Czytaj książkę: «Harras»
Winfried Thamm
Harras
Alles wird böse
© 2015

1. Auflage Juni 2015
© 2015 OCM GmbH, Dortmund
Gestaltung, Satz und Herstellung:
OCM GmbH, Dortmund
Verlag:
OCM GmbH, Dortmund, www.ocm-gmbh.de
ISBN 978-3-942672-35-1
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Inhaltsverzeichnis
Umfeld der Protagonisten
Prolog
Teil I – Alles wird gut
Kapitel 1 – Misslungene Überraschung
Kapitel 2 – Der erste Tag zu Hause
Kapitel 3 – Mails
Kapitel 4 – Wiedersehen mit seiner Crew
Kapitel 5 – Ein klärendes Gespräch
Kapitel 6 – Mails
Kapitel 7 – Erstes Wiedersehen mit Stasia
Kapitel 8 – Streit um eine Geschäftsidee
Kapitel 9 – Mails
Kapitel 10 – Ein vertrauliches Gespräch
Kapitel 11 – Freier Zugang für Harras
Kapitel 12 – Mit Karl beim Fußball
Kapitel 13 – Dreierstreit mit Sirene
Kapitel 14 – Nachbarsfreunde und Einsamkeit
Kapitel 15 – Mails
Kapitel 16 – Männerabend
Kapitel 17 – Die Geburtstagsidee
Kapitel 18 – Die alten Freunde
Kapitel 19 – Hennings Geburtstagsfest
Kapitel 20 – Die Geburtstagsnacht
Teil II – Alles wird schlecht
Kapitel 21 – Nach dem Fest
Kapitel 22 – Mails
Kapitel 23 – „Blue Note“
Kapitel 24 – Der leere Lehrer
Kapitel 25 – Eine neue Freundschaft
Kapitel 26 – Walter wird flügge
Kapitel 27 – Freundschaft auf tönernen Füßen
Kapitel 28 – Heiligabend
Kapitel 29 – Die Silvesterparty
Kapitel 30 – Abwärts – Aufwärts
Kapitel 31 – Beziehungskarussell
Kapitel 32 – Mails
Kapitel 33 – Briefkastendesaster
Kapitel 34 – Helen zu Besuch im Himmel
Kapitel 35 – Noch ein Besuch
Kapitel 36 – Henning fällt der Himmel auf den Kopf
Teil III – Alles wird böse
Kapitel 37 – Polizei im Haus
Kapitel 38 – Mails
Kapitel 39 – Feindbilder
Kapitel 40 – Fluchthafen
Kapitel 41 – Vater, Sohn und Nachbarschaft
Kapitel 42 – Bei der Polizei
Kapitel 43 – Die Enttarnung
Kapitel 44 – Wie sich die Spreu vom Weizen trennt
Kapitel 45 – Mails
Kapitel 46 – Wenn Feinde reden
Epilog
Über den Autor
Für alle meine Freunde, alte und neue, tote und lebende, gewesene, gegenwärtige und zukünftige.
„Es ist schlimm, erst dann zu merken, dass man keine Freunde hat, wenn man Freunde nötig hat.“
Plutarch
(gr. Schriftsteller 45 – 125 n. Chr.)
Prolog
Henning Wennemann zog sich an, packte seine Tasche und ging vorsichtig, auf Krücken, auf den Flur. Das Laufen fiel ihm immer noch schwer. Seine Beine schmerzten.
Im Besucherraum, wo er auf seine Frau Helen warten wollte, sprach ihn ein Pfleger an, die Klinik habe aus Holland seine Segelhose nachgeschickt bekommen, leider völlig zerschnitten. Ob er sie trotzdem mitnehmen wolle. Er bejahte, bekam eine Plastiktüte ausgehändigt, nahm den Hosenfetzen heraus und durchsuchte die Taschen. Aus einer zog er eine zerknitterte und aufgequollene Visitenkarte heraus:
Anastasia Wirkunowa
Berliner Straße 6
45123 Essen
Telefon: 0201 – 73 72 71
E-Mail: stasia@t-online.de
Plötzlich wurden seine Knie weich. Er setzte sich und starrte auf die Karte. Dann ließ er sie in seiner Hosentasche verschwinden. In diesem Augenblick betrat Helen den Raum.
„Henning, ich bin so glücklich, dass du endlich nach Hause kommst.“
Sie hielten einander und küssten sich. Es sah sehr innig aus.
„Wo ist Karl? Wollte er mich nicht abholen?“, fragte er sie.
„Doch, eigentlich ja, aber ... es ist ... frag nicht. Dich erwartet eine Überraschung, okay?“, erklärte sie freudig.
„Da bin ich aber gespannt“, antwortete er gut gelaunt.
Sie verließen die Klinik, nicht ohne sich von der Stationsschwester Sabine, dem Pfleger Heinrich und dem behandelnden Arzt Dr. Dassler zu verabschieden und sich ausdrücklich zu bedanken. Sie setzten sich in den Passat Kombi und fuhren nach Hause.
Auf dem Weg schauten sie sich immer wieder an und lächelten sich zu, wechselten jedoch kaum ein Wort.
Henning brannte die Visitenkarte ein Loch in den Oberschenkel.
Helen parkte vor dem Haus, nicht in der Garage, zu eng für ihn und seine Krücken. Sie gingen auf die Haustür zu.
„Du wirst staunen, Henning!“, strahlte sie und schloss die Haustür auf. Karl kam den Flur entlanggelaufen. Henning ließ die Krücken fallen. Sein Sohn sprang ihm in die Arme, er konnte ihn halten ohne zu fallen und drückte ihn fest an sich.
„Papa, ich bin so froh, dass du wieder da bist!“, sagte Karl freudestrahlend.
„Ach Karl, ich auch. Nichts habe ich mir mehr gewünscht.“ Henning war ehrlich gerührt.
„Und jetzt die Überraschung!“, sagte Helen hinter ihm. „Rate mal, wer da ist?“
„Keine Ahnung. Dein Vater?“, war seine Antwort auf dem Weg zum Wohnzimmer. Seine Frau überholte ihn und stand in stolzer Haltung neben dem Sofa.
„Schau, dein Freund Harras. Ich habe ihn eingeladen. Und er hat seine Freundin mitgebracht. Darf ich vorstellen: Henning, mein Mann! Anna, Harras Freundin.“
Auf seiner Couch saßen: Harras und Stasia
Teil I
Alles wird gut
„Freundschaft ist wie Heimat“
Kurt Tucholsky
Kapitel 1
Misslungene Überraschung
Wie einen arktischen Strom spürte er die Angst durch seinen Körper fluten, als er Harras und Stasia erblickte. Sie schwemmte jede Farbe aus seinem Gesicht und sog ihm alle Kraft aus den Knochen, sodass er seitlich wegknickte und zu fallen drohte. Jegliche Empfindung war vereist. Nur seine Angst strahlte kalt.
Harras fing ihn auf, bevor er fiel. Auch Stasia war aufgesprungen. Henning machte sich von Harras los und ließ sich von Helen zu seinem großen Lesesessel führen. Vorsichtig setzte er sich hin und atmete hörbar aus.
„Ja, so ganz der Alte bin ich noch nicht, wie man sieht“, sagte er ernst.
„Das wird schon wieder, Schatz, Hauptsache, du bist erst mal zu Hause. Alles wird gut!“, lächelte Helen und spürte sofort, welchen Schwachsinn sie da von sich gab. Sie wandte sich ab vor Scham.
Harras und Stasia standen verloren im Raum und wussten nicht, wohin mit ihren Blicken. Nur Karl war bei sich, lief zu seinem Vater und sagte: „Papa, wir haben dich sooo viel vermisst“, und breitete seine Arme so weit aus, wie er nur konnte.
„Ja, ich euch auch. Na, komm mal her, kleiner Mann“, sagte er und nahm ihn vorsichtig auf den Schoß. Karl legte den Kopf an seine Brust und spielte mit den Knöpfen an seinem Hemd. Seine Nähe taute Hennings Angst mit jedem Atemzug.
„Nehmt Platz, meine Lieben, willkommen in meinem Haus. Steht der Champagner hier auf dem Tisch nur zur Dekoration?“, versuchte Henning einen schalen Scherz.
Stasia setzte sich auf die Sofakante, wie eine Novizin zur Beichte bei der strengen Mutter Oberin. Helen und Harras stießen peinlich zusammen, als sie beide zum Champagner griffen. Sie überließ ihm schließlich das Einschenken und sagte: „Entschuldige Henning, ich bin ein bisschen durcheinander. Dein …, ja, was war es, … Schwächeanfall hat mich ein bisschen erschreckt. Also, es ist schön, dass du wieder da bist, ich finde keine Worte dafür.“
Sie ging zu ihm, setzte sich auf die Sessellehne, ihr Gesicht ganz nah an seinem. Sie fuhr ihm durchs Haar, über die Schläfe und Wange und küsste ihn ganz zart, ganz warm, ganz sacht. Jetzt fühlte sie sich nicht mehr dumm. Henning nahm sie in die Arme, roch ihr Haar, spürte ihre Wärme und einen Hauch von Glück.
„Wenn ihr jetzt hier rumknutscht, gehe ich besser auf mein Zimmer, darf ich?“, fragte Karl.
„Klar. Du musst eh von meinen Beinen runter, die halten noch nicht so viel aus.“
Harras hatte die Gläser gefüllt und reichte sie den anderen.
„Auf dich, mein Freund, dass du bald wieder der Alte bist.“
Sie prosteten sich zu und tranken.
„Du hast dich bestimmt gewundert, uns beide hier anzutreffen“, fuhr Harras fort.
„Das kannst du wohl sagen“, unterbrach ihn Henning. „Was wollt ihr eigentlich hier? Einen Asylantrag stellen. Oder Familienanschluss? Soll ich euch adoptieren?“ Hennings Tonfall war weit davon entfernt zu scherzen.
„Du wolltest nicht, dass ich dich im Krankenhaus besuche. Deshalb bin ich jetzt hier. Ich wollte dich sehen. Ich wollte dir sagen, wie unendlich leid mir das alles tut. Und ich wollte dich bitten, mir noch eine Chance zu geben“, erklärte sich Harras. Seine Bitte lag auch in seinem Blick. Seine Finger rangen miteinander.
„Ich höre immer nur: Ich wollte, ich wollte, ich wollte ... Ich wollte dich nicht mehr sehen. Das zählt wohl gar nicht?! Bitte geht jetzt. Harras, lass uns später darüber reden. Ja, ich glaube, das kann ich dir nicht verwehren. Ich muss mich jetzt ausruhen.“
Harras und Stasia standen auf und schlichen hinaus wie geprügelte Hunde. Auf dem niedrigen Couchtisch blieb eine Visitenkarte zurück von Hans-Joachim Stelzer mit Adresse, E-Mail-Adresse, Festnetz- und Handy-Nummer. Auf der Rückseite stand in krakeliger Handschrift: Harras (Dein Freund).
„Das hatte ich mir anders vorgestellt mit meiner Heimkehr“, sagte Henning mit einem Seitenblick auf Helen.
Sie setzte sich wieder auf seine Lehne strich ihm durchs Haar und sagte: „Ja, du hast recht. Verzeih. Ich hätte ihm nicht erlauben sollen zu kommen. Aber er hat so gebettelt. Da konnte ich nicht Nein sagen. Du weißt ja, wie er ist. Aber kannst du ihm nicht noch eine Chance geben? Er hat viel falsch gemacht, aber doch nicht mit Absicht. Oder glaubst du das immer noch? Eigentlich ist er doch ein netter Kerl. Und eine arme Wurst.“
„Nein, das glaube ich jetzt nicht mehr. Er tut mir nicht gut. Das waren übrigens deine Worte, Helen. Das weißt du.“
„Ja, das habe ich mal gesagt. Aber jetzt sehe ich das anders. Er hat mir sehr geholfen in letzter Zeit, besonders mit Karl. Ja, ich habe ihn schätzen gelernt.“
„Hoffentlich nicht lieben“, grinste Henning.
„So gefällst du mir schon besser“, lachte sie und gab ihm einen Klaps. „Hast du Hunger? Ich mach was.“
„Prima, ich gehe mal zu Karl. Der will mir bestimmt ganz viel zeigen und erzählen.“
Henning spielte mit Karl, bis das Essen fertig war. Dann aßen sie gemeinsam. Karl erzählte von der Schule, von seinen Freunden und vom Fußballverein. Nach dem Essen brachte Henning Karl zu Bett und las ihm eine Seeräubergeschichte vor. Dann nahm er ihn in den Arm und küsste ihn auf die Wange: „Es ist so, so gut, dass es dich gibt, Karlchen.“
„Ich hab dich lieb, Papa“, strahlte er seinen Vater an.
Henning spürte, dass er noch nicht richtig angekommen war, zu Hause, in seiner Familie. Karl war ihm ein Trost. Aber wieso brauchte er ihn, diesen Trost? In sich spürte er eine ungewisse Trauer, als sei jemand, den er liebte, nicht mehr da. Zwischen ihm und Helen war eine Distanz, wie eine Panzerglasscheibe. Er konnte sie sehen, sehnte sich nach ihrer Nähe, erreichte sie aber nicht. Der Kuss vorhin hatte gut getan, er hatte ihn aber nicht geschmeckt.
Langsam stelzte Henning die Treppen hinunter – die Beine taten ihm weh – und setzte sich wieder in seinen Sessel. Helen nahm auf dem Sofa Platz. Beide hatten ein Glas Rotwein vor sich.
Sie berichtete ihm das Neueste aus dem Institut: Zwei kleinere Kunden seien abgesprungen. Sie ständen kurz vor der Pleite. Aber das Honorar von der letzten Fortbildung hätten sie noch bekommen. Ansonsten lief der Laden wie immer. Eine Menge Büroarbeit sei liegen geblieben. Das Dringendste habe sie mit Walter, seinem Organisationsleiter und Stellvertreter, weggearbeitet, aber an einige Verträge und Entscheidungen hätten sie sich nicht herangetraut, ohne ihn.
Helen trank einen Schluck von ihrem Wein und wechselte das Thema: „Henning, das mit Harras will ich dir erklären. Er war in letzter Zeit häufiger hier. Wir haben viel über diese schreckliche Geschichte geredet. Ihm tut …“
„Helen, warte mal!“, unterbrach sie Henning. „Das ist mir jetzt alles zu viel. Jedenfalls war diese“, er lachte freudlos, „Überraschung keine gute Idee. Und dann bringt er auch noch diese Stasia mit. Die hat mit allem doch gar nichts zu tun.“
„Wieso Stasia? Ich denke, sie heißt Anna?“, warf Helen ein.
„Sie heißt Anastasia. Ich kenne sie von einer Fete bei Harras. Da hat er sie noch Stasia genannt. Was das soll, weiß der Himmel. So, und jetzt muss ich ins Bett.“
„Ja, Schatz, ich helfe dir.“
„Lass mal, ich muss langsam wieder auf eigenen Beinen stehen, im wahrsten Sinne des Wortes.“
Sie lagen im Bett, seine Schulter in ihrem Arm, sein Kopf an ihrer Brust, sein Arm auf ihrem Bauch, sein Bein zwischen ihren beiden. Ein schönes Bild. Doch nichts war schön. Alles wird gut. Der dumme Satz von Helen am Nachmittag. Er weinte lautlos. Sie spürte es, sagte aber nichts. Es gab nichts zu sagen. Auch nicht zu tun. Sie schwiegen sich in den Schlaf.
Kapitel 2
Der erste Tag zu Hause
Helen stand wie immer um sieben Uhr auf, um Karl das Frühstück zu machen, die Schulbrote zu schmieren und ihn gut in den Tag zu bringen. Dann frühstückte sie selbst, schaute kurz in die Zeitung. Sie wollte um neun in der Buchhandlung ihres Vaters sein, in der sie zwei- bis dreimal in der Woche arbeitete. Später, wenn Karl älter war und ihr Vater nicht mehr so konnte, wollte sie den Buchladen übernehmen, aber noch war ihr alter Herr fit genug. Bevor sie aufbrach, schrieb sie für Henning eine kurze Nachricht und legte sie auf den Küchentisch.
Sie warf sich ihren Trenchcoat über, griff ihre Tasche und mit der anderen Hand wählte sie Harras’ Nummer auf ihrem Handy.
„Hey, Helen“, meldete er sich.
„Deine Aktion gestern war ja wohl gar keine gute Idee. Das hab ich dir doch im Voraus gesagt. Henning war ganz fertig.“
„Ja, klüger ist man hinterher immer. Aber was willst du? Er hat mich nicht für immer und ewig aus seinem Leben geschmissen, sondern will mit mir reden. Wollte ich mehr?“
„Du kannst so schäbig sein. Den ganzen Abend hast du versaut. Zählt das nicht?“
„Ja, das tut mir leid“, sagte er wenig überzeugend, „aber damit habe ich nicht gerechnet.“
„Und warum hast du deine neue Flamme, diese Anna, mitgebracht, die ja eigentlich Stasia heißt?“
„Also, das muss ich dir erklären. Erstens heißt sie Anastasia, da sind ja wohl beide Kürzel nachvollziehbar. Zweitens nennen sie alle zwar Stasia, ich aber Anna, weil ich nun mal ein besonderes Verhältnis zu ihr habe. Das verstehst du doch hoffentlich. Dass ich sie mitgenommen habe, liegt daran, dass eben diese, nennen wir sie Stasia, mit Henning in einem Jazz-Klub einen kleinen, aber sehr netten Spontan-Auftritt hatte. Er hat Klavier gespielt und sie dazu gesungen. Das hatte ihm viel Spaß gemacht und daran sollte er sich gestern erinnern. Das war also nur gut gemeint. Ach, Helen, das passiert mir mit Henning so oft. Ich meine was gut und es geht daneben.“
„Das war wirklich alles? Du verschweigst mir nicht noch irgendwas?“, fragte sie nach.
„Nein, glaub mir. Du traust mir doch, oder?“
„Ja, ja, ist schon gut. Und bevor Henning mit dir gesprochen hat, lässt du dich bei uns nicht blicken, versprochen?“
„Versprochen, großes Indianer…“
„Lass deine Karl-May-Kindereien und …“, das klang schon versöhnlicher, „schöne Grüße von Karl. Du bist für ihn ein Held.“
„Och, nicht für dich?“, flachste er.
„Nee, erst wenn du mit Henning wieder im Reinen bist. Ciao und hab Geduld.“
Während des Gesprächs hatte sie im Auto gesessen, ohne losgefahren zu sein. Sie hasste diese unkonzentrierten, telefonierenden Autofahrer, die vielleicht irgendwann ihren Karl übersehen würden, nur weil … Daran durfte sie gar nicht denken. Wer Kinder hat, hat immer Angst.
Dann gab sie Gas. Ihr Vater wartete schon.
Henning wachte erst gegen elf Uhr auf. Die Schmerzen in seinen Beinen hatten ihn geweckt. Er quälte sich aus dem Bett und machte die gymnastischen Übungen, die sein Physiotherapeut ihm gezeigt hatte. Die Muskeln wurden geschmeidiger, die Bewegungen fließender und die Schmerzen verschwanden. Er ging unter die Dusche und fühlte sich wach und agil.
Als er in die Küche kam, fand er Helens Zettel auf dem Tisch: Sie sei im Buchladen und gegen zwölf wieder zurück. Er warf die Espressomaschine an, machte sich einen Cappuccino, fütterte den Toaster mit zwei Scheiben, stellte Butter, Wurst und Marmelade auf den Tisch. Ihm ging es gut und er freute sich auf sein erstes ausgiebiges Frühstück zu Hause.
Dann verabredete er um 14 Uhr ein Treffen mit Walter. Er solle die wichtigsten Unterlagen mitbringen. Nein, er komme nicht ins Institut, er dürfe noch nicht Auto fahren.
Anschließend fuhr er den Laptop hoch und checkte seine E-Mails. Einige Kunden fragten nach Terminen für Verhandlungen über neue Verträge und wünschten ihm gute Besserung. Eine lange Liste von Mails fand er von alten und neuen Freunden und deren Familien, die fragten, wie es ihm ginge und wann man sich endlich wiedersehen würde. Henning war gerührt wegen dieser herzlichen Anteilnahme. Er beantwortete sie alle, zum Teil recht ausführlich und lud gleich seine Freunde aus der Nachbarschaft zu einer Wiedersehensparty in drei Wochen ein. Seinen alten Freundeskreis wollte er zu seinem Geburtstag bei sich versammeln. Der nächste Samstag war reserviert für seine Mitarbeiter. Einerseits musste er wieder auf den neuesten Stand gebracht werden, andererseits war es ihm wichtig seinen Leuten deutlich zu zeigen, wie sehr er sich darüber freute, wie engagiert sie den Laden geführt hatten, während seiner Abwesenheit. Es war an der Zeit ihnen dafür zu danken, mit einem netten Abend bei guten Essen und noch besserem Wein. Auch Helens Einsatz wollte er an diesem Tag herausstellen.
In diesem Moment hatte er das Gefühl, das Leben habe ihn wieder.
Henning Wennemann war mittelgroß, also knapp über eins achtzig, hellblond und stämmig gebaut, immer auf der Hut, ja nicht dick zu werden. In diesem Herbst würde er 43 Jahre alt werden und sein Sohn Karl acht. Seine Frau Helen, fast so groß wie er und fast so blond, lernte er vor zwölf Jahren auf einem Jazzfestival kennen, als er selbst noch an den Tasten saß, als Pianist seiner Combo „Bar-Jazz-O“. Helen war fünf Jahre jünger als Henning, trug ihr Haar mittellang und hatte eine schlanke, weibliche Figur mit breiten Hüften und vollem Busen. Helen und Henning, das war ein Paar wie der Sound ihrer beiden Namen. Das klang nach Swing und Harmonie. Obwohl Henning nie bewusst einen Wunsch nach Kindern verspürt hatte, war Karl nur die logische Folge aus ihrer so selbstverständlichen und klaren Liebe. Hätte man sie gefragt, hätten beide nicht gewusst, wann sie das letzte Mal im Streit aneinandergeraten waren. So war es zumindest, bevor Harras wieder in Hennings und dann auch in Helens Leben trat. Nachdem Henning sein Studium als Lehrer abgeschlossen hatte, schwappte über ihm die Lehrerschwemme zusammen und spie ihn aus in die Arbeitslosigkeit. Ein paar Jahre hatte er versucht von seiner Jazz-Musik zu leben, was ihm aber nur wenig Ruhm und ewig leere Taschen einbrachte. Nach einigen Fortbildungsmaßnahmen vom Arbeitsamt entschied er sich ein Unternehmensberatungsbüro zu gründen, das mittleren Betrieben und sozialen Trägern im Bereich der Personalführung und des Betriebsmanagements auf die Sprünge half. Ein kleines, aber frei stehendes Haus am Rande des Siepentals in Essen-Bergerhausen konnte er fast sein Eigen nennen, mit Garten und Baumhaus für den kleinen Karl. Das Zentrum seines Lebens war seine Familie, seine Firma und seine Freunde. Seine Musik war auf das Gerippe eines gelegentlichen Hobbys abgemagert. Gelegentlich, ein paar, Sweet Georgia Brown‘ oder ,Lady Be Good‘, wenn Freunde da waren und der Wein nostalgisch machte. Sonst war keine Zeit für Jazz.
Kapitel 3
Mails
Von: H. Wennemann: hennwenn@web.de
An: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
wir treffen uns am 24.08. um 20.00 h im stilbruch in steele, vorher keine zeit.
wenn du vorher aufkreuzt oder am o.g. termin nicht erscheinst, war’s das.
henning
Von: H. Wennemann: hennwenn@web.de
An: S. Wirkunowa:stasia@t-online.de
hallo stasia,
ich will nur wissen, ob diese e-mail-adresse noch aktuell ist, dann mehr.
henning
Von: S. Wirkunowa: stasia@t-online.de
An: H. Wennemann: hennwenn@web.de
hallo henning,
ja, ist sie, wie du siehst. was willst du?
st.
Von: H. Wennemann: hennwenn@web.de
An: S. Wirkunowa: stasia@t-online.de
das fragst du mich? was sollte dieser auftritt gestern bei mir?
Von: S. Wirkunowa: stasia@t-online.de
An: H. Wennemann: hennwenn@web.de
frag harras, hat mich gezwungen mitzukommen.
Von: H. Wennemann: hennwenn@web.de
An: S. Wirkunowa: stasia@t-online.de
bist du jetzt wirklich mit ihm zusammen?
Von: S. Wirkunowa: stasia@t-online.de
An: H. Wennemann: hennwenn@web.de
na ja sieht so aus oder?
Von: H. Wennemann: hennwenn@web.de
An: S. Wirkunowa: stasia@t-online.de
wie meinst du das?
Von: S. Wirkunowa: stasia@t-online.de
An: H. Wennemann: hennwenn@web.de
frag harras
Kapitel 4
Wiedersehen mit seiner Crew
Die Tage gingen dahin und für Henning, Helen und Karl wurde das Familienleben langsam wieder normal. Henning machte täglich seine Übungen und hatte drei feste Termine in der Woche, an denen er sich zu seinem Physiotherapeuten fahren ließ, der ihn dann streckte, drehte und massierte. Danach fühlte er sich immer wie neu und gleichzeitig total müde.
Dann kam der Samstag, zu dem Henning seine Mitarbeiter eingeladen hatte. Um nicht am Abend noch in der Küche hantieren zu müssen, hatten sie sich für ein kaltes Büffet entschieden, das auf Hennings Wunsch sehr fischlastig ausgerichtet war:
Sie kredenzten Graved Lachs, ebenso geräucherte Forellen- und Makrelenfilets, dazu eine selbst gemachte Aioli, einen Matjessalat aus „nieuwe haring“ vom Holländer in Rüttenscheid, mit Zwiebeln, Apfelstücken und Cornichons in einer Joghurt-Sahnesoße und Gambas an Meerrettich-Sahne. Dazu gab es einen großen frischen Salat mit Pesto-Croûtons und Pinienkernen und reichlich Fladenbrot vom Türken auf der Steeler Straße. Für Banausen, die all diese fischigen Köstlichkeiten nicht zu schätzen vermochten, hatte Helen noch ein paar Mini-Frikadellen von Aldi besorgt.
Um acht waren alle da:
Walter begrüßte Henning mit einer kräftigen Umarmung, groß und robust, wie er war und wie immer komplett in schwarze Lederhose und Lederjacke gehüllt, darunter irgendein T-Shirt, meist mit einem Bandnamen bedruckt. Mit Helen ging er bei seiner Begrüßung weitaus vorsichtiger um. Ein Colani-Bart schmückte sein Gesicht und ein Pferdeschwanz bändigte sein langes, schwarzes Haar. Er wirkte wie Dennis Hopper in „Easy Rider“, hatte aber nur wenig mit Rockmusik am Hut, außer den Stones. Er war ein äußerst filigraner Jazzdrummer und hatte lange mit Henning zusammen Musik gemacht. Sie kannten sich aus dem Lehramtsstudium. Beide hatten sie das erste Staatsexamen an der Uni Essen abgeschlossen. Während Henning auch das Referendariat absolvierte, brach Walter es ab und ließ sich vom Arbeitsamt in einer Umschulung zum „Managementassistenten“ ausbilden, was auch immer das sein sollte. Als Henning keine Lehrerstelle bekam und beschloss, sein Institut zu gründen, war Walter gerade arbeitslos und stieg bei ihm ein. Nach Henning war er der zweite Mann im Geschäft, weil Henning über das Startkapital verfügte.
Gabi war Anfang fünfzig, dürr und verhuscht. So tüpfelte sie Henning einen schnellen und schüchternen Kuss auf die Wange und nahm gleich wieder Abstand. In einem Retro-Hippie-Kleidchen stand sie da und fummelte an ihrer Handtasche. Sie war die Personalabteilung und das Schreibbüro, kümmerte sich um Lohnabrechnungen, Krankmeldungen, Überweisungen und den ganzen Schreibkram.
Peter und Paul waren so dermaßen schwul, dass es kaum auszuhalten war. Dazu waren sie auch noch das Klischee-Schwulen-Paar an sich. In ihren schrillen Hawaiihemden und mit ihren strähnchenblonden Stehhaarfrisuren stürmten sie auf Henning zu, dass er Angst hatte, nach der Begrüßung wieder in die Klinik zu müssen. Doch im Job waren sie Profis. Peter war Psychologe und zuständig für die Personalführungs-, Motivations- und Supervisionsseminare. Paul als Betriebswirt deckte die Firmenorganisation und die Zertifizierung ab, also das, was man gemeinhin Qualitätssicherung nannte. Doch wenn die beiden gerade eine Beziehungskrise durchlebten, war ihr Zickenalarm nicht zu ertragen.
Der rief dann Eva auf den Plan. Sie konnte traumhaft deeskalieren. Jetzt herzte sie Henning zur Begrüßung heftig unter den skeptischen Blicken von Helen. Denn Eva war einfach süß, und so sah sie auch aus. Mit ihrem Herzgesicht, der Stupsnase und dem Grübchenlachen, mit dem schwarzen, knappen Stretchrock, darüber ein schulterfreies, rotes Etwas und mit ihrer Mädchenfigur wirkte sie wie zweiundzwanzig, war aber Anfang dreißig. Sie war ausgebildete Ergotherapeutin, zertifizierte Yogalehrerin und gab Seminare für Meditation, Gesundheit am Arbeitsplatz und Deeskalationsstrategien. Nebenbei schrieb sie an ihrer Doktorarbeit in Philosophie über Kant und Konfuzius oder so ähnlich. Sie war ein Bündel an Energie und Intelligenz im Körper einer ewigen Kindfrau und wurde gerne wegen ihrer entspannten Grundhaltung bei schwierigen Kunden eingesetzt.
So standen sie alle da mit ihren Sektflöten und freuten sich, dass ihr Chef wieder auf dem besten Weg war. Henning ergriff das Wort:
„Liebe Leute, ich bin so froh euch wiederzusehen. Und das scheint ja nach dieser Begrüßung nicht ganz einseitig zu sein. Zuerst will ich euch danken für euren Einsatz. Denn das Geschäft habt ihr ausgezeichnet am Laufen gehalten, ohne mich. Walter hat mich im Einzelnen über die aktuelle Situation informiert. Und abgesehen von kleinen Verlusten am Kundenstamm, die aber nichts mit eurer Arbeit zu tun haben, habt ihr eure Sache so vorzüglich gemacht, dass ich mir fast überflüssig vorkomme. Eigentlich könnte ich Walter den Laden übergeben und angeln gehen. Aber ich finde angeln langweilig und Walter würde mehr Gehalt wollen. Und wenn Walter mehr bekäme, wolltet ihr auch mehr. Und schon wäre der Laden pleite. Bevor ich weiteren Quatsch erzähle, lasst uns setzen und essen und trinken und plaudern. Schön, dass ihr da seid. Ihr seid super!“
Alle klatschten, johlten und herzten sich. Es hatte etwas von Kindergeburtstag.
So langten sie zu, die Mitarbeiter des IFuM (Institut für Fortbildung und Management) und ihr Chef, der ihnen wie ein Freund war. Sie lobten das Fischbüffet, redeten über Kunden und Job, über Gott und die Welt und hatten Fragen über Fragen an Henning zu seinem Unfall, die Verletzungen und die Zeit im Krankenhaus.
So berichtete Henning, dass er mit seinem guten alten Freund Harras auf einem Segeltörn in Holland auf dem Ijsselmeer war, als der Unfall passierte. Abends war Harras auf die Idee gekommen zu einem Nachttörn hinauszufahren. Während der Fahrt hat der Wind mächtig aufgefrischt und die See war immer kabbeliger geworden. Harras hat sich nicht davon abhalten lassen, seinen alten starken Rum zu trinken. Darüber waren sie in Streit geraten und Harras war an der Reling herumgeturnt, um Henning zu provozieren. Bei einer heftigen Welle war er dann über Bord gegangen. Henning hat es jedoch geschafft, ihn wieder herauszufischen. Bei der Aktion hat sich ein Seil am Ruder gelöst und der Wind hat daraufhin in das Großsegel gegriffen und ihm mit aller Macht den Baum gegen die Beine geschlagen, sodass er in die Reling geschleudert wurde. Das Ergebnis waren diverse zum Teil komplizierte Bein- und Rippenbrüche, die ihm fast drei Monate Klinikaufenthalt eingebracht hatten. Seitdem war seine Freundschaft zu Harras nicht mehr die intensive und vertrauensvolle, die es einmal war. Ob sie beide es hinkriegten, mit sich wieder ins Reine zu kommen, stehe in den Sternen. Den wahren Grund ihrer Auseinandersetzung behielt er für sich, genauso wie den Eindruck, Harras habe das Seil vom Ruderrad absichtlich gelöst. Dessen war er sich keineswegs sicher. Eigentlich glaubte er es auch nicht, wollte es nicht glauben.
Als Henning seine Schilderung beendet hatte, sagte Eva: „Den würde ich mit dem Hintern nicht mehr angucken. Dieses Arschloch, besäuft sich, turnt auf dem Boot rum und lässt sich dann von dir wieder rausfischen. Du hast ihm quasi das Leben gerettet und wirst mit so einem Unfall betraft. Hätte er nicht gesoffen und geturnt, wäre das alles nicht passiert.“
„Ja, so habe ich das zuerst auch gesehen und im Krankenhaus hatte ich ja genug Zeit über alles gründlich nachzudenken. Ich wollte ihn eigentlich auch nicht wiedersehen. Aber als ich nach Hause kam, saß er auf meinem Sofa und bat um Verzeihung. Ich habe ihn erst mal rausgeworfen, aber reden muss ich schon noch mit ihm. Das bin ich ihm schuldig“, erwiderte Henning.
„Schuldig ist er dir alles, du ihm nichts. Du bist zu gutmütig, Henning“, warf Walter ein.
„Na ja, schau’n wir mal. Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehe“, beendete er das Thema.
Nach Mitternacht brachen sie auf, alle zusammen, wie das oft ist, wenn einer den Anfang macht.
„Das war ein richtig schöner Abend, Helen. Ich merke, ich komme gut wieder rein, in die Firma und in den Alltag und überhaupt. Die Welt hat mich wieder. Schön.“
Henning lächelte Helen an, sie nahm ihn in den Arm: „Ja, Schatz, es renkt sich alles wieder ein. Vielleicht auch das mit Harras und dir. Es wäre euch zu wünschen.“
Im Schlafzimmer zogen sie sich aus, ohne sich dabei aus den Augen zu lassen. Standen sich gegenüber, küssten sich hastig, tief, gierig, bissig. Stießen ihre Körper aneinander, umarmten, rangen eher, fielen aufs Bett und übereinander her. Schnell, hart, lüstern, konzentriert, freudlos, geil, kurz und schmerzhaft. Als es vorbei war, drehten sie sich voneinander weg und schwiegen.
Nach einer Unendlichkeit fragte Helen: „Was war das gerade?“
„Was meinst du mit ‚das‘?“
„Das weißt du genau!“
„Gier, lange Abstinenz, Unsicherheit? Weiß nicht.“
„Es war so entsetzlich lieblos!“
„Na ja …“
„Findest du das nicht schlimm?“
„Schlimm, wieso, ich meine, beim nächsten Mal …“
„Nein, dass wir überhaupt …“, ihre Stimme bröckelte.
„Ach Schatz, komm, wir kriegen uns schon wieder“, sagte Henning beruhigend und nahm sie in den Arm. Doch noch nie war er ihr so fern gewesen wie jetzt.
Sie legte ihren Kopf auf seine Brust, fühlte seinen Brustkorb atmen und sein Herz schlagen, als sei es ein fremdes.
Kapitel 5
Ein klärendes Gespräch
Harras war ein südländischer Typ mit fast schwarzen Haaren und einer großen, etwas schiefen Hakennase, einem schmallippigen, häufig arrogant wirkenden Mund und intensiven dunklen Augen. Sein Körper, etwas kleiner als Hennings, war mager, durchaus durchtrainiert, drahtig und ungeheuer zäh, aber nicht sehr schön anzuschauen mit seinen knochigen, krummen Beinen und seiner blassen Haut. Er war der einsame Wolf, unabhängig und kompromisslos, mit verrückten Ideen, viel Geld und Einfluss. Sein Luxusleben finanzierte er sich als Immobilien-Geier. Mit guten Drähten zu Banken, Steuerbehörden und anderen wichtigen Leuten – auch das Internet war da eine große Hilfe – kaufte er Immobilien von Leuten, die schlecht bei Kasse waren, billig auf und verhökerte sie teuer an Leute, die Geld genug hatten. Vorher ließ er die Objekte optisch gut durchrenovieren. Er kannte da so ein paar Polen, die das preiswert hinkriegten und dafür Geld bar auf die Hand bekamen. Dann gingen die Anwesen weg wie warme Semmeln. Er arbeitete meist von zu Hause mit PC, Internet und Telefon. Hier und da fuhr er auch mal zu Hausbesichtigungen und war oft unterwegs, um Kontakte zu halten oder neu zu knüpfen. Das war wichtig: Kontakte zu den Richtigen, unter ihnen auch einige aus dem Rotlichtmilieu und der Unterwelt.
Was Frauen anging, war er ein Jäger. Die Jagd an sich fand er spannend. Das Balzen und Turteln und Lügen und Machen. Und das Erlegen. Der Fick. Danach war tote Hose. Nur einmal war sein Herz dabei gewesen, bei Anna. Die hatte was, was er bei keiner wiedergefunden hatte. Als er erfahren hatte, dass sie schwanger war und nicht bereit zu einer Abtreibung, hatte er sie geschlagen, einmal, mitten ins Gesicht. Das hatte er sich bis heute nicht verziehen. Dass sie daraufhin nichts mehr von ihm wissen wollte, bedauerte er in stillen Stunden immer noch.
Seitdem verstand er sich eben als Jäger und Sammler, der die kleinen Mosaiksteinchen der sexuellen Reize vieler unterschiedlicher Frauen für das große Puzzle seines Frauenideals bei vielen Amouren zusammentrug, um so der ,Frau an sich‘ näherzukommen. Das redete er sich wenigstens ein.
Mit Absicht kam Harras zehn Minuten später als verabredet zum „Stilbruch“. Das hatte zwei Gründe: Er wollte Henning das alte, ihm vertraute Bild des Harras bieten, der häufig, fast regelmäßig zu spät kam und nichts dabei fand. Und er wollte Henning ein wenig ärgern, weil er sich heranzitiert fühlte, wie ein untreuer Untergebener, der die Portokasse mitgehen ließ und sich jetzt seine Strafe abholen sollte. Das war Harras nicht gewohnt, das hasste er, das kränkte seinen Stolz.
Er sah Henning am hintersten Tisch des kleinen Biergartens sitzen, entspannt zurückgelehnt, vor ihm ein Weizenbier, in der Hand eine Zigarette. Harras setzte sich ihm gegenüber und eröffnete moderat:
„Schön dich zu sehen, Henning. Das letzte Mal passte es ja nicht so. Das zeigt, dass wir in manchen Dingen völlig unterschiedlich sind. Es sollte eine nette Überraschung sein, es war gut gemeint. Helen hat es auch so gesehen.“
„Weißt du, was meine Mutter immer sagte, wenn sie sich besonders penetrant in mein Leben mischte? ,Ich meine es doch nur gut, mein Junge‘.“
„Angekommen!“
Beide maßen sich im Schweigen. Die Blicke gesenkt.
Die Kellnerin kam vorbei, Harras bestellte sich ein großes Pils.
Henning trank einen Schluck, nahm Harras fest in den Blick und griff an:
„Was willst du von mir?“, fragte er bissig.
„Ich hoffe, das Gleiche, was du von mir willst“, blieb Harras freundlich.
„Und das wäre?“
„Wenn du es nicht weißt, werde ich es dir sagen. Ich habe für heute Abend einen riesigen Sack Geduld mitgebracht und ein dickes Fell. Heute Abend ist wohl die Arschwäsche angesagt, habe ich auch verdient. Was ich von dir will, ist letztendlich Vergebung und eine Chance, wieder mit dir ins Reine zu kommen, dir wieder ein Freund sein dürfen, deine Akzeptanz meiner Fehler, ein Schwamm drüber, nicht heute, nicht morgen, aber bald. Bitte Henning!“
„Wie stellst du dir das vor? Als ich nach der akuten Schmerzphase im Krankenhaus meine Gedanken sortierte, war der erste: Ich bringe dich um. Du besäufst dich, du turnst auf der Reling herum, du gehst über Bord, du wirst von mir herausgefischt, dann löst du noch den Knoten am Ruder, damit das Boot abdreht und der Mastbaum mich erwischt.“
„Stopp! Das stimmt nicht! Alles richtig, alles Leichtsinn, alles grobe Fahrlässigkeit, aber das mit dem Knoten, nein.“ Harras jagte die Worte nur so heraus, ließ keinen Raum für Unterbrechungen. „Du hast einen halben Schlag auf Slip benutzt, in der Eile, ist klar, du weißt aber, wie leicht sich so ein provisorischer Knoten von selbst löst. Ich habe den Baumschlag nicht ausgelöst, das musst du mir glauben.“
„Und wenn nicht?“, grinste Henning böse.
„Du bist ein Arschloch! Was soll das jetzt? Vielleicht bleiben wir jetzt mal ernst?!“
„Okay, nach viel Grübelei bin ich auch zu dem Schluss gekommen, dass du den Knoten nicht oder nicht absichtlich gelöst hast. So eine Sauerei traue ich dir dann doch nicht zu. Reichen die anderen Punkte denn nicht aus, einfach zu dem Schluss zu kommen: Tschüss Harras, das reicht. Es ist wirklich genug! Du tust mir eben nicht gut. Was soll ich denn sonst noch alles verzeihen? Dass du den kleinen Jazzauftritt mit Stasia im Billardklub, auf den ich so stolz war, der mich in seiner Spontaneität so berührt hat, selbst eingefädelt hast und mich damit wie einen dummen Jungen behandelt hast? Dass du sie auf mich angesetzt hast, mich zu verführen? Dass du Helen mit mir teilen willst, wie zwei Freier die gleiche Hure aufbocken und nachher Witze darüber machen. Nur, das mit den Witzen wird bei mir nicht klappen. Dazu bin ich ja zu kleinbürgerlich, ich der kleine spießige Idiot, mit dem du machen kannst, was du willst. Das hast du mir doch oft genug gesagt, dass ich das bin, dass du das von mir hältst, du arrogante Sau!“
„Du weißt genau, dass das nicht so gemeint war, höchstens mal im besoffenen Kopf so rumgesponnen. Ich weiß auch, dass ich manchmal ziemlich arrogant bin, ja, aber du weißt auch, dass ich viele Seiten an dir schätze, sogar bewundere und dir sogar neide. Jetzt mach dich nicht selbst so runter, das hab ich nie getan. Hier und da provoziert, ja. Und das mit Stasia? Du bist ein erwachsener Mensch, du kannst mit Tinte schreiben und kommst an die Klingel und bist für deine Taten selbst verantwortlich. Wenn du dich nicht zurückhalten kannst … also dafür kannst du mir die Schuld nicht in die Schuhe schieben.“
„Ach so, ach ja? Dein ganzes manipulatives Vorgehen ist doch ein Zeichen für hochgradiges Misstrauen. Das soll also die Basis unserer Freundschaft sein? Und dann noch dein protziges Gehabe mit Chauffeur und Staatskarosse und Champagner bis zum Abwinken, ach hör doch auf!“
„Das ist nicht fair, denn das hat dir imponiert, das hat dir Spaß gemacht, gib ’s zu!“
„Wie soll ich dir denn noch über den Weg trauen, Harras?“
„Tu’s einfach, Henning. Helen tut ’s auch. Vielleicht nimmst du sie als Garant. Frauen haben da einen besseren Instinkt als wir. Henning, gib mir eine Chance, bitte!“, sagte Harras und schaute Henning fest in die Augen.
Er hielt den Blick nicht aus, schaute auf seine Hände am Bierglas, räusperte sich und flüsterte heiser: „Harras, was verlangst du da von mir?“
Schweigen, hilflos.
„Ich hab Durst, bestell mir ’n großes Pils und ’n Ouzo, ich muss zum Klo“, sagte Henning schroff.
Unsicher stand Henning auf und verschwand im Inneren der Kneipe. Harras bestellte die Getränke.
Henning hatte mehr als zehn Minuten auf der Toilette gesessen und nach Luft geschnappt. Seine Beine schmerzten, seine Rippen taten weh und sein Magen grummelte, als habe er etwas Falsches gegessen. Als er zurückkam, warteten die Getränke bereits auf dem Tisch.
Henning setzte sich und Harras prostete ihm zu, wollte mit ihm anstoßen, doch Henning hob nur sein Glas und trank. Harras nahm es hin und sagte:
„Nun gut, erst mal prost auf Distanz. Ich bin der böse Bube, ich weiß. Als wir uns damals als junge Spunde nach dem Streit aus den Augen verloren, nein, du mir aus dem Weg gingst, da haben wir im Nachhinein gemerkt, dass alles nur ein saublödes Missverständnis war. Oder anders ausgedrückt, ich zu hart mit dir umgegangen bin …“
„Du wolltest ja nur mein Bestes, wie meine Mutter früher.“
„Lass das jetzt, du mit deinem Mutterkomplex, dafür bin ich wirklich nicht zuständig“, fuhr Harras geduldig fort, „da habe ich gemerkt, dass ich eine Art habe, die nicht immer bei dir ankommt, aber wir haben ihn ausgeräumt, den Zwist. Und dann hatten wir doch eine schöne Zeit, das hat uns beiden doch viel Spaß gemacht und noch mehr: Wir hatten uns wieder gefunden. Wir haben uns wieder aneinander gerieben und uns gegenseitig unsere Sicht auf die Welt erklärt, uns gespiegelt und gerauft, Perspektiven getauscht und Verständnis gefunden und Erkenntnisse gewonnen. Das ist doch das, was Freundschaft ausmacht, oder?“
„Ja, ja“, Henning grinste kühl. Der Friedensengel war für ihn noch lange nicht in Sicht. „Du hast ja nicht monatelang im Krankenhaus gelegen, mit Schmerzen ohne Ende, mit Erniedrigungen durch Bettpfannen und Pinkelflaschen, mit der Trennung von Frau und Sohn und Firma, völlig aus der Welt, ohne zu wissen, ob ich jemals mein altes Leben wieder aufnehmen kann. Das war meine Erfahrung, nicht deine. Und jetzt soll ich so tun, als ob nichts gewesen wäre, das alles so sehen, wie einen kleinen Unfall mit Blechschaden. Und das nur wegen deiner Sauferei und deinem Leichtsinn. Dass da Vertrauen verloren gegangen ist, ist wohl wieder nur meine kleingeistige, spießbürgerliche Sichtweise, oder was?!“
„Nein, dass wir jetzt einfach wieder zur Tagesordnung übergehen können, erwarte ich gar nicht. Nur gib mir noch einmal eine Chance. Du …“, Harras versuchte vergeblich den Kloß im Hals wegzuschlucken, „bist für mich der wichtigste Mensch, den ich habe, also, den ich kenne. Und den möchte ich nicht verlieren.“
Harras schaute auf seine Finger, die mit seinem Feuerzeug spielten, als seien sie nicht seine. Und Henning meinte einen feuchten Schimmer in seinen Augen zu sehen.
„Und wie stellst du dir die vor, die Chance?“
„Ja nun, ich stelle mir vor, dass ich weiterhin in deinem Hause willkommen bin, dass ich vorbeikommen kann, mit dir und Helen und Karl reden kann. Vielleicht normalisiert sich alles irgendwie, nicht sofort, aber nach einer gewissen Zeit. Dann können wir gemeinsam mal was unternehmen, oder so. Scheiße, ich weiß es ja auch nicht!“ Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, ein Ouzo-Glas fiel um.
„Okay, ich sag’s mal so. Du hast kein Hausverbot, aber ich möchte, dass du vorher anrufst und nicht einfach so auftauchst, wie es dir passt“, sagte Henning in einem Tonfall, der Hoffnung auf Tauwetter zuließ. „Jetzt noch ein hartes, aber ehrliches Wort. Momentan scheine ich ja wichtiger für dich zu sein, als umgekehrt. Kein Wort über Stasia zu Helen, auch kein belangloses. Wenn sie fragt: Du hast dich von ihr getrennt und willst nicht drüber reden. Und wage es nicht, Stasia noch einmal mitzubringen, egal ob wir uns mit Helen treffen oder nur wir beide. Und schon gar nicht in mein Haus. Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, mit ihr bei mir aufzutauchen?“
„Ja, das weiß ich jetzt auch nicht mehr. Ich wollte … keine Ahnung. War wohl nicht so schlau.“
„Ich will Stasia nicht mehr begegnen. Sie tut mir nicht gut.“
„Ja, einverstanden, klar, selbstverständlich. Meinst du, ich bin so ein Merknix …“
„Ja, der bin ich doch sonst immer, der Merknix. Weißt du noch, als du zum ersten Mal bei uns warst. Da hast du mich ziemlich getroffen, mit dem Merknix“, unterbrach ihn Henning.
„Ach ja, ich wollte dich nicht … das ist mir so rausgerutscht.“
„Du hast eben einen sehr empfindsamen Freund.“
„Freund“, wiederholte Harras.
Und zum ersten Mal nach langer Zeit wagten beide einen Anflug von Lächeln.
Dann stand Harras auf und ging. An der Tür drehte er sich noch einmal zu Henning um und hob die Hand zum Gruß.
Henning bestellte noch einen doppelten Ouzo und hing seinen Gedanken nach. Als er schließlich den Kellner wegen der Rechnung rief, war sie schon beglichen. Die alte Ratte, dachte er und grinste.
Zu Hause angekommen merkte er, dass sein Hemd völlig durchgeschwitzt war. Er wechselte es schnell gegen ein T-Shirt, ging hinunter ins Wohnzimmer und erzählte Helen von seinem Treffen mit Harras.
„Henning, das finde ich wunderbar, dass du ihm noch eine Chance gibst“, sagte Helen. „Er hat sich in der Zeit, als du in der Klinik warst, wirklich betroffen gezeigt. Er ist kein schlechter Mensch. Er hat mir auch oft ganz praktisch geholfen, hat auf Karl aufgepasst, wenn ich in den Laden zu meinem Vater musste. Und überhaupt. Das renkt sich alles wieder ein. Ich würde mich so freuen für euch und auch für mich. Er ist ein prima Kerl.“
Sie gingen zu Bett und liebten sich, diesmal langsam und voller Zärtlichkeit, ja mit großer Vorsicht.
Als er einschlief, spürte er seine Schmerzen nur noch als ein leichtes graues Laken auf seinen Gliedern und auf seiner Seele.
Kapitel 6
Mails
Von: S. Wirkunowa: stasia@t-online.de
An: H. Wennemann: hennwenn@web.de
was ist passiert? harras hat mich in die wüste geschickt, will mich nicht mehr sehen. was ist los? was habe ich getan? muss dich sehen, brauche erklärung!!!
Von: H. Wennemann: hennwenn@web.de
An: S. Wirkunowa: stasia@t-online.de
unmöglich, was habe ich mit eurer beziehung zu tun? das musst du mit harras klären.
Von: S. Wirkunowa: stasia@t-online.de
An: H. Wennemann: hennwenn@web.de
nein, es geht um meine existenz. was soll das alles? verstehe die welt nicht mehr.
bin morgen um 17 uhr im solo in der lichtburg. bitte komm, bitte!!!
Von: H. Wennemann: hennwenn@web.de
An: S. Wirkunowa: stasia@t-online.de
okay, wenn es sein muss
Kapitel 7
Erstes Wiedersehen mit Stasia
Als Henning gegen halb fünf die Firma verließ, spürte er deutlich den Schmerz in seinen Beinen. Ich sollte mich mehr schonen. Ein Angestellter wäre wahrscheinlich noch krankgeschrieben, dachte er. Aber er wusste, dass das nicht der Grund war. Seine Anspannung, seine Angst vor dem Treffen war der Grund der Schmerzen in seiner Muskulatur. Was wollte sie von ihm? Was hatte er damit zu tun, dass Harras ihr den Laufpass gegeben hatte? Was hieß, ihre Existenz sei bedroht?
Um kurz vor fünf betrat er das angesagte Szenecafé im Haus des Premierenkinos „Lichtburg“ mit zerrissenen Gefühlen. Er sah sie in der hintersten Ecke der Raucherlounge an einem abgelegenen Zweiertisch sitzen. Rückenschauer, Gänsehaut und Brechreiz, kalte Hände, Ziehen im Bein, heißes Blut unterm Gürtel. Fast hätte er kehrt gemacht, aber sie war zu schön. Sie sah sich unruhig um und saugte am rettenden Strohhalm ihrer Zigarette.
„Hallo Stasia“, sagte er nur.
„Henning, danke, dass du gekommen bist.“ Nur ein kurzer scheuer Blick.
Er setzte sich, sah auf ihre grazilen Hände und wusste nicht weiter. Die Bedienung kam, er bestellte Cappuccino, sie Espresso, keiner fand Worte.
Schweigen.
„Hör mal, ich will gar nicht von früher reden, das hat sich ja alles …“
„… als Irrtum erwiesen“, unterbrach er sie, „oder besser als Komödie, als Harras’ Intrige, früher sagte man Kabale, kennst du ,Kabale und Liebe‘ von Schiller? Ist wohl nicht gerade Schulliteratur in einer russischen Dorfpenne, solltest du aber mal lesen“, giftete er, ohne zu wissen, was ihn trieb, schaute sie nicht an, blieb mit den Augen auf der Walnussholztäfelung des Cafétisches. Wieso fiel ihm gerade jetzt auf, dass das Walnuss war? Sein linkes Bein tat weh, dort wo die Tasche seiner Segelhose gesessen hatte, in der er ihre Visitenkarte mit ihrer E-Mail-Adresse wiedergefunden hatte, als alles vorbei war.
„Ich will ehrlich sein …“
„Ha!“
„Lass mich endlich ausreden. Ich habe dich um dieses Gespräch gebeten. Also lass mich reden oder geh.“ Ihr direkter Blick hielt ihn zurück. „Also, ich will ehrlich sein bei all dieser Unehrlichkeit, die dir widerfahren ist, durch Harras und mich. Ja, wir haben dich reingelegt. Harras wollte den Kontakt zu dir, unbedingt, versessen war er, wollte dich umgarnen. Aus ehrlicher Freundschaft oder aus Kalkül, was weiß ich, wollte er dich beeindrucken mit seinem Geld und seinem Luxus und hatte Angst, dass das nicht reicht. So hatte er mich zu einem Geschenk für dich auserkoren. Ja, ich habe mitgespielt. Wenn du wüsstest, welche Spiele ich vorher schon mitgespielt habe in meinem Leben, du würdest kotzen. Das lief schief, weil du dich ehrlich in mich verliebtest und ich mich in dich, ehrlich. Auch wenn du mir das jetzt nicht mehr glaubst. Als du bei diesem Wahrheitsspielchen sagtest, dass du die letzten Tage deines Lebens mit mir verbringen wolltest, wenn du vor dieser Frage stündest, da hat es bei mir ,klick‘ gemacht und ich war geliefert.“
Sie sah sich im Raum um, suchte nach einem Halt für ihren Blick, weil sie nicht wusste, wohin damit. Ein Geständnis ohne Akzeptanz, ein Gefühl ohne Resonanz. Sein Gesicht, eine Folie.
Sie zwang sich fortzufahren: „Natürlich wusste ich von Harras, dass dein Lieblingssong ,As time goes by‘ war und du ,Night and Day‘ spielen konntest. Natürlich wusste ich, was ich zu tun hatte bei Harras zu Hause, aber als das Wahrheitsspiel kam und was du da sagtest, hat mir die Schuhe ausgezogen. Danach war alles echt. Wie hatte ich mich gefreut, als Harras Jana und mich nach Amsterdam bestellte. Ich kam nicht mehr raus aus der Nummer. Ich hatte mich in dich verliebt. Das Gefühl war echt. Es war so … unschuldig mit dir. Und das ist wichtig, dass du das weißt, obwohl uns beiden ja klar ist, dass das keine Zukunft hat. Bitte glaube mir das wenigstens, bitte.“
Sie sah ihn an mit ihren ach so schönen, türkisfarbenen Augen in dem Gesicht voll Jugend und … Stopp, dachte er. Nicht wieder das.
„Stasia, wenn ich das alles glauben könnte, und ich würde es gerne glauben wollen, auch das brächte uns nicht weiter. Unter die ganze unsägliche Geschichte will ich einen Schlussstrich ziehen. Ich liebe meine Frau und meinen Sohn und mein Leben, so wie ich es lebe. Und da passt du nicht rein. Du tust mir nicht gut, obwohl du mir einmal gut getan hast, bei allem Dilemma. Ja, ich war einmal sehr verliebt in dich. Doch ich hatte viel Zeit im Krankenhaus über all das nachzudenken. Was willst du von mir? Es tut mir nämlich auch nicht gut, mit dir hier zu sitzen. Es tut mir weh“, sagte Henning und ihre Blicke trafen sich.
„Ich bitte dich zuerst um etwas Geduld. Denn ich muss ein bisschen weiter ausholen, um dir all das zu erklären“, begann sie ihre Geschichte.
„Okay, reichen zwei Stunden?“, und zum ersten Mal konnte er lächeln.
„Danke. Also: Ich kam mit meinen Eltern nach Deutschland, sogenannte Russlanddeutsche, du verstehst, als ich zehn Jahre alt war. Ziemlich schnell lernte ich Deutsch. Ich habe ein Faible für Sprachen. Meine Eltern wollten ein neues Leben anfangen, mein Vater hatte sich vorgenommen, nicht mehr zu saufen. Er war Ingenieur, hatte aber keine Chance in Russland als Russlanddeutscher. Hier in Deutschland wurden seine Qualifikationen aber nicht anerkannt. So arbeitete er in einer Fabrik als Hilfsarbeiter. Das half ihm nicht gerade von seiner Sauferei wegzukommen. Nebenbei brannte er hier schwarz Wodka für die russischen Kollegen und sackte immer weiter ab. Mit fünfzehn habe ich das nicht mehr ausgehalten, besonders die Prügel nicht, die er meiner Mutter verabreichte. Als ich dann merkte, dass er sich immer mehr für mich und meine Kurven interessierte, hab ich die Biege gemacht. Hoch lebe das Klischee, ich landete am Bahnhof auf dem Strich. Die Einzelheiten will ich dir ersparen. Jedenfalls hat mich Harras da rausgeholt.
„Wie alt warst du, als du ihn kennenlerntest?“
„Ich war achtzehn, drei Jahre habe ich in einem Sumpf gelebt, aus Scheiße, Gewalt und Drogen. Erspar mir die Details. Von einer Straßennutte stieg ich auf zu einem Callgirl, dank Harras. Um es kurz zu machen: Er kaufte eine Eigentumswohnung für mich, die ich zwar nutzen konnte, aber nicht besitze. Und er finanzierte mein Leben, weil ich ihm für spezielle Aufträge zur Verfügung stand. Das heißt, vornehme Herren begleiten, umgarnen, eine geschäftlich günstige Atmosphäre schaffen, wie Harras das nennt, und notfalls auch mal mit ’nem Geschäftspartner vögeln, aber nur mit netten, die nicht vergewaltigen, sondern vornehm bumsen. Dafür hatte ich die Wohnung und für meine Verhältnisse viel Geld. Und Harras’ Freundschaft. Mich hat Harras nie gezwungen, mit ihm zu schlafen. Er ist mein Freund, mein einziger Freund. Und bei meinem Lebenslauf ist das nicht schwierig mit einem Freund ins Bett zu gehen. Das mit der großen Liebe habe ich schon mit fünfzehn abgehakt. Dazu kommt noch, dass er sehr angenehm im Bett ist. Wie es aussieht, ist er es jetzt nicht mehr, nachdem ihr euch getroffen habt, denn er hat mir die Wohnung gekündigt. Ich sei alt genug und könne jetzt allein zurechtkommen. Was ist da passiert, als ihr euch neulich getroffen habt? Warum lässt er mich so hängen? Sag mir das, ich will das verstehen!“
„Ich war völlig geschockt, als ich euch beide bei mir auf dem Sofa sitzen sah. Was sollte das?
„Das kann ich dir auch nicht sagen. Als Harras mich bat mitzukommen, wollte ich nicht. Er hat mich gezwungen.“
„Also, ich habe von Harras gefordert, dich nie wieder mit mir oder mit meiner Familie zusammenzubringen. Er solle Helen sagen, er habe sich von dir getrennt.“
„Na prima, das hat er aber sehr wörtlich genommen“, bemerkte sie sarkastisch.
„Wir machen es so: Er hat bei mir noch einiges wieder gut zu machen. Ich werde ihn dazu bringen – als Abbitte sozusagen – dir die Wohnung zu überschreiben und dich mit all seinen zwielichtigen Aufträgen zu verschonen, damit du eine Startchance hast, dein Leben endlich alleine zu regeln. Wie du das hinkriegst, ist dann deine Sache. Was hältst du davon?“, schlug er sachlich vor und seine Hände waren klamm.
„Henning“, sagte sie und ihr Blick begann zu schwimmen, „wenn du das tust, wenn du das schaffst, werde ich dir das nie vergessen.“
Sie legte ihre warmen Hände auf seine kalten. Ihre Finger griffen ineinander. Er fühlte ihre trockene Wärme und traute sich nicht sich ihrer Berührung zu entziehen. Er wollte sie noch einmal spüren, für einen kleinen, letzten Moment.
Sein Blick senkte sich von ihrem Gesicht hinab auf ihrer beider Hände, als er tonlos sagte: „Doch, vergiss es, vergiss mich, vergiss alles, es ist besser so.“
Jetzt zog er seine Hände zurück, legte einen Zehneuroschein auf den Tisch für die Getränke, die beide nicht angerührt hatten, und stand auf.
„Fühl dich eingeladen“, lächelte er traurig in ihre Augen.
Im Aufstehen sagte sie: „Auch wenn wir uns nie mehr im Leben begegnen sollten, du bleibst für immer mein Freund.“
Dann tat sie einen schnellen Schritt nach vorn, umarmte ihn, gab ihm einen Kuss auf den erstaunten Mund und war verschwunden.
In den Sekunden des Abschieds surrte leise der Motorzug einer Spiegelreflexkamera mit Teleobjektiv in einer verborgenen Ecke des Lokals. Als der Mann die Kamera in sein Futteral schob, trug er ein süffisant-zufriedenes Lächeln im Gesicht.
Erst als Henning längst die Kettwiger Straße entlanglief, auf dem Weg zu seinem Auto, spürte er die stillen Tränen seine Wangen hinunter laufen. Sie schmeckten nach Stasia.
Kapitel 8
Streit um eine Geschäftsidee
„Oooch nee, meine Knochen“, stöhnte Henning, als er vom Schreibtisch aufstand und seine Glieder dehnte.
„Tun deine Gebeine immer noch weh, alter Mann?“, erkundigte sich Walter.
„Ja, aber nur, wenn ich stundenlang am Schreibtisch hocke, wie heute. Ich sollte immer mal zwischendurch ein paar Übungen machen. Ich sollte, ich sollte … Machen wir Schluss für heute. Ist eh schon spät genug.“
Drei Wochen waren vergangen, dass er Stasia getroffen hatte. Er dachte nicht sehr oft an sie, aber er spürte sie wie im Hintergrund eines Bildes, versteckt in der Landschaft seines Unterbewusstseins. Im hellen Vordergrund standen als Motiv seine Familie und die Firma. In den letzten Wochen hatte er viel geackert, um wieder auf den aktuellen Stand zu kommen und die Beziehungen zu seinen Kunden zu intensivieren.
Jetzt saßen Walter und Henning noch spät im Büro, um über die Akquirierung neuer Kunden zu reden.
„Eins noch, dann können wir gehen: Von einem Bekannten habe ich gehört, dass eine große Drogerie-Kette ein neues Modul in ihre Ausbildung integriert hat, und zwar mit großem Erfolg. Sie schicken ihre Azubis zweimal in ihrer Ausbildungszeit in theaterpädagogische Seminare, jeweils für zwei Wochen. Da lernen sie Auftreten, also Präsenz und Umgang mit Menschen. Es baut ihr Selbstbewusstsein auf und sie sind dann geschickter in der Kommunikation mit den Kunden. Die Azubis sind total begeistert und kriegen einen besseren Draht zu ihrem Arbeitgeber, also die Identifikation mit ihrem Laden erhöht sich enorm. Das wäre doch was für uns, oder?“, begeisterte sich Walter.
„Woher hast du denn so ’n Quatsch?“, wehrte Henning ab.
„Der Sohn von ’nem Freund macht da gerade eine Ausbildung. Der ist Feuer und Flamme.“
„Theater spielen für Azubis, Blödsinn. Und wer von uns hat davon Ahnung und könnte solche Seminare geben?“
„Keiner, aber …“
„,Sein oder nicht sein‘, das neue Shampoo fürs Toupet, ich schrei mich weg.“
„Aber, lass mich ausreden, es gibt arbeitslose Theaterpädagogen wie Sand am Meer. Die würden bestimmt kostengünstig auf Honorarbasis arbeiten. Ich habe mich da schon erkundigt.“ Walters Vehemenz war nicht zu überhören.
„Ach, du hast dich also schon erkundigt, ja? Vielleicht redest du erst mal mit mir, bevor du solche Alleingänge machst.“ Auch Henning war jetzt lauter geworden.
„Jetzt hör aber auf zu spinnen. Ich kann ja wohl mal ein paar Infos einholen, ohne dass du gleich den Chef markierst. Alleingang, was für ’n Blödsinn. Ich habe hier monatelang den Laden geschmissen, als du krank warst. Habe ich da irgendwas versaubeutelt, dann sag’s!“, giftete Walter.
„Nein, nein, ist ja schon gut. Wenn ich dich nicht hätte, Walter“, versuchte Henning einzulenken. „Und dass mit dem Alleingang meinte ich nicht so.“
„Ach nein, wie meintest du es denn?“ Walter war wirklich gekränkt.
„Lass uns da die Tage noch mal drüber reden. Ich bin müde, heute wird das nichts mehr mit uns beiden.“
„Du bist manchmal so wenig risikofreudig, ja so altmodisch.“ Das saß.
„Jetzt ist aber gut. Schönen Feierabend, Walter“, verabschiedete sich Henning wenig freundlich.
Als Henning zu Hause ankam, erzählte er Helen ziemlich abfällig von Walters Idee.
„Aber das klingt doch gar nicht so dumm. Als ihr mit diesen Entspannungsübungen angefangen habt, warst du erst auch nicht begeistert, hast dich richtig überreden lassen müssen von eurer Yoga-Maus.“
„Jetzt fängst du auch noch an. Ich habe zehn Stunden im Büro gehockt und geschuftet. Ich bin total kaputt und gehe jetzt schlafen, gute Nacht.“
Langsam und missmutig stieg er die Treppe zum Schlafzimmer hinauf. Helen blieb im Wohnzimmer mit einem Buch und einem Glas Wein. Das hatte er eigentlich auch vorgehabt. Seine Beine taten ihm weh, wie lange nicht mehr.
Als er im Bett lag, konnte er nicht einschlafen. Wenn sein Leben eine Landschaft wäre, so tat Stasia jetzt einen Schritt aus dem Hintergrund nach vorn. Ihr Körper blieb im Schatten, doch er sah ihr schönes, junges Gesicht im diffusen Licht eines neuen Tages.
Henning starrte ins Dunkel. Ich bin einsam, dachte er.
Kapitel 9
Mails
Von: H. Wennemann: hennwenn@web.de
An: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
stasia hat sich bei mir gemeldet, wollte mich unbedingt sehen, fühlt sich von dir mies behandelt, weil du ihr die wohnung kündigen willst. was läuft da?
Von: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
An: H. Wennmann: hennwenn@web.de
habe nur deine bitte erfüllt und jeglichen kontakt abgebrochen. das mit der wohnung gehört eben dazu.
Von: H. Wennemann: hennwenn@web.de
An: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
musste das sein?
Von: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
An: H. Wennemann: hennwenn@web.de
ja!
Von: H. Wennemann: hennwenn@web.de
An: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
du weißt, ich habe noch einiges gut bei dir. wenn du ihr die wohnung überschreibst und sie mit weiteren delikaten aufträgen verschonst, sind wir quitt. schenke ihr die wohnung und lass sie in ruhe. dann sind wir wieder auf augenhöhe.
Von: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
An: H. Wennemann: hennwenn@web.de
weißt du, was du da von mir verlangst? das ist eine sache zwischen mir und ihr. das ist nicht fair!
Von: H. Wennemann: hennwenn@web.de
An: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
auch in sachen fairness habe ich bei dir noch einiges gut. also?
Von: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
An: H. Wennemann: hennwenn@web.de
na gut, du ratte, ich ergebe mich.
Von: H. Wennemann: hennwenn@web.de
An: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
danke, alter freund!
Von: S. Wirkunowa: stasia@t-online.de
An: H. Wennemann: hennwenn@web.de
harras hat die papiere für die wohnung samt schenkungsurkunde geschickt. lag nur ein kleiner zettel dabei. das war’s wohl mit uns, stand drauf.
danke danke danke, lieber freund!!!
ich küsse dich (oh, verzeihung, gibbel, gibbel)
stasia
Von: Helen Wennemann: helwenn@web.de
An: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
hallo harras,
karl fragt dauernd nach dir. du warst jetzt schon eine ganze woche nicht mehr bei uns. was ist los?
Von: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
An: Helen Wennemann: helwenn@web.de
habe viel zu tun, außerdem will henning nicht, dass ich ohne voranmeldung erscheine.
Von: Helen Wennemann: helwenn@web.de
An: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
was? spinnt der? ich regle das. du bist jederzeit willkommen bei uns. okay?
Von: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
An: Helen Wennemann: helwenn@web.de
wenn du meinst, klar.
Von: Helen Wennemann: helwenn@web.de
An: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
können wir uns treffen, muss mit dir reden, morgen mittag um 12 in der barcelona am kennedyplatz? ist dringend!
Von: H. J. Stelzer: harras@gmx.com
An: Helen Wennemann: helwenn@web.de
o.k. das geht. bis dann
Kapitel 10
Ein vertrauliches Gespräch
Helen saß um kurz vor zwölf im Café „BarCelona“ am Kennedyplatz in der Innenstadt von Essen. Das war eines der jetzt angesagten neuen Lokale, die Restaurant, Café und Kneipe gleichzeitig waren und sich gerne Lounges nannten wegen ihrer Kuschelecken mit bequemen Couchen, niedrigen Tischen und weichen Kissen. Am Abend gehörte noch sanftes Kerzenlicht dazu. Die coole Romantik der entspannten, jungen Leute mit dem entsprechenden Portemonnaie. Helen gehörte nicht mehr dazu. Sie war zu alt und im Augenblick überhaupt nicht entspannt. Ein windiges Gefühl steckte in ihr, nicht richtig zu benennen. Ihre Hände waren kalt und feucht und sie konnte nicht ruhig sitzen. Immer wieder schaute sie zur Tür und drehte sich um, als ob sie die anderen Gäste sondieren müsste. Sie hatte keine Angst, wovor auch. Aber es war ihr, als täte sie etwas Unrechtes. Vor ihr einen Latte macchiato, unberührt.
Endlich sah sie Harras’ schwarze, krummbeinige Gestalt. Nach freundschaftlicher Umarmung saßen sie sich gegenüber.
„Hallo Harras, schön, dass du kommen konntest“, begann sie.
„Ist was Schlimmes passiert? ,Dringend‘, hast du geschrieben. Was ist denn los?“
„Ach ja, ich habe vielleicht übertrieben, aber ich finde es eher seltsam, dass Henning diese Anmeldung von dir fordert.“
„Na ja, es ist lästig, aber so ganz fremd ist mir das nicht. Er will mich ärgern, ein wenig bluten lassen für das Krankenhaus, die OPs und die Verletzungen. Das stecke ich schon weg. Aber wenn du mit ihm redest, hebt er vielleicht diese … na ja, Regel auf. Das würde er sowieso nicht lange durchhalten. Er ist dafür zu nett“, sagte er mit einem entspannten Lächeln.
Helen wurde langsam ruhiger. Der Anflug von schlechtem Gewissen war vorbei.
„Du kennst ihn wirklich gut. Genau so schätze ich das nämlich auch ein. Aber da ist noch etwas Anderes. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, ohne Henning zu beschuldigen. Nein, das ist das falsche Wort. Ohne ihn ungerecht zu behandeln, vielleicht. Seit er aus dem Krankenhaus heraus ist, ist er mir fremd. Er fühlt sich anders an, weniger vertraut in unseren Gesprächen. Er blockt mich häufig ab, hört nicht richtig zu oder ist ungeduldig und fahrig. Das war in der Klinik noch nicht so, obwohl da seine Situation doch viel schlimmer war, alles in allem. Und das spüre ich auch körperlich. Wir gehen nicht mehr so gelassen und selbstverständlich miteinander um, also …, wenn du verstehst, was ich meine.“ Helens Wangen waren gerötet, sie schaute auf das kalt gewordene Kaffeegetränk, mied Harras’ Blick.
„Im Bett meinst du.“ Harras lächelte wieder.
„Du darfst mich jetzt nicht auslachen. Das kann ich jetzt nicht vertragen, Harras!“
„Nein, das tue ich auch gar nicht. Du kennst Henning besser als mich. Mein Lächeln war lieb gemeint, vielleicht etwas väterlich. Was erwartest du von ihm? Er ist jetzt zu Hause, bei seiner Familie und geht wieder seiner Arbeit nach. Das heißt aber doch nicht, dass jetzt alles wieder so wie früher ist. Ihm ist das erste Mal in seinem Leben etwas richtig Schlimmes passiert. Das macht unsicher, das zerrt am Selbstvertrauen, das bringt seine Welt ins Wanken. Gottlob ist sie nicht zerbrochen, sie wird sich schon wieder einpendeln, seine Welt. Aber lass ihm Zeit. Auch für mich, also für unsere Freundschaft braucht er Zeit. Er wird mir noch einige Streichhölzer unter die Fingernägel stecken, damit rechne ich. Das habe ich auch verdient. Aber die Zeit spielt für uns, für uns alle drei. Das ist doch erst mal ein gutes Gefühl, oder.“ Und wieder sein sanftes Lächeln, sein fester, klarer Blick.
„Danke, Harras. Das hab ich jetzt gebraucht. Ich glaube, du hast recht. Vielleicht verlange ich zu viel von Henning, oder besser gesagt, von uns. Ich will eben so schnell wie möglich wieder die heile Welt: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch immer glücklich und zufrieden.“ Sie lächelte verlegen. „Ich bin eben ein Prinzesschen. Daran ist mein Vater schuld. Der hat mich immer so umpuschelt.“ Sie grinste. „Umpuschelt, das ist ein prima Wort. Das merke ich mir. Aber dass du so scharf auf einen Märchenwelt-Dauerzustand bist, das nehme ich dir nicht ab. Das wäre doch Stagnation und pure Langeweile. Du willst doch mehr vom Leben. Ein Dauerglück ist doch nichts Anderes als eine Talfahrt in eine Katastrophe, weil du dann das Glück nicht mehr spürst. Es verkümmert zu so was wie Lebensstandard. So bist du nicht Helen. Das nehme ich dir nicht ab“, ereiferte sich Harras.
„Was ist das überhaupt, Glück?“, sinnierte Helen.
„Ach, komm mir jetzt bitte nicht so! Willst du jetzt in den Philosophen-Kindergarten und mit Sokrates Sandkuchen backen?“
„Sei nicht so frech!“, fauchte sie mit einem schiefen Grinsen. „Ich habe das ernst gemeint. Darf man denn so eine Frage nicht stellen? Hältst du mich für blöd?“
„Nein Helen, weil ich dich nicht für blöd halte, möchte ich auf einer anderen Ebene mit dir reden, nicht so simpel, so pauschal.“
„Führst du mit Henning auch solche Gespräche? Bist du auch so frech zu ihm, so scheißarrogant?“
„Ja natürlich, das ist doch der Höllenspaß, den wir miteinander haben.“
„Langsam verstehe ich. Das hat was.“
„Das ist das, was was hat. Genau“, lachte Harras und klang dabei wie ein altes Pferd. Er sah auf die Uhr und sagte: „Ich muss jetzt los, Termine, Termine. Und mach dir keine Sorgen. Er braucht Zeit und du Geduld, auch wenn’s schwerfällt.“
Sie umarmten sich und hielten sich für einen Moment, der sich dehnte und an Vertrautheit wuchs. Er strich ihr über den Rücken. Sie zog ihn an sich. Es tat ihr gut und endete in einem leichten, entspannten Kuss auf seinen Mund. Sie hatte sich getraut und fühlte sich wohl, wie lange nicht mehr. So gingen sie auseinander, gelassen und lächelnd.
Außen, vor der großen Fensterfront des Cafés „BarCelona“, stand Heiner, ein alter Freund Hennings und sah den beiden zu. Ach du heilige Scheiße, dachte er, schüttelte den Kopf und ging weiter am Café vorbei durch die schmale Gasse, die auf die Limbecker Straße führte. Er wollte sich Schuhe kaufen.
Darmowy fragment się skończył.