Czytaj książkę: «Wetterleuchten über dem Schwarzwald»

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Wilhelm Ernst Asbeck

Wetterleuchten über dem Schwarzwald

Die Schicksalswege der Berghofdorer

Erzählt

Saga

Wetterleuchten über dem Schwarzwald

© 1939 Wilhelm Ernst Asbeck

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711517857

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Erster Teil.

1.

Vor einem hohen, finsteren Haus der 29. Strasse in New York hält ein Wagen. Zwei Männer entsteigen ihm und heben eine Bahre heraus. Zerlumpte Kinder eilen herbei. Vorübergehende bleiben stehen und bilden eine Gasse zwischen dem Hauseingang und dem Wagenschlag. Aus einem dunklen Loch der Mietskaserne wird ein Elender hervorgeholt. Seine Augen liegen tief in den Höhlen, das Antlitz ist von Falten zerfurcht. Er gleicht kaum noch einem menschlichen Wesen, eher schon einem Skelett.

Neugierig, ohne Mitempfinden, gaffen die Umstehenden. Mancher von ihnen wird einst genau so enden. Aber was macht es aus, wenn ein kleines Menschenlicht unter Millionen verlöscht? Täglich werden neue Menschen geboren, täglich speien die Schiffe der alten Welt frische lebende Fracht an die Küsten Amerikas. Pah, jeder muss seine Ellbogen rücksichtslos gebrauchen, um nicht im Strudel des Existenzkampfes zu versinken.

„Old Jim kommt auch nicht wieder!“ sagt eine Frau laut, so dass es der Kranke hören muss; ihre harten Gesichtszüge verzerren sich zu einem abstossenden Lachen.

Der alte Jim hat nicht weit zu fahren. Am Ende der Gasse steht ein langgestrecktes, düsteres Gebäude. Es sieht eher einem Gefängnis als einem Krankenhaus ähnlich. Wie zum Hohn glänzen über dem Tor die Worte „Bellevue-Hospital!“.

Wenige Tage später wird Jim wieder auf eine Bahre gelegt. Er spricht nicht mehr, er klagt nicht mehr. Er ist erlöst. Einige Männer stehen um ihn herum. Der eine nimmt, wie es die Anstaltsvorschrift erfordert, die Fingerabdrücke vor. Ein anderer hat ein dickleibiges Buch aufgeschlagen. Auf den Kopf des Blattes klebt er das Lichtbild des Toten und lässt einen Raum für die Fingerabdrücke frei.

Er schreibt:

„Gestorben: 20. Februar 1850.

Todesursache: Hungertyphus und übermässiger Genuss von Rauschgift.

Grösse: 1,64 Meter.

Haar: weiss, stark ergrauter Vollbart.

Hautfarbe: gelb.

Augen: schwarz.

Besondere Merkmale: keine.

Verheiratet: nein.

Angehörige: keine.

Name: Anton Beha, genannt Dorer.

Geboren: am 10. August 1795 als uneheliches Kind der Rosa Beha im Bregtal unweit Vöhrenbach im Schwarzwald, Deutschland.“

Der Name wird rot unterstrichen, denn es ist selten der Fall, dass die ins Bellevue-Hospital Eingelieferten Papiere bei sich tragen. In grossen Schriftzügen wird noch die laufende Nummer 20 456 vermerkt.

Das ist also das Ende des alten Jim, wie ihn die Leute im Elendsviertel riefen. Auf Nahrung hatte er in den letzten Jahren manchen Tag verzichtet, aber sein geliebtes Rauschgist konnte er nicht missen. Immer neue Mittel und Wege fand er, um es sich zu beschaffen. Er wusste, es würde ihn vorzeitig zu einem hinfälligen Greis machen und früh ins Grab bringen. Er wollte es so!

Liebe, Treue und Rechtschaffenheit waren ihm Begriffe gewesen, über die er sich lachend hinwegsetzte. Doch je älter er wurde, desto hartnäckiger packte ihn das Heimweh. Er hatte ehemals nur einen Freund, Karl Deubner, der mit ihm herübergekommen war. Ihm vertraute er sich eines Tages an; er schämte sich zugleich seiner Schwäche und fürchtete, verspottet zu werden. Aber Karl erging es wie ihm. Beide hatten gleichviel auf dem Kerbholz, der eine war nicht besser als der andere. Bei ihrer Rückkehr nach Deutschland gaben sie sich der Hoffnung hin, unerkannt zu bleiben. Ein verhängnisvoller Irrtum! Die von ihnen früher um Hab und Gut betrogenen Uhrmacher bereiteten ihnen einen heissen Empfang. Den Karl fand man erschlagen beim Galgen im Stöcklewald, den Anton retteten nur seine schnellen Füsse. Anton ging wieder dahin, woher er gekommen war. Fortan war ihm die Heimkehr verwehrt. Die wilde Sehnsucht nach den Bergen und Wäldern ergriff ihn aber nur noch stärker und machte ihn krank. Die von ihm einst missachtete Heimat rächte sich!

Als es ans Sterben ging, hatten diese Bilder noch einmal Gestalt angenommen. —

In den Kellergewölben des Bellevue-Hospitals reiht sich in den Wandverliessen Sarg an Sarg; solche, nicht grösser als ein Schuhkarton, und auch solche, die die Körper von Riesen Bergen. Alle sind hier gleich, ob sie im Leben Grafen, Landstreicher, Bettler oder Verbrecher waren. Alle ruhen in Särgen, die aus ungehobelten Brettern bestehen, auf denen ihre Nummer und das Datum des Todestages gemalt sind. Auch Nummer 20 456 vom 20. Februar 1850 ist hier aufgestellt.

Das Leben der aufgebahrten Toten glich wohl einem Roman. Viele hatten Tage des Glanzes und Reichtums gesehen, bevor sie im Sumpf New Yorks untergingen; andere kannten nur Hunger, Not und Elend. Jetzt ruhen sie Seite an Seite; die am Hunger Gestorbenen, die durch ekelhafte Krankheiten Verendeten, die Selbstmörder und die Verunglückten. Das Armenhospital hatte Menschen jeden Alters und jeder Nation geborgen, aber bis zu Anton Beha, genannt Dorer, sind es ihrer erst armselige 20 456 gewesen. Noch Hunderttausende werden im Laufe der Jahre Blatt um Blatt, Buch um Buch füllen.

Die Torflügel werden aufgerissen. Zwei Lastwagen poltern über das Pflaster. Sie sind mit siebzehn Holzsärgen beladen. An den Fassaden vornehmer Häuser, den prunkvollen Schaufenstern der Geschäfte und Kaufhäuser, an lachenden Menschen und spielenden Kindern geht die Fahrt vorüber. Niemand kümmert sich um die unheimlichen Fuhrwerke. Kaum, dass hin und wieder jemand einen Blick voll Abscheu und Grauen hinüberwirft. Die da einhergehen, stehen ja noch mitten im Leben!

Das Gewühl der verkehrsreichen Strassen der Innenstadt liegt nun hinter den Fahrern. Einsamer werden die Gassen, schneller greifen die Pferde aus. Die letzten Häuser der Vororte entschwinden. Die Gespanne rollen über die Landstrasse. Nur Felder und Wiesen breiten sich an ihr aus. Endlich ist die Küste erreicht. Ein Stück geht’s am Strand entlang. Dann wird Halt gemacht. An der Brücke wartet schon die Fähre. Drüben erhebt sich aus dem Wasser Potters-Field, das Ziel. Es gibt kaum eine traurigere Stätte auf Erden. Sie ist der Friedhof der Namenlosen. Kein Grabkreuz, keine Blume, kein Strauch unterbrechen die trostlose Eintönigkeit der Zementplatten, die sich in unabsehbarer Folge aneinanderreihen. Sie tragen keine Inschrift, keinen Namen. Nur Nummern.

Jetzt wird Nummer 20 456 mit sechzehn Leidensgefährten ins Grab gesenkt. Kein Priester, kein Angehöriger steht an der Gruft. Keiner weint den Verstorbenen eine Träne nach. Sie sind vergessen und verschollen.

Sträflinge verrichten die Arbeit der Totengräber. Ein Beamter des Hospitals vergleicht die Zahlen auf den Särgen mit einem Buch. Die Erdschollen klatschen in die Tiefe.

Hier auf Potters-Field, der Insel der Unbekannten, ruht der Uhrenträger Anton Beha, genannt Dorer. Seine Spur ist ausgelöscht. Niemand auf der weiten Welt wird nach seinem verfehlten Leben fragen. Ja, alter Jim, das Schicksal ist hart, aber es ist gerecht: so wie du dich bettest, so schläfst du!

*

Zur gleichen Stunde, als dieses geschah, kauft ein Egidi Dorer aus dem Nachlass seines verunglückten Vetters Sepp den verfallenen Berghof, der — so weit Menschen im Bregtal zurückdenken können — im Besitz der Familie Dorer gewesen ist.

Mit jenen beiden Begebenheiten findet eine lange Geschichte ihren Abschluss. Sie berichtet von den Schicksalswegen der Berghofdorer; von Glück und Leid, Schuld und Sühne, Niedergang und Wiederaufbau!

*

2.

Dicht bei Furtwangen, etwa auf halber Höhe zwischen Gipfel und Talsohle, liegt der Berghof. Über ihm erhebt sich der Wald mit uralten, gen Himmel ragenden Baumriesen. Hell und freundlich ist heute das Grün der Tannen, prangen sie doch im frischen Frühlingskleid. Unter der Holzbrücke jagt die breite Breg dahin. Kristallklar ist ihr Wasser. Hier und dort steht eine Forelle in der Sonne, bis sie wie der Blitz davonschiesst. Der Fluss hat sich in blumenbunte Wiesen eingebettet. Linker Hand zieht sich in vielen Krümmungen die Landstrasse hinauf. Hin und wieder fährt ein Ochsengespann vorüber, auch mal ein von Pferden gezogener Bauernwagen. Vereinzelt ist dort, wo sich die Hügel erheben, ein Haus erbaut. Ringsumher reiht sich Anhöhe an Anhöhe, Berg an Berg. Teils reicht der Forst noch hart bis an das Ufer der Breg heran, aber meistens hat die Axt die Baumbestände schon arg gelichtet, und wo sich einst dichter Wald befand, haben Menschenhände Matten und Kornfelder geschaffen. Von den Weiden klingt das Läuten der Kuhglocken. Der Fremde glaubt, einen einzigen Ton zu hören, aber der Hirtenbub weiss, dass jede Glocke einen anderen Klang hat, und hieran erkennt er ihre Trägerin, ohne sie zu sehen.

Bei der Brücke zweigt sich ein Weg von der Landstrasse ab, steigt allmählich bergan und mündet vor dem wuchtigen Haus des Berghofes. Ein Dutzend kleiner Fenster mit weissen Rahmen, sauberen Gardinen und Blumen blicken vom ersten Stockwerk hernieder. Darüber hängt eine Galerie. Sie wird von dem weit vorspringenden, schindelgedeckten Dach überragt, das an der Rückseite des Gebäudes, wo sich auch Ställe und Scheune befinden, den Erdboden berührt. Im Vorderbau, der infolge des abfallenden Geländes einen vollen Stock Raumgewinn aufweist, tritt es zurück, damit auch in die Gesindestuben Licht und Sonne dringen. Hinter dem Berghof stehen einige Fruchtbäume, Kirschen, Äpfel und Birnen. Ein wenig oberhalb des Hauptgebäudes sind das Milchhaus und die kleine Kapelle mit dem Zwiebeltürmchen errichtet. Sie bilden gleichzeitig einen Schutzwall gegen Sturm und Unwetter.

Sonntag ist heut! Aber nicht nur das, Festtag ist obendrein! Der Xaver Dorer und seine Monika feiern Kindtauf’! Ein Nachzügler ist eingetroffen, der Adam. Der Kirchgang liegt nun hinter ihnen. In allen Stuben sitzen die Gäste. Auf der grossen Diele sind Tische und Bänke aufgeschlagen. Es wird gespeist, gezecht, gesungen und gelacht. Der Schustertoni hat seine Trompete mitgebracht, der Schnefflerfranz seine Klarinette und der Bürstenkarl seine Fiedel. Da bleibt es nicht beim Gesang, die Jugend will tanzen, und die Alten wollen zeigen, dass sie sich noch nicht alt fühlen. Aber jetzt hat erst einmal der Maurerwendel das Wort. Stolz ist er darauf, des Xavers Bruder zu sein und auch vom Berghof abzustammen. Er ist voll des Lobes, wie vorbildlich Xaver und seine Moni wirtschaften und das Erbe der Väter verwalten. Reden kann er wie ein Buch! Von den Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern weiss er manche wackre Tat und manch schnurriges Stücklein zu berichten. Man hört ihn gern, aber wer ein Ohr dafür hat, merkt aus seinen Worten etwas Neid und verhaltenen Grimm heraus. Doch der Wendel ist viel zu klug, um es zu einem Bruch mit seinem reichen Bruder kommen zu lassen. Bei seinem grossen Durst, dem schlechten Geschäftsgang und lockeren Leben ist er immer in Geldverlegenheit. Da muss denn der Berghofbauer oft aushelfen. Angenehm ist solche Sache nicht, manche grob vorgebrachte Wahrheit muss der Wendel einstecken, ehe der Bauer in den Beutel langt, aber schliesslich tut er es ja doch. So eine wohltätige Quelle wird kein gescheiter Mann verstopfen, und der Maurerwendel zählt sich zu den Gescheiten.

Nun hat er seine Taufrede beendet. Den Adam liess schon die Tante Regina, der Moni Schwester, hoch leben. Nun ist es an ihm, auf das Wohl der Eltern des Neuangekommenen anstossen zu lassen, aber grosszügig, wie er nun einmal ist, schliesst er auch dessen Brüder, den Uhrmacherleo und den Andres, gleich mit ein. O, er ist ein guter Schauspieler. Mit welcher Unschuldsmiene er Erstaunen heucheln kann! Er stellt sich, als bemerke er erst jetzt, dass der Platz des Jüngeren leer ist.

Die Gäste werfen sich vielsagende Blicke zu.

Die Moni flüstert dem Xaver ins Ohr: „Ein boshafter Lump ist und bleibt der Wendel! Keinen roten Heller solltest du dem Tagedieb mehr geben; erntest doch nur Undank!“

Der Bauer beisst sich auf die Lippen und wirft dem Bruder einen finstren Blick zu. Der aber hält sein Glas in der Hand, leert es in einem Zug, und alle Anwesenden tun es ihm nach. Lachen, Lärmen und Musik setzen ein. Der kleine Zwischenfall ist vergessen — so scheint es wenigstens.

Bis zum Berggipfel hinauf tönt das Singen, Spielen und Jauchzen. Im Steinbruch, der sich tief wie eine gewaltige Höhle in den Wald hineingefressen hat, liegt hinter Felsstücken und Geröll versteckt ein junger Mensch von siebzehn Jahren. Er hält sich die Ohren zu, er will nichts von der Freude und Ausgelassenheit da unten hören. Zorn und Bitternis erfüllen seine Seele. Wie er den Neugeborenen hasst! Einen Dieb und Erbschleicher schilt er ihn in seiner blinden Wut. Eine Welt voll Hoffnungen und glänzenden Zukunftsträumen ist mit der Ankunft des kleinen Adam für ihn in Trümmer geschlagen worden.

Wie sicher sich der Andres seiner Sache fühlte! Wie er schon den „jungen Herrn“ herauskehrte! Ihm, dem Jüngsten, musste nach dem Gesetz der Schwarzwaldbauern ja in absehbarer Zeit der Hof zu eigen werden, sobald sich der Vater auf sein Altenteil zurückzog.

In seiner Einfalt war ihm nicht einmal bewusst geworden, warum ihn das Gesinde in den letzten Monaten mit spöttischen Augen ansah. Jetzt ist ihm die Binde von den Augen gerissen. Nun weiss er sich auch die Worte zu deuten, die die Kuhmagd dem alten Knecht Jockele zuflüsterte: „Der Andres wird sich noch schön wundern!“

O, alle hatten längst gewusst, was gespielt wurde!

Eine seltsame Müdigkeit übermannt ihn. Die Augen fallen ihm zu. Er mag nicht mehr grübeln, er will nichts mehr hören und sehen. Die Umwelt versinkt. Ein wohliges Gefühl beschleicht ihn. Es ist ein Zustand zwischen Wachen und Träumen.

Ringsum tauchen Gestalten auf, Menschen einer längst vergangenen Zeit. Vom Tal steigen sie herauf. Dicht an Andres schreiten sie vorüber, aber keiner scheint ihn zu bemerken. Dort, wo sonst Steinblöcke und Geröll lagen, ist jetzt ein Eingang in den Berg zu sehen. Ein langer, niedriger Gang führt tief in das Innere. Zu beiden Seiten zweigen sich andere Gänge ab. Sie sind dürftig von Fackeln beleuchtet. Weit hinten glänzt und glitzert es. Erz und Silber! Die Spitzhacke frisst sich in das Gestein, grosse Blöcke fallen zu Boden, werden auf Karren verladen und ins Freie befördert.

Viele Leute umgeben jetzt Andres, aber niemand nimmt von ihm Notiz. Altmodische, vornehme Röcke und Hüte tragen die Herren. Es wird gefeilscht und gehandelt. Viel Geld heimst der Bergwerksbesitzer ein.

Doch was ist das? Vom Tal herauf hallen Trompetengeschmetter und Trommelklang! Feuerschein färbt den Himmel blutigrot!

Wie Schatten zerrinnen die Gestalten.

In Asche und Staub sinken Städte, Dörfer, Kirchen und einsame Gehöfte. Es ist Krieg!

Die Gegend entvölkert sich. Wohin man sieht, liegen ermordete und am Wege verendete Menschen. Die Überlebenden flüchten in die Wälder, die ihnen Schutz und Unterkunft gewähren. Doch da schreitet die Pest über Höhen und Täler und ereilt die Flüchtenden.

Weithin ist fast alles Leben versiegt. Nur der Berghof blieb erhalten. Gottes schützende Hand war über ihm ausgebreitet. Die Mauer der Tannen verbarg ihn vor den gierigen Blicken der mordenden, plündernden und sengenden Landsknechtshaufen. Sein Pfad ist verwildert und mit Dornensträuchern, Buschwerk und jungen Bäumen bestanden. Der Eingang zum Bergwerk liegt längst verschüttet. Schwere Felsblöcke versperren ihn, Unterholz und Rankengewächs hängen wie eine Matte vor dem Gang, in dem Reichtümer aufgestapelt liegen, die nur darauf warten, von Menschenhand gehoben zu werden.

Alles das sieht und erlebt der Andres.

Und dann beginnt es zu poltern und zu rumoren, als trieben tausend böse Geister im Innern des Berges ihr Spiel. Er weiss, was er davon zu halten hat. Der Berggeist meldet sich! Er wittert Gefahr für seine Schätze. Er will die Menschen, dieses wühlende Erdgewürm, erschrecken. Wer aber furchtlos ans Werk geht, dem kann er nur selten etwas anhaben.

„Tobe nur, Alter, in deinem finsteren Loch, ich komme doch eines Tages dich besuchen. Meinst du, ich hätte Angst vor dir? Haha, der Berghofbauersohn und Angst!“ —

„Heda! Du! Siebenschläfer! Was schwatzt du denn für sonderbares Zeugs daher?“

Eine derbe Hand rüttelt den Schlafenden munter.

„Vetter Wendel, Ihr?“a]

„Freilich, Bub. Was verkriechst du dich hier oben in der Wildnis? Hör’ nur, da unten geht’s lustig her!“

Der Andres springt hoch. Versunken sind alle Traumgebilde. Hart und kalt steht ihm die Wirklichkeit vor Augen. Tränen rollen ihm über die Wangen.

„Zähne zusammenbeissen, nicht heulen!“

„Pah, ich wein’ ja aus Wut! Ausräuchern — —“

„Pscht! So etwas denkt und sagt man nicht, Andres!“ Der Maurerwendel hat die Worte recht salbungsvoll gesprochen. Er wirft sich ordentlich in die Brust wie einer, der eine grosse Tat vollbracht hat. Er drückt den Neffen auf einen Stein nieder, setzt sich zu ihm, schlägt ihm vertraulich auf die Schulter und fährt im Ton eines Biedermannes fort:

„Wenn keiner dich und dein Leid versteht, ich verstehe es. Hab’s ja am eignen Leib erfahren, wie’s tut. War gerade so alt wie du, als dein Vater geboren wurde und ich mit langer Nase abziehen musste. So was verwindet man im ganzen Leben nicht. Aber sei klug, tu wie ich: zeige eine gute Miene zum bösen Spiel und suche für dich herauszuholen, was herauszuholen ist!“

„Vetter Wendel, kann euch gar nicht sagen, wie ich das schreiende, blärrende Etwas hasse, das mit blöden Augen in die Welt starrt und mich um Haus und Hof bringt!“

„Glaub’s schon, aber du und ich und alle anderen haben auch einmal so blöde ausgesehen wie der kleine Adam.“

„Soll ich mich vielleicht später bei ihm als Knecht verdingen?“

„Habe ich das getan? Maurer beim Mäntelemichel bin ich geworden! Braucht’ es nicht zu bereuen, er starb früh, und sein Geschäft fiel mir als reife Frucht in den Schoss.“

„Ist auch gerade etwas Gescheites gewesen!“ antwortet Andres und wirft hochmütig die Lippen auf.

„Dein Grosstun lass jetzt nur beiseite, es passt schlecht für den Zweitgeborenen! Ich bin gekommen, dir zu helfen. Werde alt und stümprig, da könnte ich einen jungen Burschen, wie du es bist, brauchen. Lernen sollst du schon was bei mir. O ja, der Maurerwendel versteht sein Fach!“

Nun ist Wendel ganz aufgeblähter Stolz, aber sein Neffe ist von den hochtrabenden Worten nicht sonderlich beeindruckt. Er hat genug über ihn vom Vater, der Mutter und fremden Leuten gehört, um sich ein Bild von der Tüchtigkeit seines Onkels machen zu können.

„Nun ja, wenn du nicht willst, lässt du es bleiben. Ich finde zehn für einen“, fährt der Wendel fort, „doch geh jetzt mit mir. Sei kein Narr! Soll man dir auf hundert Schritt Entfernung von der Nase ablesen, wie’s um dich bestellt ist? Lach’, als seiest du der Vergnügtesten einer! Dann haben die Leute Achtung vor dir!“

Andres gibt nicht gleich eine Antwort, er fühlt, es ist richtig, was der Wendel gesagt hat. Es kommt ihm sauer an, die Mundwinkel zu einem Lachen zu verziehen und freundliche Worte daherzureden, aber er bezwingt sich und geht mit.

Es ist ein ungleiches Paar, das da den Weg zum Berghof hinabschreitet. Der Maurerwendel ist von gedrungener Gestalt, mit einem aufgeschwemmten Gesicht, kleinen Augen und grauem schütteren Haar, während der Andres hochgewachsen und stämmig ist. Trotzig hält der Bursch den Kopf in den Nacken geworfen; der Haarschopf über der breiten Stirn ist tiefbraun wie die Augen, die Nase und das Kinn verraten Willensstärke.

Als beide in die Tür treten, stellt sich der Berghofbauer, als sähe er sie nicht. Er tut auch, als habe er das Fehlen Andres’ nicht bemerkt, aber eine Falte steht ihm kerzengerade auf der Stirn. Die Leute wissen, dann ist mit ihm nicht gut auszukommen. Die Moni beugt sich zu ihm: „Schau, Xaver, der Bub musste erst mal mit sich zurecht kommen. Nun hat er sich durchgebissen. Ist ja auch nicht einfach für ihn.“

„Gesetz ist Gesetz, dem hat sich jeder zu fügen!“

„Freilich, er fügt sich nun.“

„Möcht’ ich ihm auch geraten haben!“

„Verdirb ihm nicht die Freud’! Sieh nur!“

Der Xaver blickt zum Andres. Der hat schon einen Kreis von jungen Burschen und Maidlis um sich versammelt und gibt so viel Spassiges an den Tag, dass die Umstehenden sich vor Lachen die Hüften festhalten. Da schmunzelt der alte Bauer. So will er es haben! Feiert er ein Fest, dann soll auch noch nach Jahr und Tag davon geredet werden, was an Speis und Trank aufgetischt wurde, und wie lustig alle gewesen sind! Kein Schatten darf die Freude trüben.

Mit einem Kreuzdonnerwetter wird er dazwischen fahren, wenn ihm jemand in die Quere kommt!

*

3.

Mehr als drei Jahre sind seit jenem 30. Mai 1777 vergangen. Ein frischer, fröhlicher Bub ist der Adam geworden, den jeder gern hat. Auch der Andres tut allzeit schön mit ihm, aber da ist einer, der traut dem Frieden nicht: der Berghofbauer. Spiegelt sich ihm doch in seinem Jüngsten sein eigenes Leben wieder. Der Wendel spielte auch immer den besorgten Bruder, wenn andere Leute zugegen waren, heimlich aber bekam der Xaver manchen Stoss und wurde geärgert und gehänselt. Wie war er froh, als der Grosse zum Mäntelemaurer ging und aus dem Hause kam! Er hat es ihm nicht nachgetragen, verstand er doch später den Beweggrund seines Handelns — aber er ist voller Argwohn gegen den Andres! Eine schlimme Tat traut er ihm allerdings nicht zu, doch auch kleiner Schabernack kann das Dasein vergällen. Seinen Adam möchte er davor schützen. Mehr als einmal fragte er den Älteren, ob er nicht ein Handwerk erlernen wolle. Der scheint sich vom Hof nicht trennen zu können. Xaver versteht auch das, ist er doch selbst Bauer und auf der Scholle aufgewachsen. Ganz heimlich fühlt er sich in der Schuld des Jungen, hat Mitleid mit ihm. Aber es weiss niemand darum, und es geht auch keinen etwas an.

Der Bauer stapft mit wuchtigen Schritten über den Hof. Seine grosse Gestalt, die kraftvolle Stimme und seine herrische Art verschaffen ihm überall Respekt. Rotgebrannt von der Sonne ist sein bärbeissiges Gesicht, in dem kluge, helle Augen stehen. Nase und Mund haben eine ausgeprägte Form. Volles braunes Haar schliesst die ziemlich breite Stirn ab. Die derben Hände stecken in den Taschen der Joppe.

Er ruft nach dem Andres. Zum Leo soll er gehen. Ist Wochenend’, da schickt der Berghofbauer ihm allerlei schöne Dinge aus Feld und Garten; Fleisch zu einem Braten, und die Mutter packt ein selbstgebackenes Brot bei und feines Sonntagsgebäck obendrein. Der Leo soll wissen: morgen ist Feiertag und die Eltern denken an dich!

Klein Adam gibt keine Ruh. Er will mit laufen! Beim Bruder Leo bekommt er alleweil viele seltsame Dinge zu sehen. Er ist immer lieb zu ihm, kann schöne Geschichten erzählen, spielt mit ihm, und oft hat er ein kleines Geschenk für ihn. Der alte Meister Grieshaber und Vrenili, sein zartes Frauchen, tun ebenfalls alles, um ihn zu erfreuen.

Nun gegen der Andres und der Adam fort. Es ist ein weiter Weg. Aber schön ist er, denn sie wählen nicht die staubige Talstrasse, sondern wandern den schmalen Saumpfad entlang, der über bewaldete Höhenzüge führt. Bald schon sind sie im nahen Forst verschwunden. Der Grosse trägt in jeder Hand einen schweren Korb. Er ist fast 21 Jahre alt geworden, kerngesund und kräftig; der Kleine ist schmächtig und von blasser Hautfarbe. Sein freundliches Lächeln, das der Grosse zur Schau trägt, ist wie weggewischt, sobald er den Blicken der Alten entschwindet. Dann tritt auf seine Stirn die steile Falte, die das Gesinde bei seinem Vater fürchtet. Vor ihm her springt der Bub. Was für eine Zierpuppe er ist! Siegt so ein Bauer aus? Nein! Er, der Andres, mit seinen Riesenkräften wäre der Rechte gewesen, den Hof zu bewirtschaften! Ja, wenn — ach, er will nicht daran denken. Aber hartnäckig kehren die Gedanken wieder und umlauern ihn wie Wölfe. Hatte er nicht heimlich gehofft, der Adam würde daraufgehen, als er vor Jahresfrist schwer an Lungenentzündung darniederlag? Er selbst sollte zum alten Stegerer nach Vöhrenbach laufen. O, er hat sich kein Bein ausgerissen und — war es nicht ein Hohn? — er betete, der Doktor möge nicht zu Hause sein. Aber er war zu Hause und kam noch eben zur rechten Zeit.

Wie ein fressendes Gift nistet sich der Hass in seinem Herzen ein und raubt ihm Ruhe und Frieden. Warum ist er nicht längst gegangen? Er kann sich nicht losreissen. Immer noch wartet er auf die Fügung des Schicksals, die ihm zu seinem vermeintlichen Recht verhilft. Zeit und Stunde hat er über die Grübeleien vergessen. Er schlägt die Augen auf. Hart am Bergrand führt jetzt der Pfad entlang. Steil fällt die Felswand in die Tiefe. Unten liegen Steinblöcke und Geröll. Auch das Becken der Breg ist damit angefüllt, so dass der Fluss an dieser Stelle wie ein Wildbach dahinbraust. Wer da hinunterstürzt, wird sich nie wieder erheben. Sträucher mit grossen roten Himbeeren bedecken die Bergkuppe, ihre Zweige schweben zwischen Himmel und Erde.

Wo ist Adam? Vor Schreck stockt dem Träumer der Herzschlag. Einem inneren Befehl gehorchend, stellt er die Last zu Boden. Dicht am Rande steht der Kleine und pflückt arglos die süssen Früchte. Er achtet nicht der drohenden Gefahr. Ein einziger Schritt genügt, und es ist um ihn geschehen. Schon will Andres hinstürzen und den Ahnungslosen zurückreissen. Da kommt ihm ein teuflischer Gedanke: das ist der Wink des Schicksals! Weit und breit ist niemand zu sehen. Ein Unglücksfall! Kein Mensch ist Zeuge. Reichtum und Besitz sind dein!

Langsam, Schritt um Schritt, nähert er sich dem Bruder. Jetzt steht er hinter ihm. Fast unbewusst streckt er den Arm aus. In der nächsten Sekunde wäre es geschehen. Da gellt ihm ein Schrei in die Ohren: „Andres! Greif zu!“ Und er packt den Kleinen, als ihm der abschüssige Boden unter den Füssen wegsackt und Erde und Gestein zu Tal stürzen. Er hält ihn, der schon in den Abgrund zu versinken droht, und reisst ihn zurück.

„Bist ein braver Bub! Das hast du gut gemacht! Werde es deinen Eltern erzählen!“

Adam sieht sich erstaunt um. Er versteht nicht, was geschehen ist. Er fühlt nur, einer grossen Gefahr entronnen zu sein.

„Bist ja kreideweiss, Andres. Komm, setz dich! Die Beine versagen dir schier den Dienst.“

Liebkosend streicht der Mann durch das volle Haar des Jünglings. Andres zittert am ganzen Körper. Er wagt nicht, die Augen aufzuschlagen. Vor ihm steht eine lange, hagere Gestalt mit einem gutherzigen Gesicht. Auf dem Rücken trägt sie eine hohe Kiepe. Es ist der Bürstenkarle, der seine Ware von Ort zu Ort, von Hof zu Hof feilbietet. Auf der Taufe des Adam hat er die Fiedel gespielt.

Andres schämt sich bis in den Herzensgrund hinein. Um ein Haar wäre er zum Brudermörder geworden, und jetzt wird er von dem Arglosen für seine Schlechtigkeit obendrein belobt. „Schweig darüber, Karle, Vater und Mutter geht die Sache nichts an!“

„Doch! Hören sollen sie, wie du dein Leben dran gesetzt hast, das Brüderchen zu retten!“

„Ich will’s nicht, dass du’s sagst! Warum sie in Angst und Schrecken versetzen! Ist ja alles gut —, ja, nun ist alles gut.“

Der Bürstenkarle denkt: wie sonderbar der Junge spricht, wie unruhig seine Augen flackern. Es wird der ausgestandene Schrecken sein. Dann sagt er: „Ich muss nun fort. Gib gut acht auf den Kleinen!“, und er geht bedächtig davon.

„Sei unbesorgt, ich werd’ gut acht geben!“ ruft ihm der Andres nach, und die Stimme klingt, als werde sie aus tiefster Angst und Reue hervorgestossen. Ganz still sitzt der Bursch. Die Hände hält er ineinander verkrampft, Tränen rollen ihm über die Wangen.

„Andres, was hast du?“ fragt Adam mit heller Kinderstimme und streicht ihm übers Gesicht. Andres stösst den Bruder entsetzt zurück, reisst ihn aber im nächsten Augenblick an sich und liebkost ihn, wie er es nie getan hat. Dabei stösst er unverständliche, abgebrochene Worte hervor. „Ein Lump bin ich!“ Das hat der Kleine verstanden. Mit seinen drei Jahren weiss er nicht, was ein Lump ist. Doch dass es etwas Hässliches sein muss, begreift er. Sein kleines Herz ist voll von Mitleid. Aber irgendwo in seinem Gedächtnis setzen sich die Worte fest: „Ein Lump ist der Andres“ und bleiben haften fürs ganze Leben.

*

Wohl eine Viertelstunde Wegs von Vöhrenbach, an einen kahlen Hügel gelehnt, steht das altehrwürdige Haus des Uhrmachers Nepomuk Grieshaber. Es schaut anders als die Gebäude im Schwarzwald aus. Die langen, gekuppelten Fensterreihen sind nachträglich eingebaut. Die vielen Scheiben sind dem Lichte zugewandt.

Leo tritt aus dem Haus. Er ist ein schmalgebauter junger Mann mit einem verträumten Gesicht und freundlichen Augen. Er hat dunkles, lockiges Haar und lange Hände. Sein Anzug ist von peinlicher Sauberkeit.

Freudig eilt Leo dem vom Walde heraufkommenden Andres entgegen, um ihn von der Last zu befreien. Das ist aber nicht leicht, denn der Adam hat sich an seinen Hals gehangen, herzt und küsst ihn und will ihn gar nicht wieder loslassen.

An Holzstössen vorbei führt der Pfad. Hektor, der Haushund, springt freudig bellend an den Brüdern hoch. Nun steigen die drei ein paar ausgetretene Steinstufen empor und gehen durch einen engen, dunklen Gang. Der weisshaarige Meister Nepomuk und das zarte Vrenili begrüssen die Gäste. Adam läuft zur Werkstatt, wo es die vielen seltsamen Dinge zu sehen gibt. Strahlend hell ist es hier. Die Lichtflut strömt über die unmittelbar an der Fensterreihe sich hinziehende Werkbank. Ein wirres Kunterbunt zahlloser Uhrteile und Geräte liegt darüber zerstreut. Links ist der Drehstuhl befestigt. Grieshabers Vater und Grossvater haben schon an ihm hantiert. Tiefe Buchten wetzte er im Laufe der Jahrzehnte in das Holz. Von der Decke herab ist ein drehbares Gestell, die Werkzeugdrille, angebracht, all das tragend, was schnell zur Hand sein muss. An den Fensterpfosten hängen Drähte, Ketten, Räder und mancherlei andere Gegenstände, und inmitten dieses Durcheinanders stehen einige Topfpflanzen, deren Blumenpracht etwas Sonntägliches über die nüchternen Dinge des Alltags breitet.

Doch für all das hat der kleine Adam kein Auge. Seine Aufmerksamkeit fesseln die an den Wänden klebenden Uhren, von denen lange Ketten und Bleigewichte herunterhängen. Der Leo zeigt ihm die Wunderwerke und zaubert mit wenigen Griffen ihre verborgenen Geheimnisse zutage. Schau nur, dort auf dem Werkkasten der Wanduhr steht eine Mönchsfigur. Jetzt läutet sie auf einer kleinen Messingglocke die Betstunden. Und nun beginnen die dahinter liegenden sechs Glasglöckchen sich zu bewegen, und es tönt eine zarte Weise durch den Raum. Der Bub kommt aus dem Staunen nicht heraus. Die Nachbaruhr mit dem hübschen, geschnitzten Gehäuse spielt gar ein richtiges Musikstück!

„Was ist denn das?“

„Eine Schnappuhr.“

Auf den lackierten Schild ist ein grimmiger Türkenkopf gemalt, einer jener schlimmen Heiden, die noch vor wenigen Jahren Wien bedrohten und von denen ungeheuerliche Greuelgeschichten erzählt werden. Bei jedem Pendelschlag rollt er die Augen, öffnet den grossen Mund und schnappt zu. Adam drängt sich unwillkürlich schutzsuchend dichter an seinen grossen Bruder heran.

Da gefällt ihm die nächste Uhr schon besser. Ein Knabe sitzt auf einer Schaukel. Hei, wie lustig er auf und nieder schwingt und nie müde dabei wird!

So sind noch mancherlei schnurrige Dinge zu bewundern. Endlich ist der Rundgang beendet. Alle gehen ins Zimmer, wo die Grieshaberin schon den Tisch gedeckt hat. Kuchen und Ziegenmilch sind zu Ehren der Gäste aufgetragen, doch Andres gibt keine Ruh’, er muss nach Vöhrenbach hinein, hat dort etwas Eiliges zu besorgen.

Leo packt die schönen Sachen aus, die ihm die Eltern bringen lassen. Der Meister und die Meisterin stehen mit blanken Augen dabei. All das kommt ihnen ja mit zugute. Der Berghofbauer schickt es nur deshalb an den Sohn, um den beiden Alten das Danken zu ersparen. Daher geben sie dem Andres stets ein „Vergelt’s Gott!“ mit auf den Weg.

*

Vor dem verwahrlosten Haus des Maurermeisters Wendelin Dorer steht der Andres und betrachtet die ungeputzten Fenster und die schmutzige Hauswand. Endlich zieht er am Strang. Schrill läutet die Glocke. Eine geraume Weile rührt sich nichts, bis eine missmutige Weibsstimme ruft:

„Wer ist denn da? Wo brennt’s denn? He?“

„Der Andres ist hier, Annili, öffne schnell, ich muss den Vetter sprechen!“

„Glaubst du denn, dass der am Samstagabend daheim bleibt? Kennst ihn schlecht! Geh zum „Engel“, da wirst du ihn finden, wenn er nicht schon beim Ketterer im „Leuen“ ist!“

Nicht einmal die Tür öffnet die Annili.

Währenddessen sitzt der Wendel im Gasthof „Zum Engel“ und führt das grosse Wort. Der Schustertoni und der Schnefflerfranz sind seine Zechgenossen.

„Was heisst da vorbildlich den Hof bewirtschaften? — Jeder Kuhbub kann das, wenn die Truhen daheim bis zum Rand voll blanker Guldenstücke liegen und ihm die Holländertannen aus seinen Wäldern Jahr um Jahr ein Vermögen einbringen!“

Der Toni tut gemächlich einen tiefen Schluck, dann sieht er den Maurer herausfordernd an: „Die grosse Klappe allein macht’s nicht, und trotz Holländertannen und gefüllten Geldtruhen muss der Xaver schon was können, denn bei ihm geht’s bergauf und nicht bergab mit der Wirtschaft wie bei manchem anderen grossen Hof!“

Der Schnitzer fügt hinzu: „An dem könnt sich mancher ein Beispiel nehmen. Er ist morgens der Erste und abends der Letzte. Und wie der Xaver, so die Moni; und wie der Bauer, so Knecht und Magd!“

„Versteh’ schon, worauf Ihr hinaus wollt, aber die Annili lasst mir aus dem Spiel!“ ruft wütend der Wendel. „Mit euch sollt sich unsereins überhaupt nicht an einen Tisch setzen!“

„Ja, wer bist denn du? Freilich, der Bruder vom Berghofbauern, aber der Bauer ist ein feiner Kerl, vor dem jeder den Hut zieht!“

„Jawohl, jeder, der glaubt, auf seiner Tasche liegen zu können!“ schreit der Wendel ausser sich. Die Leute in der Gaststube wenden sich nach ihm unwillig um, und Ganter, der Wirt, verbittet sich den lauten Ton. Der Schnefflerfranz aber guckt den Maurer aus seinen verschmitzten Augen recht listig an und sagt: „Ja, wer haben will und nichts zu geben hat, muss in manchen sauren Apfel beissen. Gelt, Toni, da sind wir besser dran! Wir spielen auf, dass jeder seine Freude daran hat und brauchen vor niemandem zu duckmäusern.“

„Hast ein wahres Wort gesprochen, doch das muss dem Xaver zu seiner Ehr’ nachgesagt werden, wie ein Fürst hat er uns auf des Adams Kindtauf’ bezahlt!“

„Pah, ein ganz schlauer Fuchs ist der Xaver! Dass er den Adam in die Welt gesetzt hat, hat mit der Lieb zur Moni ein’ Dreck zu tun! Nichts als Berechnung war’s. Fünfundzwanzig Jahre länger wirtschaftet er jetzt auf dem Hof, ehe er auf’s Altenteil zu gehen braucht! Fünfundzwanzig Jahre! Da kann er schon ein protzig’ Fest feiern, es geht ja auf Andres’ Kosten — ich weiss Bescheid. Hätt’ mein Alter an mir nicht ebenso gehandelt, der Zwölfkreuzerschoppen würd’ grad gut genug für mich sein. — Heda, noch eine Runde!“

Der Ganter kommt gemächlich hinter der Theke hervor, aber mit leeren Händen. „Hast du denn auch Geld bei dir?“

„Dein Geld kriegst’ schon noch. Schreib an!“

„Musst erst mal von der alten Schuld runterkommen, bis dahin wird nicht mehr gepumpt.“

„Vetter Wendel! Vetter Wendel!“

Alle schauen sich um.

Andres hat die Worte gerufen. Jetzt sieht er den Gesuchten.

„Kommt, Vetter, ich muss mit euch sprechen!“

„Setz dich, Bub!“

„Nein, was ich euch zu sagen habe, geht nur uns an.“

„Hast recht. Wir wollen die Tür von draussen zumachen, hab’ längst das Wirtshausleben satt!“ Der Wendel ist wieder ganz Würde. Er streicht sich über den ergrauten Spitzbart: „Kommt nichts dabei heraus. Auf Wiedersehen! Wünsche gute Unterhaltung allerseits!“

Nur wenige erwidern seinen Gruss, spöttische Bemerkungen und höhnisches Gelächter folgen ihm.

Auf der Strasse wirft er einen Blick auf den Neffen. Wie bleich der aussieht! „Ist was Schlimmes geschehen?“

„Ich will zu euch, will Maurer werden, Vetter Wendel!“

„Nanu? Mehr als drei Jahre habe ich auf dich gewartet. Jetzt hast du’s mit einem Mal so eilig? Was ist denn los?“

„Fragt nicht. Wollt Ihr mich haben oder nicht?“

„Oho, mein Bürschchen, in solchem Ton spricht man nicht mit mir!“

„Hat’s dumm geklungen? Nehmt’s nicht falsch. Will nur wissen, woran ich bei euch bin. Sagt ja oder nein!“

„Und wenn ich nein sag?“

„So geh ich auf und davon!“

„Was willst du denn, und wohin willst du?“

„Ich weiss es nicht. Aber vom Berghof muss ich herunter!“

„Hast du dich mit deinem Vater überworfen?“

„Nein! Das ist nicht der Grund.“

„Hm. Kann es mir schon denken. Erträgst es nicht, Tag für Tag den Adam vor Augen zu haben. Stimmt’s?“

„Fragt doch nicht!“

„Wann willst du denn zu mir kommen?“

„Auf der Stelle!“

„Wie? Sofort?“

„Ja!“

„Potz Blitz, hast du es eilig! Und was sagen die Eltern dazu?“

„Sie wissen es nicht.“

„Nanu? Ist dir der Entschluss plötzlich unterwegs gekommen?“

„Ja!“

„Das ist merkwürdig. Da muss doch ein Grund vorliegen?“ Misstrauisch mustert der Alte den Jungen.

„Lebt wohl!“ Andres wendet sich und geht davon.

Einen Augenblick steht der Wendel, als sei er am Erdboden festgenagelt. Das ist ihm denn doch noch nicht vorgekommen. Sicher hat der Neffe keinen Kreuzer in der Tasche, nichts trägt er bei sich, nicht mal ein Stück Brot! Nun marschiert er geradenwegs auf Hammereisenbach zu. Da gibt’s ja gar keinen Zweifel, er geht auf und davon! Alles spricht dafür, dass er an ein Heimkehren nicht denkt. Nein, dahin darf es nicht kommen.

Bald ist der Ausreisser eingeholt.

„He, du, mach keine Dummheiten! Komm! Kannst bei mir bleiben!“

Der Wendel nimmt Andres gleich danach in sein Haus mit. Mürrisch befolgt Annili, eine schlacksige und wohlbeleibte Person, seine Anweisungen, dem Neffen Speise und Trank vorzusetzen.

Dann erhält der Andres sein Zimmer gezeigt. Es ist ein unfreundlicher Raum mit einer verblichenen Tapete, einem Bett, einem Tisch und einem Schrank. Das Holz der Möbel ist wurmstichig, die Gardinen sind grau vom Staub, und die Farbe des Fussbodens ist auch nicht mehr zu erkennen.

Spät am Abend macht sich der Wendel noch auf den Weg, um den Adam zum Berghof zurückzugeleiten. Auch will er mit dem Xaver über die neue Lehre vom Andres reden und alles ins rechte Lot bringen.

*

„Das glaub ich, wenn alle wären wie der Xaver und seine Moni, wär’s ein herrlich’ Dasein auf Erden!“ So ruft der Bürstenkarle und spricht die Worte aus tiefster Überzeugung. Er hat auch alle Ursache, die Berghofleute zu loben. Seine „Krätze“ ist erheblich leichter geworden, und beim Kauf wird nicht gemäkelt und gefeilscht, wie es so mancher andrer Bauern Art ist. Ein Schoppen Wein steht vor ihm, und der Tisch ist reich mit guten Speisen gedeckt.

Die Stube ist mit alten Möbeln aus Urväterbesitz ausgefüllt, unter denen besonders der Schrank mit seinen prächtigen buntgemalten Blumen auffällt. Aus dem Herrgottswinkel leuchten grüne Blattpflanzen und Ranken.

An der Wand hängt als Prunkstück die neue Uhr. Gar nicht satt sehen kann man sich daran. Das herrliche Gehäuse hat der berühmte Matthias Faller in St. Märgen geschnitzt, und das Bild ist von Kajetan Kreuzer in Furtwangen gemalt. Ja, der ist ein Meister seiner Kunst! Das Uhrwerk ist das Gesellenstück des Leo. Der alte Grieshaber sagt, der Xaver könne stolz auf seinen Sohn sein, der verstehe sein Fach wie kein zweiter und werde es noch mal weit bringen.

Die Moni blickt immer und immer wieder auf die Uhr, aber sie sieht heute nicht, wie sonst, voller Freude darauf. Unruhe und Angst plagen sie.

„Ist schon bald neun, und die Kinder sind noch nicht zurück.“

„Was willst du? Der weite Weg! Und dann lässt sie der Leo nicht so bald gehen.“

„Xaver, ich fürcht’, es könnt ihnen was zugestossen sein. Sie waren kaum eine Stunde vom Hause fort, da wurde ich von einer entsetzlichen Angst befallen. Mir war, als ob dem Adam eine grosse Gefahr drohe. Ich war schon drauf und dran, mich auf den Weg zu machen, als das bange Gefühl, urplötzlich, wie es kam, wieder schwand.“

„Ei was, Moni, du siehst Gespenster!“

„Nun, die Bäuerin hat so unrecht nicht. Der Adam hat in grosser Gefahr geschwebt! Ich hab’s mit eignen Augen gesehen. Aber das sag ich euch: stolz könnt ihr auf euren Andres sein! Er setzte sein eigenes Leben dran, um den Kleinen zu retten!“ Und nun erzählte der Karle den Hergang, und wer ihn hört, muss glauben, der Andres sei ein Held und ein Vorbild aufopfernder Bruderliebe.

Die Augen der Mutter werden feucht. Sie wendet sich an Xaver: „Immer hast du was an dem Bub auszusetzen, bist voller Misstrauen. Jetzt hörst du, dass dein Argwohn unbegründet ist!“ Ihre grosse, gläubige Mutterliebe spiegelt sich in ihren Worten wider.

Der Berghofbauer antwortet nicht. Man sieht ihm an, er kann mit sich nicht ins reine kommen. Da ist eine Stimme in seinem Herzen, die lässt die Zweifel nicht verstummen. Er wird aus seinem Sinnen herausgerissen. Vom Wald her erschallt heller Kinderruf: „Vater! Mutter!“, und schon stürmt der Adam den Pfad hinunter. Er trägt ein sorgfältig verschnürtes Paket in der Hand und, alle Ermahnungen des grossen Bruders vergessend, schwenkt er es wie eine Siegesbeute: „Das hat der Leo mir geschenkt!“ So glücklich haben die Alten ihn noch nie gesehen.

Die Moni atmet erleichtert auf. Sie will sich’s ja nicht eingestehen und versucht sich selbst glauben zu machen, dass sie alle drei Buben gleich lieb hat. Aber in diesem Augenblick fühlt sie, dass der Adam ihr doch zutiefst ans Herz gewachsen ist. Eine unbändige Freude packt sie. Sie eilt, so schnell sie die Füsse tragen, ins Freie, umarmt den Jungen, herzt und küsst ihn, als sei er von den Toten auferstanden. Nun blickt sie um sich. „Wo bleibt nur der Andres?“ denkt sie, und wieder wird sie von einem Gefühl des Unbehagens befallen. Da tritt jemand aus dem Forst heraus, aber es ist nicht der Erwartete, sondern Wendel, der Schwager. Sie greift mit der Hand ans Herz. Sprechen will sie, vermag aber keinen Laut über die Lippen zu bringen.

Auch Xaver und sein Gast sind aus dem Haus getreten.

„Grüss Gott!“ ruft der Ankommende und bemüht sich, einen harmlosen Ton anzuschlagen.

„Ist Andres etwas zugestossen?“ fragt die Bäuerin, und ihre Stimme zittert.

„Ach was, der befindet sich wohlauf!“

„Wo ist er?“ mischt sich der Bauer ins Gespräch.

„Bei mir! Schöne Grüsse soll ich von ihm ausrichten. Doch ich denke, darüber sprechen wir besser in der Stube.“

Nun sitzen die Vier um den Tisch. Wendel freut sich, auf billige Weise zu einem guten Schoppen zu kommen, und füllt unaufgefordert fleissig sein Glas.

Als er seinen Bericht beendet hat, steht die tiefe Falte auf Xavers Stirn. Eine furchtbare Ahnung steigt in ihm hoch. „Da stimmt etwas nicht“, sagt er.

Adam soll ins Bett. Er hat schon eine gute Nacht gewünscht und steht mit der Mutter an der Tür, da wendet er sich noch einmal um und fragt: „Ist Bruder Andres ein Lump?“

Alle sehen sich erschrocken an.

„Wie kommst du darauf?“

„Als ich beim Himbeerpflücken beinahe den Berg hinuntergefallen wäre und Andres mich zurückgerissen hat, hab ich ihn zum Dank liebhaben wollen. Da stiess er mich von sich, packte mich aber gleich darauf, küsste mich und weinte. Er sprach allerlei vor sich hin, was ich nicht verstanden hab’, aber das habe ich deutlich gehört, wie er sagte: „Ein Lump bin ich!“

Die Mutter nimmt Adam bei der Hand und führt ihn in sein Zimmer. „Schlaf nun, und sprich nie mehr das hässliche Wort aus!“

Als sie, am ganzen Körper zitternd, zurückkommt, hört sie gerad, wie ihr Mann spricht: „Klar ist es wie der Tag, wärest du nicht darüber hinzugekommen, Karle, läg Adam jetzt zerschmettert drunten im Tal. — Wendel, willst du Andres behalten, in Gottes Namen, aber gib ihm den Rat, sich nie wieder vor mir blicken zu lassen. Das Lehrgeld zahl ich dir aus, und sein Erbteil soll er obendrein haben, damit reiner Tisch zwischen uns ist. Der alte Jockele bringt ihm morgen seine Sachen.“

Ganz still ist es auf dem Berghof geworden.

Bürstenkarle hat sich leise in sein Kämmerlein, das ihm für die Nacht bereitgestellt wurde, geschlichen. Ihm will es nicht in den Sinn, dass ein Mensch so etwas Schlechtes vorhaben kann.

Die Moni hat den Kopf auf die Ellbogen gelegt und schluchzt.

Draussen, auf der Bank vor dem Hause, sitzt der Xaver. Er starrt in die sternenklare, milde Sommernacht, aber er sieht nichts von all der Schönheit um sich her. Einen Sohn hat er heute verloren! Wäre er nur gestorben, das hätte er eher ertragen. Immer wieder kommen die Worte über seine Lippen: „Ein Lump ist der Andres“.

Nur einer schreitet froh und unbeschwert durch die Nacht: der Maurerwendel! In seinen Taschen klappern die Gulden und, was ihm mehr bedeutet, er hat sich an dem verhassten Bruder, der ihn um den Hof brachte, endlich rächen können.

Ein viel schlimmerer Lump als der Andres ist der Maurerwendel.

*

4.

Geld ist Macht! Das wissen der alte Wendel und die Annili, aber der junge Andres weiss es auch! Er ist nicht mehr irgendwer, den man aus Gnade und Barmherzigkeit aufnimmt, o nein, der Berghofbauer-Andres ist er, der auf die gefüllte Börse schlagen und sagen kann: Das bin ich, ja, und was seid Ihr?

Der Meister lebt herrlich und in Freuden. In seinen Taschen klappert das Lehr- und Kostgeld für vier Jahre! Im „Engel“ und im „Leuen“ nehmen die Wirte die Kappe vom Kopf, wenn er eintritt. Der Schustertoni und der Schnefflerfranz sind wieder seine dicksten Freunde, solange sie auf seine Kosten Zehnerschoppen trinken. Aber hinter seinem Rücken reissen sie ihre Glossen über ihn.

Auch die Annili ist wie umgewandelt. Wenn ihr Hausherr Geld in Händen hat, fällt für sie mancher Gulden ab. Zudem kennt sie im Wohnzimmer die Truhe, in der er sein Geld aufbewahrt. Es merkt keiner, wenn sie etwas herausnimmt; was weiss der Wendel, wieviel er am Vorabend vergeudet hat?

Andres geht mit offnen Augen einher. Er sieht alles, stellt sich aber, als sei er blind. Die ältliche Annili wirft ihm jetzt verliebte Blicke zu, bereitet ihm seine Lieblingsspeisen und tut alles, um ihn in ihr Garn zu locken. Er aber bleibt freundlich und kühl. Der Maurerwendel hat noch nie solch einen fleissigen Lehrbuben gehabt.

*

So sind nun vier Jahre vergangen. Fast unmerklich hat der Berghofbauersohn die Befehlsgewalt im Hause an sich gerissen. Sein Meister ist längst wieder der armselige Schraffel geworden, der er war. Er faulenzt den ganzen Tag. Warum soll er noch arbeiten, wo der Andres alles besser und zuverlässiger ausführt, als er selbst? Auch die lästige Schreiberei nimmt der Neffe auf seine Kappe, hat sogar etwas Ähnliches wie eine Buchführung eingerichtet. Das ist gut, weniger angenehm ist es jedoch dem Meister, dass der Junge von den Einnahmen erst einmal den Lohn für Annili, den Hauszins und das Geld für Waren und Lebensmittel einbehält. Nur der schäbige Rest bleibt zum Versaufen.

Annili dankt es dem Andres. Seitdem sie sieht, wie er Ordnung schafft und obendrein dafür sorgt, dass ihr Lohn und das Hausstandsgeld pünktlich auf dem Tisch liegen, ist sie eine andere geworden. Blitzblank sind jetzt die Scheiben, weiss die Vorhänge; Fliesen, Dielen und Böden glänzen vor Sauberkeit. Ganz heruntergekommen war sie bei der Bettel- und Lotterwirtschaft zuvor. Den Lohn blieb ihr der Hausherr meistens schuldig, und um für Speise und Trank sorgen zu können, musste sie die Kreuzer heimlich aus der Truhe stehlen, wenn er im Wirtshaus sass. Ist es zu verwundern gewesen, dass sie schlampig und brummig wurde? Ja, der Andres hat dafür gesorgt, dass Annili wieder ordentlich in Kleidung geht und obendrein für Sonn- und Festtag etwas Besonderes anzuziehen hat. Schön ist’s von ihm, nur schade, dass er nicht merkt, dass das Mädel den Staat trägt, um ihm zu gefallen. Von Wendel, dem alten Krauter, hat es mehr als genug. Es möcht auch einmal wissen, wie die Lieb’ eines jungen Burschen tut. —

*

Oben auf dem Hof des Meister Grieshaber kläfft Hektor, der struppige Köter, wie toll.

Der Meister und Leo gucken von der Arbeit auf. Es muss ein seltener Gast sein, sonst würde der Hund nicht anschlagen.

Der Andres ist’s! Nie mehr hat er seit jenen Tagen, wo er bleich und verstört mit Adam eintraf, einen Schritt über die Schwelle des Hauses getan.

Nun sitzen sich die Brüder auf Leos Zimmer gegenüber.

„Es ist schön von dir, dass du zu mir kommst, Andres!“

„Es hat seinen Grund, Abschied will ich nehmen.“

„Ich hörte es schon.“

„Ja, vom Wendel kann ich nichts mehr lernen.“

„Glaub’s dir! Die Vöhrenbacher halten grosse Stücke auf dich. Habe mich immer gefreut, von dir zu hören. Du weisst, Bruder, ich bin dir gut.“

„Wem bist du nicht gut, du Allerweltsfreund?“

„Wäre es nicht schön, wenn alle Menschen gut zueinander sein würden? Wenn einer dem anderen helfen wollte?“

„Hättest Pfarrer werden sollen.“

„Sag, Andres, hast du nicht etwas auf dem Herzen, das du mir anvertrauen möchtest?“

„Nimmst du auch die Beichte ab?“

„Behalt deinen Spott für dich! Ich denke, zwischen uns Brüdern sollte kein Geheimnis stehen, und wir sollten uns gegenseitig die Wege ebnen.“

„Verstehe schon, worauf du hinaus willst. Hab dir nichts anzuvertrauen. Mag jeder von mir glauben, was er will!“

„Ich möchte dich mit Vater und Mutter aussöhnen!“

Der spöttische Zug um Andres’ Mund verschwindet. Hart, wie aus Stein gemeisselt, erscheint in diesem Augenblick sein Gesicht. Er entgegnet: „Wie einem Aussätzigen hat man mir verboten, den Berghof zu betreten. Nicht einmal das Wort zur Verteidigung wurde mir gegönnt. An dem Tage, wo ich für Vater starb, starb er für mich. Ich habe keinen Vater mehr!“

Ganz leise wird die Tür geöffnet.

„Auch keine Mutter?“

Im Türrahmen steht Moni. Wie alt sie in den vier Jahren geworden ist! Ein schlichtes, graues Gewand trägt sie, das freudlos wirkt.

Um die Lippen des Sohnes zuckt es. Die starre Maske, die er krampfhaft zur Schau getragen hat, fällt.

„Mutter!“

All das Weh, aufgespeichert in den langen Jahren, bricht sich Bahn. Stolz und Hochmut verfliegen. Wild schluchzend liegt er der Mutter im Arm. Sanft streicht ihre Hand über sein Haar. Wie oft hat sie ihn, als er noch ein Bub war, so geliebkost und getröstet, wenn der Vater hart zu ihm gewesen ist.

„Hab’s ja gewusst, es ist alles nichts als dummes Gerede gewesen. Hab’ nie an deine Schuld geglaubt, Andres!“

Er löst sich aus ihren Armen. Was ist mit ihm? Ein anderer Mensch steht vor Moni! Ist das ihr Sohn? Ein fremder, kalter Zug breitet sich über sein Gesicht aus. In seinem Hirn formen sich seltsame Gedanken: Wer einmal im Leben der Versuchung zu erliegen drohte, ist ein Verfemter für alle Zeiten! Brennt mir das Kainszeichen noch nicht auf der Stirn? Habe ich nicht in tiefster Seele bereut? Nicht das grosse, gütige Verzeihen war es, das die Mutter hertrieb, sondern nur der Glaube an meine Unschuld.

Der alte Hass flammt in ihm auf.

Hohn und bitterste Enttäuschung sprechen aus seinen Worten: „Hast dich geirrt! Magst du’s wissen: ich war ein Lump! Ich fürchte sehr, dass ich es jetzt für alle Zeiten bleiben werde!“

Ehe einer es hindern kann, hat der Andres seine Mutter beiseite geschoben und ist die Treppe hinuntergestürzt. Er sieht nicht den Grieshaber und nicht die Vrenili, die sich von ihm verabschieden wollen. Er rennt davon, als verfolge ihn jemand. Hektor springt kläffend an ihm empor. Klingt das Bellen nicht wie: „Ein Lump bist du!“ Wütend tritt er nach dem Hund. Heulend, mit eingezogenem Schweif flüchtet das Tier.

Auf der Landstrasse angelangt, hat Andres sich wieder in der Gewalt. Er redet sich ein: an allem Elend ist der Adam schuld. Nicht nur um Haus und Hof hat er mich gebracht, sondern auch um die Liebe der Eltern! Eine alte Wunde, kaum vernarbt, wurde heute aufgerissen. Abgrundtief ist sein Hass gegen den Bruder! O, es wird schon einmal die Stunde der Vergeltung kommen!

Am anderen Morgen heisst es Abschied nehmen.

Ein über’s andere Mal versichert die Annili dem Andres, wenn er heimkehrt, soll es im Hause aussehen, als sei er nie fort gewesen. Und der Wendel schwört bei allen Heiligen, es bleibt nunmehr alles, wie es jetzt ist. Der „Vetter“ mög nicht so lange wegbleiben. Sein Zimmer stehe allzeit für ihn bereit und erwarte ihn.

Die Annili drückt dem Scheidenden die Hand, als wolle sie sie nimmer freigeben. Dicke Tränen rollen ihr über die rundlichen Wangen.

*

5.

Am Fusse des Stöcklewaldes, rings von weiten Forsten umgeben, befindet sich ein uraltes Höhenwirtshaus, „Die Fuchsfalle“ genannt. In der dunklen, verräucherten Wirtsstube sitzen sich der Lorenz Fehrenbach und Pauli Winterhalder gegenüber und um sie herum vier junge, armselig gekleidete Burschen. Auf dem Nachbartisch, in Augenweite, liegen grosse und kleine Uhren, eine sorgsam neben der anderen. Matthes, der Wirt, gesellt sich zu den Männern.

„Soll es jetzt also losgehen?“

„Freilich! Nun, wo der Frühling endlich eingezogen ist, hält’s uns nimmer.“

„Darf man fragen wohin, Pauli?“

Der Winterhalder leert seinen Schoppen. Dann antwortet er bedächtig: „Wollt’ erst nach Frankreich, und der Lorenz gar nach Spanien hinunter. Aber besser ist es schon, man bleibt weg, wo sich die Menschen gegenseitig die Köpf’ einschlagen.“

„Mag schon sein. Der Geist der Unruhe und Unzufriedenheit ist wie ein Stein, den man ins Wasser wirft. Immer weitere Kreise zieht er.“

„Freilich, Matthes, in den kleinsten Dörfern gibt’s heutzutage schon mehr als zu viel aufrührerische Geister!“ entgegnet Fehrenbach.

Der Wirt ereifert sich: „Was wollen sie denn, diese Weltverbesserer? Geht’s uns nicht gut? Können wir nicht zufrieden sein?“

Einer der jungen Burschen wendet sich zu seinen Kameraden und flüstert ihm ins Ohr: „Der Fuchs hat gut reden, ihm lausen ja mehr als genug in die Falle; wie steht’s aber mit unsereinem?“

Der Nachbar grinst und nickt verständnisinnig.

„Was habt Ihr da zu tuscheln? He? Spukt’s auch schon in euren blöden Schädeln von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ und wie all die Schlagworte heissen, mit denen heutzutage umhergeworfen wird? Sagt’s nur frisch heraus, ihr Strohköpfe! Könnt euch dann gleich wieder dahin scheren, woher ihr gekommen seit! Ersatz für euch liegt auf der Strassen!“ Der Fehrenbach hat sich in Zorn geredet und schlägt mit der Faust auf den Tisch.

„Hab’ dem Steffe ja nur ein Scherzwort gesagt.“

„So? Ein Scherzwort?“ höhnt der Uhrenträger. „Macht, dass Ihr hinaus kommt!“

Matthes legt dem erregten Mann die Hand auf die Schulter: „Lorenz, lass doch die beiden! Wird schon kein Staatsverbrechen gewesen sein. — Gelt, Karle und Steffe, hab ich nicht recht? Wir kennen uns doch! — Sei froh, Lorenz, so ordentliche, rechtschaffene junge Leute gefunden zu haben.“

„Also bleibt!“ knurrt der Fehrenbach. „Aber lasst euch nicht gelüsten, frech oder aufsässig zu werden, ich schreib eine gute Handschrift!“

Wieder ist es der Wirt, der helfend einspringt und die Spannung durch die Frage überbrückt: „Wohin soll es denn nun eigentlich gehen, Lorenz?“

„Über Polen nach Russland hinein. Hat schon mehr als einer sein Glück dort oben gemacht.“

„Bist ein gescheiter Kopf! Der Straube-Jockele und der Duffner-Sepp sind auch dort gewesen und als reiche Leut’ heimgekommen. Aber kalt ist’s da oben, bitterkalt!“

„Werd’ schon sorgen, dass die Buben sich warm arbeiten!“ brummelt der Lorenz.

Jetzt mischt sich der Winterhalder ins Gespräch: „Ja, der Jockele und der Sepp sind nicht dumm gewesen! Haben der Kaiserin eine schöne Uhr geschenkt, so ein rechtes Kunstwerk, auf der die zwölf Apostel die Stunden anschlugen. Hat sich gelohnt, die Sach’! Ein Freibrief wurde ihnen für alle russischen Länder ausgestellt, nicht einmal Abgaben brauchten sie zu zahlen! Wissen heut gar nicht, wohin mit all ihrem Reichtum!“

„Na, da willst du wohl auch zum Norden?“

„O nein, Eis und Schnee hat’s bei uns genug. Böhmen, Ungarn, Mazedonien will ich besuchen, bis zum Bosporus nach Konstantinopel hinunter!“

„Ja, hast du denn keine Angst vor den gottlosen Türken?“

„Ach, Matthes, ganz toll sind sie auf schöne Uhren! Der Faller Michel hat es mir erzählt. Mitten im Krieg war er dort. Kein Haar ist ihm gekrümmt. Konnte sich nicht bergen vor all den vielen Aufträgen, und nur das Beste, Kunstvollste haben die reichen Moslems gekauft und Preise gezahlt, da reisst du Augen und Mund auf! So eine Kundschaft wäre mir schon recht!“

Der Fehrenbach sagt: „Nun ist genug geschwätzt. Das war jetzt der Abschiedsschoppen. Wer weiss, wann wir wieder kommen?“

„Da werd’ ich wohl nicht mehr am Leben sein, Lorenz.“

„Wie alt bist’, Matthes?“

„An die sechzig Jahr’.“

„Magst recht haben. Zwanzig, fünfundzwanzig Jahre wird’s währen, bis wir wieder einmal in der „Fuchsfalle“ beim Schoppen sitzen.“

Die Uhrenträger leeren ihre Gläser und erheben sich. Es sind hagere, hohe, sehnige Gestalten. Sie machen einen gar würdigen Eindruck in ihrem langen, samtenen Schossrock und schwarzen Filzhut. Auf dem Rücken haben sie vier, auf der Brust drei Uhren hängen, um die Hüfte den Lederranzen mit dem Werkzeug. Unternehmungslustig schauen sie aus. Jeder von ihnen mag wohl die Dreissig überschritten haben. Sie atmen tief auf. Die von Wetter und Rauch gedunkelten Holzhäuser, in denen sich bisher ihr Leben in enger Umwelt abspielte, liegen nun hinter ihnen. Über Berge, Hänge, Halden, Täler und Wälder steigen sie jetzt in fremdes Land. In jedem Ort, durch den sie ziehen, werden sie durch den Klang eines Glöckchens die Kauflustigen anlocken und ihre klingende, schnarrende und musizierende Ware feilbieten.

„Lebt wohl, Lorenz und Pauli, und Ihr jungen Burschen! Glück auf den Weg!“ ruft der Wirt. Ein letzter Händedruck, und die Männer gehen mit bedächtigen Schritten zur Tür hinaus. Voran marschieren die beiden Händler, hinter ihnen, schwer beladen, die vier Uhrenknechte. Bald sind sie auf der leicht ansteigenden Landstrasse im Walde verschwunden.

Von allen unbeachtet hat während der ganzen Zeit ein Wanderbursch abseits an einem kleinen Tisch in der Schankstube gesessen. Er mag wohl achtundzwanzig Jahre zählen. Er tat, als ob alles, was um ihn her vor sich ging, nicht des Aufhorchens wert sei, und doch spitzte er die Ohren und achtete auf jedes Wort. Er denkt im stillen: Was die Beiden können, das kann ich schon alle Tage. Es wäre vielleicht nicht das Dümmste, es ihnen in einigen Jahren nachzumachen, aber es eilt nicht, ich bin ja noch jung!

Jetzt erst, nachdem die Gäste fort sind, hält es der Matthes für nötig, mit dem Fremden ein Gespräch anzuknüpfen: „Die Leute kamen von Triberg her. Ein schwerer Beruf!“

„Aber einer, der seinen Mann rechtschaffen ernährt!“

„Ja, ja, ’s hat mancher Uhrenträger sein Glück da draussen in der Welt gemacht. Ist aber auch mancher zugrunde gegangen oder auf dem Heimweg überfallen und seines vielen Geldes wegen umgebracht worden. Woher kommst du?“

„Hab’ mich halt auch ein wenig auf unserer schönen Erde umgesehen. War in Lothringen, Franzland, Tirol, Wien, Welschland, in der Schweiz und komme jetzt aus dem Württembergischen.“

„Bist auch Schwarzwälder, hör’s an deiner Aussprache. Aus welcher Gegend?“

„Drunten im Bregtal, zwischen Furtwangen und Vöhrenbach.“

Der Wirt setzt sich zu ihm und fragt: „Wie heisst du?“

„Was tut der Name zur Sache? Nenne mich Andres, wenn es dir Spass macht.“

Matthes erschrickt. „Bist doch nicht am End’ gar der Berghofbauersohn?“

„Wie kommst’ darauf? Nein, auf einen so reichen und vornehmen Vater hat unsereins keinen Anspruch.“

„Mir kam es so in den Sinn. Der Xaver und die Moni hatten auch einen Bub’, der Andres hiess. Möcht wohl in deinem Alter sein.“

„Lebt er nicht mehr?“

„Wohl. Er ist vor drei Jahren fortgegangen. Muss irgend was arg Schlimmes getan haben. Die Leut’ sagen, der Moni habe es das Leben gekostet.“

„Die Berghofbäuerin ist tot?“ fragt der Fremde, und seine Stimme klingt heiser.

„Ja. Gestern ist sie zur Erd’ gebracht. So eine kostbare Leiche hat’s schon seit langem nicht mehr gegeben. Aber was hilft es? Deswegen ist ihr das Sterben nicht leichter geworden. Man erzählt: Tag und Nacht habe sie mit dem Tode gerungen und immer aufs neue geschrien „Der Andres soll kommen! Ich will den Andres noch mal sehen! Holt mir den Andres!“ Immer soll sie zur Tür geschaut haben, als erwarte sie, er müsse jeden Augenblick eintreten. Ja, ja, wer weiss, wo der sich in der Welt ’rumtreibt und ein lustig Leben führt?“

„Also du meinst, der Andres sei ein Lump?“ fragt der Wanderer und hat Mühe, seiner Stimme Festigkeit zu verleihen.

„Ich weiss nicht. Habe ihn nie gesehen. In Vöhrenbach, wo er beim versoffenen Maurerwendel gelernt hat, liess er sich nichts zu Schulden kommen. Man hört dort nur Gutes von ihm. Aber ich denk, wenn der eigne Vater dem Sohn den Hof verbietet, wird der Andres wohl ein Lump gewesen sein, denn der Berghofbauer ist ein Ehrenmann, das weiss ein jeder.“

„Freilich, und reich ist er obendrein, da zählt die Ehr’ gleich doppelt!“ gibt der Gast zur Antwort. Seltsam bitter klingt seine Rede. Er wirft die paar Kreuzer, die seine Zeche ausmachen, auf den Tisch, stülpt den breitkrempigen Hut über die Ohren, hängt sein Bündel über den Rücken und greift zum Knotenstock. Mit einem kurzen „Grüss Gott!“ eilt er zur Tür hinaus.

Kopfschüttelnd blickt der Wirt ihm nach. Fast sieht es aus, als ob der Fremde vor einem unsichtbaren Feind flüchte. Er hastet den Weg hinauf. Heiss brennt die Mittagssonne, aber er achtet nicht darauf. Nun hat ihn der weite Wald aufgenommen. Wie wohl die Ruhe und Stille tut! Ein wenig abseits vom Weg, hinter Strauch und Busch versteckt, lässt er sich nieder. Die Beine drohen plötzlich den Dienst zu versagen.

Tot ist die Mutter! Sie, die ihm so viele Liebe und Güte erwiesen hat! In Hass und Unfrieden ist er von ihr gegangen! Sie hatte ihn verstanden und wollte ihm verzeihen! War da nicht eine Stimme, die ihn rief und ihn immer wieder zur Eile anspornte? Jetzt begreift er: es ist die Mutter gewesen, die in ihrer Herzensnot nach ihm schrie. Er aber hatte sich in seinen blinden Trotz und Hass verbissen und den heiligen Ruf als ein Hirngespinst verlacht!

Keine Träne tritt in seine Augen, aber ein krampfhaftes Schluchzen erschüttert seinen Körper. Zu spät! Er wird seine Mutter nie wieder sehen! Sein Verschulden! Drei Tage hat er sich in Offenburg herumgetrieben. Warum? Aus Zorn und Eigensinn über das ihm vermeintlich zugefügte Unrecht. Wie Schleier fällt es von seinen Blicken. Alle Schuld und alles Unrecht liegt bei ihm, nur bei ihm!

Wie lange er so gelegen hat, weiss er nicht. Es ist wie ein Dämmern zwischen Träumen und Wachen gewesen. Sein ganzes Leben zog an ihm vorüber. Alle Kämpfe zwischen Gut und Böse, Reue und blindem Hass, die seit jener Stunde sein Innerstes zerrissen, flammten auf.

Länger werden die Schatten. Langsam, schwerfällig wandert der Einsame dahin. Plötzlich taucht zur Rechten eine Lichtung auf. Zwei hohe Steinsäulen heben sich gespenstisch gegen den von der untergehenden Sonne in blutiges Rot getauchten Himmel ab. Ein Querbalken verbindet sie. Mancher arme Sünder hat von hier aus zum letzten Mal auf die herrliche Landschaft unter seinen Füssen gesehen.

Wäre der Bürstenkarle damals nicht im letzten Augenblick gekommen — —. Nur nicht denken! Ein Grauen schüttelt den Wanderer. Fort von dieser Stätte!

Bald liegt der Galgen hinter Andres. Nun erst kommt es ihm zum Bewusstsein, dass viele Stunden vergangen sind, seitdem er die „Fuchsfalle“ verlassen hat. Und doch ist es von dort bis zum Galgen nur ein Weg von wenigen Minuten. Unwirklich erscheint ihm die Welt. Weiter hastet er über Berge und Hügel hinweg.

*

Um die Morgenstunde steht der Xaver am Waldrain und schaut hinüber, wo er — hinter Bergen versteckt — den Friedhof von Furtwangen weiss. Monis Tod hat alles in ihm aufgewühlt. Seine Ehe hat nichts mit der sogenannten „Liebe auf den ersten Blick“ zu tun gehabt. Nüchtern und sachlich hatten seine und ihre Eltern unter sich die Angelegenheit geregelt, als sei es ein Geschäft gewesen. Reichtum musste sich zu Reichtum gesellen, auf dass der Besitz vermehrt werde und Haus und Hof auf fester, gesicherter Grundlage stehe. Es war eine grosse, glänzende Hochzeit gewesen, doch Mann und Frau fanden ohne Illusionen zueinander. Und es war gut so. Sie erwarteten kein Paradies auf Erden und blieben daher vor Enttäuschungen bewahrt. Es gab für sie weder einen „himmelhoch jauchzenden Rausch“ noch ein „zu Tode betrübt sein“. Aber friedlich und harmonisch gestaltete sich ihr Zusammenleben. Jeder füllte seinen Arbeitsplatz voll aus, und aus diesem Schaffen erwuchs allmählich aus der Achtung heraus das Gefühl der Liebe. Zerrissen ist jetzt das Band.

Rechtschaffen und tüchtig ist der Xaver, doch hart und unbeugsam in seinen Entschlüssen. Er gilt als ein frommer Mann in seiner Gemeinde, aber von der grossen, verzeihenden Liebe weiss er nichts. Er kann begangene Schuld nicht vergeben. Wollte er an der Verstorbenen etwas auszusetzen haben, so war es ihr allzu weiches Gemüt, ihre allzu grosse Gutherzigkeit. Solche Eigenschaften sind dem Wohlstand auf Erden nicht förderlich. Der Leo hat einen guten Schuss davon im Blute. Nimmer wäre er ein rechter Bauer geworden. Seiner Natur liegt das Grübeln und Sinnen. Na, er steht schon auf dem rechten Platz und wird dem Namen Dorer niemals Schande bereiten.

Jetzt tritt ein elfjähriger Junge aus der Tür des Hauses. Er lässt den schmächtigen Kopf hängen und hat verweinte Augen. Das kann der Alte nicht leiden. Rauh schreit er den Sohn an: „Du, reiss dich zusammen! An die Arbeit mit dir!“

Erschrocken fährt Adam auf und verschwindet schleunigst im Stall. Der Berghofbauer guckt missmutig hinter ihm drein. Nichts hat der Bub von ihm geerbt. Das getreue Abbild der Mutter — schmal und klein von Figur — ist er. Verzärtelt hat sie ihn! Er wird ihm seine Weichheit noch austreiben! Wie soll der Bursch sich sonst später den Knechten und Mägden gegenüber durchsetzen? Schon mehr als einmal ist dem Xaver der Gedanke gekommen, es wäre wohl besser gewesen, wenn das Milchpuppengesicht nimmer das Licht der Welt erblickt hätte. Mag er sich noch so sehr gegen Andres in Hass und Abscheu hineinreden wollen und ihm auch noch das schwere Sterben der Moni als neue Schuld aufladen, das alles hindert ja nicht zu erkennen, dass der Andres gerade der richtige Mann gewesen wäre, den Berghof zu erhalten.

Es ist nicht gut, wenn wir Menschen klüger sein wollen als der Herrgott und aus reinem Eigennutz mit unserer geringen Weisheit unser Schicksal eigenmächtig umzuformen versuchen. Irgendwo aus geheimnisvollen Tiefen dringt immer wieder eine Stimme hervor: Trägst du nicht selbst die Schuld, dass der Beste unter deinen Buben ein Lump geworden ist? Hast du ihn nicht wie einen Baum aus dem festen Boden herausgerissen? Und nun wunderst du dich, dass der Entwurzelte vom Strom des Schicksals durch Wirbel und Brandungen gerissen wird?

Der Alte schüttelt die Gedanken von sich. Ach was, geschehen ist geschehen! Basta! Mit festen Schritten geht der Bauer jetzt von Stall zu Stall, von Feld zu Feld. Überall sieht er nach dem Rechten. Ja, Arbeit, Schaffen, Aufbauen helfen über alles hinweg! Ihm wird der Adam folgen. Dem muss ein willensstarkes Weib zur Seite stehen, dann mag es gehen. Das ist die Lösung der Zukunft. Xaver kennt mehr als einen grossen Hof, wo der Bauer nicht viel zu melden hat und die Bäuerin mit starker Hand die Herrschaft führt. Er wird die Augen offen halten und seinem Jüngsten die rechte Frau schaffen! Jawohl, das ist er sich und dem Berghof schuldig!

*

Wie die Herde sich um ihren Hirten schart, so haben die Furtwanger ihre Häuser rings um die Kirche herum aufgebaut. Wohl an die hundert Gebäude mögen es sein. Aber am Katzensteg und weit zerstreut in den Gemarkungen des Psarrsprengels finden wir noch manches Taglöhnerhäuschen und manchen Hof, der zu der Gemeinde gehört.

Im Orte selbst herrscht reges Leben. Die Uhrmacherei, Strohflechterei stehen in Blüte. Uhrengehäusemacher, Uhrenschildhersteller und -maler führen dort ihr Gewerbe aus, und auch der Glashandel gibt manchen Familien Brot. Über die Landstrasse an der Breg poltern schwerfällige Bauerngespanne, Planwagen und mit Holz beladene Fuhrwerke. Behäbig trotten die Zugochsen daher. Das Städtchen steht mit der Umwelt in lebhafter Verbindung, da der Verkehrsweg zwischen der Baar und dem Breisgau, zwischen Villingen und dem Simonswald durch Furtwangen läuft.

Um das Gotteshaus liegt der Friedhof. Vor einem frischaufgeworfenen Hügel steht der Andres. Er führt ein langes, stummes Gespräch mit seiner Mutter. Jetzt spricht er ein stilles Gebet. Dann wendet er sich langsam zum Gehen. In dem Augenblick, wo er die Begräbnisstätte verlässt und wieder unter die Lebenden tritt, hat er alles Schwache von sich gestreift. In seinen Adern fliesst des Berghofbauern Blut!

Auf einem Seitenpfad durchquert er den Ort. Bald schon umfängt ihn die feierliche Stille des Waldes. Näher kommt er dem väterlichen Boden. Soll er verstohlen durch die Büsche hinüberblicken? Die Versuchung wächst. Er spürt das Verlangen, einmal wieder die Stätte zu betreten, wo er geboren wurde und seine Jugend verlebte. Ach was, nicht rührselig werden! Entschlossen lenkt er seine Schritte nach einem schmalen Weg, der durch dichte Tannen zum Gipfel hinaufführt. Jetzt hat er eine Lichtung erreicht. Selbst durch Strauchwerk verdeckt, gewährt sie ihm einen weiten Rundblick. Nahebei sieht er die Gebäude des Berghofes liegen. Begierig schaut er dorthin. Knechte und Mägde gehen ihrer Arbeit nach. Nun tritt ein kleiner Bub aus einer Stalltür. Das kann nur der Adam sein. Er geht vorsichtig zu einem schmalen Durchlass zwischen zwei Scheunen. Dort wartet ein schlankes Mädchen von etwa dreizehn oder vierzehn Jahren auf ihn. Adam lehnt seinen Kopf an des Mädchens Brust, er wird wohl von einem hemmungslosen Weinen geschüttelt. Das Mädel hat den Arm um seinen Nacken gelegt und scheint ihn zu trösten. Etwas Gütiges, Mütterliches liegt in seinem Wesen. Eine Weile stehen beide da wie durch ein gemeinsames Leid verbunden. Plötzlich steht der Bauer hinter ihnen! Er hat ihnen irgendwelche Befehle erteilt. Sie eilen, so schnell ihre Füsse sie zu tragen vermögen, nach entgegengesetzten Richtungen davon.

Alles das hat Andres von seinem Platz aus beobachtet. Das Erbteil vom Vater und von der Mutter in seinem Blute — hart und weich — liegen im Kampf miteinander. Er versteht in dieser Minute den Vater, als sei er es selbst. Er begreift, dass der Vater nicht weniger leidet als der Sohn. Zum Schmerz um die geliebte Frau gesellt sich die Furcht um die Zukunft des von Geschlecht zu Geschlecht ererbten Gutes.

Sinnend setzt Andres seinen Weg fort. Eine seltsame Heimkehr! Aber einen tieferen Eindruck als alles andere hat das Mädchen auf ihn hinterlassen. Wer ist die Fremde, die den Adam wie eine Mutter betreute? Zu dem alten Bruderhass und Groll gesellt sich der Neid.

*

Der Leo legt die Arbeit beiseite und eilt zur Tür hinaus.

„Vrenili! Komm! Andres ist wieder da!“ ruft der Grieshaber.

Am Fenster stehen die beiden Alten und blicken hinaus. Da draussen halten sich die beiden Brüder umschlungen. Eigentlich ist es ja der gutherzige Leo, der seinen Arm um den Hals des Heimgekehrten gelegt hat. Anfangs sträubte sich der Jüngere gegen einen solchen zur Schau getragenen Gefühlsausbruch, doch dann tut es ihm wohl, zu wissen, dass doch einer der Seinen ihm die Zuneigung bewahrt hat.

Arm in Arm treten die Brüder ins Haus. Ein festlicher Empfang wird dem Heimgekehrten zuteil. Der alte Uhrmacher und seine Frau bewirten ihn aufs beste. Sie sind ganz Güte und Liebe. Und erst der Leo! Ihm brennt der Schmerz auf der Seele, dass der Bruder zurückkommt, ohne die Mutter am Leben zu finden. Im Unfrieden ist er von ihr gegangen, ihre Stimme der Versöhnung ist nicht an sein Ohr gedrungen und jetzt — um wenige Tage zu spät!

Andres fühlt, wie sich die harmlosen Menschen bemühen, ihm die traurige Botschaft schonend zu berichten. Da erzählt er ihnen, dass er alles schon in der „Fuchsfalle“ erfahren habe.

Hart, wie die vollendete Überwindung, sollte es klingen. Der Andres vermochte es aber doch nicht zu verhindern, dass Tränen seine Augen füllten. Er ist ärgerlich, dass er seine Gefühle nicht besser in der Gewalt hat. Was brauchen andere Menschen zu wissen, wie weh es in seinem Herzen aussieht?

Als man sich endlich trennt, ist es schon Abend geworden. Leo will seinen Bruder nach Vöhrenbach geleiten. Der lehnt ab. Er möchte noch ein Weilchen mit seinen Gedanken allein sein. Da schüttelt ihm der Ältere zum Abschied die Hand: „Lass uns jetzt treu zusammenstehen, wie es zwischen Brüdern sein soll! Und du, kann ich dir einmal helfen, rechne auf mich!“

Da hat der andere die beiden Uhrenträger vor Augen, die ausziehen, um fremde Länder kennen zu lernen, die Wegbereiter der Heimindustrie sind und nach vielen Jahren als reiche Leute zurückkehren!

*

Vor dem alten Häuschen in der Seitengasse zu Vöhrenbach steht der Andres.

Mit musternden Blicken betrachtet er den Bau. Ja, Annili hat Wort gehalten! Saubere Vorhänge, bunte Blumen und Pflanzen hinter den Fenstern sind Grüsse, die für ihn bestimmt sind, für niemanden sonst! Und was ist das? Ein Rosenstock steht neben dem Beischlag! Die warme Frühlingssonne der letzten Tage hat die ersten zarten Blätter hervorgezaubert. Ganz eigen wird Andres zu Sinn. Wollte er noch irgend etwas auszusetzen finden, wäre es das: einen frischen Anstrich müsste die Hauswand bekommen.

Wieder schrillt die alte Glocke durchs Haus. Heute braucht er nicht lange zu warten. Eilige Schritte hasten die Treppe hinunter. Die Tür wird aufgerissen, und glückstrahlend ruft die Annili dem Eintretenden zu: „Das freut mich, dass du wieder da bist! Nun ist alles gut! Ach, ich wusste ja, du würdest jetzt kommen. Tag für Tag warte ich schon auf dich!“

Immer wieder schüttelt sie ihm die Hände.

„Stattlich bist du geworden! Ein ganz anderer Kerl als der Wendel!“

„Wo steckt er?“

„Wo er jeden Abend steckt. Soll ich ihn holen?“

„Nein, erzähle mir, was sich ereignet hat, seitdem ich fort gewesen bin.“

Nun sitzen die beiden in der Stube beieinander. Der Junge hört, dass es höchste Zeit war, heimzukehren und nach dem Rechten zu sehen. Mit Müh’ und Not hat Annili bisher alles aufrecht erhalten. Mit dem Meister ist es schon seit langem das alte Lied. Abend für Abend befindet er sich unterwegs. In den Jahren, wo Andres ihm jede Arbeit abnahm, ist er träge und verwöhnt geworden. Schulden häufen sich auf Schulden. Weiss er gar nicht mehr aus noch ein, bettelt er beim Bruder auf dem Berghof; aber auch die Quelle scheint zu versiegen. Lange hätte es nicht mehr gedauert, und ihm wäre das Haus gepfändet worden.

Andres hat schon seinen Entschluss gefasst. Gut, er wird noch einmal eingreifen und Wandel schaffen. Die Bettelgänge zum Xaver hören ein für alle Mal auf. Der Andres wird dem Vater zeigen, dass er es ohne seine Hilfe schafft!

„Du, Annili, seit wann steht der Rosenstock vor der Tür?“

„Ich habe ihn am anderen Tag, als du fortgingst, gekauft, selbst gepflanzt und gepflegt. Ich wusste ja, solange er gedeiht, geht es dir gut.“

Andres klopft ihr lachend die Wangen.

„Bist ein liebes, abergläub’sches Maidli!“

Sie errötet vor Freude. Am liebsten wäre sie gar nicht schlafen gegangen, so glücklich fühlt sie sich, mit ihm einmal ganz allein beisammen sein zu dürfen. Aber auch ihm tut es wohl, zu wissen, dass es eine treue Seele gibt, die auf ihn gewartet hat!

*

6.

Am anderen Morgen, zu vorgerückter Stunde, tritt Wendel ins Wohnzimmer. Er reckt sich, gähnt und will sich in seinen Lehnstuhl werfen. Da sieht er eine Gestalt am Fenster stehen.

Bei Gott, das ist ja der Andres! Der Schreck schiesst ihm in die Kniekehlen. So plötzlich hatte er ihn nun doch nicht erwartet! Hoffentlich ist der Bursche nicht schon gestern abend gekommen! Aber nein, da würde ihm die Annili doch einen Wink gegeben haben. Also muss er heute früh eingetroffen sein. Jetzt heisst es Ruhe und Haltung bewahren!

„Nein, diese Überraschung! Grüss Gott! Hab schon immer zu unserer Annili gesagt: wo nur der liebe Andres bleibt?“

„Grüss Gott, Vetter Wendel!“

„Ist heut’ ein wenig spät geworden. Hatt’ gestern bis in die tiefe Nacht zu tun.“

„Ich weiss, erst im „Engel“, dann im „Leuen“.

„Gar nichts weisst du! Wärest du gestern abend gekommen, hättest du dich selbst von der Wahrheit meiner Worte überzeugen können“, sagt der Wendel mit frecher Stirn, denn er ist ja überzeugt, dass der Neffe die Nacht beim Leo zugebracht hat.

Kühl lautet die Antwort: „Ich habe mich überzeugt, ehrwürdiger Vetter!“

„Wie, du bist schon seit gestern abend hier?“

„Ja, und habe ganz vorzüglich in eurem Hause geschlafen.“

„Das freut mich, Andres, das freut mich!“ beeilt sich der Alte zu sagen.

„Freilich, auch ich habe mich gefreut, wie sauber und ordentlich Annili alles instand gehalten hat!“

„Ja, die Annili! Ein Prachtmaidli ist sie! Hat sie dich gut bewirtet?“

„Ich hatte schon bei Leo zu Abend gegessen, als ich hier ankam.“

Der Meister spürt Wind in den Segeln. „Schade, du musst zur Tür hineingetreten sein, als ich gerade hinausgegangen war. Warum hast du mich nicht holen lassen? O, es wäre Annilis Pflicht und Schuldigkeit gewesen, mich zu rufen!“

„Sie wollte es, aber ich sagte ihr: der Vetter soll nicht um seinen Abschiedsschoppen kommen.“

„Abschiedsschoppen? Wie meinst du das?“

„Ich meine, dass wir erst einmal Geld anschaffen müssen, um eure Schulden zu zahlen!“

Geld anschaffen! Das klingt dem Onkel wie Musik in den Ohren. Der Andres will helfen! Also heisst es, gute Miene zu machen.

„Nun kommt ja der Sommer, da wird es wieder Arbeit und Verdienst geben.“

„An mir soll’s nicht liegen. Werde mich rechtschaffen mühen, Arbeit und Verdienst herbeizuschaffen. Möchte aber vorher wissen, wie es um euch bestellt ist. Lasst eure Bücher sehen.“

„Hat wohl Zeit, bis ich gefrühstückt habe. — Annili!“

Die Gerufene eilt herbei.

„Schnell das Morgenessen für Andres und mich!“

Das Mädchen lacht hellauf. „Das hat der Andres mit mir schon vor vier Stunden verzehrt!“

„Na, Vetter, wie ist es mit dem Buch?“

Am liebsten hätte der Meister den Grünschnabel zur Tür hinausgeworfen, doch sagt er: „Gib nur Ruh’, bis ich gegessen habe.“

„Ihr habt also nichts mehr angeschrieben, seitdem ich fort bin?“

„Wozu, Andres? Bei meinem Gedächtnis! Zudem werd’ ich dir nachher etwas erzählen, was mehr wert ist als die paar Schulden. Jawohl, ich bin in dieser Stunde schon ein reicher Mann, und wenn ich sterb’, sollst du mein Erbe sein. Nun lass mich eine Weile zufrieden.“

Andres lässt den Alten beim Schmausen gewähren und blickt zum Fenster hinaus, auf den Rosenstock.

Dann folgt eine lange, erregte Sitzung. Andres muss tief in den Beutel langen. Er löst die Hypothekenschulden ein, lässt sich aber dafür das Haus mit allem Mobiliar als Sicherheit übereignen. Der Wendel ist nur noch dem Namen nach Herr in seinen vier Wänden.

Der Neffe höhnt: „Weiss Gott, Ihr seid ein reicher Mann, und es ist ein feines Erbe, das Ihr mir hinterlassen werdet.“

Der Alte lässt sich jedoch nicht mehr aus der Ruhe bringen. Gemächlich lehnt er sich im Lehnstuhl zurück, zündet eine Pfeife an und spricht wie einer, der seines Sieges sicher ist.

„Nun hörst du einmal zu, was ich dir zu sagen habe! Elf Jahre sind es her, da lag auf der Steinhalde beim Berghof ein Bub und erzählte im Schlaf allerlei krauses Zeug. Du kennst ihn, Andres, gelt?“

„Was soll’s?“ Unwillig klingt die Frage.

„Hast vom Berggeist und allerlei Leuten geredet. Du, nicht alle Träume sind Schäume!“

„Ach geht!“ sagt Andres, aber lang vergessene Hoffnungen werden wach.

„Ich weiss, du meinst, ich habe all die Zeit nichts getan. Bist schief gewickelt! Habe über manches nachgedacht, und das bringt mehr ein, als wenn ich alte Ställe ausbessere oder wacklige Hauswände flicke! Nach Donaueschingen bin ich gegangen!“

„So weit? Nun, da wird der Adlerwirt sich gefreut haben!“

Der Wendel lässt die Faust auf den Tisch sausen. „Schweig: Bist ein Strohkopf trotz deiner achtundzwanzig Jahr!“

Hm, vielleicht lohnt es sich, ihn anzuhören. Andres beruhigt ihn: „Erzählt schon.“

„Habe mich bei den hohen Herren von der Fürstlichen Verwaltung umgehört und in alten Büchern und Schriften nachgelesen. Stimmt schon mit dem Berggeist und allem Drum und Dran. Will ja im Volksmund das Gerede nicht verstummen, dass da oben früher ein Bergwerk gewesen sei. Hat alles seine Richtigkeit! Silber wurde dort gegraben. Kriege, Bauernunruhen traten ein. Lange lag die Grube still. Gut eineinhalb Jahrhundert sind vergangen, als der letzte Versuch gemacht wurde, die Schätze zu heben. Kaum begonnen, brachen die Schweden und Kaiserlichen ins Land. Als nach drei Jahrzehnten endlich die Friedensglocken läuteten, gab’s weit und breit fast nur Brandstätten und Trümmerhaufen. Wer dachte da noch an Silber, das unter der Erde ruhte? Die Wenigen, die darum wussten, hatten vollauf mit ihren Sorgen um das Land zu tun. Daher ist allmählich die Mine in Vergessenheit geraten und der Eingang zum Stollen verfallen.“

„Aber die vom Berghof?“

„Die Bauern haben immer mit scheelen Augen auf die Bergknappen gesehen. Um Wald- und Flurschäden hat es viel Hader und Zank gegeben. Sie, die Helle und Licht Gewohnten, liebten die „Unterirdischen“ — wie sie sie nannten — nicht. Auf dem Berghof ist man froh gewesen, als der ganze Spuk vorüber war. Man hütete sich, das Gedenken daran aufzufrischen. Fragte hin und wieder jemand, ob etwas Wahres an dem Gerücht sei, wurde es als leeres Geschwätz hingestellt.“

Nach einem kurzen Schweigen meint der Andres: „Alles gut und schön, aber was hilft es uns? Der Berg gehört Vater.“

„Glaubst du, ich wär ein so ausgemachter Narr, dir das alles zu erzählen, nur um dir den Mund wässrig zu machen? Da, sieh!“

Stolz zieht der Wendel ein Schriftstück aus der Tasche. Der Neffe liest:

„Schenkungsurkunde!“

Ich, Xaver Dorer, Besitzer des Berghofes, übereigne hiermit meinem Bruder, dem Maurermeister Wendel Dorer in Vöhrenbach, und nach seinem Ableben meinem Sohn Andres Dorer, daselbst, den Steinbruch unterhalb des Berggipfels.

Berghof, unweit Furtwangen, den 1. Mai 1788.

Xaver Dorer.

„Genügt’s?“ fragt Wendel, und ein hässliches Lachen spielt um seinen Mund.

„Wie habt Ihr das Kunststück angefangen?“

„Habe dem Xaver gesagt, es werde demnächst wohl allerlei zu bauen geben, da könnte ich die für ihn wertlosen Steine gut gebrauchen, er möge mir doch den Bruch überlassen. Er wollte erst nicht recht, aber ich meinte, mein Geschäft erbt einmal der Andres, und wer kann wissen, wie sich dann der Adam dazu stellt. Das gab den Ausschlag.“

Nun wendet sich der Wendel wieder an sein Gegenüber: „Ja, schwarz auf weiss muss man es sich geben lassen, damit es niemandem einfallen kann, die Schenkung anzufechten. Vielleicht denkst du jetzt etwas besser vom alten Wendel! Du siehst, ich sorge auch für dich!“

Der Andres gibt eine Antwort, die der Alte nie erwartet hätte: „Will mir die Sache durch den Kopf gehen lassen.“

Kein Wort des Lobes oder des Dankes! Entrüstet ruft der Meister: „Bist du toll? Was gibt es da noch zu bedenken? Morgen beginnen wir zu graben und, will’s Gott, schlagen wir in einer Woch’ das erste Silbergestein! Und wenn du nicht willst, so tu ich’s allein, aber keinen roten Kreuzer sollst du dann bekommen!“

„Glückauf!“ erwidert Andres voller Hohn. Er kennt den Onkel viel zu gut. Nicht aus Liebe zu ihm hat er seiner gedacht, er war nur der Köder, auf den der Vater anbeissen sollte. Und jetzt kann er die schwere Arbeit tun, der Wendel ist viel zu träg. Er wird es ihm schon zeigen, ob er sich ins Joch spannen lässt! Er hat es mit dem Graben nicht eilig. Erst sind notwendigere Dinge zu erledigen. Aber auch ihn hat die Nachricht bis ins Innerste gepackt. Vielleicht liegt hier der Schlüssel zu Macht und Reichtum.

*

7.

Der alte Uhrmacher, der sonst Tag aus Tag ein über seine Arbeit gebeugt sitzt und kaum ein Wort spricht, ist heute seltsam schwatzhaft.

„Gelt, Leo, es macht Freud’, in einer so gesegneten Zeit leben und schaffen zu dürfen?“

„Freilich, Meister Grieshaber, es ist eine grosse Gnade Gottes!“

„Ja, ja, wir dürfen noch die Grössten unter den Grossen unter uns sehen: Philipp Matthäus Hahn in Echterdingen, dessen Werke wie seine Globenuhr und sein Planetarium noch nach Jahrhunderten bewundert werden! Und unser grösstes Genie, Thaddäus Rinderle! Wenn er nichts anderes geschaffen hätte als nur seine astronomische Kunstuhr, sein Name würde schon deswegen unvergänglich sein.“

Nach einer Weile fährt er fort: „Mög der Herrgott nur verhüten, dass die Menschen in ihrer Habsucht den Segen in Unsegen verwandeln! Denn schon machen sich Zeichen des Verfalls bemerkbar. Es ist mehr als ein Meister unter uns, der nur ans Geldverdienen denkt. Die Leute arbeiten nicht mit der nötigen Sorgfalt. Sie sind die ersten Schädlinge, die den guten Ruf unserer Schwarzwalduhr gefährden!“

„Ausnahmen, die es immer geben wird!“ entgegnet Leo.

Von Furtwangen her ertönt das Klappern von Pferdehufen. Nun biegt ein leichter Wagen von der Landstrasse ab, fährt über den holprigen Seitenpfad und macht vor Grieshabers Haus Halt. Hektor bellt wie toll und läuft immer im Kreis um das Gefährt herum. Ein frisches Maidli mit rosigem Gesicht springt vom Bock herunter und ist einem Mann, der bereits die Achtzig überschritten hat, beim Aussteigen behilflich.

Nun eilen auch Leo, der Meister und Vrenili herbei.

„Die Freud’! Der Faller Matthes scheut nicht die weite Reis’ von St. Märgen und kommt selbst! Nein, das ist meist zuviel der Ehr’ für mich!“

Grieshaber hat vor lauter Eifer sein schwarzes Käppchen vom Kopf genommen und sein weisses, spärliches Haar wird sichtbar. Demutvoll verneigt er sich ein über das andere Mal.

Der Faller Matthes ist trotz seines Alters noch sehr rüstig. Er hält sich ein wenig gebeugt. Das mag von der bückenden Beschäftigung herrühren, die sein Beruf als Holzbildschnitzer mit sich bringt. Er hat einen hohen, kräftigen Körper, ein ovales Gesicht, lebhafte Augen, die unter mächtigen Brauen fast verdeckt liegen. Eine schlohweisse Mähne und ein Vollbart bilden die Umrahmung seines edelgeformten Kopfes. In beiden Händen trägt er — wie ein kostbares Kleinod — ein Paket. Er reicht es dem Meister. Der nimmt es sorgsam, als sei es ein Heiligtum. Wer aber würde anders gehandelt haben, wenn ihm ein Werk des berühmten Matthäus Faller, des Schöpfers der Schwarzwälder Uhrengehäuseschnitzkunst, von ihm selbst ins Haus gebracht wird?

Während jetzt die drei alten Leute zur Tür hineintreten, sorgen Leo und Marie, des Bildhauers Enkelkind, für die Unterbringung und Pflege des Pferdes.

„Ist es für Ihren Herrn Grossvater nicht eine gar zu grosse Anstrengung, die weite Fahrt zu machen?“

„Er wollte es sich ja nicht nehmen lassen. Gestern wurde das Gehäuse vollendet. Viele Wochen hat er daran geschnitzt.“

„Merkwürdig, auch Meister Grieshaber gönnte sich seit Wochen keine Ruhe. Beide wollen wohl ihre Gemeinschaftsarbeit vollendet sehen, ehe ein Stärkerer ihnen die Werkzeuge aus der Hand nimmt.“

Im Wohnzimmer in der „besten Stube“, die nur Sonntags benutzt wird, wenn Gäste im Hause sind, haben die Freunde die Uhr aufgehangen.

„Faller, du hast dich dieses Mal selbst übertroffen! Diese Schnitzerei ist von einer Zartheit und Gleichmässigkeit, die nicht zu überbieten ist! Wieviele Stiche und welche Sicherheit der Hand gehören dazu, nur allein das Schallgitter zu schaffen! Aus wievielen Einzelblümchen — jedes ein Kunstwerk an sich und eines genau wie das andere — besteht es? Und gar erst der darüber schwebende Korb, aus dem die von Blättern und Blüten umrahmte Rose hervorragt! Wundervoll! Herrlich auch die ovale Form, die dem Gehäuse ein so gefälliges Aussehen verleiht! Und die harmonische Farbenzusammenstellung: das zart aufgetragene Gold auf den hellbraunen Grundton des Holzes!“

Der alte Uhrmacher ist vor Begeisterung und Bewunderung ganz überwältigt. Andächtig sitzt die kleine Gemeinde im Betrachten der prächtigen Arbeit vertieft. Da rückt der Grieshaber den Zeiger seiner Uhr auf sechs. Ein wundersames Klingen, Flöten und Musizieren beginnt. Kaum sind die letzten Töne verhallt, rückt er die Zeiger um eine Stunde weiter und dann fort bis zwölf. Bei jedem Stundenschlag ertönt ein Lied, eines immer schöner und inniger als das andere.

Worte können es nicht ausdrücken, was im Innern der Freunde vor sich geht. Solche Augenblicke höchster Seligkeit vermag nur der zu verstehen, der selbst Werke schuf, die ihm wie ein Wunder erschienen.

Beider Werk auf Erden ist vollendet. Die Pforte zu jenem unbekannten Reich, aus dem noch niemand wiederkehrte, ist für sie geöffnet. Wer gelebt hat wie sie, kann ohne Furcht und Bangen eintreten.

Am anderen Tag heisst es Abschied nehmen. Es ist ein sonnenbeglänzter Sommertag, voller Pracht und Jubel. Leo und Marie reichen sich die Hände, die länger ineinander ruhen als sonst. Sie schauen sich in die Augen und lesen darin das alte Lied vom Glück der reinen Liebe.

Auch Faller, Grieshaber und Vrenili drücken sich lange die Hand. In ihren Blicken steht ebenfalls ein Glück geschrieben, zu dem sich aber der Schmerz des Scheidens für immer gesellt.

*

8.

Der Andres ist ein Kerl! Seine Augen sind überall, und wo er ein Geschäft wittert, ist er hinterher wie der Teufel hinter der Seele. Im Orte wird viel von Leopold Hofmayer erzählt. Man sagt, er sei ein rechter Glückspilz, der es verstehe, Geld zu verdienen. So einer ist für Andres der Rechte!

An einem schönen Tag macht er sich in aller Herrgottsfrühe auf den Weg. Um die elfte Mittagsstunde trifft er in Neustadt ein. Im Gasthaus „Zum Ochsen“ macht er Rast. Da um diese Zeit niemand in der Wirtschaft weilt, setzt sich Wintermantel, der Wirt, zu ihm. Andres lädt ihn zu einem guten Schoppen ein. Bald ist ein lebhaftes Gespräch im Gange. Anfangs dreht es sich um gleichgültige Dinge, dann steuert er auf sein Ziel los:

„Was die Leute alles daherreden! Da erzählen sie bei uns in Vöhrenbach, der Hofmayer Leo sei einer, der vor Klugheit das Gras wachsen höre und mit seinen dummen Eisenrädern Tag für Tag ein Vermögen einheimse. Ich hab’ allweil nur den Neuigkeitskrämern ins Gesicht gelacht: Was schon so ein Salpetersieder von derartigen Dingen verstehen wird!“

Jetzt hat er den Wirt dahin, wohin er ihn haben will. Er weiss ganz genau, dass der Fabrikant Wintermantels bester Gast ist, alle Mahlzeiten im „Ochsen“ einnimmt, nur vom Besten trinkt und nicht knausert.

„Was kümmert’s euch, was für ein Handwerk Herr Hofmayer vorher betrieben hat? Gilt’s in Vöhrenbach vielleicht für ein Schand’, wenn einer als Salpetersieder auf ehrliche Weis’ sein Brot verdiente?“ Einen knallroten Kopf hat der Ochsenwirt vor Zorn bekommen.

„Ist es also wirklich wahr, was die Leute sagen? Ich bedaure von ganzem Herzen, leichtfertig gesprochen zu haben. Lasst uns noch einen Schoppen trinken. Ihr mögt ihn als Reugeld betrachten. Aber vom Allerbesten dieses Mal!“

Solche Worte hört Wintermantel gern. Seine Falten auf der Stirn glätten sich. Nachdem er mit dem Fremden angestossen hat, sagt er recht artig: „Wer seid Ihr, wenn’s zu fragen erlaubt ist?“

„Ich bin der Andres beim Maurerwendel.“

„Sollt euer Fach verstehen, fleissig und ordentlich sein, habe ich oft von euch reden gehört. Na, da Ihr ja volle drei Jahre fort gewesen seid, konntet Ihr’s mit dem Hofmayer auch nicht wissen. Um die Zeit, als Ihr fortgingt, verkaufte er seine Siederei. Ein gutes Stück Geld wurde ihm dafür bar auf den Tisch gezahlt. Schaut, da drüben habt Ihr seine Giesserei vor Augen. Ist noch keine vier Jahre her, als er in dem alten Bau mit seinem jetzigen Gewerbe begann. Das war ein schlauer Gedanke, für die Uhrenräder und Zeiger statt des Holzes das haltbare Messing zu verwenden! Darauf sollte erst mal einer kommen!“

„Klein ist seine Hütte ja nur, das muss ich schon sagen“, sagt der Andres, „man sieht es freilich manchem Betrieb von aussen nicht an, was dahinter steckt.“

Wintermantel rückt vertraulich an ihn heran.

„Ich versteh den Leo nicht, ist in den paar Jahren ein reicher Mann geworden, kann sich vor Bestellungen nicht bergen und wurzelt weiter in der engen Hütte, die vor Altersschwäche zusammenzubrechen droht. Denkt euch, an die zweihundert Zentner Räder soll er liefern. Nicht den vierten teil davon kann er ausführen, obgleich sie da drüben mit Tag- und Nachtschicht arbeiten! Er hat übrigens einen sehr tüchtigen Werkmeister. Vielleicht habt Ihr von ihm, dem Siedle-Matthes aus Bregenbach, schon einmal gehört?“

„Ei, was Ihr sagt! Der Siedle-Matthes hat die Uhrmacherei an den Nagel gehängt und ist zu Hofmayer gegangen? Ja, das glaube ich, der Matthes versteht schon was.“

Vom nahen Kirchturm schlägt es zwölf. Der Wirt steht auf und entschuldigt sich: „Mittagszeit! Gleich kommt der Herr Hofmayer zum Essen herüber. Dort drüben ist sein Stammplatz. Ich muss jetzt eilen, damit er alles findet, wie er es gewohnt ist.“

Ein sauberes Maidli hat inzwischen den Tisch gedeckt. Kaum ist es in der Küche verschwunden, als auch schon die Tür geöffnet wird und der Erwartete die Gaststube betritt. Andres beobachtet ihn unauffällig. Der Giessereibesitzer ist ein langaufgeschossener, hagerer Mann von etwa fünfzig Jahren. In seinen Gesichtszügen steht Willensstärke. Er ist sich seines Wertes bewusst und trägt ein etwas hochfahrendes Wesen zur Schau.

Andres tut jetzt, als sei seine ganze Aufmerksamkeit auf das alte Hüttengebäude gerichtet. Nach einiger Zeit holt er ein paar Blätter und einen Stift aus der Tasche und beginnt zu zeichnen.

Hofmayer merkt es wohl, stellt sich aber anfangs, als beachte er weder den Fremden noch sein seltsames Gebahren. Schliesslich wird ihm die Sache unbehaglich. Unvermittelt fragt er: „Ihr seid wohl ein Maler?“

Andres guckt nicht einmal auf und entgegnet trocken: „Das nicht, aber etwas Ähnliches. Wäre ich ein Maler, würde ich mir andere Motive wählen als den baufälligen Stall.“

„Wie kommt Ihr dazu, in einem solchen Ton über Dinge zu sprechen, die euch einen Dreck angehen?“

„Natürlich geht’s mich einen Dreck an, aber man hat mir erzählt, der Giessereibesitzer sei ein kluger Kerl. Seitdem ich seinen Stall gesehen habe, glaube ich viel eher, dass er ein ausgemachter Dummkopf ist!“

Der Beleidigte springt hoch: „Unverschämter Bursche, das wagt Ihr mir, dem Leo Hofmayer, zu sagen?“

Andres spielt den vor Schreck aus allen Wolken Gefallenen. Er kann sich die Maske im Augenblick ruhig umbinden, denn der Ochsenwirt ist in die Küche gegangen.

„Das konnte ich allerdings nicht ahnen. Wenn es so ist, bitte ich um Verzeihung.“

„Schaut Ihr künftig eure Leute besser an, ehe Ihr derart dummes Geschwätz daherredet! Was schmiert Ihr euch da eigentlich zurecht?“

Andres steckt seelenruhig die Blätter in die Tasche.

„Ach, es ist nichts, was der Rede wert wäre.“

„Spioniert Ihr hier herum? Euer ganzes Benehmen kommt mir verdächtig vor!“

„Wie könnt Ihr das von mir denken? Ich fürchte ja nur ausgelacht zu werden, wenn ich euch die Zeichnungen zeige. Wie ich die Leute drüben am Werkeln sah, kam es plötzlich über mich.“

Barsch fährt Hofmayer ihn an: „Schwätzt nicht lang, zeigt’s her!“

Andres reicht dem Hüttenbesitzer ein Blatt.

Der wirft erst nur einen flüchtigen Blick darauf, dann sieht er die Zeichnung sorgfältig an, endlich setzt er sich neben ihn und ist ganz im Betrachten vertieft.

„Wer und was seid Ihr?“

„Ich bin der Dorerandres vom Maurerwendel zu Vöhrenbach.“

„Hm. Ihr scheint euer Fach zu verstehen.“

„Hab mich ein wenig in der Welt umgesehen. Ja, und ich dacht, wenn das Haus drüben mein Unternehmen war, würd’ ich es anders gestalten. Seht! Das hier ist als Aussenbau gedacht, und hier habt Ihr einen Querschnitt des Gebäudes. Es ist alles nur schlicht und einfach gehalten, doch jeder Raum ist voll ausgenutzt. Ich bin von dem Grundsatz ausgegangen: zweckmässig und billig müsste so ein Bau sein. Aus mir spricht eben der Maurer, Ihr, als Fabrikant, werdet die Dinge vielleicht mit anderen Augen ansehen.“

„Gar nicht übel! Habt Ihr schon zu Mittag gespeist?“

„Nein, Herr.“

„Setzt euch zu mir. — Wintermantel, noch ein Essen, der Herr Dorer ist heute mein Gast!“

Der Ochsenwirt eilt herbei. Er kommt aus dem Staunen nicht heraus. Hofmayer, der sonst keinen Menschen auf der Rechnung hat, spricht mit dem Fremden wie mit seinesgleichen, nimmt ihn gar mit in seine Giesserei, und am Abend kommt der Auftrag, es sollen belegte Brote für drei Personen und drei Flaschen vom besten Wein zu ihm ins Haus geschickt werden!

Als Andres am anderen Morgen Neustadt verlässt, lacht die Sonne hell vom Himmel hernieder, aber auch in seinem Herzen ist lachender Sonnenschein; hat er doch den ersten grossen Auftrag in der Tasche! Er soll den Hofmayer’schen Fabrikneubau ausführen!

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0+
Objętość:
250 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711517857
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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