Czytaj książkę: «Tage des Terrors. Tatsachenroman»

Czcionka:

Walter Laufenberg

Tage des Terrors. Tatsachenroman

Saga

Tage des Terrors. TatsachenromanCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 2000, 2020 Walter Laufenberg und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726576702

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Bis auf die Orts- und Zeitangaben sowie ein paar Figuren der Zeitgeschichte ist im folgenden alles frei erfunden. Jeder Name, jede Person, Handlung und Einstellung, ebenso jedes Gefühl, Urteil und Vorurteil. Und auch mit Ihrer Zeit, liebe Leserin, lieber Leser, hat dieses Buch natürlich nichts zu tun. Etwaige Übereinstimmungen mit Lebenden oder auch Nichtlebenden, mit ihren Äußerungen und sonstigen Taten, können deshalb nur Zufall sein, sind also nicht dem Autor anzulasten. Vielmehr müßte den Grund dafür jeder bei sich selbst suchen.

1.

Berlin, Frauenhaftanstalt Lehrter Straße. Eher Fluch als Adresse. Und der Hochsicherheitstrakt, das kranke Herz des schwerblütigen Gebäudekomplexes, ist der gräßlichste Fluch. Ist wie eines dieser Schwarzen Löcher im All, in denen eine ganze Welt verschwunden ist. Die Wirklichkeit einer vergessenen Art von Lebewesen. Verloren. Doch in diesem Schwarzen Loch gab es plötzlich Unruhe. Denn einer aus der Welt der Menschen war zu den Verschwundenen herabgestiegen. Was selten geschah. Um so verständlicher, daß Renate Hobbes viele Klopfzeichen und Zurufe zu hören kriegte, als sie nun über die langen, leeren Gänge geführt wurde. Hin zu dem Besprechungszimmer, wo sie mit ihrem Rechtsanwalt und dem Ermittlungsrichter eingeschlossen wurde. Der Richter mußte dabei sein, wußte sie. Wenn er in dem Moment auch nicht ermitteln durfte, bloß zuhören. Als zwar stummer, aber immer noch gefährlicher Augen- und Ohrenzeuge.

„Untersuchungsgefangene Renate Hobbes“, hatte die Schließerin gesagt und sie wieder so verliebt angesehen, als sie die Gefangene aus ihrer Einzelzelle abholte, „Ihr Wahlverteidiger will mit Ihnen sprechen.“

Jetzt saß die Gefangene da, eine Frau von Mitte dreißig, die unter dem kalten Neonlicht, faltig-grau im Gesicht und mit seltsam leeren Handbewegungen, eher wie eine Endvierzigerin wirkte. Sie begrüßte ihren Wahlverteidiger mit einem bemühten Lächeln.

„Frag nicht, wie es mir geht, Mani“, sagte sie, „und starr mich nicht so an. Sag mir lieber, wie es weitergeht.“

„Ich finde, die Sache läuft gut“, tröstete der Anwalt sie. „Die Staatsanwaltschaft hat nur heiße Luft in der Flinte. Du hast doch die Akte gelesen?“ Und als sie leicht nickte. „Nun, erkennst du dich darin wieder?“

Der Ermittlungsrichter sah so unbeteiligt drein wie möglich. Der Anwalt strahlte soviel Optimismus aus, wie ihm nötig schien. Die Frau zwischen den beiden Männern sah sich hilflos nach den kahlen Wänden um und schwieg. Dann griff sie mit der linken Hand in ihr volles, dunkles Haar und drehte versonnen Löckchen um den Zeigefinger. Der Richter hielt sich hinter seinem ausdruckslosen Pokerface versteckt. Der Verteidiger blieb der Strahlemann, doch wurde er zunehmend unruhiger, je länger seine Mandantin schwieg. Daß sie sich nur nicht durch meine saloppe Frage zu einer Äußerung verleiten läßt, die gegen sie verwandt werden kann. Davor muß ich sie bewahren. Aber noch ehe er seine Frage mit einem nächsten Satz wegwischen konnte, stöhnte Renate Hobbes auf: „Nein, ich erkenne mich nicht darin. Ich erkenne überhaupt nichts mehr hier, hier in diesem...“

„Reiß dich zusammen, Renate“, unterbrach er sie schnell, „du weißt, es geht um sehr viel. Und du darfst dich dabei nicht als unwichtig ansehen.“

Der stumme Zeuge hätte zu gern nachgehakt, hätte gern gewußt, wobei die Beklagte nicht unwichtig sein sollte. Aber das hier war die Sprechzeit ihres Verteidigers, nicht seine. Und so sagte er sich: Keine Frage, es geht natürlich um den demnächst anstehenden ersten Verhandlungstermin in der Sache Renate Hobbes. Und war, was er am liebsten war: beruhigt.

„Ja, ja“, sagte die Gefangene endlich. Sehr nachdenklich geworden. „Ja, – daß ich nicht unwichtig bin, das sage ich mir täglich, seit ich hier einsitze. Seit über einem Jahr sage ich mir das nun schon, Tag für Tag. Und du willst mir das jetzt auch noch einreden. Hast du mir sonst nichts zu sagen, Manfred?“

Ihr Ton war zuletzt energisch geworden, protestierend und fordernd. So daß ihr Anwalt sich beeilte, zu beschwichtigen: „Alles gut, alles gut, wirklich alles. Aber ich nehme an, daß du noch Fragen hast zu den Angaben in der Akte.“

„Fragen? – Nicht direkt Fragen. Aber mir fiel auf, eine der drei Roben, die mich verknacken wollen, ist eine Frau.“

„Das stimmt.“

„Das gefällt mir nicht. Ich habe so ein unbestimmtes Gefühl, als ob mir von daher die größte Gefahr droht. – Und auf meine Gefühle kann ich mich verlassen.“

„Da kann ich dich beruhigen“, war der Anwalt wieder ganz ihr Seelsorger. „Frau Kleine Sextro, diese Richterin, die ist eine sehr ausgeglichene und immer freundliche Frau. Sie ist übrigens in deinem Alter. Ich habe sie noch heute früh im Gericht gesprochen. Da war sie so verstört. Irgendwelche Schmierfinken hatten an die Wand neben ihrer Haustür geschrieben: Es liegt was in der Luft – nicht nur auf der Straße! Sie war ganz aufgeregt, als sie mir das erzählte. Unerhört so was, habe ich ihr gesagt.“

Etwas blitzte auf in den Augen der Beklagten, als sie jetzt ihren Anwalt ansah. Der Ermittlungsrichter kriegte das nicht mit. Jetzt wußte Rechtsanwalt Schallenberg seine Mandantin mit dem Wichtigsten versorgt, mit dem, was sie am dringendsten brauchte. Mit Hoffnung. Er war mit dem Start seiner kleinen Plauderei zufrieden. Die Verständigung hatte geklappt. Der stumme Zeuge war offenbar für die Hintertöne taub. So konnte der Anwalt das lockere Gespräch zielstrebig fortsetzen, konnte schnell zur Sache kommen. Renate Hobbes war hellwach und spielte wunderbar mit, immer noch mit dem Zeigefinger Löckchen drehend. Wie gelangweilt. Wenn nur nicht der lauernde Blick uns verrät, mit dem sie mich ansieht, überlegte Schallenberg. Doch der Ermittlungsrichter sah vor sich hin, offensichtlich über die Harmlosigkeit des Gesprächs glücklich.

Schallenberg suchte die richtige Wendung, die ihn auf Frieder Fehlhaber bringen würde. Klar, daß sie über Frieder was hören will. Klar, daß sie Tag und Nacht an ihren Frieder denkt. Der jetzt so allein ist wie sie. Und ich könnte ihr gute Nachricht bringen. Das aber wieder so auszudrücken, daß ich mich nicht dem Verdacht aussetze, mit den Terroristen gemeinsame Sache zu machen, ihr Postillion in Anwaltsrobe zu sein, das ist die Schwierigkeit.

Doch dann endlich hatte er es. „Vorweihnachtszeit“, sagte er orakelhaft. „Friederfüllt die Welt, in der doch noch so viel passieren kann, ehe das Jahr wirklich zuende ist. Ja, so viel. Aber jedenfalls im Moment geht es gut, ist alles beim alten. Ja, alles noch beim alten.“

Renate Hobbes sah ihn aufmerksam an. Köstlich, dieses Wort friederfüllt, triumphierte es in ihr. Und alles noch beim alten. Das hieß also, daß auch Frieder noch nicht verurteilt war, daß er wartete wie sie. Er in Stuttgart-Stammheim, das wußte sie. Und nun wußte sie auch, daß er nicht auf seinen Prozeß wartete, sondern auf seine Befreiung. Die also noch vor Ende der Jahres durchgeführt werden sollte. Da blieb nicht mehr viel Zeit, aktiv zu werden.

Leider auch nicht mehr für weitere Erklärungen. Die Schließerin kam mit ihrem filmreif rasselnden Schlüsselbund. „Die Sprechzeit ist zuende“, sagte sie.

„Alles, alles mögliche Gute“, wünschte die Untersuchungsgefangene ihrem Anwalt zum Abschied. Und der wunderte sich nicht. Er wußte, daß sie verstanden hatte.

„Geht in Ordnung“, sagte er beim Hinausgehen.

Der Untersuchungsrichter trottete hinter ihm her, stumm, wie es seines Amtes war. Er könnte in seinem Bericht über dieses Gespräch nicht viel bringen, überlegte er. Nur, daß die Beklagte und ihr Anwalt über Weihnachten gesprochen haben, das könnte er hineinschreiben. Und natürlich die Bemerkungen über die Richterin Kleine Sextro. Ja, die natürlich auch. Eine Überlegung, die brisanter war, als der Untersuchungsrichter ahnte.

2.

Was ist nur los mit ihr? Sie ist nicht wie sonst, wenn ich sie abhole, fiel ihm auf. Sie ist so verstört. Als hätte sich heute die ganze Tristesse dieser öden Gerichtsflure auf sie gestürzt. Dieser Gänge ohne Anfang und ohne Ende. Als hätte ihr enges, kahles Richterzimmerchen mit der seelenlosen Nummer 1035 an der Tür und den paar geschmacklos zusammengewürfelten Möbelstücken sie in die Zange genommen. Dieses kleine Gesicht, so blaß. Und diese ausgeknipsten Augen, erschrak er.

„Laß uns nur ganz schnell gehen, Rainer“, flüsterte sie, als sie ihre Richterrobe auf den Kleiderbügel und in den Schrank hängte. Überhastig, aber ordentlich wie immer, dachte er. Er wollte ihre Aktentasche nehmen, wie gewöhnlich. Diese kleine Hilfe, nie der Rede wert, doch das Mindeste, was er hier in der für ihn fremden Welt für sie tun konnte. Aber sie war schneller als er, packte die Tasche mit beiden Händen, drückte sie fest an sich und hastete hinaus auf den Flur, überließ es ihm, den Schlüssel nach außen zu stecken, ihn herumzudrehen und rauszuziehen. Und klaubte ihm gleich darauf den Schlüssel aus der Hand, übertrieben energisch, wie er fand. Und schob ihn zum Fahrstuhl. „Frag mich jetzt nichts“, sagte sie, als er den Mund aufmachen wollte. Panik, überlegte er, die ganze Frau eine einzige Panik. Und zog es vor, sie nicht weiter zu behelligen.

„Was ist nur mit unserer Richterin Kleine Sextro los“, sagte der Pförtner zu dem Polizisten, der neben ihm stand. „So ist die ja noch nie hier durchgerannt. Schmeißt einem den Schlüssel beinahe an den Kopf. Und nichts wie weg, ohne jeden Gruß. Ohne uns einen schönen Feierabend zu wünschen. Also so was.“

„Da kann ich notfalls drauf verzichten“, meinte der Polizist. „Aber wer war denn das sonderbare Subjekt, das sie abgeholt hat?“

„Das? – Na, ihr Mann, der Maler.“

„Eine Richterin – und ihr Mann ein Maler?“

„Ja, aber ein richtiger Maler. Ein Kunstmaler oder wie der sich nennt. Also nicht so ein Anstreicher.“

„Um so schlimmer. Den könnte man ja wenigstens noch brauchen. Aber so einen, nee.“

Kaum aus dem Bus ausgestiegen, auf den letzten paar hundert Metern Heimweg, kam Rainer dann doch mit der Frage heraus: „Also, Annemarie, nun sag schon. Was ist los? Hat es Ärger gegeben im Büro?“

„Was heißt hier Ärger gegeben“, kam es mehr resigniert als tadelnd. „Bei mir kann es keinen Ärger geben, wie du weißt. Weil ich keinen Chef habe. Bei mir gibt es nur Fälle. Immer andere Fälle. Ärgerliche auch. Und unangenehme. Und der neueste Fall ist wieder so einer. Ein höchst unangenehmer. Ein Terroristenprozeß.“

„Na und? Für dich doch nichts Neues.“

„Nein, eigentlich nichts Neues. Da hast du recht. Aber diesmal ist doch alles anders als sonst. Viel, viel schlimmer.“

„Warum?“

„Still jetzt“, herrschte sie ihn flüsternd an. Passanten kamen ihnen entgegen. Ein harmloses älteres Paar. Danach noch ein paar Kinder. Kein Grund für diese Geheimnistuerei, wurde Rainer ärgerlich. „Also, was ist nun? Wieso steht jetzt ein Terroristenprozeß an, der anders ist als sonst, viel schlimmer?“

Sie waren am Gartentörchen angelangt. Sie schob ihn so ungeduldig wie stumm hindurch und ins Haus. Und als die Haustür hinter ihnen ins Schloß gefallen war und er gerade einen Satz vorformuliert hatte, der mit Unverschämtheit, mich so herumzuschubsen, beginnen sollte, sagte sie: „Weil – na weil die Beklagte Renate Hobbes heißt.“

„Renate Hobbes, Renate Hobbes“, überlegte Rainer Kleine Sextro laut, „den Namen hast du doch – ja, davon hast du schon oft, ja, sag mal, ist das denn nicht – tatsächlich?“

„Ja, tatsächlich. Die Beklagte ist meine Klassenkameradin Renate Hobbes“, kam es fast tonlos, „meine alte Freundin, von der ich dir schon so oft erzählt habe.“

Und nach einer Pause, die er ihr gelassen hatte, um sie nicht noch zusätzlich zu irritieren: „Meine einzige Freundin. Die ich seit dem Anfang des Studiums nicht mehr gesehen habe. Du weißt ja, ich bin mit meinen Eltern schon nach den ersten Semestern nach Bonn gezogen und habe dort studiert. Renate war hier an der Freien Universität geblieben. Damit war etwas zuende gegangen, was wir immer als die schönste und intensivste Freundschaft empfunden hatten, zu der junge Menschen überhaupt fähig sind. Wir haben uns nie mehr wiedergesehen, seitdem unsere Wege so auseinandergelaufen waren. Nie mehr. Sonderbarerweise. Und irgendwann dann auch nicht mehr geschrieben oder angerufen. Wie so was einschläft auf die Entfernung. Na ja, neue Menschen, neue Kontakte. Aber jetzt begegnet sie mir in einer Akte, die auf meinen Tisch kommt. Als leibhaftige Beklagte. Strafsache Renate Hobbes. Jetzt soll ich sie verurteilen wegen der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und der Beihilfe zur Entführung und zum Mord.“

Nun machte Rainer Kleine Sextro einen ebenso verstörten Eindruck wie seine Frau. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sagen konnte: „Aber das kannst du doch nicht machen. – Ich meine, sie verurteilen. – Deine Freundin Renate. Das kannst du doch nicht tun.“

„Ja, das kann ich nicht tun, da hast du recht. – Aber ich kann es auch nicht lassen.“

„Was?“

„Ich kann sie auch nicht einfach nicht verurteilen. Ich kann mich nicht rausstehlen aus dieser Sache.“

„Aber sicher kannst du. Du kannst dich als Richterin doch selbst ablehnen. Wegen Befangenheit.“ Soviel wußte Rainer von der Stellung einer Richterin. Und er brachte sein Fachwissen mit einem gewissen Stolz an.

„Du weißt ja schon gut Bescheid in meinem Job.“

„Danke für das Lob.“

„Aber dann weißt du auch, was der Geschäftsverteilungsplan des Gerichts ist. Das ist das oberste Gesetz des Gerichts, ist quasi unsere Bibel. Dahinter steht das Gerichtsverfassungsgesetz. Das gibt jedem Angeklagten einen Anspruch auf den sogenannten gesetzlichen Richter, das heißt auf einen Richter, der zufällig und nicht per Beschluß oder durch sonstige Manipulation ausgewählt wurde. Deshalb wird die Justitia immer mit verbundenen Augen dargestellt. – Und der Geschäftsverteilungsplan regelt eben nicht nur, welche Akte welchem Richter auf den Tisch gelegt wird, er regelt auch die Vertretung, das heißt wer wen vertreten muß.“

„Du sagst es. Du kannst dich also vertreten lassen.“

„Sehr richtig. Mich selbst ablehnen, mich vertreten lassen, das würde ich am liebsten tun.“ Und nach einer Pause, während der sie im Zimmer auf und ab lief: „Wenn ich nicht wüßte, wer mich dann vertreten müßte: Dr. Grotan. Wenn ich nicht wüßte, was für ein Terroristenfresser der Mann ist. Und was für ein Weiberhasser dazu. – Nein, Rainer“, brach sie plötzlich in Tränen aus, „nein, diesem Richter nicht, dem kann ich Renate nicht ausliefern.“

„Das heißt, dann willst du also selbst...“

„Nein!“ schrie sie, „ich will nicht, ich muß! – Ich selbst muß über Renate zu Gericht sitzen. Ich muß meine beste, meine einzige Freundin verurteilen“, lief sie heulend ins Schlafzimmer.

3.

Der schwarze Schnee der Großstadt, er ließ keine vorweihnachtliche Stimmung aufkommen. Dieses scheußliche schwarze Streugut, das die Stadt neuerdings einsetzte, mit Schnee vermischt war es einfach überall. Auf den Straßen als plattgefahrener Schneedreck. Auch auf den Bürgersteigen, mit Hundekot angereichert. Und sogar die Wege durch die Vorgärtchen waren schwärzlich von Streugut. Mitgeschleppt von den Profilsohlen der zwei Millionen Menschen, die aufregenden Feiertagen entgegengingen.

Es liegt was in der Luft – nicht nur auf den Straßen. So wurden die Leute von Beschriftungen gewarnt, die in den letzten Nächten an immer mehr Mauern und Bauzäunen erschienen waren.

Anfang Dezember des Jahres 1979. Früher Wintereinbruch. Und Berlin wurde – je mehr Schnee fiel – immer düsterer. Die Zeitungen versuchten abzulenken. Sie erklärten in ausführlichen Darstellungen, wieviel besser die neue Methode sei, gegen die Schneemassen und gegen Glatteis anzukämpfen. Sie verurteilten das bisher verwendete Salz als Umweltfeind Nummer eins. Sie appellierten an das Mitgefühl der Hunde- und Katzenfreunde und trafen damit Hunderttausende mitten ins Herz. Ja, es ging um die schmerzenden Pfoten und das unwillkürliche Ablekken des Salzes, um unmenschliche Tierquälerei also, mit der nun endlich Schluß gemacht werde. Die Alleebäume mußten ebenfalls herhalten. Das viele Grün, der Stolz der Berliner, sei in höchster Gefahr, erfuhr man jetzt täglich aus der Morgenzeitung. Winter für Winter habe das Salz sie an den Wurzeln gepackt. Es gehe nicht an, daß man länger die Augen davor verschließe, daß man das vielgerühmte Grün der Stadt ermorde, diese lebenswichtige grüne Lunge Berlins verkommen lasse. Wenn die vielbesungene Berliner Luft bleiben solle, was sie war, dann dürften die baumbestandenen Straßen nicht zu Pökelalleen verkommen und so weiter.

Als Annemarie Kleine Sextro an dem Morgen aus dem Haus getreten war, hatte sie an der Wand neben ihrer Tür gelesen: Es liegt was in der Luft – nicht nur auf den Straßen. Mit dicken Pinselstrichen flüchtig hingeschmiert, rot. Und wo der Pinsel neu angesetzt worden war, mit frischer Farbe aus dem Eimer, da war es runtergelaufen von den Buchstaben, in dicken roten Tropfen, die wie Blut angetrocknet waren. Nasen, hatte sie gedacht, Nasen würde Rainer das nennen. Der Täter könne nicht einmal eine glatte Wand anstreichen, würde er schimpfen. So ein Stümper und so fort. Sie fuhr sich mit der Hand ins Gesicht und bemerkte die verlegene Handbewegung erst, als sie die Kälte spürte. Als ob der Tod persönlich einen anfaßt, durchfuhr es sie. So kalte Hände, das kenne ich sonst an mir nicht. Sie nahm sich vor, nächstens die Handschuhe schon vor dem Hinausgehen anzuziehen, nicht erst auf dem Weg zum Bus.

Der Dreck, der vieltonnenweise über alle Straßen und Bürgersteige verteilt worden war, wurde zum Stadtgespräch. Das Granulat, wie das neue Streumittel offiziell hieß. Aber der schöne Name nützte auch nichts. In den Leserbriefspalten der Tageszeitungen gifteten Autofahrer die Umweltschützer an. Sie rechneten heile Katzenpfoten und gerettete Bäume gegen die Blechschäden auf, gegen blutende Köpfe und ausgefallene Arbeitszeit, wenn der Wagen auf dem Eis wegrutscht, unaufhaltsam, weder auf die Bremse noch auf die Steuerung reagierend, weil das Salz fehlt. Und dieses Granulat verlängere nur noch den Bremsweg, wetterten sie gegen die Neuerer los.

Der erste, der Annemarie Kleine Sextro an diesem Morgen im Berliner Kammergericht begegnet war, abgesehen von den schwerbewaffneten Polizisten und dem Pförtner, die unten im Eingang eine furchterregende Schleuse aus Barrieren, grimmigen Mienen, Fragen und Kontrollblicken aufgebaut hatten, – der erste Kollege war Manfred Schallenberg. Ausgerechnet dieser Schallenberg, hatte sie gedacht. Würde mich nicht wundern, wenn der von der bedrohlichen Schrift neben unserer Tür wüßte.

„Guten Morgen, Frau Kleine Sextro“, rief er schon aus etlichen Metern Entfernung.

„Guten Morgen, Herr Schallenberg.“ Wohldosiert, nicht zu freundlich, nicht zu distanziert.

„Sie sehen ja aus wie halberfroren“, blieb er bei ihr stehen. „Mußten Sie so lange auf den Bus warten?“

„Er weiß also Bescheid, überlegte sie. Er weiß, was mich erschreckt hat. Ist doch klar. Als ihr Wahlverteidiger steckt er mit ihr und ihren Kumpanen unter einer Decke. Bemüht leger sagte sie: „Ich kann das Durchleuchten im Eingang nicht vertragen. Wohl so eine Art Filzallergie, was ich da habe.“

„Daß Sie das sagen? Wo Sie doch auf der anderen Seite stehen“, tat er verwundert. „Bei mir ist das ja was anderes. Ich träume nachts schon von Kontrollen, so zuwider ist ...“

„Als Richterin stehe ich weder auf der einen noch auf der anderen Seite, Herr Schallenberg. Die vielen Durchleuchtungen scheinen Ihre Erinnerung an die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit zu verdunkeln.“

„Ja, sehr richtig, Rechts-Staatlichkeit, daran darf nicht gerüttelt werden“, lachte er. Und wiederholte „Rechts-Staatlichkeit“, indem er den Begriff dehnte und zur Nahkampfwaffe verbog.

„Nur gut, daß Sie mir das nicht im Ernst nachsagen können, Herr Schallenberg. Oder?“

„Erbetteln Sie sich nicht von mir Ihre Absolution. Ich bin nicht Ihr Seelsorger, ich bin Anwalt, – guten Morgen, Frau Richterin.“

„Guten Morgen auch Ihnen, Herr Rechts-Anwalt“, dehnte sie das Wort, wie er es gemacht hatte. Er eilte laut lachend weiter. Lachen kann der Mann, einfach toll. Er hätte Vertreter werden sollen statt Anwalt. Eigentlich hätte ich ihn ja Herr Links-Anwalt nennen müssen, überlegte sie im Weitergehen. Aber das wäre eine Beleidigung. – Obwohl, eigentlich könnte Schallenberg das nicht als Beleidigung empfinden. Er nicht.

Sie betrat ihr Zimmer gleichzeitig mit dem Büroboten. Woitolla, wie immer im grauen Anzug und mit Schlips und Kragen, die grauen Haare akkurat gescheitelt und gewellt. Böse Zungen tuschelten, daß er sich jeden Morgen mit der Brennschere den Kopf in Ordnung bringen müsse. Ach, Unsinn, ich sollte meinen Kopf in Ordnung bringen. Annemarie Kleine Sextro mochte den Alten. Und der spürte das. Er schätzte ihre Freundlichkeit gegenüber den unteren Rängen, wie er zu sagen pflegte. Und ihre Gewohnheit, manchmal ein paar Worte mit ihm zu plaudern, nutzte er manches Mal ganz schön aus.

„Das mit den Kontrollen unten im Eingang ist ja schrecklich“, seufzte er. „Nun bin ich doch schon elf Jahre hier tätig, und jetzt tun die, als ob ich ein gefährlicher Verbrecher wäre. Immer wieder mich ausweisen müssen und mich abtasten lassen. Können wir nicht mal wieder was anderes machen als diese Terroristenprozesse, Frau Richterin?“

Klar, er wollte sich wieder ein Plauderpäuschen verschaffen. Warum auch nicht. Das mit dem Wir fand Annemarie köstlich. Trotzdem warf sie nur ein „Ja, sehr unangenehm“ hin und hantierte hastig mit den Akten und Büchern auf ihrem Schreibtisch. Und der Bote verstand und ging. Ist mir unverständlich, warum manche Kollegen den Mann so grob behandeln. Woitolla versteht es doch meisterhaft, sich diskret zurückzuziehen. Spürbar, daß er einmal bessere Zeiten gesehen hat, wie er selbst es nennt. Selbständiger Schneidermeister. Den Konkurrenzkampf nicht durchgehalten, wie er sagt. Dann Chefverkäufer in einem der führenden Modehäuser. Und jetzt auf Nummer Sicher im öffentlichen Dienst. Ein Versager halt, hat er die Schultern hochgezogen, als er mir das erzählt hat. Beim ersten wie beim zweiten und dritten Mal. Und ich, ich habe Verständnis gezeigt. Ich bin ja ebenfalls im öffentlichen Dienst. Also habe auch ich versagt? Schon dachte sie wieder an Schallenberg und seinen Hohn: Rechts-Staatlichkeit. – Nein, das soll man mir nicht nachsagen können. Und auch nicht, daß ich versagt hätte. Da muß ich durch!

4.

Wieder wie gestern und vorgestern, wie morgen und übermorgen eingerahmt von dem scheußlichschlichten Mobiliar des Richterzimmers. Annemarie Kleine Sextro sah sich mit wehem Blick um. Nur das für die Arbeit Allernotwendigste, übriggeblieben aus den diversen Berliner Justizverwaltungen der letzten siebzig Jahre. Die schiere Demut, wenn das eine Klosterzelle wäre. Der erste Schritt zur Heiligkeit. Hier aber eher die schiere Ignoranz gegenüber allem am Menschen, was nicht unter den hehren Begriff Ratio fällt. Alt gewordene Sachen, doch dadurch weder würde- noch wertvoll geworden, nur abgegriffen, unansehnlich. Ein Ambiente zum Davonlaufen. Oder zum Insichgehen. Annemarie entschied sich für die zweite Variante. Dafür, sich wieder einmal in Erinnerung zu rufen, wie sie zu dem geworden ist, was jetzt an ihrer Tür steht, außen: Richterin am Kammergericht.

Die Schule, nun ja, die hat man absolviert, weil die Eltern es von einem erwarteten. Und dann dastehen mit dem Abiturzeugnis in der Hand, auf das man so lange hingelebt hatte. Und sich selbst sagen müssen: Ist ja wohl stark übertrieben, Zeugnis der Reife. Ich bin jung und nicht reif. Das hätten die wohl gern. Reif, überreif und bald schon nicht mehr konsumierbar. Ich war tatsächlich alles andere als reif damals. Mehr mit Büchern lebend als mit Menschen. Ich kannte doch nur Bücher, außer Renate und meinen Eltern. Typisches Einzelkind, das von den Eltern, die ihre Ruhe haben wollen, auf ein stilles Hobby abgeschoben wird. Bücher sind auch Gesprächspartner, ja, und bei denen kann man eine bessere Auswahl treffen, so hatte ich mich gegen den Hohn der Klassenkameradinnen verteidigt, die mehr von Jungen hielten als von Büchern. Aber für meine Verträumtheit, für dieses verschwommene Gefühl der Unsicherheit auch, dafür hatte ich damals keine Entschuldigung bei der Hand. Dieses Manko wollte ich mir mit der Juristerei wegkurieren. Das Jurastudium als Selbsttherapie. Das dürfte ich ja niemals aussprechen.

Sie legte die Strafakte Renate Hobbes auf augeschlagen vor sich auf den Tisch. Wir waren halt kleine Mädchen, so knospig noch, so rundum unerfahren, wie sie in Mädchenbüchern beschrieben sind. Was wir werden wollten, das wußten wir nicht. Doch was wir alles nicht werden wollten, das wußten wir genau. Nur ja nicht das Übliche. Nur nicht wie unsere Eltern werden. Aber einen Mann haben, ja, das wollten wir beide. Und natürlich nur einen ganz außergewöhnlichen Mann. Den tollsten Mann überhaupt. Diese Gedanken entwickelten sich schneller weiter als wir selbst. Einem besonderen Mann die besondere Frau sein. In einer modernen Partnerschaft lebend. Als die unerschütterlich verständnisvolle und nicht wegzudenkende Gefährtin eines der Großen der Zeit. Eine Art Simone de Beauvoir zumindest.

Habe ich vielleicht nur deshalb so schnell Karriere gemacht? Ich und eine Karrierefrau, so ein Witz. Alles nur, weil wir als Mädchen so herumgesponnen haben. Weil eine Richterin mir was Besonderes zu sein schien. Natürlich keine Ahnung davon, was es in Wirklichkeit heißt, Richterin zu sein. Und dann sogar Richterin am Landgericht und jetzt hier am Kammergericht. Abgeordnet an dieses nächsthöhere Gericht, um mich weiterzuqualifizieren. Das dritte Staatsexamen, wie der alte Kollege am Landgericht sagte. Robenau hieß er. Das kann ich jetzt eigentlich vergessen. Aber mit Anerkennung im Ausdruck gesagt. Und wohl auch mit einer guten Portion Neid. Denn wer kommt schon so weit, und das sogar in recht jungen Jahren.

Annemarie Kleine Sextro konnte sich nicht dazu überwinden, noch einmal die Akte durchzulesen, noch genauer. Zum dritten Mal. Gestern, als ich Rainer beim Überpinseln des Spruchs überrascht habe, hätte ich ihm da sagen sollen, warum ich das nicht wollte? Warum ich es lieber hätte, daß er in seinem Atelier arbeitet statt draußen? Nein, das kann ich ihm nicht sagen. Das würde sofort einen grandiosen Vortrag über Freilichtmalerei und ihre Überlegenheit über die Ateliermalerei auslösen. Pleinairmalerei, Pleinairmalerei und ihre ganz unvergleichliche Atmosphäre. Dabei, darum ging es ja nun wirklich nicht. Aber das dürfte ich ihm nicht sagen. Ich darf ihm nicht sagen, wovor ich Angst habe. Das würde ihm ein ruhiges Weiterarbeiten unmöglich machen. Aber wenn Rainer was passieren würde, das wäre entsetzlich. Das ja, das wäre der Hebel, mit dem sie mich fertigmachen könnten. Und Rainer ist so arglos. Er kennt nur seine Arbeit. Also mußte ich ihn machen lassen. Nun steht neben unserer Haustür ein neuer Spruch, von Rainer in kunstvoller Schrift gestaltet, auf der frischen Übermalung: Grüß Gott, tritt ein, bring Glück herein! – Die Aufforderung „tritt ein“, wenigstens die hätte er sich besser gespart.

In der untersten Schublade ihres Schreibtisches im Kammergericht am Lietzensee lag die Notiz des Ermittlungsrichters über das Gespräch der Untersuchungsgefangenen Renate Hobbes mit ihrem Wahlverteidiger Manfred Schallenberg. Der stumme Zeuge hatte schriftlich festgehalten: „... berichtete der Anwalt dem Häftling Hobbes von einem Gespräch, das er an diesem Morgen mit der Richterin Kleine Sextro hatte und in dem sie ihm erzählt hatte, daß in der Nacht zuvor eine Wand ihres Hauses mit der Aufschrift beschmiert worden war: Es liegt was in der Luft – nicht nur auf der Straße.“

Das will er von mir gehört haben? Nein, das weiß er nicht von mir, sondern von seinen Kumpanen. Da hat er sich selbst verraten. So was Dummes. Auch der gerissenste Anwalt macht also mal einen Fehler. Aber das bleibt hier unter Verschluß. Damit mir nicht wieder Personenschutz aufgedrängt wird. Die mit ihrem peinlichen Getue und ihrem ständigen Schutzgerede. Hat mir gerade gereicht beim letzten Prozeß. Als die Nachbarn sich damals beschwert haben, daß sich immer Polizei in unserem Viertel herumtreibe. Ja, herumtreiben, so haben sie das genannt. Man könne es ja nicht mehr riskieren, nachhause zu fahren, wenn man bloß ein einziges Glas Bier getrunken hat. Und Freunde und Bekannte lehnten Einladungen ab, weil die Beamten in ihrer Langeweile sogar das Reifenprofil der dort geparkten fremden Wagen überprüften. Und der Nachbar, der spät am Abend heimgekommen war und gleich rot sah, weil er in seinem Fernsehsessel einen Nebenbuhler überrascht zu haben glaubte. Beinahe wäre er zum Polizistenmörder geworden. Hätte der Fremde ihn nicht sofort mit entsicherter Dienstpistole in Schach gehalten. Dem armen Kerl war einfach nur kalt geworden, und die Frau hatte ihn gern hereingelassen, weil er ihr ein Gefühl von Sicherheit gab, wie sie nachher erklärte. Und klar, daß er seine Jacke und die Dienstmütze abgelegt hatte im gut geheizten Wohnzimmer. Nein, nur nicht noch einmal diesen Schutzterror. Kühlen Kopf bewahren, Annemarie. Und diesmal jegliches Aufsehen vermeiden.

Woitolla kam herein. Sie schrak zusammen wie ertappt. Er merkte, daß er störte, legte die Akten wortlos auf den Aktenbock, stellte fest, daß nichts als Ausgang dalag, und verschwand fast unhörbar. Eine schreckliche Unsitte eigentlich, dachte sie, daß Boten einfach alle Türen aufmachen dürfen. Ohne anzuklopfen. Was mich allerdings bisher nicht erschreckt hat. Woitolla hat mich nur ein einziges Mal erschrecken können. Als er das erste Mal zu mir hereinkam und ich dachte, ich muß ihm zur Begrüßung ein paar freundliche Worte sagen. Wie er mir da gleich gesagt hat, er freue sich, einmal eine Vierzigerin als Richterin hier zu sehen. Und ich habe mich gewehrt, dumm drauf reingefallen, nein, ich sei noch lange keine vierzig, erst gerade fünfunddreißig. Und er entschuldigte sich, das habe er nicht gemeint. So was spreche er doch niemals an bei Damen. Nein, meine Konfektionsgröße sei vierzig. Unten zumindest. Ich hätte beim Kleiderkauf immer das Problem, daß ich zwei verschiedene Größen kombinieren müßte, unten vierzig und oben zweiundvierzig. Aber das sei ja heute möglich. Er zumindest, er hätte mir das immer ermöglicht. Wenn er jetzt noch die Möglichkeit dazu hätte. Und stellte sich als gelernter Schneider und ehemaliger Chefverkäufer vor. DOB und HOB, sagte er und übersetzte dann freundlicherweise gleich: Damen- und Herren-Oberbekleidung. Ja, ein freundlicher Mensch, dieser Woitolla. Und offenbar eine Kapazität. Denn wie er mich taxiert hatte, das stimmte haargenau. Aber mit seiner langen spitzen Nase, so bedrohlich, und dieser Art, einen gleich auszuziehen – das macht er bei jedem sofort bei der ersten Begegnung, bestätigten mir die Kollegen, und manch einer reagiert sauer –, das ist auch wirklich unangenehm, fast schon unheimlich. Aber andererseits – einmal so ausgezogen, hat man auch keine Scheu mehr vor ihm, wenn er einfach so zu einem ins Zimmer tritt. Wie der Hausarzt ans Bett.

Und kam endlich zurück zu der Notiz des Ermittlungsrichters und zu ihrem Entschluß, sie wegzuschließen. Und war schon wieder bei Woitolla, der sich als Versager bezeichnet hatte. Muß ich jetzt immer daran denken, wenn ich ihn sehe? Und mich fragen, ob ich ebenfalls versage? Ja, müßte ich jetzt nicht Schallenberg auffliegen lassen? Ich habe ihn in der Hand, ganz klar. Er hat sich als konspirativ tätig verraten. So einem Anwalt muß das Handwerk gelegt werden. Ja, aber er ist der beste Anwalt, den Renate finden konnte. Ein Meister seines Fachs und ein Naturtalent in der Kunst, alles zu verdrehen. Ihr diesen Anwalt nehmen? Nein.

Die Richterin ließ den Protokollzettel in der untersten Schublade verschwinden. Sie konnte sich nicht dazu durchringen, Meldung zu machen, wie es ihre Pflicht gewesen wäre. So hatte sie nun zu ihren Zweifeln, ob sie eine Versagerin sei, auch noch mit der Frage fertigzuwerden, ob sie überhaupt noch neutral sei. Als Richterin stehe ich weder auf der einen noch auf der anderen Seite, habe ich gegenüber Schallenberg aufgetrumpft. Jetzt muß ich mir einreden, daß ich mich gerade mit der Unkorrektheit, die vorgeschriebene Meldung zu unterlassen, als neutral erweise. Gerade damit. Weil es nicht an mir liegen soll, daß Renate Hobbes gut wegkommt, sondern an ihrem guten Anwalt. Und dieser Schallenberg ist der einzige Anwalt weit und breit, der es schaffen könnte, sie herauszuhauen aus dem Schlamassel, in den sie sich gebracht hat. Mit offenen Augen und in voller Absicht. Mein Gott, ja: dolus directus. Und ich kann nicht einmal sagen: unnötigerweise. Weiß ich doch, warum sie getan hat, was man ihr jetzt vorwirft. Unsere Kleine-Mädchen-Träumereien. Damit bin ich praktisch mitschuldig geworden. Denn was beinahe wie eine Wette war, eine Lebenswette – die den tolleren Mann kriegt, ist die Siegerin –, das hat sie dahin gebracht, wo sie jetzt ist. Und mich dahin, wo ich jetzt bin. Und genau das bringt uns beide demnächst im großen Saal des Kammergerichts von Berlin zusammen. Ja, – aber daß unsere Lebenswege so wieder zusammenfinden könnten, wer konnte das ahnen.

Sie bekam die Akte Renate Hobbes nicht mehr vom Tisch. Sie las darin und suchte und suchte, als ob es um ihr eigenes Leben ginge. Und irgendwie tat es das ja auch. Beihilfe zur Entführung und Ermordung des Unternehmers Alex Heuchemer, so nannte die Staatsanwaltschaft das, was in den Flugblättern der Clique hieß: Gefangennahme und Hinrichtung eines Volkschädlings. Das auf einen Nenner zu bringen, das wird die Aufgabe von Manfred Schallenberg sein. Die Beklagte hat sich nicht zu den Tatvorwürfen geäußert. Typisch. Sie wird sich auch während des Prozesses mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht dazu äußern. Das entspricht ihrer sturkonsequenten Art.

5.

Das war in den letzten großen Ferien vor dem Abitur. Bei zwei Familien auf der Nordseeinsel Juist konnte man uns brauchen. Mehr wußten wir nicht. Doch – daß wir kein Geld verdienen würden, lediglich ein kleines Taschengeld für unsere Arbeit erhalten sollten, daneben aber freie Unterkunft und Verpflegung. Und natürlich geregelte Freizeit. Und das war es, was uns besonders gereizt hatte: das ganz andere Ferienerlebnis. Kein Problem, das Geld für die Bahnfahrt von den Eltern zu erbetteln. Es ging ja ums Initiativwerden, um Hilfsbereitschaft und Idealismus. Das gab den nötigen Rückenwind. Und der Begriff Au-Pair-Mädchen klang ja recht gut. Wenn die auch normalerweise im Ausland arbeiten, um die Fremdsprache zu lernen. Unseren Eltern war das Angebot auf Juist viel lieber als ein Auslandsaufenthalt. Bleibe im Lande und nähre dich redlich. Ich habe es noch im Ohr.

Da sind die beiden Mädchen auf der Fähre, mit der sie von Norddeich übersetzen zu ihrer Trauminsel Juist. Deutlich zu sehen, daß sie sich fühlen – im Lande geblieben oder nicht – wie auf großer Fahrt. Und dann dieser kuriose Trip mit der nostalgisch schnaufenden Inselbahn von der Mole zum Bahnhof. Das Erlebnis hat begonnen. Wie sie mit dem Gepäck in der Hand aus dem kleinen Bahnhofsgebäude kommen, die paar Straßen hinunter gehen, in ein neues Leben hinein, das sich ihnen mit einem quirlig vollen Platz und bunten Blumenrabatten vorstellt. Da steht plötzlich der Fotograf vor ihnen und hat sie schon im Kasten. Wie er das ausdrückt. „Übermorgen abzuholen, meine Damen. Adresse steht hier auf dem Kärtchen. Wünsche Ihnen schöne Ferien!“

Da waren wir auf einmal Damen. Und Feriengäste. Das Foto muß ich noch irgendwo haben, überlegte Annemarie. Schade, daß ich damals nicht ein ganzes Album angelegt habe, mit Fotos, Fahrscheinen, Eintrittskarten und getrocknetem Dünengras. – Was war daran noch zu trocknen? Aber damals kamen ja noch nicht diese Unmengen von Bildern zusammen bei jeder Reise. Und wir waren ja auch keine Damen auf Urlaubsreise. Daß wir uns am nächsten Abend um acht im Bahnhof treffen wollten, um unsere ersten Erlebnisse zu besprechen, das hatten wir schon im Zug fest vereinbart. Auf was sonst sollte man sich festlegen, wenn man überhaupt keine Vorstellung von dieser Insel hat. Nach diesem ersten Treffen, nach dem ersten Tag als Au-Pair-Mädchen würden wir einen besseren Treffpunkt kennen.

Anne findet ihre Familie gleich am Hauptplatz, wo eine kleine Gartenanlage und ein Musikpavillon Kurort mimen. Ein imposantes Haus, das Wohnung und Praxis der Familie Dr. Silbrig enthält. Genaugenommen sogar zwei Praxen, denn Herr Dr. Silbrig und auch Frau Dr. Silbrig arbeiten als praktische Ärzte. Doch mit den zwei Behandlungszimmern und den beiden Wartezimmern – eins ist der Extraraum für Privatpatienten, damit die wartenden Kassenpatienten nicht sehen, wie diese zwischendurch ins Ordinationszimmer geholt werden –, mit Röntgenraum und Umkleidekammer und den Labors habe Anne nichts zu tun, erklärt die Ärztin. Nur mit den beiden Söhnen der Dr. Silbrigs, die drei und fünf Jahre alt und ein sehr freies Leben gewohnt seien.

„Das ist unsere stolze Zukunft. Wir werden unseren Söhnen später eine exzellente Ausbildung zuteil werden lassen“, sagt Dr. Silbrig. „Wenn sie nur erst mal groß wären“, ergänzt seine Frau. Und er darauf: „Sorgen Sie derweil dafür, daß sie in der Zwischenzeit nicht allzuviel Unheil anrichten.“

Das so gesagt, wie man zwei Koffer bei der Gepäckaufbewahrung abgibt. Damit hat er sie aus den Händen. Und die Sache ist für ihn erledigt. Für Anne aber ist das schon mehr wie ein doppeltes Klicken von Handschellen rechts und links an ihren schmalen Jungmädchenhandgelenken. Womit zwei Delinquenten an sie gefesselt sind. Transportsicherung. Bis sie endlich groß sein würden. Annes Handgelenke sind natürlich nicht die ersten und würden auch nicht die letzten sein, die dafür herhalten müssen. Ein billiges Verfahren nennt Frau Dr. Silbrig das. Sie selbst sei nun mal von ihrer hochqualifizierten Ausbildung her zu teuer, um den ganzen Tag auf die Kinder aufpassen zu können. Und die Mädchen, die herkämen und ihr diese Belastung abnähmen, die hätten dafür die Möglichkeit, sich schon im Umgang mit Kindern zu üben und sich so auf ihre zukünftige Rolle als Mutter vorzubereiten.

Daß ich selbst später auch einmal zu hochqualifiziert sein könnte für diese Rolle, das habe ich nicht erwidert, wohl auch gar nicht gedacht, überlegte Annemarie. Die Ärztin war ja auch noch nicht fertig mit ihrem Einführungsvortrag.

„Und diese Chance haben Sie in einem kultivierten Haushalt in einem Kurort, müssen Sie bedenken, und das bei freier Unterkunft und Verpflegung. Und ein Taschengeld bekommen Sie noch obendrein. Gar nicht zu sprechen von der unbezahlbar guten Luft, die Sie hier atmen. Etwas ganz anderes als verpestete Großstadtluft.“

„Aber das ist die berühmte Berliner Luft, die wir zuhause haben“, muß das Mädchen da doch widersprechen. Bemüht, das als eine witzige Bemerkung erscheinen zu lassen. Ein Vortrag über Autoabgase und über Juist als Insel ohne Autos und über das einmalige Reizklima der Nordsee ist die Folge, über den Salz- und Jodgehalt der Luft und so weiter, mit noch dreimal „unbezahlbar“. Da kann das Au-Pair-Mädchen nur noch heftig zustimmend nicken. Genau wie bei der Zuweisung des Zimmers. Ein Verschlag im Keller, neben dem Heizungsraum.

„Mit separatem Eingang“, sagt Frau Dr. Silbrig und zeigt auf die Waschküchentreppe an der Rückseite des Hauses. „Das alles gehört zu Ihrem Reich“, macht sie eine weite Armbewegung. „Natürlich nur die persönliche Wäsche der Familie. Mit der Praxiswäsche haben Sie nichts zu tun, die wird rausgegeben. Und sogar ein Teil der Haushaltswäsche wird auswärts gewaschen. Die geht über die Geschäftsbücher, weil das absetzbare Betriebskosten sind. Aber was die Leibwäsche betrifft, die ist Ihre Angelegenheit.“ Und zeigt ihr, wie die Waschmaschine zu bedienen ist und wo sie das Bügelbrett auflegen und das Bügeleisen einstecken kann.

„Mit dem Kochen haben Sie nichts zu tun. Einkaufen und Essenmachen, dafür haben wir am Vormittag eine Haushaltshilfe. Bloß der Abwasch ist Ihre Angelegenheit. Abends gibt es bei uns immer kalte Küche. Das ist gesund. Da können Sie sich allerdings ein bißchen bei nützlich machen. Und natürlich morgens das Frühstück. Das ist sehr wichtig. Auch für die Gesundheit. Das muß pünktlich um halb acht auf dem Tisch stehen, weil um neun Uhr die Praxis beginnt und ab halb neun schon Privatpatienten behandelt werden. Mein Mann trinkt koffeinfreien Kaffee mit Milch, ich trinke starken Tee, schwarzen Tee natürlich, mit Zitrone. Die Eier in kochendem Wasser drei Minuten. Die Brötchen bekommen Sie ab sieben beim Bäcker zwei Straßen weiter zum Strand runter. Sie selbst frühstücken schon vorher zusammen mit den Kindern in der Küche. Die Kinder sind, während wir frühstücken, im Kinderzimmer. Am Abend müssen die Kinder um halb acht im Bett sein, vor Beginn der Tagesschau muß im Kinderzimmer das Licht aus sein und absolute Ruhe herrschen. Was Sie dann machen, ist Ihre Sache. Wie gesagt, separater Eingang, wir sind da sehr tolerant. Aber dafür wollen wir von Ihrem Privatleben auch nichts wissen und überhaupt nichts mitkriegen. Ich nehme an, Sie wissen, was ich meine.“

An diesem ersten Abend wartet Anne vergebens im Bahnhof auf ihre Freundin. Eine gute halbe Stunde lang studiert sie Fahrpläne und Prospekte und Karten, bis sie nicht länger warten kann, weil ein paar junge Burschen auf sie aufmerksam werden. Also schleicht sie heim in ihren Keller und hofft auf den nächsten Abend.

Renate ist nicht früh genug weggekommen aus der kleinen Pension, in die es sie verschlagen hatte. Beinahe neun ist es schon, als sie zum Bahnhof kommt. Da kann sie dann auch nur herumstehen und warten und schließlich ebenfalls vor den abenteuernden Blicken davonlaufen. Dabei hat sie so viel zu berichten. Von dem winzigen Kämmerchen, das ihr Zimmer ist. Und von seiner traumhaften Lage: im Keller. Gleich neben der Küche und der gefährlich steilen Treppe nach oben. Und von diesen Leuten und und und.

Als die beiden Mädchen sich am dritten Tag auf ihrer Trauminsel endlich am Bahnhof treffen, fallen sie sich in die Arme, als hätten sie eine lange Seereise machen müssen, um sich wiederzusehen. Sie legen gleichzeitig los mit ihren Berichten, und die klingen bei beiden gleich trist.

„Zwei kleine Jungen ohne jede Erziehung. Dazu gehörten ein paar starke Männer mit Zwangsjacken. Und wenn ich mich durchsetzen will, dann beschweren sie sich prompt bei ihrer Mutter. Und die macht mir dann doch tatsächlich noch Vorhaltungen, und das vor den Kindern. Einfach unmöglich.“

„Den ganzen Tag soll ich Serviererin machen. Das nennen die Au-Pair-Mädchen. Weil die Serviererin ein Kind kriegt. Nur immer schwervolle Tabletts schleppen, aus dem Keller, wo die Küche ist, über eine irre steile Treppe in die erste Etage, in den Speiseraum und morgens auch noch in alle Zimmer. Einfach verrückt.“

„Dieser rechtlose Status eines Au-Pair-Mädchens ist unerträglich. Und die Kinder wissen ganz genau, daß man nichts zu sagen hat. Ich soll für die doch nur ein Spielzeug sein, an dem sie sich nicht weh tun können.“

„Das ist glatte Ausbeutung. Denn eine Serviererin kriegt richtigen Lohn und nicht nur dieses kleine Taschengeld, das ich kriege. Und dafür den Muskelkater in den Beinen und in den Armen, die Schmerzen in den Schultern. Ich glaub, ich spinne, daß ich so was für andere Leute mache.“

Sie haben nicht die Ruhe, sich in eine Eisdiele zu setzen. Sie sind so aufgeregt, daß sie spüren: wir passen da nicht hin. Sie passen tatsächlich nicht zu diesen Leuten, die herumssitzen und sich ihre Urlaubswochen genießerisch als ein Eis nach dem anderen auf der Zunge zergehen lassen. Jede mit einem Eishörnchen in der Hand, gehen sie im Eilschritt an den Strand.

„Es endlich mal sehen, das Meer.“

„Ja, guck es dir genau an, denn gleich ist die geregelte Freizeit schon wieder vorbei. Dann müssen wir ins Bett, um morgen früh fit zu sein.“

„Das sag ich dir, das mach ich nicht lange mit.“

„Ich auch nicht, da kannst du Gift drauf nehmen.“

„Aber laß uns erst mal sehen, wie sich die Sache entwickelt. Aller Anfang ist schwer, heißt es ja.“

„Na, wenn du meinst. Vielleicht wird es tatsächlich nachher besser.“

Als Anne und Renate sich zwei Tage später wieder treffen, vor der Eisdiele diesmal, da sieht die eine der anderen auf den ersten Blick an, was sie denkt. Nämlich dasselbe wie sie selbst: Nicht nur der Anfang ist schwer, das Ganze ist nichts.

„Ich packe morgen früh meine Sachen und sage der Pensionswirtin, daß sie selbst das Frühstück auf die Zimmer bringen kann. Lieber fahre ich nachhause und laß mich von meinen Eltern auslachen, als mich hier so ausnutzen zu lassen. Und dieser Entschluß steht felsenfest.“

„Gut, auch ich mach morgen früh Schluß. Nach dem Frühstück für die Kinder und mich werde ich den Eltern sagen, daß ich das weitere Gedeihen ihrer mißratenen Söhne ihrer liebevollen Fürsorge überlasse – genau wie ihre schmutzige Wäsche.“

„Die Leute hier, ich weiß nicht, die sind so was von grapschig, das gibt‘s doch gar nicht.“

„Und entschuldigen alles damit, daß sie nur so eine kurze Saison haben.“

„Früher sollen die sich von Strandräuberei ernährt haben.“

„Davon habe ich auch schon gehört. Falsche Lichter haben sie aufgestellt, damit vorbeifahrende Schiffe vom Kurs abkommen und stranden. Und die dann ausplündern, das war ihr Geschäft.“

Damit hatten wir uns so weit freigestrampelt aus unserer persönlichen Malaise, daß wir uns in die Eisdiele setzen konnten wie Touristinnen. Und uns zwei große Eis mit Früchten leisten. Sollte das doch die letzte Gelegenheit sein, ein bißchen Juist zu genießen. Und das mit dem Vorgeschmack der schon bald wiedererlangten Freiheit.

6.

Wie die beiden Au-Pair-Mädchen sich am nächsten Morgen mit ihrem Gepäck am Bahnhof treffen, ist ihnen anzusehen, daß sie glücklich und unglücklich zugleich sind. Sie habe keinen Pfennig Geld bekommen, gesteht jede der anderen. Das Taschengeld sollte erst später gezahlt werden, die ersten Tage seien ja bloß Einweisung, habe es geheißen. Doch sind sie stolz darauf, daß sie sich durchgesetzt haben.

„Wir haben uns jedenfalls erfolgreich gegen die unverschämte Ausnutzung gewehrt. Wer sind wir denn.“

„Aber dafür ist nun auch schon das Ende der großen Reise gekommen. – Oder ob man hier auch bessere Jobs finden könnte?“

„Eine ganz neue Überlegung. Auch nicht schlecht.“

Zum Hinundherdenken haben die Mädchen noch genug Zeit bis zur Abfahrt des Inselbähnchens, das sich nach den Schiffsanlegezeiten richtet. Und die sind abhängig von Ebbe und Flut. Und sie haben bisher weder Ebbe noch Flut gesehen. „Jetzt nur keine Tränen“, ruft Renate ihre Freundin zur Ordnung.

Da spricht sie ein Mann an, der sich ihnen als der Leiter eines Kinderheimes vorstellt. „Hallo Mädchen, ich sehe, daß ihr gerade angekommen seid und nicht wißt wohin. Ich warte hier auf einen neuen Transport von Kindern, alles behinderte Kinder. Wenn ihr dafür was übrighabt, und wenn ihr meiner Frau in der Küche zur Hand gehen wollt, dann kann ich euch brauchen. Ihr könnt gleich mit dem Fuhrwerk mitfahren. Unterkunft und Verpflegung frei, ein kleines Taschengeld und eure geregelte Freizeit habt ihr auch. Denn die Kinder sind noch klein und müssen noch viel schlafen. – Na, habt ihr Lust?“

So taucht die Trauminsel Juist, gerade erst untergegangen im Sturm der Entrüstung, plötzlich wieder auf. Mit einem freundlichen Gesicht, mit einem schlichten Hallo Mädchen, mit einem Pferdefuhrwerk und mit einer richtigen Aufgabe, wie die beiden sich voller Stolz gegenseitig klarmachen. Mit einer großen Aufgabe.

„Das sind also unsere beiden neuen Küchenhilfen, Fräulein Hobbes und Fräulein Mietzner“, werden sie von der Leiterin des Kinderheimes begrüßt und den anderen Mitarbeitern vorgestellt. „Hier geht alles nur mit dem Vornamen, klar? Das dient der Arbeitserleichterung und schafft eine einzige große Familie. Also, wie werdet ihr gerufen?“

„Renate.“

„Anne.“

Die Arbeit im Kinderheim hatte Spaß gemacht. Kartoffeln schälen und Zwiebeln schneiden, Gemüse putzen, Tische decken und abräumen, servieren und den Riesenabwasch machen. Alles Tätigkeiten, bei denen man sich unterhalten konnte oder auch Radio hören, singen und lachen. Und zwischendurch an den Strand gehen, gleich hinterm Haus, und sich von der Sonne rösten oder von den Wellen umwerfen lassen. Genau wie die Kurgäste. Und das kostenlos. Nicht einmal Kurtaxe bezahlen müssen, diesen unvermeidlichen Extrazoll, über den die anderen am Strand so oft schimpften. Und bei alledem noch das angenehme Gefühl zu haben, daß man etwas Sinnvolles tut. Daß man hilft, wo Hilfe nottut. Was wollten wir noch mehr?

An einem der ersten Abende in ihrem kleinen Zimmer – Anne und Renate haben ihre Betten übereinander – beugt Renate sich hinunter und flüstert: „Du, Anne, jetzt weiß ich, wie das gemeint ist, wenn man sagt: Nur was man für andere tut, tut man für sich. Irgendeiner hat das doch mal so schön ausgedrückt.“

„Ja, – war das nicht Max Stirner?“

„Der? – Nein, ich glaub mehr Albert Schweitzer oder so einer.“

„Jedenfalls hat er das schön gesagt.“

„Und jedenfalls hat er recht damit, das spüre ich jetzt ganz deutlich.“

Die beiden wohnen nicht in dem Kinderheim, in dem sie arbeiten, sondern privat. Soweit auf Juist überhaupt noch irgendwas als privat zu bezeichnen ist, formulieren sie ihre Zweifel an dieser Benennung. In der viel zu kurzen Saison wird an die Gäste vermietet, was sich nur vermieten läßt. Und die kleinste Ecke im Keller oder unterm Dach wird noch zum Komfortdoppelzimmer hochgejubelt, wenn auch die Betten übereinander sind. Das gilt als typisch Schiffskoje, bringt also zusätzliches Lokalkolorit, verstehen sie – und müßte eigentlich noch einen Aufschlag kosten. Aber in dem Haus hier ist man zum Glück nicht so, freuen sie sich. Im übrigen kriegen sie schon zu spüren, daß die Eingeborenen der Insel auf eine lange Strandräubertradition zurückblicken. In ihrer nicht so richtig geregelten Freizeit merken die beiden bald, daß die Preise in einem erschreckenden Kontrast zu ihrem Taschengeld stehen. Kino? – Zu teuer. Friseuse? – Unbezahlbar. Ausflugsfahrten? – Glatt zu vergessen. Da bleibt gerade mal ein Eis auf die Hand. Oder eine Cola. Die kann man lange stehenlassen. Und ein Taschenbuch hin und wieder, das ja nur die Hälfte kostet, weil sie es beide lesen, das muß sein. Aber wie sie dann diese Seife im Schaufenster sehen, da müssen sie sich jede ein Stück kaufen, denn erst in der Kombination ist das ja ein unwiderstehliches Angebot. Das eine Stück trägt die Aufschrift CRAZY und das andere SPLEEN. Das, meinen sie ausgelassen lustig, das passe haargenau zu ihnen.

Und jetzt weiß ich nicht mehr, wer von uns welches Stück Seife bekommen hat. Egal. Ist ja kein großer Unterschied zwischen den beiden Bezeichnungen. Wie wir beide auch nicht sehr verschieden waren. Ein bißchen verrückt sein, das konnten wir beide. Wie ich eines Tages Renate überrascht habe mit meiner Idee: „Wir könnten ein Versandgeschäft aufmachen.“

„Ein Versandgeschäft? – Mit was denn?“

„Mit Pferdeäpfeln. Davon liegen hier doch genügend herum. Und die werden uns jeden Tag frisch geliefert, sogar kostenlos.“

„Ja, und zuhause in Berlin, die Laubenpieper, die würden sich die Finger danach lecken.“

„Puh, allein schon diese Vorstellung.“

Wir konnten uns halbwegs kaputtlachen. Über nichts und alles. Wenn wir nicht gerade sehr ernsthaft dabei waren, dem Guten im Menschen auf die Beine zu helfen. Ja, diese sechs Wochen auf Juist, das war meine schönste Zeit, dachte Annemarie Kleine Sextro. Und sicher würde Renate das genauso sehen. Renate – jetzt hier in meiner Nähe. Gefangen, eingesperrt im Hochsicherheitstrakt. Noch um etliches scheußlicher untergebracht als ich in meinem bloß schäbigen Richterzimmerchen. – Nur keine Tränen! So würde Renate mich jetzt zur Ordnung rufen.

Und flüchtete sich sofort wieder in die Vergangenheit: Das war für uns beide das erste Mal ein Leben in einer völlig anderen Welt. Wahrhaftig eine Insel der Seligen. Ohne Autos, ohne Fabriken. Das romantisch klingende Pferdegetrappel auf den Straßen, auf dem rotbraunen Klinkerpflaster. Und die Luft, die nach Meer roch und nach Salz schmeckte. Und Tag für Tag dieser frische Wind. Immer noch kürzer hatten wir uns die Haare geschnitten, gegenseitig. Wie Leichtmatrosen sähen wir aus, hatte die Heimleiterin gesagt. Wie hieß sie noch? – Dreßen. Frau Dreßen. Eine mütterlich-mollige Frau und bei aller aufgesetzten Berufsstrenge so was von gutmütig. Und die Kinder, behinderte Kinder, körperlich und teilweise auch geistig behindert, die waren restlos glücklich, wenn wir sie in den Bollerwagen packten und mit ihnen querfeldein rasten und sie plötzlich einfach in den Sand kippten.

Die Angestellten sahen das nicht so gern. Sie verwiesen auf ihre spezielle Ausbildung und ihre Prüfungen. Sie wüßten, wie solche Problemfälle zu behandeln sind. Und wir verstanden überhaupt nicht, wieso es um Problemfälle gehen sollte. Für uns waren das einfach unbeschwert fröhliche Kinder. Wie wir selbst. „Deshalb wohl“, sagte die Richterin vor sich hin.

7.

Wie wir uns ereifert haben über die Predigt des Pfarrers. Speckeisen nannten wir ihn. Weil er so ähnlich hieß, wir seinen Namen aber nicht gleich richtig verstanden hatten. Der Dialekt der Inselleute machte uns doch Schwierigkeiten. Und nachzufragen, daran dachten wir überhaupt nicht. Noch schöner, nein, noch schöner könnte er wirklich nicht ausfallen, der Name eines fetten Pfarrers. Damals ging ich ja noch gelegentlich in den Sonntagsgottesdienst. Genau wie Renate. Ein überraschend moderner Klinkerbau mit einem wuchtigen Turm über dem Haupteingang. Der stand da wie der letzte Stummel eines bald völlig verbrauchten überdimensionierten Zimmermannsbleistifts. Himmelsschreiber, ja, so nannten wir diesen Kirchturm. – Aber wie Pfarrer Speckeisen die Frauen um Jesus dargestellt hat, das schrie zum Himmel. Fanden wir wenigstens. Wobei wir ausnahmsweise einmal verschiedener Meinung waren.

Da erzählt so ein Pfarrer auf der Nordseeinsel Juist, wie Jesus im fernen Palästina in einem Dorf von einer Frau namens Marta eingeladen wird, zu ihr nachhause zu kommen und ihr Gast zu sein. Irgendwie bringt er das auf die bekannte Formel: Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. „Das ist so üblich gewesen damals“, sagt er, „als es noch keine Hotels und Pensionen und christlichen Hospize gab. Leute, die wie Jesus predigend umherzogen, waren stets darauf angewiesen, daß ein lieber Mitmensch sich so für sie begeisterte, daß er sie in sein Haus einlud. Die Marta“, so Speckeisen, „war zwar solch eine begeisterte Zuhörerin, aber nur, bis sie es geschafft hatte, den vielbestaunten Prediger zu ihrem Gast zu machen. Von dem Moment an hatte sie für ihn kein Ohr mehr. Sie kümmerte sich nur noch um die Bereitung des Essens. Sie wollte ihm nämlich zeigen, was für eine perfekte Gastgeberin sie war. Ganz anders ihre Schwester Maria, die mit ihr in dem Haus wohnte. Die setzte sich zu Füßen des Meisters nieder und lauschte aufmerksam seinen Worten. Und als Marta sich nach einer Weile bei Jesus beschwerte, daß ihre Schwester nur dasitze und ihr die ganze Arbeit überlasse, und ihn bat, er möge sie anweisen, ihr ein bißchen zur Hand zu gehen, da mußte die gute Frau sich sagen lassen: ,Marta, Marta, du kümmerst dich zuviel um Unwichtiges. Deine Schwester Maria hat den besseren Teil gewählt.‘

Es ist halt mehr Ehrerbietung“, deutet der Pfarrer die Geschichte, „einem zuzuhören, als einem was zu essen zu machen. Denn im ersteren Falle zeigt man dem Gast, daß man ihn für überlegen hält, im zweiten Fall dagegen stempelt man ihn zu einem Bedürftigen ab und zeigt sich ihm überlegen, weil man ja hat, was er braucht.“

Das mit der Ehrerbietung paßte uns beiden nicht. In der Geschichte wurde für unseren Geschmack zuviel Aufhebens um diesen Mann Jesus gemacht. Darin waren wir uns noch einig. Aber die beiden Frauen sahen wir dann doch sehr verschieden.

„Daß die Maria zu Füßen des Meisters saß und ihm nur zuhörte, das glaube ich einfach nicht“, hatte Renate sich entrüstet. „Wenn sie so ein dummes Huhn war, dann brauchte sie nicht in der Bibel erwähnt zu werden. Ich wette, die Maria war die Gesprächspartnerin, die Jesus schon lange gesucht hatte. Endlich hatte er die Frau gefunden, die ihm durch ihre ganz andere Sicht der Dinge dazu verhalf, seine Theorien richtig auf den Punkt zu bringen.“

„Aber davon steht nichts in der Bibel“, hatte ich widersprochen.

„Die Bibel ist ja auch von Männern geschrieben. Deshalb.“

„Trotzdem. Diese Annahme ist eine unzulässige Ausweitung der Geschichte. Mir scheint eher, daß Jesus so stur bei Maria sitzengebleiben ist und die Marta so grob abtat, weil er enttäuscht war.“

„Enttäuscht? Wieso?“

„Weil Marta, die ihn mit nachhause genommen hatte, nicht allein war.“

„Na, davon steht aber auch nichts in der Bibel“, hatte Renate aufgetrumpft. „Das ist also genausogut eine unzulässige Ausweitung der Geschichte.“

„Nicht ganz genauso“, hatte ich mich gewehrt, „denn du hast eine Tatsachenergänzung vorgenommen, während ich lediglich eine Deutung der Tatsachen gebracht habe, was viel weniger an Ergänzung ist – und dazu noch so naheliegend. Schließlich war auch dieser Jesus ein Mann.“

Na ja, wahrscheinlich habe ich mich damals noch nicht so juristisch klar ausgedrückt. Aber so gemeint hatte ich es jedenfalls. So war plötzlich aus der Entrüstung über die Predigt von Pfarrer Speckeisen eine richtig verbissene Auseinandersetzung geworden. Eigentlich die einzige, die wir auf Juist hatten. Plötzlich war da ein Graben aufgerissen zwischen uns, und das nur, weil Renate so vehement für diese Maria und ich genauso für die Marta Partei ergriffen hatte. Zum Glück hatten die Juister Wanderdünen den Graben schon nach einer Nacht unauffindbar gemacht. Und wir beide, wir dachten gar nicht daran, ihn zu suchen. Was kümmerten uns auf unserer Paradiesinsel auch die palästinensischen Schwestern Marta und Maria? Wir waren am nächsten Tag wieder wie immer: in geradezu schlagerverdächtiger Harmonie ein Herz und eine Seele.

8.

Sitzen da zwei Abiturientinnen auf einer der wenigen Bänke in der Halle des Henry-Ford-Baus der Freien Universität Berlin und mimen das erste Mal Studentinnen.

„Ein toller Kasten“, begeistert Renate sich.

„Ja. – Fragt sich nur wozu“, meint Anne nachdenklich. „Eigentlich doch nur viel Raum für nichts.“

„Für nichts? – Im Gegenteil. für Henry Ford, den Wohltäter der Menschheit, der die sinnvolle Tätigkeit abgeschafft und das maschinenartige Funktionieren eingeführt hat. Das Tollste ist, jetzt habe ich gelesen, daß es Untersuchungen gibt, die belegen, daß die Leute sich sogar wohlfühlen bei der Fließbandarbeit. Weil man dabei so schön abschalten kann und vor sich hin dösen. Man muß nicht selbst denken und trägt keine Verantwortung. Na, wenn das kein Fortschritt ist.“

„Der staunenswerte Ford-Schritt der Menschheit“, bestätigt Anne, wobei sie den Fortschritt dehnt und ein möglichst deutliches D spricht.

Solche Wortspiele waren schon damals meine Liebhaberei, überlegte Annemarie Kleine Sextro. Auch Rainer hat dafür was übrig. Während Renate jedesmal, wenn sie auf eine Möglichkeit zu derartigen Wortspielen stieß, es sich verkniff, sie auszusprechen. „Bloße Kalauer“, hat sie einmal gesagt, „ich halte es nicht für richtig, solchen Zufallserscheinungen der Sprache einen besonderen Wert beizumessen.“ Ich fand diese Spielchen trotzdem schön. Und zumindest als ungewöhnliche Anregung zum Nachdenken scheinen sie mir auch heute noch sinnvoll. Renate aber ging damals schnell über meinen Ford-Schritt hinweg.

„Ich verstehe ja wirklich nicht, wie du dazu kommst, ausgerechnet Jura zu studieren“, wundert Renate sich.

Und Anne fragt zurück: „Und wie kommst du dazu, ausgerechnet Soziologie zu studieren?“

„Aber gerade Jura? Das ist doch so ein Fach, in dem alles zubetoniert wird, damit sich nur ja niemals was ändern kann. Dagegen die Soziologie, die...“

„Die Rechtswissenschaft ist zwar ein Betonsockel, das scheint mir auch so“, verteidigt Anne ihr Fach, „aber der wird dauernd den Lebensverhältnissen angepaßt. Der Jurist arbeitet in allem, was er tut, an der Weiterentwicklung des Rechts, an seiner Verbesserung und damit am Aufbau einer Welt, in der endlich einmal Gerechtigkeit...“

„Schön wär‘s ja“, unterbricht Renate sie, „nur kann ich nicht dran glauben.“

„Aber deine Soziologie? Glaubst du, die schafft die Welt der Gerechtigkeit?“

Beide haben sie das Vorlesungsverzeichnis in der Hand. Ihr erstes Vorlesungsverzeichnis. Eine stattliche Broschüre. Vorne drauf prangt das große Universitätssiegel mit dem Berliner Bär, der in seinen Pranken eine Fackel hält.

„Die Fackel sieht aus“, meint Renate zu ihrer Freundin, „wie ein überdimensionales Eishörnchen.“

„Ja, und der Bär reißt schon das Maul auf und leckt sich die Lippen vor Heißhunger.“

„Dabei steht er bis an die Brust im Wasser. Hochwasser in Berlin. Auch mal was Besonderes.“ Und lachen wie um die Wette.

Dann deutet Renate auf das Universitätssiegel und meint: „Aber sieh mal. Da stehen die Worte VERITAS, IUSTITIA, LIBERTAS, also Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit. Deine großartige Gerechtigkeit ist also nur die zweite von den drei hehren Forderungen.“

„Und deine Soziologie ist überhaupt nicht dabei.“

„Oh doch, sie steht sogar an erster Stelle. Denn die Wahrheit ist ja das Ziel, das hinter der Arbeit der Soziologen steht.“

„Aber die Soziologen vermessen die Gesellschaft doch nur, und das mit sehr zweifelhaften Meßmethoden, habe ich gehört“, wird Anne grundsätzlich.

„Natürlich, die vermessen die Gesellschaft. Aber das tun sie, um daraus Erkenntnisse zu beziehen, habe ich gerade erst bei dem Kölner Professor Weisser gelesen, – das ist übrigens einer der wesentlichen SPD-Köpfe – Erkenntnisse also, die sie als Verkehrszeichen, als Warnlichter, als Hinweise und so aufstellen können. Um damit einen reibungsloseren Ablauf des Lebens in einer wirklich freien Gesellschaft zu schaffen.“

„Na schön, Verkehrszeichen. Dann ist das also doch kein Eishörnchen, was der Bär da hochhält, sondern eine richtige Fackel, und die steht für Achtung, allgemeine Gefahrenstelle, also für die Soziologie.“

Erst nach einer längeren Pause greift Renate das Gespräch wieder auf: „Weißt du, was ich auch so toll finde an der Soziologie, das ist, da gibt es einen Professor, der hat sogar richtige Romane veröffentlicht.“

„Ach ja.“

Das Studium selbst zu finanzieren, das war ein Traum, von dem wir damals gern sprachen. Dabei machte es sich gut, daß wir zuhause wohnen und essen konnten, natürlich ohne etwas dafür abzugeben. Und daß wir auch immer noch von den Eltern gekleidet wurden. Das selbstverdiente Geld, das uns reizte, das sollte zusätzliches Geld sein. Für zusätzliche Wünsche. Nur wie und wo es verdienen?

„Das erste Mal eigenes Geld in den Fingern haben“, wie mein Vater das ausdrückte, „das ist schon ein erhebendes Gefühl.“ Dabei legte er aber Wert darauf, daß nicht der Eindruck entstehen könnte, seine Tochter sei auf das Selbstverdiente angewiesen. „Man kann nicht einfach alles mitnehmen, was sich einem bietet, wenn man eine geborene Mietzner ist“, sagte er mit alttestamentarischer Feierlichkeit. Und darin war er ausnahmsweise einig mit Renates Vater. Nur daß der Polizist Hobbes aus seiner ganz anderen Weltsicht heraus die Akzente ein wenig anders setzte: „Du kannst nicht einfach das nächstbeste Angebot annehmen. Es muß das auch zur Tochter eines Staatsbeamten passen.“

Jedenfalls ein passendes Angebot für die geborene Mietzner wie für die Beamtentochter war Vaters Idee: „Die beiden Mädels können sich auf der ,Grünen Woche‘ nützlich machen, indem sie am Stand unseres Unternehmens Würstchen verkaufen. Nicht als normale Verkäuferinnen, sondern mehr so als Hostessen, die in schicke Kostüme gesteckt werden, in den Farben meiner Firma, und dann einmal ihren frischen Charme für eine gute Sache einsetzen können.“

So lernten Renate und ich die Freuden und Leiden des Messebetriebs kennen. Eine Woche lang selbst Ausstellungsstücke – heftig tätige – neben den Schweinen, Hühnern, Prachtochsen und dergleichen mehr. Offensichtlich von den Frankfurter Würstchen der Firma Mietzner so restlos begeistert, wie wir deren Geruch, ja Anblick schon am zweiten Tag kaum noch ertragen konnten. Dabei war uns ausdrücklich eingeräumt worden, vom Chef persönlich, daß wir selbst so viel Würstchen essen dürften, wie wir wollten, und das natürlich ohne Bezahlung. Ich glaube, ich habe seitdem nie mehr Frankfurter Würstchen gegessen, überlegte Annemarie Kleine Sextro. Das sind so Nebenfolgen. Aber damals haben wir uns gegenseitig darin bestärkt, daß solche Einblicke in die Welt einfacher Berufsarbeit gerade für uns als Studentinnen, die wir einmal Führungspositionen einnehmen würden, sehr wichtig sind. Zudem zahlte Vater ja auch sehr großzügig.

Am frühen Morgen durch die Messehallen unterm Funkturm zu streifen, das war das besondere Erlebnis. In der Stunde vor dem großen Ansturm des Publikums. Das ging zwar immer nur einzeln, weil eine von uns am Stand bleiben mußte. Aber das bot noch Möglichkeiten für Entdeckungen. Für uns Mädchen war doch noch alles aufregend.

„Warst du schon in der großen Blumenhalle?“

„Nein, da war ich noch nicht.“

„Mußt du dir ansehen. Was die da an Blumen wegwerfen“, empört Renate sich, „alles in schönster Blüte. Die reißen einfach alles raus und setzen jeden Tag neue Blumen ein, habe ich mir sagen lassen.“

„Eine unmögliche Verschwendung, so was. Das muß ich mir morgen früh mal ansehen. Aber warst du schon bei den kulinarischen Besonderheiten?“

„Na klar.“

„Und hast du mal die Froschschenkel probiert?“

„Hör nur auf damit“, entsetzt Renate sich, „da war ich. Aber das Zeugs könnte ich nicht essen. Die Dinger sehen ja aus wie Männerbeine en miniature.“

„Na eben, so richtig zum Anbeißen.“

Der Messedienst brachte uns nicht nur tüchtig ans Schwitzen. Er schweißte uns auch noch stärker zusammen. So austauschbar wie wir waren in den gleichen schicken Kostümen in den Farben von Vaters Würstchenfabrik. Wir hatten den ganzen Tag das gleiche Lächeln drauf. Und auch die gleichen Redensarten. Und waren am Abend gleich kaputt. Und neue Bekanntschaften machten wir, die uns beiden zugleich gehörten. Nämlich die Leute von den Ständen links und rechts neben uns, mit denen wir uns in jeder freien Viertelstunde zusammensetzten. Und dann das ältere Ehepaar, das den Stand gegenüber betreute. Die Leutchen waren uns besonders zugetan. Sie arbeiteten in einer eigenen Welt, die sie als unsichtbare Wolke einschloß. Eine Duftwolke, die uns fast betäubte. Gewürze aus aller Welt. Viel mehr als die Handvoll Gewürze, die bei uns daheim in der Küche verwendet wurde. Viel mehr Möglichkeiten zum Würzen als wir beide uns jemals hätten träumen lassen. Und das alte Ehepaar paßte so gut zu seiner Ware, fanden wir. Weil sie beide so ausgeprägt alte Gesichtszüge hatten. Wie geschnitzt. Gesichter, die wie antike Möbelstücke wirkten, so anheimelnd vertraut und gleichzeitig so, daß man sie immer ansehen möchte.

Stehen da an ihrem Stand und warten auf den Besucheransturm. Die beiden Würstchenhostessen. Schauen zu dem Gewürzstand hinüber und tuscheln: „Ich habe mal irgendwo gelesen, ein schöner junger Mensch sei einfach nur eine Laune der Natur. Aber ein schöner alter Mensch, das sei eine Leistung.“ So Renate.

Und Anne darauf: „Dann bist du also eine Laune der Natur.“ Ohne jeden Anflug von Neid oder Ironie in der Stimme.

„Und du“, erwidert Renate, „du mußt erst mal was leisten, ehe du so über deine Mitmenschen urteilen kannst.“ Dabei macht sie die Stimme und die Gesten ihres Vaters so täuschend echt nach, daß Anne sofort kuscht: „Jawollja, Herr Wachtmeister.“

Das bunte Treiben auf der ,Grünen Woche‘ hat uns begeistert. Wenn wir auch abends todmüde waren und meinten, daß uns am nächsten Tag kein Schuh mehr passen würde. Jedenfals haben wir vollen Einsatz gezeigt in Sachen Frankfurter Würstchen. Und wir waren uns einig, daß wir diesen duften Job – über diesen so passenden Ausdruck haben wir uns halbwegs kaputtgelacht – daß wir diesen duften Job bei jeder weiteren ,Grünen Woche‘ wieder machen wollten. So lange, bis wir uns auf die Examensvorbereitung konzentrieren müßten. Und dann blieb es doch nur bei diesem einen Mal Messedienst. Weil Vater seine Firma nach Bonn verlegte und seine Familie mit ihm davonziehen mußte. Was Renate und mir blieb, das waren die Erinnerungen. Und die Hostessenkostüme in den Farben der Firma Mietzner. Und je ein kleines Gewürzregal voller Gewürze. Ein Abschiedsgeschenk von den beiden Alten gegenüber. Dieses Gewürzregal, das jetzt daheim in der Küche hängt. Die meisten Gewürze habe ich weggeworfen, als sie zu alt waren. Längst ist es mit neuen, gängigeren Gewürzen bestückt. Aber es erinnert mich immer noch so penetrant an den Unterschied von Leistung und Laune der Natur.

9.

Strand. Feiner Sand. Und unterm Sonnenschirm auf dem ausgebreiteten Badetuch die Studentin Renate im Bikini.

„Was liest du denn da?“ Ein junger Mann in Badehose.

„Eine Novelle.“

„Von wem? Zeig doch mal her“, reißt er ihr das Buch aus der Hand.

„Oho, Stefan Andres: El Greco malt den Großinquisitor“, liest er laut und pfeift in Kleinejungenmanier durch die Zähne. „So schwierige Lektüre für den Spanienurlaub, das könnte mir nicht einfallen. Dann kann man ja gleich daheimbleiben.“

„Das hättest du dir früher überlegen sollen. Außer dem Eisverkäufer hätte dich hier keiner vermißt.“

„Na, veredelt wirst du durch deine anspruchsvolle Lektüre nicht gerade. – Soll ich uns ein Eis holen?“

„Erstick dran!“

„Giftspinne!“ Er läßt sie allein unterm Sonnenschirm sitzen und läuft ins Wasser.

„Ha, Frank, hast du dir wieder eine Abfuhr geholt?“ Anne, die mit Erwin um die Luftmatratze kämpft.

„Du hast gut lachen, aber ich...“

„Ich lache doch gar nicht. Aber du wirst doch wohl Manns genug sein, sie dir zu zähmen.“

„Von zähmen kann gar keine Rede sein. Und ich wüßte auch nicht wozu. Ich frage mich nur, warum ich mich auf so was eingelassen habe.“

„Ja, Pech. – Ist aber trotzdem sehr lieb von dir, daß du mitmachst, Frank. Sonst hätten wir doch niemals fahren dürfen.“

Da hingen wir zu dritt halb auf der Luftmatratze, halb im Wasser und steuerten mit heftigen Beinbewegungen vom Strand weg, erinnerte Annemarie Kleine Sextro sich. Klar, daß meine Eltern es niemals erlaubt hätten, daß ich allein mit Erwin in Urlaub fahre. Wenn ich auch schon 19 war und schon zwei Semester Jura studiert hatte und mir eigentlich sehr selbständig vorkam. Aber Erwin war vier Jahre älter als ich und schon viel zu erfahren, viel zu gefährlich nach den Vorstellungen einer gutbürgerlichen Familie.

Wir hatten uns an der Uni kennengelernt. Erwin studierte ebenfalls Jura. Er war ein ruhiger, schon sehr überlegen und reif wirkender Mann, als er sich meinen Eltern vorstellte. Daß er sehr witzig sein konnte, daß zeigte er dabei nicht. Eigentlich hatte er für unseren nach Neureich-Kritik schreienden Fabrikantenhaushalt nur Hohn und Spott übrig. „Würstchen in allen Größen“, war sein Spruch, wenn wir allein waren, „Würstchen im Glas, in der Dose, in der Hose und an beiden Händen.“ Aber in den Mietznerschen Fauteuils war er betont guterzogen. Um vergessen zu machen, daß er aus kleinen Verhältnissen kam. Mit dem Erfolg, daß er von meinen Eltern zwar nicht akzeptiert wurde – unter einem Ehemann für die einzige Tochter und Universalerbin, wie Vater zu sagen pflegte, stellten sie sich selbstverständlich ganz was anderes vor. Möglichst einen Spitzenpolitiker. Aber für das erste Herumspielen der flügge werdenden Tochter, wie sie das nannten, ließen sie mir Erwin.

Der hatte seinen Freund Frank bekniet mitzumachen, ich Renate. Zu viert wäre alles harmloser. Große gemeinsame Vorstellung dann bei den Eltern. Große Bedenken bei uns daheim, ein langes Lamento und nur sehr zögerliches Nachgeben. „Nolens volens“, sagte Vater. Dabei hatte er nie Latein gelernt. Bei Renates Eltern war die Sache etwas einfacher. Die Hobbes hatten wie alle kleinen Leute größten Respekt vor Leuten mit Geld und konnten sich deshalb leicht beruhigen bei dem Gedanken, daß die Mietznertochter ja mit von der Partie war. Nach der Devise: wer reich ist, ist was Besseres. Schließlich hatten sie ja alle erst vor gut zwanzig Jahren beim Punkt Null angefangen mit dem Wiedermenschwerden. Und das hieß erstmal sich einkleiden, dann sich einrichten. Erst die berühmte Kleidungswelle, dann die Möbelwelle. Und dann sich wieder satt essen. Und wie. Und was Gutes sollte es schon sein: die Freßwelle. Und keinen selbstgebrannten Fusel mehr trinken müssen. Knolly-Brandy wie sie den Zuckerrübenschnaps genannt hatten, damals in der Waschküche, wo die Knollen im großen Waschkessel kochten. Ja, alle hatten gleich angefangen. Das war ihnen bewußt, den Arbeitern und kleinen Angestellten und klitzekleinen Beamten, die nun auf die Reisewelle umstiegen. Und wer auf einmal im großen Mercedes mit Chauffeur an ihrem kleinen Opel vorbeifuhr, wie Vater, der mußte schon was Besonderes geleistet haben.

„Die Tochter von so einem Herrn ist die beste Freundin unserer Tochter, mußt du bedenken“, sagt Frau Hobbes zu ihrem Mann. „Und sie bittet uns, daß wir Renate mitfahren lassen nach Spanien. Na, was sagst du dazu?“

„Hm.“

„Na, da kann man doch nur sagen: aber ja doch.“

„Na, wenn du meinst. Das Kind muß ja auch was von der Welt sehen.“

„Sag ich doch. Und Spanien, das ist doch wunderbar. Wir konnten lange genug nicht raus. Das Kind soll es einmal besser haben als wir, haben wir doch immer gesagt.“

„Eben.“

Es war Flut. Und wir konnten noch so heftig mit den Beinen strampeln, es warf uns zurück ans Ufer. Ich bin zu Renate gelaufen, weil ich das Gefühl hatte, ich müßte mich um meine Freundin kümmern. Wohl damit sie nicht total sauer wird und nachher noch den Urlaub abbricht. Dann hätten wir alle vier heimfahren müssen.

„Komm doch ins Wasser, Renate. So erfrischend ist das.“ Dabei schüttelt Anne sich, daß die Freundin das Buch vor den Wasserspritzern verstecken muß.

„Jetzt nicht. Ist gerade so spannend. Und mir ist auch noch gar nicht wieder richtig heiß.“

Dabei hat sie nur den Kopf im Schatten. Die langen, schlanken Beine in den Sand gestreckt, das eine leicht angewinkelt, streicht sie sich prüfend mit der freien Hand über den glatten, braunen Bauch.

Ob sie lag oder stand oder saß, Renate sah immer aus, wie für eine Schönheitskonkurrenz präsentiert. Jede Bewegung eine geschickt inszenierte Pose. Als ob sie einem Modejournal entsprungen wäre. In dem sie sich wahrhaftig hätte sehen lassen können. Das lange dunkle Haar mal offen wehend und mal glatt zurückgekämmt zu einem neckischen Pferdeschwanz, auch mal zu einer raffinierten Abendfrisur aufgesteckt und dann wieder in einem betont bescheidenen Nackenknoten versteckt. Ein hübsches Weib. Und immer wieder ein völlig veränderter Typ. Und wie Renate ihren Plisseerock bewegte, wie sie die Blusenzipfel über der knappen Badehose zusammenknotete. Ich kam mir manchmal neben ihr wie ein Kind vom Lande vor. Ja, ich stand, wie ich gerade stand, und achtete auch nicht darauf, wie meine etwas zu kräftigen Beine am wirkungsvollsten zu arrangieren wären. Ich war kleiner als Renate und molliger und konnte nicht verstehen, warum sie, die mit ihrer Idealfigur so die Blicke auf sich zog, derart abweisend gegenüber Erwin und Frank war. Gerade auch gegenüber Frank, der sich Hoffnung gemacht hatte, er könne mit diesen vierzehn Tagen Strandurlaub sein Glück machen, und der sich auch liebevoll um Renate bemühte.

Der arme Kerl. Er hatte sich das Geld für die Reise von seinem älteren Bruder geliehen. Er mußte anschließend noch vier Wochen jobben, um es ihm wieder zurückzahlen zu können. Da war nicht dran zu rütteln, der Bruder sah auf Ordnung.

„Knochenhart ist der.“ Frank am Mittagstisch im Strandrestaurant. „Für den ist Vereinbarung Vereinbarung, und wenn die Welt untergeht. Und ich kann noch zufrieden damit sein, daß er mir in brüderlich selbstloser Zuneigung keine Zinsen berechnet.“

„Dann laß dir den Nachtisch um so mehr schmekken“, versucht Anne zu trösten.

„Oh ja, rote Grütze mit heißer Vanillesoße. Wißt ihr, wie mein Bruder das nennen würde. Diese Köstlichkeit heißt bei ihm: ein Täßchen Blutpudding mit warmem Eiter.“ Verlegenes Gelächter.

Das war am Tag zuvor gewesen. Frank hatte damit nicht an Attraktivität gewonnen bei Renate. Obwohl sie mitgelacht hatte. Sie war viel zu intensiv mit ihrem Buch beschäftigt, um Gefallen an solchem Geschwätz zu finden. Und zu dem Buch wußte Frank leider nichts zu sagen. Renate verriet ihm auch nichts von dem Inhalt. Sie war absolut verschlossen. Ganz anders natürlich gegenüber mir, als ich bei ihr am Liegestuhl stand und sie naßgespritzt hatte. Ich hatte das Buch ja als erste gelesen.

„Wo bist du denn jetzt?“ Anne tippt ihr auf den Finger, der noch immer im zugeschlagenen Buch steckt.

„Cazalla, der Arzt, den El Greco an das Krankenbett des Großinquisitors geholt hat, will den Kardinal gar nicht heilen, sondern umbringen. Um so seinen Bruder zu rächen, der vor Jahren von der Inquisition hingerichtet worden ist.“

„Und – was glaubst du, tötet er ihn?“

„Ich glaube nicht, daß er das tut. El Greco will ihn ja auch davon abhalten. Der will ja unbedingt sein Bild fertigkriegen. Weiter bin ich aber noch nicht. Ich bin gerade hier“, deutet Renate auf die Stelle im Buch, „wo El Greco sagt: Wißt, es ist umsonst, die Inquisitoren zu töten. Was wir können, ist – das Antlitz dieser Ächter Christi festzuhalten.“

Weiter kommt sie nicht. Erwin ruft nach Anne.

„Ich muß jetzt weiterlesen“, sagt Renate kühl.

„Und ich muß wieder ins Wasser. Mir ist es zu heiß hier.“

Ich bin ins Wasser gelaufen. Aber Erwin hat Renate noch was zugerufen. Sie solle seinen Apparat nehmen und ein Foto von uns dreien auf der Luftmatratze machen. Und Renate legte ihr Buch aufgeschlagen weg und nahm den Fotoapparat von Erwin und ging ein bißchen näher ans Wasser heran. „Alles schon eingestellt“, rief Erwin, „du brauchst nur abzudrücken. Aber noch nicht. Warte. Erst, wenn ich den Arm hebe, dann.“

Das Wasser war unruhiger geworden. Gar nicht so einfach, bei den schnell aufeinander folgenden Wellen auf der Luftmatratze Halt zu finden. Und wir drei nebeneinander. Wild wie ein Fisch auf dem Trockenen gebärdete sich das prall gefüllte Gummifloß. Ein Gerangel und Gelächter und Zupacken und Abgleiten und Prusten. Wir kamen einfach nicht zusammen rauf. Und Erwin sah Renate dastehen mit seiner Kamera. Und jedesmal, wenn er den Arm hochwarf, um endlich auf das widerspenstige, heißumkämpfte Eiland zu kommen, sah er, wie Renate den Transportknopf weiterdrehte. Und wie sie wieder abdrückte und wieder und wieder.

Da war der Tag gelaufen. Erwin war stocksauer, weil Renate fast den ganzen Film verknipst hatte. „Einen teuren Farbfilm,“ schimpfte er, „die dumme Kuh!“ Und war nicht zu beruhigen.

„Soll sie doch gleich nach Hollywood gehen. Da haben sie genug Filmmaterial für sie. Aber nicht mit mir, ich heiße nicht Metro, nicht Goldwyn oder Mayer.“ Aber brüllen konnte er wie der Vorspannlöwe.

Das mit der dummen Kuh hat Renate ihm sehr übel genommen. „Ich hätte ihn umbringen mögen“, hatte sie mir hinterher gesagt, als wir beide auf unserem Zimmer waren. „Wenn ich nur gewußt hätte wie. Zu dumm, daß Männer immer stärker sind als Frauen.“

Nur mit viel Mühe ist es mir damals gelungen, die Wogen wieder zu glätten. Ich wußte ja, aber das habe ich Renate nicht gesagt, daß Erwins Wutausbruch nicht nur dem teuren Farbfilm galt. Das war nur der Anlaß, nicht eigentlich der Grund. Der lag ganz woanders. Aber darüber konnte ich mit Renate nicht sprechen. Übrigens das erste Mal, daß ich etwas nicht mit Renate besprechen konnte. Damit fing sie also an, die allmähliche Entfremdung. Damals ging es im Grunde genommen darum, daß die beiden Doppelzimmer, eins für Renate und mich, eins für Erwin und Frank, ein Problem darstellten. Weil Renate einfach nicht auf die Idee kam, mich mal einen Mittag allein im Zimmer zu lassen, damit Erwin und ich wenigstens stundenweise mal ein gemeinsames Zimmer hätten. Sie brauchte sich ja gar nicht mit Frank zusammenzutun, nur sich mal selbständig auf die Sokken zu machen, das hätte ihr schon einfallen können.

Erwin sagte immer, er brauche mich als sein Kugellager. Und ich fand den Ausdruck irgendwie nett. Doch er blieb die ganzen vierzehn Tage schlecht gelagert und wurde immer verdrießlicher. Ein Reinfall.

Fahr mit, ja, so hieß das Unternehmen, bei dem wir diese Reise gebucht hatten. Unsere einzige gemeinsame Reise. Wir hatten den Namen verlängert zu: Fahr mit, schlaf bei, treib ab. Worüber wir uns köstlich amüsiert haben. Doch Renate kapierte nicht. Schon damals zeigte sich also, daß ein Strandurlaub nicht zu ihr paßt. Kein Wunder, daß er ihr später zum Verhängnis wurde, zog die Richterin – plötzlich ernüchtert – einen Schlußstrich unter ihre Träumereien beim Aktenstudium.

10.

„Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe, – sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe“, sprach Renate Hobbes den Gedichtanfang immer wieder vor sich hin. Während sie in der engen Zelle die paar Schritte hin und her machte, und wieder her und wieder hin. Sie kam weder damit noch damit weit. „Du hättest es doch auswendig lernen sollen. Ein Gedicht im Kopf, das ist ein Besitz, den kann dir keiner nehmen“, begann sie die tägliche Unterhaltung mit sich selbst. „So oft wie ich das mit dem Besitz von Anne gehört habe. Aber auch das Gedicht vom Vorübergehn. Anne war ja wie versessen auf Gedichte. Manchmal habe ich gedacht: Anne ernährt sich hauptsächlich von Gedichten. Und wurde davon rund und speckig. Und den Männern, diesen blöden Kerlen gefiel das auch noch. – Während ich nun immer dünner werde, immer schlaffer.“

Sie wußte noch: Rilke. Und sie nahm sich vor, als nächstes einmal einen Band Rilke-Gedichte aus der Gefängnisbibliothek auszuleihen. „Die knurren zwar schon und meinen, ich hätte bald mehr Bücher in meiner Zelle als sie noch im Depot stehen haben.“

Vor dem kleinen Bücherregal blieb sie stehen. Und wie sie es fest in den Blick nahm, von ganz nah, da wurde ihr klar, daß sie alles drumherum plötzlich ausgesperrt hatte. Außerhalb des Blickwinkels und damit nicht mehr da, all das, was ihr kleines Studierzimmer zur Gefängniszelle machte. „Wie ein Adventskalender, so ein Regal voller Bücher. Lauter Fenster und Türen, die ich nur aufzumachen brauche. – Ach ja, jetzt ist bald wieder Adventszeit.“

Doch so wie sie einzelne Buchrücken in den Blick nahm, einzelne Titel las, war der vorweihnachtliche Hochstimmungsanfall schon wieder verflogen. Analyse der... und Kritische Theorie, Bericht zur..., Erhebung über... „Und am Ende dann hier“, sagte sie. Und erschrak selbst vor ihrer Stimme. Mit diesem Grabeston. Sie trat einen Schritt zurück vom Bücherregal, und sofort stürzte sich das ganze Drumherum an Tristesse in ihren Blick, in ihr Bewußtsein.

Vielleicht hätte ich Gedichte lesen sollen statt Analysen. Da fällt mir ein, wir haben einmal richtig gestritten über dieses Thema. Damals, als wir noch gemeinsam an der FU studierten, als aber schon klar war, daß Anne mit ihren Eltern abhauen würde, als schon so was Trennendes zwischen uns getreten war. Auch schon räumlich bedingt. Die Juristen hatten ihre Vorlesungen und Seminare im Hauptgebäude draußen in Dahlem, wir Soziologen waren in der Innenstadt in angemieteten Räumen untergebracht. Wieso überhaupt diese Differenzierung? Aber dadurch haben wir uns immer seltener gesehen.

„Analyse unserer Wirklichkeit ist das, was wir brauchen“, hatte ich aufgetrumpft, „und keine Schöngeisterei. Denn damit wird nichts besser.“ Was mir selbst übertrieben vorkam in dieser Absolutheit. Ich hatte ja selbst bis dahin Romane und Erzählungen gelesen, soviel ich nur konnte. Bücher, das waren für mich Erfahrungen, die man sich anfressen kann – und die nicht mal dick machen. Ich fand den Ausdruck schön. Aber Anne hatte viel zu grundsätzlich Gegenposition bezogen, hatte sich auf den Standpunkt gestellt, nur die reine Dichtung habe Geltung. „Ein Gedicht, das ist die Analyse der Wirklichkeit überhaupt.“ Oder so ähnlich klang das. „Von deinen Sach- und Fach-Analysen unterscheidet die dichterische Analyse sich nur dadurch, daß sie sorgfältiger erarbeitet, tiefer erforscht und besser dargestellt ist – falls das Gedicht gut ist.“

Warum hatte mich das nur so geärgert? Ich wußte doch, das war typisch Anne. Wenn einer etwas zu einseitig darstellte, dann hielt sie sofort mit gewaltigen Gegengewichten dagegen. Dann stellte sie die andere Seite genauso übertrieben dar, obwohl sie in Wahrheit die Sache überhaupt nicht so einseitig sah. Eigentlich versuchte sie immer, beiden Seiten gerecht zu werden. Das war so ein angeborenes Harmoniebedürfnis. Im täglichen Umgang ja ganz angenehm. Aber das mit der besseren Analyse, das war damals, als ob wieder einer ankäme und mir die Füße wegträte. Wie früher, im Winter auf dem vereisten Schulhof. Daß es einen plötzlich hinwirft. Wo man ohnehin kaum richtig gehen und stehen konnte. Das war die Spezialität von diesem dicken Rothaarigen, dem jüngeren Bruder von Klaus. Ein Widerling, wie er dann dastand und sich schüttelte vor Lachen. Seinen Namen weiß ich nicht mehr. Geschieht ihm ganz recht. Der Knabe hat mich auch nie interessiert. Das Abitur hat er nicht geschafft, habe ich noch irgendwann gehört, sonst nichts mehr.

Und Anne? Was kann aus der geworden sein? Die sitzt wohl als Juristin bei einer Versicherung und liest am Abend Rilke. Zum Ausgleich, wie sie sagen wird. Wenn sie sich nicht mit drei Bälgern herumschlagen muß, ihnen aus dem Struwwelpeter vorlesen und ihrem Mann, dem Juniorpartner in der väterlichen Klitsche, die Socken stopfen.

Der Arm wurde ihr schwer vom endlosen Haareum-den-Finger-Drehen. Sie nahm die Hand herunter und sah den schmalen Ring mit dem Totenkopf. „Lamin, wo bist du jetzt““, hörte sie wieder ihre erschreckend dumpfe Stimme. „Du bist längst heim, bist wieder in deinem Gambia, und machst Karriere.“ Wenn ich ihn gehalten hätte, wäre alles ganz anders gelaufen. Das war ein Kopf. Das mußte selbst Anne zugeben. Und sie hätte ihn auch gern gehabt. Aber sie hat keinen Versuch gemacht, ihn mir wegzunehmen, das muß man ihr lassen. Obwohl er ihr genauso gefiel wie mir. Einer der kommenden Männer von Gambia, darüber waren wir uns einig. Aber ich, ich hatte ihn kennengelernt, im Seminar. Und wir verstanden uns auf Anhieb.

Dieser Aufstand zuhause, als ich Lamin meinen Eltern vorstellte. Hinterher natürlich erst, so feige waren sie. Ihm erst freundlich die Hand geben und Kaffee einschenken und hat mich gefreut und so. Und dann nachher: „Ein Neger, Kind, was fällt dir denn ein? Als ob es nicht genug ordentliche deutsche Männer gäbe. Aber du, du mußt einen aus dem Busch ranschleppen. Willst dich wohl zur Negermutti machen lassen, wie? Der hat dann noch fünf andere Negermammis neben dir in seinem Kral. Mit so einem kommst du uns nicht noch einmal ins Haus, verstanden. Du bist die Tochter eines deutschen Staatsbeamten. Und dazu, – was sollen denn die Nachbarn denken.“

Renate setzte sich auf die Liege mit der großkarierten Wolldecke und überlegte: Was habe ich da gerade in ihre Mikrofone gesprochen? Mein Gott, für die Lauscher wird es damit nur noch schwieriger. Jetzt müssen sie ihre Ermittlungen bis nach Afrika ausweiten. Müssen meinen geheimen Kontakten zu irgendeinem Kral im Busch nachgehen. Das dürfte nicht ganz einfach sein. Schließlich habe ich schon fünf, nein sicher sechs Jahre nichts mehr von Lamin gehört. „Gambia“, sagte sie laut und deutlich, um die Lauscher zu ärgern, „Westafrika, südliche Hemisphäre, Erde, Milchstraße links die zweite Hütte.“

Dabei drehte sie an dem Totenkopfring, als wäre er ein Wunschring. Als könnte er den herbeizaubern, der ihn ihr geschenkt hatte. Der kommende Mann von Gambia, der erst der gefürchtete Revoluzzer wird und dann der erste Staatspräsident eines wirklich freien Gambia. „Lamin“, hauchte sie den Namen noch einmal vor sich hin. Leider habe ich in der Zeitung nie was über ihn gelesen. Ist wohl doch nicht politisch aktiv geworden. War also nicht so schlimm, daß das damals in die Brüche ging. – „Ja, das sagt man so. Hinterher ist man immer klüger.“

Als Lamin mir den Ring geschenkt hat, war Anne schon fortgezogen. Nach Westdeutschland. Ausgerechnet nach Bonn. Die juristische Fakultät dort sei viel angesehener als die der FU, hatte sie mir damals noch geschrieben. Dabei wollte sie nur nicht auf die Bequemlichkeit verzichten, bei ihren Eltern zu wohnen. Obwohl die ihr einen noch viel dolleren Tanz gemacht hätten, wenn sie mit einem Farbigen angekommen wäre. Das hat sie selbst zugegeben. Aber daheim im warmen Nest sitzen zu können, sich schön bekochen zu lassen und mit Vati und Mutti einkaufen zu gehen, wenn sie was Neues brauchte, das war ihr mehr wert als ihre Unabhängigkeit. In dem Moment hatte sie schon alles falsch gemacht. „Anne kannst du vergessen.“

Aus was für Verhältnissen die aber auch kam. Der alte Mietzner wollte bauen, wollte endlich was nach seinem Format haben, wie es bei ihm hieß. Nicht mehr in einem gekauften Haus leben müssen, das für andere Leute maßgeschneidert war. Und in Berlin zu bauen, das war überhaupt kein Gedanke. „Wo die Russen rundrum sitzen, wie die Wölfe ums Winterlager.“ Ach, jetzt gehen die Ermittlungen auch noch bis nach Rußland. „Nein, nein, das wollte ich nicht. Das war der olle Mietzner, der das gesagt hat. Nicht ich!“

Sitzen da auf der Terrasse ihres Berliner Hauses. Die beiden Mietzners mit ihrer Tochter. Deren Freundin Renate dabei. Bei Kaffee und Kuchen.

„Bad Godesberg ist goldrichtig“, so Herr Mietzner. „Mildes Klima und Nähe zu den Kreisen, die entscheiden – und Entscheidungen beeinflussen.“ Dabei zwinkert er seiner Frau zu wie ein drittklassiger Provinzschauspieler. „Und die Leute, die da wohnen, diese Westdeutschen, nun ja, mit denen haben wir ohnehin nichts zu tun“, ergänzt seine Frau.

„Natürlich nicht. Das Anwesen, unser Anwesen, das wird so groß bemessen sein, daß die Leute rundum für uns keine Rolle spielen.“

„Und der Betrieb“, wirft der Gast ein, „wird der Betrieb hier einfach zugemacht? So daß die Leute ihre Arbeitsplätze verlieren?“

„Der Betrieb bleibt natürlich in Berlin. Hier produziert es sich viel besser als in Westdeutschland. Hier sitzen doch genug Kümmeltürken herum. Offiziell bleibt sogar die Firmenspitze hier in Berlin. Wegen der Berlin-Präferenzen. In Bad Godesberg wird nur ein Verkaufsbüro eingerichtet. Und dann habe ich vor, dort in der Mittelstandsvereinigung eine Funktion zu übernehmen. Man muß eben da, wo es sich lohnt, initiativ zu werden, entschlossen die Ärmel aufkrempeln und zupacken.“

Eigentlich gar nicht so schlecht, daß ich diesen engen Kontakt zu Anne hatte. Dadurch hatte ich immer eine plastische Vorstellung, wenn von Ausbeutern, Kapitalisten und Bonzen die Rede war. Irgendwie stand immer sofort der alte Mietzner vor mir. Mit seinen Wurstkonserven. Frankfurter Würstchen, wie er das Zeugs frechweg nannte, obwohl es mit Frankfurt nun wirklich nichts zu tun hatte.

Und Anne erzählte mir noch viel mehr als der Alte selbst. Der ja schon Himmelschreiendes genug von sich gab, wenn wir bei ihm saßen und er anfing, der Jugend mal die Augen zu öffnen, wie er das nannte. Nach dem soundsovielten Cognac.

Anne und Renate in Mietzners Haus. „Meine Eltern sind nicht da. Komm, ich zeig dir mal was. So was hast du noch nicht gesehen.“ Und schiebt hebt den Perser an und rollt ihn halb auf und zeigt auf eine Stelle im Parkett.

„Hier, genau hier haben sie die Brettchen vorsichtig gelockert und herausgenommen. Dann haben sie ein versiegeltes Papier mit vielen Unterschriften in das Loch gelegt und die Brettchen wieder eingeklebt. Das war eine Vereinbarung aller deutschen Wurstkonservenhersteller, die in einer langen Nachtsitzung hier im Wohnzimmer zustande gekommen ist. Mein Vater ist da sehr stolz drauf.“

„Und um was ging es dabei?“

„Geheime Preisabsprache“, flüstert Anne. „Und wie geheim. Wenn das Kartellamt dahinterkommen will, dann muß es uns schon das Haus auseinandernehmen.“

„Überhöhte Preise?“

„Na klar.“

„Das heißt, der kleine Mann muß mehr zahlen für sein heißes Würstchen als das Ding wert ist.“

„Ja, ja.“

„Aber das ist doch eine ganz große Schweinerei“, entrüstet Renate sich.

„Klar ist es das. – Aber sie sind doch meine Eltern“, sagt Anne und rollt den Perser wieder ordentlich aus, schiebt den Fernsehsessel wieder an seinen Platz.

Typisches Frühstückskartell, so nannte Frieder das, als ich ihm davon erzählt habe. Einfach fantastisch, wie er immer alles sofort auf den richtigen Begriff bringen konnte. Mir ideologisch haushoch überlegen. Und dabei absolut zuverlässig. Nie hat er Gebrauch gemacht von seinem Wissen um das Versteck unterm Parkett. Mir zuliebe. Ich hatte ihn darum gebeten, weil Anne mich darum gebeten hatte, keinem Menschen etwas davon zu sagen. Weil sie sich zum Schweigen verpflichtet hatte gegenüber ihrem Vater.

Also habe ich ihr zuliebe Frieder zum Schweigen gebracht. Und letztlich Annes Eltern zuliebe. – Liebe, Liebe, Liebe. Und alles nur Betrug. Die kleinen Leute waren die Betrogenen. Sie mußten für diese scheiß Würstchen einen Aufschlag zahlen, der noch über den Mehrwert im Marxschen Sinne hinausging.

Frieder hat das sofort so auf die Formel gebracht. Frieder, – er sitzt jetzt in Stammheim. Und ich sitze hier. Und ich denke an ihn, wie er jetzt an mich denken wird. Ganz sicher denkt er an mich. – Aber vorhin habe ich mehr an Anne gedacht als an ihn. Und davor an Lamin. Von dem Frieder noch gar nichts weiß. Renate sah schuldbewußt auf den Ring mit dem Totenkopf an ihrer Hand. Als er mich gefragt hat, woher ich diesen Ring habe, da habe ich ihn belogen. Von meinen Eltern, habe ich gesagt.

„Lug und Trug, Lug und Trug überall. Einfach zum Kotzen“, stöhnte sie auf. Und dann, weil es nun einmal gesagt war, trotzig hinterher auch noch: „Wer sitzt und wer nicht, das richtet sich nicht nach der Schuld, sondern nur nach dem Geschick. Aber nicht nach dem, was man Schicksal nennt, nein, nach der Geschicklichkeit. – Scheiße alles!“

11.

Nichts Schöneres gab es für mich, erinnerte der Untersuchungshäftling Renate Hobbes sich am nächsten Morgen, als liegenbleiben zu dürfen, wenn Frieder Brötchen holte und das Frühstück machte. Wenigstens für den Morgen war das das Schönste. Und ich habe mir diesen Genuß auch nie als scheißbürgerlich ausreden lassen. Ich brauchte das. Mich dreimal rufenlassen und mich dreimal wieder rumdrehen und endlich im Morgenmantel an den gedeckten Tisch wanken, immer noch so schön schlaftrunken. Daß der Morgenmantel eigentlich ein Bademantel war, für den recht mißglückten Spanienurlaub mit Anne, Erwin und Frank gekauft, was machte das schon aus.

Frieder am Tisch. Renate kommt dazu und fragt: „Was soll denn das?“

„Frühstücksgedeck“, sagt Frieder nur. Als ob es dazu keines weiteren Kommentars bedürfte, wenn Brötchen, Tassen und Brettchen, Eier und Eierbecher, Messer und Löffelchen samt Salzstreuer und Teekanne in einer langen Reihe auf dem Tisch aufgebaut sind. Frieder zieht vorsichtig mit beiden Händen an dem einen Ende des Tischtuchs. Das ganze Arrangement bewegt sich langsam vorwärts. Dazu summt er: „Oh when the saints go marching in...“

„Halt!“ ruft Renate noch gerade rechtzeitig, ehe die vorneweg marschierende Teekanne auf den Boden fallen kann.

Frieder schlägt die Hacken zusammen und schmeißt den Kopf zur Seite, um den erteilten Befehl in scharfem Kommandoton weiterzugeben: „Das Ganze halt!“

„Mann“, stöhnt Renate, „nun spinn doch nicht schon wieder rum. Ich bin noch nicht ganz wach, und dann so was. Praktisch mitten in der Nacht aus dem Bett geholt.“

„Melde gehorsamst: Tag der Alliierten Streitkräfte 1968. The same procedure as every year. Die vereinigten Besatzungstruppen Berlins, eh, Schutztruppen, eh, Schutzleutehorden vollständig zur Parade angetreten.“

Zum Glück hatten die Aufräumarbeiten nach diesem militärischen Einsatz nicht soviel Zeit in Anspruch genommen, daß der Tee kalt geworden wäre. Selbst die Brötchen waren noch frühsonnabendlich warm und die Eier sowieso. Frieder hatte ihnen die gestrickten Häubchen übergestülpt, die ich von einer Reise durch Frankreich mitgebracht hatte.

An dem Tag sind wir am frühen Nachmittag zum Bahnhof Zoo gefahren. Viel Volk strömte den Zaun entlang, hinter dem die Nashörner und Dromedare standen. Alles hin zur Straße des 17. Juni. Hin und wieder ein Schild an einem Baum: Achtung Bannmeile. Und dann im Kleingedruckten diverse Hinweise der Alliierten Stadtkommendanten auf das für die Parade unter Sonderrecht gestellte Gebiet: Keine Waffen und keine Funk- und Radiogeräte mitführen, auch keine Flugblätter verteilen. „Schade“, hatte Frieder gesagt, „immer wenn man sie braucht, sind sie gerade ausgeflogen.“ Und ich bin darauf reingefallen und habe gefragt: „Wen braucht?“ „Na, die Flugblätter.“

Neben dem Lokal Schleusenkrug unmittelbar vor der Brücke über den Landwehrkanal hat die Polizei eine Sperre aufgebaut. Frieder und Renate Hand in Hand und mit einem besonders breiten Grüß-Gott-Grinsen für die Beamten, die jeden abschätzig betrachten, der durch die Sperre geht.

„Weißt du übrigens“, fragt Frieder laut und deutlich, „daß der Schleusenkrug in einem gesamtdeutschen Haus sein Un- und Wesen treibt?“

„Nein. Wieso gesamtdeutsch?“

„Das Parterre, in dem das Lokal ist, gehört zu Westberlin. Das Untergeschoß aber, in dem der Schleusenwärter sitzt, gehört zu Ostberlin. Wie alle Berliner Schleusen. Und die Eigentumsverhältnisse sind auch äußerlich sichtbar. Oben alles unter einem weißen Anstrich verborgen, unten klarer Verzicht auf jegliche Tünche.“

„Du meinst, die drüben haben keine Farbe“, erwidert Renate.

„Tja, so polemisch kann man es natürlich auch ausdrücken.“

Renate mußte noch im nachhinein lachen. Immerhin hatte Frieder mit diesem hochpolitisch-gesamtdeutschen Gerede erreicht, daß die Polizisten die Hälse reckten und uns besonders argwöhnisch beäugten. Aber weil sie die Brisanz eines gesamtdeutschen Schleusenkruges offenbar nicht auf Anhieb zu erkennen vermochten, ließen sie uns unbehelligt ziehen. Tumbe Bullen halt.

„Wir sind als harmlos eingestuft worden“, sagt Renate.

„Ja, sogenannte Mitläufer. Aber wir werden nicht weiter mitlaufen.“ Und zieht sie in den Weg nach rechts hinein statt weiterzugehen in Richtung Straße des 17. Juni. „Sogenanntes antizyklisches Verhalten“, sagt er.

Den Landwehrkanal entlang sind wir zum Neuen See hinüber gegangen. Dem Ausflugslokal dort sah man an, wie es sich über das schöne Wetter freute. Alle Tische und Stühle draußen aufgebaut, die Tischdecken sorgsam festgeklammert, die Serviermädchen frischweiß geschürzt. Aber erst eine Handvoll alter Leutchen zur Stelle.

Als wir zum Landungssteg hinuntergingen, an dem noch die gesamte Flotte der Ruderboote lag, sagte Frieder was von den Farben Rot und Weiß. Die Boote seien in den Berliner Farben gestrichen. „Innen weiß und außen rot.“ Dann wollte er unbedingt mit mir in See stechen, wie er das nannte. Also mieteten wir ein Boot und fuhren als einzige auf den See hinaus. Der sah aus wie auf einer Postkarte aus der Zeit der Jahrhundertwende. Spiegelglatt und eingerahmt von den Bildern der Bäume und Büsche rundum. Und weil er so unbewegt war, konnte man kaum unterscheiden, was echte Bäume waren und was ihre Spiegelbilder. Der Rhododendron blühte so herrlich. Und blauer Himmel. Mein Gott, was ist das überhaupt noch: blauer Himmel?

„Das nennt man ein Kaiserwetter“, sagt Frieder im Kahn, die Beine lang von sich gestreckt, die Ruder unbewegt. „Der Himmel ist halt immer mit den Gesalbten, auch beim Tag der Alliierten Streitkräfte.“

Plötzlich bunte Sprenkel an diesem Postkartenhimmel. Ein Flugzeug hat Fallschirmspringer abgesetzt, die jetzt an bunten Schirmen zappelnd den gezielten Absprung auf die Straße des 17. Juni vormachen.

„Die Soldaten haben ihr Spielchen begonnen.“ So Renate.

„Ja, und wir werden jetzt mitspielen.“ Frieder, mit Kampfesmut in der Stimme. „Wir schlagen den Feind zu Lande, zu Wasser und in der Luft.“

„Hör auf zu schlagen. Der Tag ist so schön.“

„Der wird jetzt noch viel schöner. Denn wir beide werden jetzt eine gewaltige Seeschlacht schlagen. Los jetzt! Schluß mit der Idylle! Du bist meine Feindin, ich bin dein Feind. Nimm dein Ruder fest in die Hand und alle Kraft zusammen und dir ein Herz und wehr dich deiner Haut. Sonst bist du gleich rettungslos verloren.“

„Quatsch, Seeschlacht. Nur wir beide. Und wir sind doch im selben Boot.“

„Genau. So ist das genaugenommen immer. – Also los, wehr dich!“

Er war einfach nicht zu halten. Aber die Art wie er kämpfte, da verstand ich schnell, was gemeint war. Er rutschte an mich ran und ging mir an die Bluse und wurde so zielstrebig handgreiflich, daß der Kahn gefährlich ins Schaukeln geriet. Nicht mal im Takt der Marschmusik, die sich jetzt durch das Überallgrün um uns herum ihren Weg bahnte. Ja, das war mir aufgefallen: nicht im Takt. Und daß ich mich eigentlich beruhigen könnte: wir waren mitten auf dem See, weit genug weg von den alten Leutchen vor dem Café. Und die Fallschirmspringer waren schon gelandet. „Die Luft ist rein, jetzt brauchst du dich nicht mehr so heftig zu wehren“, hatte Frieder gesagt, als er es erreicht hatte, mich in die recht schwierig zu praktizierende Horizontallage zu bringen. Und redete und redete weiter. Und zog dabei mich und sich gleichzeitig aus. Und brachte es schließlich fertig, im Ton der Wochenschau festzustellen, daß der überfallene Gegner sich offenbar mit dem Eindringling solidarisiere. Und betete dann vor sich hin: „Make love not war“, als das Dröhnen der Panzerketten auf dem Aphalt die Musikzüge abgelöst hatte. Da war unser Kahn nur noch im leichten Ausschwingen.

Renate und Frieder im Boot, aufeinander. „Die Vergewaltigung alles Weiblichen, das sich finden läßt, das ist das Urrecht der Soldateska. Seit Jahrtausenden der effektivste Motivationsschub bei aller Kampfbereitschaft, viel mehr als Angst und Vaterlandsliebe.“ Frieder, in das ferne Panzerrasseln hineinsprechend.

„Aber das war doch keine Vergewaltigung“, widerspricht Renate.

„Still. Ich lasse mir meinen großen Sieg nicht kaputtquatschen. – Aber eigentlich hast du recht. So bringt das eine geschickte Frau immer. Gäbe es nur noch solche, gäbe es keinen Anlaß mehr, in Feindesland einzufallen.“

„Ein geschickter Mann macht sich ein bißchen leicht, besonders wenn die Unterlage so unbequem ist wie ein Bootsboden“, stößt sie ihn von sich. Und nachdem er – offensichtlich sehr ungern – sich aufgerappelt und neben sie gesetzt hat, überfällt sie ihn mit der Frage: „Hast du mal ,Tage des Überlebens‘ gelesen, von Margret Boveri?“

„Nein“, gesteht er, ziemlich verwundert über ihre plötzliche Abschweifung in die Literatur.

„Darin beschreibt sie, eine echt erfahrene Frau, den Einmarsch der Russen 1945 in Berlin, wo sie als Journalistin gearbeitet hatte. Und wie alles, was weiblich war, vergewaltigt wurde. Und sie sagt so ungefähr: Da es nun schon mal unvermeidlich war, wenn so eine Horde ankam, habe ich mir wenigstens immer den schönsten Kerl ausgesucht, möglichst den Offizier, und den so angeguckt, daß er die anderen fortgejagt hat.“

„Die überlegene Haltung der Unterlegenen. Prima. Die Frau muß ich kennenlernen.“

„Nicht dein Jahrgang. Wie schade für dich.“

„Und erst recht für sie.“

„Für sie natürlich auch. Wenn du auch nicht so eine schicke Uniform trägst.“

„Ach, sieh mal, du wärst wohl doch lieber zu der Alliierten-Parade gegangen, die schnieken Herren Offiziere bewundern, wie alle Frauen.“

„Daß Uniformen auf eine Frau wirken, kann ich gut verstehen“, gibt Renate zu, auf einmal sehr sachlich. „Eine Uniform macht einfach mehr Mann. Allerdings wirkt das auf mich nicht. Ich weiß ja, was darunter ist. Mode ist soziologisch gesehen immer nur ein aufgesetzter Appell.“

Das hatte Frieder nicht aufgegriffen. Wohl weil er nicht sicher war, ob er das noch positiv auffassen könnte. Irgendwie hatten die Uniformen uns aus dem Rhythmus gebracht. So blieb uns nur, uns wieder anzuziehen. Jeder für sich. Wobei der Kahn wieder stark ins Schaukeln geriet. Aber ganz anders als vorher. So lustlos. – Ja, lustlos. Ob ich jemals wieder kahnfahren werde?

12.

Das war Ende 1968 gewesen. Da hatte Frieder vor Gericht gestanden. Und ich saß im Zuschauerraum. Das war ein Erlebnis. Damals durfte noch gelacht werden. Renate Hobbes versuchte es nochmal, mit nur mäßigem Erfolg. Ja, inzwischen ist uns das Lachen vergangen. Wahrscheinlich sogar Frieder, drüben in Stammheim. Direkt nach dem Prozeß, das war in meinem Apartment. Ich nannte es Studentenbude. Was für einen Frieder Fehlhaber aber viel zu bürgerlich war. „Scheißbürgerlich, mit deinem Nierentisch und den putzigen Sesselchen“, hatte er sich anfangs entsetzt. Und ich hatte mich verteidigen müssen: „Alles vom Sperrmüll.“ Doch dann war er ganz froh, nach dem Prozeß, einen Unterschlupf zu haben. Sich von seiner öffentlichen Rolle als Politclown bei mir erholen zu können. Wenn er dabei auch oft hinter Atem kam. Jedenfalls brauche er sich nicht über einen Sexualnotstand zu beklagen wie Hans-Dieter, hat er damals gesagt. Das habe ich als eine feierliche Belobigung für Verdienste um Fronturlauber aufgefaßt. Ja, sogar mit einem gewissen Stolz. Warum nicht? Damals konnte ich ihm Wort für Wort wiederholen, was er gesagt hatte. Wie es in der Bibel irgendwo heißt: Und Maria verwahrte all seine Worte in ihrem Herzen.

„Doch, wirklich, das hast du großartig gebracht, Frieder. Der Vorsitzende wußte überhaupt nicht mehr, wo er dran war mit dir.“

„Aber das Klassenziel nicht erreicht.“

„Was hast du nicht erreicht?“ fragt Renate irritiert. „Morgen sind alle Zeitungen voll von deinen Späßen. Jede Wette.“

„Aber er ist nicht mit mir einen trinken gegangen.“ Frieder mit säuerlicher Miene.

„Mit so einem würdest du doch nicht in eine Kneipe gehen.“

„Aber“, nörgelt Frieder Fehlhaber weiter, „ich hatte es meinem hochverehrten Publikum fest versprochen, daß ich diesmal so lieb zum hohen Gericht sein würde, daß der Vorsitzende nachher mit mir einen trinken gehen würde.“

„Ja, du warst wirklich sehr lieb zu ihm. Einfach prima dieses: ich habe ja so viel auf dem Kerbholz, ich kann nachts nicht mehr schlafen. Darum bitte ich Sie, mit aller Schärfe des Gesetzes gegen mich vorzugehen. Einfach Klasse. Und vor mir in der Reihe, da saß eine alte Frau, die fragte ihren Nebenmann, ob das wahr sein, daß du abends mit dem Richter einen hebst.“

„Und, was hat der Kerl dazu gesagt?“

„Das war ein ganz lockerer Typ. ,Ich glaub überhaupt nix‘, hat der nur gesagt.“

„Ein frühreifer Typ. Wir sollten mehr davon haben.“

„Daß du sogar Rudi als gefährlichen Verführer der Jugend und als Demagogen bezeichnet hast, der leider nicht erschossen wurde, das war schon umwerfend überzeugend.“

„Das wird Rudi nicht mehr schlafen lassen.“

„Also, da würde ich mir keine Sorgen drum machen. Da muß Rudi drüberstehen. Der muß doch wissen, daß revolutionäre Solidarität auch Opfer vom einzelnen fordert. Auch, daß man sich mal so karikieren lassen muß, wenn es darum geht, den Gegner zu demaskieren.“

Dazu Frieder, nach einer Pause, in der es scheint, als wollte er dies und das sagen und schlucke es doch Stück für Stück herunter: „Das hast du sehr schön gesagt.“

„Nur, sag mal, Frieder, mußtest du denn auch Horsti anscheißen?“

„Ein gewiefter Anwalt muß alles verkraften können.“

„Aber das hat er nicht verkraftet. Fand ich ja auch blöd von ihm. Als du sagtest, du möchtest lieber einen Pflichtverteidiger bekommen, der das Gericht nicht immer so anschreit wie Horst, da hab ich auch die Luft angehalten. Dann dachte ich, da macht Horst jetzt was draus. Da kann er was Grundsätzliches bringen über diese Farce mit den Pflichtverteidigern. Und dann diese lahme Reaktion von Horst. Zu sagen, er könne solche Angriffe nicht ernst nehmen. Dir so die Luft abzulassen, einfach blöd. Und daß er es dann sogar fertiggebracht hat, sein Mandat niederzulegen und dich allein zu lassen, das hätte ich nicht von ihm erwartet. So wie Horst eingestellt ist.“

„Das war der Bourgeoisietest“, meint Frieder herablassend, „den hat er nicht bestanden.“

„Da hat Jörg doch eine bessere Figur gemacht. Überhaupt nicht aus der Spur zu bringen, als du seinen Ausdruck , borniert‘ getadelt hast. Dabei war er gerade so richtig schön in Rage, machte den Vorsitzenden derart zur Sau. Und dann dein Einwurf: ,So ein netter, jovialer Opa, und da sagst du borniert‘. Das war Klasse.“

„Jörg hat wenigstens sofort geschaltet.“

„Aber am besten fand ich, wie du dann den Antrag gestellt hast, noch mehr Polizisten in den Saal einzulassen, viel mehr Polizisten. Weil sich die Notwendigkeit ergeben könnte, daß Jörg zusammengeschlagen werden muß.“

Irgendwann hatte Frieder an dem Abend offenbar genug von meinem Applaus. Aber ich war einfach so begeistert. Er machte wortlos die Kerze auf dem Tisch an, stand auf, knipste die Stehlampe mit den drei Lichttütten aus und fing an, sich auszuziehen. „Genug der Worte, laß uns Taten tun“, sagte er, als er die Unterhose runterzog. Das hieß Programmwechsel. Und ich habe mich nicht lange bitten lassen. Ich war wie immer ruck-zuck ausgezogen. Als er seine Brille mit den dicken Gläsern behutsam neben die Kerze legte, meinte er: „Aber nur, wenn du auch deine Kontaktlinsen wegtust. Gleiche Waffen.“ Und ich wollte nicht: „Dann sehe ich ja nichts mehr.“ Und er darauf: „Dann werden wir im Schatten kämpfen.“ Das haben wir dann auch. – Aber, daß er das Liebemachen so gern als Kämpfen bezeichnete, – schon komisch.

Renate und Frieder am Frühstückstisch. Sie, die Zeitung aufgeschlagen in den Händen: „Siehst du, jetzt steht es sogar in der Zeitung, das mit der Verführung minderjähriger Töchter von Polizeibeamten. Das hättest du ja nicht zu sagen brauchen, finde ich.“

Wofür Frieder nur ein Gähnen übrig hat.

„Und daß der Intimverkehr mit ihnen dir keinen Spaß mehr macht, das kann ich dir nicht abnehmen. Schon gar nicht nach dieser Nacht.“

„Hast ja recht.“

„Aber das sage ich dir: nochmal so ein Ding, und ich trete als Zeugin der Anklage gegen dich auf.“

„Das wäre überhaupt die Idee“, war Frieder da plötzlich hellwach. Aber ich habe ihn nicht über neue Strategien nachdenken lassen. Ich habe ihm die Zeitung in die Hand gedrückt. Ich wollte ihn nicht schon wieder mir entgleiten lassen. Zurück in seine komplizierten Überlegungen. Um dann wieder warten zu müssen, beinahe endlos warten zu müssen, bis er sich wieder losreißt von all dem, was ihm wichtig ist. Und auch mir wichtig ist, ja, selbstverständlich. – Schon ein Widersinn, einen Mann gerade wegen seiner Engagiertheit so zu lieben und dabei immer auf die Stunden der Nichtengagiertheit zu hoffen.

„Daß dir der Intimverkehr mit mir keinen Spaß mehr macht, so was öffentlich rauszuposaunen, – einfach unmöglich,“ greift Renate das Thema am Frühstückstisch wieder auf. „Klar, was ich dir hier biete, das ist nur eine bürgerliche Idylle. Fehlte nur noch, daß du vor mir auf bist und die Brötchen holst – und ganz stolz darauf bist.“

„Schaffe ich nie. Ich bin eine Spätentwicklung.“

„Aber gut entwickelt bist du.“

„Und du erst mit deinem strammen Turnlehrerinnenarsch. – Weißt du, du solltest endlich zu uns in die Kommune ziehen.“

„Oh nein, nicht schon wieder die alte Leier.“

„Doch, immer wieder, solange bis du mitsingst.“

„Aber du weißt doch, das kann ich nicht. Da ist bei mir noch immer eine Hemmschwelle, die ich nicht überwinden kann. So sehr ich mit den Intensionen der Kommune...“

„Intentionen meinst du.“

„Meinetwegen. Ich wollte sagen: So sehr ich mit den Intentionen der Kommune übereinstimme, ich bin noch auf dem Weg von der akzeptierten Theorie zur entsprechend praktizierten Verhaltensweise. Ist eben ein langer und beschwerlicher Weg. Und ich befürchte, ich schaffe ihn nie. Da sind Dinge in mir angelegt. Also, ich kann einfach nicht mit mehreren Männern bumsen, wenn ich eine starke emotionale Bindung an einen habe. Und die hab ich nun mal, – immer noch.“

Frieder Fehlhaber überhört die leise Drohung: „Du brauchst deine angelegten Dinge nicht mal abzulegen bei uns. In der Kommune herrscht nicht die Weibergemeinschaft, das weißt du doch.“

„Aber der Weibernotstand herrscht. Das weiß ich auch. Und daß Agathe die Weibergemeinschaft verlangt, mußt du ja wohl zugeben.“ unter uns ist. Die anderen Zimperlieschen bleiben ja nie lange bei der Stange“, lacht Frieder.

„Nun bleib doch mal einen Moment ernsthaft. Ich meine das nämlich ganz ehrlich.“

„Ganz ährlich“, äfft er sie nach.

„Frieder, ich würde ja furchtbar gern, aber es geht nicht. Irgendwas macht es mir einfach unmöglich.“

„Das ist etwas, das du einmal grundsätzlich aufarbeiten mußt. Da nützt es auch nichts, wenn ich dir jetzt erkläre, daß Agathe im Grunde genommen überhaupt nicht die Weibergemeinschaft propagiert, sondern die Männergemeinschaft.“

„Und du meinst, das tröstet mich? Da kann ich nur sagen: Hau ab. Beeil dich, daß du zum Stuttgarter Platz kommst, sonst wird Agathe mit dir schimpfen.“

„Du spinnst ganz schön rum, Renate.“

„Also ehrlich, ich finde, es muß doch möglich sein, einen einzigen Mann zu lieben und sich dabei trotzdem in der revolutionären Arbeit zu engagieren, trotzdem an der Verbesserung unserer Gesellschaft...“

„Bravo. Jetzt hast du die Problematik so geschickt rumgedreht, daß sie keine mehr ist.“

„Habe ich nicht.“

„Doch. Genau wie dieser uralte Witz von Tünnes und Schäl, die sich darüber streiten, ob Rauchen und Beten sich miteinander vereinbaren lassen. Der eine geht zum Pastor und fragt ihn, und der andere geht zum selben Pastor und fragt ihn. Und dann trumpft der Tünnes vor dem Schäl auf: ,Ich darf.‘ Und der sagt: ,Ich darf nicht. – Das versteh ich nicht.‘ Worauf der Tünnes meint: ,Ja, was hast du den Pastor denn gefragt?‘ Und der Schäl antwortet: ,Ich habe gefragt, ob ich auch beim Beten rauchen darf, und da hat er gesagt: Nein, mein Sohn, das geht nicht an.‘ Da lacht der Tünnes ihn aus und sagt: ,Das war die falsche Fragestellung. Ich habe den Pastor gefragt, ob ich auch beim Rauchen beten darf. Da hat er gesagt: Sehr gut, mein Sohn, du sollst bei allem, was du tust, beten.“‘

„So, das ist also die Art, wie ihr in der Kommune persönliche Probleme aufarbeitet“, entgegnet Renate spitz.

„Zumindest hätten wir unseren Spaß dabei gehabt, wenn Tünnes und Schäl zu uns gekommen wären mit ihrem Problem. Aber du, du lachst ja nicht einmal. Du bist noch zu verbissen, Renate. Mit Verbissenheit schaffen wir es nie. Wir müssen lachen und die anderen lächerlich machen, die Pseudo-Autoritäten unmöglich werden lassen, und damit auch die repressiven Normen, die sie uns eingepflanzt haben. Das muß ineinandergreifen, wie zwei Zahnräder: Sich selbst freisprechen, das heißt, sich selbst freimachen durch Aussprechen und gleichzeitig den anderen ihre angemaßte Autorität absprechen. Das ist für mich das Prinzip Zahn um Zahn. Und nicht dieses verbissene Rachenehmen, dieses Draufschlagen Auge um Auge, Zahn um Zahn. – Ach, Renate, wir könnten soviel besprechen. Du solltest wirklich in die Kommune kommen.“

„Ja, vielleicht – eines Tages. Aber solange ich noch nicht zur Kommune kommen kann...“

„Komm ich zu dir“, bringt er den Satz zuende.

In derselben Ausgabe der Zeitung, das war die von Freitag, dem 4. Oktober 1968, überlegte Renate Hobbes – wie lange habe ich das Zeitungsblatt mit mir rumgeschleppt –, da war ein Artikel über Jean-Paul Sartre und seinen zähen Kampf für die an den Rand Gedrückten. Gleich nachdem Frieder gegangen war, fand ich den Artikel. Und das war für mich ein gutes Zeichen. Das war alles andere als ein dummer Zufall. Heute Sartre, morgen Fehlhaber, wußte ich seit diesem Tag. Und mir war völlig klar, welcher Name dann für Simone de Beauvoir stehen würde. Damals habe ich mir gesagt: Noch ist Frieder mir bewußtseinsmäßig einiges voraus. Aber dieser Vorsprung ist aufzuholen. – Und, habe ich ihn inzwischen aufgeholt? – Das möchte ich doch annehmen.

Die Untersuchungsgefangene Renate Hobbes ging an ihr kleines Bücherregal und nahm das Buch Repressive Toleranz von Herbert Marcuse heraus. So ein Mann mußte uns wegsterben in diesem Scheiß-Sommer, von dem ich kaum einen Sonnenstrahl gesehen habe. Die einzige Vaterfigur, die wir hatten. Tot. – Aber nicht ganz. Er hat ja alles Wichtige für uns niedergeschrieben. Sie schlug das Buch auf und freute sich über all die Anstreichungen, die sie gemacht hatte. Ohne Rücksicht auf die Vorschriften der Gefängnisbücherei. Da fand sie Sätze unterstrichen, die ihr mittlerweile so selbstverständlich schienen, daß sie sich wunderte: Wie konnte er das noch drucken lassen? Was ist denn so Erstaunliches daran, fragte sie sich, als sie sich laut vorlas: „Daß es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein Naturrecht auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben.“ Hier steht es doch schwarz auf weiß, daß diejenigen, die dieses Widerstandsrecht praktizieren, das nur tun, weil sie Menschen sein wollen. – „Auch ich will Mensch sein!“

13.

Die Stadt blieb schwarz. Und sie würde noch lange so bleiben, hieß es in der Zeitung. Denn bis diese Unmenge Granulat wieder aufgenommen und abtransportiert wird, würden noch Wochen vergehen. Der Schnee schmolz allmählich unter dem Streumaterial und unter dem Hundekot weg. Was die Stadt nicht attraktiver machte. Bald würde der heftige Schneefall, der Anlaß, vergessen und nur noch das Ärgernis übrig sein. Wie üblich. Falls kein Neuschnee kommt. Aber damit war nach Meinung der Meteorologen nicht so bald zu rechnen.

In den Leserbriefspalten meldeten sich wieder die Besserwisser mit ihren Vorschlägen. Man solle die vielen Arbeitslosen zum Kehrdienst heranziehen. Damit wären zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die Leute hätten Arbeit, und der Dreck käme von den Straßen. Und, meinte einer, wenn dieses scheußliche Streugut weg sei, dann gäbe es auch nicht mehr solche Schmierereien an den öffentlichen Gebäuden, dieser Unfug, daß was in der Luft liegt – nicht nur auf den Straßen. Die Beseitigung von solchem Quatsch koste ja auch nur das gute Geld der Steuerzahler. Die Stadtpolitiker nahmen reihum die Gelegenheit wahr, in langen Statements mal wieder auf sich aufmerksam zu machen und nichts zu sagen.

„Die müssen doch nur ihre Existenzberechtigung nachweisen“, knurrte Rainer Kleine Sextro. Aber Annemarie hatte keine Lust, etwas darauf zu antworten.

Daß er die Zeitung las beim Frühstück, das war ein Privileg, das sie ihm ließ. Dafür machte er das Frühstück, eine der wenigen Arbeiten, mit denen er seinen gern herausgestellten Titel Hausmann rechtfertigte. Und sie wußte auch, daß er ihr mit der Zeitungslektüre signalisierte: Es ist nicht so, als ob ich mich nachher in den Sessel setzen könnte zur gemütlichen Zeitungslektüre, wenn du zum Dienst gegangen bist. Ich muß dann die Wohnung aufräumen und mich an der Staffelei abquälen und zwischendurch einkaufen und und und. Künstlerleben in einer amusischen Zeit, pflegte er zu sagen. In der Hoffnung, damit bei den Bekannten und Verwandten ein bißchen mehr Verständnis hervorzulocken für seine ausbleibenden Erfolge als Maler und für die unkonventionelle Art der Arbeitsteilung, die bei den Kleine Sextros praktiziert wurde.

„Find ich aber ganz lieb von dir, Rainer, daß du schon Schrippen geholt hast. Ist doch heute gar kein Sonnabend“, sagte Annemarie.

„Ich kann dir ja auch mal unter der Woche eine kleine Freude machen.“

„Danke, danke, eine gute Idee. Und dann noch französische. Das ist ja fast wie im Urlaub.“

„Ja, echte Croissants haben die.“

„Nein, nenn sie lieber nicht so.“

„Aber so heißen sie doch.“

„Ja, stimmt. Aber das klingt so nach Arbeit. Denn Croissant heißt auch der Rechtsanwalt, der sich in der linken Szene einen Namen gemacht hat“, erklärte Annemarie, „und dafür sitzen mußte.“

Und Rainer lachte: „Also gar kein Rechtsanwalt, sondern ein Linksanwalt. Das ist schön.“

Annemarie saß da und wußte nicht, ob sie mitlachen sollte oder davonlaufen.

„Ist dir nicht gut?“ fragte er fürsorglich.

Doch sie faßte sich schnell wieder und sagte nur leichthin: „Na gut, dann frühstücken wir eben Linksanwälte.“ Dabei setzte sie sich zurück, stützte ihren linken Ellenbogen auf die Armlehne und fing an, ihre Haare um den Zeigefinger zu wickeln.

Eine Angewohnheit, die Rainer noch nie leiden konnte. Vor allem bei Tisch fand er dieses Gedrehe unpassend. Aber er hatte sich allmählich damit abgefunden. Er wußte, das gehört nun einmal zu ihr. Und bald hatte er auch herausgefunden, daß das ihre Haltung der konzentrierten Nachdenklichkeit war. Um so mehr hütete er sich von da an, sie zu unterbrechen. Andere kratzen sich hinterm Ohr, sagte er sich, das hat der Mensch mit dem Affen gemeinsam. Wieder andere kauen an den Fingernägeln, was schlimmere Verheerungen hinterläßt als nur eine derangierte Frisur. Und manche schieben die Zunge zwischen die Zähne, wenn sie konzentriert nachdenken, was nicht ganz ungefährlich ist.

„Weißt du“, hatte seine Frau ihm einmal erzählt, „Renate und ich, manchmal haben wir gedreht, als ob wir einen Wettkampf machten. Und ich habe Renate oft heimlich beneidet, weil sie viel volleres, festeres Haar hatte als ich mit meinen dünnen weichen Härchen. Ich habe es auch einmal bei ihr probiert. So hineingreifen zu können ins Volle, das war schon ein schönes Gefühl. – Nein, nein, das war ein ganz anderes Gefühl. Es hatte nichts mit dem zu tun, was ich fühle, wenn ich in meinen eigenen Haaren drehe.“

Er hatte wohl sehr dumm geguckt, als sie ihm das erzählte. Und sie hatte ihm angesehen, daß er auf eine falsche Fährte geriet. „Nein, nicht so, wie du denkst. Als ich ihre Haare gedreht habe, das war nur Neugier. Und das war Vertraulichkeit im besten Sinne. Und im höchsten Maße. Wenn du verstehst, was ich meine. Nichts sonst war das. Wir hießen doch überall nur immer die Unzertrennlichen. Und das waren wir tatsächlich: unzertrennlich. Aber nicht in der Art, daß wir mit uns selbst genug gehabt hätten und alles andere ausgeschlossen gewesen wäre. Nein, wir waren keine Lesben. Das wäre uns zuwenig gewesen. Männer mußten es schon sein.“

14.

Smogalarm! Radio, Fernsehen und Zeitungen voller Smog. Zwar nur Alarmstufe eins, aber immerhin Alarm. Noch ist kein Grund zur Beunruhigung, so unisono. Denn erst bei der Alarmstufe zwei gibt es Beschränkungen für den privaten Autofahrer. Die leichte Drohung, die nach Hoffnung auf eine Sensation klang. Bei Alarmstufe drei wird es aber hart: völlige Stillegung des privaten Kraftfahrzeugverkehrs. Die Berliner hörten und lasen es mit leichtem Schauder. Aber man hat den Endkampf überlebt, sagten sie sich, und die Blockade und den Mauerbau. Man wird auch das überleben. Wenigstens weiß man jetzt, was man alles schluckt und einatmet. Bezeichnungen, die schon für Auge und Ohr unverdaulich sind.

Und die Schuldigen hat man auch schon gefunden, hieß es. Die Brüder im Osten. Die Umweltschweine mit ihren Stinktrabis und mit ihren ungefilterten Industrieabgasen. Die nebeln uns ein. Daß auch die vielen altertümlichen Heizanlagen in den Armenvierteln von Westberlin dazu ihren Teil beitrugen, wurde nur am Rande vermerkt. Und von den eigenen Autofahrern und Betrieben kein Wort.

Die Meteorologen klärten die Luft auf ihre Art: Bloß eine Inversionswetterlage. Wobei unglücklicherweise wärmere Luftschichten in der Höhe den natürlichen Abzug der Abgase verhindern. Diese Situation, daß die normalerweise mit zunehmender Höhe abnehmende Temperatur der Luft an einer darüberliegenden Sperrschicht sprunghaft zunimmt, tritt glücklicherweise sehr selten auf. Also alles in Ordnung.

„Wir beide sind unschuldig“, legte Rainer Kleine Sextro die Frühstückszeitung beiseite. „Schön, unschuldig zu sein“, wobei er mit den Händen heftige Waschbewegungen in der Luft machte. „Wir haben kein Auto mehr. Und ich verstehe auch nicht, wozu man hier in Berlin ein Auto braucht, wo es Bus und U-Bahn und S-Bahn in Massen gibt und dazu alles herrlich fahrradflach ist. Und trotzdem muß man sich im Gespräch immer halbwegs dafür entschuldigen, daß man kein Auto hat. – Alles nur dieses dämliche Statusgehabe der Autofahrer.“

„Vielleicht müßte man es nur anders ausdrücken“, sagte Annemarie. „Im Bus hörte ich gestern, wie ein Mädchen mit einem Jungen über das Gedränge auf der Eisbahn sprach. Er hörte sich alles ruhig an, bis sie ihn etwas dazu fragte. Da sagte er ganz souverän: ,Ich bin Nicht-Schlittschuhfahrer.‘ Und das Mädchen sah ihn richtig bewundernd an und erzählte von was anderem.“

„Das ist gut. Also bezeichnen wir uns jetzt nur noch als Nicht-Autofahrer.“

„Ja, das klingt wie Nichtraucher und bedeutet Überlegenheit.“

„Meinst du das im Ernst?“ fragte er irritiert.

„Ja, das früher einmal so genannte gesunde Volksempfinden ist doch ständig im Wandel. Man muß nur dem Volk richtig lutherisch aufs Maul schauen.“

Rainer machte das Radio aus. „Doch nur störend. Immer nur ein kurzes Musikstück, und schon fällt dir wieder so ein blöder Moderator ins Wort.“

„Oder in den guten Gedanken.“

„Ja, was ich sagen wollte: Daß gerade du das sagst?“

„Das mit dem Lutherischen?“

„Nein, das mit dem Wandel. Wo du sonst immer stöhnst über die Soziologisierung des Rechts, wie du das nennst.“

„Ja, das ist dasselbe Phänomen. Die Leute akzeptieren nichts mehr als fest und vorgegeben. Sie sehen alles abhängig von der herrschenden Meinung. Und empfinden das als gut demokratisch. Für die Leute ist die Meinung der Mehrheit die herrschende und deshalb die richtige, egal wie sie ist.“

„Und egal auch, wie diese Meinung der Mehrheit eingetrichtert worden ist.“

„Genau. Aber das sehen die Leute schon gar nicht. Das ginge ja gegen ihr Selbstbewußtsein. Und deshalb macht es für die Leute keinen Unterschied, ob man sich darüber einig ist, daß im Straßenverkehr rechts vor links gilt, oder ob man einen Mord mit politischem Hintergrund als rechtmäßige Hinrichtung betrachtet. Sobald die Mehrheit dieser Meinung ist, ist das kein Mord mehr. So einfach ist das.“

Rainer goß sich Tee ein, den Rest, die ganze Tasse voll. Und stellte die leere Kanne zurück neben Annemaries leere Tasse. Annemarie sah überrascht auf, aber auch das bemerkte er nicht.

„Wir gehen schlimmen Zeiten entgegen“, sagte er.

„Und das ohne den Trost einer guten Tasse Tee.“

„Oh pardon“, verstand er und sprang gleich auf, „ich mache neuen.“

Annemarie ging ihm nach. Sie wollte jetzt nicht so alleingelassen dasitzen. Nicht mit diesen grundsätzlichen Gedanken. Ohnehin kein passendes Gesprächsthema fürs Frühstück, empfand sie.

„Bisher waren es nur immer die Gutachter, die unser Strafrecht umzufunktionieren versuchten. Die den Richter zurückdrängten, den Wahrheitsanspruch wirkungsvoll über den Rechtsanspruch stellten. Jetzt aber kommt die öffentliche Meinung als neue Norm daher und stellt unser gesamtes Rechtssystem in Frage. Das geht auf die scheinbar sanfte Weise und ganz unauffällig, nämlich über die Sprache. Hinrichtung und Volksgefängnis, heißt es plötzlich mit großer Selbstverständlichkeit für Mord und Menschenraub.“

„Aber so lese ich es doch auch in der Zeitung.“

„Ja, der Reiz des Sensationellen ist stärker als die Forderung nach seriöser Berichterstattung. Die Journalisten machen sich die Sprache der Umstürzler zueigen, weil das den Artikel interessanter macht, nicht etwa, weil man selbst den Umsturz will. Es geht nur um die sprachliche Würze. Aber damit ist man schon ihr Komplize, ist man Mittäter. Denn so macht man ihre Wunschinterpretationen zur akzeptierten Wahrheit. Denn was in der Zeitung steht, das gilt für die Leute. Das ging mit dem Nonsens Berufsverbote so, wie es heute mit Nonsensbegriffen wie Volksgefängnis, Hinrichtung und Isolationsfolter geht.“

„Zur akzeptierten Wahrheit machen sie das, sagst du. Ich bin zwar kein Philosoph, sondern nur ein Maler. Aber das kommt mir doch etwas komisch vor. Ist die Wahrheit denn davon abhängig, daß sie akzeptiert wird.“

„Neuerdings ja, neuerdings kann man auch über wahr und nichtwahr abstimmen. Denn heute ist die Wahrheit das, was die Mehrheit dafür hält. Das ist Demokratie auf dem Höhepunkt. – Aus dem Theater weißt du, was auf den Höhepunkt folgt.“

„Klar, die Katastrophe.“

„Eben.“

„Na, also, jetzt holst du aber zum Rundumschlag aus“, wollte er sie beruhigen.

Aber sie ließ sich nicht beruhigen: „Durchaus nicht. Rundumschlag, das ist nicht meine Sache. Allenfalls der Versuch zum Rundumblick, also zum Panoramablick. Und dann kommt man zwangsläufig von der Soziologisierung des Rechts auf den Sprachmißbrauch und von dort auf unser zu plattes Demokratieverständnis. Und das kann man dann weiterführen, hin zur vierten Gewalt im Staat, den Medien, die zwar nicht als Gewalt vorgesehen waren und auch nicht entsprechenden Kontrollen unterliegen oder von Gegengewichten getragen werden, dafür aber um so wirksamer sind und sich jetzt schon zur ersten Gewalt im Staate mausern und...“

„Annemarie, nun reicht‘s mir aber, ehrlich“, unterbrach er sie. „Du solltest mir nicht die ganze wohlgeordnete Welt zerstören, die für meine Arbeit so wichtig ist.“

„Nein, nein, das will ich nun wirklich nicht. Entschuldige, Schatz. Aber mir reicht es auch. Doch da fragt kein Mensch nach, ob es mir reicht oder nicht. Ich muß es aushalten, muß durchhalten, aber – ist schon gut, entschuldige bitte, ich wollte dir nicht wehtun, ich will dir nichts, dir doch nicht, Rainer – ich hab doch nur dich.“

Er nahm sie in den Arm, was sie gern geschehen ließ. Viel lieber hätte er sie in dem Moment angesehen. Um besser verstehen zu können, was sie bedrückte. Aber er spürte, daß es ihr recht war so. Daß sie jetzt lieber über seine Schulter sah. Wie ich über sie wegschaue. Und er verstand: Das ist kein Sich-Näher-Kommen, so eine Umarmung. Das ist in Wahrheit ein Sich-Verstecken vor dem anderen. – Das müßte man doch malen können. Dieses Innige einer Umarmung, das in Wahrheit in gegensätzliche Richtungen zerfließt. Das muß ich darstellen. Und murmelte fast mechanisch: „Ich weiß ja, ich weiß ja. Dich bedrückt das doch.“

„Nein, nichts“, riß Annemarie sich los, „es ist nichts.“

„Aber das braucht doch nur ausgesprochen zu werden“, sagte er in sanft-vorsichtigem Ton. „Dann bist du den Fall los – und anders geht es nicht.“

Annemarie Kleine Sextro hatte sich schon wieder voll unter Kontrolle. Sie nahm ihr Tasse und die wieder gefüllte Teekanne und ging zum Wohnzimmer hinüber. „Wirklich kein Grund, hier in der Küche herumzustehen. Komm, ich habe noch etwas Zeit, wir machen es uns ein bißchen gemütlich.“ Und nahm sofort den Faden wieder auf, den sie vorher fallengelassen hatte, ruhig jetzt, sehr ruhig und geradezu seminarmäßig sachlich: „Was dahintersteckt, hinter der ganzen Fehlentwicklung, das ist im Grunde genommen ein völliges Versagen der heutigen Philosophie.“

„Ach Annemarie, ich hab dir doch gesagt, daß ich kein Philosoph bin.“

„Philosoph ist jeder denkende Mensch, soweit er nicht gerade nur an die Wurst im Kühlschrank denkt. – Und wir Juristen sind ausübende Philosophen. Denn hinter unseren Rechtsnormen stehen ethische Forderungen. Wenigstens war das bisher so. Außer bei Hochverrat und solchen Sonderdelikten oder bei der Regelung rechts vor links im Straßenverkehr. Weil aber die Philosophen es nicht mehr fertigbringen, sich verständlich zu machen, weil sie heute nur noch auf der Kellertreppe des Geistes sitzen und vor sich hin onanieren, deshalb gibt es auf einmal keine allgemeinverbindlichen Postulate mehr. Deshalb konnte die Soziologie den Platz der Philosophie usurpieren und vom bloßen Leute-Begucken zur Normgebung durch die Leute übergeben.“

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel, zum Beispiel. Ja, zum Beispiel Brandstiftung als Hilfe zur Bewußtseinserweiterung zu verklären, Bankraub als Umverteilung, Menschenraub als Gefangennahme und Mord als Hinrichtung.“

Rainer fand die Juristerei und ihre ganze verzwickte Problematik abscheulich, hütete sich aber, seine Frau merken zu lassen, wie zuwider ihm dieses Gezänk war. Und dann noch ein in Formeln standardisiertes Gezänk. Er schätzte es aber sehr, wenn Annemarie sich für seine Malerei begeisterte und bemühte sich deshalb, wenn schon nicht Begeisterung, so doch wenigstens Interesse an ihrer Berufsarbeit zu zeigen. Aber immer kam er dann viel zu schnell an den Punkt, wo er nur noch schweigend zuhören konnte.

15.

Als sie das Schildchen an ihrer Zimmertür sah, kam Annemarie Kleine Sextro sich wieder selbst mit der Frage in den Weg: Wie bin ich nur dazu gekommen? Ausgerechnet Richterin? Und dann noch Strafrichterin? – Dafür gibt es wohl nur eine Erklärung: meine Versponnenheit, meine Unsicherheit als Mädchen, das Gefühl, daß mir was fehle. Aber was, das war mir nicht klar. Ernsthaftigkeit, nein, das war es nicht. Ich hatte es nur das Handfeste nennen können. Was ich damit gemeint hatte, das war mehr Rationalität, weniger Gefühligkeit. Daß ich mir das verordnet habe, das war schon gut. Aber da bin ich auch nicht aus mir selbst heraus drauf gekommen.

Da war der Anwalt, der Vater beriet, dieser Dr. Spiller. Ein alter Jurist, wie alt, das konnte man nicht feststellen. Ein Mann wie eine ausgewaschene Felsküste. Auch so eine romantische Vorstellung, die ich überwinden mußte. Aber so hatte er auf mich gewirkt. Vater hielt nicht viel von ihm, aber es war ihm nicht so wichtig, wie gut sein Hausjurist war. „Der Steuerberater muß exzellent sein“, war sein Ausspruch. „Denn der Steuerberater ist wie die Köchin: wenn die gut ist, dann braucht man den Arzt nicht – im Betrieb den Anwalt.“

Dieser Dr. Spiller war vermutlich nicht nur ein ganz ausgezeichneter Jurist – schade, zu spät, aber jetzt könnte ich das beurteilen, nur jetzt lebt der Mann nicht mehr –, sondern auch ein so abgeklärter Mensch, wie ich nie mehr einen erlebt habe. Vaters anzügliche Bemerkungen ignorierte er immer großzügig. Klar, er brauchte den Klienten. Er konnte es sich nicht leisten, sich ernsthaft zu wehren und Vater damit zu vergraulen. Sein Büro war alles andere als so eine schnieke Leder- und Edelstahl-Praxis von heute. Sicher kein geschickter Fallvergrößerer, Prozeßverlängerer, Gebührensammler, dieser Dr. Spiller. Seine Art, sich gegen Vater zur Wehr zu setzen, war nicht eigentlich ernsthaft, eher rüpelhaft. So wirkte das immer, wie ein geheimes Einverständnis unter Männern. Wie ein Den-Anderen-Einbeziehen in die eigene Überlegenheit. Einfach, indem er diese Überlegenheit so drastisch brachte, wie sie unmöglich jemand in abhängiger Situation Vater gegenüber vorgebracht hätte.

Fing Vater nur an zu sprechen – und immer wieder verfiel er auf den Ausdruck „Ich würde sagen“ als Ouvertüre – brachte Dr. Spiller ihm schon die Noten durcheinander mit seinem: „Dann sagen Sie es doch!“ Und das immer wieder. Und war Vater einmal vorsichtig genug, etwas anders anzufangen, dann kam dieses „Ich glaube, daß...“, und schon nuschelte sein Anwalt ihm dazwischen: „Glaube, Hoffnung, Liebe, – die Liebe ist die Größte.“ Dann lachten sie beide. Oder wenigstens glaubte Vater, sein Anwalt lache auch. In Wahrheit verzog der nur sein Gesicht zu einer schrecklichen Quasimodo-Maske, die überhaupt nicht lachen konnte. Die eher wie ein stummer Aufschrei wirkte. Aber dieses Gesichtverziehen genügte Vater als Ausdruck des Einverständnisses. Vermutlich hat er sich nie einen Gedanken gemacht über das entstellte Gesicht seines Rechtsanwalts. Oder er war es zufrieden, daß es seine Widersacher erschreckte. Es diente ihm vielleicht als die Maske, die er selbst gegenüber denen aufsetzte, die ihn in seinen Geschäften störten. So wichtig ihm die glatte, feine, makellose Haut war bei seinen Würstchen, daß Dr. Spiller sein zernarbtes Gesicht als einzige Kriegsauszeichnung mit nachhause gebracht hatte, das war ihm egal. Pech nannte er so was, und damit war das abgetan. Dr. Spiller zahlte es ihm heim, als Vater sein gutes Recht, wie er es nannte, gegenüber einem Lieferanten durchsetzen wollte, der ihn reingelegt hatte. Zufall, daß ich bei dem Gespräch gerade dabei war. Vater sagte seinem Anwalt, er solle mit der Würde des Menschen, mit Artikel 1 Grundgesetz argumentieren.

„Scheiße“, zischte Dr. Spiller, „dreigestrichene Scheiße! In französischer Gefangenschaft wurden wir einzeln in enge Erdlöcher gesteckt, und die Wächter machten Schießübungen flach über den Boden. Tag für Tag. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wer es nicht mehr aushielt und rauskam mit der Nase aus seiner eigenen Scheiße, der hatte seine Würde weg, peng!“

Dabei stand der Mann mit dem Schreckgesicht da wie ein Denkmal. Wie der steinerne Gast. Er stand nur immer neben dem Schreibtisch. Vater hätte sicher gern gehabt, er hätte sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch gesetzt, ihm gegenüber, tief und erbärmlich dasitzend, mit dem Sperriegel von Notizblock und Kugelschreiberständer und Stempel und Telefon und Löschpapierroller und Büroklammerspender und Ascher und Blumenvase und Uhr, all diesem Chefkrimskram vor seinem Gesicht. Aber dieser Dr. Spiller tat ihm den Gefallen nicht. Immer stand er neben dem Schreibtisch, hinter dem Vater sich im breiten Sessel aufpumpte wie ein Maikäfer vor dem Abflug. Er stand an der ungeschützten Flanke des wuchtigen Möbels und hatte sich nur den Aschenbecher herangezogen. Und darin rührte er beim Sprechen mit seinem Zigarillo, zerstampfte er die abgelegte Asche, ließ er sie nicht zur Ruhe kommen mit seinem Stummel, der meist aus war. Vater hatte mehrfach versucht, ihm diesen enervierenden Mörser abzuhandeln, hatte ihm ein Kästchen mit teuren Zigarren vor die Brust gedrückt. Alles umsonst.

„Nicht meine Sorte“, hieß es da nur. Aber welche Sorte er rauchte, das war nicht rauszukriegen. Er kam nur immer mit einem angebrannten Zigarillo ins Haus, selbstverständlich ohne Bauchbinde. Und nie war eine Packung zu sehen.

Ich glaube, was mich an dem Mann besonders beeindruckt hatte, das war dieses Philosophische. Daß ihn nichts mehr wunderte, daß er alles Gemeine, alles Abgründige als altbekannt abhakte. Wenn er einmal was über seine Arbeit von sich gab, dann mit einem Sarkasmus, daß man erschauerte vor dem Leben, das dieser Mann kennengelernt haben mußte. Aber dann tat er einmal diesen Auspruch von der Rechtswissenschaft als den spanischen Stiefeln des Geistes. „Die Beine, die das ausgehalten haben, auf denen steht man sein Leben durch“, hatte er gesagt. Das war es wohl. Das muß mein Schlüsselerlebnis gewesen sein, überlegte die Richterin an ihrem Schreibtisch, die Akte Renate Hobbes immer noch geschlossen vor sich.

Ich hatte in Vaters großem Lexikon nachgeschlagen: Stiefel, spanische. Hatte dieses Folterwerkzeug abgebildet gesehen und physisch zu spüren geglaubt. Ich hatte sogar die Schülerszene im Faust nachgelesen und war überzeugt, daß diese spanischen Stiefel genau das wären, was ich brauchte. Und nicht nur Renate war entsetzt über meinen Entschluß, Jura zu studieren. Auch zuhause hatten sie das nicht von mir erwartet. Fanden sie Wirtschaftswissenschaften doch viel sinnvoller. Oder wenigstens Literaturwissenschaft. „Kind, du liest doch so gern.“ Aber gerade deshalb, hatte ich mir gesagt, gerade deshalb muß es die Rechtswissenschaft sein. – Und ich glaube, das war überhaupt mein erster Schritt mit härterem Auftreten. – Ach Gott, jetzt hätte Dr. Spiller mich angeschrien: „Glaube, Hoffnung, Liebe...!“

Aber es stimmt, das war der erste und wichtigste Schritt. Das andere dann alles, auch diese krampfhaften Argumentationsversuche, daß man mit diesem Studium die Wahl unter so vielen verschiedenen Berufen habe wie mit keinem anderen Studium, das war doch nur nachgeschobene Verbrämung, nachgeschobene Rationalität. – Also doch wieder typisch. Emotional hatte ich mich entschieden, nicht rational? Damals ja, damals noch. Sie sollten mir ja auch erst angeschnallt werden, die spanischen Stiefel des Geistes.

16.

Verdammt, wieder mal viel zu früh wach, war sein erster Gedanke. Klar, der Einfall mit der Umarmung, die man als Nicht-Annäherung malen müßte, läßt mich nicht schlafen. Eine Idee drängt zur Gestaltung wie ein Fötus ins Leben. Das sind die Wehen. Und war schon versöhnt mit der zu frühen Stunde. Wenn ich jetzt ganz leise aufstehe und mich schnell anziehe und sofort eine neue Leinwand einspanne und auf die Staffelei bringe, dann bin ich bereit für eine Sturzgeburt.

Dann merkte er: im Rücken ist es kalt. Ach so, davon bin ich wachgeworden. Von diesem elenden Streifen Kälte. Und war enttäuscht. Und fluchte wortlos auf seinen Schlafanzug: Immer dasselbe mit diesem Wahnsinnsutensil. Die Hose rutscht runter, die Jacke rutscht hoch. Du wirst wach – oder krank. Ich sollte mich doch an Nachthemden gewöhnen. Und wenn die noch so altväterlich aussehen. Sie sind wenigstens praktischer. So doof waren die Altväter also gar nicht.

Schon spürte er den Kitzel in der Nase, das Niesen, das sich aufdrängte. Den einen Arm hinter den Rücken gewinkelt, die Hose hochgezogen, die Jacke runtergezogen, mit einem leichten Ruck sich dabei etwas angehoben, zweimal hintereinander. Dann auf den Rücken gedreht. Doch der Kitzel verstärkte sich. Die Füße sind es. Die liegen ja frei. Vorsichtig herumgestochert, ohne das Plumeau dabei anzuheben. Nur nicht die schöne Wärme rauslassen. Da fühlte er was Hartes. Das ist der Spalt mit den Knöpfen. Mit den Fußspitzen hineingetreten, am Hals das obere Ende festgekrallt, das Ganze gestrafft. Geregelt. Reicht gerade in der Länge. Endlich wieder gut zugedeckt.

Aber das Niesen. Es wollte doch kommen. Das geht nicht, das darf nicht sein. Das würde Annemarie wecken. Die Zunge angehoben und sie oben gegen den Gaumen gepreßt, dann kann kein Niesen mehr kommen. Geschafft. Nur ein Schlucken, trocken. Mit offenem Mund. Warum denn? Natürlich, die Nase ist zu, ganz zu. Also auf die Seite legen, dann wird ein Nasenloch frei. Auf die rechte Seite von Anne weggedreht, dann wird das linke Loch frei, und sie wird nicht gestört, wenn ein paar Schnaufstöße nachhelfen, die Räumung beschleunigen. Ein guter Trick. Immer wieder exakt funktionierend. Weiß der Teufel, warum. Vielleicht haben wir überhaupt nur deshalb zwei Nasenlöcher. Wenn ich mir vorstelle, wie die Urmenschen im Dreck gelegen haben. Da war es schon wichtig, daß wenigstens immer ein Nasenloch frei blieb, wenn sie sich im Schlaf auf die Seite gedreht haben. Das obere blieb frei zum Luftholen. Ja, vielleicht ist das wirklich ein Blick in die atavistischen Weiten unseres Vorvorvorlebens. Vielleicht aber auch nicht. Egal. Hauptsache, der Trick fällt einem im richtigen Augenblick ein – und er funktioniert dann auch.

Das also ist ein Betttrick. Was für ein schönes Wort. Seine Betttricks sind es, haben die lieben Eltern ihr immer vorgehalten, mit seinen Betttricks hat er als älterer und erfahrenerer Mann dich verführt. Wenn die wüßten, wie schwer es war, Anne herumzukriegen. Und dann ist es immer noch eine Frage, wer wen verführt hat.

Dunkel noch und völlige Ruhe ringsum. Nicht mal ein Vogel macht Lärm. Als ob sich auch noch die letzten Großstadtvögel davongemacht hätten. Wohl wegen der Ankündigung: Es liegt was in der Luft – nicht nur auf den Straßen. Nur die Atemzüge von Annemarie zu hören. Früher ließ sie sich nur immer Anne nennen. Und jetzt liegt sie bei dir im Bett, schlafend, dir ausgeliefert, dem fremden Mann, gegen den sie sich anfangs so heftig gewehrt hat. Aber jetzt deine Frau, nicht mehr heimlich, nicht mehr so gut wie. Nein, ganz offiziell deine Frau, resümierte Rainer mit einer gewissen Befriedigung. Und schon sah er sie wieder so, wie am ersten Tag.

Der Student, der sich noch einmal einen kleinen Nebenverdienst verschaffen wollte. Als Reiseleiter. Gab es einen besseren Job? Nein, das war der ideale. Rauskommen, interessante Länder und Leute kennenlernen – und dafür auch noch Geld bekommen. Ja, das war der Auslöser gewesen: eine Schottland-Rundfahrt. Und Anne Mietzner in meiner Gruppe. Rainer durchdöste die alten Bilder, und die Highlands machten ihn high.

17.

Was hat Rainer heute früh gesagt? Er habe von unserer Schottlandtour geträumt? Kaum noch vorstellbar, schüttelte Annemarie Kleine Sextro den Kopf: Rainer als Reiseleiter. Sie saß wieder in ihrem preußisch-kargen Richterzimmerchen, in das die Vergangenheit sich eingeschlichen hatte. Diese janusköpfige Dimension, die wärmt und frieren läßt – ohne Ansehen der Person und des Standes. Die Akte Renate Hobbes lag vor ihr. Gerade erst energisch zugeschlagen. Wenn schon Vergangenheit, dann wenigstens die angenehme, bestärkte sie sich in ihrer Pflichtvergessenheit. Traurig genug, daß ich das nötig habe. Und wandte sich schnell wieder der schönen Seite der Vergangenheit zu. Das ist ja die Überlegenheit der Erinnerung, daß sie vor einem aufgebaut ist wie ein reichhaltiges Buffet. Warum also hartes Schwarzbrot nehmen – Wasser und Brot, ach Unsinn, Wasser und Brot – wenn ich zum Spargelröllchen greifen kann.

Die Richterin sah sich erschrocken um. Aber da war niemand, der sie bei ihren abirrenden Assoziationen ertappt haben könnte. „Ein Reiseleiter ausgerechnet, so ein abgegriffener Gigolo“, schimpfte sie vor sich hin. „Glaubte der doch tatsächlich, mich einfach so verköstigen zu können. Da wird man sich doch wohl noch aufregen dürfen. Bei so einer Unverschämtheit.“ Und beruhigte sich dann schnell wieder bei der Vorstellung von Rainer, wie er in dem Moment daheim an der Staffelei steht. Mit diesem Ernst, der mich immer wieder erstaunt. Wie er um die richtige Farbmischung bemüht ist, um die Komposition, die Lichtführung.

Nein, er hat nicht versucht, mich hinters Licht zu führen. Er hat mir sofort gestanden, daß er verheiratet und soviel älter sei als ich. Und er war tatsächlich alles andere als ein Gigolo. Aber halt doch ein Reiseleiter. Und deshalb mußte ich ihn einfach ablehnen, – so schwer es mir auch fiel. Klar hatte er mir auf Anhieb gefallen. Aber ich habe ihm das Leben schwergemacht auf dieser Reise. Wahrhaftig. Distelchen hatte er mich deshalb genannt. Und nachher hat er einmal gesagt, typisch Rainer, daß nur Esel sich nichts daraus machten, Disteln zu fressen. Genau so war er ja über mich hergefallen. als ob ich, die Jüngste der Gruppe, ganz selbstverständlich sein Reiseproviant sein müßte. Da konnte ich ihn doch nur auf Granit beißen lassen. Ja, ich habe, ohne es selbst zu durchschauen, genau das getan, was die sicherste Methode ist, einen Mann an sich zu binden: ihn ablehnen. Gott sei Dank, das kann ein Mann nicht vertragen.

Unmöglich, mich geistig wieder an die Akte heranzurobben. Dabei muß ich weiter darin lesen. Muß lesen, lesen, lesen. Um das Loch zu finden, durch das ich Renate entschlüpfen lassen kann. – Aber ich fürchte, daß ich dieses Loch nicht entdecken werde. Weil es keins gibt. Die Maschen des Gesetzes sind zu eng für Renate, zu eng für die Terroristen, so gut gemeint deren Aktionen ursprünglich waren. Wohl gerade deshalb. Der Staat reagiert auf sie empfindlicher als jedes andere Opfer eines Verbrechens reagieren würde. Weil der Staat immer die Rechtfertigung für seine Unnachgiebigkeit hat: Ich vertrete kein Eigeninteresse, das man auch einmal hintanstellen kann, wenn es einem opportun erscheint. Ich, der Staat, ich vertrete das Interesse aller. Und deshalb muß ich so streng sein. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Doch daß der Staat ganz genau verstanden hat, um was es bei den terroristischen Aktionen in Wahrheit geht, nämlich um ihn selbst – abgelehnt, infragegestellt –, und daß er deswegen so unnachgiebig ist, das ist kein Thema. Das ist Falschheit, – und das ist die Falschheit, der ich diene. Eigentlich müßte ich ihn hassen, den Staat. Ja, wenn ich ganz redlich wäre. Aber darf ich ihn hassen, meinen Staat? Ich? Eine Richterin? Nein, hassen darf ich ihn nicht, das ist das Mindeste an Neutralität, das ich aufbringen muß. – Pah, Neutralität.

Und wie um einen dicken Strich durch diese abwegigen Überlegungen zu ziehen, griff sie nach dem roten Filzschreiber, der vor ihr in der häßlichen Plastikschale lag. Die stört mich schon so lange, und immer noch nicht habe ich mich dazu aufgerafft, sie gegen eine schönere auszutauschen. Wir hatten Federmäppchen damals, fiel ihr ein. Aus hellem Leder. Und auf dem von Renate, meiner Banknachbarin, jahrelang hatte es in meinem Blickfeld gelegen, da stand mit Kugelschreiber geschrieben: It is my life and I do what I will.

Sie stand auf, öffnete das Fenster und atmete einige Male tief durch. Dabei bemerkte sie nicht, wie Woitolla ins Zimmer trat. Als er sie ansprach, schrak sie zusammen.

„Oh, entschuldigen Sie bitte, Frau Kleine Sextro, ich wollte Sie nicht erschrecken“, sagte er, selbst erschrocken. „War Ihnen zu warm?“

„Schon gut, schon gut“, sagte Annemarie, „nur hin und wieder mal etwas Luft hereinlassen. Ist ja eine Wohltat nach den schrecklichen Tagen mit dem Smog.“

„Das waren die von drüben. Die wollen uns einfach vergiften.“

„Na, sich selbst vergiften sie dabei aber auch.“

„Nein, nein, in Ostberlin hat es noch keinen Smogalarm gegeben diesen Winter, habe ich gehört, obwohl die das auch haben mit eins, zwei und drei.“

„Das liegt nur daran, daß sie drüben die Grenzwerte viel höher ansetzen, von wo ab sie Alarm schlagen. Die Luftverschmutzung ist da nicht geringer als hier.“

„Aber die Gesundheitsgefährdung müßte dann ja auch dieselbe sein.“

„Ist sie auch. Aber man braucht ja nicht jedem auf die Nase zu binden, wie es mit einem steht, sagen die sich.“

„Aha ja“, meinte Woitolla nur und zog schnell weiter mit seinem Aktenwägelchen.

Husch, husch weg. Als ob er das als einen Nasenstüber empfunden hätte. Tut mir leid, guter Woitolla, das wollte ich nicht. Ich will ja nur mal wieder durchatmen können. Luft, frische Luft. Erst wenn man sie nicht hat, merkt man, was sie wert ist. Das offene Fenster, die frische Winterluft, schön – dieselbe Luft, die Renate atmet. Nicht am offenen Fenster zwar, nur indirekt, aber doch dieselbe Luft. Vielleicht ist gerade die Portion Luft, die ich jetzt tief einatme, durch ihre Lungen gegangen. Einige Kilometer von hier weg nur, also vor einigen Minuten erst. Es ist windig, und der Wind kommt von dort drüben, und da etwa liegt Moabit, liegt die Frauenhaftanstalt.

Das macht man sich viel zu selten klar, wie innig man mit dem anderen verbunden ist. Das Wichtigste, die Luft, hat man mit allen gemeinsam. Mehr nicht? – Sie wird auch das Wort Smogalarm im Kopf gehabt haben. Sie darf sich ja Zeitungen halten und wird es sicher tun. Sie wird auch das neue Wort Inversionswetterlage vor sich hin gesagt haben. Dieselben Begriffe im ihrem Kopf wie in meinem. Vielleicht sogar auf den Lippen. Aber zu wem sollte sie das gesagt haben? In der Isolationshaft. Das kann sie vor sich hingesagt haben, wie ich manchmal vor mich hin spreche, wenn ich hier im Zimmer allein bin. Isolation auch das, ja freiwillige Isolationshaft. Das Alleinsein als Folter zu bezeichnen, das käme mir niemals in den Sinn. – Oder doch? Ja, wenn ich nicht mehr freiwillig allein sein dürfte. Das ist wohl vergleichbar mit der Luft, wenn sie mir aufgezwungen würde. In einer Überdruckkammer, wie bei diesen entsetzlichen Experimenten mit KZ-Häftlingen. Angeblich im Dienst der Wissenschaft. Als ob das etwas daran änderte, daß es ein ungeheures Verbrechen war. Als ob die Motivation so einfach unmenschliches Handeln zu menschlichem machen könnte.

Rainer würde mir jetzt heftig widersprechen. Menschen handeln niemals unmenschlich, würde er sagen. Daß sie so rücksichtslos grausam sein können, das ist dabei noch nicht einmal das eigentlich Menschliche an den Menschen. Das können Tiere auch. Aber daß sie solche Taten ohne Not tun und sie noch mit edlen Motiven zu tarnen versuchen, mit hehren Absichten, gutem Willen oder dem überragenden Interesse der Gesellschaft – und oft glauben sie wohl auch selbst daran –, das ist das eigentlich Menschliche an den Menschen. Und das ist abzulehnen. Der Mensch, die einzige falsche Kreatur. Die angebliche Krone der Schöpfung in Wahrheit ihre Fehlentwicklung. Und das ist es, was er malen möchte, aber nicht in den Griff kriegt, wie er letztens noch ganz verzweifelt zugegeben hat. Die Szene im Paradies, die er immer wieder darzustellen versucht. Der Augenblick unter dem Apfelbaum, unmittelbar nach dem Genuß der verbotenen Frucht. Als sie erkannten, daß sie nackt waren. „Nackt, nackt, nackt“, hatte er geschrien, „das kann jeder malen, und das malen sie alle gern, meine lieben Kollegen. Aber das ist das falsche Bild. Es taugt nicht als Verständnisbrücke. Weil es nur von dem Eigentlichen ablenkt. Weil es doch nicht darum geht, schöne Nackedeis zu zeigen, weil es nicht darum geht, aus Feigenblättern Kleidung entstehen zu lassen.“

Fast wäre es da zum Streit gekommen, erinnerte Annemarie Kleine Sextro sich an diesen Abend. Nur weil ich in den Feigenblättern den Ursprung der Mode vermutet hatte. Immer davon ausgehend, genau wie Rainer, daß es sich bei der Paradiesstory natürlich nur um eine Umschreibung handelt.

„Das hat mit Mode nichts zu tun, nicht einmal mit Bekleidung. Nackt war dieses erste Pärchen doch nur im übertragenen Sinne“, hatte er mich ein bißchen zu energisch abgetan. Wie eine Schülerin, die nicht versteht, um was es geht. Aber als er dann so unglücklich war, weil er nicht wußte, wie er das malen sollte, was ihm so klar war, da hat er mir doch wieder leid getan.

„Wie das malen? Wie das malen?“ hatte er um einen Rat gebettelt. Doch wie sollte ich ihm den Rat geben können? Dabei schien mir seine Deutung der Paradiesszene auf Anhieb plausibel: „Als die ersten Menschen den Ungehorsam gewagt hatten, die Tat aller Taten, da stellten sie fest, daß sie ein Ich hatten. Das war das große Erschrecken. Und als er ihr vorwarf, sie habe sich zu etwas Üblem hinreißen lassen, und sie ihm vorhielt, er habe ja mitgemacht, und er sie beschimpfte, weil sie ihn dazu verleitet habe, und sie sich auf die Schlange hinauszureden versuchte, die sie verführt habe, da erkannten sie plötzlich, daß sie zwei Ichs hatten, er seins und sie ihrs, und daß diese Ichs gleich waren und daß sie sich deshalb in die Quere kommen mußten. Damit“, versuchte Rainer mir klarzumachen, „genau damit begann es, das ewige Versteckspiel des Ichs, die Kultivierung der schönen Ausreden und guten Gründe für alles Üble. – Aber mal das mal.“

18.

Nein, damit hatte er keine Chance. Da konnte Frieder noch so oft drängen und bitten und betteln. Ich in der Kommune? Nein. Das kam mir damals so vor, als würde mir zugemutet, meine Individualität aufzugeben, mich selbst als einfach austauschbar zu deklarieren, überlegte Renate. Was Frieder zum Glück nicht davon abhielt, weiterhin zu mir zu kommen, wann immer ihm danach war.

Frieder und Renate in ihrem Apartment beim Tapezieren. „Ja, ich komme auch weiterhin zu dir, wann immer die Zeit es zuläßt“, sagt er.

„Findest du nicht, daß das eine ganz beschissene Ausdrucksweise ist?“

„Ja, zugegeben, das klingt verdammt bürgerlich angepaßt.“

„Allerdings. Das ist nichts als die üblich üble Verschleierung der sexuellen Bedürfnisse und anderer Egoismen in der Bourgeoisie.“

„Na und? Kann sein, ich finde nicht die richtigen Worte, es dir zu sagen, weil du immer noch bourgeois denkst. Deshalb lasse ich mir meine Ausdrucksweise von dir diktieren. Besser gesagt, von dem, was ich bei dir als Reifestadium des Bewußtseins voraussetzen kann.“

„Und du meinst, Frieder, das dient unserer Beziehung zueinander?“

„Die Beziehungen zwischen Mann und Frau sind regelmäßig von so komplizierter Art, daß man sie nicht durch unnötiges Zerreden noch stärker belasten sollte. Deshalb bleibe ich gelegentlich bei an sich nicht zu akzeptierenden, aber kurzen Erklärungen, wenn sie nur zu deinem Bewußtsein passen.“

„Und bist dabei noch stolz auf die Überwindung der patriarchalischen Besitzansprüche, wie?“

„Immerhin ein Fortschritt.“

„Und wenn ich die Intervalle unserer Gemeinsamkeit mit anderen Männern gestalte?“

„Das geht mich nichts an.“

„Sag doch gleich, daß du mir das nicht zutraust. Daß du mich lange genug kennst, um dich auf meine Schwierigkeiten, mich einem Mann zu öffnen, also auf meine Anhänglichkeit verlassen zu können.“

Danach sind wir vermutlich wieder auf die Matratze gegangen. Mich in den Arm zu nehmen, das war seine Art, Diskussionen abzubrechen, wenn sie für ihn unangenehm wurden. War ja auch keine schlechte Lösung. Das wäre auch jetzt die beste Lösung. Aber er in Stammheim, ich hier in Berlin? Es ist alles falsch gelaufen. Dabei verstanden wir uns so gut. Trotz solcher Auseinandersetzungen. Das waren ja nur intellektuelle Fingerübungen. Er wußte, daß er bei mir immer gern gesehen war. Und es gab für ihn auch keine dogmatischen Schwierigkeiten. Die Kommune erlaubte Außenkontakte. Sah sie sogar gern, weil sie der Beschaffung spaltbaren Materials dienten, wie es einmal in einer Kommunediskussion geheißen haben soll. Von dieser Betrachtungsweise hätten sie sich aber sofort distanziert, erzählte Frieder hinterher ganz stolz. Und zwar nicht durch Mehrheitsbeschluß, sondern einstimmig. Nach eingehender Erörterung und erfolgreicher Überzeugungsarbeit gegenüber dem, der das schiefliegende Bewußtsein eingeschleppt hatte.

Das mit der Einstimmigkeit war eine große Errungenschaft und eine schwere Hypothek zugleich. Sie kamen zwar nicht ins Bett, weil sie nicht zuende kamen mit der Diskussion, weil Stunde um Stunde verging, ehe auch noch der letzte Einwand ausgeräumt war. Doch sie hatten wenigstens die Majorisierung einer Minderheit vermieden, diese Brutalität. Und sie hatten ja so recht damit. Diese Repressivität, die der unterlegenen Minderheit abverlangt, den Mund zu halten und sich der Meinung der Mehrheit nicht nur zu beugen, nein, sie sogar mitzutragen, – eine Unverschämtheit. Damit hatten sie in der Kommune ein Stück überkommene Demokratie als Gewaltherrschaft entlarvt und konsequent abgeschafft.

Von Rom und Brüssel hätten sie das Prinzip der Einstimmigkeit abgeguckt, hatte Frieder gesagt. Von dem eingemauerten Konklave der Kardinäle, die den neuen Papst zu wählen haben, und von den Europafunktionären, die sich in nächtelangen Sitzungen dazu zwangen, aus lauter nationalstaatlichen Einzelinteressen eine europäische Solidarität auszupressen. Ein saures Geschäft. Das blinde Vertrauen auf den Erfolg holten die in der Kommune sich mehr von Rom als von Brüssel. „Als gelernte Marxisten“, hatte Frieder gesagt, „nehmen wir bedenkenlos von jedem, der uns Brauchbares bietet, und das ohne Ansehen der Person und Einstellung.“

Hatte schon seinen Reiz, dieses Kommuneleben. Aber nur als gelegentlicher Gast konnte ich da mitmachen. Diese schöne große Wohnung am Stuttgarter Platz. Wer mag da jetzt wohnen? Hoffentlich wenigstens wieder eine Wohngemeinschaft und nicht so ein Bonze von Gilette. Nur zum Zuhören und Mitreden ging ich da hin. Aber mein Apartment dafür aufgeben, nein. Die eigene Wohnung, das ist ein geschützter Bereich, den ich brauche, habe ich ihnen klarzumachen versucht. Natürlich vergebens. Ich konnte ja nicht sagen: Um nicht jede Stimmung gleich rechtfertigen zu müssen, um nicht alles und jedes verbalisieren zu müssen. Vor allem das, was einem selbst noch nicht klar ist. Und dann dieses psychische Hoserunter – absolut unerträglich.

Frieder und Renate beim Frühstück in ihrem frischtapezierten Apartment. „Aber das ist ja gerade der Unterschied zwischen der Kommune I, unserer lockeren Wohngemeinschaft, und der Kommune II, wo sie solchen Psychoterror pflegen. Die sind damit in eine Sackgasse geraten.“

„Ihr wohl nicht, wie?“

„Nicht daß ich wüßte.“

„Und euer Weibernotstand, ist das etwa keine Sackgasse? Oder müßte man nicht richtiger Männernotstand sagen? – Mir hat mal eine Bekannte geschrieben, sie habe da einen Mann kennengelernt und zu sich genommen, der sei ein einziger Notphall gewesen – mit PH geschrieben. Ist das nicht schön?“

Womit wir wieder bei unserem Thema nummero zwo angekommen sein dürften. Die Nummer eins, das war klar: die Politik. „Erst die Arbeit vergessen, dann das Vergnügen“, pflegte Frieder zu sagen, wenn er schlafen wollte. Hinterher. Er hatte irgendwann eingesehen, daß ich ihm in Sachen Kommune nicht folgen würde. So gern ich ihm sonst folgte. Manchmal habe ich mich damals gefragt, ob das nicht gar Hörigkeit sei. Das Wort hätte Frieder niemals akzeptiert. Für ihn war es einfach nur Bewunderung, was ich ihm bot. Und das war was, das er sammelte, wie andere Leute Briefmarken sammeln. Das habe ich ihm mal gesagt. Und er war überhaupt nicht pikiert. „Ja, das ist die Aktie des kleinen Mannes“, war sein Kommentar. Ob er damit die Briefmarken oder die Bewunderung gemeint hatte, das ließ er offen. Wie das seine Art war.

Als Frieder mal wieder festgenommen worden war – angeblich hatte er Steine auf Polizisten geworfen –, da hatte ich mich irgendwie verpflichtet gefühlt, mit zu demonstrieren. Für seine Freilassung. Wer sollte auch ein größeres Interesse daran haben als ich. Für die Kommune I war klar, was zu tun war. Die Kommune II tat sich dagegen schwer. Deshalb habe ich da mitgemacht. Wenn ich nur daran denke, was für Schwierigkeiten es gemacht hat, ein Flugblatt herzustellen, das verteilt werden sollte. Vor und im Rathaus Schöneberg, dem Sitz des Regierenden Bürgermeisters.

Eike hatte einen Entwurf gemacht, Eberhard einen anderen. Die Frauen hatten einen dritten angefangen, aber noch nicht fertig, als die beiden Entwürfe diskutiert wurden. Und die Diskussion konzentrierte sich sofort auf die Papiere von Eike und Eberhard. Die Frauen wurden damit abgetan, was sie da hätten, das sei ja gut gemeint, müßte aber doch ganz anders angepackt werden. Das lief ab wie in tausend anderen Berliner Wohnungen. Dabei wurde keiner der beiden Entwürfe der Männer von allen als optimal angesehen. Deshalb wurden einfach beide als Flugblätter gedruckt und verteilt.

Abend. Manöverkritik in der Kommune II. Zwischen den nicht abgeräumten Abendbrottresten auf dem großen Tisch ein paar brennende Kerzen. Um den Tisch herum die Kommunarden. „Es fehlte eine ganz andere Aussage“, sagt einer. „Was fehlte, das war das Engagement der Mädchen. Und zwar mit einem eigenen Flugblatt, mit einem eigenen Sichzuwortmelden.“ So Eberhard. „Aber unsere Mädchen, die hatten‘s ja wieder nicht gebracht.“

Renate: „Daß man als Mädchen dümmer ist und weniger brauchbar, das muß einfach so hingenommen werden?“

„Nur nicht so grundsätzlich“, so Eike. „Dafür hat man euch ja gern um sich.“

Renate: „Was ja auch schon was ist.“

„Ich schaffe die Abstraktion von mir zur Bewegung nicht“, wirft Marion ein. „Die Veränderung der Umstände erscheint als rationaler Anspruch, der mit dem, was ich tue, nicht vermittelt wird. Konkret war das wieder beim Flugblattmachen zu sehen. In den Arbeitsproblemen dabei und der Repression.“

Und Antje moniert: „Das Herstellen von Flugblättern unter Zeitdruck verhindert den gemeinsamen Lernprozeß.“

„Großartig, Antje. Womit das Thema abgehandelt wäre. Und eine Entschuldigung gleich noch mitgeliefert.“ So Renate.

Marion: „Die Beschäftigung mit persönlichen Dingen hier geschieht nur in institutionalisierten Randgesprächen. Ich habe keine neuen Möglichkeiten, mich anders als bisher zu verhalten.“

„Das ist ernstzunehmen“, wirft Eberhard ein, „sehr ernstzunehmen. Dieser grundsätzlichen Kritik von Marion kann man nicht einfach durch die Konstruktion eines Mechanismus beikommen.“

Irritierte Gesichter rundum. Doch ehe noch jemand fragen kann, was er mit diesem Mechanismus meint, nimmt Eike die Gelegenheit zu einem längeren Statement wahr: „Ausgangspunkt ist für mich die Feststellung, daß meine individuellen Probleme gesellschaftlich begründet sind. Und die Erkenntnis, daß diese Misere individuell nicht verbessert werden kann. Daraus ergibt sich die notwendige Konsequenz, daß meine eigene Veränderung nur im Kampf für eine Veränderung der Gesellschaft erfolgen kann. Vor einigen Jahren kam der Gedanke auf, den Ausweg im Zusammenleben zu suchen, als Möglichkeit für bessere und kontinuierlichere politische Arbeit, und gleichzeitig, meinten wir, könnten die persönlichen Probleme eher gelöst werden. Dabei dachten einige, politisch tätig sein zu können, indem man die privatesten Probleme veröffentlicht, sie politisiert. Unter dem Schlagwort: Politisierung des Alltags. Diese Vorstellung ist durch die Empirie des letzten halben Jahres widerlegt worden. Nehmen wir das Beispiel Fidel Castro. Das ist ein Beispiel, wo die Privatexistenz bruchlos in der politischen aufgeht. Aber das nachzuleben, das geht hier nicht, weil die Mädchen mit in der Kommune leben.“

„Wenn du die Kommune in Frage stellst“, wirft Jan ein, „dann muß ich sagen: Die Kommune stand für mich von Anfang an unter dem Aspekt der besseren Möglichkeit meiner eigenen Ausbildung. Für mich resultieren die Frustrationen anders als bei den Mädchen aus der bisher weitgehenden Unmöglichkeit dieser besseren Arbeit in meinem Studienfach.“

„Ich möchte fragen“, so Eberhard, „was Eike damit meint, wenn er immer wieder Andeutungen macht, wir müßten die Mädchen rausschmeißen.“

„Diese Äußerung“, antwortet Eike, „war nicht als Scherz gemeint – aber auch nicht als etwa konkret zu nehmender Vorschlag. Der scheinbare Scherz signalisiert die dahinter steckende Schwierigkeit, mit den Mädchen eine Form der Zusammenarbeit zu finden, die nicht die alte Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen reproduziert.“

„Ich meine“, wird Eberhard grundsätzlich, „unsere Hauptaufgabe ist es, die Methode zu finden, unsere Probleme aus dem Zusammenleben, soweit sie gesellschaftliche sind, zu politisieren, weil diese Probleme unsere Bedürfnisse betreffen.“

In dieser Nacht, ich glaube, es war schon fast Morgen, als wir Schluß machten mit der Diskussion, eine der Frauen hatte das Protokollbuch geführt und 3.30 Uhr reingeschrieben, weiß ich noch – in dieser Nacht habe ich das erste Mal in einer Kommune geschlafen. Weil der Heimweg für den Rest der Nacht nicht mehr lohnte. Sie hatten mir als Gast großzügig ein eigenes Zimmer überlassen. Ja, das war sehr anständig. Und der Ernst, mit dem sie an die Dinge herangingen, hat mich schon beieindruckt. Dieser rücksichtslose Ernst. Nur die Stellung der Frau – damals sprachen wir noch von Mädchen – die müßte eine ganz andere werden, hatte ich mein persönliches Fazit gezogen, ehe ich einschlief. Die Männer sollten sich noch wundern. Sie müßten von ihrem angemaßten Thron, der nur aus der historischen Versklavung der Frau resultiert, heruntergeholt werden. Nein, – sie sollten ihn mit der Frau teilen müssen. – Ja, teilen. Wenn er nur schon wieder frei wäre. Sie würden sich noch wundern über Frieder Fehlhaber und seine Lebensgefährtin Renate Hobbes.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
470 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788726576702
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki