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Pforte des Todes

Impressum

Prolog

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Willi Voss

Pforte des Todes

Thriller

XOXO Verlag

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://www.d-nb.de abrufbar.

Print-ISBN: 978-3-96752-176-4

E-Book-ISBN: 978-3-96752-676-9

Copyright (2020) XOXO Verlag

Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag

unter Verwendung des Bildes: 1032933763

von www.shutterstock.com

Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag

Hergestellt in Bremen, Germany (EU)

XOXO Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Gröpelinger Heerstr. 149

28237 Bremen

Trotz der herrschenden Sucht, Verschwörungstheorien zu stricken, versichere ich, dass die Fakten und Schauplätze dieses Buches über Jahre sehr sorgfältig recherchiert worden sind, aber die handelnden Personen, sofern sie keinen geschichtlichen Bezug haben, einzig und alleine aus der Logik und Fantasie des Autors gestaltet wurden. Aber durchaus mit dem Ziel, Glauben zu hinterfragen. Zu Toten und Lebenden wären Bezüge dem Zufall geschuldet und nicht beabsichtigt.

- Willi Voss

Für Rheinhardt Raoul

Prolog

Starr, dem Klang seines pfeifenden Atems lauschend, witterte Jakob in die Dunkelheit, als könnte er dort finden, was seiner jäh abgeschnittenen Erinnerung entglitten war. Die letzten Bilder aus der Wirklichkeit waren der erhobene Arm, die Dämonenmaske, hinter der sich das Gesicht des Angreifers verborgen hatte. Und der schwarze Phallus, der sein Bewusstsein ausgeschaltet hatte.

Ein Rauschen wie entfernt fallender Regen drang zu ihm. Das Gefühl, aus wachsamen Augen beobachtet zu werden, kroch wie Frost in seine Seele. Bildfetzen stürmten auf ihn ein. Er sah sich auf einem geflügelten Pferd. In der linken Faust einen goldenen Speer, in der rechten einen eisernen Schild. Er ritt schwebend an riesigen Bäumen vorbei auf weißes Licht zu, aus dem auf einer gleißenden Scheibe ein bärtiger Kopf ragte.

Kein Blut.

Die Augen waren Aufmerksamkeit erzwingende Lichter voller Anteilnahme und - wie er fand - Liebe.

Er lag in einem dunklen Raum. Entfernt schimmerte in einem viereckigen Ausschnitt orangenes Licht. Es kam von draußen, von einer Straßenlaterne, deren Anblick ihm vertraut war.

Schritte klangen auf.

In Erwartung eines weiteren Schlages spannten sich seine Muskeln. Eisige Schauer ergossen sich über ihn. Sie lähmten ihn, während sein Kopf erneut das tanzende Gesicht der Dämonenmaske und des herab sausenden schwarzen Knüppels projizierte.

Er richtete sich auf, schwankte, fühlte sich, als hätte er eine schwere Last auf den Schultern. Er taumelte in das Dunkel hinein und stieß gegen einen Stahlrohrstuhl. Er hielt sich an der Lehne fest, kniff die Augen zusammen, als das Deckenlicht aufflammte. Er sah sich in einer mit Stühlen vollgestellten Doppelgarage, an deren Wänden dunkelblaue Samtvorhänge drapiert waren. Er begriff im nächsten Augenblick, dass es seine eigene war.

Er bemerkte das erstaunte Gesicht einer Frau. Ihre Blicke glitten über den am Kopfende errichteten, von zwei Alabastersäulen getragenen Altarstein, hinter dem unter einer leuchtenden Sonnenscheibe an Pharaonen erinnernde Gestalten anbetend einer seltsamen Vogelfigur huldigten, die über einem mumienhaften Körper schwebte.

»Ein Unfall«, erklärte Jakob wie unter Zwang. »Ich bin ausgeglitten.« Er versuchte ein Lächeln. »Haben Sie mit dem Ingenieursbüro zu tun?«

»Ich halte das alles sauber«, sagte die Frau.

»Herzlichen Dank. Falls ich mich erkenntlich zeigen kann?«

»Um Gotteswillen.

Wie auf Kommando verließ die Frau die Garage und wenig später das Grundstück.

Offensichtlich war er nur am Hals getroffen worden. Genau in jenem Augenblick, als er die zum Andachtsraum umgewandelte Doppelgarage betreten hatte. Sicher war er, in den Schlitzen der Maske hellbraune, erschreckte Augen gesehen zu haben. Er tastete die Jacke ab, spürte die Brieftasche in Höhe des Herzens, zog sie heraus und prüfte den Inhalt. Ausweis, Führerschein, Bank- und Kreditkarten, Tankbelege, ein Parkschein aus der Rintelner Innenstadt. Alles war an Ort und Stelle. Jetzt mit seinen blutnassen Fingerabdrücken versehen.

Benommen ging er ins Haus und ins Badezimmer. Er fand den Verbandskasten, wankte an den Spiegel und erschrak. Er starrte gegen eine samtene, schwarze Fläche. Er griff zu und spürte weiches Tuch, erinnerte sich, den Spiegel selbst verhangen zu haben. Er riss das Tuch herunter und betrachtete sich.

Sein Haar hing in feuchten Strähnen herab. Die Augen lagen in dunklen Höhlen. Vom Kinn aus schwoll das Fleisch in einer breiten Spur bis zum linken Halsmuskel.

Jakob stöhnte, ließ das Wasser laufen, schaffte es nicht, den Kopf unter den Wasserhahn zu senken. Er mühte sich in die auf der anderen Seite stehende Badewanne und öffnete das Duschventil. Er blieb sitzen, bis nur noch ein dünner Blutfaden vom Hals in den Abfluss lief. Er kroch wieder heraus, entledigte sich mühsam seiner Kleider, hüllte sich in ein Badetuch, trocknete mit Papiertüchern die Wunde und versorgte sie in unendlicher Langsamkeit. Das Aufkleben des breiten Pflasters brachte ihn zum Schwitzen und seine Hände zum Zittern. Einer Ohnmacht nahe, wankte er ins Schlafzimmer, torkelte an Videokamera, Monitoren und Ordnern vorbei auf das Doppelbett zu und fiel erschöpft mit dem Gesicht voran hinein.

Er roch den Duft eines aus dem Laken aufsteigenden Parfums, das die Erinnerung an ein verzückt lachendes Mädchengesicht und schwellende Brüste in ihm weckte. Er hatte das Gefühl, sich auf einer Scheibe zu drehen, tauchte in ein diffuses Dunkel und flog davon, einem Licht entgegen, aus dem stolz ein weißes Pferd galoppierte und ihn mit magischer Kraft erneut durch diesen hintergründig erleuchteten Hohlweg trug. Auf ein riesiges Gebäude zu, das im Schatten des Hintergrunds zu erkennen war. Voraus dieser glatt abgeschnittene Kopf mit den gütigen Augen, in der warmfeuchten Nachtluft eine stille Musik, als wenn filigrane Gläser aneinander klirrten und - einen jähen Schrecken auslösend - ein Schrei und eine Störung, die von einem auf ihn zu stürzenden verzerrten Gesicht ausging.

Er richtete sich auf, setzte sich auf den Bettrand.

Der Schmerz, dachte er, dieser Überfall ... Wenn ich nur wüsste, was es mit dem Pferd auf sich hat!

Es lenkte ihn.

Ein starkes Pferd mit vorgezeichnetem Weg. Der Reiter war nichts weiter als Last, abhängig von dem Willen des Tieres. Er, Jakob, war lediglich das Werkzeug und nicht der Wille gewesen.

Er zuckte wie unter einem Schlag zusammen. Er sah das Bild, das ihn im Traum so maßlos erschreckt hatte, die Gestalt hinter der Dämonenmaske, die Hand, die den schwarzen Phallus gehalten und zugeschlagen und damit das Pferd vom Weg gezwungen hatte. Und es war kein weißes, es war ein fahles Pferd gewesen. - Und fahle Pferde, wusste er, sind Boten des Todes.

Seine Augen wurden dunkel vor Sorge. Er richtete sich trotz seiner Schwäche vom Bett auf, wankte in den Flur und auf das Arbeitszimmer zu. In brutaler Klarheit stürzten nicht nur die Bilder des Überfalls auf ihn ein. Er erinnerte sich der ängstlichen Augen, sah dahinter den Mann, dem sie gehörten und wusste mit instinktiver Sicherheit dessen Absichten.

Er stieß die Tür auf, roch, noch ehe er das Arbeitszimmer betrat, den Gestank verschmorter Kabel und bemerkte den offenen Wandsafe.

Die Wertpapiere, auch die Schatulle, in der er antike Münzen aufbewahrte, waren vorhanden, doch der schwere Schlüssel für die Bergkapelle und das kostbare Medaillon fehlten.

Sein Magen rebellierte. Er fiel nach vorne, barg das nasse, heiße Gesicht in den Händen, spürte Hitze Kälte und die Wand zugleich und hatte das sichere Gefühl, eine Hand würde ihn greifen und hinabziehen in einen Schlund, die ihn wegen seines Versagens niemals mehr loslassen würde.

Kein Zweifel: Nur Deskin konnte den Kapellenschlüssel und das Medaillon an sich genommen haben. Deskin, ein erst seit wenigen Monaten zum Tempel gehörendes Mitglied, hatte nach der Abendandacht offensichtlich das Verlassen des Hauses vorgetäuscht. Er hatte sich - die Abdrücke seiner Sportschuhe waren auf dem Wannenboden abgedrückt - im Gästebadezimmer versteckt und abgewartet, bis im schräg gegenüber liegenden Andachtsraum Ruhe eingekehrt war. Er hatte sich mit der Dämonenmaske getarnt und mit dem fürchterlichen Knüppel zugeschlagen, als er, Jakob, die Garage in Richtung Wohnbereich verlassen hatte. Deskin hatte die Zeit der Bewusstlosigkeit ausgenutzt, um sich in das Arbeitszimmer zu schleichen und den Safe zu öffnen, in dem er das unersetzliche Medaillon wusste.

Jakob presste den Kopf gegen den Spiegel, spürte das kalte Glas auf der Stirn und hoffte, der stechende Kopfschmerz werde sich nach Einnahme der beiden Tabletten rasch verflüchtigen. Er tastete nach dem Wasserhahn, öffnete ihn und ließ kaltes Wasser über seine Handgelenke laufen. Seine Lippen formten Worte, ein Gebet, mit dem er um Kraft flehte, um sich auf die Suche nach dem Verbrecher machen zu können.

Tastend, als befände er sich am Rande eines Abgrundes, bewegte er sich in den Flur, ins Arbeitszimmer und stützte sich dort auf dem Schreibtisch ab. Er nahm den Hörer von der Gabel und wählte. Vierzehn Mal erklang das Freizeichen, bis sich eine verschlafene Mädchenstimme mit einem nörgelnden »bei Deskin« meldete.

»Ist Florian zu sprechen?«

»Wissen Sie, wie spät es ist?«

»Entschuldigung, aber ich muss ihn unbedingt erreichen!«

»Er ist aber nicht hier. Er musste was erledigen. Was, hat er nicht gesagt.«

»Wo kann ich ihn finden?«

»Das hat er mir nicht gesagt. Er hatte eine Verabredung, mit jemandem von der Presse und sagte, es werde sehr spät werden.«

Jakob legte auf. Der offene Safe fiel in seinen Blick. Allmächtiger, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen! Er rieb sich das glatte Kinn. Die Haut brannte. Gib mir Kraft, gib mir Kraft! Er tastete nach seinem Hals, der noch immer wie Feuer brannte und die ihn daran erinnerte, dass er seine Kräfte schonen musste. Aber das zählte nicht, es zählte, dass Judas Deskin Verrat geübt hatte und, wenn er den Hinweis des Mädchens richtig deutete, sein Wissen zu verkaufen gedachte.

Jakob schob sich hinter den Schreibtisch, öffnete die oberste Schublade des Rollcontainers, tastete mit den Händen darin herum, bis er den kühlen Stahl eines Skalpells spürte. Er zog es heraus und steckte es ein. Er nahm die Schlüssel und verließ noch immer schwankend das Zimmer. Im lang gestreckten Flur prallte er gegen die Garderobe. Schmerz durchraste ihn. Er stützte sich an der Wand ab und schüttelte sich. Verzweiflung bemächtigte sich seiner. Er wusste, dass er es nicht alleine schaffen konnte. Schon das Autofahren war unter solchen Vorzeichen mehr als fahrlässig.

Er atmete schwer, schob sich, die Flurwand als Hilfe nutzend, ins Arbeitszimmer zurück und ließ sich hinter den Schreibtisch fallen. Er zog das Telefon an sich heran und wählte.

»Magdalena«, sagte er, als die junge Stimme sich meldete, »du weißt, dass ich dich niemals um etwas bitten würde, wenn es nicht unbedingt notwendig wäre, aber heute brauche ich dich. Kannst du bitte zu mir kommen?«

»Wird es lange dauern?«

»Ich möchte, dass Du mich fährst, und wie lange es dauern wird, kann ich noch nicht sagen.«

»Es ist, weil ich morgen früh die Reise antrete.«

»Was heißt früh?«

»Um acht.«

»Dann bist du längst wieder zu Hause. Kommst du?«

»In den Tempel?«

»Nein, nach nebenan«, sagte er. »Und beeile dich bitte.«

Sie versprach es.

1

Irgendein Mitarbeiter hatte aus einem der Dienstfahrzeuge einen Klappstuhl herbeigeschafft, den Oberstaatsanwalt von Vennebeck ohne Dank, aber mit großer Skepsis auf seine Festigkeit prüfte und seufzend okkupierte. Er ließ sich von seiner Begleiterin eine Zigarre reichen und zündete sie an.

»Sonderbar«, sagte er, an Hautkommissar Reineking vorbei blickend, »finde ich lediglich Ihre ausgesprochen rege Fantasie, die diesem Fall eine ihm nicht zugehörige Dimension verleiht. Ihnen sind hoffentlich die hier am so genannten Baldachin aufgestellten Baugerüste nicht entgangen, Herr Hauptkommissar, nicht wahr?«

Er deutete auf den mächtigen steinernen Überbau, der die Kaiserskulptur schützte.

»Nein, auch die Absperrungen nicht. Wir haben sie mühsam wegräumen müssen.«

»Ein reiner Schreibtischjob wäre ihnen auch nicht recht, denke ich. Aber kommen wir zur Sache.« Von Vennebeck sog an der Zigarre. »Seit etwa fünf Jahren wird dieses famose Bauwerk - ich darf mich als Mitglied des unterstützenden Vereins outen - unter großen Opfern und leider nicht so üppigen Spenden vom Land Nordrhein-Westfalen und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe renoviert. Auf den Gerüsten werden Sie Spuren von Wesen finden, die gewöhnlich weiße oder blaue Arbeitskleidung tragen und genau das tun, für das sie bezahlt werden: Die Schäden beseitigen, die im Laufe des letzten Jahrhunderts - es gab zwei dicke Kriege und ein Wirtschaftswunder, wie Sie sich erinnern werden - entstanden sind. Meine bescheidene, aber ich denke hinreichend begründete Frage: Haben Sie die Möglichkeit, um nicht zu sagen Wahrscheinlichkeit in Betracht gezogen, dieses Bein könnte zu einem der auf diesen Gerüsten tätigen Handwerker gehören?«

Der Rauch der Sumatra wölkte in die Nacht. Reineking hob leicht irritiert die Hände.

»Selbstverständlich werden wir im Bereich der hier tätigen Firmen nach abgängigen Personen ermitteln. Die Frage der Identifizierung ist es jedoch nicht, die mich bedrückt ...«

»Ist es Ihnen zu einfach, wenn sich herausstellt, dass da ein bemitleidenswerter Mensch, der wahrscheinlich drei schreiende Kinder und eine trauernde Witwe hinterlässt, vom Gerüst gefallen ist?«

»Danach sieht es nicht aus.«

»Wonach denn?«

»Es war kein Sturz, soviel ist sicher.«

Die Zigarre stieß auf Reineking zu.

»Und was, bittschön, ließ sich feststellen?«

»Nichts«, sagte Reineking. »Das ist unser Problem.«

Von Vennebeck hielt den Atem an. Seine Lippen wurden schmal. Die rechte Hand mit drohend ausgestrecktem Zeigefinger stieß auf den Polizisten zu. Termöhlen grinste.

»Um dieser weltbewegenden Erkenntnis willen, wollen Sie sagen, haben Sie mich aus dem wohlverdienten Schlaf geholt?«

»Ich habe nicht Sie, ich habe den diensttuenden Staatsanwalt angefordert. Und das, weil wir hier mit unseren Mitteln nicht weiterkommen.«

»Was soll ich Ihnen denn zaubern? Die Lösung des Falles?«

»Ach, hören Sie mit dem Quatsch auf«, sagte Reineking, und spürte kalte Wut in sich aufsteigen. »Wenn ich sage, wir haben nichts herausgefunden, bezieht sich das auf die Ursachen des Brandes.«

»Ihre Hausaufgaben müssen Sie schon selbst machen.«

»Ohne Ihre Zustimmung kann ich keine Experten anfordern.«

»Experten?« Oberstaatsanwalt von Vennebeck lächelte. »Trauen Sie Ihren Leuten die Bewältigung der Aufgabe nicht zu?«

»Uns fehlt nicht der Sachverstand, sondern die nötige Ausrüstung.«

Reineking hockte sich nieder, um mit dem Juristen auf gleicher Höhe zu sein. Er deutete auf den Gerichtsmediziner, der das Bein untersuchte.

»Vermutlich macht der Doktor im Augenblick die gleiche Erfahrung wie ich. Er fragt sich vergeblich, wie der Körper entzündet wurde.«

»Und wie lautet seine Antwort?« von Vennebecks Augen funkelten immer noch. »Herr Doktor?«

Medizinalrat Sczymanzik drehte sich um. »Genau darüber denke ich nach.«

»Und was bringt uns dieses Nachdenken?«

»Nicht den Hauch einer Ahnung, Herr von Vennebeck. Was ich entdecke, sind Auswirkungen, nicht Ursachen. Diese fettigen Schmauchablagerungen hier«, er deutete auf die Spuren am Sockelboden, »sind typisch für vom Feuer ausgehende Effekte. Aber nirgendwo eine Spur von Zünd- oder Brandhilfsmitteln. Was mir einfällt, ist ein Tatbestand, den ich vor kurzem bei der Bundeswehr zu begutachten hatte. Da löste sich ein Soldat im Treibgas einer Abwehrrakete auf, oder besser gesagt, er wurde auf ein Viertel seiner ursprünglichen Größe reduziert.«

»Ihren seligen Soldaten in Ehren, aber der liebe Gott wird doch keinen Grund haben, ausgerechnet hier Feuer vom Himmel regnen zu lassen?«

»Sie sind der Herr des Verfahrens.«

»Das ist richtig, ändert aber nichts an der dubiosen Ausgangslage, die auch eine der Zuständigkeiten ist. Bei Verdacht eines Verbrechens sollte die vielleicht kompetentere Mordkommission Bielefeld den Fall übernehmen. Ist das Ihr Ziel, Herr Hauptkommissar?«

»Sie entscheiden.«

»Will ich aber nicht!«, bellte von Vennebeck. »Ich will Klarheit. Wie sehen Sie das, Herr Doktor?«

»Ich schließe mich Reinekings Meinung an«, sagte der Arzt, irritiert von der geradezu greifbaren Spannung zwischen den beiden Männern. »Hinzuziehung von Experten, exakte Analysen, all den Kram, den wir mit unseren Steinzeitwerkzeugen nicht leisten können.«

Von Vennebeck wandte sich an Reineking.

»Gibt es irgendwelche Hinweise auf Fremdeinwirkung?«

»Keine erkennbaren.«

»Herr Doktor?«

»Nein«, sagte Sczymanzik.

Von Vennebeck biss sich auf die wulstigen Lippen.

»Wie war denn das Wetter zum wahrscheinlichen Zeitpunkt des Geschehens?«

»Beschissen«, sagte Reineking und gab Grotejohann, der noch immer hinter dem Baugerüst auf Fotosession machte, einen diskreten Hinweis, sich zu verabschieden.

»Was heißt das?«

»Nass und windig und kalt, wie es sich für den deutschen Hochsommer gehört.«

»Also Gewitter!«

»Sie glauben wohl, da wäre ein Blitz eingeschlagen, was?«, fragte der Arzt.

»War eines oder war keines?«

»Selbst wenn es gewittert hätte, Herr Oberstaatsanwalt, können Sie die Idee, in das Opfer wäre der Blitz eingeschlagen, vergessen. Gucken Sie sich den alten Kaiser an, und was die ihm tonnenschwer über ‚s Haupt gebaut haben. Nee, da kommt kein Blitz ran.«

Von Vennebeck wandte sich an Reineking. »Was also schlagen Sie vor?«

»Ich bin für die Zuziehung des LKA. Das zöge allerdings die Absperrung und das Absuchen des gesamten Denkmalgeländes nach sich.«

»Sie wollen hier alles stilllegen?«

»Ich will die Ursachen dieses Falles finden.«

»Ha ´m Sie ´ne Ahnung, was der Verein mit mir macht, wenn ich Ihnen den Gefallen tue?«

»Das ist nichts im Vergleich zu dem, was geschehen wird, wenn wir die Geschichte nicht plausibel aufklären«, sagte der Kommissar. »Wie Sie sagten: Wir haben es hier mit einem Ort nationalen Interesses zu tun.«

»Da spricht mir die Kriminalistik aus tiefstem Herzen. Nur sagen Sie mir bitte, warum ich das akzeptieren soll?«

»Weil wir keinen vernünftigen Ermittlungsansatz haben. Es kann sich um einen Unfall, um Selbstverbrennung oder aber um ein Verbrechen handeln.«

Von Vennebeck rollte die Zigarre im Mund. Seine Blicke richteten sich auf das Bein neben dem Denkmal.

»Wieso kann solch ein Mensch sich nicht einfach das Genick brechen, he? - Entschuldigung«, fügte er mit einem Blick auf seine frierende Assistentin hinzu. »Ich bin mir durchaus der Situation bewusst, dennoch... Wie lange, glauben Sie, wird die Absperrung nötig sein?«

»Wenn wir die Experten sofort einsetzen können, vielleicht bis Mittag.«

»Auch wenn ´s weh tut«, sagte von Vennebeck nach einem kurzen Zögern, »setzen Sie ein, was Sie für richtig halten. Und Sie!«, bellte er, die zerkaute Zigarre drohend in Richtung Baugerüst ausstreckend, den doch unvorsichtig agierenden Grotejohann an, »Sie werden in Teufels Küche kommen, wenn Sie mich ohne meine Einwilligung ablichten!«

Grotejohann trat ins Licht.

»Heute ist es vom Gesetz gedeckt«, sagte er. »Heute sind Sie eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte.«

»Gütiges Göttchen, muss ich mir dieses Laientheater wirklich anhören!?«

»Es tut ja nicht weh, Herr Oberstaatsanwalt.«

»Sie irren, Sie irren sogar sehr!«

Reineking lächelte und verabschiedete sich in Richtung der Spurenexperten. Das Wortgewitter zwischen dem gewichtigen Juristen und dem nur geringfügig leichteren Reporter wollte er aus möglichst großer Distanz über sich ergehen lassen.

2

Jakob beobachtete sie, ihr feines, an griechische Statuen erinnerndes Profil. Eine klassisch schöne Nase, leicht gewölbte Lippen, auf denen sich der Widerschein der Scheinwerfer spiegelte. Das Haar trug sie kurz. Helle, krause Locken, die in ihre leicht gewölbte Stirn fielen und im Fahrtwind wehten.

»Magdalena«, sagte er, die rechte Hand auf dem blutigen Verband, »darf ich dir eine intime Frage stellen?«

»Sie dürfen mich alles fragen«, sagte sie. Aber in ihrer Stimme war ein Zittern, wie er mit Genugtuung feststellte. Die Lichtkegel, vom Regen perforiert, schnitten in den bewaldeten Berg, als der Wagen eine steile Kurve durchfuhr.

»Was ich gerne wissen möchte, ist, ob du jemals mit einem Mann geschlafen hast.«

Sie biss sich auf die Lippen.

»Ich frage aus lauterem Interesse«, sagte Jakob, »und du musst mir nicht antworten.«

Licht fiel von einem entfernt hinter ihnen fahrenden Auto ins Innere.

»Nein«, sagte sie leise, »das habe ich nicht, so wie ich es geschworen habe.«

»Ich frage dich im Angesicht des wahren Gottes.«

»Ich bin unberührt«, sagte sie, »und ich möchte es auch bleiben.«

Blaulicht zuckte jäh auf. Jakob zuckte zusammen und wandte sich erschreckt um. Ein schweres Fahrzeug, auf dem Dach ein mobiles Warnlicht, setzte zum Überholen an.

»Habe ich etwas falsch gemacht?«, fragte das Mädchen verunsichert.

Jakob schüttelte den Kopf. Er unterdrückte ein Stöhnen. Instinktiv tastete er nach dem Skalpell in der Jackentasche. Der hinter ihnen fahrende Wagen zog mit heulendem Motor vorbei, nahm die Höhe mit sich steigernder Geschwindigkeit und stieß mit grellen Bremslichtern, die den Nässedunst zu einer Wolke aufblähten, in die nächste Kurve.

»Es hat nichts mit uns«, sagte Jakob und stieß den angehaltenen Atem aus, »es hat mit dem Licht vom Wilhelmsdenkmal zu tun. Fahre bitte langsamer.«

Magdalena schaltete in den zweiten Gang.

»Sie wollen nicht zum Denkmal?«

»Fahre rechts ab, wenn du den Hinweis auf die Wittekindsburg siehst.«

Zwei Minuten später holperte der kleine Wagen über den matschigen Waldweg, der steil zum Hotel hoch führte. Bei jedem Schlag biss sich Jakob auf die trockenen Lippen. Als sich der Weg teilte, dirigierte er das Mädchen nach links.

»Traust du dir zu, nur mit Standlicht zu fahren?«

»Warum soll ich?«

Er spürte ihre Angst. Er berührte ihre Schulter.

»Du darfst keine Angst haben, Magdalena, du musst mir vertrauen.«

»Ich vertraue Ihnen ja, aber ...«

»Ich möchte nicht, dass die Leute vom Hotel von unserem Licht gestört werden.«

Sie schaltete den Scheinwerfer aus. Der Weg lag jetzt in einem diffusen Licht, die Bäume und Sträucher schienen im herabfallenden Regen zu leben. Der Wischer hetzte über die Scheibe.

»Noch etwa zweihundert Meter«, sagte er, »dann kommt ein nicht ausgewiesener kleiner Parkplatz. Da fahre hinein.«

Noch während er sprach, beugte er sich nach hinten und zog aus jener Tasche, mit der er aus dem Haus gekommen war, eine große Handlampe und ein etwa vierzig Zentimeter langes Brecheisen. Als er seinen Oberkörper zurückschwang, bemerkte Magdalena, dass sein weißer Halsverband, der von einem breiten Pflaster durchtrennt war, sich rot verfärbt hatte.

»Sie bluten«, sagte sie erschreckt und trat unwillkürlich auf die Bremse.

»Ich hatte einen Unfall«, erklärte er leise, deutete mit der linken Hand nach vorne, wo links das Hotel Wittekindsburg lag und sich rechts hinter einer Buchenbaumreihe eine dunkle Einfahrt auftat. »Da hinein, bitte.«

Sie gehorchte.

»Das Hotel«, sagte Jakob, »ist etwa fünfzig Meter weiter vorne hinter den Büschen. Ich werde nicht lange fortbleiben. Vielleicht eine halbe Stunde. Bitte warte auf mich. Und habe keine Angst.«

»Nein«, sagte sie.

»Wo ist der Innenlichtschalter?«

Sie zeigte es ihm.

»Schalte ihn aus. Ich möchte nicht, dass die Beleuchtung angeht, wenn ich aussteige.«

Er nahm die Lampe und das Brecheisen, öffnete den Schlag. Als es dunkel blieb, nickte er zufrieden.

»Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann«, sagte er, »du bist eine Getreue. Und die Getreuen werden belohnt.«

Eisen schlug gegen Eisen. Die Tür fiel ins Schloss. Magdalena sah den dunklen Schatten, der sich gebeugt und humpelnd in die nasse Nacht bewegte und zwischen hohen Sträuchern verschwand. Ein dünnes Licht schimmerte von links, von dort, wo das Hotel lag. Magdalenas Gedanken rasten. Sie dachte an das Brecheisen, an die Lampe, an das Blut, das den Halsverband nässte und gegen ihren Willen daran, das Auto zu wenden und zu flüchten. Aber sie blieb, lauschte auf das Trommeln des Regens und raffte sich schließlich dazu auf, die Türstifte nach unten zu drücken.

***

Das Hotel, von einer schwachen Außenlaterne beleuchtet, ragte links von Jakob auf. In den vor Nässe triefenden Bäumen rauschte der Wind. Ein kalter Schauer überlief ihn, als ihn einige Meter hinter der ohne Mühe überwundenen Wegsperre das Geäst eines Strauches streifte und mit einem Schwall Wasser übergoss. Er wich zurück, bis er den steinigen Weg unter seinen Schuhen spürte und ging weiter, das Brecheisen fest umklammernd. Nach gut einhundert Metern sah er vor sich die aus roh behauenen Steinen erbaute Kapelle als düsteren Schatten vor dem helleren Himmel. Und in diesem Schatten bemerkte er einen schmalen Lichtstreifen.

Er hielt den Atem an. Seine Rechte umklammerte das Brecheisen. In ihm blitzte die Hoffnung auf, Deskin läge ob seines Frevels als sichtbares Zeichen des göttlichen Zorns zertrümmert in der kleinen Kartause.

Er lief los. Seine unregelmäßigen Schritte ließen ihn grotesk schwanken. Der Weg ging in Wiese über, öffnete sich links zu einem Feld. Vor ihm Büsche, die Kapelle, das Licht verschwand, tauchte erst wieder auf, als er schwer atmend vor dem kleinen Portal angekommen war und, das Brecheisen zum Schlag erhoben, innehielt.

Die schwere, eisenbeschlagene Holztür war geöffnet. Wasser stand dunkel im Eingangsbereich. In ihm brach sich das schwache Licht einer Taschenlampe, die vor den Stufen des Altars lag.

Er lauschte.

Das Rauschen des Windes. In Lachen fallendes Wasser. Sein pfeifender Atem.

Jakob trat über die Schwelle. Er blickte nach links. Er sah die heraus gebrochenen Steinplatten, das polierte Holz des Sarges, der in der schmalen Gruft inmitten des Raumes zu sehen war, den weißen Stoff des Kleides. Ihm war, als schlösse sich eine eiserne Klammer um sein Herz. Er spürte Feuer in den Eingeweiden, hatte das Gefühl, von den Beinen gerissen, empor und gegen den Altar geschleudert zu werden.

Dicht vor sich sah er ein schwarzes, eckiges Gehäuse mit einem gelben, runden Schirm. Dahinter die Sandsteinstufen, den Altar, die Vasen, die er selbst hineingestellt und mit lange blühenden Sträuchern gefüllt hatte, um nicht jede Woche auf den Berg fahren zu müssen. Er drehte den Kopf. Der Eingang, die schmucklosen Wände, das Isis Bild, die aufgehobenen Bodenplatten, die im Schein der Lampe mächtiger erschienen als sie tatsächlich waren. Es war nicht schwer gewesen, sie von der darunter liegenden Gruft zu heben, den recht großen Raum von dem modernden Holz, den Knochen zu befreien, sie würdig in die dafür vorgesehenen Nischen zu bestatten und Boden und Wände zu säubern, um das neue Behältnis einzufügen, in dem der junge Körper lag.

Jakob betrachtete den offenen Sarkophag, den unter den weißen Tüchern zu erahnenden Körper. Unter der Hülle zeichneten sich deutlich die auf der Brust gefalteten zarten Hände ab, über denen das Symbol der Wiederkehr lag, der Speer mit dem Kopf und den unterschiedlichen Säulen. Der Kopf war frei. Dort war das Leinen zerschnitten und auseinandergezerrt worden. In der Öffnung hob sich in mattem, durchscheinenden Glanz das Gesicht der jungen Frau heraus, die Lider offen, auf den Lippen der Eindruck eines wissenden Lächelns.

Jakob stöhnte. Er heulte laut auf und begriff, dass Judas Deskin ihn und damit die gesamte Menschheit um den Lohn aller Mühen, um die letzte Erkenntnis gebracht hatte.

»Deskin!«

Seine Stimme hallte an den Wänden wieder. Der Raum, erkannte er, war leer, das Portal offen. Jakob sah seine Schuhabdrücke, die aus der Nässe vor dem Eingang bis in den Bereich der zweiten Taschenlampe und des mitgebrachten Brecheisens reichten.

Er nahm Lampe und Eisen an sich, richtete sich auf und bewegte auf die Gruft zu. Er starrte in die Öffnung, auf den mit weißer Seide ausgeschlagenen Sarg und die in einem durchscheinenden, Gold gebördelten Tuch Eingehüllte.

Das Mädchen schien zu leben, die Augen - er war sicher, dass ihre durchscheinenden Lider bei der Bestattung geschlossen waren – glänzten und gaben dem schmalen Gesicht den Ausdruck tiefsten Friedens.

Er kniete nieder und senkte den Kopf. Sein Herz raste, das Blut pulste in seinen Ohren. Der Oberkörper schwankte vor und zurück. Er schlug sich in ohnmächtiger Trauer mit beiden Fäusten vor die Brust, während sein Blick sich nicht von dem Gesicht des Mädchens lösen konnte.

Minuten lang verharrte er wie im stillen Gebet, richtete sich dann abrupt auf und begann zielstrebig, die Tücher zu richten und die Gruft mit steinernen Platten zu verschließen.

Er prüfte seine Arbeit. Bis auf einige Sandreste, die er mit den Füßen verstreute, war alles wieder so wie zuvor. Er tastete nach dem Skalpell und spürte die Schärfe der Klinge. Deskin, er war sicher, würde für seinen Frevel vom Erdboden getilgt werden.

***

»Ich hoffe, du hast dich nicht geängstigt«, sagte er, als er das Auto erreichte und sich auf den Beifahrersitz fallen ließ.

»Angst hatte ich schon«, gestand das Mädchen mit flacher Stimme.

»Kein Verbrecher ist so dumm, nachts im Wald auf Beutezug zu gehen«, sagte Jakob. »Außerdem stehen wir, wie du weißt, unter besonderem Schutz. - Hast du je von dem da-Vercelli-Protokoll gehört?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich werde dir davon erzählen. Aber fahre bitte.«

»Zurück zu Ihnen?«

»Nur bis Bad Oeynhausen«, sagte er und warf Taschenlampe und Brecheisen auf den Wagenboden.

Magdalena startete den Motor, setzte zurück und fuhr an.

»Er war Notar, dieser Sicci da Vercelli«, sagte Jakob leise. »Notar eines Ordens, der in Jerusalem begründet worden war und zu jener Zeit schwere Zeiten zu durchstehen hatte. Geschrieben wurde das Jahr 1311 und es war der 1. März, als da Vercelli seine durch Folter und Todesdrohung erzwungene Aussage machte. Dabei ging es um ein vermeintliches oder tatsächliches Geschehen in einem Ort, der auch heute noch Sidon heißt. Er berichtete, in dieser Stadt habe ein Adliger, ein Ritter gelebt, der sich unsterblich in die Frau eines Armeniers verliebt habe. Niemals, das ist sicher, sei er mit ihr zusammen gewesen, erst als sie gestorben war, habe er sie in ihrem Grab besucht und … Nun, er hat sich an ihr vergangen ... Nach dem er es getan hatte, hörte er über sich eine Stimme. ‚Komm wieder‘, befahl sie ihm, `wenn die Stunde der Geburt gekommen ist. Dann wirst du die Frucht deines Werkes vorfinden. ´«

»Das ist grässlich«, sagte Magdalena und schauderte.

»Der Ritter«, fuhr Jakob wie in Trance fort, »kam wie verlangt an das Grab zurück. Er öffnete es und er fand zwischen den Schenkeln der Frau einen Kopf. Die Stimme erklang wieder. ´Nehme diesen Kopf und hüte ihn. Er wird dir alles in dieser Welt dienstbar machen´.«

»Und das soll wirklich geschehen sein?«

Jakob berührte Magdalenas Haar.

»Es ist eine Legende«, sagte er gegen das Dröhnen des wieder anfahrenden Wagens, »eine Geschichte, die von Inquisitoren im Jahre 1311 für eine Anklage gegen den Templerorden protokolliert worden ist, um zu beweisen, dass die Männer des besagten Ordens mit dem Teufel im Bunde standen und ihre Macht genau diesem zu verdanken hatten.«

»Welch ein Unsinn!«

»Ja, vielleicht«, sagte Jakob und lehnte sich erschöpft zurück.

3

Wehner behauptete später, Reineking habe mindestens zwei Stunden auf der Seitenbank des Einsatzwagens gelegen, habe hin und wieder geröchelt und kurz vor dem Erwachen ein wirres Referat über die Logik der Gewalt gehalten. Reineking selbst hatte das Gefühl, noch nicht mal eingenickt, am Rande des Dahindämmerns und dennoch inmitten des Geschehens gewesen zu sein, alle Geräusche wahrgenommen zu haben, auch jene, die sein Kopf produziert hatte.

»Dr. von Vennebeck hat angerufen«, sagte der Kollege, dessen Augen dunkel unterlaufen waren. »Er wollte wissen, wie sich die Sache entwickelt hat.«

»Und?«

»Ich habe ihm gesagt, was er sowieso schon wusste. Mehr ist ja nicht. Du sollst ihn auf jeden Fall anrufen

»Wieso, wenn er schon alles weiß?«

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich haben seine Denkmalsfreunde ihn unter Druck gesetzt und er will die Untersuchung beenden.«

Reineking gähnte.

»Die LKA-Giganten haben auch eingepackt«, sagte Wehner nicht ohne Häme, »ziemlich frustriert, wenn du mich fragst. Ich wette, die haben mit ihrer Wahnsinnsapparatur auch nicht mehr herausgefunden als wir.«

Damit angerückt waren sie jedenfalls. In schnieken Anzügen und sehr von sich überzeugt. Auf Reinekings Hinweis, keine Brandhilfsmittel gefunden zu haben, hatten sie ihn belächelt und ihm einen Vortrag über physikalische Gesetze gehalten. Wahrscheinlich war das ihre Art, ihm mitzuteilen, dass sie ihn für einen Deppen hielten.

»Gibt es hier irgendwo Kaffee?«

»Ich habe schon danach geschickt.«

»Mein Gott, bin ich daneben!«, stöhnte Reineking. »Wie spät?«

»Kurz vor elf.«

»Hat die Nachsuche was gebracht?«

»Ich habe kein Freudengeheul gehört. Wenn du mich fragst, haken wir die Geschichte bald als Müllsammelaktion und dann als Unfall oder Selbstmord ab.«

»Den Dicken würd ‚s freuen, ich warte lieber auf den Spruch der LKA-Götter.«

Reineking brauchte gute zehn Minuten, eine halbe Flasche Wasser, mehrere der Sparkaffees und gegen den pelzig-bitteren Mundgeschmack ein Pfefferminz, ehe er wieder einigermaßen aufnahmefähig war. Er streckte die vom ungemütlichen Liegen schmerzenden Glieder, zündete sich eine Zigarette an und freute sich über den ersten zaghaften Sonnenstrahl, der den schwarzgrauen Himmel marmorierte. Selbst der Bronzekaiser schien die Heiterkeit des Seins entdeckt zu haben, obwohl er vom Bauch abwärts in feinem Dunst badete.

Es war feucht und warm, und die Luft, den ganzen Tag über von böigen Winden bewegt, war so lau, dass noch nicht mal das Laub der Bäume raschelte. In den Pfützen spiegelte sich der Himmel. Das jetzt freundlicher wirkende Gemäuer des gewaltigen Bauwerks, auf dem, erst kürzlich durch Sandstrahlen aufgefrischt, »Wilhelm der Große« in imperialer Fraktur zwischen zwei imponierenden Reichsadler-Wappen eingemeißelt war, erstrahlte in imposanter Pracht.

Reinekings Handy klingelte.

»Endlich!«, hörte er die erleichterte Stimme seiner Tochter. »Im Dienst haben sie nicht sagen wollen, wo ich dich finden könnte. Du meine Güte, ich bin schon vor Hamburg, und die Finger, die habe mir auch wund telefoniert!«

»Tut mir leid.«

»Mir auch. Besonders wegen des guten Frühstücks, das ich uns gemacht habe. Du hättest mir wenigstens Bescheid sagen können!«

»Ich habe dir eine Nachricht auf das Nachtkästchen gelegt.«

»Du hättest mich wecken können.«

»Dann wärst du nicht wieder eingeschlafen.«

»Danke für deine Fürsorge.«

»Wann kommst du zurück?«

»Die Freizeit dauert drei Tage. Wenn also nichts dazwischenkommt, am Wochenende.«

»Kommt was dazwischen?«

»Werde ich mir noch überlegen«, sagte Magdalena kühl und schaltete ab.

»Mann, Mädchen!«, stieß Reineking enttäuscht hervor. Er rückte die grüne Taste seines Geräts, suchte Magdalenas Nummer und wartete ungeduldig auf das Freizeichen.

Wie so viele Menschen, die mit praktischen Dingen zu tun haben und sich als nüchtern und aufgeklärt betrachten, war auch Reineking nicht frei von Ritualen, die er selbst bei näherem Betrachten als abergläubische Relikte definiert hätte. Er war überzeugt, Unglück heraufzubeschwören, sollte es ihm nicht gelingen, seine Tochter zu erreichen und ihre Missstimmung zu beseitigen. Wehner winkte ihm.

Reineking hob abwehrend die linke Hand. »Gleich«, sagte er. Seine Unruhe wuchs. Bitte, Mädchen, rief er seiner Tochter in Gedanken zu, heb doch endlich ab!

Endlich meldete sie sich.

»Entschuldige, das war dumm«, sagte sie. »Aber manchmal behandelst du mich wirklich wie ein Kind.«

»Tut mir leid.«

Früher hatte sie aus solchen Situationen Kapital, ein Geschenk, einen Kino- oder Diskobesuch herausgeschlagen und ihm als Gegenleistung ein nicht von Gewissensbissen freies, aber tröstliches Alibi geboten. Seit dem grässlichen Freitod ihrer Mutter (Reineking fühlte sich noch immer nicht in der Lage, sich seiner Frau durch Nennung ihres Namens zu nähern) hatte sie nach einer langen, gut zwei Jahre währenden Phase heulenden Elends sozusagen über Nacht die Rolle der bemühten Hausfrau erfüllt, sorgsam darauf bedacht, sich in Ausdruck und Erscheinung wie eine gestandene Erwachsene zu präsentieren.

Viel zu spät und erst nach mehreren Psychologengesprächen war ihm aufgegangen, dass seine Tochter nach der langen Leidensphase die Rolle ihrer Mutter übernommen hatte. Es war eine Art von unbewusst vorgenommener Metamorphose gewesen, die glücklicherweise das Erwachen aus ihrer Lethargie eingeleitet hatte. Aber – und das beobachtete Reineking mit Sorge – Magdalena hatte sich einer freikirchlichen Gemeinschaft angeschlossen, die ein Gottesbild predigte, das angeblich frei von den Fesseln der Konfession sei. Glücklicherweise hatte das Mädchen ihre Fröhlichkeit behalten.

»Papa, bist du eigentlich zufrieden mit dem, was du machst?«

»Du stellst Fragen!«

»Unser Pfarrer meinte, solch ein Beruf könnte leicht zur Sucht werden.«

»Zur Leidenschaft.«

»Er meinte, die Gefahr sei umso größer, je mehr man sich als Hüter des kollektiven Gewissens fühlt.«

»Der Bursche hat zu viele schlechte Western gesehen.«

»Er nannte das nicht überwundenen Jagdtrieb. Kommt besonders häufig bei Männern mit der Blutgruppe Null vor. - Welche Blutgruppe hast du?«

»Weiß ich nicht.«

»Gelogen.«

»Okay, ich habe Null, aber ...«

»Was nicht als Beweis, aber als bemerkenswertes Indiz gewertet werden kann, meinst du nicht auch?«

»Wir reden darüber, wenn du zurück bist. Hab viel Spaß, erhole dich und gönne dir ein bisschen Spaß. Auch wegen der bösen Geister, du weißt schon.«

»Mit Spaß hat die Freizeit nichts zu tun. Es geht um Glaubensfragen, über die auch du mal ernsthaft nachdenken solltest.«

»Machen wir«, sagte Reineking und stöhnte innerlich.

»Ich habe dich lieb, Herr Kommissar.«

»Ich dich noch viel mehr.«

»Das geht nicht.«

»Doch, das geht. Bis bald, Liebes.«

»Vermiss mich ein bisschen. «

Er versprach es.

»Die LKA-Götter lassen bitten«, sagte Wehner.

Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend ging er von Wehner begleitet über den Vorplatz, stieg die vielen Stufen zum Rundgang empor und erreichte den LKA-Bus, aus dem gedämpfte Musik erklang. Es roch noch immer nach verbranntem Fleisch.

Senft, der Anführer der Götter, telefonierte im Fahrerhaus. Eigenbrodt, sein Assistent, rieb sich mit einem feuchten Tuch die Hände ab, blickte nur kurz auf, als er die beiden Mindener Kriminalisten entdeckte. Der dritte Beamte räumte pfeifend Kisten in den Wagen und war der einzige, der seine gute Laune nicht verloren zu haben schien.

»Sie können stolz auf sich sein«, sagte Eigenbrodt verbiestert. »Ihre Nase ist mindestens so gut wie die unserer Apparate - die haben auch keine Brandbeschleuniger analysieren können.«

»Ist das einer Ihrer Scherze?«

»Leider nicht, eher ein Parallelfall zu Waterloo.«

»Ihre Geräte sind fit?«

»Dreimal geprüft - keine Frage.«

»Dann müssen die Korken wohl in den Flaschen bleiben, was?«

Eigenbrodt warf das Tuch angewidert in den Wagen und zeigte die noch feuchten Innenflächen seiner Hände.

»Entweder war der Bursche - es war ein Mann, soviel haben wir feststellen können - ein Feuerschlucker, der noch ‚ne Ladung hochentzündlicher körpereigner Fette im Mund hatte, oder wir werden im Labor auf eine Finesse treffen, die, na ja, vielleicht gar nicht im Lehrbuch steht«.

»Oder so simpel ist, dass wir rote Ohren kriegen«, rief Senft, der sein Telefongespräch beendet hatte und aus dem Bus stieg. Er reichte erst Wehner, dann Reineking die Hand, lachte auf und fügte hinzu: »Nur keine Panik, wir kriegen es heraus, was auch immer es gewesen ist.«

»Haben Sie Anhaltspunkte, ob der Mann durch das Feuer zu Tode kam?«

Eigenbrodt runzelte die Stirn.

»Mein Kollege ist aufgrund des Gewebe- und Körpersaftzustands davon überzeugt, dass der Tod entweder sehr kurz vor dem Entzünden oder aber durch das Feuer selbst eingetreten ist.«

»Es kann natürlich auch sein, dass hier eine Riesenschweinerei stattgefunden hat«, sagte Senft, »eine Perversion, die ich nicht denken will, aber denken muss: Als äußerst wahrscheinlich ist anzunehmen, dass der Körper vom Kopf aus verbrannt ist. Die Spuren ergeben, dass der arme Hund sich bewegt, also möglicherweise gewehrt hat. Damit dürfte klar sein, dass er durch den Brand umgekommen ist.«

»Freitod durch Selbstverbrennung schließt sich demnach aus?«

»Was schließt sich bei einem solchen Fall schon aus?«

»Ich meine, ja«, warf Eigenbrodt ein, »und zwar deshalb, weil die Voraussetzungen dazu fehlen. Wer sich selbst anzündet, muss Zünd- und Brennmittel hinterlassen, es müssen Spuren davon zurückbleiben, also auch feststellbar sein.«

»Die vorgefundenen Gegenstände scheinen keinen Bezug zum Tathergang zu haben«, fügte Senft hinzu. »Wir konnten leider keinen her- oder ableiten.«

»Ein weiterer Punkt«, fuhr Eigenbrodt fort, »wäre das Brandmittel. Es hätten sich Spuren in einem wahrscheinlichen Umkreis finden lassen müssen. Gab es aber nicht. Die Frage ist: Konnten wir nichts feststellen, weil es sich um nicht Nachweisbares handelt oder ging es nicht, weil keine Spuren vorhanden waren? Selbstverbrennung ist sowieso solch eine Sache. Ob sich der Körper überhaupt entzündet und wenn, wie weit er herunterbrennt. – Wir haben keine Antwort. Ich habe noch keinen Fall erlebt, der eine solche vernichtende Wirkung hinterließ. Und auch in der Literatur muss man lange blättern, bis man Derartiges nachlesen kann. Um es prosaisch auszudrücken: Obwohl ausgerechnet jetzt die Sonne scheint, stehen wir mitten im Regen.«

Senft lächelte, aber in einer Weise, die auch seine Verzweiflung erkennen ließen.

»Wir sind einer Meinung, Günter«, sagte er, »nur müssen wir die Laborergebnisse in Händen halten, ehe wir Weiteres sagen können. Jetzt aufgrund der wenigen greifbaren Anhaltspunkte zu spekulieren, verbietet sich von selbst. Ihnen, Herr Reineking, kann ich nur empfehlen, das Gelände gründlichst nach Utensilien abzusuchen, die zum Zündeln und Totmachen geeignet sind.«

Reineking fürchtete, dass das zur Plauderei verkommene Gespräch sich sehr bald auch noch erschöpfen und sein Gefühl der Hilflosigkeit verstärken würde. Bestätigt fühlte er sich in seinem Anfangsverdacht, es bei dieser Sache mit einem außergewöhnlichen Fall zu tun zu haben, vielleicht sogar mit einem, der einige Nummern zu groß für ihn und die Abteilung Todesermittlungen im Kriminalkommissariat 11 war.

»Danke für den Ratschlag«, sagte er.

»Wenn Sie Pech haben, werden Sie noch eine ganze Reihe brauchen.«

Die Augen schimmerten zwar nicht feucht, aber der Abschied war im Gegensatz zur Ankunft geradezu rührend, fand Reineking. Senft faltete die Hände und verbeugte sich sanft lächelnd mit der gekonnten Grazie einer zwar noch übenden, aber schon mit allen Finessen der Zeremonie vertrauten Geisha.

»Richtig nette Jungens«, sagte Wehner, als der Bus abfuhr.«

»Na ja ...«

»Wer so jung und schon Rat ist, kann sich das Nett sein erlauben.«

»Du bist doch nicht etwa neidisch?«

»Ich frag mich, was die machen, wenn sie mal fünfzig sind. Dann stehen die vor einem Riesenproblem.«

»Ach ja?«

»Dann gibt es kein Hinauf mehr, verstehst du? Dann werden die verzweifeln und der Politik Versagen vorwerfen. Wer weiß, was daraus wird!«

»Die landen im hoch dotierten Vorstand der Stiftung zur Betreuung der von Langeweile heimgesuchten Frühpensionisten, Außenstelle Hawaii.«

»Ja, wahrscheinlich«, sagte Wehner. Reineking erhoffte von den beiden fortrollenden Experten ein brauchbares Ergebnis, mit dem das Geschehen am Denkmal plausibel zu erklären wäre, obwohl er ganz tief in seinem Inneren ein Gefühl entwickelte, das viel mit Sorge und ganz wenig mit Zuversicht zu tun hatte.

4

Ihr Gesicht war blass und die Lippen rot, als hätte sie nervös darauf herum gebissen. Ihr besorgter Blick, mit dem sie Jakobs Laune abzuschätzen versuchte, wurde von schweren Tränensäcken ins Weinerliche verstärkt, und die Hand, mit der sie ihre rechte Wange verdeckte, beschwor das Bild heftiger Zahnschmerzen.

Jakobs Fuß bremste die Bewegung des Türblatts.

»Ich habe Verständnis«, sagte er sanft, »ich denke, auch von Ihnen solches verlangen zu können. Ich möchte es jedenfalls nicht erzwingen.«

»Warum lassen Sie mich nicht einfach in Ruhe?«

»Das werde ich - wenn Sie zu schreien aufhören und mir sagen, wo ich Deskin finde.«

»Wie oft soll ich das noch sagen?«

Er nahm die rechte Hand aus der Tasche. Zwischen Daumen und Zeigefinger blitzte ein Skalpell.

»Nur ein einziges Mal«, sagte er, die scharfe Klinge in die linke Hand schlagend. »Und ich möchte mich überzeugen, dass er nicht in der Wohnung ist.«

Mit dem Fuß stieß er die Tür auf. »Gehen Sie voran«, sagte er.

Annette Gurtner gehorchte, bewegte sich rückwärts durch den dunklen Flur, an dessen Wänden Kinoplakate klebten, erreichte ein kleines Wohnzimmer, durch dessen Fenster Bäume und die verklinkerte Fassade einer Gaststätte zu sehen waren.

»Ich sah nur seinen Namen auf dem Klingelschild. Wie heißen Sie?«

»Annette Gurtner.«

»Seit wann leben Sie mit ihm zusammen?«

»Seit ungefähr zwei Jahren.«

»Und wie nennt er sie?«

»Häschen«, sagte sie ängstlich und irritiert zugleich.

Jakob schloss die Tür. Mit zwei Schritten war er im Bad, fand es leer, kam zurück, kontrollierte das gegenüberliegende Schlafzimmer, beugte sich unter das Bett, ohne die wie gelähmt stehende junge Frau aus den Augen zu lassen.

»Häschen«, sagte er leise, »wussten Sie, dass nahezu fünfzig Prozent aller deutschen Paare sich Häschen nennen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Die anderen sagen Schatz, Schätzchen, Süße, Süßer und Schweinchen, Ärschilein, Bärchen und so weiter. Ich sage: Falls ich von Ihnen belogen werde, wird Sie die Hölle verschlingen. Verschlungen zu werden ist furchtbar. Sie sterben nicht nur, Sie erleben Ihr Sterben. - Was meinten Sie eigentlich, als Sie fragten, wie oft Sie meine Frage beantworten sollten?«

Er betrachtete die wenigen Möbel. Spanplatte und Fünfziger Jahre, stellte er fest. Vor und auf den Fenstern Blumentöpfe, ein kleiner Fernseher mit Zimmerantenne, winzige Sesselchen, ein Glastisch, darunter ein recht neuer Flokati.

»Haben Sie die Stimme verloren, Häschen?«

»Es war schon jemand hier, der das wissen wollte, und angerufen wurde auch mitten in der Nacht.«

»Erzählen Sie!«

»Ich will nicht, dass Sie mir was tun!«

»Ich tue Ihnen nichts.«

»Sie bedrohen mich!«

Er lachte. »Ach, Sie meinen dieses Skalpell? Nun, wenn es Sie beruhigt, stecke ich es ein.«

Sie nahm die Hand von der Wange. Jakob steckte das Skalpell ein.

»Wer hat sie geschlagen?«

»Der mit dem großen Gesicht, der auch wissen wollte, wo Florian ist. Sie waren verabredet, aber es hat wohl nicht funktioniert.«

»Wann?«

Sie hob die hängenden Schultern. »Gestern. Abends. Er sagte ja nie was Genaues. Wenigstens nicht mir.«

»Sie glauben, er traute Ihnen nicht?«

»Wem traute er denn schon?«

»Offenbar dem Mann mit dem großen Gesicht. Kennen Sie seinen Namen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Wann war er hier?«

»Vor ´ner Stunde, wenn ´s hoch kommt.«

»Was wollte er?«

Annette Gurtner zögerte einen Augenblick. Aber als sie Jakobs Augen sah, sagte sie hastig: »Es ging um Geld, um richtig dickes Geld, hat er gesagt. Florian hat sich aber nicht an seine Zusagen gehalten oder nicht halten können. Ich habe das nicht richtig verstanden. Auf jeden Fall war er stocksauer.«

»Der Mann?«

»Ja. Er hat mich geschlagen, dabei weiß ich wirklich nicht, wo Flor ist.«

»Und dieser Mann hat gesagt, er sei für die Presse oder das Fernsehen tätig?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Am Telefon haben Sie das behauptet«, sagte Jakob.

»Ach, dann waren Sie das, der angerufen hat?«

Er nickte. Sie deutete auf einen Stuhl.

»Darf ich mich setzen?«

»Es ist Ihre Wohnung, nicht wahr?«

Sie nahm am Tisch Platz, zündete sich eine Zigarette an.

»Florian hat das mit dem Fernsehen oder so erwähnt«, sagte sie resigniert. »Nicht konkret, einfach so wie zwischen den Zeilen. Dass er einen guten Kontakt hätte, und dass bald alles in Ordnung wäre. Mit Geld, mit allem, keine Sorgen mehr. Mehr allgemein alles. Er hat sich ja nie richtig in die Karten gucken lassen, immer ein Geheimnis daraus gemacht. Aus allem.«

»Wieso glaubte er, von denen Geld bekommen zu können?«

»Ich weiß es nicht, ich glaube, er war auf was gekommen, auf eine große Sache, die viel Geld wert sein sollte.«

»Denken Sie nach!«

Tränen rannen ihr über die Wangen.

»Er hat doch aus allem ein Geheimnis gemacht. Erst mit diesem Esoterikkram, dann sogar aus sich selbst.«

»Was heißt das?«

Ihre Schultern bewegten sich nach oben. »Dass er Macht gewinnen würde und all dieser Kram ... Genaues kam ja nie von ihm ‚rüber...«

»Was wissen Sie von ihm?«

»Nicht viel«, sagte sie, den Rauch ausstoßend, »so gut wie nichts, wenn ich ehrlich bin. Er hat sogar geschwiegen, als er seine Stellung verloren hat. Erst als dieser Mensch vom Jobcenter auftauchte und ihn hier sprechen wollte, kriegte ich davon mit. Und dass er Stück für Stück unsere Sachen verschleudert hat, das weiß ich jetzt auch. Wo es zu spät ist«, fügte sie bitter hinzu. Sie strich sich über den Unterleib. »Mich stellte ja auch keiner mehr ein, aber er hätte es mir rechtzeitig sagen können, dann wäre vieles besser gelaufen, keine Verzweiflung, keine verdammten Lügen und nicht diese vergeblichen Hoffnungen, endlich mal sorgenfrei leben zu können.« Ihre Blicke richteten sich auf ihn. »Warum suchen Sie ihn? Was hat er Ihnen getan?« Sie deutete auf seinen durchbluteten Halsverband. »War er das?«

Jakob ignorierte ihre Fragen.

»Wie sah der Mann mit dem großen Gesicht aus? Die Haare, seine Statur? War er schlank, war er dick, wie bewegte er sich, wie sprach er?«

»Ich kann so schlecht beschreiben und behalten kann ich auch nichts.«

»Hatte er Ihre Größe?«

»Viel größer, noch größer als Sie. Wie ein Bär.« Sie strich sich über die geschundene Wange. »Dicke Pranken und dicke Lippen, und langes Haar. Er war total nass.«

»Augen?«

»Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich glaube, sie waren irgendwie grün oder gelb, ich weiß es einfach nicht mehr, weil er mich so erschreckte, und ich hatte Angst, dass ich das Kind verliere.«

Von den Fragen, die ihr der »Bär« gestellt hatte, waren ihr so gut wie alle entfallen. Gesprochen hatte er »wie hier alle sprechen«, sie war überzeugt, er sei aus der Gegend gewesen, ein Jemand, der seine Worte zu setzen verstand, ein Intellektueller, »voll von Jähzorn«, und mit einem Schlag, der noch immer in ihrem Gesicht brannte. »Und«, fügte sie, in sich hineinhorchend, hinzu, »er hat gedroht, Florian wegen Täuschung und Betrug vor Gericht zu bringen.«

»Das ist alles?«

»Wirklich und wahrhaftig.«

»Deskin hat auch nicht angerufen?«

»Wirklich und wahrhaftig nicht!«

»Ich bemühe mich, Ihnen zu glauben«, sagte Jakob. »Ich werde irgendwann nachfragen, und ich hoffe, Sie werden dann genau so kooperativ sein.«

»Warum suchen Sie ihn eigentlich?«

»Der Bär hat es richtig beschrieben: Deskin hat betrogen - ihn, sich selbst und - das ist der Grund seiner ewigen Verdammnis – die Allmacht.« Jakob presste die Lippen zusammen, schien die Haltung zu verlieren, kämpfte und fasste sich schnell wieder. Wie nebenbei und mit einem Blick auf die gereizte Wange des Mädchens: »Warum hat der Bär Sie geschlagen?«

»Er glaubte mir nicht. Und ich habe ihn angeschrien, dass er mich in Ruhe lassen solle, und dann hat er wütend zugeschlagen.«

»Das tut mir leid.«

Sie schwieg. Jakob betrachtete sie einige Sekunden lang aus weit offenen Augen, nickte kaum merklich und ging zur Tür. Die Hand an der Klinke blieb er stehen.

»Beten Sie«, sagte er sanft, »beten Sie für ihn. Und auch für Ihr Heil.«

Dann riss er die Tür auf und verließ die Wohnung.

5

Schon als Kind hatte Reineking die Menschen bewundert, die zu wichtigen oder unwichtigen Anlässen die richtigen Worte und damit den Beifall der Autoritäten fanden. Das Schlimme war, er kannte die Regeln aus dem ff, aber er begriff sie nicht in ihrem Wesen. Fast immer hatte er das Gefühl, Hohles, Doppelbödiges oder Unaufrichtiges zu sagen, wenn er sich einer der Serienfloskeln bediente. Auch jetzt, dem Oberstaatsanwalt gegenüber, den er aus dem Leitbus anrief, war er unfähig, eine entschuldigende Phrase anzuwenden.

»Reineking, Sie wollten mich sprechen«, sagte er, nachdem der Oberstaatsanwalt sich schnaufend gemeldet hatte.

»Ach, den Eindruck hatten Sie? Das rührt mich aber tiefstens! Dass Sie sich meiner überhaupt erinnert haben, wird meine Dankbarkeit über mein Ableben hinaus prächtig gedeihen lassen.«

»Wollen Sie Streit oder Informationen?«

Von Vennebeck schnaufte.

»Nun ja, vergessen wir ‚s für den Augenblick. Wie weit sind wir denn? Können wir diese von Ihnen geforderte Geländesperre endlich aufheben? Da braut sich nämlich eine Menge Unmut in Besucherkreisen auf, und beim zuständigen Amtsrichter, dessen Telefon angeblich zum Folterinstrument verkommen ist, erst recht. Mir wurde gesagt, dass einige Dutzend Busse den unteren Parkplatz blockieren und der erste deutsche Rentneraufstand zu befürchten sei.«

»Die Sache mit den Bussen trifft halbwegs zu, obwohl von Aufstand keine Rede sein kann.«

»Was fanden Ihre so heiß ersehnten LKA-Leute heraus?«

Reineking berichtete im Telegrammstil.

»Na, da scheinen Sie ja mal Recht gehabt zu haben«, sagte von Vennebeck. »Sie auch noch recht hoffnungsvoll aus, wenigstens für die gestressten Denkmalenthusiasten! Oder, mein lieber Herr Hauptkommissar, behindert etwa eine den Genialhirnen entatmete Konklusion die Aufhebung der den Tourismus behindernden Sanktion?«

Ein zartes Schmatzen drang an Reinekings Ohr. Möglicherweise genoss der Oberstaatsanwalt nicht nur die Situation, sondern auch irgendeine alkoholische Delikatesse, deren Gaumenreize seine Sprache vielleicht auch deshalb in leichten Trab versetzte, weil ihm die geneigte Assessorin zur Seite saß. Ganz in der Rille schien der Vorgesetzte ihm jedenfalls nicht zu sein.

»Mit der Geländeabsuche sind wir zwar noch nicht durch, aber, nein, eigentlich gibt es keinen Grund, die Sperre aufrecht zu erhalten«, sagte er vorsichtig.

»Wir können jedenfalls bei Annahme eines Unfalls - und danach sieht es ja aus - nicht so lange warten, bis unserem Finanzminister einfällt, zur Sanierung seines Haushalts Eintritt für die Show Erleben Sie unsere Polizei in Aktion zu fordern. Also?«

»Heben Sie auf.«

»Gut, ich sorge für den Beschluss und Sie lassen die Rentner vor Ort von der Leine.«

»Jawohl, Herr Oberstaatsanwalt.«

»Sehr schön. Und dann hätte ich noch gerne gewusst, ob Sie - post investigativum - eine eigene Meinung zum Geschehen haben?«

Reineking beschlich Unbehagen. Er verspürte eine starke Abwehr dagegen, eine Meinung zu äußern, die nicht durch Anhaltspunkte belegt war. Auch witterte er eine Falle.

»Es ist schwer«, begann er zögernd, »in diesem Augenblick auch nur einen Verdacht auszusprechen. Es gibt keinerlei Hinweise, die in eine bestimmte Richtung deuten. Das Opfer ist nicht identifiziert, wir haben keine Ahnung, wie es zum Denkmal gekommen und warum es dort verbrannt ist. Auch die Düsseldorfer Kollegen haben trotz anfänglichen Optimismus letztendlich kapitulieren müssen.«

»Wenn man Sie so hört, sieht man das UFO, aus dem das Bein dem Kaiser vor die Stiefel geschmissen wurde, direkt vor sich«

»Derartige Geschichten können leicht entstehen, wenn wir jetzt nicht vorsichtig genug sind.«

Wieder eine kurze Pause, dieses süffelnde Schmatzen, als wenn von Vennebeck genüsslich nachschmeckte.

»Ja, da haben Sie wohl recht, Herr Hauptkommissar. Wir sollten alles, was zur Entstehung von Gerüchten beitragen kann, tunlichst vermeiden, wobei, ich gebe es gerne zu, mir die ganze Geschichte wie ein Bilderbuch ohne Bilder erscheint. Sie hatten ja bereits die Presse vor Ort, und ich denke, eine Erklärung müssen wir uns schon einfallen lassen.«

»Tut mir leid, zurzeit habe ich keine, und mehr kann ich im Augenblick nicht sagen.«

»Mit anderen Worten, wir stehen vor einem kriminalistischen Rätsel?«

»Nur vorübergehend, denke ich.«

Von Vennebeck schwieg. Reineking klopfte sich mit der linken Hand eine Zigarette aus der Packung. Durch das Fenster des Dienstbusses sah er einen Trupp Schutzpolizisten über die Auffahrt zum Denkmal gehen. Dahinter stampfte klein und unter einem breitkrempigen Hut verborgen, Termöhlen schwerfällig heran.

»Na gut«, sagte von Vennebeck, »Sie halten mich auf dem Laufenden. Wann erwarten Sie die endgültigen Laborergebnisse?«

»Morgen telefoniere ich mit den Düsseldorfern.«

»Na gut, informieren Sie mich bitte umgehend. Ich bin kein Rätselfreund, ich bin ein Rätselfeind, verstehen Sie?«

»Ich verstehe«, sagte Reineking, drückte die Austaste und zündete sich die Zigarette an.

Termöhlen erreichte schwer atmend den Bus.

»Ich habe den Mitschnitt der Anzeige von der Wache mitgebracht«, sagte er und stellte einen silberfarbenen Kassettenrecorder auf die Sitzbank. »Ich muss schon sagen, dass das ziemlich abartig ist, dass da einer so was mitkriegt und sich einfach dünne macht. Ich sag dir, diese Leute kannst du echt in der Pfeife rauchen! Nicht die Spur von Verantwortungsgefühl, nur noch der blanke Egoismus, und ´n Mädchen war das auch noch!«

Termöhlen kletterte in den Wagen und warf sich kopfschüttelnd auf eine Sitzbank. Er schaltete den Rekorder ein. In das Rauschen des Bandes platzte zunächst die klare Stimme des Dienst tuenden Pultbeamten mit der Standortmeldung, wurde unterbrochen von der sich überschlagenden einer Frau, in der Entsetzen und - wie Reineking fand - auch Angst mitschwangen.

»... die Polizei? Habe ich die Polizei?«

»Ja, die Polizei. Was kann ich für Sie tun?«

»Der brennt, Sie müssen sofort kommen, sofort, der steht in vollen Flammen, der verbrennt ...!«

»Bitte nennen Sie Ihren Namen und den Ort, an dem Sie sich befinden.«

»Scheiße, das ist hier am Denkmal!«

»Sie müssen mir bitte sagen, wo genau und an welchem Denkmal Sie zu finden sind!«

»Hier oben, hier am Denkmal von dem Wilhelm, da ist das.«

»Das Wilhelmdenkmal in Barkhausen also?«

»Genau.«

»Und Sie sagen, das Denkmal steht in Flammen?«

»Scheiße nein! Der Mann, nicht das Denkmal! Der Typ, der hier raufgelaufen is! Und der schlug plötzlich um sich und dann schrie er und brüllte und liegt jetzt da oben und verbrennt ... Das ist keine Verarsche, das ist so wie ich sage ... Halt doch mal die Schnauze, verdammt noch mal, ich sag doch schon! Sie müssen jemand schicken, weil ... ich sag, das ist keine Verarschung, der brennt, der verbrennt ...« Ein polterndes Geräusch, ganz dünn: »Scheiße noch mal, jetzt ist ...«

Der Wachhabende in der Zentrale: »Also am Wilhelmdenkmal sind Sie, und es ist nicht das Denkmal, das brennt ... Hallo, hören Sie mich? Hallo? Sind Sie noch da? Hallo, bitte melden Sie sich...« Das Rauschen des Bandes. Der Wachhabende: »Ich glaube, da ist nichts mehr ...«

»Verstehst du?«, fragte Termöhlen. »Einfach abgehauen, obwohl da einer lichterloh brannte und um sein Leben kämpfte.«

»Spule zurück und lass es noch mal laufen«, bat Reineking.

Termöhlen bediente mit verbittertem Gesicht das Gerät. Die Stimmen erklangen erneut.

»Angst«, sagte Reineking, »blanke Angst, geradezu Panik. Vielleicht konnte sie nicht helfen, weil das, was sie in Angst und Schrecken versetzte, ihr gefährlich werden konnte. Geh noch mal bis an die Stelle, wo der Kollege bestätigt haben will, dass das Denkmal in Flammen steht.«

»Der muss auch nicht ganz dicht gewesen sein«, sagte Termöhlen. »Die hat doch ganz klar gesagt, dass es der Mann brannte.«

»Überlege mal, wenn dich solch ein Anruf kalt erwischt!«

»Kann ja sein«, lenkte Termöhlen ein und drückte erneut die Wiedergabetaste.

Die Stimme des Beamten. Dann die der Frau.

»Stopp!«

Termöhlen hielt das Band an.

»Als wenn sie gehindert worden wäre!«

»Ja. Aber vorher schreit sie ohne erkennbares Motiv: Halt die Schnauze, verdammt noch mal, ich sag es doch schon! - Wem sagt sie das?«

»Mich hat das auch gewundert, dass sie plötzlich so aggressiv geworden ist.«

»Aber wem sagt sie das?«

»Frag mich was Leichteres.«

»Der Beamte in der Wache hat ihr keinerlei Anlass geboten, sich in der Weise zu äußern, ihn meinte sie meines Erachtens auch nicht. Halt die Schnauze, verdammt noch mal, ich sag es doch schon! - Das klingt, als wenn sie nicht alleine ist, ich meine, war, als wenn da jemand neben ihr gestanden hätte, einer, der sie in irgendeiner Weise gestört hat. - Geh noch mal zurück!«

Sie hörten das Band noch dreimal in der Hoffnung ab, eine Bestätigung der Vermutung zu finden.

»Du hast recht«, sagte Termöhlen nickend, »da ist noch jemand, der ihr was zu verstehen geben will.«

»Er mischt sich ein.«

»Und sie will das nicht! Deshalb die plötzliche Aggression.«

»Eindeutig dem Begleiter, nicht dem Wachhabenden gegenüber.«

»Der muss sich auch was gefragt haben.«

»Aber sie hat echte Angst.«

»Nicht, als sie das so heftig sagt, ich meine, dem oder der anderen gegenüber.«

»Genau. Diese Person ist nicht die Quelle ihrer Angst. Das ist das andere, vielleicht der Brennende oder der ihn in Brand gesetzt hat.«

»Sie muss mitgekriegt haben, wie das passiert ist, und sie muss den Täter gesehen haben.«

»Aber sie erwähnt ihn nicht. Warum, wenn sie ihn gesehen hat?«

»Angst lähmt, Ulli. Und sie ist eine junge Frau, sie ist durchgedreht und fix und fertig.«

»Das ist sie eben nicht!«

»Natürlich ist sie im Eimer! Der ganze Text ist reine Panik, das hast du vorhin doch selbst gesagt!«

»Sie hatte den Nerv, die Polizei anzurufen, zwar hektisch, aber überlegt. Und diese aggressive Phase, als sie die Begleitperson - nehmen wir an, sie hatte eine - anpfiff, zeigt, dass ihr Zorn zumindest in diesem Augenblick die Angst überwog. Also hatte sie sich unter Kontrolle. Daraus ist zu folgern, dass sie nicht um sich selbst, um ihre Sicherheit fürchtete. Wäre die gefährdet gewesen, hätte sie wahrscheinlich nicht unter den zu diesem Zeitpunkt herrschenden Bedingungen bei der Polizei angerufen.«

»Die Täter müssen sie ja nicht gesehen haben«, sagte Termöhlen wenig überzeugt.

Reineking tippte sich an die Stirn.

»Ich danke dir für deinen konstruktiven Widerspruch, aber ich denke, bei dem Geschrei wären die ganz sicher auf sie aufmerksam geworden.«

»Nicht, wenn sie weit genug weg gewesen ist.«

»Hier oben gibt es kein Weit-genug-weg, hier kriegst du mit, wenn einer so schreit.« Er deutete nach draußen auf den Vorplatz. »Wo willst du hier weit genug weg sein?«

»Dann bleibt als Schlussfolgerung, dass die Täter bereits abgezogen waren.«

»Genau.«

Reineking stieg aus dem Bus und betrachtete den Vorplatz. Neben der linken der beiden Treppen, die zu den oberen Plattformen und letztlich zum Kaiser unter dem steinernen Baldachin führte, stand ein rostender Anhänger, auf dem ein verzinkter, langer Tank angebracht war. Dessen vordere Felgen leuchteten rot in der Sonne. Die hinteren waren blaugrau gestrichen. Rote Schläuche hingen am Heck herab. Offenbar diente das Gefährt den Bauarbeitern als Wasserreservoir.

»Von hier aus«, sagte Reineking und deutete auf das hohe Bauwerk des Baldachins, unter dem das Kaiserdenkmal und daneben ein hohes, mit hellgrünen Plastiknetzen verhängtes Baugerüst zu sehen war, »ist es unmöglich, das Podest des Denkmals zu sehen. Es geht zu steil nach oben. Da hinten, wo der Tankwagen steht, sieht es anders aus. Wenn du ihm gegenüber irgendwo an der Umfassungsmauer bist, kannst du die linke Treppe, das Absperrgitter vor dem Denkmal und die Seite des Sockels sehen, an der unser Opfer verbrannt ist. Von dort aus hast du auch einen relativ freien Blick über den Vorplatz. Und dort hinten, vielleicht hat sie auf einer der Ruhebänke gesessen, muss die junge Frau postiert gewesen sein und das Geschehen beobachtet haben. Und zwischen ihr und dem Sockel oben muss unser Opfer mit irgendwas überschüttet und entzündet worden sein.«

Er setzte sich in Bewegung. Termöhlen folgte ihm nach kurzem Zögern, nutzte die Gelegenheit, sich eine Zigarette anzuzünden. Sie passierten auf knirschendem Split den Tankanhänger, hielten sich dich an der Begrenzungsmauer, hinter der sich der Blick in das Wesertal öffnete.

»Hier etwa«, sagte Reineking und blickte nach oben auf das Denkmal, »von hier aus haben wir den freien Blick. Das muss ihre Position gewesen sein. Siehst du?«

Termöhlen sog an der Zigarette. »Für einen Brennenden ein verdammt langer Weg«, sagte er düster. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das schaffen konnte. Der sieht nichts mehr, der hat irrsinnige Schmerzen, er ist dem Wahnsinn nahe ...«

»Es hat keinen Sinn zu spekulieren. Wir müssen die Zeugin finden.«

»Wer macht so was? - Nazis?«

»Wieso müssen es immer Nazis sein?«

»Wegen der ins Auge springenden Symbolik. Die schnappen sich einen, jagen den hier hoch, zünden den an und hoffen, weil es ja ein echtes deutsches Symbol ist, auf das entsprechende Echo.«

»Umgekehrt kannst du es genauso konstruieren.«

»Dass das ein Nazi war, den sie ...«

»... oder ein gehörnter Ehemann, der ...«

»Ach Scheiße!«

»Aus einer Telefonzelle hat sie jedenfalls nicht telefoniert.«

»Nee, die einzige steht unten am Restaurant.«

»Also?«

»Heutzutage kommen die Kinder schon mit ‚nem Handy am Ohr auf die Welt.«

»Das ist unsere Chance!«, sagte Reineking und ballte die rechte Faust.

»Das heißt, wir müssen jeden Anrufer überprüfen, der hier in der Gegend telefoniert hat!«

»Das machen die Computer. Wir haben die Uhrzeit. Wir wissen, dass es sich um eine Frau handelt. Der Stimme nach um eine jüngere. Und so viele Frauen werden gestern spät abends nicht vom Denkmal aus angerufen haben. Ich denke, das lässt sich relativ einfach eingrenzen.«

»Wenn wir da mal nicht wieder eine Überraschung erleben«, sagte Termöhlen.

»Das sehen wir dann«, sagte Reineking. »Jetzt leiten wir die Anfrage bei den Telefongesellschaften ein. Ganz sicher verlangen die Betreiber entsprechende gerichtliche Anordnungen, aber die kriegen sie notfalls nachgereicht. Dann müsste allerdings unser allseits beliebte Dr. von Vennebeck eingeschaltet werden. Ich denke, das übernehme ich selbst. Schalte dich bitte mit Wehner zusammen. Er müsste irgendwo auf dem Gelände zu finden sein, und arbeite mit ihm die Absuchergebnisse auf. Wäre nett, wenn ich das morgen auf dem Schreibtisch hätte.«

Termöhlen verzog wie unter Schmerzen den Mund.

»Muss das mit dem sein?«

»Was hast du gegen Wehner?«

»Eigentlich nichts, aber ... in letzter Zeit tickt der nicht mehr richtig. Ich glaub, der ist anders rum.«

»Was meinst du mit anders rum?«

»Der ist ´ne Tunte, verdammt noch mal! Beobachte den mal richtig wie der mit dem Arsch wackelt!«

»Er ist verheiratet.«

»Glaubst du, ich sag das nur so? Er ist gesehen worden. Mit Puppenjungen. In einschlägigen Lokalen.«

»Das ist ganz alleine sein Bier, solange er dir nicht an die Eier geht! Und außerdem, was soll die Denunziererei?«

Termöhlen hob erschreckt die Hände. »Entschuldige«, sagte er, »so habe ich das nicht gemeint. Ich habe ja auch nichts gegen ihn, es ist mir nur unangenehm und ... Tut mir leid, wirklich, es tut mir leid.«

»Vergiss es. Kriegt ihr die Sache bis morgen früh hin?«

»Das wird zu schaffen sein.«

»Na fein. Gleich wird das Gelände wieder von Touristen überschwemmt. Trotzdem sollten wir weiter nach einem Fahrzeug suchen, mit dem unser Mann hier heraufgekommen sein könnte. Vielleicht ist er ja tatsächlich, wie du vermutest hast, mit Fahrrad, Moped oder Motorrad hergekommen. Dann allerdings könnte er von den Leuten, die unten an der Straße wohnen, beobachtet worden sein. Die ungefähre Zeit haben wir ja. - Wie spät ist es?«

»Vierzehnfuffzig.«

»Ihr solltet mit den Hausbesuchen beginnen und, falls die Zeit nicht ausreicht, morgen nach der Lagebesprechung weitermachen.«

»Ich würde mit der Befragung lieber später beginnen.«

»Wieso?«

»Weil wir jetzt wahrscheinlich die meisten gar nicht antreffen. Die arbeiten, und dann müssten wir die Tour noch mal starten.«

Reineking nickte.

»Das mach, wie du es für richtig hältst. Wir sehen uns dann spätestens morgen früh um zehn, okay?«

»Okay«, sagte Termöhlen. Er neigte den Kopf, schien noch etwas sagen zu wollen, verzichtete jedoch darauf und ging mit gemurmeltem Gruß. Reineking sah ihm nach. Der gebeugte Rücken schwankte von der einen zur anderen Seite, als trüge der Kollege unter Schmerzen eine überschwere Last. Schwerfällig auch der Schritt, unsicher, wie bei einem Menschen, der sein Ziel aus den Augen verloren hat.

6

Von Grotejohanns Position waren Schlaf- und Wohnzimmer Annette Gurtners einzusehen. Ebenso der vordere Bereich der Küche und durch das gekippte Riffelglasfenster ein schmaler Streifen des Badezimmers. Die Küche war trotz des Tageslichts in grelles Licht eines Halogenfluters getaucht.

Die junge Frau kochte. Hin und wieder sog sie an einer Zigarette, behielt den Rauch lange in den Lungen, ehe sie ihn durch die Nase wieder entließ. Immer wieder blickte sie auf die Tür, als erwartete sie unliebsamen Besuch. Einmal schrak sie zusammen, lief hinaus, tauchte im Wohnzimmer wieder auf und nahm ein Telefongespräch an. Sie schüttelte mehrmals den Kopf. Grotejohann ahnte, dass es auch bei diesem Gespräch um das Verschwinden Deskins ging. Er war nahe daran, ihr zu glauben und die Beobachtung einzustellen. Trotz des etwa vierzig Jahre alten Besuchers, der mit einem Rintelner Taxi vorgefahren war und auf ihn nicht nur wegen des Halsverbands den Eindruck einer mehr als ungewöhnlichen Persönlichkeit gemacht hatte.

Schlank, weißhaarig und mit einem Gesicht, das von innen erleuchtet zu sein schien, war der Fremde mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen in das zweigeschossige Mietshaus gegangen, der genau wusste, dass er sein Ziel erreichen würde. Die junge Frau schien sich zu ängstigen.

Grotejohann rief seine Sekretärin an, gab ihr Kennzeichen und Nummer des Taxis durch und bat sie, die Daten des Fahrers zu recherchieren. Kaum hatte er das Gespräch beendet, kam der Weißhaarige aus dem Haus, stieg in das wartende Taxi und fuhr in Richtung Werre Park ab.

Machte es überhaupt noch Sinn, die Wohnung weiter zu beobachten? Oder hatte sich Deskin, seinen Betrug breit grinsend genießend, bereits abgesetzt?

»Ich biete Ihnen eine Wahnsinnsstory«, hatte Deskin versprochen. »Menschenopfer, verstehen Sie?«

»Haben Sie Beweise?«

»Gegen gutes Bares.«

»Kein Interesse.«

»Ich habe Ihnen ein Foto in den Briefkasten geworfen.«

In der Tat. Ein zerschnittenes. Darauf ein geradezu liebliches Gesicht. Blass, offenbar geschminkt und tot. In einem elfenbeinfarbenen Sarg auf schneeweißer Seide. Sah sehr rituell aus. Ein Menschenopfer?

Mit schweißnassen Händen hatte er einige Redaktionen angerufen. Das Echo war überwältigend. Wenn Sie die Geschichte dokumentieren können, haben Sie den Jackpot!

Grotejohann ballte die Rechte und schlug damit gegen das Lenkrad. »Hurensohn«, zischte er, als er an die Nacht auf dem Parkplatz am Kaiser-Wilhelm-Denkmal dachte, auf dem Deskin ihm die Beweise für die Richtigkeit seiner Geschichte hatte übergeben wollen. Er war vor der Zeit angekommen, war trotz des Mistwetters wie vereinbart zweimal über den Parkplatz gelaufen und dann unter einen mächtigen Ahornbaum geflüchtet, hatte vor Kälte gezittert und gehört, wie der Regen auf die Plastiktüte trommelte, die er sich kurz nach seinem Eintreffen über den Kopf gezogen hatte. Der böige Wind hatte an den Ästen und den Peitschenlaternen gezerrt, in deren Licht die Wasserfäden über den trostlosen Parkplatz des Ausfluglokals schleierten. Die lichtlosen Fenster waren ihm wie Mündungslöcher drohend auf ihn gerichteter Gewehrläufe erschienen. In jenem Augenblick war er noch nicht ganz durchweicht und trotz aller Zweifel voller Hoffnung gewesen, der Kerl, dessen weiche Singstimme lasziv wie die einer kobernden Nutte geklungen hatte, würde Wort halten und mit dem Honigstückchen des versprochenen Anfangsbeweises auftauchen.

Nach zwanzig Minuten nervenden Wartens hatte er ihm wegen des schlechten Wetters und der katastrophalen Sichtverhältnisse weitere zehn zugebilligt und noch einmal fünfzehn Minuten mit der fadenscheinigen Begründung angehängt, wegen des plötzlichen Unwetters sowieso nicht weg zu können. Er hatte nach unzähligen Versuchen endlich eine Zigarette anzünden können und wenigstens zur Hälfte rauchen können, ehe das Wasser sie in unzählige braune Fäden zerlegt hatte. Seine Hoffnung war einem dumpfem Zorn gewichen.

Grotejohann hatte aus schmalen Augen versucht, die Regenwand zu durchdringen, die wehenden Büsche, den zuckenden Wald, die treibenden Wolken, das Blitzen und Glitzern des Wassers. Es war hoffnungslos gewesen. Kalte Schauer waren ihm über den Rücken gelaufen, er hatte die klammen Hände gegeneinandergeschlagen und sich in einem fort befohlen, ganz ruhig zu bleiben. Keine verdammte Schwuchtel lässt sich eine solche Geschichte einfallen, um dir eine Stange über den Schädel zu ziehen. Da muss einfach was dran sein und du musst, verflucht noch mal, einfach Geduld haben. Geduld, Geduld, Geduld! Er hatte die tröstliche Nähe des Baumstamms in seinem Rücken gespürt und sich wegen seiner Masse und seiner nahezu zwei Meter in einer nicht ganz hoffnungslosen Position gefunden. Nur dumm, dass er die versprochenen achttausend Euro Honorar in der zerweichten Hose hatte. Aber darauf hatte die Singstimme bestanden. Weitere achttausend und keinen Cent weniger, und Sie warten um genau Mitternacht da auf dem Parkplatz und kommen alleine. Dann laufen Sie zweimal quer über den Platz. Das will ich zu meiner Sicherheit. Denken Sie sich keine Tricks aus und halten Sie sich immer vor Augen, dass Sie eine solche Story niemals wiederkriegen: Fleisch für die Götter! Und was für ´n Fleisch, der echte Wahnsinn ist das! Und alles total belegt, kein Fake, verstehen Sie? Richtig gutes Material!«

Grotejohann hatte gewartet und gefroren und geflucht, bis ihm klar geworden war, dass es keinen Sinn mehr machte. Entweder war er einem üblen Scherz aufgesessen oder dem Informanten war irgendetwas dazwischengekommen. Vielleicht das verdammte Wetter, das für einen August so ungewöhnlich wie ein Hitzestau im Januar war.

Wie dumm, dass er das Geld mitgenommen hatte. Aber darauf hatte die der Typ bestanden. »Achttausend« Und Sie kommen alleine. Sie laufen zweimal über den Platz. Keine Tricks! Solch eine Story kriegen niemals wieder. Fleisch für die Götter! Und was für ´n Fleisch!«

Grotejohann hatte gewartet und gefroren und geflucht, bis ihm klar geworden war, dass es keinen Sinn mehr machte.

Auf dem Rückweg war ihm das Polizeiaufgebot aufgefallen. Und dann war er auf Reineking und dessen Brandopfer gestoßen. Ob es zwischen den beiden Sachen einen Zusammenhang gab?

Das Telefon klingelte.

»Ich habe Namen und Adresse des Taxifahrers, der den Blonden zu der Gurtner gefahren hat. Soll ich ihn befragen?«

»Nicht telefonisch. Fahre mit ihm und versuche heraus zu finden, ob er unseren verwundeten Maschinenmenschen kennt. Wo er ihn abgeholt hat undsoweiter. Wahrscheinlich war das aber nur ein von Gewissenbissen geplagter Gerichtsvollzieher oder so.«

»Erstens gibt ´s die nicht, zweitens, glaub ich, kommen die immer morgens. Also was soll ich tun?«

»Ist die Denkmalgeschichte draußen?«

»Seit langem.«

»Okay, dann versuch es mit dem Taximenschen. Schaden kann es nicht.«

Er legte auf. Die junge Frau in der etwa zwanzig Meter entfernten Küche aß das eilends Gekochte aus einem Plastikschälchen. Grotejohann zündete sich eine Zigarette an. Der reine Irrsinn, die Menschenopfer-Geschichte. Überhaupt Irrsinn, womit sich vernunftbegabte Wesen beschäftigten. Mit angeblich heilenden Steinen, Hexenpraktiken, Satanismus und Erleuchtung, es gab wenig, was die Leute ausließen, und alles, um die vermeintlich unausweichlich geschundene Seele wieder auf Vordermann zu bringen. Auch er sehnte sich danach, den letzten Bericht zu schreiben, sich nach Andalusien abzusetzen, wo er die verbleibenden Lebensjahre Bücher fabrizierend und zwanglos lebend zu verbringen gedachte. Ohne Stress, ohne Gejagtsein, mit kleinem Boot, süßer Freundin und Hund, ganz spießbürgerlich und vor allem in seliger Ruhe. Wenn dieser verdammte Deskin ihn nur nicht so elend auf den Topf gesetzt hätte!

Er seufzte.

Als Kind hatte er davon geträumt, als allseits bewunderter Starreporter durch die Welt zu reisen. Reporter war er auch geworden, aber über Westfalen war er nie weit hinausgekommen. Und mit der Bewunderung war es auch nicht so weit her. Journalisten, empfand er schmerzlich, standen in der Ansehensskala noch hinter den Müllwerkern. Nach einundzwanzig Jahren abhängiger Arbeit in Lokalredaktionen war der Traum von der großen weiten Welt einer immer nervigen Alltäglichkeit und dem Wunsch nach einem Zustand gewichen, in dem er wenigstens das Gefühl einer gerechteren Bezahlung haben konnte.

Er nahm eine Veränderung wahr. Das Licht in der Küche war erloschen. Das Mädchen erschien im Wohnzimmer, machte sich am Fenster zu schaffen. Ein Lamellenvorhang fiel nach unten. Wenig später tanzten blaue Lichtreflexe auf den metallenen Fächern. Die Gurtner hatte es sich offensichtlich vor dem Fernseher bequem gemacht.

Grotejohann gähnte und warf den Zigarettenrest auf den Parkplatz.

Eine halbe Stunde noch, sagte er sich, dann verabschiedest du dich für heute. Er lehnte sich zurück und griff mit schlechtem Gewissen nach einer weiteren Zigarette.

7

Die Strecke über Bad Oeynhausen zu seinem Haus in Uffeln fuhr Reineking, ohne sich später daran erinnern zu können. Der Tag ließ sich nicht wie gewöhnlich abschalten, die Bilder blieben, die Gedanken, der Geruch des verbrannten Fleisches, die Kälte und Müdigkeit und ganz besonders die Vorstellung, wie das Opfer gelitten haben musste, als das Feuer es im wahrsten Sinne des Wortes bis auf einen kümmerlichen Rest verzehrte. Das Private wollte sich trotz der alltäglichen Rituale nicht einstellen, die Fantasie drängte die Objektivität des Kriminalisten vehement an den Rand, erzeugte Gefühl bewegende und schreckliche Bilder, die stärker als Routine und Abgebrühtheit waren.

Magdalena, seine Tochter, hatte im Wohnzimmer die Rollos heruntergelassen. Das Signallämpchen des Anrufbeantworters schnitt rotleuchtend ins Dunkel. Reineking schaltete das Licht ein, kniff die Augen zusammen und entdeckte den linierten Zettel auf dem Fußboden.

Drei rote Herzchen. IHDL.

»Ich dich auch«, murmelte er und warf einen Blick auf ihr Foto, das in einem Fach des Bücherregals in Silber gerahmt stand und sie im Alter von neun Jahren mit langem blondem Haar und die Lippen wölbender Zahnspange zeigte. Ein trotziger Blick, vorgerecktes Kinn. Sie hatte geweint, erinnerte er sich, weil sie mit der verunstaltenden Zahnkorrektur nicht fotografiert werden wollte. Ihre Mutter hatte sie wie üblich bestochen und es wir haben uns geeinigt genannt, hatte mit der alten Pentax geknipst, weil Omi und Opa doch drauf warten und ich ihnen versprochen habe, dass sie regelmäßig die Bilder kriegen.

Neben den drei Herzen befand sich ein dünner Pfeil. Reineking wendete den Zettel. Fein säuberlich waren Anschrift und Telefonnummer in Magdalenas zierlicher Schrift niedergeschrieben, darunter: »Ich rufe dich an, sobald wir eingetroffen sind, und denke mal darüber nach, was du heute beim Frühstück versäumt hast!!!«

Er legte den Zettel neben das Telefon, drückte nach kurzem Zögern die Wiedergabetaste des Anrufbeantworters und hörte die beiden Nachrichten ab. Eine Saskia für Magdalena mit guten Grüßen für die Reise und ruf zurück, wenn du wieder im Lande bist, einer für ihn: »Hör zu, du Wichser, da läuft einer rum, der dir die Eier mit ´nem stumpfen Dolch abschneiden wird. Ort und Zeit bestimmen wir, du Drecksau, du dreckige!«

»Du mich auch«, sagte Reineking und löschte die Meldungen. Drohanrufe nahm er schon seit langem nicht mehr ernst, obwohl es im Präsidium eine Vorschrift gab, jeden einzelnen aufzuzeichnen, und zwar mit der Begründung, das unter zehn Bluffern ein ernst zu nehmender Irrer sein könnte. Den heutigen ordnete er den Spinnern zu.

Durch die große Wohnzimmerscheibe sah er das riesige Kraftwerk mit den drei bis in die Wolken ragenden Schornsteinen. Wind zerrte an den Büschen im Garten. An der Wäscheleine schwang der blaurote Klammerbeutel neben flatternden Socken, die er als seine identifizierte.

Er ließ den Bademantel im saunaartig aufgeheizten Badezimmer und stieg über die schmale Wendeltreppe ins großzügig ausgebaute Obergeschoss. Als er das ehemalige, seit dem tragischen Geschehen von ihm verschlossene Schlafzimmer passierte, beschlich ihn zum ersten Mal seit langer Zeit wieder das beklemmende Gefühl, von ihr aus wunden, anklagenden Augen beobachtet zu werden. Überdeutlich sah er ihr leidendes Gesicht, diese trotz der darin zuckenden Schmerzen wunderschöne Maske aus Schuld und Anklage, die - je mehr sich ihr Ende näherte - verschlossener wurde, wie ihre Sinne, wie ihr Körper, der selbst dann zusammen zuckte, wenn bei Tisch ein Glas oder ein Teller zu reichen war.

Wie bei einem gefangenen Vogel begann dann ihr Herz zu rasen, die Halsschlagadern schlugen sichtbar unter der hektisch geröteten Haut, in die Augen trat dieses unstete Flackern, wie bei einem verzweifelten, in die Enge getriebenen Tier, das vergeblich einen Fluchtweg sucht. Nur das Korsett ihrer seit Kindesbeinen von strengen Eltern eingeübten Disziplin verhinderte den Ausbruch ihres seelischen Drucks, und das nur, weil Magdalena anwesend war. Dass sie ihn fürchtete, und dass er der Anlass ihrer Panikattacken war. Aus Gründen, die er sich nicht erklären konnte und die sie trotz häufiger Versuche nicht erklären wollte.

Die ersten Anzeichen dieser Entwicklung waren etwa ein Jahr vor der Katastrophe aufgetreten, als sie nach Jahren fanatisch betriebener Selbsterfahrungsabenteuer, esoterischer Erkundungen und spiritueller Experimente zurück in den Schoß einer Kirche fand, die sich Der Hort der auserwählten Kinder Gottes nannte und die ihre als Bibelstunden bezeichneten Gottesdienste im Hinterhof einer Lackiererei abhielt. Für ihn war es nichts weiter als eine weitere Stufe auf der Treppe der Suche nach der mir innewohnenden göttlichen Kraft. So etwas wie die neue und endgültige Diät, die sie dauernd aus sportlichem Ehrgeiz oder spielerisch-ironisch probierte und mit der nicht nur die Pfunde, sondern auch die jung machende Gelassenheit des Seins erreicht werden konnte. Jedenfalls bis zur nächsten aus den Verlagshäusern heraus schwappenden und von ihr trotz ihrer spöttischen Kommentare sehr ernst genommenen Welle. Für seine attraktive und keinesfalls übergewichtige Frau war dieses Neue offenbar die Erfüllung, der Weg und das Ziel zugleich. Auf Kosten des Salzes in der Suppe, der bis dato ohne nennenswerte Krise geübten beständigen und bisweilen geradezu eruptiven Freude an der Sexualität.

Mit ihr war es ein Abtauchen in die Welt der Schwerelosigkeit gewesen, immer wieder ein hemmungsfreier Rausch, ein Sichauflösen und ein Verschmelzen in einen Zustand seligmachender Lust, die ihre Grenze in der körperlichen Erschöpfung fand. Er hatte sich als Privilegierter gefühlt, angesichts der vielen ehegeschädigten Menschen in seinem Bekannten-, Kollegen- und Freundeskreis als Insel im Meer der Bitternis.

Ihre ersten Verweigerungen hatte er mit größtem Verständnis und ohne Frage hingenommen, den späteren akzeptable Motive unterstellt und selbstverständlich die einer geliebten Frau gebührende Rücksicht genommen. Jedenfalls bis zu jenem Zeitpunkt, als ihm der Verdacht kam, dass zwischen ihrem ablehnenden Verhalten und ihrer intensiv gelebten Religiosität ein Zusammenhang bestand.

Er hatte sie beobachtet, ihren oft abwesend erscheinenden Blick, jenes Insichgekehrtsein, das Bewegen ihrer Lippen, wenn sie sich alleine fühlte und ihren Gott anrief, der ihr Angst machte und der ihr dennoch näher als die Familie zu sein schien.

Er litt wie unter heftigen Schlägen, wenn sie auf die Knie fiel und die Hände vor das freudlos gewordene Gesicht schlug und in leisen Tönen Gnade für Sünden erflehte, derer sie sich schuldig gemacht zu haben glaubte. Die ihr jedoch, dessen war er sicher, offensichtlich während der häufig besuchten Weihestunden indoktriniert worden waren. All das, was sie zuvor mit aus Liebe geborener Leidenschaft ausgelebt hatte, war für sie zum Albtraum geworden.

Seinen Fragen begegnete sie mit einem bestimmten wissenden Lächeln, das, je tiefer sie sich in ihre Überzeugungen verstrickte, von höhnischen und bisweilen auch feindseligen Blicken begleitet war. Er hatte den sicheren Eindruck, als sei sie einer Gehirnwäsche unterzogen und auf seine Argumente sorgfältig vorbereitet worden. Sie befand sich in einer anderen Welt, die sie, ganz offensichtlich in der Furcht einer kommenden Strafe, hermetisch verschlossen hielt.

Und er sah sich draußen, sah sich hilflos und unfähig, Zugang zu ihr zu finden, zu dieser Welt, die ihm nicht nur fremd, sondern unerklärlich war. Er lernte später von Psychologen und Sektenexperten, dass er alles, aber auch alles falsch gemacht hatte, aber auch, dass der Geist eines Menschen von einem Glaubenssystem in Haft genommen werden kann.

Mit der gleichen Intensität und Bedingungslosigkeit, mit der sie ihre Sexualität gelebt hatte, stand sie zu ihrem Glauben. Insoweit, dachte er bitter, war sie sich bis zu ihrem fürchterlichen Ende an jenem so hoffnungsvollen letzten Tag des Jahres treu geblieben.

Es war ein sonnendurchfluteter Tag mit klirrendem Frost gewesen, ein Tag, an dem schon am frühen Morgen von Kindern gezündete Knaller die Luft mit dem Geruch verbrannten Schießpulvers schwängerten und die Menschen vor den Getränkeoasen und den Kassen der Supermärkte Schlange standen, als wäre eine Krise ausgebrochen. Es war kurz nach Mittag, als seine Frau nach unten kam und ihn fragte, ob genügend Sekt für den Jahreswechsel im Hause wäre. Als er verneinte, hatte sie ihn um die Autoschlüssel gebeten. Sie war erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückgekehrt, hatte die Flaschen in den Kühlschrank und ein Paket schwerer Böller ins Schlafzimmer geschlossen, offenbar, um zu verhindern, dass Magdalena darauf aufmerksam wurde. Sie war - da blitzte ihr früheres Wesen durch - vollkommen gelöst, als hätte es niemals einen Konflikt zwischen ihnen gegeben, hatte oft gelacht und ihn gebeten, eine der Flaschen zu öffnen.

»Magdalena«, hatte sie gesagt, »bleibt bei den Haarmanns. Ich war drüben und habe Heidrun darum gebeten, um mit dir in Ruhe sprechen zu können, wenn du es denn über dich bringen könntest.«

Er hatte ihr eingeschenkt, wortlos ihr schmales, zerquältes Gesicht betrachtet, die Augen, die einst so voller Feuer gewesen waren, hatte sich, von der Erinnerung an ihre explosiven Ausbrüche in höchsten Alarm versetzt, gefragt, welche Vorwürfe ihm nun wieder entgegen schlügen, bereit, sich ihnen entweder zu entziehen oder sie abzuwehren. Aber sie hatte in aller Ruhe getrunken, war dabei auf und ab gegangen, offensichtlich bemüht, die ihrem sicherlich sorgfältig vorbereitetem Konzept entsprechenden Worte zu finden, hatte schließlich von Monaten zugefügter Qualen und von ihrem Entschluss gesprochen, dieser Unerträglichkeit jetzt, da uns ein neues Jahr bevorsteht, ein Ende zu bereiten.

Sie hatte verführerisch gelächelt, nach seiner Hand gegriffen, in den Augen jene Nachgiebigkeit, die ihn so sehr erregt hatte, wenn orgiastische Lust ihren Körper erzittern ließ. Trotz allen Verletztseins der letzten Monate hatte er ein Verlangen gespürt, dem er nicht hatte widerstehen können. Er war ihr ins Schlafzimmer gefolgt, hatte sich entkleiden lassen und sie nach einem langen Vorspiel heftig und rauschhaft geliebt, überwältigt von dem befreienden Gefühl, endlich dem zerstörerischen Albtraum entronnen zu sein.

Sie war ermattet und wortlos liegen geblieben, hatte ihn aus großen und wie er glaubte, wieder erfüllten Augen angesehen, glücklich und ihrem Gefängnis entronnen. Vor Schwäche taumelnd war er ins Bad gegangen, hatte unter der rauschenden Dusche gestanden, als der ohrenbetäubende Doppelknall das Haus erschütterte.

Vor Nässe triefend war er ins Schlafzimmer gerannt, hatte schon im Flur das verbrannte Sprengpulver gerochen, im beißenden Rauch das verspritzte Rot und Schwarz auf den Wänden, den Scheiben, dem Bett gesehen. Und dann seine Frau: Beide Hände zwischen den Beinen, das Gesicht vor Schmerz zerrissen, die Lippen zerbissen, die Augen qualvoll auf die Zimmerdecke gerichtet, während ihr Blut in heftigen Schüben aus ihrem Schoß auf das vom Feuer geschwärzte Laken schoss.

Sie war vornübergefallen, in diesen See aus Blut, und in grotesker Weise wieder hoch gekommen, hatte ihn, als er nach ihr griff, trotz des unsäglichen Schmerzes triumphierend angesehen und war laut seufzend in sich zusammen gesunken.

Er hatte nie erfahren, wer die Kollegen benachrichtigt hatte, ob er es selbst oder ein aufmerksamer Nachbar gewesen war, auch wusste er nicht mehr, was er nach dieser letzten Wahrnehmung unternommen hatte. Nur Schmerz war gewesen, in ihm, um ihn, in allem, das ihn umgab: Magdalena war die verkörperte Anklage gewesen. Und die Untersuchungen hatten zu Tage gefördert, dass seine Frau sich einen der schweren Böller in die Vagina gepresst und gezündet hatte. Um den Satan, der die Welt und mich regiert, zu besiegen, wie es in dem offenbar lange vor dem Selbstmord geschriebenen Abschiedsbrief geheißen hatte.

Aus diesem Satz hatte der den Fall untersuchende Staatsanwalt von Vennebeck den Schluss ehelicher Spannungen gezogen und weitere Untersuchungen veranlasst. Recht eigenwillig interpretierte Aussagen von Nachbarn und besonders mehrerer Sektenmitglieder waren bis zum Antrag auf Eröffnung des Hauptverfahrens gediehen, glücklicherweise aber vom zuständigen Gericht geradezu zerpflückt worden. Das hatte Herrn Staatsanwalt aber nicht sehr beeindruckt. Er hatte er es nie für nötig gehalten, sich für seine hanebüchene Anklage zu entschuldigen.

Reineking ging, die entsetzlichen Bilder vor Augen, weiter. Sein Kleiderschrank befand sich aus Platzgründen im ehemaligen sogenannten Bügelzimmer des Obergeschosses, dessen übrige Fläche einschließlich des Badezimmers von Magdalena genutzt wurde. Er hatte sich unten eingerichtet, aus Kinder- und Arbeitszimmer eine eher chaotische Wohnhöhle ohne Fernseher, aber mit einer guten Musikanlage und vielen Büchern, jedoch ohne Erinnerungsstücke geschaffen.

Der Flur lag im Dunkel, aus Magdalenas Schlafzimmer drang Lichtschein. Offenbar hatte sie vergessen, eine Lampe auszuschalten. Er ging hinein und sah, dass die Nachttischleuchte eingeschaltet war. Er ging darauf zu, griff nach dem Kabelschalter, um das Licht auszuschalten, als ihm der Satz »Der wahre Messias - das Geheimnis des Heiligen Gral« in goldener Schrift entgegen blitzte.

Er schüttelte sich, glaubte einen Augenblick lang, durch eine von seinen düsteren Erinnerungen erzeugte Halluzination genarrt zu sein, bis er begriff, dass die jäh in sein Bewusstsein gedrungenen Worte der Titel einer auf dem Nachttisch neben Johannisbrot liegenden Broschüre waren. Wolfram und die Suche nach dem Gral, dachte er mit wehmütiger Erinnerung an die Zeit, als sie den Parsifal in der Schule nicht nur durchgenommen, sondern in Teilen auswendig gelernt hatten. Und er dachte daran, dass er jetzt in dem Alter war, in dem sein damaliger Deutschlehrer ihm den nie vergessenen Satz sagte: Wir Menschen unterliegen in der Betrachtung des Seins einem großen Irrtum, dem Irrtum der Zeit. Nicht sie vergeht, wir sind es, die vergehen.

Auf dem Weg in sein Zimmer rezitierte Reineking laut und mit dem damals eingeübten falschen Pathos, verwundert darüber, dass er die Verse noch kannte:

Wenn Wankelmut beim Herzen wohnt,

Wie das mit Leid die Seele lohnt!

Denn scheckig nach der Elstern Art

Ist, wer die Treu mit Untreu paart,

Mit Schmach die Ehre, Fluch mit Heil:

An ihm hat Höll‘ und Himmel teil.

Das Telefon klingelte. Er meldete sich.

»Es sieht verdammt gut aus«, sagte Termöhlen, »wir haben ihn so gut wie.«

»Ich komme sofort«, sagte Reineking wie elektrisiert.

»Nee, lass mal, das kriegen wir schon hin!«

»Quatsch, ich brenne darauf, zu erfahren, wie er die Sache gedreht hat.«

Termöhlen lachte meckernd.

»Wir haben natürlich nicht den Täter, sondern den Handybesitzer, das heißt, eigentlich nur die Vertragsdaten.«

»Wieso Besitzer? Hatten wir es nicht mit einer Frau zu tun?«

»Ist ein Mann, ein ganz schlicht gestrickter: Fliesenleger, verheiratet, mit Vorgarten und Garage, haben mir die Kollegen vom zuständigen Revier versichert, und hat noch nie was mit uns zu tun gehabt. Kann ja der andere, der Begleiter gewesen sein.«

»Ist nicht wahr, oder?«

»Das Staunen ist ganz meinerseits.«

»Und genau dieser turnt gegen Mitternacht mit ´nem jungen Mädchen da oben am Denkmal rum?«

»Macht der Johannestrieb.«

»Ich bitte dich! Auch wenn der Johannes ihn tatsächlich getrieben hat, passt der nicht ins Bild. Wie genau sind denn die Daten?«

»Kein Zweifel möglich. Das war das einzige Handy, das aus dem Umkreis des Denkmals die Zentrale angerufen hat. Sollen wir ihn festnehmen?«

»Auf keinen Fall! Erstens ist es dafür nach den gesetzlichen Vorschriften zu spät, zweitens ist keine Gefahr im Verzuge und drittens können wir nach allem, was uns vorliegt, nur davon ausgehen, dass es sich um einen Zeugen handelt. Nein, nein, das lassen wir, könnte ja sein, dass der Mann Inhaber des Vertrages ist, das Telefon aber von seiner Tochter oder Enkelin oder was weiß ich wem benutzt wird. Insoweit sollten wir Bescheid wissen, ja?«

»Ich schiebe ja noch Dienst.«

»Okay, Hennes, so wie es steht, bleib ich im Feierabend. Trotzdem Danke, dass du mir Bescheid gesagt hast. - Was hat übrigens die Befragung der Anwohner am Denkmal ergeben?«

Termöhlen räusperte sich.

»Absolut nichts, das uns weiterhelfen könnte. Autos, Motorräder, die haben alles gesehen, aber eben ohne jedes verwertbare Merkmal. In zwei Häuser fanden wir keinen Zugang. Eine echte Pleite, wenn du mich fragst.«

»Es war den Versuch wert.«

»Wehner ist noch mal zurück wegen der Nichtangetroffenen.«

»Gut. Wir sehen uns dann morgen um zehn. Bis dann.«

Er legte auf.

8

»Ist ja nichts zu fassen!« Grotejohann warf seiner auf der Fensterbank sitzenden Sekretärin einen ungläubigen Blick zu.

»Doch, doch. Er ist Priester«, sagte sie, blätterte in ihrem Spiralblock und fand die am frühen Morgen gemachte Notiz. »Kloster. Pater Jakob nannte er sich. Jakob Demoley steht auf seinem Briefkasten. Eine Frau Bräuer von gegenüber hat mir von seiner Tätigkeit im Mindener Vikariat erzählt.«

»Pfarrstelle?«

»Pädagogisches. Hatte mit Jugendlichen zu tun, war sehr beliebt, besonders bei den weiblichen Mitarbeitern. Die begreifen noch immer nicht, warum er ohne jeden erkennbaren Anlass das Handtuch geschmissen hat. Schwester Irmtrudis, das ist die Informantin, hatte Tränen in den Augen. Ihr hat er noch einige Male Kartengrüße geschickt. Aus Siegburg, sagte sie.«

»Wieso, wenn er in Rinteln wohnt?«

»Darauf weiß ich keine Antwort, ich weiß nur, dass er seine Laufbahn in Siegburg begonnen hat, ganz fromm als Mönch mit Zelle und Exerzitien, und dort eine Art Assistent des Gefängnisgeistlichen im Jugendknast war. Zeiten in Äthiopien, Sudan und Ägypten. Das hatte sie aus einem Heftchen, das sie mir leider nicht geben wollte. Genaueres wollte sie mir nicht sagen. Nur dass Bruder J. vor Minden eine Tätigkeit in einem Ort namens Werden hatte. Wo immer der auch sein mag.«

»Essen, Ruhr«, sagte Grotejohann,

»Was du alles weißt.«

»Als ehemaliger Mitarbeiter der Westfalenpresse ist man allen anderen immer einen Schritt voraus. Besonders, wenn man vor kurzem eine ganz und gar nicht alltägliche Meldung auf dem Tisch hatte.«

»Du vergisst dabei meine kostbaren Recherchen.«

Grotejohann zog die Rechnertastatur an sich heran.

»Entschuldige bitte, wenn ich noch nicht auf den Knien liege. Aber ich bestätige zutiefst dankbar: Du hast deine Sache wirklich großartig gemacht. Dennoch bleibt die Frage, was unser Leuchtgesicht mit Deskin zu tun haben könnte?«

Er tippte sich ins Archiv seines Computers.

»Bitte«, sagte er nach einer Weile, »da haben wir´s: Mittelalterliche Handschriften, die ältesten von ihnen aus dem achten Jahrhundert, sind in der Landesbibliothek Düsseldorf aufgetaucht ... Wieso Düsseldorf?«, murmelte er, las weiter und hob schulmeisterlich den rechten Zeigefinger. »Hier: Nach Meinung der Forschung sind die Funde dem nordhumbrischen Schrifttum zuzuweisen und vom heiligen Liudger in das von ihm gegründete Kloster nach Werden gebracht worden´ ... dadadada ... und weiter: ‚Als sehr bedeutsam wird eine bislang unbekannte Fassung der Märtyrerlegende des heiligen Justus von Auxerre eingeschätzt, deren zweiunddreißig Zeilen als Leimabdruck eines im 15. Jahrhunderts auf den Holzeinband eines Buches geklebten Pergaments aus dem achten Jahrhundert lesbar geblieben sind. Unter den Schriften sind auch Überlieferungen wie die der »Naturalis Historia«, der Naturgeschichte des älteren Plinius aus dem neunten Jahrhundert, eine Fassung des »Aeneis« des Vergil, eine Prosafassung des Lancelot-Stoffes und unbekannte Texte altägyptischen Ursprungs. - Na, was sagst du?«

»Ich bin seit sieben Uhr auf den Beinen und brauche einen Kaffee.«

»Deinem Begehren schließe ich mich an, wobei mir einfällt: Ist unser Leuchtgesicht noch immer bei der Himmelsarmee?«

»Er ist exkommuniziert worden. Niemand konnte einen Grund nennen.«

»Oder wollte nicht«, ergänzte Grotejohann mit plötzlich zerfurchter Stirn. »Die Frage ist, was solch ein Exkommunizierter bei der Freundin eines Kerls will, der eine Riesengeschichte aus genau dieser Fraktion zu versilbern hat? Kann es da einen Zusammenhang geben, liebste Tigerin?«

»Unmöglich!«, rief sie in gespielter Empörung. »Einen dümmeren Gedanken kann man gar nicht finden.«

»Ich bin so stolz auf dich«, sagte Grotejohann.

9

Es war zehn Uhr, als Termöhlen klingelte. Reineking, noch feucht von der Dusche, ließ er ihn ins Haus.

»Was ist mit dem Handybesitzer?«

»Er heißt Otto Meyer und wohnt in Meissen«, sagte Termöhlen. »Wir haben ihm eine Vorladung geschrieben, aber noch nicht rausgeschickt, weil du dir gestern Abend das weitere Vorgehen vorbehalten hast.«

»Ist er zuhause?«

»Er arbeitet bei einer Firma Lahmers in Minden, hat seine Frau gesagt. Tja, ganz aufregend, die Sache, langsam glaube ich auch, dass die Telefongesellschaft uns falsche Daten geschickt hat. Der Mann geht bald in Rente!«

»Telefoniere du ins Präsidium, sage den Kollegen, dass die Besprechung bis auf weiteres aufgeschoben ist, ich versuche, trocken zu werden, und wenn ich es geschafft habe, statten wir unserem Herrn Meyer einen Besuch ab.«

Reineking nahm eines der großen Badetücher und rubbelte sich trocken, ehe er, in das Tuch eingewickelt, zum Umkleiden nach oben ging.

***

Die Möbel-Lagerhalle, in der Otto Meyer nach Angaben seiner Firma tätig war, befand sich auf der Königstrasse in Minden. Auf den Schaufensterscheiben waren grell Sonderangebote geklebt. Die ‚Top-Qualität zu Superpreisen entpuppte sich bei näherem Hinsehen als in Polen hergestellte Spanplattenware. Kopftuchverhängte Orientalinnen und wenig Begüterte begutachteten die in langen Reihen, eng aneinander aufgestellten Einrichtungsgegenstände und schienen die Basis der Grundkalkulation und die Haupteinnahmequelle des Hauses zu sein.

Die Angestellte, eine magere, aus bräunlich umschatteten Augen betont umsatzfördernd blickende Dame jenes Alters hinter Glut und vor Resignation, angetan mit einem blauen Mikrofaserrock, grauer Netzbluse und durchscheinendem schwarzen Büstenhalter, zeigte magere, offenbar künstlich gebräunte Beine und präsentierte auf ihrem großen Mund mit überaus stark nach vorne drohenden Zähnen ein dick aufgetragenes Sonderangebot an Deckfarben und Schminke. Sie war eingehüllt in eine Schutzzone widerstreitender Düfte, deren Hauptrichtung Lavendel war, wie Reineking feststellte.

Die beiden Polizisten empfing einen Goldzahn entblößendes Lächeln.

»Kriminalpolizei«, sagte Reineking verhalten und präsentierte seine Marke. »Wir möchten gerne Herrn Meyer von der Firma Lahmers sprechen.«

Das Licht in ihren Augen erlosch und wurde ersetzt von Ratlosigkeit.

»Also da weiß ich nu gar nich Bescheid, da müssen Se schon den Scheff sprechen. Aber der ist jezz nich da, also dat tut mir nun wirklich leid, Ihnen da nich weiter helfen zu können.«

»Draußen im Hof steht ein Lieferwagen der Firma«, sagte Termöhlen.

»Ach die!« Sie nickte. »Die sind hinten, ganz hinten, aber da müssen Se von draußen rum hingehen. Oder warten Se mal«, korrigierte sie sich, »hier gibt et auch ´n Weg, da an den Bauernschränken vorbei. Einmal da entlang und dann immer geradeaus, bis Se die dann da arbeiten sehen. Wenn die das sind, die Se suchen.«

Reineking dankte. Durch dicht stehende Sitzgruppen und Möbel gingen sie Slalom und erreichten schließlich eine kleine zweite Halle, an deren Ende aus Türöffnungen grelles Licht und laute Musik drangen.

Die Schritte der Polizisten wurden vom Dröhnen von Radio Westfalica übertönt. Es roch nach Verdünnung und Zement. Im mittleren Raum, an den Wänden waren Pissoirs montiert, links standen Toilettenkabinen ohne Türen und an der Decke hing eine grell leuchtende Halogenlampe, kniete ein untersetzter Mann mitten im Raum und verklebte an einem Gully winzige Keramikplättchen.

»Herr Meyer?«

Der Mann sah auf, runzelte die Stirn und erhob sich langsam, in der rechten Hand eine der winzigen Fliesen.

»Ja, das bin ich«, sagte er. Seine Stimme hatte kaum die Kraft, die Musik zu übertönen. Seine Schultern wiesen nach unten, ebenso der Mund und der recht deutlich die blaue Latzhose wölbenden Bauch. Alles, fand Reineking, wies bei diesem Herrn nach unten, als zögen unsichtbare Gewichte an ihm. Selbst das weißgelbe Haar fingerte leblos in dünnen Strähnen vom kahler werden Mittelscheitel herab. Das rötliche Gesicht hatte einen wächsernen, Krankheit signalisierenden Unterton und wurde beherrscht von einer immensen, stark eingedellten Nase, deren rote Spitze auf einen bläulich verfärbten Kussmund zustach. Das Kinn war zart wie das eines Kindes und schien übergangslos im aufgeblähten Hals zu verschwinden.

»Wir sind von der Kriminalpolizei und möchten Ihnen gerne einige Fragen stellen.«

Meyers fast durchscheinende Augen weiteten sich.

»Kriminalpolizei? Was habe ich mit der Kriminalpolizei zu tun?«

Reineking deutete auf das verstaubte Kofferradio an der Wand.

»Macht es Ihnen etwas aus, das Gerät abzustellen?«

Otto Meyer schüttelte heftig den Kopf und lief geradezu eilig durch den Raum, um den Stecker des Apparates aus der Dose zu ziehen.

»Entschuldigung«, sagte er, »das ist schon so alt, dass lässt sich gar nicht mehr ausschalten, da muss man den Strom unterbrechen.« Er hielt inne, schien vom Sprechen so erschöpft zu sein, dass er nach Luft schnappte und wiederholte nach einigen Sekunden heftig ausstoßend: »Was habe ich mit der Kripo zu tun?«

»Es gibt keinen Grund zur Aufregung, Herr Meyer, nur eine Frage: besitzen sie ein Mobiltelefon?«

Stirnrunzeln. »Ein Handy?«

»Ein Handy«, sagte Reineking. Termöhlen lehnte scheinbar interesselos, sein Feuerzeug in den Händen drehend, an der Wand.

»Ja, wir haben ein Handy. Wir haben das mal angeschafft, aber das ist schon Jahre her.«

»Haben Sie es denn vor kurzem, vielleicht vorgestern benutzt?«

»Bestimmt nicht, wenn, dann meine Frau. Was ist denn damit?«

»Waren Sie in letzter Zeit am Kaiser-Wilhelm-Denkmal?«, fragte Termöhlen.

Meyer drehte sich zu ihm um.

»Nee, da war ich nicht. Mindestens zehn Jahre, warum auch, wenn man so dicht dran wohnt, das sehen wir ja dauernd. Nee!«

»Sie sagten, wenn, könnte Ihre Frau damit telefoniert haben. Das heißt also, Ihre Frau benutzt das Telefon?«

»Ich komm damit gar nicht klar.«

»War ihre Frau vorgestern außer Haus? Abends?«

»Vorgestern? Am Sonntag?« Heftiges Kopfschütteln. »Wir haben gegessen und dann den Tatort gesehen, und danach sind wir auch schon schlafen gegangen.«

»Hennes, zeigst du Herrn Meyer bitte die Vertragskopie?«

Termöhlen zog den Faxausdruck des Telefonvertrages aus der Jackentasche und zeigte sie dem verunsicherten Mann.

Meyer nahm das Blatt, zog aus der Brusttasche ein silberfarbenes Etui und entnahm ihm eine goldfarbene Metallbrille, die er umständlich und mit allen Anzeichen der Verlegenheit aufsetzte. Mit zusammen gekniffenen Lidern studierte er den Schein, nickte schließlich und sagte geradezu triumphierend: »Meine Unterschrift, ja, das ist der Vertrag.«

»Am 21. 3. 1999 abgeschlossen«, sagte Termöhlen.

»Das war ein Samstag, das weiß ich noch genau, weil wir am Sonntag meinen Geburtstag gefeiert haben.«

Er sah sie fragend an.

»Alles klar«, sagte Reineking, »das wär ´s im Augenblick. Ihre Frau ist wohl jetzt zu Hause?«

Meyer warf einen Blick auf seine Uhr.

»Bestimmt«, sagte er, »morgens geht die nie weg.« Er leckte sich die Lippen. »Können Sie mir denn nicht sagen, was mit dem Handy ist?«

»Machen Sie sich mal keine Sorgen«, sagte Reineking.

Sie verließen die werdende Toilette.

»Auf mich macht er einen glaubwürdigen Eindruck«, sagte Termöhlen leise.

»Todkrank, das arme Schwein, der kommt lebend gar nicht mehr zum Denkmal hoch.«

»Aber das Handy gehört ihm, da gibt es keinen Zweifel.«

»Benutzt aber seine Frau.«

»Nehmen wir sie uns zur Brust?«

Reineking nickte. Er blieb stehen und drehte sich um. Er sah Meyer wie einen Schatten vor dem gleißenden Licht des Türausschnitts. Trotz seiner Fülle wirkte er klein und verloren.

»Herr Meyer«, rief er ihm zu, »wie alt ist eigentlich Ihre Frau?«

»Wie bitte?«

»Wie alt Ihre Frau ist!«

»Siebenundvierzig«, kam es dünn wie von einem gemaßregelten Schüler zurück.

10

Der Raum, in dem die Männer versammelt waren, wurde von einer mit einem blauen Samtvorhang verschlossenen Bühne beherrscht. Schirmlampen, an langen Seilen aufgehängt, schnitten warme Kreise ins Dunkel. Im Gang vor der Bühne, ziemlich genau in der Mitte, erhob sich aus einem auf einem Tisch ruhenden Holzkasten das Modell einer akkurat nachgebauten antiken Stadt. Tempel, Triumphbögen, weite Plätze und wie mit dem Lineal gezogene Prachtstraßen liefen auf den in der Mitte liegenden großen Kuppelbau zu, dessen Portal von zwei unterschiedlichen Säulen eingefasst wurde.

Jakob stand am Kopfende des Tisches und stützte die Hände auf der aus Gips geformten Umfassungsmauer des zentralen Tempels ab. In seinem schmalen, durchscheinenden Gesicht zuckten die Muskeln. Unter den Augen lagen tiefe Schatten. Der Blick war nach innen gekehrt und gab ihm den Anschein, erschöpft und geistig abwesend zu sein. Fahrig hob er die rechte Hand und berührte vorsichtig den scheinbar frisch angelegten Wundverband an seinem Hals. Seine Lippen pressten sich wie in Erinnerung an den Überfall zusammen. Er schüttelte kaum merklich den Kopf. Er betrachtete die beiden Männer, die unter der Wirkung seines Berichts wie versteinert links von ihm auf gepolsterten Stühlen saßen und legte die Hände wie zum Gebet ineinander.

»Ihr Zustand«, kam es wie ein Hauch von seinen Lippen, »war der einer Schlafenden, entsprach in allen Punkten dem Bild der Ankündigung. Sie blühte, wenn ich das so sagen darf. Auf ihrem Gesicht lag der Ausdruck tiefer Zufriedenheit, ja, absoluten Einklangs. Ich habe nicht die Spur eines Zweifels, dass sie angenommen worden ist.«

Sie starrten ihn aus glänzenden Augen an.

»Es waren also trotz der Störung keinerlei Zeichen körperlichen Verfalls zu erkennen?«

»Ich habe sie nicht näher untersucht«, sagte Jakob, ohne den untersetzten Grauhaarigen, der den Einwurf gemacht hatte, anzusehen, »aber was ich sah, lässt keinen anderen Schluss zu.«

»Bleibt die Frage, ob und wie Deskin sich an ihr vergangen hat, und wenn, ob es eine Wirkung haben wird.«

In Jakobs Augen trat ein düsterer Zug.

»Ich sagte es bereits: Sie war unversehrt. Es gab keinerlei Anzeichen einer Berührung oder eines Eingriffs.«

»Was nichts ausschließt, dass der Bann durch die Störung gebrochen wurde, nicht wahr?«

»Leider nein.«

»Mit anderen Worten, auch ein mortaler Ausgang liegt im Bereich des Möglichen?«

»Es hat keinen Sinn, jetzt zu spekulieren«, sagte Jakob zerquält. »Wir müssen das Ergebnis der Herbeirufung abwarten.«

»Was sagt denn das Buch«, fragte der zweite Mann, ein schlanker Fünfziger mit schmalem Gesicht und einer Schmissnarbe auf der linken Wange.

Jakob hob die Schultern.

»Das Buch lässt keinen Platz für Interpretationen. Da heißt es: Die Türflügel des Myrrhenkastens mögen sich dir auftun, die Türflügel des Kühlen sollen dir offenstehen. Eine Anweisung, die eine unversehrte und ungestörte Verwahrung der Botin bis zur Herbeirufung fordert. Die Frage ist natürlich, ob Deskins Handeln die Wirkung einer Störung gehabt hat.«

Den Weißhaarigen hielt es nicht länger auf seinem Stuhl. Er sprang auf. Er beugte sich zu seinem Nachbarn.

»Was sagt der Jurist dazu?«

»Wir sollten nicht zweifeln«, sagte der Notar, »zumal wir erst in zwei Tagen Gewissheit haben werden.«

»Das ist auch meine Meinung, Bruder«, sagte Jakob und berührte die Schulter des Grauhaarigen. »Wir haben zwar ein großes Problem, aber ich verweise insoweit auf unsere Dokumentation, die auch dem Uneinsichtigen keine Wahl der Deutung und unserer Intentionen lässt. Unser Problem ist die augenblickliche Ungewissheit, ist die Frage der Unversehrtheit der Botschafterin und zum anderen der Verursacher der Störung. Ich kann nicht einschätzen, welche Kenntnisse dieser unglückselige Deskin erlangte, noch, ob er sie letztlich über den Versuch, sie der Presse anzudienen, verwendet hat. Die Informationen, die mir vorliegen, weisen darauf hin, dass Deskin die Zusammenhänge nicht begriffen hat. Sein Versuch, sein Wissen als Sensation an die Presse zu verkaufen, ist gescheitert. Er selbst leider unauffindbar.«

»Und wenn die Herbeirufung scheitert?«

Jakob atmete tief ein. Er strich sich über die Stirn.

»Dann«, sagte er, »sind wir gezwungen, es noch zu wiederholen.«

Der Weißhaarige stöhnte. Verzweiflung zeichnete sein Gesicht. Auch der Notar schüttelte den Kopf.

»Wie lange ist denn das Zeitfenster noch offen?«

»Sehr kurz«, sagte Jakob. »Knappe vierzehn Tage.«

»Wir benötigen den sicheren Ort. Und uns fehlt das Medium!«

»Ja, ich weiß«, sagte Jakob, »aber ich bin überzeugt, dass sich die Schwierigkeiten überwinden lassen.«

»Das heißt?«

Jakob schloss die Augen. Er sah das lächelnde Gesicht Magdalenas. Er war sicher, dass sie den Ansprüchen nicht nur genügte, sondern bereit war, die Rolle des Opfers anzunehmen. Er öffnete die Augen.

»Dass wir das Ritual«, sagte er entschlossen, »im Falle des Scheiterns mit einer anderen Kandidatin wiederholen. Eine Alternative haben wir ja wohl nicht …«

11

Wäre ihr herbes, von tiefen Falten durchpflügtes Gesicht nicht gewesen, hätte Helga Meyer mit ihrem Punk-Outfit durchaus als Dreißigjährige durchgehen können. Hektisch hatte sie nach dem Klingeln die Haustür des grauen Siedlungshauses aufgerissen und, schon einen Gruß auf den Lippen, jäh innegehalten und sich vor den beiden sie um Kopfeslänge überragenden Beamten aufgebaut

Unter dem nietenbesetzten schwarzen Jeansjackett trug sie eine rosa Bluse, in deren Ausschnitt an Perlenschnüren und Lederriemen Medaillons und gelochte Schmucksteine schaukelten. Die eng anliegende Glanzlederhose wurde von einem breiten Ledergürtel gehalten, der mit dünnen Ketten und vierkantigen Metallspitzen übersät war. Geerdet wurde sie von wuchtigen, mit Metallkappen bewehrten Bomberstiefeln, deren dicke Senkel mehrmals um die Schäfte drapiert waren.

»Was habe ich denn ausgefressen, dass Sie mich hier vor all den lauernden Nachbarn rausklingeln?«

Ihre in vielen Raucherjahren heiser gewordene Altstimme dröhnte wie ein uralter Lautsprecher, während sich ihr Körper, das Becken obszön bewegend, zuckend nach vorne bog.

»Können wir das drinnen besprechen?«

Helga Meyer musterte Reineking, der sich bemühte, seine aufkeimende Ungeduld zu beherrschen. Sie nickte.

»Ich habe jemand anders erwartet«, sagte sie, »aber kommen Sie ruhig rein. Wir haben nichts zu verbergen.«

Der quadratische Flur, von dem eine gewundene Treppe ins Obergeschoss führte, war mit braunen Platten ausgelegt, auf denen ein graublauer Teppich lag. An den Wänden hingen Blumengondeln und zwei farbenprächtige Drucke nahezu identischer Heidelandschaften, auf denen in Loden gehüllte Schäfer vor untergehender Sonne Schafe weideten.

Auch das Wohnzimmer stand in krassem Widerspruch zur provokanten Staffage der kleinen Person. Es roch geradezu nach Sauberkeit und penibler Ordnung. Die Fernbedienungen von Fernseher und Musikanlage lagen genauso streng ausgerichtet wie die scheinbar eigenhändig gehäkelten Deckchen, die in überreicher Zahl Tisch und Schränke bedeckten.

»Wir haben bereits mit ihrem Mann gesprochen«, sagte Reineking.

»Thema war Ihr Mobiltelefon«, fügte Termöhlen auf ein Nicken Reinekings hinzu.

»Wieso das denn? Die Rechnung wird doch von unserem Konto abgebucht!«

»Es geht nicht um die Bezahlung der Rechnung.«

»Jetzt kapier ich überhaupt nichts mehr!«

»Es geht um die damit geführten Telefonate«, sagte Termöhlen.

»Sind die etwa verboten?«

»Nein«, sagte Reineking, »wir wüssten nur gerne, ob sie das Gerät häufig benutzen.«

»So gut wie nie.«

»Und während der letzten Tage?«

Helga Meyer setzte sich auf die Lehne eines Sessels und verschränkte trotz des qualmenden Zigarillos die Arme vor der knabenhaften Brust.

»Sie fragen so, als wenn ich was verbrochen hätte.«

»Haben Sie?«

»Jezz hören Se aber auf, Männeken!« Sie lachte. Aber es klang gekünstelt. Unsicherheit schwang darin mit.

»Uns interessiert, ob Sie am Sonntagabend Ihr Handy benutzt haben.«

»Das sagte ich doch schon: Nein! War sowieso ´ne Schnapsidee, das Ding überhaupt zu kaufen.«

Reineking zog den kopierten Vertrag aus der Tasche. Er suchte ihren Blick. Die Dame war irritiert, fand er.

»Und wenn ich Ihnen Beweise dafür vorlege, dass mit Ihrem Telefon am Sonntagabend telefoniert worden ist?«

»Dann muss das ein anderer getan haben, ich jedenfalls nicht.«

»Ihr Mann sagte ...«

»Was der schon sagt!«

»... dass Sie das Gerät benutzen.«

»Da hat er ausnahmsweise mal Recht.«

»Wenn er Recht hat, und wenn mit dem Handy telefoniert worden ist, dann können nur Sie es gewesen sein. Richtig?«

»Das stimmt aber nicht!«

»Sie werden zugeben, dass nur eines von beiden stimmen kann.«

»Ich habe aber nicht telefoniert!«

»Frau Meyer, wir ermitteln in einem Todesfall. Zu Ihrem Besten kann ich Ihnen nur raten, uns die Wahrheit zu sagen.«

»Das habe ich.«

»Und das Haus haben Sie an diesem Abend auch nicht verlassen?«

»Ich war hier«, sagte sie spitz, »wo denn sonst? Wir haben gemacht, was wir immer machen, wir haben in die Glotze geguckt. Das ist ja das einzige, was der Kerl noch auf die Beine bringt.«

»Und dann?«

»Weiß ich nicht, irgendwas, ich habe noch ein Weinchen getrunken.«

»Aber telefoniert haben Sie?«

»Nee«, bellte Frau Meyer.

»Ganz sicher?«

»Was heißt ganz sicher, was heißt das schon?« Ihre Hände vollführten einen derart hektischen Tanz, als wollte sie aus der rauchschwangeren Luft die Wahrheit herausfiltern. »Ich habe nicht telefoniert, und ganz weggetreten, dass ich das nicht mit krieg, bin ich ja noch nicht.«

Die Türglocke schrillte.

»Könnten wir uns das Handy mal ansehen?«

»Kann ich erst mal aufmachen?«

Helga Meyer stieß sich von der Sessellehne ab, ging auf die Wohnzimmertür zu und verschwand im Flur. Eine helle Männerstimme: »Hi, Schnepfe, bin anne Tanke hängen geblieben. Die reine Hölle. - Wat is?«

Reineking sprang auf und lief zur Tür. Er sah Helga Meyers schmalen Rücken, eine feuerrote Teufelsfratze auf der Hinterseite ihres Jeansjacketts und das schmale, von braungelben Augen beherrschte erschrockene Gesicht eines jungen Mannes.

»Die Polizei«, zischelte Frau Meyer.

Reineking spürte Termöhlen hinter sich, sah Helga Meyer, von einem Stoß des jungen Mannes getrieben, auf sich zu fliegen. Frau Meyer klammerte sich an Reinekings Jacke. Termöhlen, der sich vorbei zwängen wollte, prallte gegen ihn, brachte ihn zum Schwanken. Reineking stützte sich an der Wand ab, riss eines der Heidebilder herunter. Helga Meyer kreischte. Sie glitt aus, fiel auf die Knie und krallte ihre rechte Hand erneut reflexartig in Reinekings Jacke und brachte ihn zu Fall.

Reineking stieß sie von sich, sah, wie sie auf die Wohnzimmertür zu taumelte und folgte seinem zu Tür laufenden Kollegen. Termöhlen prallte gegen das geschlossene Vorgartentor und hatte Mühe, sich zu fangen. Von dem jungen Mann war nichts zu sehen.

»Wo ist er?«

Termöhlen atmete schwer, sein Gesicht zeigte hektische Röte, die Brille war verrutscht.

»Weg ist er«, sagte er, »und wenn ich mich nicht irre, hat die Dame bei dem schnellen Abschied ganz schön geholfen!«

»Es hat keinen Sinn, ihm nachzulaufen«, sagte er, »der hat die jüngeren Beine. Und wir wissen noch nicht mal, was wir ihm vorwerfen können.«

Reineking drehte sich um. Frau Meyer lächelte schief. Termöhlen war wütend und verbarg es nicht.

»Sie haben uns behindert, Sie werden uns Einiges erklären müssen!«

»Der hat mich geschubst, hat der mich! Ich konnte doch nix dafür, dass ich gegen Sie flog. Was hätte ich denn machen sollen?«

Termöhlen schnaufte. Reineking winkte zum zweiten Mal ab.

»Wer war das?«

»Wer das war?«

»Ja«, sagte Reineking, »und vielleicht wissen Sie auch, warum er weggelaufen ist. Dass er das ist, daran besteht ja wohl kein Zweifel?«

Helga Meyer schüttelte den Kopf. »Der hatte ´n Rappel, ist doch klar.«

»Der, der, der, ich höre immer nur der!«, fuhr Reineking sie an. »Einen Namen hat er doch wohl auch!«

»Das ist der Dieter«, sagte sie. »Der besucht mich dann und wann. Dieter Rose.«

»Welchen Autotyp fährt er?«

»Astra. Rot«

»Das Kennzeichen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Soll ich nachsehen?«, fragte Termöhlen.

»Das bringt uns jetzt nicht weiter«, gab Reineking zurück. »Vor dem Haus stand der Wagen nicht. Aber Frau Meyer kann uns sicherlich weiterhelfen.«

Sie ging hinein. Die Polizisten folgten ihr. Frau Meyer hob das herunter gerissene Landschaftsbild vom Flur auf. Im Wohnzimmer warf sie sich in einen der Sessel.

Termöhlen postierte sich an der Tür, als erwartete er einen Fluchtversuch. Reineking lehnte abwartend neben dem Fenster und zählte von Zehn nach unten, sehr wohl wissend, dass der verstörten Dame keine Zeit zum Erfinden einer neuen Wahrheit bieten durfte. Als er bei null angekommen war, zog er Zigaretten hervor.

»Der Dieter ist das also«, sagte er bestimmt, »wo wohnt er, was macht er?«

»Der hat keine Arbeit.«

»Aber eine Adresse.«

»Kenne ich aber nicht!«

Reineking entnahm der Packung eine Zigarette, entzündete sie, sog den Rauch ein und blies ihn durch die Nasenlöcher wieder aus.

»Kann ja sein««, sagte er sanft. »Kann aber auch sein, dass unser Eindruck zutrifft, von Ihnen an der Nase herum geführt zu werden.«

Sie hob den Kopf, sah nicht ihn, sondern Termöhlen an.

»Aber seien Sie sicher: wir werden ihn finden. Wir finden auch heraus, aus welchen Gründen er davongelaufen ist. Wenn es die sind, die wir annehmen müssen, haben Sie ganz, ganz schlechte Karten. Beihilfe zum Mord, Frau Meyer.«

»Wir müssen Sie dem Untersuchungsrichter vorführen«, fügte Termöhlen weniger sanft hinzu. »Der entscheidet, ob Sie in Haft genommen werden. Ich tippe auf ein glattes Ja.«

Sie schwieg, betrachtete ihre dünnen Hände, die Finger, die einander wie Spinnenbeine betasteten, schüttelte heftig den Kopf und wandte sich an Reineking.

»Was habe ich denn gemacht? Wofür kann ich denn eingesperrt werden? Weil einer weggelaufen ist?«

»Es kommt auf das Motiv des Weglaufens an«, sagte Termöhlen bissig.

Reineking hatte war sich nicht ganz sicher, ob diese Frau tatsächlich so naiv war, wie sie zu sein vorgab. Ihr provozierendes Aussehen diente ihr sicherlich nicht nur als Verkleidung, es war möglicherweise Ausdruck ihrer Furcht, das, was sie als »Leben« definierte, zu verpassen, war ihr Schlüssel, dem tristen Dasein an der Seite eines schwer kranken Ehemannes zu entfliehen. Aber vielleicht auch eine bestimmte, gewollte Art des Selbstbetrugs, ein Sturz in die Welt, die von dem geflüchteten jungen Mann in aller Selbstverständlichkeit repräsentiert wurde. Hatte sie, die von Alter und Herkunft ganz sicherlich nicht Prädestinierte, für ihre Zugehörigkeit zu der Gruppe dieser jungen Leute einen Preis zahlen müssen?

»Sie scheinen nicht zu begreifen, was uns hergeführt hat, Frau Meyer«, sagte er. »Wir ermitteln im Umfeld eines Tötungsdelikts, in dem Ihr Handy eine Rolle spielt. Wir wissen, dass damit am Sonntag um 23 Uhr 57 vom Kaiser-Wilhelm-Denkmal gesprochen wurde. Warum haben Sie Rose gewarnt?«

Ihre Brust hob und senkte sich wie nach schwerer Anstrengung. Sie kam Reineking wie eine Frau vor, die ihr Leben lang einer Illusion nach der anderen hinterhergerannt war und soeben die letzte entsetzt zerplatzen sah.

»Hab nur gesagt, dass Polizei da ist«, sagte sie. »Mit Tötung habe ich nix zu tun. Bin nur `ne doofe Hausfrau mit nix sonst als ´nem kranken Knacker im Haus, der grad mal noch kriechen kann. Und was den Dieter angeht, den fragen Sie mal selbst, warum er abgehauen ist. Ich habe mein Leben lang nur gekocht und geputzt und mich geschunden und abgerackert, und mir ist es egal, ob mit diesem Quatschkasten telefoniert wurde oder nicht. Und wenn Sie mich jetzt mitnehmen wollen, dann nehmen Sie mich mit. Wir kleinen Affen können uns ja nich gegen die Staatsmacht wehren, das können wir nicht, da sind wir ja zu klein für.«

Sie hielt ihm die mageren Arme entgegen.

Reineking ging bis an den Tisch und schnippte die Asche seiner Zigarette in den Becher. Er senkte den Kopf, um zu verhindern, dass Termöhlen sein Gesicht sah. Es war einer der Augenblicke, da er verfluchte, eine Tätigkeit auszuüben, die ihn auch zwang, Menschen wie zu stellendes Wild zu behandeln.

»Wir sind nicht die Staatsmacht, die Sie meinen«, sagte er leise, »wir sind jene, die es Ihnen ermöglicht, in Sicherheit zu leben.«

Sie zuckte die Achseln.

»Und wir waren so weit«, fügte er hinzu, »dass Sie uns Ihr Handy zeigen wollten.«

Sie erhob sich wortlos, ging auf Termöhlen zu, der - sein Gesicht zeigte jene verständnislose Ausdruckslosigkeit, die Bände sprach -, den Eingang freigab und ihr, als sie im Flur und nach oben verschwand, kopfschüttelnd nachblickte.

»Wenn du mich fragst, werden wir hier ganz schön auf die Schippe genommen. Die hat es faustdick hinter den Ohren.«

»Was können wir denn beweisen? Ihre Stimme war es jedenfalls nicht.«

»Mag ja sein ... Was willst du mit dem Kerl machen?«

»Erstens müssen wir ihn haben und zweitens ist Weglaufen kein Delikt.«

»Der läuft ja nicht aus Spaß an der Freude. Der hat was gedreht und macht die Mücke, weil er glaubte, wir seien hinter ihm her. Und die da«, er zeigte mit dem Daumen hinter sich, »sie hat ihn gewarnt. Also stecken sie unter einer Decke. Hast du seine Augen gesehen?«

»Was ist damit?«

»Richtig gelbe Wolfslichter, gnadenlos.«

»Mensch, Hennes!«

»Oft stimmt das, glaub mir, oft passen die Äußerlichkeiten zu dem Zeug, das einer in sich hat. Ich sag ja nicht, dass es immer so sein muss, ich sag, dass es manchmal hinkommt.«

»Ein Wolf im Punkoutfit, was?«

Reineking lachte leise. Termöhlen rieb sich das Kinn.

»Ach Scheiße«, sagte er, »ich labere schon wie nach der Pension. Am Ende hat der Vennebeck recht und der Kerl ist vom Gerüst gefallen.«

Die Treppe knarrte. Sekunden später betrat Helga Meyer das Wohnzimmer. In den Händen hielt sie eine Packung, jene, in der offensichtlich einmal das Telefon nebst einigem Zubehör geliefert worden war.

»Ganz komisch«, sagte sie, »der Karton war da, das Handy nicht. Ich bin ganz sicher, dass es oben im Nachtschränkchen lag, in dem Kasten auf meiner Seite.«

Sie wirkte aufrichtig bestürzt. Reineking war sich nicht sicher, ob er ihr die Geschichte abkaufen sollte. Ehejahrzehnte brachten oft mehr als Schauspielerausbildung. Kam auf die Ehe an.

»Tja, das ist bedauerlich«, sagte er. »Hat hier außer Ihnen und Ihrem Mann jemand anders Zutritt?«

»Manchmal sind meine Tochter und ihr Mann da, aber ... Nee, die rühren so was nicht an, die nicht.«

»Und Rose?«

Sie lachte auf. »Den kenne ich ja gar nicht so richtig, oder meinen Sie, ich lass jeden in unser Schlafzimmer?«

»Sie sind es, die eine Wegnahme ohne Ihre Erlaubnis unterstellen!«

»Ja, wie soll das sonst verschwunden sein?«

»Das ist die Frage«, sagte Reineking. »Ich hoffe sehr, dass Sie uns helfen, sie zu beantworten.«

»Wie denn, wenn ich selbst keine Ahnung habe?«

Reineking suchte ihren Blick. Sie hielt ihm stand.

»Na gut«, sagte er. »Ich schlage Ihnen vor, sich die Geschichte noch einmal zu überlegen. Auch mit der Gewissheit, dass wir die Wahrheit herausfinden werden.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es wirklich nicht«, sagte sie. Und es klang nach der lauteren Wahrheit.

12

Der Mann im Türrahmen war etwa dreißig Jahre alt, groß und schlank. Er trug einen vorzüglich geschnittenen Anzug, der, schätzte Grotejohann, sicherlich nicht von der Stange war, ein schneeweißes Hemd, eine bordeauxrote Krawatte, schwarze Schuhe und über der linken Schulter an einem Riemen eine schmale Dokumententasche. Sein fein geschnittenes Gesicht wurde beherrscht von großen, dunkelbraunen Augen, deren unbekümmerte Eindringlichkeit durch die blitzenden Gläser einer randlosen Brille verstärkt wurde

»Bartholomee ist mein Name«, sagte er mit sanfter, redegewohnter Stimme. »Ich hätte gerne Frau Hermesmeyer gesprochen.«

Deutschlandfunkstimme, und dort das Feuilleton, dachte Grotejohann. Er ließ das Nachrichtenmagazin auf den Schoß sinken, in dem er über die bevorstehende Landtagswahl gelesen hatte, die bequem ruhenden Beine trotz eines gegenteiligen Impulses auf dem Schreibtisch. Eher Lexikon als Staubsauger, schätzte er.

»Da haben Sie aber Pech«, sagte er nicht ohne Genugtuung. »Ich glaub nicht, dass sie Ihnen was abkauft.«

Bartholomee lachte jungenhaft.

»Ich will weder Ihnen noch Ihrer Sekretärin etwas verkaufen.«

Grotejohann nahm die Beine vom Tisch.

»Aber wollen tun Sie was, oder?«

»Ihre Hilfe. Ich nehme an, Sie sind Herr Grotejohann und der Inhaber dieser Agentur?«

Er blickte den Journalisten fragend an, klopfte, als keine Reaktion kam, mit dem rechten, gebogenen Zeigefinger symbolisch gegen die Türzarge und betrat das Büro.

»Darf ich?«

»Wenn Sie Ihr Versprechen halten.«

»Lediglich ein kurzes Gespräch«, sagte der Bartholomee, »und nur, wenn Ihre Zeit es erlaubt.«

Grotejohann erhob sich, stellte fest, dass sein Besucher ihn um einige Zentimeter überragte, deutete auf die am Fenster stehende Sitzgruppe und griff nach seiner auf dem Schreibtisch liegenden Zigarettenpackung.

»Mögen Sie?«

»Glücklicherweise nicht mehr«, sagte Bartholomee und ließ sich in einen der zerschlissenen Ledersessel fallen. »Aber vielen Dank. Auch dafür«, fügte er ironisch hinzu, »dass Sie mich so liebenswürdig empfangen.«

»Beim zweiten Besuch gibt´s Küsschen.«, sagte Grotejohann. Er zündete sich eine Zigarette an.

Bartholomee legte die Hände ineinander. Er suchte Grotejohanns Blick, schien herausfinden zu wollen, wer sich tatsächlich hinter der recht zotteligen Fassade dieses Mannes verbarg.

»Ich bin Mitarbeiter der katholischen Kirche und als solcher für die Bearbeitung bestimmter Problembereiche zuständig. Ich diene, wenn Sie so wollen, als Ermittler in strittigen Personalfragen.«

»Sie haben also die Aktienmehrheit an meinem Unternehmen erworben und wollen mir schonend meinen Rausschmiss beibringen?«

»Mich führen freundliche Absichten.«

»Sie machen mich neugierig.«

»Wir sind es, Herr Grotejohann. Seit heute Mittag, seitdem wir über den Besuch Ihrer Sekretärin im Mindener Vikariat informiert wurden.«

Leuchtgesicht, dachte Grotejohann.

»Und jetzt wollen jetzt das von ihr entwendete Altargold zurück?«

»Frau Hermesmeyer erbat Auskünfte über einen unserer Mitarbeiter. Einen ehemaligen, um präziser zu sein, den wir leider aus mehreren Gründen als Problemfall betrachten müssen.«

»Sie suchen also einen Behindertenjob?«

»Nein, wir sind lediglich erstaunt, dass Ihre Sekretärin sich nach unserem Problemfall erkundigte.«

»Wir sind eine feine, wenn auch kleine Nachrichtenagentur, Pater.«

»Gewiss.« Bartholomee nickte und lächelte. »Was uns neugierig macht, ist, wieso Sie in dieser - sagen Sie in Ihrem Metier Zielperson? - eine Geschichte vermuten.«

»Wieso alarmiert Sie das?«

»Ihr Eindruck, wir könnten alarmiert sein, ist falsch. Ganz im Gegenteil, wir sind erfreut über Ihr Interesse, zeigt es uns doch, dass unsere Hoffnung, diese Person zu finden, nicht unbegründet ist.«

»Ich verstehe«, sagte Grotejohann, »aber leider nicht alles. Ich frage mich, ob wir von der gleichen Person sprechen.«

»Daran habe ich keinen Zweifel.«

Grotejohann zerdrückte die eben erst angerauchte Zigarette, spürte jene besondere Art von Kribbeln in der Bauchgegend, die ihn immer dann stimulierte, wenn er einer guten Geschichte auf der Spur war.

»Über wen sprechen wir also?«

»Sie kennen den Namen.«

»Pater Jakob?«

»Ehemals Pater Jakob.«

»Wieso ehemals?«

»Er ist aus dem Dienst der Heiligen Kirche entlassen.«

»Exkommuniziert, davongejagt?«

Bartholomee schüttelte sanft den Kopf. »Das erste ja, das zweite nein.«

»Jedenfalls ist Ihnen seine Postleitzahl abhanden gekommen. Und die brauchen Sie. Weil Sie was von ihm wollen.« Grotejohann hob die rechte Hand und drohte mit dem ausgestreckten Zeigefinger. »Tragen Sie vielleicht so ´n schräges Abzeichen unterm Revers? Geheimdienst seiner Heiligkeit?«

Bartholomee lächelte unbeeindruckt.

»Nein, ich trage kein Abzeichen. Sie können sich gerne überzeugen.« Er legte die Daumen hinter die Aufschläge und schob sie nach vorne.

»Schon gut«, sagte Grotejohann. »Ich habe ein schlichtes Gemüt und obendrein eine schlechte Auffassungsgabe. Fahren Sie nur fort.«

»Gerne«, sagte Bartholomee. »Die Stelle, der ich zugeordnet bin und die, wie ich bereits erklärte, sich dieser strittigen Fragen anzunehmen hat, ist etwas ganz Normales, ein Amt, das sich zum Beispiel um den Verbleib von Menschen wie Pater Jakob zu kümmern hat. Und um den wir«, fügte er betont hinzu, »aus triftigen Gründen besorgt sind. Und weil wir besorgt sind, verfolgen wir jede sich anbietende Spur.«

»Warum schalten Sie nicht die Polizei ein?«

»Pater Jakob hat sich keines Delikts schuldig gemacht.«

»Warum ist er rausgeschmissen worden?«

»Ich bin nicht befugt, darüber Auskunft zu geben.«

»Womit Sie der Fantasie reichlich Futter geben.«

Bartholomee schüttelte den Kopf.

»Es ist eine simple Angelegenheit, Herr Grotejohann, der Fall eines tiefgläubigen Menschen, dessen Geist aus Gründen, die weder Sie noch wir ergründen können, irgendwann einen Knacks erfährt. Pater Jakob, nennen wir ihn getrost weiter so, ist leider Gottes geistig verwirrt und neigt in seiner Verwirrung zu unkontrolliertem Handeln. Wir sehen uns in der Verantwortung und möchten Nachteiliges für ihn verhindern. Das ist der Sachverhalt.«

»Und jetzt wollen Sie, dass ich ihn Ihnen schön eingepackt vor die Füße stelle?«

»Sie wissen also, wo er zu finden ist?«

Grotejohann zündete sich eine frische Zigarette an. Es war dieses Flimmern in den Augen des anderen, das ihm das Gefühl gab, an den falschen Baum geführt worden zu sein.

»Tut mir leid«, sagte er, »ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen.«

»Das ist sehr bedauerlich«, sagte Bartholomee und fügte, den Journalisten fixierend, rasch hinzu: »Warum interessieren Sie sich eigentlich für den Pater?«

Grotejohann hob die Schultern.

»Wir machen eine Geschichte über Jugendarbeit, und da ist er uns als kompetent geschildert worden«, verdrehte er leichthin seine Motive.

»Überzeugen muss mich das nicht, oder?«

»Sie sind der Fachmann für Glaubensfragen.«

»Pater Jakob hat nur am Rande mit Jugendlichen zu tun gehabt.«

»Uns sagte man, er wäre mit dem Thema auf du und du.«

»Und das ist alles, was Sie interessierte?«

»Sie ahnen nicht, wie wichtig gute Beratung ist.«

»Ich weiß es. Aber wie kann er Sie beraten, wenn Sie nicht wissen, wo er zu finden ist?«

»Er sollte für uns tätig werden. Über das Vikariat haben wir - wie Sie bei uns - seine Adresse herauszufinden versucht.«

»Vergeblich.«

»Leider vergeblich«, bestätigte Grotejohann. Seine Mundwinkel zuckten.

»Haben Sie Ersatz für diese... Beratung gefunden?«

»Wir bemühen uns.«

Bartholomee stand abrupt auf. »Und derartige Themen lassen sich in Wahlkampfzeiten verkaufen?«

»Jugend und Geistlichkeit«, sagte Grotejohann, sich ebenfalls erhebend, »gehen seit den Dornenvögeln wie ofenwarme Semmeln.«

»Ganz ohne Sensation?«

»Es kommt darauf an, welche der vielen Abnehmer Sie bedienen. Da gibt es Redaktionen, die setzen auf Bewährtes und Erbauliches, da gibt es andere, die hören erst dann zu gähnen auf, wenn Sie ihnen Sex and Crime möglichst aus der feinen Gesellschaft dazu liefern. Oder aus Ihren Kreisen, selbstverständlich.«

»Wo Menschen sind, ist Menschliches, Herr Grotejohann. Auch in der Kirche. Im Übrigen sprechen wir von einem bedauernswerten Menschen, von einem Schicksal, das nicht auf den Markt gehört. Ich hoffe, Sie nehmen bei diesem Geschäft keinen Schaden an Ihrer Seele.«

»Ihre Hoffnung ist die meine.«

»Das freut mich«, sagte Bartholomee, griff in die Brusttasche und reichte dem Journalisten eine Karte. In einem Tonfall, der nicht frei von Ironie war, fügte er hinzu: »Falls Sie zu einer anderen Einschätzung Ihrer Informationen kommen, würde ich mich über Ihren Anruf freuen. Ich bin sicher, dass wir einen Weg finden könnten, etwaige Honorarausfälle zu kompensieren.«

Er reichte dem Journalisten die Hand und ging so geräuschlos wie er gekommen war.

Grotejohann blickte auf die schlichte Visitenkarte. Bartholomee, las er, und rechts unten nichts weiter als eine Handynummer. Er setzte sich an den Schreibtisch, ließ sich das Gespräch eine Weile durch den Kopf gehen und rief seine Sekretärin an. Sie meldete sich trotz des frühen Abends mit verschlafener Stimme.

»Hör zu, Mädchen«, sagte er, »wer auch immer sich an dich wendet oder dich befragt, über unsere Leuchtgesichtgeschichte gibst du keinerlei Auskunft. Nicht einen Fetzen davon!«

»Klingt, als wenn einer mit ´nem Revolver vor dir steht.«

»Tut er nicht, Liebes, wir hatten nur Besuch vom Geheimdienst seiner Heiligkeit, aufgeschreckt durch deine Recherche im Mindener Vikariat. Brennpunkt ist unser davongelaufener Mönch.«

»Wie das, wenn er um die Ecke wohnt?«

»Das beste Versteck für Gestohlenes ist das Polizeipräsidium, mein Tigerkätzchen.«

»Warum fragen wir nicht unseren Ex-Pater?«

»Warum sollte er antworten, wenn er gesucht wird?«

»Der Polizei müsste eine Vermisstenmeldung vorliegen, oder?«

»Die Polizei haben sie nicht eingeschaltet. Sagte mein Besucher. Wollen die Geschichte auf kollegialer Basis lösen. Was wird da verborgen? Dass Leuchtgesicht einen an der Waffel hat? Das Leiden teilt er mit ´nem Haufen anderer, ohne dass der Geheimdienst der Unfehlbarkeit eingeschaltet wird. Wie siehst du das, Engelchen?«

»Na ja...«

»Na ja, ja oder na ja, nein?«

»Ich gebe keine Ferndiagnosen.«

»Trotzdem müssen wir uns um die Geschichte kümmern.«

»Auch wenn du auf mir rumtrampelst, jetzt kriegst du mich nicht mehr aus dem Bett. Ich habe mir einen gehörigen Teil der letzten Nacht und auch den frühen Morgen um die Ohren geschlagen, und einen Haufen Überstunden bist du mir auch noch schuldig.«

»Ich liebe dich«, sagte Grotejohann, den Zigarettenrest ausdrückend. »Und du hast vollkommen recht. Wir begucken uns den Entlaufenen ein bisschen später. Ist dir dreiundzwanzig Uhr recht?«

»Kann das nicht bis morgen warten?«

»Solche Sachen werden ganz schnell kalt.«

»Na gut. Klingel durch, wenn es denn unbedingt sein muss.«

»Schlaf gut, Süßes. Vielleicht komme ich auf ein kurzes Wecken vorbei.«

»Unterstehe dich!«

»Nur, wenn er einknickt, unser gemeinsamer Freund.«

Er legte lachend auf.

13

Irgendwann, hatte Reineking im Laufe seiner Dienstzeit gelernt, gerät man mit seinen Ermittlungen an eine Wand. In den meisten Fällen erweist sie sich dann doch als durchlässig, in einigen jedoch bleibt es dunkel. Man hatte zur tatsächlichen eine weitere Leiche produziert. Eine aus Papier. Die kam in das Fach, in dem die Altlasten aufbewahrt wurden. Vielleicht für alle Zeiten, vielleicht - wenn der Zufall oder das Geschick es so wollten - für eine begrenzte Zeit. Die liegen blieben, gingen einem richtig an die Nieren, weil man jedes Mal, wenn man einen Blick darauf warf, daran denken musste, dass da irgendwo ein Typ herumlief, der wieder zuschlagen und ein weiteres Menschenleben auslöschen konnte.

Der gegenwärtige Fall, er nannte ihn für sich »die Kerze«, schien sich ebenfalls festzulaufen. Reinekings Hoffnung, über das so wunderbar einfach zugeordnete Handy endlich Klarheit über den Tathergang finden zu können, war in getrogen worden. Das simple Achselzucken einer etwas späten Punk Dame hatte die gewitterte Luft ganz unspektakulär entweichen lassen. Die sofort eingeleitete Nachfrage beim Einwohnermeldeamt war negativ verlaufen. Im Bereich Minden-Lübbecke hatte sich kein Dieter Rose jenes Alters aus den Daten herausfiltern lassen. Und ob die weitergeleitete Nachfrage an die zentrale Täterdatei Erfolge brachte, ließ sich wohl erst nach einigen Tagen beurteilen, wenn die entsprechenden Ergebnisse übermittelt waren. Blieb die Frage, inwieweit Frau Meyer der Wahrheit die Teufelsfratze ihres Jeansrücken zugekehrt hatte.

»Die ist kein durchgeknalltes spätes Mädchen«, hatte Termöhlen vermutet. »Die ist im Krieg. Deswegen die Bemalung, deshalb die schrägen Klamotten. Dahinter versteckt sie das, was sie wirklich ist.«

»Sie zitterte. Entweder vor Wut oder ...«

»Vor wem soll sie denn zittern? Wenn da einer zittert, ist es ihr Kerl. Und zwar vor ihr. Hast du eigentlich mitgekriegt, wie der sich die ganze Zeit geduckt hat? Das lernst du nicht von gestern auf heute, da stecken die ganzen letzten Jahrzehnte dieser Ehe drin. Wenn du mich fragst, sollten wir ihn uns noch mal vornehmen. Könnte sein, dass er uns was über diesen Zatopek sagen kann.«

»Und über seine Frau.«

»Das Handy. Dass das plötzlich verschwunden ist ... Das stinkt. Nicht, dass wir plötzlich beim Satanismus landen.«

»Sein kann alles.«

»Ja. Und was machen wir mit dem Meyer? Fahren wir hin?«

»Häng du dich da rein, Hennes, nachdem du mich im Präsidium abgesetzt hast.«

»Du meinst, wenn er sich einem ebenfalls Abgewrackten gegenübersieht, wird er gesprächiger, was?«

»Mach dich nicht hinfälliger als du bist.«

»Na ja ...« sagte Termöhlen und rückte die zum Fahren notwendige Brille zurecht.

Reineking hatte mit Wehner telefoniert und ihn gebeten, die Vermisstenstelle nach abgängigen Personen zu befragen.

»Ich bin auf dem Weg zum Denkmal«, hatte Wehner gesagt. »Ich will die restlichen Anwohner und besonders das Personal der Restaurants befragen.«

»Gibt es da mehrere?«

»Weiter hinten noch eines, auf dem Höhenrücken, die Wittekindsburg. Ist zwar ein bisschen weit weg, aber die Angestellten müssen über die Denkmalzufahrt. Kann ja sein, dass was beobachtet wurde.«

Die Luft stand, die jähe Hitze pappte die Kleider wie Kleber an die Haut. Oben im Flur warteten Vernehmungen auf ihn, zwei von dreiundzwanzig bereits vernommenen Schülern der Klasse des im Sickerschacht tot aufgefundenen Vierzehnjährigen, die mit ihren Aussagen zwar bei der Erstellung eines Persönlichkeitsbildes geholfen, aber nicht eine einzige verwertbare Spur aufgezeigt hatten. Er bat sie, einen Augenblick zu warten, ging in sein Büro und telefonierte mit den Kollegen von Zimmer 215, um ihnen die Vernehmungen anzudienen.

Er hatte Pech. Beide Kollegen waren außerhalb des Hauses im Einsatz und hatten auch die aus dem Streifendienst übernommene Kriminaldienstanwärterin mitgenommen. Die Gedanken noch immer bei dem aktuellen Fall, nahm er sich die Jungen nacheinander ohne nennenswertes Ergebnis vor. Die auf Band mitgeschnittenen Aussagen gab er ins Sekretariat, erhielt die bei seinem Eintritt fertig gestellte Spurenakte des aktuellen Falles und besorgte sich einen Kaffee, ehe er in sein Büro zurückkehrte.

Was die Kollegen bei der Suchaktion zusammengetragen hatten, war im Augenblick nichts weiter als ein Haufen Abfall, der sich in keinen direkten Bezug zur wie auch immer erfolgten Tat setzen ließ. Getränkedosen, mehrere zerweichte Portemonnaies, einen Benzinkanister und unzählige Socken, Unterwäsche und Schuhe bildeten eine unendlich lange, korrekt durchnummerierte Liste mit den jeweiligen Querverweisen zum Fundort. Eine zwar beeindruckende und notwendige Buchhalterarbeit, die Termöhlen und Wehner noch in der Nacht geleistet hatten. Was und ob sie überhaupt etwas bringen würde, stand jedoch in den Sternen.

Er blätterte lustlos weiter, stieß auf die Namen und Adressen der am Denkmal beschäftigten Arbeiter. Er überlegte, ob er Wehner, der sowieso in der Nähe des Denkmals beschäftigt war, mit deren Vernehmung vor Ort beauftragen sollte, ließ den schon erhobenen Hörer jedoch wieder fallen und nahm sich vor, die Sache selbst zu bearbeiten.

Er trank den nur noch lauwarmen Kaffee, lehnte sich zurück und blickte an die Decke, entdeckte den dunklen Flecken, erinnerte sich jener Nacht vor fünf Jahren, als eine Stechmücke ihn sirrend umkreist und mehrmals gestochen hatte, bis er sie wutentbrannt mit einem Exemplar des Mindener Tageblatts gejagt und schließlich mit einem Klatschen zur Strecke gebracht hatte. Man sollte den schon durchgetrockneten Kadaver endlich entfernen, dachte er, und wieder einmal vergaß er ihn im nächsten Augenblick, abgelenkt von einem kurzen Klopfen an der Tür, die gleich darauf aufgestoßen wurde.

»Grüß dich«, sagte Papenburg, ein mittelgroßer Mann von gut vierzig Jahren, der im Nebenzimmer zusammen mit einem Brandermittler saß, jedoch für Sexualdelikte tätig war. »Ich habe zwei Sachen für dich.« Er legte eine kleine Plastiktüte auf den Tisch. »Erstens dieses Abzeichen aus der Brandasche. Eigentlich soll ich es deinem Kollegen ohne Kommentar mit Grüßen aus der Technik geben, zweitens eine Zusammenstellung aller Anzeigen abgängiger Personen. Mit eingeschlossen sind die aus der Inspektion Lübbecke und aus meiner Datei. Alles noch unsortiert, weil weder die Kollegen noch ich bis vor vorhin wussten, dass Ihr ausschließlich männliche Merkmale vorgegeben habt.«

»Was ist mit der Tüte?«

»Ihr habt das zum Bearbeiten runter gegeben.«

Reineking öffnete die Plastiktüte und ließ das Abzeichen in seine linke Hand fallen. Er nickte, als er vor zwei goldenen Säulen den silbernen Speer und darauf wiederum einen goldfarbenen bärtigen Kopf erkannte, dessen Antlitz christusartige Züge aufwies. Eine feine, offensichtlich alte und wohl auch kostbare Arbeit. In eine Haarlocke versteckt war ein winziger Ring eingearbeitet, der zur Aufnahme einer Kette oder eines Kettengliedes dienen mochte. Die Säulen waren unterschiedlich geformt.

»Tolles Stück«, sagte Papenburg.

»Lag in der Brandasche«, sagte Reineking. Er drehte das Abzeichen. Auf dem polierten Rücken, der weniger genau gearbeitet war, war im oberen Drittel ein gleichschenkliges Kreuz und darunter sechs Zeilen eingraviert oder mit einem Stempel eingepresst. Er bemühte sich vergeblich, sie mit bloßem Auge zu lesen. Kreuz und Schrift wirkten wie von langem Gebrauch abgenutzt.

»Irgendwo habe ich eine Lupe«, sagte Reineking.

»Im Spurenkoffer.«

Reineking fand eine im untersten Fach des Schreibtisches, die den Vorzug einer Beleuchtung hatte. Er hielt sie über das Medaillon. Die Schrift auf der Rückseite trat deutlicher zum Vorschein.

»Si tatlia jungere possis sit tibi scire posse«, las er. Er sah Papenburg fragend an.

Der schüttelte den Kopf. »Ich weiß von so ziemlich allen Perversionen, aber das, das sagt mit nichts. Latein, was?«

»Latein«, bestätigte Reineking. »Possis ist Verstehen, wenn ich mich recht erinnere... wenn du verstehst... verstehst du... klar, wenn man versteht, versteht man... Hast du Ahnung, wer das aus dem Laden richtig kann?«

»Wehner«, sagte Papenburg.

»Ach ja, unser Kulturgenie.«

Reineking schrieb den Satz auf, malte auch das gleichschenkelige Kreuz darunter.

»Sieht aus wie das Balkenkreuz«.

»Eher wie auf den Malteserflaschen«, sagte Reineking.

Das Telefon klingelte.

»Okay, ich hab zu tun. Wir sehen uns«, sagte Papenburg und verließ das Zimmer. Reineking nahm den Hörer ab.

»Du wirst es nicht glauben«, sagte Termöhlen mit allen Anzeichen der Häme, »unsere Punk Lady hat uns ganz schön gelinkt. Der Kerl mit den heißen Sohlen gibt ihr das, was Herr Meyer nur noch seinen Fliesen antut. Und wenn ich das richtig verstanden habe, ist das ein bezahltes Abenteuer. - Was sagst du jetzt?«

»Kennt er diesen Dieter Rose?«

»Kennen? Wenn er könnte, würde er ihn umbringen!«

»Sagt er?«

»Nee, aber er kocht, kocht schon seit Jahren, seitdem er dulden muss, dass sie ihm das antut.«

»So was muss man nicht dulden.«

»Versetz dich mal in seine Lage...«

»Ungern.«

»Die reine Perversion«, sagte Termöhlen. »Die treiben ‚s im Ehebett, während das arme Schwein sich unten »Wetten, dass…« ansehen muss.«

»Was erzählt er über unseren Flitzer?«

»So viel, dass wir ihn kassieren können.«

»Wann bis du hier?«

»Gleich«, sagte Termöhlen, »ich bin schon auf dem Königswall.«

»Sehr schön«, sagte Reineking. »Sammle mich unten auf.«

Termöhlen war nicht wieder zu erkennen: Seine Augen blitzten, die ansonsten bleichen Wangen glühten, die Gestik wäre auch einem Südländer hektisch erschienen. Es war, als hätte er ein Bad im Jungbrunnen genommen, und seine Stimme hatte den stolzen Klang eines danksagenden Preisgewinners.

»Otto machte erst Anstalten«, erzählte er. »Ich nix wissen und so, aber dann habe ich ihn an der Stelle gepackt, wo ´s um die Ehre geht. Plötzlich knickte er ein, ich dachte schon, jetzt geht das große Geheule los, aber da kam kein Geflenne, da kam das Elend eines ganzen Lebens: Maloche und Suff und eine Frau, die gerne zugegriffen hat, wenn da einer mit dicken Nüssen rumgelaufen ist. Ne echte Nymphenburgerin, wenn man ihm glauben kann, allzeit bereit, und er hat´s bis fast zuletzt nicht mitgekriegt, hat treu doof seine Fliesen geklebt und sie in den Urlaub ziehen lassen und sich jeden Tag seine für Monate vorgekochte Erbsensuppe aus dem Tiefkühlschrank geholt. Das musst du dir vorstellen: Die vögelt die Caballeros und der trabt mit ´nem Henkelmann zu seinen Fliesen und ist noch stolz drauf, dass sie sich die Reisen erlauben kann!«

»Bring uns nicht um«, bat Reineking und griff ins Lenkrad, als der Wagen einem Bus des Verkehrsverbundes zu nahekam.

»Entschuldige.«

»Es war reiner Selbsterhaltungstrieb.«

»Bei ihr, meinst du?«

»Nein, bei mir. Aber ich wollte dich nicht unterbrechen.«

Termöhlen warf ihm einen irritierten Blick zu.

»Jedenfalls wird er morgen vorbeikommen, damit wir seine Aussage protokollieren können.«

»Wusste er was über den Verbrannten?«

»Damit habe ich mich zurückgehalten, weil ...« Termöhlen trat heftig auf die Bremse, um an der Ampel nicht auf den Vordermann zu fahren, nahm den Gang heraus, während Reineking überlegte, ob er sich hinter das Steuer setzen sollte.

»Weil was?«

»Ich hielt das einfach für richtig, genau wie die Idee, ihn noch mal anzugehen.«

»Bei der nächsten Ordensverleihung sitzt du in der ersten Reihe«, sagte Reineking.

»Den Tag möchte ich erleben, an dem von dir Anerkennung kommt.«

»Es ist grün.«

»Meinst du, ich bin blind?«

»Sagen wir, die Bilder erreichen deine Netzhaut etwas verzögert.«

»So lange mein Instinkt für so schräge Typen wie Rose und Punk Lady funktioniert, kann ich über solche Kommentare nur lachen«, bellte Termöhlen.

»Weißt du eigentlich, wo wir hinfahren?«

»Na, zu Rose natürlich!«

»Aha«, machte Reineking und lehnte sich zurück.

»Er wohnt in Bölhorst«, erklärte Termöhlen. »Unweit des sogenannten Dorfgemeinschaftshauses auf der Klinkerstraße. Klinker deshalb, weil da oben in Ziegeleien traditionell Mauersteine gebrannt wurden.«

»Wie kommt´s, dass die vom Einwohnermeldeamt davon keine Ahnung hatten?«

»Weil er ´n Parasit ist, dieser Spritzer. Der lutscht nicht nur die verrückte Meyer aus, der scheint ´ne ganze Reihe von Weibern zu haben, wo er sich nach Bedarf und Laune einnistet. Auch das Auto, das er fährt, dieser Corsa, gehört nicht ihm, gehört einer dusseligen Kuh, die nicht merkt, dass er sie linkt.«

Sie rollten über die Kreuzung Portastraße und gelangten auf die Lübbecker. Es gab einen kurzen Stau, als ein Lastwagen sich in eine Einfahrt schob, es ging dann schleppend weiter, bis sie in den Schwabenring einbogen.

»Die zweite Straße rechts muss das sein«, sagte Termöhlen, das Gesicht über dem Lenkrad und dicht an der Windschutzscheibe. Draußen graue Bürgerhäuser, kleine Geschäfte, Vorgärten mit Windmühlen und Rhododendron. »Der Corsa ist übrigens nicht rot, sondern silbergrau und hat hinten links ´ne Delle. Ich hoffe nur, dass er uns diesmal nicht entwischt.«

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Ograniczenie wiekowe:
18+
Data wydania na Litres:
26 maja 2021
Objętość:
431 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783967526769
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