Czytaj książkę: «Tannenruh»

Czcionka:

Willi Keller

Tannenruh

Schwarzwaldkrimi


Zum Buch

Abgründig Kriminalhauptkommissar Berger kehrt nach langer Krankheit in den Dienst zurück. Das Management der Wiedereingliederung sieht vor, dass er zunächst einen leichten Fall übernimmt. Er muss den Unfalltod eines Argentiniers untersuchen, der im Weißtannenhotel »Schatzhauser« am Rand des Nationalparks gewohnt hat. Bei seinen Ermittlungen stößt Berger auf eine dunkle Geschichte der Region: Der Argentinier hat sich für einen bis heute ungeklärten zehnfachen Mord am Ende des Zweiten Weltkriegs interessiert. Als Berger in der Hotelbibliothek eine alte Elberfelder Bibel mit fehlenden Seiten entdeckt und kurz darauf Tote mit einer Bibelseite im Mund gefunden werden, sind er und seine Kollegin Tammy voll gefordert. Die Fälle erinnern an die Taten der christlichen Terrorgruppe, nach der noch immer gesucht wird. Berger und Tammy stoßen auf Verbindungen zwischen den Fällen und dem Hotel »Schatzhauser« – und auf Gegner, mit denen niemand gerechnet hat.

Willi Keller – Autor und ehemaliger Nachrichtenredakteur des SWR – sammelt Sagen, die er seit den 1980er-Jahren in mehreren Büchern veröffentlicht hat. Er liebt das Erzählen, die Fantasie und die Ortenau. Mit »Tannenruh« legt er seinen zweiten Kriminalroman vor.

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Alle Rechte vorbehalten

2. Auflage 2020

Lektorat: Christine Braun

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © pip / photocase.de

ISBN 978-3-8392-6600-7

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 1

»Sehnsucht nach der Waldgegend« war es nicht, was ihn trieb. Dieser Wald mit seinen Geheimnissen, seinen bedrohlichen Bäumen, seiner tiefen Dunkelheit wühlte ihn jedes Mal auf, wenn er in ihn drang.

Er schaute nach oben. Am trüben Himmel kreiste in regelmäßigen Bahnen ein Raubvogel. Er hatte ihn schon häufiger beobachtet. Die Brust des Tieres zierte ein helles Band. Manchmal blieb er stehen, um dem Raubvogel mit seinen breiten Flügeln zuzuschauen. Dessen ruhige, ästhetische Bewegungen, die einem entspannenden Tanz mit ausgebreiteten Armen glichen, beeindruckten ihn. Die Natur schuf die besten und schönsten Choreografien. Nur bei ein paar wenigen Tänzen hatte er sich von der Tierwelt inspirieren lassen. Warum hatte er nicht intensiver Vögel und andere Tiere studiert, ihre Art, sich zu bewegen? Diese späte Erkenntnis setzte ihm zu, weil sie ihm bewusst machte, dass sein Zeitkonto immer kleiner wurde. Er hatte sich zu sehr der Tradition verbunden gefühlt, obwohl er neuen Stilrichtungen und Ideen gegenüber aufgeschlossen war. Zu Hause musste er sich unbedingt mit dem Thema Choreografie der Natur auseinandersetzen. Zu Hause? Seit seiner Ankunft hier fragte er sich jeden Tag: Wo war eigentlich sein Zuhause? Dort über dem großen Meer oder hier in diesem dunklen Wald? Er konnte diese Frage bis heute nicht beantworten.

Der Raubvogel drehte weiter seine Runden. War es sein Schutzvogel, der seine Schritte überwachte? Hoch über den Bäumen stieß er plötzlich einen Schrei aus. Er ähnelte dem Miauen einer Katze. Ein weiterer Schrei folgte, der wie eine Warnung klang. Vor was wollte ihn der Vogel warnen? Der Schrei hatte ihn aufgeschreckt. Als mahne ihn das Tier, schnell umzukehren. Er wunderte sich, dass ihn die Schreie bisher nicht beeindruckt hatten. Er hatte sie doch nicht zum ersten Mal gehört. Meistens versank er bei seinen Waldläufen so sehr in Gedanken, dass sich alles nach innen richtete und das Außen verschwamm.

Er schaute auf seine Armbanduhr. Die Zeit drängte zur Rückkehr. Rund fünf Kilometer musste er gehen. Als er aufblickte, war nichts mehr von dem Vogel zu sehen. Einzelne Schneeflocken sanken langsam vom Himmel herab. An der Rezeption im Hotel hatte man ihm gesagt, am späten Nachmittag oder frühen Abend werde es schneien. Im April sei das hier oben nicht ungewöhnlich. Er sah sich noch einmal um. Hier hatte er gelebt bis zu jener Aprilnacht 1945. Er konnte sich an nichts mehr erinnern. In dieser kleinen Siedlung war er zur Welt gekommen. Vergeblich hatte er gehofft, beim Anblick der vier Häuser werde die Vergangenheit wieder wach. Nichts geschah in seinem Kopf. Kein Bild tauchte auf, kein Mensch, keine Mutter, kein Vater, keine Geschwister, keine Tanten, keine Onkel, keine Nachbarn. Keine Innenansichten seines Elternhauses. Keine Rückblende. Keine Gefühle. Eine Begegnung, die nichts auslöste.

Sie hatten ihm alles weggeschossen in jener Nacht: die Familie, die Erinnerung, das Lächeln. Das Lächeln? Hatte er jemals gelächelt? Oder gelacht? Hatte er mit seinen Geschwistern gespielt, mit den Nachbarkindern? Wie viele Menschen hatten in dieser Siedlung gelebt? Wie waren sie miteinander umgegangen? Hatten sie sich gut verstanden? Wer hatte in jener Nacht geschossen? Und warum?

Fragen eines verstörten Rückkehrers, wie er sich sah, die niemand beantwortete. Auch nicht der junge Historiker. Wobei er sich korrigieren musste. Der junge Historiker wusste sicher mehr als andere über diese Gegend und jene Nacht. Denn er hatte angedeutet, dass er ihm möglicherweise weitere Einzelheiten mitteilen könne. Die Einschränkung »möglicherweise« gefiel ihm nicht. Er brauchte Gewissheit. Wenn der Heimatforscher ihm nichts Entscheidendes sagen konnte, wozu sollte dann ein weiteres Treffen gut sein? Aber er war es, der den Historiker zu diesem erneuten Treffen gedrängt hatte, nicht umgekehrt. Einen Termin hatten sie bereits vereinbart. Vielleicht kam er doch noch zu neuen Erkenntnissen.

Der junge Historiker hatte sich geweigert, sich beim ersten Treffen im Hotel Schatzhauser zusammenzusetzen. Einen Grund hatte er nicht genannt. Aber er hatte versprochen, ihn zu unterstützen. Und er hatte Wort gehalten. Der junge Mann hatte ihn mit seinem Wagen abgeholt und war mit ihm zu einem Hotel am Mummelsee gefahren. Die Fahrt hatte ebenfalls nichts in seinem Kopf ausgelöst. Als sie am Hotel ankamen, zeigte sich, dass an einen Spaziergang rund um den See bei dieser ersten Begegnung nicht zu denken war, auch wenn das die Pläne des Historikers durchkreuzte. An einigen Stellen war der Weg noch zu sehr vereist. Ob er sich in seiner Kindheit auch an diesem See aufgehalten hatte?

Im Hotel am See setzten sie sich in eine ruhige Ecke mit Sicht auf alles im Raum. Nur langsam kam ein Gespräch in Gang. Das lag nicht an der Sprache. Sie unterhielten sich auf Deutsch. Der Historiker war auffallend nervös. Ständig rührte er mit dem Löffel in der Kaffeetasse, obwohl er keinen Zucker und keine Milch genommen hatte. Die Nervosität übertrug sich auf ihn. Er war froh, als der junge Mann sagte, sie müssten jetzt aufbrechen, sonst schafften sie den Weg zu ihrem Ziel nicht mehr. Vielleicht wäre der Heimatforscher offener gewesen, wenn er ihm gesagt hätte, wer er in Wirklichkeit war. Nachdem sie das Hotel verlassen hatten und wieder zum »Schatzhauser« zurückgekehrt waren, hatte ihn der Historiker zu der kleinen Siedlung geführt. Ohne fremde Hilfe hätte er diesen schmalen Pfad nicht gefunden, obwohl er in der Nähe des Hotels begann. Seither war er immer wieder hierhergekommen.

Bei ihrem bevorstehenden Treffen musste er sich zu erkennen geben und alles offenbaren. Sonst würde er nichts mehr erfahren. Wahrscheinlich hatte sich der Historiker schon Gedanken über seine Identität gemacht und eins und eins zusammengezählt. Das Versteckspiel hatte ihm nicht viel gebracht.

So oft er hier nach seiner Vergangenheit suchte, sah er nur vier zerfallene Häuser. Aus der Entfernung wirkte die Siedlung wie ein verfaultes Gebiss mit wenigen Zahnstümpfen. Das erste Gebäude, das größte, war sein Elternhaus. Das Dach war eingestürzt, die Fenster waren schon lange zerstört. Aus der Ruine wuchsen Büsche und ein Baum. Bei seinem zweiten Besuch hatte er versucht, in das Haus zu kommen. Aber er hatte schnell aufgegeben, als irgendetwas im Gebäude mit einem lauten Knall zusammengebrochen war. Die anderen Häuser sahen nicht viel besser aus. Bei jedem Gang zu seiner Vergangenheit erkundete er auch das Sägewerk hinter den Häusern und den kleinen Friedhof, der sich in der Nähe befand. Dort lag seine Familie begraben. Der Friedhof war überwuchert. Gräser, niedriges Buschwerk und Efeu bedeckten den in mehrere Teile zerbrochenen großen Grabstein. Die Namen seiner Familienangehörigen konnte er nicht mehr entziffern. Vor langer Zeit war offensichtlich ein Baum auf den Grabstein gestürzt und hatte ihn umgeworfen. Nur noch wenige Spuren deuteten darauf hin – der Baum hatte sich größtenteils aufgelöst, wie die Siedlung, die in Namen- und Erinnerungslosigkeit zerfiel. Offenbar hatte niemand Interesse daran, sie dem Verschwinden zu entreißen. Aber warum? Mit jedem Tag, mit jedem Besuch dieses versinkenden Ortes vermehrten sich die Fragen.

Auf dem Weg zum Hotel fiel ihm der Tag seiner Ankunft ein, in allen Einzelheiten.

»Sie sind der Gast aus Argentinien?«

Was für eine Frage! Er nickte. Ja, er war der Gast aus Argentinien.

»Sprechen Sie Englisch?«

»Sie können deutsch mit mir reden.« Er spürte die Erleichterung des Mannes an der Rezeption.

»Das Hotel Schatzhauser heißt Sie herzlich willkommen. Wir wünschen Ihnen einen guten Aufenthalt. Um Ihr Gepäck werden wir uns gleich kümmern. Wenn Sie bitte noch unseren Meldezettel ausfüllen wollen.«

Es war der übliche Empfang in einem Hotel, wie er ihn oft erlebt hatte. Aufgesetzte Freundlichkeit und Standardsätze. Ein zielgerichteter, wirtschaftlicher Umgang mit Sprache. Der Anmeldeschein wurde ihm hingeschoben. Vorname: Gustavo Alejandro Pedro. Nachname: Borges. Lüge Nummer eins: Borges war nicht sein richtiger Geburtsname. Er hatte mehrere Namen: seinen deutschen Geburtsnamen, seinen argentinischen Namen, ein Pseudonym, das er selten benutzte, und einen Künstlernamen. Geburtsdatum: 8.3.1939. Geburtsort: Buenos Aires. Lüge Nummer zwei. Seine große Lebenslüge: Die Hauptstadt Argentiniens war nicht sein Geburtsort. Staatsangehörigkeit: argentinisch. Keine Lüge, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Seine Staatsangehörigkeit war nicht immer argentinisch gewesen. Doch zu seinem Glück fragte nie jemand nach seiner Vergangenheit. Wahrscheinlich wäre auch niemand auf die Idee gekommen, dass er kein gebürtiger Argentinier war. Er hatte sich in der argentinischen Kultur entfaltet, sprach akzentfrei die Landessprache. Auch seine Hautfarbe ließ nicht auf eine mitteleuropäische Abstammung schließen. Und schon gar nicht sein Name, den er in den Anmeldeschein eingetragen hatte. So musste er sich mit niemandem über seine geheimnisvolle Vergangenheit unterhalten, aus der nichts auftauchte, zu der er keinen Zugang fand. Das Ausfüllen von Formularen und Meldescheinen erinnerte ihn jedes Mal an seine Lebenslügen, mit denen er sich mehr oder weniger arrangiert hatte.

Wortlos schob Gustavo Borges den Anmeldezettel zurück. Ein Angestellter nahm seine beiden großen Koffer und fuhr mit dem Aufzug nach oben. Er selbst nahm die Treppe. Das Zimmer befand sich im ersten Stock und roch angenehm nach Holz. Es war außergewöhnlich groß, mit einem Doppelbett, einer Leseecke, einem Schreibtisch aus Holz, einem begehbaren Wandschrank und einem Flachbildschirm an der Wand. Auch das Badezimmer war geräumig gestaltet. Vom Balkon mit zwei Korbsesseln und einem runden Holztisch aus sah er auf die Straße, von der jener Waldweg abzweigte, auf dem er seit seinem Treffen mit dem Historiker täglich zu seiner Vergangenheit lief. Das Interessanteste an dem Zimmer aber war der Holzboden. Er war so gut verarbeitet, dass er gleich nach Ankunft im Hotel auf ihm tanzte. Obwohl Borges schon so alt war, konnte er noch leichtfüßig und schmerzfrei über das Parkett schwingen. Nach einigen Minuten jedoch hörte er auf. Seine Frau fehlte ihm, die über Jahrzehnte seine Tanzpartnerin auf den Bühnen Argentiniens und in aller Welt gewesen war.

Er machte die Balkontür auf. Kalte Frühjahrsluft strömte herein. Er bekam Lust, eine Zigarre zu rauchen und einen Cognac zu trinken. Beides wollte er auf dem Balkon genießen. Er öffnete einen seiner Koffer und suchte nach einem dicken Pullover. In der Minibar gab es keinen Cognac, wie er zu seinem Bedauern feststellen musste. Er ließ den Zimmerservice kommen und bestellte einen französischen Cognac. Der Mann empfahl ihm einen exquisiten deutschen Cognac, besser gesagt: einen badischen Weinbrand. Man dürfe ihn nicht Cognac nennen, das sei eine geschützte Bezeichnung. Aber er sei nach dem Cognac-Verfahren hergestellt. Oder ob er den Whisky »Black Forest wild« genießen wolle? Das Hotel unterstütze bewusst regionale Produzenten. Borges zögerte. Er war immer bereit, etwas Neues auszuprobieren, und entschied sich für den badischen Weinbrand.

Bis dieser serviert wurde, bereitete er sich auf das Rauchen vor. Aus dem zweiten Koffer zog er zwei edle schwarze Kisten hervor. In der einen lagen erlesene Zigarren, in der zweiten ein Temperaturmessgerät und Bestecke zum Schneiden und Präparieren der Zigarren. Das Rauchen einer Zigarre war für ihn Kultur und Zeremonie. Er verabscheute es, das Kopfende einer Zigarre abzubeißen oder abzuknipsen. Sein Besteck bestand aus mehreren Instrumenten, jedes angepasst an die Form der jeweiligen Zigarre: mehrere Cutter, ein Zigarrenbohrer, eine Zigarrenschere. Zunächst prüfte er die Temperatur in der Zigarrenkiste aus Spanischer Zeder, in der sich ein kleiner Befeuchter befand. Die Temperatur war optimal. Die Zigarren hatten die lange Reise gut überstanden. Er nahm eine heraus und entschied sich für den Bohrer, der ein scharfkantiges rundes Loch schuf. Mit der Zunge leckte er die Zigarre an der Bohrstelle an. Kein Tabakkrümel blieb an der Zunge hängen, ein gutes Zeichen.

Borges setzte sich in einen Korbsessel auf dem Balkon und zündete ein neun Zentimeter langes Streichholz an, ebenfalls aus Spanischer Zeder. Ihr Holz eignete sich für den Bau von hochwertigen Gitarrenhälsen und Zigarrenbehältern. Von ihm ging ein Geruch aus, der sich gut mit Zigarren vertrug und sogar Schädlinge abhielt. Jüngst hatte er zu seinem Bedauern gelesen, dass die Spanische Zeder auf die Rote Liste gefährdeter Arten gesetzt worden war. Mit der Flamme fuhr er so lange über den Zigarrenfuß, bis sich ein gleichmäßiger Aschering bildete. Das abgebrannte Streichholz legte er in seinem silbernen Aschenbecher ab, den er auf die Reise mitgenommen hatte, zog ein zweites Streichholz aus der Schachtel und riss es an. Er wartete, bis der schwefelhaltige Zündkopf abgebrannt war. Beim Rauchen achtete er sehr darauf, dass das Aroma der Zigarre nicht beeinflusst wurde. Langsam führte er die Flamme zur Zigarre und sog an ihr. Ein starker, würziger Duft umgab ihn.

Der Zimmerservice klopfte und trat nach Borges’ Aufforderung zunächst ins Zimmer, dann auf den Balkon. Der Kellner zeigte Borges den Weinbrand, verwies auf das Etikett und den Jahrgang und schenkte ein. Borges nahm das große, bauchige Glas in die rechte Hand und wärmte das Getränk, bis der Duft aus dem Glas stieg, der sich durch eine besondere Note auszeichnete. Er probierte einen Schluck. Weich und rund schmeckte er. Der Kellner hatte nicht zu viel versprochen. Mit Genuss sog er an seiner Zigarre. Schon bald war er von einer Wolke umhüllt. Zum Glück blies kein Wind. Er dampfte sich oft mit einer Zigarre zu. Das war eine seiner vielen Strategien, sich unsichtbar zu machen. Versteckspiele trieb er seit seiner Kindheit, der Kindheit, an die er sich erinnern konnte. Die andere Kindheit, die er suchte, war ihm in jener Nacht 1945 genommen worden. Bis heute hatte sie ihm niemand zurückgegeben.

Geblieben waren eine dissoziative Amnesie, wie ihm ein Psychiater einst erläutert hatte, und traurige Augen. Borges erinnerte sich nicht mehr an das Ereignis in jener Nacht. Seine Psyche beziehungsweise sein Gehirn überzog das Geschehen mit einem Schutzfilm, damit er von diesem Erlebnis nicht erdrückt wurde. In seinem Fall war der Schutzfilm so groß, dass er auch die Zeit vor dem Ereignis verdunkelte. Der Psychiater hatte ihm erklärt, dass eine Traumatherapie die Erinnerung an das Ereignis zurückbringen könne. Dieser Weg sei allerdings schwer und lang, nicht immer erfolgreich und könne eine Depression zur Folge haben. Es könne auch sein, dass er sich mit zunehmendem Alter wieder an das Erlebnis erinnere, das die dissoziative Amnesie ausgelöst habe.

Den Psychiater hatte Borges aufgesucht, als er schon Mitte 40 war, weil er klären wollte, warum er sich nicht an seine Kindheit vor dem siebten Lebensjahr erinnern konnte. Und ob damit sein ständiger trauriger Blick zusammenhing. In der Tanzszene hatte er den Spitznamen »Buster Keaton«, weil sein Blick an den ernsten und stoischen Gesichtsausdruck des amerikanischen Komikers aus der Stummfilmzeit erinnerte.

Es könne etwas Traumatisches in seiner Vergangenheit passiert sein, hatte ihm der Psychiater gesagt. Ob er darüber schon einmal in der Familie gesprochen habe. Borges musste damals verneinen. Der Psychiater hatte ihm geraten, nach Informationen über seine frühe Kindheit zu suchen. Dann könne man über eine Strategie und eine geeignete Therapie reden. Wie er denn in der Kindheit gewesen sei, an die er sich erinnern könne, hatte er gefragt. Ängstlich, hatte Borges geantwortet, sehr ängstlich. Er habe immer Schutz gesucht und sich oft hinter seiner Mutter versteckt. Seine Eltern hätten gesagt, er sei eben ein sensibler Junge. Borges hatte dem Psychiater verschwiegen, dass seine Eltern eigentlich seine Stiefeltern waren.

Seine Kindheit war seltsam verlaufen. Er hatte in einer Blase gelebt, die er erst durchstieß, als er zwölf Jahre alt war. Sein Stiefvater nahm ihn eines Tages mit in ein Lokal, in dem an manchen Abenden Tango getanzt wurde. Das Lokal war ein Treffpunkt von Tänzerinnen und Tänzern. Viele von ihnen wurden berühmt. Er war fasziniert von diesen Menschen, die sich, begleitet von Bandoneon, Piano, Violine oder Gitarre und Gesang, so drehten, bogen und bewegten, dass sie die Erdanziehungskräfte zu neutralisieren schienen. Besonders angetan war er von einem schwarzhaarigen Mädchen, das mit größter Anmut über den Tanzboden schwebte. Von diesem Abend an kannte er nur noch ein Ziel: tanzen. Er bettelte so lange, bis seine Stiefeltern nachgaben und mit ihm zu einem Tangolehrer gingen. Der erkannte seine Begabung, seine Musikalität, seine Körperbeherrschung. Und dort sah er es wieder: das schwebende schwarzhaarige Mädchen. Seine Liebe für die Ewigkeit.

Am Abend nach dem ersten Gespräch mit dem Psychiater war Borges mit seinem Stiefvater allein im Salon gesessen. Er hatte ihn gefragt, ob in seiner Kindheit etwas Schlimmes vorgefallen war. Vor seinem siebten Lebensjahr.

Sein Stiefvater schaute ihn überrascht an und sagte zunächst nichts. Er war auf diese Frage offensichtlich nicht vorbereitet, vielleicht fürchtete er sich vor ihr. »Du hättest besser nicht gefragt«, stammelte er nach einiger Zeit. Es folgte eine Pause, die noch länger dauerte als die erste. »Ja, es ist etwas passiert«, sagte er mit leiser Stimme. »Im April 1945. Im Nordschwarzwald. Dabei ist deine Familie umgekommen.« Wieder eine Pause, die nicht enden wollte.

Borges wusste, dass er aus Deutschland stammte. Eines Tages hatten sie ihm beiläufig erzählt, dass sie seine Stiefeltern waren und sie alle, auch er, aus dem Schwarzwald kamen. Das hatte er nicht verstanden, sie trugen doch alle einen argentinischen Namen. In dem Viertel, in dem sie wohnten, hatte sich eine kleine deutsche Kolonie gebildet. Nach innen blieb sie deutsch, nach außen integrierte sie sich überraschend schnell – sozial und sprachlich. Alle Fragen nach dem Warum der Auswanderung nach Argentinien und nach Borges’ Ursprüngen hatten seine Stiefeltern abgewürgt. Danach war seine Herkunft nie wieder Thema gewesen.

Bis zu diesem Tag, an dem er seinem Stiefvater die Frage nach einem traumatischen Erlebnis in der Vergangenheit stellte. Er machte sich auf Schlimmes gefasst. Die Antwort des Stiefvaters enttäuschte ihn deshalb, beunruhigte ihn aber gleichzeitig.

»Lass die Vergangenheit ruhen. Sie tut dir nicht gut, unserer ganzen Familie nicht. Wenn du in der Vergangenheit gräbst, wirst du vernichtet.«

»Warum, und von wem?«, fragte er seinen Stiefvater.

»Das kann ich dir nicht sagen. Ich habe versprochen, zu schweigen. Und ich halte mich daran. Wenn ich nicht die ganze Zeit geschwiegen hätte, hättest du nie Karriere machen können. Wer weiß, dann wärst du vielleicht nicht mehr am Leben. Es hat mich viel gekostet, das alles bis heute auszuhalten. Glaube es mir. Und frage mich nie mehr nach deiner Vergangenheit!«

Der letzte Satz, lauter als die anderen gesprochen, klang streng und hart und stach Borges ins Herz. So kannte er seinen Stiefvater gar nicht, der ein sehr liebevoller Familienmensch war. Auf was hatte sich sein Stiefvater eingelassen? Borges hatte ihn nie nach seiner Biografie gefragt. Er war handwerklich geschickt und arbeitete seit Anfang der 50er-Jahre bei einer Sicherheitsfirma, die ein Mann aus der kleinen Kolonie gegründet hatte, ein Mann aus Deutschland, der kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Argentinien angekommen war. Sein Stiefvater erzählte nie etwas aus der Firma. Das respektierten alle in der Familie. Nur einmal sagte er stolz zu seiner Frau, dass sie immer mehr Regierungsaufträge erhielten. Sein Chef galt als energischer Unternehmer, der seine Firma zu einem Sicherheitsimperium ausbaute. Er hatte gute Beziehungen in höchste politische und militärische Kreise und ins Ausland, auch nach Deutschland. In der Kolonie hatten alle den größten Respekt vor dem Chef, einen Respekt, der eher mit Angst zu vergleichen war. Der Chef hatte Augen und Ohren überall. Nichts entging ihm. Andererseits war er oft Helfer in schwierigen Situationen. Sein Stiefvater, der gut mit seinem Chef auskam, profitierte vom Aufstieg der Firma, die Familie konnte sich immer mehr leisten. Seine Arbeit in der Firma blieb jedoch ein Geheimnis.

Borges hielt sich an die Mahnung seines Stiefvaters und bohrte nicht weiter in der Vergangenheit. Es war Tradition in seiner Familie, schwierige Fragen nicht zu beantworten, Unangenehmes zu verdrängen und Konflikte zu vermeiden. Sie orientierte sich an der Gegenwart und an der Zukunft, aber nicht an der Vergangenheit. Dieser Tradition folgte auch er nach dem Gespräch mit dem Stiefvater. Den Termin mit dem Psychiater sagte er ab.

Die Worte seines Stiefvaters hallten allerdings nach und nagten an seinem Selbstbewusstsein. Und sie machten ihm Angst. Offenbar hatten mächtige Leute seine Familie in der Hand. Aber warum? Borges fühlte sich beschattet, war immer auf der Hut vor einer unsichtbaren Bedrohung. Er entwickelte Strategien, um der Bedrohung zu entgehen. Wenn er in Lokale ging, nahm er stets den Platz ein, von dem aus er alles und jeden beobachten konnte. Er wollte vorbereitet sein. Seine Strategien nahmen Züge von Verfolgungswahn an. Gleichzeitig versuchte er, alles zu vergessen, was ihm sein Stiefvater mitgeteilt hatte. Er hätte ihn nie nach der Vergangenheit fragen dürfen. Aber er wunderte sich auch über ihn. Warum hatte er so konkrete Andeutungen gemacht? Er hätte ihn doch mit einer Ausrede zufriedenstellen können. Welche Rolle hatte sein Stiefvater in der Vergangenheit gespielt? In welchem verwandtschaftlichen Verhältnis hatte er zu seiner Familie gestanden? Oder war er ein Freund seiner Familie? Hatte er Schuld auf sich geladen? Und warum hatte er ihn wie ein eigenes Kind großgezogen? Überhaupt: Wie hatten sie es nach Argentinien geschafft? Auch die Überfahrt war aus seinem Gedächtnis gelöscht.

Wochenlang bescherte ihm das Gespräch mit dem Stiefvater schlaflose Nächte. Er tauschte sich mit niemandem aus, nicht einmal mit seiner Frau, mit der er sonst über alles redete. Zeitweise nahm er heimlich Schlaftabletten. Irgendwann beruhigte er sich wieder. Die Arbeit, die vielen Auftritte und Reisetermine halfen ihm dabei.

Vor ein paar Monaten hatte Borges den Nachlass seines Stiefvaters gesichtet, der schon einige Jahre verstorben war, und sich erstmals wieder mit der Vergangenheit beschäftigt. In einer alten Holzkiste hatte er mehrere Artikel in deutscher Sprache über den Nordschwarzwald, Beschreibungen von Orten und Menschen entdeckt. Ob sie mit seiner Familie zusammenhingen, konnte er nicht ergründen.

Unter den Artikeln fand sich auch ein vergilbter Zeitungsausschnitt, der beim Berühren leicht bröselte. Er war auf ein kariertes, an den Rändern eingerissenes Papier geklebt. Jemand hatte den gesamten Text mit einem Stift unleserlich gemacht. Nur Überschrift und Untertitel waren lesbar und schreckten Borges auf: »Die Hochwald-Morde bleiben ein Rätsel. Wird die Aufklärung verhindert?« Waren diese Morde das Ereignis, bei dem seine Familie »umgekommen« war, wie sein Stiefvater es genannt hatte? Und warum war der Text unkenntlich gemacht worden? Warum hatte man ihn nicht gleich ganz vernichtet?

Borges recherchierte auf deutschen Internetseiten unter dem Stichwort »Hochwald-Morde«. Dabei stieß er auf einen Bericht, der diesen Fall etwas mehr beleuchtete, vergaß aber, den Bericht auszudrucken.

Als er ihn Tage später wieder aufrufen wollte, fand er ihn nicht mehr. Aber er hatte sich den Namen des Autors gemerkt und entdeckte auf dessen Homepage die Mail­adresse. Er schrieb ihm, dass er in den nächsten Monaten nach Deutschland reisen wolle. Es gehe um diese Hochwald-Siedlung, die er vor einiger Zeit in einem Artikel erwähnt habe. Ob er ihm den Artikel zukommen lassen könne. Der Autor schickte ihm den Artikel als Mail-Anhang.

Kurz darauf begann Borges damit, die Reise vorzubereiten. Bei der Auswahl der Hotels war er überrascht von der Fülle der Angebote im größeren Umkreis der Hochwald-Siedlung. Er wollte nicht zu weit weg wohnen. Schließlich gab ihm ein guter Bekannter aus der Nachbarschaft, Guillermo, den Tipp mit diesem eigenartigen Hotel aus Holz, das zu Borges Verwunderung nicht in den Angeboten aufgetaucht war. Guillermos Familie hatte gute Kontakte zu seinem Stiefvater gepflegt, Borges vertraute ihm und erzählte ihm mit der Bitte um Verschwiegenheit von seiner geplanten Reise in den Schwarzwald und den Hintergründen. Wie sein Stiefvater arbeitete Guillermo in der Sicherheitsfirma.

Seine Frau versuchte, ihn von dieser Reise in den Schwarzwald abzuhalten. Er hatte ihr endlich alles erzählt, auch das schockierende Gespräch mit seinem Stiefvater. Er machte ihr klar, wie viel es ihm bedeutete, den Ort seiner verschwundenen Kindheit kennenzulernen. Vielleicht fände er endlich seinen inneren Frieden und könnte eines Tages lachen.

Sie blickte ihn skeptisch an: »Glaubst du das wirklich? Glaubst du, dass du lachend von dieser Reise in die Vergangenheit zurückkehrst und alles von dir abfällt, was dich bedrückt hat? Ist dir das Wichtigste, lachen zu können? Vielleicht löst diese Reise in die Vergangenheit etwas aus, das du nicht mehr stoppen kannst, das dich auffrisst, das dich vernichtet, wie es dein Stiefvater prophezeit hat. Nimm seine Warnung ernst. Ich bitte dich darum. Wir haben uns doch in jungen Jahren geschworen, die Vergangenheit loszulassen, weil wir beide schlechte Erfahrungen mit ihr gemacht haben. Die Konsequenz war, dass wir uns auf die Gegenwart konzentrierten. Damit haben wir gut gelebt. Ich liebe dich mit dem ernsthaften Blick. Du lächelst mit deinem Körper und machst so vielen Menschen Freude. Genügt dir das nicht? Das ersetzt doch alles Lachen. Außerdem: Warum hast du mir diese Geschichte nicht früher erzählt?«

»Weil ich nicht wusste, woher ich die Antwort auf meine Fragen bekommen sollte. Also habe ich versucht, das alles zu vergessen. Aber jetzt weiß ich, wo ich suchen muss: in einem dunklen Wald weit weg von hier, dort wartet die Antwort auf mich.« Er sah lange in ihre angsterfüllten Augen.

Sie wusste, dass sie ihn nicht überzeugen konnte. Schließlich drückte sie ihn fest an sich, als wollte sie ihn fesseln. Lange standen sie so da. Als er sanft versuchte, sich aus ihrer Umklammerung zu lösen, ließ sie los, drehte sich wortlos um und verließ das Zimmer. Für einen Moment überlegte er, die Reise zu verschieben oder ganz aufzugeben. Doch der starke Drang, alles über seine Kindheit zu erfahren, überwog.

Kurz darauf war er nach Deutschland aufgebrochen, hatte sich im Hotel Schatzhauser einquartiert und als Erstes eine seiner Zigarren und einen Weinbrand auf dem Balkon genossen.

Spätestens jetzt, auf dem Fußmarsch von der Siedlung zurück ins Hotel, wurde ihm klar, dass er die Reise bereute. Er war keinen Schritt weitergekommen, hatte sich vermutlich etwas vorgemacht. Er kannte nun seine »Heimat« und die seiner Vorfahren, dennoch blieb ihm alles ein Rätsel. Der dunkle Wald und die kleine Siedlung, in der seine Familie ausgelöscht worden war, bedrückten ihn. Er wollte wieder zurück nach Argentinien, zu seiner Frau, und sie endlich wieder in die Arme schließen. Das hatte er ihr vor zwei Tagen per Mail mitgeteilt. Sie freute sich auf seine Rückkehr.

Der Schneefall nahm zu. Die Hälfte der Strecke zum Hotel hatte er schon geschafft. Bald würde er diese seltsame Biegung erreichen. Sie führte um einen gewölbten Felsen herum, der Schutz bot vor Niederschlägen. An dieser Stelle lag der Weg an einem Abgrund, aber solange man auf dem Weg blieb, bestand keine Absturzgefahr. Als er zum ersten Mal hier vorbeikam, hatte er Gänsehaut bekommen. Damals kannte er den Wegverlauf nach dem Felsen noch nicht. Der junge Historiker hatte ihn beruhigt, der Weg führe hinter dem Felsen wieder vom Abgrund weg. Schon beim zweiten Mal hatte er die Stelle ohne jedes unangenehme Gefühl passiert. Aber manchmal hatte er den Eindruck, dass ihm jemand folgte. Einmal hatte er auf dem Rückweg den Boden abgesucht, aber keine Spuren oder Hinweise gefunden.

Den Weg kannte er inzwischen in- und auswendig. Sicher war er ihn als Kind oft gegangen. Was wäre aus ihm geworden, wenn es jene schreckliche Nacht nicht gegeben hätte? Hätte er sein ganzes Leben in diesem Wald verbracht, als Holzfäller? Oder hätten seine Eltern sein künstlerisches Talent erkannt? Hätten sie ihn so gefördert, wie es seine Stiefeltern getan hatten? Er war kein Waldmensch geworden, sondern Städter. In seinem Leben hatte er kaum Wälder gesehen. Hätte er sich in diesem Wald wohlgefühlt, wenn er nicht von jenem Ereignis getroffen worden wäre? Wohlgefühl kannte er nur auf der Bühne, wenn sein Körper sich bewegte und eins wurde mit dem seiner Frau. Nur dann konnte er sich lösen und so etwas wie Erfüllung empfinden. Der Tanz, insbesondere der Tango, war seine Bestimmung und seine Leidenschaft, die er mit seiner Frau teilte. Er musste oft an die Worte von Carlos Gavito denken, dessen mutige Tanzweise und Schräglagen er immer bewundert hatte, der die Musik mit seinen Füßen tanzte: »Das Wichtigste ist, zu wissen, warum wir tanzen wollen. Wir tanzen die Einsamkeit in uns, die wir durch nichts kompensieren können. Diese Lücke, in deren Leere wir Bewegung bringen, ist der Tango.«

Borges kannte viele Zitate über den Tango, aber diese wenigen Sätze fassten am treffendsten sein Leben und seine Beziehung zum Tanz zusammen. Mit dem Tango hatten seine Frau und er viele Krisen überwunden, auch die Militärdiktatur. Sie mussten nicht fliehen wie andere, aber sie waren oft auf Tourneen im Ausland gewesen, auch eine Art von Flucht, und so den Konflikten entgangen. In manchen Lebensabschnitten hatte er das Gefühl gehabt, es halte jemand schützend seine Hand über sie beide. Ihr Blick war auf den Tanz gerichtet, auf nichts anderes. Nie hatten sie eine klare ablehnende Haltung zur Militärdiktatur gezeigt, obwohl sie sie verabscheut hatten. Sie wollten immer nur tanzen, tanzen, tanzen. Und blendeten dabei aus, dass der Tango einen sozialpolitischen Hintergrund hatte und einen Kontrapunkt setzte zur bürgerlichen Kultur. Wenn Borges zurückblickte, überraschte es ihn, dass sie nie in kritische Diskussionen verwickelt worden waren. Immer hatte ihr ästhetisches Tanzen im Vordergrund gestanden. Nie hatte man ihnen mangelnde Solidarität mit Astor Piazolla und anderen in den Zeiten der Diktatur vorgeworfen. Seine Frau und er waren zu Ikonen und unangreifbaren Botschaftern des klassischen argentinischen Tangos geworden. Ausgerechnet er! Ein Kind des Schwarzwaldes.

Von Westen her kam Wind auf. Borges schlug den Mantelkragen hoch und ging schneller. Die Zweige der dunklen Bäume färbten sich allmählich weiß. Er hatte Wetter und Zeit falsch eingeschätzt. Beim Nachdenken über seine Herkunft, seine Kindheit und sein Leben in der Fremde, die seine Heimat war, und seine eigentliche Heimat, die ihm fremd war, hatte er seine Schritte verlangsamt. Noch wenige Hundert Meter, dann müsste er bei der Biegung sein. Der Schnee nahm ihm fast die Sicht, so dick fielen inzwischen die Flocken, die auf ihn zutrieben und ihm mit voller Wucht ins Gesicht klatschten. Aus dem schwarzen Wald wurde ein weißer. Borges richtete seinen Blick auf den Boden, damit er nicht von dem schmalen Weg abkam, der an manchen Stellen fast nicht mehr zu sehen war. Ab und zu blieb er kurz stehen, um sich zu orientieren. Der dichte Schnee erzeugte eine unheimliche Stille. Wie in Watte gepackt fühlte er sich. Und gehörlos. Er drehte sich um und schaute zurück. Die Fußabdrücke, die er hinterließ, verschwanden sofort im Schnee, als wäre er die Strecke nie gegangen.

Die Felsennase tauchte schemenhaft vor ihm auf. Wie eine Rettung. Er überlegte, unter dem Felsen eine Pause einzulegen, bis das Wetter sich beruhigte und der Schneefall nachließ. Er beschleunigte seinen Schritt. Obwohl er den Mantelkragen hochgeschlagen hatte, war Schnee in seinen Nacken gelangt und schmolz. Kurz blieb er stehen und rieb mit seinem Stofftaschentuch den Nacken halbwegs trocken. Er verfluchte sich, dass er keinen Hut und keinen Regenschirm mitgenommen hatte. Aus dem nassen Haar rannen Tropfen über sein Gesicht und in den Nacken. Er steckte das vollgesogene Taschentuch in die rechte Manteltasche und freute sich auf die schützende Felsennase. Von den Knien abwärts war die Hose nass und klebte an den Beinen. In die halbhohen Schuhe, die angeblich wasserdicht waren, drang Feuchtigkeit. Seine Zehen waren schon ganz kalt.

Vorsichtig machte er einen Schritt nach dem anderen. Er durfte sich jetzt keinen Fehltritt leisten, vor allem nicht bei der Biegung. Bei trockenem Wetter war die Umrundung des Felsens ungefährlich, der Weg breit genug. Aber bei diesem starken Schneefall musste er darauf achten, dass er nicht zu weit nach rechts abkam und ausrutschte. Schritt für Schritt näherte er sich dem Zwischenziel. Als er es erreichte, tastete er mit der linken Hand den Felsen ab. Er drückte sich um ihn herum. Als er unter der Wölbung ankam, klopfte er erleichtert seinen Mantel ab und strich sich den Schnee aus dem Haar. Dann zog er sich rückwärts ein paar Schritte ins Innere zurück, um sich besser vor dem Schneetreiben zu schützen.

Plötzlich krachte es mehrfach hintereinander. Es hörte sich an, als würden Bäume umstürzen. Er trat wieder etwas hinaus und lauschte. Es war nichts mehr zu hören. Wahrscheinlich hatte er sich getäuscht. Als er unter die Wölbung zurückkehren wollte, flog etwas Schwarzes aus dem Inneren auf ihn zu.

Kapitel 2

Kriminalhauptkommissar Alban Berger überlegte in Ruhe, ob er alles Nötige bei sich hatte. Es war noch genug Zeit bis zum Termin bei Kripochef Hajo Winker. Er wollte allerdings an seinem ersten Arbeitstag nach der langen Auszeit im Dienst nicht auf den letzten Drücker erscheinen. Er zog die Haustür zu und drehte den Schlüssel langsam zweimal nach links. Anschließend drückte er die Klinke, um zu prüfen, ob die Tür tatsächlich geschlossen war, und trat dann auf die kleine Straße. Die Blätter der Catalpa würden bald austreiben, stellte er fest, als er seinen Blick über den Baum nach oben schweifen ließ. Das Badezimmerfenster! Es stand offen. Nach der heißen Dusche hatte er es weit geöffnet, um den Raum ausgiebig zu lüften. Also wieder zurück.

Schon wenige Sekunden später war er wieder draußen. Kaum Zeit verloren, beruhigte er sich, als er zur Garage ging. Unterwegs suchte er in seinen Taschen die Schlüssel für Garage und Wagen. Normalerweise steckte er den Garagenschlüssel in die linke und den Autoschlüssel in die rechte Hosentasche. Beide Taschen waren aber leer. Auch in seiner Jacke fand er die Schlüssel nicht. Er ärgerte sich über seine Vergesslichkeit. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als erneut ins Haus zurückzugehen.

Wo hatte er die Schlüssel nur hingelegt? Seine Großmutter hatte immer geraten, bei der Suche nach Verlorenem zum heiligen Antonius zu beten. Ein reines Konzentrationsspiel. Vermutlich lagen sie auf dem Wohnzimmertisch. Er musste endlich die Schlüssel für Haustür, Garage und Auto zusammenhängen. Ein Blick ins Wohnzimmer genügte. Fehlanzeige! Im Schlafzimmer durchsuchte er die Hose, die er tags zuvor anhatte. Fehlanzeige! Wo hatte er sich heute Morgen aufgehalten? Im Schlafzimmer, im Wohnzimmer, im Bad, im Keller, in seinem Arbeitszimmer, in der Küche. Er lief ins Bad. Nichts. Ins Arbeitszimmer. Keine Schlüssel. Er rannte die Treppe hinunter in die Küche. Neben der Kaffeemaschine am Fenster wurde er fündig. Hier hatte er noch nie seine Schlüssel abgelegt. Und die Kaffeemaschine hatte er auch nicht abgestellt. Der Kaffeerest in der Kanne war schon angebrannt. Er stellte die Glaskanne in die Spüle und füllte sie mit heißem Wasser. Hastig nahm er die Schlüssel an sich und verließ das Haus, natürlich nicht ohne mehrmalige Kontrolle der Tür.

Endlich saß Berger im Auto. Sein Zeitvorsprung war geschmolzen. Jetzt durfte auf dem Weg zum Polizeipräsidium nichts dazwischenkommen. War das Vergesslichkeit, was er da eben erlebt hatte? Oder eher ein Zeichen, dass er noch nicht reif war für eine Rückkehr in den Polizeidienst? Lange hatte er mit sich gerungen, mehrfach hatte seine innere Stimme empfohlen, den Dienst endgültig zu verlassen. Die Vorkommnisse des letzten Jahres hatte er bis heute nicht verarbeitet, vor allem den Tod seines jungen Kollegen Rackert, an dem er sich schuldig fühlte, weil er dessen Warnungen vor einer Terrorgruppe nicht ernst genommen hatte. Hätte er früher reagiert, wäre vielen Menschen Leid erspart worden. Mit der Soko Gifiz war er dem Anführer der 13-köpfigen Gruppe, die Anschläge in Offenburg verübt hatte, auf die Spur gekommen. Allerdings war dessen Auto auf der Verfolgungsjagd explodiert. In Schüben kamen immer wieder Schuldgefühle hoch. Da halfen keine Therapien und keine Psychopharmaka. Die Tabletten hatte er von sich aus abgesetzt, ohne seinen Ärzten etwas zu sagen. Auch Ariane, seiner Frau, hatte er sein eigenmächtiges Handeln verschwiegen. Wie so vieles seit seinen zwei Zusammenbrüchen, nach denen er in eine schwere Depression geraten war. Diese Fakten konnte er nicht leugnen.

Irgendwann hatte er jedoch beschlossen, in den Polizeidienst zurückzukehren. Seine Therapeuten und sein Hausarzt hatten das als Zeichen gewertet, dass er auf dem Weg der Gesundung sei. Er selbst sah das nicht so, er wollte einfach dieser Dunkelkammer entfliehen, in die er sich vor Monaten eingeschlossen hatte. Zusammen mit Selbstzweifel, Sprachlosigkeit, Antriebslosigkeit, Selbstverachtung, mit Suizidgedanken und reichlich Alkohol. Bisher konnte er die Tür aus der Kammer nur einen Spaltbreit öffnen, hoffte aber, dass er sie ganz aufstoßen konnte, wenn er sich der Wirklichkeit stellte. Vor der er große Angst hatte.

Berger bog nach links ab in die Prinz-Eugen-Straße und fand einen Parkplatz direkt vor dem Offenburger Präsidium. Er sah auf seine Uhr. Noch zwei Minuten bis zum Termin. Zum Glück hatte Schorschi Pförtnerdienst, der ihm freundlich winkte, den rechten Daumen nach oben streckte und die Tür per Knopfdruck entsperrte. Er wusste wohl Bescheid. Berger hob seine rechte Hand zum Gruß, nickte ebenso freundlich, rannte die Treppe in den ersten Stock hoch und meldete sich bei der Assistentin an. Die meisten nannten Rosemarie Schöntal nur Röschen. Sie wirkte wie immer wohlwollend und unverkrampft.

»Schön, dass Sie wieder da sind, Berger. Ich glaube, alle freuen sich auf Sie! Der Chef wartet schon.« Der Satz »Ich glaube, alle freuen sich auf Sie!« irritierte ihn. Sie war sich nicht sicher, ob sich alle freuten, sonst hätte sie das Wort »glauben« nicht benutzt.

Kräftig klopfte er an die Tür des Kripochefs und erwartete ein ebenso kräftiges »Herein«. Die Aufforderung, einzutreten, klang jedoch eher schwach. Überrascht und angespannt betrat Berger das Büro des Offenburger Kripochefs.

Hajo Winker stand langsam auf, als habe er Mühe, sich zu erheben, und reichte Berger die Hand. Sie fühlte sich schlaff an, was ungewöhnlich war. Durch Winkers Hand floss normalerweise so viel Energie, dass ihr Druck weh tat und es deshalb einige vermieden, ihn per Handschlag zu begrüßen.

»Berger, setzen Sie sich doch bitte.« Mit einem kleinen Seufzer ließ sich Winker in seinen Sessel fallen, während sich Berger sachte den Besucherstuhl heranzog und langsam Platz nahm. »Bevor wir in die Details gehen, Berger, muss ich Ihnen etwas sagen: Ich bin sehr erleichtert, dass Sie wieder da sind. Sie haben uns gefehlt. Ich erwarte von Ihnen Impulse, die die Soko Gifiz endlich voranbringen.«

Berger war überwältigt von so viel Lob und Erwartung und hoffte, dass alles ehrlich gemeint war.

Winker fuhr fort: »Sie haben sich für das interne dreimonatige Eingliederungsmanagement entschieden. Wie aus Ihrem Fragebogen hervorgeht, haben Sie eine Beteiligung des Personalrats abgelehnt, weil Sie extern beraten und therapiert werden. Das ist Ihr gutes Recht. Über das Eingliederungsmanagement wissen Sie sicher Bescheid: Sie müssen sich nicht gleich voll und ganz dem Stress der Polizeiarbeit aussetzen. Vorgesehen ist, dass Sie vorerst stundenweise wieder in der Soko Gifiz arbeiten und nach und nach in die Vollen gehen.«

»Was meinen Sie mit ›vorerst‹?«

»Das wollte ich Ihnen nachher noch sagen. Aber gut, ich kann Ihnen das auch gleich erklären. Ich will Sie nicht lange auf die Folter spannen. Es geht um ein altes Vorhaben von mir, das ich endlich umsetzen kann. In Absprache mit dem Landeskriminalamt in Stuttgart und mit dem Innenministerium planen wir, der Polizeipräsident und ich, eine Cold-Case-Abteilung aufzubauen. Inzwischen sind wir technisch so gut gerüstet, dass wir alte Fälle besser lösen können. Für diese Arbeit brauchen wir erfahrene Leute wie Sie. Ich habe dem Polizeipräsidenten Personalvorschläge gemacht und ihm empfohlen, Sie zum Leiter der Cold-Case-Abteilung zu bestellen. Er hat bereits zugestimmt. Die Sache ist allerdings noch nicht ganz spruchreif. Es müssen noch einige Hürden beseitigt und Widerstände überwunden werden. Auch intern. Eventuell sind wir gegen Jahresende so weit. Vielleicht sogar schon früher. Es sieht auf jeden Fall gut aus. Mehr kann und darf ich Ihnen noch nicht mitteilen.«

Berger fühlte sich geehrt, dass Winker ihn in die geplante Gruppe holen und mit der Leitung beauftragen wollte. Er wusste, was Cold Case bedeutete: viel Aktenarbeit, wenig Außendienst, enge Zusammenarbeit mit der Forensik. Vor allem unaufgeklärte Tötungsdelikte zählten zu den Cold Cases, den kalten Fällen, aber auch Bankraub, Vergewaltigungen, Vermisste. In Deutschland galten zuletzt fünf Prozent aller Tötungsdelikte als nicht aufgeklärt. Wie viele Cold Cases im Bereich des Polizeipräsidiums Offenburg zu bearbeiten waren, wusste Berger nicht. Das wollte er Winker fragen, aber der redete einfach weiter, in gleichbleibendem, emotionslosem Ton.

»Die Soko Gifiz mussten wir leider verkleinern.«

»Ich habe gedacht, wir bekommen mehr Unterstützung vom Land, um die elf verbliebenen Terroristen zu finden. Ihr ›Meister‹ dürfte die Explosion seines Autos ja kaum überlebt haben.«

»Das können Sie alles vergessen. Unter uns: Diese Zusage des Innenministeriums war wohl nicht ganz ernst gemeint. Eine Beruhigungspille für die Öffentlichkeit und für uns. Die zusätzlichen Kräfte sind schon wieder abgezogen worden mit der einfachen Begründung, dass nach den Anschlägen und Morden und nach der Aufdeckung der christlichen Terrorgruppe Ruhe eingekehrt sei in Offenburg und Umgebung. Das ist nicht falsch. Es gab seither keine neuen Anschläge. Aber es ist auch nicht richtig, denn wir suchen weiterhin nach elf Terroristen. Bisher ohne greifbares Ergebnis. Diese Tatsache widerspricht der Argumentation des Innenministeriums. Dazu kommt die normale Belastung. Wir sind statistisch gesehen in Baden-Württemberg an der Spitze in der Kriminalitätsrate. Ich weiß, das hört sich gebetsmühlenartig an. Aber darüber sieht die Politik schnell hinweg. Wir haben leider keine Lobby. In der Soko werden Sie übrigens viele neue Gesichter sehen. Wir haben überraschenderweise eine rege Fluktuation erlebt. Und Ausfälle. Unser IT-ler Felix Manderscheid zum Beispiel. Seine Freundin, die Assistenzärztin, hat ihn verlassen. Sie hat sich in einen Oberarzt im Klinikum in Freudenstadt verliebt. Das hat er nicht verkraftet. Ich habe ihn für robuster gehalten.«

Mich hast du sicher auch stärker eingeschätzt, dachte Berger.

»Rund sechs Wochen war er krankgeschrieben. Für das Darknet gut, für uns schlecht. Inzwischen hat er sich wieder gefangen. Auch an der Spitze der Staatsanwaltschaft hat es einen Wechsel gegeben. Das haben Sie sicher mitbekommen.«

Berger schüttelte den Kopf. »Nein, das ist wie vieles andere an mir vorbeigegangen.« Ihm hatte die Kraft gefehlt, um sich auf dem Laufenden zu halten und das Interesse an der Außenwelt war gesunken. Seine dunkle Innenwelt war in den letzten Monaten sein einziger Bezugspunkt gewesen.

»Oberstaatsanwalt Dr. Lorenz Taglehner hat sich nach Stuttgart verabschiedet zur Generalstaatsanwaltschaft. Ich muss sagen, ich bin heilfroh. Die Zusammenarbeit bei unserem großen Fall war – sagen wir – verbesserungsfähig. Das haben Sie selbst zu spüren bekommen. Und mit der Bundesanwaltschaft hat er sich auch nicht gut verstanden. Sein Nachfolger ist Dr. Johannes Stenglenz. Er kommt aus Mannheim. Hat einen guten Ruf. Bisher macht er einen souveränen Eindruck. Ist vor allem kooperativ. Und kann zuhören. Er geht nicht mit einer vorgefertigten Meinung an die Fälle heran.«

Winkers Kritik an Taglehner überraschte Berger nicht. Der Kripochef sagte immer deutlich seine Meinung, wenn ihm etwas gegen den Strich ging.

»Alles andere werden Sie nach und nach erfahren. Am ersten Arbeitstag nach der Rekonvaleszenz will ich Sie aber nicht gleich mit den ChrisTer-Fällen belasten.«

»Mit was für Fällen?«

»Entschuldigung! Das können Sie nicht wissen. Wir haben die Fälle, die die Soko Gifiz bearbeitet, der Einfachheit halber mit ›ChrisTer‹ zusammengefasst – christliche Terroristen. Sie untersuchen zunächst einen Fall, der reine Routine ist. Es sieht nach einem tödlichen Unfall aus, muss aber abgeklärt werden. In der Nähe des Mummelsees ist ein argentinischer Tourist bei einem Spaziergang in den Abgrund gestürzt. Die Bergwacht und die örtliche Polizei gehen zwar von einem Unfall aus, sagen aber, dass ihnen ein Absturz an der Unglücksstelle dennoch ungewöhnlich erscheint. Deshalb liegt der Fall jetzt bei uns. Wir müssen prüfen, ob ein Fremdverschulden infrage kommt. Das ist saudumm gelaufen. Wenn Bergwacht und örtliche Polizei ihre Zweifel für sich behalten hätten, wären wir nicht eingespannt worden. Ich bin zurzeit um jeden Fall froh, den wir nicht bearbeiten müssen. Wie auch immer, ändern können wir es ohnehin nicht mehr. Der Argentinier jedenfalls war Gast im Hotel Schatzhauser.«

Beim Stichwort »Schatzhauser« musste Berger sofort an Wilhelm Hauffs berühmtes Schwarzwaldmärchen denken. Noch immer konnte er den berühmten Vers auswendig, mit dem Peter Munk das Glasmännlein ruft: »›Schatzhauser im grünen Tannenwald, bist schon viel hundert Jahre alt. Dir gehört all’ Land, wo Tannen stehn, lässt dich nur Sonntagskindern sehn.‹«

Der Kripochef schaute ihn verblüfft an.

Berger entschuldigte sich und fing an zu dozieren: »Sagen Sie bloß, das kennen Sie nicht? Wilhelm Hauff – ›Das kalte Herz‹. Schatzhauser ist ein alter, guter Geist, der den bösen Holländer Michel bekämpft und dafür sorgt, dass der Munk Peter sein richtiges Herz zurückbekommt. Er ist wie ein beschützender Vater und eine moralische Instanz, die verhindert, dass man auf die schiefe Bahn gerät. Schatzhauser steht für sozialen Umgang und Respekt.« Berger besann sich, dass er nicht in einem Literaturseminar saß mit dem Thema »Bedeutung des Märchens ›Das kalte Herz‹ für die spätkapitalistische Gegenwart«.

Winker sagte nur: »Sie sind der Literaturexperte im Haus.«

Berger galt unter Kolleginnen und Kollegen als belesener Mensch und als kulturgeschichtliche Institution, obwohl er nur wenige Semester Germanistik studiert hatte. Aber er war der Literatur treu geblieben, ausgenommen die Zeit der Zusammenbrüche und der Rekonvaleszenz.

Winker musste sich nach Bergers kurzem Ausritt in die Literatur offenbar erst einmal sammeln und fragte: »Über was haben wir gerade gesprochen?«

»Sie haben mir gesagt, dass ich einen Unglücksfall in der Nähe des Mummelsees untersuchen muss.« Dass man Winker so aus der Fassung bringen konnte!

»Richtig.« Winker schien den Gesprächsfaden wiedergefunden zu haben. »Ich muss gestehen, ich habe noch nie etwas von diesem Hotel gehört oder gelesen.«

Berger ging es genauso.

»Sie fahren noch heute zu dem Hotel. Die Anfahrt ist im Navi Ihres Dienstfahrzeugs und auf Ihrem Smartphone gespeichert. Wir haben ein Zimmer im Hotel für Sie gebucht, sicherheitshalber für zwei Übernachtungen. Es ist zwar nicht weit bis dort, aber so können Sie sich in aller Ruhe umsehen und sich auch ein Bild vom Hotel machen. Morgen früh bekommen Sie Unterstützung von Kollegin Tamara Bieger. Für sie ist eine Übernachtung reserviert. Ich denke, dass Sie beide den Fall schnell abschließen können. Die Protokolle von Bergwacht und örtlicher Polizei finden Sie auf Ihrem Smartphone und auf Ihrem Tablet. Die Leiche des Argentiniers ist noch in der Rechtsmedizin in Karlsruhe. Wir haben die argentinische Botschaft verständigt. Über sie läuft alles Organisatorische. Auch die Presse hat eine kurze Notiz bekommen, bisher aber nicht weiter nachgefragt. Sie können den Fall ungestört untersuchen. Alles Weitere, zum Beispiel den Plan zu Ihrer Wiedereingliederung, erfahren Sie von Röschen. Dienstausweis und Dienstwaffe liegen im Vorzimmer für Sie bereit.«

Die ganze Zeit hatte Winker monoton und kraftlos gesprochen. Er beendete seinen Vortrag und Berger wollte schon aufstehen. Doch der Kripochef war nicht fertig. »Ich will noch einmal kurz die Soko Gifiz ansprechen.«

Winker stockte, als ringe er um Worte. Berger verspürte in sich eine Unruhe. Was war nur mit Winker los?

Der Kripochef richtete sich auf und sagte mit noch leiserer Stimme: »In den ChrisTer-Fällen gibt es etwas Merkwürdiges, das mir Sorgen bereitet. Ich will in Ruhe mit Ihnen darüber reden, wenn Sie den Fall im Hotel Schatzhauser bearbeitet und abgeschlossen haben …« Weiter kam Winker nicht mehr. Er sackte ohnmächtig in seinem Stuhl zusammen.

»Winker, was ist los?« Berger sprang auf, rannte zur Tür, riss sie auf und schrie: »Schnell, den Notarzt. Winker ist zusammengebrochen. Schorschi an der Pforte muss das Tor entsichern und aufmachen. Wo ist der verdammte Defibrillator?«

Röschen hatte schon das Telefon am Ohr. »Aus der Tür raus, gleich rechts.«

Berger löste den Defibrillator von der Wand und rannte zurück in Winkers Büro. Er schaltete das Gerät ein, zog Winker vorsichtig aus dem Sessel und legte ihn auf den Boden, machte sein Hemd mit einem Ruck auf und legte die Klebeelektroden des Defibrillators an. Das Gerät kontrollierte selbstständig die Herzströme. Es zeigte an, dass ein Elektroschock nötig war. Berger drückte den entsprechenden Knopf. Der Schock zeigte überraschend schnell Wirkung.

Winker kam wieder zu sich.

Berger hatte sich auf größere Komplikationen eingestellt. »Alles wird gut. Bleiben Sie ruhig. Gleich kommt Hilfe.« Berger redete beruhigend auf Winker ein und hielt seine linke Hand. Bald erklang das Martinshorn des Krankenwagens und wurde immer lauter. Der Notarztwagen erweiterte das Klangbild. Nach kurzer Zeit hörte Berger die Stimmen der Retter und von aufgeregten Kolleginnen und Kollegen auf dem Gang. Er war froh, als er die Verantwortung abgeben und Winkers Hand loslassen konnte, blieb aber im Raum.

Als der Notarzt und die Sanitäter fertig waren, klopfte der Notarzt Berger auf die Schulter. »Ihre schnelle Reaktion hat ihm das Leben gerettet.«

»Und, wie sieht es aus?«

»Gut, denke ich. Den Umständen entsprechend. Natürlich muss er ordentlich untersucht werden. Er wird wieder auf die Beine kommen, wenn nichts Schlimmeres entdeckt wird. Wenn Sie länger als drei Minuten gebraucht hätten, stände es jetzt schlecht um ihn. Nicht jeder Mensch reagiert im Notfall so wie Sie. Ein Profi hätte es nicht besser gemacht.«

Sie legten Winker auf eine Trage und brachten ihn vorsichtig aus dem Raum. Berger musste sich erst einmal setzen. Die Spannung fiel von ihm ab. Der erste Tag der Wiedereingliederung fing ja gut an.

Rosemarie Schöntal kam ins Zimmer, mit Tränen in den Augen. »Wird er wieder gesund?«

»Der Arzt sagt, er komme wieder auf die Beine.«

»Wollen Sie einen Kaffee?«

»Gerne. Möglichst stark.« Den Neustart im Dienst hatte sich Berger anders vorgestellt. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen, so geschockt war er. Gleichzeitig spürte er, dass ihm das Lob des Notarztes guttat. Dass er instinktiv das Richtige getan hatte, ohne lang zu überlegen, konnte Berger nicht begreifen.

Die Assistentin stellte den Kaffee auf Winkers Schreibtisch. »Was wird jetzt aus ihm? Kommt er in den Dienst zurück?«

»Ich kann Ihnen das nicht beantworten. Ich bin kein Arzt. Der Notarzt hat mir nur gesagt, es sehe gut aus. Das heißt noch nicht, dass er wieder arbeiten kann. Außerdem muss Winker das selbst entscheiden. Da kann man nur abwarten.« Sprach er von Winker oder über sich selbst?

Kolleginnen und Kollegen drängten in den Raum und wollten Einzelheiten wissen. Sie fragten nicht einmal, wie es Berger nach der langen Auszeit ging, so spannend und aufregend war dieser Moment. Mechanisch erzählte Berger, was passiert war, während sich in seinem Kopf Winkers bedeutungsschwerer Satz »In den ChrisTer-Fällen gibt es etwas Merkwürdiges, das mir Sorgen bereitet« Wort für Wort festsetzte. Sein Kaffee wurde in der Zwischenzeit kalt.

Kapitel 3

Beinahe hätte Alban Berger die Abfahrt zum Hotel Schatzhauser verpasst. Das kleine Schild, das den Weg wies, war nicht gut zu sehen, vor allem nicht bei diesen Lichtverhältnissen in der beginnenden Dämmerung. Die alte Schrift erschwerte zusätzlich das Lesen. Das Hotel schien keine Gäste anlocken zu wollen.

Er war viel zu spät dran. Der Zusammenbruch von Kripochef Winker hatte den ganzen Tagesablauf verändert. Zu Hause hatte er schnell seine Sachen zusammengepackt und Ariane einen Zettel hingelegt, dass er dienstlich für zwei Tage im Hotel Schatzhauser untergebracht sei. Sie führten seit Monaten eine »verzettelte« Beziehung. Wenn etwas zu erledigen oder mitzuteilen war, schrieben sie es auf ein Blatt Papier oder einen ausgedienten Briefumschlag und platzierten die Information mitten auf dem Esstisch.

Berger trat fest auf die Bremse und lenkte in letzter Sekunde den Wagen nach links auf einen Weg. Schotterstraße mit wassergebundener Decke, schoss es ihm durch den Kopf, so hieß dieser Straßenbelag im Fachjargon und wurde nur bei Wegen mit geringer Verkehrsbelastung aufgebracht, zum Beispiel bei Waldwegen. Das hatte Berger von seinem Bruder Harald gelernt, der Spezialist für Geodäsie, Geodateninformation und Berater von Gemeinden und Landkreisen war.

Bergers schnelles Abbiegen und seine kurze Unaufmerksamkeit brachten den Wagen ins Rutschen, aber er konnte ihn rechtzeitig abfangen und zum Stehen bringen. Allerdings würgte er den Motor ab. Er schaltete aus und wieder ein und fuhr vorsichtig weiter. Langsam musste er es angehen lassen, wie überhaupt alles in seinem Leben nach der Rekonvaleszenz. Was hieß denn Rekonvaleszenz? Dass er in der Endphase der Heilung war. Noch nicht gesund und noch nicht wiederhergestellt. In jeder Faser seines Körpers, in jedem Muskel und im Kopf spürte er das. Aber er war auf dem Weg zu seinem ersten Auftrag. Ein leichter Fall für den Wiedereinstieg.

Ein lauter Schlag unter seinem Auto riss ihn aus den Gedanken. Vermutlich war er über einen Stein gefahren. Konzentriere dich auf die Straße und stoppe deine dunklen Gedanken, beschwor er sich. Die Straße war nicht breit, hatte allerdings in regelmäßigen Abständen unterschiedlich große Ausweichbuchten. Sie schlängelte sich durch einen dichten Tannen- und Fichtenwald, der zum Namen »Schatzhauser« passte.

Nach einer weiteren Biegung musste er erneut scharf bremsen und traute seinen Augen kaum. Hatte er einen Tagtraum?

Vor ihm stand mitten auf der Straße ein großer Wolf und machte keine Anstalten, zu fliehen. Noch nie war er einem Wolf so nahegekommen. Nur einmal hatte er aus sicherer Entfernung Wölfe im Bärenpark bei Bad Rippoldsau-Schapbach beobachtet. In den etwas besseren Zeiten der letzten Monate, wenn die alte Leselust wie eine zarte Frühlingsblume leise erwacht war, hatte er sich unter anderem mit der Debatte über die Wiedereingliederung des Wolfes befasst. Wiedereingliederung! Eingliederungsmanagement für Wölfe! Wie viel Zeit bekam der Wolf, um sich wieder einzugliedern? Drei Monate, sechs Monate, ein Jahr, hundert Jahre? War der Wolf auch ein Rekonvaleszent? Seine Krankheit war doch der Mensch, der ihn in Deutschland ausgerottet hatte. Jetzt, da er zurückkam, fand er ganz andere Lebensräume vor, die nicht mehr seiner Natur entsprachen. Berger fragte sich, ob er auch in einen Lebensraum zurückkehrte, der nicht mehr für ihn geschaffen war. Er fand Wölfe wunderschön, hatte aber großes Verständnis für die Landwirte, die um ihre Schafe, Ziegen und Rinder fürchteten. Der Wolf lebte nun einmal nicht vegetarisch.

Während Berger seinen Gedanken freien Lauf ließ, stand der Wolf unbeweglich da, den Schwanz hatte er nach oben gestreckt, sein starrer Blick richtete sich auf das unbekannte Objekt auf der Straße, die Ohren waren nach vorn gestellt. Das Tier strotzte vor Selbstbewusstsein. Handelte es sich um jenen Wolf, der seit längerer Zeit den Nordschwarzwald durchstreifte? Berger zog sein privates Smartphone aus der linken Brusttasche, klappte den schwarzen Schutz auf und ließ vorsichtig das Seitenfenster herunter. Kalte Waldluft wehte ihm entgegen. Langsam streckte er sich aus dem Fenster und drückte mehrfach auf den Auslöser der Kamera. Der Wolf, dem die Kamerablitze nichts auszumachen schienen, neigte kurz seinen Kopf und richtete ihn wieder auf. Berger schätzte, dass das Tier eine Schulterhöhe von mindestens 75 Zentimetern hatte, wenn nicht noch mehr. Die Schulterhöhe der größten Wölfe betrug 80 Zentimeter, sie lebten im Norden Russlands, in Kanada und Alaska. War es wahrscheinlich, dass Wölfe von Russland bis nach Deutschland wanderten? Eher nicht, wenn die Wolfexperten recht hatten. Er schaute auf die Bilder, die er vom Wolf geschossen hatte. Sie waren erstaunlich gut. Eigentlich müsste er den Wolf den zuständigen Behörden melden, wollte sich das aber noch überlegen. Vielleicht leitete er die Fotos im Hotel weiter, wenn er eingecheckt hatte.

Berger klappte sein Smartphone zu und sah auf. Der Wolf war verschwunden – wie eine übernatürliche Erscheinung. Aber seine Fotos bewiesen, dass er sich nicht getäuscht hatte. Um ganz sicherzugehen, schaute er sie noch einmal an. Sie ließen keinen Zweifel zu. Er war einem Wolf begegnet, einem erstaunlich großen Wolf.

Als er weiterfuhr, schloss er das Fenster und versuchte, sich besser als bisher auf die Straße zu konzentrieren. Erst jetzt fiel ihm auf, dass an den Straßenrändern und im Wald noch angetauter Schnee lag. Der Weg zum Hotel zog sich endlos hin. Als er die gefühlt hundertste Kurve hinter sich ließ, staunte er.

In rund 200 Metern Entfernung stand ein riesiges, dreieinhalbgeschossiges Haus. Dezente Außenbeleuchtung machte aus dem Gebäude ein unheimliches Gebilde. Berger steuerte auf den halbrunden Parkplatz zu, der sich links vom Hotel befand. Es waren nicht alle Plätze besetzt. Langsam stieg er aus, holte seine schwarze, lederne Reisetasche mit Bügelverschluss aus dem Kofferraum, schloss den Wagen ab und ging zum Eingang. Über der Holztür stand in kräftigen alten Lettern »Hotel Schatzhauser«. Die Schriftart, die auch den Wegweiser zum Hotel geziert hatte, kam Berger bekannt vor. Sie zeichnete sich durch eckige Buchstaben und einen gebrochenen Schreibfluss aus. Es fiel ihm aber nicht sofort ein, wie sie hieß. Auf jeden Fall zog sie die Aufmerksamkeit auf sich und erinnerte an alte Zeiten. Die Eigentümer schätzten offenbar die Vergangenheit.

Er zog die schwere Tür mit Holzgriff auf, was nicht so einfach war. Gastfreundlich wirkte das nicht. Schwabacher! So hieß die Schriftart! Alte Schwabacher Schrift. Sie passte zu dem Namen »Schatzhauser«. Die Schwabacher war im 15. Jahrhundert entstanden. 1498 hatte sie Albrecht Dürer für seine 15 Holzschnitte zur Offenbarung des Johannes verwendet. Obwohl sie mit der Zeit von anderen Schriftarten verdrängt worden war, hielt sie sich bis ins 20. Jahrhundert. 1941 verboten die Nationalsozialisten die offizielle Verwendung der Schriftart und bezeichneten sie als »Schwabacher Judenlettern«. Berger erinnerte sich, dass er eine alte Ausgabe von Wilhelm Hauffs »Das kalte Herz« in der Schwabacher Schrift gelesen hatte.

Der Empfang im Hotel war so kühl wie die Waldluft in der Dämmerung. An der Rezeption nannte er seinen Namen, legte seinen Dienstausweis vor und sagte, dass für ihn ein Zimmer für zwei Nächte reserviert sei.

Der Mann an der Rezeption schaute ihn misstrauisch an. »Guten Tag, wir wissen Bescheid. Ihr Zimmer befindet sich im zweiten Stock, Nummer 21. Bitte füllen Sie den Meldezettel aus.«

Berger beeilte sich mit der Formalität und überreichte dem Mann wortlos das Papier. Wie um einen bösen Geist abzuwehren, streckte ihm der Mann eine gemaserte Holzkugel entgegen, an der zwei Schlüssel hingen, einer für das Zimmer und einer für die Eingangstür. Berger nahm die Kugel aus einer feuchten und kalten Hand entgegen.

»Sie können auch den Aufzug nehmen.«

»Nein, danke«, sagte Berger, »ich schaffe es über die Treppe«, und machte sich auf den Weg in den zweiten Stock. Trotz des gedämpften Lichts in den Gängen, fand er schnell das richtige Zimmer. Es lag über dem Eingangsbereich. Beim Öffnen der Tür schlug die Holzkugel wild hin und her. Mehrmals traf sie die Zimmertür. Falls er sehr spät in sein Zimmer zurückkehrte, durfte er die Holzkugel nicht so schwingen lassen. Als er sich umblickte, musste er zugeben, dass ihm der Raum gefiel. Auf dem hölzernen Schreibtisch lagen Prospekte, obenauf ein Flyer mit der Überschrift »Das Schatzhauser – ein Hotel aus echter Weißtanne«. Daneben mehrere Informationsblätter gleichen Inhalts, aber in verschiedenen Sprachen. Er schaute sich den deutschen Flyer genauer an.

»Sehr geehrte Gäste, unser Haus fühlt sich dem Erhalt der Schöpfung verpflichtet. Deshalb haben wir uns entschieden, das Hotel ausschließlich mit dem Holz des Schwarzwaldes zu bauen, mit der Weißtanne, der wichtigsten natürlichen Nadelbaumart dieser Region. Sie ist ein Symbol ewiger Lebenskraft, ein Sinnbild für Schönheit, Stärke und Größe und strahlt Achtung und Würde aus.

Unser Haus besteht aus nachwachsenden Rohstoffen. Dübel aus dem Holz der Rotbuche halten alles zusammen. Diese Rohstoffe binden zu 100 Prozent CO2 und schützen so unsere Erde. Das Holz verbreitet in den Innenräumen ein angenehmes Klima und einen wunderbaren Geruch. Es gleicht die Feuchtigkeit aus und ist bei Berührung immer warm. Schindeln der einheimischen Fichte bilden die Außenhaut unseres Hauses. Im Abendlicht strahlt unser Hotel eine ganz besondere Atmosphäre aus.

Den Namen ›Schatzhauser‹ haben wir bewusst gewählt. Schatzhauser ist der gute Geist des Schwarzwaldes, der vor dem Bösen bewahrt und den Tannenwald und seine Bewohner beschützt. Wir haben in diesem naturgerechten Haus alles so eingerichtet, dass Sie entspannen und in sich ruhen können. Wir legen größten Wert darauf, dass Sie sich nicht gestört fühlen, und wünschen Ihnen einen unvergesslichen Aufenthalt.«

Der Flyer war reich bebildert und zeigte das »Schatzhauser« aus unterschiedlichen Perspektiven. Auf der Rückseite befand sich nur ein Foto, das Hotel im Abendlicht. Es strahlte tatsächlich eine besondere Atmosphäre aus. Als wohltuend empfand Berger diese Atmosphäre aber nicht. Sie hatte etwas Unheimliches. Aber vielleicht verstellte ihm seine Skepsis den Blick auf die Ästhetik des Hotels. Er strich langsam mit seiner rechten Hand über die Wand am Nachttisch. Das Holz fühlte sich tatsächlich warm an.

Berger öffnete seine Bügeltasche und räumte seine Sachen in den begehbaren Wandschrank ein. Die Dienstpistole schloss er im Safe ein und bereitete sich auf die Befragung des Personals und der Gäste vor.

Die Befragungen konnte er nur teilweise führen. Einige der Gäste waren noch unterwegs und kamen vermutlich erst spät zurück ins Hotel, hieß es jedenfalls an der Rezeption. Berger konnte immerhin in Erfahrung bringen, dass der Argentinier so gut wie keinen Kontakt mit anderen Gästen hatte, pünktlich morgens um 8 Uhr zum Frühstück erschienen war, um 12.30 Uhr zum Mittagessen und um 19.30 Uhr zum Abendessen. Am Nachmittag hatte er lange Spaziergänge gemacht, niemand wusste, wohin. Wobei Berger dieser Aussage nicht traute. Wenn der Argentinier im Hotel geblieben war, hatte er sich auf seinem Zimmer, in der Bibliothek oder, bei entsprechender Witterung, auf dem Balkon aufgehalten und eine Zigarre geraucht, einen Cognac und meist noch einen doppelten Espresso getrunken.

Die Angestellten verhielten sich bei der Befragung so zurückhaltend, dass man es als Abwehr interpretieren konnte. Berger hätte genauso gut mit den Holzwänden des Hotels sprechen können. Was hatten sie zu verbergen? Alle ausländischen Gäste waren ebenfalls kurz angebunden. Das lag wahrscheinlich nicht an seinem Schulenglisch, vermutete Berger. Auf der Gästeliste standen neben einigen Südamerikanern auch zwei Deutsche und ein Schweizer. Die deutschen Gäste waren angeblich auswärts. Und der Schweizer gab vor, er sei erst vorgestern angereist. Laut Gästeliste war er aber schon vor fünf Tagen angekommen. Warum hatte er ein falsches Datum genannt? Oder hatte er sich einfach vertan?

Die Befragungen erwiesen sich insgesamt als Fehlschlag. Sie waren zwar nicht entscheidend für die eigentliche Untersuchung des Unglücks, warfen aber ein seltsames Licht auf das Hotel, das Personal und die Gäste. Als Berger mit allen, die zur Verfügung standen, gesprochen hatte, wurde ihm an der Rezeption der Zimmerschlüssel des Argentiniers ausgehändigt. Die Geschäftsführung sei nicht zu erreichen, hieß es. Er hätte sich gerne mit der Geschäftsführung unterhalten, wurde aber vertröstet. Erzwingen konnte er einen Gesprächstermin nicht. Er hatte ja nur den Auftrag, zu prüfen, ob beim Sturz des Argentiniers ein Fremdverschulden auszuschließen war. Dazu musste er an den Unglücksort. Den konnte er zusammen mit Tammy erst bei Tageslicht untersuchen.

Also nahm sich Berger zunächst das Zimmer des Toten vor. Zwei große Koffer standen links neben der Tür. Das Bett war frisch bezogen, im Badezimmer alles abgeräumt. Auf dem Schreibtisch im Wohnbereich lagen zahlreiche CDs, obenauf Robert Schumanns Opus 35: »12 Gedichte, Sehnsucht nach der Waldgegend«, ein CD-Spieler, ein Kopfhörer, einige Bücher in deutscher und spanischer Sprache, ein großes Etui, das sich als Zigarrenkiste entpuppte, und ein Behälter, in dem Besteck für Zigarren lag. Berger öffnete beide Koffer, die überwiegend Wäsche enthielten. Er breitete den kompletten Inhalt auf dem Bett aus, fand aber nichts Aufregendes oder Verdächtiges.

Das, worauf es ihm vor allem ankam, entdeckte er nicht: moderne Kommunikationsmittel. Heute reiste doch kaum jemand ohne Smartphone, Notebook oder Tablet! Er untersuchte die Koffer nach Zwischenräumen. Nichts. Berger rief den Zimmerservice und fragte, warum hier alles aufgeräumt sei. Das habe die Geschäftsführung so angeordnet. Auch die Koffer müssten bald weg. An ein Smartphone oder ein Notebook oder ein Tablet erinnerte sich der Mann vom Zimmerservice nicht.

Berger hatte sich für 20.45 Uhr zum Abendessen eintragen lassen, was die Rezeption wegen der späten Uhrzeit missbilligend aufgenommen hatte. Aber die Küche hatte bis 21.30 Uhr geöffnet, so stand es jedenfalls im Prospekt. Bei den Befragungen hatte er von einer Bedienung erfahren, dass der Argentinier einen Tisch in einer Ecke des Speisesaales bevorzugt hatte, von dem aus man alles beobachten konnte. Diesen Tisch ließ er sich reservieren. Die Bedienung hatte in dem Gespräch einen verängstigten Eindruck gemacht. Hatte sich der Argentinier verfolgt gefühlt?

Bis zum Abendessen hatte Berger noch fast eine Stunde Zeit. Die Pause nutzte er, um sich in der Bibliothek umzusehen. Morgen vor dem Frühstück wollte er alle Stockwerke des Hotels anschauen. Die Bibliothek befand sich im Untergeschoss. Mit einer Handbewegung hatte ihm der Mann an der Rezeption den Weg gezeigt. Langsam ging Berger die breite Holztreppe hinunter, die mit einem dicken dunkelgrauen Teppich ausgelegt war, der jedes Geräusch schluckte. Die Betreiber des Hotels, die in ihrem Prospekt die Stille priesen, trieben die Lautlosigkeit auf die Spitze. Am Ende der Treppe befanden sich rechts die Toiletten, gegenüber zwei Privaträume. Ein Stück weiter passierte Berger einen Raum, an dem ein Schild mit der Aufschrift »Meditation« angebracht war. Es folgten links ein Gebetsraum und rechts ein Seminarraum. Der Gang endete an der Bibliothek. Er drückte die Klinke.

Lautlos schwang die Tür auf und gab den Blick frei auf einen riesigen Raum, der an den Wänden voll von Büchern war, vom Boden bis zur Decke. Alles war ausgefüllt mit kerzengerade aneinandergereihten Büchern, die stolz ihren Rücken präsentierten. In jeder Ecke standen ein Sessel und ein Lesetisch mit einer nostalgischen Lampe. An jeder Wand war eine Leiter aus Holz angebracht, die man an einer Stange hin- und herschieben konnte. Zahlreiche Lämpchen leuchteten den Raum so aus, dass man die Bücherrücken gut betrachten konnte. Trotzdem wirkte das Licht unaufdringlich. Auf den ersten Blick schon sah Berger, dass es sich um wertvolle Bücher handelte. Es mussten mehrere Tausend sein. Solch einen ungewöhnlichen und gepflegten Bestand hatte er bisher nur in einem Antiquariat in Freiburg gesehen, in der Salzstraße.

Eine Wand war ausschließlich mit religiösen Werken und Bibelausgaben bestückt. Alle Bücher auf dieser Wandseite zeigten kaum oder gar keine Gebrauchsspuren auf dem Rücken, zumindest auf den ersten Blick. Berger ging die Reihen durch. In der vierten von unten fiel ihm eine Ausgabe besonders auf, die ihm bekannt vorkam. Er zog sie vorsichtig heraus. Kein Wunder, dass sie ihm aufgefallen war: eine Elberfelder Bibel von 1905. Eine solche Ausgabe hatte bei den ChrisTer-Fällen in der Soko Gifiz eine Rolle gespielt. Berger blätterte in dem alten Buch. Es war doch nicht so unversehrt, wie er vermutet hatte. Ein Blatt war herausgetrennt. Berger blätterte weiter und entdeckte, dass ein zweites Blatt fehlte.

»Was tun Sie hier?«, fragte eine scharfe, unangenehme Stimme, die einen leicht schrillen Unterton hatte.

Berger ließ sich nicht anmerken, dass ihn die Stimme erschreckt hatte, und drehte sich langsam um. Eine schlanke, hagere Gestalt, so groß wie er, mit einem strengen Gesicht und angegrauten kurzen Haaren stand vor ihm wie eine Bedrohung. »Sie sehen doch, dass ich mich für die Bücher interessiere. Das ist eine Bibliothek, die für alle Gäste offen ist, nehme ich an. Oder täusche ich mich? Habe ich ein Verbotsschild übersehen?«

Keine Antwort. Berger zog seinen Dienstausweis aus der Hosentasche und zeigte ihn dem Mann in schwarzen Schuhen, schwarzer Leinenhose und einem dicken schwarzen Rollkragenpullover.

»Hat Ihr Aufenthalt hier unten etwas mit Ihren Ermittlungen im Hause zu tun?«

Er war also doch nicht völlig verstummt. Und voll informiert.

»Vielleicht eher mit meinem Interesse für alte Bücher und besondere Ausgaben. Allerdings hat sich, so viel ich erfahren habe, der verunglückte argentinische Gast oft hierher zurückgezogen. Insofern hat mein Besuch auch mit den Ermittlungen zu tun. Aber davon abgesehen: In Bibliotheken entdeckt man immer wieder Neues und ungeahntes Altes. Manche Bücher offenbaren mehr Geheimnisse, als man denkt.«

Ob der Mann die Anspielung verstand?

»Aber ich schaue mich in allen Räumen des Hauses um, in denen sich Ihr verstorbener argentinischer Gast aufgehalten hat. Das ist reine Routine, seien Sie beruhigt. Und wenn ich so wunderbare Bücher sehe, ist es aus mit der Routine. Reicht Ihnen das als Erklärung?«

Der Schwarzgekleidete antwortete nicht, sondern verließ geräuschlos den Raum.

Berger blätterte wieder in der alten Elberfelder Bibel. Fast eine Viertelstunde beschäftigte er sich mit dem Buch. Zu seiner Überraschung blieb es nicht bei den fehlenden zwei Blättern. Insgesamt elf waren fein säuberlich herausgetrennt worden. Warum tat jemand so etwas? Er hasste es, wenn Bücher geschändet wurden. Berger notierte sich die fehlenden Seiten in seinem kleinen Notizbuch. Er fragte sich, warum ausgerechnet elf Blätter aus der alten Bibel gerissen worden waren. Hatte die 11 eine besondere Bedeutung? Wenn er wieder im Präsidium war, wollte er sich mit den fehlenden Blättern und der Zahl Elf beschäftigen, schließlich sollte er wieder in der Soko Gifiz arbeiten.

Auf jedem Lesetisch lag ein Programmheft in der Schwabacher Schrift. Auf der Vorderseite stand nur »Erbaulichkeit«. Auf den zwei Innenseiten waren Seminare und Referate für das erste Halbjahr aufgelistet. Ein Referat fiel Berger besonders auf. »Staat ohne Tapferkeit, Referent: Dr. Theobald Lenzen, ehemaliger Landesbischof.« Was wollte ein ehemaliger Bischof über einen mutlosen Staat erzählen? Das Referat war schon im März gehalten worden. Berger nahm das Programm mit und wollte sich später ausführlich mit den Seminaren und Referaten und vor allem den Referenten beschäftigen. Das Abendessen wartete auf ihn.

Er saß am Lieblingstisch des Argentiniers und blickte in den Raum. Nur die Hälfte der Tische war besetzt. Die Gäste unterhielten sich in ruhigem Ton, der kaum zu den anderen Tischen durchdrang, ganz im Sinne der Hotelleitung. Auf eine Beschallung des Raumes durch Hintergrundmusik wurde verzichtet, was Berger sehr begrüßte. Ein Kellner brachte ihm die Speisekarte. Die Rückseite zeigte das Hotel im Abendlicht, wie auf dem Flyer. Er klappte die großformatige Karte auf. In Spanisch, Portugiesisch, Englisch und Deutsch erklärte das Haus die Philosophie der Küche: »Die Kochkunst des Hotels Schatzhauser beruht auf dem Kreislauf der Schöpfung. Achtsamkeit steht bei uns im Vordergrund. Auf unserem Speiseplan finden Sie natürliche und biologische Produkte der Saison und der Region. Wir bereiten sie liebevoll und mit höchster Wertschätzung der Natur zu. So schaffen wir einen einzigartigen Geschmack, der Körper und Geist stärkt sowie die Kraft und die Einzigartigkeit der Schöpfung zur Geltung bringt.« Berger war erstaunt über das Angebot und gespannt, ob die Küche das Versprechen halten konnte.

Nach dem köstlichen, aber doch gewöhnlichen Abendessen eines guten Restaurants, legte sich Berger auf sein Bett und las die Referentenliste im Programmheft. Auf seinem Tablet recherchierte er nach Dr. Theobald Lenzen, dem ehemaligen Landesbischof. Lenzen hatte sich während seiner Studienzeit journalistisch betätigt, in Zeitschriften der Neurechten. Nach Examen und Doktorarbeit hatte er sich hochgearbeitet bis zum Bischof einer ostdeutschen evangelischen Landeskirche. Er bezeichnete sich als Kontrapunkt zum liberalen Mainstream in der Kirche. Seinen Aufstieg verdankte er unter anderem seinem Redetalent. Obwohl er gegen die Ehe für alle kämpfte, von der Aufweichung des Staates sprach, die offene Gesellschaft infrage stellte, mehr Gottesbezogenheit und mehr Abgrenzung in der Kirche und zu anderen Religionen forderte, war er zum Bischof gewählt worden. Als Artikel aus seiner Vergangenheit aufgetaucht waren, die seine rechte Haltung belegten, und es in der evangelischen Kirche zu rumoren begonnen hatte, war er zurückgetreten. Schuldbewusstsein zeigte er nicht. Er warf seinen Kritikern Hetzkampagnen vor und Feigheit vor der Auseinandersetzung um den richtigen Weg der Kirche. Der Rücktritt war für Lenzen jedoch kein Abschied von der öffentlichen Bühne. Er nutzte seine neu gewonnene Freiheit, trat als Redner und Vordenker eines strengen Protestantismus auf und füllte die Säle. Als habe man auf ihn gewartet. Ein Kommentator schrieb, die Menschen lechzten geradezu nach seinen Worten und Botschaften.

Auch die anderen Referenten auf der Liste, darunter evangelische und katholische Theologen, Politiker und ein Amerikaner, der verschiedene Regierungen beraten hatte, vermittelten in ihren Beiträgen ein ähnliches Welt- und Menschenbild wie der ehemalige Bischof: Stopp der Masseneinwanderung von Muslimen, Kampf gegen die gottlose Gesellschaft der liberalen Eliten auf der Welt, Rückkehr zu den wahren christlichen Werten. Der Amerikaner war als letzter Referent des ersten Halbjahres vorgesehen. Sein Thema: »Gladiatoren einer neuen christlichen Kultur«.

Alle Referenten, die Berger im Netz ausfindig machen konnte, beriefen sich nicht auf jüdisch-christliche Traditionen und Werte des Abendlandes, sondern nur auf christliche. War das »Schatzhauser« eine heimliche Ideologie- und Kaderschmiede? Ihn fröstelte, er klappte das Tablet zu, trank einen Schluck Wasser, machte das Licht aus und schlüpfte unter die Bettdecke. Gleich wurde ihm wieder wärmer.

Kapitel 4

Die Balkontür stand offen. Frische Morgenluft zog herein, ein leichter Wind blähte den Vorhang etwas auf. Er hatte überraschend gut geschlafen. Nicht ein einziges Mal war er aufgewacht, bevor der Wecker seines privaten Smartphones ihn aus dem Schlaf holte. An Träume konnte er sich nicht erinnern. War die Nacht der erste Schritt zur allgemeinen Besserung seines Zustandes, nicht nur zur punktuellen? Oder hatte die Waldluft seinen Körper und seinen Geist »gereinigt«? Oder hatte die »achtsame« Kochkunst doch Wirkung gezeigt?

Gleich nach dem Aufstehen sah sich Berger vor und hinter dem Haus um. Der Weg, auf dem er gekommen war, endete am Hotel. Gestern Abend war ihm das nicht aufgefallen. Rechts hinter dem Haus war eine breit angelegte Garage in den Hang gebaut. Sie war verschlossen. Als er wieder zum Eingang zurückgehen wollte, kam ihm der hagere Mann mit der unangenehmen Stimme entgegen, der ihn gestern in der Bibliothek angesprochen hatte.

»Hinter dem Hotel hat sich der argentinische Gast nie aufgehalten«, sagte er.

»Danke für den wichtigen Hinweis«, antwortete Berger und schlenderte an dem Hageren vorbei. Er stand also unter Beobachtung.

Im Hotel ging er Stockwerk für Stockwerk ab. Unter dem Dach befanden sich links und rechts des Flurs Räume, die nicht zugänglich waren. Ein dickes Seil spannte sich am Treppenaufgang von einer Seite zur anderen, an dem ein Schild hing. In vier Sprachen war darauf zu lesen: »Privat! Durchgang nicht gestattet!« Doch auch von hier unten aus sah Berger ein Stück weit in den Flur mit den angrenzenden Zimmern hinein. Er hätte gerne gewusst, wer die Räume nutzte und wozu. Eine Weile blieb er stehen. Es war nichts zu hören, es öffnete sich auch keine Tür.

Enttäuscht ging er zurück auf sein Zimmer, machte sich Notizen und bereitete sich auf das Treffen mit Tammy vor. Währenddessen hörte er ein Motorrad vorfahren. Dem Sound nach konnte es nur die schwere italienische Maschine von Tammy sein. Sie hatten sich auf 9 Uhr im Frühstücksraum verabredet. Er zog den Vorhang ein wenig zurück und sah, wie Tammy auf den Parkplatz neben sein Dienstfahrzeug rollte und den Motor abstellte. Schwungvoll stieg sie ab und bockte die Maschine mit Leichtigkeit auf, schaute sich kurz um, nahm ihren Helm ab und schüttelte ihr Haar. Anschließend schälte sie sich aus ihrer schwarzen Lederkleidung. Diese »Entpuppung« erregte ihn. Er wartete, bis sie die Lederkleidung ausgezogen und sich in ein anderes Wesen verwandelt hatte, dann verließ er sein Zimmer und ging ihr entgegen.

Draußen vor dem Eingang zum Hotel umarmten sie sich. Tammy hatte wieder dieses bezaubernde Parfüm aufgetragen. Sie schulterte ihren Rucksack, folgte Berger an die Rezeption und checkte ein. Der Empfang fiel so frostig aus wie bei Berger. Im Frühstücksraum suchten sie sich einen Platz, an dem sie sich ungestört unterhalten konnten. Das war nicht schwer, denn es saßen nur wenige Gäste im Raum.

Tammy fragte Berger im Flüsterton: »Sag mal, gibt es hier im Hotel nur Männer?«

»Unter den Gästen, die ich gesehen habe, ist keine einzige Frau. Es gibt aber Toiletten für Frauen.«

»Das heißt, ich bin die einzige Frau im Haus?«

»Bei der Befragung gestern hatte ich mit drei Kellnerinnen zu tun. Der Zimmerservice ist männlich. Wie es mit dem Reinigungspersonal aussieht, weiß ich nicht.«

»Das ist ja mehr als komisch.«

»Das ist nicht das einzig Komische in diesem Haus.«

Sie holten am Buffet Brötchen, Käse, Wurst und Marmelade und ließen sich am Tisch Kaffee einschenken, von einer Frau. Erst als sich die Bedienung zurückzog, begannen sie mit ihrem Gespräch, jedoch so leise, dass niemand mithören konnte. Tammy wollte als Erstes wissen, wie es Berger ging.

»Es geht langsam aufwärts. Aber ich merke, dass ich aufpassen muss. In der Nacht habe ich erstaunlich gut geschlafen. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Normalerweise wälze ich mich stundenlang hin und her und komme immer wieder ins Grübeln.« Fragen nach seinem Gesundheitszustand schmerzten ihn, körperlich und seelisch, auch nach dieser ruhigen Nacht war es nicht anders. Meistens wich er aus, gab eine oberflächliche Antwort oder wechselte schnell das Gesprächsthema.

»Und wie geht’s deiner Frau?«

»Ariane hat sich gut erholt, sehr gut sogar. Sie hat die Krebsoperation ohne Probleme überstanden. Die Ärzte sagen, sie sei vollständig vom Brustkrebs geheilt. Sie geht wieder voll in ihrer Arbeit auf.« Wegen mir, um mein Elend nicht sehen zu müssen, dachte er, sprach es aber nicht laut aus. »An manchen Tagen sehe ich sie nicht einmal am Abend. Sie ist zur Cheflektorin aufgestiegen, was ihr kaum noch Freizeit lässt. Und wie steht es mit dir?« Tammy sah gut aus, als wäre sie gerade aus dem Urlaub gekommen.

»Ich kann mich nicht beklagen. Mein Leben ist gut ausgefüllt, zum größten Teil natürlich beruflich. Ich mache viele Sondereinsätze oder zusätzliche Dienste. Aber ein bisschen Freizeit bleibt immer – und die genieße ich in vollen Zügen.«

»Im Privatleben also alles in Ordnung?«

»Eigentlich schon.« Das klang nicht sehr überzeugend. Tammy sah es an Bergers fragendem Blick. Sie hätte das Wort »eigentlich« nicht benutzen dürfen. Es verhielt sich wie ein Chamäleon und relativierte je nach Zusammenhang eine Aussage. Aber Tammy meinte, noch etwas anderes zu bemerken. Sie hatte das Gefühl, dass Berger etwas loswerden wollte.

»Ich muss oft daran denken, wie du im vergangenen Jahr am Gedenkstein für Georg Rackert beim Gifizsee in Tränen ausgebrochen bist. Seither haben wir uns nicht mehr gesehen. Erinnerst du dich noch? Wie lange ist das jetzt her?«

»Etwas mehr als ein halbes Jahr.«

»Wir waren alle erschüttert: die Schwester von Georg, ihr Partner, du – natürlich auch ich. Ich hätte dich damals gerne etwas gefragt. Aber ich habe nicht den Mut gehabt.«

»Hast du jetzt den Mut?« Sie konnte sich vorstellen, was er fragen wollte.

»Seid ihr tatsächlich ein Paar gewesen, wie im Dienst gemunkelt wurde?«

Warum wollte er das ausgerechnet jetzt wissen? Waren seine Schuldgefühle der Grund? Sie ließ lange mit der Antwort auf sich warten, schnitt ein dunkles Brötchen auf, bestrich es sorgfältig mit Butter und belegte es mit einer Scheibe Bergkäse, biss hinein und kaute betont langsam, bevor sie aufsah. Ihre Augen hatten einen wässrigen Schimmer.

Er hätte sie nicht so direkt fragen dürfen, warf sich Berger vor. Das war kein gelungener Beginn ihres ersten Treffens nach so langer Zeit. Was hatte ihn geritten, eine so intime Frage zu stellen? Gerade wollte er sich entschuldigen, doch da hob sie zu einer Antwort an.

»Das hat dich wohl sehr beschäftigt. Wenn du mich siehst, kommt dir gleich Georg in den Sinn? Du verknüpfst Ereignisse und Menschen und kannst sie nicht mehr trennen. Ist es so?« Sie klang etwas spitz und aufgeregt. »Ja, wir waren ein Paar, wie es viele im Präsidium vermutet hatten. Aber wir haben uns nicht getrennt, denn auch das machte wohl die Runde. So viel zu deiner Frage.« Sie biss wieder in ihr Brötchen und sagte mit vollem Mund: »Wir haben nicht die einfachste Beziehung gehabt. Und wir haben auch nicht zusammengelebt, wie man es von einem normalen Paar erwartet. Jeder hat seine Wohnung gehabt. Seine und meine Eltern haben von unserer Beziehung nichts gewusst. Wir haben uns Zeit lassen wollen. Viel Zeit. Manchmal haben wir uns tagelang nicht gesehen. Und manchmal sogar Wochen. Wie in der Zeit vor seinem Tod.« Sie aß ihr Brötchen vollends auf und wischte sich mit der Serviette den Mund ab.

Berger saß still und geduldig da und wartete ab. Er wollte nichts sagen. Der Schaden, den er soeben angerichtet hatte, war schon groß genug.

»Wenn sich Georg in etwas vergraben hat wie in den Fall der christlichen Terroristen, hat er nichts anderes mehr wahrgenommen. Er hat auf keine Anrufe reagiert, auf keine Mails, auf keine WhatsApp-Nachricht. Nur ein Ziel hat er im Auge gehabt: die Terroristen fassen. Ich habe damals verzweifelt versucht, ihn zu erreichen. Keine Chance. Auch im Präsidium hat er sich in Luft aufgelöst. Auf seine Art ist er ein Fanatiker gewesen. Du hast ihn ja ein Stück weit so erlebt.«

»Ein bisschen. Ich habe ihn aber nicht für fanatisch gehalten, sondern für hartnäckig. Ziemlich hartnäckig sogar. Allerdings habe ich nicht viel von ihm gewusst. Im Dienst haben wir wenig über Privates gesprochen.«

»Als Partner ist er ein faszinierender und liebevoller Mensch gewesen.«

»Entschuldigung.«

»Du musst dich nicht entschuldigen.« Sie wischte sich mit der Serviette die Tränen aus den Augen. Warum hatte Berger ihr diese Frage gestellt, die sie so aufwühlte? Sie verstand sein Verhalten nicht ganz. Fragte er, weil sie nicht zu Georgs Beisetzung eingeladen war? Seine Eltern hatten nichts von ihr gewusst. Oder weil sie damals am Gedenkstein so geweint hatte und beinahe zusammengebrochen wäre? Weil sie beim Blick auf den toten Georg im Amphitheater am Gifizsee scheinbar keine Regung gezeigt hatte? Der Anblick hatte sie geschockt, mechanisch hatte sie ihre Arbeit verrichtet. Zu Hause hatte sie sich auf ihr Bett geworfen und auf das Kopfkissen eingeschlagen, bis es geplatzt war. Sie vermisste Georg. Manchmal schwor sie den Tätern Rache. Solche Gedanken hatte sie früher nie gehabt. Das hätte ihrer Berufsauffassung und ihrem Ethos widersprochen. Aber seit Georgs Tod hatte sich vieles geändert, auch ihre Einstellung zur Rache. Sie wusste, dass Rache nichts anderes war als die bittere Tatsache einer offenen Wunde. Und die Wunde heilte nicht, solange sie an Rache dachte. Aber auch ohne diese Gedanken würde sie sich nicht schließen. Ihr Verstand sagte ihr, dass vollendete Rache vor Gericht als niedriger Beweggrund gewertet wurde. Trotzdem ließ sie die Gedanken immer mehr zu, weil ihre Gefühle etwas anderes sagten. Und ihre Gefühle wurden immer stärker.

Schweigend saßen sich zwei verletzte Menschen gegenüber, aßen ihre Brötchen und tranken ihren Kaffee. Berger kannte diese stummen Szenen von zu Hause. »Stille Messe« nannte das seine Mutter, wenn in der Partnerschaft das Gespräch verstummte.

Nach dem zweiten Brötchen schien sich Tammy gefasst zu haben. Sie erzählte Berger, dass man im Präsidium voller Bewunderung von seiner schnellen Reaktion sprach, nachdem Winker zusammengebrochen war.

»Aber das hätte doch jeder getan«, beschwichtigte Berger.

»Das bezweifle ich. Ich weiß nicht, ob ich das Gerät hätte richtig bedienen können.«

»So schwer ist das nicht. Es erklärt sich fast von selbst. Ich muss jedoch zugeben, dass ich in der Reha Erste Hilfe und die Bedienung des Defibrillators geübt habe.«

»Das hätte ich auch nötig. Jedenfalls sind alle froh, dass Winker durch deine schnelle Hilfe keinen schweren Schaden davongetragen hat. Hoffen wir, dass nichts nachkommt.«

»Wer übernimmt jetzt seine Aufgaben?«

»Vorerst kommissarisch Firner. Übrigens: Zwischen Firner und Winker muss es neulich fürchterlich gekracht haben.« Tammy sprach so, als belaste sie nichts, als hätten sie sich nicht über schmerzhafte Dinge unterhalten. »Winker hat in einer Morgenbesprechung angedeutet, dass er vielleicht bis zu seinem 63. Geburtstag im Dienst bleibt – entgegen seiner ursprünglichen Aussage, vorzeitig mit dem 60. Lebensjahr aufzuhören. Und jetzt will er nichts mehr davon wissen. Da ist Firner wohl der Kamm geschwollen. Alle wissen ja, dass er Kripochef werden will, und zwar möglichst bald. Als dann Winker noch mitgeteilt hat, dass im Offenburger Polizeipräsidium vermutlich in nächster Zeit eine Cold-Case-Gruppe aufgebaut wird, ist Firner geplatzt und hat geschrien, das könne nicht sein in einer Zeit, in der man wenig Personal habe und schwierige Fälle nicht gelöst seien. Und überhaupt frage er sich, wie viele alte Fälle es im Bereich des Polizeipräsidiums Offenburg gebe und ob man die unbedingt in dieser prekären Situation aufklären müsse, in der der Druck auf die Soko so groß sei. Das war natürlich nicht sehr klug. Keiner hätte das von Firner erwartet. Winker hat anscheinend ganz ruhig reagiert und Firner entgegengehalten, dass man alle schwierigen Fälle lösen müsse, auch die der Vergangenheit. Darauf hätten die Angehörigen von Opfern und der Rechtsstaat Anspruch. Es sei gerade für die Angehörigen ungeheuer wichtig, zu wissen, dass der Fall gelöst sei. Das bedeute für sie, Frieden finden zu können. Dutzende schwere Verbrechen im Bereich des Polizeipräsidiums seien bis heute nicht geklärt. Das müsse Firner doch wissen. Dummerweise hat Winker noch einen draufgesetzt und mitgeteilt, dass er in Absprache mit dem Polizeipräsidenten dich zum Chef der Cold-Case-Gruppe machen will.«

»Das hat er mir auch gesagt.«

»Das hat Firner noch mehr in Rage gebracht. Man brauche jeden. Und dass du auf Wiedereingliederung bestehst, hat er überhaupt nicht verstanden. Später hat er wohl in kleinerem Kreis gesagt, wer in dieser schwierigen Zeit nicht auf die Wiedereingliederung verzichte, sei unkollegial und ein Weichei.«

Das war ein Schlag in die Magengrube. Erzählte ihm Tammy das jetzt, weil er vorhin so ungeschickt nach ihrer Beziehung zu Georg gefragt hatte? Sie war doch kein Mensch, der sich mit einer Gegenattacke revanchierte. War das überhaupt eine Attacke? Vielleicht wollte sie ihn nur darüber in Kenntnis setzen, was Firner von ihm dachte. Firner! Sie waren nie Freunde gewesen, sich aber immer mit größtem Respekt begegnet. Warum diese Wende?

»Alban, hörst du mir zu?«

»Ja.«

»Das habe ich alles aufgeschnappt. Ich bin nicht bei der Besprechung gewesen, als Firner und Winker aneinandergeraten sind, sondern bei einer Prüfung.«

»Bei was für einer Prüfung?«

»Super-Recognizer.«

»Super-Recognizer?« Berger konnte es nicht glauben. Er hatte schon öfter von diesen Spezialisten gehört und einiges über sie gelesen, aber nicht viel behalten. Bisher war ihm an Tammy diese seltene Begabung nicht aufgefallen. Aber das hatte nichts zu sagen. »Wie kommst du auf Super-Recognizer?«

»Reiner Zufall. Ich habe gehört, dass auf Landesebene geplant ist, nach dem Beispiel der Münchner Polizei eine Projektgruppe Super-Recognizer aufzustellen. Tja, dann habe ich nachgefragt und mich beworben.«

»Mir ist nur nicht klar, wie du entdeckt hast, dass du für dieses Projekt geeignet sein könntest.«

»Ich habe ein sehr gutes Personengedächtnis und kann Gesichter speichern, um es vorsichtig zu formulieren. Aber so richtig bewusst geworden ist mir das erst jetzt mit dieser Projektgruppe.«

»Hast du ein Training absolvieren müssen?«

»Nein. Trainieren kann man so etwas nicht, ist uns erklärt worden. Aber es gibt Versuchsreihen, Kurz- und Langzeiterinnerungstests, um festzustellen, ob man wirklich diese Begabung besitzt. Ein Psychologe hat uns gesagt, dass nur zwei Prozent der Bevölkerung diese Fähigkeit haben.«

»Und wie läuft so etwas genau ab? Ich meine die Wiedererkennung von Menschen.«

»Also ich hoffe, ich bekomme das noch zusammen, was wir gelernt haben. Das menschliche Gehirn besteht aus Regionen. Bei der Gesichtserkennung arbeiten mehrere Regionen zusammen. Das eigentliche Sehzentrum befindet sich im Hinterhauptlappen. Der Sehnerv im Auge nimmt Informationen auf, das Sehzentrum im Hinterhauptlappen verarbeitet sie und leitet sie an die nachrangigen Sehzentren weiter. Und die wiederum setzen sie so zusammen, dass sich daraus ein dreidimensionales Bild entwickelt. Und mit diesem Bild kannst du vertraute Gesichter wiedererkennen. Selbst aus verschiedenen Blickwinkeln. Besonders wichtig dabei ist der Gyrus fusiformis. Wenn der geschädigt wird, sieht es schlimm aus. Dann kannst du zwar jedes Gesicht als Gesicht erkennen, aber du kannst es nicht mehr dem Menschen X oder Y zuordnen. Und dieser Gyrus fusiformis –«

»Hört sich an wie eine griechische Mahlzeit.«

Tammy ließ sich von Bergers Versuch, witzig zu sein, nicht aus der Ruhe bringen. »… scheint bei Super-Recognizern sehr stark vernetzt zu sein. Aber so ganz genau kennt man die Zusammenhänge noch nicht. Nach den ersten Versuchsreihen haben sie uns erst einmal die Illusion genommen, ein ganz besonderer Menschenschlag zu sein. Wir haben keine übernatürlichen Fähigkeiten. Aber wir sind besser als die Software zur Gesichtserkennung. Das Pech ist, dass unsere Erkenntnisse vor Gericht nicht gelten.«

»Aber euer Beitrag ist entscheidend beim Aufspüren von Verdächtigen.«

»Und genau deshalb will man eine solche Gruppe aufbauen. Die Trefferquote der Münchner Spezialisten ist mit rund 90 Prozent nämlich sehr hoch. Die Erfahrungen in London, dort ist vor zehn Jahren die erste Recognizer-Einheit aufgebaut worden, und in München zeigen, wie effektiv diese Spezialisten sind. Sie können Menschen wiedererkennen, die sie nur ein einziges Mal gesehen haben, zum Beispiel im Vorübergehen. Selbst wenn sich das Aussehen des Betreffenden deutlich verändert hat, können Super-Recognizer ihn nach langen Jahren identifizieren. Sogar spärliche visuelle Informationen wie alte unscharfe Fotos oder Filme und Bilder mit schlechter Auflösung sind kein Hindernis. Nach der Silvesternacht von 2015 hat die Kölner Polizei britische Spezialisten geholt, um übergriffige Täter zu fassen. Und in Hamburg helfen bayerische Recognizer bei der Aufklärung von Straftaten, die während des G20-Gipfels 2017 begangen worden sind. Allerdings: Wenn die Algorithmen für Gesichtserkennung sich weiter verbessern, werden wir wahrscheinlich schnell überflüssig. Dann sind wir nicht mehr weit vom Überwachungsstaat entfernt. Aber so weit ist es noch nicht. Jetzt warte ich die Endausscheidung ab, dann werden wir über unsere Einsätze aufgeklärt. Da bin ich mal gespannt. Möglicherweise werden wir zunächst bei Bundesligaspielen gegen Hooligans eingesetzt.«

»Tammy, ich bin sprachlos!«

»Ich auch, ich kann es noch gar nicht richtig fassen. Ich hätte nie gedacht, dass ich in die Endauswahl komme. Und außerdem: Ich werde wieder studieren. Kriminalpsychologie. Eigentlich ist es ja Rechtspsychologie.«

Warum versetzte ihm das einen Stich? »Gehst du weg?«

»Nein. Das läuft nebenbei, in Heidelberg. Ich pendle hin und her. Das Studium dauert nicht so lange, weil mir die fünf Semester Psychologie angerechnet werden.«

»Und was ist der Grund dafür, dass du doch weitermachst mit Psychologie?«

»Irgendwann habe ich mich gefragt, warum ich das Studium aufgegeben habe.«

Eine Frage, die sich Berger in den letzten Monaten auch gestellt, aber gleich wieder verworfen hatte. Was hätte er mit Germanistik anfangen können?

»Aber die Entscheidung damals war richtig, denn die Polizeiarbeit fesselt mich nach wie vor. Ich will jedoch mehr über Täter und ihre Motive erfahren. Wichtig ist mir auch die Opferforschung. Und die Beziehung zwischen Opfer und Täter.«

»Da kommt ja einiges auf dich zu. Wie sieht es denn in Zukunft mit der Freizeit aus? Du wirst sicher auf vieles verzichten müssen.«

»Am meisten schmerzt mich, dass ich etliche Motorradausflüge streichen muss.«

»Das glaube ich gerne. Aber sag mal, können wir noch mal auf Firner zurückkommen?« Es brannte ihm unter den Nägeln, mehr über Firner zu erfahren. »Nach Winkers Zusammenbruch ist doch davon auszugehen, dass die Nachfolge rascher geklärt wird, als wir denken. Glaubst du, dass Firner Chancen hat?« Firner als Kripochef – diese Vorstellung konnte Berger nicht ertragen.

»Noch steht ja nicht fest, wieso Winker zusammengebrochen ist. Aber ein Warnzeichen ist das allemal. Ich glaube, dass er in den Ruhestand geht. Ob Firner Chancen hat? Sein missglückter Auftritt neulich hat sich rumgesprochen. Ich denke, bis nach ganz oben. Da hat er sich keinen Gefallen getan, auch nicht mit seinen Äußerungen über die Cold-Case-Pläne. Die stammen von Winker und werden vom Polizeipräsidenten voll unterstützt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich Firner als den geborenen Nachfolger von Winker sieht und alles andere ausblendet. Er muss aufpassen, dass ihm nicht einer oder eine von außen vor die Nase gesetzt wird. Von innen hat er wohl keine Konkurrenz zu befürchten. Ich kenne jedenfalls niemanden aus unseren Reihen, der ihm die Nachfolge streitig machen will. Zu seiner Ehrenrettung muss man natürlich sagen, dass er als Soko-Leiter wahnsinnig unter Druck steht. Er ist ohne Zweifel ein sehr guter Kriminalist. Dass die Soko Gifiz keinen Erfolg hat, wird in erster Linie ihm angekreidet. Er und Winker stehen im Blickpunkt der Presse, wenn es um die ChrisTer-Fälle geht. Nicht jeder würde den Druck aushalten.«

Berger kam ein weiterer Gedanke. »Tammy, mir fällt noch etwas ein. Winker hat mir gesagt, dass es im Gifiz-Fall beziehungsweise in den ChrisTer-Fällen etwas Merkwürdiges gebe, über das er mit mir unter vier Augen reden müsse. In dem Augenblick ist er zusammengesackt. Kannst du dir erklären, was er damit gemeint hat? Ich habe bisher keine Gelegenheit gehabt, die Unterlagen zu den Gifiz-Morden zu studieren. Ich meine, zu den ChrisTer-Fällen, wie ihr sie jetzt nennt. Das Wort will nicht in meinen Schädel. Hast du etwas Auffälliges entdeckt? Ich überlege schon die ganze Zeit, was an den Fällen so merkwürdig sein kann – außer dass wir keinen einzigen Täter gefasst haben.«

»Ich kann mich an nichts Besonderes erinnern. Abgesehen davon, dass diese Fälle an sich etwas Besonderes sind. Die Unterlagen füllen inzwischen etliche Aktenordner. Und die Datensammlung wächst noch immer. Außerdem kenne ich nicht jedes Detail. Wenn ich an die Felder denke, die ich beackere, fällt mir spontan nichts ein. Das will natürlich nichts heißen. Ich bin nicht bei allen Besprechungen gewesen in den letzten Monaten. Oft haben sie mich im Kriminaldauerdienst eingesetzt, das habe ich dir ja schon erzählt. Alles, was ich mitbekommen habe, wirkt nicht merkwürdig. So, und hier sollten wir einen Punkt machen, Alban. Denn wir wollen eigentlich den Fall hier beleuchten. Wenn es überhaupt einer ist. Was hast du denn bisher herausgefunden?« Jetzt war es Tammy, die eine thematische Kehrtwende vollzog.

Berger zog sein Notizbuch, das er immer bei sich hatte, aus der Jacke, die über der Rückenlehne des Stuhls hing, und blätterte darin. »Viel ist es nicht. Die Bergwacht und der zuständige Polizeiposten gehen von einem Unglück aus. Eine Fremdeinwirkung halten sie für nahezu unmöglich. Aber sie wundern sich, dass man an der Unglücksstelle abstürzen kann. Das hast du sicher auch auf deinem Tablet. Was mich etwas stutzig macht, ist die Tatsache, dass weder im Zimmer des Argentiniers noch in seiner Kleidung, die er zum Zeitpunkt des Unglücks getragen hat, ein Smartphone zu finden ist.«

»Und Notebook oder Tablet? Du hast doch sicher sein Zimmer gründlich untersucht.«

»Auch nichts. Aber ein hochwertiges Abspielgerät für CDs. Er hat anscheinend ein Faible für Musik gehabt. Mindestens 40 CDs sind auf seinem Schreibtisch gestapelt. Darunter viel Tangomusik, zum Beispiel Werke von Astor Piazzolla. Zu seinen Hinterlassenschaften zählen außerdem teure Zigarren. Er ist nicht der Ärmste gewesen. Das sieht man auch an seiner Kleidung. Die anderen Gäste machen ebenfalls den Eindruck, dass sie nicht am Hungertuch nagen, eher am Hummertuch.«

»Sehr witzig, Alban. Mich interessieren nicht die anderen Gäste, sondern das Zimmer von diesem Borges. Was ist dir noch aufgefallen?«

»Alles ist sauber aufgeräumt. Ich würde mal sagen: zu sauber. Was auch sehr komisch ist: Die Angestellten sind sehr zurückhaltend. Die sagen nur das Nötigste, wenn überhaupt. Feststeht, dass der Argentinier zu anderen Gästen so gut wie keinen Kontakt gehabt hat. Einmal hat ihn angeblich ein anderer Gast bedrängt. Behauptet eine der Bedienungen. Herr Borges habe sich bei der Hotelleitung beschwert, sagt sie. Dieser Gast sei nicht mehr aufgetaucht. Ihre Aussage hat mir niemand sonst bestätigt. Außerdem habe er sich immer an einen Einzeltisch im hintersten Eck gesetzt mit Blick auf Tür und Buffet. Das hat mir die Bedienung auch noch erzählt. Sie heißt Orsolja und ist die Gesprächigste von allen. Heute Morgen habe ich nach ihr gefragt. Da hat es geheißen, sie habe Urlaub genommen. Möglicherweise hat sie mir zu viel gesagt. Das Personal macht den Eindruck, als stehe es unter besonderem Druck. Ich habe auch versucht, Gäste zu befragen. Alle haben gesagt, sie wüssten nichts. Möglicherweise sind sie von der Hotelleitung aufgefordert worden, den Mund zu halten. Es sind zurzeit überwiegend ausländische Gäste hier, viele aus Südamerika. Ich habe mir die Gästeliste zeigen lassen. Ich wundere mich, wie das hier mit der Werbung läuft. Offenbar legt die Leitung des Hotels keinen Wert auf einheimische Gäste. Es sind nur wenige Deutsche darunter. Das Hotel macht seinen Gästen ein umfangreiches Angebot an Kultur, Fahrten zum Festspielhaus Baden-Baden, Ausflüge. Und viele Vorträge. Religiöse und politische Themen sind der Schwerpunkt. Die Referenten sind ebenfalls international.«

»Ich habe gestern Abend noch die Homepage des Hotels aufgerufen. Da steht, dass sie im Aufbau ist. Sonst nichts.«

»Das ist mir auch passiert. Das passt nicht zu einem internationalen Hotel. Aus dem Prospekt wird man auch nicht schlau. Es geht nicht daraus hervor, wer das Haus führt. Ein Familienbetrieb scheint es nicht zu sein. Und es gehört vermutlich auch nicht zu einer Hotelkette. Dafür ist es zu individuell gestaltet. Was hat den Argentinier nur bewogen, in dieses abgelegene Hotel zu kommen? Wie hat er von ihm erfahren? Vielleicht durch einen Bekannten aus Südamerika, der ihm das Programmheft zukommen ließ? Selbst wenn, ich kann mir nicht vorstellen, dass ihn das Programm gereizt hat. Eines ist übrigens interessant. Das hätte ich jetzt fast übergangen. Borges hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach mit jemandem von außerhalb getroffen.«

»Hier im Hotel? Weißt du schon, mit wem?«

»Ja. Der Polizeiposten, der den Absturz untersucht hat, hat mir heute Morgen mitgeteilt, dass in der rechten Manteltasche des Argentiniers eine zerknüllte Visitenkarte gefunden worden ist. Die haben sie erst jetzt entdeckt. Er hat sich entschuldigt, dass sie die Visitenkarte übersehen haben. Hoffen wir, dass das der einzige Fehler in diesem Fall ist. Es handelt sich um einen Dr. Falco Gmeiner. Falco mit ›c‹. Und das ›c‹ sei unterstrichen. Dieser Dr. Falco Gmeiner wohnt in Oppenau. Die Visitenkarte sei etwas abgerieben und aufgeweicht, aber gerade noch leserlich. Die muss der Argentinier also schon vor längerer Zeit in seine Manteltasche gesteckt haben. Wo und ob überhaupt die zwei sich getroffen haben, kann ich nicht sagen. Als Beruf gibt dieser Falco Gmeiner auf der Visitenkarte ›Dozent für Volkskunde‹ an. Die Handynummer habe ich. Den müssen wir noch anrufen.«

»Das können wir doch gleich machen.«

»Wie du meinst.« Berger nahm sein Dienst-Smartphone und tippte die Nummer ein. Es dauerte eine Weile, bis sich jemand meldete.

Eine sympathische Stimme sagte: »Dr. Falco Gmeiner, Falco mit ›c‹. Wer ist da, bitte?«

»Berger. Alban Berger. Kriminalpolizei Offenburg.«

Noch bevor Berger sein Anliegen vorbringen konnte, fragte Gmeiner: »Habe ich etwas verbrochen?« Er klang nicht erschrocken, eher neugierig.

»Nein. Es geht um einen Gast im Hotel Schatzhauser, einen argentinischen Staatsbürger. Wir haben in seinen Unterlagen eine Visitenkarte von Ihnen gefunden. Haben Sie mit ihm Kontakt gehabt?«

»Ich habe mit einem Argentinier Kontakt gehabt, stimmt. Mit Señor Borges. Was ist mit ihm?«

»Er ist vermutlich tödlich verunglückt. Mehr kann ich nicht sagen.«

Gmeiner ließ Berger wieder nicht weiterreden. »Das Wort ›vermutlich‹ lässt einiges offen. Das heißt, Sie sind nicht hundertprozentig davon überzeugt, dass er verunglückt ist.«

»Ich spreche vermutlich mit einem Sprachwissenschaftler oder Semantiker. Die Sache ist ganz einfach. Der Fall ist überschaubar, aber wir müssen routinemäßig Fragen klären. Das ist unser Job. Zu Ihrer Beruhigung: Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir nicht von Fremdeinwirkung aus. Wir wollen das allerdings mit Ihnen nicht am Handy besprechen. Können wir uns heute Nachmittag treffen?«

»Bin ich zu einem Treffen verpflichtet?«

»Nein. Zum Erscheinen verpflichtet sind Sie nur, wenn Sie eine schriftliche Vorladung bekommen, von der Staatsanwaltschaft. Es geht um ein paar Fragen. Sicher können Sie uns weiterhelfen.«

»Und wo wollen Sie sich mit mir treffen?«

»Im Hotel Schatzhauser, wenn Ihnen das recht ist?«

»Das ist mir überhaupt nicht recht. Da gehe ich auf keinen Fall hin.«

»Und warum nicht?«

»Das sage ich Ihnen am Handy nicht.«

»Dann machen Sie einen Vorschlag.«

»Oppenau, das Café gegenüber der Weinbrenner-Kirche in der Stadtmitte. Es ist nicht zu verfehlen. 14.30 Uhr. Auf der Terrasse. Das Wetter wird heute Nachmittag gut.«

»Prima, dann um 14.30 Uhr in Oppenau. Ich danke Ihnen für Ihre Bereitschaft, mit uns zu sprechen.«

»Macht er Schwierigkeiten?«, fragte Tammy, nachdem Berger das Gespräch beendet hatte.

»Nein. Aber auf den Mann bin ich gespannt. Mal sehen, was bei dem Gespräch herauskommt.«

»Wir müssen aufpassen. Eigentlich darf es keine offizielle Befragung sein.«

»Das ist mir schon klar. Aber es bleibt uns nichts anderes übrig, als so zu verfahren. Wenn wir den offiziellen Weg gehen, müssen wir eine sehr gute Begründung liefern, dass bei dem Fall etwas nicht stimmt. Dann ufert zeitlich alles aus. Wir sitzen hier in einem sonderbaren Hotel und sollen letztlich bestätigen, dass ein Gast unterwegs ohne fremde Einwirkung abgestürzt ist. Auf dieses Ergebnis hoffen alle. Mehr verlangt man von uns nicht.«

»Warst du schon an der Absturzstelle?«

»Nein, gestern Abend ist es zu spät gewesen. Ich habe ohnehin vorgehabt, dass wir die Strecke zu zweit abgehen. Vier-Augen-Prinzip.«

»Vier Augen übersehen mehr als zwei. Das hat mir mal ein Ausbilder gesagt und mir eingetrichtert, dass man sich nicht zu sehr auf den anderen verlassen darf. Das führe zu nachlässigem Verhalten.«

Berger ging nicht auf die Belehrung ein.

»Kennst du den Weg?«

»Wir müssen etwa 200 Meter auf der Straße gehen, bis die Kurve beginnt. Danach zweigt ein Pfad links ab. Man kann ihn gut erkennen, weil ihn die Suchtrupps ziemlich zertrampelt haben. Nimm dein Tablet und dein Smartphone mit.«

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Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
18+
Data wydania na Litres:
25 maja 2021
Objętość:
323 str. 6 ilustracji
ISBN:
9783839266007
Wydawca:
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Автор
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