spaziergang entlang des Rheins gemacht, um die herannahende frische Zeit zu beschnuppern. Am späten Vormittag des Neujahrstages lag ich noch immer in meinem warmen Bett und döste köstlich vor mich hin, als ich plötzlich anfing, über den Sinn des Lebens nachzudenken - meines Lebens. Das tat ich nicht zum ersten Mal. Aber selten habe ich so klar gesehen. Ich dachte auch über die Arbeit an meinem neuen Yamo-Album nach, das ganz den Themen großer Heiterkeit gewidmet ist. Und ich erinnerte mich vergangener Jahre, von denen einige nach meinem freiwilligen Abgang bei Kraftwerk nicht unbedingt zu denen gehörten, die leicht zu bewältigen waren. Und genau das stimmte mich nachdenklich. War mir das Bewältigen etwas Unangenehmes? Bringe ich mein Leben überhaupt nur irgendwie hinter mich, oder empfinde ich dieses Bewältigen sogar als Glück? Was macht mich denn überhaupt glücklich? Viele suchen ihr Glück in einer bindenden Partnerschaft und halten sich darin aneinander fest, weil ihnen ihr Leben solche Angst macht, dass sie beim Bewältigen ständig jemanden zum Festhalten brauchen. Auch Kraftwerk war für mich einmal eine bindende Partnerschaft, in der ich mich gestützt fühlte, in die ich aber auch viel von mir investierte. Beinahe aber hätte ich mich selbst aus den Augen verloren, wenn die anderen es mir am Ende nicht - ohne dass es ihnen wohl bewusst war - leicht gemacht hätten, loszulassen und für die Zukunft ohne ihre ›Stützräder‹ meine eigene Ballance zu finden. Was für ein Gefühl der Erleichterung das heute für mich bedeutet, kann ich mit Worten gar nicht beschreiben. Ich arbeite nun mit unabhängigen jungen Künstlern, lebe lange allein, ohne mich einsam zu fühlen, und bin gar nicht unglücklich dabei, denn ich lebe sehr bewusst, genieße frische Freiheit, und lasse mich von den feinen Lebensgefühlen nicht abbringen.
Ich gehöre zwar auch zu den Menschen, die Extreme des Lichts und der prallen Farben lieben, aber gerade Pastelltöne und das Zwielicht, das den Tag nicht lassen möchte und die Nacht doch schon sucht, haben mich immer am meisten berauscht und inspiriert. Diese tägliche Wahrnehmung von Veränderung und der Übergang von Feinheit zur Sättigung und wieder zurück zur Blässe, gehen mir über alles. Das aufmerksame Empfinden, dieses köstliche Erkennen, das sich immer wieder in mir ausbreitet, ist alleine schon mein Leben wert. Es kann nur Freude daraus folgen, Freude am Erleben. Ich sehe mit fühlender Hand, mit Winden mach ich mich bekannt, früh schmecke ich die Zeit, hör in den Tag, mach mich bereit. Wie berührend ist eine liebevolle Begegnung! Sie bereitet höchste Heiterkeit überhaupt. Es ist ein kaum fassbares Glück, dass dies jeden Tag aufs Neue funktioniert, immer wieder anders und deshalb neu.
Es gibt Millionen von Menschen, die sich nach Unsterblichkeit sehnen - die aber nicht wissen, was sie an einem verregneten Sonntagnachmittag anfangen sollen.
(Maurice Chevalier)
Aber was hat das alles für einen Sinn, wenn ich so schnell wieder unsere schöne Erde verlassen muss? Wozu das Ganze? Eine sonderbare Spezies hat diesen Planeten wie eine Naturkatastrophe befallen und ich fürchte, so kontrovers und raubsüchtig wie sich der Wurm Mensch verhält, wird er auch nicht lange bleiben können. Ein kurzes Gastspiel vielleicht, dann wird bestimmt wieder etwas ganz anderes mit dieser liebenswerten, im Raum schwebenden blauen Kugel geschehen, die sich, aus der Ferne gar wunderlich betrachtet, von solch ulkigen Kreaturen betrampeln lässt, die sich ihren eigenen Namen geben, sich gegenseitig erkennen und so etwas skurriles haben können, wie Langeweile. Wesen, die auch Stimmungen haben, in denen sie sich halb totlachen. Welche, die singen, selbst gebaute Musikinstrumente spielen und sich ihre Sinne am liebsten von einer der unbegreiflichsten Sachen der Welt verdrehen lassen - Humor. Und welche, die Spaß daran haben, aus purem Unsinn gehörig viel Krach zu schlagen, ja, richtig schön unnütz zu sein. Wer will da nicht ‘ne zeitlang dabeisein?
Die gierige Menschheit will mehr als das Leben, sie will auch noch ins Paradies ...
Für mich ist es einfach aufregend, diese kontroversen Wesen zu beobachten und alles um mich herum wahrzunehmen. Ein Augenblick von dem, was gerade ist, von Licht und Klang im dunklen All. Zu neugierig hat er mich gemacht. Schönheit, Freude und Liebe sind das, was uns am Leben hält, was wir brauchen, was wir geben müssen. Die Wahrnehmung von Freude, die ich empfange und bereite, gibt dem Leben einen Wert. Ich gehöre einfach dazu – jetzt – denke gar nicht daran, meine Periode als Last zu empfinden, es einfach nur so zu bewältigen und mein Glück im Anschaffen von lästigem Eigentum zu suchen. Das gierige Habenwollen ist doch nur dumpfer Rausch. Wofür strengen sich da so viele so verkrampft an und wirken dennoch unzufrieden und mürrisch? Ich finde es erschreckend anzusehen, wie wenige meiner Artgenossen einfach glücklich sind über das pure Gefühl ihres Daseins. Ich jedenfalls freue mich täglich über meine Lebendigkeit und meine Empfindungen. Pures Leben ist mein Luxus, Fantasie mein Reichtum, und im Himmel bin ich schon jetzt, während ich lebe. Zum Genießen sind wir schließlich da, atmen doch ständig von der köstlichen Substanz Atmosphäre, die wir so gern als ›unser blauer Himmel‹ bezeichnen. Auf was sonst noch warten da so viele und klammern sich an unverschämte Versprechungen ihrer selbst auferlegten Religionen, die sie vom schweren Bewältigen ihres Alltags erlösen sollen? Die gierige Menschheit will mehr als das, sie will auch noch ins Paradies – ihr Supermarkt der Belohnung für Lebensbewältigung. Dass ich nicht lache! Man sollte ihnen am besten dort noch Rabattmarken in Aussicht stellen ...
Schnell ist die privilegierte Zeit der Wahrnehmung wieder vorbei und manche haben nicht mitbekommen, dass das Göttliche in ihrer eigenen Kreatürlichkeit ruht. Man muss sich erst einmal selbst entdecken, liebhaben und ernst nehmen. Und wenn man das dann kann, geht es auch besonders gut mit anderen.
Mein Glück zu zeigen, ist jedenfalls ganz normal für mich. Musik ist dabei ein beschwingtes Medium, mit dem ich mich ausdrücken und Freude vermitteln kann. Ich will es wenigstens versuchen, denn ich habe von Anfang an so viel davon.
Als meine Mutter noch lebte, erzählte sie mir einmal, dass ich als Fünfjähriger meinem Zwillingsbrüderchen beim Spielen folgende Frage gestellt haben soll:
»Winfried, bist du eigentlich froh, dass es dich gibt?«
Mein Bruder soll daraufhin lange nachgedacht und dann fast weise geantwortet haben:
»Ja, Wolfgang, ich bin eigentlich auch ganz froh, dass es mich gibt.«
Woraufhin ich ihm beigepflichtet hätte: »Ich nämlich auch.«
Schon früh habe ich wohl Gleichheit gesucht - dass andere neben mir ähnlich glücklich und zufrieden sind. Winfried hatte immerhin noch ein zögerliches ›eigentlich‹ in seine Antwort eingeflochten, war immer ein wenig nachdenklicher, war stiller als ich. Mein Bruder hat sein Leben den Menschen und ihrem Wohlergehen gewidmet. Heute ist er als Arzt bei seinen Patienten sehr beliebt. Wir können unseren Eltern nur dafür danken, dass sie uns reichlich Glücksgene und ein emphatisches Empfinden vererbt haben. Und wenn ich sterben muss, dann ist mein Paradies abgelaufen, dann werde ich traurig sein, dass ich keine Freude mehr schenken und nicht mehr wahrnehmen darf. Keine Farben mehr fühlen, kein Licht mehr schmecken, keinen Duft mehr greifen, keine Haut mehr streicheln, keine Stimmen mehr trinken, kein Lachen genießen, nicht Tränen mehr gießen – das stelle ich mir fürchterlich vor.
2
KHATCHATURIAN IM FIEBER - KLICKERN, KNISTERN, FLÜSTERN
Frankfurt am Main, 17. Juli 1951 +++ Im zarten Alter von vier Jahren begann mich alles zu faszinieren, was klingt und tönt. Ich tippte, klopfte und schnippte gegen sämtliche Materialien, die mir unter die Finger kamen, um deren Klang zu erforschen. Musikinstrumente wurden bei uns zu Hause nicht gespielt. Gesungen wurde nur gezwungen unter dem Weihnachtsbaum, also nur einmal im Jahr, und ich erinnere mich mit Unbehagen, dass das immer krampfig war.
Als Zwilling und dritter Sohn meiner Eltern Hildegard und Heribert 1947 im zerbombten Frankfurt am Main geboren, spielte ich mit meinen Brüdern und den Nachbarkindern am liebsten auf den umliegenden Trümmergrundstücken. Dabei konnte man allerlei Unbekanntes und Tönendes finden. Natürlich lag auch Gruseliges und Gefährliches unter den mit Unkraut und hohen Pflanzenstauden überwucherten Steinhaufen der zerbombten Wohnhäuser in unserer Straße. Gefährlich waren die Entdeckungsreisen in dunkle Keller allemal. Regelmäßig brachten wir Schürf- und Platzwunden an Armen und Beinen mit nach Hause. Gewagte Kraxeleien versetzten unsere armen Eltern oft genug in Angst und Schrecken.
Da es an der Zeit war, wieder alles aufzubauen, was unsere Eltern sich hatten zerstören lassen, gab es kaum Spielzeug. Die ruinierte Wirtschaft hatte nur wenig Ausstoß und wir Kinder mussten uns unsere Spiele selbst ausdenken. Der Fantasie waren dabei kaum Grenzen gesetzt. Die Sommer waren heiß und wir brauchten nicht viel. Jeder hatte so wenig wie die anderen und es gab deshalb auch nichts, was wir uns gegenseitig hätten neiden können. Außer Sandalen und den obligatorischen Lederhosen, die viel zu groß um unsere dünnen Leiber schlenkerten, hatten wir nichts auf dem Leib.
Wir hielten uns am liebsten auf den Straßen auf, wo wir gar zu gerne nachmittags auf den gelben Eiswagen warteten, der, von zwei Pferden gezogen, die Familien mit Kühleis versorgte. Für zehn Pfennig schlug der Fuhrmann gekonnt abgezirkelte Stücke von meterlangen gefrorenen Wasserbarren mit dem Hammer ab, und warf sie in die von uns bereitgestellten Zinkeimer. Kleine kalte Splitter flogen dabei glitzernd durch die warme Sommerluft und fielen auf den Boden. Sie waren unsere Beute. Gierig prügelten wir uns um sie und lutschten sie schnell weg. Das Knirschen und Knacken der kristallenen Eisstangen übte eine ungeheure Faszination auf mich aus.
Vater war im Krieg bei der Luftwaffe gewesen. Aus der Gefangenschaft in Belgien hatte er von den Amerikanern Swingmusik auf leicht zerbrechlichen Schellackscheiben mitgebracht – von Benny Goodman, Glenn Miller und Duke Ellington. Er spielte sie auf einem hölzernen Koffergrammophon in unserer Sachsenhauser Wohnung ab. Dazu musste er umständlich eine Stahlnadel in den Führungsschlitz des hohlen blechernen Tonarms stecken und sie mit einer Schraube an der Membran des Tonabnehmers festziehen. Dann drehte er an der Seite mit einer Kurbel und zog das Federwerk für den Laufmotor auf, um einige Minuten Drehzeit des mit schwarzem Filztuch belegten Plattentellers zu erreichen. Er öffnete nun im unteren Teil des Holzmöbels zwei kleine Türen, hinter denen sich ein gefaltetes Horn befand, das die Musik entließ. ›In The Mood‹ von Glenn Miller war damals der Hit, den man ständig auf AFN, dem Soldatensender der amerikanischen Besatzer hörte.
Der schwarze Musikkasten war aufregend für uns Kinder, aber es war uns strengstens verboten, das wertvollen Gerät anzufassen. Die krächzende Musik, die daraus hervorkam und die perfekte Mechanik des Uhrwerks faszinierte uns aber derart, dass wir uns oft über das Grammophon hermachten, sobald die Eltern einmal nicht da waren und vergessen hatten, das Wohnzimmer abzuschließen, in dem der Kasten repräsentativ aufgebaut stand. Meist wurde aber abgeschlossen. Mein Zwillingsbruder und ich waren gnadenlos neugierig und geschickt. Mit einem selbstgebastelten Dietrich bekamen wir immer wieder die Tür zum ›Schönzimmer‹ auf, in dessen Kredenz es auch ein Barfach mit Eierlikör gab. Ziemlich regelmäßig naschten wir von der süßen Creme und füllten danach den Schwund mit Milch auf. Ich war besonders gierig und konnte nicht genug davon bekommen. Ich verlängerte und verlängerte die süße Brühe, bis sie ganz blass aussah und völlig laff schmeckte. Irgendwann flog der ganze Schwindel auf und Vater legte mich heftigst übers Knie. Keinen Ton gab ich dabei von mir. Zu stolz war ich, dem Alten meinen Schmerz zu zeigen. Ich verachtete ihn für seine feige Tat, die er nur für seine Frau ausführte, um ihr den starken Mann zu mimen. Früh merkte ich, dass Vater ein schwacher Mensch war, der sich nicht gut durchsetzen konnte. Früh merkte ich auch, dass es ihm gar keinen Spaß machte, mich zu verhauen. Er tat es wohl mehr für meine Mutter, die Zucht durch ihn für mich erwartete. Mutter hatte auf jeden Fall die Hosen an in unserer Familie, und ich sehe sie immer noch in ihren eleganten Kleidern und beim Lackieren der Fingernägel vor mir. Heimlich beobachtete ich sie manchmal durchs Schlüsselloch beim Anziehen ihrer scharfen Unterwäsche, die ich auch schon mal selbst überstreifte, wenn sie fort war. Schön glatt und kühl fühlten sich die seidigen Fetzen auf meiner Haut an und ich drehte mich lustvoll von allen Seiten betrachtend vor dem Spiegel. Ja, ich hatte Spaß an mir.
Vor dem Schlafengehen holte uns die Urgroßmutter, die gemeinsam mit uns den zweiten Stock ihres Hauses in der Rubensstraße bewohnte, in ihr riesiges, mit Möbeln vollgestopftes Zimmer, setzte uns an den großen Esstisch mit der Samtdecke drauf und las uns unter ihrer riesigen Lupe aus Grimms Märchen vor. Dabei zog die alte Dame die Deckenlampe an der Schnur ganz tief über den Tisch herunter, damit es schön schummrig im Zimmer wurde. Lange, mit Glasperlen beknüpfte Fransen des pendelnden Lampenschirms warfen dabei gespenstische Schatten und bizarre Glitzerreflexe auf das weiche Tuch. In der Nähe des Erkerfensters stand der eiserne Kohleofen, auf dem die Uroma gern Äpfel schmorte. Das ganze Zimmer roch dann lecker nach Backobst und getrockneten Pflaumen, die mit Zahnstochern zu kleinen Männchen gesteckt auf der Kredenz aufgereiht waren. Dort stand auch der quadratische schwarze Volksempfänger, vor dem die wache Frau oft saß, um den Nachrichten und den Reden unsers ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer zu lauschen. Sie verehrte ihn über alle Maßen. »Der einzige gescheite Mann in Deutschland«, das war ihre feste Überzeugung. Die abendliche Atmosphäre war äußerst sinnlich und öffnete uns für die Geschichten, die wir zu hören bekamen. Man kann sich denken, was aus Kindern wird, denen in solch gemütlicher Atmosphäre die schönsten und gruseligsten Märchen zelebriert werden. Eine bessere Lehre für unsere Fantasie konnten wir nicht bekommen.
Unser Vater förderte noch diese sinnliche Ausbildung dadurch, dass er uns ständig fotografierte und kleine Filmchen mit uns drehte. Er war Mitglied in einem Frankfurter Filmclub, der regelmäßig Wettbewerbe veranstaltete, an denen er sich mit der ganzen Familie und mit Freunden beteiligte. Das waren immer die aufregendsten Stunden, wenn wir uns verkleiden durften und uns wie kleine Stars fühlten. Ich selbst war dann kaum zu bremsen und brachte oft alle zum Lachen oder zur Verzweiflung, weil ich kein Ende finden wollte.
Gelacht wurde überhaupt viel in unserer Familie. Meine Mutter war eine äußerst temperamentvolle und lebenslustige Frau, die mit ihrem Mann gern Freunde einlud und ausgelassene Feste feierte. Dabei lauschten wir Kinder abends in unseren Bettchen der rhythmischen Musik aus lateinamerikanischen Ländern. Samba, Rumba, Cha-Cha-Cha, Mambo und Foxtrott - ich habe ihre Lebendigkeit heute noch im Ohr. Am fröhlichsten war immer der Freitag. Das war unser Badetag. Wir Kinder wurden dann gleichzeitig in die Wanne gesteckt und von Vater abgeschrubbt. Das Wasser musste vorher umständlich in einem Badeofen mit Brikettfeuer erhitzt werden. Beim Waschen ging es natürlich auch nie ohne Theater ab. Schauspielern und die Selbstdarstellung waren überhaupt unsere Lieblingsbeschäftigungen.
Träumen und Trödeln war indes etwas, dem ich mich zum Leidwesen meiner Mutter zu oft und zu gerne hingab. Immer war ich mit meinen Gedanken irgendwo anders, aber bestimmt nicht bei den ›vernünftigen‹ Dingen, und musste deshalb meist hart in die Wirklichkeit zurückgerufen werden. Bei der Oma genossen wir aber alle Freiheiten. Ich konnte voller Entzücken am Piano sitzen und die Klaviersaiten bearbeiten. Es war jedoch kein richtiges Musizieren, eher ein ungestümes Draufloshämmern auf die geduldigen Tasten. Mein rhythmischer Krach muss ein Greuel für die ›Grossi‹ gewesen sein, denn sie floh dann meistens in ihre Küche und trank ein Piccolöchen für ihren Blutdruck.
Eine schwarze ›Adler‹ entdeckte ich auch bei ihr, eine riesige Schreibmaschine. Es machte mir den größten Spaß, auf der Tastatur herumzuhacken und beim Zeilenumbruch auf den erlösenden Klingelton zu warten. Toll sahen die Wortbildungen hinterher auf dem Papier aus, einfach grotesk. Es war aber mehr der Klang und der Rhythmus der metallenen Typen, die mich beim Schreiben belebten. Takt geben und Zeichen setzen war meine Sache geworden, ohne dass ich damals auch nur ahnen konnte, wie ich später, viel später, jahrelang auf die Tasten hauen würde, um meine eigenen Geschichten aufzuschreiben oder diesen Bericht.
Uroma liebte ich am allermeisten. Sie hatte immer tolle Geschichten für uns parat, gruselige und schöne. Im Sommer durfte ich manchmal bei der gebildeten Frau Ferien machen. Sie hatte ein Häuschen in Filsen, einem katholischen Flecken direkt am Rhein, gegenüber von Boppard. Dort am Hang der rheinland-pfälzischen Weinberge lag der Ort, ärmlich gewachsen um die schlanke Dorfkirche herum, eingezwängt zwischen der alten Rheinuferstraße und den Gleisen der Bundesbahn, die damals noch mit fauchenden Dampfloks fuhr. Wie von einem Messer geschnitten, klaffte die Trasse mitten durch den schmalen Ort. Einen einzigen Bahnübergang gab es, und wenn der Stellwärter aus seinem Häuschen herauskam und seine Uniformmütze aufsetzte, um mit einem Klingeln die Barrieren per Handarbeit herunterzukurbeln, dann lief für einige Zeit erst einmal nichts mehr. Filsen war in zwei Teile zerschnitten.
Mit dem Küster der Kirche war die fromme Uroma lange befreundet, und sie schickte mich stets abends um sechs Uhr zu ihm in sein Gotteshaus, um die Glocke zu läuten. Das war vielleicht ein Spaß. Am dicken, geknoteten Seil zog ich mit meinen dünnen Ärmchen so lange und rhythmisch, bis ich mich an ihm festhalten und durch den Schwung der schweren, gusseisernen Form hinaufziehen lassen konnte. Ich wog ja nichts, und die Glocke hatte gar keine Last mit mir. Es ging bestimmt zwei Meter hoch. Schon damals wurde ich vom Küster für meinen ordentlichen Rhythmus gelobt: »Junge, du machst das ja besser als ich selbst.«
Nach meinem klangerzeugenden Kraftakt musste ich in einem Stall, der direkt an die Kirche angebaut war, die Ziege des Küsters melken. Stolz lief ich dann, die dampfend warme Milch in einer randvoll gefüllten Porzellantasse balancierend, die staubigen Gassen hinab zum Haus der Urgroßmutter. Oft kam ich aber nur mit der Hälfte des Tasseninhalts an. »Mein Elixier für‘s Altwerden«, klärte mich die Kluge verschmitzt auf.
Und wenn es Abend wurde, dann setzte sie sich oft noch mit mir auf das niedrige Mäuerchen der alten Bundesstraße, auf der damals kaum Autos fuhren, höchstens hundert Meter vom Haus entfernt, und wir schauten lange auf die behäbig vorbeituckernden Passagierschiffe der weißen ›Köln-Düsseldorfer Raddampfer‹ und tief im Wasser schnaufenden Schlepper, die an langen Stahltrossen mit Gütern beladene Lastkähne hinter sich herzogen. Je näher sie an uns vorbeifuhren, um so größer war unsere Freude über ihre Wellen, die bedrohlich klatschend unser Ufer überschwemmten. Wie konnte sie sich mit mir freuen, die großherzige Oma, und wie liebte ich diese innigen Tage in Filsen, wo ich die Gute einmal ganz für mich alleine hatte. Nie hätte ich sie hergeben wollen, doch Jahre später wurde die alte Dame noch mit 88 Jahren auf derselben Straße beim Überqueren von einem Auto angefahren und brach sich beide Beine. Wir dachten alle, sie käme nicht mehr aus dem Hospital, jedoch - es war nicht zu fassen - nach einigen Wochen humpelte die Tapfere wieder an einem Spazierstock aus dem Krankenhaus und fuhr geheilt nach Hause. Sie war einfach nicht klein zu kriegen und wurde wegen ihrer robusten Natur 96 Jahre alt. Solch ein geniales Alter, verbunden mit ihrem wachen Geist, würde ich mir selbst wünschen. Uroma Katharina war eben ein echtes Vorbild an Lebenslust und Stärke.
Koblenz, 1955 +++ Die Familie war inzwischen vom hessischen Frankfurt nach Koblenz gezogen, der Stadt am Deutsche Eck, spitz eingezwängt zwischen Mosel und Rhein, umrahmt vom Karthäuser Bergrücken und der gegenüber liegenden Festung Ehrenbreitstein. Das berühmte Denkmal auf dem nördlichsten Zipfel der Stadt, wo sich die beiden europäischen Flüsse treffen, hatte damals noch nicht wieder seine im zweiten Weltkrieg zerstörte Kaiser-Wilhelm-Reiterstatue in Bronce zurückerhalten. Das Bauwerk war noch bis 1993 nur ein steinerner Sockel, und der sah wie ein Zahnstumpf aus, dem oben was fehlte.
In Koblenz hatte mein Vater eine bessere berufliche Stellung als Augenoptiker angenommen. Hier hatte mir meine Patentante einmal eine Hohner Mundharmonika mitgebracht, die mein ständiger Begleiter wurde. Das Instrumentchen hatte mich regelrecht mit Musik infiziert. Es zu spielen war schnell gelernt, und da es klein war, konnte ich es immer in meiner Hosentasche bei mir tragen. Auf sonntäglichen Spaziergängen, die unsere Eltern oft mit uns durch die Rheinwiesen nach Braubach und Schloß Stolzenfels machten, habe ich gern kleine Melodien gespielt, die oft von einer leidenschaftlichen Melancholie geprägt waren. Meinem Zwillingsbruder gefielen sie anscheinend besonders gut, denn er prophezeite mir schon im Alter von acht Jahren: »Du wirst bestimmt einmal weltberühmt, Wolfgang.« Da konnte ich mir überhaupt nichts drunter vorstellen, was das ist - berühmt sein.
Größten Spaß hatten wir Jungs auch, wenn wir nach dem Zubettgehen noch im Radio spannenden Hörspielen lauschen durften. Das Licht war in unserem Zimmer bereits gelöscht; nur die magisch grüne Glasscheibe mit den Radiosendern und dem Pegelanzeiger des Empfängers beleuchtete schwach die Kommode, auf der er stand. Die Dunkelheit ließ unsere Vorstellungskraft aufblühen, während wir den Stimmen der Darsteller und den Geschichten lauschten. Heute weiß ich, dass das besser war als jedes Fernsehen, weil wir uns die Figuren, die Landschaften und Geschehnisse allesamt in unseren Köpfen selbst ausmalen mussten.
Dämmerlicht und zarteste Geräusche liebte ich besonders beim samstäglichen Beichtgang in unserer katholischen St.-Joseph-Kirche. Dem neugierigen Kaplan im intimen Beichtstuhl meine Sünden der Woche zu verraten, war hingegen für mich immer äußerst beschämend. Aus Wut log ich ihm deshalb oft schlüpfrigste Verfehlungen gegen den christlichen Katechismus vor, so dass ihm hinter dem aus Holz geschnitzten Gesichtsgitter die Schweißperlen auf die Stirn traten. Wir hatten die perfekte Symbiose. Er wollte ausführlichst ›diese Schmiersachen‹ gebeichtet bekommen, ich dagegen wollte eine lange Bestrafung erreichen. Zehn ›Vaterunser‹ und noch einmal zehn ›Gegrüßet seist Du, Maria‹ waren das Mindeste, was ich als Buße suchte. Dann flitzte ich zufrieden aus dem Beichtstuhl und suchte mir auf der Frauenseite eine Alte, die sich dort zum Gebet niedergelassen hatte. Ich kniete mich ganz nah neben sie in die Bank und faltete meine Händchen, kaum fähig über die Kirchenbank zu reichen. Ich schloß meine Augen und konzentrierte mich ganz auf das Geräusch ihrer flüsternden Lippen. Die Frauen beteten ganz leise ihren Rosenkranz, der aus Glasperlen aufgefädelt war. Das leise Klickern der Perlen und ihr Flüstern war es, was ich suchte. Im spätnachmittäglichen Halbdunkel der Kirchengewölbe und im Anblick des rubinroten ewigen Lichts auf dem Hochaltar und berauschender Farben der buntgläsernen Kirchenfenster hatte ich es einmal erlebt, wie eine Frau, nachdem sie ihren Mittelfinger zärtlich an der Zungenspitze beleckt hatte, so sanft das Seidenpapier ihres kleinen, goldumrandeten Gebetbuches umblätterte, dass mir das zarte Knistern der hauchdünnen Seiten eine genüßliche Gänsehaut und einen steifen Penis bereitete. Ich suchte mir immer wieder diese lustvolle Gelegenheit aus Klickern, Knistern und leisem Geflüster. Wohlige Schauer liefen mir jedesmal den jungen Rücken herunter, und ich konnte nicht genug davon bekommen. So war ich immer froh, wenn ich lange Buße tun durfte, konnte ich mich doch immer wieder dieser sündigen Lust aus zartem Hören hingeben und vor allem länger draußen bleiben.
Mit zehn entdeckte ich die weite Welt des Transistors. Mein großer Bruder hatte von der Schule ein paar Teile mitgebracht, einen Kristalldetektor, eine Diode, eine kleine Spule und ein Potenziometer, mit denen man ein funktionierendes Radio zusammenlöten konnte. Über eine simple Antenne war das Gedrähte tatsächlich fähig, Radiowellen aus dem Äther einzufangen, die man dann per Kopfhörer in die Lauscher schicken konnte. Ich glaube, wir bekamen nur Mittel- oder Langwelle herein, und die kratzte und rauschte ganz schön. Aber mit Geduld und Fingerspitzengefühl am Poti gedreht, konnte man durchaus etwas Hörbares erreichen. Das war höchst spannend. Mit solch wenigen Teilen ein eigenes kleines Radio zu bauen und richtig Töne zu hören, die von irgendwoher weit draußen kamen, das haute mich echt um, das brachte meine Fantasie zum blühen. Ich wollte nun unbedingt, wie das bei Geschwistern ja immer so ist, ein eigenes ›Spion-Radio‹ haben, wie ich es nannte. Kurz darauf, das war so um 1957, entdeckte ich dann auf dem Schulweg im Schaufenster eines Radiohändlers die Perfektion der physikalischen Hausaufgabe meines Bruders - ein modernes japanisches Transistorradio. Es hatte sogar schon einen kleinen eingebauten Lautsprecher und eine verchromte Teleskopantenne. Auf dieses Kästchen hatte ich es abgesehen wie wild. Ich weiß noch ganz genau, dass es etwas mehr als zehn Mark gekostet hat - eine Unmenge Geld für mich - und es war aus weißem Plastik mit einem gerasterten Tuningrad hinter einer im Deckel eingelassenen Lupe, auf der man die vergrößerten Frequenzzahlen der Sender ablesen konnte. An einer hübsch geflochteten Schnur hielt man das kleine Gerät in der Hand und ich konnte so schön damit angeben, wenn ich draußen herumlief. Das war modern und es schmückte mich vor meinen Freunden. Zusätzlich besaß es noch einen Ohrhöhrer, mit dem ich abends unter meiner Bettdecke, verborgen vor meinen Brüdern, die Sender durchforsten konnte. Am liebsten hörte ich die Kurzwelle. Da kamen fremde Sprachen und neue Klänge aus aller Welt herein. Dabei entdeckte ich, dass ich viel Spaß hatte an Musik unterschiedlichster Art. Im abgelegensten Winkel des großen Gartens meiner Oma hatte ich mir hinter den Stachelbeersträuchern eine Geheimecke ausgesucht, in der ich mich sonntagnachmittags stundenlang aufhielt und am Pegelrad drehte, immer auf der Suche nach einem fremden Klang. Menschliche Stimmen hatten es mir besonders angetan. Die hatten was zu melden, selbst wenn ich es inhaltlich oft nicht verstand.
Einmal war ich erkältet und musste mit hohem Fieber im Bett bleiben, während mein Zwillingsbruder ohne mich zur Schule ging. Im Kinderzimmer hörte ich in unserem großen Radio Marke Saba in der Fieberhitze Aram Khatchaturians ›Säbeltanz‹ aus dem Monolautsprecher. In meiner blühenden Fantasie sah ich die Derwische auf ihren Pferden durch die Puszta wirbeln und mit den Säbeln rasseln. Die Komposition hatte etwas gerührt in mir, das meiner Seele nah war. Was ich spürte, wollte ich immer wieder spüren. Eine Schallplatte musste auf mein heftiges Drängen hin besorgt werden, und von da an nervte ich meine Geschwister mit dem ständigen Abspielen des ungestüm dramatischen Epos auf unserem Phillips-Plattenkoffer, den mein älterer Bruder im Kinderzimmer zum Hören seiner Schlagerplatten benutzte.
Khatchaturians Komposition gefiel mir viel besser als der nachgeäffte Rock‘n‘Roll des Schlagersängers Peter Kraus, den mein Bruder gerne hörte. Gregor hatte schon früh ein Telefunken-Tonbandgerät. Mit diesem TK 17 haben wir bald unsere eigenen Hörspiele inszeniert und mit Geräuschen ausgeschmückt. Alles was sich mit dem Mikrofon aufnehmen ließ, sammelten wir ein, und wir erzählten selbst erfundene Geschichten mit verstellter Stimme. Mein Interesse an Klängen wuchs ständig. Ich wollte bald ein Instrument spielen. Eine Trompete sollte es anfangs sein, weil die so laut war. Dann wollte ich ein Klavier haben, später wiederum eine Gitarre. Aber bei meinen konservativen Eltern fand ich zunächst kein Gehör für derlei Zeitvertreib. Außerdem verdiente mein Vater damals nicht so viel Geld, als dass er mir meine ständig wechselnden Instrumentenwünsche ohne Weiteres hätte erfüllen können.

3
VOM BEATNIK ZUM MOD
Düsseldorf, April 1958 +++ Meine Familie zog vom Deutschen Eck in der grünen Rheinlandpfalz in die gläserne Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen, und als ich vier Jahre später getrennt vom Zwillingsbruder auf einer der Realschulen Düsseldorfs war, unterstützte unsere blonde Englischlehrerin die Musizierlust ihrer Jungs mit Begeisterung und Weitsicht. Wir mochten die attraktive Menzen, die uns pubertierenden Bengels so gern ihre scharfe Figur präsentierte. Dazu setzte sie sich beim Abfragen der Vokabeln vor der ganzen Klasse auf das Lehrerpult und schlug ihre wohlgeformten Beine übereinander. Ihr enger Kostümrock rutschte dabei oft gefährlich hoch und ich nahm das reibende Geräusch ihrer Nylonstrümpfe wahr, das mir eine wohltuende Gänsehaut bereitete. Durch den erotischen Einfluss unserer hübschen Lehrerin waren wir alle sehr gut in Englisch, denn wir liebten ihren ungezwungenen Unterricht. Die Menzen gewann uns dafür, eine Band zu gründen, um die Lieder zu begleiten, die wir in ihren Stunden manchmal zusammen sangen. Korrekte englische Aussprache sollte dabei geübt werden. Gospels wie, ›Swing Low, Sweet Chariot‹ oder ›My Bonny Is Over The Ocean‹ waren beliebte Übungen. Mein Banknachbar Rüdiger spielte dabei eine Klampfe, unser Klassensprecher Hans-Peter rasselte mit Vaters Rumbakugeln, der hübsche Jürgen spielte Banjo und ich meine Mundharmonika, der wir hinten ein Mikrofon angeklebt hatten und sie damit über den Plattenspielereingang unseres Radios verstärkten. Wir hatten unsere erste Combo gegründet - die Bellows. Im Radio spielte gleichzeitig der erste Beatlessong ›Love me Do‹.
Und noch etwas Aufregendes geschah 1962: An einem milden Märzabend hörte ich zum ersten Mal den sensationellen neuen Stereoton. Es war die revolutionäre Erfindung genialer Toningenieure, welche das zukunftsweisende Medium in jenem Jahr auf der Berliner Funkmesse der Welt präsentierten. Gregor, mein älterer Bruder, war durch seine Messdienertätigkeit in unserer St. Rochus Pfarrei mit dem jugendnahen Pfarrer befreundet, und dieser hatte bald den ersten Stereo-Kofferplattenspieler von Dual gekauft, auf dem er uns Jungs im Versammlungszimmer des Pfarrhauses die ›Nussknackersuite‹ von Peter Iljitsch Tschaikowsky und Bedrich Smetanas ›Die Moldau‹ vorspielte. Mann, war das ein ergreifendes Erlebnis! Kann sich heute kaum noch einer vorstellen, wie wir früher immer Mono gehört haben. Und nun konnte man im Panorama zwischen zwei in reichlich Entfernung von einander aufgestellten Lautsprecherboxen richtig orten, wo die einzelnen Instrumente im Orchester platziert waren. Die musikalisch-technische Demonstration war ein Hochgenuss für uns Jugendliche und sie beeindruckte mich so nachhaltig, dass ich den Erfindern auf meinem Time Pie-Album sogar einen Song widmete - ›Stereomatic‹.
Meine Eltern hatten in Düsseldorf-Lohhausen einen Schrebergarten. Einmal kam ich auf dem Weg von dem Gelände am Vereinshaus der Gartenanlage vorbei, da probte dort, gut sichtbar hinter einer großen Glasscheibe, eine elektrisierende Gitarrenband. Es waren schon erwachsene Musiker, die professionelle Klangverstärker und ein komplettes Schlagzeug hatten. Songs von den Spotniks wurden gespielt und von anderen damals aktuellen Gitarrenbands. Das klang so perfekt, so knackig elektrisch, und der Gitarrist spielte sein Instrument mit einem tollen Echoeffekt im Stereo-Panorama. Völlig fertig machte mich das, wie eingeübt und modern die klangen.
Als ich im Keller unserer Schule den Proberaum einer Skiffle-Band mit einem Schlagzeug entdeckte, war es endgültig um mich geschehen. Die Trommeln hatten solch einen tollen Knall, dass ich augenblicklich Schlagzeuger werden wollte. Es dauerte aber noch eine Weile, bis mein strenger Vater meinem Zwillingsbruder und mir erlaubte, während der Schulferien in der gegenüberliegenden Altbierbrauerei Dietrich zu arbeiten, um ein wenig Geld zu verdienen. Als Sechzehnjähriger konnte ich so 1963 mein erstes kleines Schlagzeug kaufen und mit Freunden aus meiner Schule die Beathovens gründen – Rüdiger Kornblum/Rhythmusgitarre, Detlev Henschek/Sologitarre, Heinz Peitzker/Bass und ich selbst am Schlagzeug. So gut es ging, kopierten wir die Beatles und andere Gruppen aus England, die wir zu jener Zeit ständig im Radio hörten. Wir machten es zum samstäglichen Ritual, uns bei Rüdiger zu Hause zu treffen und nachmittags um vier Uhr die britische Top-Twenty-Hitparade bei 1604 Megaherz auf dem Mittelwellenband von Radio Luxemburg, unserem absoluten Lieblingssender, zu analysieren.
Im November 1965 ging ich jedoch einmal fremd. An einem trostlosen Samstagnachmittag hörte ich gelangweilt mit mir selbst, bei uns zu Hause ausgerechnet im englischen Besatzersender BFBS im Wohnzimmer unserer selten freien Wohnung einen Song der topneuen Gruppe The Who, während ich mir voller achtzehnjähriger Leibeslust genüsslich einen runterrieb, um dem grauen Tag noch etwas fröhliches abzuringen. Da stotterte doch tatsächlich einer seinen Text im Radio und versuchte sich immer wieder an den Worten ›my ge-ge-ge-generation‹. Aufgewühlt von der Fremdartigkeit des Songs und stöhnend vor Lust, spritzte ich im wertvollsten Zimmer meiner Eltern mit befreiender Wohltat mein Sperma bogenweise über das edle Rokkokosofa, auf dem ich mit heruntergelassener Hose saß, nicht ahnend, dass der Song die bedeutendste Teenagerhymne aller Zeiten werden würde. Nicht zu fassen war für mich, dass man jetzt auch schon Stotterer in die Plattenstudios ließ und ihre Sprachübungen in den Äther sendete. Die revolutionäre Band war vollkommen neu für mich und warf alles über den Haufen, was ich bis dahin für gute Popmusik gehalten hatte. Wir waren doch sehr geprägt vom Schöngesang der Beatles mit ihren frühen Simpeltexten. Hier aber brüllte eine Gruppe ihren ganzen jugendlichen Zorn und ihre Frustration auf die Bürgerlichen heraus, die so gar kein Verständnis für spermaverklebte Polster ihrer Repräsentationsmöbel hatten. Ich hatte noch meinen zuckenden Liebling in der Hand, als mich während des süßen Leerlaufens Genugtuung überfiel angesichts des frisch besudelten Stoffes. Am liebsten hätte ich noch viel mehr der dekorativen Einrichtung im Schönzimmer meiner Eltern verdorben, dessen Pflege und Instandhaltung sie mehr Energie und finanziellen Aufwand widmeten als der Talentförderung von uns Kindern. Ich hatte jedoch nichts mehr im ›Tank‹ und außerdem befürchtete ich die Entdeckung meiner Frevelstat. Der Rest des Nachmittags ging deshalb auch weniger lustvoll mit dem Abwaschen, Bürsten und Trocknen des edlen Damaststoffes drauf. Die wuchtige Musikalität der Who indes tat mir gut, und gerade das revoltierende Ende von ›My Generation‹ war wie eine Offenbarung für mich, der ich selbst so viel Wut auf meinen Vater in mir hatte, von dem ich nie hörte, dass er mich liebt, der nicht zu mir hielt, der mir hinterhältig meine erste große Liebe zerstören wollte und von dem ich immer nur zu hören bekam »aus dir wird ja doch nichts«, wenn es zu Hause um meine in seinen Augen nutzlose Musik ging. Die Who sprachen krass meine Sprache in der freien Übersetzung ihres Songs:
MEINE GENERATION
Menschen, versuchen uns zu unterdrücken
rede über meine Generation ...
nur, weil wir zurechtkommen und uns mucken
rede über meine Generation ...
Sachen, die sie machen, schrecklich kalt
rede über meine Generation ...
hoffentlich sterb‹ ich, bevor ich alt
rede über meine Generation ...
Das ist meine Generation
Das ist meine Generation, Baby
Warum verzieht Ihr euch nicht alle?
rede über meine Generation ...
und versucht nichts, kriegt nichts auf die Schnalle
rede über meine Generation ...
’nen großen Aufstand draus machen - nicht meine Option
rede über meine Generation ...
ich rede nur über meiner Generation
meine Generation
rede über meine Generation ...
meine Generation
das ist meine Generation, Baby
Rüdiger, unser Gitarrist, besorgte uns immer die interessantesten Songs als Single-Schallplatte aus einem Plattenladen an der oberen Königsallee, wo er in der Nähe seine Ausbildung als Bankkaufmann machte. Dann übten wir diese Lieder in einem kleinen Beat-Keller des Hauses eines unserer Klassenkameraden in der Kapellstrasse ein. Dort war unser Reich. Dort probten wir, dort träumten wir, dort rauchten wir Zigaretten wie die Irren. In kurzer Zeit entwickelten sich The Beathovens zu einer der besten Coverbands in Düsseldorf und Umgebung. Wir spielten auf wüsten Schulfeten, in dubiosen Clubs und auf Privatfesten. Alles, was wir dabei verdienten, steckten wir akribisch in unsere Anlage, die wir auf Teilzahlung beim Düsseldorfer Musikhaus Jörgensen gekauft hatten.
Zu einer festen Einrichtung wurden unsere samstäglichen Heimspiele im ›Youth Club‹ der englischen Rheinarmee. Der Club war die beliebteste Adresse der Düsseldorfer Jugend, die sich an den Wochenenden austoben wollte. Mitten im Nordpark lag das flache Gebäude der Militärbesatzer, direkt neben ihrem eigenen Globe-Kino und Warenhaus auf britischem Territorium. Die Kinder der Engländer und der Düsseldorfer hatten hier einen Treffpunkt, wo sie sich bei Musik und Tanz kennen lernen und vergnügen konnten. Wir Beathovens avancierten schnell zur beliebten Hausband, da wir immer aktuellste Beat-Musik spielten. Zum Abkühlen und Knutschen konnten die Paare zwischen den Tänzen direkt nach draußen in den Park laufen. Während der warmen Sommernächte war gegenseitiges Befummeln und Petting in den buschigen Grünanlagen sehr angesagt, allerdings störten patroullierende MPs oft die Pärchen mit ihren starken Taschenlampen und jagten die Aufgeschreckten aus den Sträuchern. Da ich immer trommeln musste, konnte ich leider nicht mitmachen, hätte mich aber auch gerne mit meiner damaligen Freundin in die Sträucher verdrückt.
Mit einem abgewrackten VW-Bus machten wir während der Schulferien 1966 und 1967 Tourneen an die Nordküste. Wir spielten im Ostseebad Dahme in einem Strandcafe nachmittags zum Tanztee und kürten unsere ›Miss Beathovens‹, eine androgyne Pariserin mit süßem Courrège-Haarschnitt, die immerhin schon zehn Jahre älter war als ich. Spitz wie der Eiffelturm vernaschte sie mich sofort danach - très delicat - auf ihre ganz französische Art in ihrem Zimmer, das sie als Hauswirtschafterin in einem Hotel hatte, und sie gab mir Unerfahrenen ›leçons erotique‹, dass ich heiße Ohren und was sonst noch alles bekam ...
Ich hatte meinen ersten weiblichen Fan und die kokette Mademoiselle reiste mir später sogar nach Düsseldorf hinterher, um sich bei meinen Eltern vorzustellen und um ihre Besitzansprüche an mich geltend zu machen. Mann, war mir das peinlich! Eine erwachsene Frau stand im scharfem Chanelkostümchen, Pelzkäppi und schlanksten Beinen in spitzen Lackpumps im Flur unserer Wohnung und hielt charmant selbstbewusst vor den Anwesenden um meine Hand an. Im Erdboden wäre ich am liebsten versunken. Sie wollte mich doch tatsächlich heiraten, das zuckrige Dämchen. Aber ich und heiraten? Da lachten ja die Hühner, ‘ne Krise bekam ich vor so was!
Weil keiner von uns Musikern den Führerschein hatte, musste mein älterer Bruder Gregor unseren VW-Bus fahren, den wir ›Flummi‹ tauften, weil er keinerlei funktionierende Stoßdämpfer mehr besaß und auf der Straße schlicht wie ein Gummiball hüpfte. Absolutes Highlight der Beathovens, deren Namen Rüdiger und ich übrigens während einer Chemiestunde kreiert hatten, war unser Auftritt als Vorgruppe eines Konzerts der deutschen Lords und der englischen Who mit ihrem immer noch stotternden Roger Daltrey in der Düsseldorfer Rheinhalle. Wir hatten uns für diesen Auftritt sogar extra beim exklusiven Herrenausstatter Seelbach orangefarbene Feincordjacketts gekauft und traten elegant mit weißen Hemden und schwarzen Krawatten auf. Es war uns sehr wichtig, dass das Bild der Beathovens auf keinen Fall rockerhaft wirkte. Die Who zertrümmerten damals nach jedem Konzert ihre Anlage und ihre Gitarren. Ich hatte aber bei den Proben nachmittags auf der Bühne dazugestellte leere Lautsprecherboxen und Marshall-Verstärker neben den echten entdeckt. Es war also nur ein Fake, alles nur Show.
Die Who zelebrierten einen ultralauten, anarchischen Auftritt, der mein ganzes Weltbild von Gehorchen, keine Widerworte geben und nicht Aufmucken erschütterte. Nun bekam ich selbst Mut, meine Wut rauszulassen. Unzweifelhaft hatte diese frühzeitliche englische Punkband mir dabei geholfen, dass ich mir in Zukunft nichts mehr gefallen lassen wollte. Die Who zertrümmerten an jenem Abend nur Leergehäuse und Billiginstrumente, die sie am Ende ihrer Show schnell ausgewechselt hatten. Einen Frevel an ihren teuren Verstärkern und den feinen Gitarren hätte ich damals auch nicht verstanden oder akzeptiert. Was die Who da so symbolisch zerschlugen, hatte ich aber schon verstanden und es war ein deutliches Zeichen für mich, meinen musikalischen Weg nun auch gegen den Willen meiner Eltern zu gehen. Nach dem Konzert kam der Schlagzeuger der Lords in unsere Garderobe und lobte uns: »Jungs, ihr habt ja richtig Format.« Wir waren überglücklich. Wie wichtig war uns doch ein Lob, dazu von jemandem, der uns auch beurteilen konnte.
Eine richtige Beat-Szene hatte sich in der Stadt gebildet, und die lokalen Zeitungen berichteten immer öfter über uns und die konkurrierenden Gruppen. Ich gründete bald darauf mit Freunden die wesentlich wüstere Band Fruit. Wir hatten die sanften Beathovens auflösen müssen, weil unser Gitarrist, vor seiner Einberufung zum Wehrdienst nach Kanada geflohen war. Ohne Rüdiger war der Geist aus den Beathovens raus, es war nicht mehr gut ohne ihn. Mit Fruit waren wir allerdings zur schärfsten Konkurrenz für die noch chaotischeren Harakiri Whoom geworden, deren Sänger ein noch unbekannter Schauspielersohn war, Marius Müller-Westernhagen. Auch Harakiri Whoom spielten Musik der englischen und amerikanischen Bands nach. Marius war ein vortrefflicher Imitator von Rod Stewart und Steve Marriott, und wie ich finde, hört man das auch heute noch ganz gut heraus.
Erst mit den Spirits of Sound, meiner letzten Amateurband, begann Ende der 60er Jahre eine Ära, in der wir eigene Songs entwickelten. Mit dabei waren der begnadete Gitarrist Michael Rother und der Sänger Wolfgang Riechmann, ein charismatischer und humorvoller Musiker, der später Opfer eines Mordanschlags wurde, tragischerweise kurz bevor sein wunderbares Debütalbum Riechmann Wunderbar auf Sky Records veröffentlicht wurde. Es war die Zeit der Hippies und der Twiggy-Mode, und wir spielten als Spirits auf der legendären ›Teenage-Fair‹, einer Jugendveranstaltung der Düsseldorfer Messe, neben englischen Stars wie Steve Marriot, Eric Burdon, den Small Faces und Humble Pie mit Peter Frampton. Der berühmte deutsche Filmregisseur Kurt Hoffmann entdeckte uns dort auf dem Gelände und verpflichtete uns zur Mitwirkung bei seinem wohl unnötigsten und erfolglosesten Film, Ein Tag ist schöner als der andere, mit der Schauspielerin Vivi Bach.
Trommeln war mein ganzes Leben geworden, und ich verprügelte mein Schlagzeug nun ebenso schlimm wie Keith Moon von den Who. Je wütender ich war, desto besser spielte ich Schlagzeug, und bei Liebeskummer, den ich in jenem Alter nur all zu oft hatte, schlug ich meine ganze Traurigkeit in die teuren Felle. Oft ging ich nach nächtelangen Sessions in viel zu engen Clubs und nach viel zu vielen Zigaretten klatschnass durchschwitzt und mit blutenden Händen nach Hause. Ich war so dünn damals, hatte kaum Substanz und nahm regelmäßig in solchen Nächten noch Kilos ab. Es war eine extrem ungesunde, aber kameradschaftliche Zeit, die ich danach nicht mehr so haben sollte. Meine Musikerfreunde ersetzten mir die Familie, von der ich mich zunehmend unverstanden fühlte und immer mehr absonderte. Meinen Eigensinn konnte man dort nicht als etwas Wertvolles und Förderungswürdiges erkennen. Ich entwickelte mich zum Rebellen und setzte gnadenlos und oft jähzornig meine Ziele durch, sehr zum Leidwesen meiner Eltern, die mich Quergeist immer weniger erziehen konnten. Ich war anstrengend und unbequem geworden, lehnte einfach alles ab, was mit ihren Werten und ihren bürgerlichen Bindungen zu tun hatte. Ich wollte nicht ihre Zeiten einhalten, konnte schon gar nicht ihre übertriebene Ordnung nachvollziehen, musste unbedingt alles anders machen und ständig provozieren. Ein Beatnik war ich mit all meiner jugendlichen Kraft, und ich wollte das auch zeigen. Also lief ich mit schwarzem Rollkragenpullover, schwarzer Slop-Hose und dunkler Sonnenbrille herum, obendrein mit immer länger werdenden Haaren. So gefiel ich mir. So fühlte mich verbunden mit den Musikern der englischen Pop-Szene. So gefiel ich aber gar nicht mehr meiner Mutter, die in der Öffentlichkeit immer mehr Abstand zu mir hielt, weil ich ihr einfach zu peinlich geworden war.
Mit 21 Jahren ging es nicht mehr weiter mit unserem Zusammenleben in der eng gewordenen Brüderbude. Noch immer hatten wir nur ein einziges Zimmer für uns und natürlich keinerlei Privatsphäre. Die einstmals geliebte Gemeinschaft erdrückte mich und ich beschloss, auszuziehen. An einem Sonntag im Frühjahr 1968 um sechs Uhr morgens hatte ich mich mit meinen Freunden verabredet. Sie warteten pünktlich unten auf der Straße mit unserem VW-Bully, während ich mich leise anzog und meine wenigen Habseligkeiten zusammenpackte. Meine beiden Brüder schliefen noch und ich versuchte, niemand zu wecken. In der Diele kam mir allerdings meine Mutter im Morgenmantel entgegen und erkundigte sich aufgeregt flüsternd, wo ich so früh am Sonntag hinwolle. Sie hatte ein mütterliches Gespür für die Situation und ahnte eine schmerzliche Veränderung für die Familie. Als ich ihr sagte, dass ich gehen würde, fing sie an zu weinen und wollte mich daran hindern, die Wohnungstür zu öffnen. Es wurde laut zwischen uns. Meine Brüder waren aufgewacht und verstanden nicht so recht, was los war. Mein Vater blieb bequem in seinem Bett. Und stumm. Er wollte von meinem Fortgang nichts wissen. Er nahm mich sowieso nicht wahr. Zuletzt hatte ich ihm nur noch Zettelchen hingelegt, wenn ich ihm etwas mitzuteilen hatte. Mit Tränen in den Augen schob ich meine geliebte Mutter hart beiseite und tat, was ich tun musste - meinen eigenen Weg gehen.
In einem kleinen Appartement, das ich heimlich mit finanzieller Unterstützung einer Bankiersfrau, der Mutter eines meiner Bandfreunde der Spirits, an der Heinrichstraße angemietet und mir spärlich eingerichtet hatte, gingen das Leben und seine Schwierigkeiten erst einmal richtig los. Aber ich war endlich für mich. Ich war stolz darauf, obwohl oft unglücklich, weil ich mich von meiner Familie so unverstanden fühlte und weil ich mich gezwungen sah, meiner Mutter solches Leid anzutun. Doch ich hatte meine Band und Brigitte, meine erste große Liebe, sowie deren Familie, die mich liebevoll behandelten wie ihren eigenen Sohn.
Danach begann ich alsbald ›Ersatzdienst‹ zu leisten, wie das damals hieß. Im medizinischen Labor einer mitten im Wald gelegenen Diabetesklinik lernte ich menschliche Blut- und Urinproben chemisch zu analysieren. Dieser Dienst gefiel mir gut, denn ich wurde gefördert, was das Zeug hielt. Leberwertfeststellung mittels Elektrophorese und Blutzuckerprüfungen am ›Eppendorf‹ wurden weitere Arbeitsfelder. Ich hätte mir damals durchaus vorstellen können, mich für die klinische Labordiagnostik ausbilden zu lassen und MTA zu werden, denn in die Laborchefin war ich vollkommen verknallt. Leider war sie verheiratet, obwohl ich mir sicher bin, dass auch sie mich wollte.
Militärdienst, gleich welcher Art, wäre nie für mich in Frage gekommen, da ich mich als hundertprozentiger Humanist fühlte. Einfach war das damals nicht, den Kriegsdienst zu verweigern, obwohl die Möglichkeit dazu schon im Grundgesetz verankert war. Eine langwierige und entwürdigende Prozedur mit einem strengen richterlichen Prüfungsverfahren war Voraussetzung dazu. Als ich schließlich den Prozess gewonnen hatte, hatte ich auch meinen ersten Kampf für mein Gewissen und gegen Vater und die Allmacht eines ungeliebten Staates bestanden, der mich durch seine ungeheuerliche Geschichte selbst zu einer Art Kriegsgeschädigten gemacht hatte. Für meine Gesinnung wäre ich im Falle einer Ablehnung auch ins Gefängnis gegangen, das hatte ich mir vorher schon ausgemalt und fest eingeplant.
Nach dem Ersatzdienst begann ich 1971 ein Studium der Innenarchitektur an der Werkkunstschule und machte außerdem ein Praktikum in Ladenbau bei einem Architekten, der in der Zeitung nach einem jungen Mann gesucht hatte, der das Fach von der Pike auf erlernen wollte. Es war genau das richtige für mich, da ich dabei auch etwas Geld verdienen konnte für die Miete meiner Bude.
Ich muss allerdings gestehen, dass mir das Studium gar keinen richtigen Spaß machte. Es war ja doch mehr die Idee meiner Eltern gewesen, dass aus ihrem Wolfgang mal ein guter Architekt wird. Nach vier Semestern schmiss ich genervt das Studium hin und konzentrierte mich ganz auf das Praktikum und meine Band - die Spirits of Sound. Uwe Fritsch, Ralf Ermisch, Michael Rother und unser Menthor Rolf Kauffeld besuchten mich oft in meinem Appartement an der Heinrichstraße, im selben Haus, wo auch die Mutter von Monika Dannemann wohnte, der deutschen Freundin von Jimi Hendrix, den wir vollkommen verehrten. Wir hatten den Psychedelic-Rock für uns entdeckt, rauchten Kif und hörten bei Kerzenschein Platten von King Crimson, Santana, Jefferson Airplane, den Byrds oder Emerson, Lake & Palmer, die schon ansatzweise einen Synthesizer verwendeten, von dem ich damals noch gar nicht wusste, was das ist. Meine eigene Gruppe bekam jedoch bald einen vernichtenden Schock durch die harte Abwerbung unseres geliebten Gitarristen Michael Rother. Die Kraftwerker hatten sich angemeldet.


4
KLANGWERK AUF DEM MARS?
KLINGKRAFT GESCHMOLZEN?
Düsseldorf, 15. Februar 1999 +++ Ich sitze mit zwei visionären Kraftwerk-Freunden zusammen, und sie erzählen mir, dass sie einem etwaig neuen Kraftwerk-Album eher mit Skepsis entgegensähen. Martin und Markus aus Düsseldorf nehmen an, dass es eine große Enttäuschung werden könnte. Nachdem die Fans aus aller Welt nun seit über zwölf Jahren auf einen neuen Ton warteten, sei dies nicht mehr so lustig, und die allgemeine Erwartungshaltung wäre derart hochgeschaukelt, dass wohl kaum eine musikalische Befriedigung erreicht werden könne. Die Herren Ralf und Florian seien ja mittlerweile auch im betagten Alter, und da würde man bekanntlich behäbig und sei nicht mehr so neugierig. Neugierde sei aber fürs Forschen von substantieller Wichtigkeit. Die Kraftwerker waren für die beiden Helden, Wissenschaftler, Erfinder und Erforscher von präzisem Klang und romantischer Poesie. Die Kraftwerker waren für sie Raumfahrer, die sie durch den Dunst des Lebens in eine klang-klingende Galaxis flogen, um sie dort sich selbst zu überlassen. »Am besten wäre jetzt ein mythisches Verschwinden der Gruppe«, meinen die beiden. Martin stellt sich vor, wie die NASA Kraftwerk dazu einlädt, mit dem nächsten Shuttle auf den Mars zu fliegen und dort das erste intergalaktische Konzert zu geben. »Auf dem Weg ins All«, spinnt Markus den Faden fort, »gerät die Raumsonde in den Teilchenstrom einer Aurora Borealis, und die Verbindung zum Schiff reißt ab. Sind sie nun auf dem fernen Planeten gelandet, oder wurde Kraftwerk mit dem neuen, niemals gehörten Ton von der verschleierten Sphinx des eiskalten Nordlichts ins dunkle All gesogen?« So könnte der Mythos ihrer geliebten Gruppe am besten eingefroren und in aller Zukunft weitergepflegt werden - meinen Martin und Markus.
Köln, 17. Februar 1999 +++ Die Intellektuellen Ralph und Robert aus Köln meinen dagegen, dass Ralf und Florian von Kraftwerk eines Tages feststellen, dass sie zu viele Musiker verschlissen haben. Ohne die Inspiration ihrer langjährigen Mitstreiter Karl und Wolfgang sei der Humor der Themen und die Leichtigkeit der Töne dahin, und die beiden Erfinder begeben sich auf meditative Wanderschaft. Florian zieht in seiner neuen Eigenschaft als Prediger in die weite Welt. Ralf träumt immer noch von einer Fusion zwischen Mensch und Maschine. Er fährt mit seinem Rennrad um die Erde und erklimmt mit ihm als erster den Mount Everest. In der Erkenntnis, dass er nie mit seinem Rad eins werden kann, begibt er sich schließlich in die Einsiedelei eines tibetanischen Klosters. Das fünfte System von Kraftwerk, der Kling Klang-Reaktor, beginnt derweil ein Eigenleben zu führen und entwickelt heiße Gefühle. Vor glühender Verzweiflung wegen seiner mangelhaften Töne-Entsorgung beginnt er zu einem großen Klumpen zusammenzuschmelzen. Die Roboter reißen sich aus ihrer Ecke los und müssen vom vergeblichen Liebesspiel ablassen. Wütend, dass man ihnen keinen Unterleib mehr gegönnt hat, schalten sie hektisch den Kling Klang Reaktor ab. Aber sie sind dabei allzu hektisch - ihre stakeligen Arm- und Beinprothesen behindern sie. Aus Unflexibilität kommen sie an den falschen Schalter und zerstören tragischerweise auch sich selbst. Heute steht der elektronische Schmelzwertklumpen ausgerechnet im Kölner Museum Ludwig als mahnendes Kunstwerk für alle, die zu spät gekommen sind - meinen Ralph und Robert.
Ich wusste es schon immer. Unsere Freunde haben große Fantasie und einen köstlichen Humor. Wer diese Komponenten besitzt, zieht sich gegenseitig an wie ein Magnet. Und was für die Fans gilt, das gilt auch für die Musiker. So gesehen konnte ich 1973 gar nicht an Kraftwerk vorbeigehen. Selbst wenn sie eine kriminelle Vereinigung gewesen wären, hätte mich das wohl kaum abgeschreckt.
5
AUF EINLADUNG VON RALF UND FLORIAN
Düsseldorf, 19. Juli 1973 +++ Im heißesten Sommer der frühen 70er Jahre suchten mich Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben im dem Architekturbüro auf, wo ich mein Praktikum für Ladenbau absolvierte. Einige Monate vor dem Besuch der beiden Musiker hatte ich meine dritte Amateurband, die Spirits of Sound, auflösen müssen. Unser Gitarrist Michael Rother war von einer Profigruppe abgeworben worden. Seine neue Band hieß Kraftwerk, und sie hatte in Düsseldorf ein sonderbares und abgehobenes Image. Meine Bandkollegen und ich selbst, damals 25 Jahre alt, machten eine deprimierende Zeit durch. Es war einfach kein guter Gitarrist zu finden, und schon gar keiner, den man mit Michael hätte vergleichen können. Natürlich waren wir auch neidisch auf unseren geliebten Kollegen, der jetzt mit einer Profigruppe ›ging‹.
Als ich mein Praktikum begann, geschah das ja mehr aus Pragmatismus, denn aus echtem Interesse am Architektenberuf. Eine Lehre als Tischler hatte ich nach der Schulzeit auf Drängen meiner Eltern zwar erfolgreich abgeschlossen, doch die vier Semester Innenarchitektur waren nur halbherzig absolviert. Nachdem es nun meine Spirits nicht mehr gab, fühlte ich mich verlassen und unglücklich, was meine musikalische Zukunft betraf. Auch mein tolles Schlagzeug hatte ich trotzig verkauft - ausgerechnet an Klaus Dinger, den Kraftwerk-Drummer von vor meiner Zeit, der sich auf mein Zeitungsinserat bei mir gemeldet hatte. Fünfzehnhundert Mark musste der Typ damals blechen - dafür bekam er mein ›Pearl‹.
Während ich am Zeichenbrett saß und Grundrisse und Pläne für Wandansichten großer Kaufhausabteilungen zeichnete, wanderten meine Gedanken aber immer wieder zur Musik. Die Erinnerungen an meine frühen Bands ließen mich einfach nicht los. Sie waren mein Leben und meine ganze Liebe gewesen. An den Wochenenden mit den Freunden im rostigen VW-Bus unterwegs zu sein und Auftritte in Clubs und Schulen zu haben, das bedeutete für mich Freiheit, Anerkennung und Glück überhaupt. Es fehlte mir so sehr.
Von Michaels neuer Gruppe hatte ich nur eine vage Vorstellung. Einmal war ich bei einem ihrer Auftritte im Clara-Schumann-Gymnasium in Düsseldorf-Golzheim gewesen. Da gab es nur ‘ne Menge Krach und ihre Darbietung klang wie Stukka-Angriffe. Offensichtlich machte es ihnen Spaß, Kriegsgeräusche zu imitieren. Das war doch keine Musik! Was war es dann? Ich war entsetzt. Und bei sowas machte Michael mit? Ich mochte es jedenfalls nicht. Man nannte es schlicht experimentelle Musik und interpretierte es als ›Kunst‹ - alles was jedenfalls damals keinem bekannten musikalischen Format entsprach. Dann kam doch noch ein Stück, das irgendwie eine Art Songstruktur hatte. Es hieß ›Ruck-Zuck‹. Der Song lief ab und zu sogar im Radio, und das Interessante daran war, dass Florian darin rhythmisch und akzentuiert die Flöte blies. Gesang gab es nicht, aber die Komposition hatte noch eine Besonderheit, weil das Schlagwerk von Klaus Dinger so stoisch und mechanisch klang.
Nun also standen Ralf und Florian plötzlich in meinem Büro und drucksten ein bisschen herum. Beide wirkten ziemlich unsicher auf mich und sie fingen an, mir Komplimente zu machen. Hätten mich früher mit meiner Band in einem Club in Mönchengladbach gesehen und gehört, wie ich Schlagzeug spielte. Der Club hieß ›Budike‹ und war in der Stadt eine seltene Adresse, wo Amateurbands auftreten konnten. Wir Spirits hatten dort ziemlich perfekt Radio-Hits nachgespielt, sowie erste eigene Sachen. Es war die beste Ausbildung an unseren Instrumenten. Manchmal gab es sogar Geld. Viel brauchten wir ja nicht, da die meisten von uns noch bei ihren Eltern lebten. Ralf und Florian hatten mich also dort gehört und meinten, dass ich ›‘n juter Drummer‹ wäre. Mein Timing sei klasse und ich würde schön wenig spielen. Und dann fragten mich die beiden doch glatt, ob ich nicht Lust hätte, einmal mit ihnen in ihren Proberaum zu kommen, um eine Session zu machen. Das überraschte mich nun wirklich, da ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, wo mein Platz in ihrer Musik hätte sein können, und ich dachte wieder an Michael. Doch die Verlockung, wieder Musik machen zu können, und das angenehme Gefühl ihrer Schmeichelei ließen mir keine andere Wahl, als den beiden eine vorsichtige Zusage zu machen. Diese Band mit dem merkwürdigen Namen eines Energieunternehmens hatte schon eine richtige Star-Aura. Außerdem bin ich immer neugierig gewesen, und schon deshalb wollte ich einmal ihren Übungsraum sehen. Wir verabredeten uns also für einen der nächsten Abende in der ›Mata Hari‹, einer hippen Bistropassage in der Altstadt, die erst im Februar 2002 geschlossen wurde, und die für ihr halbseidenes Publikum bekannt war.
Wir alle liebten solche bunten Orte. Dort trafen sich allerlei Gestalten aus der In-Szene. Die zartesten Showboys, die Disco-Queens, die Schönen aus der Modewelt und oft, wenn die Messe IGEDO war, natürlich auch die hübschesten Models aus aller Welt. Vor allem war es auch ein Treffpunkt für die lokalen Altstadtganoven, die Zocker und die echten Gangster. Als ich zum verabredeten Zeitpunkt in der ›Mata Hari‹ eintraf, saßen Ralf und Florian dort schon auf einer gepolsterten Eckbank an einem kleinen Tischchen, von wo aus sie einen guten Überblick über das Kommen und Gehen hatten. Hier zeigte man sich, hier schaute man gern zu. Eine knallige Beleuchtung aus vielen bunten Neons und Werbeschildern tauchte das gesamte Etablissement in eine kitschige Atmosphäre, wo jeder seinen selbstverliebten Auftritt zelebrieren konnte.
Ralf saß mit eng überkreuzten Beinen auf der Bank. Er wirkte puppenhaft mit seinem hellen Teint. Schüchtern grinste er, aber offensichtlich genoss er die Situation. Mit seiner Kassengestellbrille aus den 50er Jahren und seinen schulterlangen Haaren ähnelte er eher einer Figur aus einem klassischen Psycho-Film. Ralfs hautenge, schwarze Lederhose war geradezu legendär für ihn. Der Stil von Jim Morrison von den Doors hatte ihn beeindruckt, das konnte ich sehen. Auch die spitzen Beatles-Stiefeletten sah man immer an ihm, er hatte wohl mehrere davon. Jedenfalls bemerkte ich fast immer nur diese Sorte Schuhe, außer weißer Mokkasins, die er später, als wir schon unterwegs waren, eher mit weißer Schuhfarbe tünchte, anstatt sie zu putzen. Auch fielen mir Ralfs transparent lackierten Fingernägel auf. Er wirkte schon ganz schön kokett auf mich, und das gefiel mir gut, weil ich Männer mit femininen Attitüden mochte.
Florian dagegen hatte eine Vorliebe für deutsche Folkloremode: Lodenjankerl, Baumwollhemd mit Pepitamuster, Flanellhose und ein elegantes Halstuch. Er hätte in einem deutschen Heimatfilm mitspielen können. Mir kamen die beiden sehr abgehoben vor, denn wir hatten schließlich die auslaufende Hippie-Zeit mit viel Romantik und noch mehr Buntem. Viele liefen noch mit diesen breiten Slop-Hosen und eingenähten Quetschfalten herum.
Ich selbst machte gern Latzhosen und weiße Seidenhemden zu meinem täglichen Erscheinungsbild. Und vor allem die Plateauschuhe! Wie liebte ich die neuen Renner, die Größermacher. Sie erhöhten mich um mindestens zwei Zentimeter. Ich habe mich früher mit 1,72 m entschieden zu klein gefühlt. Deshalb hing ich auch noch so lange an diesen Blocktretern, die ich mir manchmal mit Autolack grünmetallic spritzte. Ich wollte mit meiner Erscheinung auffallen, wollte unbedingt in sein. Was sonst hätte damals mein Selbstbewusstsein aufbauen können? Sogar einen Schnurrbart à la Dartagnan von den Musketieren hatte ich mir wachsen lassen.
Derart unterschiedlich im Äußeren wie auch in der inneren Einstellung und unserem familiären Background, trafen wir uns nun an diesem warmen musikhistorischen Sommerabend und wussten nicht genau, wie es weitergehen sollte mit uns. Ralf hatte ein Whisky-Cola bestellt, Florian trank Bitter Lemon, und ich nahm eine Coca-Cola mit ausgepreßter Zitrone, was auch heute noch mein Lieblingsgetränk an heißen Tagen ist. Alkoholische Getränke interessierten mich mit 25 überhaupt nicht. Aber ich rauchte gern Zigaretten, was die beiden mit hochgezogenen Augenbrauen beobachteten, jedoch ohne Kommentar beließen. Wir plauderten ein bißchen über dies und das und was wir in den letzten Jahren alles schon so gemacht hatten. Unsere Unterhaltung war jedoch stockend und überdeckt von peinlichen Übersprungshandlungen. Das Meeting war echt verklemmt, derart fremd waren wir uns. Ralf rettete schließlich die Situation, indem er vorschlug, dass wir einfach mal rüber in ihren Übungsraum fahren sollten. »Mal sehen, was wir da so machen können, hm-hm-hm ...« Er hatte so eine ganz eigene Art, sich hinten im Gaumen zu räuspern, wenn er unsicher oder wenn ihm etwas peinlich war.
Die beiden bezahlten unsere Drinks, und wir gingen durch die Passage zur Pendeltür an der Hunsrückenstraße. Durch die Fenster der Modeboutique ›Superstar for Men‹ grüßten Ralf und Florian einige in Leder gekleidete zart wirkende Verkäufer, die mit smarten Bewegungen zurückwinkten. Sie schienen sich gut zu kennen. Ralf besaß einen alten mattgrauen VW-Käfer, der aussah wie ein städtisches Verwaltungsfahrzeug. Die Sitze waren mit grau-geprägtem Sky-Kunstleder bezogen, das unangenehm säuerlich roch. Über die Kasernenstraße ging die Fahrt, dann links in die Graf-Adolf-Straße bis zum Stresemannplatz. Fast schon am Hauptbahnhof, dann rechts in die Mitropstraße ging es weiter. Das erste Mal ins Kraftwerk-Studio, seinerzeit noch ein Experimentalkeller. ›Experimental‹ - wie unangenehm fand ich dieses Wort damals.
Ralf fuhr behutsam und souverän. Er brauchte sein Auto nicht, um sich damit zu schmücken oder zu protzen - was man mit einem grauen VW sowieso nicht konnte. Seine Sicherheit im Verkehr gefiel mir außerordentlich gut. Ich bewunderte das. Wir hielten vor einem gekachelten Haus mit großem Rolltor, ein hässliches Gebäude aus den 50er Jahren mit vielen gleich großen Fenstern, ein typisches Bürohaus, wie man sie nach dem Krieg überall in deutschen Städten hochgezogen hatte - funktionelle Architektur ohne irgendwelche Besonderheiten, bis auf die ekelig gelbe Kachelfassade. Florian, der auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, steckte einen BKS-Schlüssel in das Elektroschloß seitlich des Tores, das sich mit einem lauten metallischen Knacken in Bewegung setzte. Das Geräusch habe ich so oft gehört, dass es heute noch in meinem Kopf abgespeichert ist. Das Tor war aus horizontalen Aluminiumlamellen gefertigt, die mittels Elektromotor auf eine Rolle gewickelt wurden. Als es die halbe Öffnung freigegeben hatte, fuhr Ralf den Wagen in einen rechteckig schattigen Hof hinter dem Haus. Florian schloss sofort hinter uns ab, und das Lamellentor senkte sich wieder.
Hässlich wie das gesamte Gebäude war auch der Innenhof. Alles war dunkelbraun mit Fassadenfarbe gestrichen. Ich hasste Dunkelbraun! In Kombination mit Orange und Olivgrün war es der unästhetischste Farbmix der 70er Jahre. Rechts gab es einen hölzernen Ladesteg für die LKWs einer Elektroinstallationsfirma, die im oberen Stockwerk ihre Räume hatte. Im Erdgeschoß und im Souterrain befanden sich außerdem noch Lager anderer Firmen. Wir gingen über die Rampe durch eine offenstehende Gebäudetür aus Stahl und standen vor einer einfachen Holztür billiger Qualität. Nachdem sie einer der beiden Jungs aufgeschlossen hatte, gingen wir durch einen kleinen Vorraum, der voller Gerümpel lag, und dann weiter durch eine ebenso amateurhaft wirkende Türe. Diese war nicht verschlossen, da wir uns schon im Studio selbst befanden, einem Saal mit ungefähr zehn mal sechs Meter Ausdehnung und ungefähr viereinhalb Meter hoch. Die Decke war ein querlaufendes Gewölbe aus Ziegelsteinen, die dünn verputzt waren, so dass die ursprüngliche Struktur noch durchschien. Auf Wänden aus nackten Ziegeln klebten teilweise Eierkartons, dort angebracht in der Hoffnung, etwas Studiocharakter und Schalldämpfung zu erreichen. Auch ein Fenster gab es direkt links hinter der Tür. Es war mit einer simplen Konstruktion in Form eines geschlossenen Holzkastens aus Spanplatten verschlossen, der ringsherum mit dickem braunem Filz beklebt war. Der Kasten hatte die Innenmaße der Fensterhöhlung und hing an Scharnieren, die an der Seitenwand angedübelt waren. Durch die Drehgelenke konnte man den Kasten in die Fensterhöhlung schwenken und fest hineinpressen. Das Filzband dichtete hervorragend ab. Es war eine einfache, aber wirkungsvolle Schalldämpfung nach außen und sie war auch dringend nötig, wie ich später erfuhr.
Hier standen wir drei nun auf glattem Betonboden, der an einigen Stellen riesige Löcher aufwies. Das Licht einer nackte Deckenlampe, die Florian eingeschaltet hatte, wurde von ihm sogleich durch mehrfarbige Beleuchtung erweitert. Es gab zwei auf dem Boden stehende Neonkästen in hellblauer Leuchtschrift mit den Vornamen der beiden Musiker. Dazu schaltete Florian noch einige farbige Neonröhren ein, die in den Ecken auf dem Boden lagen und die Wände in kaltes buntes Licht tauchten. Auch eine Messing-Wohnzimmerstehlampe mit Schwanenhälsen und farbigen Papiertüten und einer Plastikananas gab es. Solche Lampen waren mir gut bekannt aus meiner elterlichen Wohnung. Sie waren die Staubfänger der 50er Jahre und gehörten einfach zur repräsentativen Couchgarnitur. Ich habe solche Leuchter jedoch nie gemocht, und hier erkannte ich ihre ironische Existenz als eine Verhöhnung des Bürgerlichen.
Florian bemerkte meine befremdliche Stimmung und versuchte, mit netten Worten und charmanten Witzchen ein wenig Verbindlichkeit zu schaffen. Ich hatte das Gefühl, dass er mich mochte, während mir Ralf gefühlsmäßig distanziert vorkam. Es sah so aus, als ob es zwei Arbeitsplätze für die Musiker gab. Ich erkannte es am Aufbau der vorhandenen Tasteninstrumente, die mir fremd waren, da ich ja aus einer Gitarrenband kam. Ralf hatte seinen Platz links im Raum, und Florian gruppierte seine Geräte rechts. Und das sollte sich die folgenden Jahre nicht mehr ändern.
Zögernd gingen die beiden an ihre Instrumente, knipsten diverse Schalter an und ließen viele Lämpchen aufleuchten. Das sah spannend aus, weil es so elektrisch wirkte. Die ersten Tasten, die sie drückten, ließen für meine Ohren nie gehörte Sounds erklingen. Ich wusste ja nicht, dass sie einen Synthesizer benutzten. Es war einfach umwerfend, mit wie wenig Tönen dieses für mich neuartigen Instruments man solch umwerfende Wirkung erzielen konnte. Der Synthie klang samtartig satt oder gnadenlos hart. Und ich war einigermaßen überrascht. Das gesamte Equipment wirkte eher wie das Labor eines Geheimrates Prof. Dr. Analysius, geradezu eingerichtet für Experimente am offenen Ohr, also doch Experimentalmusik? Ralf zeigte mir voller Stolz seinen Synthesizer. Ein pures Forschungsgerät. Es war ein Minimoog, so teuer wie ein neuer Volkswagen. Ein Vermögen war das damals für ihn. Dann spielte er noch eine Farfisa-Orgel, und in der Ecke hinter ihm stand eine alte Hammond B3, in der Mitte durchgesägt, damit sie bei Transporten zu Gigs transportabel war.
Florians ›Hexenküche‹ war schwerer zu durchschauen. Er besaß eine kleine Anzahl von merkwürdigen Effektmaschinchen, ein kleines Mischpult, ein Bandecho mit dem berühmten magischen Auge. Er benutzte auch eine seiner Querflöten, die er über ein Shure-Mikrophon verstärkte und mit tollen Echos verfremdete. Auch ein Oszilloskop stand oben auf seinen Kästen, das unablässig das optische Frequenzbild der gespielten Töne auf einem grünen Bildschirm wiedergab. Das sah zwar modern und technisch aus, aber eben wie auf einer musikalischen Intensivstation - steril und antiseptisch.
Was aber sollte ich hier? Es gab ja gar kein richtiges Schlagzeug, obwohl mir die beiden doch eines offeriert hatten. Nur ein kleines Miniaturset für Kinder oder ganz kleine Leute stand hinten links in der fensterlosen Ecke. Zusammengesetzt war es aus einer wackeligen Baßtrommel, einer Snare Drum mit schrecklich ausgeleiertem Fell und einem Tom, das jämmerlich an der Seite hing und fürchterlich klang. Die Hi-Hat und die anderen zwei Becken schepperten billig und fürchterlich blechern. Es war einfach unerträglich. Dennoch bemühte ich mich tapfer, hinter dem Ganzen eine Sitzposition auf dem immerhin professionellen Drummersitz einzunehmen. Dann trommelte ich drauflos und versuchte, auf meine Weise zu den Klängen der beiden einen stützenden Rhythmus zu finden, aber so minimal, wie möglich.
Ralf und Florian zeigten keinerlei Reaktion. Es kam überhaupt kein Session-Gefühl an diesem ersten Abend auf. Bei meinen früheren Bands hatten wir immer ganz konkrete Songs einstudiert, aber hier mussten ja erst einmal welche erfunden werden. Das war absolut neu für mich. Nach gut zwei Stunden brachen wir den befremdlichen Abend ab, und Ralf fuhr mich mit seinem VW zu meiner Bude zurück. Er brachte mich übrigens immer gern, er hatte Zeit und nutzte einfach jede Gelegenheit, um unter Kollegen zu sein. Einen Freund nach Hause zu fahren war für ihn Gesellschaft und es machte ihm anscheinend Spaß, was ich sehr genoss.
Zu Hause angekommen, war ich aber doch ganz schön frustriert über den Abend und über eine Musik, die mir fremder nicht hätte sein können. Nichts hatte mein Herz erwärmt. In den nächsten Wochen dachte ich bald nicht mehr an die Begegnung mit den beiden Merkwürden und ich drückte mich in der Zwischenzeit, wie meistens abends, in der Düsseldorfer Altstadt herum. In meinen Lieblingslokalen, der ›Uel‹, dem ›Goldenen Einhorn‹ und dem ›Ratinger Hof‹, wo damals noch wie in holländischen Coffee-Shops dicke Teppiche auf den Tischen lagen, versuchte ich, mich in auffällige Pose zu setzen, um das Interesse der Damenwelt zu wecken. Ich war schüchtern, schaffte es aber manchmal trotzdem, eine auf mich aufmerksam zu machen. Meistens waren es gerade die starken Frauen, die ich reizte, und das befriedigte meine Eitelkeit. Ich wollte doch nur flirten, mich aber nicht fest binden, war viel zu freiheitsliebend für sowas.
Einige Wochen später kamen Ralf und Florian noch einmal in mein Büro. Sie sagten etwas wie, dass sie mich noch mal auf eine weitere Session treffen wollten und dass sie die letzte ganz gut gefunden hätten. Ich war total überrascht und hatte mit einem weiteren Meeting nicht mehr gerechnet, da unser letztes lange zurück lag, ich mich bei ihnen nicht gemeldet hatte und sie sich auch nicht bei mir. So dachte ich, die Sache sei wohl erledigt.
Ralf eröffnete mir dann: »Wir haben nämlich demnächst einen Fernsehauftritt im Kulturmagazin ›Aspekte‹ vom ZDF.« Er sagte, dass sie mindestens drei Stücke einüben wollten, die sie dort spielen würde, und: »Wir fänden es toll, wenn du mitmachst. Wir hatten nämlich ein gutes Gefühl, mit dir zu musizieren. Es gibt auch Kohle dafür und wir fliegen zusammen übers Wochenende nach Berlin. Wir haben ein Hotel und gehen abends aus.«
Ich konnte gar nicht verstehen, was sie so toll an unserer Session gefunden hatten, hatte ich doch noch gar nicht richtig gespielt. Ralfs Angebot wirkte auch so, als stünden sie irgendwie unter Zeitdruck. Ich konnte den Gedanken auch nicht abschütteln, dass sie vielleicht keinen anderen Drummer finden konnten. Jedenfalls war ich ziemlich unsicher, was ich machen sollte. Einerseits lockte mich das Angebot, in der schon bekannten Avantgarde-Band mitzuspielen und im Fernsehen aufzutreten und auch mal aus der Stadt herauszukommen - ich hatte ja noch nicht so viel von der Welt gesehen - andererseits sagte mir die Musik dieser Band, die ich nicht selbst gegründet hatte, wenig zu. Doch schließlich verwarf ich meine Zweifel. Hinaus, hinaus auf die Bühne! Das war es, was mich reizte. Unterwegs sein, Musik machen und reisen! Man wird sich schon irgendwie arrangieren und aneinander gewöhnen. Ich sah eine Chance und griff zu. Oft habe ich in meinem Leben so entschieden, intuitiv, und es nicht bereut.
Als ich nach Michael Rother fragte, den ich ja auch noch in der Gruppe glaubte, bekam ich allerdings die enttäuschende Antwort, dass der nicht mehr dabei wäre, weil er sich nicht in ihre Musik hatte einpassen können. Er wollte eine eigene Band zusammen mit Klaus Dinger gründen. Das kam mir allerdings ziemlich mutig vor, denn ich hatte keine Ahnung, wie Michael es anstellen wollte, mit diesem äußerst exzentrisch wirkenden Musiker auszukommen. Traurig war ich schon, dass er nun doch nicht dabei war und ich keinen der alten Kollegen aus meiner Amateurband wiedertreffen würde. Aber irgendwie spürte ich, dass die Amateurzeit endgültig vorüber war und ich wollte nun Farbe bekennen in der aufstrebenden Formation. Wollte trommeln, was das Zeug hielt, wollte unbedingt wieder so schnell wie möglich auf die Bühne.
Zunächst musste aber erst einmal geprobt werden. Die Stücke, die die beiden Kraftwerker vortragen wollten, gab es schon. Kompositionen wie ›Ruck-Zuck‹, ›Heimatklänge‹ und ›Tanzmusik‹ waren schon auf ihren ersten Platten in Deutschland veröffentlicht worden. Beim nächsten Treffen wollten wir also diese Stücke einüben. Die beiden erzählten mir auch von ihren früheren Versuchen, mit anderen Künstlern die Band zu verstärken, um mehr Präsenz auf der Bühne zu haben. Sie berichteten mir von ihren Auftritten mit Andreas Hohmann, einem damals bekannten Jazz-Drummer aus Düsseldorf. Nach ihm versuchten sie dann, mit Klaus Dinger klarzukommen. Aber es muss ein Drama für sie gewesen sein, weil diese Percussionisten komplizierte Persönlichkeiten waren und außerdem ihr Schlagzeug als Soloinstrument betrachteten. Sie konnten sich als Musiker in Kraftwerks Musik wohl nicht so recht zurückhalten. Und deshalb gründete Klaus Dinger eben mit Michael Rother eine eigene Band namens Neu!. Und ich sollte Recht behalten. Auch diese beiden hielten es nicht lange miteinander aus. Zwei Jahre höchstens.
Es war das ewige Dilemma der Percussionisten, die sich auch gern als tonangebende Künstler sahen und deshalb bei vielen anderen Bands, die ich damals gesehen habe, während ihrer Auftritte solch nervend lange Schlagzeugsoli trommelten. Bei einigen dieser Konzerte konnte man erleben, dass sich die gesamte übrige Band während des Solos von der Bühne verkrümelte, um dann später, nach ewig langem Geknüppel ihrer Drummer, wieder erlösend einzusteigen. Solch ein Schlagzeuger war ich nie. Dafür war ich auch gar nicht trainiert genug. Ich war aber gut wegen meiner simplen Art und wegen meines Einfühlungsvermögens. Das wusste ich, und das sagte man mir auch oft. Die Musik der Kraftwerker war ja schon stark minimiert. Ein komplizierter Drum-Part hätte sie nur all zu sehr dominiert.
Erneut im Studio konnte ich jetzt einmal etwas ausgiebiger die merkwürdigen Klang-Maschinen begutachten und natürlich auch anhören. Es gab einen vortrefflich klingenden Baßlautsprecher, der hinter Ralf stand - ein Eigenbau aus Sperrholz, gebaut wie ein riesiges Horn, das man in seiner Form eher von den Hochtönern her kennt. Aber dieses hier war nach einem Akustik-Bauplan gebaut, schrankgroß und sehr laut. Ein wahnsinniger Druck kam aus ihm heraus, der sich erst einige Meter davor so richtig ausrollte und ›angenehme‹ Gefühle im Magen bereitete. Obenauf lag ein Mittel-Hochtonhorn aus massivem Aludruckguss. Jemand hatte es blattvergoldet, und es konnte einem das Trommelfell zerfetzen, wenn man zu nah heranging und die Musik zu laut spielte. Auf jeden Fall sah es beeindruckend aus. Ob das Baßhorn nach allen Regeln der Akustikbauweise zusammengeschraubt war, konnte ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall erinnere ich mich daran, dass es in dem riesigen Kasten knarrte und dröhnte.
Ich bemerkte bei Florian, der eifrig mit seinen Geräten hantierte, dass in seiner Ecke auch Geigen und eine Hawaii-Gitarre lagen. Er schien also auch mit anderen Instrumenten vertraut zu sein. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, dass er sie je in meinem Beisein gespielt hat. Sie gehörten wohl noch in eine Frühphase ihrer musikalischen Experimente. Damals hatten sie sich Organisation genannt und oft mit Laien gespielt, wie ich von Ralf erfuhr.
Beim Proben ging es diesmal äußerst locker und langsam zu. Ich versuchte, aus den Schlagzeugfragmenten einen einigermaßen verbindlichen Klang herauszuholen. Aber es demütigte mich schon, an diesen Kindertrommeln zu sitzen und den Künstler zu mimen. Ich sehnte mich nach einem Erwachsenenschlagzeug, hatte aber nicht den Mut, die beiden zu fragen, ob sie mir nicht ein richtiges Set kaufen könnten. Ich selbst hatte damals kein Geld dafür. Mit meinem kleinen Praktikumshonorar war eine Neuanschaffung nicht drin. Und die Kohle vom Verkauf meines ehemaligen Pearl war längst verbraucht. So hoffte ich wenigstens, dass sich eines Tages die Gelegenheit ergeben würde, doch wieder zu einer guten Drum-Maschine zu kommen. Wenn ich damals auch nur geahnt hätte, womit ich einmal berühmt werden würde – ganz bestimmt nicht mit einem klassischen Schlagzeug-Set.

6
KRAFTWERK MIT NEUEM SCHLAGWERK
Düsseldorf, September 1973 +++ Etwas Aufregendes geschah an einem der Probenabende, etwas für mich vollkommen Neues. Es sollte unser späteres Erscheinungsbild als Musikgruppe entscheidend beeinflussen. In einer Spielpause während unserer Proben entdeckte ich in einer Ecke des Raums ein merkwürdiges kleines Kästchen, auf dem sich mehrere Tasten befanden, die mit aufgedruckten Rhythmusbezeichnungen versehen waren. Ich kann mich an Begriffe erinnern, wie Fox und Waltz, Bossa oder Beat 1. Auch ein schneller Beat 2 lockte den Anwender. Ein Volume-Rad und ein Tempo-Rad gab es ebenfalls.
Es handelte sich um eine kleine Rhythmus-Box, welche die Jungs irgendwo gekauft und womit sie schon auf ihrem Ralf & Florian-Album die Schlagzeugsounds produziert hatten, wie sie mir einmal erzählten. Da sie früher oft Schwierigkeiten mit Drummern hatten, konnten sie an einem solchen Gerätchen kaum vorübergehen. Wahrscheinlich war es eine Begleitbox für Musiker an der Orgel, die als Alleinunterhalter in Kneipen spielten. Ich bat Florian, das Kästchen doch einmal an einen Verstärker anzuschließen, damit ich hören konnte, wie es klang. Die Festeinstellungen der Stilrichtungen klangen ziemlich künstlich, aber herrlich elektrisch, und da gab es an der Oberseite des Gehäuses eben diese besagten Taster, die jeweils einen einzigen Impuls eines Geräuschs auslösen konnten. Sie hatten es mir sofort angetan. Es gab, wie bei einem richtigen Schlagzeug, eine Bass Drum, eine Snare Drum, Toms, ein Crash- und ein Ride-Becken, Claves und eine Hi-Hat usw. Diese Sounds, über die Tasten einzeln ausgelöst, hatten einen ganz naiven Klang, der von denen eines echten Schlagzeugs weit entfernt war. Vor allem die Bass Drum hatte es in sich. Über das fette Basshorn von Ralf angeschlossen, war sie einfach unbeschreiblich satt und trocken. Sie knallte schön lederartig, wie ich es mochte, und wie man sie mit einer ›echten‹ kaum hinbekommen hätte. Wenn ich auf den kleinen Knöpfchen herumdrückte, konnte ich mit meinen Fingerspitzen und ein wenig Übung einen eigenen Rhythmus spielen. Nicht sehr komfortabel zwar, aber mit einem elektrisierenden Klang, für die damalige Zeit ziemlich flott.
Wir waren hell begeistert von dem gekauften Ding und spielten an diesem Abend nur noch mit unseren Fingern ›Knopfschlagzeug‹, ohne die vorprogrammierten Rhythmen überhaupt erst zu benutzen. Wie konnte man es nur hinbekommen, dass es sich komfortabler spielen ließ, vielleicht so ähnlich, wie auf einem richtigen Schlagzeug, fragte ich uns. Eigentlich bräuchte man doch nur die Kabel, die den Kontakt zu den kleinen Tasten führte, abzulöten, um sie dann mit anderen Kontakten zu verbinden. Es waren ja schließlich nur unterbrochene Leiter, die, wenn man sie wieder zusammenbrachte, neuen Kontakt auslösten. Also brauchte man doch nur an die eine Seite einen metallischen Gegenstand anzulöten und an die andere Seite einen weiteren. Hielt man diese dann wieder zusammen, ergab das die gleiche Funktion, wie die der Taster. Man musste sich nur etwas einfallen lassen, wie diese beiden Metallteile beschaffen sein sollten, damit ich als Drummer damit auch kontrolliert Rhythmus klopfen konnte. Lange brauchte ich nicht, um dahinterzukommen, dass es ähnlich wie bei einem Schlagzeug funktionieren musste: In der Hand einen Stab, mit dem man auf eine Fläche schlug. Der Stab musste aus einem gut leitenden Metall sein, wie Kupfer etwa, die Platte ebenfalls aus leitendem Material. Bestimmt aber musste sie eine runde Form haben (dachte ich als Drummer jedenfalls!), ähnlich wie ein Trommelfell, und für jeden Sound musste eine eigene Platte vorgesehen werden. Den Stab, der mit dem Schwachstrom führenden Kabel verbunden werden sollte, könnte man leicht durch ein zweites Kabel mit einem weiteren Metallstab verkoppeln. So hätte ich dann zwei Drumsticks. Wie in echt. Mit diesen beiden könnte man auf den verschiedenen Flächen aller vorhandenen Klänge der Beatbox schlagen, ebenfalls wie in echt.
Wir waren ganz begeistert von der Idee und hofften, dass das auch alles so klappte. Auf jeden Fall waren Ralf und Florian froh, dass jemand, genau wie sie, Lust an Tüfteleien hatte. Von einem Drummer hatten sie das wohl kaum erwartet, und schon gar nicht, dass ich das Ganze dann hinterher auch noch öffentlich spielen würde. Aber in diesem Punkt hatten sie sich getäuscht. Ich war verrückter auf was Neues, als sie damals überhaupt hätten ahnen können.
Noch ein wichtiges Treffen ergab sich. An einem der nächsten Abende lernte ich im Szenelokal ›Zur Uel‹, das es auch heute noch auf der Ratinger Straße gibt, einen Freund der beiden kennen. Er stand mit ihnen bei den Spielautomaten. Ralf und dieser Typ flipperten. Sie hatten beide glänzende, enge Lederhosen an, Ralf eine schwarze, sein Freund eine beigefarbene. Ich begrüßte sie. Sie wirkten zögerlich, verschwörerisch, auch schüchtern. Ralf stellte mir seinen Freund vor: »Das ist der Emil. Der ist Maler und macht auch bei einigen unserer Texte mit.« Dieser Emil war ein ziemlich verlegener Bursche mit braunen Locken und blaugrauen Augen. Ich trank ein Coca-Cola, hatte mit 26 immer noch keinen Geschmack am Düsseldorfer Altbier gefunden. Die Zwei flipperten weiter, ich schaute ihnen zu, wie sie sich bei gutem Score kindlich freuten.
Nach einer Weile luden sie mich ein, mit ihnen zu Emils Wohnung in der Berger Allee zu kommen. Dort habe Ralf früher auch eine Zeit lang gewohnt, er war dann aber ins Haus seiner Eltern nach Krefeld zurückgezogen. Das Haus von Emils Mietwohnung lag nicht weit entfernt am Rande der Altstadt, wo es schön ruhig zuging. Es stammte aus dem 19. Jahrhundert, die gesamte Häuserzeile bestand aus diesen verschnörkelten und großzügig gebauten Wohnhäusern, die einst wohlhabende Kaufleute aus Düsseldorf erbaut hatten. Eine gegenüberliegende Häuserseite gab es nicht, dort befand sich ein tiefliegender Weiher, der Spee'sche Graben. Alte Gaslaternen warfen ihr sanftes Licht auf die Häuserzeile, und ich bemerkte, dass gerade das Haus mit der Nummer Neun über und über mit dem dichtem Gespinst dicker Spinnen überzogen war. Es lag wohl an dem warmen, mückenreichen Sommer. Ein wenig ekelte es mich schon bei dem gespenstischen Anblick.
Emil schloss die mit Schnitzereien reich versehene Eichentür auf. Seine Wohnung lag im Erdgeschoss, die einzige in dieser Etage. Die Räume hatten riesige Ausmaße. So etwas Großzügiges hatte ich noch nie gesehen. Die Decken der Zimmer waren mindestens 3,40 Meter hoch und mit Stuckornamenten aus dem Jugendstil verziert. Überall war der Boden mit Zickzackparkett ausgelegt. Es knarrte wie in einem alten Schloss und ich bat schmunzelnd um Filzpantoffel. Wir gingen ins erste Zimmer, eher ein Saal, in dem sich Emil spärlich eingerichtet hatte. Eine große, mit Effektglas versehene Doppelzimmertür war weit geöffnet und gab den Blick in einen weiteren, noch größeren Raum frei. Ich bemerkte Farbgeruch und sah an den Wänden Ölportraits von hübschen Mädchen und ein Selbstbildnis von Emil mit Gitarre. In Öl gemalte Science-Fiction-Städte hingen ebenfalls an den Wänden. Sie interessierten mich besonders. Auch ein riesiges Alpenpanorama stand da, angelehnt an einen Holztisch, es war anscheinend gerade in Bearbeitung. Gasflaschen, Spritzpistolen und ein Zeichentisch mit Stapeln von Skizzen darauf stand in einer Fensternische mit Blick auf den gegenüberliegenden Teich. Ein ziemlich dilettantisch gezimmertes Holzbett auf kurzen Stelzen und eine Schaumgummimatratze bildete die Schlafstatt des Künstlers. Mädchenbildnisse aus Stuck in jeder Deckenecke hatte Emil mit blassen Wasserfarben angemalt, und alles wirkte sehr sinnlich. Im anderen Zimmer befanden sich dagegen nur ein alter Fernsehapparat und eine riesige Couch, die mit einem flauschigen Tuch im Leopardenfellmuster bedeckt war. Darauf setzten wir uns und plauderten. Unser Gespräch wirkte auf mich wie zu Beginn unserer Begegnung etwas schleppend.
Während ich mir später die Räume im Einzelnen ansah - man konnte in der Wohnung regelrecht auf Entdeckungsreise gehen - diskutierten Ralf und Emil über ein weiteres Bild, eine Hügellandschaft mit Straße und Hochspannungsmasten. Mehr gab es darauf noch nicht zu sehen, außer einigen Bleistiftvorzeichnungen. Ich hatte keine Ahnung, dass es sich um die Auftragsarbeit des später weltberühmten Autobahn-Covers handelte.
Dann entdeckte ich noch einen weiteren Raum im hinteren Teil der Wohnung. Durch große Schiebefenster konnte man von dort weit hinaus über einen leeren Platz bis hin zum Rhein schauen. Was für ein schönes Zimmer! Man konnte aus der Entfernung sogar die Schiffe mit ihren brummenden Motoren hören. Das gefiel mir besonders gut, erinnerte es mich doch an meine Kindheit. Wir hatten nämlich nach meiner Geburt in Frankfurt in der Nähe des Mains gewohnt, und die Geräusche der Schiffe dort hatten mich abends beim Einschlafen stets beruhigt. Später, als wir in Koblenz wohnten, war es wieder ganz in der Nähe des Rheins. Solche Geräusche graben sich tief in die Erinnerung ein, und ich werde die damit verbundene Stimmung mein Leben lang als angenehm empfinden. Hier hatte Ralf gewohnt, als er noch Architektur in Aachen studierte. Nun stand der riesige Raum leer, ausgestattet mit Pegulanboden und einem Waschbecken, und man scherzte, dass ich doch dort einziehen könnte, wenn ich es wollte. Später am Abend kamen wir wieder auf das Thema mit dem Zimmer, und da sagten Ralf und Emil tatsächlich, dass sie es absolut in Ordnung fänden, wenn ich einziehen würde. Das freute mich tierisch.
Wir unterhielten uns noch über den bevorstehenden Auftritt im Fernsehen, der für mich etwas völlig Neues war. Unter anderem ging es darum, was wir zu diesem Anlass anziehen und wie wir uns überhaupt präsentieren wollten. Der Gedanke, dass ich mich mit dem Kinderschlagzeug vor die Kameras stellen sollte, behagte mir überhaupt nicht. Ich grübelte in den nächsten Tagen ständig darüber nach, wie ich diese Situation verbessern könnte.
Nachdem ich schon lange bei Emil ein- und ausgegangen war, bezog ich schließlich mit meinen wenigen Sachen das freie Zimmer bei ihm, was mir sehr recht war, da ich nun auch viel weniger Miete bezahlen musste. Ralf und Florian hatten die große Wohnung vor ungefähr zwei Jahren von der Firma Mannesmann äußerst billig angemietet, so dass ich jetzt anteilmäßig nur zweihundertzwanzig Mark zu bezahlen brauchte, inklusive Strom und Heizung. Das tat mir gut, da ich in meinem Praktikum ja nicht viel verdiente. Ich richtete mir den Raum mit meinen Habseligkeiten ein, so gut es ging. Emil lebte vorn, ich hinten. Oft besuchte ich ihn in seinem Zimmer und sah ihm beim Spritzen zu. Wenn Frauen zu ihm kamen, war seine Tür aber immer verschlossen...
In der großen Küche im hinteren Teil der Wohnung, die ein langer schmaler Gang in einen vorderen und einen hinteren Teil trennte, trafen wir uns häufiger. Dieser Raum war unser ›Kommunikationszentrum‹. Jeder bereitete hier sein Essen zu, hatte bald seinen eigenen Kühlschrank und seine persönlichen Speisevorräte. Zum Einkaufen gingen wir oft zusammen auf den nahegelegenen Wochenmarkt am Carlplatz, mitten im Herzen der Altstadt. An einem Abend hatte Emil ein Kaninchen besorgt, das er delikat zubereitete. Was er kochte, schmeckte gut, auch wenn es oft ungewöhnlich war. Als wir es uns in seinem Zimmer auf dem Parkettboden gemütlich gemacht hatten, um das Kaninchen zu verspeisen - ganz romantisch hatten wir uns dabei sogar Kerzen angezündet - klingelte es, und Barbara kam herein. Sie war damals Florians Freundin und mochte Emil offensichtlich gern. Ein stilles Mädchen war sie und wirkte sehr fein, fast vergeistigt, fast durchsichtig mit ihrer blassen Haut und wasserblauen Augen. Mit ihrem dünnen Körper schien sie beim Gehen geradezu zu schweben. Sie schien keinerlei Temperament zu haben und wirkte absolut androgyn auf mich, benutzte beim Reden nur wenige leise Worte. Aber diese leichte Frau passte sehr gut zu den sanften Gesellen, die für mich nun eine neue ›Familie‹ bildeten.
Im Souterrain, das über eine Holztreppe von der Diele aus zu erreichen war, gab es zwei weitere hintereinander liegende Räume mit Heizung und Oberlicht. Die Böden bestanden aus brüchigem Terrazzo. Früher waren hier die Wirtschaftsräume der Herrschaften gewesen. Hier konnte ich hervorragend herumwerkeln, das war außer Schlagzeugspielen auch etwas für mich. Immer habe ich gerne was aus Sachen gebaut, die ich fand. Professionelles Handwerkszeug hatte ich noch aus meiner Schreinerlehre, und ich konnte mir dort unten im Souterrain später eine richtige Werkstatt für unsere Geräte- und Bühnenkonstruktionen einrichten.
Zunächst einmal begann ich mit der Konstruktion des Tabletts, das die Metallplatten für mein neues elektrisches Schlagbrett aufnehmen sollte. Die Kanten wurden mit der Feile geglättet, und so sah das Brett aus, als wäre es aus einem Block. Emil hatte die Idee, wo wir Metallplatten für die Kontakte der Drum-Pads herbekommen könnten. Bei gemeinsamen Spaziergängen, die wir damals öfter in unserer Umgebung unternahmen, hatten wir ganz in der Nähe im Hafengebiet einen großen Schrottplatz für Buntmetalle entdeckt. Es dauerte nicht lange, da fanden wir auf matschigem Grund einen Berg von runden Blechstücken jeglicher Durchmesser. Zu Hause bohrte ich jeweils nahe dem Rand zwei kleine Löcher in jede Platte und befestigte sie mit farblich passenden Schräubchen auf die Oberseite meines glänzenden Brettes. So wurden es in der oberen Reihe drei Platten von zehn Zentimeter Durchmesser. In einer weiteren Reihe darunter gab es noch einmal drei Platten von zehn Zentimeter Durchmesser, die für die wichtigeren Sounds vorgesehen waren. Eine dritte Reihe am unteren Spielbrettrand mit vier weiteren Platten war für weniger wichtige Klänge vorgesehen. An eine der zwei Befestigungsschrauben hatte ich zuvor ein dünnes Kabel angelötet und durch ein Loch nach hinten auf die Rückseite des Brettes gezogen. Nun hatte ich dort insgesamt zehn Käbelchen, die ich nur noch mit den herausgelötteten Kontakten der Beatbox zu verbinden brauchte, die in einem Kasten unter dem Schlagbrett deponiert und ebenfalls mit dem schönen graublauen Celluloid beklebt war. Zwei Banansteckerbuchsen brachte ich dann noch an der Vorderkante des Brettes für die Verbindungskabel der beiden Schlagstäbe an.
Diese waren ein Problem für sich. Diejenigen nämlich, die ich mir in einem Hobbygeschäft ausgesucht hatte, haben sich beim Schlagen auf die Platten viel zu schnell verbogen, da ich sie zu dünn ausgewählt hatte. Auch war das Kupfer zu weich. Es hat also nicht gut funktioniert. Nach ständigen Versuchen mit anderen Materialien erreichte ich die beste Wirkung mit Messingröhrchen. Sie leiteten den Strom ebenfalls gut, mussten aber dicker sein, weil sie hohl waren. Die vordere Öffnung lötete ich zu, damit sie dort etwas schwerer waren, und hinten brachte ich das Stromkabel aus flexiblem Draht an. Damit ich die Bassdrum wie bei einem echten Schlagzeug mit dem Fuß bedienen konnte, habe ich deren Kabel einfach mit einem kleinen Fußtaster aus dem Elektrogeschäft versehen, worauf ich nun mit dem rechten Fuß treten konnte, während ich oben die Snaredrum klopfte - bumm-tschak-bumm bumm-tschak-bumm-tschak - sollte das werden, so hoffte ich jedenfalls.
Man konnte das Schlagbord vor sich aufstellen und in der Höhe variieren, weil ich einfach das Gestell eines Drehhockers darunter geschraubt hatte. Auch die Neigung war verstellbar durch einfache Flügelschrauben an den beiden seitlichen Haltestangen. Einfach toll sah es aus, einfach großartig. Fremd. Neu!
Richtig stolz war ich auf meine saubere Ausführung und die Form, und am gleichen Tag, an dem ich mit der Arbeit fertig war, nahm ich es mit ins Studio und präsentierte es meinen neuen Kollegen. Sie waren schon sehr angetan von seinem Äußeren. Endlich mit der Anlage verbunden, konnten wir hören, dass unser ›Drum-Pad‹, wie es später genannt wurde, hervorragend funktionierte. Eine ganz neue Sache hatten wir da und wussten sofort, dass das genial war. Es ließ sich auch leicht spielen. Einfach unglaublich, wie schnell und leicht die Drum-Pads ansprachen, wenn man sie mit einem der beiden Metallstäbchen berührte. Allerdings musste ich regelmäßig eine dünne Oxydationsschicht an den Spitzen der Stäbe abfeilen, damit sie elektrischen Kontakt gaben. Es konnte nämlich sonst vorkommen, dass die Dinger überhaupt keinen Kontakt auslösten. Aber dafür hatte ich später immer eine kleine Feile bei mir, um vor Auftritten die Spitzen der Schlagstäbe zu säubern. Man konnte mit dem Ding freilich nicht dynamisch in der Lautstärke spielen; es war nur der einfache Klang jeder Platte zu hören, je nachdem, wie laut der an der Beatbox zuvor eingestellt wurde: ping-päng-zakk-boing-bum-tschak - mehr gab‘s nicht, aber das war ja das tolle. Weil es eben so einfach war. Außerdem hatte ich mir die Drumsounds genauso auf mein Brett gelegt, wie ich es als Drummer zu spielen gewohnt war: Ganz links unten die Bass-Drum. Rechts daneben die Snare-Drum. Ganz rechts außen ein Tom. In der Reihe darüber befand sich links der Klang einer Hi-Hat, rechts daneben ein Crash-Becken und ganz rechts außen ein Ride-Becken. In der oberen Reihe waren Klänge von Claves und Bongos untergebracht. Später haben wir das Ganze noch mit einem Volume-Pedal verbunden, und dann klappte das auch besser mit der laut/leise-Dynamik.
Bald schon habe ich die Kupferscheiben für die wichtigeren Sounds durch solche aus Stahl ersetzt. Diese waren viel härter und bekamen nicht so schnell Dellen. Da es Edelstahl war, rosteten sie auch nicht. Beim empfindlicheren Kupfer oder Messing gab es bei diesen Scheiben von Anfang an Probleme mit der elektrischen Leitfähigkeit. Die Verwendung von Edelstahlplatten löste diese Probleme.
Kraftwerk war mit neuem Schlagwerk ausgerüstet! Ganz einfach konnte ich nun im Stehen elektrisches Schlagzeug spielen und vor allem fast ohne jede Anstrengung oder gar schweißtreibend! Florian war so begeistert davon, dass er mich ständig vom Brett wegschubste, um selbst darauf zu ›klöpfeln‹. Was konnte der Mann für einen Spaß haben! Wir rangelten regelrecht darum, wer mit dem Kistchen spielen durfte. Natürlich gewann am Ende ich, denn wer sonst war hier der Drummer? Auch Ralf hatte seine Freude an dem neuen Teil, und es war die Fortsetzung der von ihnen eingeleitete Weiterführung der Bemühungen um technische Innovationen und futuristisches Design auf der Bühne. Wir waren jetzt die einzigen, die solch ein Schlagzeug hatten. Aber darüber dachten wir gar nicht erst nach – glaubte ich damals jedenfalls. Jeder andere hätte dieses innovative Schlaginstrument wohl sofort zum Patent angemeldet. Wir jedoch waren viel zu sehr Künstler, viel zu erhaben, um je über eine kaufmännische Möglichkeiten nachzudenken. Das Kinderschlagzeug, das immer noch im Studio stand, wurde von da an nicht mehr benutzt und ich hatte nun keine Sorgen mehr wegen unseres Auftritts im ZDF. Ausgestattet mit dieser neuen Attraktion, war ich jetzt sogar richtig scharf darauf.
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NEUES IM KULTURKANAL
Berlin, Oktober 1973 +++ Wir flogen mit British Airways nach Berlin und hatten froh gelaunt unser gut funktionierendes Drum-Pads-Board im Gepäck. Und ich das erste Mal in einem ›Fluchzeuch‹! Ich hatte gar kein gutes Gefühl dabei. Nicht, dass ich ein überängstlicher Typ war, aber ich fragte mich beim Fliegen doch, ob wir Menschen mit dieser unnatürlichsten aller Fortbewegungsarten die Natur nicht all zu sehr herausforderten. Man sitzt ja immerhin auf großen Mengen von explosivem Treibstoff und lässt sich von Düsentriebwerken in die Stratosphäre schießen. Man sitzt auf quälend drückenden Stühlen im künstlichem Klima einer zerbrechlichen Druckkammer aus dünner Aluminiumhaut. Es ist sehr unangenehm für die Ohren und für den Blutdruck. Nie werde ich Menschen verstehen, die diese Tortur mögen, ja, suchen. Ganz abgesehen von den heißen Abgasen, die Jets in die Atmosphäre pusten. Da lobe ich mir doch das Zugfahren. Man kann umherschlendern und im Restaurantwagen gediegen speisen; man sitzt gemütlich in behäbigen Sesseln, während sich draußen grüne Landschaften, moderne Städte, romantische Dörfer und glitzernde Industrieanlagen abwechseln. Da kann man doch was sehen und erleben! Die Reise dauert zwar länger, aber genau das hatte ich schon immer gemocht – wenn etwas länger dauert. Ich hatte es nie wirklich eilig in meinem Leben. Träumen und Trödeln waren ja schon als Kind meine Lieblingsbeschäftigungen.
Wir landeten jedenfalls heil in Berlin-Tempelhof, und ich war froh, wieder mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen. Von der Größe der damals noch von Westdeutschland isolierten Stadt war ich vollkommen überwältigt. Das war doch etwas ganz anderes als unser Düsseldörfchen. Hier bekam ich einen ersten Vorgeschmack, was es heißt, mit Kraftwerk in den Metropolen der Welt unterwegs zu sein.
Im Fernsehstudio des ZDF ging es sachlich und professionell zu. Unsere paar Sachen waren schnell aufgebaut. Wir waren ganz schöne aufgeregt, jetzt hier vom Sender die Chance zu bekommen, in ihrer Kultursendung aufzutreten. Es war schon eine Ehre, derart gehypt zu werden, weil uns die Redaktion vorausschauendunter Kultur eingereiht hatte anstatt unter Showbiz.
Wir spielten das Stück ›Tanzmusik‹ live vor den Kameramännern, die total auf mein merkwürdiges Elektroschlagzeug mit all den hinten heraushängenden Kabeln abfuhren. Tatsächlich wirken wir bei diesem Auftritt ziemlich grotesk, wie ich nach all den Jahren auf dem Videomitschnitt der ZDF-Sendung noch einmal nacherleben konnte. Aus heutiger Sicht hat unsere Darbietung etwas Rührendes und Amateurhaftes. Die ganze Show hatte die Wirkung einer Schlaftablette, aber so naiv fing das Ganze halt damals an.
Das wirklich Spektakuläre an unserem Auftritt aber war meine völlig neue Art zu trommeln. Hier war ich eindeutig der Star, auf dessen abenteuerliches Rhythmusbrett die Kameramänner ihre großen Objektive richteten. Ralfs Minimoog-Synthesizer sah ja noch wie eine herkömmliche Orgel aus und Florians Querflöte hatte auch nichts besonders Aufsehenserregendes. Dass ich damals aber tatsächlich den Nerv hatte, mit solch einer zusammengebastelten Amateurkonstruktion vor die Kameras zu treten, macht mir klar, dass ich schon immer eine ordentliche Portion Verrücktheit in mir hatte. Sie trug dazu bei, dass wir uns danach noch mehr für die elektronische Herstellung und Präsentation unserer Musik begeisterten. Ohne diese ersten kleinen Anfangsschritte hätten wir bestimmt nie die Führungsrolle in der elektronischen Popmusik eingenommen.
Berlin bot hinterher jede Menge Möglichkeiten, die Nacht zum Tage zu machen. So fuhren wir nach der Sendung auch gar nicht erst in unser Hotel, sondern schlenderten gemütlich durch die Stadt, aßen und tranken im Café Kranzler am Ku'damm und streunten die ganze Nacht durch Kneipen und Discotheken. Wir waren extrem neugierig auf Erlebnisse in der Subkultur. Im Morgengrauen stellte sich dann massive Müdikgeit ein. Ich weiß noch, dass wir völlig ermattet im Morgengrauen mit einem Taxi zum Flughafen zurückfuhren. Es regnete, und es war kalt geworden. Keine aufbauende Kombination für übermüdete Künstler. Als wir wieder im Flugzeug saßen - es war einer der ersten Flüge an diesem Morgen - kam auch der Kapitän hinein. Er hatte noch seinen nassen Regenmantel an und wirkte leicht unwillig wegen der frühen Stunde. Dazu balancierte er neben seiner Aktentasche eine dampfende Tasse mit Kaffee durch den schmalen Gang, bis er im Cockpit verschwand. Sein Erscheinungsbild wirkte nicht gerade beruhigend auf uns. Nur wenige Fluggäste waren an Bord auf dem Rückflug in den Westen, außer ein paar Geschäftsleuten und uns drei völlig übernächtigten Kraftwerkern.
Überhaupt war das kein guter Tag fürs Fliegen. Als wir nämlich schon einige Zeit Berlin hinter uns gelassen hatten, begann das Flugzeug plötzlich fürchterlich zu rütteln. Durch härteste Windböen machte die Maschine so schrecklich zackige Bewegungen, dass auf einmal mehrere der Deckenverkleidungen mit lautem Krachen in den Gang hinunterfielen und man nun die Hydraulikleitungen und Kabelkanäle bewundern konnte. Es war die vollkommene Härte und ich dachte, es sei jetzt aus mit uns. In den entsetzten Gesichtern anderer Passagiere sah ich ähnliche Empfindungen. Von einer der hinteren Sitzreihen hörte ich einen anderen schockierten Passagier rufen: »Immer diese Scheiße mit British Elend!« Diesen Spruch kannte ich schon, allerdings gemünzt auf eine englische Automarke, deren Modelle ebenfalls öfter einmal etwas verloren. Später flogen wir dann noch einmal mit dieser Linie, von Bombay nach Düsseldorf. Da war die Situation auch sehr speziell, aber dabei ging zum Glück alles gut. Doch davon später...
Als wir am Vormittag wieder zu Hause angekommen waren, fiel ich todmüde in mein Bett. Ich war völlig fertig, aber glücklich und stolz. Etwas hatte ›klick‹ in mir gemacht und ich wußte instinktiv: Der Sache mit Kraftwerk gehört die Zukunft, der schweißtreibende Trommler der englischhörigen Beat-Epoche gehörte der Vergangenheit an. Die Kameramänner vom ZDF hatten mir meine Restzweifel an meiner neuen Art, Schlagzeug zu spielen, genommen. Ab da liebte ich das ›elektrische Bügelbrett‹, wie wir das Ding später oft ironisch nannten.

8
HERR RÖDER UND DER FALSCHE KOPF
Düsseldorf, 22. März 1974 +++ Bei Gigs in der Umgebung und beim Fersehauftritt in Berlin war uns klar geworden, dass wir zu dritt ein bisschen zu wenig ›Personal‹ waren, um auf der Bühne ordentlich Sound machen zu können. Also sollte ein weiteres Mitglied die Besetzung bereichern. Und schon wenige Tage später stand ein neuer Mann im Studio. Weiß der Teufel, wo Florian immer solch interessante Leute herzauberte. Nun sollten wir uns kennenlernen und miteinander musizieren. Mir fiel das zunächst gar nicht so leicht, da ich schon Schwierigkeiten mit seinem Äußeren hatte. Sein Name war Klaus Röder, und er kam aus der Nähe von Düsseldorf. Klaus wirkte auf mich wie ein echter Hippie, ganz im Gegensatz zu mir, der ich mich ja einst nur mit der Mode der Blumenkinder geschmückt hatte. Er hatte diesen vergeistigten Blick, war immer etwas euphorisch, immer postiv denkend. Er trug die Haare bis auf den Hintern und lief bei jedem Wetter mit offenen Sandalen und nackten Füßen herum, spielte sehr gut Gitarre und eine Geige, die er sich selbst gebaut hatte. Das Instrument, das er mitbrachte, sah aus wie ein hellgrauer Knochen, und es wurde elektrisch verstärkt. Diese ›Geige‹ hatte es Florian angetan und war wohl auch der Grund, weshalb er den Musiker gleich eingeladen hatte. Jedenfalls war Klaus Röder ein ganz besonderer Mensch, der sich als absolut liebenswürdig erwies. Er spielte für einige Aufnahmen auf Autobahn, und er wurde auch mit auf unseren ersten Autogrammkarten mit abgelichtet.
Die Abbildungen für die Rückseite dieses Autobahn-Covers hatten eine ganz besondere Geschichte: Ralf und Florian hatten geplant, dass die ganze Band auf dem Rücksitz des Mercedes sitzen sollte, der auf der Vorderseite der Plattenhülle über die Autobahn fährt. Dort sieht man auf einer frühen Auflage unsere Gesichter im Rückspiegel über dem Armaturenbrett. Da man sich noch nicht sicher sein konnte, ob ich nun wirklich bei der Gruppe blieb, gaben Ralf und Florian dem Emil zunächst die Chance, für alle sichtbar als Künstler bei Kraftwerk selbst mit im Wagen zu sitzen und somit gleichberechtigt auf der Platte abgebildet zu werden. Dies hatte Emil sicher gut gefallen. Als jedoch klar war, dass ich fest dabei bleiben würde, wurde er kurzerhand beauftragt, seinen eigenen Kopf aus dem fertigen Rücksitzfoto wieder herauszuschneiden und die Ablichtung meines Kopfes auf seinen Körper zu kleben. Es musste eine Montage sein, da für ein neues Foto keine Zeit blieb. Diese Änderung muss für unseren Maler äußerst schmerzlich gewesen sein, doch er hatte keinen Einfluss auf solche Entscheidungen.
Wenn wir die Abende im Studio verbrachten und Ralf und Florian an den Stücken für das Album bastelten, war Emil auch manchmal dabei und hörte zu, um seine Meinung zu den Songs zu sagen. Außerdem hatte er ja auch nicht wenig daran mitgetextet. Bei ›Autobahn‹ wurde per Minimoog ewig an den Motorensounds und Windgeräuschen geschraubt, die nachher ziemlich echt klangen. Sie wurden mit dem ›Mobile Equipment‹ von Klangmeister Conny Plank eingespielt und mit Mehrspurtechnik im sogenannten Multitrackingverfahren aufgenommen. Später hat Plank dann alles in seinem gerade fertiggestellten Tonstudio in einem alten Bauernhof bei Neunkirchen/Westerwald zu fertigen Songs gemixt. Ich merkte aber auch, dass Ralf und Florian mit Klaus Röder gar nicht so gut zurechtkamen, wie sie sich erhofft hatten. Er kam auch oft gar nicht zu unseren Verabredungen und wurde kurzerhand wieder ausgeladen. Dass es schließlich ganze sechsundzwanzig Jahre dauern würde, bis ich wieder einmal zum Conny-Plank-Studio fahren würde - mit einer eigenen Produktion und zusammen mit Nomiya Maki, der Sängerin von Pizzicato Five - das hätte ich damals nie geahnt. Das Zustandekommen dieses Treffens war aber auch zu verrückt. Aber davon werden ich am Ende dieses Buches erzählen, vom Plank‘schen Stein nämlich, wo ich mir außerdem noch was geschworen habe ...
9
WIR ELEKTRISCHEN VIER
Düsseldorf, Januar 1974 +++ Wir hatten uns von Röder auch aus dem Grund getrennt, weil er sich mit seinen langen Haaren und seinem Bart nicht so recht in unser neu gewähltes Erscheinungsbild einfügen wollte und weil unsere Popmusik einfach nicht seine Sache zu sein schien. Die Gründer hatten für Kraftwerk ein strenges, sehr deutsches Erscheinungsbild gewählt. Ich selbst hatte bei meinem Eintritt in die Band ja noch eine Hippie-Frisur und trug einen Schnurrbart. Und auch Ralf trug Anfang der 70er Jahre noch schulterlange Haare. In der Zeit ihrer musikalischen Experimente mit Organisation, ihrer ersten Gruppe und Kraftwerk I und Kraftwerk II mochte das ja noch gepasst haben. Ich bin mir aber sicher, dass wir uns auf Veranlassung von Florian, der damals den Modestil der 50er Jahre liebte, mit dem Erscheinen des Albums Autobahn, diesem typisch deutschen Thema, ein ebenfalls deutsches Image zulegten, so wie die Beach Boys mit ihrem ›All American Dream‹ den amerikanischen Prototypus repräsentierten. Das fand ich auch sofort gut. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir uns alle die Haare schneiden ließen und in der Stadt Anzüge kauften. Ralf und Florian hatten sich sogar bei einem Düsseldorfer Maßschneider Anzüge auf den Leib nähen lassen. Immerhin bezahlten sie auch unsere Konfektionsware, da es sich ja sozusagen um Arbeitskleidung handelte. Wir wollten einfach nicht mehr mit der englischen Pop-Szene oder mit Bluejeans tragenden, amerikanischen Rockbands verglichen werden.
Musikalisch ging das ja sowieso schon nicht mehr. Wir wollten zeigen, dass es auch in Deutschland eine stilistisch eigenständige moderne Unterhaltungsmusik gab, die ihre Ursprünge in unserer eigenen Kultur hatte. Diese Musik war Ralfs und Florians Erfindung. Gemeinsam mit anderen und mir entwickelten sie ein intellektuelles und zugleich unterhaltsames Musikkonzept auf der Basis unserer romantischen Volksmusikmelodien in Kombination mit modernen naturwissenschaftlich-technischen Themen, zeitgemäß elektronischen Instrumenten und einer selbstbewussten, eigenständigen Form. In zunehmendem Maße verstand ich, was sie wollten, und ich war froh, diese Musik mit aufführen zu dürfen.
Aber gerade für diese Präsentation waren wir auf der Bühne immer noch zu wenig Darsteller. Wir hatten ja in der Zwischenzeit bei Auftritten festgestellt, dass wir mehr Männer für unsere Live-Shows brauchten. An eine Frau haben wir damals nie gedacht - wie dumm, denke ich heute. Vom Konservatorium her kannte Florian einen Musikprofessor, den er um Rat fragte. Dieser legte ihm den talentierten Musikus Karl Bartos ans Herz. Der Student hatte am Düsseldorfer Institut Schlagzeug, Klavier und Vibraphon gelernt und stand bald vor seinem Examen. Florian brachte ihn eines Tages mit ins Studio. Karl wirkte äußerlich noch sehr studentisch mit seinem Dufflecoat-Mantel, Turnschuhen, Bluejeans und dunkelrotem Nicki, den er ständig trug. Auch war er um einige Jahre jünger als wir, aber recht forsch und selbstbewußt, das spürte ich mit einigem Neid.
Für einige Zeit spielte Karl bei uns zuerst sein konventionelles Vibraphon, welches damals sein Lieblingsinstrument war. Das schwere Teil wurde sogar auf unserer gesamten ersten Amerikatournee mitgeschleppt und verursachte hohe Transportkosten. Aber in erster Linie sollte Karl ebenfalls Schlagzeug spielen. Er war schließlich ausgebildeter Konzerttrommler und konnte Figuren spielen, zu denen ich selbst gar nicht fähig war. Auf jeden Fall war er eine kolossale Bereicherung für uns. Zu Beginn hatte ich allerdings etwas Angst, dass er mich eventuell ersetzen könnte. Aber diese Bedenken stellten sich bald als unberechtigt heraus, weil ich mittlerweile mit weiteren Fähigkeiten wichtig geworden war.
Mit Karl kam ich Gott sei Dank schnell in einen herzlichen Kontakt, kam er doch aus einem ähnlichen Elternhaus wie ich. Von nun an hatten wir beide denselben Status, auch wenn ich schon ein Jahr länger dabei war. Wir waren zunächst feste Honorar-Musiker in der intellektuellsten und elektrischsten Pop-Band überhaupt. Für Karl baute ich ein Plattenschlagzeug aus einer zweiten Beatbox und einem kleineren Spielbrett. Das Prinzip war komplett dasselbe, nur die Klänge aus seinem Kasten waren anders. Mit metallenen ›Stricknadeln‹ wurden auch sie manuell zu Rhythmen geschlagen oder einzelne Sounds ausgelöst. Wir gaben beim alten Portraitfotografen in der Blumenstraße neue Autogrammkarten in Auftrag, auf denen man zum ersten Mal das Erscheinungsbild von Kraftwerk sah, wie es sich für die kommenden zwölf Jahre und die beste Schaffensperiode der Band nicht mehr ändern sollte.
Und bald ergab es sich auch für Karl, dass in unserer Wohnung in der Berger Allee zwei Zimmer frei wurden, die er beziehen konnte. Bis dahin hatte dort der Grieche Platon Kostiz gewohnt, ein Kollege von Ralf aus dessen Studentenzeit. Wie ich hatten die Beiden Architektur studiert, doch im Gegensatz zu Ralf und mir hatte Platon sein Examen gemacht und er war nun mit seiner deutschen Freundin auf dem Weg zurück nach Griechenland. Die beiden Zimmer im hinteren Anbau, die er bewohnt hatte, waren somit frei, und wir boten sie Karl als Wohnung an. Der war auch sofort begeistert, dass er aus seiner Dachwohnung ohne Bad und Heizung im Stadtteil Oberkassel ausziehen konnte. Unser neuer Kollege lebte von nun an ebenfalls bei uns in der Berger Allee 9 mit Bad und mit Heizung – eine echte Männer WG - und wir genossen es.

10
ZU SCHNELL AM BROADWAY - AMERIKA ENDLOS
Düsseldorf, April 1975 +++ Kollege Karl hatte viel Arbeit mit seinem Musikstudium und oft wenig Zeit fürs Proben. Das war aber weiter nicht schlimm, weil Autobahn die letzte Platte war, die noch für den Philips-Vertrag abgegeben werden musste. Jetzt hieß es erst einmal abwarten, wie die Medien und unser Publikum das neue Werk annehmen würden.
In der Zwischenzeit genossen wir unser Leben in vollen Zügen. Mit Emil wanderte ich oft in die umliegende Natur. Ich hatte einen roten Opel Kadett, und so konnten wir leicht an den Niederrhein fahren. Emil zeigte mir seine Geburtsstadt, den Wallfahrtsort Kevelaer und dessen flache ländliche Umgebung. Es gab eine wunderbare Verbindung zwischen ihm und mir. Beide liebten wir Ausflüge in die Natur. Wir hatten mittlerweile einige gemeinsame Freunde und Freundinnen aus anderen Kreisen. Emil war damals noch Kunstlehrer am Düsseldorfer Rethel-Gymnasium. Oft hatte er in der Berger Allee Besuch von seinen Schülern. Dort traf man sich dann in unserer gemeinsamen Küche bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen. Wir hatten eine echte Lebensgemeinschaft - auch wenn ich ihm des Öfteren Mädchen ausspannte, die er was weiß ich woher holte und die ich dann zu mir nach nebenan lockte und ›verarbeitete‹. Emil war nie nachtragend, war immer ein souveräner und großzügiger Mensch, wie ich noch nie einen anderen kennengelernt hatte.
Man kann sich vorstellen, dass bei uns immer viel los war - vor allem, nachdem jetzt auch Karl bei uns wohnte. Langeweile kannten wir nicht. Partys gab‘s so oft wie möglich, Frauen Abstauben war obligatorisch; Küche aufräumen bedeutete jedesmal Kampf, die monatliche Telefonrechnung auf jeden Fall Krieg. Es war eine herrliche Zeit und ich fühlte mich wohl in meiner jungen Haut und meiner neuen Rolle.
Eines Tages riefen Ralf und Florian an und luden uns zum Gespräch in ein auswärtiges Café ein. Sie taten sehr geheimnisvoll und wollten am Telefon keinen Grund dafür nennen. Mit Ralfs grauem VW fuhren wir hinaus aufs Land. Es war im Frühjahr 1975 schön warm und wir konnten schon im Freien sitzen.
Ralf räusperte sich in seiner speziellen Manier und sagte: »Was haltet ihr von Amerika, Jungs?« Wir hatten keine Ahnung, was er damit meinte. Ralf berichtete weiter: »Unsere Platte ist in den USA in den Charts und bewegt sich schnell nach oben. Sie hat gerade einen hohen Platz erreicht und wir haben ein tolles Angebot für eine Tournee durch die gesamten Staaten erhalten.«
Das haute uns vielleicht um. Ein Taumel, ein Wahnsinn! Wir nach Amerika? Es war nicht zu fassen! Was hatten wir gemacht? Wie konnte das so schnell passieren? Völlig aus dem Häuschen überlegten wir, wie wir uns im Land des kreischenden Gitarrenrock präsentieren könnten. Natürlich wollten wir mit. Die Ideen und Spinnereien flogen nur so hin und her und setzten sich auf der gesamten Heimfahrt fort. Es war einfach zu spannend. Die Tournee war schon für den April angesetzt. Zunächst sollten laut dem amerikanischen Manager Ira Blacker von ›Mouse Ltd.‹ zweiundzwanzig Konzerte stattfinden. Wir bereiteten uns also auf einen ganzen Monat USA vor. Doch es sollte reichlich anders kommen...
Unser Flug von Düsseldorf nach New York war gebucht. Wir waren alle sehr durcheinander und kauften uns noch kurz vorher die nötigsten Reiseutensilien und neue Koffer. Am Tag der Abreise kamen Florian, Ralf und seine Schwester Anke am Vormittag zu uns in die Berger Allee. Es wurde viel gequatscht und jeder fragte jeden, ob wir auch nichts vergessen hatten. Unsere wenigen Instrumente, die wir damals besaßen, hatten wir schon vorausgeschickt. Nun ging es nur noch um die Anzüge, die wir uns besorgt hatten, und darum, ob auch jeder seinen Paß bei sich habe mit dem aktuellen Stempel für ein Touristenvisums, das damals für die USA nötig war.
Ralfs Schwester sollte einige von uns mit dem VW ihres Bruders zum Flughafen fahren; die anderen wollten mit dem Taxi folgen. Als dieses draußen wartete, rannte ich noch schnell auf die Straße, weil ich meinen roten Kadett auf einen sicheren Parkplatz ohne Parkuhr stellen wollte. Es war höchste Zeit, loszufahren, und wir waren wegen unseres ersten gemeinsamen Überseefluges ganz schön aufgeregt. Nach dem Einparken meines Autos schmiss ich die Fahrertür fest zu und spürte im selben Moment einen hammerartigen Schlag auf meinen linken Daumen. Es war so heftig, dass ich fast in die Knie ging. Blass vor Schmerz sah ich, was passiert war: Mein Daumen steckte noch in der Tür. Genau gesagt, zwischen der Karosserie und dem Rahmen der zugeschlagenen Tür. Ich wollte es einfach nicht glauben, was ich da sah. Wie flach musste mein Finger sein, dass er dort noch dazwischen passte? Ich schrie laut auf vor Schmerz, so dass Emil und Florian sorgenvoll angerannt kamen und die Tür wieder aufrissen. Da stand ich nun mitten auf der Berger Allee, und mein Daumen wurde dunkelrot und schwoll heftig an. Eigentlich hätte ich sofort zu einem Arzt gemusst, aber dazu war keine Zeit mehr. Die Jungs hakten mich einfach unter und schleppten mich zum Taxi. Den Tränen nahe schmiss ich mich in den Fond, und es ging ab zum Flughafen. Ich war völlig beherrscht vom pochenden Schmerz, nahm alles um mich herum kaum noch wahr und trottete einfach hinter meinen Kollegen her, die mir mein Gepäck abgenommen hatten.
Es dauerte noch unendlich lange, bis wir im Jumbo der Pan Am Platz nehmen konnten. Sofort kümmerte sich Emil um mich und sprach mit der Stewardess. Sie hatte die grandiose Idee für meine schmerzliche Lage: Eiswasser! Ja, das war es. Die Flugbegleiterin brachte mir aus der Bordküche ein Glas mit kaltem Wasser, welches sie zusätzlich noch mit Eiswürfeln aufgefüllt hatte. Ich hielt also meinen Daumen da hinein und es dauerte nur Sekunden, bis sich der Schmerz verzog. Er wurde allerdings durch einen neuen, wenn auch weniger schlimmen ersetzt. Die eisige Kälte tat nämlich auch schnell weh. Ich hatte nun die Wahl und es wurde ein Wechselbad der Pein. Quälende neun Flugstunden lang musste ich meinen lädierten Daumen immer wieder in Eiswasser tauchen und rechtzeitig wieder herausnehmen, damit es keine Erfrierungen gab. Ich hatte also alle Daumen voll zu tun und an Schlaf war kaum zu denken. Die Kollegen waren rührend um mich besorgt und trösteten mich. Emil half mir beim Essen, ein anderer holte neue Eiswürfel aus der Bordküche, wenn die alten geschmolzen waren. So dramatisch hatte ich mir den Beginn unserer Amerika-Tournee wirklich nicht vorgestellt.
Irgendwann war der Flug dann doch vorbei, und die Maschine landete spätnachmittags Ortszeit in New York. Wir brachten die umständliche Einreiseprozedur gehorsam hinter uns - und zwar als Touristen. Für den eigentlichen Zweck unserer Reise hätten wir nicht so schnell eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Mr. Ira Blacker, ein fetter Manager, nahm uns in der Halle des Kennedy Airports in Empfang und fuhr uns mit einer schwarzen langen Limousine und ebenfalls langem, schwarzem Chauffeur in die Stadt. Alles, was ich auf der Fahrt in die City wahrnehmen konnte, war groß und ebenfalls sehr lang. Und hoch. Es war schon dämmrig draußen, und die Highways waren dicht gefüllt mit vor Chrom strotzenden Straßenkreuzern mit langen, potenzerigierten Kühlerhauben dieser 70er Jahre. Entsprechend lang dauerte die Fahrt in die City. Ohne mein Glas mit Eiswasser wurde das schmerzhafte Pochen in meinem Daumen wieder schlimm. Ich quälte mich schließlich seit gut zwölf Stunden damit herum. Blacker versprach, er werde sich sofort um einen Arzt kümmern, sobald wir im Hotel wären. Das ›Goreham‹ in der 55. Straße war für Karl, Emil und mich gebucht. Ralf und Florian wohnten ganz in der Nähe im feineren ›Mayflower‹ am Central Park West. Nachdem Karl und ich unser komfortables Zimmer gemütlich gemacht hatte, nahmen wir erst einmal unsere neue Umgebung in Augenschein. Der Liftboy, der unsere Koffer nach oben gebracht und uns das Zimmer aufgeschlossen hatte, schaltete sogleich überall das Licht und die Gebläse ein, die ich sofort hinter ihm wieder ausschaltete. Es war ja kalt um diese Jahreszeit, und für den Serviceman gehörte es wohl zu seiner Pflicht, alles einzuschalten, was den Komfort des Zimmers demonstrieren konnte. Ich blickte aus dem geöffneten Schiebefenster in die Tiefe der Straßenschlucht. Wir befanden uns immerhin im 27. Stockwerk. Da konnte man die Menschen und Autos unten nur als kleine, bewegliche Punkte erkennen. Eine Klangwolke aus Straßenlärm und Polizeisirenen, die ich bisher nur aus amerikanischen Krimis kannte, drang in unseren Raum. Hier war all dies real und ich empfand es wirklich ziemlich amerikanisch. Der Blick über New York am Abend und über die umliegenden Gebäude mit ihren altmodischen hölzernen Wassertanks und riesigen Neonreklamen auf den Dächern gefiel mir gut, obwohl ich das alles gar nicht so schrecklich modern fand. Es war nur so aufregend anders als bei uns, und die Stadt sprudelte trotz der abendlichen Stunde vor Energie und Licht. Der Boy wollte uns einfach nicht verlassen. Er stand da mit erwartungsvollem Blick im Zimmer herum, bis wir ihm ein paar Dollar Trinkgeld gaben. Für uns sah ein grüner Schein wie der andere aus, weshalb wir ihm vermutlich eine ziemlich fürstliche Summe überreichten. Jedenfalls bedankte sich der junge Mann überschwenglich und las uns vortrefflicherweise in den kommenden Tagen jeden Wunsch von den Augen ab.
Bald darauf klopften auch schon unsere Kollegen bei uns an. Angesichts der vielen Riegel und Schlösser der Türe unserer Suite, erahnte ich, dass es wohl nicht die sicherste Gegend war, in der man uns untergebracht hatte. Ralf stellte uns Henry Israel vor, einen Mitarbeiter von Ira Blacker, der in den nächsten Wochen unser Tourmanager sein sollte. Der gutaussehende Mann mit schwarzem Dreitagebart und funkelnd schwarzen Augen, fuhr sofort mit mir zu einem Hospital, wo es nächtlichen Notdienst gab, um meinen Daumen versorgen zu lassen. Im Krankenhaus angekommen, fiel mir sofort die Unordnung dort auf. Es war ziemlich anders als in einer deutschen Klinik. Vielleicht war es aber auch nur eine simple Notstation für ausgeflippte Fälle. Ich muss gestehen, dass ich nicht viel Vertrauen zu den Leuten dort hatte. Ein Arzt bat mich und Henry Israel nach kurzer Wartezeit in sein Behandlungszimmer. Er sah sich meinen maträtierten Daumen genau an und wunderte sich, dass ich dessen Verwundung so lange hatte aushalten können. Ich schilderte ihm meine Ungeschicklichkeit mit meinem Auto in Deutschland und die Behandlung mit Eis während des Fluges und er war sichtlich erfreut über den cleveren Rat der Stewardess. ›Ein schlimmer Bluterguß unter dem Daumennagel‹, so lautete seine Diagnose, nachdem er durch eine Röntgenaufnahme festgestellt hatte, dass kein Bruch vorlag. Der Schmerz kam vom Druck des angestauten Blutes, das sich wegen des begrenzenden Daumennagels nicht ausbreiten konnte. Der Arzt nahm eine gewöhnliche Büroklammer, bog sie auseinander und erhitzte ein Ende über einem Bunsenbrenner bis zur Rotglut. Dann schmolz er mit dem heißen Drahtende ein kleines Loch in meinen Daumennagel. Das gestaute Blut lief sofort heraus, worauf der Druck in meinem Finger augenblicklich nachließ. Ich hätte den Mediziner umarmen können. Wie clever, wie schmerzlos, wie schnell hatte der Mann mir geholfen! Ich dachte noch, wenn ich nur gewusst hätte, wie, hätte ich das in der Flugzeugtoilette vielleicht sogar selbst machen können. Jedenfalls war ich gewaltig erleichtert. Ein kleiner Verband noch um den Sorgenträger, und mit dem Taxi und Mr. Israel ging es wieder zurück ins ›Goreham‹. Jetzt endlich konnte auch ich unseren Aufenthalt genießen und mich auf die ausgedehnte Reise freuen.
Am nächsten Vormittag sahen wir zusammen amerikanisches Fernsehen. Eine Life-Übertragung aus Rom. Der Papst hatte gerade sein ›Urbi et Orbi‹ verkündet, denn es war ja Ostern, da entdeckte ich auf einem anderen Kanal eine halbstündige US-Soup - völliger Blödsinn - wie es sie in Deutschland noch nicht gab. Eine der beliebtesten, wie mir später gesagt wurde, war in Amerika eine Dritte-Reich-Serie mit der vollkommenen Verarschung der Nazi-Soldateska. Ich fand das erst mal miese, weil mir unsere beschissene politische Vergangenheit zu Hause denn doch zu ernst war, als dass man hier seine Späßchen darüber machen sollte. Aber auf diesen zackig lauten ›sälbsverrrrstänndlich - jawollll - auf, nieder, auf, nieder - strammmmsteh‘n - zu Befähl Herr Majorrr‹-Befehlstondrill, mit dem die Amerikaner uns Deutsche verbinden, bin ich doch ganz schön abgefahren, das muss ich gestehen. Ich brauchte halt meine Zeit, um den verarschenden Witz daran zu empfinden - als Deutscher eben. Und dann ständig Commercials, also Werbespots als Unterbrechung. Auch das gabs bei uns erst viele Jahre später.
Am nächsten Vormittag wurden wir abgeholt und fuhren zum gemeinsamen Frühstück ins ›Rumpelmayr‹, einem der renommiertesten Cafés in New York, direkt am Central Park gelegen. Dort bekam man den besten Cheesecake, den kremigsten Bienenstich und den frischesten Macedoniasalat, den ich je gegessen hatte. Ich mochte dieses Café sehr und habe, wenn wir später in der Stadt waren, keine Gelegenheit ausgelassen, um dort zu frühstücken. Mir fiel auf, dass sie sogar die Orangen- und Grapefruitstücke im Obstsalat enthäutet und entkernt hatten. Echt komfortabel für den Genießer!

Zwei Tage hatten wir, um uns an die neue Zeit und das noch kalte Klima zu gewöhnen. So probten wir nachmittags ein wenig in einem angemieteten Rehearsalstudio (Proberaum), wo Ralf von einem Fernsehteam interviewt wurde, das Wind von unserer Anwesenheit bekommen hatte. Noch ‘ne andere Band probte da, Greenslade, die ständig von Ralf abgewimmelt wurden, wenn sie ihn mal sprechen wollten. Ich fand das ganz schön arrogant. Mein Englisch war damals noch ziemlich schlecht, und deshalb wagte ich nicht, sie zu fragen, was sie wollten, aber wahrscheinlich war es nur ein Autogramm. Greenslade wurde jedenfalls für die erste Zeit unser ›Opening Act‹, unser ›Support‹. Bei uns heißt das schlicht Vorgruppe.
Am einem weiteren Nachmittag ließen wir uns vom berühmten New Yorker Starfotografen Maurice Seymour ablichten. Dieses Schwarzweißfoto wurde drei Jahre später unser Plattencover für die deutsche Ausgabe von Trans Europa Express. Bei einem Empfang in Florians Musikverlag ›Famous Music‹, in einem der vielen Wolkenkratzer in Brooklyn, gab es eine kleine Party. Man beäugte uns wie Außerirdische. Am großen Konferenztisch saß eine Mitarbeiterin, die mir sofort auffiel. Eine äußerst aparte junge Frau, die indianisch wirkte mit ihren schwarzen langen Haaren, dem scharf geschnittenem Gesicht, den mandelförmigen Augen und der getönten Haut. Sie sandte intensive Blicke in meine Richtung. Anscheinend war ich ihr sympathisch. Später wurde sie mir als Anne vorgestellt, die rechte Hand des Chefs. Anne plante für den nächsten Tag ein Picknick im Freien, das ich mit der alten Super-8-Kamera von Bell & Howell filmte, die mir mein Vater auf die Reise mitgegeben hatte. Ein paar Decken, ein paar Tüten mit Sandwiches, Kuchen, Kaffee und Donuts waren schnell organisiert, und wir spielten Frisbee im noch kahlen, aber sonnigen Central Park. Wir machten nur Blödsinn an diesem kalten Apriltag und Anne gefiel mir immer besser. Ich hatte noch nie eine so hübsche Frau gesehen. Ihre Schönheit machte mich vollkommen verrückt und unsicher, und das schritt rapide voran. Bald dachte ich nur noch an sie. Sie hatte mir immer wieder Blicke zugeworfen, die absolut unmissverständlich waren. Auf eine Gelegenheit für mehr musste ich aber noch warten.
Eines der ersten Konzerte fand am 3. April 1975 in Rochester, im Norden des Bundesstaates New York statt. Es verlief völlig unspektakulär und fast unbeachtet von der Presse. Das war auch so geplant, da wir uns erst einmal einspielen mussten und uns keine Fehler vor Kameras oder gierigen Reportern leisten wollten. Eine ungemütliche kalte Halle erwartete uns in der Kleinstadt. Das Publikum konnte kaum etwas mit uns anfangen. Dass man dort unsere Musik schon im Radio gehört hatte, würde ich eher bezweifeln. Ich kann mich auch an keinen Höhepunkt erinnern, außer, dass während unseres Auftritts ein eisiger Blizzard übers Land gefegt war, und wir anschließend ziemlich bestürzt in eine stille weiße Winterlandschaft starrten. Ein Kälteeinbruch dieser Kategorie war für uns ebenso fremd wie den Jugendlichen von Rochester unser unterkühlter Elektronensturm. Der kleine Flugplatz des Städtchens musste geschlossen werden, und wir traten die Rückreise am nächsten Tag mit einem gemieteten Kombi an. Es war eine ziemlich abenteuerliche Fahrt über dick zugeschneite Highways, die sich zu einer gewagten Rutschpartie zurück nach New York entwickelte.
Dort war es dann wieder schneefrei, wenn auch sehr kalt. Gut, dass wir alle unsere dicken Wintermäntel und Wolljacken mitgenommen hatten. Nie werde ich das Bild von Ralf vergessen, der mich mit seinem schwarzen Wollcoat mit Pelzkragen eher an einen Großindustriellen oder Banker erinnerte. Er hatte auch ständig einen ledernen Diplomatenkoffer mit goldenem Zahlenschloß bei sich und wirkte mit seiner altmodischen Hornbrille eher konservativ, nicht gerade wie ein Popstar. Florian dagegen hüllte sich in einen langen beigefarbenen Kamelhaarmantel, der, ganz im Stil der 70er Jahre, mit breiten Revers auch durchaus von einem Mafiaboss hätte sein können. Jedenfalls trugen die Gangster in Martin-Scorsese-Filmen immer solche modisch geschnittenen und eng taillierten Mäntel. Mit einer schmalen, gefährlich aussehenden Sonnenbrille aus dünnem Goldmetall verdeckte Florian seine Augen.
Ich selbst war damals noch ziemlich farbig drauf. Eine dreiviertellange knallbunte Wolljacke mit großen Karos und Knöpfen, wie sie die Holzfäller in Canada tragen, hatte ich mir vor der Abreise zugelegt. Auch trug ich meine Haare noch länger als meine Kollegen und ich umwickelte meinen Hals mit einem weichen, leuchtend roten Wollschal. Karl wärmte sich - immer noch ganz studentisch - mit seinem dunkelbraunen Dufflecoat. Jeans und ehemals weiße Turnschuhe bildeten geradezu eine Künstlerphilosophie für ihn.
Die nächsten Tage blieben wir noch einmal in New York und vertrieben uns die Zeit mit Schaufensterbummeln und nachmittäglichen Proben. Ralf hatte ein sonderbares Gerät aufgetrieben - das ›Vaco Orchestron‹. Ganz neu auf dem Markt, war es eine modernere Version des ätherischen Mellotron. Man konnte mittels dünner Cellophanscheiben, auf die Lichttonlinien gedruckt waren, original aufgenommene Instrumente und menschliche Chöre wiedergeben. Die transparenten Scheiben waren so groß wie Schallplatten und ebenfalls mit einem Loch in der Mitte versehen, die Linien verliefen nicht wie Rillen bei Schallplatten spiralförmig von außen nach innen, sondern bildeten in sich geschlossene Ringe. Jeder Ring erzeugte eine einzige Stimme und Tonhöhe. Da alle Linien parallel und gleichzeitig von einer Fotozellenreihe abgetastet wurden, konnte man sie mittels einer üblichen Tastatur polyphon abspielen. Der Klang war einfach toll. Das markante Gerät klappte ganz vorzüglich, und es war eine attraktive klangliche Bereicherung für unsere Musik. Bereits auf der Tournee setzte Ralf es schon in unseren Songs ein. Vor allem die Chöre und Streicher hatten etwas Faszinierendes. Sie klangen ein bißchen leiernd und melancholisch. Es lag am instabilen Antrieb über Gummibänder; Gleichlaufschwankungen waren die Folge. Aber das schadete dem Charme dieser Klänge überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, gerade das leichte Leiern war charakteristisch für das Vaco-Orchestron, ein unförmig schwerer Holzkasten in Wohnzimmerdesign. Später wurde es durch ein zweimanualiges und mit zwei Laufwerken ausgestatteten Modell ersetzt, auf dem man verschiedene Instrumente oder Chöre gleichzeitig spielen konnte.
Eines Abends kamen Ralf und Florian, die tagsüber ständig irgendwelche geschäftlichen Termine ohne uns andere wahrnahmen, wieder einmal in unser Hotel. Wir waren, wie meistens abends, zum Essen verabredet und fuhren mit unserem Manager zusammen in der sehr langen Limousine, immer noch gefahren vom sehr langen schwarzen Chauffeur, in ein elegantes Restaurant. Ralf und Florian zeigten uns neue Armbanduhren, die sie am Nachmittag in einem teuren Schmuckgeschäft am Broadway von ihrem Musikverlag als Bonus für die erfolgreiche Platte geschenkt bekommen hatten, von der mittlerweile um die 450 000 Einheiten verkauft worden waren. Die Chronometer, so berichtete Ralf stolz, hatten sie sich selbst aussuchen dürfen. Er hatte sich für eine elegante Weltzeit-Armbanduhr entschieden, die ganz aus Gold gefertigt war. Die Kontinente der Erde waren in verschiedenen Farbtönen des Edelmetalls gearbeitet. Das Ziffernblatt stellte den Globus dar, welcher von vertikalen Linien in die Weltzeitzonen unterteilt wurde. Ein winzig kleines Flugzeug, das in Sekundenschritten um die Erde tickte, bildete die Spitze des langen Sekundenzeigers. Ein wunderschönes und bestimmt sehr teures Kunsthandwerk hatte sich Ralf da ausgewählt. Florian dagegen hatte eine schwere Rolex-Armbanduhr ausgewählt. Ein protziges Stück Platinmetall in Techniklook mit einer fetten Aufziehkrone und dicken Knöpfen für die Kurzzeitmessung. Die Wahl beider Uhren sprach für die Künstler selbst. Ralf und Florian waren so unterschiedlich in ihrem persönlichen Geschmack wie in ihren musikalischen Talenten. Diese Tatsache bildete aber gerade ihre kreative Besonderheit. Mich selbst berührte es jedoch seltsam, wie sehr sie sich von uns anderen absonderten, und dass sie uns nun auch noch ihre wertvollen Geschenke vorführten.
Ihr Verhalten hatte mich nicht zum ersten Mal nachdenklich gestimmt. Der Umgang mit uns Freunden war Ralf und Florian nicht immer leicht gefallen. Wie wir uns fühlten, darüber dachten die beiden wohl kaum nach. Das war aber keine böse Absicht von ihnen, sondern fehlende Empathie - die mangelhafte Wahrnehmung der Gefühle ihrer Kollegen, wie ich es mir später erklärte. Es hatte natürlich auch mit unseren unterschiedlichen familiären Herkünften zu tun.
Auf jeden Fall war alles derart aufregend neu und positiv in New York, dass ich solche Randerlebnisse und unangenehmen Gefühle schnell wieder verdrängte. Nach zwei ›Warm-Up-Gigs‹ fand am 5. April das erste große Konzert statt. Wir sollten im Beacon Theatre am Broadway auftreten. Als wir nachmittags dort ankamen - von unseren Hotels aus bequem zu Fuß zu erreichen - staunten wir nicht schlecht. Das Beacon war ein gut erhaltenes Art Deco Theater, das schon lange unter Denkmalschutz stand. Mit mehreren Balkonen übereinander hatte es bestimmt an die zweitausend Sitzplätze. Alle Ornamente war goldfarben und die Polstersitze hatte man mit purpurnem Samt bezogen. Es erinnerte mich schon ein bißchen an das ebenfalls plüschig-rote Olympia in Paris, wo wir bereits im Vorjahr schon einen kleinen Auftritt absolviert hatten. Aber hier war alles viel größer, viel luxuriöser. So war eben Amerika ... An der Außenfassade machte eine riesige Neonlichtreklame mit unserem Namen und denen unserer beiden Vorgruppen - Greenslade und Michael Quatro - das Straßenpublikum auf das ungewöhnliche Musikereignis dieses Abends aufmerksam.
Unser Equipment hatten wir zusammen mit den Bühnenhelfern schnell aufgebaut. Viel war es ja nicht, wir hatten nur die beiden Synthesizer, eine Farfisa-Orgel, unsere beiden Elektro-Drums, Karls Vibraphon und Florians Elektro-Flöte dabei. Und eben das neue Vaco-Orchestron. Auch ineinander stapelbare Lautsprecherboxen, die ich Jahre zuvor selbst gebaut hatte, wurden auf die Bühne hinter uns gestellt, damit wir uns selbst hören konnten. Diese Boxen hatten eine außergewöhnliche Eigenschaft. Nach einem von Florian besorgten deutschen Bauplan hatte ich sie aus Furnierholzplatten und Biegesperrholz gebaut. Es waren sogenannte Baßrutschen. Ein Tieftonlautsprecher strahlte im oberen Teil der Box seine Schallwellen nach vorn ab. Die nach hinten abgestrahlten Frequenzen wurden nicht wie bei einer üblichen Baßbox mit Dämm-Material ›gesumpft‹, sondern durch ein gefaltetes Horn in den unteren Teil der Box geleitet und über eine Austrittsrutsche wiederum nach vorn abgegeben. Der Effekt war immens. Die Tiefen, die unten herauskamen, waren um vieles verstärkt und hatten wunderbare Subbässe, die einem den Magen umdrehen konnten. Alle Boxen differierten um jeweils zwei Wandstärken in ihrem Breitenmaß. Die unteren Hälften mit den Austrittsrutschen konnten durch Schnellspannverschlüsse abgenommen und bei Transporten ineinander gestapelt werden. Das sparte Platz. Allerdings konnten wir diese edlen Speaker nicht lange benutzen, da sie der rauhen Behandlung auf Tournee dauerhaft nicht gewachsen waren. Viel zu schnell gingen die genialen Kabinette während der vielen Transporte kaputt und wir mussten den Schrott dann irgendwann in den Staaten zurücklassen. Schade drum.
Als Lightshow hatten wir Kästen mit farbigen Neonröhren mitgebracht, die ich ebenfalls schon in den Jahren zuvor gebaut hatte. Wir stellten sie einfach hinter uns auf den Bühnenboden. Die blauen Neonschilder mit unseren Vornamen, von denen inzwischen jeder sein eigenes hatte, positionierten wir direkt auf den Boden vor uns. Emil hatte eine riesige Dialeinwand aufgespannt, auf die er während der Show, passend zu unseren Songs, einige seiner schönsten Gemälde projizierte. Das klappte recht gut, war aber ein wenig lichtschwach, da sein Projektor eine ziemlich schlappe Birne hatte. Videobeamer kannte man damals noch nicht.
Der Abend nahte, und wir wollten nun unsere Feuertaufe in der berühmtesten Metropole der westlichen Welt bestehen. Die zweitausend Plätze des Theaters waren vollkommen ausverkauft. Unser Autobahn-Hit, der ständig im Radio lief, war die beste Werbung für das Konzert. Nachdem die beiden Gitarrenbands ihre eher unspektakulären Auftritte absolviert hatten, kamen wir vier deutschen Musiker spät abends auf die Bühne. Als wir mit unserer minimalistischen Show begannen, war es mucksmäuschenstill im Theater. Die Leute waren schon von unserem ordentlichen Aussehen mit Anzügen und Krawatten und unserer konzentrierten Steifheit fasziniert, ja schockiert, und unsere ›exotischen‹ Klänge taten ihr übriges. Solche Typen wie uns hatten sie noch nicht gesehen, geschweige denn gehört. Die Synthesizer mit ihren satten tiefen Klängen waren absolut neu für das Publikum. Zwar war das Instrument in Amerika erfunden und produziert worden, doch hatte es bisher nur eine untergeordnete Rolle in der Popmusik gespielt. Bands wie Emerson, Lake & Palmer hatten es auch schon benutzt und andere Künstler hatten einige musikalische Figuren in ihren Songs damit eingespielt. So komplex und konsequent jedoch, wie wir den Synthie für unsere komplette Musik benutzten, war er wirklich etwas ganz Neues für die Amerikaner. Es ließ sich nicht übersehen: Hier waren wir mit unseren Klängen um Lichtjahre voraus. Ich sah nur offene Münder in neugierigsten Gesichtern mit fassungslos weit aufgerissenen Augen, als Ralf während unseres Autobahn-Songs die Sounds panoramamäßig von links nach rechts und wieder zurück über die gesamte Bühnenbreite donnern ließ. Das Stück war einfach unser Hammer. Und wir genossen das.
Da wir allerdings noch nicht viele Lieder hatten, spielten wir die wenigen, die wir hatten, sehr lang aus. Stücke von den Platten Ralf & Florian und Autobahn, spielten wir fast doppelt so lang, wie auf den Tonträgern. ›Tongebirge‹, Titel wie ›Mitternacht‹, ›Tanzmusik‹ oder ›Kometenmelodie‹, dehnten wir einfach aus. Karl und ich klopften auf unsere Elektroschlagbretter wie irre. Durch das Langziehen unserer Songs kamen wir mit der Show auf eine akzeptable Länge, und schon allein das Stimmen und Einstellen der Synthesizer zwischen den Songs war derart attraktiv für die Leute, dass unser Minirepertoire gar kein Problem bedeutete.
Die angesehene New York Times schrieb am nächsten Tag in einer Review des Abends, das Publikum hätte unser Konzert so andächtig verlassen, wie nach einem Kirchgang. Und selbst die deutsche Teenie-Illustrierte Bravo war über den großen Teich geflogen, um unseren triumphalen Auftritt mitzuerleben. Die Zeitschrift widmete uns einen Beitrag, der die gleiche Überschrift trug wie das nächste Kapitel:
11
KRAUTROCK IST TOP:
KRAFTWERK ELEKTRISIERT AMERIKA
New York, April 1975 +++ Verstärkt wurde alles durch eine Lautsprecheranlage und ganze Stapel von Klangverstärkern, die Manager Ira Blacker in den USA gemietet hatte und die er von einer Soundcompany immer in der jeweiligen Stadt, in der wir auftraten, neu aufbauen ließ. Die Leute der Mietfirma mussten die ganzen kommenden Wochen mit uns reisen. Das Beacon war jedenfalls ein großer Erfolg und ›Öffner‹ für unsere gesamte Tournee, und obwohl die New Yorker nicht recht kapiert hatten, was wir Kinder aus dem kulturtechnisch orientierten Nachkriegsdeutschland der Grundigs und Siemens mit unserer Musik eigentlich ausdrücken wollten, waren sie außerordentlich begeistert. Und wir waren vielleicht stolz, am weltberühmten Broadway so minimalistisch aufgetischt und futuristisch beeindruckt zu haben.
Die nächsten Konzerte liefen nicht immer perfekt in der Reihenfolge des Tourneeplans, den Ira Blacker zusammengestellt hatte. Auf seinem Tourplakat war auch deutlich zu lesen ›Taking offers now for May‹, was bedeutete, dass der Geschäftsmann noch weitere Veranstalter in anderen Städten suchte. Karl und mir war auch schon in Düsseldorf angekündigt worden, dass die Tour eventuell länger dauern könnte als die fest geplanten 22 Auftritte. Auf dem US-Tourplakat stand damals übrigens schon ganz dick als Überschrift ›Kraftwerk - Die Menschmaschine‹. Ich weiß nicht mehr, ob dieses Wort nicht sogar unseres amerikanischen Managers Idee dessen war, was wir einmal werden würden - eine musikalisch-philosophische Menschmaschine. Die Gestaltung des frühen Plakats zeigte außerdem schon mit seiner Grafik eines unserer späteren Themen - Metropolis, die globale Stadt von Fritz Lang.
Nach und nach ging es immer zügiger mit unseren Konzerten voran. Amerika konnte so verschieden sein, wie ich es mir niemals vorgestellen hätte. Wir waren in Gegenden, die absolut europäisch aussahen. Wir bereisten Landesteile, die durchaus spanisch wirkten mit ihrer niedrigen Vegetation und dem trockenen Klima. Waren wir noch hoch im Norden einem Schneesturm von der Schippe gesprungen, mussten wir uns kurz danach in San Diego und Hollywood an der Westküste und später in Florida vor der heißen Sonne schützen. Unsere Tournee wurde länger und länger. Ira Blacker bekam immer mehr Konzertangebote von Veranstaltern im ganzen Land auf seinen Tisch und hatte Schwierigkeiten, die Termine in eine erfüllbare und ökonomische Reisefolge zu bekommen. Wir spielten sogar in kleineren Ortschaften wie Little Rock, der Geburtsstadt von Bill Clinton, den die Welt 1975 noch nicht kannte. Auch in Dallas, wo John F. Kennedy ermordet worden war, traten wir auf. Dort war es extrem schwül, und wir sahen überall Scharen von riesigen Kakerlaken durch die Rinnsteine der Straßen flitzen, dass es mich nur so geekelt hat.
Wir spielten in Florida, in New Orleans, der Stadt des Jazz, und wir traten in Kleinstädten des mittleren Westens in heruntergekommenen Rockschuppen auf, die gar nicht vertrauenswürdig aussahen. Manchmal ließ uns Henry Israel sogar erst dann auf die Bühne gehen, wenn er vor unserem Auftritt die ausgehandelte Gage aus dem Ticketverkauf ausgehändigt bekommen hatte. Viel Erfahrung musste der Begleiter mit den Promotern haben, weil er schon seit Jahren Bands auf ihren Reisen durch das weite Land lenkte. Er wusste genau, wem zu trauen war und bei wem man sich zuerst die Kohle aushändigen lassen musste. Hin und wieder brauchte Henry sogar Bodyguards, um seinen Geldkoffer während unseres Konzerts bewachen zu lassen. Es gab nichts, was ihm nicht schon passiert wäre im Land, wo die Colts locker sitzen. Karl und ich bekamen allerdings eine fest ausgehandelte Monatsgage von unseren Entdeckern und wir brauchten keine Angst um unser Geld zu haben, denn wir hatten Vertrauen zueinander und Verträge waren unter uns nie ausgehandelt worden. Außerdem waren wir schon in Düsseldorf im Voraus bezahlt worden.
Auf einem der winzigen Flugplätze kaufte ich mir in einem News Shop eine Landkarte von Nordamerika und zog von da an während der Flüge immer eine Linie zur nächsten Stadt. Es wurde nämlich derart unübersichtlich für mich, wie die Tour sich wild über den Kontinent ausstreckte, dass ich dringend eine Erinnerung an die Route brauchte für später. Die Karte war am Ende mit Linien nur so überzogen. Nach den anfänglich geplanten 22 Auftritten bekamen wir immer mehr Buchungen. Letztendlich wurden es doppelt so viele Konzerte, wie ursprünglich geplant.
In der Zwischenzeit erschienen in der Heimat die ersten Headlines über uns in den Tageszeitungen und Illustrierten. Meine Mutter sammelte alles, was sie über Kraftwerk zu lesen bekam: ›Deutsche Pop-Autobahn erobert Amerika‹ - ›Kraftwerk - sie fahrn, fahrn, fahrn an die Weltspitze‹ - ›Die neuen Eroberer Amerikas‹ - ›Kraftwerk elektrisiert Amerika‹.
Ha, das konnte uns gefallen! Hatten uns die deutschen Medien doch bisher mehr oder weniger verständnislos belächelt. Man hatte uns eher als durchgeknallte Knöpfchendreher oder monotone Tonroboter gesehen.
Zwischen unseren Flügen und Auftritten hatten wir auch öfter freie Tage. Wir nutzten sie für private Unternehmungen. So schrieb ich manchmal Briefe an meine Eltern in Deutschland. Stolz berichtete ich ihnen von unseren Erfolgen in den Staaten. Irgendwie suchte ich noch immer die Anerkennung meines Vaters, der doch so wenig mit meinem umtriebigen Musikerleben anfangen konnte. Oft ging ich schwimmen, wenn das Hotel einen Pool hatte, oder ich sah mir die Stadt an, in der wir gerade waren.
Einmal flog ich mit Emil, Florian und Ralf von Memphis zurück nach New York. Wir hatten in der Geburtsstadt von Elvis Presley gespielt, und Karl wollte an den folgenden freien Tagen unbedingt noch dort bleiben, weil er sich in eine schwarze Schönheit verguckt hatte. In einer Discothek hatte er sie kennengelernt und sich heimlich mit ihr verabredet. Wir bangten ein wenig um unseren Freund, weil er so leidenschaftlich war und sich mit der Lady besser nicht in der Öffentlichkeit blicken ließ, da sie die Freundin eines berühmten Musikers aus der Blues- und Funkszene war. Henry Israel hatte Karl vor des Gitarristen Gewalttätigkeit gewarnt. Doch Karl wollte nicht auf ihn hören, zu heiß war er auf die ›schwarze Gazelle‹, die auch an ihm Gefallen gefunden und ihn in der Disco den Bump tanzen gelehrt hatte. Karl hoffte aber noch viel mehr von ihr zu lernen ...
Mit gemischten Gefühlen und der Telefonnummer seines Hotels flogen wir anderen nach New York zurück. Ich hatte mit meinem Freund verabredet, dass wir jeden Tag mindestens einmal telefonieren würden, um uns die erotischen Neuigkeiten zu erzählen. In New York war es kalt und regnerisch. Ich hatte mein Zimmer die nächsten Tage für mich allein und fühlte mich wieder einmal privater, weil Ralf und Florian auch ständig unterwegs waren. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie sich ganz bewusst von der ›Truppe‹ fernhielten. Also unternahm ich eigene Exkursionen in die Stadt, am liebsten, um Schuhe zu kaufen. Stundenlang wanderte ich durch die Straßenschluchten der geschäftigen City und machte meine Beobachtungen über Randerscheinungen auf meinen Wegen. Natürlich schraubte ich mich auch zur höchsten Aussichtsplatform des Empire State Buildings hoch. Zweimal musste ich dabei in andere Fahrstüle umsteigen. Das gesamte Innendesign im Art Deco Look gefiel mir außerordentlich gut.
Irgendwann erreichte ich eines Nachmittags eine Gegend, die gar nicht mehr so großstädtisch aussah. Die Häuser waren hier bei weitem nicht so hoch und regelrecht vergammelt. Die Straßen wurden schmutziger, die meist schwarzen Menschen sahen immer ärmer aus, und die Preise in den Schaufenstern wurden niedriger. Das gefiel mir allerdings gut, da ich ja in Kauflaune war. Endlich fand ich ein Schuhgeschäft, das genau jene Art von Stiefeletten im Fenster hatte, die meiner Vorstellung entsprachen. Während ich meine Nase am Glas plattdrückte, sprachen mich plötzlich zwei Schwarze von hinten an und fragten, ob ich Interesse an Lederstiefeln hätte. Sie murmelten etwas von »discount« und »proper offer«. Der eine trug einen langen, rötlichen Ledermantel mit breitem Revers, der andere eine Lederjacke mit Fransen und einen ebenfalls ledernen Schlapphut mit mächtiger Krempe. Ich dachte, die beiden seien Mitarbeiter des Geschäfts und wollten mich als Kunden ködern. Also bejahte ich ihre Frage. Mein Englisch war nicht gerade das beste, aber ich glaubte verstanden zu haben, dass sie noch viel bessere Sonderangebote hätten. Ich solle doch nur ein paar Häuser weiterkommen. Also gehörten sie wohl doch nicht zu diesem Laden. Aber ich war naiv genug, ihnen zu folgen, und sie waren professionell genug, um mich zu täuschen. Verdächtig nah auf Tuchfühlung gingen sie neben mir her, einer links und einer rechts. Ich fühlte mich gar nicht wohl dabei, derart in die Zange genommen zu werden. Mein sechster Sinn sagte mir, dass ich sofort abhauen müßte, weil ich von den beiden bestimmt keine Schuhe erwarten könne. Da fragte auch schon einer, wieviel ich denn ausgeben wolle und wieviel Geld ich überhaupt dabei hätte. Diese Frage war mir dann doch zu direkt, und ich ahnte, dass sie es auf mein Bares abgesehen hatten. An einem Hauseingang blieben sie stehen, und wollten mich hineindrücken. Dünn und biegsam wie ich war, entwand ich mich ihnen aber und rannte, was das Zeug hielt, in die anderen Richtung. Ich rannte und rannte, bis ich nicht mehr konnte, und rettete mich in einen Coffee-Shop, wo viele Menschen saßen. An der Bar bestellte ich völlig außer Atem ein Donut und ein Canada Dry. Ich hatte erst einmal die Nase voll vom Shopping und beobachtete immer noch ängstlich den Eingang der Bar, ob ich weiter verfolgt würde.
Die nächsten Tage unternahm ich nur noch Spaziergänge in sichere Gegenden der näheren Umgebung meines Hotels. Schuhe habe ich dann doch noch gekauft, und zwar am Broadway. Keine Stiefel waren es, aber weiße Halbschuhe mit vielen Steppnähten, wie man sie in den Staaten zu Zeiten des großen Gatsby getragen hat. Diese Schuhe waren auf jeden Fall kein Sonderangebot, sondern echt teuer.
Auch eine SX 70 Polaroid kaufte ich mir in einem der vielen mit Kameras vollgestopften Elektronikgeschäfte rund um den Time Square. Die Sofortbildkamera war der neue Hit, weil sie flach zusammengeklappt schmal wie ein Taschenbuch war. Nun begann ich wie verrückt zu fotografieren, und das ging ins Geld, weil die Filme sehr teuer waren. Aber ich hatte nun ein neues Hobby neben der kleinen 8-Millimeter-Filmkamera. Mit ihr war das Filmen ziemlich umständlich, weil man unterwegs immer irgendwo in einer dunklen Ecke den Film einfädeln und nach viereinhalb Minuten Aufnahmezeit wieder herausnehmen und umdrehen musste, um wieder weiter filmen zu können. Das nervte. Trotzdem hielt ich all die Monate durch, und so brachte ich achtzehn volle Filmdosen mit nach Hause. Die neue Polaroidkamera dagegen war modern und schnell. Ich hatte sie deshalb ständig bei mir.
Aber es gab noch erfreulichere Dinge als eine neue Polaroidkamera. Eines Nachmittags - ich hatte es mir in meinem Zimmer gerade gemütlich gemacht und wollte deutsche Zeitungen lesen, die ich an einem Straßenkiosk gekauft hatte - klingelte das Telefon und Anne war dran. Wow! Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte zwar oft an sie, aber ich glaubte nicht, dass sie mich anrufen würde. Diese Initiative hätte ich doch eher selbst ergreifen müssen. Anne war auch unsicher, das konnte ich hören. »Hi, Wulfgäääng«, sagte sie. »I‘ve heard you‘re back in town. How are you doin‘? How‘s the tour goin‘?« Sie fragte mich lauter höfliches Zeugs und drückte sich ums Wesentliche. Ich fragte, wann wir uns wieder sehen könnten und verriet ihr auch, dass ich oft an sie denken würde. Daraufhin lud sie mich zum Abendessen in ein Restaurant meines Geschmacks ein. Ich sollte wählen zwischen dem ›Edelweiß‹, einem deutschen Restaurant in Germantown, oder einem italienischen Pizzapalast in Little Italy. Wir könnten doch ein scharfes Chop Suey in Chinatown zu uns nehmen, schlug ich vor . Nach einigem Hin und Her sagte Anne dann, ich könne sie auch zu Hause besuchen, aber in diesem Fall solle ich bitte eine Flasche Weißwein mitbringen. Das gefiel mir wesentlich besser, weil ich ja sowieso ständig in Restaurants aß. Außerdem war ein Besuch bei ihr etwas Aufregendes, etwas viel Intimeres. So selten, wie wir uns sahen, da ich immer irgendwo unterwegs war, musste doch dabei schon was passieren. Diesen schönen Abend in öffentlichen Restaurants zu verbringen, wäre nur Verschwendung wertvoller Zeit gewesen. Also verabredeten wir uns für 21 Uhr in ihrem Appartement. Sie wohnte in einem weit entfernten Stadtteil, den ich nur mit dem Taxi erreichen konnte.
Wie ein Kind freute ich mich auf den Abend, badete mich und zog meine schönsten Sachen an. Auch die weißen Gatsby-Schuhe schnürte ich mir an die großen Füße. Viel zu früh war ich fertig und saß nun in vollem Schmuck vor dem Fernseher und guckte Soap. Ich wartete auf die richtige Uhrzeit für meinen Aufbruch zu Anne und stellte sie mir ständig vor meinem geistigen Auge vor. Sie war auf jeden Fall die schönste Frau, die ich kannte. Wie eine Mischung aus Johnny Wertmüllers Liane und Walt Disneys Pocahontas wirkte sie auf mich.
Erotik lag in der Luft, Melancholie und Regen lagen über der Stadt, meine Jacke lag bereit zum Überstreifen - da klingelte erneut das Telefon. Ich dachte sofort, Anne hätte es sich anders überlegt und wolle wieder absagen. So wenig Selbstvertrauen hatte ich damals, dass ich ständig alles in Frage stellte, was sich mir positiv anbot. Es war aber nicht Anne am Telefon, sondern Karl. Er rief aus Memphis an und berichtete von heißen Sexabenteuern mit seiner ›schwarzen Gazelle‹, die ihn ebenfalls zu sich nach Hause eingeladen hatte, während ihr Mann auf einer Konzertreise war. Aber das war doch eine Spur zu heiß, sagte ich dem Karl. Was wolle er denn machen, wenn der eifersüchtige Musiker plötzlich verfrüht nach Hause käme? Der würde Karl wahrscheinlich abmurksen. Ich beschwor meinen Freund, er solle wenigstens in ein unbekanntes Hotel außerhalb der Stadt wechseln und mit der Geliebten diskreter umgehen. Ich machte mir ernsthafte Sorgen um Karl. Der aber beschwichtigte mich, er habe alles im Griff. Als ich ihm von meinem bevorstehenden Rendezvous mit Anne berichtete, wünschte er mir einen amourösen Abend.
Mit dem Yellow Cab fuhr ich zu der Schönen. Unterwegs hielt ich noch an einem Laden, um eine Flasche italienischen Weißwein zu kaufen, die mir der Verkäufer sofort in eine braune Packpapiertüte einwickelte, als sei es etwas Verbotenes. Das Taxi hielt nach einer Fahrt von zwanzig Minuten vor einem schmalen Haus, das ungefähr in der gleichen Gegend lag, wohin ich mich verirrt hatte, als ich überfallen werden sollte. Hier also lebte sie, die rechte Hand von unserem Musikverlag. Konnte sie sich bei ihrer Stellung nicht eine bessere Wohngegend leisten, fragte ich mich. ›Famous‹ wirkte es hier jedenfalls nicht. Anne wohnte im zweiten Floor. Ich ging zu Fuß hinauf, es gab keinen Aufzug. In dem Viertel waren die Häuser höchstens vier oder fünf Etagen hoch. Das Treppenhaus war schummerig und schmal, genauso wie man es in amerikanischen Gangsterfilmen immer sieht. Durch die vielen Türen auf den Fluren schallte irgendwelche Musik oder TV-Lärm.
Anne öffnete nicht sofort auf mein Klingeln. Ich versuchte, einen gelassenen Eindruck zu machen, obwohl ich ganz schön aufgeregt war. Dann wurden verschiedene Schlösser und Riegel bewegt, und die Türe öffnete sich. Anne stand vor mir in einem himmelblauen, flauschigen Bademantel. Ihre langen schwarzen Haare waren nass und sie hielt ein Handtuch in den Händen. Barfuß stand sie vor mir und raubte mir den Atem, so schön war sie. Dass sie noch unter der Dusche gestanden hätte, als ich klingelte, sagte sie und bat mich aufreizend lächelnd in ihre Wohnung. Mit federnden Schritten lief sie über den dicken Teppich ihres Appartements. Bei jedem Schritt öffnete sich ihr langer Bademantel ein wenig und schenkte mir Ausblicke auf ihre schlanken braunen Beine und zierlichen Füße. Das erregte mich. Anne nahm mir die braune Tüte mit dem Weißwein ab und entkorkte die Flasche ruckzuck in ihrer kleinen Kitchenette. Es machte ihr offensichtlich Spaß, mich zu reizen. Keine Gelegenheit ließ das Biest aus, um mir immer wieder Blicke auf ihren grazilen Körper zu gewähren. Es war eine Freude, sie anzuschauen. Sie machte auch gar keine Anstalten, sich noch etwas mehr anzuziehen. Leicht wollte die Verführerische es mir anscheinend an diesem Abend machen. Sie schenkte den Wein in zwei langstielige Gläser ein, und wir prosteten uns zu. Anne setzte sich direkt zu meinen Füßen auf den Teppich. Sie zog die Beine an den zierlichen Körper und lächelte mich verführerisch an. Wir redeten und redeten, wir tranken und tranken, und ich bewunderte ihren offenherzigen Bademantel. Ich wusste genau, ich brauchte nur zu ergreifen, was sie mir anbot. Die Wassertropfen zeigten mir doch den Weg. Und Anne wollte es. Sie ließ den Kragen ihres Bademantels tiefer und tiefer über ihre zarten Schultern gleiten. Ich saß da wie versteinert auf dem Sofa und konnte es nicht lassen, ihre festen brünetten Brüste zu bewundern. Ihre Augen lockten. Aber weshalb tat ich nicht, was wir beide wollten? Was machte es mir so schwer, die Initiative zu ergreifen? Ich war total gehemmt und gelähmt. Wegen ihrer Schönheit. Wäre sie etwas weniger anmutig gewesen, wäre es mir bestimmt leichter gefallen. Instinktiv war ich wohl auf der Hut, mich in Anne zu verlieben, denn an einer Liebe zu dieser Frau hätte ich mich damals sicherlich verbrannt. Man bedenke: ich in Düsseldorf und Anne in New York, Tausende von Kilometern entfernt, das konnte einfach nicht gutgehen.
Auf jeden Fall aber wurde es ein Abend voller schöner Gespräche, tiefer Einblicke und gegenseitiger Komplimente. Eine Erotik lag in der Luft, die mir fast den Atem nahm. Spät in der Nacht waren wir beide müde vom vielen Erzählen und vom Wein. Ich ließ Anne ein Taxi rufen und fuhr ermattet und traurig in mein Hotel zurück, wo später im Bett meine rechte Hand das an mir erfüllte, was ich mir in meiner schärfsten Fantasie von Anne ausgeführt vorstellte. Irgendwie war ich doch nicht zufrieden mit mir. Hatte ich sie enttäuscht? Mich? Hätte ich vielleicht doch ...
Als Karl einige Tage später mit dem Flugzeug aus Memphis zurückkam, erzählten wir uns aufgeregt unsere Erlebnisse. Karl hatte alles bekommen, wonach er sich gesehnt hatte, und noch so einiges mehr. Er jedenfalls war glücklich. Über mich musste er allerdings herzhaft lachen. In seinen Augen hatte ich komplett versagt. Das empfand ich jedoch nicht so. Ich redete mir einfach ein, ich hätte einen Sieg über mein Begehren errungen. Dennoch war ich ein wenig neidisch auf Karl, der nicht so zimperlich gewesen war.

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