Czytaj książkę: «Die Kunst des Aufstands»

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kritik & utopie ist die politische Edition im mandelbaum verlag.

Darin finden sich theoretische Entwürfe ebenso wie Reflexionen aktueller sozialer Bewegungen, Originalausgaben und auch Übersetzungen fremdsprachiger Texte, populäre Sachbücher sowie akademische und außeruniversitäre wissenschaftliche Arbeiten.

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Wilfried Metsch

DIE KUNST
DES AUFSTANDS

Studien zu Revolution, Guerilla und Weltkrieg bei Friedrich Engels und Karl Marx


eISBN 978-3-85476-705-3

© mandelbaum kritik & utopie, wien, berlin 2020

alle Rechte vorbehalten

Satz: Kevin Mitrega

Umschlag: Martin Birkner

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I: Die Kunst des Aufstands

II: Guerillakrieg

III: Friedrich Engels und der Erste Weltkrieg

»Nun ist der Aufstand eine Kunst« –

Zum 200. Geburtstag von Friedrich Engels

Vorwort

Politisch interessierte Menschen identifizieren nicht zu Unrecht die praktischen und theoretischen Aktivitäten von Karl Marx und Friedrich Engels anhand des Begriffs »Revolution« – also einer grundlegenden Veränderung der ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Strukturen einer Gesellschaft. Ebenso impliziert dieser Revolutionsbegriff für viele, insbesondere für politische Gegner von Marx und Engels, den Inhalt von »Gewalt, Terror und Chaos«. Doch bei näherer Analyse wird man feststellen, dass bei ihnen weder eine dogmatische noch eine willkürliche Herangehensweise in Gewaltfragen vorliegt. Die Rolle der Gewalt in revolutionären Umgestaltungsprozessen ist bei Marx und Engels viel differenzierter ausgearbeitet, als weithin angenommen wird. Sie waren weder Pazifisten noch Gewaltapostel.

Revolutionen sind nach Marx und Engels wesentlich von ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Ursachen und Erscheinungsformen geprägt. Gewaltanwendung ist selbstredend ein Teilaspekt des Revolutionsprozesses. Da aber die Vernachlässigung der Rolle der Gewalt in gesellschaftlichen Umwälzungsprozessen, in der Insurrektion, verheerende Folgen und Opfer für die Protagonisten und die revoltierenden Volksmassen zeitigen kann, fordern Marx und Engels, dass sich Revolutionäre unbedingt die »Kunst des Aufstandes«1 vorurteilsfrei und realistisch zu eigen machen müssen.

Insbesondere Engels stürzte sich in produktiver Arbeitsteilung mit Marx in umfangreiche militärische Studien, um die Umgestaltung der Gesellschaft – die Revolution – einerseits auf möglichst humane Weise ohne größeres Blutvergießen zu erreichen, anderseits aber auch, falls notwendig, für gewaltsame Auseinandersetzungen (Bürgerkrieg) gewappnet zu sein.

Im zweiten Teil unserer Abhandlung legen wir dar, wie Marx und Engels den asymmetrischen Befreiungskrieg, den revolutionären Volkskrieg/Guerillakrieg, gegen fremde Invasoren untersuchten und einschätzten. Mit dem Erstarken der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert in Europa sowie dem Engagement der beiden für entstehende sozialistische Parteien rückten jedoch Formen der proletarischen Machteroberung vermehrt ins Zentrum ihrer Analysen und Ratschläge.

Merkwürdigerweise – obwohl die Frage einer vielleicht notwendigen gewaltförmigen Machterlangung eine wesentliche strategische und taktische Herausforderung für die Arbeiterbewegung darstellt – untersuchte bisher niemand umfassend die militärischen Ansichten und Erkenntnisse zum gewaltförmigen Revolutionsprozess bei Marx und Engels. Vielmehr dominieren in der sozialistischen Arbeiterbewegung, wenn überhaupt, bruchstückhafte und oft massiv aus dem Zusammenhang gerissene und verzerrte Aussagen zur militärischen Seite der Arbeiterinsurrektion, um Marx und Engels für parteipolitische Ziele oder interne Flügelkämpfe zu vereinnahmen und damit die je eingeschlagene Strategie und Taktik zu »legitimieren«.

Beatrice Heuser versteht in ihrem lesenswerten Buch über »Rebellen, Partisanen, Guerilleros« eindeutig »unter ›Aufstand‹ in der Regel eine Erhebung gegen ein verhasstes Regime (…) Ein Aufstand ist eine besondere Form des Bürgerkrieges, vermutlich die am häufigsten vorkommende, bei der auf der einen Seite das herrschende Regime steht, mit all seinen Institutionen (Polizei, Militär, Justiz, Steuerwesen…) und seiner Macht (die in der Regel die internationale Anerkennung mit einschließt) und auf der anderen Seite eine Gruppe, die die Autorität des Regimes in Frage stellt (…) Aufstände sind somit asymmetrische Bürgerkriege, in der die eine Seite zunächst alle oben genannten Instrumente der Macht in der Hand hält, die andere Seite hingegen keine.«2

Zur Verdeutlichung des Begriffes »Asymmetrischer Krieg«, der heute in der Militärwissenschaft häufig für revolutionäre Kriegsformen/Gewalt benutzt wird, sollen hier wichtige Merkmale angeführt werden:

a)Es handelt sich um eine gewaltsame Auseinandersetzung zweier Kriegsparteien.

b)Eine Kriegspartei (die vorherrschende Macht) ist deutlich überlegen, ihr Widerpart deutlich unterlegen.

c)Die Überlegenheit bezieht sich auf militärisch relevante Faktoren wie qualitativ bessere Ausrüstung (Waffen, Ausbildung, Ressourcen usw.).

d)Die unterlegene Kriegspartei kann der Hochrüstung des Gegners nichts Vergleichbares entgegensetzen.

e)Die unterlegene Partei soll deswegen zunächst die direkte, offene Konfrontation (Schlacht) mit dem Gegner vermeiden (Kampfausweichung), um nicht vernichtet zu werden.

f)Die notwendige Schlachtvermeidung erfordert Raum zum Ausweichen/Rückzug, enorme Mobilität und/oder die Unsichtbarkeit der Kämpfer.

g)Ist dies nicht möglich, bleibt der unterlegenen Partei nur die statische Defensive (z. B. Barrikade). Das ist im Regelfall vorteilhafter für den hochgerüsteten Angreifer, da er die Initiative behält und den Gegner einkreisen kann.

h)Aufgrund der Ungleichmäßigkeit (Asymmetrie) der Kampfbedingungen dominieren deswegen bei den unterlegenen Kämpfern unkonventionelle und sogenannte unerlaubte Kriegsformen (Guerilla, Terror, Hinterhalt, …).

i)Das Untertauchen und Verschwinden der irregulären Kämpfer in der Bevölkerung verwischt zudem die Unterscheidbarkeit von Kombattanten und Zivilisten.

j)Die Kampfweise der qualitativ unterlegenen Kriegspartei ist damit gezwungenermaßen irregulär/unkonventionell (heimtückisch) und verletzt nach Ansicht der Herrschenden bestehende Kriegsnormen.

k)Deswegen wird diese Kriegführung irregulärer Kämpfer (Freischärler, Rebellen, Aufständische) von der Gegenseite als Banditentum klassifiziert.

Allerdings verschweigt Beatrice Heuser in ihrem Buch mit dem Untertitel »Asymmetrische Kriege von der Antike bis heute« nicht nur die Erkenntnisse von Marx und Engels hinsichtlich des antikolonialen Befreiungskampfes,3 sondern auch die umfassenden Analysen und taktischen Empfehlungen von Marx und insbesondere Engels zu Erscheinungsformen, Abläufen und Erfolgsaussichten gewaltförmiger proletarischer Aufstände im asymmetrischen Bürgerkrieg. Diese zentrale Lücke bei Heuser über die Rolle der Gewalt in Machterlangungsprozessen bei Marx und Engels soll unser Beitrag schließen, denn im 19. Jahrhundert schwebt der asymmetrische Bürgerkrieg stets in und über den Köpfen der entstehenden Arbeiterbewegung. So verwundert es nicht, dass Marx und vor allem Engels sich mehr als vierzig Jahre lang mit der Rolle der Gewalt in proletarischen Machterlangungsprozessen auseinandersetzen. Jehuda L. Wallach ist uneingeschränkt zuzustimmen, wenn er schreibt, dass Engels »bahnbrechend« war für »das Konzept des Revolutionskrieges.«4 Allerdings unterscheidet er nicht präzise zwischen den verschiedenen Typen des asymmetrischen Krieges und vermengt deswegen die verschiedenen Kampfformen.

Aufgrund der zunehmenden Rolle des Militärs, insbesondere in Preußen, und neuer extremer Militärtechnologie beschäftigt sich Engels in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bis zu seinem Ableben, intensiv mit Fragen revolutionärer Taktik – da gewaltförmige Auseinandersetzungen im Klassenkampf seitens der Herrschenden immer wieder drohten beziehungsweise stattfanden: Man denke nur an die blutige Niederwerfung der Pariser Kommune 1871. Im Deutschen Kaiserreich gab es 1878, 1890 und 1894 unter Bismarck wie Wilhelm II. ernsthafte Staatsstreicherwägungen der Armee gegen die »rote Gefahr«, wobei man auf den »Sonderstatus der bewaffneten Macht im Staate, repräsentiert in der Kommandogewalt des Monarchen, in der privilegierten Stellung des exklusiven Offizierskorps, in der Militärgerichtsbarkeit« baute.5

Das Nachdenken über die Kunst des Aufstands führt in Engels’ letzten Lebensjahren zu neuen und interessanten Erkenntnissen über Möglichkeiten der Arbeiterinsurrektion unter asymmetrischen Kampfbedingungen. Allerdings wollten damalige führende Sozialisten, insbesondere in Deutschland, diese Erkenntnisse nicht wahrnehmen oder konnten diese von den proletarischen Massen nicht wahrgenommen werden, da Engels’ Ansichten von der sozialdemokratischen Parteipresse massiv zensiert oder verschwiegen wurden. Auch die Geschichtsforschung hat sich bisher kaum mit der Frage der Ansichten des »alten« Engels zur Neujustierung revolutionärer Taktik, zu Bedingungen und Chancen eines proletarischen Aufstands beschäftigt. Die sowjetisch orientierte Engelsforschung machte um seine Erkenntnisse einen Bogen, da sie nicht so einfach mit der stets betonten herausragenden Bedeutung und Rolle der Arbeiterklasse in der Insurrektion sowie den späteren Aufstandsaktivitäten der Dritten Internationale (Rote Garden) in Einklang zu bringen waren. So finden sich z. B. in Juri Krassins »Theorie der sozialistischen Revolution« hierzu keine Ausführungen, und A. I. Babin verschweigt in seinem ansonsten ausgezeichneten Buch über »Die Herausbildung und Entwicklung der militärtheoretischen Ansichten von Friedrich Engels« wesentliche Äußerungen und Empfehlungen von Engels nach 1890 zu neuen Kampfbedingungen aufgrund eines veränderten Militärwesens, da dies die ideologisch verzerrte Darstellung der militärischen Seite der Oktoberrevolution durch die einschlägigen Handbücher der Dritten Internationale und deren fehlgeschlagene Aufstandspraxis in Frage gestellt hätte.

Zunächst wird in diesem Teil über die Kunst des proletarischen Aufstands bei Marx und Engels die Möglichkeit eines

a)gewaltfreien (friedlichen) Machteroberungsprozesses dargestellt.

Es folgt eine Analyse

b)frühproletarischer Aufstände

sowie

c)der Veränderung der Gewaltbedingungen zu Ende des Jahrhunderts.

Danach werden die

d)Bedingungen und Formen einer möglichen neuen revolutionären Taktik nach Engels umfassend beschrieben.

Abschließend sollen

e)außergewöhnliche Gewaltformen – Verschwörungen, Attentate, Terrorismus und deren Einschätzung bei Marx und Engels am Beispiel Russland und Irland – untersucht werden.

Anhand kurzer historische Exkurse zu geschichtlichen Neuzeitrevolutionen soll

f)der Realitätsgehalt der von Engels vorgeschlagenen revolutionären Taktik

überprüft werden.

Abschließend folgt ein kurzer Blick auf

g)neue staatliche Gewaltinstitutionen zur Aufstandsbekämpfung im 21. Jahrhundert, da sie als Reflex auf vergangene gewaltförmige proletarische Emanzipationsversuche zu verstehen sind.

Das Ziel der Abhandlung ist somit die systematische Rekonstruktion der Rolle der Gewalt im asymmetrischen, gewaltförmigen proletarischen Machterlangungsprozess bei Marx und insbesondere Engels, zumal bisher keine umfassende wissenschaftliche Untersuchung zur Kunst des Aufstands im internen gesellschaftlichen Konflikt vorliegt. Durch ausführliche Zitate und in systematisch-geordneter Weise wird die »Kunst des Aufstands« bei Marx und Engels rekonstruiert. Um einen uferlosen Text zu vermeiden, erfolgt eine Beschränkung auf typische Kernaussagen und Zitate der beiden Protagonisten des revolutionären Kampfes zu den jeweilig aufgeworfenen Fragestellungen.

Der Beitrag beschränkt sich hauptsächlich auf den Gewaltaspekt, die militärische Seite der sozialistischen Insurrektion, obwohl dies immer nur ein Teil eines komplexen Revolutionsprozesses ist. Die ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Voraussetzungen und Bedingungen eines Arbeiteraufstands sind nicht Inhalt dieser Studie.

I
Die Kunst des Aufstands
Anmerkungen zum Charakter einer proletarischen Revolution

Bevor wir die Ansichten von Marx und Engels zum bewaffneten revolutionären Kampf näher analysieren, noch einige Anmerkungen zum Charakter proletarischer Revolutionen, wie die »Klassiker« sie sehen:

Ziel des politischen (Klassen-) Kampfes ist für Marx und Engels die »Eroberung der politischen Macht für und durch die Arbeiterklasse«,6 um die »vollständige Umgestaltung der gesellschaftlichen Organisation«7 zu bewerkstelligen. Eine sozialistische Revolution ist nur »möglich, wo mit der kapitalistischen Produktion das industrielle Proletariat wenigstens eine bedeutende Stellung in der Volksmasse einnimmt.«8 Der Typus der »Minoritätsrevolutionen«9 hat ausgedient: Die »Massen (müssen) selbst mit dabei sein, selbst schon begriffen haben, worum es sich handelt, für was sie mit Leib und Leben eintreten.«10

Aber bei antagonistischen Produktionsverhältnissen ist die »politische Gewalt der offizielle Ausdruck des Klassengegensatzes«11 und »diese Gewalt, in ihrer organisierten Form, heißt Staat.«12 Im »Kommunistischen Manifest« findet sich eine klassische Definition von politischer Gewalt: »Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen.«13 Das 19. Jahrhundert bestätigt mit der Niederwerfung von Arbeiteraufständen, insbesondere nach der blutigen Zerschlagung der Pariser Kommune von 1871, den Unterdrückungscharakter der Staatsmacht. Proletarische Emanzipationsbestrebungen haben deswegen bei ihrem Versuch, die politische Macht zu erobern, mit gewaltförmigen Staatsreaktionen zu rechnen.

Andererseits hat die kapitalistische Produktionsweise als konstituierendes Merkmal den doppelt freien Lohnarbeiter zur Voraussetzung:

»Freie Arbeiter in dem Doppelsinn, daß weder sie selbst unmittelbar zu den Produktionsmitteln gehören, wie Sklaven, Leibeigene usw., noch auch die Produktionsmittel ihnen gehören, wie beim selbstwirtschaftenden Bauer usw., sie davon vielmehr frei, los und ledig sind.«14

Der Lohnarbeiter besitzt den Status eines nicht persönlich abhängigen, also autonomen juristischen Subjektes. In der klassisch bürgerlichen Gesellschafts- und Staatsform nehmen Kapitalisten und Arbeiter als Staatsbürger die Form gleichberechtigter politischer Individuen an, und diese formale Freiheit und Gleichheit verpuppt sich idealerweise in der rechtsstaatlich-parlamentarischen Republik. Unter spezifischen Bedingungen eröffnen sich somit auch Chancen für eine friedliche Umgestaltung der Gesellschaftsverhältnisse durch Inanspruchnahme des allgemeinen Stimmrechts.

Da aber »die kapitalistische Gesellschaft (…) mehr oder weniger durch die besondere geschichtliche Entwicklung jedes Landes modifiziert, mehr oder weniger entwickelt«15 ist, gibt es keinen Königsweg zur Eroberung der politischen Macht. So entspringen die »Bestrebungen und Tendenzen der Arbeiterklasse (…) den realen Bedingungen, in denen sie sich vorfindet.«16 »Wir haben nicht behauptet, daß die Wege, um zu diesem Ziel zu gelangen, überall dieselben seien.«17

Als verschiedene Wege werden in dieser Abhandlung untersucht:

–die Bedingungen der Möglichkeit einer friedlichen proletarischen Revolution

–der frühproletarische Aufstand in der bürgerlich-demokratischen Volksrevolution

–die sozialistische Arbeiterinsurrektion gegen eine an der Macht befindliche Bourgeoisie

–spezifische Gewaltoptionen in extrem autoritären Staatswesen und

–der antikoloniale/antiimperialistische Volksbefreiungskrieg in Form des Guerillakampfes (siehe II)

In gewaltförmigen Auseinandersetzungen spielen natürlich Fragen der Bewaffnung und Rüstung eine wichtige Rolle. Der kapitalistischen Produktionsweise ist eine ständige Veränderung und Revolutionierung der Technologie inhärent. Dies bedeutet, dass »die Fortschritte der Technik, sobald sie militärisch verwendbar und auch verwendet wurden, sofort Änderungen, ja Umwälzungen der Kampfweise fast gewaltsam erzwangen.«18 Proletarische Insurrektionsstrategien müssen daher sehr genau die waffentechnologischen Veränderungen und Bedingungen in ihr Revolutionskalkül einbeziehen.

Eine weitere wichtige Voraussetzung für erfolgreiches revolutionäres Handeln, insbesondere in Gewaltfragen, ist nach Marx und Engels eine konkrete, sachliche Einschätzung/Analyse a) der realen gesellschaftlichen Verhältnisse und b) der jeweiligen »Arbeiterklasse in jedem Stadium ihrer Entwicklung«.19

Ohne Berücksichtigung dieser Bedingungen ist das Scheitern vorprogrammiert. Energisch wendet sich Engels noch im hohen Alter gegen die Reduzierung und Verfälschung ihrer Theorie auf »eine Sammlung von Dogmen, die auswendig zu lernen und aufzusagen sind wie eine Beschwörungsformel oder ein katholisches Gebet.«20 Er beklagt, dass der »Marxismus zu einem Dogma verknöchert«21 oder dass »Passagen aus den Schriften und dem Briefwechsel von Marx in höchst widersprüchlicher Weise ausgelegt worden sind, genau so, als wären es Texte aus Klassikern oder aus dem Neuen Testament.«22 Stattdessen ist für Marx und Engels die konkrete Analyse gesellschaftlich-historischer Verhältnisse die notwendige Grundlage einer darauf aufbauenden Strategie/Taktik, und bei veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen ist die jeweilige politische Handlungsweise entsprechend zu modifizieren.

Ein grundlegender Erfahrungsprozess der sich herausbildenden Arbeiterklasse ist die Erkenntnis über die Asymmetrie der Herrschafts- und Gewaltverhältnisse: »Die da oben – wir da unten«. Die Kampf- und Aktionsbereitschaft der Arbeiterbewegung ist nur unter spezifischen Bedingungen gegeben, denn wenn »die kapitalistische Produktionsweise auf eignen Füßen steht«,23 entwickelt sich im Fortgang »der kapitalistischen Produktion (…) eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit, die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt.«24 Der »stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter«.25 Der alltägliche soziale Klassenkampf um Arbeitslohn und Arbeitsbedingungen, der gewerkschaftliche »Guerillakrieg zwischen Kapital und Arbeit«,26 dieser »versteckt geführte Bürgerkrieg«27 erfordert nur ausnahmsweise die Anwendung »außerökonomischer, unmittelbarer Gewalt«28 seitens der Herrschenden.

Allerdings geht in ökonomischen, sozialen und politischen Krisenzeiten der kalte gewerkschaftliche Krieg immer schwanger mit seiner Verwandlung in den heißen, den »offene(n), blutige(n) Krieg«29 zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten. »Sobald der Klassenkampf im Bürgerkrieg auflodert«,30 gewinnt er eine spezifisch militärische Dimension, spielt die Gewalt eine dominierende Rolle. Die ökonomischen »Krisen (sind) einer der mächtigsten Hebel der politischen Umwälzung«; allerdings gilt genauso, »daß die rückkehrende Prosperität dann auch die Revolutionen knickt, und den Sieg der Reaktion begründet.«31

Ist die Phase des gewaltförmigen Kampfes eingetreten, gibt es »nur zwei entscheidende Mächte: die organisierte Staatsgewalt, die Armee, und die unorganisierte, elementare Gewalt der Volksmassen.«32

Ist der bewaffnete Kampf zur hauptsächlichen Kampfform geworden, muss er »militärisch gesehen«33 werden. Es gilt, die militärische Seite der Revolution zu analysieren und in Handlungsanweisungen umzusetzen. Insoweit treffen sich Marx, Engels und Louis-Auguste Blanqui, der in seinen »Instruktionen für den Aufstand« den Gewaltkonflikt ebenfalls »rein militärisch« abhandelt, um dem aufständischen Volk Hilfestellungen für den Kampf gegen das Militär zu geben.

Marx und Engels betonen zudem stets die herausragende Bedeutung einer selbstständigen Partei der Arbeiterklasse, die im Revolutionsprozess ihre Rolle als Avantgarde konsequent annehmen muss:

»Damit am Tag der Entscheidung das Proletariat stark genug ist zu siegen, ist es nötig – und das haben Marx und ich seit 1847 vertreten –, daß es eine besondere Partei bildet, getrennt von allen andern und ihnen entgegengesetzt, eine selbstbewußte Klassenpartei.«34 1894 schreibt er an Paul Larfague: »Um aber den Sieg zu sichern, um die Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft zu zerstören, braucht ihr die aktive Unterstützung einer sozialistischen Partei, die stärker, zahlreicher, erprobter, bewußter ist als die, über die Ihr verfügt.«35

Das Ziel dieser Studie ist also die Darlegung der von Marx und Engels analysierten militärischen Dimension der Arbeiterinsurrektion, die als relativ eigenständige theoretische Sphäre mit ihren Regeln zu untersuchen ist.

Engels stürzt sich deswegen in umfassende militärische Studien, denn wenn »theoretisch klare Köpfe vorhanden sind«,36 welche der Arbeiterbewegung »vom militärischen Gesichtspunkt aus genau darstellen, was tubar und untubar ist«,37 kann »mancher Unsinn vermieden und der Prozeß wesentlich abgekürzt werden.«38 Sich erst in der Bürgerkriegssituation mit Fragen des bewaffneten Kampfes zu beschäftigen, ist nach Marx und Engels nicht nur verspätet, sondern auch unverantwortlich, denn theoretisch und praktisch ungewappnet einen Klassenkrieg zu führen, provoziert unnötig Opfer, Leid und Elend auf Seiten der Arbeiterklasse und der Bevölkerung.

Zeitlebens analysieren Marx und Engels Chancen und Risiken eines Aufstands der Arbeiterklassenbewegung. Mit großer Sorgfalt studieren sie alle Aufstände ihrer Zeit, registrieren die Veränderungen der Kampfbedingungen und modifizieren ihre Vorschläge und Direktiven zur gewaltsamen Eroberung der Macht; denn der »Aufstand (ist) eine Kunst«.39

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Möglichkeit einer hauptsächlich gewaltfreien, friedlichen Machteroberung der Arbeiterklasse; auch diese Möglichkeit schließen Marx und Engels keineswegs aus.

Der friedliche Weg

Zunächst gilt für Marx und Engels grundsätzlich, dass die angestrebte proletarische Emanzipation – als Aufhebung von Ausbeutung und Unterdrückung – am idealsten im Rahmen einer friedlichen Gesellschaftstransformation verwirklicht wird:

»Es wäre zu wünschen, daß dies [die Aufhebung des Privateigentums auf friedlichem Wege] geschehen könnte, und die Kommunisten wären gewiß die letzten, die sich dagegen auflehnen würden.«40 Alle Chancen nicht-gewaltförmiger Veränderung sind gewissenhaft zu prüfen und zu erwägen: »Wir werden auf friedlichem Wege (…) vorgehen, wo uns das möglich sein wird.«41

Marx und Engels äußern sich konkret zu Bedingungen der Möglichkeit eines friedlichen Weges:

»Man kann sich vorstellen, die alte Gesellschaft könne friedlich in die neue hineinwachsen, in Ländern, wo die Volksvertretung alle Macht in sich konzentriert, wo man verfassungsmäßig tun kann, was man will, sobald man die Majorität des Volkes hinter sich hat: in demokratischen Republiken wie Frankreich und Amerika, in Monarchien wie in England, wo die bevorstehende Abkaufung der Dynastie tagtäglich in der Presse besprochen wird und wo diese Dynastie gegen den Volkswillen ohnmächtig ist.«42

Sind »Preßfreiheit, Vereins- und Versammlungsrecht und die übrigen Mittel zur Organisation und zum Kampf«43 gegeben, steht der friedliche Weg offen. Parlamentarische Demokratien, die solche Rechte gewähren, sind eine gute Ausgangsbasis für einen gewaltlosen Transformationsprozess:

»Gewinnt z. B. in England oder in (den) Vereinigten Staaten die Arbeiterklasse die Majorität im Parlament oder Kongreß, so könnte sie auf gesetzlichem Weg die ihrer Entwicklung im Wege stehenden Gesetze und Einrichtungen beseitigen, und zwar auch nur, soweit die gesellschaftliche Entwicklung dies erfordre.«44

Als weitere Bedingung dieser Möglichkeit dürfen politische Machthaber »nur mit moralischem Einfluß und moralische Autorität«, also »ohne Heer, ohne Polizei, ohne Gerichte«45 den politischen Wettstreit um die Majorität führen.

Da zu Zeiten von Marx und Engels in England und den USA der Staatsapparat (stehendes Heer, Bürokratie usw.) aufgrund ihrer besonderen historischen Entwicklung weitaus weniger als auf dem europäischen Kontinent ausgeprägt war, erscheint diese Möglichkeit plausibel. Sie halten eine »englische Revolution nicht für notwendig, aber – nach den historischen Präzedenzfällen – für möglich. Wenn die unvermeidliche Evolution sich in eine Revolution verwandelt, würde es nicht nur die Schuld der herrschenden Klassen, sondern auch der Arbeiterklasse sein, (…) weil die englische Arbeiterklasse nicht weiß, wie sie ihre Macht ausüben und ihre Freiheiten benutzen soll, die sie beide legal besitzt.«46

Entscheidende Bedingung für die Möglichkeit friedlicher Gesellschaftstransformation – auch in parlamentarischen Demokratien – ist jedoch das Verhalten der politischen Machthaber gegenüber der Systemopposition:

»›Friedlich‹ kann eine historische Entwicklung nur solange bleiben, als ihr keine gewaltsamen Hindernisse seitens der jedesmaligen gesellschaftlichen Machthaber in den Weg treten.«47 Friedliche Entwicklung hat »zur Voraussetzung, daß die Gegenpartei ebenfalls gesetzlich verfährt.«48 Da die jeweils Herrschenden jedoch über die öffentliche Gewalt, die »zentralisierte Staatsmacht mit ihren allgegenwärtigen Organen – stehende Armee, Polizei, Bürokratie, Geistlichkeit, Richterstand«49 sowie »aus bewaffneten Menschen, (…) aus sachlichen Anhängseln, Gefängnissen und Zwangsanstalten aller Art«50 verfügen, ist deren freiwillige Abdankung nach einem grundlegenden Legitimitätsverlust zwar möglich, aber eher unwahrscheinlich. Insbesondere die autoritären, undemokratischen, politisch-repressiven Verhältnisse auf dem europäischen Kontinent im 19. Jahrhundert verhindern einen gewaltlosen Weg:

–»In Frankreich scheint die Vielzahl der Unterdrückungsgesetze und der tödliche Antagonismus zwischen den Klassen eine gewaltsamen Lösung der sozialen Auseinandersetzungen notwendig zu machen.«51

–»In Preußen-Deutschland war vom Beginn der Bewegung an völlig klar, daß man sich vom Militärdespotismus nur durch eine Revolution befreien kann.«52

–»Aber das Faktum, daß man nicht einmal ein offen republikanisches Parteiprogramm in Deutschland aufstellen darf, beweist, wie kolossal die Illusion ist, als könne man dort auf gemütlich-friedlichem Weg die Republik einrichten, und nicht nur die Republik, sondern die kommunistische Gesellschaft.«53

–»Nach den historischen Präzedenzfällen« – gemeint sind die Junischlacht 1848, die Pariser Kommune 1871 und das Sozialistengesetz in Deutschland – und

–dem Emporschrauben der öffentlichen Macht in ganz Europa, sodass »sie die ganze Gesellschaft und selbst den Staat zu verschlingen droht«,54 scheint zu ihrer Zeit Gewaltanwendung unvermeidlich.

Grundsätzlich gilt, dass es keine »um jeden Preis friedliche und Gewaltanwendung verwerfende Taktik«55 für die Arbeiterklassenbewegung geben kann. Zwar haben »Marx und ich, bis zum Überdruß wiederholt, daß für uns die demokratische Republik« die »politische Form«56 des Kampfes ist. Gleichzeitig reflektieren Marx und Engels die Ambivalenz des allgemeinen Stimmrechts in parlamentarischen Demokratien:

»Die Klassen, deren gesellschaftliche Sklaverei sie verewigen soll, Proletariat, Bauern, Kleinbürger, setzt sie durch das allgemeine Stimmrecht in den Besitz der politischen Macht. Und der Klasse, deren alte gesellschaftliche Macht sie sanktioniert, der Bourgeoisie, entzieht sie die politischen Garantien dieser Macht. Sie zwängt ihre politische Herrschaft in demokratische Bedingungen, die jeden Augenblick den feindlichen Klassen zum Sieg verhelfen können und die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft selbst in Frage stellen. Von den einen verlangt sie, daß sie von der politischen Emanzipation nicht zur sozialen fort-, von den anderen, daß sie von der sozialen Restauration nicht zur politischen zurückgehen.«57

Engels bleibt in seinen letzten Lebensjahren hinsichtlich eines friedlichen Wechsels mittels Stimmrechts skeptisch. In der Broschüre »Der Sozialismus in Deutschland« geht er 1891 aufgrund der rasant wachsenden Wählerstimmen der Sozialdemokraten von Gewaltanwendung der Herrschenden aus:

»Kein Zweifel, sie werden zuerst schießen. Eines schönen Morgens werden die deutschen Bourgeois und ihre Regierungen müde werden, der alles überströmenden Springflut des Sozialismus mit verschränkten Armen zuzuschauen; sie werden Zuflucht suchen bei der Ungesetzlichkeit, der Gewalttat.«58

1892 schreibt er in einer Replik: »Vor allem habe ich nicht gesagt, daß ›die sozialistische Partei die Mehrheit erlangen und dann die Macht ergreifen wird‹. Ich habe im Gegenteil betont, die Aussichten stünden zehn zu eins dafür, daß die Herrschenden noch lange vor diesem Zeitpunkt gegen uns Gewalt anwenden würden; das aber würde uns vom Boden der Stimmenmehrheiten auf den Boden der Revolution führen.«59

Für Marx und Engels eröffnen sich also Chancen friedlicher Gesellschaftstransformation generell unter folgenden Voraussetzungen:

a)demokratisch-parlamentarische Republik mit allgemeinem Stimmrecht

b)Einhaltung der Menschenrechte und des Rechtsstaats

c)schwacher zentral-repressiver Staatsapparat (stehendes Heer/Bürokratie/Justiz etc.)

d)Versammlungs- und Organisationsfreiheit der Arbeiterbewegung

e)Selbstbindung der politischen Machthaber an Gesetze und Recht

f)Rückgabe/Abgabe der politischen Macht bei parlamentarischem Mehrheitsverlust nach verlorenen Wahlen

g)weitgehend gewaltlose gesellschaftliche Auseinandersetzungen (kein tödlicher Antagonismus)

Allerdings ist dieser gewaltlose Weg gefährdet, wenn nach demokratischer Eroberung der Regierungsmacht durch die Arbeiterklassenbewegung die entmachteten Klassen und politischen Machthaber gewaltförmigen Widerstand leisten und/oder einen konterrevolutionären Bürgerkrieg provozieren. So »könnte die ›friedliche‹ Bewegung in eine ›gewaltsame‹ umschlagen durch Auflehnung der im alten Zustand Interessierten; werden sie (wie der amerikanische Bürgerkrieg und [die] Französische Revolution) durch Gewalt niedergeschlagen, so als Rebellen gegen die ›gesetzliche‹ Gewalt.«60

Auf einer Sitzung der Internationalen Arbeiterassoziation fasste Marx 1871 zusammen: »Wir müssen den Regierungen erklären: Wir wissen, daß ihr die bewaffnete Macht seid, die gegen die Proletarier gerichtet ist; wir werden auf friedlichem Weg gegen euch vorgehen, wo uns das möglich sein wird, und mit den Waffen, wenn es notwendig werden sollte.«61

Nach Marx und Engels hängt also die Möglichkeit eines friedlichen Weges wesentlich von der jeweiligen Form des politischen Herrschaftssystems, seinem Repressionsgrad sowie dem Grad der Militanz der Klassenkampfauseinandersetzungen ab.

Reformisten/Revisionisten hingegen, wie Joachim Bischoff in »Marxismus und Staat«, behaupten jedoch, dass für Marx und Engels zentrale Bedingung für die friedliche Transformation sei, »ob wir es mit Ländern mit unentwickeltem oder mit entwickeltem Kapitalverhältnis zu tun haben«,62 und dass in »hochentwickelten kapitalistischen Ländern«63 günstige Chancen für den gewaltlosen Weg bestünden.

Die Absurdität und Gefährlichkeit dieser Auffassung zeigen sich schlaglichtartig, wenn man sich vergegenwärtigt, dass dem deutschen Faschismus eine hochentwickelte kapitalistische Produktionsstruktur zugrunde lag und keine günstigen Chancen für eine friedliche und humane Transformation vorlagen. Reformisten setzen Hochkapitalismus (ökonomisches System) automatisch mit demokratischem Rechtsstaat (politischem System) gleich, den die Lohnabhängigen über parlamentarische Mehrheiten – ohne dass es zu gewaltförmigen Auseinandersetzungen kommt – in ihrem Interesse umgestalten können. Diese naive und unrealistische Position besiegelte das Schicksal der deutschen Sozialdemokratie 1933, denn unter Hinweis auf den deutschen Hochkapitalismus und seine angeblich naturnotwendig demokratische Form präferierte man weiterhin friedliche Formen des Klassenkampfes, obwohl der deutsche Faschismus diesen Weg längst ad absurdum geführt hatte.

Für Marx und Engels ist nicht der abstrakte Entwicklungsstand des Kapitalverhältnisses einer Gesellschaft, sondern das jeweils vorherrschende politische System des kapitalistischen Staates (sein Repressionsgrad) und die Gewaltintensität der jeweiligen Klassenkampfkonjunktur ausschlaggebend für die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines friedlichen Transformationsprozesses.

Die Arbeiterbewegung in der antifeudal-bürgerlichen Volksrevolution

Die politische Transformation der feudalen Produktionsweise in eine bürgerlich-kapitalistische kann, wie die Geschichte zeigt, in unterschiedlicher Weise erfolgen: als schrittweise Umwandlung (»Reform/Revolution von oben«) oder als revolutionärer Prozess aufständischer Volksmassen. Für letztere beziehen sich Marx und Engels hauptsächlich auf die Französische Revolution von 1789 und die europäischen Revolutionen von 1848/49. Anhand dieser Erfahrungen erteilen sie der Arbeiterbewegung in der antifeudal-bürgerlichen Revolution strategische und taktische Ratschläge.

Da die Republik »die Herrschaftsform der Bourgeoisie«,64 aber auch »die fertige politische Form für die künftige Herrschaft des Proletariats«65 ist, ist es im Eigeninteresse der Arbeiterbewegung, diese Herrschaftsform zunächst im Bündnis mit der Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum gegen feudale politische Herrschaftsformen durchzusetzen, denn damit ergibt sich eine günstige »neue Operationsbasis für weitere Eroberungen«.66 Ohne das Erreichen von Versammlungs- und Redefreiheit sowie Grundrechten kann die Arbeiterbewegung »ihre Organisation als kämpfende Klasse nicht herstellen«.67 So ist eine antifeudale »wirkliche Volksbewegung«68 zur Etablierung bürgerlicher Verhältnisse vom Proletariat zu unterstützen, auch wenn es selbst noch »zu schwach (ist), um einen bevorstehenden Sieg des Sozialismus erhoffen zu können.«69

In »Revolution und Konterrevolution« beschreibt Engels diese Option:

»Die Arbeiterklasse griff zu den Waffen in dem vollen Bewußtsein, daß dieser Kampf in seiner unmittelbaren Zielsetzung nicht ihrer eigenen Sache gelte; sie befolgte jedoch die für sie allein richtige Taktik, keiner Klasse, die (wie die Bourgeoisie im Jahre 1848) auf ihren Schultern emporgestiegen, die Festigkeit ihrer Klassenherrschaft zu gestatten, ohne mindestens dem Kampf der Arbeiterklasse für ihre eigenen Interessen freie Bahn zu eröffnen (…).«70

Zehn Jahre später formuliert Engels in der Schrift »Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei« diesen strategischen Zusammenhang:

»Die Bourgeoisie kann ihre politische Herrschaft nicht erkämpfen, diese politische Herrschaft nicht in einer Verfassung und in Gesetzen ausdrücken, ohne gleichzeitig dem Proletariat Waffen in die Hand zu geben. (…) Konsequenterweise muß sie also das allgemeine, direkte Wahlrecht, Preß-, Vereins- und Versammlungsfreiheit und Aufhebung aller Ausnahmegesetze gegen einzelne Klassen der Bevölkerung verlangen. Dies ist aber auch alles, was das Proletariat von ihr zu verlangen braucht. Es kann nicht fordern, daß die Bourgeoisie aufhöre, Bourgeoisie zu sein, aber wohl, daß sie ihre eigenen Prinzipien konsequent durchführe. Damit bekommt das Proletariat aber auch alle die Waffen in die Hand, deren es zu seinem endlichen Siege bedarf. Mit der Preßfreiheit, dem Versammlungs- und Vereinsrecht erobert es sich das allgemeine Stimmrecht, mit dem allgemeinen, direkten Stimmrecht, in Vereinigung mit den obigen Agitationsmitteln, alles übrige. Es ist also das Interesse der Arbeiter, die Bourgeoisie in ihrem Kampfe gegen alle reaktionären Elemente zu unterstützen, solange sie sich selbst treu bleibt«.71

Nach der Erringung der Republik und mit der Teilhabe/Herrschaft des Bürgertums an der Macht endet dieses Zweckbündnis jedoch. Die Arbeiterklassenbewegung bildet sofort die »neue Opposition«,72 da »es unser Interesse und unsere Aufgabe (ist), die Revolution permanent zu machen, solange bis alle mehr oder weniger besitzende Klassen von der Herrschaft verdrängt sind.«73

Allerdings existieren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erst »Plebejer, die Anfänge des späteren Proletariats«74 oder das »Vorproletariat«.75 Die eigentlichen und »geborne[n] Repräsentanten des revolutionären Sozialismus wie die Arbeiter der Großindustrie«76 erscheinen erst mit der kapitalistischen industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diesen Unterschied in den Konstituierungsbedingungen des Proletariats gilt es zu beachten: Je entwickelter der Kapitalismus und sein Zwillingsbruder Arbeiterklasse, desto geringer ist aufgrund des Antagonismus ihrer Interessen die Wahrscheinlichkeit eines echten Bündnisses von Bourgeoisie und Arbeiterbewegung gegen feudale Gesellschaftsverhältnisse.

Grundsätzlich waren die frühen antifeudal-bürgerlichen Revolutionsbewegungen »geleitet, (…) von einer Minorität«, dem Bürgertum, und ihrem Inhalt nach immer noch »Minoritätsrevolutionen«, »selbst wenn die Majorität« (das Volk, die Arbeiter) »dazu mittat«.77

In der berühmten Ansprache der Zentralbehörde an den Bund der Kommunisten im März 1850 formulieren Marx und Engels anhand der Erfahrungen der Revolutionen von 1848/49 zwei grundlegende Prinzipien für die entstehende Arbeiterklassenbewegung:

1.Die Arbeiter sollen »ihre selbständige Parteistellung sobald wie möglich einnehmen« und sich »keinen Augenblick an der unabhängigen Organisation der Partei des Proletariats irremachen lassen.«78 Sie sollen in revolutionären Zeiten »in der Form von Gemeindevorständen, Gemeinderäten, sei es durch Arbeiterklubs oder Arbeiterkomitees« quasi »eigene revolutionäre Arbeiterregierungen«79 bilden und bei jeder Gelegenheit »ihre eigenen Kandidaten aufstellen, um ihre Selbständigkeit zu bewahren, ihre Kräfte zu zählen, ihre revolutionäre Stellung und Parteistandpunkte vor die Öffentlichkeit zu bringen.«80

1892 betont Engels in einem Brief an Kautsky diesen zentralen Punkt erneut: »In unserer Taktik steht eins fest für alle modernen Länder und Zeiten: Die Arbeiter zur Bildung einer eignen, unabhängigen und allen bürgerlichen Parteien entgegengesetzten Partei zu bringen.«81

2.Im Revolutionsprozess »müssen die Arbeiter bewaffnet und organisiert sein«.82 Sie sollen versuchen, »sich selbständig als proletarische Garde, mit selbstgewählten Chefs und eigenem selbstgewählten Generalstabe zu organisieren.«83 »Die Bewaffnung des ganzen Proletariats mit Flinten, Büchsen, Geschützen und Munition muss sofort durchgesetzt (…) werden.«84 Diese bewaffnete proletarische Garde hat unter den »Befehl« der »von den Arbeitern durchgesetzten revolutionären Gemeinderäte zu treten.«85

1871 betont Marx unter dem Eindruck der Unterdrückung der Pariser Kommune auf einer Rede zum siebenten Jahrestag der Internationalen Arbeiterassoziation: »Die arbeitenden Klassen müßten sich das Recht auf ihre Emanzipation auf dem Schlachtfeld erkämpfen« und »erste Voraussetzung sei eine Armee des Proletariats«.86

Während des Aufstands den »Kern einer revolutionären Armee zu organisieren«,87 ist jedoch aufgrund der asymmetrischen Ausgangslage eine schwer zu lösende Aufgabe, denn zumeist verfügt die herrschende Regierungsmacht über intakte und überlegene Streitkräfte zur Niederschlagung der Insurrektion. Prinzipielle Unterlegenheit der Aufständischen (s. u.) charakterisiert den bewaffneten Konflikt.

Zum Verständnis dieser Problematik sei kurz angemerkt, dass im 19. Jahrhundert keine (kasernierten/paramilitärischen) Polizeikräfte zur Bekämpfung von Aufständen und Unruhen existierten. Diese Aufgabe oblag dem Militär und wurde durch Ausrufung des Belagerungszustandes und der Unterstellung der Zivilbehörden unter das militärische Kommando realisiert. Erst in und nach der Weimarer Republik kam es schrittweise zur Militarisierung der Polizei, um Unruhen niederzuwerfen. Die Militarisierung der Polizei hat inzwischen enorme Ausmaße angenommen und ist zur Revolutionsunterdrückung bestens geeignet. Das Militär übernimmt nur noch bei extremen Gewaltauseinandersetzungen – im Rahmen von Notstandsgesetzen – Polizeifunktionen zur Herstellung von Ruhe und Ordnung.88

Die brutale Unterdrückungsfunktion des Militärs hat Friedrich Engels während der Revolution von 1848/49 am eigenen Leib erfahren; sie hat ihn zu umfangreichen militärischen Studien veranlasst.89

Die Problematik des frühproletarischen Aufstands

Nüchtern analysieren Marx und Engels die asymmetrischen Kräfte und Mittel im frühproletarischen gewaltförmigen Revolutionsprozess.

a)Waffen und Munition

»Wo sollten sie auch Waffen und Munition hernehmen?«90 Der Sturm auf die »Jagd- und Luxusflinten der Waffenläden«91 oder gar auf die Zeughäuser und Arsenale des Militärs ist äußerst risikobehaftet. 1895 schreibt Engels: »Bis 1848 konnte man aus Pulver und Blei sich die nötige Munition selbst machen, heute ist die Patrone für jedes Gewehr verschieden« und industriell gefertigt, sodass »die meisten Gewehre nutzlos sind, solange man nicht die speziell für sie passende Munition hat.«92 So wurde noch 1848 in Paris während des Juniaufstands aus Schießbaumwolle Munition »in großen Massen im Faubourg Saint Jacques und im Marais fabriziert. Auf dem Platz Maubert war eine Kugelgießerei angelegt.«93

Zudem verfügt die Linieninfanterie des Staates mit der Artillerie (Kanonen/Kartätschen/Granaten) über wirkungsvolle Gewaltmittel, während die Insurgenten üblicherweise »keine brauchbaren Kanonen«94 besitzen.

b)»Schulung«95 und »Disziplin«96

Die militärischen Repressionsstreitkräfte »haben die Handhabung der Waffen, die Kunst sich zu organisieren und sich mit dem Gewehr in der Hand zu verteidigen«97 gelernt. Zudem verfügen sie über »die Kriegserfahrung von Generälen«98 und »gute Cadres«99 – also über akkumuliertes Kriegswissen, um Aufstände zu bekämpfen.

c)»Organisation«100

Da das Militär einer »einheitlichen Leitung« unterliegt, ist eine »planmäßige Verwendung«101 und die jederzeitige »Konzentration der Streitkräfte auf einen entscheidenden Punkt«102 möglich.

d)»Dislokation«103 und Kommunikation

Die Verteilung der Streitkräfte im ganzen Land in gesicherten Ausgangsbasen wie Garnisonen und »ohne Militärinsurrektion uneinnehmbare Zitadelle(n)«104 sichert rasche Verfügbarkeit und Verstärkung. So war 1848/49 das Rheinland schon »durchschnitten in allen Richtungen von Eisenbahnen, mit einer ganzen Dampftransportflotte zur Verfügung der Militärmacht«.105

Die Asymmetrie der Macht- und Kräfteverhältnisse, insbesondere der militärischen Mittel, prägt also entscheidend den bewaffneten Konflikt der frühproletarischen Insurgenten. So analysieren Marx und Engels 1848/49 in der »Neuen Rheinischen Zeitung« nahezu alle Aufstände – sei es in Paris, Prag, Berlin, Frankfurt, Wien, etc. –, um die revolutionären Arbeiter auf mögliche zukünftige bewaffnete Konflikte vorzubereiten.

Für proletarische Insurgenten stellt sich immer wieder die Frage: »Womit Revolution machen ohne Waffen und Organisation?«106

Auf Seiten der Aufständischen ist »alles improvisiert«;107 sie kämpfen »ohne einheitliche Leitung«108 und besitzen »keine militärische Direktion«.109 Vor allem mangelt es den Insurgenten an militärischen Kadern: »Wo sollen in so kurzer Zeit die Offiziere herkommen?«110

Bedenkt man den noch unentwickelten politischen Bewusstseinsgrad des frühen Proletariats und dessen mangelnde Organisationserfahrung, kann man sich lebhaft vorstellen, welche Schwierigkeiten entstehen, wenn man aus »der wirren Masse bewaffneter Proletarier«111 eine schlagkräftige Garde formieren möchte. Die Wiener Revolutionäre machten 1848 bei der Verteidigung ihrer Stadt diese Erfahrung: »Allerdings hatte man zuletzt in aller Eile eine proletarische Garde gebildet; aber da der Versuch, auf diese Weise den zahlreichsten, mutigsten, tatkräftigsten Teil der Bevölkerung heranzuziehen, viel zu spät kam, war sie mit dem Gebrauch der Waffen und mit den allerersten Anfängen der Disziplin zu wenig vertraut, um erfolgreich Widerstand zu leisten.«112

Das wilde Anstürmen der Volksmassen, diese »revolutions improvisees, wie die Franzosen sie nennen«,113 oder »das unvorbereitete Losschlagen«114 ist zwar heldenhaft, aber zumeist mit schrecklichen Folgen für die Aufständischen verbunden. Als Beispiel zitiert Marx die Mailänder Erhebung von 1853: »[…] bewundernswert ist sie als Akt des Heroismus einiger weniger Proletarier, die nur mit Messern bewaffnet, einen Angriff gegen die Zitadelle einer Garnison und gegen eine Armee von 40 000 Mann der besten Truppen ganz Europas wagten.«115

Die Kampfform des Aufstands im frühen 19. Jahrhundert

»Straßenkampf mit Barrikaden«116 – dies ist das klassische Bild des Aufstands im 19. Jahrhundert. Unter dem Ruf »Auf die Barrikaden!« bricht zumeist der Revolutionssturm los. Dieser »Zauber«117 hält lange vor; er wird auch nicht durch die schweren Niederlagen im Pariser Juni 1848, im Wiener Oktober 1849 oder im Dresdner Mai 1849 destruiert. Die kurzfristigen Barrikadensiege 1848/49 stilisieren diese zum entscheidenden Instrument der Volkserhebung. So überrascht es nicht, dass der sozialistische Revolutionär Louis-Auguste Blanqui noch 1868/69 in seinen »Instruktionen für den Aufstand« präzise Anleitungen und Skizzen für die systematische Anlage von Barrikaden verfasst.

Kampfterrain ist die Stadt, die Häuser und Barrikaden sind die Befestigungs- und Verschanzungspunkte der Insurgenten. Das Militär soll im Angriff auf diese seine Kraft verschleißen und zusammenbrechen. Die Kampfszenen gleichen einander immer wieder: »Überall erheben sich Barrikaden und halten das Militär auf.«118 Engels beschreibt anschaulich die Kampfszenen eines typischen Aufstands in seiner Heimatregion Düsseldorf:

»Gegen Abend entspann sich der Kampf. Die Barrikadenkämpfer waren, hier wie überall, wenig zahlreich. Wo sollten sie auch Waffen und Munition hernehmen? Genug, sie leisteten der Übermacht langen und tapfern Widerstand, und erst nach ausgedehnter Anwendung der Artillerie, gegen Morgen, war das halbe Dutzend Barrikaden, das sich verteidigen ließ, in den Händen der Preußen.«119

Über den frühproletarischen Juniaufstand 1848 in Paris verfasst Engels in der »Neuen Rheinischen Zeitung« eine »rein militärische Darstellung des Kampfes«,120 nicht nur um die Tapferkeit des Pariser Proletariats zu würdigen, sondern auch um sich und die Arbeiterbewegung über Bedingungen und Chancen eines Sieges im Straßenkampf zu verständigen. Akribisch notiert er die Art und Weise der Hauptbefestigungen:

»Barrikaden von merkwürdiger Stärke waren hier errichtet, teils von den großen Pflasterquadern gemauert, teils von Balken zusammengezimmert. Sie bildeten einen Winkel nach innen zu, teils um die Wirkung der Kanonenkugeln zu schwächen, teils um eine größere, ein Kreuzfeuer eröffnende Verteidigungsfront darzubieten. In den Häusern waren die Brandmauern durchbrochen und so jedesmal eine ganze Reihe in Verbindung miteinander gesetzt, so daß die Insurgenten nach dem Bedürfnis des Augenblicks ein Trailleurfeuer auf die Truppen eröffnen oder sich hinter ihren Barrikaden zurückziehen konnten.«121

Engels lobt den Revolutionär Kersausie als den »ersten Barrikadenfeldherrn in der Geschichte«.122 Aber im Straßenkampf mit Barrikaden ist »die passive Verteidigung die vorwiegende Kampfform«,123 die Initiative bleibt beim Militär.

Warum scheitern die Barrikadenkämpfe in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts?

Marx und Engels stellen zwei militärische Hauptursachen fest:

1.Die »Verfügung über Geschütz und (…) geübte Genietruppen«124

Der brutale Einsatz von Kanonen durch das Militär im Straßenkampf überraschte die Insurgenten, denn »bisher war nur einmal in den Straßen von Paris mit Kanonen geschossen worden – im Vendemiaire 1795, als Napoleon die Insurgenten in der Rue Saint Honore mit Kartätschen auseinanderjagte. Aber gegen Barrikaden, gegen Häuser war noch nie Artillerie angewandt und noch viel weniger Granaten und Brandraketen. Das Volk war noch nicht darauf vorbereitet; es war wehrlos dagegen.«125 Kann das Militär »ungehemmt durch politische Rücksichten, nach rein militärischen Gesichtspunkten«126 Kanonen gegen Barrikaden einsetzen, endet der Aufstand in einer blutigen Niederlage.

Die Niederschlagung des Wiener Aufstands 1849 steht mustergültig für die Asymmetrie im Barrikadenkampf:

»In den langen, breiten Straßen, die die Hauptverkehrsadern der Vorstädte bilden, wurde eine Barrikade nach der andern von der kaiserlichen Artillerie hinweggefegt«.127

2.Die »Festigkeit des Militärs«128

»In der klassischen Zeit der Straßenkämpfe wirkte (…) die Barrikade mehr moralisch als materiell.«129 Es handelte sich darum, die »Truppen mürbe zu machen durch moralische Einflüsse«.130 Die Erschütterung »der Festigkeit des Militärs« ist der »Hauptpunkt, der im Auge zu halten ist«,131 will man Chancen im Straßenkampf haben. Bleiben jedoch die »Soldaten zuverlässig«132 und kann das Militär ohne politische Rücksichten handeln, scheitert der Aufstand.

Immer wieder betont Engels, dass ein Sieg nur möglich war, »weil die Truppe versagte, weil den Befehlshabern die Entschlußfähigkeit ausging oder aber, weil ihnen die Hände gebunden waren.«133

Scheitert jedoch die Erschütterung und Demoralisierung der Armee, »so bewährt sich, selbst bei einer Minderzahl auf Seiten des Militärs, die Überlegenheit der besseren Ausrüstung und Schulung, der einheitlichen Leitung, der planmäßigen Verwendung der Streitkräfte und der Disziplin.«134 Zudem steht den militärisch unerfahrenen Insurgenten oft eine »brutale Soldateska« gegenüber, die sich in traditionellen Kriegen sowie »in den vielen kleinen Konflikten zwischen Militär und Volk«135 ausbilden konnte.

Als letztes Mittel zur Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung können die jeweiligen Machthaber außerdem auf verlässliche Kolonialtruppen und/oder auf koloniale Unterdrückungsmethoden oder in Vielvölkerstaaten auf intakte Militärverbände nationaler Minoritäten zurückgreifen. Als Beispiele seien nur genannt:

–»Cavaignacs Militärdiktatur aus Algerien nach Paris verpflanzt«136 während des Pariser Juniaufstands 1848. »Das Volk hatte bisher keine Ahnung von solch einer algierischen Kriegsführung mitten in Paris.«137

–Die englische Regierung benutzt Irland als »Vorwand«, um »eine große stehende Armee zu unterhalten, die im Bedarfsfalle, wie es sich gezeigt hat, auf die englischen Arbeiter losgelassen wird, nachdem sie in Irland zur Soldateska ausgebildet wurde.«138

–1893 warnt Engels die Sozialisten in Wien vor Generalstreik, Straßenkampf und Barrikaden, da »man Euch durch Tschechen, Kroaten, Ruthenen etc. ohne weiteres über den Haufen schießen kann.«139

3.Generell sind für proletarische Aufständische »ihre Verteidigungsmittel völlig unzureichend« und fehlen »militärische Kenntnisse und militärische Organisation bei den Mannschaften vollständig«.140 Nicht nur für den Wiener Aufstand 1849 ist es typisch, dass »die Volkspartei nach 8 Monaten revolutionärer Kämpfe keinen Militär von größeren Fähigkeiten hervorgebracht oder für sich gewonnen«141 hat.

Grundsätzlich liegt also der Schlüssel zu Sieg oder Niederlage der Insurrektion im militärisch-politischen Verhalten der Streitkräfte. Diese Erkenntnis bestätigt die schon am 15. September 1848 in der »Neuen Rheinischen Zeitung« zu lesende Meldung:

»Militärrevolte in Potsdam und Nauen. Der Konflikt zwischen Demokratie und Aristokratie ist im Schoß der Garde selbst ausgebrochen (…). Die Potsdamer Soldatenrevolte erspart uns wahrscheinlich eine Revolution.«142

Insbesondere der Badische Aufstand von 1849 zum Schutz der ersten deutschen demokratischen Reichsverfassung, der Paulskirchenverfassung, ist ein Musterbeispiel hinsichtlich der Rolle des Militärs:

»Der Aufstand in Baden kam unter den günstigsten Umständen zustande, in denen eine Insurrektion sich nur befinden kann. (…) Die Armee, die in andern Aufständen erst besiegt werden mußte, die Armee, von ihren adligen Offizieren mehr als irgendwo anders schikaniert, seit einem Jahr von der demokratischen Partei bearbeitet, seit kurzem durch die Einführung einer Art allgemeiner Wehrpflicht noch mehr mit rebellischen Elementen versetzt, die Armee stellte sich hier an die Spitze der Bewegung und trieb sie sogar weiter, als die bürgerlichen Leiter der Offenburger Versammlung wollten. Die Armee gerade war es, die in Rastatt und Karlsruhe die ›Bewegung‹ in eine Insurrektion verwandelte«.143

Dieses Problem der politischen Eroberung und Paralyse des Militärs, um einen möglichst unblutigen Revolutionsprozess zu ermöglichen, wird Engels bis kurz vor seinem Tod beschäftigen. Verzweifelt versucht er, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands entsprechende Lösungswege aufzuzeigen. Er stößt auf taube Ohren. Noch schlimmer: Seine Anregungen und Vorschläge werden in der Parteipresse zensiert, unterschlagen und abgelehnt.

Was ermöglicht den zeitweiligen Sieg auf der Barrikade in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts?

In der antifeudal-bürgerlichen Volksrevolution spielt das in Bürgerwehren/Nationalgarden organisierte bewaffnete Bürgertum eine entscheidende Rolle. Unterstützt die Bürgerwehr den Volksaufstand, ergeben sich gute Chancen, um auf den Barrikaden zu siegen.

Auf dreifache Weise hilft deren Eingreifen den Aufständischen:

a)Die Bürgerwehr trat »direkt auf Seite des Aufstands«144 oder

b)brachte »durch laue unentschiedene Haltung die Truppen ebenfalls ins Schwanken«145 und

c)lieferte »dem Aufstand obendrein Waffen«.146

Weitere positive Faktoren auf Seiten der Insurgenten für den Sieg auf den Barrikaden sind:

–Sie kämpfen »mit dem größten Heldenmut«,147

–unterscheiden sich vom gewöhnlichen Rekruten durch freiwilligen, begeisterten Einsatz und »heroischen Mut«148 und

–bauen auf den Kampfwillen und die unermesslichen Reserven des Volkes, denn »in der Cite schossen Mädchen aus den Fenstern auf die Soldaten«.149

–Letztlich sind es »Menschen und nicht Gewehre, die Schlachten gewinnen müssen.«150

Als wichtige Bedingung für den Barrikadensieg in der antifeudal-bürgerlichen Volksrevolution muss auf Seiten des Militärs allerdings deren Demoralisierung eintreten, indem

a)die Truppe versagt (moralische Zerrüttung),

b)den Militärbefehlshabern die Hände zur Niederschlagung der Insurrektion politisch gebunden sind und

c)es Offizieren und Mannschaften an der Entschlussfähigkeit fehlt oder gar

d)Teile der Armee mit den Insurgenten fraternisieren.

Wenn jedoch auf den Barrikaden die rote Fahne weht und die soziale Republik ausgerufen wird – z. B. Juniaufstand 1848, der Pariser Kommuneaufstand 1871 –, zieht sich die bewaffnete Bourgeoisie (Bürgerwehren/Nationalgarden) nicht nur aus den Kampfhandlungen zurück, sondern bekämpft im bürgerlichen Eigeninteresse den proletarischen Aufstand. Das Bündnis zwischen Bürgertum und Arbeiterklasse gegen feudale politische Herrschaftsformen steht immer auf der Kippe.

1895 konstatiert Engels im Rückblick auf die 48/49er-Revolutionen: Trat die »Bürgerwehr von vornherein gegen den Aufstand« an, »wurde dieser auch besiegt«.151

Für Engels ist die asymmetrische Ausgangslage einer Arbeiterinsurrektion allerdings Ansporn, immer wieder über die Gewaltfrage im Revolutionsprozess nachzudenken.

Die Regeln der Kunst des proletarischen Aufstands

Die seriöse Abwägung der Chancen und Risiken eines Aufstands ist nur die eine Seite der Medaille. Ebenso notwendig ist die Fähigkeit, die Kampfhandlungen zu organisieren und die Kämpfenden in Gefechten taktisch zu führen.

1852 fasst Engels in der Broschüre »Revolution und Konterrevolution in Deutschland«, basierend auf den Erfahrungen der Revolutionen seiner Zeit, seine Ansichten zur Kampfführung zusammen:

So wie der Krieg ist »der Aufstand eine Kunst (…) und gewissen Regeln unterworfen, deren Vernachlässigung zum Verderben der Partei führt, die sich ihrer schuldig macht. Diese Regeln, logische Schlußfolgerungen aus dem Wesen der Parteien und Verhältnisse (…) sind klar und einfach.«152

Diese Regeln sind:153

–Man darf »nie mit dem Aufstand spielen, wenn man nicht fest entschlossen ist, alle Konsequenzen des Spiels auf sich zu nehmen.«

–»Der Aufstand ist eine Rechnung mit höchst unbestimmten Größen, deren Wert sich jeden Tag ändern können.«

–Die »Kräfte des Gegners haben alle Vorteile der Organisation, der Disziplin und der hergebrachten Autorität auf ihrer Seite« – Asymmetrie der Kräfte.

–»kann man ihnen nicht mit starker Überlegenheit entgegentreten, so ist man geschlagen und vernichtet«

–»hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handle man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod jedes bewaffneten Aufstands«

–»Überrasche deinen Gegner, solange seine Kräfte zerstreut sind«

–»sorge täglich für neue, wenn auch noch so kleine Erfolge; erhalte dir das moralische Übergewicht, das der Anfangserfolg der Erhebung dir verschafft hat; ziehe so die schwankenden Elemente auf deine Seite, die immer dem stärksten Antrieb folgen und sich immer auf die sichere Seite schlagen«

–»Zwinge deine Feinde zum Rückzug, noch ehe sie ihre Kräfte gegen dich sammeln können«

–»Um mit den Worten Dantons, des größten bisher bekannten Meisters revolutionärer Taktik zu sprechen: de l’audace, de l’audace, encore de l’audace«

An anderen Stellen ergänzt er:

–»Im Krieg, und besonders im revolutionären Krieg, ist die Schnelligkeit des Handelns, bis ein entscheidender Erfolg errungen, die oberste Regel«154

–»[…] in der Revolution wie im Krieg ist es immer notwendig, dem Feind die Spitze zu bieten, und wer angreift, ist im Vorteil.«155

–Der Aufstand darf nie zum Stillstand kommen. Man hat ihn »ohne einen Augenblick zu zaudern, weiterzutragen«.156

–Ferner muss man »die Macht der Insurrektion zentralisieren«157

–»(…) und in der Revolution wie im Kriege ist es unbedingt notwendig, im entscheidenden Augenblick alles zu wagen, wie die Chancen auch stehen mögen. Es gibt keine einzige erfolgreiche Revolution in der Geschichte, die nicht die Richtigkeit dieser Axiome beweist.«158

Unschwer erkennt man, dass diese Kampfführungsregeln stark von der damals vorherrschenden napoleonischen Kriegsführung abgeleitet sind: energische Offensive, zahlenmäßige Überlegenheit im Gefecht, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Überraschung und Wagemut.159

Gelingt den Insurgenten die Formierung einer revolutionären Armee, spricht nichts dagegen, nach diesen Prinzipien zu handeln. Aber die Anwendung dieser Kampfregeln setzt die Konstituierung/Existenz einer proletarischen Garde oder Armee des Proletariats voraus – dies stellt das eigentliche Problem dar.

Historischer Exkurs: Engels als asymmetrischer Kämpfer

Friedrich Engels befasste sich nicht nur theoretisch mit der Kunst des Aufstands und des Krieges, sondern nahm auch 1849 an den bewaffneten Kämpfen der Revolution teil. Da Engels seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger bei der 12. Kompanie der Gardeartilleriebrigade in Berlin abgeleistet hatte, war es nur konsequent, dass er seine beim Militär praktisch erworbenen Kenntnisse in die Aufstandsbewegung einbrachte.

Zunächst engagierten sich Marx und Engels als führende Mitglieder des »Bundes der Kommunisten« für den Erfolg der Revolution mit der Herausgabe der »Neuen Rheinischen Zeitung«, dem Zentralorgan der Linken. Kurz vor Ausbruch der Märzrevolution 1848 verfasste Marx das »Manifest der Kommunistischen Partei« und formulierte auf dieser Basis als Flugschrift die »Forderungen der kommunistischen Partei in Deutschland«. Auf diese Weise wollten sie direkten Einfluss auf Inhalte und Verlauf der antifeudal-bürgerlichen Revolution in Deutschland nehmen.

Die von der Paulskirchenversammlung in Frankfurt am Main, dem ersten frei gewählten gesamtdeutschen Parlament, am 28. März 1849 »beschlossene und im Reichsgesetzblatt publizierte Verfassung war nach dem Verständnis der Nationalversammlung geltendes Recht«.160 Nachdem aber der preußische König diese demokratische Verfassung am 28. April 1849 definitiv abgelehnt hatte, erstarkte die Konterrevolution. Dagegen entstand nun in der Revolution »eine dritte Aufstandsbewegung, welche die Verwirklichung der Reichsverfassung zum Programm hatte und deshalb unter dem Namen ›Reichsverfassungskampagne‹ in die Geschichtsschreibung eingegangen ist.«161 Militante bewaffnete Volksbewegungen zum Schutz der Nationalversammlung und der Reichsverfassung entwickelten sich in mehreren Städten sowie einigen Regionen Deutschlands. Über den »Erfolg der Bewegung in einem Einzelstaat« entschied jedoch »die Haltung des Militärs«.162 In Dresden (Sachsen) konnten sich die Revolutionäre »auf 3000 wirkliche Kämpfer« und zuziehende »6000« stützen. Diese »waren jedoch zu zwei Dritteln unbewaffnet und kaum einsatzfähig.«163 Loyale preußische Armeeeinheiten marschierten am 5. Mai in Dresden ein, am 9. Mai war der Kampf entschieden. »Mit modernen Zündnadelgewehren und reichlich Artillerie ausgerüstet, waren die preußischen Truppen weit überlegen; 31 gefallenen Soldaten und 97 verwundeten standen rd. 250 Gefallene und 400 Verwundete unter den Revolutionären gegenüber.«164 Die anschließende brutale Verfolgung der Aufständischen mit 6000 Anklagen und 727 längere Zuchthausstrafen (laut Siemann) hatte eine abschreckende Wirkung auf das übrige Deutschland.

Engels beteiligte sich in der Stadt Elberfeld und Umgebung, seiner Heimatregion, am Kampf gegen das preußische Militär. Am 11. und 12. Mai 1849 übergab ihm die militärische Kommission des Sicherheitsausschusses der Stadt das Kommando über die Barrikadenbefestigungen und die Artillerie mit einigen Kanonen.165 Energisch versuchte er, Waffen und Munition zu besorgen, um die Elberfelder Arbeiter zu bewaffnen. Als er reaktionären Bürgerwehren durch Überrumpelung die Waffen abnahm und an verlässliche Arbeiter verteilte, überspannte er die Geduld der Elberfelder Bourgeoisie, die eine »rote Republik«166 fürchtete. Am 14. 5. verlangte sie seine Entfernung aus der Stadt. Engels floh nach Köln, wo gegen ihn wegen Teilnahme am Aufstand am 17. 5. ein Haftbefehl erlassen wurde.

Am 19. Mai verbot die Regierung die »Neue Rheinische Zeitung«, deren Chefredakteur Karl Marx war. Die letzte Kölner Ausgabe der Zeitung erschien ganz in rote Farbe getaucht. Die Wege von Marx und Engels trennten sich in den nächsten Wochen. Während Marx im Ausland den Widerstand organisierte, schloss sich Engels dem bewaffneten badisch-pfälzischen Aufstand zum Schutze der demokratischen Reichsverfassung der Paulskirche an. Dort gab es günstige Bedingungen für den antipreußischen Widerstand, da in Baden die große Mehrheit der einfachen Soldaten der badischen Armee revoltierte und eine bürgerliche revolutionäre Regierung nach der Flucht des Fürstenhauses gebildet wurde.

In der Pfalz und in Baden kämpfte unter dem Kommando von August von Willich, einem Mitglied des Bundes der Kommunisten, eine Freischärlerbrigade von rund 600 bis 800 Mann, der sich Engels am 13. 6. 1849 anschloss.

»Die Gelegenheit, ein Stück Kriegsschule durchzumachen«,167 wollte er nicht versäumen. Die Kräfte der Gegenrevolution schickten zwei preußische Armeekorps unter dem Kommando des Prinzen von Preußen, dem späteren Kaiser Wilhelm I., sowie ein Bundeskorps zur Unterdrückung der badischen Insurrektion. Sie »rückten in Gewaltmärschen gegen die aufständischen Gebiete vor. Die 36 000 Mann starke konterrevolutionäre Armee fegte in einer Woche aus der Pfalz die 8000−9000 Aufständischen hinaus, die sie besetzt hielten (…) Die revolutionäre Armee setzte sich jetzt nur aus den bewaffneten Kräften Badens zusammen, die etwa 10 000 Mann Linientruppen und 12 000 Freiwillige zählten. Nach sechs Wochen Kampf auf offenem Felde waren die Reste der aufständischen Armee gezwungen, sich in die Schweiz zurückzuziehen … Im Verlauf dieses letzten Feldzugs war Engels Adjutant des Obersten Willich, des Kommandeurs eines Korps aus kommunistischen Freischärlern. Er nahm an drei Gefechten und an der letzten Entscheidungsschlacht an der Murg teil«, schreibt Engels 1885 über sich.168

In der Schrift »Die deutsche Reichsverfassungskampagne«169 schildert Engels im Kapitel »Für Republik zu sterben!« auf 35 Seiten seine Kampferfahrungen als asymmetrischer Kämpfer gegen die preußische Militärübermacht.

Die mangelnde Kampfstärke der badischen Revolutionsarmee (zu wenig Soldaten/kaum Offiziere/Waffen/Munitionsmangel/schlechte Organisation/Disziplin usw.) und die nicht nur zögerliche, sondern bremsende Politik der bürgerlichen Revolutionsregierung führten zur Niederlage des Aufstandes. Zwar kämpften die Freischaren erbittert gegen die preußische Militärmacht, doch am 12. Juli 1849 mussten die restlichen revolutionären Truppen – unter ihnen Engels – ins Schweizer Exil ausweichen. Die letzte revolutionäre Festung Rastatt (etwa 6000 Revolutionskämpfer) kapitulierte am 23. Juli. Danach etablierte Preußen bis 1851 eine brutale Besatzungsherrschaft in Baden mit standrechtlichen Erschießungen (mehrere Dutzend), unzähligen Zuchthausstrafen, Verhaftungen und Geldstrafen, sodass es zu einer massiven Auswanderung von Badenern (insbesondere nach Amerika) kam.

Diese Kampferlebnisse und das brutale Vorgehen des preußischen Militärs (»Kartätschenprinz«) prägten Engels. In den nächsten beiden Jahren verfasste er zwei Arbeiten – »Die deutsche Reichsverfassungskampagne« und »Revolution und Konterrevolution« –, um die Schwächen und Unzulänglichkeiten der Revolution nicht nur in politischer, sondern gerade auch in militärischer Hinsicht aufzuzeigen. Schonungslos kritisiert er die Fehler und Schwächen der badischen Revolutionsarmee. Um diese zukünftig zu vermeiden, beginnt Engels Ende 1850 mit dem systematischen Studium des Militärwesens. So schreibt Marx 1859 an Lassalle:

»Engels hat, seit er sich an der badischen Kampagne beteiligt, aus den Militaribus sein Fachstudium gemacht.«170

Zeitlebens wird er umfangreiche und systematische kriegs- und militärwissenschaftliche Studien betreiben, weshalb ihn seine Freunde und Kampfgefährten scherzhaft »General« rufen und er sich selbst ironisch, aber treffend »als Repräsentant des großen Generalstabs der Partei«171 versteht.

So schreibt er 1851 an Joseph Weydemeyer: »Ich habe (…) angefangen Militaria zu ochsen«, und »wenn man das Ding nicht systematisch betreibt, so kommt man zu nichts Ordentlichem«. So will er »theoretisch einigermaßen mitsprechen«, da die »enorme Wichtigkeit, die die partie militaire bei der nächsten Bewegung bekommen muß«,172 militärisch kompetente Arbeiterführer erfordert. Engels las nicht nur Klassiker der Militärtheorie wie Jomini und Clausewitz, sondern in den nächsten Jahrzehnten mehrere hundert Bücher dieses Genres.173

Engels’ Anspruch war immer, »damit wenigstens einer vom ›Zivil‹ ihnen [den Offizieren] theoretisch die Stange halten kann«, wie er 1851 in einem Brief an Karl Marx schreibt.174 Noch 1893, zwei Jahre vor seinem Tod, sieht er seine Lebensaufgabe darin, »zu beweisen, daß wir beim Militär auch etwas gelernt haben.«175

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221 str. 2 ilustracji
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9783854767053
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