Czytaj książkę: «Hamlet»

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PERSONEN

KÖNIG CLAUDIUS von Dänemark

HAMLET, Sohn des vorigen und Neffe

des gegenwärtigen Königs

POLONIUS, Oberkämmerer

HORATIO, Hamlets Freund

LAERTES, Sohn des Polonius

VOLTIMAND

CORNELIUS

ROSENKRANZ

GÜLDENSTERN Hofleute

OSRICK

Ein EDELMANN

[Zwei EDELLEUTE]

Ein PRIESTER

MARCELLUS, Offizier

BERNARDO, Offizier Edelleute auf Wache

FRANCISCO, ein Soldat

REINHOLD, Diener des Polonius

SCHAUSPIELER

Ein [norwegischer] HAUPTMANN

Zwei Spaßmacher, TOTENGRÄBER

[Ein GESANDTER] Englische GESANDTE

Der GEIST von Hamlets Vater

FORTINBRAS, Prinz von Norwegen

KÖNIGIN GERTRUD von Dänemark, Hamlets Mutter

OPHELIA, Tochter des Polonius

Herren und Frauen vom Hofe, Offiziere und Soldaten, Matrosen, Boten und anderes Gefolge.

Die Szene ist in Helsingör, [nur in der vierten Szene des vierten Aktes eine Ebene in Dänemark]

ERSTER AKT
ERSTE SZENE

Helsingör. Eine Terrasse vor dem Schlosse. Francisco auf dem Posten, Bernardo tritt auf.

BERNARDO

Wer da?

FRANCISCO

Nein, mir antwortet; steht und gebt Euch kund!

BERNARDO

Lang lebe der König!

FRANCISCO

Bernardo?

BERNARDO

Er selbst.

FRANCISCO

Ihr kommt gewissenhaft auf Eure Stunde.

BERNARDO

Es schlug schon zwölf, mach dich zu Bett, Francisco.

FRANCISCO

Dank für die Ablösung! ’s ist bitter kalt,

Und mir ist schlimm zumut.

BERNARDO

War Eure Wache ruhig?

FRANCISCO

Alles mausestill.

BERNARDO

Nun, gute Nacht!

Wenn Ihr auf meine Wachtgefährten stoßt,

Horatio und Marcellus, heißt sie eilen.

Horatio und Marcellus treten auf.

FRANCISCO

Ich denk, ich höre sie. – He, halt! Wer da?

Horatio und Marcellus treten auf.

HORATIO

Freund dieses Bodens.

MARCELLUS

Und Vasall des Dänen.

FRANCISCO

Hab gute Nacht!

MARCELLUS

O grüß dich, wackrer Krieger.

Wer hat dich abgelöst?

FRANCISCO

Bernardo hat den Posten.

Habt gute Nacht.

Ab.

MARCELLUS

Holla, Bernardo!

BERNARDO

Sprecht!

He, ist Horatio da?

HORATIO

Ein Stück von ihm.

BERNARDO

Willkommen Euch! Willkommen, Freund Marcellus!

HORATIO

Nun, ist das Ding heut wiederum erschienen?

BERNARDO

Ich habe nichts gesehn.

MARCELLUS

Horatio sagt, es sei nur Einbildung,

Und will dem Glauben keinen Raum gestatten

An dieses Schreckbild, das wir zweimal sahn;

Deswegen hab ich ihn hieher geladen,

Mit uns die Stunden dieser Nacht zu wachen,

Damit, wenn wieder die Erscheinung kommt,

Er unsern Augen zeug und mit ihr spreche.

HORATIO

Pah, pah! Sie wird nicht kommen.

BERNARDO

Setzt Euch denn

Und laßt uns nochmals Euer Ohr bestürmen,

Das so verschanzt ist gegen den Bericht,

Was wir zwei Nächte sahn.

HORATIO

Gut, sitzen wir,

Und laßt Bernardo uns hievon erzählen.

BERNARDO

Die allerletzte Nacht,

Als eben jener Stern, vom Pol gen Westen,

In seinem Lauf den Teil des Himmels hellte,

Wo jetzt er glüht, da sahn Marcell und ich,

Indem die Glocke eins schlug –

MARCELLUS

O still! Halt ein! Sieh, wie’s da wieder kommt!

Der Geist kommt, in Waffen.

BERNARDO

Ganz die Gestalt wie der verstorbne König.

MARCELLUS

Du bist gelehrt, sprich du mit ihm, Horatio!

BERNARDO

Sieht’s nicht dem König gleich? Schau’s an, Horatio!

HORATIO

Ganz gleich; es macht mich starr vor Furcht und Staunen.

BERNARDO

Es möchte angeredet sein.

MARCELLUS

Horatio, sprich mit ihm.

HORATIO

Wer bist du, der sich dieser Nachtzeit anmaßt,

Und dieser edlen, kriegrischen Gestalt,

Worin die Hoheit des begrabnen Dänmark

Weiland einherging? Ich beschwöre dich

Beim Himmel, sprich!

MARCELLUS

Es ist beleidigt.

BERNARDO

Seht, es schreitet weg.

HORATIO

Bleib, sprich! Sprich, ich beschwör dich, sprich!

Geist ab.

MARCELLUS

Fort ist’s und will nicht reden.

BERNARDO

Wie nun, Horatio? Ihr zittert und seht bleich:

Ist dies nicht etwas mehr als Einbildung?

Was haltet Ihr davon?

HORATIO

Bei meinem Gott, ich dürfte dies nicht glauben,

Hätt ich die sichre, fühlbare Gewähr

Der eignen Augen nicht.

MARCELLUS

Sieht’s nicht dem König gleich?

HORATIO

Wie du dir selbst.

Genau so war die Rüstung, die er trug,

Als er sich mit dem stolzen Norweg maß;

So droht’ er einst, als er in harter Zwiesprach

Aufs Eis warf den beschlitteten Polacken.

’s ist seltsam.

MARCELLUS

So schritt er, grad um diese dumpfe Stunde,

Schon zweimal kriegrisch unsre Wacht vorbei.

HORATIO

Wie dies bestimmt zu deuten, weiß ich nicht;

Allein soviel ich insgesamt erachte,

Verkündet’s unserm Staat besondre Gärung.

MARCELLUS

Nun setzt euch, Freunde; sagt mir, wer es weiß,

Warum dies aufmerksame, strenge Wachen

Den Untertan des Landes nächtlich plagt?

Warum wird Tag für Tag Geschütz gegossen

Und in der Fremde Kriegsgerät gekauft?

Warum gepreßt für Werften, wo das Volk

Den Sonntag nicht vom sauren Werktag trennt?

Was gibt’s, daß diese schweißbetriefte Eil

Die Nacht dem Tage zur Gehülfin macht?

Kann jemand mich belehren?

HORATIO

Ja, ich kann’s;

Zum mindsten heißt es so. Der letzte König

Ward, wie Ihr wißt, durch Fortinbras von Norweg,

Den eifersüchtger Stolz dazu gespornt,

Zum Kampf gefordert; unser tapfrer Hamlet

– Denn diese Seite der bekannten Welt

Hielt ihn dafür – schlug diesen Fortinbras,

Der laut dem untersiegelten Vertrag,

Durch Recht und Rittersitte wohl bekräftigt,

Mit seinem Leben alle Länderein,

So er besaß, verwirkte an den Sieger;

Wogegen auch ein angemeßnes Teil

Von unserm König ward zum Pfand gesetzt,

Das Fortinbras anheimgefallen wäre,

Hätt er gesiegt, wie durch denselben Handel

Und Inhalt der besprochnen Punkte seins

An Hamlet fiel. Nun hat Jung Fortinbras,

Von unerprobtem Feuer heiß und voll,

An Norwegs Ecken hier und da ein Heer

Landloser Abenteurer aufgerafft,

Für Brot und Kost zu einem Unternehmen,

Das Herz hat; welches denn kein andres ist,

Wie unser Staat das auch gar wohl erkennt,

Als durch die starke Hand und Zwang der Waffen

Die vorbesagten Land’ uns abzunehmen,

Die so sein Vater eingebüßt; und dies

Scheint mir der Antrieb unsrer Zurüstungen,

Die Quelle unsrer Wachen und der Grund

Von diesem Treiben und Gewühl im Lande.

BERNARDO

Nichts anders, denk ich, ist’s als eben dies.

Wohl trifft es zu, daß diese Schreckgestalt

In Waffen unsre Wacht besucht, so ähnlich

Dem König, der der Anlaß dieses Kriegs.

HORATIO

Ein Stäubchen ist’s, des Geistes Aug zu trüben.

Im höchsten palmenreich’sten Stande Roms,

Kurz vor dem Fall des großen Julius, standen

Die Gräber leer, verhüllte Tote schrien

Und wimmerten durch alle römschen Gassen;

Und ebensolche Zeichen grauser Dinge,

Als Boten, die dem Schicksal stets vorangehn,

Und Vorspiel der Entscheidung, die sich naht,

Hat Erd und Himmel insgemein gesandt

An unsern Himmelsstrich und Landsgenossen,

Wie feuergeschweifte Sterne, blutger Tau,

Die Sonne fleckig; und der feuchte Stern,

Des Einfluß waltet in Neptunus’ Reich,

Krankt an Verfinstrung wie zum Jüngsten Tag.

Der Geist kommt wieder.

Doch still! Schaut, wie’s da wieder kommt.

Der Geist kommt wieder.

Ich kreuz es

Und sollt es mich verderben. –

Er breitet die Arme aus.

Steh, Phantom,

Hast du Gebrauch der Stimm und einen Laut:

Sprich zu mir!

Ist irgendeine gute Tat zu tun,

Die Ruh dir bringen kann und Ehre mir:

Sprich zu mir!

Bist du vertraut mit deines Landes Schicksal,

Das etwa noch Voraussicht wenden kann:

O sprich!

Und hast du aufgehäuft in deinem Leben

Erpreßte Schätze in der Erde Schoß,

Wofür ihr Geister, sagt man, oft im Tode

Umhergeht,

Der Hahn kräht.

Sprich davon! Verweil und sprich!

Der Hahn kräht.

Halt es doch auf, Marcellus!

MARCELLUS

Soll ich nach ihm mit der Hellbarde schlagen?

HORATIO

Tu’s, wenn’s nicht stehen will!

BERNARDO

’s ist hier!

HORATIO

’s ist hier!

MARCELLUS

’s ist fort!

Geist ab.

Wir tun ihm Schmach, da es so majestätisch,

Wenn wir den Anschein der Gewalt ihm bieten;

Denn es ist unverwundbar wie die Luft,

Und unsre leeren Streiche foppen uns.

BERNARDO

Es war am Reden, als der Hahn just krähte.

HORATIO

Und da fuhr’s auf gleich einem sündgen Wesen

Beim Aufruf zum Gericht. Ich hab gehört,

Der Hahn, der als Trompete dient dem Morgen,

Erweckt mit schmetternder und heller Kehle

Den Gott des Tages, und auf seine Mahnung,

Sei’s in der See, im Feur, Erd oder Luft,

Eilt jeder schweifende und irre Geist

In sein Revier; und von der Wahrheit dessen

Gab dieser Gegenstand uns den Beweis.

MARCELLUS

Es schwand erblassend mit des Hahnes Krähn.

Sie sagen, immer, wann die Jahrszeit naht,

Wo man des Heilands Ankunft feiert, singe

Die ganze Nacht durch dieser frühe Vogel;

Dann darf kein Geist umhergehn, sagen sie,

Die Nächte sind gesund, dann trifft kein Stern,

Kein Kobold schweift, noch können Hexen zaubern:

So gnadenvoll und heilig ist die Zeit.

HORATIO

So hört auch ich und glaube dran zum Teil.

Doch seht, der Morgen, angetan mit Purpur,

Betritt den Tau des hohen Hügels dort;

Laßt uns die Wacht abbrechen, und ich rate,

Vertraun wir, was wir diese Nacht gesehn,

Dem jungen Hamlet; denn, bei meinem Leben,

Der Geist, so stumm für uns, ihm wird er reden.

Ihr willigt drein, daß wir ihm dieses melden,

Wie Lieb uns nötigt und der Pflicht geziemt?

MARCELLUS

Ich bitt Euch, tun wir das; ich weiß, wo wir

Ihn am bequemsten heute finden werden.

Alle ab.

ZWEITE SZENE

Helsingör. Ein Staatszimmer im Schlosse. Der König, die Königin, Hamlet, Polonius, Laertes, Voltimand, Cornelius, Herren vom Hofe und Gefolge.

KÖNIG

Wiewohl von Hamlets Tod, des werten Bruders,

Noch das Gedächtnis frisch, und ob es Unserm Herzen

Zu trauern ziemte und dem ganzen Reich,

In eine Stirn des Grames sich zu falten:

So weit hat Urteil die Natur bekämpft,

Daß Wir mit weisem Kummer sein gedenken,

Zugleich mit der Erinnrung an Uns selbst.

Wir haben also Unsre weiland Schwester,

Jetzt Unsre Königin, die hohe Witwe

Und Erbin dieses kriegerischen Staats,

Mit unterdrückter Freude sozusagen,

Mit einem heitern, einem nassen Auge,

Mit Leichenjubel und mit Hochzeitklage,

In gleichen Schalen wägend Leid und Lust,

Zur Eh genommen; haben auch hierin

Nicht Eurer bessern Weisheit widerstrebt,

Die frei Uns beigestimmt. Für alles Dank! –

Nun wißt Ihr, hat der junge Fortinbras

Aus Minderschätzung Unsers Werts und denkend,

Durch Unsers teuren selgen Bruders Tod

Sei Unser Staat verrenkt und aus den Fugen,

Gestützt auf diesen Traum von seinem Vorteil,

Mit Botschaft Uns zu plagen nicht ermangelt

Um Wiedergabe jener Länderein,

Rechtskräftig eingebüßt von seinem Vater

An Unsern tapfern Bruder. – So viel von ihm;

Nun von Uns selbst und Eurer Herberufung.

So lautet das Geschäft: Wir schreiben hier

An Norweg, Ohm des jungen Fortinbras,

Der schwach, bettlägrig, kaum von diesem Anschlag

Des Neffen hört, daß er den fernern Gang

Hierin mög hemmen, da ja doch die Werbung,

Bestand und Zahl der Truppen, alles nur

Aus seinem Volk geschieht; und senden nun

Euch, wackrer Voltimand, und Euch, Cornelius,

Mit diesem Gruß zum alten Norweg hin,

Euch keine weitre Vollmacht übergebend,

Zu handeln mit dem König, als das Maß

Der hier erörterten Artikel zuläßt.

Lebt wohl, und Eil empfehle Euren Eifer!

CORNELIUS UND VOLTIMAND

Hier, wie in allem, wollen wir ihn zeigen.

KÖNIG

Wir zweifeln nicht daran. Lebt herzlich wohl! –

Voltimand und Cornelius ab.

Und nun, Laertes, sagt, was bringt Ihr Uns?

Ihr nanntet ein Gesuch; was ist’s, Laertes?

Ihr könnt nicht von Vernunft dem Dänen reden,

Und Euer Wort verlieren. Kann’st du bitten,

Was ich nicht gern gewährt, eh du’s verlangt?

Der Kopf ist nicht dem Herzen mehr verwandt,

Die Hand dem Munde dienstgefällger nicht,

Als Dänmarks Thron es deinem Vater ist.

Was wünschest du, Laertes?

LAERTES

Hoher Herr,

Vergünstigung nach Frankreich rückzukehren,

Woher ich zwar nach Dänmark willig kam,

Bei Eurer Krönung meine Pflicht zu leisten;

Doch nun gesteh ich, da die Pflicht erfüllt,

Strebt mein Gedank und Wunsch nach Frankreich hin

Und neigt sich Eurer gnädigen Erlaubnis.

KÖNIG

Erlaubt’s der Vater Euch? Was sagt Polonius?

POLONIUS

Er hat, mein Fürst, die zögernde Erlaubnis

Mir durch beharrlich Bitten abgedrungen,

Daß ich zuletzt auf seinen Wunsch das Siegel

Der schwierigen Bewilligung gedrückt.

Ich bitt Euch, gebt Erlaubnis ihm zu gehn.

KÖNIG

Nimm deine günstge Stunde: Zeit sei dein,

Mit deinen Gaben nutze sie nach Lust. –

Doch nun, mein Vetter Hamlet und mein Sohn –

HAMLET

Beiseit.

Mehr als befreundet, weniger als Freund.

KÖNIG

Wie, hängen stets noch Wolken über Euch?

HAMLET

Nicht doch, mein Fürst, ich habe zuviel Sonne.

KÖNIGIN

Wirf, guter Hamlet, ab die nächtge Farbe

Und laß dein Aug als Freund auf Dänmark sehn.

Such nicht beständig mit gesenkten Wimpern

Nach deinem edlen Vater in dem Staub.

Du weißt, ’s ist aller Los: was lebt, muß sterben

Und Ewges nach der Zeitlichkeit erwerben.

HAMLET

Ja, gnädge Frau, ’s ist aller Los.

KÖNIGIN

Nun wohl,

Weswegen scheint es so besonders dir?

HAMLET

Scheint, gnädge Frau? Nein, ist; mir gilt kein

»scheint«.

Nicht bloß mein düstrer Mantel, gute Mutter,

Noch diese Tracht, nach Brauch von ernstem

Schwarz,

Noch stürmisches Geseufz beklemmten Atems,

Noch auch im Auge der ergiebige Strom,

Noch die gebeugte Haltung des Gesichts

Samt aller Sitte, Art, Gestalt des Grames

Ist das, was wahr mich kundgibt; dies scheint wirklich;

Es sind Gebärden, die man spielen könnte.

Was über allen Schein, trag ich in mir;

All dies ist nur des Kummers Kleid und Zier.

KÖNIG

Es ist gar lieb und Eurem Herzen rühmlich, Hamlet,

Dem Vater diese Trauerpflicht zu leisten.

Doch wißt, auch Eurem Vater starb ein Vater,

Dem seiner, und der Nachgelaßne soll

Nach kindlicher Verpflichtung einige Zeit

Die Leichentrauer halten. Doch zu beharren

In eigenwillgen Klagen ist das Tun

Gottlosen Starrsinns, ist unmännlich Leid,

Zeigt einen Willen, der dem Himmel trotzt,

Ein unverschanztes Herz, störrisch Gemüt,

Zeigt blöden, ungelehrigen Verstand.

Wovon man weiß, es muß sein; was gewöhnlich

Wie das Gemeinste, das die Sinne rührt:

Weswegen das in mürrischem Widerstande

Zu Herzen nehmen? Pfui! Es ist Vergehn

Am Himmel; ist Vergehen an dem Toten,

Vergehn an der Natur, vor der Vernunft

Höchst töricht, deren allgemeine Predigt

Der Väter Tod ist und die immer rief

Vom ersten Leichnam bis zum heut verstorbnen:

Dies muß so sein! – Wir bitten, werft zu Boden

Dies unfruchtbare Leid und denkt von Uns

Als einem Vater; denn wissen soll die Welt,

Daß Ihr an Unserm Thron der Nächste seid,

Und mit nicht minder Überschwang der Liebe,

Als seinem Sohn der liebste Vater widmet,

Bin ich Euch zugetan. Was Eure Rückkehr

Zur hohen Schul in Wittenberg betrifft,

So widerspricht sie höchlich Unserm Wunsch,

Und Wir ersuchen Euch: Beliebt zu bleiben

Hier in dem milden Scheine Unsers Auges,

Als Unser erster Hofmann, Vetter, Sohn!

KÖNIGIN

Laß deine Mutter fehl nicht bitten, Hamlet;

Ich bitte, bleib bei uns, geh nicht nach Wittenberg!

HAMLET

Ich will Euch gern gehorchen, gnädge Frau.

KÖNIG

Wohl, das ist eine liebe, schöne Antwort.

Seid wie Wir selbst in Dänmark. – Kommt, Gemahlin!

Dies willge, freundliche Nachgeben Hamlets

Lächelt das Herz mir an, und dem zu Ehren

Soll das Geschütz heut jeden frohen Trunk,

Den Dänmark ausbringt, an die Wolken tragen,

Und wenn der König anklingt, soll der Himmel

Nachdröhnen irdschem Donner. – Kommt mit mir!

Alle außer Hamlet ab.

HAMLET

O schmölze doch dies allzu feste Fleisch,

Zerging’ und löst’ in einen Tau sich auf!

Oder hätte nicht der Ewge sein Gebot

Gerichtet gegen Selbstmord! O Gott! O Gott!

Wie ekel, schal und flach und unersprießlich

Scheint mir das ganze Treiben dieser Welt!

Pfui, pfui darüber! ’s ist ein wüster Garten,

Der auf in Samen schießt; verworfnes Unkraut

Erfüllt ihn gänzlich. Dazu mußt es kommen!

Zwei Mond erst tot! – Nein, nicht soviel, nicht zwei!

Solch trefflicher Monarch, verglichen diesem,

Apoll bei einem Satyr! So meine Mutter liebend,

Daß er des Himmels Winde nicht zu rauh

Ihr Antlitz ließ berühren. Himmel und Erde!

Muß ich gedenken? Hing sie doch an ihm,

Als stieg das Wachstum ihrer Lust mit dem,

Was ihre Kost war. Und doch, in einem Mond –

Laßt mich’s nicht denken! – Schwachheit, dein Nam

ist Weib! –

Ein kurzer Mond; bevor die Schuh verbraucht,

Womit sie meines Vaters Leiche folgte,

Wie Niobe, ganz Tränen – sie, ja sie –

O Himmel, würd ein Tier, das nicht Vernunft hat,

Doch länger trauern! – meinem Ohm vermählt,

Dem Bruder meines Vaters, doch ihm ähnlich,

Wie ich dem Herkules! In einem Mond,

Bevor das Salz höchst frevelhafter Tränen

Der wunden Augen Röte noch verließ,

War sie vermählt! – O schnöde Hast, so rasch

In ein blutschänderisches Bett zu stürzen!

Es ist nicht, und es wird auch nimmer gut.

Doch brich, mein Herz, denn schweigen muß mein

Mund!

Horatio, Bernardo und Marcellus treten auf.

HORATIO

Heil Eurer Hoheit!

HAMLET

Ich bin erfreut, Euch wohl zu sehn;

Horatio – wenn ich nicht mich selbst vergesse?

HORATIO

Ja, Prinz, und Euer armer Diener stets.

HAMLET

Mein guter Freund; vertauscht mir jenen Namen.

Was macht Ihr hier von Wittenberg, Horatio? –

Marcellus?

MARCELLUS

Gnädger Herr –

HAMLET

Es freut mich, Euch zu sehn. Habt guten Abend! –

Im Ernst, was führt Euch weg von Wittenberg?

HORATIO

Ein müßiggängerischer Hang, mein Prinz.

HAMLET

Das möcht ich Euren Feind nicht sagen hören,

Noch sollt Ihr meinem Ohr den Zwang antun,

Daß Euer eignes Zeugnis gegen Euch

Ihm gültig wär. Ich weiß, Ihr geht nicht müßig.

Doch was ist Eur Geschäft in Helsingör?

Ihr sollt noch trinken lernen, eh Ihr reist.

HORATIO

Ich kam zu Eures Vaters Leichenfeier.

HAMLET

Ich bitte, spotte meiner nicht, mein Schulfreund,

Du kamst gewiß zu meiner Mutter Hochzeit!

HORATIO

Fürwahr, mein Prinz, sie folgte schnell darauf.

HAMLET

Wirtschaft, Horatio! Wirtschaft! Das Gebackne

Vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitschüsseln.

Hätt ich den ärgsten Feind im Himmel lieber

Getroffen, als den Tag erlebt, Horatio!

Mein Vater – mich dünkt, ich sehe meinen Vater.

HORATIO

Wo, mein Prinz?

HAMLET

In meines Geistes Aug, Horatio.

HORATIO

Ich sah ihn einst, er war ein wackrer König.

HAMLET

Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem;

Ich werde nimmer seinesgleichen sehn.

HORATIO

Mein Prinz, ich denk, ich sah ihn vorge Nacht.

HAMLET

Sah? Wen?

HORATIO

Mein Prinz, den König, Euren Vater.

HAMLET

Den König, meinen Vater?

HORATIO

Beruhigt das Erstaunen eine Weil

Durch ein aufmerksam Ohr, bis ich dies Wunder,

Auf die Bekräftigung der Männer hier,

Euch kann berichten.

HAMLET

Um Gottes willen, laßt mich hören!

HORATIO

Zwei Nächte nacheinander war’s den beiden,

Marcellus und Bernardo, auf der Wache

In toter Stille tiefer Mitternacht

So widerfahren. Ein Schatten wie Eur Vater,

Geharnischt, ganz in Wehr, von Kopf zu Fuß,

Erscheint vor ihnen, geht mit ernstem Tritt

Langsam vorbei und stattlich; schreitet dreimal

Vor ihren starren, furchtergriffnen Augen,

So daß sein Stab sie abreicht, während sie,

Geronnen fast zu Gallert durch die Furcht,

Stumm stehn und reden nicht mit ihm. Dies nun

In banger Heimlichkeit vertraun sie mir.

Ich hielt die dritte Nacht mit ihnen Wache;

Und da, wie sie’s berichtet, in der Zeit

Und der Gestalt buchstäblich alles wahr,

Kommt das Gespenst. Ich kannte Euren Vater:

Hier diese Hände gleichen sich nicht mehr.

HAMLET

Wo ging dies aber vor?

MARCELLUS

Auf der Terrasse, wo wir Wache hielten.

HAMLET

Ihr sprachet nicht mit ihm?

HORATIO

Ich tat’s, mein Prinz,

Doch Antwort gab es nicht; nur einmal schien’s,

Es höb sein Haupt empor und schickte sich

Zu der Bewegung an, als wollt es sprechen;

Doch krähte eben laut der Morgenhahn,

Und bei dem Tone schlüpft’ es eilig weg

Und schwand aus unserm Blick.

HAMLET

Sehr sonderbar!

HORATIO

Bei meinem Leben, edler Prinz, ’s ist wahr;

Wir hieltens durch die Pflicht uns vorgeschrieben,

Die Sach Euch kundzutun.

HAMLET

Im Ernst, im Ernst, Ihr Herrn, dies ängstigt mich.

Habt Ihr die Wache heut?

[ALLE] MARCELLUS UND BERNARDO

Ja, gnädger Herr.

HAMLET

Geharnischt, sagt Ihr?

[ALLE] BEIDE

Geharnischt, gnädger Herr.

HAMLET

Vom Wirbel bis zur Zeh?

[ALLE] BEIDE

Von Kopf zu Fuß.

HAMLET

So saht Ihr sein Gesicht nicht?

HORATIO

O ja doch, sein Visier war aufgezogen.

HAMLET

Nun, blickt’ er finster?

HORATIO

Eine Miene, mehr

Des Leidens als des Zorns.

HAMLET

Blaß oder rot?

HORATIO

Nein, äußerst blaß.

HAMLET

Sein Aug auf Euch geheftet?

HORATIO

Ganz fest.

HAMLET

Ich wollt, ich wär dabeigewesen.

HORATIO

Ihr hättet Euch gewiß entsetzt.

HAMLET

Sehr glaublich,

Sehr glaublich. – Blieb es lang?

HORATIO

Derweil mit mäßger Eil

Man hundert zählen konnte.

MARCELLUS UND BERNARDO

Länger, länger!

HORATIO

Nicht, da ich’s sah.

HAMLET

Sein Bart war greis, nicht wahr?

HORATIO

Wie ich’s an ihm bei seinem Leben sah,

Ein schwärzlich Silbergrau.

HAMLET

Ich will heut wachen;

Vielleicht wird’s wiederkommen.

HORATIO

Zuverlässig.

HAMLET

Erscheint’s in meines edlen Vaters Bildung,

So red ich’s an, gähnt’ auch die Hölle selbst

Und hieß mich ruhig sein. Ich bitt Euch alle:

Habt Ihr bis jetzt verheimlicht dies Gesicht,

So haltet’s ferner fest in Eurem Schweigen;

Und was sich sonst zu Nacht ereignen mag,

Gebt allem einen Sinn, doch keine Zunge.

Ich will die Lieb Euch lohnen; lebt denn wohl!

Auf der Terrasse zwischen elf und zwölf

Besuch ich Euch.

ALLE

Eur Gnaden unsre Dienste.

HAMLET

Nein, Eure Liebe, so wie meine Euch.

Lebt wohl nun!

Horatio, Marcellus und Bernardo ab.

HAMLET

Meines Vaters Geist in Waffen!

Es taugt nicht alles: ich vermute was

Von argen Ränken. Wär die Nacht erst da!

Bis dahin ruhig, Seele! Schnöde Taten,

Birgt sie die Erd auch, müssen sich verraten.

Ab.

DRITTE SZENE

Ein Zimmer in Polonius’ Hause. Laertes und Ophelia treten auf.

LAERTES

Mein Reisegut ist eingeschifft. Leb wohl!

Und, Schwester, wenn die Winde günstig sind

Und Schiffsgelegenheit sich findet, schlaf nicht,

Laß von dir hören.

OPHELIA

Zweifelst du daran?

LAERTES

Was Hamlet angeht und sein Liebsgetändel,

So nimm’s als Sitte, als ein Spiel des Bluts,

Ein Veilchen in der Jugend der Natur,

Frühzeitig, nicht beständig – süß, nicht dauernd,

Nur Duft und Labsal eines Augenblicks;

Nichts weiter.

OPHELIA

Weiter nichts?

LAERTES

Nur dafür halt es;

Denn die Natur, aufstrebend, nimmt nicht bloß

An Größ und Sehnen zu; wie dieser Tempel wächst,

So wird der innre Dienst von Seel und Geist

Auch weit mit ihm. Er liebt Euch jetzt vielleicht,

Kein Arg und kein Betrug befleckt bis jetzt

Die Tugend seines Willens; doch befürchte,

Bei seinem Rang gehört sein Will ihm nicht;

Er selbst ist der Geburt ja untertan.

Er kann nicht, wie geringe Leute tun,

Für sich auslesen, denn an seiner Wahl

Hängt Sicherheit und Heil des ganzen Staats.

Deshalb muß seine Wahl denn auch beschränkt sein

Vom Beifall und der Stimme jenes Körpers,

Von welchem er das Haupt. Wenn er nun sagt, er liebt dich,

Geziemt es deiner Klugheit, ihm zu glauben,

Soweit er, nach besonderm Recht und Stand,

Tat geben kann dem Wort, das heißt, nicht weiter,

Als Dänemarks gesamte Stimme geht.

Bedenk, was deine Ehre leiden kann,

Wenn du zu gläubig seinem Liede lauschest,

Dein Herz verlierst und deinen keuschen Schatz

Vor seinem ungestümen Dringen öffnest.

Fürcht es, Ophelia, fürcht es, liebe Schwester,

Und halte dich im Hintergrund der Neigung,

Fern von dem Schuß und Anfall der Begier!

Das scheuste Mädchen ist verschwendrisch noch,

Wenn sie dem Monde ihren Reiz enthüllt.

Selbst Tugend nicht entgeht Verleumdertücken,

Es nagt der Wurm des Frühlings Kinder an,

Zu oft noch, eh die Knospe sich erschließt,

Und in der Früh und frischem Tau der Jugend

Ist giftger Anhauch am gefährlich’sten.

Sei denn behutsam! Furcht gibt Sicherheit,

Auch ohne Feind hat Jugend innern Streit.

OPHELIA

Ich will den Sinn so guter Lehr bewahren

Als Wächter meiner Brust; doch, lieber Bruder,

Zeig nicht, wie heilvergeßne Prediger tun,

Den steilen Dornenweg zum Himmel andern,

Derweil als frecher, lockrer Wollüstling

Er selbst den Blumenpfad der Lust betritt

Und spottet seines Rats.

LAERTES

O fürchte nichts!

Zu lange weil ich – doch, da kommt mein Vater.

Polonius kommt.

Zwiefacher Segen ist ein zwiefach Heil;

Der Zufall lächelt einem zweiten Abschied.

POLONIUS

Noch hier, Laertes? Ei, ei, an Bord, an Bord!

Der Wind sitzt in dem Nacken Eures Segels,

Und man verlangt Euch. Hier mein Segen mit dir –

Indem er dem Laertes die Hand aufs Haupt legt

Und diese Regeln präg in dein Gedächtnis:

Gib den Gedanken, die du hegst, nicht Zunge,

Noch einem ungebührlichen die Tat.

Leutselig sei, doch mach dich nicht gemein.

Den Freund, der dein, und dessen Wahl erprobt,

Mit ehrnen Haken klammr ihn an dein Herz.

Doch schwäche deine Hand nicht durch Begrüßung

Von jedem neugeheckten Bruder. Hüte dich,

In Händel zu geraten; bist du drin,

Führ sie, daß sich dein Feind vor dir mag hüten.

Dein Ohr leih jedem, wenigen deine Stimme;

Nimm Rat von allen, aber spar dein Urteil.

Die Kleidung kostbar, wie’s dein Beutel kann,

Doch nicht ins Grillenhafte: reich, nicht bunt;

Denn es verkündigt oft die Tracht den Mann,

Und die vom ersten Rang und Stand in Frankreich

Sind darin ausgesucht und edler Sitte.

Kein Borger sei und auch Verleiher nicht;

Sich und den Freund verliert das Darlehn oft,

Und Borgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab.

Dies über alles: Sei dir selber treu,

Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage,

Du kann’st nicht falsch sein gegen irgendwen.

Leb wohl! Mein Segen fördre dies an dir!

LAERTES

In Ehrerbietung nehm ich Abschied, Herr.

POLONIUS

Euch ruft die Zeit; geht, Eure Diener warten.

LAERTES

Leb wohl, Ophelia, und gedenk an das,

Was ich dir sagte.

OPHELIA

Es ist in mein Gedächtnis fest verschlossen,

Und Ihr sollt selbst dazu den Schlüssel führen.

LAERTES

Lebt wohl!

Ab.

POLONIUS

Was ist’s, Ophelia, das er Euch gesagt?

OPHELIA

Wenn Ihr erlaubt, vom Prinzen Hamlet war’s.

POLONIUS

Ha, wohl bedacht!

Ich höre, daß er Euch seit kurzem oft

Vertraute Zeit geschenkt, und daß Ihr selbst

Mit Eurem Zutritt sehr bereit und frei wart.

Wenn dem so ist – und so erzählt man mir’s,

Und das als Warnung zwar –, muß ich Euch sagen,

Daß Ihr Euch selber nicht so klar versteht,

Als meiner Tochter ziemt und Eurer Ehre.

Was gibt es zwischen euch? Sagt mir die Wahrheit!

OPHELIA

Er hat seither Anträge mir getan

Von seiner Zuneigung.

POLONIUS

Pah, Zuneigung! Ihr sprecht wie junges Blut,

In solchen Fährlichkeiten unbewandert.

Und glaubt Ihr den Anträgen, wie Ihr’s nennt?

OPHELIA

Ich weiß nicht, Vater, was ich denken soll.

POLONIUS

So hört’s denn: Denkt, Ihr seid ein dummes Ding,

Daß Ihr für bar Anträge habt genommen,

Die ohn Ertrag sind. Nein, betragt Euch klüger,

Sonst, um das arme Wort nicht tot zu hetzen,

Trägt Eure Narrheit noch Euch Schaden ein.

OPHELIA

Er hat mit seiner Lieb in mich gedrungen,

In aller Ehr und Sitte.

POLONIUS

Ja, Sitte mögt Ihr’s nennen; geht mir, geht!

OPHELIA

Und hat sein Wort beglaubigt, lieber Herr,

Beinah durch jeden heilgen Schwur des Himmels.

POLONIUS

Ja, Sprenkel für die Drosseln. Weiß ich doch,

Wenn das Blut kocht, wie das Gemüt der Zunge

Freigebig Schwüre leiht. Dies Lodern, Tochter,

Mehr leuchtend als erwärmend, und erloschen

Selbst im Versprechen, während es geschieht,

Nehmt keineswegs für Feuer! Kargt von nun an

Mit Eurer jungfräulichen Gegenwart

Ein wenig mehr; schätzt Eure Unterhaltung

Zu hoch, um auf Befehl bereit zu sein!

Und was Prinz Hamlet angeht, traut ihm so:

Er sei noch jung und habe freiern Spielraum,

Als Euch vergönnt mag werden. Kurz, Ophelia,

Traut seinen Schwüren nicht; denn sie sind Kuppler,

Nicht von der Farbe ihrer äußern Tracht,

Fürsprecher sündlicher Gesuche bloß,

Gleich frommen, heiligen Gelübden atmend,

Um besser zu berücken. Eins für alles:

Ihr sollt mir, grad heraus, von heute an

Die Muße keines Augenblicks so schmähn,

Daß Ihr Gespräche mit Prinz Hamlet pflöget.

Seht zu, ich sag’s Euch! Geht nun Eures Weges.

OPHELIA

Ich will gehorchen, Herr.

Beide ab.

VIERTE SZENE

Die Terrasse. Hamlet, Horatio und Marcellus treten auf.

HAMLET

Die Luft geht scharf, es ist entsetzlich kalt.

HORATIO

’s ist eine schneidende und strenge Luft.

HAMLET

Was ist die Uhr?

HORATIO

Ich denke, nah an zwölf.

MARCELLUS

Nicht doch, es hat geschlagen.

HORATIO

Wirklich schon?

Ich hört es nicht; so rückt heran die Stunde,

Worin der Geist gewohnt ist umzugehn.

Trompetenstoß und Geschütz abgefeuert hinter der Szene.

Was stellt das vor, mein Prinz?

HAMLET

Der König wacht die Nacht durch, zecht vollauf,

Hält Schmaus und taumelt den geräuschgen Walzer;

Und wie er Züge Rheinweins niedergießt,

Verkünden schmetternd Pauken und Trompeten

Den ausgebrachten Trunk.

HORATIO

Ist das Gebrauch?

HAMLET

Nun freilich wohl.

Doch meines Dünkens, bin ich eingeboren

Und drin erzogen schon, ist’s ein Gebrauch,

Wovon der Bruch mehr ehrt als die Befolgung.

Dies schwindelköpfge Zechen macht verrufen

Bei andern Völkern uns in Ost und West;

Man heißt uns Säufer, hängt an unsre Namen

Ein schmutzig Beiwort; und fürwahr, es nimmt

Von unsern Taten, noch so groß verrichtet,

Den Kern und Ausbund unsers Wertes weg.

So geht es oft mit einzeln Menschen auch,

Daß sie durch ein Naturmal, das sie schändet,

Als etwa von Geburt – worin sie schuldlos,

Weil die Natur nicht ihren Ursprung wählt –,

Ein Übermaß in ihres Blutes Mischung,

Das Dämm und Schanzen der Vernunft oft einbricht,

Auch wohl durch Angewöhnung, die zu sehr

Den Schein gefällger Sitten überrostet –

Daß diese Menschen, sag ich, welche so

Von einem Fehler das Gepräge tragen

– Sei’s Farbe der Natur, sei’s Fleck des Zufalls –,

Und wären ihre Tugenden so rein

Wie Gnade sonst, so zahllos wie ein Mensch

Sie tragen mag: in dem gemeinen Tadel

Steckt der besondre Fehl sie doch mit an,

Der Gran von Schlechtem zieht des edlen Wertes

Gehalt herab in seine eigne Schmach.

HORATIO

O seht, mein Prinz, es kommt!

Der Geist kommt.

HAMLET

Engel und Boten Gottes, steht uns bei! –

Sei du ein Geist des Segens, sei ein Kobold,

Bring Himmelslüfte oder Dampf der Hölle,

Sei dein Beginnen boshaft oder liebreich,

Du kommst in so fragheischender Gestalt,

Daß ich dich sprechen will. Ich nenn dich, Hamlet,

Fürst, Vater, Dänenkönig; o gib Antwort!

Laß mich in Blindheit nicht vergehn! Nein, sag,

Warum dein fromm Gebein, verwahrt im Tode,

Die Leinen hat gesprengt, warum die Gruft,

Worin wir ruhig eingeurnt dich sahn,

Geöffnet ihre schweren Marmorkiefer,

Dich wieder auszuwerfen? Was bedeutet’s,

Daß, toter Leichnam, du in vollem Stahl

Aufs neu des Mondes Dämmerschein besuchst,

Die Nacht entstellend, daß wir Narren der Natur

So fürchterlich uns schütteln mit Gedanken,

Die unsern Seelen nicht erreichbar sind?

Sag, was ist dies? Warum? Was solln wir tun?

Der Geist winkt Hamlet zu sich.

HORATIO

Es winkt Euch zu, mit ihm hinwegzugehn,

Als ob’s nach einer Mitteilung verlangte

An Euch allein.

MARCELLUS

Seht, wie es Euch mit freundlicher Gebärde

Hinweist an einen mehr entlegnen Ort;

Geht aber nicht mit ihm!

HORATIO

Nein, keineswegs!

HAMLET

Es will nicht sprechen; wohl, so folg ich ihm.

HORATIO

Tut’s nicht, mein Prinz!

HAMLET

Was wäre da zu fürchten?

Mein Leben acht ich keine Nadel wert;

Und meine Seele, kann es der was tun,

Die ein unsterblich Ding ist, wie es selbst?

Es winkt mir wieder fort, ich folg ihm nach.

HORATIO

Wie, wenn es hin zur Flut Euch lockt, mein Prinz,

Vielleicht zum grausen Gipfel jenes Felsen,

Der in die See nickt über seinen Fuß?

Und dort in andre Schreckgestalt sich kleidet,

Die der Vernunft die Herrschaft rauben könnte

Und Euch zum Wahnsinn treiben? O bedenkt!

Der Ort an sich bringt Grillen der Verzweiflung

Auch ohne weitern Grund in jedes Hirn,

Der so viel Klafter niederschaut zur See

Und hört sie unten brüllen.

HAMLET

Immer winkt es. –

Geh nur, ich folge dir.

MARCELLUS

Ihr dürft nicht gehn, mein Prinz!

HAMLET

Die Hände weg!

HORATIO

Hört uns, Ihr dürft nicht gehn!

HAMLET

Mein Schicksal ruft

Und macht die kleinste Ader dieses Leibes

So fest als Sehnen des Nemeer Löwen.

Der Geist winkt.

Es winkt mir immerfort: laßt los!!

Sich von ihnen losreissend.

Beim Himmel!

Den mach ich zum Gespenst, der mich zurückhält!

Ich sage, fort! – Voran, ich folge dir.

Der Geist und Hamlet ab.

HORATIO

Er kommt ganz außer sich vor Einbildung.

MARCELLUS

Ihm nach! Wir dürfen ihm nicht so gehorchen.

HORATIO

Kommt, folgen wir! Welch Ende wird dies nehmen?

MARCELLUS

Etwas ist faul im Staate Dänemark.

HORATIO

Der Himmel wird es lenken.

MARCELLUS

Laßt uns gehn!

Beide ab.

FÜNFTE SZENE

Ein abgelegener Teil [der Terrasse] des Schlosses. Der Geist und Hamlet kommen.

HAMLET

Wo führst du hin mich? Red, ich geh nicht weiter.

GEIST

Hör an!

HAMLET

Ich will’s.

GEIST

Schon naht sich meine Stunde,

Wo ich den schweflichten, qualvollen Flammen

Mich übergeben muß.

HAMLET

Ach, armer Geist!

GEIST

Beklag mich nicht, doch leih dein ernst Gehör

Dem, was ich kund will tun.

HAMLET

Sprich! Mir ist’s Pflicht

Zu hören.

GEIST

Auch zu rächen, wenn du erst

Wirst hörn.

HAMLET

Was?

GEIST

Ich bin deines Vaters Geist;

Verdammt auf eine Zeitlang, nachts zu wandern

Und tags, gebannt, zu fasten in der Glut,

Bis die Verbrechen meiner Zeitlichkeit

Hinweggeläutert sind. Wär mir’s nicht untersagt,

Das Innre meines Kerkers zu enthüllen,

So höb’ ich eine Kunde an, von der

Das kleinste Wort die Seele dir zermalmte,

Dein junges Blut erstarrte, deine Augen

Wie Stern’ aus ihren Kreisen schießen machte,

Dir die verworrnen krausen Locken trennte

Und sträubte jedes einzelne Haar empor

Wie Nadeln an dem zorngen Stacheltier;

Doch diese ewge Offenbarung faßt

Kein Ohr von Fleisch und Blut. – Horch, horch, o horch!

Wenn du je deinen teuren Vater liebtest –

HAMLET

O Himmel!

GEIST

– räch seinen schnöden, unerhörten Mord!

HAMLET

Mord?

GEIST

Ja, schnöder Mord, wie er aufs beste ist,

Doch dieser unerhört und unnatürlich.

HAMLET

Eil, ihn zu melden, daß ich auf Schwingen, rasch

Wie Andacht und des Liebenden Gedanken,

Zur Rache stürmen mag!

GEIST

Du scheinst mir willig;

Auch wärst du träger als das feiste Kraut,

Das ruhig Wurzel treibt an Lethes Bord,

Erwachtest du nicht hier. Nun, Hamlet, höre:

Es heißt, daß, als ich schlief in meinem Garten,

Mich eine Schlange stach; so wird das Ohr des

Reich’s

Durch den erlognen Hergang meines Todes

Schmählich getäuscht! Doch wisse, edler Jüngling,

Die Schlang, die deines Vaters Leben stach,

Trägt seine Krone jetzt.

HAMLET

O mein prophetisches Gemüt! Mein Oheim?

GEIST

Ja, der blutschänderische Ehebrecher,

Durch Witzes Zauber, durch Verrätergaben

– O arger Witz und Gaben, die imstand

So zu verführen sind! – gewann den Willen

Der scheinbar tugendsamen Königin

Zu schnöder Lust. O Hamlet, welch ein Abfall!

Von mir, des Liebe von der Echtheit war,

Daß Hand in Hand sie mit dem Schwure ging,

Den ich bei der Vermählung tat, erniedert

Zu einem Sünder, von Natur durchaus

Armselig gegen mich!

Allein wie Tugend nie sich reizen läßt,

Buhlt Unzucht auch um sie in Himmelsbildung;

So Lust, gepaart mit einem lichten Engel,

Wird dennoch eines Götterbettes satt

Und hascht nach Wegwurf. –

Doch still, mich dünkt, ich wittre Morgenluft:

Kurz laß mich sein. – Da ich im Garten schlief,

Wie immer meine Sitte nachmittags,

Beschlich dein Oheim meine sichre Stunde

Mit Saft verfluchten Bilsenkrauts im Fläschchen,

Und träufelt’ in den Eingang meines Ohrs

Das schwärende Getränk, wovon die Wirkung

So mit des Menschen Blut in Feindschaft steht,

Daß es durch die natürlichen Kanäle

Des Körpers hurtig wie Quecksilber läuft,

Und wie ein saures Lab, in Milch getropft,

Mit plötzlicher Gewalt gerinnen macht

Das leichte, reine Blut. So tat es meinem,

Und Aussatz schuppte sich mir augenblicklich,

Wie einem Lazarus, mit ekler Rinde

Ganz um den glatten Leib.

So ward ich schlafend und durch Bruderhand

Um Leben, Krone, Weib mit eins gebracht,

In meiner Sünden Blüte hingerafft,

Ohn Abendmahl, ohn Beicht, ohn letzte Ölung,

Die Rechnung nicht geschlossen, ins Gericht

Mit aller Schuld auf meinem Haupt gesandt.

HAMLET

O schaudervoll! O schaudervoll, höchst schaudervoll!

GEIST

Hast du Natur in dir, so leid es nicht,

Laß Dänmarks königliches Bett kein Lager

Für Blutschand und verruchte Wollust sein!

Doch wie du immer diese Tat betreibst,

Befleck dein Herz nicht; dein Gemüt ersinne

Nichts gegen deine Mutter; überlaß sie

Dem Himmel und den Dornen, die im Busen

Ihr stechend wohnen. Lebe wohl mit eins!

Der Glühwurm zeigt, daß sich die Frühe naht,

Und sein unwirksam Feuer wird schon blasser.

Ade! Ade! Ade! Gedenke mein!

Ab.

HAMLET

O Heer des Himmels! Erde! – Was noch sonst?

Nenn ich die Hölle mit? O pfui! Halt, halt, mein Herz!

Ihr meine Sehnen, altert nicht sogleich,

Tragt fest mich aufrecht! Dein gedenken? Ja,

Du armer Geist, solang Gedächtnis haust

In dem zerstörten Ball hier. Dein gedenken?

Ja, von der Tafel der Erinnrung will ich

Weglöschen alle törichten Geschichten,

Aus Büchern alle Sprüche, alle Bilder,

Die Spuren des Vergangnen, welche da

Die Jugend einschrieb und Beobachtung;

Und dein Gebot soll leben ganz allein

Im Buche meines Hirnes, unvermischt

Mit minder würdgen Dingen. Ja, beim Himmel!

O höchst verderblich Weib!

O Schurke, lächelnder, verdammter Schurke!

Schreibtafel her, ich muß mir’s niederschreiben,

Daß einer lächeln kann und immer lächeln

Und doch ein Schurke sein; zum wenigsten

Weiß ich gewiß, in Dänmark kann’s so sein.

Schreibt.

Da steht Ihr, Oheim! – Jetzt zu meiner Losung!

Sie heißt: Ade, ade! Gedenke mein! –

Ich hab’s geschworen.

HORATIO

Hinter der Szene.

Mein Prinz! Mein Prinz!

MARCELLUS

Hinter der Szene.

Prinz Hamlet!

HORATIO

hinter der Szene.

Gott beschütz ihn!

HAMLET

So sei es!

MARCELLUS

Hinter der Szene.

Heda, ho! Mein Prinz!

HAMLET

Ha, heißa, Junge! Komm, Vogel, komm!

Horatio und Marcellus kommen.

MARCELLUS

Wie steht’s, mein gnädger Herr?

HORATIO

Was gibt’s, mein Prinz?

HAMLET

O wunderbar!

HORATIO

Sagt, bester, gnädger Herr!

HAMLET

Nein, Ihr verratet’s.

HORATIO

Ich nicht, beim Himmel, Prinz.

MARCELLUS

Ich gleichfalls nicht.

HAMLET

Was sagt Ihr? Sollt’s ’ne Menschenseele denken? –

Doch Ihr wollt schweigen? –

HORATIO UND MARCELLUS

Ja, beim Himmel, Prinz!

HAMLET

Es lebt kein Schurk im ganzen Dänemark,

Der nicht ein ausgemachter Bube wär.

HORATIO

Es braucht kein Geist vom Grabe herzukommen,

Uns das zu sagen.

HAMLET

Richtig, Ihr habt recht!

Und so, ohn alle weitre Förmlichkeit,

Denk ich, wir schütteln uns die Händ und scheiden;

Ihr tut, was Euch Beruf und Neigung heißt

– Denn jeder Mensch hat Neigung und Beruf,

Wie sie denn sind –, ich für mein armes Teil,

Seht Ihr, will beten gehn.

HORATIO

Dies sind nur wirblichte und irre Worte, Herr.

HAMLET

Es tut mir leid, daß sie Euch ärgern, herzlich;

Wahrhaftig herzlich.

HORATIO

Kein Ärgernis, mein Prinz!

HAMLET

Doch, bei Sankt Patrik, gibt es eins, Horatio;

Groß Ärgernis. Was die Erscheinung angeht,

Ich sag Euch, ’s ist ein ehrliches Gespenst.

Die Neugier, was es zwischen uns doch gibt,

Bemeistert, wie Ihr könnt. Und nun, Ihr Lieben,

Wofern Ihr Freunde seid, Mitschüler, Krieger,

Gewährt ein Kleines mir!

HORATIO

Was ist’s? Wir sind bereit.

HAMLET

Macht nie bekannt, was Ihr die Nacht gesehn!

HORATIO UND MARCELLUS

Wir wollen’s nicht, mein Prinz.

HAMLET

Gut, aber schwört!

HORATIO

Auf Ehre, Prinz, ich nicht!

MARCELLUS

Noch ich, auf Ehre!

HAMLET

Schwört auf mein Schwert!

MARCELLUS

Wir haben schon geschworen.

HAMLET

Im Ernste, auf mein Schwert, im Ernste.

GEIST

Unter der Erde.

Schwört!

HAMLET

Haha, Bursch, sagst du das? Bist du da, Grundehrlich?

Wohlan – Ihr hört im Keller den Gesellen –

Bequemt Euch denn, zu schwören!

HORATIO

Sagt den Eid!

HAMLET

Niemals von dem, was Ihr gesehn, zu sprechen,

Schwört auf mein Schwert!

GEIST

Unter der Erde.

Schwört!

HAMLET

Hic et ubique? Wechseln wir die Stelle!

Hierher, Ihr Herren, kommt

Und legt die Hände wieder auf mein Schwert;

Schwört auf mein Schwert,

Niemals von dem, was Ihr gehört, zu sprechen.

GEIST

Unter der Erde.

Schwört!

HAMLET

Brav, alter Maulwurf! Wühlst so hurtig fort?

O trefflicher Minierer! – Nochmals weiter, Freunde!

HORATIO

Beim Sonnenlicht, dies ist erstaunlich fremd.

HAMLET

So heiß als einen Fremden es willkommen.

Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden,

Als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.

Doch kommt!

Hier, wie vorhin, schwört mir, so Gott Euch helfe,

Wie fremd und seltsam ich mich nehmen mag,

Da mir’s vielleicht in Zukunft dienlich scheint,

Ein wunderliches Wesen anzulegen,

Ihr wollet nie, wenn Ihr alsdann mich seht,

Die Arme so verschlingend, noch die Köpfe

So schüttelnd, noch durch zweifelhafte Reden,

Als: Nun, nun, wir wissen – oder: Wir könnten,

Wenn wir wollten – oder: Ja, wenn wir reden möchten –

Oder: Es gibt ihrer, wenn sie nur dürften –

Und solch verstohlnes Deuten mehr, verraten,

Daß Ihr von mir was wisset: Dieses schwört,

So Gott in Nöten und sein Heil Euch helfe!

GEIST

Unter der Erde.

Schwört!

HAMLET

Ruh, ruh, verstörter Geist! – Nun, liebe Herrn,

Empfehl ich Euch mit aller Liebe mich,

Und was ein armer Mann, wie Hamlet ist,

Vermag, Euch Lieb und Freundschaft zu bezeugen,

So Gott will, soll nicht fehlen. Laßt uns gehn

Und, bitt ich, stets den Finger auf den Mund!

Die Zeit ist aus den Fugen; Fluch der Pein,

Muß ich sie herzustelln geboren sein! –

Nun kommt, laßt uns zusammen gehn.

Alle ab.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
25 maja 2021
Objętość:
121 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783868208917
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Właściciel praw:
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