Czytaj książkę: «In den Drachenbergen»

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Inhaltsverzeichnis

Karte der Welt Halva

Einleitung

Personae dramatis

Was bislang geschah

Tamalone

Steindorn

Tamalone

Pando

Tamalone

Immergrün

Steindorn

Tamalone

Lufthauch

Tamalone

Band 1

Nur ein Viertel Elfenblut

Band 2

Der Drachenzahn

Band 3

Das Elfenviertel

Vorschau Band 5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Orientierungsmarken

Drachenblut Band 4

In den Drachenbergen

Wolf Awert

© Wolf Awert 2020 Machandel Verlag Haselünne

Charlotte Erpenbeck

Cover: Detlef Klewer

1. Auflage 2020

ISBN 978-3-95959-183-6

Karte der Welt Halva


Einleitung

Unerwartet tauchen auf der Welt Halva Gestaltwandler auf. Dem Aussehen nach wilde Tiere, doch mit Vernunft gesegnet und der entsetzlichen Fähigkeit, biologische Grenzen zu durchbrechen und sich mit anderen Arten fortzupflanzen. Bereits ihre bloße Gegenwart bringt in den anderen vernunftbegabten Arten, den Drachen, Elfen und Menschen, die finstersten Seiten zum Vorschein. Die Elfen versuchen deshalb, die Gestaltwandler und ihre Mischlings-Nachkommen einzufangen und wegzusperren, doch der Keim des Zerfalls breitet sich unaufhaltsam aus. Unter den Elfen droht ein Bürgerkrieg, die Menschen dringen in den Siedlungsraum der Elfen ein und die Drachen scheinen unschöne Geheimnisse zu haben. Am Ende beginnt sogar Halva, sich selbst zu zerstören.

In dieser Welt macht sich die Viertelelfe Tamalone auf, ihre Ziehmutter wiederzufinden und die Rätsel ihrer Herkunft zu lösen. Niemand rechnet mit dem, was ihre Suche auslösen wird – sie selbst am wenigsten.

Personae dramatis

GODWIN: Altvater aller Drachen

KRIECHER: Drache mit einem gelähmten Flügel

TAMALONE: genannt Tama, eine junge Frau gemischten Blutes mit einigen rätselhaften Fähigkeiten

PANDO: ein Gestaltwandler in Tierform und Freund Tamalones

DORMAN: Pando in Menschenform

Waldelfen

SUMPFWASSER: Erster Berater der Waldelfen und Tamalones Auftragsgeber

LUFTHAUCH: Waldläufer

BORK: Truppführerin der Waldelfen

LIND und MAITRIEB, zwei ihrer Jäger

IMMERGRÜN: Ein Diener zweier Herren

ZIMTCHEN: Offizier der Wehrhüter und angeblich Sumpfwassers Tochter

SONNENKRANZ: Sprecher des Elfenrates

Stadtelfen

TREIBGUT: Magier der Komposits und Artefaktentwickler

KÖNIG NACHTNEBEL: Artefakthändler und Treibguts Partner

WILLJA: Viertelelfe, arbeitet an Artefakten

ESPOS: versorgt Lufthauch mit dem Allernötigsten

STEINDORN: Stadtkommandant

GEFLECKTER GELBZAHN: sein Sohn und Ratsmitglied

SCHWIMMENDES SCHWERT: Leiterin der Bürgerwehr und Ratsmitglied

ZAUBERTÄSCHL: Ratsmitglied, verantwortlich für Handel und das Viertel des Handwerks

ZWEI-ARTEN-GRAU: Ratsmitglied, verantwortlich für Fragen der Magie

WIND-ÜBER-DEN-DÄCHERN: neuer Stellvertreter für Schwimmendes Schwert

SCHMUTZWASSERLINSE: verantwortlich für die Erweiterung der Stadt

WEGERICH: Truppführer und Kommandant über einen kleinen Bezirk im Handwerkerviertel

BLEICHKRAUT: ein Waldelf, der in NA-R wohlt

RÄTSELKRAUT: der eigentlich KELCHGRÜN heißt, ein Verkäufer Nachtnebels

Menschen in NA-R

MEIJINA: Frau, reinrassiger Mensch, arbeitet an Artefakten

UGLAS: Doppelagent

SCHLANGENAUGE: Führer der Unterwelt

Familie in NA-R

ALTWI: Mutter der Familie

HOGGER: ihr Sohn

BAERBEN: die ältere Tochter

NERVEN: die jüngere Tochter

"MUTTER": oder die Unaussprechliche, eine rätselhafte Frau unklarer Rasse

AUREON: ihr Sohn, ein junger Mann mit goldenen Augen

ARGENTON: ihr Sohn, ein junger Mann mit silbernen Augen

POLA-POLON: Merjinas Sohn

Sonstige Personen in NA-R und Umgebung

TORSO: Gestaltwandler und Froschmensch von gewaltiger Sprungkraft

PALUDA: Torsos Tochter

AUFPASSER: Verwalter der Bergbausiedlung

SEELE DES AUSGLEICHS: seine Begleiterin

HORNFINGER: (hist.) vergessener Expeditionsleiter der Waldelfen

DER WANDERER: ein Wesen aus der Welt der Toten

ZWEI GEISTER: Wesen der Vergangenheit im Dunklen Viertel

Personen in Centrell

BLAUER DREISPORN: Bewohnerin des Hauses Blau

BLAUER SCHLAFMOHN: Freundin von Blauer Dreisporn

BARIONSTAB: Familienältester des Hauses Barion

Was bislang geschah

Tamalone hat das Angebot bekommen, in der Bürgerwehr zu dienen. Sie hat es angenommen, weil sie hofft, dadurch leichter einen Weg ins Elfenviertel zu finden. Der Auftrag, ein Päckchen auszuliefern, entpuppt sich als Falle, der sie nur knapp mit Aureons Hilfe entkommt. Der flieht mit ihr in das Viertel der Toten. Dort erfährt sie, dass ihre leibliche Mutter noch lebt und vielleicht sogar im Elfenviertel wohnt. Tatsächlich findet sie ihre Mutter und ihre Stiefgeschwister, von denen sie bisher nichts gewusst hat. Sie ist sich nicht sicher, ob sie willkommen ist und hätte jetzt Pandos Hilfe gebraucht, aber der durfte das Viertel der Elfen nicht betreten.

Tamalone

Was für eine Nacht! Als Tama am Morgen aufwachte, waren ihre Erinnerungen so undeutlich wie die Bilder in einem Teich, wenn der Wind die Wasseroberfläche kräuselt. Trotzdem hörte sie noch immer Pando heulen und toben und musste nun mit der Gewissheit leben, dass ihr einzig wirklicher Freund sie nicht mehr erreichen konnte. Das tat weh und schmerzte sie umso mehr, als ihr klar wurde, dass sie weder bei ihrer leiblichen Mutter noch bei ihren neu gefundenen Stiefgeschwistern willkommen war. Sie vertrieb den Schmerz mit ihrem Willen und ersetzte ihn durch Trotz. Aureons tröstenden Arm wischte sie weg, aber sein Lächeln ließ ihre Abwehr schwinden. Er tat ihr gut und brachte etwas Freude zurück. War sie jetzt tatsächlich bereits zum zweiten Mal in seinen Armen aufgewacht? Sie drehte sich schnell von ihm weg, als die Wärme der Verlegenheit ihre Wangen rötete.

„Komm, aufstehen!“, rief sie. „Der Tag riecht schon reif.“

„Was du riechst, nennen wir Frühstück.“ Aureon lachte. „Und was machen wir heute?“

Tama wurde von einem auf den anderen Augenblick ernst, als Aureons Frage die Nacht zurückbrachte. „Nichts“, sagte sie kühl. „Ich kehre in das Viertel des Handwerks zurück. Versuch gar nicht erst, mir das auszureden.“

Das Frühstück hatten die beiden für sich, denn Altwi und Tamas Stiefgeschwister waren früher aufgestanden als sie und schon lange mit dem Frühstück fertig.

„Schau, sie läuft immer noch herum“, sagte Tama und zeigte auf die Schildkröte, die mit ihren stampfenden Schritten magische Muster in den Boden trat. „Haben diese Muster überhaupt eine Bedeutung? Gestern war es ein Pentagramm, heute ist es eine Girlande.“

Aureon zuckte mit den Achseln. „Frag Altwi, oder noch besser ist es, du fragst du Neven. Keiner in der Familie kennt die Schildkröte besser als sie.“

Ein tiefes Rumpeln ließ sie aufschrecken. Doch als diesem Geräusch nichts weiter folgte, kehrten Tamas Gedanken wieder zu der Schildkröte zurück. Wie am gestrigen Abend sprach das Tier zu ihr, und wie am gestrigen Abend ergaben die Sätze nur wenig Sinn. Manchmal bin ich bei dir, hörte sie und: Was beschäftigt dich? Ganz ernst wie ein ausgesprochenes Urteil dann der nächste Satz: Du brauchst mehr Kraft. Und beinahe eine Verheißung war: Warte auf mich, ich komme zu dir. Es waren wechselnde Stimmen mit unterschiedlichen Klangfarben. So als ob die Schildkröte nur ein Gefäß für etwas anderes wäre. Tama war sich noch nicht einmal sicher, dass diese Gedanken für sie allein oder überhaupt für sie bestimmt waren.

Wer bist du, dessen Stimme ich in mir höre? Oder bist du es selbst? Sie richtete ihre Gedanken auf die Schildkröte.

Bald bin ich wieder bei dir. Habe Geduld.

Tama hatte keine Geduld. Nicht an einem Morgen wie heute. Nicht nach einer solchen Nacht. Da half auch Aureons Lächeln nicht, der ihr schweigend zusah.

Die Erde schüttelte sich, kurz nur, doch es reichte, um das Gleichgewicht zu verlieren, Holz ächzte, Balken bogen sich. Glas zersprang. Irgendwo rieselte Mörtelstaub auf die Erde. Dann war wieder alles ruhig. Altwi schrie von irgendwo her: „Raus aus dem Haus!“

Jetzt standen sie auf der Straße. Die Natur war beängstigend still, wenn man einmal von den erregten Stimmen der Menschen und Komposits absah. „Noch nie so nah gewesen …“, verstand Tama.

„Lasst sie reden. Das beruhigt“, sagte Altwi. „Wir warten den nächsten Stoß noch ab. Dann gehen wir wieder hinein.“

„Woher willst du wissen, dass es nur noch einen weiteren Stoß gibt“, wollte Tama wissen, die ihren Vorsatz, mit Altwi kein Wort mehr zu sprechen, im Angesicht einer größeren Gefahr schnell wieder vergessen hatte.

„Es sind immer zwei Stöße“, sagte Altwi, was, wie jeder wusste, völliger Unsinn war. Aber nun war nicht die Zeit, über so etwas zu streiten. Dann erbebte die Erde ein zweites Mal. Schwächer, aber dafür länger.

„So, das war’s. Und jetzt wieder rein. Ich hasse es, wenn man nicht richtig stehen kann“, schimpfte Altwi. Dann schickte sie ihre Kinder durch das Haus. „Schaut nach, ob etwas zerstört wurde.“ Ruhig und gelassen nahm sie alles hin.

Tama schlug das Herz noch immer hoch oben im Hals. „Was war das?“, fragte sie mit einem Zittern in der Stimme.

„Unsere Welt ist wütend und verzweifelt wegen ihrer eigenen Machtlosigkeit. Irgendwann werden die Beben so stark sein, dass nichts mehr stehen bleibt. Aber noch ist es nicht so weit. Jedenfalls hoffen wir das alle. Sicher dürfte sich allerdings niemand mehr sein. Es ist mehr Hoffnung als Wissen.“

Tama verstand nicht, warum Altwi nicht mehr sagen konnte. Aber wenn ihre Mutter nicht wollte, dass sie verstanden wurde, dann war das eben so. Schließlich ging nichts von dem, was im Elfenviertel passierte, Tama wirklich etwas an. Die Familie hatte sie sprechen wollen, sie hatten sich gesprochen, und das war es. Altwi war ihre leibliche Mutter, und es war gut zu wissen, dass es sie gab und wie sie aussah. Ein leerer Fleck ihrer Erinnerung war nun ausgefüllt, hatte Umrisse und Farbe bekommen. Dass ihre Mutter offensichtlich nichts von ihr wissen wollte, war zwar nicht schön, aber auch nicht zu ändern. So einfach war das. Sie würde so tun, als mache ihr das nichts aus. Ganz kühl würde sie reagieren. Mindestens genauso kühl wie ihre Mutter.

Dass ihr bei diesen Gedanken eine Träne die Wange hinunterlief, bemerkte Tama nicht und die anderen auch nicht. Die waren mittlerweile zurückgekommen und sammelten jetzt gemeinsam Scherben auf. Baerben hatte einen Besen mitgebracht und fegte den Staub zusammen. Das waren keine Tätigkeiten, bei denen man den Kopf hoch hielt.

Als Tama ankündigte, dass sie nun gehen wolle, und sich für die Gastfreundschaft bedankte, ging ein Ruck der Überraschung durch die Gruppe. Aureon protestierte halbherzig, bat sie zu bleiben. Ihre Stiefgeschwister redeten auf sie ein, aber für Tama waren das alles leere Worte. Argenton schüttelte mit Bedauern im Blick den Kopf und Paluda starrte mit großen Augen ins Leere.

„Du bist sicher, dass du nicht noch etwas bleiben will?“, fragte Altwi.

„Ja, ich bin sicher. Ich weiß jetzt, dass du meine leibliche Mutter bist. Um das zu erfahren, bin ich gekommen. Mutterliebe habe ich nicht erwartet, Hass oder Abscheu auch nicht. Und habe keine Sorge, ich werde dir nicht zur Last fallen. Wo ich nicht willkommen bin, werde ich mich auch nicht aufdrängen.“

„Rede nicht über etwas, wovon du nichts verstehst. Schon gar nicht über Liebe oder Hass. Liebe hast du bisher nicht viel kennengelernt. Das ist bedauerlich. Wirklichen Hass aber auch nicht, und dafür solltest du die Götter preisen.“

„Die Frau, die mich aufgezogen hat, hat mich geliebt!“

„Sie hat dich umsorgt. Das ist etwas völlig anderes als Liebe. Und was du für Gefühle gehalten hast, war Magie. Die Wesen, die dich lieben, übersiehst du, die Wesen, die dich hassen, weil sie dich fürchten, übersiehst du ebenfalls. Also erzähl mir nichts von Liebe und Hass. Und schon gar nichts von Abscheu.“

Altwi schwieg abrupt und presste für einen Moment ihre Lippen so hart zusammen, dass von ihrem Mund außer einem geraden Strich nichts mehr zu erkennen war. „Ich weiß nicht, wer dir gesagt hat, dass ich deine Mutter bin, Tamalone. Von mir hast du das nicht gehört. Aber es stimmt. Ich bin deine Mutter. Ich wusste es von dem Augenblick an, als du aus dem Dunkel in das Licht des Elfenviertels tratest. Was nicht stimmt, ist, dass du nicht willkommen bist. Deshalb sage ich es dir ganz deutlich jetzt und vor allen Anwesenden, damit du es auch wirklich verstehst. Komme so oft, wie du möchtest. Komme immer, wenn du eine Frage hast, wenn du Hilfe brauchst, wenn du nicht weiter weißt oder wenn du einfach das Bedürfnis nach etwas Gesellschaft hast. Du kannst immer kommen. Und auch wenn du es mir nicht glaubst, du bist mir immer willkommen.

Ich habe nur einen einzigen Vorbehalt, für dessen Gründe ich dir noch nichts sagen kann. Du solltest niemals lange bleiben. Mit dieser Einschränkung wirst du leben müssen, und du wirst dafür auch keine Erklärung von mir bekommen. Auch wirst du ertragen müssen, dass ich dich nicht in den Arm nehme und lieber den Abstand zu dir suche. Irgendwann wirst du die Gründe für dieses Verhalten erfahren. Für fast alles gibt es Gründe. Überall, wohin man sieht, gibt es Ursachen und Auswirkungen. Noch nicht einmal das kurze Schütteln einer verzweifelten Erde geschieht ohne Grund. Und nun geh, wenn du gehen möchtest. Aureon und Argenton werden dich in das Viertel des Handwerks zurückbringen.“

„Ich glaube dir kein Wort, Altwi, und gehen kann ich allein. Ich brauche keine zwei jungen Männer, die mich heimbegleiten.“

„Solange du hier bei mir bist, wirst du tun, was ich sage. Jeder tut hier, was ich sage. Auch du. Es ist also nicht persönlich gegen dich gerichtet. Aureon und Argenton werden dich ins dunkle Viertel und dann durch das dunkle Viertel hindurch begleiten. Sie werden dich erst wieder im Viertel der Gestaltwandler verlassen. Wo das sein wird, kannst du gern selbst entscheiden. Und wenn du doch einmal an uns denken solltest, vergiss Paluda nicht. Sie gehört auch zu unserer Familie, ebenso wie Pola-Polon, dem du noch nicht begegnet bist. Und jetzt weg mit euch dreien.“

Tama schwieg verblüfft. Wer war Pola-Polon? Doch lieber hätte sie sich die Zunge abgebissen, als nach ihm zu fragen. Außerdem war etwas anderes für sie wichtiger. „Kannst du mir noch etwas zu meinem Vater sagen, Altwi?“

Diese Frage wirkte beinahe wie ein dritter Erdstoß. Altwis Kinder schauten sich an, als hätte Tama eine Sünde begangen, über die in sieben Generationen noch geflüstert werden würde, Aureon und Argenton bekamen den Mund nicht mehr zu. Nur Altwi stand wie immer ruhig und gelassen unter ihnen. Aber der Ruck, der durch ihren Körper gegangen war, war niemandem verborgen geblieben.

„Er war oder ist immer noch ein Mensch ohne einen Tropfen Fremdblut. Nicht so wie ich. Unsere Beziehung hat einmal schön begonnen und bitter geendet. Er ist ein Mensch, der wenig Gefühle kennt, sie aber trotzdem meisterhaft vorzutäuschen versteht.“

„Und warum habt ihr euch getrennt?“

„Weil ich nicht vertrug, was er sagte.“

„Und was sagte er?“

„Das habe ich vergessen.“

Der Tonfall in Altwis Stimme ließ es geraten sein, nicht weiter zu fragen, und Tama gab es auf, noch etwas klären zu wollen. Sie drehte sich um begab sich zur Tür. Aureon und Argenton liefen ihr nach. Noch vor der Haustür veränderten die beiden jungen Männer ihre Erscheinung so weit, dass sie auf den ersten Blick für Elfen durchgingen. Tama gelang es nur, ihre Haut ein wenig zu verdunkeln.

Argenton ging als Erster auf die Straße, schaute von links nach rechts und von rechts nach links. Dann suchte er den Halbkreis vor sich ab. „Wir haben ganz schön was abbekommen.“ Er zog Aureon zu sich heran und zeigte auf die verschiedenen Stellen, wo ein paar Trümmer herumlagen. „Du kannst rauskommen, hier ist grad niemand“, sagte er zu Tama. „Die Bürgerwehr scheint an anderen Stellen aufzuräumen. Aber du kannst sicher sein, hierher werden sie auch noch kommen.“

Die beiden jungen Männer nahmen Tama in ihre Mitte, jeder von ihnen legte seinen Arm besitzergreifend um ihre Taille. „He, lasst das“, beschwerte sie sich.

„Pssst, sei still. Es sind nur wenige Leute unterwegs, weil es noch so früh ist. Und wenn wir der Bürgerwehr begegnen, wirkt es so, als hätten wir eine vergnügliche Nacht miteinander verbracht. Sei sicher, niemand wird uns ansprechen.“

Tama fand bereits den Gedanken daran vergnüglich und fing an zu kichern. Sie gleich mit zwei jungen Männern … Aber schon Argentons nächste Frage vertrieb alle Heiterkeit. „War es wirklich nötig, Altwi gegenüber so hart und unversöhnlich zu sein?“

„Sie hat mir weh getan. Dann passiert so etwas manchmal. Könnt ihr mich denn nicht verstehen?“

„Nein, das können wir nicht“, sagte Aureon. „Aber mach dir nichts draus. Wir verstehen hier so manches nicht.“

„Was gibt es denn da nicht zu verstehen? Ich bin Altwis Tochter, und Hogger, Baerben und Neven sind meine Halbgeschwister. Aber niemand scheint erfreut darüber zu sein.“

„Und was war mit der Schildkröte? Du hast mir ihr geredet und dich ganz offensichtlich gut mit ihr verstanden.

„Was sollte denn mit ihr sein? Was hat die Schildkröte damit zu tun, wer meine Familie ist?“

„Alles“, antworteten die Zwillinge wie aus einem Munde.

„Das müsst ihr mir erklären.“

Aureon schüttelte den Kopf. „Uns steht es nicht zu, irgendetwas zu erklären. Die Schildkröte ist das Oberhaupt unserer Familie, und nur sie wird sprechen, nicht wir.“

„Was redet ihr da für einen Unsinn. Wie kann eine Schildkröte eine Familie leiten? Und mit wem sollte sie Schildkröte denn reden?“

„Vielleicht leiht sie ihre Stimme nur jemandem. Doch mit wem sie spricht, das wissen wir. Mit dir spricht sie. Das war ein guter Beginn gestern. Mit Neven spricht sie auch. Meistens spricht sie mit Neven. Manchmal aber auch mit Altwi, – allerdings nur selten.“

„Mit mir hat sie nicht gesprochen.“

„Doch, hat sie. Ich habe es gesehen. Und sie tut es sogar, ohne dass du deinen Tee vorher trinkst. Das ist wirklich erstaunlich.“

Tama war es leid, ständig Rätsel vorgesetzt zu bekommen. Sie erinnerte sich an die Satzfetzen, die durch ihren Kopf gesprungen waren. Ob die Zwillinge das meinten? Aber sie hatte nichts davon verstanden. Es war wohl besser, das Thema zu wechseln. „Wie passt ihr eigentlich in diese Familie hinein?“

Aureon schüttelte den Kopf. „Keine gute Frage“, sagte er. „Das hat etwas mit unserer Abstammung zu tun, und über Abstammung spricht bei uns niemand gern. Wir auch nicht. Aber es hat sich viel verändert während der letzten Jahre. Früher ist unsere Mutter häufiger vorbeigekommen. Sie wohnte dann immer in dem besonderen Zimmer unterm Dach. Und wenn sie nicht kam, dann war der Vater von Altwis Kindern da. Der wohnte auch in diesem Zimmer. Ganz hoch oben. Aber jetzt steht das Zimmer leer, und nur Altwi geht manchmal noch hinein, um nach dem Rechten zu schauen. Und sie schließt hinterher immer sehr sorgfältig wieder ab.“

„Auch hinter sich, wenn sie reingegangen ist“, ergänzte Argenton.

Tama hätte am liebsten auf die beiden eingeprügelt. Sie hätte schon blind sein müssen, um nicht zu bemerken, dass sich in dieser Familie alles um die Abstammung drehte. Und nicht nur hier. Gleiches galt für Pando, der ihr wahr zu machen versucht hatte, dass sie für die großen Wahrheiten noch nicht bereit war. Dieser Angeber. Wo er jetzt wohl stecken mochte? Und dann war da auch noch Paluda. Noch ein Geheimnis mehr. Was machte sie hier? Sie war ein Gestaltwandler. Wurde sie hier versteckt?

Warum ziehen Aureon und Argenton mich nicht ins Vertrauen? Sie könnten mir doch zumindest das bestätigen, was ich mir selbst zusammengereimt habe. Selbst wenn sie auch nicht viel mehr wissen als ich. Zumindest scheint das so zu sein. Sollen sie doch alle ersticken an ihren Geheimnissen.

„He!“ Sie waren in einem Teil des Elfenviertels, das Tama nicht kannte. „Wo wollt ihr denn hin?“ Das war weder der Weg, auf dem sie hergekommen war, noch führte er in Richtung Garnison. Sie gingen eher in die entgegengesetzte Richtung.

„Ganz ruhig. Entspann dich. Wir gehen spazieren, bewegen uns ein wenig. Egal wohin, Hauptsache, weg von der Garnison. Wer hier ein Ziel hat und sich schnell bewegt, fällt auf. Und auffallen wollen wir nicht. Zu viele Wachen. Du verstehst?“ Argentons silberne Augen sahen alles. Und jetzt fiel es auch Tama auf. Überall waren Komposits der Bürgerwehr damit beschäftigt, den Schutt zu beseitigen, den die Erdstöße auf die Straßen gebracht hatten. Mütter mit Kindern waren nirgendwo zu sehen. Ob die sich in den Häusern sicherer fühlten? Sie schlenderten nun ziellos umher, bis Aureon sagte: „Und jetzt scharf rechts, zu den Büschen hinüber und dann laufen.“

Die beiden Jungen nahmen Tama an die Hand und gemeinsam rannten sie los, ließen die wenigen Gebäude hinter sich. „Spring!“, rief Aureon und sie sprangen – in ein verwaschenes Dunkel hinein.

„Jetzt nach links“, kommandierte er, und Tama blieb nichts anderes übrig als zu folgen. Sie sah keinen Schritt weit in all dieser Schwärze um sie herum. Es dauerte immer seine Zeit, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Die beiden Brüder schienen diese Schwierigkeiten nicht zu kennen. Und als Tama endlich etwas sehen konnte, befanden sie sich bereits am Außenzaun der Stadt, oder besser gesagt, vor dem, was noch davon übrig war.

„Wenn du die Stadt einmal verlassen möchtest, ohne dass dich jemand dabei bemerkt, ist das hier die Stelle, wo du es versuchen solltest. Die Dunkelheit greift mittlerweile weit über den Zaun hinaus, und kein Komposit wird jemals hierhin kommen, um ihn zu reparieren. Vielleicht werden sie irgendwann einmal einen neuen Zaun um die Stadt herum bauen. Außerhalb der Dunkelheit. Aber auch der wird früher oder später von der Dunkelheit durchdrungen werden. Niemand kann die Toten aufhalten. Sie werden immer stärker.“ Aureons Stimme hatte sich zu einem Flüstern herabgesenkt und vertrieb die letzten Reste eines frischen Morgens. Es roch dumpf, kein Lüftchen regte sich, und um sie herum herrschten Alter, Vergängnis und Vergessenheit.

„Aber ich will gar nicht aus der Stadt heraus“, sagte Tama in ganz normaler Lautstärke und brach damit den Bann.

„Ich weiß“, antwortete Aureon. „Aber du solltest diesen Weg kennen. Und jetzt komm.“

Zu dritt gingen sie dort entlang, wo die Überreste des alten Zaunes die ehemalige Stadtgrenze markierten. Wachposten waren nicht zu sehen. Man braucht nicht zu bewachen, wohin niemand gehen will, und mit Leuten, die hier herauswollten, schien niemand zu rechnen. Tama fragte sich, ob es außer ihnen noch jemand gab, der hier so frei umherstreifen konnte, wie sie es taten.

„Wir sind nicht mehr allein“, sagte Aureon, und seine Stimme riss Tama aus ihren Gedanken. „Jetzt wirst du ein paar weitere Bewohner des Dunkels kennenlernen. Gestalten, denen es verboten wurde, das Reich der Lebenden endgültig zu verlassen. Jetzt hängen sie hier herum und warten auf eine Gelegenheit. Zurück ins Leben oder vorwärts auf einen Weg, dessen Ziel niemand kennt. Es sind Geister“, setzte er noch überflüssigerweise hinzu.

Vor ihnen standen zwei Herren in ungewöhnlicher Kleidung und von unscharfer Gestalt. Tama streckte unwillkürlich die Hand aus – und griff durch den Nebel hindurch. Die beiden Gestalten verzogen keine Miene, doch sie konnte einen kleinen Widerstand spüren.

„Ja, junge Frau, uns gibt es wirklich. Wir sind die Stärksten in allen Welten, weil es unmöglich ist, uns zu zerstören. Wir brauchen nur Zeit, und die haben wir im Überfluss. Alle Zeit der Welt von jetzt und hier bis in die Ewigkeit.“

„Dann müsst Ihr sehr stolz und glücklich sein, und ich fühle mich geehrt, gleich zwei so mächtigen Herren hier begegnen zu dürfen.“ Tama sah nicht ein, warum sie sich von dieser dümmlichen Protzerei beeindrucken lassen sollte.

Die beiden Gestalten trennten sich voneinander, und nun konnte Tama etwas mehr erkennen. Der Sprecher der beiden war kurz, kräftig und untersetzt, der andere hochgeschossen und von hagerer Gestalt. „Ja, wir können uns glücklich schätzen, aber wir könnten auch etwas Hilfe gebrauchen, so ungern ich das zugebe. Habt Ihr zufällig etwas Brot bei euch, das Ihr entbehren könnt?“

„Das Geister hungrig sein können, ist ein neuer Gedanke für mich“, sagte Tama.

„Papperlapapp. Hungrig ist jeder, aber unser Hunger ist von einer anderen Art. Ich hänge hier fest. Böse Stimmen haben einst behauptet, ich hätte meinem Lehrherrn ein ganzes Laib Brot gestohlen. Der Richter hat ihnen geglaubt und mich dazu verurteilt, das Brot zu ersetzen. Dieses ungerechte Urteil erzürnte sogar die Götter und so schickten sie mir zur Hilfe ein Gewitter. Gleich der erste Blitz schlug in den Richterstuhl und tötete jeden in dem Raum. Blitze können zwar rächen, aber kein Urteil rückgängig machen, sodass ich zu einer Existenz verflucht bin, die mich zwischen Tod und Leben hängen lässt, bis ich genügend Brot gefunden habe, um freigesprochen zu werden. Jetzt sagt selbst, wie soll ich an einem Ort wie diesem jemals an genügend Brot kommen. Ihr habt nicht zufällig … Ja“, kreischte er auf und pickte mit Daumen und Zeigefinger auf Tamas Wams herum. Tama senkte den Blick und sah ein winziges Stück Brotkruste vom Frühstück, das sich noch auf dem Leder festhielt. Aber der Geist konnte es nicht ergreifen.

„Ich kenne nun Euer Unglück“, sagte Tama. „Brot ist hier schwer zu finden, und wenn Ihr etwas findet, könnt Ihr es nicht festhalten. Aber ich kann Euch helfen. Ich schenke Euch diesen Stein hier.“ Sie zeigte mit der Fußspitze auf einen kantigen Felsbrocken. „Dieses winzige Stück Brotkruste lege ich Euch darauf. Selbst wenn Ihr es nicht festhalten könnt, gehört es jetzt doch Euch, und damit ist ein Anfang gemacht. Und wer weiß, vielleicht komme ich noch einmal zurück mit einem zweiten Stück Brot, das ich zu diesem Stückchen lege. Schaut also immer wieder einmal vorbei. Vielleicht finde ich auch einen anderen Weg Euren Fluch zu brechen. Ist ein Fluch denn nicht das Gleiche wie ein Zauberbann?“

Über das Gesicht des Geistes breitete sich ein Lächeln aus, und sein Mund verzog sich zu einem Spalt, der den Kopf in zwei Hälften teilte. „Ihr seid ein Wunder an Weisheit und gebt mir neue Hoffnung. Ich werde mich von nun an nie sehr weit von diesem Ort wegbewegen.“

„Ich schließe mich dieser Bewunderung an“, sagte der Hagere, „und obwohl ich weiß, dass mein Schicksal besiegelt ist, will ich Euch ebenfalls meine Geschichte erzählen. Denn mir hilft nicht ein Stückchen Brot oder andere Dinge aus der Welt der Lebenden. Mir kann nur ein wirklich großer Magier helfen, einer von der Art, wie es sie einmal in unserer glorreichen Vergangenheit gab, als Menschen noch das Ohr der Götter hatten und mit ihnen das Zwiegespräch pflegten. Dieser Magier müsste zu Ende bringen, was ich begann, und einen übermächtigen Gegner besiegen. Hört zu, dieses ist meine Geschichte:

In den alten Zeiten, die wir nicht ohne Grund die großen Zeiten nennen, dienten die mächtigsten Magier den Göttern und nannten sich Priester. Mit ihrer Macht stieg auch ihr Hochmut, denn die Menschen brauchten die Priester, um zu ihren Göttern zu sprechen. Jedenfalls ließen wir sie das glauben.“ Der Geist kicherte. Tama erschauderte, denn dieses Geräusch klang grausam. „Wir handelten viele Vorteile, kleine wie große, für uns heraus. Wahrscheinlich haben wir es übertrieben, denn die Götter verweigerten uns irgendwann ihre Gunst. Wir konnten es kaum glauben, denn wir waren es doch, wir, die Priester, die diese Götter erschaffen hatten. Wie konnten sie nur? Aber es ist nun einmal so, dass alles, was in Magie getränkt und von Zauber umwoben ist, sich mit dem Leben selbst verbündet. Die alten Götter der Menschen, geboren als Auswuchs unserer Fantasien, waren über die Zeit wahrhaftig geworden. Sie besaßen nun die Macht, die wir ihnen angedichtet hatten, und mehr noch dazu. Aber Macht bedeutet nicht Klugheit, und so töteten die Götter ihre Priester. Es geschah, was unvermeidlich war. Ohne uns Priester wandten die Menschen sich von den alten Göttern ab. Ob diese dann starben, weil die Menschen sie vergaßen, oder ob sie von sich aus den großen Haufen verblasster Erinnerungen aufsuchten, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall verschwanden sie. Und nahmen ihre einzige große Gabe mit sich: die Unsterblichkeit. Ich blieb als Einziger aus jener Zeit übrig, weil ich für mich rechtzeitig Vorkehrungen getroffen hatte. Leider stellten sie sich als nicht ausreichend heraus, und ich blieb in einem Halbleben gefangen, aus der mich selbst meine Magie nicht mehr befreien konnte. Deshalb und nur deshalb – das schwöre ich – machte ich einen Handel mit dem mächtigsten Drachen aller Zeiten. Ich versprach ihm die Unsterblichkeit und, ihn zu einem Gott zu erheben, wenn er mir eine klitzekleine Gefälligkeit erwies.“

„Jetzt ist es Euch gelungen, mich wirklich neugierig zu machen. Wie kann man aus dem Halbleben heraus einen Drachen rufen, dessen Namen man nicht kennt. Und wie kann ein Mensch einem Drachen zur Unsterblichkeit verhelfen?“

„Ha, wer seid Ihr, dass Ihr nicht wisst, dass Drachen keine Namen haben? Sie leben allein und haben deshalb keinen Bedarf für so etwas. Na ja, vielleicht ist ‚rufen‘ nicht das richtige Wort. Sagen wir besser, ich lockte ihn an. Als die Götter mich aus der Welt der Lebenden vertrieben, verbrannten sie alles von mir außer meiner Magie, meinen Erinnerungen und meinem Namen. Damit besaß ich noch mein „Ich“, was mir die Möglichkeit bot, mir für eine begrenzte Zeit einen neuen Körper zu erschaffen, der zwar nicht wirklich war, aber dafür echt erschien. Ich arbeitete wieder als Priester, weil ich das am besten konnte, auch wenn der Gott, dem ich nun diente, eher ein Götze war. Wenn wir Menschen eines können, dann ist es, uns neue Götter zu erschaffen. Wer weiß, vielleicht wäre es mir gelungen, aus meinem falschen Gott noch einen richtigen zu machen. Schließlich war es uns bei den alten Göttern auch gelungen. Am Anfang waren sie nicht mehr als eine Verbindung aus der Kraft der Naturgeister mit den Körpern besonders großer und edel wirkender Menschen.“

„Nur damit ich es richtig verstehe“, sagte Tama und unterbrach den Redefluss des Magiers. „Die alten Götter waren einst Naturgeister. Jetzt sind sie als alte Götter weiter gezogen, und damit gibt auch keine Naturgeister mehr in dieser Welt. Aber ich bin mir sicher …“

„Ach was. Naturgeister gibt es überall, und wenn welche weg sind, dann kommen neue. Das ist wie bei den Fliegen. Mal sind sie weg und im nächsten Augenblick kommen sie in Schwärmen zurück. Keine Sorge, es gibt genug Naturgeister in unserer Welt und wir Menschen könnten aus ihnen erneut eine Bande eingebildeter und hinterlistiger Götter erschaffen, wenn wir noch die alte magische Kraft besäßen, über die wir einmal verfügten. Aber lassen wir das für den Moment. Du hattest nach dem Drachen gefragt. Der kam zu mir, von selbst und aus eigenem Antrieb. Was ich nicht wusste, war, dass auch die Drachen alte Götter besessen hatten und ihnen hinterhertrauerten. Zumindest dieser eine sprach davon, nannte sie Weltenschöpfer. Und da er sie nicht zurückholen konnte, und unser beide Welten ohne richtige Götter auskommen mussten, kam er auf die Idee, diese Leere zu füllen. Mit niemand Geringerem als mit sich selbst. Und das war meine Chance.“

Tama konnte sich ein Lächeln kaum verkneifen. „Ein gewaltiger Drache mit einem Maul voll Feuer ließ sich also aus einem blauen Himmel herab und landete vor Euch. Und dann habt Ihr Euch mit ihm unterhalten. Ganz einfach so, von Mensch zu Drache.“

„Beinahe. Nur war der Himmel wolkig, und der Drache kam zu Fuß in der Gestalt eines Menschen und Kriegers. Du scheinst nicht viel von unserer Welt zu verstehen. Ist doch jeder Drache ein Gestaltwandler, auch wenn ich zugeben muss, dass diese Biester fast immer bei ihrer Drachenform bleiben, weil das die schönste Form aller Lebewesen ist. Zumindest glauben das die Drachen selbst.“

Jetzt war Tama das Lächeln vergangen. Torso war ein Gestaltwandler, aber ganz bestimmt kein Drache. Aber was war mit Pando? War er ein Drache? Möglich. Und da niemand davon erfahren sollte, machte er aus seiner Abstammung ein fürchterliches Geheimnis.

Doch kaum hatte sie diesen Gedanken im Kopf, kamen die Zweifel bereits in Scharen. Zwar wusste sie über Drachen nicht mehr als das, was die Legenden erzählten, aber nichts davon entsprach Pando, dem Bär, oder diesem albernen Ledervogel. Ein junger Drache? Pando hatte gesagt, er sei noch sehr jung. Tama schüttelte den Kopf. Es gab nur eine Möglichkeit, aber die war so abwegig, dass sie sich sträubte, darüber auch nur nachzudenken. Nein, entweder log der Geist, oder …

„Verzeiht mir“, sagte sie. Ich bin noch jung. Wie sollte ich mich mit Drachen auskennen. Ich habe ja noch nicht einmal einen gesehen.“

Der Geist staunte. „Wie das denn? Ich spüre doch Magie in Euch. Wie könntet Ihr mich sonst verstehen? Ihr gehört ganz zweifellos zu den Kundigen. Aber was ist denn los mit Euch? Sprecht Ihr denn nicht mit Euren Ahnen? Habt Ihr nicht Teil an dem Wissen all jener, die vor Euch lebten und mit denen Ihr durch Blut verbunden seid? Jetzt wird mir langsam klar, warum es heute keine Magier mehr unter den Menschen gibt. Ihnen fehlt die Kraft. In den alten Zeiten gab jeder Magier seine Kraft an eines seiner Kinder weiter, – manch einer starb sogar vor der Zeit dafür und gab weiter, was er hatte, bevor es weniger werden konnte. Wisst Ihr denn nicht, wie viele Eltern bereit sind, sich für ihre Kinder zu opfern? Wie sollten denn sonst Magier heranwachsen können, wenn jeder von vorn beginnen müsste? He, wollt Ihr mich weiter anhören? Oder seid Ihr bereits müde?“

Tama war tatsächlich mit ihren Gedanken spazieren gegangen. Magie ohne Kraft. Hatten ihre Halbgeschwister nicht gerade das an ihr bemängelt? Hatten die denn ihre Kraft von Altwi mitbekommen. Warum dann aber nicht sie? Nein, so einfach konnte das nicht sein. „Verzeiht“, sagte sie. „So vieles davon ist neu für mich. Bitte, erzählt weiter.“

„Ich schlug dem Drachen einen Handel vor“, sprach der Geist des Magiers. „Ich versprach ihm, ihn zu einem Gott zu machen, und verlangte von ihm nicht mehr dafür als einen ordentlichen Schub Kraft, der mich wieder in die Welt der Lebenden zurückbefördern sollte. Das hätte ihn nicht ärmer gemacht. Von mir würde er die Unsterblichkeit bekommen und einen Namen. Und er musste noch etwas tun, über das Drachen, Elfen und Menschen für alle Zeiten reden würden.“

„Das war aber ein gefährlicher Handel. Ihr müsst selbst im Halbtod noch ein sehr mächtiger Magier gewesen sein, dass Ihr glaubtet, einen Drachen beherrschen zu können.“

„Nun ja, ich habe zwar seine Macht nicht unterschätzt, wohl aber seine Gerissenheit und die schwarzen Flecken seines Charakters. Aber eins nach dem anderen. Ich fand heraus, dass er mit seiner Magie sehr liederlich umging. Er nutzte sie vor allem, um hübsche Elfenmädchen zu betören und versprühte dabei so viel Magie in die Natur, dass wilde Tiere in seiner Umgebung ebenfalls zu Gestaltwandlern hätten werden können. Jedenfalls solche, die über genügend Vernunft verfügten. Alles, was ich tun musste, war, genügend Tiere in seine Richtung zu treiben und deren Vernunft etwas zu verstärken. Bei den Vögeln war das leicht. Vor allem bei den Raben. Aber fragt mich nicht nach dem Elend mit den Echsen. Dabei standen die doch den Drachen am nächsten. Dachte ich zumindest.“ Der Magier tat erschöpft, machte eine Pause und wischte sich mit einer theatralischen Geste den nicht vorhandenen Schweiß von der Stirn. „Egal. Jedenfalls erschufen wir so gemeinsam eine vierte Lebensform in unserer Welt. Zu den Drachen, Elfen und Menschen gesellten sich die Gestaltwandler. Und ich gab dem Drachen einen Namen, damit die Wesen der Vernunft wussten, über wen sie reden konnten, und empfahl ihm, in seinen Anstrengungen nie nachzulassen und immer dafür zu sorgen, dass genügend neue Gestaltwandler entstanden. Viele mussten es ja nicht sein. Und außerdem tat er auch etwas Gutes für sein Volk, das einen Schuss Wildblut ganz gut vertragen konnte. Jedenfalls, was die Echsen betraf. Ich war überrascht, mit welcher Leichtigkeit ihm das gelang und erschrak vor seiner Kraft. Deshalb ließ ich ihn bei den alten und neuen Göttern schwören, sich an unseren Handel zu halten. Und das tat er. Er schwor. Erst dann gab ich ihm seinen Namen.

„Und er hielt sich nicht an seinen Schwur. Habe ich recht?“

„Er war der Meinung, dass kein Gott seinem Priester dient, und lachte mich nur aus. Von diesem Augenblick an hatte die Welt einen unsterblichen Drachen und einen Priester, der immer noch zwischen den Lebenden und den Toten schwebt.“

„Aber er ist kein Gott.“

„Nein, das ist er nicht. Ich wollte ihm helfen, dass die Toten ihn anbeteten, aber dazu ist es nicht mehr gekommen. Er ist kein Gott, aber er hält sich für einen. Und er ist in der Tat unsterblich.“

„Könnt Ihr ihm seinen Namen nicht wieder wegnehmen?“

„Er war klüger, als ich dachte. Nachdem er die Bedeutung der Namen erkannt hatte, nahm er mir den meinen und löschte damit meine Magie nahezu vollständig aus. Er ist nun der Einzige, der meinen Namen kennt. Für mich gibt es keine Möglichkeit, ihn zurückzugewinnen.“

„Das ist ein grauenhaftes Schicksal, wenn auch nicht völlig unverschuldet.“

„Ihr braucht nicht auch noch Salz in meine Wunden zu reiben. Meint Ihr, ich wüsste das nicht? Aber wenn Ihr diesem Drachen einmal begegnet, könnt Ihr ihn ja mal nach meinem Namen fragen. Vielleicht nennt er ihn Euch. Er liebt schöne junge Frauen. Aber wahrscheinlich bevorzugt er Elfen.“

Tama lachte auf. „Ich kann es nicht versprechen. Aber ich will ihn gern fragen. Wie heißt er denn?“

„Godwin.“

Tama winkte den beiden Geistern zum Abschied noch einmal zu. „Es muss fürchterlich sein, so zwischen den Welten gefangen zu sein“, sagte sie zu Aureon und Argenton.

„Für die Geister gibt es Hoffnung. Für uns nicht, es sei denn, wir sterben rechtzeitig. Irgendwann wird das Dunkel die ganze Erde beherrschen. Dann sind sie frei, denn niemand kann zwischen den Welten stecken bleiben, wenn es nur noch eine Welt gibt. Und falls die Welt sich selbst zerstören sollte, wie einige befürchten, dann fällt ebenfalls die Barriere zwischen den Welten zusammen, und alles beginnt von vorn.“ Aureon verstummte recht abrupt bei dieser Aussicht auf die Zukunft.

Steindorn

Nach den Strapazen seiner langen Reise von NA-R nach Centrell hatte Steindorn etwas Erholung dringend nötig gehabt. Doch zu viel Erholung macht einen wachen Geist träge. Wie viele Tage genoss er nun schon die Gastfreundschaft im Haus Blau? Drei Tage? Sechs Tage? Zehn? Merkwürdig, er wusste es nicht. Mehr als drei Tage waren es sicherlich. Seine Erinnerungen waren nicht so scharf, wie er es von sich gewohnt war. Eher allgemeine Eindrücke als klare Bilder. Eine sonderbare Magie lebte hier im Haus Blau. Elfenmagie war es nicht. Die hätte er erkannt und verstanden. Einem erfahrenen Kampfmagier konnte man in Sachen Magie wenig vormachen. Aber hier? Das war etwas anderes.

Steindorn widmete nun seine gesamte Achtsamkeit seinen Erinnerungen. Er nahm sie auseinander, putzte sie blank und setzte sie wieder zusammen, aber die Zahl der Tage, die er hier verbracht hatte, zerfiel, sobald er sie berührte. Als ob sie völlig unwichtig sei. „Noch bestimme ich selbst, was wichtig für mich ist und was nicht“, sagte er laut zu sich und wollte gerade erneut beginnen, seine Erinnerungen zu überprüfen, als jemand an die Tür klopfte.

„Die Herrin bittet um Eure Anwesenheit.“

Das war neu. Bisher war sie immer zu ihm gekommen, denn sein Zimmer lag in der Nähe des ihren und außerdem abseits aller Geschäftigkeiten des Hauses.

„Wenn Ihr mir bitte folgen wollt?“

Der Bedienstete führte Steindorn durch unscheinbare Türen und über enge Treppen unter das Dach in einen kleinen Vorraum, klopfte an und öffnete ihm dann eine herrlich geschnitzte Tür, die in einen prächtigen Salon führte, der weder etwas mit dem Staub und der Verlassenheit des Hinweges zu tun hatte, noch mit der merkwürdigen Geruchsmischung eines Dachbodens. Anstatt nach Frischluft gewürzt mit dem Aroma roher Holzbalken roch es nach – Magie. Steindorn wusste nicht, wie er diesen Geruch anders benennen sollte.

Er trat ein und sah sich zwei Frauen gegenüber, die gut und gerne Schwestern sein konnten, wenn nicht …

Blauer Dreisporn war seine Gastgeberin und ihr Bild ihm gut vertraut. Aber die Frau neben ihr, ihr ähnlich und doch fremd, kannte er noch viel besser. Jedenfalls sagten ihm das alle seine Sinne und Gefühle. Nur woher er sie kannte, das erzählten sie ihm nicht. Und ihren Namen hatte er auch vergessen. Immer wieder blickte er von einer zur anderen und wurde doch um keine Daumenbreite schlauer.

„Wollt Ihr Euch nicht setzen, guter Freund?“

Steindorn starrte Blauer Dreisporn an, als könne er nicht begreifen. Dann befreite er sich gewaltsam aus seinem traumartigen Zustand, nickte kurz und nahm in dem Stuhl Platz, der sich den beiden Frauen gegenüber befand. Er lehnte sich nach hinten und legte seine Arme auf die beiden Armstützen. Der Stuhl umarmte ihn von hinten. Jetzt fühlte er sich sicher.

„Verzeiht, wenn ich so offen heraus frage“, sagte er. „Wir kennen uns, sind uns schon mehrfach begegnet, aber ich kann mich nicht mehr an die Umstände erinnern. Bitte helft meinem Gedächtnis auf die Sprünge.“ Erwartungsvoll schaute er auf die ihm vertraute und doch so fremde Frau.

„Wenn wir uns begegnet sind, dann kann es nur hier in Centrell gewesen sein, denn auf meinen Reisen begegne ich kaum jemandem, sodass ich mich an jeden Einzelnen erinnern kann. Verzeiht, wenn ich jetzt ebenso offen bin wie Ihr, aber Ihr wart nicht darunter.“

„Es hätte mich auch überrascht“, sagte Blauer Dreisporn. „Darf ich Euch Blauer Schlafmohn vorstellen? Ihr Name verrät Euch bereits, dass auch sie zum innersten Kreis der Familie gehört. Sie hier zu wissen, ist ein Geschenk, denn sie ist ständig unterwegs. Ich wollte, dass sie Eure Geschichte erfährt, habe Ihr also alles berichtet, wie Ihr es mir erzählt habt, und möchte auch, dass sie alles aus Eurem Mund noch ein weiteres Mal hört.“

Steindorn war erstaunt. „Blauer Schlafmohn? Nein, dieser Name sagt mir nichts. Aber Ihr beide seid bestimmt Schwestern oder sonstwie miteinander verwandt. Vielleicht ist es das, was ich in Euch erkenne.“

Steindorn sah, wie sich die Köpfe der beiden Frauen bewegten. Viel war es nicht, und auch die Mienen blieben unbewegt, aber trotzdem war er sich sicher, dass die beiden sich über ihn unterhielten. Nur auf welche Art das geschah, vermochte er nicht zu sagen.

„Er hat ein klares Auge, wie ich es dir gesagt habe.“

„Und ich habe dich gewarnt, eine Gestalt anzunehmen, die deiner Zeit in NA-R zu ähnlich ist“, antwortete Blauer Dreisporn.

„Die Dienerschaft in diesem Haus kennt mich zu gut. Die Alten wie die Jungen. Bei einer völlig neuen Gestalt hätte sich jeder hier im Haus gefragt, wer ich denn bin. Dann doch lieber so.“

Blauer Dreisporn lächelte. „Als wir unsere Gestalten wählten, konnten wir nicht wissen, dass du einmal überall Spuren hinterlassen wirst.“

„Nein, das konnten wir wirklich nicht vorhersehen.“

Als Steindorn ein Lächeln über das Gesicht von Blauer Dreisporn huschen sah, machte er sich bereit, seine Geschichte erneut zu erzählen, aber es war seine Gastgeberin, die das Gespräch wieder aufnahm.

„Ich muss Euch leider mitteilen, dass ich über einen Komposit mit dem Namen Immergrün nichts habe erfahren können. Doch muss das nichts heißen. Komposits gibt es in Centrell wie Blätter an einem Busch. Und außerdem, wer sagt uns denn, dass er auch in dieser Stadt den gleichen Namen führt wie bei Euch daheim in NeuAllerdamm-Rot. Nach NA-R selbst habe ich mich nicht erkundigt und möchte es auch nicht tun. Da würden meine Fragen mehr verraten, als wir an Antworten erwarten könnten.“

„Ich frage mich …“ Die weiche Stimme von Blauer Schlafmohn war wirklich geeignet, jedem überreizten Nerv Ruhe zu schenken. Nur Steindorn nicht, denn wieder kam mit einer überwältigenden Mächtigkeit der Eindruck zurück, diese Frau zu kennen.

„Fragt nur“, sagte er so kurz angebunden, dass es beinahe schon unhöflich klang.

„Was hatte die Viertelelfe, von der Ihr Blauer Dreisporn erzähltet, an sich, dass sie die Aufmerksamkeit dieses Immergrün erwecken konnte?“

Steindorn hob in einer Geste der Hilflosigkeit kurz die Schultern an und ließ sie dann wieder fallen. „Dieser Kerl lässt niemanden in seinen Kopf hineinschauen. Ich vermute, dass es anfangs nicht mehr war, als dass ein Gestaltwandler eine Viertelelfe entführte, ohne dass unser Rat sofort das Unterste nach oben kehrte.“

„Und warum hat der Rat nicht reagiert?“

Steindorn traute seinen Ohren nicht. Wie war es möglich, eine Samtstimme mit einer Härte zu versehen, die ihn an anderen Orten sofort veranlasst hätte, eine magische Schutzwand aufzubauen? Er bemühte sich um Gelassenheit, als er antwortete: „Die Nachricht kam erst mit Verzögerung und geringer Dringlichkeit zum Rat. Es war bereits zu spät. Wir konnten uns nur noch um Klärung bemühen.

„Und wie geht es der Viertelelfe jetzt? Wo ist sie? Was macht sie?“

„Ich bin zu lange weg aus meinem NA-R, um das beantworten zu können. Ich kann nur sagen, dass sie nach ihrem Verschwinden plötzlich wieder auftauchte, eine Scheibe eines angeblichen Drachenzahns für viel Geld an einen Händler für Artefakte verkaufte und sich von dem Geld eine teure, kleine Wohnung leistete. In einem der Häuser von König Nachtnebel und Meister Treibgut. Falls diese Namen Euch etwas sagen. Die letzte Nachricht, die ich bekam, betraf ihre Verhaftung durch diesen Immergrün.“

Die beiden Frauen warfen sich einen langen Blick zu und starrten dann regungslos vor sich hin. Steindorn wartete geduldig. Über was für eine Fähigkeit verfügten die Frauen? Es gab keine Elfenmagie, die so etwas ermöglichte.

„Immergrün hat Tama festgesetzt? Hast du das gewusst?“, fragte Blauer Schlafmohn mit etwas Sorge in ihrer Stimme.

„Nein, aber da sie wieder in Freiheit ist, scheint nichts Gefährliches geschehen zu sein. Der Gestaltwandler war ein Riesenaffe nach allem, was ich in Erfahrung bringen konnte. Tama wurde später von einer Raubkatze beschützt. Meinst du, sie ist eine von uns?“

„Wenn du recht hast, gibt es nicht viele Möglichkeiten.“

„Wir müssen sie zu fassen kriegen. Weißt du, wo sie steckt?“

„Wenn du es nicht weißt ... Ich fürchte, wir müssen warten, bis sie irgendwo wieder auftaucht. Aber dann sollten wir schnell sein.“

„Wir müssen entscheiden, was wir mit Euch machen“, sagte Blauer Dreisporn so unvermittelt, dass Steindorn zusammenzuckte. „In NA-R hattet Ihr in einer kleinen, freundlichen Stadt einen Feind. Jetzt seid Ihr an einen Ort gekommen, an dem die Situation zur Zeit etwas …“ Blauer Dreisporn gab sich Mühe, das passende Wort zu finden, fand es nicht und blieb im Ungefähren. „… schwierig ist, möchte ich sagen. Dass ich bisher nicht darüber gesprochen habe, mögt Ihr mir verzeihen. Ihr werdet schon bald selbst herausfinden, aus welchen Richtungen in Centrell die Winde wehen.“

Steindorn unterdrückte einen Fluch. „Ich hatte gehofft in einer großen Stadt nur einer von vielen zu sein.“

„In Centrell ist nicht geklärt, wer in Zukunft das Sagen hat, und – schlimmer noch – was und wohin es die Stadtelfen treibt. Es ist deshalb für Euch besser, unser Haus so früh wie möglich wieder zu verlassen und einen Platz unter einem der großen Bäume zu finden. Das Haus Blau ist eher ein hartnäckiges Buschwerk als ein Baum. Genießt also die letzte Nacht in unserem Haus.

Und das hier …“, sagte sie und zog ein Papier aus einer ihrer vielen Taschen heraus, „ist eine Liste der mächtigen Häuser in Centrell. Es sind deren acht. Früher waren es mal weit über dreißig. Dann sank ihre Zahl recht schnell auf vierundzwanzig. Da es lange Zeit bei dieser Zahl blieb, etablierte man einen Rat der Vierundzwanzig, in dem jede Familie eine Stimme hatte. Das Haus Blau gehörte damals zu den kleinsten Häusern. Heute sind es nur noch acht Familien, von denen jede drei Stimmen im Rat hat. Ihr seht, der Rat der Vierundzwanzig existiert immer noch. Und immer noch ist das Haus Blau das kleinste Haus. Aber es gibt uns noch, und nur allein das und unsere drei Stimmen zählen.

Mein Vorschlag ist, dass Ihr morgen beginnt, jedes dieser Häuser aufzusuchen und um Unterstützung zu bitten. Fragt jedes Mal nach dem Familienältesten. Da Ihr nicht um Geld bittet, dürfte Euch zumindest die Neugier gewiss sein. Beginnt mit dem Haus Barion. Es ist das größte und wird von Barionstab angeführt. Der Familienälteste trägt immer denselben oder einen ähnlichen Namen wie das Haus, dem er vorsteht. So wie auch unser Familienvorstand immer Blaublatt heißt, auch wenn bei dem Namen unseres Hauses das -blatt im Verlauf der Zeit verlorengegangen ist. Barionstab leitet die mit Abstand mächtigste Familie in Centrell, weil sie einige Häuser mit einschließt, die von Verwandten geleitet werden. Früher einmal waren das eigenständige Häuser. Wenn Ihr auf jemanden mit Namen Felsbirne, Stechapfel, Gelbe Zwetschge oder Ähnliches stößt, seid sicher, er ist ein Vasall von Barionstab.

Das Haus der Vier Winde ist das zweitgrößte Haus und wird zurzeit von drei Brüdern geführt, weil der Stuhl von Südwind nicht besetzt ist. Dann gibt es noch drei mittelgroße Familien, und zwei kleinere, von denen wir eine sind. Ich empfehle Euch, bei allen Antworten, die Ihr gebt, bei der Wahrheit zu bleiben. Wenn Euch jemand fragt, wo Ihr die Nacht verbracht habt, sagt ruhig, dass Ihr bei uns wart, denn es ist wahrscheinlich, dass sie das bereits wissen. Den Rest überlasse ich Euch. Und noch etwas. Kommt nicht mehr zu uns zurück, es sei denn in einem Augenblick größter Not. Dann gewähren wir Euch Zuflucht und bringen Euch aus der Stadt heraus. Ich lasse niemandem, der mir von Altwi empfohlen wird, in einem Sturm allein. Wir bleiben weiterhin in Kontakt, aber ich bin es, die Euch finden wird. Also sucht nicht nach mir. Und nun viel Glück, Steindorn, viel, viel Glück.“

„Auch von mir viel Glück, Steindorn“, sagte Blauer Schlafmohn. „Ihr seid ein äußerst fähiger und geschickter Mann, der schon viele kluge Entscheidungen getroffen hat. Centrell könnte trotz aller Gefahren der richtige Ort für Euch sein. Ich bin sicher, wir werden uns wiedersehen. Und seid vorsichtig, wem Ihr vertraut.“

Steindorn bedankte sich für die guten Wünsche. Dann führte ihn jemand in sein Zimmer zurück.

Unterwegs überlegte er, was Blauer Schlafmohn gemeint haben konnte. Woher wollte sie wissen, welche Entscheidungen er getroffen hatte und ob er geschickt war? Solche Worte schenkte man nur jemandem, den man gut und lange kannte. Und da war es wieder. Dieses Gefühl, sie sehr gut zu kennen. Aber wenn, dann unter einem anderen Namen als ausgerechnet Schlafmohn. Über seine Zukunft macht er sich jetzt keine Illusionen mehr. Von nun an arbeitete er für diese beiden Frauen im Haus Blau. Eventuell die Seiten zu wechseln in einem Spiel, von dem er noch gar nichts verstand, wäre ganz bestimmt keine jener klugen Entscheidungen, für die er gerade noch so gelobt worden war. Oh ja, er hatte die Warnung gut verstanden.

Am nächsten Morgen fand er ein gutes Frühstück vor und daneben einige kleinere Goldmünzen, die er einsteckte. Er verließ das Haus, ohne Abschied zu nehmen. Wo dieser Barionstab residierte, wusste er nicht. Aber das herauszufinden, konnte ja nicht schwierig sein.

Eine wild wuchernde Ranke umgab einen Stab. Auf Steindorn wirkte das Relief so, als wollte die Ranke den Stab schützen, und das Relief die Tür, über der es angebracht war. Aber wohin führte die Tür?

Er hatte nach dem Haus Barion gesucht, man hatte ihm den Weg gewiesen, und nun stand er vor einem Gebäude, das einen ganzen Block ausmachte und durch viele Türen betreten werden konnte. Jede Tür sah anders aus, aber so etwas wie einen Haupteingang, konnte er nicht entdecken. Entweder war das ein Spielchen, das half, Eingeweihte vom gemeinen Volk zu unterscheiden, oder es war völlig egal, an welche Tür er klopfte. Er entschied sich für die zweite Deutung, hob den Türklopfer an und ließ ihn auf dem Metallschild aufschlagen. Der Ton war tief und wohlklingend. Die Tür öffnete sich so rasch, dass man glauben könnte, man hätte ihn erwartet. Er stellte sich vor und fragte nach Barionstab. Es hätte ihn nicht verwundert, gleich wieder fortgeschickt zu werden, aber er wurde eingelassen, ihm wurden Erfrischungen angeboten, wie man sie wohl kaum einem hergelaufenen Bettler anbieten würde, und nach kurzer Wartezeit wurde er von einem älteren Elfen begrüßt.

„Was kann ich für Euch tun?“

Diese Frage überraschte Steindorn, weil sie viel zu früh kam, auf jede Höflichkeit verzichtete und auch alles umging, das benötigt wurde, um erst einmal eine Atmosphäre des oberflächlichen Vertrauens zu schaffen. Auf diese Frage konnte er wohl kaum mit einem Forderungskatalog antworten. Er beschloss, sie nicht zu beachten und seinerseits eine Frage zu stellen. Eine harmlose Frage, die niemandem schadete.

„Mein Name ist Steindorn“, sagte er. „Habe ich die Ehre Barionstab gegenüberzustehen, dem Herrn des Hauses Barion?“

Der Elf nickte nur kurz.

„Ich bin einen weiten Weg gegangen, um mir in Centrell eine neue Existenz aufzubauen. Keine Stadt gleicht der anderen, und gerade in der größten und wichtigsten Stadt herrschen immer etwas andere Gesetze als im Rest des Landes. Ich wäre daher dankbar für ein paar Empfehlungen, Hinweise aber auch Warnungen, die mir helfen, auf festem Untergrund zu bleiben.“

„Wie soll ich Euch die geben können, wenn ich nicht weiß, was Ihr hier erwartet. Oder seid Ihr gekommen, um für mich zu arbeiten?“

Wieder so eine direkte Frage, die er weder mit ‚Ja‘ noch mit ‚Nein‘ beantworten durfte, weil das ‚ja‘ ihn festlegte und er bei einem ‚Nein‘ die darauf folgende Frage fürchtete. „Ich weiß, es wirft ein schlechtes Licht auf mich, wenn ich sage, dass ich mich noch nicht entschieden habe. In jedem Fall ist es meine Absicht, selbstständig zu bleiben. Ich bevorzuge Kooperationen, einen Platz in bereits aufgespannten Netzen, und auch dort befinde ich mich lieber am Rand als in der Mitte. Denn in der Mitte befinden sich Macht und Einfluss, woran mir nicht gelegen ist. Die hohe Politik überlasse ich gern anderen.“

„Ihr habt eine merkwürdige Art, um Unterstützung zu bitten. Ist das Haus Barionstab das erste Haus, das Ihr besucht? Wenn nicht, wüsste ich gern, was Euch anderen Ortes empfohlen wurde.“

„Als ich in die Stadt kam, stieß ich mehr oder weniger zufällig auf ein Haus, dessen Fassade ganz in Blau gehalten war. Blaublatt und seine Familie nahmen mich herzlich auf, konnten aber nur wenig mit mir anfangen. Alles, was sie mir gaben, – und ich sage gern, dass das nicht wenig war, denn meine Reise hatte mich viel Kraft gekostet, – war die Gelegenheit, mich auszuruhen. Zu Euch bin ich gekommen, weil Ihr nach den Worten Blaublatts das größte Rad in dieser Stadt dreht.“

Zum ersten Mal verzog sich Barionstabs Mund zu der Andeutung eines Lächelns. „Ja, so würde sich der gute Blaublatt wahrscheinlich ausdrücken. Haus Blau war in der Tat das völlig falsche Haus für jemanden wie Euch, der offensichtlich weiterkommen möchte. Haus Blau ist ein Haus des Stillstandes, ohne Ehrgeiz und Kraft, aber einem erstaunlichen Willen, alles zu überleben. Es ist auch ein Haus voller Traditionen, obwohl mir unklar ist, wofür Traditionen etwas taugen wollen. Es sind Geheimniskrämer, alle miteinander, wobei ich mich immer frage, ob dieses Haus überhaupt etwas hat, das es wert ist, geheim gehalten zu werden. Aber lassen wir das. Ihr spracht davon, was Ihr weniger schätzt, aber was sind Eure Stärken?“

„Ich bin ein Komposit, kein Waldelf, wie Ihr unschwer erkennen könnt. Ich bin ein Kampfmagier durch und durch, der durch sein Geschick, Dinge zu organisieren, zu ein wenig Geld gekommen ist. Man nennt mich allgemein ‚den Dorn‘, weil ich eher aufspieße als zerschmettere und mich der nur schwer vergisst, in dessen Fleisch ich mich einmal hineingebohrt habe. Andererseits trage ich das unauffällige Graubraun einer entlaubten Schlehe und falle nicht weiter auf.“

„Da Ihr nicht nach Geld gefragt habt, nehme ich an, Ihr besitzt es. Mit Geld ist viel zu gewinnen. Baut eine Fabrik und in der Fabrik Kanonen. Außer Geld braucht Ihr nur die richtigen Leute dafür, solche die sich mit der Verarbeitung und der Magie von Metall auskennen. Eurem Namen nach zu urteilen, ist Tatkraft Euer größter Schatz.“

„Ein guter Scherz, Barionstab. Kanonen. Für nichts zu gebrauchen und eine Verschwendung von Erz. Teuer sind sie überdies auch noch.“

„Das nenne ich eine deutliche Aussage. Erklärt mir, warum Kanonen für nichts zu gebrauchen sind.“

„Sie sind schwer und noch schwerer zu bewegen. Sie bieten ein statisches Ziel, und ihr Schwachpunkt sind die Kanoniere. Jeder brauchbare Kampfmagier könnte eine Stellung zerstören.“

„Und wenn eine Stellung durch Magier geschützt würde?“

„Dann liefe es auf einen Kampf zwischen Magiern hinaus. Wozu braucht man dann die Kanone.“

„Ihr habt eine interessante Weise, die Dinge zu sehen. Wie sieht es mit Artefakten aus? Oder Maschinen? Was haltet Ihr von magischen Gerätschaften?“

„Ich komme aus NA-R. Das ist die Stadt der Artefakte. Für mich ein Handelszweig der Zukunft. Aber man muss genau wissen, wofür man sie braucht. Sagt, habt Ihr auch einen Vorschlag für den Fall, dass Tatkraft etwas wichtiger ist als Geld?“

„Sicher. Baut eine Kampftruppe auf und vermietet sie für verschiedene Einsätze. Ob Ihr jemanden beschützt oder jemanden verschwinden lasst, ist kein so großer Unterschied.“

Steindorn verbarg seine Überraschung geschickt, fragte sich aber, ob Barionstab das ernst meinte oder ihn nur provozieren wollte. In Zeiten des Friedens kostete es viel Geld, auf seine Chance zu warten. Bedeutete dieses Angebot, dass die Zeiten der Ruhe vorbei waren? Eine vorsichtige Antwort wäre wohl die beste, und so sagte er:

„Das ist ein sehr bedenkenswerter Vorschlag, Barionstab. Allerdings sind der Aufbau und vor allem der Unterhalt einer solchen Truppe kostspielig und nur lohnend, wenn genügend Einsätze gefordert würden. Wo sollten die herkommen, zumal doch wohl jedes Haus seine eigene kleine Kampfgruppe besitzen dürfte?“

„Ihr denkt wie ein wirklicher Geschäftsmann. Ich habe mir gedacht, solange Ihr klein seid, arbeitet Ihr für mich als eurem ersten Kunden. Ich leihe Euch für den Anfang einen zweiten Kampfmagier und einen oder zwei Söldner, die ihr später wieder freistellt, wenn Ihr eigenes Personal gefunden habt. Ihr habt recht, die Häuser schützen sich selbst. Aber ihre Kämpfer sind bekannt, und nach jedem Einsatz weiß die Stadt am nächsten Tag, wer beteiligt war. Bei Euch wäre das weit weniger klar.“

„Das ist korrekt. Aber in Zeiten großer Ruhe ist die Auftragslage in diesem Gewerbe dünn.“

„Das mit der Ruhe täuscht. Centrell ist ein Feuerberg in der Entstehung. Jemand wie Ihr könnte das eine Sandkorn zu viel sein, das oft ganze Hänge ins Rutschen bringt. Wir stehen vor einem Krieg, Steindorn, wenn wir nicht aufpassen.“

„Krieg ist ein großes Wort, Barionstab. Das wäre der erste Krieg, seit die Vernunft diese Welt betreten hat. Wir haben noch nicht einmal ein eigenes Wort dafür und mussten es uns aus den Legenden holen.“

„Ha, wo sind nur Eure Augen, Kerl! Krieg hat es immer gegeben. Er wurde nur niemals so genannt. Oder wollt Ihr sagen, dass Frieden herrscht zwischen den Komposits und den Waldelfen, nur weil die Zeit noch nicht gekommen ist, zu den Waffen zu greifen? Die Stadtelfen sind verärgert, weil sie nicht frei durch das Land ziehen können, wie es ihnen gefällt. Begegnen sie einer Gruppe von Wehrhütern, werden sie eingefangen und behandelt wie alle anderen Wilden auch. Und das sogar im Land der Menschen. Ich spreche nicht über den Elfenwald. Wir Komposits müssen deshalb immer in Gruppen reisen, die denen der Wehrhüter in Größe und Bewaffnung mindestens ebenbürtig sind. Das nehmen wir nicht mehr lange hin. Wir werden kämpfen. Nur der Zeitpunkt ist noch nicht festgelegt.“

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
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Objętość:
203 str. 6 ilustracji
ISBN:
9783959591836
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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