Czytaj książkę: «Die grusinische Braut»
Werner Ryser
Die grusinische Braut
Roman

Im Gedenken an
meine Grossmutter Margaretha Ryser-Graf
Alle Rechte vorbehalten
© 2020 by Cosmos Verlag AG, Muri bei Bern
Lektorat: René Karlen, Roland Schärer
Umschlag: Stephan Bundi, Boll
Einband: Schumacher AG, Schmitten
eISBN 978-3-305-00479-9
Das Bundesamt für Kultur unterstützt
den Cosmos Verlag mit einem Strukturbeitrag
für die Jahre 2016–2020
www.cosmosverlag.ch
Inhalt
Das wilde Land
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Das Versprechen
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Die Brautgabe
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Das wilde Land
1
«Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke, dass ein junger Mann wie Ihr einen Beruf gewählt hat, der nicht nur unsägliches Leid über andere bringt, sondern ihm auch Schaden an seiner Seele zufügt.» Hanna Engist schaute dem jungen Offizier in die Augen. Betrübt? Vorwurfsvoll?
Sie sassen im Hof des Pfarrhauses von Katharinenfeld an einem langen Holztisch im Schatten einer Silberlinde. Es war so still, dass man das Summen der Bienen hörte, die in den gelben Blüten den letzten Nektar des Jahres ernteten.
Gestern, am 12. August 1828, war Vitus von Fenzlau, ein Balte aus Riga, mit dem Regiment seines Onkels, Oberst Dreyling, im Schwabendorf an der Maschawera eingerückt.
In den vergangenen zwei Jahren hatte der Regimentskommandant den Neffen unter seine Fittiche genommen und ihn zu seinem Flügeladjudanten befördert. Dreylings Einheit gehörte zur Armee General Paskewitschs, welche die Perser weit über Jerewan hinaus vor sich hergetrieben hatte. Der Schah war gezwungen gewesen, die Russen um Frieden zu bitten und ihnen bedeutende Gebiete im Süden Transkaukasiens abzutreten.
Der Leutnant hatte soeben der Frau von Pastor Engist den Feldzug geschildert. Er hatte ihr von Gefechten berichtet, von Toten und Verwundeten und von brennenden Dörfern. Und als sie darauf insistierte, hatte er ihr auch von weinenden Frauen und Kindern erzählt, die von einem Tag auf den andern Witwen und Waisen geworden waren.
Lange sassen sie schweigend nebeneinander und hingen ihren Gedanken nach. Vitus von Fenzlau schaute zur Krone des Baumes hinauf, zu den herzförmigen, noch sommergrünen Blättern.
Hanna Engist, eine mütterliche Frau, legte ihre Hand auf den Arm des Balten. «Das Leben könnte so schön sein», sagte sie. Nach einer langen Pause fuhr sie fort: «Meine erste Liebe war ein Rheinschiffer. Er wurde von den Franzosen zum Militär gepresst und kam ums Leben, als er auf Saint-Domingue helfen sollte, einen Sklavenaufstand niederzuschlagen. Mein Bruder Paul folgte Napoleon freiwillig durch ganz Europa. Er gehörte zu den wenigen, die den Russlandfeldzug überlebt haben. Dann ging er für seinen Kaiser nach Waterloo. Von dort ist er nicht mehr zurückgekehrt. Gott allein weiss, wie viel Unheil die beiden als Soldaten angerichtet haben.» Noch immer lag ihre Hand auf Vitus’ Arm. «Es bricht mir das Herz», wiederholte sie, «dass ein junger Mann wie Ihr einen solchen Beruf gewählt hat.»
Von Fenzlau empfand den Vorwurf als ungerecht. Er hatte das Soldatenhandwerk nicht gewählt. Anders als sein jüngerer Bruder Gregor, dessen kaufmännisches Interesse ihn für die Nachfolge im väterlichen Handelshaus prädestinierte, war Vitus von Kindheit an für die Offizierslaufbahn bestimmt gewesen. «Du bist der Erbe eines grossen Namens», hatte ihm sein Vater, Baron Wernher von Fenzlau, immer wieder eingetrichtert, wenn er ihn in sein Kontor bestellte, «und es gehört zur Tradition der Familie, dass wir dem Zaren einen unserer Söhne schenken.»
Vitus pflegte bei diesen Gesprächen über den Kopf seines Erzeugers hinweg zum Urgrossvater zu schielen, der in Öl verewigt aus seinem Goldrahmen den Nachkommen prüfend ins Auge fasste, als frage er sich, ob der Junge würdig sei, dereinst den Titel Baron weiterzutragen, mit dem Peter der Grosse nach der Eroberung der Ostseeprovinzen dem Ahnherrn den Adel bestätigt hatte.
Wernher von Fenzlau, ein spitzbärtiger, wohlbeleibter Herr, war ein Patriarch der alten Schule. Seine beiden Söhne küssten ihm, wenn es die Gelegenheit erforderte, die Hand, die Diener den Ärmel. Er hielt sich häufig im Erdgeschoss auf, wo sich sein Kontor befand, von dem aus er seine Geschäfte betrieb. Er wurde von vier Gehilfen unterstützt, die täglich zwölf Stunden für ihn arbeiteten. Der Baron war ein Grosskaufmann, der weit über die Ostsee hinaus Handel mit Gütern aller Art betrieb. Ausserdem besass er zwei Frachtsegler, respektable Dreimaster, die von Fenzlau, der von den germanischen Göttersagen fasziniert war, Frigg und Freya getauft hatte.
Die Freya war es denn auch, die den vierzehnjährigen Vitus im Oktober 1821 nach Sankt Petersburg gebracht hatte, wo in einer Kadettenanstalt seine Laufbahn als Offizier ihren Anfang nehmen sollte. Der Vater und Gregor waren in Riga an der Pier gestanden, die Hände in den Taschen ihrer Mäntel vergraben, und hatten zugeschaut, wie der grosse Frachtensegler ablegte und sich von der Strömung der Düna meerwärts treiben liess. Hinter einem Schleier von Nieselregen zogen die Fronten der reichen Bürgerhäuser an Vitus vorbei. Er erkannte die Türme der Sankt-Jakobs-Kathedrale, des Doms, der Petri- und Johanneskirche. «Denk immer daran, dass du ein von Fenzlau bist, und mach unserem Namen Ehre!», hatte der Baron seinem Ältesten mit auf den Weg gegeben.
In Sankt Petersburg kostümierte man Vitus als Soldat. Man steckte ihn in einen blauen Waffenrock mit rotem Revers und roten Ärmelaufschlägen und in enge, blassgelbe Hosen, die aus weissen Gamaschen wuchsen, die von den blank polierten schwarzen Schuhen bis über die Knie reichten. Ein schwarzer Zweispitz als Kopfbedeckung vervollständigte das Bild des Halbwüchsigen, der bei Inspektionen durch seine Vorgesetzten mit angespanntem Gesicht stocksteif wie ein Ölgötze dastand, mit der linken Hand den Griff des Degens umklammernd, der an seinem Gürtel befestigt war, während die rechte vorschriftsgemäss auf der Hüfte ruhte.
Die viereinhalb Jahre, die er in der Anstalt auf der Wassijewskij-Insel verbrachte, erwiesen sich als eine endlose Reihe von Tagen, angefüllt mit dem ewig gleichen Programm, das ganz im Zeichen der militärischen Disziplin und der körperlichen Ertüchtigung stand. Man liess die Schüler stundenlang exerzieren, bis sie jenen Kadavergehorsam verinnerlicht hatten, den sie später einmal als Offiziere ihren Soldaten abverlangen sollten. Ihre Lehrer hetzten sie mehrmals in der Woche über einen Hindernisparcours. Sie mussten sich in Gewaltmärschen bewähren und sich in Wettläufen die Seele aus dem Leib kotzen. Man drillte sie im Umgang mit Pistole und Gewehr, bis sie fähig waren, auch mit verbundenen Augen ihre Waffen zu laden und zu entladen, sie zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen. Als künftige Offiziere lernten sie fechten, reiten und tanzen. Daneben vermittelte man ihnen eine umfassende Allgemeinbildung. Sie wurden in Naturwissenschaften, Mathematik, Fremdsprachen, Zeichnen und Geschichte unterrichtet. Tugend, Tapferkeit und Treue zum Zaren war die Maxime, die sie jeden Morgen im Chor brüllten, wenn auf dem Exerzierplatz die russische Fahne hochgezogen wurde.
Katharinenfeld lag in Niederkartlien, sechzig Werst südöstlich von Tiflis. Es war eines von mehreren Dörfern, die von schwäbischen Auswanderern in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in Grusinien, wie die Russen Georgien nannten, gegründet worden waren. Um einen grossen Platz im Zentrum standen die öffentlichen Gebäude: die Schule und das Pastorat, das auch als Gemeindehaus diente. Eine Kirche gab es noch nicht; man würde sie später bauen. Vorderhand fanden die Gottesdienste im Bethaus statt. Wie in ihrer württembergischen Heimat lebten die rund fünfhundert Kolonisten auch hier in ein- bis zweigeschossigen Streckhöfen, Wohnhäusern, zu denen ein Stall und eine Scheune gehörten. Drei weitere Gebäude wurden gemeinschaftlich genutzt: das Backhaus, die Schmiede und die Badestube.
Nach den langen Monaten in den ausgedörrten Hochebenen zwischen Aragaz und Ararat und den Felswüsten des armenischen Gebirges erschien Leutnant von Fenzlau Katharinenfeld wie der Garten Eden. Die Kolonisten hatten im weiten Tal der Maschawera Obst- und Gemüsekulturen angelegt, Getreide und Kartoffeln gepflanzt. Auf den Weiden vor dem Dorf grasten fette Kühe, aus deren Milch sie Käse und Butter herstellten. Quelle des Wohlstands war aber der Weinbau. Mit Bewässerungskanälen, die wie ein artesischer Brunnen das Grundwasser durch unterirdische Tunnel an die Oberfläche leiteten, vergrösserte man laufend die Anbauflächen.
Hier in Katharinenfeld sollte sich das Regiment Dreyling für ein paar Tage vom Feldzug gegen die Perser erholen sowie Ausrüstung und Bewaffnung wiederherstellen und ergänzen. Während die Soldaten und Unteroffiziere am Dorfrand in Zelten untergebracht wurden, quartierte man die höheren Chargen in Privathäusern ein. Der Oberst bezog mit den Herren seines Stabs, zu dem auch der junge von Fenzlau gehörte, die Räumlichkeiten des Dorfamtes in der ersten Etage des Pfarrhauses. Ihre Gastgeber waren der Pastor Christian Engist und dessen Frau Hanna.
«Ihr habt Euch hier in Katharinenfeld ein wahres Paradies geschaffen», bemerkte Oberst Dreyling zur Pfarrfrau, als er und seine Offiziere an diesem Abend im Pastorat speisten.
«So, glaubt Ihr – ein Paradies?» Hanna Engist schaute den Kommandanten nachdenklich an. «Ja, es könnte ein Paradies sein», nickte sie, «wenn wir nicht vor zwei Jahren die Hölle erlebt hätten, als eine Horde von Ungläubigen unser friedliches Dorf überfiel. Wir werden morgen in einem Gottesdienst für die Toten und die Verschollenen unserer Gemeinde beten.»
Ihr Mann hob den Kopf und schaute seine Frau an. «Ich glaube nicht, dass sich die Herren für das Leid interessieren, das die Perser und Tataren über uns gebracht haben», meinte er tadelnd.
«Sagen Sie das nicht!», sagte Oberst Dreyling. «Schliesslich haben wir zwei Jahre lang gegen das Gesindel gekämpft.»
«Nun, wenn Ihr es durchaus wissen wollt …», begann Christian Engist: «Vor zwei Jahren drangen persische Freischärler in den Südkaukasus ein. Sie forderten die hier lebenden Tataren auf, mit ihnen im Namen Mohammeds gegen die Christen zu kämpfen. Rund tausend Bewaffnete überfielen Annenfeld und Helenendorf. Am frühen Morgen des 14. Augusts standen sie auch vor unserem Dorf. Sie machten jene, die sich zur Wehr setzten, mit ihren Säbeln nieder, durchbohrten sie mit ihren Lanzen oder erschossen sie. Fünfzehn Kolonisten kamen ums Leben, neunundneunzig Frauen, zweiundfünfzig Männer und dreiundvierzig Kinder wurden gefangen und weggeführt, um auf muslimischen Sklavenmärkten verkauft zu werden.» Der Pastor wandte sich abrupt ab. «Verzeiht, ich muss noch an meiner Predigt für morgen arbeiten.»
Bedrückt schaute ihm seine Frau nach, als er den Raum verliess. «Wir waren in jenen Tagen zusammen mit unserem vierjährigen Niklaus bei seinem Amtsbruder in Elisabethtal», erklärte sie. «Für unsere Familie war das ein Glück. Aber er macht sich bis heute Vorwürfe, dass er damals nicht bei seiner Gemeinde gewesen ist.»
Am dritten Tag seines Aufenthalts in Katharinenfeld lernte Vitus von Fenzlau bei einem Ausritt Johannes Grathwohl kennen, der auf seinem Acker am Dorfrand arbeitete. Sie kamen miteinander ins Gespräch. Ob er beim Überfall vor zwei Jahren schon hier gelebt habe, wollte der Leutnant wissen.
Der Kolonist, kaum älter als von Fenzlau, schob den Strohhut in den Nacken und musterte sein Gegenüber. Dann fuhr er sich mit der Hand durch den dunklen Bart. «Gewiss», sagte er schliesslich in seinem schwäbisch gefärbten Deutsch. «Ich war hier. Wenn Ihr mit mir das Vesperbrot teilen mögt, kann ich Euch davon berichten.»
Vitus stieg vom Pferd und band es an den Stamm eines jungen Ahorns, in dessen Schatten sie sich niederliessen. Der Jungbauer nahm aus einem Korb Brot, kaltes Fleisch, Käse und Früchte und legte alles auf ein sauberes Tuch, das er zwischen sich und seinem Gast auf dem Boden ausbreitete. Während sie assen und Most tranken, erzählte Grathwohl, dass er als Zwölfjähriger mit einer pietistischen Auswandererharmonie von Württemberg nach Georgien gekommen sei. «Ich war der einzige der Familie, der Katharinenfeld erreicht hat», fuhr er fort. «Auf der Reise donauabwärts brach die weisse Ruhr aus. Drei Dutzend Brüder und Schwestern starben. Unter ihnen waren auch meine Eltern und meine drei Geschwister. Eine Nachbarin aus unserem Dorf hat mich und Barbara Gmelin, ein Mädchen, das unterwegs ebenfalls zur Waise geworden war, in die Schar ihrer Kinder aufgenommen.»
Grathwohl machte eine lange Pause. «Die Regierung schenkte jeder Familie dreissig Hektaren Land», fuhr er schliesslich fort. «Wir alle halfen mit, die Kolonie aufzubauen, das Land zu roden, Äcker anzulegen und das Vieh, das wir aus unserem letzten Geld gekauft hatten, zu hirten. Die ersten Jahre waren hart. Später wurde es besser, denn dies ist ein gesegnetes Land. Als ich zweiundzwanzig war, wies man mir den Hof eines Kolonisten zu, der kurz zuvor verstorben und dessen Familie zu Verwandten nach Helenendorf gezogen war. Gleichzeitig gab man mir die inzwischen siebzehnjährige Barbara zur Frau. Wir waren noch dabei, einander als Eheleute vertraut zu werden, als das Unheil über uns hereinbrach.» Johannes schluckte. Er starrte lange auf den Boden. Dann fixierte er irgendeinen Punkt in der Ferne.
An jenem 14. August vor zwei Jahren war er noch beim Morgengrauen aufs Feld gegangen, um den Weizen nicht in der Hitze des Tages einbringen zu müssen. Bei Sonnenaufgang kamen sie. Er hörte zuerst ihre schrillen Rufe, dann sah er Hunderte von Reitern, die sich auf der Kuppe eines Hügels in tief gestaffelten Reihen formierten. Es waren Perser und Tataren, erkennbar an ihren Turbanen und Papachi, den traditionellen Fellmützen. Viele von ihnen trugen weisse, wehende Gewänder, andere knielange, bis zum Gürtel eng geschnittene, dann weite Mäntel in verschiedenen Farben. Manche waren mit Gewehren bewaffnet, andere mit Lanzen, die mit farbigen Wimpeln geschmückt waren und deren Spitzen in der Sonne glänzten. Johannes warf sich zu Boden, bedeckte sich mit Korn, das er bereits geschnitten hatte, und hoffte, dass sie ihn nicht entdeckten. Er hörte einen scharfen Befehl, dann das Trommeln der Hufe galoppierender Pferde, die näher kamen, immer näher, sich aber schliesslich von ihm entfernten. Vorsichtig hob er den Kopf und sah, dass die Krieger breit ausschwärmten und das noch schlafende Dorf umzingelten. Während sie unter Kriegsgeschrei in die Siedlung eindrangen, flüchtete Johannes durch das Ährenfeld hinunter zur Maschawera. Er durchwatete das seichte Gewässer und versteckte sich im dichten Gebüsch am Ufer. Dann hörte er Schüsse, Kindergeschrei und Wehklagen. Vorsichtig bog er die Zweige auseinander. Er sah, wie aus dem Dorf Rauch aufstieg, sah Menschen, die versuchten zu fliehen, von den Reitern aber eingeholt, zu Boden geworfen und gefesselt wurden. Johannes zitterte am ganzen Leib. Er barg sein Gesicht in den Händen. Er fühlte sich ohnmächtig und war erfüllt von einer tiefen Scham, weil er seiner jungen Frau, die jetzt, in diesem Moment dem Furor der Barbaren preisgegeben war, nicht helfen konnte. Er flehte Gott an, dem Wüten der Heiden ein Ende zu setzen, seine Heerscharen zu schicken oder wenigstens ein Regiment Russen. Aber nichts dergleichen geschah. Allmählich verstummte der Lärm. Eine unheimliche Stille lag über Katharinenfeld. Und dann, nach drei oder vier Stunden, die ihm wie eine Ewigkeit erschien, sah er, wie die Räuberhorde abzog. Sie nahmen den Weg am gegenüberliegenden Ufer des Flusses und ritten, nicht weiter als einen Steinwurf von ihm entfernt, Richtung Westen. In Wagen, die den Kolonisten gehörten und die von deren Pferden und Ochsen gezogen wurden, führten sie das Hab und Gut der Siedler mit sich. Auch die Vorräte für den kommenden Winter hatten sie geplündert. Sie trieben Kühe, Schafe und Schweine vor sich her, und ganz am Schluss folgte eine traurige Kolonne: Männer in seinem Alter, junge Frauen, Halbwüchsige, Mädchen und Burschen, auch Kinder. Johannes meinte, sein Herz müsse stillstehen. Die Ungläubigen, die manchmal mit Peitschen auf sie einschlugen, hatten ihre Hände gefesselt und sie wie Vieh mit langen Stricken aneinandergebunden. Manche weinten, manche sahen mit leeren Blicken vor sich auf den Boden. Er kannte jede und jeden. Mit diesen Menschen war er vor zehn Jahren aus Württemberg ausgewandert. Gemeinsam hatten sie Katharinenfeld aufgebaut und das Land urbar gemacht. Auch Barbara war unter ihnen. Ihre Kleider waren schmutzig und zerrissen. Offenbar hatte sie sich gewehrt. Er wusste, was ihr bevorstand. Man würde sie als Sklavin verkaufen. Auf sie wartete ein Schicksal, das ihm schlimmer erschien als der Tod.
Johannes Grathwohl hatte seine Erzählung zu Ende gebracht. Er schaute den Leutnant an. In seinen Augen schwammen Tränen. «Was haben wir getan, dass es dem Herrn gefallen hat, uns derart hart zu bestrafen?» Er schien keine Antwort auf seine Frage zu erwarten.
Als Vitus von Fenzlau von seinem Ausritt zurückkehrte, sass Hanna Engist wieder am Holztisch unter der Silberlinde. Vor ihr stand eine grosse Schüssel mit grünen Bohnen, die sie bereits gewaschen hatte. Sie legte jeweils fünf oder sechs von ihnen nebeneinander auf ein Küchenbrett, richtete sie aus wie Soldaten, die in einem Glied stehen, und kappte dann mit einem Messer an beiden Enden die Spitzen. Sie lud ihn ein, sich neben sie zu setzen.
Johannes Grathwohl habe ihm die Geschichte des Schreckenstags von Katharinenfeld erzählt, berichtete der Leutnant, nachdem er Platz genommen hatte.
«Er hat Euch seine Geschichte von jenem Tag erzählt», sagte die Frau des Pastors, ohne von ihrer Arbeit hochzublicken.
«Gibt es denn mehrere?»
«Gewiss, eine ganze Dorfgemeinschaft wurde überfallen – mehr als vierhundert Menschen, und so gibt es auch mehr als vierhundert Geschichten. Solche, die erzählt, und solche, die verschwiegen werden. Es gibt die Geschichten von wehrlosen Opfern, von Heldinnen und Helden, von Feiglingen und von Verschonten. Jede dieser Geschichten ist wie ein Faden, der erst im Lauf der Jahre mit anderen zu einer Art Bilderteppich verwoben wird, der ein Ereignis darstellt, das, obwohl es die Wirklichkeit auch nicht wiederzugeben vermag, von unseren Kindern und Kindeskindern für wahr gehalten werden wird.»
Vitus dachte nach. «Was ist denn die Wahrheit?», fragte er.
«Katharinenfeld wurde überfallen. Fünfzehn Menschen wurden erschlagen, hundertvierundneunzig wurden versklavt, zweihunderteinundzwanzig blieben zurück. Aber das Leid, die Schmerzen, die Angst, die Verzweiflung und die Trauer – es gibt keine Worte, die all das angemessen zum Ausdruck bringen könnten. Doch glaubt mir: Es vergeht kein Tag, an dem jene, die damals dabei waren, nicht an diesen 14. August denken. Und jeden quälen andere Bilder.» Noch immer rüstete Hanna Engist ihre Bohnen. Konzentriert zwickte sie die Spitzen ab, als gebe es nichts Wichtigeres auf der Welt.
«Johannes Grathwohl meint, es habe dem Herrn gefallen, das Dorf zu bestrafen.»
«Johannes Grathwohl versündigt sich, wenn er das glaubt.» Jetzt endlich unterbrach die Frau ihre Arbeit. Sie sah den Leutnant an. «Wenn im Verlauf eines Krieges friedliche Bauern erschlagen und ihre Lieben versklavt werden, so ist das Menschenwerk.» Ihre Stimme klang zornig. «Wahr sind nicht nur die Gräuel, die wir einander antun», fuhr sie nach einer Weile leiser fort. «Wahr ist auch, dass es Mitgefühl gibt und Grosszügigkeit. Ohne die Hilfe unserer Glaubensbrüder aus den anderen Schwabendörfern hier im Kaukasus, die uns einen Teil ihrer Wintervorräte schenkten und uns mit Pferden und Vieh aushalfen, und ohne die finanzielle Unterstützung durch den Generalgouverneur in Tiflis hätten wir die Siedlung wohl nicht wiederaufbauen können.» Sie unterbrach ihre Arbeit erneut. «Inzwischen sind neue Auswanderer zu uns gestossen. Wir haben ihnen die leeren Häuser gegeben. Das Leben geht weiter. Eine neue Generation wird heranwachsen. Hoffentlich darf sie hier in Frieden und Gerechtigkeit leben.»
2
Am 18. August 1828 traf ein Kurier in Katharinenfeld ein und übergab Oberst Dreyling einen Brief. Vitus, der mit seinem Onkel ein Glas Cognac getrunken hatte, schaute zu, wie der Kommandant das Siegel studierte. «Aha, Iwan Fjodorowitsch, Graf von Jerewan, gibt sich die Ehre», knurrte er und riss den Umschlag auf. Dann vertiefte er sich in das Schreiben von General Paskewitsch, den der Zar nach seinem Sieg über die Perser in den Grafenstand erhoben hatte.
«Es geht gegen die Türken.» Dreyling liess das Blatt sinken und schaute seinen Neffen an. «Er will Alchaziche stürmen. Unser Regiment soll spätestens am 25. dort sein.» Er stand auf und studierte, die Hände auf dem Rücken, die Karte Transkaukasiens, die an der Wand hing. Er kniff die Augen zusammen, rechnete. Dann gab er sich einen Ruck. «Ihr trommelt die Bataillonskommandanten zusammen, Herr Leutnant!», befahl er. «In einer halben Stunde ist Befehlsausgabe. Morgen werden wir marschieren.»
Herr Leutnant. Vitus begriff. Die schönen Tage von Katharinenfeld waren vorbei. Er war wieder Adjutant. Man würde in einen neuen Krieg ziehen. Diesmal gegen die Türken. Natürlich. Als orthodox-christlicher Schutzherr unterstützte der Zar die aufständischen Griechen in ihrem Unabhängigkeitskampf gegen den Sultan. Im Juni hatten die Russen im Balkan die Donau überschritten und die Walachai erobert. Jetzt belagerten sie osmanische Festungen in Bulgarien. Offenbar hatte man höheren Orts beschlossen, in Transkaukasien eine zweite Front zu eröffnen.
Begleitet von den scheppernden Tönen der Regimentsmusik brachen sie am nächsten Tag in aller Frühe Richtung türkische Grenze auf: vier Infanteriebataillone, zweieinhalbtausend Soldaten in Viererkolonnen, das Gewehr mit dem aufgepflanzten Bajonett geschultert, auf dem Rücken den schweren Tornister. Neben ihnen, hoch zu Ross, die Offiziere. Am Schluss der Kolonne, gedeckt von vier Eskadronen Kosaken, der Tross: schwere Wagen, vor die man je sechs kräftige Gäule gespannt hatte. Sie waren beladen mit Proviant, Zelten, Waffen, Munition, Ersatzuniformen und dem Gepäck der Offiziere. Ferner einige Marketenderinnen, die auf ihren Karren jene kleinen Dinge mit sich führten, von denen ein Soldat glaubt, nicht ohne sie leben zu können: Schnaps, Tabak, Süssigkeiten und vieles mehr. Eine Gruppe Huren war auch dabei. Sie zogen den Männern den spärlichen Sold aus den Taschen und spendeten ihnen dafür die Illusion von Freude oder Trost. Je nachdem.
Unter der glühenden Augustsonne marschierte das Regiment durch die Graslandschaft am Fuss der Ausläufer des Kleinen Kaukasus. Jetzt im Hochsommer war die Zeit der zweiten Heuernte. In langen Reihen schritten die Mäher mit entblösstem Oberkörper durch die Wiesen. Unter ihren Sensen, mit denen sie im Gleichtakt weit ausholten, fiel das Gras, das von Mägden mit langen Rechen zum Trocknen gezettet wurde. Der Anblick der Landleute erinnerte Vitus an den Gutshof seines Vaters. Er lag an einem von Birken umstandenen Moorsee, unweit von Segewold, einem kleinen Städtchen, inmitten einer weiten, bewaldeten Hügellandschaft, durch die sich die livländische Aa ihren Weg zum Rigaer Meerbusen suchte.
Vitus’ Mutter, Amalie von Fenzlau, hatte dort mit ihren Söhnen jeweils die Sommerfrische verbracht. Wenn der Hauslehrer ihn und Gregor am frühen Nachmittag aus dem Unterricht entlassen hatte, pflegte sich Vitus auf dem väterlichen Hof herumzutreiben. Er half mit, wenn die Bauern, die Baron von Fenzlau Frondienst schuldeten, das Gras für die Winterfütterung des Viehs einbrachten. Er sah ihren Frauen und Töchtern zu, die morgens und abends die hundert Kühe melkten, und er stand neben Karl Schüpbach, wenn dieser die erwärmte und geronnene Milch mit der Käseharfe im grossen Kessel, der am Turner hing, verrührte.
Schüpbach, ein untersetzter kräftiger Mensch mit einem stets geröteten Nacken, war für die von Fenzlaus der Schweizer, wie die Balten den Beruf des Senns bezeichneten. Er war zuständig für die Überwachung der Herde, und er verarbeitete die Milch zu Butter und Käse, goldgelbe, kreisrunde Emmentaler, die vom Baron mit gutem Gewinn nach Sankt Petersburg verkauft wurden, wo man sie, wie es hiess, am Zarenhof schätzte. Das mochte wahr sein oder nicht. Schüpbach jedenfalls platzte fast vor Stolz, als er Vitus einmal verriet: «Dr Cheiser frisst myn Chäs.» Vitus, der sich häufig im Stall und im Käsekeller herumtrieb, verstand inzwischen, zumindest teilweise, den Dialekt des Senns, von dem die Baronin behauptete, er sei eine unmelodische Abfolge von Krachlauten.
Einmal, Vitus stand kurz vor seiner Abreise nach Sankt Petersburg, wollte er vom Käser wissen, weshalb er 1810 seine Heimat verlassen habe und seither in Livland lebe.
«Wegen dem Näppi», erklärte Schüpbach kurz angebunden.
Näppi – wieder so ein schweizerdeutscher Ausdruck. Vitus musste nachfragen, bis er begriff, dass Napoleon gemeint war.
«Die Eidgenossenschaft war verpflichtet, diesem Blutsäufer jedes Jahr sechzehntausend junge Männer für seine Armee zu stellen», empörte sich Schüpbach. «Kaum einer ging freiwillig. Und so liess man das Los entscheiden. Wenn es einen Reichen traf, so konnte er sich freikaufen. Das war ganz einfach. Er musste nur einen Habenichts finden, den er dafür bezahlte, dass er für ihn die Haut zu Markte trug. Die Not war gross. Viele hatten keine Arbeit. Manche litten Hunger. Da war es besser, das Geld zu nehmen, das den Angehörigen für ein paar Monate das Überleben sicherte, als darauf zu warten, dass einen das Los im nächsten Jahr selber traf und man gratis sterben musste.»
«Und damit du dich nicht totschlagen lassen musstest, bist du aus der Schweiz ausgewandert?», wollte Vitus wissen.
Der Senn fasste ihn unterm Kinn und zwang ihn, ihm in die Augen zu schauen. «Nein Bub, wann und wie wir sterben, liegt in Gottes Hand. Ich bin gegangen, weil ich niemanden totschlagen wollte. Meine Familie ist mennonitisch. Unser Glaube verpflichtet uns, keine Waffen zu tragen und den Kriegsdienst zu verweigern. Manche von uns werden deshalb ins Gefängnis geworfen, andere wandern aus. So wie ich.»
Wie das seine Gewohnheit war, wenn sein Regiment ins Feld zog, galoppierte Theodor Dreyling einmal im Tag seiner Einheit voraus, um vom rechten Strassenrand aus die Soldaten zu inspizieren, die an ihm vorbeimarschierten. Flankiert wurde er dabei von einem höheren Unteroffizier, der die Regimentsfahne neben sich in den Boden gerammt hatte, und von Leutnant von Fenzlau. In der Regel fand dieses Ritual am Nachmittag statt, wenn die militärische Zucht der Männer zu wünschen übrigliess, weil sie vom langen Marsch müde waren. Kerzengerade, seine Linke auf den Degen gestützt, sass der Oberst auf seinem Pferd und gab sich den Anschein, als fasse er jeden einzelnen seiner Soldaten, die auf ein scharfes Kommando ihrer Vorgesetzten den Kopf grüssend nach rechts warfen, ins Auge. Von Zeit zu Zeit knurrte Dreyling: «Vierte Kompanie, dritter von rechts im fünften Glied, ein Dutzend!» Oder: «Zwölfte Kompanie, im achten Glied, Flügelmann links, zwei Dutzend!»
Vitus fragte den vorgesetzten Korporal nach dem Namen des Betroffenen, notierte die Anweisungen des Obristen in sein Notizbuch und versäumte nicht, am Abend den zuständigen Kompaniekommandanten daran zu erinnern, dass ein Unteroffizier dem Unglücklichen mit der Knute den nackten Hintern zu verstriemen habe. Die Kameraden schauten zu und wetteten um ein Glas Wodka, ab welchem Streich der Delinquent zu schreien anfange. Alle schrien, das war so sicher wie das Amen in der Kirche, denn für den Mann, der die Exekution durchführte, war dies eine Frage der Ehre.
Anfänglich hatte Vitus versucht herauszufinden, nach welchen Kriterien der Oberst die Männer bestrafen liess, bis er realisierte, dass es sich um reine Willkür handelte. «Ich will für meine Leute ein Exempel statuieren», hatte der Onkel seine Frage beantwortet. «Keiner soll sicher sein, am Abend nicht verprügelt zu werden. Wenn mich die Kerle nicht mehr fürchten als den Feind, dann taugen sie nicht für die Schlacht.»
Kein einziger von ihnen war freiwillig beim Militär. Der Zar brauchte Kanonenfutter, Männer, die für ihn starben. Es waren Leibeigene, die irgendeinem Gutsbesitzer gehört hatten. Junge Burschen, die keine gute Arbeit leisteten oder widerspenstig waren, wurden für fünfundzwanzig Jahre in die Armee abgeschoben. Damit sie unterwegs nicht davonliefen, trugen manche Ketten, wenn man sie dem Regiment zuführte, in dem sie zu dienen hatten. Dort brachte man den zum Waffendienst gepressten Kreaturen bei, wie man erhobenen Hauptes in den Tod marschiert, wie man schiesst und dem Feind mit dem aufgepflanzten Bajonett den Bauch aufschlitzt.
Als Soldaten galten sie vor dem Gesetz zwar als frei. Tatsächlich aber waren sie von nun an Untertanen ihres Regiments, und es verging kein Tag, an dem nicht einer von ihnen für ein geringfügiges Vergehen von irgendeinem Offizier mit dem Stock gezüchtigt oder vom Profos ausgepeitscht wurde.
Selber in einem aristokratischen Haus aufgewachsen, machte sich der junge von Fenzlau wenig Gedanken über die Niedriggeborenen. Sie waren dazu da, dem Adel zu dienen. Sie galten als ungebildet und unkultiviert. Man betrachtete sie als eine Art unmündige Kinder, die man eben bestrafen musste, wenn sie ungehorsam waren.
Oberst Dreyling, der in Sankt Petersburg ein grosses Haus besass, hatte sich im Balkan, wo sich die Russen seit hundert Jahren mit den Osmanen herumschlugen, Stufe um Stufe bis zum Regimentskommandanten hochgedient. In der Familie nannte man den einen Meter neunzig grossen und weit über hundert Kilogramm schweren Koloss respektvoll «Türkenschreck». Wenn er, selten genug, seine Verwandten in Riga besuchte, brach er wie ein Unwetter ins Haus von Vitus’ Eltern an der Jekaba ielea ein: laut, lärmend – eine Urgewalt. Er ass Unmengen, die er mit reichlich Alkohol hinunterspülte, kniff seine beiden Neffen in die Wangen und die Mägde in den Hintern. In weinseliger Stimmung begann er Geschichten von aufgeschlitzten Türken, von Hurenweibern und Hurenböcken zu erzählen, worauf die Mutter ihre beiden Söhne schleunigst in ihre Zimmer verbannte.
Während seiner Zeit in der Kadettenanstalt verbrachte Vitus seine freien Tage im Haus der Dreylings am Newskij Prospekt, unweit der Brücke, welche die Fontanka überquerte. Der Onkel war selten zuhause. Meist befand er sich im Krieg gegen die Türken oder die Perser. So blieb es Leonore, seiner jungen Frau, überlassen, sich um den Neffen zu kümmern. Mit den Kindern der Dreylings konnte Vitus wenig anfangen. Seine beiden Cousinen, die Zwillinge Charlotte und Carolina, waren dreizehn Jahre jünger als er, und ihr kleiner Bruder Adrian musste noch gewickelt werden.
Als die Baronin von Fenzlau einmal in Sankt Petersburg zu Besuch war, hörte Vitus, wie seine Mutter dem Onkel sagte, dass sie, falls er nichts dagegen einzuwenden habe, in Erwägung ziehe, zwischen ihrem Sohn und einer seiner beiden Basen, sobald sie mannbar sein würden, eine Heirat zu arrangieren. Vitus, der Lini und Lotti nicht auseinanderhalten konnte, betrachtete amüsiert die damals Dreijährigen und versuchte sich vergeblich vorzustellen, wie sie wohl im Brautkleid aussehen würden. Er vergass das Gespräch wieder. Erst als ihm der Onkel nach dem Abschluss der Ausbildung an der Kadettenanstalt eine Offiziersstelle in seinem Regiment anbot und andeutete, dass er für eine rasche Beförderung sorgen werde, erinnerte sich Vitus an die Heiratspläne seiner Mutter. Die Aussicht, eines fernen Tages Schwiegersohn eines Obristen zu werden, den der Zar möglicherweise noch zum General machen würde, war allerdings nicht der Grund dafür, dass er das Angebot des Onkels annahm. Es war vielmehr schiere Abenteuerlust, die Vitus den Entscheid leicht machte. Das Regiment Dreyling erhielt damals, im März 1826, den Befehl, in Transkaukasien erneut gegen die Perser ins Feld zu ziehen. Im Krieg von 1804 bis 1813 hatte man sie bereits geschlagen, aber jetzt wollten sie ihre damals verlorenen Gebiete zurückerobern.
Vitus sollte seinen Entschluss nicht bereuen. Er liebte es, auf seinem Pferd neben der Truppe zu reiten, wenn sie singend in den Krieg zog. Er liebte es im Freien zu kampieren, umsorgt von Offiziersburschen, die darauf gedrillt waren, ihren Vorgesetzten, den sie als «Eure Durchlaucht» anzusprechen hatten, jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Er liebte das Kartenspiel und die Besäufnisse mit seinen Kameraden. Er liebte es, mit kaukasischen Mädchen anzubandeln, die bereit waren, sich ihm für wenig Geld hinzugeben, und er liebte das prickelnde Gefühl einer bevorstehenden Schlacht.
3
Am 24. August 1828, fünf Tage nach dem Aufbruch in Katharinenfeld, erreichte das Regiment Minazde. Das Dorf lag an einem Berghang über der Kura, die sich hier in weitem Bogen nach Osten wandte. Auf der anderen Flussseite vor Alchaziche breitete sich eine Ebene aus. Oberst Dreyling war angewiesen worden, sich in Minazde mit seinem Regiment in Bereitschaft zu halten, bis der Befehl zum Sturm auf die Stadt erfolgen würde. Man errichtete das Lager. Die Männer, die vom Kommandanten im Verlauf des Tages dazu verurteilt worden waren, wurden verprügelt. Anschliessend verpflegte sich die Truppe, und es wurden Wachen aufgestellt. Im Übrigen war man froh, dass man sich vor der Schlacht von den Strapazen des Marsches erholen, die Waffen in Ordnung bringen und im Fluss die verschwitzten Kleider waschen konnte.
Wenn Vitus von Fenzlau später über die Schlacht von Alchaziche sprach, schilderte er sie so, als habe er das Geschehen als unbeteiligter Zuschauer beobachtet. Was in gewisser Weise auch zutraf. Als Flügeladjutant hielt er sich in der Regel weit hinter der Front auf und wurde lediglich manchmal nach vorn zu einem der vier Bataillonskommandanten geschickt, dem er eine Order des Obristen zu überbringen hatte. Aber auch jene pflegten ihre Gefechtsstände im sicheren Bereich hinter der Kampfzone einzurichten.
Am 27. August ritt Vitus um vier Uhr in der Früh mit dem Onkel über die Brücke, die Pontoniere über die Kura geschlagen hatten. Am Westufer inspizierte der Oberst die Gefechtsbereitschaft seiner Bataillone. Die Soldaten in ihren weissen Hosen und den grünen Uniformröcken mit dem Kreuzbandelier, an dem die Patronentaschen und das Seitengewehr hingen, standen stramm, als Dreyling, gefolgt von ein paar Offizieren, langsam an ihnen vorbeiritt. Vitus betrachtete die verschlossenen, angespannten Gesichter der Männer. Plötzlich fiel ihm ein, dass mancher von ihnen den Tag nicht überleben würde. Er scheuchte den Gedanken wie eine lästige Fliege beiseite.
Zwei Stunden später, kurz vor Sonnenaufgang, begann die Feldartillerie, die während der Nacht in Stellung gebracht worden war, Alchaziche mit einem gewaltigen Bombardement unter Beschuss zu nehmen. Es war, als habe die Hölle ihren Schlund aufgetan. Vitus stand neben seinem Onkel auf dem Dach ihrer Unterkunft, von wo aus sie den Kampf durch ihre Fernrohre beobachteten. Er hörte das Donnern und Brüllen der Kanonen, die den Tod aus ihren Rohren spien. Er sah, wie Häuser in Flammen aufgingen. Er sah, wie lange Menschenkolonnen die brennende Stadt verliessen. Er sah das Mündungsfeuer und den Pulverdampf, der zeitweise die Türme der Festung und die Kuppel der grossen Moschee in einen grauen Schleier hüllte. Er stellte sich vor, wie die Erde unter dem Rückstoss der Geschütze, die sich auf die Lafetten übertrug, zitterte. Dann vernahm er die Trommelwirbel, welche die langgezogenen grünweissen Reihen der Soldaten vorwärtstrieb. Durch sein Fernrohr sah er, wie das Stadttor geöffnet wurde und eine türkische Kavallerieeinheit mit gezogenen Krummsäbeln und gefällten Lanzen die Russen im Galopp frontal angriff.
«Bildet endlich eure Karrees!», knurrte der Oberst, und als ob sie ihn gehört hätten, formierten die Infanteristen, wie sie das in endlosen Exerzierstunden geübt hatten, fünf Gevierte. Die Männer der äussersten Reihe knieten, jene hinter ihnen standen. Die aufgepflanzten Bajonette auf ihren Gewehren bildeten einen Stachelwall, vor dem die Pferde der Muselmanen scheuen würden. Die Offiziere im Zentrum der Verteidigungsstellungen konnten warten, bis der Feind nah genug war. Jede Reihe hatte nur einen Schuss. Für einen zweiten war die Zeit zu knapp. Es dauerte zu lange, bis das Schwarzpulver in den Lauf der Vorderladermusketen geschüttet und die Kugel mit dem Ladestock hinterhergestopft war.
Vitus hörte die Salve, welche die Russen auf den anstürmenden Feind abfeuerte. Er sah, wie zahlreiche Pferde stürzten, wie reiterlose Tiere in Panik gerieten und ziellos über das Schlachtfeld galoppierten. Ohne sein Fernrohr vom Auge zu nehmen, befahl ihm der Oberst, die Bataillonskommandanten anzuweisen, die Karrees aufzulösen. Die Hälfte der Einheit solle in zehn Reihen zu je hundertfünfzig Mann gegen die türkische Infanterie vorrücken, die sich vor der teilweise zertrümmerten Stadtmauer aufgestellt hatte und den Feind erwartete. «Der Rest bleibt vorderhand als Reserve zurück. Reiten Sie endlich los, Herr Leutnant!», schrie Dreyling.
Vitus stieg auf seinen Kabardiner und gab ihm die Sporen. Als er seinen Auftrag erfüllt hatte und über die Brücke nach Minazde zurückkehrte, sah er, dass die Männer seines Regiments bereits auf den Feind zumarschierten, wie sie etwa siebzig Meter vor ihm stehen blieben und die inzwischen wieder geladenen Gewehre auf ihn anlegten. Eine kleine Ewigkeit lang standen sich die Russen und Türken gegenüber. Dann zerrissen zwei Salven die Stille. Auf beiden Seiten fielen zahlreiche Männer. Für Vitus sahen sie aus, wie die Figuren auf einer Kegelbahn. Er wusste: Jetzt würde das grosse Hauen und Stechen beginnen. Muslime und Christen würden aufeinander losgehen, die einen mit dem Krummsäbel, die anderen mit dem aufgepflanzten Bajonett. Man würde sich gegenseitig niedermetzeln, bis zum bitteren oder glorreichen Ende.
Es war ein gewaltiges Ringen, und es dauerte den ganzen Tag. Schritt für Schritt drängte die russische Infanterie, unterstützt von kosakischen Reiterverbänden, die Türken zurück. Am späten Nachmittag endlich hatte die Armee General Paskewitschs die Stadtmauer überwunden und die Kanonen der Verteidiger schwiegen. Als die Sonne hinter den dunklen Kämmen des Messchetischen Gebirges versank, wurde auf der Festung die weisse Fahne gehisst. Achalziche war gefallen.
Jetzt entschloss sich Oberst Dreyling, mit seinen Offizieren in die eroberte Stadt zu reiten. Das Schlachtfeld, das sie überqueren mussten, war vorher fruchtbares Ackerland gewesen. Die Menschen, die hier lebten, hatten seit dem Frühjahr mit schmerzenden Rücken und Schwielen an den Händen für ihr tägliches Brot geschuftet. Die Früchte ihrer Arbeit würden ihnen jetzt die Sieger nehmen.
Die ganze Ebene war mit den Leichen unzähliger, zum Kriegsdienst gepresster junger Männer bedeckt. Sie hatten sich gegenseitig massakriert und lagen nun in verdreckten und blutigen Uniformen herum. In teils grotesken Verrenkungen schienen sie über die mit Orden behangenen Höheren, die an ihnen vorbeizogen, zu spotten. Keiner von denen würde sie je wieder krummschliessen lassen, zu einer Prügelstrafe verurteilen oder nach ihrem Gusto persönlich züchtigen können. Genau gleich wie die Kadaver der Pferde von Freund und Feind lagen auch die toten Russen und Türken einträchtig auf den abgeernteten Feldern, in Gebüschen und Bächen. Vitus bemühte sich, sein Pferd nicht in Blutlachen treten zu lassen, auch nicht auf die abgetrennten Arme und Beine und die abgeschlagenen Köpfe, die überall herumlagen. Wie der Abfall in einem Schlachthof, dachte der Leutnant. Was irgendwie auch stimmte. Und auch hier flatterten Schwärme von Raben krächzend über dem Festmahl, das ihnen die Menschen bereitet hatten.
Noch schlimmer als der Anblick der verstümmelten Leichen waren die Hilferufe, das Stöhnen und Wimmern der zahllosen Verwundeten. Es war die Musik zum makabren Totentanz, den Zar Nikolaus im fernen Sankt Petersburg und Sultan Mahmut II. in Istanbul ausgerichtet hatten. Vitus sah junge Burschen, die noch nicht gestorben waren, obwohl ihnen die feindlichen Säbel und Bajonette den Bauch aufgeschlitzt hatten. Er sah Gesichter, die eine einzige Wunde waren, Männer mit abgehackten Gliedmassen, deren Stümpfe jemand notdürftig abgebunden hatte, damit sie nicht sofort verbluteten. Überall machten sich Unversehrte zu schaffen: Musiker der Regimentskapelle, die jetzt als Sanitäter eingesetzt wurden, und Bauernweiber aus der Umgebung. Sie mühten sich ab, die verletzten Männer, von denen viele weinten wie Kinder, auf Karren und Bahren, manchmal auch auf ihren Schultern nach Alchaziche zu bringen, in die Moscheen, die Kirchen und die Synagoge, die als Lazarette dienten, wo es den Pflegern an Verbandzeug, Medikamenten und Wasser mangelte und die Ärzte, mitten im Gestank von Wundbrand, Eiter und Blut Gliedmassen amputierten, nur um das Leben und Leiden der Unseligen um ein paar Tage zu verlängern.
4
Theodor Dreyling war von General Paskewitsch zum Militärgouverneur der Stadt und der dazugehörenden Provinz Mechetien ernannt worden. Der Oberst und sein Regiment würden hier bleiben, während der Rest der Kaukasusarmee weiter Richtung Westen vorstossen sollte, um die Türken ein zweites und ein drittes Mal aufs Haupt zu schlagen.
Der Oberst, der lieber hinter den Muselmanen hergejagt wäre, war zuerst ungehalten gewesen. «Seine Durchlaucht, der Graf von Jerewan, degradiert mich zum Gendarmen!», hatte er gebrüllt. Immer wenn er von Iwan Fjodorowitsch als «Seine Durchlaucht» sprach, wusste Vitus, dass der Onkel vor Wut schäumte. Bald hatte Dreyling aber realisiert, dass er als Gouverneur mit der Festung Rabat über eine standesgemässe Residenz verfügte, in der sich komfortabel leben liess. Zusammen mit seinem Neffen bewohnte er die luxuriösen Gemächer des vor den Russen geflohenen Paschas. Und er zweifelte nicht daran, dass es ihm innert kürzester Zeit gelingen würde, den türkischen, tatarischen, armenischen und jüdischen Bewohnern, welche die Stadt vorderhand nicht verlassen durften, den nötigen Respekt vor dem Zaren und Mütterchen Russland einzubläuen. Als Erstes liess er bei der Bevölkerung die Kriegskontributionen eintreiben. Dann gab er Anweisung, die zur Festung gehörende Moschee in eine Kirche umzuwandeln. Obwohl er Gottesdienste nur besuchte, wenn es sich nicht vermeiden liess, war er entschlossen, Alchaziche im Zeichen des Kreuzes zu regieren.
Ein paar Tage nach dem Sieg meldete sich Feldweibel Timofejew im Vorzimmer von Oberst Dreyling. Leutnant von Fenzlau schaute von den Papieren hoch, mit denen er beschäftigt war. Der graubärtige Unteroffizier stand stramm und meldete, er habe seinen Auftrag erfüllt. Draussen im Korridor würden fünf Weiber warten, die er mit seinen Leuten befreit habe.
Vitus erinnerte sich. Sein Onkel hatte den Feldweibel angewiesen, mit sechs Soldaten in der Stadt die Häuser der Reichen zu durchsuchen und sämtliche russischen und deutschen Sklaven zu befreien. «Ihre Neger und die übrigen Heiden mögen die Hurensöhne behalten», hatte er bestimmt. «Ebenso die gefangenen Tscherkessen, Inguschen, Tschetschenen und Dagestanen – kurz: das ganze Gesindel, gegen das wir im Nordkaukasus Krieg führen.» Dann hatte Dreyling seinem Neffen befohlen: «Gib Timofejew Rashid mit. Der spricht leidlich Russisch und kann ihm als Übersetzer dienen.»
«Ist der Mann auch vertrauenswürdig?», hatte Vitus wissen wollen.
«Wir haben seine Frau und seine Kinder in Geiselhaft genommen. Wenn er sie wiedersehen will, so wird er sich als nützlich erweisen müssen.» Theodor Dreyling hatte dröhnend gelacht.
Jetzt stand der Feldweibel also da und wartete darauf, dass der Flügeladjudant ihm sagen würde, was weiter zu geschehen habe.
«Nur fünf Frauen», staunte der Leutnant, «mehr nicht?»
«Nein, Euer Gnaden.» Mit einer vagen Geste drückte der Veteran, der über seine fünfundzwanzigjährige Dienstzeit hinaus in der Armee geblieben war, sein Bedauern aus. Alchaziche sei nur ein Umschlagplatz für den Sklavenhandel. Die meisten gefangenen Weissen seien ins Innere des Osmanischen Reichs geschafft und dort verkauft worden. «Nur fünf Weiber. Deutsche. Ich kann sie nicht verstehen.» Er zuckte mit den Schultern.
«Bring sie herein!»
Es stellte sich heraus, dass sie aus Katharinenfeld, Helenendorf und Annenfeld stammten. Bei den Überfällen vor zwei Jahren waren sie in Gefangenschaft geraten und hatten seither als Mägde für ihre muslimischen Herrschaften gearbeitet. Der Leutnant liess eine um die andere vortreten und nahm ihre Personalien auf. Er notierte schwäbische Namen: Käthe Sackmann, Maria Dangel, Babette Bart und Hilde Wegner. Als Balte hatte er keine Schwierigkeiten, sich mit ihnen zu verständigen.
Eine von ihnen, die Jüngste, hielt sich hinter den vier anderen versteckt. Ihr Haar war vollständig von einem Kopftuch bedeckt. Ausserdem trug sie einen viel zu grossen russischen Uniformmantel, den ihr der Feldweibel gegeben haben mochte. Sie trat als Letzte vor von Fenzlaus Schreibtisch und vermied es, ihn anzusehen.
«Wie heisst Ihr, und woher kommt Ihr?»
«Mein Name ist Barbara Grathwohl. Ich stamme aus Katharinenfeld», sagte sie leise.
Vitus hob den Kopf. «Seid Ihr etwa die Frau von Johannes Grathwohl?» Und als sie ihn mit grossen Augen anschaute und nickte: «Ihr seid frei, und ich werde dafür sorgen, dass Ihr zu ihm zurückkehren könnt.»
Barbara, die auf der langen Reise nach Georgien ihre Eltern und Geschwister verloren hatte, von einer Nachbarin an Kindes statt aufgenommen worden war und als Siebzehnjährige, kurz nachdem man sie verheiratet hatte, in die Gefangenschaft von Sklavenhändlern geraten war, begann zu weinen. «Frei», schluchzte sie. «Guter Herr Jesus, ich bin frei!»
Von Fenzlau stand auf. «Sorg dafür, dass die vier anderen unterkommen!», wies er den Feldweibel an. «Mit dieser hier», er fasste Barbara am Ellenbogen, «habe ich zu reden.»
Er führte die junge Frau in sein Zimmer, das Stube und Wohnraum in einem war. Dort liess er sie auf dem Sofa Platz nehmen, setzte sich neben sie und erzählte ihr von seiner Begegnung mit Johannes Grathwohl. «Euer Mann hat Euch nicht vergessen» schloss Vitus seinen Bericht. «Jeden Tag betet er um Eure Rückkehr.»
Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte.
«Jetzt ist doch alles gut», versuchte Vitus sie zu trösten. «Ihr werdet Euren Mann wiedersehen und gemeinsam ein neues Leben beginnen.»
«Wie soll ich ihm nur gegenübertreten?», schluchzte sie.
«Freut ihr Euch denn nicht, ihn wiederzusehen?»
«Weshalb sollte ich?» Erneut schlug sie die Hände vors Gesicht. Dann, mit stockender Stimme: «Als die persischen und tatarischen Teufel vor zwei Jahren unser Dorf überfielen, rissen sie jungen Mädchen und Frauen, auch mir, die Kleider vom Leib. Sie vergewaltigten uns vor den Augen der Umstehenden. Die Männer unseres Dorfes, die uns helfen wollten, wurden niedergeschlagen. Dann trieben die Unmenschen mich und die anderen wie Vieh nach Alchaziche, wo man uns verkaufte.»
Schweigend sassen sie nebeneinander, bemüht, sich mit den Schultern nicht zu berühren. Zwei junge Menschen, sie neunzehn, er einundzwanzig Jahre alt, getrennt durch ihr Schicksal, ihre Herkunft und ihren Stand.
Nach einer Weile sagte sie hart: «Mein Besitzer, Menhügan Agha, hat mich zur Hure gemacht. In den vergangenen zwei Jahren hat er mich mit drei anderen Nebenfrauen in seinen Haremsgemächern eingeschlossen. Ich war seine Lieblingssklavin.» Sie lachte bitter. «Er hat mich erniedrigt und missbraucht. Ich musste jederzeit bereit sein, seiner bösen Lust zu dienen, und wurde von der Hausherrin, die eifersüchtig auf mich war, geschlagen. Ich habe meine Ehre verloren und bin es nicht mehr wert, die Frau eines aufrechten und frommen Mannes zu sein. Ich kann nur beten, dass mein Johannes zu mir steht. Was soll mit mir geschehen, wenn er mich nicht mehr zurücknimmt?»
Darauf hatte Vitus keine Antwort. Kein Mann aus seinen Kreisen, der auf sich hielt, würde eine Frau zurücknehmen, die andere benutzt hatten. Je nach den Umständen würde man sie mit einem kleinen Geldbetrag abfinden.
Von Fenzlau suchte nach Worten. «Die Seele eines gläubigen Menschen kann auch in einem geschändeten Körper vor Gott bestehen», sagte er schliesslich. Er hatte diesen Satz vor Jahren einmal in einer Predigt des lutherischen Bischofs im Dom von Riga gehört. Das war vor seiner Zeit in der Kadettenanstalt gewesen. Er war damals noch fast ein Kind, und das Wort «geschändet» hatte ihn, ohne dass er wusste, was damit gemeint war, ausserordentlich beeindruckt. «Ja», bekräftigte er, «Gott sieht allein die Seele.»
«Gott schon, aber ein Ehemann?» Barbara erhob sich und schaute ihn verzweifelt an. Erneut füllten sich ihre Augen mit Tränen. «Verzeiht, dass ich Euch mit meinem Kummer behellige», stammelte sie. «Schaut mich an, schaut, was aus mir geworden ist!» Sie löste ihr Kopftuch. Ihr offenes, blondes Haar fiel auf ihre Schultern. Sie knöpfte den Uniformmantel auf und zog ihn aus. So stand sie vor ihm, eine kleine Gestalt in einem dunkelroten, mit Stickereien verzierten, hochgeschlossenen Kleid aus Musseline. Noch immer trug sie die Halsketten, Armreife und Ohrringe, die wohl Geschenke ihres Herrn waren. «Ich bin eine Hure», wiederholte sie flüsternd.
Sowohl in der Kadettenanstalt als auch später, unter den Offizieren der Kaukasusarmee, waren die Frauengemächer reicher Muselmanen Gegenstand schlüpfriger Diskussionen gewesen, welche die Phantasie der Jünglinge und Männer angestachelt hatte. Als Vitus jetzt zum ersten Mal eine Frau sah, die aus einem Harem kam, fühlte er sich unbehaglich und befangen. Ihm fiel Hanna Engist ein, die gesagt hatte, über den Schreckenstag von Katharinenfeld gebe es mehr als vierhundert verschiedene Geschichten. Wahrscheinlich war jene, die er soeben gehört hatte, nicht einmal die schlimmste. Er stellte fest, dass die junge Frau am liebsten vor Scham im Boden versunken wäre. Gleichzeitig sah er die Angst in ihren Augen und spürte, dass sie darauf wartete, dass er ihr etwas sagte, etwas, das ihr Hoffnung gab.
Er erhob sich und legte ihr die Hand auf die Schulter, zog sie aber sofort wieder zurück, als er spürte, wie sich ihr Körper versteifte. Offenbar missdeutete sie seine Geste. Glaubte sie, er wolle ihr zu nahe treten? Was bildete sie sich ein? Vitus war verletzt. Andererseits: Was verstand er schon von Frauen? Seine Mutter, Baronin von Fenzlau, und ihre Schwägerin, Leonore Dreyling, waren Damen: stolz, kühl, unnahbar. Er hatte nie herausgefunden, was sie dachten und fühlten. Dann gab es die Töchter aus adeligen Häusern, denen er in Sankt Petersburg an Bällen und Soireen im Haus des Onkels am Newskij Prospekt begegnet war. Sie trugen anmutige Abendkleider aus teuren Seidenstoffen, und ihre weiblichen Formen wurden durch ein Satinband betont, das unter der Brust zu einer Schleife gebunden war. Ausserdem rochen sie nach teuren Parfums. Ihr Daseinszweck schien einzig darin zu bestehen, darauf zu warten, dass ein meist deutlich älterer Gutsbesitzer, ein hoher Beamter oder ein Offizier um ihre Hand anhielt. Und schliesslich waren da noch die Mägde und Freudenmädchen, mit denen sich ein junger Mann aus gutem Haus gegen ein geringes Entgelt vergnügen konnte, wenn ihm danach der Sinn stand. So wie das Vitus von Fenzlau im Verlauf des Feldzugs der vergangenen zwei Jahre oft getan hatte.
Obwohl sie sich als Hure bezeichnet hatte, gehörte Barbara Grathwohl in keine dieser Kategorien. Doch was ging ihn ihr Schicksal an? «Ich bringe Euch zu den andern zurück», sagte er kühl. «Morgen werde ich Eure Rückkehr nach Katharinenfeld in die Wege leiten.»
5
Theodor Dreyling hatte seinen Neffen nach der Eroberung von Alchaziche zum Hauptmann befördert und dafür gesorgt, dass er als Kompaniekommandant in die Armee Iwan Fjodorowitsch Paskewitschs eintrat. Der Oberst war der Meinung, ein junger Offizier könne sich nicht mit Ruhm bekleckern, wenn er nichts anderes zu tun habe, als in einer eroberten Provinz für Ruhe und Ordnung zu sorgen. «Du brauchst Kampferfahrung und wirst lernen müssen, unter den Heiden Angst und Schrecken zu verbreiten. Später, wenn du einmal deine Hörner abgestossen hast», schloss er wehmütig lächelnd, «kannst du immer noch irgendwo im Hinterland als Militärstatthalter auf deinen Ruhestand warten.»
Und so war Vitus dabei gewesen, als der zum Marschall avancierte Graf von Jerewan in die Osttürkei vordrang, wo er die Bevölkerung drangsalierte, Dörfer in Flammen aufgehen liess, Kars, Dogubeyazit und Erzurum einnahm, die eroberten Gebiete Transkaukasien einverleibte und endlich dem gedemütigten Sultan im fernen Istanbul den erbetenen Frieden gewährte. Anschliessend folgte der frischgebackene Hauptmann seinem neuen Oberkommandierenden nach Dagestan.
In der Kadettenanstalt hatte man Vitus beigebracht, dass russische Truppen in Transkaukasien stünden, um die christlichen Georgier und Armenier vor der Tyrannei der Muslime zu schützen: den Bergtataren im Norden, den Persern im Süden und den Türken im Westen. Natürlich war das eine fromme Lüge. Die Zaren gierten nach dem fruchtbaren Land zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer. Ausserdem bildete das Kaukasusgebirge die perfekte Grenze ihres Reichs aus Fels und Eis.
Aber auch wenn Alexej Petrowitsch Jermolow, der damalige Generalgouverneur der transkaukasischen Provinzen, bereits 1820 in schamloser Übertreibung der tatsächlichen Lage nach Sankt Petersburg gemeldet hatte, «die Unterwerfung des stolzen kriegerischen und bis dahin unbesiegten Landes liegt zu den geheiligten Füssen Eurer Majestät», mochten die Bergvölker unter ihrem Imam, Ghazi Muhammed, die Herrschaft Zar Niklaus’ noch immer nicht anerkennen. Sie verweigerten dem Feind eine offene Schlacht und fügten stattdessen den Russen empfindliche Verluste zu, indem sie deren Patrouillen aus dem Hinterhalt angriffen und die Festungen und Forts der kaukasischen Linie überfielen, welche die Zaren im Gebirge zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meer hatten bauen lassen.
Derbent, die alte, von einem Kastell und hohen Mauern geschützte, orientalische Stadt am Kaspischen Meer, durch deren mächtige Tore Karawanen Richtung Russland zogen, wurde für von Fenzlau für ein paar Jahre zur neuen Heimat. Man wies ihm eine Wohnung im Haus der Frau eines gefallenen Offiziers zu. Sein Diener Wassilij wurde in einer Kammer unter dem Dach einquartiert. Der Russe war zwei Jahre älter als sein Herr. Er war als Leibeigener auf einem Gut in der Gegend von Kasan geboren und als Achtzehnjähriger von seinem Besitzer an die Armee verkauft worden, wo er den gnadenlosen Drill, mit dem man ihn zum Soldaten machte, über sich ergehen lassen musste, bevor er dem jungen Leutnant von Fenzlau als Offiziersbursche zugeteilt worden war. Wassilij hatte seinen Herrn auf den Feldzügen gegen die Perser und Türken begleitet und diente ihm auch jetzt, im Krieg gegen die aufständischen Bergtataren im Grossen Kaukasus.
Im Winter ruhte der Krieg. Aber wenn der Frühling die Bergweiden des Kaukasus in blühende Blumenteppiche verwandelte, kämpfte Vitus wieder gegen die Ungläubigen. Unter grauenhaften Verlusten erstürmte die Armee Paskewitschs Berg um Berg und verwandelte die weit verstreuten Dörfer im Gebirge in rauchende Trümmer.
Es war ein schmutziger Krieg. Was das bedeutete, erfuhr von Fenzlau schon bei seinem ersten Einsatz im Herbst 1830. Drei Tagesritte von Derbent entfernt lag ein dagestanisches Dorf, in dessen Nähe fünf russische Soldaten aus einem Hinterhalt erschossen worden waren und das nun dem Erdboden gleichgemacht werden sollte.
Mit der Exekution des Befehls wurde Major Pjotr Ivanowitsch Baranow betraut. Er galt als Haudegen – kompromisslos, brutal und schlau. Der Vierzigjährige, der aus Moskau stammte, war eine eindrucksvolle Gestalt: Gross und massig, mit kurzem dunklem Haar und einem Vollbart, der weit vor der Zeit weiss geworden war und ihm bei den Soldaten den Spitznamen «Sankt Nikolaus» eintrug. Seine Nase, ein mächtiger Zinken, spielte farblich ins Violette und zeugte von übermässigem Alkoholgenuss. Von Fenzlau kommandierte eine der vier Kompanien seines Bataillons, das durch eine Eskadron Kosaken und einen Trupp Artilleristen mit zwei leichten Kanonen verstärkt worden war.
Während die Soldaten am frühen Abend des 18. Oktobers ihr Lager aufschlugen, befahl der Major seine Offiziere zum Rapport. Sie standen am Rand einer Hochebene, von der ein steiler Hang in ein Tal abfiel. Mückenschwärme tanzten im milden Licht der tiefstehenden Sonne, die bald hinter den frisch verschneiten Gipfeln des Gebirges versinken würde. Von den silbernen, seidenhaarigen Fäden der verwelkten Weideröschen gingen Millionen von Samen ab, die wie Schneeflocken durch die klare Herbstluft segelten. Das Laub von Birken, Eichen und Buchen flammte rot und gelb zwischen den dunklen Tannen. Im Schutz des Waldes sahen die Offiziere unter sich in der Biegung eines Flusses eine tatarische Siedlung. Etwas mehr als drei Dutzend Hütten gruppierten sich um eine kleine Moschee. Zwischen den Behausungen, Ställen und Speichern tummelten sich spielende Kinder. Ein paar Frauen arbeiteten in den winzigen Gemüsegärten hinter dem Dorf. Andere knieten am Flussufer und wuschen Kleider im kalten Wasser. Etwas ausserhalb des Auls drosch ein Halbwüchsiger auf einem abgeernteten Äckerchen Getreide, indem er fünf eng aneinander gebundene Ochsen im Kreis über einen dicken Teppich aus Garben trieb. Ausser einem Alten, der sich auf einer Bank vor seiner Hütte an den letzten Strahlen der Sonne wärmte, waren keine Männer zu sehen.
«Wir werden das Dorf morgen früh angreifen», sagte Pjotr Ivanowitsch und wandte sich an den Artilleriehauptmann. «Bei Sonnenaufgang zerstört Ihr als Erstes die Moschee. Die vierte Kompanie und die Kosaken decken uns den Rücken, die erste, zweite und dritte halten sich dort, dort und dort in Bereitschaft.» Er wies mit der Rechten auf die entsprechenden Standorte. «Eine Viertelstunde nach Beginn des Bombardements werdet ihr den Aul von drei Seiten stürmen. Wer bis dahin nicht geflohen ist, wird niedergemacht.»
«Auch Frauen und Kinder?», wagte Vitus zu fragen.
Baranow schaute ihn stirnrunzelnd an. Dann lachte er dröhnend und schlug ihm seine Pranke auf die Schulter. «Unser Freund ist sich von den Feldzügen gegen die Perser und Türken an eine Kriegsführung gewohnt, in der sich zwei Armeen gegenüberstehen», erklärte er seinen Offizieren, die in sein Gelächter einstimmten. «Wenn Sie zum ersten Mal in einen tatarischen Hinterhalt geraten, Herr von Fenzlau», belehrte er seinen neuen Hauptmann, «wenn Leute von Ihnen getötet werden und sich der Feind blitzschnell zurückzieht, ohne sich dem Kampf zu stellen, werden Sie verstehen, dass das, was wir morgen dort unten tun, die einzige Sprache ist, welche dieses Geschmeiss versteht. Und was die Weiber betrifft: Die bringen kleine Tataren zur Welt, die einmal grosse Draginer, Awaren, Lesghier, Tschetschenen, Tscherkessen oder was auch immer werden, dazu erzogen, Russen zu töten. Es ist besser, wenn wir das Ungeziefer vorher zur Hölle schicken. Sonst noch Fragen?»
Als am nächsten Morgen die ersten Sonnenstrahlen das Tal in helles Licht tauchte, suchte der Major den Blickkontakt mit dem Artilleriehauptmann, dessen Leute die beiden Kanonen geladen und in Stellung gebracht hatten. Er hob die Hand und liess sie fallen. Von Fenzlau hörte den Knall und sah, dass die schwere Eisenkugel in einem Haus unmittelbar neben der Moschee einschlug. Pjotr Ivanowitsch schrie dem Artillerieoffizier etwas zu. Der war aber schon dabei, die andere Kanone zu justieren. Kurz darauf erfolgte erneut der Befehl zum Feuern, und das zweite Geschoss riss ein grosses Loch in die Lehmmauer des Gotteshauses. Inzwischen hatte man das erste Geschütz wieder geladen, und nun legten die Kanoniere Schuss für Schuss jenes Gebäude in Trümmer, in dem die Bewohner des Auls, wie schon ihre Vorfahren, täglich gebetet, in dem sie den Koran gelesen und in dem der Mullah Buben und Mädchen den Glauben an Allah und den Propheten gelehrt hatte.
Durch seinen Feldstecher beobachtete von Fenzlau, wie Frauen, Kinder und Alte aus ihren Hütten kamen, wie sie fassungslos vor ihrer Moschee standen, wie Mütter ihre Säuglinge an ihre Brust drückten, während die Grösseren sich an sie drängten. Es waren keine Männer da, die ihre Familien hätten verteidigen können. Er sah, wie zwei Kinder stürzten und liegenblieben, wie der Kopf des Alten, der sich gestern an der Sonne gewärmt hatte, vom Rumpf getrennt wurde und wie eine Blutfontäne aus dem entseelten Körper schoss. Eine Frau, vielleicht seine Tochter, warf sich über ihn. Von Fenzlau begriff, dass der Greis und die beiden Kinder Opfer eines Schrapnells waren, eines Geschosses, das mit bösartigen Kugeln und Eisenstücken gefüllt war, die, wie er in der Kadettenanstalt gelernt hatte, vor dem Aufschlag mittels einer Treibladung ausgestossen werden. Er hörte Schreie, und dann vernahm er das Trompetensignal, das die drei Kompanien, die in Bereitschaft lagen, losmarschieren liess, dreihundertsechzig Mann mit gefällten Gewehren, auf denen die aufgepflanzten Bajonette blitzten.
Unten im Aul liefen die Dorfbewohner panisch durcheinander. Viele ergriffen die Flucht, suchten sich talaufwärts in Sicherheit zu bringen, andere rannten in ihre Hütten zurück. Wollten sie ihre Habe retten? Dazu haben sie doch keine Zeit, dachte von Fenzlau. Sehen sie denn nicht, dass wir in wenigen Minuten über sie herfallen werden?
Inzwischen schwiegen die Kanonen. Der Major hatte das Bombardement einstellen lassen, damit seine Soldaten nicht Gefahr liefen, von der eigenen Artillerie beschossen zu werden. Der Aul wurde umzingelt. Es war ein tödlicher Ring, aus dem es kein Entkommen gab. Auf die Befehle ihrer Vorgesetzten, zu denen auch Vitus gehörte, drangen die Männer ins Dorf. Sie traten die Türen der Hütten ein. Schüsse fielen, Frauen und Kinder liefen schreiend aus ihren Behausungen, streckten flehend ihre Arme aus und wurden gnadenlos erschossen oder erstochen. Alle, ohne Ausnahme. Nach weniger als einer halben Stunde war es vorbei. Über dem Aul breitete sich eine unheimliche Stille aus.
Hauptmann von Fenzlau betrachtete die Gesichter der Mörder. Russische Soldaten: Leibeigene, ehemalige Bauern, wie ihre Opfer. Man hatte sie aus ihrem Leben gerissen, sie gezwungen, ihre Dörfer und ihre Familien zu verlassen, um dem Zaren im fernen Kaukasus als Soldaten zu dienen. Einige von ihnen machten jetzt Jagd auf Hühner und Gänse, die sich aufgeregt schnatternd vor ihrem Zugriff zu retten versuchten. Andere plünderten die Vorräte der Bewohner des Auls. Sie würden der Truppe als Verpflegung dienen.
Indessen sassen die Offiziere im Schatten der Weiden am Flussufer und liessen sich von ihren Dienern ein üppiges Frühstück servieren, das in der Feldküche zubereitet und herbeigeschafft worden war. Dazu gab es Wodka. Mit zahlreichen Trinksprüchen feierte man den Erfolg der Strafexpedition. Einer sprach sogar von einem siegreichen Feldzug. «Sieg?», sagte von Fenzlau. Seine Stimme zitterte ein wenig. «Gab es denn Gegner, gegen die wir gekämpft haben? Ich jedenfalls habe keine tatarischen Krieger gesehen.»
Es wurde still. Alle Augen richteten sich auf ihn. Auch sein Diener Wassilij sah seinen Vorgesetzten überrascht an. «Diese Kakerlaken, junger Freund», sagte schliesslich Pjotr Ivanowitsch, «haben sich in die Berge zurückgezogen. Sie wussten, dass wir kommen und zählten darauf, dass wir ihre Weiber und ihre Brut am Leben lassen würden. Sie haben sich getäuscht.» Er hob sein randvoll mit Wodka gefülltes Glas: «Auf das Ungeziefer», sagte er und trank es in einem Zug leer.
Zwei Jahre und zahllose Überfälle und Vergeltungsschläge später liess sich Paskewitsch, Graf von Jerewan, als Besieger der Bergvölker Dagestans feiern und reiste nach Warschau, wo er im Auftrag von Zar Nikolaus den Oberbefehl im Kampf gegen die Polen übernahm, die, ähnlich wie die Tataren, auf ihrer Unabhängigkeit bestanden.
Allerdings hatte der Marschall nicht viel mehr erreicht, als die Küstengebiete am Kaspischen Meer und damit die wichtige Handelsstrasse von Persien nach Russland zu sichern. Der Krieg im Gebirge aber ging unvermindert weiter. Anstelle des im Kampf gefallenen Ghazi Muhammed wurde der sufistische Imam Schamil Anführer der Aufständischen, die erst 1859 endgültig unterworfen werden sollten.
Hauptmann von Fenzlau blieb im Nordkaukasus. Als Baranow 1834 Oberst und Festungskommandant von Derbent wurde, avancierte er, protegiert von seinem Onkel, zum Major und übernahm Pjotr Ivanowitschs Bataillon. Für Vitus von Fenzlau war das Töten und Tötenlassen endgültig zum Beruf geworden.
6
Wenn im Winter Schnee und Eis den Zugang über die Pässe zu den Siedlungen der Aufständischen verunmöglichten, las von Fenzlau viel, und wenn er genug von geistiger Nahrung hatte, vertrieb er sich die Zeit mit Kartenspiel und Huren. Manchmal nahm er Urlaub und reiste nach Tiflis. Er gab sich städtischen Vergnügungen hin und liess sich zu rauschenden Festen in den Gouverneurspalast einladen. Ab und zu traf er dort seinen Onkel. Zusammen besuchten sie die Schwefelbäder. Umhüllt von Dampfwolken liessen sie sich von kundigen Frauenhänden massieren, suchten vornehme Bordelle auf, speisten anschliessend und redeten über dieses und jenes. Jeweils zum Geburtstag schrieben sie sich, berichteten von ihren Erlebnissen in Alchaziche respektive Derbent. Zwei einsame Männer, getrennt durch eine Generation, verbunden durch den gemeinsamen Beruf.
Im Frühjahr 1839 erhielt der Major einen Brief von seiner Mutter. Sie teilte ihm mit, sein Vater, Wernher von Fenzlau, sei im Januar gestorben. Er habe in seinem Testament verfügt, dass sein jüngerer Sohn Georg das Handelshaus in Riga weiterführen solle, wobei ein Drittel der Erträge aus dem Geschäft Vitus zustünden. Ausserdem vermache er ihm das Gut in Segewold. Vom liquiden Vermögen stünde ein Fünftel ihr zu, seinen beiden Söhnen je vierzig Prozent. Die Mutter bat ihren Ältesten, seinem Bruder mitzuteilen, wohin man sein Erbteil überweisen solle und was mit dem Hof in Segewold zu geschehen habe. Ich gehe davon aus, schrieb sie, dass Du weisst, dass mit dem Tod Deines Vaters jetzt Du der Baron von Fenzlau bist. Erweise Dich dieser Ehre würdig.
Vitus las das Schreiben mehrmals. Er hatte, abgesehen von wenigen, nichtssagenden Briefen, die in grossen Abständen zwischen Riga und Grusinien hin und her gingen, keinerlei Kontakt mehr mit seiner Familie. Er hatte auch nie das Bedürfnis gehabt, sie zu besuchen. Hatte er dem Vater, der inzwischen bereits seit drei Monaten in seiner Grube lag, bis heute nicht verziehen, dass er ihn als Vierzehnjährigen dem Zaren «geschenkt» hatte?
Onkel Theodor war der Einzige, der ihm von der Verwandtschaft geblieben war. Vor einem Jahr hatte er ihn aufgefordert, Urlaub zu nehmen und ihn nach Sankt Petersburg zu begleiten. Seine beiden Töchter, Charlotte und Caroline, seien im heiratsfähigen Alter, hatte er augenzwinkernd hinzugefügt. Vitus erinnerte sich amüsiert an Lini und Lotti, die Zwillinge. Aber dann war der Oberst zum Generalmajor befördert und nach Tiflis versetzt worden, so dass man die Reise verschieben musste.
Allmählich wurde Vitus bewusst, dass er jetzt reich war, reich und unabhängig vom Geld, das ihm der Baron einmal im Jahr durch einen Kurier der Armee hatte überbringen lassen. Der Baron? Mit dem Tod des Alten war jetzt er der Baron.
Er trat vor den Spiegel und betrachtete sich. «Baron von Fenzlau», sagte er zu seinem Spiegelbild, das darauf zu bestehen schien, kein vornehmer, baltischer Adeliger zu sein, sondern ausschliesslich ein Krieger, der Tod und Verderben über seine Feinde brachte.
«Baron von Fenzlau», wiederholte er. Lauter diesmal.
«Haben Durchlaucht nach mir gerufen?» Sein Diener, der Anweisung hatte, in seiner Kammer neben dem Wohnzimmer auf Befehle zu warten, wenn sein Herr zuhause war, stand in der Türe.
«Ich bin jetzt Baron, Wassilj», sagte der Major.
«Wie Durchlaucht meinen», antwortete der Russe.
Eine Woche später liess Pjotr Ivanowitsch Baranow Vitus von Fenzlau zu sich bitten. Als er die Amtsstube des Festungskommandanten betrat, stand der Oberst, die Arme auf dem Rücken verschränkt, am offenen Fenster und beobachtete, wie im Hafen ein Frachtensegler entladen wurde. «Sie bringen Vorräte und Waffen für unsere Sommerfeldzüge, Herr Major», sagte er und drehte sich um. «Ich wollte heute mit Ihnen über unsere diesjährigen Operationen im Gebirge sprechen. Aber höheren Orts hat man offenbar andere Pläne.» Er ging zu seinem Tisch und reichte ihm ein Blatt Papier. Der russische Doppeladler mit Krone, Zepter, Reichsapfel und auf dem Brustschild Sankt Georg, der den Lindwurm durchbohrt, wiesen den Brief als offizielles Schreiben aus. Herr Baron von Fenzlau werde gebeten, sich so bald als möglich im Stabsquartier der Kaukasusarmee zu melden, man benötige seine Dienste, stand da. Unterschrieben war es von Theodor Dreyling, Generalmajor.
«Herr Baron?» Baranow, dessen Haut grobporig und von roten Äderchen durchzogen war, sah ihn aus seinen entzündeten Augen an. Fragend? Vorwurfsvoll? Seine Hände zitterten. Als er von Fenzlaus Blick bemerkte, legte er sie auf die Lehne seines Stuhls.
«Mein Vater ist gestorben. Ich habe den Titel geerbt», sagte Vitus.
«Darauf müssen wir anstossen!» Nicht: «Mein Beileid!», sondern: «Darauf müssen wir anstossen.» Baranow holte aus der Tiefe seines Aktenschranks eine Flasche Wodka und füllte zwei Gläser bis zum Rand. «Auf Ihre Karriere!», sagte er. Er leerte sein Glas in einem Zug und schenkte sich nach. Er schien nicht zu bemerken, dass der Major den Schnaps nicht anrührte. «Man holt Sie in den Generalstab. Einem wie Ihnen steht die Welt offen, während unsereiner in diesem Dreckloch vermodert.»
Von Fenzlau schwieg. Was sollte er diesem verbitterten Menschen antworten, der nichts anderes als den schmutzigen Krieg im Nordkaukasus kannte und darüber zum Säufer geworden war? Es war ein Wunder, dass er selbst nicht der Versuchung erlegen war, das Entsetzen, das ihn manchmal angesichts brennender Dörfer und gemetzelter Frauen und Kinder packte, in Strömen von Alkohol zu ertränken. Der Major trat ans Fenster. Der Himmel war bedeckt. Hinter den Wolken liess sich die Sonne nur erahnen. Im diffusen Licht sah die See aus wie flüssiges Blei. Ihm schien, als liege eine düstere Melancholie über diesem Land am Ufer des Kaspischen Meers. Er war erleichtert, Derbent, wo sich Menschen wie Baranow zugrunde richteten, nach neun Jahren hinter sich lassen zu dürfen.
«Auf Befehl von Generalmajor Dreyling soll Euch die Eskadron von Rittmeister Jegorow nach Tiflis begleiten», unterbrach der Oberst Vitus’ Gedankengänge. Er schlug mit der Faust auf den Tisch. «So verliere ich nicht nur einen Bataillonskommandanten, sondern auch eine Einheit meiner fähigsten Leute!»
Damit hatte er recht. Die Männer von Juri Fedorowitsch Jegorow, einem Offizierskameraden, dem gegenüber von Fenzlau freundschaftliche Gefühle hegte, waren Kuban-Kosaken, Nachkommen geflohener Leibeigener und Gesetzloser, die sich in den südrussischen Steppen am Fuss des Grossen Kaukasus zu Gemeinschaften von Wehrbauern zusammengeschlossen hatten. Sie mussten sich gegen die Überfälle von muslimischen Tataren und asiatischen Reiternomaden verteidigen und erwarben sich dabei einen Ruf als gefürchtete Kämpfer, um deren Reitkünste sich Legenden rankten. Anders als die ins Militär gepressten Leibeigenen waren sie seit Generationen freie Krieger, die für ihren Einsatz mit Steuererleichterungen und einer gewissen Autonomie entschädigt wurden. Sie galten als wild und brutal. Spätestens nachdem sie beim Rückzug Napoleons aus Russland anno 1812 unter den Soldaten der Grande Armée Angst und Schrecken verbreitet hatten, waren ihre Reiterverbände für die Zaren unverzichtbar. Unter ihrem Schutz würde von Fenzlau auf dem Ritt durch das Gebiet der feindlichen Bergtataren so sicher sein wie in Abrahams Schoss.
7
Am späten Nachmittag des 22. Mai, zehn Tage nachdem er in Derbent aufgebrochen war, traf Juri Jegorows Eskadron mit Vitus von Fenzlau in Tiflis ein. Der Major und der Rittmeister speisten in einem Restaurant unweit der Metechi-Kirche. Es gehörte zu einer Häuserzeile, die wie Schwalbennester auf dem Felsen hoch über der Kura klebte. Man hatte sie an einen Tisch am Fenster gesetzt. Während sie assen, schauten sie immer wieder hinunter auf den Meidan, den Platz der Tataren am anderen Ufer des Flusses, wo Händler an ihren Ständen Waren aus der ganzen Welt feilboten.
Von Fenzlau liebte Tiflis. Hier mündeten die grusinische Heerstrasse und der alte Karawanenweg aus Persien in die Seidenstrasse. Hier sorgten Reisende und Kaufleute aus dem Osmanischen Reich, dem fernen Osten, Russland und Europa für ein babylonisches Sprachengewirr. Hier vereinten sich Abendland und Orient.
Die Stadt lag an den Ausläufern des Saguramigebirges auf der einen und jenen der Trialetischen Berge auf der anderen Seite. Im Frühjahr, wenn in den Bergen der Schnee schmolz, überflutete die Kura den Talgrund auf ihrer linken Seite bis an den Fuss des Avlabari-Quartiers, wo armenische Handwerker und ihre Familien lebten, Weinhändler ihr Produkte anpriesen, Muslime nach der Arbeit in Teehäusern Wasserpfeifen rauchten und Huren in schäbigen Etablissements ihrem tristen Gewerbe nachgingen. Gegenüber, flussabwärts an der engsten Stelle des Tals, stand auf dem Kamm des Bergrückens die im vierten Jahrhundert erbaute Festung Nariqala, die Unbezwingbare, die erst 1827 gefallen war, als ein Blitz in die russischen Pulvervorräte eingeschlagen hatte und die Burg in eine Ruine verwandelte. Am Hang unterhalb des immer noch eindrucksvollen Gemäuers befand sich die Kala, eng ineinander verschachtelte ein- und zweistöckige Wohnhäuser, deren Balkone mit kunstvollen Schnitzereien und Säulen verziert waren. Zum Viertel, das sich, den Rücken gegen den Fluss gewandt, bis in die Niederung der Kura ausdehnte, gehörten auch der Palast des Katholikos, zahlreiche Gotteshäuser und Karawansereien.
Im Westen von Tiflis, am Fuss des Mtazminda, wo vor Zeiten der heilige Dawit in einer Höhle gehaust hatte, waren nach der Jahrhundertwende feudale Villen nach europäischem Vorbild gebaut worden, in denen hohe russische Beamte und reiche Kaufleute wohnten. Hier in der Neustadt, an der Sassachlis Kutscha, befand sich, unweit des Gouverneurspalasts, das Stabsquartier der Kaukasusarmee, wo sich der Major am nächsten Tag meldete.
«Baron von Fenzlau?» Ein Fähnrich, vom Pförtner herbeigerufen, stand stramm und salutierte. «Darf ich mich vorstellen? Ich bin Adrian Dreyling. Ich werde Sie zu meinem Vater bringen.»
Adrian! Der Major liess sich Zeit, seinen Cousin zu betrachten. Er musste jetzt achtzehnjährig sein und war wohl erst vor kurzem aus der Kadettenanstalt entlassen worden. Schlank war er und feingliedrig. Irgendwie unfertig, noch ein halbes Kind. Das weiche, dunkle Haar, das ihm in die Stirn fiel, hatte er von seiner Mutter Leonore geerbt. «Als ich dich das letzte Mal sah, warst du fünf Jahre alt und trugst noch ein Röckchen», sagte Vitus mit gutmütigem Spott und legte ihm die Hand auf die Schulter.
Der junge Mann errötete. Steif sagte er: «Wenn Sie mir folgen wollen, Herr Baron.»
Von Fenzlau zog die Brauen hoch. «Lass das. Wir sind Vettern. Für dich bin ich Vitus.»
«Vitus, Herzbube und Schrecken der Bergtataren!», lärmte Theodor Dreyling, als von Fenzlau das Arbeitszimmer des Onkels betrat. Er stemmte sich ächzend aus seinem Sessel hinter dem mächtigen Schreibtisch hoch und drückte den Neffen an seine Brust. Er war inzwischen vierundfünfzig. Sein einst volles Haar hatte sich arg gelichtet, genauer: Er war fast kahl. Schon immer hatte er zur Korpulenz geneigt. Jetzt war er fett. Sein Bauch wurde von einem Korsett daran gehindert, sich ähnlich wie Augensäcke und Wangen den Gesetzen der Schwerkraft zu unterwerfen. Der Gurt, der den Uniformrock umspannte, war vermutlich eine Spezialanfertigung. Die Beförderung in den Generalsrang hatte seine Neigung zum Wohlleben nicht eingeschränkt. Im Gegenteil.
Von Fenzlau verkniff sich ein Lächeln und setzte sich. Nachdem man sich nach dem gegenseitigen Befinden erkundigt und Nettigkeiten ausgetauscht hatte, wurde Generalmajor Dreyling dienstlich. In den westlichen Provinzen Transkaukasiens habe man Probleme mit Tataren aus dem Norden, mit Türken und mit Persern, erklärte er. «Sie schliessen sich zu Räuberbanden zusammen und ziehen marodierend durchs Land. Manchmal sind es fünfzig Mann, manchmal mehr, manchmal weniger. Die Teufelsbrut überfällt Reisende und Siedler, raubt sie aus, plündert auch ganze Dörfer und verzieht sich in die Berge, bevor die Armee eingreifen kann. Wir wollen dem ein Ende machen.»
Man habe sich entschlossen, fuhr Dreyling fort, Major von Fenzlau, der im Nordkaukasus gelernt habe, mit dem heidnischen Lumpenpack umzugehen, auf eine Inspektionsreise zu schicken. «Wir brauchen einen schonungslosen Bericht über die Stärke unserer Stützpunkte und Festungen sowie über die Schlagkraft und Einsatzfähigkeit unserer Truppen im Westen. Für die Dauer des Auftrags wird dir die Eskadron des Rittmeisters Jegorow unterstellt. Vielleicht gelingt es dir ja nebenbei, mit Hilfe der Kosaken ein paar der Hurensöhne in die Hölle zu schicken.»
Nachdem die Einzelheiten des Auftrags besprochen waren und ein Offiziersdiener Tee, Cognac und Gebäck serviert hatte, sagte Dreyling, er habe noch ein persönliches Anliegen. Er wirkte ein wenig verlegen. Sein Sohn Adrian habe ein etwas weiches Gemüt und habe sich nur widerwillig für den Soldatenberuf entschieden, erklärte er. Tatsächlich seien seine Leistungen in der Kadettenanstalt eher mässig gewesen. «Ich habe ihm das Versprechen abgenommen, dass er während dreier Jahre dem Zaren dient. Wenn er dann nicht länger in der Armee bleiben will, kann er mit meinem Segen einen Beruf nach eigenem Gusto wählen. Der Junge hat gehofft, seine Zeit in einem Garderegiment in Sankt Petersburg absitzen zu können. Aber ich habe veranlasst, dass er in den Kaukasus versetzt wird. In den letzten beiden Monaten hat er es sich hier in Tiflis gutgehen lassen. Jetzt ist es Zeit, dass er den Ernst des Lebens kennenlernt. Kurz», Theodor Dreyling straffte sich, «ich möchte, dass er dich auf deiner Inspektionsreise begleitet. Nimm ihn mit und mach ihn zum Mann!» Er zögerte. Dann fügte er leise hinzu: «Und gib auf ihn Acht, er ist noch ein Kind.» Er senkte den Kopf und sah plötzlich alt aus. Als schien er sich seiner Schwäche zu schämen, sagte er schliesslich wieder laut: «Und im Herbst, wenn du deinen Auftrag erfüllt hast, reisen wir mit Adrian nach Sankt Petersburg. Meine beiden Töchter brennen darauf zu sehen, was aus dir geworden ist.»
Am nächsten Tag brach der Major mit seinen Kosaken in aller Herrgottsfrühe auf. Während er sich mit Juri Fedorowitsch über gemeinsame Erlebnisse in Dagestan unterhielt, wich sein Vetter Adrian den ganzen Tag nicht von seiner Seite. Gegen sechzehn Uhr erreichten sie Katharinenfeld.
Die Schwabensiedlung in der fruchtbaren Ebene der Maschawera war in den elf Jahren, in denen er nicht mehr dort gewesen war, gewachsen. Weitere Kolonisten aus Württemberg hatten sich niedergelassen. Neue Strassenzüge waren entstanden, an die sich die typischen Streckhöfe reihten.
Beim Dorfschulzen, mit dem von Fenzlau über die Einquartierung der Offiziere verhandelte, erkundigte er sich nach Pastor Engist und dessen Familie.
«Der lebt nicht mehr hier», sagte der Mann. Nach dem Tod seiner Frau habe ihn die Basler Mission nach Indien ausgesandt, damit er dort Heiden bekehre.
«Hanna Engist ist gestorben?» Von Fenzlau war betroffen.
«Im Winter vor acht Jahren suchte uns der Herr mit einer Seuche heim, der zahlreiche Brüder und Schwestern zum Opfer gefallen sind. Sie war unter ihnen. Jetzt liegt sie auf dem Gottesacker.» Er zeigte mit der Hand in die ungefähre Richtung.
Einem spontanen Impuls folgend spazierte der Major zum Friedhof, der am nördlichen Dorfrand lag. Eine alte Frau wies ihm den Weg zum Grab. Er schob die dunkelgrünen Efeublätter, die den grauen Stein überwucherten, beiseite. Hanna Engist-Jacob von Waldenburg, Schweiz, 1779–1831, las er.
«Du hast sie gekannt?» Adrian, der sich ihm angeschlossen hatte, war hinter ihm stehengeblieben.
Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke, dass ein junger Mann wie Ihr nicht nur unsägliches Leid über andere bringt, sondern auch Schaden an seiner Seele nimmt. Von Fenzlau hatte die Begegnung mit ihr vor elf Jahren nicht vergessen. «Sie war eine gute Frau», sagte er, ohne sich umzudrehen.
«Bist du zufrieden, Vetter Vitus?» Noch immer sprach Adrian zu seinem Rücken.
«Was soll die Frage?»
«Ich habe euch zugehört, dir und dem Rittmeister Jegorow. Macht es dir Freude, die Dörfer einfacher Leute zu zerstören?»
«Es muss sein.» Der Major löste den Blick von Hanna Engists Grab und wandte sich dem jungen Cousin zu. «Seit 1813 ist Dagestan Teil Russlands. Der Zar braucht den Grossen Kaukasus als Grenzwall gegen die Perser. Ausserdem verbünden sich die Bergtataren aus dem Norden mit unseren Feinden, den Türken, und überfallen auch Dörfer und Höfe in Grusinien. Wir sorgen für Ruhe und Ordnung.»
«Und dafür müssen Frauen und Kinder, die uns nichts zu Leide getan haben, sterben?»
«Sprich nicht über Dinge, von denen du nichts verstehst!», wies ihn von Fenzlau schärfer als beabsichtigt zurecht. «Wenn du einmal in einen Hinterhalt dieser Dreckschweine gerietest und mitansehen müsstest, wie deine Kameraden erschossen oder so schwer verwundet werden, dass sie elend verrecken, würdest du anders reden.»
«Kameraden – meinst du unsere Soldaten, jene Männer, die in der Armee wie Sklaven behandelt werden? Warst du jemals dabei, als einer zum Spiessrutenlaufen verurteilt wurde?»
Der Major nickte. Natürlich hatte er das schon miterlebt. Mehr als einmal. Bei schweren Vergehen, wenn sich einer beispielsweise gegen einen Vorgesetzten, der ihn schlug, handgreiflich zur Wehr setzte oder wenn einer desertierte und wieder eingefangen wurde, war das die übliche Strafe, welche die Militärgerichte über den Unglücklichen verhängten.
«Was hast du empfunden, wenn ein Delinquent mit nacktem Oberkörper und gefesselten Händen dreimal, viermal, manchmal sogar fünfmal langsam durch die Gasse schreiten muss, die zweihundert Männer seiner Einheit bilden?» Adrians Stimme überschlug sich. «Jeder von ihnen hält eine fingerdicke Rute in den Händen. Jeder Einzelne schlägt ihn, und zwar nach Leibeskräften, denn hinter ihm steht ein Unteroffizier, der darauf achtet, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Mit rechten Dingen!» Der Fähnrich lachte höhnisch. «Wenn man aus dem Rücken des Delinquenten ein blutiges, zuckendes Stück Fleisch gemacht hat und er zusammenbricht, bringt man ihn ins Lazarett, wo man ihn notdürftig wieder so weit herstellt, dass die Strafe fortgesetzt werden kann. Mancher überlebt sie nicht.»
«Nun», sagte von Fenzlau, für den das Spiessrutenlaufen eine von vielen Massnahmen war, um die Disziplin der Truppe zu wahren, «dein Vater hat einmal behauptet, dass die Kerle nicht für den Krieg taugen, solange sie ihre Vorgesetzten nicht mehr fürchten als den Feind.»
Adrian überhörte den spöttischen Ton. «Russland wird allein durch die Gewalt des Zaren und des Adels mithilfe der Armee zusammengehalten», ereiferte er sich. «Nur radikale Reformen können unser Land heilen. Zuerst muss die Leibeigenschaft abgeschafft werden. Fünfzig Millionen Bauern leben in Unfreiheit. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Eigentum des Staates. Über zwanzig Millionen gehören adeligen Grundbesitzern, von denen Einzelne zwei-, manchmal dreitausend Seelen besitzen – Seelen, als seien ihre Herren Gott oder der Teufel, dabei werden die Menschen frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es, heisst es im ersten Artikel der Menschenrechte.» Er schaute den Älteren erwartungsvoll an.
«Wenn du nicht in Teufels Küche kommen möchtest, solltest du diese Gedanken besser für dich behalten.»
Adrians Gesicht wurde verschlossen. «Verzeih, ich habe gehofft, wenigstens bei dir Verständnis zu finden.» Abrupt wandte er sich um und ging davon.
8
In einer langen Kolonne, immer zwei Mann nebeneinander, mit einem grösseren Abstand zwischen den vier Zügen, die von je einem Leutnant befehligt wurden, ritt die Kosaken-Eskadron am Vormittag des 25. Mai über eine Hochebene unweit von Dmanissi Richtung Westen. Die Männer trugen knielange, in den Hüften taillierte, blaue Mäntel, sogenannte Tschochas, samt weissem Bandelier und Gürtel. Dazu schwarze Hosen, die in Reitstiefeln steckten. Ihre hohen Papachi aus Schaffell schützten ihre Köpfe vor den Kapriolen des Wetters. Ausgerüstet waren sie mit Gewehren und Lanzen.
Auf der Höhe der Sioni-Kirche, einer frühchristlichen Basilika, die auf einem Plateau zwischen zwei Schluchten stand, welche die Maschawera und der Pinesauris im Verlauf von Jahrtausenden in den Felsen gegraben hatten, kam ihnen ein Reiter entgegen, der sein schweissbedecktes, ungesatteltes Pferd unbarmherzig zur Eile antrieb. Als er die Kosaken erreichte, hielt er an. Seinem Aussehen und seiner Kleidung nach war er ein armenischer Hirte. Da er völlig verstört war und ausserdem nur mangelhaft Russisch sprach, brauchten von Fenzlau und Jegorow eine Weile, bis sie begriffen, was er von ihnen wollte.
Offenbar hatte eine Tatarenbande heute Morgen einen Gutshof, der etwa vier Werst entfernt in der Steppe lag, überfallen und den Besitzer und seine Familie totgeschlagen. Im Moment waren die Mordbrenner dabei, das Herrenhaus zu plündern und alles, was nicht niet- und nagelfest war, auf Karren zu verladen. Jene Bewohner des zum Hof gehörenden Dorfes, denen es nicht gelungen war zu fliehen, hatten sie gefangengenommen. Er habe in Dmanissi Hilfe holen wollen, sagte der Mann, aber jetzt, wo er auf Soldaten des Zaren stosse … Er sah die Offiziere flehend an.
Der Major und der Rittmeister berieten sich leise. Sie waren sich einig: Man würde die Gelegenheit nutzen, um den Marodeuren eine Lektion zu erteilen. Juri Fedorowitsch gab seinen vier Leutnants die notwendigen Befehle. Kurz darauf setzte sich die Eskadron wieder in Bewegung. Die Pferde wurden zu einem schnellen Trab angetrieben.
Wie üblich ritt Adrian Dreyling neben seinem Vetter an der Spitze der Eskadron. Von Fenzlau musterte den Jüngeren und meinte dann: «Du wirst heute wohl Pulver riechen. Bleib an meiner Seite!», befahl er. «Ich will nicht, dass du bei deinem ersten Gefecht verwundet wirst.»
Rauch, der in den Frühlingshimmel stieg, wies ihnen den Weg. Nach weniger als einer halben Stunde erreichten Vitus und sein Vetter eine Anhöhe. Sie waren vorausgeritten und konnten von hier aus das Land überblicken. Der Major befahl Adrian, Jegorow zu ihm zu bitten. Seine Männer solle er hinter der Kuppe in Deckung bleiben lassen. Während sein Vetter den Befehl ausführte, stieg Vitus vom Pferd, legte sich ins Gras und zog sein Fernrohr hervor. Die Steppe, eine schier unendliche mit wenigen, verkrüppelten Bäumen bestandene Weidelandschaft, dehnte sich bis zum fernen Dschawachetischen Gebirge aus, auf dessen Kämmen noch Schnee lag. Am Fuss des Hügels führte eine mit Birnbäumen gesäumte Allee zum Herrenhaus. Es war aus dem mit hellem Mörtel verbundenen grauen Stein der Gegend erbaut worden. Anliegend an das steilgieblige, zweistöckige Herrenhaus gab es einen niedrigeren, langestreckten Annexbau. Eine gedeckte Veranda, an deren Säulen Wein rankte, verband die beiden Gebäude. Das Langhaus wurde von einem gedrungenen Rundbau abgeschlossen, offenbar eine kleine Kapelle. Eine knapp mannshohe Mauer, durchbrochen von einem einzigen Tor, umgab das Anwesen mit seinem weitläufigen Garten. Jenseits eines mit Buschwerk bestandenen breiten Bachs, der einen mit Wasserpflanzen bedeckten Weiher durchfloss, lagen zwei lange, ebenfalls aus Stein erbaute Ställe. Jeder bot für mindestens hundert Stück Vieh Platz. Dahinter war das Dorf, in dem die Hirten und Tagelöhner des Gutsbesitzers lebten. Einige der elenden Hütten brannten. Aber da war niemand, der die Flammen löschte. Die Tataren hatten Männer, Frauen und Kinder mit langen Stricken aneinandergebunden. Jetzt standen sie am Ufer des Bachs. Von Fenzlau wusste: Wenn er nicht eingriffe, würde man sie, wie damals die gefangenen Kolonisten von Katharinenfeld, ins Osmanische Reich bringen und als Sklaven verkaufen. Auch das Vieh des Gutshofs würde in die unwirtlichen Ebenen des osttürkischen Hochlands getrieben. Die Räuber waren dabei, das Plündergut auf Wagen zu laden, die sie zweifellos aus den Remisen geholt hatten. Auf dem grossen Platz vor dem Herrenhaus lagen mehrere Tote.
«Sie wollen aufbrechen. Das ist der beste Zeitpunkt, um über sie herzufallen», flüsterte Juri Fedorowitsch. Er hatte sich neben den Major ins Gras gelegt.
«Ich schlage vor», sagte von Fenzlau, ohne das Fernrohr abzulegen, «dass wir sie von drei Seiten angreifen und zum Weiher treiben. Dort werden sie kämpfen oder sich ergeben müssen.»
«Auf Gnade oder Ungnade.» Jegorow lächelte böse.
«Du kannst die entsprechende Order geben.» Der Major klappte den Deckel seiner silbernen Taschenuhr auf. «In zehn Minuten werdet ihr losschlagen – und schick Fähnrich Dreyling zu mir!»
Von der Anhöhe beobachteten die beiden Vettern den Angriff der Kosaken, die wie der Zorn Gottes über die Tataren herfielen. Diese suchten ihr Heil in der Flucht, kamen aber wegen der befohlenen Zangenbewegung nicht weiter als bis zum Weiher, und jetzt standen sie dort, rund vier Dutzend Muslime, mit dem Rücken zum Wasser, bedroht von hundertfünfzig auf sie gerichteten Flinten.
Inzwischen waren auch von Fenzlau und der junge Dreyling herangekommen. Der Major befahl den Marodeuren, ihre Waffen wegzuwerfen. Als das geschehen war, wies er die Kosaken an: «Tötet sie!»
Schüsse knallten. Männer wälzten sich brüllend vor Schmerzen am Boden. Adrian begriff: Die Kosaken zielten bewusst tief. Sie wollten den Mordbrennern das Sterben zum Verrecken machen. Langsam rückten die Soldaten vor. Sie hatten ihre Gewehre beiseitegelegt und stachen nun mit ihren Lanzen auf die Verwundeten ein, trieben ihren Mutwillen mit ihnen, steigerten sich in einen Blutrausch, wüteten unter den schreienden Opfern und versuchten, deren Tod solange als möglich hinauszuzögern.
Von Fenzlau sass, ohne sich zu rühren, auf seinem schwarzen Kabardinerhengst. Sein Gesicht war zu einer Maske erstarrt.
«Sie haben sich ergeben. Das ist Mord!», schrie Adrian.
«Schweigen Sie, Fähnrich!», fuhr ihn der Major an. Zum ersten Mal seit sie sich kannten, benutzte er die formelle Anrede. «Ihr werdet dieses Schauspiel bis zum Schluss mitansehen.»
Nach einer halben Stunde war alles vorbei. Endlich. Keiner der Tataren rührte sich mehr. Die Kosaken wuschen ihre Lanzen im Wasser des Weihers, der sich rot verfärbte.
Adrian war totenbleich. «Weshalb hast du das zugelassen?», fragte er den Vetter.
«Komm mit!», forderte der ihn auf. Er lenkte sein Pferd durch die Allee zum Gutshof. Vor der Veranda lagen Tote: erschlagene Kleinkinder, die zu jung, und Greise, die zu alt für den Sklavenmarkt waren.
Sie sassen ab. «Schau dir das an!» Der Ältere wies auf einen Toten in europäischen Kleidern, dem die Kehle durchschnitten worden war. «Ich nehme an, dass das der Gutsherr war. Und da haben wir seine Frau und seine Kinder.» Er zeigte auf ein halbnacktes Weib, dessen Geschlecht eine einzige Wunde war. Zweifellos war sie mehrmals vergewaltigt worden. Ihr Blick aus dem von namenlosem Schrecken verzerrten Gesicht war auf zwei von einer Lanze durchbohrte, etwa fünfjährige Mädchen gerichtet, die sich umschlangen, als könnten sie einander schützen. Sie trugen noch die weissen Hemdchen, in denen sie geschlafen hatten.
Adrian wankte zu einer Blumenrabatte und erbrach sich. Kopfschüttelnd schaute ihm von Fenzlau zu. Dann wurde seine Aufmerksamkeit von einem orthodoxen Priester in Anspruch genommen, der über hundert Männer, Frauen und Kinder durch das grosse Tor in der Umfassungsmauer führte. Es waren die Gefangenen der Tataren, welche die Kosaken von ihren Fesseln befreit hatten, einfache Menschen in ärmlicher Kleidung. Sie sahen elend aus. Einige von ihnen lösten sich aus der Gruppe und standen klagend um jene Toten, die ihre Angehörigen sein mochten.
Wie das für seinen Stand üblich war, trug der Geistliche, dessen schwarzer Bart den Hals bedeckte, einen knöchellangen schwarzen Rock und ein Kamilavkion, eine randlose, zylinderförmige Kopfbedeckung. Sein einziger Schmuck war ein schlichtes, silbernes Kreuz, das an einer Kette um seinen Hals hing. Er näherte sich von Fenzlau und stellte sich vor: Er sei Pater Mikheil, und er möchte dem Herrn Offizier für die Befreiung seiner Herde aus den Händen der Heiden danken und dass er ihnen allen das Schicksal der Sklaverei erspart habe. Er sprach leidlich Russisch.
Der Major neigte den Kopf und brachte damit zum Ausdruck, dass er den Dank annahm. Der Priester, er war noch jung, missverstand die Geste und segnete ihn mit einem Kreuzzeichen.
Von Fenzlau, der lutherisch getauft war, schaute ihn amüsiert an. Schliesslich fragte er: «Wer ist der Besitzer des Hofs, oder», er warf einen Blick auf den europäisch gekleideten Toten, «wer war er?»
Er erfuhr, dass das Gut Eben-Ezer hiess und Gottlob Breunig gehöre, einem Deutschen, der sich hier vor zehn Jahren niedergelassen habe. Pater Mikheil wies auf den Ermordeten. «Das ist sein Sohn Immanuel. Das geschändete Weib», er vermied den Blick auf die entblösste Leiche, «dessen Frau Judith, und dort», seine Stimme brach, als er die beiden wie Schmetterlinge an den Boden gespiessten Kinder anschaute, «sind Lea und Rachel.» Der alte Breunig, fuhr er fort, sei zu seiner Tochter nach Tiflis verreist. Man erwarte ihn in den nächsten Tagen zurück.
Der Major schwieg eine Weile. «Bis dahin sind wir längst weitergezogen», sagte er dann. «Ihr werdet ihm berichten müssen, was geschehen ist. Ich nehme an, dass Ihr Euch jetzt um Eure Leute kümmern wollt. Sie sollen ihre Toten ins Dorf schaffen. Ich sorge für die Bestattung der Familie.»
Auf dem Platz vor dem Herrenhaus stand, im Schatten einer mächtigen Blutbuche, eine schlichte, mehr als mannshohe Stele aus Granit, eine Art Mahnmal. Auf Augenhöhe hatte ein Steinmetz auf Deutsch die Worte 1. Samuel, Kap. 7, Vers 12 gemeisselt. Von Fenzlau nahm sich vor, bei Gelegenheit die Bibelstelle zu lesen. Er war der Ansicht, dies sei die geeignete Stelle für die letzte Ruhestätte von Immanuel Breunig und seiner Familie. «Du bist dafür verantwortlich, dass hier bis fünfzehn Uhr ein Grab ausgehoben ist», sagte er zu seinem Vetter, der inzwischen bleich und elend wieder neben ihm stand. «Gib Wassilij und dem Burschen von Rittmeister Jegorow den entsprechenden Auftrag. Sag ihnen, die Grube soll etwa zweieinhalb Arschin tief sein und so breit, dass wir die vier nebeneinanderlegen können.» Er stieg aufs Pferd. «Inzwischen werde ich für die Beseitigung der Mörder sorgen.»
Darmowy fragment się skończył.