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Wilfried Stütze

Die ihre Seele töten

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

Prolog

Teil I

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

Teil II

22

23

24

25

26

27

28

29

30

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32

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Teil III

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Impressum neobooks

Inhalt

Prolog

Celle, im Jahre 1607

„Verbrennt ihn! Hängt ihn auf“, grölte es aus der Masse vor dem Gefängnis. Eigentlich war es ein dunkles, feuchtes Kellerverlies im Rathausgebäude mit einem kleinen vergitterten Fenster zum Marktplatz hin, auf dem sich der Pöbel zusammengerottet hatte.

Durch das kleine Fenster konnte Miguel fast alles hören. Besonders taten sich offenbar zwei Männer hervor. Deren Stimmen übertönten zuweilen die anderen, als ob sie die Menge noch anstacheln wollten. Jetzt wieder: „Die Juden haben unseren Heiland ermordet! Auf den Scheiterhaufen mit diesen Juden!“

Es waren zwei Fuhrknechte, aber das konnte Miguel, in seiner Heimat wurde er Don Miguel Francisco y Dominguez gerufen, aus der Fensteröffnung heraus nicht erkennen. Auch nicht, dass der Lärm fast vierzig Leute angezogen hatte – und es wurden immer mehr. Inzwischen waren auch Menschen aus den oberen Ständen, sogenannte ehrbare Bürger, stehen geblieben und unterbrachen eine Weile ihre Besorgungen. Keiner wollte sich offenbar das Spektakel entgehen lassen. Selbst Kinder johlten im Beisein ihrer Mütter: „Saujude! Hexenmeister! Saujude!“ Sie ließen sie gewähren. Ein ganz gewiefter Händler nutzte die Gelegenheit und schlug ein Fass Bier an. Es herrschte eine Art Volksfeststimmung vor dem Celler Rathaus.

Mein Gott, Vater im Himmel! So ein langer Weg liegt hinter uns, dachte Miguel. Die Flucht aus Cordoba, unserer südspanischen Heimat, die meine beiden Kinder und mich zuerst bis zu meinem Bruder Juan Salomon in die deutschen Lande nach Hamburg bringen sollte, dann weiter zu meinem Bruder Don Manuel Isaak nach Amsterdam in die Niederlande. Viele Juden, dachte Miguel weiter, hatten nach der großen Vertreibung am Ende des 15. Jahrhunderts ihre Heimat nach und nach verlassen. Für die verbliebenen „Neuchristen“ bedeutete damals die Inquisition mit ihren Scheiterhaufen eine ständige Gefahr, besonders, wenn sie im Verborgenen an ihren Bräuchen festhielten.

Das war auch mehr als hundert Jahre später noch so. Seine jüngeren Brüder waren deshalb schon vor vielen Jahren aufgebrochen. In Amsterdam, obwohl nur die calvinistisch-reformierte Glaubensrichtung zugelassen war, wurden Juden und Andersgläubige nicht verfolgt, aber auch hier durften sie ihren Glauben nicht öffentlich ausüben. Don Manuel Isaak, der sich wieder nur Isaak nannte, wollte eine Druckerei eröffnen, vielleicht sogar die erste hebräische Druckerei in Amsterdam überhaupt. Juan hingegen wollte Handel treiben. Er war eine Kaufmannsseele und wollte möglichst reich werden.

Miguel jedoch konnte oder wollte sich nicht von seiner spanischen Heimat lösen. Er dachte mit zunehmender Verbitterung darüber nach, ob er für den Tod seiner geliebten Frau Donna Inez letztendlich verantwortlich war. Die Häscher der Inquisition hatten sie ohne Vorwarnung als angebliche Hexe verhaftet. Die Gerichtsverhandlung und der Scheiterhaufen waren ihr gottlob erspart geblieben. Das Herz versagte noch im Kerker. Für diesen Umstand dankte er dem Herrn, aber seine Schuldgefühle wurde er nicht los. Die Anklage wegen Ketzerei war nur ein Vorwand, genau wie der Prozess in Celle eine Farce sein würde, sollte es denn dazu kommen.

Bis nach Celle habe ich es also geschafft, dachte er vor sich hin. Eine geraume Zeit waren Don Miguel und seine beiden Kinder dem uralten Pilgerweg nach Santiago de Compostela in umgekehrter Richtung gefolgt. So waren sie als Heimkehrer von einer Pilgerreise selten um eine Auskunft verlegen. Ab irgendeinem Zeitpunkt im Süddeutschen hatte sich dann ein Dominikanermönch an ihre Fersen geheftet. Er hatte eine fahle Gesichtshaut und dünne Lippen. Sie trafen ihn in fast jeder Herberge wieder. Offenbar funktionierte das Nachrichtensystem der europäischen Inquisition. Sie waren erleichtert, als sie ihren Verfolger im norddeutschen Braunschweig für kurze Zeit abschütteln konnten. Seine Kinder waren dadurch wahrscheinlich in Sicherheit. Sarah konnte er bei dem angesehenen Büchsenschmied Heinrich Schlachmann im Haushalt unterbringen und Alfonso im Geschäft des Buchdruckers Andreas Duncker. Beiden Kindern hatte er einen ansehnlichen Geldbetrag dalassen können, aus Sicherheitsgründen auch seinen Schatz, das Buch des Handelshauses Don Miguel. Die Informationen, die dieses Buch enthielt, waren die Grundlage für die Fortführung seines Handelshauses. Und mehr noch: Es würde sich die unbedingt erforderliche finanzielle Grundlage daraus ergeben. Plötzlich wurde Miguel etwas klar. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen.

Ich habe meinen Kindern bisher nicht verraten, um welche Informationen es sich handelt und vor allem nicht, wie sie diese im Buch überhaupt entdecken können, erschrak er. Andererseits, je weniger sie wissen, desto sicherer sind sie, dachte er schon etwas beruhigter. Unseren Verfolger haben wir immerhin in Braunschweig abgeschüttelt. Sarah und Alfonso - mein Gott, sie sind erst sechszehn und zwanzig Jahre alt - sollten nachkommen, sobald sie Post von mir aus Hamburg erhalten.

Alles war geplant. Um nicht aufzufallen, hatte er die Kleidung eines Fuhrknechts angelegt. Einen jungen Burschen und eine junge Frau, die in den Gassen bettelten, hatte er gegen einen für sie horrenden Lohn angeworben, mit ihm zu fahren. Eine Stunde vor Dunkelheit war es gewesen, als er mit seinem Fuhrwerk auf der mit Kopfstein gepflasterten Gasse zum Wendentor hinausgerumpelt war. Der Hauptmann der Bürgerwache kontrollierte gerade seine Wache ein letztes Mal, bevor das Tor geschlossen werden sollte. Die Wachsoldaten wunderten sich noch wegen der späten Stunde und er gab ihnen gerne Auskunft, dass er es mit seinen „Kindern“ noch bis zum Gut Steinhof vor den Toren der Stadt schaffen wollte. Dort würden sie natürlich nie angekommen. Seine falschen Kinder hatte er in einer Herberge bald darauf zurückgelassen. Vermutlich soffen und fraßen sie dort, bis kein Heller mehr übrig war. Sein Verfolger von der heiligen spanischen Inquisition würde erst am nächsten Tag seine Spur wieder aufnehmen können. So war sein Plan.

„Mein Plan hat nicht funktioniert“, schrie er zum Fenster seines Gefängnisses hinaus. Dieser verdammte Mönch schien zu wissen oder zu ahnen, wo ich hinwollte und hat einfach auf eine gute Gelegenheit gewartet, um mich töten zu können. Im Namen Gottes, fluchte Miguel.

Der Mönch hatte ihn mindestens vom Süden Deutschlands an verfolgt, aber alles war bisher einigermaßen gut gegangen. Selbst mit der Sprache hatte es kaum Probleme gegeben. Durch sein Handelshaus hatte er Geschäftsbeziehungen bis in die deutschen Lande, in die nördlichen vereinigten Niederlande und auch in den Osten des Kontinents hinein. In seiner Familie sprach man spanisch, deutsch, niederländisch und auch einigermaßen hebräisch. Auch die Kinder waren mehrsprachig aufgewachsen. Hebräisch wurde nur noch selten gesprochen. Seine Vorfahren waren conversos (Konvertiten). Nach der Ermordung Tausender von Juden Ende des 14. Jahrhunderts legten viele ihren Glauben ab und traten zum Christentum über. Da das nicht so ganz freiwillig geschah, trauten ihnen ihre Mitmenschen schon damals nicht. Vielfach durchaus zu Recht. Don Miguel und seine Familie waren im Grunde halbherzige Christen und halbherzige Juden. Sein Bruder Manuel Isaak allerdings wollte Jude sein und konnte es jetzt wohl auch wieder in Amsterdam.

Dass der Dominikanermönch es geschafft hat, mich zu finden, grenzt an ein Wunder, nahm er seine Gedanken wieder auf. Vielleicht auch nicht. Mit seiner komplett schwarzen, sehr einfach gehaltenen Kleidung eines Mönchs und dem groben Holzkreuz, das auf der Kutte baumelt, ist er als Kirchenmann leicht erkennbar. Er braucht nur den Hinweis zu geben, dass er als Ermittler der Inquisition im Auftrag des Papstes arbeitet und schon öffnen sich bestimmt viele Münder, trotz überwiegend evangelischer Bevölkerung hierzulande. Einen Juden wie mich trotz fortgeschrittenen Alters mit noch immer schwarzem Haar, schwarzen Augen und brauner Haut, einen in Spanien geborenen Juden zu verfolgen, hat bestimmt seinen triftigen Grund, werden sich die Leute gesagt haben.

Einen Grund für seine Verhaftung zu finden wiederum war auch nicht schwer. Zwei Kinder waren angeblich in Celle gestorben, nachdem er ihnen Teekräuter zugesteckt hatte. Das war natürlich Unsinn. Sie sahen völlig abgemagert aus, vermutlich litten sie an Schwindsucht. Vielleicht waren sie gestorben, vielleicht auch nicht. Der Tee, den er mitführte, wann immer er ihn besorgen konnte, sollte seinen nervösen Magen beruhigen. Den Kindern hatte er bestimmt auch gut getan. Sie sollen jedenfalls durch sein Hexenkraut gestorben sein. Die Gerichtsbarkeit der Stadt Celle und vor allem die Geistlichkeit und der Magistrat hatten offenbar keine Einwände, aus welchen Gründen auch immer, ihn verhaften zu lassen. Dass er eigentlich Christ sei, wie er immer wieder betonte, nahm man ihm nicht ab, wollte es wohl auch nicht.

Der Mönch hat ganze Arbeit geleistet, dachte er und blieb stehen. Er war die ganze Zeit in der Zelle hin und her gegangen. Zumindest hat man eine Voruntersuchung angeordnet, aber keiner wird mir helfen können oder gar Partei ergreifen. Ich bin eben verdächtigt, ein Hexenmeister oder zumindest ein Zauberer zu sein oder beides.

Natürlich wusste er genau, worum es eigentlich ging, warum ihn die spanische Inquisition oder besser der König von Spanien so konsequent verfolgen ließ. Viele südspanische Familien, nichtjüdische und jüdische, hatten sich zusammengeschlossen und die in erster Linie von den Niederländern bezahlten Kaperfahrer mitfinanziert, die wiederum die spanische Silberflotte, schwer beladen mit Silber aus den südamerikanischen Kolonien, ausraubten, wo immer sie gestellt werden konnten. Das Geld aber brauchte die spanische Krone, um den Landkrieg gegen die nördlichen Niederlande zu finanzieren. Die Familie Don Miguel Francisco y Dominguez war natürlich ebenfalls stark engagiert, wollte sie doch wie alle anderen Familien die Unabhängigkeit der Niederlande vom katholischen Spanien erreichen. Eine Republik, mit der sich gute Geschäfte machen lassen würden.

Es gab unterschiedliche Motive. Don Miguel hatte seine. Die führende Schicht in Amsterdam hatte im Jahre 1602 eine Kompanie, ein neues, so nie da gewesenes Unternehmen gegründet. Eine Aktiengesellschaft, die „Niederländische Ostindische Kompanie“. Don Miguel hatte seinen Bruder Juan per Boten beauftragt, für ihn eine Beteiligung in erheblichem Umfang zu sichern. Nachdem die Organisatoren verraten waren, vielleicht hatte ja so ein elendiger Kaperfahrer, der sich zur Ruhe setzen wollte, den Verrat begangen, machte es sich die spanische Regierung zum Ziel, alle bekannten Rädelsführer und ihre Familien zu vernichten.

Die hallenden Schritte auf dem Gang und das Öffnen der Zellentür holten Miguel aus seinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück. Es waren drei. Einer hatte eine schwarze Ledermaske über den Kopf gezogen. Die Mundpartie und das Kinn blieben frei. Der ganze Mann wirkte auf ihn wie zwei Kugeln, die man aufeinander geschraubt hatte. Oben die kleinere und unten die deutlich größere. Dazwischen, also zwischen Rumpf und Kopf war nichts. Er sah einfach komisch aus. Wie ein Clown eben. Irgendetwas in seinem Inneren sagte Miguel, dass gerade von diesem so merkwürdig aussehenden Mann Todesgefahr ausging.

„Gehen wir, Hexenmeister“, knurrte der Dicke. „Der Magistrat will dich verhören. Zeitverschwendung! Pure Zeitverschwendung“, kam es aus ihm heraus.

Auch noch eine Fistelstimme zu diesem Körper. Miguel musste unwillkürlich lächeln.

„Das Lachen wird dir schon noch vergehen, Jude. Du wirst brennen“, grinste der Maskenmann.

„Na, dann gehen wir zum Schafott. Worauf wartest du, Knecht?“ Er sagte es ganz im Ton eines spanischen Grande, eben eines Don Miguel Francisco y Dominguez.

Nach einer kurzen verdutzten Kunstpause schnappten die beiden anderen ihn, nahmen ihn in die Mitte und brachten ihn aus dem Rathausgefängnis. Schon nach wenigen Minuten konnte er in der Ferne das Celler Schloss erkennen.

„Wo bringt ihr mich hin?“, fragte er seinen Bewacher zur Linken.

„Ins Kanzleigebäude zum Verhör und dann kommst du ins Weiße Haus, dort …“

„Sei nicht so geschwätzig“, fistelte der Dicke.

„Ist ja schon gut, Meister Hans. Ich wollte ja nur …“ Meister Hans, dachte Miguel. Er ist sicher der Scharfrichter. Der wollte sich nur seinen zukünftigen Delinquenten einmal ansehen. Die anderen beiden hätten auch gereicht, um ihn zum Verhör zu bringen – und dann ins Weiße Haus. Was immer das auch ist.

Der Gerichtssaal war ziemlich geräumig, vermutlich wurde er auch für Versammlungen anderer Art benutzt. Hinter einem etwa vier Meter langen Tresen saßen zwei Mitglieder des Magistrats, ein Schreiber und ein weiterer Mann, der sich als Esaias Pufendorf, Syndicus der Stadt Celle, vorstellen sollte.

Der Mönch ist nicht zu sehen. Er hält es in diesem Stadium nicht mal für nötig, dabei zu sein, dachte Miguel.

Er nahm noch wahr, dass Meister Hans mit einem Kopfnicken zum Tresen den Raum verließ. Dann sprach der Magistrat ihn an: „Euer Name ist Miguel Dominguez und euren Beruf gebt ihr mit Kaufmann an.“

Miguel erwiderte in bewusst ruhigem Ton: „Mein Name und Titel ist Don Miguel Francisco y Dominguez, aber Don Miguel genügt. Ich betreibe in der Tat ein weitverzweigtes Handelshaus. Man zählt mich zu den Fernkaufleuten, wie man in deutschen Landen zu sagen pflegt.“

Sichtlich ungehalten nestelte der Magistrat an seinen Papieren herum, erwiderte aber nichts.

„Nun, Don Miguel, die Bürgerinnen Magda Bertrams und Sophia Dammann beschuldigen Euch, ihre Kinder Hans und Otto verzaubert und mit einem Kraut getötet zu haben. Daraufhin hat der Rat der Stadt Celle, der auch Richter in bürgerlichen Angelegenheiten ist, Ihre Verhaftung angeordnet, um die jetzt folgende Untersuchung durchzuführen. Es wird ihnen also nichts weniger als Kindstötung vorgeworfen, mit Zauberei und dergleichen möge sich fortan ein anderes Gremium befassen. Der Syndikus wird Sie jetzt zur Sache befragen.“

Klang zwar alles vernünftig und professionell, sagte sich Miguel, aber warum wurde ich durch einen Scharfrichter abgeholt? Es ist alles ein abgekartetes Spiel und ich werde es verlieren, verdammt.

Nachdem Don Miguel seinen Vers aufgesagt hatte, dass er den Kindern nur Teekräuter geschenkt hatte, er sie also nicht getötet haben konnte, zog sich das Gericht zur Beratung zurück und er wurde in das Weiße Haus unweit des Kanzleigebäudes gebracht. Das Weiße Haus, sicher durch seinen weißen Anstrich, auch des Gebälks, so genannt, war in Celle ein Ort der Marter und Verhöre. In seinen Torturkellern und Martergewölben ging der Scharfrichter Meister Hans seinem Gewerbe nach. Nicht selten des Nachts legte er die Daumenschrauben an, hantierte mit spanischen Stiefeln und Haarseilen und weiteren schrecklichen Folterwerkzeugen. All das konnte Miguel nicht wissen, aber er ahnte es bereits.

Das Untersuchungsgefängnis in diesem Haus wird also für die nächste Zeit meine Bleibe sein, dachte Miguel, kaum dass er in seine neue Zelle gebracht wurde. Das Stroh war tatsächlich frisch, aber Ratten und Mäuse raschelten und die Feuchtigkeit kroch langsam in den ganzen Körper. Wenn man nur lange genug in diesem Loch steckt, geht man unweigerlich an Lungenentzündung oder sonst was ein, schüttelte sich Miguel. Na bitte, ein kleines vergittertes Fenster gibt es auch wieder. Ich bin dem allen hier ausgeliefert, dachte er. Der Mönch hat alles organisiert und mit Sicherheit die Familien der Kinder bestochen, in einer Höhe, die ihr Gewissen praktisch neutralisiert hat. Und wer weiß, vielleicht war es ja doch ein Zauberkraut, werden die Mütter sich beruhigt haben und ihre Kinder haben nur Glück gehabt.

Am zweiten Tag nach seinem Verhör wurde die Zellentür aufgeschlossen.

„Schalom! Der Herr lässt die seinen nicht im Stich.“

Ich muss schon eine ziemliche Weile auf diesem wackligen Holzklotz gesessen haben. Nicht mal das Aufsperren der Tür habe ich so richtig mitbekommen.

„Ich bin der Kaufmann Ibrahim Maintz. Meine Familie ist schon in zweiter Generation hier in Celle ansässig“, sprudelte der Mann los.

„Was kann ich für dich tun, Don Miguel Francisco y Dominguez?“

„Schalom“, erwiderte Miguel einigermaßen erstaunt über seinen Besuch. „Sag einfach Miguel.“

„Also gut, Miguel. Wie kann ich deine Lage erleichtern? Ich könnte Dir nicht verfaultes Essen und Wein bringen lassen. Die Wachen sind bestochen und ich genieße ohnehin hohes Ansehen in der Stadt. Ich bin Tuchhändler. Viele Bürger haben Schulden bei mir, aber ich drangsaliere sie nicht besonders. Die Geschäfte gehen einigermaßen gut.“

„Woher weißt du von mir und warum bringst du dich in Gefahr, indem du mich hier besuchst, Ibrahim Maintz? Warum willst Du mir überhaupt helfen? Woher kennst Du meinen Namen?“

„Wir Juden helfen einander, überall auf der Welt, das weißt du und es ist offenbar auch notwendig. Alles andere später. Ich werde wenig genug für dich tun können.“

Ibrahim kleidet sich nicht wie ein Jude, eher wie ein hiesiger Kaufmann, schätzte Miguel ihn ab. Der will wohl so wenig wie möglich auffallen. Seine große krumme Nase allerdings verrät eindeutig seine Herkunft. Zu Hause, im Kreise seiner Familie, wird er vermutlich seinen langen Kaftan mit den weiten gemütlichen Ärmeln tragen. Ich sollte ihm nicht sagen, dass meine Familie schon seit Langem konvertiert ist.

„Mach Dir keine Sorgen, ich habe da meine Mittel und Wege“, sagte Ibrahim.

Juden haben immer Mittel und Wege, dachte Miguel. Fast immer.

„Kann ich dir also einen Wunsch erfüllen? Sie werden dich hier nicht mehr rauslassen. Der Mönch sorgt dafür, nach allem, was ich höre.“

„Ja, ich weiß. Ich habe da einen Wunsch Ibrahim, einen großen Wunsch. Ob du das hinbekommst?“

„Rede schon.“

„Bring Papier, ausreichend. Und Feder und Tinte. Tisch und Stuhl wären auch nicht schlecht, um besser schreiben zu können. Und vor allem, du müsstest den Schreiber spielen. Mein rechtes Handgelenk ist angebrochen, dabei hat der Prozess noch gar nicht begonnen. Der Folterknecht hat mich aber schon mal besucht, genau wie du“, grinste er.

„In deiner Situation noch Humor zu haben - alle Achtung. Du kannst deinen Don nicht verbergen. Da nützt auch deine Fuhrknechtskleidung nichts. Ich werde sehen, was sich machen lässt, Don Miguel Franc …“

„Sag Miguel zu mir. Da wäre noch etwas. Ich habe vor meiner Verhaftung beim Kaufmann Herziger, der auch die Geldgeschäfte hier in Celle betreibt, Dokumente hinterlegt. Weißt du, ich wollte sie nicht in der Herberge haben. Meine Kinder sollen sie zusammen mit dem Brief erhalten.“

„Schon gut. Wird erledigt. Mach dir keine Sorgen.“

Ibrahim hatte es tatsächlich geschafft. Wie ein Jude das eben schafft. Sie wählten immer den frühen Morgen zum Schreiben, um sicherzugehen, dass kein Verhör stattfand. Das hohe Gericht bemühte sich immer erst am Nachmittag. Er konnte den Brief also diktieren, seinen letzten Brief an die liebsten Menschen, die er noch hatte – Sarah und Alfonso. Seine Frau und seine Eltern waren tot. Vielleicht würden seine Brüder eines Tages von seinen Kindern benachrichtigt, wenn Gottes Wege es so wollten.

Am nächsten Tag kam der Syndikus und teilte ihm mit, dass man die Leichen der Celler Kinder durch den Amtsarzt öffnen werde, um festzustellen, ob sie tatsächlich vergiftet wurden. Zwei eingeschworene Zeugen, Barbiere, würden anwesend sein. Danach würde der Rat entscheiden, ob und in welchem Umfang es zum Prozess kommt.

Niemand konnte wissen, wie der satanische Mönch allen mit der Verfolgung der heiligen Inquisition gedroht und sie eingeschüchtert hatte und schließlich doch mit Geld ruhig gestellt hatte.

„Man gibt sich Mühe“, murmelte Miguel in seinen schon ziemlich langen Bart hinein.

Er selbst konnte es nicht sehen, aber mit seinen schwarzen Haaren und dem länger werdenden Bart sah er einem Zauberer immer ähnlicher.

Ibrahim wurde in die Zelle geführt und Miguel konnte seinen Brief weiter diktieren. Als sie sich für den Tag verabschieden wollten, druckste Ibrahim ein bisschen herum. „Was gibt es Ibrahim? Du willst mir doch etwas sagen.“

„Ja. Du fragtest mich am ersten Tag, woher ich deinen Namen und deine Umstände kenne. Nun, vom Syndikus Pufenberg höchstpersönlich. Wir pflegen einen persönlichen Kontakt. Er versorgt mich mit Informationen aus dem Rat und ich bessere sein mehr als klägliches Gehalt gelegentlich auf. Er hat sieben Mäuler zu stopfen.“

Unwillkürlich musste Miguel an Alfonso und Sarah denken. Sie sind auf sich alleine gestellt und …

„Pufenberg hat mir die weitere Prozedur erklärt, soweit ich sie nicht ohnehin kannte. Er denkt auch, dass hier übelste Bestechung im Spiel ist. Die Obduktion der Kinder wird ergeben, dass die Kinder nicht vergiftet worden sind.“

„Na, dann wäre ja alles klar“, sprang Miguel verwundert von seinem Stuhl hoch.

„Eben nicht. Die Kinder sind ja angeblich tot, also hast du sie in den Augen des Gerichts durch einen Zauber zu Tode gebracht. Du wirst der Zauberei angeklagt werden.“

„Ein Hexenprozess", brüllt Miguel los. Dieser verfluchte Dominikaner leistet gute Arbeit für seinen König.“

„König?“

„Ach, vergiss es, Ibrahim.“

Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl und fühlte zum ersten Mal, dass er schwächer wurde, seelisch schwächer. Bisher konnte er viele seiner Ahnungen verdrängen.

„Ja, in diesem Fall wohl ein Hexerprozess mit allem, was dazugehört. Im Volksglauben tief verwurzelt ist ja die Meinung, wir Juden raubten christlichen Kindern das Blut. Pufenberg sagt, nachdem man Anklage erhoben hat, wird man dich zu einem Geständnis auffordern. Nachdem du nicht gestehen wirst, kommt die nächste Stufe.“

„Die wäre?“

„Man zeigt und erklärt dir die Folterwerkzeuge. Sie sind gleich hier nebenan im Martergewölbe. Sie nennen diesen 1. Grad Territion, die Androhung der Folter.“

„Stur nach Vorschrift, was?“

Miguel hatte seine Fassung wieder gewonnen. Jedenfalls gab er sich Mühe.

„Wo es einen 1. Grad gibt, gibt es auch einen 2.“

„Ja, und einen 3. Beim 2., der sogenannten Reaterrition, wirst du gefesselt und die Foltergeräte werden angelegt. Gestehst du immer noch nicht, beginnt der 3. Grad, die Folter.“

„Eine interessante Vorlesung Ibrahim, du wärst ein guter Dozent geworden“, klang es bitter.

„Es tut mir leid, Miguel, aber ich dachte, es ist besser, du weißt, was auf dich zukommt.“

„Mir tut es leid, ich war ungerecht. Ich möchte mich schon heute bei dir bedanken, Ibrahim. Wer weiß, ob ich noch dazu komme.“

„Das wirst du. Der Brief ist auch noch nicht zu Ende geschrieben.“

„In der Tat, wir müssen uns beeilen. Bereite zu Hause einen Schuldschein über fünfhundert Braunschweiger Taler vor. Ich werde ihn dann bei deinem nächsten Besuch unterschreiben. Dann bringen wir auch den Brief zu Ende. Meine Kinder werden den Schuldschein einlösen, wenn du ihnen den Brief und die Dokumente übergibst.“

„Das ist zu viel Miguel. Du weißt, ich würde auch so …“

Die weiteren Worte hörte Miguel nicht mehr. Er dachte, die Summe muss groß genug sein, damit Ibrahim den Brief auf jeden Fall besorgt. Es ging ihm schließlich nicht nur um seine letzten Worte und Gedanken an seine geliebten Kinder, sondern auch um die wertvollen Dokumente.

Der Tag der ersten Folter war gekommen. Der Ablauf war genauso, wie ihn Ibrahim „doziert“ hatte. Nur das Gericht war bei der eigentlichen Verhandlung um einen Geistlichen, den Pfarrer der Stadtkirche und einen fahlgesichtigen Dominikanermönch erweitert. Dessen ungewöhnliche Blässe war Miguel schon in den Herbergen aufgefallen. Der Mönch trug neben seinem Kreuz, das um seinen Hals hing, noch eine weitere Kette mit einem Anhänger daran. Ein kleiner Anhänger, aber Miguel erkannte ihn genau. Es war das Symbol der spanischen Inquisition. Ein Kreuz, aus zwei groben Ästen dargestellt, rechts davon ein Schwert mit dem Knauf auf dem Boden stehend, links dann ein kleines Olivenbäumchen. Den Text, der um das Amulett herum stand, konnte er zwar nicht lesen, aber er kannte ihn auch so. Exurge Domine Et Judice Causam Tuam – Psalm 73.

Meister Hans, sein Henkersknecht, holte ihn später persönlich ab. Sie gingen in das Martergewölbe. Die Foltergeräte und den Raum kannte er ja schon, aber heute war alles anders. Es hingen mehr Fackeln an den Wänden. In einem Feuerkorb glühten Kohlen. Zwei Gehilfen von Meister Hans hielten Eisenstangen in die Glut. Er war seinem Schicksal ausgeliefert. Was sollte er auch tun? Hexen, Brandstifter und Zauberer wurden nach ihrem Geständnis verbrannt. Gestand er nicht, das war bisher der Fall, würde man ihn foltern, bis er gestand. Ibrahim hatte ihn genau aufgeklärt.

„Na, Zauberer, dann nimm mal Platz“, fistelte Meister Hans.

Er würde alles an Willenskraft aufbieten, um nicht zu gestehen, nahm sich Miguel vor, während er auf die Folterbank gedrückt wurde. Ehe er sich versah, bekam er Daumenschrauben angelegt. Der Druck war kaum noch auszuhalten.

„Ihr elendigen Hunde“, schrie er. Nur um zu erreichen, dass die Schrauben von seinem dickwanstigen Henkersknecht noch weiter angezogen wurden.

Miguel versuchte, an seine Heimat zu denken. Das Leben in Cordoba. Es ging nicht lange.

„Aufhören! Aufhören!“ Er spürte nichts mehr in den Händen, vermutlich waren die Nervenbahnen durch das Zerquetschen der Finger abgetrennt. Ich kann noch denken, stellte er mit einem Mal erstaunt fest.

„Hast du die Kinder verzaubert und getötet? Gestehst du oder möchtest du zu den Daumenschrauben noch die Beinschrauben spüren? Es sind übrigens spanische Daumenschrauben, Jude. Die müsstest du doch kennen, oder?“

Der Henkersknecht arbeitet eindeutig mit dem Mönch zusammen. Woher sollte er sonst solche Details kennen, ging es Miguel durch den Kopf. Trotzdem, nicht aufgeben. Ibrahim hatte ihm gesagt, dass eigentlich nur eine Viertelstunde gefoltert werden durfte. Eigentlich. Er spürte das Blut aus den Fingern tropfen und dachte noch: Spanische Daumenschrauben. Welche Ironie.

Als Miguel die Augen aufmachte, sah er als Erstes Ibrahim. Irgendwie ist er immer dann da, wenn ich aufwache, dachte er und spürte sofort seine Schmerzen. Höllische Schmerzen, aber die Blutung hatte offenbar aufgehört.

„Komm, ich halte dir den Becher. Trink etwas. Und essen musst du auch. Ich habe Hühnersuppe dabei.“

„Wozu Ibrahim? Entweder ich brenne oder sie foltern mich zu Tode.“

Ich soll vermutlich zu Tode gefoltert werden, dachte er, sonst hätte schon längst der Scheiterhaufen gebrannt. Der spanische katholische Inquisitor in der Verkleidung eines Dominikanermönches fürchtet vermutlich doch politische Verwicklungen oder ein Scheitern seines Vorhabens. Immerhin sind wir hier im Herzogtum Braunschweig–Lüneburg, nach der Reformation überwiegend evangelisch, was den Rat der Stadt offenbar nicht davon abhält, wegen angeblicher Zauberei mit Todesfolge foltern zu lassen. Der Fürst jedenfalls hält es eher mit dem dänischen König, um mitzuhelfen, Norddeutschland vor dem Zugriff der katholischen Seite zu bewahren. Bestechliche Folterknechte aber werden das Werk schon vollbringen, egal ob katholisch oder evangelisch. Hans ist ja offenbar besonders eifrig.

„Miguel, höre, was Pufendorf sagt. Er war übrigens ganz erstaunt darüber, dass du nicht gestanden hast. Das kommt fast nie vor. Also, noch eine Vorlesung. Das Carolina, also das Strafgesetzbuch, schreibt vor, dass die Todesstrafe nur bei nachgewiesenem Schadenzauber zu verhängen ist. Wenn es also gelingt, die Folter zu überstehen, ist man vom Verdacht der Zauberei befreit.“

„Ibrahim, ich habe die Folter überstanden, wenn auch ziemlich lädiert.“

„Ja“, antwortete Ibrahim ungewöhnlich leise für seine Verhältnisse, „Pufendorf hat mir aber auch von einer Besprechung des Gerichts berichtet, in der genau dieser Umstand das Thema war. Er selbst hatte wahrheitsgetreu die Carolina zitiert, nicht zuletzt um dir zu helfen, oder mir. Du weißt ja, meine Zuwendungen. Der Mönch war es, der dann den Vorschlag machte.“

„Was für einen Vorschlag?“

„Man solle die Folter nur als unterbrochen ansehen, um den Angeklagten etwas zu schonen. Auf diese Weise gäbe es kein zweites Mal, sondern das erste Mal würde nur fortgesetzt werden.“

„Und?“

„Man hat es so beschlossen. Aber vielleicht schaffst du es ja. Du bist unglaublich stark gewesen, bisher. Eine dritte Folter wird es nicht geben.“

„Vielleicht Ibrahim, vielleicht.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer war da.

„Ibrahim, du besorgst alles wie besprochen. Es wird dein Schaden ja nicht sein, wie du weißt. Eine letzte Bitte, für den Fall, dass wir uns nicht wiedersehen: Sorge für meine Beerdigung und beschreibe meinen Kindern die Stelle meines Grabes. Und nun geh. Gott möge dich segnen. Schalom.“

„Schalom, Don Miguel. Gott möge dich segnen.“

Ibrahim ging mit Tränen in den Augen durch die Zellentür.

Miguel stank inzwischen wie das von einem Jäger im Wald liegen gelassene Gedärm eines Wildschweins. Seine Wunden waren mit eiterndem Schorf bedeckt. Die verkrusteten und verfilzten Haare hingen ihm bis auf die schmaler gewordenen Schultern. Schwarz wie früher waren sie nicht mehr, eher grau mit vielen weißen Strähnen. Die Augen waren fiebrig gerötet und seine Gliedmaßen übel geschwollen.

Habe ich noch eine Chance? Es muss doch eine Möglichkeit geben, marterte Miguel sein Hirn.

Er versuchte eine Weile, die Schmerzen zu verdrängen.

Sollte ich versuchen, den Mönch zu bestechen? Warum sollte er nicht schwach werden, wenn die Summe nur hoch genug ist?

Seine innere Stimme gab ihm jedoch sofort die passende Antwort. Unsinn. Dieser verteufelte Dominikanerpfaffe hat mich schließlich bis nach Celle verfolgt, um mich zu töten. Es gibt … keine Hoffnung mehr.

Miguel legte sich in das verkotete übel riechende Stroh. Das Rascheln der Ratten darin störte ihn schon lange nicht mehr. Die höllischen Schmerzen kamen wieder. Gedanken bahnten sich ihren Weg.

… Inez … Verzeih mir. Ich hätte auf dich hören sollen. Warum nur habe ich nicht auf dich gehört? … Wir hätten aus Cordoba weggehen sollen … früher weggehen sollen … gleich nach den ersten Anzeichen … weg … nur weg. … Die Hazienda, das schöne Stadthaus … Bist du es, Inez? Die Kinder, sagst du? Ja, die Kinder … Sarah und Alfonso … Pferde … Ich bin schuld an deinem Tod … Schuld an allem … Die Kinder … alleine in Braunschweig. Warum nur konnte ich mich nicht entscheiden? … Es war das Geld, nur das Geld. Wir hatten doch genug. … Inez, bist du es? Ja, die Silberflotte … die Kaperfahrer. Ich habe sie mitfinanziert … wollte mehr Geld … Geschäfte, Geschäfte mit der neuen Ostindischen Kompanie. … Du bist im Kerker gestorben, Inez. Durch meine Unentschlossenheit. Immer kam was dazwischen. Vaters Tod. Und dann … die Kinder waren so glücklich auf der Hazienda. Geschäfte. Die Königin … aber der Handel hat nicht geklappt. Jetzt bin auch ich im Kerker … Inez. … Vater? … Vater, was ist das für ein Geheimnis? Wer ist der Hüter des Geheimnisses? … Was bedeutet … Inez, bist du es? … Alfonso? … Sarah? …

Das trockene Knarren der Zellentür tönte in das Verlies. Es hörte sich an wie das Öffnen der Klappe eines Galgengerüstes.

Der Feuerkorb mit der Glut darin war wieder da. Sollte er nur irgendwie der Einschüchterung dienen? Heute Nacht war es ihm klar geworden. Sie werden mich zu Tode foltern. Auf nichts anderes zielte der Vorschlag des Dominikaners. Dadurch entfällt der Scheiterhaufen und öffentlich wird kaum einer Notiz von meinem Tod nehmen.

„Wie wäre es heute mit neuen Stiefeln, Jude? Braunschweiger Stiefel! Ich zeige sie dir.“

Die sehen aus wie Schraubstöcke, wie Schmiede oder Schlosser sie benutzen. Damit sie besser wirken, haben sie wohl diese großen gezackten Backenränder. Erst spanische Daumenschrauben und jetzt das. Die Ironie des Schicksals lässt mich wahrlich nicht im Stich. Na gut, ich war zeitlebens Optimist und ein lebensfroher Mensch. Damals in Cordoba. Wir hatten das Stadthaus und eine Hazienda etwas außerhalb am Fluss ... gelegen.

Während Meister Hans die „Stiefel“ weiter anzog, dachte er sich, schon halb ohnmächtig, in die Vergangenheit.

Es ist wunderschön mit Donna Inez auf der weitläufigen Veranda im Schatten. So friedlich. Sarah und Alfonso sind trotz der Hitze bei den Pferden. Sie sind doch immer bei den Pferden, lacht seine schöne Frau. Sie kommen auch ihren Pflichten nach, überlegte Miguel. Ihre Lehrer unterrichten sie in vielfältigen Fächern, wie … Alfonso mag am liebsten Fechtunterricht. Er ist sehr begabt. Ein Meister, trotz seiner Jugend.

Wieder etwas wacher werdend träumte Miguel weiter.

Ich werde bald bei dir sein, Inez. Vielleicht ist das hier Gottes Strafe dafür, dass ich in Spanien bleiben wollte. Das war dein Tod. In den Händen der Inquisition. Und mir wird es genauso ergehen. Vielleicht werden unsere Kinder uns eines Tages rächen.

„Passen die Stiefel gut oder soll ich sie noch etwas enger machen?“, feixte der Henkersknecht Meister Hans.

Ich habe höllische Schmerzen und spüre doch nichts. Wie geht das?

„Ich verfluche dich, Henkersknecht. Eines Tages wird man dich rösten, bei lebendigem Leibe. Der Auftrag ist bereits erteilt, Meister Hans. Schau dich nur um, jeden Tag, jede Stunde. Es wird dich ereilen und du wirst erst auf Erden brennen, bevor du in der Hölle auf Ewigkeit schmorst. Der Hexenmeister und Zauberer, Don Miguel Francisco y Dominguez verflucht dich und den Mönch ebenso. Mönch, bist du da? Man wird dich an einen Pfahl binden, bis du vertrocknet bist. So lange kannst du über deine Missetaten nachdenken, du Hundsfott von einem Pfaffen.“

Meister Hans war unter seiner Maske augenblicklich blass geworden. Wo der Glaube aufhört, fängt eben der Aberglaube an. Don Miguel konnte nicht mehr sehen, wie Hans mit dem glühenden Eisenstab auf ihn losging. Er bohrte ihm das Eisen direkt in die Brust.

Draußen mahlten eisenbeschlagene Räder eines Fuhrwerks und schwach nahm er das dazu klingende Stampfen von Pferdehufen wahr. Don Miguel dachte seine letzten Gedanken.

Wohin dieses Bauerngefährt wohl ziehen mag? Ich kenne den Willen seines Kutschers nicht. So bleibt mir als Gewissheit nur das Ungewisse, das Namenlose der Fernen, denen es entgegenzieht. Der weise Lenker wird sein Ziel kennen. Vielleicht … Vielleicht nimmt er ja meine Seele mit auf die Reise. Inez, Kinder, ich suche den Wagen, aber so sehr ich meine Augen auch anstrenge, ich sehe ihn nicht mehr.

Ibrahim war, gleich nachdem er die Nachricht erhalten hatte, aufgebrochen, noch in der Stunde des Todes von Don Miguel. Er benutzte seinen Bauernwagen, der eisenbeschlagene Räder hatte. Noch eine knappe Meile, dann würde er das Wendentor von Braunschweig erreichen. Er hätte Don Miguel gern geholfen. Er war sogenannter Schutzjude und als solcher einigermaßen sicher. Dennoch hatte er es für besser gehalten, sich sofort aufzumachen, seinen Auftrag zu erfüllen. Die Beerdigung würde sein Sohn besorgen. Am Tor angekommen, fragte Ibrahim den Wachhabenden nach dem Judenviertel und rechnete im Stillen damit, ein wenig angepöbelt zu werden.

„Nein, schüttelte der bedächtig den Kopf. Vor langer Zeit einmal, da gab es in der Jöddenstraße einige Judenquartiere. Wohl auch eine Synagoge, aber das ist lange her. Der Herzog, Heinrich Julius noch, hat alle vertrieben. Auch die in Melverode, sogar die Schutzjuden.“

Der Wachtmeister weiß Bescheid und ist erstaunlich höflich, dachte Ibrahim und traute sich deswegen etwas weiter vor. „Ist es ruhig in der Stadt?“

Der Wachhabende war pfiffig und roch den Braten.

„Also, Herr Jude.“

„Ibrahim. Nennen Sie mich ruhig Ibrahim.“

„Also, Herr Ibrahim. Braunschweig ist eine Stadt und Stadtluft macht frei. Schon mal gehört? Wir sind da nicht so pingelig. Eigentlich evangelisch-lutherisch. Aber wenn der Herzog es will und die Umstände es erfordern sollten, auch schon mal gut katholisch, wie man hier sagt. Gegen Juden hat auch niemand etwas, jedenfalls überwiegend.“

„Ich danke Ihnen für die Offenheit“, sagte Ibrahim schon deutlich entspannter.

Er fuhr also durch das Tor und schon bald begannen das Kopfsteinpflaster und der Gestank.

Warum nur müssen die Leute ihre Nachttöpfe auf die Straße ausleeren? Genau wie in Celle. Ich werde den Erstbesten nach dem Kaufmann fragen, um Alfonso zu treffen und meine Pflicht zu erfüllen.

Bei dem Gedanken überzog plötzlich ein leichtes, zufriedenes Lächeln sein Gesicht. „In das ehemalige Judenviertel fahre ich später“, schimpfte er aber sofort wieder weiter vor sich hin.

Ibrahim wurde vom Inhaber der Druckerei, Herrn Duncker, in das etwas schummrige Kontor geführt. Alfonso arbeitete an einem Stehpult, vertieft in unendlich lange Zahlenkolonnen. Er sieht aus wie sein Vater, dachte Ibrahim sofort. Groß. Hagere, zähe Gestalt und vor allem tiefschwarze Haare und Augen.

Dann berichtete er das Geschehen, soweit er es für richtig hielt und erledigte so seine traurige Pflicht. Alfonso war Don genug, wie sein Vater, und trug, zumindest nach außen, alles mit Fassung. Auch das Thema 500 Taler wurde nicht zur Peinlichkeit, sondern wurde am nächsten Tag erledigt. Die Aufgabe Alfonsos war es, seiner Schwester Sarah die schreckliche Nachricht zu überbringen. Ein kleiner Trost für beide war, dass sie wussten, wo ihr Vater begraben lag. Da der Gefängnisfriedhof, wie so oft in Celle, unter Wasser gestanden hatte, konnte Ibrahims Sohn Don Miguel sogar auf dem Kirchenfriedhof beerdigen, wenn auch am äußersten Rand. Später wollte er einen Findling dort aufstellen lassen. So würden Alfonso und Sarah eines Tages sein Grab finden.

Teil I

Wer sein eigen Haus betrübt,

der wird Wind zum Erbteil haben;

und ein Narr muß ein Knecht des Weisen sein.

(Sprüche Salomos, 11. Kap. Vers 29)

1

Dieser extrem dürre Mensch in seinem langen schwarzen Kapuzenmantel mit seiner fahlen Gesichtshaut, seinen ergrauten schütteren Haaren und grauen Augen sah aus wie ein abgestorbener Baum mit nur noch wenigen trockenen Ästen. Er wartete auf seine Chance. Eine Chance, auf die er so viele Jahre gewartet hatte. Er wollte den Auftrag zu Ende führen, den er im Kloster Santo Thomás in Avila von seinem Prior erhalten hatte, persönlich gesprochen im Namen des Großinquisitors von Spanien, Robert Bellarmin.

Der Racheengel, als den sich der Dominikanermönch gern selbst sah, bezog seinen Posten unter der ausladenden Linde an der Südseite des Braunschweiger Doms. Längst war es finstere Nacht geworden an diesem ungemütlich nasskalten Apriltag.

Die Braunschweiger hatten im Zuge der Reformation die Dominikaner schon vor Jahrzehnten vertrieben und ihr Kloster damit aufgelöst. Vielleicht trug der Mönch für sein Vorhaben deshalb trotzig das Ordensgewand der Dominikaner, allerdings ohne den sonst obligatorischen weißen Überwurf. Er wollte von seinem Opfer nicht vorzeitig entdeckt werden. Die Armbrust verbarg er mit der linken Hand unter dem Mantel. Das war zu dieser Stunde eigentlich unnötig, denn keine Menschenseele trieb sich mehr in den Gassen herum.

Es war dem Mönch seinerzeit zwar gelungen, Don Miguel zu Tode foltern zu lassen, seine Kinder Sarah und Alfonso aber hatte er aus den Augen verloren. Auch die von der Inquisition geforderten Dokumente hatte er nicht beschaffen können. Eine Niederlage, die er nicht verwinden konnte.

So war er also nach Hamburg gegangen. Er hatte gewusst, dass Don Miguel vorgehabt hatte, seinen Bruder Juan Salomon dort aufzusuchen. Vielleicht würden die Kinder auch eines Tages dort auftauchen, nahm er an. Jahrelang war nichts geschehen. Er hatte es geschafft, sich an Juan Salomon heranzutasten und tatsächlich eine Anstellung als Schreiber in seinem Handelskontor zu bekommen. Mit der Zeit hatte er sich mit seinem Schicksal arrangiert. Er hatte sogar geheiratet und war Vater eines Sohnes geworden. Niemand hatte auch nur geahnt, dass er Dominikanermönch war. Die Mutter seines Kindes war bei dessen Geburt gestorben. Uriel war daher zunächst in einem Heim untergebracht worden. Später hatte der Mönch eine Haushälterin eingestellt, die auch seinen Sohn betreute: ein in sich gekehrter Knabe, der nach und nach, genauso verblendet wie sein Vater, zu seinem willigen Instrument wurde. So hatte er seinen Sohn von Zeit zu Zeit nach Amsterdam zu Don Manuel Isaak, dem zweiten Bruder Don Miguels geschickt, um herauszufinden, ob Sarah und Alfonso dort aufgetaucht waren. Das aber war nie der Fall gewesen.

Dennoch hatte er jedes Jahr einen Brief an den Großinquisitor von Spanien, Bellarmin, auf den Weg gebracht, in dem er versicherte, nicht ruhen zu wollen, bevor sein Auftrag ausgeführt sei. Regelmäßig hatte er auch eine zustimmende Antwort und einen kleinen Geldbetrag für seine Auslagen bekommen.

Der Mönch konnte nicht wissen, dass schon lange nur der Sekretär sein Briefpartner war und nicht etwa Bellarmin persönlich, auch wenn der Großinquisitor scheinbar unterschrieben hatte. Immerhin: Zu den Akten wollte man die Sache offenbar noch nicht legen. Selbst die Inquisition hatte Ausdauer.

Der Mönch fand die Gewohnheiten Alfonsos schnell heraus. Zwar war er selbst beim Grafen in Lucklum zu Gast. Der Pfarrer der Dörfer, die zum Gut gehörten, hatte das eingefädelt. Aber hin und wieder kam er, natürlich in „Zivil“, in die Stadt. Er fand heraus, dass Alfonso wochentags nach seiner Tätigkeit als Prokurist bei der Druckerei Duncker eine Witwe aufsuchte – wohl seine Geliebte. Auf dem Rückweg kam er dann immer um Punkt zehn Uhr am Dom und an der Linde vorbei. Genau hier sollte er nun ins Jenseits befördert werden.

„Ich werde ihn mit einem Schuss töten und später werden auch die anderen Gottlosen büßen“, zischte der Mönch lauter als beabsichtigt in die Dunkelheit. Die Familienverhältnisse von Alfonso und Sarah hatte er schnell herausfinden können. Mutter, du wärst stolz auf deinen Engel gewesen, sagte er sich in Gedanken.

Seine Mutter hatte ihn kurioserweise Engel genannt, obwohl er ohnehin den Namen des Erzengels Gabriel führte. Sein brutaler Vater hatte von ihm indes immer nur als „Das Kind“ gesprochen.

Der Plan war klar: Der Graf hatte sich, nach allem, was geschehen war, bereitwillig in die Machenschaften des Dominikanermönchs einbinden lassen. Er hatte sich großzügig gezeigt, indem er die Wachen am Magnitor mit einem Betrag bestechen ließ, den sie nicht ablehnen konnten. Sie sollten einen Mönch in schwarzer Kutte um ungefähr eine Viertelstunde nach zehn Uhr ungehindert passieren lassen. Nur wenige hundert Meter weiter hatte der Graf einen Knecht mit den Pferden postiert.

Die Uhr des Doms zählte ihre zehn Schläge in die Nacht. Der Mönch wurde langsam unruhig. Wo ist er? Verdammt! Wieso kommt er heute zu spät? Der Nachtwächter kommt nur zehn Minuten nach diesem Bastard auf seiner Runde hier vorbei, schwirrte es ihm im Kopf herum.

Alfonso war allerdings nur wenig verspätet. Den Kragen seines Umhangs wegen des nasskalten Wetters hochgeschlagen, ging er wie immer auf direktem Wege in Richtung Linde – und damit seinem Schicksal entgegen.

Der Dominikanermönch spannte die Armbrust und legte einen Bolzen ein. Alfonso würde so dicht an seinem Mörder herankommen, dass ein Fehlschuss unmöglich war.

Der Nachtwächter indes war in der Ferne schon zu hören. Ausgerüstet war er mit einer Kurzwaffe, einer Laterne, einem Signalhorn und einer hölzernen Knarre. In einem Notfall würde er die Bürger alarmieren.

2

Knapp drei Monate zuvor war die Welt für Michael und seine Familie noch in bester Ordnung. Es lebte sich gut im Meinhardshof und auch in der freien Reichsstadt Braunschweig allgemein. Es herrschte eine friedliche und fast sorglose Stimmung. Der Krieg hatte die Stadt bisher verschont, Friede allenthalben.

Sein Vater Heinrich Schlachmann war ein angesehener Büchsenschmied, zuweilen etwas mürrisch und wortkarg. Aber das war nur die Oberfläche. Michael verstand sich mit allen gut: insbesondere mit seinem älteren Bruder Hinrich, Nesthäkchen Anna und schließlich seiner Mutter Sarah, die er innig liebte.

Seine Freundin Lena liebte er auch, natürlich anders, aber bis er dieses Gefühl wirklich erleben sollte, würde er noch viele Umwege auf seinem Lebensweg einschlagen müssen.

Michaels Onkel Alfonso gab ihm gelegentlich und bereitwillig Waffenunterricht. Seine Mutter sah das zwar nicht gern, letztlich nahm sie es aber immer mit einem tiefen Seufzer hin.

Michael und Alfonso nahmen das Kloster Riddagshausen, das in der Ferne eine schöne Silhouette abgab, kaum zur Kenntnis. Sie kutschierten ihr Fuhrwerk direkt auf den Wald, die Buchhorst, zu. Dort schleppte jeder seinen „Kartoffelsack“ bis zu einer großräumigen Lichtung. Don Alfonso transportierte so eine Muskete und eine Jagdbüchse. In Michaels Sack waren zwei Pistolen, zwei Degen und ein Kurzschwert. Mit der Ladung durch das Tor zu kommen, war nicht sonderlich schwer. Es war Sonntag und sie würden den Wachen auf dem Rückweg einen Siphon mit drei Litern Bier aus dem Gliesmaroder Turm und einen schönen Gruß vom Büchsenschmied Heinrich Schlachmann dalassen. Die Wachsoldaten wussten das. Wer wollte da noch kontrollieren, zumal es ja öfter vorkam, dass Michael und Alfonso sonntags mit dem Wagen unterwegs waren. Lieber nicht zu neugierig sein, dachten sie sich wohl.

Ganz ungefährlich waren diese Unternehmungen dennoch nicht. Es war den Schützen, die in Gilden organisiert waren, und allen anderen Bürgern natürlich auch bei Strafe verboten, an einem Sonntag Schießübungen durchzuführen, es sei denn, es fand ein offizielles Schützenfest statt. Wann aber sollten die beiden sonst üben? Im Sommer ging es manchmal auch alltags, da war es länger hell. Im Winter war nach der Arbeit daran jedoch nicht mehr zu denken. Ohnehin wurden die Stadttore bei einbrechender Dunkelheit geschlossen. Don Alfonso – Michael sagte schon seit den Kindertagen Don Alfonso zu seinem Onkel und so war es geblieben – war immerhin Prokurist und konnte die Druckerei nicht einfach früher verlassen.

Michael war gut im Gebrauch der Waffen. Sein Onkel konnte ihm schon lange nichts mehr beibringen. Irgendwie war er ein Naturtalent. Die wöchentlichen Übungen genossen sie, auch wenn Sarah wegen des Feiertages jedes Mal den Kopf schüttelte. In Michaels jüngeren Jahren unterrichtete Alfonso ihn auch in Geschichte und vielen anderen Fächern, obwohl Michael ohnehin die Lateinschule besuchte. Aber er war äußerst wissbegierig. Über die Jahre konnten sie sich auch in kaufmännischen Dingen austauschen, soweit es nicht die Geschäftsgeheimnisse ihrer Dienstherren betraf. Michael war beim Fernhändler Schrader und Alfonso in der Druckerei von Andreas Duncker beschäftigt. Das konnten sie jedoch gut trennen. Schade aus Michaels Sicht war lediglich, dass er so wenig zum Reiten kam. Auf dem Land waren sie nur ein- bis zweimal im Monat.

Michael legte die Waffen auf der Lichtung zurecht, ordnete sie in Reih und Glied an. Er kannte sich gut aus. Seine Lieblingswaffen waren die Jagdbüchse und die Radschlossreiterpistole. Es folgten das Kurzschwert und der Dolch. Don Alfonso wurde in seiner Jugend an all diesen Waffen ausgebildet. Das und vieles mehr gehörte zur Erziehung eines künftigen spanischen Grande dazu.

„Du wirkst heute etwas nervös, Michael“, bemerkte Alfonso.

Wieso kann ich das nicht vor ihm verbergen?, dachte Michael. Vor Mutter kann ich auch nichts verbergen, glaube ich.

„Ich möchte mit dir etwas besprechen, dich um deinen Rat fragen. Lass uns aber erst unsere Übungen durchführen.“

Michael nahm die Muskete, schüttete Zündkraut in den Lauf, schob, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte, eine mit etwas Stoff umwickelte Bleikugel hinterher und stopfte dann Kugel und Pulver mit dem Ladestock fest. Ein Gabelstock war für seine Muskete nicht mehr erforderlich. Sie wog nur noch knapp fünf Kilo. Die älteren Ausführungen hingegen wogen bis zu fünfzehn Kilo. Michael gab noch etwas Schwarzpulver auf die Zündplatte, spannte die Lunte in die Zündvorrichtung, legte an und feuerte. Alfonso und Michael hatten irgendwann einmal eine mannshohe Figur aus Brettern in etwa fünfundsiebzig Metern Entfernung als ständige Zielscheibe aufgestellt. Da so eine Muskete nicht besonders treffsicher war, würde sie noch lange halten. Zum Schluss übten sie sich noch im Kampf mit Kurzschwert und Dolch.

„Deutlich in die Knie gehen, Michael, und das Kurzschwert mit dem rechten Arm nach oben strecken. Der Gegner wird auf das Schwert schauen und du kannst mit dem Dolch in der linken Hand von unten in den Oberschenkel stoßen.“ Michael führte die Übung „trocken“ aus.

„Du bist ein Krieger, Michael, ein Krieger. Dieser Ernst in seinem Tonfall, dachte Michael. Er meint das wirklich so. Wieso ein Krieger? Es macht einfach nur Spaß, eine Waffe zu beherrschen.

„Also, was willst du mit mir besprechen?“

Michael brachte es einfach nicht heraus. Er hatte bisher mit niemandem über seine Pläne gesprochen.

„Du willst weg von hier. Fort, raus in die Fremde. Du willst dir den Wind um die Nase wehen lassen. Träumst von Abenteuern und hübschen Mädchen. Wann soll es denn losgehen?“

Michael starrte seinen Onkel aus wasserblauen Augen ungläubig an. „Woher weißt du, ich …“ stammelte er.

„Nun, viele junge Männer wollen in die Fremde“, lachte Alfonso. „Erzähl mir schon, was du vorhast!“

Michael, jetzt etwas ruhiger, setzte sich auf einen Baumstumpf und stützte seine Arme auf den Knien ab.

„Ich will Kaufmann werden.“

„Aber das bist du doch schon. Später wirst du bestimmt Prokurist wie ich“, kam es jetzt doch etwas erstaunt von Alfonso.

„Nein, nein. Der Handel hier ist interessant, aber irgendwie … wie soll ich sagen? … Zu klein, zu eng. Fernhandel will ich treiben, selbstständig, weißt du? Dazu muss ich aber noch viel lernen.“

Er sagt „will“ und „muss“. Das ist so gar nicht seine Art, dachte Alfonso. „Ja, viel Geld brauchst du für dein Vorhaben auch. Wie willst du dich sonst selbstständig machen?“

Ach, das ist noch weit hin. Ich habe da so meine Pläne. Vielleicht kann mir Vater mein Erbteil vorzeitig auszahlen? Vielleicht leiht mir auch Don Alfonso etwas oder beteiligt sich sogar am Geschäft? Vielleicht beteiligt sich auch Hinrich? Das wird sich alles finden, ging es Michael durch den Kopf.

„Ich schaffe das, Don Alfonso.“ Michaels Augenfarbe wechselten ins Stahlblaue. Es wirkte kalt.

Es war bestimmend und wie abschließend, keinen Widerspruch duldend. Er hat sich verändert, sinnierte Alfonso etwas verblüfft. Vielleicht hat er auch einfach nur einen Entschluss gefasst und will ihn jetzt umsetzen. Er ist eben ein Mann geworden, aber seine Augen … „Du musst mit deinen Eltern reden, Michael. Mach dir keine Sorgen: Sie werden es verstehen. Wo willst du überhaupt hin?“

„Nach Nürnberg. Ich hoffe, bei den Fuggern unterzukommen. Die Fugger handeln mit unglaublich vielerlei Waren und überall hin, sei es innerhalb oder außerhalb der Hanse. Man sagt, sie handeln auch mit Geld.“

Seine Augen sind wieder wasserblau, stellte Alfonso für sich selbst fest. „Von deinem Vorhaben bist du jedenfalls begeistert“, kam es lächelnd über seine Lippen. „Und die Fugger handeln auch mit Informationen. Darüber sollten wir später noch einmal sprechen.“

„Warum bist du eigentlich zuerst zu mir gekommen?“

Michael schaute Don Alfonso leicht abwesend an. Wie wird es Mutter aufnehmen?

Er wusste, dass er ihr Liebling war, obgleich sie sich immer alle Mühe gab, alle Kinder gleich zu behandeln. Er wusste auch, dass er sie über alles liebte wie sonst nichts und niemanden auf der Welt.

Hinrich und Anna bleiben ja zu Hause, versuchte er seine Gedanken wieder in den Griff zu bekommen.

„Es wird ihr wehtun, deinem Vater übrigens auch. Sie wissen aber, dass es der Lauf der Dinge ist. Sie werden dich ziehen lassen. Manche Menschen wollen nun mal hinaus in die Welt. Sie wollen wissen, was hinter den nächsten Bergen ist. Und wenn sie es gesehen haben, wollen sie wissen, was hinter den nächsten Bergen, den nächsten Wäldern, den nächsten Meeren ist. Du gehörst zu diesen Menschen, glaube ich. Erst war es deine Wissbegierde über die Lateinschule hinaus. Da konnte ich dir ein wenig helfen. Zusätzlich hast du dir von Camann Bücher geliehen.“

Ich muss mich auch von ihm verabschieden, schoss es Michael durch den Kopf.

„Dann wolltest du im Umgang mit Waffen unterrichtet werden. Und jetzt ist dir hier alles zu klein und piefig geworden. Auf zu neuen Ufern! Das bist du. Du willst dir deine Träume erfüllen.“

Ja, Träume, die nur ich kenne, dachte Michael.

„Vorher wollen wir aber mal zusammenpacken und nach Hause fahren.“

Wenig später fuhren sie, schweigsam geworden, der Stadt entgegen. Die Silhouette des Zisterzienserklosters glänzte in der Abendsonne. Sie beachteten es nicht.

3

Ein paar Wochen später begleitete Michael seinen Vater zum Stammtisch, wie er es in der letzten Zeit schon manchmal getan hatte.

Warum er das tat, konnte er sich nicht so richtig erklären. Vielleicht suchte er unbewusst die Nähe des eher verschlossenen Vaters, weil er bald die Familie verlassen würde. Die Mitglieder des Stammtisches hatten jedenfalls nichts gegen seine Anwesenheit, zumal er sich nur in die Gespräche einschaltete, wenn er gefragt wurde.

Sie hätten, an der Martinikirche angekommen, den direkten Weg zum Wirtshaus „Haus zur Hanse“ einschlagen können, aber den kleinen Umweg über den Altstadtmarkt nahmen sie trotz des Regens gern in Kauf. Besonders Heinrich liebte diesen Platz, so wie er die ganze Stadt liebte. Hier in Braunschweig war er zu Hause, genau wie seine Eltern es gewesen waren, bis die Pest sie viel zu früh dahingerafft hatte.

Der Altstadtmarkt zeigte sich wie immer prächtig. Halb auf der nördlichen Seite des Kirchenschiffes von St. Martini vorbei zeigte sich auf der linken Seite das größte und schönste Rathaus der Braunschweiger Weichbilder: das Altstadtrathaus. Ein paar Schritte weiter konnte Heinrich die Rechtwinkligkeit des Zweiflügelbaues erkennen. Als Büchsenschmied hatte er eine detaillierte Vorstellung von Genauigkeit und Schönheit, die daraus entstand.

Sie gingen schräg über den Platz, am vor Wasser triefenden Marienbrunnen vorbei in Richtung Kohlmarkt. Rechts von ihm tauchte jetzt schemenhaft das Gewandhaus auf. Die Tuchmacher hatten ihre Lager darin und wickelten auch teilweise ihre Geschäfte im und vor dem Haus ab. Gleichzeitig diente es ihnen als Gildehaus, genau wie den Büchsenschmieden.

Michael und Heinrich Schlachmann blickten sich noch einmal um. Der dünne Nieselregen überzog die ganze Szenerie mit einem diffusen Schleier und erzeugte eine eigenartige Stimmung. Zumindest Heinrich setzte seinen Weg noch nachdenklicher fort. Seine Gedanken waren bei Sarah, seiner Frau.

Warum nur hat Sarah nach so langer Zeit wieder das Buch und den Brief hervorgeholt? Heinrich grübelte darüber nach und spürte deutlich den Wind, der immer stärker wurde. Sie hat mich kaum wahrgenommen, als ich aus dem Haus gegangen bin. Tief versunken hat sie an unserem großen eichenen Küchentisch gesessen. Ja, früher, in den ersten Jahren unserer Ehe, da hat sie die Unterlagen häufiger studiert –zum einen sicherlich, um die Erinnerung an ihren Vater zu pflegen, zum anderen aber auch, um hinter das Geheimnis zu kommen: Das Buch des Handelshauses Don Miguel sollte Informationen erhalten. So hatte ihr Vater es in seinem Abschiedsbrief mitgeteilt, die es ihrem Bruder Alfonso und ihr ermöglichen sollten, seine Geschäfte fortzuführen. Es ist schon merkwürdig, dachte Heinrich, dass bisher keiner aus meiner Familie das Geheiminis lüften konnte. Immerhin ließ Sarahs Interesse nach, als unser Sohn Hinrich geboren wurde, und erlosch völlig, als zwei Jahre später Michael zur Welt kam. Heinrich Schlachmann versuchte trotz des jetzt unangenehmen Regens ein Lächeln. Und dann kam auch noch unser Nesthäkchen Anna.

Jetzt, nachdem ihr Vater seit mehr als zwanzig Jahren tot war, beschäftigt sie sich plötzlich wieder mit der alten Geschichte. Warum nur?

Heinrich konnte sich keinen Reim darauf machen. Der Vater von Sarah und Alfonso, Don Miguel, war in Celle wegen angeblicher Zauberei verhaftet worden. Er wurde der sogenannten peinlichen Befragung unterzogen und starb während der Folter.

Ein jüdischer Kaufmann mit Namen Ibrahim Maintz hatte seinerzeit die schreckliche Botschaft und den letzten Brief des Vaters überbracht und berichtet, was er sonst noch wusste.

Am Anfang war es schwer für Sarah und Alfonso. Ihr Vater hatte Alfonso bei Andreas Duncker, der eine Druckerei betrieb, und Sarah im Hause des Büchsenschmiedes Heinrich Schlachmann untergebracht, beides solide, angesehene Familien in der Stadt.

Obwohl es nur vorübergehend sein sollte, denn ihr Vater wollte sie nachholen, hatte besonders der Büchsenschmied dieser Vereinbarung nur zu gern zugestimmt. Durchaus nicht zur Schwermut neigend, war er doch oft einsam in dem großen Haus. Seine Mitarbeiter in der Schmiede und das Gesinde waren kein Trost für ihn.

Mit der Nachricht vom Tod Don Miguels hatte sich alles für die Kinder geändert. Alfonso war es, der die Verantwortung spürte, die Initiative ergriff und letztlich eine Lösung herbeiführte. Er hatte vorgeschlagen, vorläufig in Braunschweig zu bleiben.

Sie saßen damals auf dem Rand des Marienbrunnens und hatten beratschlagt, wie es weitergehen sollte.

„Vater hat uns ausreichend mit Geld versorgt. Vielleicht können wir auch länger in unseren jetzigen Unterkünften bleiben und arbeiten. Ich habe mich schon immer für das Druckereiwesen interessiert, eine aufstrebende, moderne Technik.“

Sarah hatte einigermaßen irritiert geschaut. Du hast dich zeitlebens für Pferde interessiert und sonst für so gut wie nichts, dachte sie, sprach es aber nicht aus.

„Der Büchsenmacher hat sicher auch nichts dagegen, wenn du ihm die Wirtschaft führst.“

„Büchsenschmied“, korrigierte ihn Sarah. „Büchsenmacher ist was anderes.“

Jetzt war es an Alfonso, irritiert dreinzuschauen. „Wer weiß, ob uns nicht auch aufgelauert wird, wenn wir nach Hamburg zu unserem Onkel reisen!“, gab er etwas zusammenhanglos von sich. „Hier sind wir vorerst sicher. Wir bleiben auf alle Fälle zusammen.“

Sarah hatte den Vorschlag grundsätzlich vernünftig gefunden. Ihr war allerdings nicht entgangen, dass ihr Bruder „auch aufgelauert“ gesagt hatte. Sicher: Dass sie wegen der Inquisition aus ihrer Heimat fliehen mussten, war ihr bewusst. Dass sie in den deutschen Herbergen dauernd auf einen Mönch trafen, war ihr ebenfalls aufgefallen. Aber warum sollte dieser Dominikanermönch auch ihnen auflauern? Sarah beendete ihre Gedanken und stellte ihrem Bruder genau diese Frage.

Alfonso war nicht umhingekommen, Sarah den eigentlichen Grund für die Verfolgung zu erklären: dass Don Miguel an der Finanzierung der Kaperfahrer beteiligt gewesen war, die damals die spanische Silberflotte aufbrachten, wo immer sie gestellt werden konnte. Dringend benötigtes Silber war dem spanischen Hof dadurch verloren gegangen und den abtrünnigen nördlichen Niederlanden, den Feinden, zugutegekommen. Die spanische Krone hatte also allen Grund dazu, Don Miguel und seine Familie zu verfolgen.

Alfonso hatte seiner Schwester mitgeteilt, was er wusste. Ergänzt mit seinen Vermutungen ergab das für Sarah ein durchaus plausibles Bild, wenn es auch nicht ganz der Realität entsprach: Don Miguel hatte eine geheime Abmachung mit Königin Isabella getroffen. Das allerdings konnten beide nicht wissen.

„So hat es Sarah mir erzählt“, dachte Heinrich Schlachmann laut.

„Was hat dir Mutter so erzählt, Vater?“ Michael hatte mitbekommen, dass sein Vater intensiv nachdachte, und konnte jetzt einhaken.

„Ach, Mutter grübelt wieder über dem Handelsbuch – nach so langer Zeit. Warum nur?“

Heinrich war schon wieder in seinen Gedanken versunken. Diese Neuigkeiten hatten sie damals erstaunlicherweise kaum aus dem Gleichgewicht gebracht. Ihr Vater war schließlich Fernhandelskaufmann und seiner Art nach alles andere als ein Politiker, hatte sie mit der Naivität der Jugend selbstbewusst verkündet. „Wahrscheinlich habe ich mich schon damals in Sarah verliebt“, hielt Heinrich wieder ein kurzes Selbstgespräch und stapfte weiter durch den Regen. Michael musste schmunzeln.

Sarah hatte tief in ihrem Innersten gewusst, dass ihr Vater nicht immer unbedingt legal gehandelt hatte. Sie redete sich aber ein, dass er triftige Gründe dafür gehabt haben musste. Sie wusste schließlich auch, dass die Juden seit Jahrhunderten in Südspanien drangsaliert wurden. Dass ihre Familie konvertiert war, hatte sie einfach verdrängt. Geärgert hatte sie sich im Wesentlichen nur deswegen, weil man sie als Kind angesehen und somit nicht eingeweiht hatte.

Zwei Jahre später haben Sarah und ich geheiratet. Wie das Leben eben so spielt. Heinrich lächelte still vor sich hin. Schade nur, dachte er, wieder ein wenig ernster, dass mein Schwager Alfonso weniger Glück gehabt hat.

Seine Frau war bei der Geburt seines Sohnes Antonio im Kindbett gestorben. Alfonso hatte von Schicksal gesprochen, kümmerte sich liebevoll um seinen Sohn und blieb als Witwer allein.

Im Geschäft hatte er gottlob mehr Glück. Prokurist in der Druckerei von Andreas Duncker ist ja keine Kleinigkeit. Tüchtig, tüchtig, konstatierte Heinrich. Na ja, der junge Herr Duncker hatte auch nie recht Lust auf das Kaufmännische. Genauso wenig wie unser Hinrich zum Büchsenschmieden. „Ein brauchbarer Geselle ist er trotzdem geworden“, brummte Heinrich Schlachmann und befand sich zusammen mit Michael, ohne es recht gemerkt zu haben, bereits vor dem Wirtshaus „Haus zur Hanse“.

Ratsherr Stender stand vor der Tür des Gasthofs und brüllte, sich schüttelnd vor Lachen, Heinrich Schlachmann zu: „Bist du auch schon da, Büchsenschmied? Hattest wohl einen Rohrkrepierer, was?“

Heinrich klopfte sich den Regen vom Umhang und seinem ledernen Hut. Der da hinten im Dunst das Weite sucht, hat einen Gang wie unser zweiter Geselle, dachte Heinrich, den Ratsherren ignorierend. Was aber sollte Otto in dieser Gegend zu suchen haben und dann noch bei diesem Wetter?

Michael, der die Gestalt ebenfalls wahrgenommen hatte, war sich sicher: Es war Otto.

„Was stehst du hier draußen, Kämmerer?“

Heinrich wartete die Antwort nicht ab und ging an ihm vorbei ins Wirtshaus. Michael folgte ihm auf dem Fuße.

Warum der zu unserem Stammtisch gehört, ist mir immer noch nicht klar. Ich war damals nicht dabei, als er dazukam, dachte Heinrich auf dem Weg durch die verqualmte Gaststube. Er soll sich ja förmlich aufgedrängt haben. Camann hatte damals jedenfalls ganz offensichtlich nichts dagegen. Verstehe es, wer will!

„Guten Abend, Heinrich und Michael“, kam es den beiden aus der Runde entgegen. Es waren schon alle da.

„‘n Abend.“

„Du kommst gerade recht“, eröffnete Andreas Duncker. „Wir haben die große Politik am Wickel. Hast Du den AVISO gelesen?“

Michael setzte sich ohne viele Umstände. Große Politik ist gut, dachte er. Das kann ein spannender Abend werden.

„Ja, habe ich, aber erst mal möchte ich ankommen, dann einen Humpen Mumme vor mir haben und dann bin ich bereit, mit euch die Welt zu retten.“

„Recht so!“, rief Camann in die Runde. „Wir wollen immerhin auch Spaß am Stammtisch haben.“

„Er hatte einen Rohrkrepierer“, mischte sich Kämmerer Stender ein, der gerade wieder hereingekommen war. Brüllend vor Lachen ließ er sich auf einen Stuhl plumpsen. Keiner der Anwesenden fand es wirklich lustig.

„Du hast zu viel getrunken, Kämmerer, schon bevor du hier eintrafst. Was gibt es denn zu feiern?“, fragte der Wallmeister sichtlich ungehalten.

„Geschäfte. Gute Geschäfte“, platzte es aus dem Kämmerer heraus. Unmittelbar nach diesem letzten Ausbruch wurde er plötzlich merkwürdig still.

Michael verlegte sich aufs Zuhören und Beobachten und machte sich so seine Gedanken.

Heinrich dachte sich nach dem ersten großzügigen Schluck Mumme seinen Teil. Wir sind schon eine illustre Runde. Da ist Camann, der Justiziar der Stadt Braunschweig. Er kommt auch manchmal zu uns nach Hause und Sarah und ich besuchen ihn auch hin und wieder. Dass er als Justiziar einem höheren Stand angehört, interessiert ihn nicht. Sonst wäre er ja auch nicht an diesem Stammtisch. Michael darf sich oft Bücher aus seiner Bibliothek leihen. Warum Ratsherr Stender als Kämmerer der Stadt so viel Wert darauf legt, dabei zu sein, weiß ich nicht. Ein unangenehmer Kerl! Er soll aber was können, wie man hört.

Heinrich Schlachmanns Blick traf auf Duncker.

Ja, unser Duncker. Verleger und Drucker seines Zeichens. Seine Geschäfte gehen gut. Unsere Familien sind befreundet. Alfonso arbeitet als Prokurist bei ihm.

Dann nahm Heinrich seinen Krug Mumme und prostete seinem Nachbarn, dem Wallmeister, zu.

Ein besonnener Mann, der aber auch mal ausrasten kann, wie eben bei Stender. Feine Pinkel sind nicht seine Sache und den Kämmerer sieht er als solchen an. Heinrich nahm einen weiteren Schluck Mumme.

Dass der Zeugherr Zacharias Boiling dabei ist, versteht sich von selbst. Schließlich ist er Mitbesitzer vom „Haus zur Hanse“, nachdem er die Wirtin und Witwe Haberland geheiratet hat. Ein integrer Mann, der wegen immer wieder drohender Kriegsgefahr nicht müde wird, auf die Schwächen unserer Geschütze hinzuweisen und überhaupt der veralteten Ausrüstung im Zeughaus. Ansonsten schweigt Boiling meistens.

Das war nun mal die Runde und so würde sie auch bleiben. Was ein Braunschweiger einmal entschieden hat, ändert er so schnell nicht wieder, schloss Heinrich seine Gedanken ab.

In der Gaststube war es warm, fast zu warm. Das Feuer prasselte nur so im Kamin. Tabakrauch hing in der Luft.

„Prost zusammen!“ Heinrich nahm den Faden wieder auf, den zuvor Andreas Duncker gesponnen hatte. „In der Zeitung war zu lesen, dass der niedersächsische Raum kaiserlich geworden ist. Nun, das wissen wir ja alle. Allerdings haben wir Braunschweiger uns bisher erfolgreich gegen eine kaiserliche Besatzungstruppe gewehrt. Wir sind weiterhin eine offene Stadt. Übrigens: Magdeburg auch!“

„Offen ist unsere Stadt schon – für die Katholischen“, warf der Wallmeister ein. „Die kaiserlichen Offiziere verkehren jedenfalls ungehindert in ‚Friedrich Ulrichs offener Schankstube‘“.

„Daher der Name ‚offen‘“ blubberte der Kämmerer Stender dazwischen. „Nach der Schlacht bei Lutter sind wir eben auch ‚offen‘ zu den Kaiserlichen übergegangen und seitdem gut katholisch – wie wir Braunschweiger sagen.“

Diesmal lachten alle.

Heinrich fuhr fort. „Es heißt im AVISO, dass Ferdinand – na ja, eigentlich Wallenstein da oben im Norden – die dänischen Truppen unter Christian IV. besiegt hat. Jetzt soll der Kaiser über ein Restitutionsedikt nachdenken. Es soll angeblich schon im März 1629 in Kraft treten. Dann müssten wir Braunschweiger die katholischen Kirchengüter zurückgeben, etwa das St. Ägidienkloster. Da gehören immerhin ziemlich große Ländereien dazu.“

„Also nächstes Jahr schon? Wenn das passiert, setzen sich wieder die Pfaffen bei uns fest“, kommentierte Duncker ohne besondere Leidenschaft. „Mir wäre das eigentlich wurscht. Wichtiger wären mir mehr Druckaufträge. Aber der Herzog lässt ja bei Julius Adolph von Söhne in Wolfenbüttel drucken.“

„Den Herzog lass mal ruhig in Wolfenbüttel bleiben“, schmunzelte Heinrich.

„Hast ja recht, aber den AVISO druckt er auch“, ließ sich Duncker noch einmal vernehmen.

„Da macht euch mal keine großen Sorgen“, mischte sich endlich Camann ein.

Augenblicklich wurde es ruhiger in der Runde. Wenn der Justiziar etwas zu einem ernsteren Thema beitragen wollte, war es immer wohl überlegt. Auch Michael spitzte die Ohren.

„Erinnert ihr euch noch an den Kanonendonner von Lutter am Barenberge? Man konnte ihn bis in die Stadt hören. Wir sind damals, Rat und Landesherr in trauter Eintracht, eben typisch braunschweigisch, offen zu den Kaiserlichen übergegangen. Haben dreißigtausend Taler gezahlt und Lebensmittel zum halben Preis für das Tilly-Heer geliefert. So sind wir allerdings einer Besatzung entgangen.“

„Komm endlich zur Sache“, drängte Duncker.

„Der Rat hat sich im Frühjahr schriftlich an den Feldherrn, Sieger von Lutter am Barenberge, Graf Tilly, gewandt und darum gebeten, Zeit zu gewähren, weil wir ein so wichtiges Thema mit den verbündeten Hansestädten erst besprechen müssten. Bis dahin möge es bei der freien Ausübung der Konfession gemäß Augsburger Ver…“

„Geht es auch ein bisschen weniger umständlich?“, grinste der Wallmeister.

„Schnell, Wirt, eine Runde Mumme, bevor die Vorlesung weitergeht“, mischte sich einmal mehr der Kämmerer ein.

„Gut, meine Herren. Wichtiger ist ohnehin etwas anderes. Aber noch mal schnell abschließend: Tilly ist Soldat und kein Politiker. Nach meiner Einschätzung wird er die Angelegenheit an die kaiserliche Kommission …“

„Camann, was ist wichtiger?“, schnaubte jetzt der Wallmeister.

„Hmmh, ja, ich will es mal so sagen:“

„Dann sag es“, forderte jetzt auch Heinrich.

Michael staunte ein wenig über seinen sonst so gelassenen Vater.

„Für einen dauerhaften Ausbau der Kaiserlichen – oder sollte ich sagen: der habsburgischen Macht“, (Geraune am Tisch), „ist es wichtig, sowohl Braunschweig als auch Magdeburg zu besitzen. Wir konnten uns bisher erfolgreich wehren wie schon fast immer auch gegen unseren Landesherrn und haben unsere Selbstherrlichkeit bis zum heutigen Tage behalten. Wie übrigens fast alle Hansestädte. Anders steht es um Magdeburg. Die Stadt wird schon seit Monaten belagert. Tilly muss erst Magdeburg einnehmen, bevor er an andere Überlegungen herangeht. Die Stadt ist für ihn eine feindliche Festung geworden. Sie haben sogar eine schwedische Besatzung in ihren Mauern aufgenommen, um sich zu verteidigen. Tilly kann nicht anders. Er muss Magdeburg einnehmen.“

Wir beliefern die Kaiserlichen sogar mit Waffen und Munition, ihr Besserwisser. Das sind Geschäfte. Gute Geschäfte, dachte Kämmerer Stender grinsend.

„Du siehst erstaunlich fröhlich aus bei so einem ernsten Thema“, brummte der Wallmeister wieder.

Michael erinnerte sich jetzt, den Kämmerer in letzter Zeit häufiger mit dem Zeugherrn gesehen zu haben. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, haben sie doch beruflich miteinander zu tun, dachte er. Aber jedes Mal war offenbar ein Streit im Gange. Zeugherr Boiling hatte dabei immer wild gestikuliert. Das war so gar nicht seine Art.

„Im AVISO stand auch, dass man ein Mönchlein im Bordell entdeckt hatte. In Prag soll das gewesen sein. Ob der auch einen Rohrkrepierer hatte“, schüttelte sich Stender vor Lachen.

„Lasst ihn doch. Er ist betrunken“, kam es mehrfach aus der Runde.

Etwas versöhnt ließ sich der Wallmeister wieder vernehmen: „Der Krieg geht schon seit 1618, seit dem Prager Fenstersturz. Wir sind zwar im Moment politisch gut katholisch, aber immer noch evangelisch und vor allem sind wir eine freie Stadt. Wir werden von den Kaiserlichen nicht mal belagert. Mit unserem Herzog hatten wir dagegen schon hin und wieder mal das Vergnügen, was ihm allerdings nichts genützt hat.“

„Der große Krieg kommt auch in den Norden. Verlasst euch darauf!“, bemerkte der Kämmerer relativ ernst.

„Ist er ja schon“, kam es von Heinrich.

Ihn machte das Gespräch langsam ziemlich nachdenklich.

„Bis jetzt hatten wir glückliche Tage. Wenn nur der Bruder des Herzogs, der tolle Halberstädter, nicht so ein Kriegstreiber gewesen wäre! Man sagt, er schwärmte damals für die Gattin des Winterkönigs und prompt zog er als neunzehnjähriger Dragonerhauptmann mit in die Pfalz, um König Matthias zu unterstützen.“

„Pass auf, dass du keinen Hochverrat begehst, sonst geht es dir wie seinerzeit Brabandt.“

„Papperlapapp, Kämmerer“, schimpfte Camann sofort los.

Der Bürgerhauptmann Brabandt hatte damals eine Gruppe unzufriedener armer Teufel angeführt. Man nannte es dann Anstiftung zur Aufruhr und Eingehung eines Bündnisses mit dem Teufel. Unter Folterqualen hatte Brabandt alles zugegeben. Er wurde bestialisch auf dem Hagenmarkt in den Tod geschickt. Erst wurde ihm der Schwurfinger abgehauen, dann entmannte man ihn mit glühenden Zangen. Schließlich schnitt man ihm den Bauch auf und riss ihm das Herz heraus. Der Körper wurde anschließend enthauptet und dann gevierteilt. Dass der Pastor von der Katharinenkirche der Hinrichtung einen Gottesdienst vorausgeschickt hatte, machte das Ereignis auch nicht erfreulicher.

Jeder in der warmen, verqualmten Schankstube kannte die Geschichte.

„Mein Bruder Johann war dabei“, setzte Heinrich Schlachmann an, „als der tolle Halberstädter, Herzog Christian, 1621/22 durch die hessischen und westfälischen Lande zog. Mehr raubend und plündernd als Krieg führend bis auf kleine Gemetzel. Johanns junge Frau, die im Tross als Marketenderin mitzog …“

„Als Marketenderin, so, so“, schnalzte der Kämmerer süffisant.

„Wenn du nicht endlich dein Schandmaul hältst, geht es dir wie Albrecht von Vechelde“, giftete ihn der Wallmeister an.

Das war lange her, aber auch diese Geschichte kannte jeder und dennoch wurde sie immer wieder gern erzählt. Von Vechelde wurde am Tag nach dem Andreasabend mit einem Weißbierkrug von einem gewissen Henning Hoppner erschlagen. Am Andreasabend, dem 30. November, fanden immer die Wahlen der neuen Bürgerhauptleute statt, die nun wiederum Einfluss auf die Zusammensetzung des Rates hatten. Da wollte wohl einer das Wahlergebnis auf seine Weise beeinflussen.

„Also der Tross wurde angegriffen: von Bauern. Sie waren die Einquartierungen, auf die Plünderungen und nicht selten Feuersbrünste und Vergewaltigungen folgten, leid und fingen an, sich zu wehren. Alle im Tross wurden erschlagen. Alle! Mit Dreschflegel und Sensen und was weiß ich noch. Später bei Stadtlohn, als Tilly den Halberstädter vernichtend schlug, hat Johann sich noch eine Kugel in den Unterschenkel eingefangen. Seitdem hinkt er. Unseres Herzogs Bruder, der tolle Halberstädter, wollte sich damals mit den Niederländern verbünden. Na, daraus wurde nichts – so viel zum Krieg, den wir alle nicht miterlebt haben. So sollte es auch bleiben.“ Aus der Stammtischrunde kam zustimmendes Gemurmel.

„Warum hat sich Johann damals eigentlich anwerben lassen?“, wollte Andreas Duncker wissen. „Er war doch Büchsenschmied wie du.“

„Du kennst die immer wiederkehrende Geschichte, Andreas.“

„Ihr kennt sie alle“, mischte sich Camann ein. „Der Ältere übernimmt das Geschäft und der Jüngere will nicht als Geselle unter ihm arbeiten. Also geht er in die Fremde.“

„Aber gleich in den Krieg?“, meinte der Wallmeister.

„Jedenfalls haben die Feldzüge des Herzogs Christian, auch Bischof und Administrator von Halberstadt, unseres Herzogs Bruder, der tolle Halberstädter genannt … “

„Caaamannn!!!“

„Jedenfalls haben seine Feldzüge seinerzeit den Niedersächsischen Kreis mit in den Krieg hineingezogen. Der Kreis musste schließlich zu einem erheblichen Teil für Waffen und Ausrüstung sorgen. Und genau das kann uns wieder passieren!“

Alle sahen Camann aus erstaunten Gesichtern an. Der setzte seine Justiziarmiene auf und fuhr auf die ihm eigene joviale Art fort.

„König Gustav II., Adolf von Schweden hat offenbar Lust, die Kriegswirren noch zu vergrößern. Er ist ja nicht aus Spaß bei Peenemünde vor der Pommerschen Küste mit dreizehntausend Mann gelandet. Der hat seine eigenen Interessen.“

Heinrich konnte nicht mehr an sich halten, sonst wäre er geplatzt. „Es kann mir keiner erzählen, dass es um den rechten Glauben geht, bestenfalls vordergründig. Dem Habsburger geht es um die Macht und um weiter nichts. Katholisch hin oder her. Er soll nur aufpassen, dass sein eigener Generalissimo Wallenstein ihn nicht unterbuttert. Man hört ja so einiges von den Fernhändlern. Gustaf Adolf ist auch nicht anders einzuschätzen, evangelisch hin oder her. Zu leiden haben immer die Bauern, Soldaten, Frauen und Kinder. Nein, wir alle!“

Heinrich war ein ruhiger, besonnener Mann. Wenn er etwas sagte, hatte es Hand und Fuß. Das wussten alle. Sein Äußeres verstärkte möglicherweise den Respekt, den man ihm entgegenbrachte: seine stämmige, etwas gedrungene Figur etwa. Wenn seine Glatze, die er vorzuweisen hatte, einen Hauch von Haarkranz bekam, ließ er ihn sofort von Sarah abrasieren. Manchmal übernahm das auch Michael. Das wusste natürlich keiner.

Der Ratsherr und Kämmerer Stender stolperte die Treppe vom „Haus zur Hanse“ herunter und stürzte fast, hätte ihn Camann nicht am Arm gepackt. „Was hast du eigentlich für Geschäfte, Ratsherr? Du bist doch unser Kämmerer. Geschäfte stehen da doch nicht an, oder?“ Stender riss sich los und meinte, deutlich nüchterner wirkend: „Ach was, war nur so ein Gerede. Habe wohl zu viel getrunken. Nichts für ungut, die Herren. Bis zum nächsten Stammtisch!“

Leicht torkelnd entfernte sich der Kämmerer. Heinrich sah Camann an, sagte aber nichts. Man würde später bei einem privaten Besuch darüber sprechen.

4

Sarah schlug inzwischen das Buch zu. Sie kannte den Inhalt schon auswendig. Da waren die Informationen über die Führung eines Handelshauses, seine Struktur, Angaben über die Bearbeitung der Einnahmen und Ausgaben und vieles mehr. Dann kamen einige wichtige Texte zur Geschichte der Familie Don Miguel Francisco y Dominguez: etwa wie der Großvater für seine Verdienste um die spanische Krone die Hazienda und das Stadthaus bekommen hatte und in den Adelsstand erhoben wurde. Geschrieben stand auch, dass die Hazienda vererblich auf Ewigkeit der Familie Dominguez gehöre. An dieser Stelle hatte Sarah geflucht und keine Lust mehr, in dem Handelsbuch weiterzulesen.

„Paah, die Ewigkeit hat nicht lange gedauert“, stieß sie hervor. Sie beruhigte sich augenblicklich wieder und gestand sich ein, dass sie bisher keinen Grund zur Klage hatte.

Wie anders ist doch alles, wenn man jemanden liebt! Und es ist schön, geliebt zu werden, schmunzelte sie vor sich hin. Klar, ich denke schon manchmal an die unbeschwerte Kindheit, an die Sonne in Spanien und vor allem an die Pferde. Aber habe ich nicht eine prächtige Familie? Hinrich ist ein bisschen wild. Immer unterwegs und zu allerlei Unfug aufgelegt. Das legt sich bestimmt noch. Er wird mal ein guter Büchsenschmied und wird das Geschäft eines Tages übernehmen. Ein Tüftler wie Heinrich ist er allerdings nicht. Wieso der wohl schon seit Jahren an der Weiterentwicklung eines Verschlusses oder so ähnlich herumbastelt?, unterbrach sie sich selbst. Gut, wenn es ihm Spaß macht! Besonders die Jagdbüchsen haben es ihm angetan. Michael scheint sich bei Kaufmann Hermann Schrader auch wohlzufühlen. Er ist eher ein Denker. Na, und Anna schmeißt die Wirtschaft hier zu Hause mit mir, dass es eine wahre Freude ist. In letzter Zeit ist sie allerdings etwas durch den Wind.

In Sarahs Gesicht zauberte sich unversehens ein glückliches Lächeln.

Eine Schönheit mit ihrer schlanken Gestalt, den schwarzen Haaren, dazu die dunkelbraunen Augen, der bronzene Teint. Im Aussehen kommt sie wohl nach mir. Sarah errötete leicht. Im Wesen aber ist sie eher ruhig und kommt nach Heinrich. Eben eine natürlich wirkende junge Frau. Sie ist verliebt und denkt, ich merke das nicht. Heini hat jedenfalls noch nichts gemerkt. Männer!

Sarahs Gedanken schwenkten plötzlich wieder zurück zum Buch.

Das Geheimnis haben wir alle nicht herausbekommen. Als ob irgendetwas fehlt, kam es ihr in den Sinn. Sogar die schweren Holzdeckel haben wir an den Seiten aufgesägt, aber es war kein Hohlraum da. Es klang auch nicht hohl, wenn man in der Mitte auf den Deckel klopfte. Es muss wohl doch im Text verborgen liegen. Sei es drum! Wieso denke ich gerade heute so intensiv über alles nach?, sinnierte Sarah weiter. Es geht uns allen gut. Wir sind eine angesehene Familie. Heinrich gehört als Gildemeister zu den führenden Bürgern der Stadt, obwohl ihm das ziemlich egal ist. Auch dafür liebe ich ihn. Viele Frauen holen sich bei mir Rat, weil ich gelernt habe, mit Kräutern umzugehen. Manchmal kann ich bei Krankheiten helfen, dann ist die Freude groß. Sogar ein Pferd habe ich bei Freunden auf dem Land stehen. Na, und unser Haus hier am Meinhardshof kann sich sehen lassen. Die große Durchfahrt auf den Hof, die Fenster zur Gasse, nicht etwa mit Leinen oder Fischblasen ausgestaltet, sondern bleiverglast. Und …

Sarah unterbrach ihre Gedanken.

Die Zeitung AVISO, die wir seit Neuestem bekommen, hat von Krieg geschrieben. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich in der Vergangenheit grabe. Der ist aber hoffentlich weit weg.

Michael rauschte plötzlich in die geräumige Küche. „Du bist der reinste Wirbelwind“, mein Sohn. „Komm, hock dich hin. Es ist noch Suppe im Kessel.“

„Ich sehe und rieche es. Dieser Duft! Du benutzt unseren alten Kamin mit dem eisernen Suppenkessel.“

„Darin wird sie am besten.“

„Warum bist du überhaupt noch auf, Mutter?“

„Ach, mir war eben danach. Mir geht so manches durch den Kopf. Wo ist eigentlich Hinrich?“

„In der Stadt natürlich. Der vergnügt sich ein bisschen.“

„Vergnügt sich. Ich kann mir schon denken, wo der sich herumtreibt.“

„Er ist alt genug, Mutter.“

Beide schwiegen eine Weile, während Michael die Suppe löffelte und daran dachte, dass seine Mutter recht hatte. Hinrich ist tatsächlich im Bruch. Er wird es wohl mit einer Hübschlerin treiben.

Früher war die von Okerarmen umschlossene Gegend eine ziemlich sumpfige Angelegenheit. Inzwischen wurde das Gelände trocken gelegt, aber die berüchtigten Winkelkneipen gab es immer noch.

Er selbst war auch mal dort, aber irgendwie hatte er keinen wirklichen Spaß an dem Trubel dort finden können. Die Mädchen waren auch nicht nach seinem Geschmack, obwohl er gut ankam. Hinrich behauptete zwar immer, er sei dürr wie eine Bohnenstange, aber er selbst fand sich schlank für seine eins fünfundsechzig bestenfalls drahtig. Jedenfalls fanden die Mädchen seine langen blonden Haare und besonders seine wasserblauen Augen umwerfend.

Im Gegensatz zu Hinrich habe ich noch nie mit einer Frau … Hinrich ist da anders … „Ich gehe zu Bett, Mutter. Morgen wollen Onkel Alfonso und ich mit den Waffen trainieren.“

„Am Sonntag?“

„Wir gehen wie immer vor die Stadt, in die Buchhorst. Du solltest dich auch hinlegen. Vater kommt bestimmt auch bald. Ich bin nur vorweggelaufen.“

„Warum so besorgt, Sohn?“

„Weil ich dich gern hab.“

Michael drückte seiner Mutter Sarah einen Kuss auf die Wange und sprang die Stiege hoch zu seiner Kammer.

Ich muss mit den Eltern reden, dachte Michael und schlief bald den unbekümmerten Schlaf der Jugend.

*

Der Graf war heute sicher zur Jagd. Heute früh konnte man Schüsse aus Richtung des Elmwaldes hören. Ob das ein Vergnügen ist bei dem Wetter?, dachte Heinrich und stapfte durch den immer noch andauernden Regen in Richtung Burgplatz.

Er wollte auf direktem Weg nach Hause. Nur dem Löwen würde er noch seine Referenz erweisen. Der stand auf seinem steinernen Sockel, wie ihn Heinrich der Löwe im Jahre 1166 hatte hinstellen lassen, Sinnbild seiner Tapferkeit und seinen Feinden zur Warnung.

Heinrich betrat sein Grundstück am Meinhardshof durch die mächtige, mit eisernen Nägeln beschlagene zweiflüglige eichene Tür zur Diele.

„Du bist ja immer noch auf, Sarah!“

„Mir geht vieles durch den Kopf, wie seit Langem nicht mehr. Hoffentlich ist das kein schlechtes Zeichen.“

„Übrigens, warum benutzt du eigentlich den Kamin? Wir haben doch schon lange gefangenes Feuer. Durch den Anbau hast du einen Herd mit Blick auf den Hof, mein Schatz“, versuchte er ein bisschen abzulenken. „Geh am besten zu Bett. Ich komme auch gleich.“

„Gibt es Krieg, Heinrich?“

Sarah schaute ihn mit ihren tief dunkelbraunen Augen an. Es waren wissende Augen. In Zeiten der Gefahr wurden sie stechend. Heinrich wusste das. Er musste dann unwillkürlich wie gebannt hineinschauen. In diesen Augenblicken hatte Sarah etwas Mystisches.

„Wir werden Braunschweig da möglicherweise heraushalten können, Sarah.“

Heinrich war klar, dass er ihr jetzt keine Ammenmärchen erzählen konnte und sollte. Seine Frau hatte nicht nur eine Höhere-Töchter-Ausbildung und -Erziehung im spanischen Elternhaus genossen, sondern sie war inzwischen auch eine gebildete Frau, die vielerlei wusste.

„Wir reden morgen darüber, einverstanden?“

Sarah ging nach einem kurzen Nicken die Stiege hoch in ihr gemeinsames Schlafzimmer. Heinrich sah ihr mit zärtlichen Gefühlen hinterher. Sie war eine Schönheit mit ihrer bronzefarbenen Haut und den pechschwarzen Haaren.

Heinrich hatte damals bei ihrem Bruder Alfonso symbolisch um ihre Hand angehalten. Bei ihrem Vater konnte er es ja nicht mehr tun. Sarah war damals traurig und glücklich zugleich.

Der Brief Don Miguels und das Handelsbuch lagen noch auf dem Tisch. Heinrich las nach langer Zeit wieder die letzten Zeilen von Don Miguel y Dominguez an seine Kinder Sarah und Alfonso.

Nachdem Heinrich fertig war, verstaute er das Handelsbuch und den letzten Brief Don Miguels wieder in der Truhe auf der Diele. Dort gehörten sie hin. Wenn Don Miguel wüsste, dass er drei Enkel hat …, dachte er noch, während er die Stiege zur Schlafkammer hinauf ging.

5

Die Glocken von St. Andreas waren an diesem Sonntagmorgen klar zu hören. Zum Gottesdienst würden sie heute nicht gehen. Oft gingen sie ohnehin nicht, aber das nahm ihnen keiner wirklich übel. Heinrich streichelte Sarah sanft über ihre schwarzen Haare. Das war ihr stummes Ritual. Wenn Sarah sich daraufhin zu Heinrich umdrehte, würden sie sich gegenseitig streicheln, bis sie es nicht mehr aushalten konnten. Ihr gegenseitiges Verlangen war über all die Jahre geblieben. Sie spürten es vielleicht nicht mehr so häufig, aber wenn, dann war es immer schön. Sarah drehte sich nicht um.

Heinrich stand ohne Groll auf. Soll sie ruhig noch ein bisschen dösen. Ist ja Sonntag.

Michael und sein Vater saßen schon an dem großen eichenen Küchentisch, als Hinrich und Onkel Johann fast zeitgleich die Stiege herunterkamen. Nesthäkchen Anna und die Magd Erna machten sich am Herd zu schaffen. Der lange Tisch wirkte sonntags ziemlich leer. In der Woche dagegen aßen alle zusammen, die ganze Hausgemeinschaft. So war es Brauch. Vor allem Sarah war das wichtig. Anna machte sich daran, noch vor dem sonntäglichen Familienfrühstück Karl, dem Altgesellen, und Otto, dem zweiten Gesellen, ihr Essen zu bringen. Magd Erna machte sich ebenfalls auf den Weg und nahm für sich, ihren Mann Alwin und den Lehrling Fritz das Frühstück mit.

„Wie gut es uns doch geht!“, kam Sarah lächelnd die Stiege herunter.

So richtig wusste vermutlich keiner, wie sie das meinte, aber jeder nickte und murmelte irgendetwas. Nur Heinrich wurde nachdenklich.

Später saßen beide im Hof auf der Holzbank unter der mächtig ausladenden Eiche. Die war zwar andauernd im Weg, aber keiner brachte es übers Herz, sie zu fällen.

„Wie lange steht der Baum schon, Heini?“

Wenn Sarah ihren Mann gerade besonders lieb hatte, nannte sie ihn Heini.

„Mein Großvater hat ihn vor langer Zeit, vielleicht vor fünfzig oder sechzig Jahren, gepflanzt. Ich bin als Kind schon darauf herumgeklettert.“

„Was der Baum schon alles erlebt hat, allein seitdem wir uns kennen … die Nachricht von Vaters Tod …“ Sarah schwieg eine Weile. „Weißt du noch, dass wir uns unter der Eiche zum ersten Mal geküsst haben?“

„Wie könnte ich das vergessen? Die Kinder haben in ihrem Schatten gespielt“, fuhr jetzt Heinrich fort. „Auch die Zeitläufe sind über sie hinweggegangen. Katholische, Evangelische und vorerst wieder Katholische. Was quält dich nur so, mein Schatz? Der Krieg wird, glaube ich jedenfalls, an Braunschweig vorüberziehen. Camann sagt …“

„Vielleicht ist es ja nicht der Krieg. Ich habe das Gefühl, alles verändert sich und nicht unbedingt zum Guten. Ich habe so gewisse Ahnungen, Mutter hatte auch oft Ahnungen. Erklären kann ich das nicht. Alles verändert sich. Es gibt auch Zeichen dafür.“

„Was für Zeichen?“

„Zum Beispiel, dass unsere Tochter Anna verliebt ist.“

„Verliebt?“ Heinrich war ehrlich erschrocken. „In wen?“

„Das ist eine positive Veränderung. Leider gibt es mehr weniger gute.“

„In wen ist sie verliebt, um Himmels willen?“

„In Karl, du Träumerli. Hast du das immer noch nicht gemerkt? Aber lass uns später darüber reden.“

„Aha, deswegen schaut Otto so grimmig durch die Gegend“, bemerkte Heinrich. „Der hatte sich wohl auch Hoffnungen gemacht!“

„Später, Heinrich, später.“

„Na, und unser Hinrich ‚tobt sich aus‘, wie Michael sagt. Gut, er ist jung. Ich finde aber, dass er sich ein bisschen zu viel austobt.“

„Dann werde ich dem einen Riegel vorschieben“, polterte Heinrich, nicht gerade glaubwürdig.

„Ach, Heini, da steckt mehr dahinter. Er wird die Büchsenschmiede übernehmen müssen. Ein guter Büchsenmacher ist er schon jetzt, stimmt`s?“

„Ja, schon. Die Tüftelei an neuen Dingen ist zwar nicht seine Sache – aber sonst …“

„Weißt du auch, ob er das wirklich will? Vielleicht will er ja was ganz anderes. Trotzdem: Er ist unser Sohn und wird seine Pflicht tun. Geradlinig wie ein Braunschweiger eben“, spöttelte Sarah ein wenig und stieß Heinrich sanft in die Seite.

„Hmmh.“

„Da ist noch mehr. Michael. Er hat nichts gesagt, aber ich spüre es. Es geht was in ihm vor.“

„Ich dachte immer, dass er sich bei Kaufmann Hermann Schrader wohlfühlt. Eine tüchtige Familie. Hermann ist auch im Rat, wie du weißt.“

„Ich glaube, dass er mehr will. Viel mehr!“

„Du und deine Ahnungen …“

„Hast ja recht, Heinrich. Sieh, wie schön wir es hier haben im Meinhardshof.“

Sarah dachte über ihr Heim nach. Sie ging in Gedanken durch die Diele. Dann hatte sie die große Küche zum Hof hin vor Augen, dachte an das Federvieh, das von Magd Erna versorgt wurde, an die Schlafkammern im Anbau für die Gesellen und das Gesinde gleich über der Werkstatt. Ihr besonderer Stolz aber waren die bleiverglasten Fenster im Erdgeschoss.

„Weißt du noch, wie die Leute sich das Maul zerrissen haben wegen meiner kupfernen Badewanne?“

„Na, na, redet so eine Dame aus gutem Hause?“

„Ach was! Mit dem Pferd war es genauso. ‚Hat die Dame doch ein Reitpferd auf dem Lande stehen! Ein Reitpferd! Man stelle sich das einmal vor!‘“

Heinrich musste jetzt herzhaft lachen. Bei einem befreundeten Bauern hatten sie ein Pferd in Pflege. Dafür erledigte Heinrich manchmal ein paar Schmiedearbeiten für ihn – natürlich kostenlos.

„Allerdings, mit der Hochzeitstruhe hast du alle Damen zum Verstummen gebracht.“

„Das stimmt“, lachte jetzt auch Sarah.

Es war eine rote Truhe. Die Farbe war eigentlich für ihren Stand nicht erlaubt. Niemand traute sich allerdings, wohl aufgrund des Ansehens der Familie Heinrich Schlachmann, die Angelegenheit öffentlich zu verfolgen.

„Und der Inhalt erst“, prustete Sarah los. „Ich glaube, da ist so manche Dame vor Neid erblasst.“

„Na also, mein Schatz. Du kannst wieder lachen.“

„Du bist ein Schuft! Übrigens, Heinrich, wir wollen nächstes Wochenende schlachten. Es ist wieder so weit. Das heißt, dein geliebter Stammtisch fällt für dich aus.“

„Wieso?“

„Es ist der erste Samstag im Monat Februar.“

„Na ja, macht nichts. Ich wollte ohnehin erst mit Camann reden.“

„Mit Camann? Worüber denn?“

„Ach, so dieses und jenes. Männergespräche eben.“

Niemand konnte es wissen, aber das Schicksal hatte begonnen, einen unheilvollen Sud zu brauen.

6

Es ging zwar ständig bergauf, aber er merkte es kaum. Zu sehr war er in Gedanken versunken. Michael ging oft auf den Nußberg, wenn er über etwas Wichtiges nachdenken musste. Hier oben hatte man einen guten Blick über die Stadt. Es war allerdings ziemlich dunstig. Er wusste aber auch so, dass der Dom an klaren Tagen gut zu sehen war. Heinrich der Löwe hatte ihn seinerzeit mit rotschimmernden Rogensteinen bauen lassen. Wegen der in ihm enthaltenen ganz kleinen Kugelformen, die Fischrogen ähnelten, wurde er so genannt. Abgebaut wurde er direkt vor der Haustür – im Nußberg. Auch die anderen Kirchen waren normalerweise weithin sichtbar. Seine Augen suchten an klaren Tagen immer zuerst St. Andreas, nah am Meinhardshof, seinem Zuhause, gelegen. Auf dem Südturm der Kirche zog jeden Abend die Feuerwache auf.

Ich muss mich endgültig entscheiden: Hierbleiben und ein relativ sicheres Leben führen, die Tochter des Wallmeisters, Lena, heiraten und … Wie komme ich darauf, Lena heiraten zu wollen? Ich kenne sie ja kaum. Hübsch ist sie ja – mit ihren siebzehn Lenzen, aber …

Eine Weile war Leere in seinem Kopf. Dann kam dieser immer wiederkehrende Gedanke: Ich muss hinaus.

Ein paar Tage nach den Schießübungen in der Buchhorst hatte er sich seinen Eltern anvertraut. „Natürlich hätten dein Vater und ich dich gerne hier in Braunschweig gewusst. Wir lieben dich sehr“, hatte seine Mutter etwas traurig gesagt, „aber du musst eben tun, was du tun musst.“

Das hatte beinahe nüchtern geklungen und doch fing Michael an zu ahnen, was in seiner Mutter vorging. Vater hatte nur gesagt, dass er auf sich aufpassen solle und Alex, den Hengst, nehmen solle und außerdem eine Lederjacke brauche. So was halte ewig.

Typisch Braunschweiger, dachte Michael im ersten Moment. Etwas schroff vorgetragen, aber pragmatische, brauchbare Vorschläge.

Heute verstand er, dass es auch in seinem Vater gärte. Sein Vater hatte sich niemals weit von Braunschweig entfernt, nur wenn es sich gar nicht vermeiden ließ: etwa für eine Fuhre Erz aus dem Harz, um ausreichend Musketen und anderes herstellen zu können. Michael hatte noch halbherzig angeführt, dass sein Schulkamerad Jürgen Kalm schon mit vierzehn Jahren nach Hamburg in die Lehre geschickt worden war. Inzwischen sei er bei seinem Onkel Achtermann in Braunschweig beschäftigt, aber gerade auf eine Reise nach Dänemark geschickt worden. Sie hatten sich nur kurz gesehen.

Vater und Mutter wollen es mir einfach leichtmachen. Noch war es ja auch nicht so weit. Vielleicht im Frühsommer, nach dem Schützenfest. Das wäre ein prima Zeitpunkt. Dann hätte ich auch noch etwas Zeit mit Lena. Ich kann mir über meine Gefühle gegenüber Lena nicht richtig klarwerden, dachte Michael weiter. Wie auch? Es sind erst ganz zarte Bande. Sind es überhaupt irgendwelche Bande? Bruder Hinrich wäre da sicher forscher, musste er lächelnd zugeben.

Er merkte etwas unbestimmt, dass es ihm in diesem Punkt schwerfallen würde zu gehen.

Ich muss trotzdem fort. Ich habe Pläne und dazu gehört auch, nach Nürnberg zu den Fuggern zu gehen und zu lernen. Ich bin nicht in eine Kaufmannsfamilie hineingeboren worden. Aber warum sollte ich es nicht schaffen? Fernhandel treiben und …

„Hallo Michael, bist du schon lange da?“ Alfonso stapfte durch den Schnee auf Michel zu.

„Komm, Don Alfonso, lass uns zu den Fischteichen des Klosters gehen. Es ist diesig und man sieht ohnehin kaum was.“

Die Zisterzienser haben die Teiche und das Kloster vor langer Zeit gebaut. Mit all diesen Dingen bin ich vertraut. Es ist eben meine Heimat, schüttelte er den Gedanken ab.

Sie gingen beide, ohne es verabredet zu haben, in Richtung Waldschenke in der Buchhorst.

Alfonso war es schließlich, der anfing zu sprechen. Beide hatten einen Humpen Mumme vor sich. „Damals, weißt du. Das war so …“

Seltsam, dachte Michel. So gestelzt redet Don Alfonso doch sonst nicht, außerdem habe ich meine eigenen Sorgen – diese alte Geschichte …

Dann floss es aus ihm nur so heraus. Mehr als zwanzig Jahre lang hatte er alles in sich hineingefressen. Anfangs, um seiner Schwester das Leben nicht schwerzumachen und später seines Sohnes Antonio wegen. Er erzählte von Spanien, der Hazienda, den Pferden und dem Leben auf dem Gut und von Don Miguel, der ein echter spanischer Grande gewesen war.

„Dein Großvater war ein stolzer Mann und deine Großmutter Donna Inez eine ebenso stolze Frau.“ Tränen wollten sich ihren Weg bahnen.

„Dann mussten wir weg. Die Inquisition, aber da war noch mehr. Vater hatte mit der Silberflotte zu tun und irgendwie auch mit dem Königshaus. Das Buch des Handelshauses sollte uns Geschwistern Aufschluss geben. Aber wir konnten das Geheimnis nicht lüften.“

Königshaus, schoss es Michael durch den Kopf. Was hat das zu bedeuten?

„Letztendlich hatten wir es, auch ohne das Geheimnis zu lüften, in Braunschweig gut getroffen. Die ersten Jahre waren schwer, besonders für Sarah …

Noch nie habe ich meinem Herzen so freien Lauf gelassen. Ich wollte niemanden damit belasten. Behalte bitte auch du es für dich. Ich wäre gerne der Nachfolger von Don Miguel geworden.“

Noch nie hatte sich Michael Gedanken um seinen Onkel gemacht. Er hätte damals auch weiterziehen können, nach Hamburg, Amsterdam oder sonst wohin. Aber aus Liebe zu seiner Schwester war er geblieben. Dann aus Liebe zu seinem Sohn, der hier in Braunschweig sicher und behütet aufwachsen sollte. Ob Mutter davon wusste oder es ahnte? Sicher nicht. Alfonso hatte nie Anlass dazu gegeben. Und jetzt offenbart er sich mir, seinem Neffen. Der praktisch dabei ist, von hier fortzugehen – wer weiß, wie lange! Warum nur? Und ich zermartere mir das Hirn, ob es richtig ist zu gehen oder nicht.

„Ich werde alles in meinem Herzen verschließen, Don Alfonso, solange du es willst.“

Alfonso nahm einen großen Schluck und bestellte zwei weitere Humpen Mumme.

„Du willst fortgehen, Michael, freiwillig. Das ist in Ordnung. Du weißt allerdings nicht, was du an der Heimat, an deiner Familie hast. Das wirst du erst später im Leben erfahren. Ich will es dir keineswegs ausreden. Nur, dass du es dir gründlich, wirklich gründlich überlegst.“

„Das werde ich, äh, das habe ich, meine ich. Ich glaube, die Mumme wirkt langsam, Onkel.“

„Das macht nichts, Neffe. Prost.“

„Also, Don Alfonso, die Sache ist eigentlich ganz einfach. Ich habe eine durchaus gute Ausbildung hinter mir. Du hast ja das Deine dazu getan. Nur für den Fernhandel reicht es nicht, nicht für den wirklich großen Handel. Dafür muss ich mehr wissen. Wie geht das mit den Finanzgeschäften, so wie man es von den Fuggern hört? Wie schaffen die es, Waren in ganz Europa zu handeln? Allein das Transportwesen: Sie haben überall Niederlassungen, genau wie die Hanse überall Kontore hat. Sie besitzen Bergwerke, Banken und einen eigenen Botendienst.“

Michaels Augen leuchteten wasserblau, während er sprach. Alfonso spürte seine Begeisterung.

„Ich will es und ich werde es schaffen!“

Seine Augen werden wieder stahlblau, bemerkte Alfonso.

„Du wirst es schaffen. Übrigens, ich sagte es schon letztens bei unseren Schießübungen: Die Fugger transportieren auch Informationen. Die Auftraggeber wissen, dass sie geheim bleiben und sicher transportiert werden. Weißt du, aber auch die Fugger selbst unterhalten durch ihre Boten ein riesiges Nachrichtensystem. Für Kaufleute so großer und verzweigter Geschäfte ist es wichtig, schneller als andere über Ereignisse Bescheid zu wissen – Ereignisse, die vielleicht eine Ware knapp machen. Dann heißt es: rechtzeitig einkaufen.“

„Und teuer verkaufen, wenn sie wirklich knapp ist“, unterbrach Michael.

„Du scheinst auch auf diesem Gebiet ein Naturtalent zu sein.“

„Allerdings ein Talent ohne Geld. Denn immerhin will ich mich irgendwann selbstständig machen.“

„Wie, um alles in der Welt, willst du das denn finanzieren?“

„Na, da fällt mir ein Onkel ein, der es, glaube ich, gut mit mir meint.“

„Welche Sicherheiten bietest du?“, lachte Alfonso.

„Oh, dann bitte ich Onkel Johann. Der vertraut mir auch ohne Sicherheiten.“

Beide lachten und tranken. „Behalt das mit der Selbstständigkeit noch für dich, Don Alfonso. Lass uns gehen.“

Als Michael im Meinhardshof ankam, senkte sich bereits die Nacht über die Stadt Heinrichs des Löwen. Sie hatten es gerade noch durch das Fallersleber Tor geschafft. Vom Bett aus hörte er das Wächterlied:

Leven heren, latet juw sagen:

De klock heft … geslagen.

Bewart juwe füer unde licht,

dat nemande schade geschicht!

Man kann sich wohlfühlen im Meinhardshof, dachte Michael noch und schlief ein.

7

Die Fuhrleute trieben ihren Pferdewagen mächtig voran, obwohl die Gassen schmal waren. Sie waren durch das Wendentor im Norden gekommen und rumpelten nun auf den mit behauenen Steinen gepflasterten Straßen durch die Stadt. Es stank bestialisch mancherorts, schütteten doch die Anwohner ihre Fäkalien oder Abwässer oft auf die Straße. So mancher Nachttopf wurde von den Hausfrauen einfach aus dem Fenster entleert. Die Fachwerkfassaden der Häuser in Braunschweig erhoben sich bis zu drei Stockwerke. Da die Erker in die Gassen hineinragten, verdeckten sie zuweilen die Sonne.

Sie wollten möglichst schnell in die Schenke. Das war ihnen zwar nicht erlaubt, aber bisher waren sie zügig vorangekommen. Der Graf sollte ruhig ein bisschen warten. Bis zum Abend würden sie ihr Ziel, das Rittergut Lucklum, erreicht haben. Es war Markttag wie eigentlich jeden Tag, aber freitags und auch samstags war besonders viel los, also noch weniger Platz in den Gassen. Überall wimmelte es von Menschen. Frauen liefen mit ihren Einkaufskörben zum Altstadtmarkt. Dazwischen schleppten Handwerker Material. Bettler baten an solchen Tagen aggressiver um Almosen. Gaukler versperrten den Weg, immer war eine Menschentraube um sie herum.

Auch sie wollten zum Markt. Franz, der erste Kutscher, knurrte: „Lass uns gleich da vorne in der Mumme-Schenke einkehren, bevor wir noch stecken bleiben.“

Sie waren schon am Klint angelangt, ziemlich nah am größten Markt der Stadt, dem Altstadtmarkt. Sepp neben ihm auf dem Kutschbock hatte nichts erwidert. Er sprach nie besonders viel.

Der Hof war einigermaßen geräumig, sodass sie gleich wenden konnten. So würden sie später kaum Zeit verlieren.

„Hey, Stallknecht! Gib den Pferden zu saufen und häng ihnen dann den Futtersack um, aber mit ordentlich Hafer drin. Hier, der Kreuzer ist für dich“, rief Franz etwas großspurig und schnipste dem Stallknecht die Münze zu.

Es roch nach Essen, Bier, Urin, Schweiß, doch die Mumme- Schenke hatte einen guten Ruf. Das Bier war unglaublich gut. Rotbier, hier wurde es Mumme genannt, aber auch Weißbier – und es gab den ganzen Tag Suppe. Der Kessel hing über offenem Feuer im Kamin und wurde immer wieder von einer Magd mit Wasser, aber auch mit Speck und Bohnen gefüllt. Handwerker, andere Kutscher und auch Kaufleute füllten den Raum. Er war vom Kamin und vom Tabakrauch verqualmt.

Sie setzten sich unaufgefordert zu zwei anderen Kutschern an den Tisch. Das war so üblich hier. Man blieb unter seinesgleichen. Franz und Sepp bestellten zwei Humpen Bier, Käse und Brot. Der Käse war hier sogar ohne Maden. Nachdem das Mahl verzehrt war, steckte sich Sepp Kautabak in den Mund und Franz zündete genüsslich seine Pfeife an. Dann kam das übliche Woher- und Wohin-Geplänkel mit den Tischnachbarn, die sich aber bald verzogen, sodass die beiden allein zurückblieben.

„Lass uns aufbrechen“, murmelte Sepp.

„Ach was, einen Humpen nehmen wir noch. Die Zeit reicht und die Mumme schmeckt, stimmt`s?“

Franz war in guter Stimmung. Der Graf bezahlte seine Kutscher im Gegensatz zu anderen gut. Will wohl sicherstellen, dass wir nicht abhauen und vor allem die Klappe halten, dachte er.

Auch Sepp stieg die Mumme jetzt langsam zu Kopf und er fing an zu reden: „Wir bringen jeden Monat eine Ladung Musketen an die Elbe in die Nähe von Magdeburg, Franz. Manchmal kommt ein zweiter Wagen leer mit und unterwegs nehmen wir Fässer aus der Pulvermühle in Schöningen auf. Da stimmt doch was nicht.“

„Das geht uns nichts an. Der Graf zahlt gut. Denk an die Mäuler, die du zu stopfen hast. Außerdem kann der Graf handeln, mit wem er will und was er will. Was soll daran nicht richtig sein? Klar, die Büchsenmacher der Stadt würde es mächtig ärgern, würden sicher selbst gerne liefern. Aber was könnten die schon ausrichten?“

Sepp, durch den Alkohol schon etwas lauter: „Aber schweigen sollen wir trotzdem, sonst lässt er uns seine achtschwänzige Katze spüren oder Schlimmeres. Und vor allem, die Musketen gehen doch an die Katholischen, oder? Das ist Hochverrat.“

„Quatsch! Zurzeit sind wir doch alle katholisch. Und jetzt halt`s Maul, sonst hört´s noch einer. Komm, lass uns verschwinden!“, zischte Franz jetzt wütend und stapfte schon zur Tür. Sepp schwankte hinterher.

Hinten im Raum zahlte ein Pfarrer, nicht ohne der Bedienung das Hinterteil zu tätscheln, und verließ ziemlich eilig die Schenke.

Pfarrer Jakob war eine gute Stunde geritten. Schneller konnte er bei seinem Gewicht nicht. In seinem pausbäckigen Gesicht wirkten seine Augen recht klein. Heute strahlten sie. Er konnte dem Grafen etwas berichten, nämlich über das Geschwätz seiner Fuhrleute. Die drei Dörfer, für die er als Pfarrer zuständig war, herzoglicher Besitz, vom Grafen verwaltet, ernährten ihn nur schlecht. Früher, als er die Söhne des Grafen noch unterrichtete, war es besser, aber heute? Da die Dörfer Rautheim, Mascherode und Melverode nahe der Stadt lagen, sollte er hin und wieder in den Schenken der Stadt und auf öffentlichen Plätzen für den Grafen die Ohren offen halten. Heute konnte er mit Informationen dienen und hoffte auf eine Belohnung.

*

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als der Graf und sein Sohn Barnward aus dem Schutz des Elmwaldes traten. Klirrende Kälte breitete sich über die Felder vor ihnen aus. Weiter unten konnten sie ihr Gut mit dem kleinen Dorf Lucklum sehen, das sich um die Kirche gruppierte. Grauer Rauch stieg aus den Kaminen. Das imposante Herrenhaus und große Teile des Gutes waren von einer hohen Steinmauer umgeben.

„Ist es nicht ein Prachtstück!“, bemerkte der Graf fast zärtlich, mehr zu sich selbst als zu seinem jüngeren Sohn.

„Ja, Vater“, kam es knapp zurück.

Er wusste, dass er nicht wirklich gemeint war. Wenn es um das Gut, die Hunde oder insbesondere um die Jagd ging, konnte man mit Vater auskommen, dachte Barnward. Einen schlechten Stand habe ich ohnehin nicht bei ihm, sicher, weil ich so manche Leidenschaft mit Vater teile. Bruder Heiner (die Gräfin hatte seinerzeit auf den in ihren Kreisen eher unüblichen Namen bestanden) kann offenbar den Freuden eines Landjunkers nicht so recht etwas abgewinnen. Dabei sind unsere Mägde doch ganz drall und auch sonst gut zu gebrauchen, schmunzelte Barnward in sich hinein.

„Seid ihr auch schon da, ihr nichtsnutzigen Tölpel von Stallknechten?“, brüllte der Graf die beiden Männer an.

Sie kamen mit den dampfenden Pferden am Zügel über den verschneiten Acker, um sie an der verabredeten Stelle dem Grafen und seinem Sohn zu bringen. Sie reagierten kaum, übergaben einfach mit unterwürfiger Haltung die Pferde.

„Ihr wartet hier auf die Treiber und helft ihnen, die Beute auf das Gut zu schaffen. Komm Sohn, lass uns reiten!“

Eine Weile ritten sie ohne ein Wort nebeneinander her: der Graf, ein stattlicher Mann, etwas korpulent mit einem feisten rötlichen Gesicht, sein jüngerer Sohn, ebenfalls stämmig, aber doch schlanker als sein Vater.

„Du hast eine sichere Hand, mein Sohn. Der Hirsch: Blattschuss – alle Achtung!“, kam es etwas stakkatohaft vom Grafen.

Barnward wusste, dass es nur eine Art Einleitung zu einem Vortrag der besonderen Art war.

„Die Jagd sollte der eigentliche Daseinszweck für einen Herrn sein. Wir haben heute Jagdglück gehabt. Was für ein Gefühl! Der Wettergott war uns gnädig, aber wir jagen bei jedem Wetter, was, mein Sohn? Kälte, Hitze, Regen: Was schert es uns? Das Messen der Kräfte des Jägers mit dem Tier: Das ist es. Erst spürst du das Wild auf, dann stellst du es. Und dann? Dann erlegst du es. Das ist Jagdglück, ein Bauer kann das nicht verstehen. Der betet um gutes Wetter und spricht von Glück, wenn er etwas erntet. Das Jagen aber ist eine tapfere und ritterliche Übung, deswegen auch dem Adel vorbehalten.“

„Wir sind gleich da, Vater. Veranstalten wir wieder ein Schüsseltreiben heute, oder …“

„Aber sicher. Ruf sie alle zusammen, auch die Büchsenmacher! Die zwei Halunken von Kutschern müssten auch heute eintreffen. Die Wachen sollen heute auch mal alle Fünfe gerade sein lassen. Wir wollen uns nicht lumpen lassen, was? Und dass mir mein jüngster Sohn dabei ist und die Gräfin.

Mein Mann hat sich in den letzten Jahren verändert, sehr verändert, dachte die Gräfin. Er bekam einfach nicht die Anerkennung beim Herzog und im gehobenen Adel, die er glaubte, bekommen zu müssen. Dann die ständigen Geldsorgen, die er trotz unserer Heirat in den ersten Jahren auf sich nehmen musste. Auch bei uns stand eben nicht alles zum Besten. Nach dem Tod des alten Grafen und seiner Mutter gab der Herzog vier von sieben überlassenen Dörfern an die Stadt Braunschweig zurück. Der Herzog hatte seine Gründe, hieß es lapidar. Als Gegenleistung bekam der Graf eine leidliche finanzielle Entschädigung und es brachte ihm immerhin die Zuständigkeit für den Niedersächsischen Kreis ein. Das hat was mit der Organisation von Ausrüstung und Waffen in Friedens- und erst recht in Kriegszeiten zu tun, wie er sagt. Manchmal vertritt er auch den Kreis bei Versammlungen als Abgesandter. Das alles kann aber nicht viel abwerfen, dachte die Gräfin weiter. Auf alle Fälle hat er das Gut in den letzten Jahren deutlich vorangebracht, denn von Geldknappheit ist keine Rede mehr. Ich verstehe nichts davon. Meine Aufgabe war und ist es, das Haus zu organisieren und mich, in den ersten Jahren natürlich besonders, um die Kinder zu kümmern. Wenn nur nicht die Wutausbrüche des Grafen wären, die er immer häufiger hat! Er wird immer jähzorniger. Wenn er jemals erfährt, dass …

„Gräfin, tummle dich. Wir feiern ein Fest. Schüsseltreiben ist Brauch nach einer erfolgreichen Jagd. Sieh zu, dass genügend Wein und Mumme da sind und mach nicht so ein Gesicht! Lass mir die Hirschleber braten, in zwei Stunden in der Halle vor dem großen Kamin.“ Und raus war der Graf. Sie hatte ihn nicht einmal hereinkommen hören.

„Wo kommst du jetzt erst her, Barnward? Habe ich dir nicht aufgetragen, deinen Bruder herzuschaffen?“

Die Hand des Grafen zuckte unwillkürlich zu seiner Peitsche. Eine achtschwänzige Katze. Aber an seinen Söhnen hatte er sich noch nie vergriffen. Die Gräfin will der eine oder andere aber schon mal schreien gehört haben.

„Lass gut sein, Vater“, sagte Heiner, der gerade dazukam. „Ich bin ja da.“

„Bringt ihm Wein und Fleisch. Setz dich zu uns an den Kamin! Das Feuer tut gut.“

Alle waren schon in ziemlicher Stimmung. Wein und Bier waren wohl schon reichlich geflossen.

Warum er wohl immer wieder diese Feste mit dem Gesinde und all den anderen macht?, dachte Heiner. Hinterher hat Mutter es wieder auszubaden. Warum sie nur immer so ruhig ist, seine Ausbrüche und wer weiß was noch alles erträgt? In letzter Zeit kränkelt sie wieder. Manchmal ist er unerträglich. Der elende Pfarrer ist natürlich auch hier. Geschlagen hat er uns früher, wenn wir, mein Bruder und ich, mal nicht bei der Sache waren. Er war so eine Art Hauslehrer. Vater beschimpfte ihn dann als elendigen Pfaffen, dem man selbst die Peitsche geben müsse, ließ aber weiter zu, dass er uns drangsalierte.

In der geräumigen Halle waren Stroh und Binsen auf dem Boden ausgelegt und lange eichene Tische und Bänke aufgestellt. Die Mägde brachten Hirschbraten und mehrere Hasen. Wildschweine hatten sie auch erlegt, aber die Stücke waren als Vorrat gedacht. Die zwei Kutscher saßen mit den beiden Büchsenmachern zusammen. Selbst für Kutscher war es ungewöhnlich, zu dieser frühen Zeit schon so betrunken zu sein. Gegenüber saßen die vier Söldner, die Wachen des Gutes, die manchmal auch die Transporte begleiteten. Der Pfarrer stand auf und bewegte sich dickwanstig in Richtung Kamin. Der Graf stand merkwürdigerweise auch gleich auf und ging mit ihm ein paar Schritte zur Seite.

Das Schüsseltreiben nahm seinen Lauf. Na, ihr Halunken von Fuhrknechten! Ich werde euch schon noch das Fell über die Ohren ziehen, dachte der Graf, während er am Platz der Kutscher angetrunken vorbeischwankte. „Das ist etwas anderes als jeden Tag Brei, wie es andere Kutscher täglich fressen müssen, was?“ Die Gräfin beobachtete die Szene.

Die beiden starrten nur noch völlig betrunken vor sich hin. Die beiden Büchsenmacher dachten sich ihren Teil. Der Graf hatte sie aus dem Schuldturm in Magdeburg freigekauft. Nun bauten sie für ihn die Musketen zusammen. Noch drei Jahre hatten sie zu dienen, dann würde ihre Schuld bezahlt sein. Immerhin mussten ihre Frauen und Kinder nicht hungern. Der Graf hatte sie allesamt mit auf das Gut genommen.

„Begleite mich bitte nach oben!“ Heiner stand stumm auf und ging mit seiner Mutter die Steintreppe hinauf.

„Geh nur“, quoll es aus dem feist rötlichen Gesicht des Grafen. „Ich werde dich nachher besuchen.“

Es wurde ihm trübselig ums Herz – wie so oft, wenn er zu viel Mumme getrunken hatte. Wenn der Herzog mir damals nicht die vier besten Dörfer genommen hätte, bräuchte ich heute nicht mit Waffen zu handeln. Aber ich habe keine Wahl. In einem verborgenen Winkel seines Herzens wusste er, dass es anders war. Er konnte einfach nicht verwinden, dass er zum eher unbedeutenden Adel gehörte. Daran hatte auch die Heirat nichts ändern können.

Oben angekommen betraten Heiner und seine Mutter gemeinsam das Schlafgemach der Gräfin. „Warum lässt du dich nur immer so behandeln, Mutter?“

„Ach, Heiner. Der Graf hat es nicht immer leicht gehabt. Er war nicht immer so, weißt du? Die vielen finanziellen Sorgen in den ersten Jahren …“

Sie sagt immer „Der Graf“, nicht „dein Vater“, wie es richtig wäre, dachte er. „Du verteidigst ihn auch noch, Mutter.“

„Was druckst du so rum. Da ist doch was.“

„Ja, da ist was“, kam es aus Heiner heraus. „Ich habe da eine Entdeckung gemacht und die Kutscher reden viel, wenn sie gesoffen haben. Und die saufen immer.“ Er machte eine Pause.

„Also: Es ist nicht legal, dass Vater Handel mit Waffen treibt.“

„Er darf doch mit Waffen handeln. Wir leben hier auf dem Land und nicht in der Stadt mit ihren Gilden und Vorschriften.“

„Nicht so ganz. Er ist dem Niedersächsischen Kreis verpflichtet. Weißt du denn, wen er beliefert? Und wie er überhaupt an die Aufträge kommt? Ist dir eigentlich bekannt, dass er das Signum der Braunschweiger Büchsenmacher verwendet, um einen höheren Preis zu erzielen?“

„Heiner, was redest du da?“

„Ja, was redest du?“, sagte Barnward und betrat merkwürdig langsam den Raum.

„Kannst du dich nicht bemerkbar machen, Bruder?“

„Es hat mich keiner gehört? Ihr wart wohl zu sehr in euer Gespräch vertieft.“

„Was hast du mitbekommen? Ist auch egal. Du weißt genau, was Vater treibt. Das ist kriminell.“

„Kriminell, kriminell“, äffte Barnward seinen Bruder nach. „Und was glaubst du, wer das Gut am Laufen hält, wer dir die Lateinschule und die Privatlehrer bezahlt hat, deine teuren Bücher, wer uns allen ein sorgenfreies Leben ermöglicht? Vater war es und ist es.“

Mein Bruder ist ehrlich wütend, dachte Heiner. Er verdrängt die Tatsache, dass er uns alle gefährdet, wenn das herauskommt.

„Geht bitte wieder runter“, ordnete die Gräfin völlig unvermittelt an. „Ich werde mit dem Grafen darüber sprechen.“ Diese kleine zerbrechliche Frau verliert nie ihre Haltung, dachten beide Brüder, ohne dass sie es voneinander wissen konnten.

„Worüber willst du mit mir sprechen, Weib?“ Der Graf polterte torkelnd ins Zimmer.

„Geht bitte!“, wiederholte die Gräfin ruhig.

„Ja, geht nur!“, lallte der Graf.

Die Gräfin fühlte nur noch Verachtung für den Mann, der da so selbstgefällig sein Wams aufknöpfte. Jedenfalls versuchte er es. Es bereitete ihm offenbar nicht unerhebliche Schwierigkeiten.

„Nein, jetzt nicht. Bitte!“ Sie hatte es in den Jahren immer wieder geschafft, Ausreden zu finden. Oft ist er unverrichteter Dinge eingeschlafen, wenn sie es nur lange genug herausgezögert hatte.

„Das Ehegelöbnis bedeutet auch, dass du zu gehorchen hast, Weib.“

„Ich habe meine Monatsregel“, log sie.

„Na und“, prustete der korpulente Mann und kratzte sich den kaum behaarten Kopf.

Mit einer Flinkheit, die sie ihm nicht mehr zugetraut hatte, schnappte er sich ihr linkes Handgelenk, bog den Arm sofort nach hinten und drückte ihren Busen an seinen Oberkörper.

„Du gehörst mir.“

Sie versuchte, sich loszureißen. Doch ihr war klar, dass er stärker war als sie. Jetzt, so erniedrigt, hatte sie den Mut, ihr Knie hochzuziehen, um es ihm in die Leistengegend zu stoßen. Gerade noch rechtzeitig konnte er ausweichen und die Gräfin, jetzt nur noch ein Häufchen erschöpftes Elend, traf ihn nur am Schenkel.

Der Graf schlug sofort zu. Während sie noch auf das Bett fiel, lief schon Blut aus ihrer Nase. Er riss ihr brutal das Kleid herunter und öffnete jetzt unglaublich geschickt seine Hosenklappe. Nur einen Augenblick später war er über ihr.

„Jetzt zeige ich dir, wer der Herr ist“, grunzte es aus ihm heraus.

Die Gräfin sah nur noch seine verkniffenen Schweinsaugen. Sie schmeckte Blut im Mund und es tat weh. Aber das Schlimmste war die Erniedrigung, so geschändet zu werden. Sie würde es ihm jetzt sagen.

Jetzt! Jetzt!

Der schwere Mann wälzte sich von ihrem Körper.

„Bist du stolz auf das, was du eben getan hast? Vor wem willst du dich brüsten? Geh doch runter in die Halle und erzähle allen, dass du gerade deine Gattin vergewaltigt hast! Auch diesem gruseligen Mönch natürlich, mit dem du neuerdings immer zusammensteckst.“ Die Gräfin sprach leise. „So wie damals, als du deinen Sohn gezeugt hast. Dein Sohn wird stolz auf dich sein.“

„Ich habe zwei Söhne“, kam es etwas irritiert. Warum sagt sie das jetzt? Und so leise, dachte der Graf.

„Du hast einen Sohn. Heiner ist nicht dein Sohn. Er hat nicht ein solches Schwein zum Vater.“ Augenblicklich bereute sie das Gesagte, denn Barnward konnte ja nichts für seinen Vater.

Ich habe einen Bastard großgezogen, schoss es dem Grafen sofort durch den Kopf. Jetzt ist mir klar, warum Heiner so anders ist, als … Ich dachte, er schlägt eben mehr nach der Mutter, aber … „Wer ist der Vater?“ Und schon sauste die achtschwänzige Katze auf den Rücken der Gräfin. Sie hatte sich gerade noch umdrehen können, um die Striemen nicht ins Gesicht zu bekommen. Wie er die Peitsche so schnell in die Hand bekommen hatte, war ihr unerklärlich. Und schon schlug er sie zum zweiten Mal mit voller Kraft.

„Erlöse mich, Herr!“, schrie die Gräfin. Es kam kein Schlag mehr. Die beiden Brüder – Halbbrüder – hingen am Grafen und hinderten ihn. Sie hatten die Schreie gehört.

„Sag, wer mein Vater ist!“ Heiner war totenblass, aber gefasst. Das hatte er wohl von der Mutter, immer die Contenance zu wahren, so lange es eben ging. „Es hat doch keinen Zweck. Sag es bitte!“ Der Graf war ganz still geworden.

„Es ist Heinrich Schlachmann, ein Büchsenschmied aus Braunschweig. Er weiß nichts davon. Ich habe ihn nie wiedergesehen“, kam es jetzt fast krächzend aus ihrem Mund. Verzeih mir, Heinrich! Mehr kann ich nicht ertragen, dachte sie noch und verlor das Bewusstsein.

8

Jetzt noch die Meistermarke setzen und zusammenfügen. Hat lange gedauert, aber auch viel Freude gemacht. Das ist schon was anderes als immer wieder die Musketen zusammenzubauen, dachte Heinrich Schlachmann.

Er saß an seinem bevorzugten Platz, vor sich das Werkzeug sauber sortiert. Er fühlte sich wohl in seiner kleinen Werkstatt. Er hatte sie für sich von der Schmiede abgeteilt. Hier konnte er tüfteln – und zuweilen denken. Die Braunschweiger Beschaumarke, ein nach rechts hin aufgerichteter Löwe mit einem B, war angebracht. Seine Meistermarke, zwei gekreuzte Hämmer mit einem darunterliegenden S, hatte er nicht wie üblich auf den Lauf gesetzt. Bei dieser Büchse, die er für den Herzog gemacht hatte, war er einer Eingebung gefolgt und hatte die Marke an der inneren Kolbenplatte angefertigt. Es sollte immerhin ein Geschenk der Gilde an den Herzog sein und nicht speziell von Heinrich Schlachmann, auch wenn er sie geschaffen hatte. Die Herzog-Friedrich-Ulrich-Büchse – wie er sie heimlich nannte.

Die Pistole, die jetzt kurz vor der Vollendung stand, sollte aber Michael einmal bekommen. Er ist ja nun einmal ein Waffennarr, und wenn er uns einmal verlassen sollte, zu seinem Schutz … Heinrich schob den Gedanken beiseite und brachte auch hier seine Meistermarke am Inneren der Kolbenplatte an. Dann sah er sich sein Werk noch mal genau und liebevoll an.

Den Lauf hatte er von einer oktogonalen in eine runde Form übergehen lassen. Das Radschloss war natürlich nach typisch Braunschweiger Büchsenschmiedekunst ausgeführt. Eine innenliegende Hahnfeder, ein flacher Raddeckel und schließlich die Radachse mit rhombenartig gefeiltem Kreuz. Den Schaft hatte er ganz mit getriebenen Messingplatten verkleidet. Eine Besonderheit war der Abzugsbügel - aus Bronze gegossen. Die Kolbenplatte hatte ein Scharnier und konnte so geöffnet werden. Drinnen, auf der Rückseite der Platte eben, seine Meistermarke. Eine Radschloss-Reiterpistole. Heinrich legte sie in die Truhe, in der schon die Büchse für den Herzog lag. Gut, die hatte er natürlich einerseits als Prunkbüchse, andererseits aber durchaus als brauchbare Jagdbüchse gefertigt. In diesem Fall war die Büchse mit Rad und Luntenmechanismus ausgerüstet. Durch einen befreundeten Goldschmied hatte er sogar den Wahlspruch des Herzogs ziselieren lassen.

ALIIS INSERVIENDO CONSUMOR. (Andern dienend, verzehr ich mich)

Während er sein Allerheiligstes aufräumte, mäanderten seine Gedanken. Michael - fort will er. Er war schon immer ein unruhiger Geist. Camann sagte neulich, dass ihm das Verhalten des Kämmerers beim letzten Stammtisch keine Ruhe ließ. Geschäfte hat er angeblich, was für Geschäfte? Hinrich bleibt mir. Und Anna und Karl. Und er wird ja irgendwann wiederkommen. Sarah leidet. Noch mehr als ich. Anna und Karl werden heiraten. Nächsten Sommer. Vielleicht kommen ja Enkel. Heinrich musste unwillkürlich lächeln. Ja, Sarah hat recht. Wir haben es gut hier. Der Krieg hat uns bis jetzt verschont. Die Geschäfte. Naja, es reicht für ein gutes Leben … Nur Michael. Schade. Ach was. Es ist sein Leben. Ich wünsche ihm jedenfalls Glück. Er wird es schaffen. Ich jedenfalls bleibe lieber hier. Mit Sarah und den anderen und in meiner geliebten Stadt Braunschweig. Übermorgen wollen wir schlachten.

Der Büchsenschmied löschte die Petroleumlampen und die Kerzen und verließ seine kleine Werkstatt. Abzuschließen brauchte er sein Allerheiligstes nicht. Jeder wusste, dass nur er hier Zutritt hatte. Und jeder respektierte das auch.

Heinrich war noch tief in Gedanken versunken, als er über seinen Hof ging. Als er den Rappen sah, wollte er es kaum glauben. Ein wunderschöner Rappe, voll aufgezäumt. Hinter dem Sattel war eine dicke ledernde Rolle befestigt, in der bestimmt Reisegepäck verstaut war. Da will einer schnell weiter, dachte Heinrich. Er hatte nicht mitbekommen, dass jemand gekommen war. Kopfschüttelnd über diesen Umstand betrat er die Küche.

Heinrich versuchte die Situation zu erfassen. Da saß ein fremder Mann am Tisch, neben Michael, der ungewöhnlicherweise am Kopfende, seinem Platz, saß. Johann saß am anderen Kopfende. Allein Hinrich saß an seinem angestammten Platz. Lena war auch da. „Unordnung“ störte Heinrich. Anna und Mutter machten sich am Herd zu schaffen. Sie wollten dem Gast wahrscheinlich etwas anbieten.

„Schön dich zu sehen, Lena“, kam es dann etwas unmotiviert und verunsichert.

„Das ist Heiner“, stellte Michael den Mann neben sich einfach vor.

Vater war ziemlich durcheinander. Das spürte Michael sofort.

„Wir haben uns schon irgendwo mal gesehen“, wollte Heinrich das Gespräch weiterbringen.

„Ja, das stimmt. Ich bin der Sohn vom Grafen. Besser gesagt ich war es, bis vor ein paar Wochen.“

„Du, äh, Sie …“

„Heiner ist mein, ich meine unser Halbbruder“, haute Michael einfach dazwischen.

„Halbbruder? Es dämmerte Heinrich Schlachmann langsam.

„Dein Sohn Heinrich. Nun setz dich endlich hin. Anna bring Vater einen Humpen Mumme.“ Sarah erschien ihm keineswegs irgendwie ärgerlich und so erzählte Heinrich Schlachmann also seine Geschichte.

Dass er die spätere Gräfin kennengelernt hatte. Vor Sarah und auch natürlich, bevor sie den Grafen geheiratet hatte. Das war zwar ungewöhnlich - der unterschiedliche Stand und überhaupt. Aber Heinrich belieferte die Familie der späteren Gräfin mit allerlei Gerätschaften für die Landwirtschaft und führte auch Reparaturen durch. So war er häufig auf das Gut gekommen. Die beiden jungen Leute lernten sich kennen und scherten sich nicht um ihren Stand, gleichwohl sie sich heimlich treffen mussten.

Als dann die Heirat mit dem Grafen anstand, hatte die junge Frau den Kontakt sofort abgebrochen. Dass sie schwanger von ihm war, hatte die spätere Gräfin für sich behalten. Bis vor ein paar Wochen.

Als Heinrich Schlachmann geendet hatte, sah Michael unwillkürlich seine Mutter an. Die, Michael konnte es kaum fassen, lächelte ihn an.

„Michael, das war vor unserer Zeit. An der Liebe zu deinem Vater ändert das gar nichts, was Heini?“

Heinrich schaute sie glücklich an. Sarah machte es ihm wirklich leicht. Was für eine Frau!

„Jetzt solltest du die Geschichte weiter erzählen, Heiner“, forderte Sarah ihn auf.

„Gut, es war nach dem Schüsseltreiben. Vater hatte mal wieder zu viel getrunken. Sein Jähzorn kann dann …“

Heiner erzählte also die Vorkommnisse jenes Tages. Auch wie der Graf seine Mutter mit der achtschwänzigen Katze malträtiert hatte, bis sie schließlich ihr Geheimnis preisgab, um sich wenigsten etwas zu rächen.

„Mein Vater, ich meine der Graf“, blickte er Heinrich an, „schwor daraufhin, Rache zu nehmen. Er will mich erschlagen und auch die ganze Familie Schlachmann vernichten.“

Sarah richtete sich auf. Die ganzen Vorkommnisse. Sie konnte im Moment nicht richtig denken.

„Bis jetzt habe ich mich bei einem mir wohlgesonnenen Bauern versteckt. Das ist aber auf Dauer keine Lösung. Meine Mutter, die ich manchmal heimlich aufsuchte, empfahl mir, zu dir zu gehen. Schon, damit wir uns kennenlernen und vielleicht auch, weil du einen Rat geben kannst – Vater“, kam es leicht verzögert. „Ich muss auf jeden Fall weg aus den Braunschweiger Landen. Vielleicht sollte ich ins Hannoversche oder sogar in Westfälische gehen. Ich könnte unterrichten, als Privatlehrer.“

„Du liebst die Bücher, Heiner? Geschichte und Philosophie?,“ fragte Sarah.

„Ja, woher wissen Sie das? Bei uns auf dem Gut konnte ich nur mit Mutter gelegentlich über solche Themen sprechen.“

„Dann geh zuerst nach Hamburg zu unserem Onkel Juan Salomon. Erhole dich dort und ziehe dann weiter nach Amsterdam. Vielleicht kannst du ein Schiff nehmen. So verwischt du auch deine Spur. Der Onkel von Alfonso, meinem Bruder und mir, Don Manuel Isaak, hat dort eine Druckerei. Möglicherweise eine hebräische Druckerei, aber er wird auch andere Dinge drucken, schätze ich. Ich schreibe sofort einen Brief an Don Manuel Isaak und gebe ihn dir mit. Willst Du? Lange kannst du dich in Braunschweig nicht aufhalten. Der Graf kann schnell Wind davon bekommen.“

Sarah handelte schnell und besonnen. Nur Michael merkte ihr die Anstrengung an, die es sie kostete. Heinrich war irgendwie etwas abwesend. Er musste wohl erst mal verdauen, dass er noch einen Sohn hatte.

Heiner brauchte nicht lange zu überlegen.

„Und ob ich will.“

„Ich glaube, es ist richtig, wenn ich Euch noch etwas berichte“, druckste er etwas herum. „An den Grafen bindet mich nichts mehr und Mutter wäre es bestimmt auch recht. Euer Geselle Otto tauchte um Weihnachten herum bei uns auf. Der Graf hat auch mit ihm gesprochen. Um was es ging, weiß ich leider nicht.“

Heiner berichtete weiter von dem Waffenhandel, von dem er wusste, dass er nur teilweise legitim sei. Von den zwei Büchsenschmieden, die der Graf aus dem Magdeburger Schuldturm freigekauft hatte, und die nun samt ihrer Familien bei ihm arbeiteten. Letztlich noch von dem Signum der Braunschweiger Büchsenmachern, das er verwendet. Außerdem wurden in den letzten Wochen bis spät in die Nacht Waffen hergestellt, wie ihm seine Mutter erzählt hatte. „Es ist offenbar etwas Größeres im Gange“, schloss er seine Ausführungen.

Heinrich wollte nicht glauben, was er soeben gehört hatte. Der Graf verwendet unser Signum? Weiter kam er mit seinen Gedanken nicht.

„Die Briefe sind fertig. Grüß bitte unsere Onkel von uns allen. Anna gibt dir noch einen Beutel mit Speck, Käse und Wein mit.“

Alle standen auf und verabschiedeten sich von Heiner. Nur sein Vater, Heinrich Schlachmann, ging mit hinaus auf den Hof. Als er nach geraumer Zeit wieder herein kam, hatte er gerötete Augen. Keiner sagte etwas. Sarah löste die Situation. „Wir wollen jetzt essen. Ruf alle zusammen, Anna.“ Es wurde eine schweigsame Mahlzeit.

Spät am Abend, Sarah und Anna hatten ihre Hausarbeit beendet, saßen sie noch lange gemeinsam an dem großen Eichentisch. Die anderen waren in ihren Kammern verschwunden. Es hatte keiner mehr Lust auf ein Schwätzchen.

9

Die Aufregung in Hamburg war damals groß gewesen. Juan Salomon war nicht eben begeistert über den Besuch entfernter Verwandtschaft. Erinnerte ihn das plötzliche und natürlich völlig unerwartete Auftauchen von Heiner doch zu sehr an seinen Bruder Don Miguel und an Vorgänge, die weit zurücklagen und am besten nicht mehr angerührt werden sollten. Also hatte er Heiner schneller als es sonst notwendig gewesen wäre, eine Schiffpassage nach Amsterdam besorgt. Sein Sohn hatte sich über seinen eher geizigen Vater gewundert und konnte auch die Eile nicht nachvollziehen.

*

Der Mönch aber war außer sich vor Freude, ohne dass er sich etwas hätte anmerken lassen. Vorerst war er so unauffällig, wie es sein Erregungszustand eben zuließ, seiner Schreibertätigkeit bei dem Kaufmann Juan Salomon weiter nachgegangen. Der Herrgott hat seinen Racheengel nicht vergessen, sagte er sich immer wieder.

Natürlich wusste er jetzt um die Geschehnisse in Braunschweig. Zumal die Gespräche laut und im ganzen Haus geführt wurden. Endlich hatte er die entscheidenden Informationen erhalten, die ihn in die Lage versetzten, seinen Auftrag doch noch zu Ende zu bringen.

Der Mönch funktionierte präzise wie ein Uhrwerk. Er schicke seinen Sohn Uriel unverzüglich auf dem Landweg nach Amsterdam. Dort sollte er in der Nähe der Druckerei von Don Manuel Isaak auf seine Chance warten und sie nutzen. Nach getaner Arbeit würde er nach Braunschweig aufbrechen, um zu seinem Vater zu stoßen. Wir werden die ganze Sippe auslöschen. Der Racheengel ist schon unterwegs. Dieser Gedanke ging ihm pausenlos durch den Kopf. Sein sonst so fahles Gesicht rötete sich dann leicht, was nur äußerst selten geschah.

Der Mönch versäumte auch nicht, dem Großinquisitor einen langen Brief zu schreiben, um ihn zu informieren und um Geld für seinen Auftrag zu erbitten.

In all den Jahren des Wartens hatte er immer wieder mit seinem Sohn über seine Kindheit und sein Leben überhaupt gesprochen.

Der Dominikanermönch war das drittjüngste von elf Kindern. Seine Familie lebte in sehr ärmlichen Verhältnissen in Madrid. Der Vater war Schuster, die Mutter kümmerte sich um Kinder und Haushalt. So oft es ging, wusch sie für andere die Wäsche. Das Essen reichte oft nicht für alle, sodass manchmal die jüngsten Kinder nichts bekamen. Der Vater sagte dann immer: „Sollen sie doch sterben, dann reicht es wenigstens für alle.“ Seine Mutter steckte ihm, dem kleinen Gabriel dennoch etwas zu. Sein Vater nannte ihn immer nur „Das Kind“, während seine Mutter, wenn sie unter sich waren, ihn „mein Engel“ nannte. Sie war es auch, die ihn zusammen mit einigen Geschwistern immer wieder mit auf den Plaza Mayor zum Autodafé nahm. Der Häresie Beschuldigte wurden dort auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Der kleine Gabriel stellte immer viele Fragen zu dem gruseligen Schauspiel, die seine Mutter bereitwillig in ihrer Dumpfheit beantwortete. So erfuhr er, was Ketzer sind, und dass durch die Verbrennung die Seele vor der ewigen Verdammnis gerettet werden würde. Daraufhin empfand er die Strafe als gerecht. Aber wie erkennt man Ketzer? Wie findet man sie? Wer kümmert sich um das alles? Der kleine Junge hatte viele Fragen. So war schon damals der Wunsch in ihm gewachsen, einmal für die Inquisition zu arbeiten.

Seine Mutter war es auch, die ihn als Küchenhilfe in einem kleinen, relativ unbekannten, wohl auch unbedeutenden Kloster auf dem Lande unterbrachte. Von einem Mitbruder lernte er die deutsche Sprache. Nebenbei studierte der aufgeweckte Junge heimlich in der Bibliothek ein abgegriffenes Buch mit dem Titel „Praktischer Leitfaden für Inquisitoren“. Der Prior wurde aufmerksam, erkannte das Talent und schickte ihn in das Kloster Santo Thomás nach Avila. Der Bau des Klosters wurde seinerzeit von Spaniens erstem Großinquisitor Torquemeda persönlich beaufsichtigt. Dort gab es bessere Möglichkeiten in der Bibliothek. Er wurde Mönch, Verwaltungsfachmann und theoretischer Kenner der Inquisition. Sein Ehrgeiz war es, Inquisitor an einem der ständigen Gerichte zu werden. Vielleicht in Cordoba, Sevilla oder gar in Madrid. Seine Mutter würde stolz auf ihn sein. Seinen Mitbrüdern graute es vor seinem Fanatismus.

Eines Tages bekam der Mönch dann den geheimen Auftrag von seinem Prior im Namen des Großinquisitors Robert Bellarmin. Er war daraufhin nahezu in Verzückung geraten. Konnte er sich doch fortan als Beauftragter der Inquisition fühlen. Als Bote Gottes - als Racheengel.

*

Nur wenige Tage nachdem Heiner in Hamburg aufgetaucht war, reiste der Mönch nach Braunschweig. Juan Salomon erzählte er, dass er nach Lübeck müsse, dort einen todkranken Onkel habe, ihn pflegen würde und schließlich wieder zurückkommen würde. Sein Sohn sei schon vorausgereist. Knurrend gewährte Juan Salomon seinem Schreiber seine Bitte. Der Mönch hatte zwar nicht die Absicht, an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren, aber er wollte sich diese Option auch nicht ohne Not verbauen.

Der Mönch war mit nur leichtem Gepäck unterwegs. Er hatte eine knielange wollene Hose, ein oben geschnürtes Kutscherhemd und darüber eine Jacke an. Sein langer schwarzer Kapuzenmantel war in einem Beutel verstaut. Er schloss sich mal dieser und mal jener Reisegruppe an und erreichte schließlich die freie Reichsstadt und Hansestadt Braunschweig. Nach kurzem Aufenthalt und einigen unauffälligen Erkundungen verließ er die Stadt wieder. Südlich von Braunschweig, im Schöppenstedter Turm, eigentlich einer Schankwirtschaft, hatte er vorläufig Unterschlupf gefunden.

Der Zufall hatte es gewollt, dass er den geschwätzigen Pfarrer Jakob im Schöppenstedter Turm kennenlernte. Von diesem zu viel trinkenden Pfarrer erfuhr er so einiges. So auch, dass es offenbar nicht weit von der Schänke ein Gut in Lucklum gab, und einen Grafen, der irgendwie einen Groll auf den höheren Adel, die Städter und überhaupt auf alles hatte.

Pfarrer Jakob hatte den Grafen nicht lange überzeugen müssen. So ein Gast würde ein bisschen Abwechslung bringen und mit etwas Glück vielleicht so manche Neuigkeit über den Kriegsverlauf.

10

Der Graf spürte einen erstaunlichen Appetit, trotz der zügellosen Völlerei zu Ehren des Gastes am vorigen Abend. Einen Grund zum Saufen fand er ohnehin immer, auch wenn die Gicht anfing, ihn zu plagen. Noch erstaunlicher war, dass er sich offenbar Zeit nahm, mit seinem Gast zu sprechen – quälte ihn doch die von der Gräfin brutal erpressten Informationen. Er hatte einen Bastard unter seinem Dach genährt. Intuitiv glaubte er, den Mönch für seine Rache an Heinrich Schlachmann, am besten an seiner ganzen Familie, einspannen zu können.

Der Mönch überlegte seinerseits, wie er den Grafen in seine Pläne einbauen konnte.

So saßen sich also zwei Männer in der verwaisten Halle gegenüber, die sich gegenseitig von Nutzen sein könnten. Noch aber beäugten sie sich. Es roch nach Essen und nach Bier. Der Graf war schon wieder bei der Mumme angekommen, während der Dominikanermönch nur so tat, als ob er mithielte. Da der Mönch hatte verlauten lassen, mit dem Grafen etwas besprechen zu wollen, musste er den ersten Zug machen. Er tat es geschickt und bald wussten sie, dass ein gemeinsamer Feind zu bekämpfen, am besten zu töten war.

Der Mönch war es, nachdem er dem Grafen lange zugehört hatte, sich die Gegebenheiten in der Stadt Braunschweig hatte schildern lassen, der einen teuflischen Plan entwickelte. Er hatte natürlich nicht versäumt zu erwähnen, dass er im geheimen Auftrag der spanischen Inquisition unterwegs war. Der Graf, der sich nunmehr als Mitwisser einer geheimen Mission, wer weiß, was noch alles dahinter steckt, fühlte, stimmte erregt zu – ohne Wenn und Aber.

Schon am nächsten Tag fing er an, die verabredeten Vorbereitungen zu treffen.

11

„Michael sollte mithelfen. Die Waschküche muss hergerichtet werden“, schimpfte Heinrich so ins Blaue hinein und wuchtete die Schlachtbank aus schwerer Eiche auf den Hof. „Lass gut sein, Heini. Er wird sich mit Camann verquatscht haben.“

„Genau so ist es“, rief Michael und sprang mit einem Satz auf die Schlachtbank. Keiner hatte ihn gehört oder kommen sehen.

„Du bist ein Krieger“, flüsterte Johann vor sich hin und wusch weiter seine Molle aus.

Alle mussten mithelfen, wenn Schlachttag war. Johann allerdings verflüchtigte sich wie jedes Jahr, wenn es ans Eingemachte ging. „Schlachten ist nicht mein Ding“, sagte er dann nur und hinkte davon. Abends, wenn er zum Schlachtfest wieder auftauchte, spendierte er dann Heinrich einen Braunschweiger Taler. Davon ließ er sich von nichts und niemandem abbringen. Inzwischen nahmen das alle als gottgegeben hin. Genauso, wie er ja jeden Monat seinen Taler übergab, obwohl er das nicht brauchte - er wollte es so. Alle wussten oder ahnten, dass er aus dem Krieg einen Schatz, oder sollte man besser sagen, eine Beute, mitgebracht hatte. Jedenfalls war er unabhängig - Michael verstand das nur zu gut.

„Ich ziehe mich nur um, dann helfe ich Vater“, und schon war Michael in der Diele verschwunden.

Während er sich umzog, dachte er noch mal an das Gespräch mit Camann zurück. Allein sein Arbeitszimmer, wie er es nannte. Die Höhle eines Gelehrten. Überall waren Bücher. Bücher und nochmals Bücher und wie immer hatten wir einen Diskurs über die aktuelle Politik.

Bei so vielen Händen waren die Vorbereitungen bald beendet. Alle sahen dann aber zu, ins Bett zu kommen. Der eigentliche Schlachttag war arbeitsreich und lang. Zuweilen auch lustig. Michael malte sich den Tag, im gemütlichen warmen Bett liegend, aus. Er hatte seit seiner Kindheit beim Schlachten mitgeholfen. Hausschlachter Lampe sagte immer, er könne ihn gut als Gehilfen brauchen. Nun, er stellte sich tatsächlich geschickt an. Packte einfach zu.

Anfangen würde der Tag morgens um vier Uhr. Rein in die Klamotten und dann hinaus in die Kälte. Michael zog sein Federbett unweigerlich etwas höher. Es ging dann zum Bauern Mühlberg, gleich vor dem Gliesmaroder Turm. Man nahm immer den Ackerwagen, denn immerhin musste das Schwein samt Behälter transportiert werden. Knecht Alwin hatte in der Regel schon eingespannt. Seit einigen Jahren fütterten sie keine Schweine mehr selbst. Die Büchsenschmiede ließ dazu keine Zeit mehr übrig.

Bei Bauer Mühlberg angekommen ging es immer gleich in den Stall. „Das da. Mit dem schwarzen Kreis. Das ist Eures“, knurrte der Bauer dann jedes Mal. Ihm war es wohl auch immer zu früh. Das Schwein war mit einem verkohlten Stück Holz gekennzeichnet. Es wurde erst auf die Waage gestellt und dann quiekend in den Behälter bugsiert. Der kam schließlich auf den Ackerwagen.

Wenn Michael sich hätte sehen können, eingekuschelt in seinem Deckbett, hätte er einen jungen Mann mit einem ziemlich glücklichen Gesichtsausdruck gesehen. Ein Gesicht, das strahlte und Augen, die leuchteten.

Michael ging alles im Geiste durch. Das Handeln um den Preis, pro Kilo Lebendgewicht. Obwohl der ja schon vorher festgemacht wurde, aber das war das Ritual. Manch ein Bauer gab dem Schwein vorher noch ordentlich zu saufen, wegen des Gewichtes, aber Bauer Mühlberg war so etwas nicht zuzutrauen - wahrscheinlich. Dann wurde eingeschlagen und darauf musste der erste Schnaps des Tages getrunken werden. Und dann noch einen, denn auf einem Bein konnte man ja nicht stehen. Es war immerhin noch vor Sonnenaufgang.

Im Meinhardshof angekommen, ging es dann darum, dem Schwein erst mal einen Strick um einen Hinterlauf zu legen. Das war in der Regel Michaels Aufgabe. Das war nicht ungefährlich, je nachdem wie aufgeregt das Schwein war. Heinrich Schlachmann wollte das auch nicht unbedingt und er wollte erst recht nicht dabei sein, wenn Schlachter Lampe die Pike ansetzte und dem Schwein einen vor den Kopf gab, dass es umfiel. Dann hieß es schnell sein. Das Messer in die Kehle und mit zwei Mann rauf aufs Schwein und zu Boden gedrückt. Bis es aufhörte zu zappeln. Die zarte Anna war es, die immer die Molle hielt, in die das Blut floss. Sie musste es auch mit der Hand rühren, damit es keine Gerinnung gab. Später würde man es für die Rotwurst brauchen.

Schließlich wurde das Schwein abgebrannt, damit die Borsten weg waren und dann mit heißem Wasser und dem Messer nachgearbeitet. Schön sauber. Später, nachdem das Schwein mit den Hinterpfoten an einen Schwengel gehängt und an einem Haken unter dem Schauer hochgezogen war, kam die erste Pause in Sicht. Das Schwein musste erst mal auskühlen. „Und wenn das Schwein am Haken hängt, wird erst mal einer einschenkt“, rief dann der Schlachter. Sarah kannte die Gebräuche und rauschte schon mit der Schnapsflasche an. Sie hatte es eilig. Es gab viel zu tun an einem solchen Tag, auch für die Frauen. Seit vier Uhr heizte die Magd Erna den Kessel und würde ihn den ganzen Tag nicht lange aus den Augen verlieren.

„Michael, drehst du wieder die Mettwurst durch?“, fragte Schlachter Lampe gewöhnlich. Der Schlachttag neigte sich dem Ende zu. Mettwurst machen war eine der letzten Arbeiten. Und ich würde antworten: „Das mache ich doch jedes Jahr.“ Bald wohl nicht mehr, kam es ihm noch in den Sinn, bevor er einschlief.

Am nächsten Morgen betrat Michael die vom Kessel verquiemte Waschküche. Die Würste wurden gerade herausgenommen und im kalten Wasser geschwenkt. Dann brachte Anna sie in die Wurstkammer. Karl war inzwischen auch da. Die Schmiede lief ja weiter - auch an solch einem Tag.

„Komm ran, Michael. Wir wollen fertig werden.“

„Klar, Schlachter Lampe. Und du weißt ja, nach jeder siebenten Wurst gibt es einen Schnaps.“ Alle lachten.

„Michael!“, blitzte Sarah.

„Na gut. Nach jeder elften Wurst.“

Sarah wischte sich den Schweiß von der Stirn und schüttelte den Kopf.

„Keine Sorge Mutter, nur noch einen.“

„Oder zwei“, rief Bruder Hinrich.

Alle freuten sich schon insgeheim auf das Abendessen und das gemütliche Beisammensein. Das eigentliche Schlachtfest. Karl musste noch die Mettwürste auf den Boden bringen. Dort würden sie trocknen, bis sie reif waren - so sechs bis acht Wochen. Heinrich Schlachmann kümmerte sich noch um die beiden Hinterschinken. Er legte sie in einen Holzbottich und bedeckte sie ganz mit Salz. In dieser Sole würden sie dann sechs Wochen liegen bleiben, bis sie ebenfalls zu den Mettwürsten auf den Boden kamen und dort blieben, bis der Kuckuck ruft, so im Mai. Dann erst würde der Schinken von Vater Schlachmann angeschnitten werden. Voller Stolz, ganz Hausherr.

Vorläufig für mich das letzte Schlachtfest, dachte Michael. Auch ich komme ja mal wieder, schob er den Gedanken sofort beiseite.

Wenn er gewusst hätte, dass auch Menschen geschlachtet wer…

Jeder hatte sich noch mal ein bisschen gesäubert und versucht, den Gestank des Tages loszuwerden. Beim Schlachten allerdings roch es sowieso im ganzen Haus. Tagelang war das so. Alle saßen um den großen Tisch herum. Alle, die mitgeholfen hatten, so war es der Brauch. Michael sah dem Treiben zu. Er fühlte sich zufrieden hier - im Kreise seiner Lieben. Ein wohliges Gefühl von Geborgenheit erfüllte ihn. Viele hatten noch erhitzte Gesichter. Zu allem Überfluss war auch der alte Kamin noch an. Sarah konnte es nicht lassen. Aber sie bestand darauf, das Kesselfleisch würde so am besten schmecken. Vielleicht erinnerte sie irgendetwas in dem Zusammenhang an Spanien, an die Hazienda. Michaels Blick fiel auf Karl; der wirkte wie immer ruhig und gelassen. Ich glaube, Karl hat nur seine Schmiede im Kopf. Und natürlich Anna. Schön eigentlich. Hinrich sitzt natürlich neben Onkel Johann, wie jedes Mal. Die beiden werden ordentlich einen bechern heute - auch wie jedes Mal. Na und, dachte Michael, den Blick weiter in die Runde schweifen lassend. Warum auch nicht. Vater hat seinen Platz vor dem Tisch, an der Stirnseite. So wie es ihm gebührt. Doch sichtbar ein wenig stolzer an solchen Tagen, als man es sonst von ihm gewohnt ist. Mutter und Anna schmeißen wie immer den Laden. Immer darauf bedacht, dass der Knecht und seine Frau und Otto der zweite Geselle und der Lehrling schön am Tisch sitzen blieben. Jeder hatte seinen Beitrag geleistet und nun sollten alle Schlachtfest feiern. Das war Sarahs Credo. Natürlich war auch Alfonso mit seinem Sohn Antonio beim Essen dabei, obwohl sie nicht mitgeholfen hatten. Das war einfach nicht ihre Sache.

Sarah und Anna trugen auf, was das Zeug hielt. Frisches Mett. Natürlich gekochtes Bauchfleisch aus dem Kessel. Es dampfte nur so und roch vorzüglich, auch ein wenig nach Thymian. Sarah hatte immer getrockneten da. Dann die Knackwurst und die Leberwurst. In die Sülze kam ein wenig Muskat. Schwer zu bekommen in Braunschweig und dazu noch sehr teuer, aber Sarah bestand darauf. Dazu gab es eingemachte Gurken, Meerrettich und natürlich Mumme. Viel Mumme. Es wurde gelacht und sich zugeprostet.

All das nahm Michael wohl dieses Mal besonders wahr, obwohl er es doch schon so oft erlebt hatte. Die Stimmung war wunderbar. Michael sah, wie sein Vater seine Sarah anschaute, ohne dass die es bemerkte - voller Zärtlichkeit. Und wohl auch Dankbarkeit. Die beiden sind glücklich. Meine Eltern sind glücklich.

In Otto brodelte es. Ich muss es jetzt bringen oder nie. Lena bekomme ich ohnehin nicht. Also was soll es? „Wo hast Du eigentlich die Muskatnuss her, Meisterin.“ Die Stimme kam plötzlich, laut und schneidend - mitten in das fröhliche Treiben hinein. „Und die vielen Kräuter. Sind das Hexenkräuter?“

„Was fällt dir denn ein, Otto?“ Michael war der Erste, der die plötzliche Stille unterbrach. „Verträgst wohl die Mumme nicht, was?“

Sarahs sonst dunkelbraune Augen waren tiefschwarz, wie Kohlestücke. Sie sprach langsam. „Vom Markt, Otto. Es gibt einen Händler, der bringt sie manchmal mit.“ Sarahs ganze Haltung hatte sich verändert. Sie glich einem Raubtier kurz vor dem Sprung. Hier störte jemand ihre Familie, ihre Hausgemeinschaft und drang in die heilige Sphäre ihrer ‚Hazienda‛ ein. Sie wusste instinktiv, das hat nichts Gutes zu bedeuten.

„Man sagt, Muskat hilft auch gegen die Pest, aber nur, wenn Hexen es mit ihrer Teufelsspucke vermischt haben“, zischte Otto.

„Komm, Otto, was ist los mit dir? Lass uns weiter feiern“, mischte sich jetzt auch Karl ein.

„Du kannst mich mal“, kam es scharf zurück.

Was ist bloß in ihn gefahren, dachte Heinrich.

„Vor Kurzem hat man wieder eine Hexe verbrannt. Im Lechlumer Holz. Der Wald besteht inzwischen aus über siebzig Brandpfählen. Es wird wohl nicht die Letzte gewesen sein. Sie hatte immer eine Katze auf der Schulter. Deine Lea sitzt doch auch oft auf deiner Schulter, oder?“

„Ja, Otto. Muskat hilft angeblich gegen die Pest. Jedenfalls sagen das die Araber. Auch in den Städten Südspaniens weiß man darum. Jedermann kann es nehmen, wenn er glaubt, dass es hilft. Wie kommst du auf Hexen? Sag es mir?“ Sarah straffte ihren Körper noch weiter. Sie wollte die Hoheit im Raum wieder gewinnen.

„Wie kommst du überhaupt dazu, in meinem Hause die Stimme zu erheben?“ Heinrich Schlachmann, der bedächtige Büchsenmacher war aufgesprungen. „Du verlässt sofort diesen Raum. Dein Geld hast du ja wie üblich schon vor Weihnachten bekommen. Und morgen packst du dein Bündel und verschwindest von hier. Und jetzt raus!“

Eine Zornesader, die noch nie jemand bei Heinrich gesehen hatte, zeigte sich an der Schläfe. Jeder wusste, dass Heinrich nie viel sprach. Jeder wusste aber auch, wenn er etwas sagte, hatte es in der Regel Hand und Fuß. Und, wie auch in diesem Fall, war es endgültig. Otto stand, fast schon gelassen, auf und ging zur Küchentür.

Dort angekommen drehte er sich noch einmal um. „Es heißt, ein Mönch hat deinem Vater in Celle den Prozess gemacht. Du bist die Tochter eines Zauberers, Sarah Schlachmann.“

Die Unterhaltung kam nur langsam wieder in Gang, aber sie kam in Gang. Die meisten dachten wohl, Otto hat einfach zu viel getrunken oder sie wollten sich einfach einen solchen Abend nicht verderben lassen.

Michael sah seine Mutter, die gedankenverloren Geschirr wegräumte, Mumme brachte, hin und her ging. Er dachte an die Worte Don Alfonsos. Nein, seine Mutter war glücklich mit ihrem Mann und uns Kindern. Gut, heute das hat sie doch wohl etwas mitgenommen. Siedend heiß kam es Michael in den Sinn: Das Wort Hexe war es. Ihre Mutter ist in Spanien, letztlich durch die Inquisition gestorben und es stimmt schon – Don Miguel kam in Celle durch die peinliche Befragung ums Leben. Ihm wurde klar, warum auch Don Alfonso nicht mehr so recht in Gang kam.

Anna war rührend besorgt um ihre Mutter. Sie spürte wohl, dass etwas nicht stimmte. Mein Schwesterherz, dachte Michael. Sie ist wirklich ein bisschen wie Mutter. Onkel Johann verlangte nach einem Schnaps. Er würde heute noch mehr davon trinken. Beim eigentlichen Schlachten war er nie dabei. Er kann kein Blut sehen, neckte ihn immer Bruder Hinrich. Obwohl er ja Landsknecht war. Johann sagte nie etwas dazu. Verschwand einfach und abends zum Schlachtfest war er wieder da.

Michael saß in der Runde, die ihn Gott sei Dank für einen Moment ausschloss, und konnte so seinen Gedanken weiter nachhängen. Sarah und Anna waren schon beim Aufräumen.

„Mutter, Vater, allesamt. Ich gehe ins Bett. Lasst Euch das Leben nicht durch diesen Kerl versauern. Er hat wohl einfach zu viel getrunken.“

Alle wussten, dass es nicht so war, auch Michael. Warum nur hat er so vehement den häuslichen Frieden gestört?, fragte sich Michael, als er die Stiege zu seiner Kammer hochging. Erst taucht plötzlich unser Halbbruder Heiner auf und jetzt das.

„Heini, kommst du?“, hörte er seine Mutter rufen.

*

Der Graf hat gesagt, das heißt, der Pfaffe hat es mir ausgerichtet, dass er mich praktisch als Meister einstellt. Dreifacher Lohn, Kost und Logis. Zwei Gesellen soll ich bekommen. Was sollte mich hier auch noch halten? Anna will ja unbedingt diesen Karl.

Otto verharrte noch einen Moment in der Diele. In der Küche war das Gespräch langsam wieder in Gang gekommen. Nicht mehr so munter, aber immerhin. Sie werden jetzt eine Weile über mich reden. Das wird reichen.

In der Diele stand die eisenbeschlagene Truhe. Otto hob den schweren Deckel an und sah auch schon das Buch des Handelshauses Don Miguel oben aufliegen. Was für ein Glück, dachte Otto. Er nahm das Buch an sich und verließ zielstrebig das Haus quer über den Hof in Richtung Werkstatt. Hoffentlich hat der Meister nicht abgeschlossen, aber notfalls muss ich eben Gewalt anwenden. So ein Schloss dürfte ja für einen Schmied kein Problem sein. Die Tür war, wie eigentlich immer, offen. Schlachmann muss an einem Gewehr arbeiten. Karl und Anna haben darüber gesprochen.

Otto musste im Raum herumtasten. Die Werkstatt war klein. Er wusste aber, dass rechts oder links neben der Tür ein Schrank oder Ähnliches war. Wenn der Meister die Tür offen hatte, konnte man gegenüber die Werkbank sehen. Da er nie eine Arbeit auf der Arbeitsplatte liegen ließ, verstaute er sie wohl im Schrank oder in einer Truhe. Das Vorhängeschloss war offen.

Welch ein Leichtsinn, schoss es Otto durch den Kopf. Es kam ihm nicht mal ansatzweise in den Kopf, dass Heinrich Schlachmann einfach Vertrauen in die Seinen hatte.

Otto fühlte die Umrisse einer Büchse. Da war sie, die Jagdbüchse, von der Karl und Anna gesprochen hatten. Der Graf wird mich belohnen. Er wollte ja eigentlich nur das Buch.

Das Handelsbuch war oft Gesprächsthema, wenn gemeinsam gegessen wurde. Da alle so ein Gewese darum machten, hatte Otto dem Grafen davon erzählt.

Hoffentlich hält Marga Wort und lässt mich rein. Sie ist zwar eine Hure, aber wir haben uns ja immer verstanden. Vor dem Morgengrauen komme ich jedenfalls nicht durchs Tor. Dann ein Stück zu Fuß hinaus und die Fuhrknechte des Grafen erwarten mich. So ist es geplant. Und so wird es kommen. Adieu, Meister Schlachmann und Adieu Anna.

Drei Monate waren ins Land gegangen. Der Winter stellte sich langsam darauf ein zu gehen, um dem Frühling das Feld zu überlassen. Michael und seine gesamte Familie näherte sich ebenfalls einem Wendepunkt – unaufhaltsam.

*

Der Mönch lehnte immer noch am Stamm der Heinrichslinde vor dem Dom. Vorsichtig trat er einen Schritt nach vorne. Er wollte Bewegungsfreiheit haben. Dann hob er ganz langsam die Armbrust. Endlich kann ich meinen Auftrag erfüllen. Gleich morgen schreibe ich an den Großinquisitor. Ich werde niemanden schonen. Der Racheengel wird euch alle vernichten.

Noch ein paar Schritte, Don Alfonso, dann fährst du zur Hölle.

Plötzlich blieb Alfonso abrupt stehen. Er schob etwas aufgeregt wirkend seinen Umhang hoch und nestelte an seinem Gürtel herum. Er hatte wohl etwas Wichtiges bei der Witwe vergessen. Er machte kehrt und ging schnellen Schrittes zurück.

Die sonst so fahle Gesichtshaut des Mönchs rötete sich. Er brauchte lange, um sich zu fassen und zu verstehen, dass seine Absicht, Alfonso zu töten, fürs Erste vertan war. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Rückzug anzutreten. Der Graf hatte Wort gehalten. Die Wachen öffneten ohne viel Umstände das Tor.

12

Das Jahr 1629 fängt ja gut an. Auf der anderen Seite ist es ein Vorteil, dass wir jetzt, Anfang März, die erste Gildeversammlung des Jahres haben. Da braucht es wenigstens keine außerordentliche. Die Nachricht, die ich da überbringen muss, ist allerdings alles andere als gut. Ach was, ich pfeif auf die Nachricht, um die prächtige Büchse ist es schade. Die ganze Arbeit, die drin steckt. Hmmh, ich werde wohl eine neue machen müssen, brummte Heinrich Schlachmann vor sich hin. Die Gilde will ja nun mal dem Herzog eine Büchse schenken. Naja, ist schon richtig. Vielleicht ermuntert das ja den Herzog und seine Sippe, mehr Aufträge zu erteilen.

Heinrich hatte keinen Blick für die Martinikirche, auch dem Rathaus der Altstadt schenkte er keine Aufmerksamkeit. Allein der Marienbrunnen kam ihm kurz in den Blick. Er war immer noch mit verharschtem Schnee bedeckt.

„Verdammter Winter“, murmelte Heinrich und betrat das altehrwürdige Gewandhaus durch die üppig gearbeitete schmiedeeiserne Tür am Ostgiebel und ging die paar Stufen hinab in das dort untergebrachte Wirtshaus.

Gleich dahinter hatte die Schmiedegilde, zu der auch die Büchsenschmiede gehörten, ihren Versammlungsraum. Eigentlich diente das Gewandhaus den Tuchhändlern als Lagerhaus. Auch einige Verkaufsläden waren an der Längsseite des Gebäudes untergebracht. Der Ostgiebel war vor ungefähr vier Jahrzehnten von einem gewissen Baumeister Lampe mit einer Schaufassade versehen worden, ganz im Renaissancestil.

All das war Heinrich im Moment völlig egal. Und doch fiel sein Blick zuerst auf die Löwen-Aquamanile der Braunschweiger Schmiedegilde, als er den Raum betrat. Ein aus Bronze gegossener, stilisierter Löwe, der immerhin schon mindestens sechzig Jahre alt war. Ein Gießlöwe, früher sogar mal ein Gebrauchsgerät.

„Auch unsere Altvorderen haben schon meisterliche Stücke hergestellt, nicht wahr, Meister Brennecke?“, begrüßte er ein Gildemitglied. Nicht wissend, was Heinrich gemeint hatte, nickte der und ermahnte die Umstehenden, sich zu setzen. Man wollte anfangen.

Heinrich als amtierender Gildemeister eröffnete also die Versammlung. Natürlich stand so allerlei auf der Tagesordnung. Man würde das vergangene Jahr besprechen, über die schleppenden Geschäfte reden, obwohl es eigentlich ganz gut ging und zum Schluss würde man die politische Lage erörtern und einige Humpen Mumme zu sich nehmen.

„Meister der angesehenen Gilde der Schmiede und Büchsenmacher“, eröffnete Heinrich nach vorgeschriebenem Ritual die Versammlung. „Ich muss heute einen Tagungsordnungspunkt hinzufügen. Ach was“, unterbrach Heinrich sich selbst.

„Es ist etwas Vermaledeites passiert. Die Herzogsbüchse ist gestohlen worden. Zwei Tage nach unserem Schlachttag habe ich es bemerkt. Dazu noch ein wichtiges Buch unserer Familie, aber das lassen wir hier mal beiseite.“

Augenblicklich war es still im Raum. Zwölf Grobschmiede und Büchsenschmiede waren anwesend. Nicht eben viele, aber das Wetter war sicher mit ein Grund dafür.

Meister Brennecke fing sich als Erster. „Wie kann das passieren? Wir wollten damit unser Geschäft ankurbeln. Der Herzog hätte sich wahrscheinlich nicht lumpen lassen!“

„Ich baue natürlich eine neue Büchse auf meine Kosten“, schnippte Heinrich sofort zurück. Gute Laune hatte er heute nicht gerade. Als Gildemeister, auch der große Meister genannt, genoss er allerdings einen besonderen Respekt.

„Das dauert. Und die Aufträge laufen schleppend zurzeit, Heinrich.“ Meister Wagner sagte das ruhig und freundlich.

„Du hast noch nicht gesagt, wie das passieren konnte“, warf Brennecke, wegen der schnippischen Art Heinrichs leicht angesäuert, dazwischen. „Die Büchse war doch sicher irgendwo verschlossen und sicher aufbewahrt, oder? Und wie kann ein Fremder überhaupt da rankommen?“

„Na gut!“ Heinrich stand auf. „Die Büchse war offenbar nicht sicher in meiner Werkstatt. Ich hatte sie in einer Truhe, die aber nicht verschlossen war. Bisher ist so etwas in meinem Hause nicht vorgekommen.“

„Die Büchse ist weg und damit basta“, mischte sich ein weiterer Meister ein.

Zustimmendes Gemurmel folgte. Sollte wohl heißen: Klar, Heinrich hat einen Fehler gemacht, aber mal ehrlich, wer schloss schon etwas in seinem Hause weg. Unser Gildemeister hat sich immer in den Belangen der Gilde als umsichtig erwiesen.

„Danke, Männer.“ Um deine Frage zu beantworten, sagte Heinrich jetzt deutlich ruhiger. „Möglicherweise war es kein Fremder, aber ich muss vorsichtig mit solchen Äußerungen sein, denn beweisen kann ich nichts. Otto, mein Geselle ist seit dem Schlachtfest verschwunden. Ich habe ihn rausgeschmissen. Warum, tut hier nichts zur Sache. Das ist allein meine Angelegenheit. Ich bitte euch also, diesen Umstand für euch zu behalten.“

Das Thema war erst einmal besprochen. Die Braunschweiger Mentalität ließ es nicht zu, alles ellenlang und immer wieder durchzukauen.

Dass der Graf angeblich das Signum der Gilde benutzen soll, hatte der Gildemeister bewusst nicht angesprochen. Diese Angelegenheit musste sehr sorgfältig angegangen werden. Zunächst wollte er mit Camann darüber sprechen.

Man traf sich nach Ende der Versammlung noch in der Schenke, um den einen oder anderen Humpen Mumme zu genießen. Jetzt erst kam man dazu, die politische Lage noch ein wenig zu erörtern.

Um Braunschweig herum war es ruhig. Magdeburg wurde allerdings immer noch belagert. Tilly zögerte wohl. Man munkelte, dass der schwedische König Gustav II. Adolf von Schweden mit dreizehntausend Mann an der pommerschen Küste an Land gehen wolle, um zugunsten der Protestanten in den Krieg einzugreifen. Andere sagten, wenn er erst mal gelandet sei, würde er da oben im Norden kaum auf Widerstand stoßen. Die Verlierer würden sich ihm anschließen und seine Armee würde wachsen.

So sollte es auch gekommen. Es war damals üblich, dass Söldner die Seiten wechselten, wenn der Sold stimmte. Andere wurden einfach der schwedischen Streitmacht einverleibt. Gustav II. Adolf landete 1630, stieß kaum auf Gegenwehr, sodass seine Truppe auf ungefähr vierzigtausend Mann anwuchs.

„Na, dann werden wir wohl bald wieder von gut katholisch auf protestantisch gesetzt“, lachte Heinrich und begann sich zu verabschieden. Fröhlich war ihm eigentlich nicht zumute. Der Krieg rückt unweigerlich näher, musste er sich eingestehen. Sarah spürt das.

13

Warum soll der Zeugherr Boiling darin verwickelt sein? Michael hatte Camann aufgesucht und seinen Vater dort vorgefunden. Die beiden waren tief im Thema „Kämmerer“ versunken, wegen seiner Äußerungen am Stammtisch. Und es ging wohl auch um den Grafen.

„Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit, sagt der Volksmund.“ Michael war sofort mit einbezogen worden. Camann hatte nicht einmal gefragt, was ihn zu ihm führte. So beschäftigte ihn das Thema.

„Und dann Otto. Ich könnte schwören, an dem Abend unseren Gesellen gesehen zu haben. Aber es war natürlich ein saumäßiges Wetter.“ Heinrich richtete sich in dem gemütlichen, lederbezogenen Stuhl auf.

„Es war Otto.“ Michael ließ keinen Zweifel daran.

Camann fuhr etwas nachdenklich fort. „Mehr noch finde ich bedenkenswert, dass der Graf, der Zeugherr und der Kämmerer auf dem Altstadtmarkt ein Schwätzchen halten. Was, um alles in der Welt, haben die zu besprechen? Da kommen doch nicht Menschen aus drei Ständen zusammen und reden über das Wetter und sei es noch so saumäßig.“

Heinrich ließ sich genüsslich zurückfallen und machte es sich bequem. Michael folgte seinem Beispiel. Beide wussten, jetzt kommt eine längere Ausführung, so wie es nun mal Camanns Art war.

„Nun, man nennt zwar Braunschweig auch ‚das Zeughaus der Hanse‛. Nichtsdestotrotz ist der Zeugherr das schwächste Glied dieses Triumvirats. Dennoch, er ist Herr über das ehemalige Franziskanerkloster, das man seit den Siebzigern des letzten Jahrhunderts immer mehr zum Zeughaus entwickelt hat. Was wohl die Mönche sagen würden, die hier mal gelebt haben, wenn sie wüssten, dass ihr zu Ehren Gottes erbaute Kloster nun eine Rüstkammer ist?“

Wo will er mit seinen Ausführungen hin? Aber man musste ihn gewähren lassen. Zwar hatte Onkel Camann eine ziemlich umständliche Art, wie sie ja bei Gelehrten nicht unüblich ist, aber man konnte in der Regel etwas lernen, dachte Michael.

„Das Braunschweiger Zeughaus ist berühmt für seine großen Bestände an Geschützen aller Kaliber mit Steinkugeln und auch mit gegossener Munition. Hauptsächlich enthält es aber Handwaffen und Harnische. Veraltete Stücke werden ständig abgestoßen und neue beschafft. Der Zeugherr hat die letzte Verantwortung für das Amt.

Dennoch. Dieser Herr Boiling hat es nicht leicht, wie man hört. Ständig hat er mit der Unzuverlässigkeit und Faulheit seiner Leute zu kämpfen, zum Beispiel mit den Zeugwarten, die zum Waffenreinigen und -einfetten gebraucht werden. Für wichtiger aber halte ich das permanent schlechte Verhältnis zum ‚Engen Rate’. Der ist ihm vorgesetzt und nicht gut auf den Zeugherrn zu sprechen, weil der ständig Geldforderungen an den Rat hat. Andererseits will die Aufgabe auch niemand übernehmen, sie wird ziemlich schlecht bezahlt. Ich habe mich unauffällig erkundigt. Und da liegt der Hase im Pfeffer. So weit also meine Analyse.

Das Motiv des Zeugherrn Boiling könnte demnach Geld sein – aus einer zumindest so empfundenen Not heraus. Er bekommt einhundertzwanzig Gulden im Jahr, vier Scheffel Roggen, freie Wohnung und für jeden Tag, wenn er selbst im Zeughaus arbeitet, sechs Mariengroschen. Das ist alles in allem nicht viel. Und der Kämmerer schwafelte von Geschäften. In dem Fall kann ich mir nur Gier vorstellen.“

„Und der Graf?“, warf Michael ein.

„Keine Ahnung. Da habe ich keinen blassen Schimmer“, gab der Justiziar unumwunden zu. „Immerhin hat der Graf eine Funktion im Niedersächsischen Kreis. Er muss letztlich auch für Ausrüstung und Waffen sorgen. Wir haben aber Friedenszeiten. Naja, so einigermaßen. Ich denke, die drei bilden eine unheilvolle Allianz. Was sagt ihr dazu?“

Camann ist auf dem richtigen Wege. Das sagt mir einfach mein Gefühl, dachte Michael. „Wie steht eigentlich der Graf wirtschaftlich da?“, fragte er, anstatt zu antworten. „Und wie der Kämmerer? Ich glaube, Sie sind auf der richtigen Fährte.“

„Vom Grafen weiß ich nichts, aber der Kämmerer scheint zurecht zu kommen, nach allem, was man so hört“, bemerkte Heinrich.

Bleibt der Graf, dachte Michael. Bleibt nach wie vor der Graf. Camann hat recht. Was haben die drei zu besprechen? Was verbindet sie?

„Na, ich denke, wir kommen heute nicht weiter.“ Heinrich stand auf und schaute seinen Sohn an. „Du hast ja sicher auch einen Grund, Onkel Camann einen Besuch abzustatten. Ich geh dann mal.“

Ja, dachte Michael, ich habe einen Grund. Hoffentlich hat er noch Zeit für mich.

Während Camann seinen Vater hinausgeleitete, schaute sich Michael im Raum um. Er war schon oft in diesem Zimmer gewesen, hatte sich ein Buch ausgeliehen oder mit Onkel Camann über Geschichte oder Politik gesprochen. Er war da sehr geduldig, nur musste man eben seine zuweilen langen Ausführungen ertragen. Meistens waren sie aber interessant. Michael hatte das Gefühl, alles wie aus der Entfernung zu betrachten. Wie abwesend.

Es ist die Behausung eines Gelehrten. Eine großbürgerliche Welt, wie ich sie mir eines Tages auch für mich vorstellen kann, dachte Michael.

„Entschuldige. Dein Vater und ich haben uns auf dem Hof noch etwas verquatscht.“

„Ich weiß gar nicht, ob du noch Lust hast mich anzuhören.“ „Aber klar, ich hole uns eine Flasche Wein. Was meinst du? Dauert aber einen Moment. Ich muss erst in die Speisekammer. Im Haus ist nichts mehr.“

Michael betrachtete weiter den Raum und dachte darüber nach, womit er das Gespräch beginnen sollte.

„Mit dem Anfang“, grinste Camann eine Flasche Weißwein und zwei Gläser auf den Tisch stellend. „Du hältst Selbstgespräche, junger Mann.“

Michael errötete leicht, spürte es und ärgerte sich sofort. Wieso habe ich nur einen solchen übertriebenen Respekt vor diesem Mann. Na egal, ich möchte seinen Rat.

„Es geht um Nürnberg“, fing er einfach an. „Ich will versuchen, bei den Fuggern unterzukommen und möglichst viel lernen. Vater wird Ihnen berichtet haben. Ist es ruhig um Nürnberg? Wissen Sie da etwas und überhaupt interessiert mich ihre Meinung zu meinem Vorhaben.“

„Das dachte ich mir schon und ich freue mich, dass du meinen Rat suchst. Weißt du, Michael, du musst tun, was du tun musst. Das hat dir sicher deine Mutter auch schon gesagt. Sie ist eine kluge Frau.“

„Woher wissen Sie das?“

„Ich weiß es nicht, aber ich sagte ja schon. Sie ist eine kluge Frau. Um Nürnberg herum ist es zurzeit ruhig. Aber man weiß natürlich nie. Weißt du, ich werde dir ein wenig Hintergrund zur aktuellen Entwicklung geben. Vielleicht unsere letzte Unterhaltung oder sollte ich sagen mein Vortrag, zur Geschichte und Politik. Ich werde das vermissen. Du warst immer ein geduldiger Zuhörer.“

Michael nahm einen Schluck Wein und saugte jedes Wort des Gelehrten auf.

„Ich will nicht über den Prager Fenstersturz reden, der letztlich 1618 zum Kriegsausbruch geführt hat. Angefangen hat meiner Meinung nach alles schon viel früher. Das Ende der Reformationszeit war wohl endgültig mit dem Augsburger Frieden gekommen. Frieden hat der Reichstag, der im Jahre 1555 in Augsburg abgehalten wurde, offensichtlich nicht gebracht. Seit damals gilt der Grundsatz ‚Cuius regio, eius religio‛.“

„Wessen Herrschaft, dessen der Glaube“, übersetzte Michael mühelos.

„Die Lateinschule scheint dir gut getan zu haben“, versetzte Camann doch etwas erstaunt und fuhr fort. „Also, das bedeutet, dass nicht dem einzelnen Menschen, sondern den Fürsten die freie Entscheidung zwischen dem alten und dem neuen Glauben gesichert wurde. Andersgläubige durften seitdem allerdings das jeweilige Territorium verlassen. Das aber ist in der Regel doch praxisfremd. Seitdem sind auch wir Braunschweiger mal evangelisch - unsere eigentliche Konfession - und aus pragmatischen Gründen, wenn der Herzog es will, auch mal „gut katholisch“. So viel zu den grundsätzlichen Dingen. Na, aber dann kam es eben doch, aus angeblich religiösen Gründen, zum Kriegsausbruch. Das war, als Kaiser Matthias sich anschickte, die Religionsfreiheit aufzuheben, die sein Bruder und Vorgänger Rudolf II. den überwiegend protestantischen Ständen in Böhmen und Mähren gewährt hatte. In Prag begann also 1618 der Krieg.

Ich glaube allerdings, dass dieser Krieg oder besser gesagt diese Kriege, die seitdem geführt wurden, keine Religionskriege sind. Die Religion wird nur benutzt. Benutzt für ganz klare Machtinteressen der Habsburger oder jetzt auch Gustav Adolfs von Schweden, der vorgibt, für die protestantische Sache einzutreten.“

„So auf den Punkt gebracht habe ich das noch nie gehört“, meldete sich Michael.

„Nun noch mal zu deinem Vorhaben.“

Michael, schon etwas weinselig, wurde hellwach. „Was hältst du davon, wenn ich in meiner Funktion als Syndikus der Stadt Braunschweig und Freund der ehrenwerten Familie des Büchsenschmiedes Heinrich Schlachmann, den Fuggern in Nürnberg einen Brief schreibe und dich als einen blitzgescheiten jungen Mann schildere, dem man bitte ein Praktikum gewähren möge.“

Im Grunde habe ich doch noch gar keine endgültige Entscheidung getroffen, ging es Michael rasend durch den Kopf. Lena und … Was will ich eigentlich?

„Das wäre eine große Hilfe“, antwortete Michael etwas steif.

„Wann willst du denn eigentlich aufbrechen?“

Jetzt war es passiert. „Nach der Hochzeit von Anna und Karl. Vermutlich im Juli.“

Michael sollte später noch an dieses Gespräch zurückdenken. Camann hatte versprochen, einen Brief an die Fugger in Nürnberg zu schreiben. Michael hatte einfach zugestimmt und damit die Entscheidung endgültig gefällt. Später sollte er noch oft daran denken, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn er den Mut gehabt hätte, nicht einfach zuzustimmen. Aber es war so einfach. Oder war er so labil? Oder wollte er es einfach so?

Nach seiner Zustimmung konnte er nicht mehr zurück. Jedenfalls wollte er es nicht.

Was lasse ich hier gerade mit mir geschehen, dachte Michael. Was wird aus Lena? Will sie mich überhaupt?

Michael wollte, ohne es zu wissen oder vielleicht doch in seinem Tiefsten begreifend, dass ihm die Entscheidung irgendwie abgenommen wird.

Auf jeden Fall treibt es mich hinaus. Ich muss hinaus in die Welt.

14

Ich war noch nie in so einem verdammten Badehaus, schimpfte Michael in Gedanken vor sich hin. Und Wein habe ich auch schon getrunken. Camann ist ein Genießer, man könnte sagen, Camann spuckt auch nicht rein. Dass er eine Empfehlung schreiben will, ist wirklich ein Freundschaftsdienst. Jetzt ist es jedenfalls entschieden und fertig.

„Bruder Michael, du bist ein komplizierter Zeitgenosse. Die Sache ist doch ganz einfach.“

Die Magd kam mit zwei Eimern heißem Wasser in die verquiemte Badestube und goss unaufgefordert einen Eimer in Michaels Holzwanne. Er sah kurz ihr schwitzendes Gesicht und die vollen Brüste, die aus der nur wenig geschnürten Bluse quollen. Hat sie mich eben angelächelt?

Schon war Rita, die Magd, bei Hinrich und goss den zweiten Eimer in seinen Bottich. Der Dunst war so stark, dass Michael Hinrich kaum sehen konnte, obwohl er direkt neben ihm in seinem Zuber saß.

„Dralle Person, was, Michael?“, lachte Hinrich. „Jung und hübsch.“

„Was ist ganz einfach, Hinrich?“

„Brüderchen, Brüderchen. Du gestehst Lena deine Liebe, küsst sie und machst sie glücklich.“

„Wie - machst sie glücklich?“

„Na, schläfst mit ihr! Die wartet schon auf dich. Und wenn du wiederkommst, heiratest du sie. Und wenn sich was anderes unterwegs ergibt, heiratest du sie eben nicht. So einfach ist das. Ist doch nicht schwer, oder?“

„Hinrich, du bist in mancher Beziehung ein … “

„Sag es nicht.“

„Leichtfuß“, schmunzelte Michael.

Beide mussten lachen.

„Nein, das ist nicht meine Art. Aber ihr meine Liebe gestehen, das wäre schon gut - vorsichtshalber.“ Liebe ich sie eigentlich? Ich bin vielleicht auch nicht viel besser als Hinrich. Und mit ihr schlafen … erst mal müsste ich überhaupt mit jemandem … Warum eigentlich hat mich Hinrich unbedingt in diesem verdammten Badehaus treffen wollen? Na gut, so unangenehm ist es auch wieder nicht. Der Bader hat mir die Haare geschnitten und vorher sogar den Kopf gewaschen.

Sie saßen etwa eine halbe Stunde im Zuber. Es war wohlig warm. Michael hing seinen Gedanken nach. Sicher, die Badestube liegt nicht gerade in der besten Gegend. Es soll hier oft etwas leichtfertig zugehen. Angeblich wird nach dem Bad ausschweifend gegessen, getrunken und … geliebt. So richtig kann ich mir das eigentlich alles nicht vorstellen. Mein Gott, warum habe ich mich nur darauf eingelassen? Hinrich ist ein Dollbrägen.

Rita war im Anmarsch. Michael nahm sie erst wahr, als sie direkt neben seinem Zuber stand. Plötzlich tauchte Hinrich mit einem großen Laken umschlungen ebenfalls auf.

„Viel Spaß, Brüderchen. Ich gehe schon mal in die Schänke nebenan.“

„Wieso? Hinrich …“

„Na, Michael.“

Rita beugte sich über den Zuber. Sie löste sofort das Band an ihrer Bluse und gab damit ihre wunderbaren, schweren, aber festen Brüste frei. Sie schwebten quasi direkt vor Michaels Augen, während sie ihre linke Hand in das Becken tauchte. Michael hatte es gar nicht bemerkt, wie erregt sein Glied war. Er sagte nichts mehr. Ließ alles geschehen. Später hatte er nur noch eine unwirkliche Vorstellung von dem, was überhaupt geschehen war: das Aussteigen aus dem Zuber. Der Weg in die kleine Kammer neben dem Badehaus. All das wusste er kaum noch. Der Wein bei Camann. Dann die warme Wanne. Rita mit ihren blonden Zöpfen, wie Lena, dachte er einmal zwischendurch, führte ihn in die Wonnen der Liebe ein, jedenfalls dachte er sich das so. Dass es Sex und nicht Liebe war, dass es da gravierende Unterschiede gab, wusste er einfach nicht. Wahrscheinlich hätte ihn das in der Situation auch nicht gestört.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
480 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783753196503
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
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